Nr. 194. HbonncmenfS'Bedlngungtn: Abonnements» Preis vränumeranl»»! Sterteljährl. 3L0 Mk, monal!. I.lv Ml, wöchentlich 28 Pig. frei WS HauS. Einzelne Nummer ö Pfg. Sonntags« nummcr mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Sfg. Post« Abonnement: 1,10 Mari pro Monat. eingetragen in d.ie Post. Zeitung«- Preisliste. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich- Ungarn« ZöO Marl, für das übrige Ausland 4 Marl l>ro Monat. Postabonnements nehmen am Belgien. Dänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, kumänien, Schweden und die Schwelt. 31. Jahrg. cndldnt tiigllch. Verlinev Volksblntk. vie Insertlons-eebilh? detrögt für die fcchsgespaltene Kolonel- geile oder deren Raum m Psg,, für poliNsche und gewerlschastlichc Vereins- und Versnmmlungs-Anzeigen:!0 Psg, „Uteine Anreisen", das fettgedruckte Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg„ jedes weitere Wort ö Psg. Worte über löBuch- staben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Numnicr Niülfcn bis & Uhr nachmittags in der Expedition «tbgegcben werden. Die Expedition ljt bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „SozialdemoKral Berlin", Zcntralorgan der Ibzialdctnokrati Tcbcn parte! Deutfchlands. Redaktion: 8 Tl. 68, Ltndcnstrassc 69. Fernsprecher:»mt Moritzplatz, Nr. 1383. Dem Zentrum zur Erinnerung. 11. Nicht nur die Presse und Politik des Zentrums war in den siebziger Jahren der Gegenstand allgemeiner Anfeindung und Verfolgung seitens der„nationalen" Parteien, auch seine Organisationen und die für diese tätigen Zentrumsleute er freuten sich der Gegnerschaft der Behörden wie der Parteien rechts und links. Als sich die ersten Anzeichen des Kultur- kampfes bemerkbar lnachten, gedachte man im Kreise des katholischen Klerus wie der Laien beizeiten zu rüsten. Und zwar durch Schaffung einer sich über, das gesamte katholische Teutschland erstreckenden Organisation, die hauptsächlich ihre Spitze gegen den Liberalismus, damals den schlimmsten Feind des Ultramontanismus, richten sollte. Insbesondere fand dieser Gedanke Anklang in dem Zentralkomitee, das zur Vorbereitung der Generalversammlungen der katholischen Vereine Deutsch- lands(Katholikentage) seit lange bestand. Im Mai 1872 traten eine Anzahl namhafter Katholiken, vorwiegend dem Adel und dem Klerus cnstamniend, in Mainz zusammen zwecks Gründung- eines katholischen Gesaintvcr- eins, als dessen Aufgabe bezeichnet wurde: Verteidigung der Freiheit und der Rechte der katholischen Kirche und Geltendmachung der christlichen Grundsätze auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens durch alle sittlich und gesetzlich er- laubten Mittel, insbesondere durch Ausübung der verfassungs- mäßig anerkannten und garantierten staatsbürgerlichen Rechte. Westfalen und Rheinland>varcn die Gebiete, wo der Verein seine größte Verbreitung fand, um dessen Verbreitung sich namentlich der katholische Adel bemühte. Nach Ablauf des ersten Jahres hatte dxr Verein 88(1vl1 Mitglieder, wovon 7(1 My auf die beiden genannten Provinzen kamen. Seine Tätigkeit bestand in der Hauptsache aus Wanderversamnilungen. Die dort gefaßten Resolutionen wiesen vor allen Dingen die Anklage zurück, daß die Katholiken Staatsfeinde oder gleich. gültig gegen das Wyhl des Reiches und des Vaterlandes seien. Als vollberechtigte Staatsbürger würden sie aber niemals ».die Freiheit ihrer Person und die Selbständigkeit ihrer Kirche der Willkür einzelner Staatsmänner und zufälligen Majoritäten preisgeben": es sei ihre Pflicht,„mit allen er- laubten Mitteln den Gesetzen und Polizeimaßregeln entgegen- zutreten, die im Widerspruch mit göttlichein und menschlichem Reckte ihre religiöse wie bürgerliche Freiheit beeinträchtigen" Forderungen, deren Berechtigung leider das Zentrum nicht mehr anerkennt, wenn sie in ähnlicher Weise von der Sozial- demokratie erhoben werden. Bereits der erste Aufruf des Vereins, worin unter Hin- weis auf die jüngsten kirchenpolitischen Vorgänge die Katho- liken zum Beitritt aufgefordert wurden, brachte den gesamten Vorstand auf die Anklagebank. Ter Staatsanwalt in Aachen, wo der Aufruf durch die Presse veröffentlicht worden war, hatte Anklage erhoben, weil in dem Schriftstück„Staatseinrich- hingen und Anordnungen der Obrigkeit verächtlich gemacht" worden seien. Jedes der zwanzig Vorstandsmitglieder wurde zu 40 Taler Geldstrafe oder acht Tagen Gefängnis verurteilt. Im Herbst 1872 ergingen von preußischen Behörden schneidige Erlasse gegen den Verein, der„höchst unpatriotisch und staats- feindlich" sein sollte. Zunächst wurden alle Beamten gewarnt, dem Verein beizutreten oder für ihn zu agitieren, bei Zuwider- handeln würden die Disziplinarmaßregeln angewandt werden. Die Regierung in Aachen ordnete für jeden Fall, wo Bürger- Meister, Pfarrer, Lehrer usw. an den Versammlungen des Vereins teilnähmen, Anzeige an. Derartigen Erlassen gegen- über erklärte der Vorstand in der Presse, daß der Verein auf dem Boden des verfassungsmäßigen Rechts steht:„Wir ver- langen von den Regierungsbehörden, daß sie n n s e r n V e r- ein nach den Bestimmungen des Gesetzes be- handeln und die Katholiken nicht in ihren Rechten be- schränken, welche sie als Staatsbürger besitzen. Insbesondere ober protestieren wir dagegen, daß Beamten, Geistlichen und Lehrern die Teilnahme an unseremVereinuntersagt werde. Wir erkennen darin eine die persönliche Freiheit und das persönlicheRechtverletzendeMaßregel, welche weder durch die Bestimmungen des Gesetzes noch durch tatsäch- liche Verhältnisse gerechtfertigt ist." Auch in Westfalen übte die Regierung auf Beamte, die dem Verein beigetreten waren. Zwangsmaßnahmen aus. Magistratsmitglieder, Sparkassenangestcllte usw. wurden zum Austritt aus dem Verein oder zur Niederlegung ihres Amtes genötigt. Gegen den Ehrenamtmann Grafen Droste zu Vischering erkannte der Disziplinarhof auf Dienstentlassung, weil der Graf für den Verein tätig war. In dem Urteil hieß es, daß das Verfassungsrecht zwar allen Preußen das Vereins- und Versammlungsrecht offen halte, daß seine Ausübung bei Beamten jedoch von den Rücksichten auf ihre dienstliche Stellung bedingt sei. Weiter komme in Betracht, daß die Satzungen des Vereins als dessen Zweck die mit gesetzlichen Mitteln zu erstrebende Beseitigung der kirchenfeindlichen Ge- fätze angäben, deren Beseitigung aber einem Beamten nicht er- laubt sei. Wegen dieser und anderer Vorkommnisse inter- pellierte der Vorsitzende des Vereins, Freiherr Felix v. Loc, im Lamulr 1872 ZM preußischen.Abgeschnetenhause dl«! Negie- Expedition: 8Tl. 68» Oin den Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1384. rung. Ter Minister des Innern, Graf Eulenburg, erwiderte, von Auflösungen einzelner Versammlungen des Vereins sei ihm nichts bekannt, er werde also auf diesen Teil der Inter pellation nicht eingehen. Dagegen wisse die Regierung, daß Verfügungen gegen Beamte, die dem Verein angehörten, er gangen seien. Ob der Verein staatsfeindlich sei, stelle er dem Hause anheim, und wenn er die Frage beantworten solle, was die Regierung künftig zu tun gedenke, so könne er nur sagen, daß sie mit dem Vorgehen der Provinzialregierungen ein verstanden und deren Maßnahmen aufrechtzuerhalten ent schlössen sei— eine Antwort, die damals die katholische Volks seele zum Kochen brachte, die aber heute, wenn sie von der Regierung interpellierenden Sozialdemokraten gegeben wird, ganz gewiß den Beifall des Zentrums findet. Man denke an das Vorgehen der Zentrnmsregicrung in Bavern, die gesetzlich festlegt, daß Sozialdemokraten, ja auch Mitglieder einer freien Gewerkschaft eine Stellung als Gemeindcbeamtcn nicht be kleiden dürfen, man denke daran, daß es bisher immer noch den Beifall des Zentrums gefunden hat, wenn die Behörde er klärte, daß sie Sozialdemokraten nicht einmal als Arbeiter in ihren Betrieben dulden werde. Heute ist die Sozialdemokratie der Reichs- und Staats feind, damals war es das Zentrum, das sich von Bismarck sogar den Vorwurf„revolutionärer Gesinnung" gefallen lassen mußte. Ter Reichskanzler begründete im Dezember 1873 das Gesetz über die Zivilehe damit, daß die Vorlage nötig ge- worden sei durch das„revolutionäre Verhalten der katholischen Bischöfe". Gewalttätigkeiten seien ja nicht vorgekommen, aber die Kirchenobern betrieben sozusagen die„Wissenschaft- licheVorbereitungderRcvolutio n". Der cigent- liche Standpunkt eines jeden Revolutionärs sei der: ich stelle mein eigenes Urteil höher als die Macht des Gesetzes: da nach meinem eigenen Urteil oder der mich betreffenden Fraktion dieses Gesetz ungerechtfertigt ist, so verweigere ich ihm den Gehorsam und habe das Recht der Insurrektion, der Auf- lchnung. Also, so schloß Bismarck, sind die Bischöfe, ist der Ultramontanismus revolutionär! Das Zentrum ist damals diesen und anderen Angriffen mit Entschiedenheit entgegengetreten und hat sich weder durch das massive Auftreten Bismarcks noch durch die Anfeindungen der gegnerischen Parteien und Richtungen von seinem Wege abbringen lassen. In der höchsten Hitze des Kulturkampfes, am 7. Februar 1872, als der Gesetzentwurf über die Verwal- tung erledigter Bistümer beraten wurde, rief Mallinckrodt seinen Gegnern zu:„Liegt es im Interesse der Regierung, e i n Volk in einem großen Teile seiner Angc- hörigenbisindicticfsienTiefen des Herzens aufzuregen? Glauben Sie, daß eine Bevölkerung, die sich in Beziehung auf das, was ihr als das Heiligste gilt, so klar geworden ist, ohnedicEmpfindungderaller- tief st en Empörung, ohne Knirschen des ganzen inneren Menschen solche Zustände sehenkann?" Und im Mai desselben Jahres erklärte der genannte Ab- geordnete seinen Gegnern im preußischen Abgeordnetenhause: „Wenn Sie glauben, wir beugten uns Ihrer Auffassung, die Sie in den Mantel des Staates kleiden, dann irren Sie sich gewaltig. Sie können uns unter die Füße treten, Sie können uns vernichten. aber dieFreiheit bewahren wir uns.daßwirunsererUeberzeugungn ichtun- treu werde n." Das Zentrum hat sich wacker gehalten in den"sieben Iahren des.Kulkurkampfes. Aber die Sozialdemokratie hat sich noch viel wackerer gehalten in den zwölf Iahren des Sozialisten- gesetzcs und in dem Vierteljahrhundert des ungeschriebenen Ausnahmegesetzes, das danach folgte. Jede andere Partei auch das festgefügte, von der Kirche geschützte und gestützte Zentrum, wäre unter dieser Fülle von Unrecht, Tücke und Ge- Walt zusammengebrochen. Wir sind es nickrt und werden es nicht, wenn sich auch das ehemals selber verfolgte Zentrum unser Verfolgern zugesellt hat. Wir gestehen unfern Gegnern nicht einmal zu. wie damals das Zentrum, daß sie uns unter die Füße treten, viel weniger, daß sie uns vernichten können. Um so entschiedener wahren wir deshalb uns auch die Freiheit, unserer Ueberzeugung nicht untreu zu werden— zum Unterschiede von dein Zentrum, das den besten Teil seiner im Kampf erworbenen Ueberzeugung längst preisgegeben hat. Schon wieöer ein Telegramm. Wilhelm der Jüngere scheint sich geradezu einen Sport daraus zu machen, ostentativ allen Leuten seinen Beifall zu zollen, die sich durch ihre chauvinistischen Ausfälle oder ihre militärischen Ausschreitungen weiteren Kreisen unangenehm bemerkbar machen. Besonders scheint ihn dabei noch zu reizen, wenn es sich um Reden, Schriften und Taten handelt, die sich in Gegensatz stellen zu der heute von den„matzgebenden" Regierungsstellen beliebten Politik. Man erinnert sich jener"Szene, da der jüngere Wilhelm als schwarzer Husar von der Tribüne des Reichstags herab während der Marokkodebatten lauten Beifall klatschte, als der Redner der Rechten der Politik Bethmanns und seines kaiserlichen Herrn ihre „Schlappheit" vorwarf; man denkt an die kronprinzliche Kritik der Haltung der Reichsregierung in der Welfenfrage und an das „Immer feste drauf", das dem Obersten Reuter nach Zabern ge- saeii wurde; erst.vor wesiges Tagen wurde das» das Telegramm � bekannt, das der Oberstleutnant Frobcnius erhielt, und schon wird wieder ein Telegramm bekannt, das der deutsche Thronfolger dem Verfasser einer Broschüre gesandt hat. Diesmal ist der glückliche Empfänger ein Proseffor B u ch h 0 l z in Posen, der mit seinem Berliner Kollegen Roethe augenschein- lich mehr als nur den Profcssorcntitcl und den Vornamen Gustav gemein hat. Besagter Prof. Dr. Gustav Buchholz von der Poscner König» lichen Akademie hat am 1. April auf einem Bismarck-Kommers der deutschen Vereine seines Wohnortes eine Rede gehalten, voll von bismarckbegcistertem Hurrapatriotismus, die er dann auch für würdig hielt, datz sie im Druck der Mitwelt überliefert und dem Kronprinzen in einem besonderen Exemplar zugestellt wurde. Wilhelm sah, las und war begeistert. Bereits am 13. Juli erhielt der Posener Professor aus Zoppoi als Antwort ein Telegramm des Inhalts: „Herrn Pros. B u ch h 0 l z, Posen, Kgl. Akademie. Ich habe soeben Ihre Broschüre zu Bismarcks Geburtstag gelesen und finde sie ausgezeichnet. Mit bestem Grutz Wilhelm, Kronprinz." Neben der Verhimmelung des„Heros" Bismarck und den posi» tiven Bekenntnissen einer alldeutschen Seele enthält die Broschüre, die der Kronprinz so ausgezeichnet findet, aber auch einen Iriti- schcn Teil. Ihn hat Wilhelm bei seiner glänzenden Zensur nicht ausgenommen, er wird ihm also ebenso beistimmen wie dem übrigen. Und seine Billigung ist wohl das Reizvollste an dieser Telegraphiercrci. Hier wendet sich Herr Professor Buchholz auS Posen nämlich gegen das heutige Regiment, oder rich- tiger gegen alle Regierungen seit Bismarck überhaupt, die seiner Meinung nach dem Geist des Umsturzes— Herr Buchholz spricht vornehmlich von der„Demokratie"— nicht genügend Widerstand geleistet haben: „Es kann kein Zweifel sein, datz bei uns die Demokratisierung unter den s ch w ach en Regierungen, die wir seit Bismarcks Abgang gehabt haben, noch besonders erschreckende Fort« schritte gemacht hat." Besonders mißfallen dem Posener Germanen aber die �Herren, die heute am Ruder sind. Bethmann Hollweg, der eben das Jubiläum seiner fünfjährigen Amtsdauer feiern konnte, und seine Kollege in Bayern, Herr v. Hertling, werden folgender- maßen abgekanzelt: „Bei der Milliarde von 1313 wird es nicht sein Bewenden haben. Leider hat ja das törichte Wort des bayerischen Minister- Präsidenten» nun sei's aber genug für einige Zeit mit den Rüstungen, von unserem Reichskanzler nicht die Zu- rechtweisung erfahren, die ihm Bismarck zu applizieren sicherlich nicht verfehlt hätte,— wenn überhaupt zu seinen Zeiten ein so kleiner Mann gewagt hätte, den Mund aufzutun." Tie Lenker der deutschen und bayerischen Politik werden ja sehr erbaut sein von dieser Charakteristik, der sich der Kronprinz mit seinem„Ausgezeichnet" so bedingungslos angeschlossen hat. Ob der„kleine Mann" in Bayern oder sein grötzerer Kollege in Berlin den Mut finden werden, sich zur Wehr zu setzen, mutz ja dahingestellt bleiben. Aber das kronprinzliche„Ausgezeichnet" wird gewiß nicht dazu beitragen, dem jungen Herrn bei ihnen besondere Sympathien zu erwerben. Am Ende fühlt sich wieder einmal der Kaiser verpflichtet, einzugreifen und läßt seinen telegraphier- freudigen Sohn von Zoppot nach Berlin kommen. Aber nach den gemachten Erfahrungen wird er selbst wohl nicht mehr hoffen, datz seine Lektionen hinter verschlossenen Türen besonderen Erfolg haben. Kronprinz Wilhelm scheint ganz im Bann der scharfmacherisch- chauvinistischen Clique zu stehen, um, wenn Gottes Gnade ihm die Krone aufs Haupt setzt, einen„anderen Zug" in die deutsche Politik zu bringen; wie weit es ihm gelingen wird, mutz fraglich bleiben; denn so wichtig sich der jüngere Wilhelm auch vorkommen mag,— bei der Gestaltung der Politik wirken doch noch andere Faktoren mit als der persönliche Wille des Herrschers. Aber sicher ist der imperialistische Ehrgeiz des Thronfolgers bei unseren heutigen Verfassungszuständen auch nicht einfach zu über« gehen. Die fortgesetzte politische Einmischung des Kronprinzen mutz eine ernste Mahnung sein, nachdrücklicher noch als bisher für die gänzliche Beseitigung des„per« sönlichen Regiments" zu wirken. der Deginn öes Kampfes in öer Lausitz. Da zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der Lausitzer Tuchindustrie eine Verständigung über die bestehenden Streitfragen nicht erzielt werden konnte, trat die Aussperrung von etwa ZsttXM) Arbeitern in 350 Betrieben der Niederlausitz gestern abend in Kraft. Nicht ausgesperrt sollen werden die Mustcrweber, Kutscher, Wächter, Heizer, Meister, Untermeister und Meisterinnen. Die Unternehmer wollen sich also die Leute im Betriebe erhalten, mit deren Hilfe sie ihre Fabriken betriebsfähig durch die Zeit der Aussperrung zu bringen hoffen. Es fragt sich,' wie die Gewerkschaften sich zu dieser Tattik stellen, namentlich, ob sie die Musterweber nicht aus den SJddrtcn herausziehen. Es beginnt jetzt die Musterzeit für die Sommerstoffe. Können die Fabrikanten die Muster für diese nicht herausbringen, so geht ihnen mindestens das Geschäft einer Saison verloren. Die Arbeiter dürften kaum geneigt fein, mit einem so rücksichtslosen Gegner Mitleid zu üben. Die Mustenvebcr sind aber natürlich hochqualifizierte Arbeiter. Verlassen diese die Betriebe, so dürften die Fabrikanten in eine unerwartete Verlegenheit geraten. Durch Arbeitswillige läfit sich die Tätigkeit der Musterwcbcr kaum ausführen. Wie die Maschinisten und Heizer, die Trans- portarbeiter usw. sich zu der Aussperrung der Textilarbeiter stellen, bleibt abzuwarten. Man darf wohl, annehmen, das; die gesamte in Betracht kommende Arbeiterschaft nach einem einheitlichen Plan handelt und ihr eventuelles Eintreten in den Kampf erfolgt wie bei einem»vohlorganifiertcn Räderwerk. Soweit Nachrichten bisher vorliegen, sind in Kottbus in 50 Fabriken ungefähr 5000 bis 0000 Leute ausgesperrt. In Forst bclänft sich die Zahl der Ausgesperrten in 120 Fabriken auf 10000 bis 12 000. Der Rest der Entlassenen verteilt sich auf die Städte Sprcmberg, Guben, Luckenwalde, Sommerfeld und Finsterwalde. Ehe die Organisationen der Arbeiterschaft überhaupt zum Gegbnschlage ausholen, werden sie natürlich abwarten, welchen Umfang die AltSjperruiig überhaupt annimmt. Die Taktik der Arbeiter wird völlig davon diktiert, wieweit der Vorstoß der Unternehmer gelungen ist. Die Aussperrung ist um so frivoler, als die Löhne im Bezirk selbst die sonst im Tertikgcwcrbe üblichen teilweise nicht erreichen. Trotzdem lassen die.Herren von Gcldsacks Gnaden erklären, die Löhne seien„angemessen". Das sind sie nach herkömmlicher Logik auch dann, nvnn sie nicht zum trockenen Brote reichen. In der Textilindustrie sind die Löhne nicht nur schguderhaft niedrig, im Vergleich mit den übrigen Ge werben sinkt ihr Niveau noch immer mehr. Nimmt man an, daß im allgemeinen die Lohnstcigcrungen in den letzten Iahren die Verteuerung der Lebenshaltung ausgeglichen haben, dann kann das für die Textilarbeiter sicher nicht gelten. Die nachfolgenden Angaben beweisen das ganz zweifelsfrei. Wir stellen die Wochenlöhne aller gewerblichen Arbeiter nach den Angaben der Berufs genosseuschaften über„Vollarbeiter" und„tatsächlich gezahlte Löhne" mit den Löhnen der Textilarbeiter nach denselben Quellen in Vergleich. Er sieht so auS: Vcrufsgcnoffen- Vollarbeiter Wochenl. M. f(hafte« 1901 1912 1904 1912 alle gewerblichen zus. 6 868 496 9 011 570 17,66 22.22 5,22 Nördliche Texlil.. 127 401 1S7023 13,5S 17,30 8,72 Südliche Texlil.. 101211 122173 14.— 16,82 2.82 Schlesilche Tertil. 60 989 58 820 9,12 13,— 3.83 Elsaß-ltothr. Tertil. 66836 71 649 11.5» 15,25 3,62 Ah.-Westfäl. Texlil. 135 043 157 388 15,84 18,30 2,06 Sächsische Texlil.. 201585 273 240 14,— 16,09 2.09 Scidcu..... 66 733 76 898 15,19 18,55 3,36 Schölt 11)0-1 blieben die Löhne der Textilarbeiter unter dem des Durchschnitts für die sämtlichen gewerblichen Ar- beiter. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß hierin einge- schlössen suid die reinen Saisonarbeiter, deren Löhne niedrig sind, wciosie nur einen Teil des Jahres arbeiten können. Seit 1!X)1 hat sich der Abstand zwischen den Löhnen der Textil- arbeiter und dein Gcsamtdurchschnittslohn weiter zuun- gunstcn der crsteren verschlechtert. Trotzdem die Profitmacher erklären: Der Lohn ist angemessen! Ans den angegebenen Zahlen der Vollarbeiter ist ersichtlich, daß die Tertilindiistrie sich in dem dargestellten Zeitraum ganz gut entwickelt hat. Einen Rückgang weist nur der Bezirk mit den niedrigsten Löhnen auf: Schlesien! Da hat man einen Beweis dafür, daß nicht niedrige Löhne eine Industrie konkurrenzfähig machen. Daß die Textilindustrie auch noch ganz annehmbare Dividenden herausbringt, das kann man ans der folgenden Uebersicht ersehen. Es betrug die Dividende in Prozent bei den nebenstehenden Gesellschaften: vorletzte letzt« Aachener Spinnerei.... 5 7 Berliner Jute-Spinnerei.. 0 6 Bremer Wollkämmerei... 20 20 Deutsche Jute-Spinnerei.. 20 25 Düsseldorfer Kammgarn.. 8 8 Fein-Jnte-Spinnerei... 10 15 Mech. Weberei Sorau... 6 0 ,„ Linden... 30 20 Zittau... 10 8 Merkur-Wollwarcn.... 20 20 Norddeutsche Wollkämmerei. 10 10 Pfersee, Spinnerei.... 10 10 Ravensberg, Spinnerei.. 0 6 Rheinische Mvbelstofflvcbcrei 9 9 Schedewitz. Kammgarntverie 15 10 Tüllfabrik Flvha..... 14 16 Tie Dividenden halten die Unternehmer wohl nicht für angemessen, sie sollen durch niedrige Löhne reichlicher fließen. Darum sperren sie aus. Ob wohl ein Staatsanwalt auf den Gedanken kommt, durch den Beschluß einer Massenanssperrung und der Anrcizung dazu werde aufgefordert, die Gesetze und die Staatsordnung zu übertreten? Wenn nicht, wo bleibt denn die Logik, wenn dieselben Stützen der Rechts- und Staatsordnung in die Erörterung der Massenstreikfrage solche Vergehen erblicken? Die Logik liegt im Klassenrecht!> Dem Kieler Staatsanwalt ins Stammbuch. Aus den Verhandlungen gegen die Genossen Karsli und König seien»och einige interessante Ausführungen des Verteidi- gers Dr. L e v y- Frankfurt nachgetragen. Er sagte ui�er anderem: Der Staatsanwalt hat behauptet, daß in dein Artikel nicht das militärische System, sondern die Personen dieses Systems gemeint seien. Das gehe daraus hervor, daß ein System nicht aufpeitschen könne. In dem Artikel sei aber gesagt, daß durch die militärische Erziehung die niedrigen Instinkte aufgepeitscht würden. Nun: wir haben in der wirtschaftlichen EntWickelung ein System, das heißt Kapitalismus. Dieses System peitscht die Massen des Volkes auf. Niemand aber wird behaupten wollen, daß es eine Beleidigung ist, wenn ich das sage. Selbstverständlich wirkt jedes System durch Menschen. Deshalb kann man aber nicht sagen, daß alle Auswüchse, die das System ergibt, Auswüchse derjenigen sind, die in dem System stecken. Die Staatsanwaltschaft hat hier eine Anklage aufgebaut, ohne auch nur, wie eS ihre Pflicht wäre, den Versuch zu machen, den Nach- Mi» zu führen, daß unwahre Behauptungen in dem Artikel aufge- stell! sind. Ich kann den Beweis dafür führen, daß das mili- tärische System die rohen und niedrigen Instinkte im Menschen weckt, und zwar aus Briefen von Leuten, die nicht Sozialdemokraten sind, sondern im gegnerischen Lager stehen. Ter General von K r e t s ch m a r schreibt in seinen Kriegserinnerungcn über die Be- lagcrung von Metz von den Soldaten Bazaines, daß sie verhungerten und elend umkamen. Wollten sie nach Metz, so bekamen sie Schüsse. Wollten sie zu uns, ja bekamen sie auch Schüsse. Aus den Schlußbetrachtungen des Generalstabswerkes über den Krieg in Südwcst-Asrika geht hervor, daß in dem dichten Gebüsch die Menschen haufenweise übereinander lagen. Es wurden ferner tiefe Löcher gefunden, die bewiesen, daß die in die Wüste getriebenen Eingeborenen vergeblich nach Wasser gegraben haben. Der frühere Landgerichtsrat Rindfleisch sagt in seinen Fcldbrtefen: Es ist scheust- lich, welche Grausamkeiten begangen werden. Anfangs war es bei Strafe verboten, die Biwaks niederzubrennen und Getreide nieder- zustampscn. Kindliche Unschuld! Jetzt fragt kein Mensch mehr danach. Mir scheint es. als db man gaixz stumpf geworden ist gegen alle Kultur. Der Herr Staatsanwalt wird sagen, daß das einzelne Fälle sind. In den Erläuterungen von Paul v. Schmidt zu den Kriegs- artikcln wird den Soldaten empfohlen, aus dem Merkbuch für rufst- sche Soldaten zu lernen. Darin heißt e» u. a.: Versagt das Ge- wehr, so schlage mit dem Kolben. Versagt der Kolben, so schlage mit dem Lauf. Ist der Lauf gebrochen, so schlage mit den Fäusten und sind die Fäuste entzwei, so beiße mit den Zähnen.. Triffst du unvermutet den Feind, so schlage drauflos und lasse ihn nicht erst zur Besinnung kommen. Wenn schon in solchem Maße den Soldaten derartige Be- lehrungen geboten werden, ist der Herr Staatsanwalt beweis- pflichtig dafür, daß in den deutschen Kasernen Roheilen nicht passieren. Der Zweck der zwei- und dreijährigen Dienstzeit ist, daß der Soldat das tun soll, was er aus sich selbst heraus nach seinem ganzen bürgerlichen Bildungsgange vor dem Militär nicht tun würde. Das ganze militärische System hat zum Zweck, die Erziehung einer Gesinnung, die anders alz die der bürgerlichen Kulturmenschen ist. Die Angeklagten haben aus ihrer Weltan- schauung heraus aus ehrlicher persönlicher Ucberzcugung gehandelt. Wenn man das alles beachtet, fällt der Strafantrag des Staatsan- walts zusammen. In der wcitllcn Auseinandersetzung zwischen dem Verteidiger Dr. Lcvy und dem Staatsanwalt will der Staatsanwalt beweisen, daß die Erziehung des Soldaten für den Krieg nach außen andere Folgen hat, als für die F r i e d e n s z e i t. Dr. Levy hielt ihm den bekannten Erlaß des Generals v. Bisstng und das bekannte Wort vom Schießen auf Vater und Mutter entgegen. Der Angeklagte Karsli setzte noch einmal auseinander, daß er da» System und nicht Personen gemeint habe. Gegen den Vorwurf des Staatsanwalts, daß er als Gast in Teutschland sei und deshalb schon Zurückhaltung hätte üben müssen, erklärte er, daß er sich als Gast des deutschen Volkes fühle und als solcher die Gastfreundschaft nicht miß- braucht habe. politifthe Uebersicht. Neue Erlasse gegen Soldatenmisshandlungen. Der Luxemburg-Prozeß und die Kritik der Sozialdemo krati? an der Kulturschmmh der Soldatenmißhandlungen scheint doch gewisse Erfolge gehabt zu haben. Wie dem „Hamburger E ch o" von wohlunterrichteter Seite niit geteilt wird, soll das Kriegsministcrium an die nachgeord ncten Stellen Anweisungen ergehen lassen zwecks energischer Bekämpfung der Soldatenmißhandlungen. In diesen Erlassen soll zugestanden werden, daß die von den militärischen Gerichten vielfach erkannten gelinden Strafen nicht im Einklang ständen mit dem Willen der höheren Stellen. Es wird daran erinnert, daß schon in früheren Kundgebungen ausgeführt worden sei, daß Miß- Handlungen und vorschriftswidrige Behandlung Untergebener zugleich eine Zuwiderhandlung gegen Befehle des Kriegs- Herrn in sich schließen, was bei der Bestrafung gebührend zu berücksichtigen sei. In diesem Sinne sprächen sich Orders vom K. Februar 181)0 und 17. September 1892 aus. Weiter heißt es dann: „Temliezenüber muß cS auffallen, daß von Jahr zu Jahr in einem höheren Prozentsatz minder schwere Fälle angcnomnuen worden sind, und dies vielfach damit begründet wird, der Miß- handelte habe keinen oder keinen dauernden Nachteil für seine Gesundheit davongetragen, daß serner die wegen Mißhandlung Untergebner Verurteilten vielfach unter Annahme minder schwerer Fälle mit der Mindrststrase oder bei Gesamtstrafen nur mit einer die Mindeststrafe wenig übersteigenden Strafe belegt worden sind." In dem Rundschreiben wird, nach dem„Hamburger Echo", den Gerichtsherren gesagt, ihnen obliege es, durch den Vertreter der Anklage unter Hinweis auf die Aller- höchste Willensmeinung Strafen beantragen zu lassen, die der Schwere der Verfehlungen entsprechen, und weiter, daß bei unangebrachter Milde oder unzutreffender Beurteilung der Straftat, im militärischen Interesse von den gegebenen Rechtsmitteln Gebrauch ge- macht werden solle. Zum Schluß heißt es dann noch, daß nur die rücksichtslose Handhabung der gesetzlichen Bestimmungen nach ihrer vollen Schärfe das schwere Vergehen der systematischen Mißhandlung auszurotten geeignet sei. So erfreulich dieser Erfolg der sozialdemokratischen Tätigkeit unzweifelhaft ist, so müssen wir doch unserem Be- dauern darüber Ausdruck geben, daß es erst unseres Vor- gehens bedurft hat, um die verantwortlichen Stellen zu ihrem Einschreiten zu veranlassen. Viel verdienstlicher wäre es ge- Wesen, wenn die auffallend gelinde Beurteilung schwerer Soldglenmißhandlungen dem Kriegsministcrium schon früher zu einem Eingreifen Veranlassung gegeben hätte. Man hätte dann wenigstens annehmen können, daß das Vorgehen gegen die Soldatenschindereien auf die eigenste Im i t i a t i v e der höchsten militärischen In- stanzen zurückzuführen sei, während es so den Anschein hat, als ob den Herren erst wieder einmal durchdieSozial- demokratie und die verunglückte juristische Kampagne gegen die Genossin Luxemburg die Augen geöffnet und das Gewissen geschärft worden sei! Eine ganz andere Frage bleibt es zudem, ob diese neuen Erlasse erfolgreicher sein werden als frühere Verfü- gungen. Mit Recht äußert sich nach dieser Richtung hin unser Hamburger Bruderorgan äußerst skeptisch. Ebenso berechtigt ist seine Befürchtung, daß die neuen Erlasse möglicherweise dahin wirken könnten, daß die o h n e h i n s ch o n s o u n b e. greifliche Geheimniskrämerei der Militär- g e r i ch t e nun womöglich noch weiter getrieben werden könnte, Ilm der Oeffentlichkeit die Wahrheit iiber das Tystem der Voldatenschindereien vorzuenthalten! TaS Verbot des frekrelkgiösen Nntexrichts i» Vasiern. Dem lange vorbereiteten klerikalen Ansturm gegen daS Resichcn Gewissensfreiheit, das in Bayern in Gestalt des freireligiösen Sittenunterrichts seine Existenz fristete, ist nunmehr Er- folg beschied«» gewesen: die„Bayerische Staatszeitung" vcröfjen.-- licht einen Erlaß des Kultusministeriums, durch den in den vcr- schiedcuen Landesteilen die Anstalten für freireligiösen Sitten- Unterricht aufge ho den werden. Damit ist Bayern so ziemlich auf dem Niveau Preußens angelangt, wo ja nicht nur der frei- religiöse Religionsunterricht verboten, sondern selbst den Dissi» denteukindern der Zwangsbesuch des offiziellen Religionsunter- richts in der Volksschule zur Pflick� gemacht ist! Der reaktionäre bayerische Vorstoß ist um so klandalöser, als seit dem Jabre 1861 die Kinder von Angehörigen der freien Ge» meinden in Bayern vom Religionsunterricht aus Gründen der Gewissensfreiheit dispensiert und freireligiöse Anstalten zugelassen waren. Aber die seit geraumer Zeit einsetzende Aktion der gcist- lichen Schulvorstände, der Zentrumsprcsse und des Katholisckien Volksvereins, zu der sich die parlamentarische Aktion der Klerikalen gesellte, hat nunmehr den bei dem Ministerium Hertling zu erwartende» Erfolg gehabt. Die Wühlereien der Schwarze,: waren so gut vorbereitet, daß die letzte, am Freitag in der Reichsrats- kammcr unternommene Attacke de» Grafen Arco-Zinneberg dem Kultusminister Dr. v. K n i l l i n g die Erklärung abrang, daß ein verfassungsmäßiger Anspruch auf die Zulassung freireligiöser Unterrichtsanstalten nicht bestehe und deshalb die bisher für den freireligöfcn Unterricht erteilten Regicrungsgcnehmigungcn nicht aufrecht erhalten werden könnten! Die amtliche Ministerialver» fügung ist denn auch dieser Erklärung des Kultusminister» auf dem Fuße gefolgt. Der rigorose M der Gewisscnvergewaltigung wird damit be- gründet, daß Bayern ein ch r: st l i ch e r Staat sei, der nicht dulden könne, daß ein Unterricht im antichristkichcn Sinne erteilt werde. Der famose christliche Staat! Er gibt feierlichst seinen Segen dazu, daß das kapitalistische AuSbeutertum die Arbeits- sklaven eines großen Teiles ihve» Arbeitsertrages beraubt. Dieser christliche Staat hat auch nicht das geringste gegen die Er- ziehung zum Mordpatriotismus und die Dressur zum Völkermord einzuwenden. Dieser christliche Staat steckt die unseligen Opfer unseres empörenden Wirtschnflsshstems in Gefängnisse und Zucht- Häuser. Aber dieser ch r i st l i ch e Staat betrachtet«S nicht als Gewissenszwang, daß den auf freireligiösem Standpunkt stehenden Bürgern die Möglichkeit geraubt wird, ihren Kindern in frei- menschlichem Geiste, im Sinne moderner nnd wissenschaftlicher Kulturauffassung Sitten- und Religionsunwrricht erteilen zu lassen. In einer Zeit, wo selbst in Preußen der gegen die Dissidenten- kindcr geübte Gewissenszwang immer mehr in Mißkredit gerät. wagt die klerikale und konservative Reaktion in Bayern ihre Schul- Politik vm ein halbes Jahrhundert rückwärts zu«vidiere»! Nenauflnge des Kösserknrses in Schleswig. Offiziös wird gemeldet:„In mehreren Zeitungen wird dait bor einiger Zeit aufgetauchte Gerücht von dem bevorstehenden Rücktritt des Oberpräsidentcn v. Bülow mit der gegenwärtigen Verschärfung de» Nordmarkcnkurses in Verbindung gebracht und hinzugefügt, daß trotz früherer Ableugnung doch zwischen dem Oberpräsidenten v. Bülow und dem Regierungspräsidenten Ukert hinsichtlich der Däncnpolitik Meinungsverschiedenheiten beständen. Hierzu kann auf Grund zuverlässiger Erkundigungen mitgeteilt werden, daß im Schoß der StaatSregicrung keinerlei MeinungS- Verschiedenheiten über die Dänenpoliiik bestehen, weder zwischen Berlin und den Behörden in der Provinz, noch insbesondere zwischen dem Oberpräsidenten und dem RegicrungSpräsidenien. Wenn der Regierungspräsident und die OrtSbehörden in neuerer Zeit eine größere Aktivität in der Abwehr der Ueberflutung Nordschleswigs mit dänischen Elementen gezeigt haben, so ist daraus nur zu erkennen, daß sie dazu von dem Oberpräsidcnten angewiesen sind. Noch irriger ist die Meinung, als seien die beobachteten schärferen Maßnahmen bereits als eine Folge der Flensburger Nordmarkvcrsammlung und der Herrenhausdebatie vom Mai d. I. anzusehen. Sie beruhen vielmehr auf sehr sorg- fältigen Erwägungen und tatsächlichen Untersuchungen, die mehr als JahressSst in Anspruch genommen haben. Der Bericht, in welchem der Oberpräsident v. Bülow die Zustimmung des könig» lichen Staatsministeriums zu den von ihm gemachten Vorschlägen erbat, ist nach einer Auskunft aus dem Cchleswiger Oberpräsidium bereits im November 1913 erstattet. Die erwähnte Versammlung in Flensburg fand aber erst im Dezember statt." Wir befinden uns also wieder«inmal im empfindlichsten Köllerkurs; dabei bleibt es sich ganz gleich, ob dieser mit oder ahne v. Bülow geht, der bei seinem Antritt gegenüber dem Dänen- tum die Parole ausgab: Vertrauen wider Vertrauen, und der in einer Tafelrede u. a. sagte:„So»vollen wir denn den Bewohnern dieser Gegend aus weitem.Herzen ein Hoch darbringen, wie es sich geziemt, wenn Schleswig-Holsteincr zusammenkommen. Wir wollen den Bewohnern den Bruderkuß entbieten. Unser Reich ist ja mächtig genug. Unsere Landslcute, ohne Unterschied, sie leben hoch!" Heute würde ein Toast v, BülowS auf die Schleswig-Holstciner wohl anders lauten!__ Nationalliberale Warnung vor der Sammlungspolitik. Wie die„Nationalliberale Korrespondenz" berichtet, mahnte der Reichslagsabgeordnete List in einer nationalliberalen Versammlung für den württembergischen Wahlkreis Cannstatt-Ludwigsltzrrg zur größten Vorsicht gegenüber dem Sammlungsrnf der Konservativen und deS Zentrums.„Bei allen Rufen nach einem gemeinsamen Zusammengehen aller bürgerlichen Parteien vermisse man gerade auf konservativer Seite jeden guten Willen hierzu und finde stait dessen in der konservativen Presse fast täglich die niedrigsten Beschimpfungen und Verdächtigungen de» National- liberaliSinuS."_ Ein Frontoffizier über Kascrnendramen. In der„Kölnischen Volkszeitung"(Nr. 624) nimmt ein altgedienter Frontoffizier das Wort zum Luremburg-Prozeß. Er läßt zunächst seinen Zweifel daran durchblicken, ob der Kriegsminister durch Anstrengung des bekannten Prozesses gerade besonders geschickt die Interessen der Armee vertreten hat. Dann macht er Vorschläge, wie der Kampf gegen die zahlreichen Mißhandlungen in der Armee zu führen sei: „Mißhandlungen entwickeln sich, ich möchte sagen, immer au» Beschimpfungen und vorschriftswidriger Behandlung. Mit einem Schimpfwort, mit einem Kneifen in die Arme, mit einem Puff in den Rücken, mit einem liebevollen Einsetzen des Gewehr» in die Schulter auf dem Kasernenhof fängt eS an, mit Prügeln und Treten in Stuben und Ställen endigt eS: da» Drama, die kricgsgerichlliche Aburteilung, in der oft beiden Teilen Schuld nachgewiesen wird, ist da! Diese Anfänge hat man oft übersehen, übersehen wollen, ihnen keine Bedeutung zu- gemessen, und wundert sich dann Über die Folgen. C-3 muß cBen mit Sern letber Sei bieten Vorgesetzten noch immer gangbaren:„Ein Jagdhieb schadet nichts, zu Haute werden die Leute auch nicht mit Samlschuhen angefaßt, gründlich aufgeräumt werden." Tor alte Offizier wendet sich dann scharf gegen das Nachexerzieren und gegen die S t r a f b ü ch e r. Schließ- lich nimmt er sich die jetzige ganz unzulängliche Art des Be- schwerdcrechts vor: Die meisten Mißhandelten gehören dem jüngsten Jahr« gang an; an die„Alten" wagt man sich nicht heran. Warum? Nun, weil diese sich sofort beschweren oder die Sache zur Anzeige , bringen. Das tut der Rekrut nicht, weil er nämlich die Bestimmung über den Beschwerdeweg nicht kennt und weil er leider meist mit der Mahnung sogenannter guter Freunde seinen Einzug in die Kaserne hält: alles, nur nicht beschweren; denn magst du auch Recht bekommen, du wirst von nun an doppelt gepisackl I Gegen diese völlig unzutreffende, leider vielfach verbreitete Vorstellung muß ich den allerschärf st en Widerspruch erheben. Im Gegenteil, Vorgesetzte, gegen die eine Beschwerde vorgebracht worden ist, hüten sich mit Fug und Recht vor Schikanen, denn sie wissen ja. der Mann beschwert sich. Ausnahmen bestätigen, wie überall, so auch hier die Regel. Auch wird ein Vorgesetzter, der sein Hand- werk versteht, den Beschwerdeführer für den Dienst von dem Ver- klagten zu trennen wissen. Das muß aber gesagt werden, wenn man auch nicht mädchenhaft empfindlich sein soll, so machen zum Schaden des ganzen Dienstbetriebes die Leute oft nicht, wo es angebracht wäre, von dem Recht der Beschwerde Gebrauch, weil ihnen nämlich sofort, von Unterorganen meist, gepredigt wird, wenn Beschwerden vorkommen, sowirft das ein schlechtes Licht aus die Kom« Pognie— verkapptes Abhalten von der Be- s ch w e r d e. Die Beschwerdevorschrift enthält den Satz: Es ist dem Soldaten gestattet, sich zu beschweren. Ich habe, solange ich beim.Bau" war, immer den Satz vertreten, ein Soldat, dem Unrecht geschieht, muh sich beschweren, da« verlange ich von seinem Ehrgefühl. Es muß also die Beschwerde» Vorschrift nicht er st, wie ich eS erlebt habe, am Ende der RekrutenauSbildung bekanntgegeben werden. Ich iveiß, daß ich mit dieser Meinung auf manchen Widerspruch rechnen muß, ebenso mit der, daß jeder Vor« gesetzte, der Untergebene mißhandelt hat, aus der Armee heraus muß. Auch gegen die abscheulichen Mißhandlungen der Rekruten durch die Alten weiß der Offizier ein Mittel: Um Mißhandlungen von jungen Soldaten durch ältere Kameraden vorzubeugen, ist es sehr zweckmäßig, diese immer ganz gesondert zu quartieren, auch in der Nacht, in deren Dunkel ja zumal viele scheußliche Roheiten verübt werden. ES braucht doch kein alter Mann in den Zimmern der Rekruten zn schlafen, es wird den jungen Leuten schon nichts zustoßen, es sind doch keine hilflosen Babys. Tiefe Vorschläge sind so vernünftig, daß sie im Kriegs- Ministerium wohl kaum Beachtung finden werden. Köstlich wirkt es, wenn der katholische Offizier seinen Artikel mit der fri'dcrung schließt, die Ausbildung der Mannschaften durch die Vorgesetzten solle nach der Lehre Christi erfolgen: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selb st". Das wird wirklich schwer halten bei Leuten, deren Beruf die Vorbereitung auf den Krieg ist. Die Aus- bildung im Totschießen und im Totstechcn unter der Losung „Liebe Deinen Nächsten"— wirklich zu drollig I Der Witz ist so gut, daß wir dem Verfasser' in Gnaden verzeihen, daß er seinen sonst guten Artikel pflichtgemäß mit einigen Anwürfen gegen die Sozialdemokratie spickt, die angeblich die jungen Soldaten gegen ihre Vorgesetzten„verhetzt". Die Belohnung für politisches Wohlverhaltcn. Durch die Reichsversicherungsordnung sind viele leistungsfähige Hilfskafien, die sich in den Händen der Arbeiter befanden, zum Teil zur Auflösung gezwungen, zum anderen Teil zu bloßen Zuschuß- kassen umgestaltet worden. Nur wenige von ihnen sind jetzt noch als solche Ersatzkassen zugelassen, deren Mitglieder vom Beitritt zur Ortskrankenkasse befreit sind. Außerdem muß aber jetzt der Unter- nehmer nach§ 517 der Reichsversicherungsordnung seinen Beitrags- auteil für einen versicherungspflichtigen Arbeiter auch dann an die Ortskrankenkasse abführen, wenn der Arbeiter nicht dieser, sondern einer Ersatzkasse angehört. Alle diese Maßnahmen würden nicht nur die wenigen Ersatzkassen der Arbeiter, sondern auch die der Handlungsgehilfen gegenüber den Ortskrankenkassen konkurrenz- unfähig gemacht haben. Auf ihren Krankenkassen beruht aber auch zu einem großen Teil die Existenzmöglichkeit der reaktionären Handlungsgehilfenvereine. Deren Bestehen wollten die Arbeiter- und Angestelltenieinde nicht erschüttern. Man erfand daher die Bestimmung im tz 518 der Reichsversicherungsordnung. Danach hat der Bundesrat die Befugnis, einzelnen Ersatzkrankenkassen wie Sache ist aber lediglich für die erwähnten Handlungsgehilfenkassen gemacht» bis auf Widerruf das Recht zu erteilen, von den OrtS- krankenlassen vier Fünftel derjenigen Unternehmerbeitragsanteile zu erheben, die nach§ 517 entrichtet werden. So wälzte man den Oe:tskran?enkassen eine Menge Arbeit auf, um die Reaktion in der Angestelltenbewcgung zu festigen, die dann als Gegenleistung für diese klingende Münze die neue Reichsversicherungsordnung als sozialpolitischen Fortschritt preisen muhte. Der Bundesrat hat Ende Juni von dem 8 518 Gebrauch gemacht und einigen Hand» lungsgehilfenkassen die erwähnte Berechtigung erteilt. Soldatenschinder. Ein Musketier der 0. Kompagnie des in Ratibor garnisonierenden 62. Infanterie-Regiments wurde vor etwa 8 Wochen von seinem Unteroffizier derartig inS Gesicht geschlagen, daß der Mann einige Zähne einbüßte und 3 Wochen krank im Lazarett liegen mußte. Wegen dieser rohen Tat hatte sich der Unteroffizier am 15. Juli d. I. vor dem Kriegsgericht zu verantworten. In der Verhandlung wurden durch �jne umfangreiche Beweiserhebung über 20 Fälle von Mißhandlungen de? Unteroffiziers, begangen an den Mannschaften. festgestellt. Das Urteil gegen den Soldatenschinder lautete aus orei Monate Gefängnis und Degradation. Die Darbarei ües Seekriegs. London, 18. Juli. �Eigener Bericht.) Die Times von heute ent- halten einen neuen Beitrag zu der von Admiral Scott eingeleiteten Diskussion über den Wert oder die Wertlosigkeit der großen Schlacht- schisse im modernen Seekrieg, der besondere Erwähnung verdient. Admiral Scott hatte behauptet, daß auch die Handelsschiff. fahrt den tödlichen Angrifien der feindlichen Unterseeboote wehr- los ausgesetzt sein würden, und daß eS deshalb selbst einer kleinen Flottenmacht, sofern sie nur über genügende Unterseeboote verfügte, leicht wäre, die LebenSmittelzufuhr speziell des i ns u l a r e n England so gut wie gänzlich abzuschnei- den. Wie dieser Gefahr zu begegnen sei, konnte Seott nicht sagen. Scott gegenüber wurde eingewandt, daß da? Versenken von fiied» dchen Handelsschiffen durch meuchelmörderijche Unterseeboote ein so barbarisches Vorgeben wäre, baß e? nicht ernfibafl befürchtet zn werden brauchte, worauf Scott antwortete, daß aller Krieg bar- barisch sei, aber daß die Barbarei der Kriegsmethoden noch keinen Kriegführenden davon abgehalten habe, sie anzuwenden, wenn sie den Feind empfindlich zu treffen vermögen. Zu dieser Frage hat nun der General Lord Sydenham noch einmal daS Wort ergriffen. Er meint, die Verwendung von Unterseebooten gegen Handelsschiffe lasse sich mit dem Kapern von Handelsschiffen nicht vergleichen; das letztere sei ein alte» Kriegsrecht. Tie Tötung friedlich ihren Geschäften nach- gehender Nichtkombattanten sei nie als im Kriege rechtmäßig an- erkannt worden. Das Unterseeboot kann nicht kapern, sondern muß zerstören.„Ich glaube nicht", fährt Lord Sydenham fort,„daß die Gesittung der Welt im 28. Jahrhundert auch nur einen Augen- blick Vorgänge dulden würde, die bisher nur dem Seeräubertum in seiner schlimmsten Form eigen waren. Abgesehen von Mensch- lichkeitsrückstchten, sind gewichtige Gründe zu der Annahme vor- Händen, daß d i e s e r R ü ck f a l l i n die Wildheit dem Zweck der Flotte dienlich wäre, die sich so tief er- niedrigte." Sir Percy Scott aber antwortet darauf, indem et einen Brief eines ausländischen FlottenoffizierS hervorzieht und daraus das folgende zitiert: „Wenn wir mit einem Jnscllande Krieg führten, dessen Nahrung von der überseeischen Zufuhr abhängt, dann wäre eS unsere Aufgabe, diese Zufuhr abzuschneiden. Mit der Kriegserklärung würden wir den Feind benachrichtigen, seine heimsegelnden Harrdelsschiffe davor zu warnen, sich der Insel zu nähern, da wir eine Blockade von Minen und Unterseebooten anlegten. Dieselbe Warnung würden wir an alle neutralen Mächte schicken." Also was Lord Sydenham, und zwar mit vollem Recht, einen Rückfall in die Wildheit nennt, ist nach dem Briefe dieses„auslän- dischen Marineoffiziers" daS kalt vorbereitete Kriegsprogramm wenigstens einer kontinentalen Flottenmacht. Und wer wird be- zweifeln wollen, daß Admiral Scott in dieser Frage besser die wirk. lichen Zustände schildert, als Lord Sydenham? Der Krieg ist bei der modernen Technik überhaupt nur möglich als ein« trunkene Orgie d«S Massenmordes und der Zerstörung, die in ihrer Roheit und Entsetzlichkeit kaum auszudenken und denen gegenüber die Kriege der „Wildheit" die harmlosesten Straßenprügeleien waren. Und deshalb werden wohl kaum so bald die Regierungen und die herrschenden Klassen, aber die Völker selbst dafür sorgen, daß Kriege überhaupt „von der Weltgesittung des 28. Jahrhundert" nicht länger geduldet werden. Cine Rede Lloyd Georges. London, 18. Juli. Gestern hielt Schatzkanzler Lloyd George eine Rede, in der er sagte: Eine ist für uns von der allergrößten Bedeutung, nämlich der Friede. Friede nach außen und Friede daheim. Vor einem Jahr befanden wir uns inmitten eines großen Krieges im Orient. ES war eine Zeit voller Beunruhi- gung und voller Besorgnisse, und wir stellen uns heute kaum vor, wie beängstigend die Lage war. Wir Eng« länder haben Grund stolz zu sein, daß in all der Verwirrung, die zu einer der größten Katastrophen hätte führen können, die je die europäische Zivilisation bedroht hat, Gndland unter der geschickten Leitung Sir Edward G r e y S bei der Wiederherstellung des euro- päifchen Friedens die Führung übernahm. Am internationalen Himmel gibt es stets Wolken. Einen völlig blauen Himmel gibt eS in der auswärtigen Politik niemals» und auch heute sind Wolken vorhanden. Aber nachdem wir im vorigen Jahre so viel größeren Schwierigkeiten entronnen sind, haben wir alle Zuversicht, daß der gesunde Menschenverstand, Geduld, der gute Wille -und die Toleranz, die im vorigen Jahre größere Schwierigkeiten und dringlichere Probleme lösen'halsen, unS in den Stand setzen werden, die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu über« winden. Das Kompromiß über tzomerule. London, 18. Juli.(Privattelegramm des „V o r w ä r t 3".) Die U l st e r k r i s e geht ihrem Ende entgegen. Gestern und heute fanden zwischen den Parteien rege Verhandlungen statt, in denen der König eine wichtige Rolle spielt. Ter König gab heute wegen dieser Ver- Handlungen sogar die Teilnahme an der großen Flottenschau auf. Es heißt, daß sich beide Parteien viel näher gekommen sind. Die Konservativen haben ihre Forde- rnng auf Ausschluß der ganzen Provinz Ulster von der Homerule aufgegeben und die Regierung hat dafür die Bestimmung über die D o u er des Ausschlusses fallen lassen. Man streitet sich hauptsächlich noch um die Größe des auszuschließenden Gebietes. Die Konservativen verlangen, daß sechs der neun Grafschaften Ulsters en Kloe über d�n Ausschluß abstimmen sollen. Die Regierung will ihnen jedoch nur die fünf Grafschaften zugestehen, wo die Protestanten die Mehrheit bilden. Der ganze Zankapfel ist die Grafschaft T y r o n e, wo sich die Katholiken und Protestanten die Wage halten. Allem Anschein nach haben wir es mit dem letzten Akt des Kuhhandels zn tun, der möglicherweise etwas lange dauern, aber schließlich doch perfekt werden wird. Mus der Partei. Ein falsches Gerücht. Gegenüber Besorgnis erregenden Ge- rüchten und Anfragen möchten wir feststellen, daß der Abgeordnete Genosse Stückten gestern wegen eines Darmleidens operiert ist. Die Operation ist sehr gut verlaufen und gibt zu Besorgnissen keinen Anlaß. Hoffentlich sehen wir unseren braven Mitstreiter in wenigen Wochen in alter Frische wieder. Bon der schweizerischen Sozialdemokratie. Soeben ist das von der Geschäftsleitung der Partei und dem Zentralkomitee des GrütlivereinS für 1813 herausgegeben« Jahrbuch im Umfang von fast 188 Serien erschienen, das mit seinem Bericht über allseitige Fortschritte der schweizerischen Sozialdemo- kratie viel Erfreuliches bietet, um so mehr, als es sich im Berichts- jähr um ein wirtschaftliches Krisenjahr handelt und unter den Wirtschaftskrisen nicht nur die gewerkschaftlichen, sondern auch die politischen Arbeiterorganisationen leiden. Die schweizerische sozialdemokratische Pariei hat nun im Jahre 1813 die Zahl ihrer Organisationen um 5 auf 688 und die ihrer Mitglieder um 1852 auf 33 236 erhöht. Ter im Rahmen der Gesamtpartei eingegliederte Grütliverein erhöhte seine Mitglieder- zahl um 443 auf 11 631. Erfreulich ist auch an diesem Bericht?- jähr, daß et der sozialdemokratischen Nationalsraktion in den Genossen Graber-Ehaux-de-FondS und Schenkel-Winterthur eine willkommene Verstärkung brachte, wozu nn laufenden Jahre noch Ryser-St. Jmier gekommen ist, so daß nun ihre Mitgliederzahl 18 sauf 188 insgesamt) beträgt. Da in dem Genossen Scherrer- St. Gallen die Partei auch einen Vertreter im Ständerat(44 Mit- Glieder) hat, so umfaßt die sozialdemokratische Gesamtvertretung rn den beiden eidgenössischen Parlamenten 20 Mann, noch immer zu wenig zur erfolgreichen Vertretung der Arbeitermteressen, aber doch schon ew schätzenswerter Anfang. Vucki d'e einzelnen Sondersrqanisatianen Tiaren eine sifjSne Weitcrentwickiung erfahren. So stieg die Zahl der Attivmitglieder der Grütti männerchöre auf 3848 in 43 Sektionen, mit den Passivmitqliedern auf 4874; des Grütlitnrnverbandes auf 3612 in 34 Sektionen; des GrütlischützenverbandeS auf 8258 in 65 Sektionen und der Grütlikrankenkasse auf 7161. Die sozialdemokratische Jugendorganisation zählte im April 1814 1588 aktive und ebenso rund 1588 passive Mit» glicder, von erfteren sind 214 weiblichen Geschlechts. Im Jahre 1386 zählte unsere Jugendbewegung erst' 288 Mitglieder. Nun hat sie ihren eigenen Sekretär und ein stark verbreitetes eigenes Organ in der„Freien Jugend". Es sind für unsere Jugend- bewegung noch Zehntausende von Proletarierkindern zu gewinnen. Der Schweizerische Arbeiterinnenverband ent- faltete im Berichtsjahre ebenfalls eine sehr rege AgitationS- und Organisationsarbcit, namentlich in Form der in allen Teilen dcK Landes veranstalteten sozialdemokratischen Frauenkonfercnzen. Der sozialdemokratische Abstinentenbund zählt in 38 Sektionen 1108 Mitglieder gegen 1028 in 1812. Also Fortschritt auf der ganzen Linie, demgegenüber es geradezu köstlich ist, wenn die Gegner beständig vom Stillstand»der Rückgang der Sozialdemokratie phantasieren und ihre Wünsche als Tatsachen behandeln. Sie spornen aber damit die Genossen nur zu vermehrter Arbeit und neuen Erfolgen an, um das gerade GeKN- teil davon darzuturu_ j.,,'- ?ugenödewegung. Konferenz der Jugendausschüsse im Bezirk Halle. In der am Sonntag im Volkspark zu Halle tagenden Konferenz der Jugendansschüsse konnte die Bezirksleitung über gute Fort» schritte berichten. Obwohl die dreivierteljährige Berichtszelt keine besondere Agitationstour und keine Osteragitation umfaßt, stieg in der Zeit vom t. Juli 1013 bis 1. April 1014 die Zahl der Ausschüsse von 65 auf 74. Den Bericht über ihre Tätigkeit sandten 58 Ausschüsse.— Die Zahl der Leser der»Arbeiter- Jugend" stieg bei Ausschüssen und Jugendsektionen von 3875 aus 4123. 11 Orte haben gewerkschaftliche Jugcndsektionen, im Vorjahre waren eS 8 Orte. Selbständige feste Jugendvereine be» stehen noch in 6 Orten mit 216 männlichen und 21 weiblichen Mit- gliedern. Während im Borjahre 26 Ausschüsse über Jugend- beime bericbteten, sind jetzt 42 in dieser angenehmen Lage. Heber Jugendbibliotheken berichten 21 Orte mit 1147 Bänden gegenüber 18 Orten mit 828 Bänden im Vorjahre. In 6 Orten sind von den Partei- und GewcrkschastSbibliotheken besondere Jugcndschriftennbteilnngen bereitgestellt. Jugendschntzkommissionen bestehen in 6 Orten. Ausgegeben wurden in 36 Orten für die Jugendlichen 3869,22 M., für Bildnngsarbeit 3886,34 M., fiir Wanderungen und Spiele 384,63 M.> für Agitation 883,48 M. und Eir Prozesse 24 M. Bildungsarbeit wurde geleistet in 28 Orten urch 180 Einzelverträge mit 3036 männlichen Jugendlichen, 748 weiblichen und 582 erwachsenen Besuchern. Ein Antrag, die Zen- tralstelle zu ersuchen, ein Handbuch über Jugcndschutz und ein agitatorisches Flugblatt über die gleiche Frage heraus- zugeben, wurde angenommen. Weiter wurde beschlossen, daß Zentralstelle und Zentralbildungsausschuß die Herausgabe einer Kinderbeilage für die Parteipresse erwägen möchten, da der bürgerlichen Beeinflussung de? kindlichen Denken?, rechtzeitig entgegengearbeitet werden müßte. Mit der Wiederwahl des Bezirksleiters Redakteur Koenen schloß die Konferenz. Letzte Nachrichten. Zur Gtnigilitg der polnischen und russischen Sozialdemokratie. Brüssel, 18. Juli.(Privrittelegramm des„Vorwärts".) Die Elnigungskouferenz nahm nach dreitägiger Be- ratung eine Resolution an. die die Vorbedingungen für die Einigkeit ausspricht und zur Vorarbeit die russischen Orga» nisafionen für Verwirklichung der Einigkeit auffordert, einen russischen Kongreß einzuberufen, an dem alle Gruppen teilnehmen. Der Kongreß soll über Interpretation und Pro- grammsragen beraten und Details der Gesamtorganisation festsetzen. Die Llbstimmung nach Gruppen ergab 9 Stim» menfürdieEinigungSresolution und zwei Ent- Haltungen der Leninfraktion. Die Einigungsrcsolution für die polnische Sozialdemokratie wurde einstimmig an- genommen. Anseele begrüßte die im Marsche befind- liche Einigung des russischen Proletariats: sein Ruf:„Es lebe die Einigkeit!" erweckte demonstrativen stürmischenBei- fall._ Eine Erklärung der deutschen Korrespondenten. Sämtliche /Vertreter der deutschen Zeitungen in Paris ver- öffentlichen eine Erklärung gegen die Hetzereien der.Autorite", in der es heißt: Ei» Pariser Tageblatt hat die Verurteilung„Hansis" durch das Reichsgericht zu einem persönlichen Feldzug gegen die Pariser Vertreter derjenigen deutschen Blätter benutzt, deren Haltung gegen. über Frankreich dem betreffenden französischen Blatt nicht gefällt. Dieses Blatt, das in Opposition steht zur französischen Republik und ihrer Regierung, droht tagtäglich, die Vertreter dieser deutschen Blätter aus Frankreich hinausjagen zu wollen, auf jed« Weise, selbst mit gewalttätigen Mitteln. Die HeraiA» geber dieses Blattes haben zunächst Duellforderungen er» lassen, und wir wissen nicht, wieweit sie in der Ausführung dieser Drohungen gehen werden. Wir selbst sind außerstande, uns gegen eine derartige indivi- duelle Verfolgung wirksam zu verteidigen, nicht nur, weil wir als Deutsche in Paris wegen politischer Meinungsverschiedenheiten keinen persönlichen Kamps mit der französischen Presse aufkommen lassen wollen, sondern auch, weil wir die Unabhängigkeit der Presse ohne Unterschied der Meinung achten und es ablehnen müssen, uns als Geiseln für die Haltung der deutschen Presse behandeln zu lassen. Wir kennen und achten die Rechte der Regierung gegen- über den Ausländern, aber wir weichen keinen privaten Einschüchterungsversuchen und werden unbeirrt unsere Berichterstattung aus Frankreich nach bestem Wissen und Gewissen fortsetzen. Wir müssen schließlich unserem Bedauern Ausdruck geben, daß sich während dieser Tage ein Vertreter der deutschen Presse, der Korrespondent der»Deutschen Tageszeitung", nicht gescheut hat, unS in den Rücken zu fallen und den von uns geschätzten Vertreter des»Berliner Tageblattes" geradezu unseren Angrcifrn auszuliefern. Unterm DallwihkurS. Zabern, 18. Juli. Dem bisherigen Bürgermeister von Zabern, K n o e p f l e r, der wegen seiner Haltung bei den Zaberner Vor» gängen bekannt war, ist die Bestätigung des Statthalters nicht erteilt worden. Er war bei der Gemeinderatswahl mit 17 von 23 Stimmen von den Mitgliedern gewählt worden. Die Cholera in Rußland. Petersburg, 18. Juli. Aus P o d o l i e n werden zehn weitere Cholerafälle gemeldet. Insgesamt sind Zv Personen erkrankt und 14 leftorlwa, J~ y2, »# Saison AusverKaufs Preise teilweise nochmals ermässigt Glas• Gieingut• Wirtschafis-Artikel ca. 6 000 Speiseteller Steingut, weiss, tief oder A flach.............. 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Verband der Hausarztvereine. ————— Zentrale Organisation für Volksgesundheitspflege.■ Warnung! ES ist zu unserer Kenntnis gelangt, dah gewisse Personen, angeblich in unserem Auftrage. Aufnahmen für unfern Verband vollzogen hallen und sich dabei Vermitilergebühren bezahlen haben lassen. Wir warnen hiermit ausdrücklichst vor derartigen Geschäftemachern. Man weise dieselben energisch mit ihren Forderungen ab. Unsere Funklionäre und Mitglieder vermitteln Aufnahmen vollständig kostentoS, da wir eine freie, auf Solidarität aufgebaute Organisation sind, die mit geschäftlicher Prositmacheret nichts zu tun hat.— Hingewiesen sei hiermit auf unser am Sonntag im.Vorwärts" erscheinendes Inserat. Der Zentralvorstand. eieg. Herreomoden beste Stoffe, schick. Schnitt| U Yerarbeitg., pa. Zutaten enorm billig;. E. Sommermeier fSchUnhausrr Allee 136| Tel. Norden 2195. GrtiGtes SpezialUnternehmen | Verkaufs- 1 stellen Vertrieb von Erzeugnissen sächs. 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Fast scheint es so, als ob das gut organisierte Unter- nehmertum sich jetzt zu schweren Stößen gegen die GeWerk- schastcn und zu einer Störung des Wirtschaftslebens entschlossen hätte. Die geplante Äussperruug der Tabak- und Textilarbeiter läßt darauf schließen. Damit beginnt in zwei Berufen der Kampf, der die Anstifter eigentlich auf die An- klagebank bringen müßte. Wenn schon in der Propagierung des Masscnsireikgedankcns die Staatsanwaltschaft eine Auf- forderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze findet, warum nicht in der Ausforderung und Erzwingung von Massen- ausspcrrungen?— Weil wir in einem Klassenstaat und unter Klassenrecht leben!— Die erwähnten Ausspcrrungen sind hauptsächlich darum interessant, weil sie elend bezahlte Arbeits- kräfte betreffen. Von Uebermut und Begehrlichkeit der Ar- heiter kann man demnach nicht reden. In den Matznahmen kommt kapitalistische Brutalität ungeschminkt zum Ausdruck. Das beweisen die nachstehend aufgeführten Löhne. Sie sind ermittelt nach den Angaben der Br-russgenossenschaft über Voll- arbeiter und tatsächlich gezahlte Löhne. Danach betrug der Tagesdurchschnittsverdicnst: 1V06 kv12 eines aewerblichen Arbeiters überhaupt 3,43 3.97 „ Textilarbeiters....... 2,49 2,96 „ Tabakarbeiters....... 1,92 2,15 Ergibt sich schon für alle gewerblichen Arbeiter, cinschlictz- lich der in Saisongcwerbcn beschäftigten, ein wahrlich nicht hoher Durchschnittslohn, noch viel niedriger ist er bei den fast eine Million zählenden Textilarbeitern und wiederum noch viel niedriger wieder bei den Tabakarbeitern. Der Ge- samtdurchschnittslohn ist um 34 Proz. höher als der Tagesverdienst eines Textilarbeiters und uni 85 Proz. höher als der Lohn eines Tabakarbeiters. Wie die obige Auf- stcllung weiter erkennen läßt, ist seit lst06 der Lohn der am erbärmlichsten bezahlten Gruppen auch am wenigsten gestiegen. Im Gcsamtdurchschnitt macht die Steigerung 54 Pf. aus, bei den Textilarbeitern 45 Pf. und bei den Tabakarbeitern nur L3 Pf. Unter Berücksichtigung der mittlerweile eingetretenen Verteuerung der Lebenshaltung kommt man zu dem Ergebnis, daß sich die soziale Lage der Arbeiter in den nun von dem vereinigten Unternehmertum mit Aussperrungen bedrohten Bcrufsgruppen eher verschlechtert als verbessert. Die niedrigen Löhne in der Textilindustrie und dem Tabakgcwcrbe, wofür über 1 Million Arbeiter in Betracht kommen, bedeuten auch eine Schädigung der Gesamuvirtschaft. Die geringe Kauf- kraft der Textil- und Tabakarbeitcr hat entsprechend auch gc- längere Produktion in einer ganzen Reihe von Gewerben zur Folge, die auf den Konsum für die breite Masse ein- gerichtet sind. Wenn Arbeiter streiken, dann rechnen die llnternehmcr große Summen aus, um welche angeblich das Nationalver- mögen geschädigt wird. Bielleicht geben sie nun an, welche Schädigungen sie dem„Nationalvermögen" durch ihre Ans- sperrungen bereiten wollen? Auf jeden Fall ist das Bor- gehen des Unternehmertums sehr lehrreich: um die ain elendesten bezahlten Arbeiter auf dem niedrigen Lohnniveau zu halten, stellt sich die ganze Kapitalistenklassc hinter die Unternehmer der Textil- und Tabakindustrie. Die Ausbeuter stehen zusanimen zu jeder Tat im Interesse des Kapitals. Die Arbeiter aber suchen sie zu zersplittern: wie sie sagen, aus„nationalen Gründen". Das zu glauben, nicht zu er- kennen, daß die nationalen Gründe im Portelnonnaie der Unternehmer stecken, setzt schon mehr Dummheit voraus, als selbst die Polizei erlaubt! Serlin und Umgegend. Lohnbewegung der Kraftdrofchkenführer. Die streikenden ftraftdroschkciiführer sind guten Mutes und denken gar nicht daran, den Kampf aufzugeben. Obgleich die Polizei- behörde Fahrscheine an frühere Chauffeure wieder aushändigt, denen dieselben wegen grober Telikre entzogen wurden, ist der Erfolg auf diesem Gebret gleich Null. Im pause der Woche haben eine ganze Anzahl Betriebe bewilligt, so Hätz wiederum über hundert Chauffeure zu dem vom Schredsgerichr des Gewerbegerichts mff- gestellten Tarif in Arbeit getreten sind. In einer Vertrauens- männerversammlung sowie in dreizehn Bezirksversammlungen, die über ganz Grotz-Berlin tagten, nahmen die Kraftdroschlenführer weitere Stellung zu dem Kampf. Einstimmig wurde beschlossen, unter keinen Umständen von dem gefällten Schiedsspruch ab« zulveichen und es den Unternehmern zu überlassen, wie weit sie mit ihrem Wortbruch durchkommen werdgn. Weiler wurde in den Be- zirksversammlungen fast einstimmig beschloffeu, den Wochenbeitrag ab 1, August von 60 auf 80 Pf. zu erhöben. In den Versammlungen, die zum großen Teil von den fabrenden Kollegen besucht wurden, wurde weiter beschlossen, von dem Tagesverdienst etwas für die nicht vollberechtigten Streikenden abzugeben, um de» in Fragekommenden einen höhere Unterstützung zu gewähren. Vom Verbandsvorstand ist weil« zum 1. August eine MietsentichSdigung in Aussicht gestellt. Ein Teil der Unternehmer versucht, die Bewiebe diach allerlei Versprechungen und Umgehungen des Tgrifs zu öffnen; jedoch lehnt die Streikleitung derartige Tricks entschieden ab. Die Arlicitsverhältuisse der kaufmännischen A gestellten bei der Brauerei Engelhardt waren das Thema einer Belriebsvcrsammlung, die der Zentralverband der Handlungsgehilfen einberufen hatte. Bei der Firma hatten eiueS Tages zwei Angestellte der Charlottenburger Abteilung die seit einem Jahre ständig und systematisch vermehrten Ueberstunden solvie die überaus lange Sonntagsarbeit nicht mehr leisten wollen, umsomebr, als dieselben niemal« vezahlt wurden und dazu noch eine recht liebenswürdige Behandlung durch den Herrn Prokuristen L ii ck kam. Herr Lück betrachtete das Personal als „seine" Angestellten und glaubte ihnen alles bieten zu dürfen. Wenn man die Umgangsformen dieses Herrn vernahm, so konnte man glauben, einen Landvogt vor sich zu haben und es konnte gar nicht anders kommen, als daß sich die Angestellten dagegen zur Wehr setzten. Zednefalls war es schon eine schwere Missetat, daß kaufmännische Angestellte eS satt hatten, sich zu Ueberstunden wie Rekruten kommandieren zu lassen. Sie ver- langten, daß man ihr Urteil auch höre, ob Ueberstunden und eine so ausgedehnte Sonntagsarbeit, die noch dazu ungesetzlich ist, wirk- lich notwendig seien. Da sie die Meinung hatten, daß eine bessere Arbeitseinteilung mit Leichtigkeit dazu geführt hätte, die Ueberstunden überhaupt zu vcrinciden, so verlangte man nun erst recht solche. Man wollte doch Herr im Hause bleiben. Und nun kgm das schreck- lichste. Die Angestellten rügten sich nicht ohne weiteres, sondern ver- suchten ihre Arbeitszeit pünktlich zu beenden. Darguf folgte prompt die Entlassung wegen Arbeitsverweigerung. Die übrigen Angestellten erklärten sich nun mit ihren Kollegen solidarisch und kündigten samt- lich ihre Stellungen. Nun war die Firma doch gezwungen, sich mit den Arbeirsverhältnissen zu beschäftigen, da die Angestellten den Zeutralverbasid der Handlungsgehilfen mit der weiteren Erledigung der Angelegenheit bcauipragtcii. Verhandlungen scheiterten jedoch an der vollkommenen EinsichtSlosigkeit der Firma. Obgleich man alle gerügten Mißstände zugab und versprach, eine Neuordnung vorzunehmen, erklärte der Herr Direktor Schröder den Verbands- Vertretern:„Nachdem die Herren in Form d«r Arbeitcrorganisarkongii komvlottmätzig die Arbeit niedergelegt haben, bin ich nie und nimmer bereit, die Leute wieder einzustellen." Wir machen deshalb die kaufmänitttchen Angestellten auf die geschilderten ArbeitSoerhälluisse bei diesz: Firma aufmerksam. Der Betrieb ist für organisierte Handlungsgehilfen geiperxk. Zentralverband der Handlungsgehilfe», Münzstraße 20. Achtung, Damenschneider! Die Damenschneider in Marienbad sind von den Unternehmern, mit Ausnahm� einer Firma, wegen Nichtanerkennung einer um 20 Proz. niedrigeren Entlohnung aus- gesperrt. Ein Herr Sturm in Schöneberg, Hauptstraße, versucht nun. durch Inserate in der„Berliner Volkszeitmig" Arbeitswillige für Marienbad zu gewinnen. Die Kollegen werden ersucht, dafür Sorge zu tragen, daß niemand auf derartige Inserate hineinfällt. Verband der Schneider und Schneiderinnen. Die Ortsverwaltung. Achtung, Schuhmacher! Der Streik bei der Firma Hamanit u. Co.. Michaelkirchstr. 15, ist hurch erneute Verhandlungen beigelegt worden. Tie Arbeit wird am Montag wieder in vollem Umfange aufgenommen. Zcntralverband der Schuhmacher, OrtSbcrwaltung Berlin. Zu der Aussperrung bei der Firma Hirschfcld, Schmalzsiederei, Weißcnsce, teilen wir folgendes mit: Die Firma Hirschfeld ist, statt sich mit ihren Arbeitern in Frieden zu einigen, zum Amtsgericht gc- laufen und daS Amtsgericht hat nun eine einstweilige Verfügung gegen kpyr Geschäftsleiler des Fleischerverüandcs sowohl als auw gegen den Zentralverband der Fleischer selbst erlassen. In der Ver- fügnng wird den beiden obengenannten bei Vermeidung einer Hafi- strafe bis zu einem Monat vciboten, Zirkulare an die Abnehmer oder Rundschreiben an die Fleischergescllen mit unwahren Angaben oder aufhetzenden Aufforderungen zu versenden oder sonstwie zu verbreiten. Daß wir keine unwahre? Angaben in die Zirkulare schreiben, darauf sehen wir selbst, ofine daß das Kgl. AmrSgeriä: dazu auffordert, nur wissen wir nicht, was das Amtsgericht unter „aufreizenden Ilnfforderuugcn meint", denn in der uns zugcstcllwn ciiistweuigen Verfügung ist mit lcilic»n Wort erwähnt, was für unwahre Angaben oder welche aufhetzenden Aussorderungon wir 'nicht schreiben dürfen. Eine einstweilige Verfügung kayn doch nicht gerade mir nichts dir nichts erlassen ivcrden und wird seilst gewöhnlich den Alltraggegnern mitgeteilt, welches der Grun!> ist, daß die Verfügung an- geordnet wird, und worin die unwahren Angaben oder die aus- hetzenden Aufforderungen bestehen sollen. Aber von all dem ist in der Stcafvcrsügung mit keinem Wort etwas erwähnt. Gegen die Verfügung ist Berufung eingelegt. Einige Streikbrecher haben die Arbeit bei der Firma Hirschfcld wieder aufgegeben und dc� Strei.kbrcchervcrmittluug s- bureau Tritzber, Fleischeriunungsarbcitsnach- weis, Mulackstr. 3, hat wieder eine frische Sendung Raus- rcißer an die Firma Hirschfeld übermittelt. Hoffentlich hat die Firma Hirschfeld mit dieser Vendung dasselbe Glück wie mit der ersten. Nur dadurch wird die Firma dazu kommen, geregelte Arb eits verhält nisse im Betrieb einzuführen und die and- gesperrten Arbeiter wieder cinznstcllen. Zentralverband der Fleischer. Deutsches Reich. Klompnerstreik in Greifswald. In Greifswald befinden sich die organisierten Klempnergesellcn seit drei Wochen im Streik. Die Unternehmer sträuben sich hart- näckig, einen Tarifvertrag abzuschließen. Zwei Unternehmer haben schon während der Kilndigungsfrist den Vertrag von den Gesellen unterzeichnet. Ein dritter Meister erkannte anfangs die Bedingungen auch an, trat aber später wieder zurück. Die Unternehmer sind jetzt in ein&r sehr mißlichen Sage; dys geht schon daraus hervor, daß sie mit allen Mitteln danach streben, die Arbeiter zu schädigen. Die Elttlasinygsbescheiniguligen tragen die Stempel des Verbandes demschcr Klempner- und Jnstallaieur- Innungen und des Verbandes deutscher Installateure. Klempner und Kesselschmiede. Wie die Untcrnebmcr selbst erklärten, sollen das die Kennzeichen für die übrigen Meister sein, damit sie die mit dieser Bescheinigung Legitimierten nicht einstellen. Ferner werden nichtbctciligte Firmen ersucht, die bei ihnen beschäftigten Arbeiter zu entlaffen. Würde man den Scharfmachern sagen, daß ihre Greifswald�r Kollege» mir den schlimmsten terroristischen Mitteln arbeiten, so würdW sie das sicher bestreiten. Auch die Regierung wird die.Fälle-�chcr nicht Kleines Feuilleton. Gcrhart Hauptmann und die Feuerwehr. Endlich weiß es die oufhorchende Welt: Gerhart Hauptmann ist zum Ehrenmitglied der Feuerwehr in Agnetendorf ernannt worden. Im Anschluß an eine Hebung an der Hauptmannschen Villa wurde ihm voni Brandmeister Schmiegelt da§ Ehrendiplom überreicht. Der Dichter dankie herz- lichst und versprach die Wehr auch fernerhin kräftig zu unterstützen. Won einer photographischen Älusuahme des feierlichen Moments wurdaabgelehen; dtze Nachricht selber aber wurde durch die Zeitungen gesandt und hinterließ überall ein Aufatmen. Man war rn der Tat fürchterlich gestellt, solange man nicht wußte, ob Gerhart Hauptmann Ehrenmitglied der Agnctendorfer Feuerwehr war oder nicht. Die martervolle Ungewißheit war für die Freunde des Dichters nur schwer zu ertragen, und �so begrüßen wir die so- zusagen offizielle Kundgebung des Tatbestandes mit unverhoblener Genugttnlng. Es war in den letzten Jahren von den neuen Werken des Dichters so wenig zu berichten, daß wir notwendig von seiner Person um so mehr erfahren müssen. Wir machen den Hauptmann- forschern zum Vorwurf, daß sie uns auf diesem Gebiet allzu sehr vernachlässigt haben. Wie ist im übrigen das VerhälirnS des Dichters zu den Einwohnern von Agnetendorf? � Unterstützt er direkt oder indirekt die am Ort ansässige Liedertafel? Unterhält er freundschaftliche oder kühle Beziehungen zum„Kriegerverein"? Welche Rolle spielt er in der Gemeindepolilik? Hat er zur Aus- besserung des neuen Spritzenhauses ein Scherflern beigetoageu? Ist rr aktives Mitglied eines Skarklubs oder ffpielt er lieber„Schafs- köpf" mit den Urhebern jener Fcuerwehrnotiz? Eine vorbildliche Wahlmcthodc. Eine Präsidentenwahl in Mexiko ist, wie so manche Wahl in dieser Welt, weiter nichts als eine Komödie, und nach dem Buchstaben des Gesetzes ist dort»och kein einziger Präsident zu Recht erwühlt worden. Alan bedient sich ungeniert der lächerlicksten Mittel, um die Wahl zu„kochen", wie sie in Mexiko sagen. Bei der Präsidentenwahl im vorigen Jahre war Hueria oiftziell nicht Kandidat und wurde trotzdem, mit Blanquet als Vizepräsidenten, erwählt, was sehr leicht zu machen war. Sobald ein Wähleranden Slimnikasten kam. fragte ihn der Wahlbeamte, für wen er stimmen ivolle.„Ich möchte für Felix Diaz stimminen."—„Da bedauere ich sehr", emgeguele der Beamte,„für Felix Diaz können Sie hier nicht stimmen; wir nehmen keine Stimmen für Diaz an, da müssen Sie schon wo anders wähljen."—„Wo kann ich denn für Diaz stimmen?"—„Da fragen Sie mich wirklich zuviel, ich weiß es nicht."—„Wen kann ich denn bei Ihnen wählen?"—„Huerla und Blanguet."— So wurde es in dem von Huerta beherrschten Gebiete gemacht. Natürlich machten es die Gegner in dem von ihnen beherrschten Gebiete ebenso: dort konnte niemand für Huerta stimmen...., Wir sind nnvorsichtig genug, diese Methode� hier bekanntzugeben, die natürlich von unseren Agrariern mit Begeisterung aufgenommen und nachgeahmt werden wird. Nene Oricntirrungszrichcn für Luftschisfcr. Auf dem jüngsten internationalen Kongreß der Liga der Touristenvcreinigungen wurde der Vorschlag gemacht, die Dächer der Gasometer, die be- ikanntlich weithin sichtbar sind, für Orieniicrungszwecke der Lust- schiffsc dienstbar zu machen. Es wurde angeregt, auf das Dach eines jeden Gasometers in Europa einen Pfeil zu zeichnen, der genau nach Norden zeigt, und zwar in weithin sichtbares Größe. Außer diesem Pfeile sollen noch Buchstaben und Zahlen, die einem bestimmten System entnommen sind, dem Luftschifsxr den Namen der Stcid-t anzeigen, über die er hinwegslicgt. Dieses Buchstaben- und Zahlensystem müßte durch internationale Vereinbarungen festgelegt werden. Aus genauen Karten würden dann bei den einzelnen Städten usd Orten dje entsprechenden Buchstaben und Ziffern zu finden sein, so daß der Luftschiffer die Zeichen, die er auf einem Gasometer erblickt, nur auf der Karde zu suchen braucht, um sich zu vcrgewissc-rn. wo er ist. Wenn beispielsweise die Provinz Rheinland durch X. dargestellt und Köln durch die Nummer 2 näher bezeichnet würde, so erhielte der Cölncr Gaso- mcter die Ausschrift 8. X.�. In dieser Hinsicht angestellte Ver- suche in Holland haben die günstigsten Ergebnisse gezeitigt. Die Zeichen waren selbst in 2000 Meter Höste noch jiut sichtbar, und die Methode hat ferner noch den Vorteil, daß sie sehr billig ist. Ter Ersindvr des Revolvers. Amekikanischcr kann kein Lebenslauf sein als der von Colt, dem Manne, der den Revolver erfunden hat. Vor hundert Jahren, am 19. Juli 1814 in Hartford geboren, rückt der vierzehnjährige Samuel seinem Vater, einem wohlhabenden Kaufmann, ans und geht als Kajütenjunge nach Ostindien. Zurückgekehrt, treibt er praktffch Chemie, macht einige Reisen und hält als Achtzehnjähriger Vorträge über Chemie, die ihm viel Geld bringen. Eine Idee, die er schon auf seiner Schiffs- jungentour gefaßt und durch ein hölzernes Modell zu verbildlichen gesucht hatte, arbeitet er allmählich aus und konstruiert endlich Revolver. 1842 ist die Erfindung patentfähig, er verschafft ihr auch den Schutz aller größeren Staaten. Aber als echter Amerikaner ist er auch zugleich Finanzmann und gründet mit 300 000 Dollars die„Patent Arms Company", die freilich bald falliert. Das Jahr 1847 bringt ihm Rettung durch den aus- brechenden mexikanischen Krieg. Zunächst erhält er von der Rc- gicrung nur einen Auftrag für 28 000 Tollars, aber bald bestellt sie und bestellen Private mehr, und so errichtet er bei Hartford eine Wafsensabrii. Seine Gewandtheit zeigt sich bei der Wahl des riesigen Geländes. Er wählt Wcidcgründe dafür, die wertlos sind, weil sie jedes Jahr überschwemmt werden. Nachdem er sie aber eingedeicht bat, werden sie vorzügliches Bauland. Er holt sich Bestellungen aus England und Australien, und als gar der Sezessionskrieg ausbrach, mußte er täglich 1000 Stück Revolver fabrizieren, ohne auch nur im cntfcrnicsten allen Ansprüchen gc- nügcn zu können. Er hat übrigens sein technisches Genie nicht nur in Erfindung des Revolvers, sondern auch in Anlage einer „Ilntcrsec-Battcrie" ssndmarine battery) gezeigt und hat schon 1843 ein Untersec-Kabcl von Concy Island und Fire Island nach Newyork gelegt und da man zu jener Zeit die Verwendung von Gutta-Percha zur Isolierung nickt kannte, es in eine Mischung von Baumwolle, Asphalt und Bicncnwachs gehüllt und in ein Blei- rohr eingeschlossen. Colt, starb als Mann von 48 Jahren. Musik. Sachse-Oper sim Schiller-Theoter 0): Der Postillion von Lonjumeau. Von Adolf Adam. Lang lang ist's her, daß die Oper mit dem„rhythmischen Peitschenknall" sich allenthalben riesiger Volkstümlichkeit erfreute. Da§ war zur Blütezeit der Post- Hornromantik, die ja gerade in der deutschen Lyrik des Vormärz eine große Rolle spielte. Und das merkwürdigste: Hauptheld der Handlung ist ein leibhaftiger„Schwager", den wir vom zweiten Ali ab als gefeierten Sänger der Pariser Hofoper iviedersjxidcn. Ter Kniff, daß Ädani diese Rolle sozusagen mir Musik überflutet hat, kam natürlich allen Tenören, die dos hohe 0 sti der Kehle verspürt»», sehr gelegen. Und seit es � gelungen war, einige Ritter von besagter No:e unter beritablen deuffchen Droschkenkutschern zip entdecken, da begann ein hitziges Gast- spielreisen singender und peiffchenlnallender„Postillione". Die Oper an sich wurde jetzt eigentlich Nebensache. Erst heute, wo sich die Sintflut des ButuoseiitimiS von Anno dazumal etwa« verlaufen Hätz erkennt man wieder den Reichtum an wirklich, schöne» JDModien, den Adam hier ausgegossen— nebst allerlei echtem freilich auch talmigoldnen Musilhumor. Beinah spurlos sind acht Jahrzehnte au dem liebenswürdigen Werke vorübergegangen'. Daß ihm nun Direktor Sachse zu einer im gaiizen höchst glücklichen Aufführung ver- Holsen Hätz verdient Anerkennung. Besonders wird man sich an Fritz Krauß erfreuen. Er bringt alle Eigenschaften mit, die der Postillion braucht, um mit Ehren zurbcstehcn. wenn es auch noch hier und da an reifer Gesangstechuik und durchgeistigter Kunstlultur mangelt. Neben ihm hatte Anna Enghardt als Madelaine einen schweren Stand; diese Rolle liegt ihr wenig günstig. Eine sorgfältig durch- gearbeitete' Leistung gab Adalbert Lieb an als Marquis; und Karl S ch u st e r Holle sich für seinen Dorsschmieo und nachhcrigen Choristen starken Applaus. Kapellmeister OSlar Braun zeichnete für die musikalische Leitung, Leopold Sachse für die so straffe als auf intime Stimmung gestellte Inszenierung. vir. Notizen. — Aus der Wiener Freien Volksbühne sind im letzten Jahre fast 5000 Mitglieder ausgetreten, was nicht ans die künstlerischen Leistungen der Volksbühne, sondern auf die abnorme wirtschaftliche Krise zurückgeführt wird. — Die Kammerlichtspiele in der Tauentzicnsiraße werden in ein intimxs Theater der Kleinkunst umgewandelt, mit dem Namen„ T Y l l E u l e n s p i e g e l". Der künstlerische Leiter Victor Harlberg will den Tyll Eulenipiegel neuartig auf die Bühne bringen, der die„Ereignisse und Ausivüchse im lereS modernen Lebens glossieren" soll. Das Vorbild ist wieder einmal ein Pariser Theater: Grand Guignol. — DaS B l ü t h n e r- O r ch e st e r, welches bei dqp Ge- sangsfcst in Danzig und den Sicgfricd-Auffiihrungen in den dortigen Wgldlpielen mitgewirkt hat, ist zurückgekehrt und beginnt im Moabiter Stadtthealer wieder mit seinen Volks- Sinfonie-Konzerten. Tie nächsten Konzerte finden statt: Mittwoch, den 22. Juli, Brauerei K ö n i g st a d t; Donnerstag, den 23, Juli, Konzertsäle Obiglo< Wag»er- Abends: Freitag, den 24. Juli. Berliner Bock-Bräuerei. Beginn 8V2 Uhr. Eittree 30 Pf. — Die Nobelpreise für 1914 in Phhsik, Chemie, Medizin und Literatur sollen erst am 1. Juni 1915 verteilt werden. Ob man keine würdigen Individuen gesunden hak? Aber so würdig wie die Mehrzahl der früheren Preisträger wäre doch mancher genicien.! — Der erste Internationale Kongreß für Sexualforschung findet in Berlin in den Räumen des A geordnetenhaufcs vom 31. Oktober bis zum 4. November d. I. jtai:. Weit über 100 Vorträge sind schon jetzt angrmcldetz, ihrem„rciflBaHijjen* Mnienal einverleiben.— Di« tfrbeiier sind . entschliisien, den Kampf unbedingt weiterzufkihren. Deshalb muß Zuzug, nach Greifswald unbedingt ierngehalten werden. Niitcrnchmcvterror. Vm Sonntag wurden in Bremen die auf Holzschiffen be« schäfligten Stcnier von den Unternehmern ausgesperrt. Am selben Tage verbreitete der Bremer HafenbctriebSverein ein Rundschreiben, dem eine Liste mit den Namen der ausgesperrten Arbeiter beigegeben war. Tai Schreiben hatte folgenden Wortlaut: .Bremen, den 13. Juli 1l)tt Wir überreichen Ihnen einliegend die un» bis jetzt auf- gegebenen Namen derjenigen Stauer, die bei den Firmen Louis Kroges und Joh. Morgenthal kontraktbrüchig geworden sind.— Sollten etwa inzwischen einzelne der auf der Liste bezeichneten Leute bei irgendeinem uysercr Mitglieder Arbeit gefunden haben, jo sind diese baldmöglichst wieder zur Entlassung zu bringen. Hochachtungsvoll Hafenbetrieb�verein zu Bremen E. V. Battenberg." Zuerst will man den Stauern die Löhne reduzieren, und weil kie sich das nicht stillschweigend gefallen lassen, werden sie rück- stchtslos auf Pflaster gesetzt und daran gehindert, andere Arbeit anzunehmen. Die Aussperrung In deu Karoffericwcrke» von Käthe n. Sohn in Halle und Diemetz dauert unverändert fort. Die krampfhaften Versuche, Arbeitswillige hcranzuschaffcn, haben dazu geführt, dah der Betrieb der rein- Tanbenschlag geworden ist, denn nicht einmal die Arbeitswilligen halten es in diesem Betriebe länger als 14 Tage aus. Fertige Wagen konnte die Firma noch nicht abliesern. Agenten sind im Auftrage der Firma in allen Teilen Deutschlands töng, um Arbeitswillige zu wer den. Es wird dringend ersucht, diesen Agenten gebührend entgegenzutreten, denn nur dann wird der Kampf zugunsten der Arbeiter beendet werden. Die Bev�arbeiterbewegung im Wnrmrevier. Die Oeffentlichkeil ist von dem neuerlichen Zusammengehen der bestehenden vier Bergarbciterorganiiationen etwa? überrascht worden. Vielfach wurde angenommen, das} cS nach den Vorgängen im Frühjahr Ist 12 ausgeschlossen sei, dah e« noch einmal zu einem gemeinsamen vorgehen aller Bergardeiierorgamsationen kommen würde. Jeder, der jedoch den Bergleuten eine Erleichterung ibrer Lebenslage wünscht, war sich darüber klar, daß es ücher kurz�oder lang doch� n o t w e ii d i g sei, daß sich die besteherkden Bergarbeiter- verbände, alle Gegensätze und früheren Borkonstnnisie ver- geilend, wieder zusammenfinden mühten, denn sonst war gar- nicht daran zu denken, daß den berechtigten Wünschen der Bergleute Nachdruck verschafft würde. Nur eine einige Bergarbeiterschatt kann den Herrenmenschen im Bergbau etwas abtrotzen. Nun hoben die Borgänge im Wnrmrevtcr die Bergarbeiterorganisationen zusammengebracht. In diesem Revier arbeiten zirka l'ZOA) Bergarbeiter Es kommen haiiptsächlich nur zwei Grubengesellichaften in Flage. Die gröhere ist der Eschweilcr BergwvkZverein. Auf den Gruben dieser Gesellschaft hat bescmders seit Beginn des IL Quartals dieses Jahres eine sehr scharfe Gedinge- und Loh»- rednzieruwg eingesetzt. Kb-r auch im IV. Onartal ISIS und 1. Quartal Ivfl waren die Löhne bereits herimtergedrückl worden. So betrugen die Durchschnittslöhne pro Schicht: Für alle Arbeiter: im Quartal 4,S7 M. und 4. Quartal 4,92 M. und 1. Quartal 4,L!j M. Für die Hauer und Lehrhaner stellten sich die Löhne in obigen Quartalen auf 5.7Z. 5,34 und 5,67 M. pro Schicht. Wir sehen also, das; die Löhne stetig zurückgegangen sind. Nach den vorliegenden Lohnzrtteln und Lohnitgtistckeu wird das 3, Qua.tal ein bedeutend größeres Sinken der Löhne aufweisen. Durch die Kürzung der Löhne im 4. Quartal 1013 und ersten Quartal 1914 sind den Wurmbergleulcn schon 157 500 M. Löhne entgangen. Dagegen hat die Lebenshaltung der Arbeiterfamilien keine Berbilligimg erfahren, ja, die Grubenverwaltungen sind ver- scheedentlich sogar dazu übcrMgangcn. die Metspreise für die Wert- Wohnungen in die Höhe zu letzen. Dieselbe WerkSleitung, die die Löhne reduziert, erhöht die WohniingSmieten. Weiter kann es nicht gehen, lind dies geschieht von einer Gesellschaft wir dem Eschjveiler BergwerkSvercin, der so kapilntkräftia dasteht und unter so günstigen Bedingiingsn arbeitet, dah der Tireklor in der Generalversammlung am 13. März 1V13 in Kösir ausführte: „Die Gewähr für die Aktionäre würde nicht nur von der Vurlacher Gruppe, sondern mich durch die Erträgnisse des Eschweiler Unternehmens selbst geleistet. Die Lorräte der Gesellichast an Kohlen sicherten eine Ausbeute für Jahrhunderte, selbst bei ge- steigerter Förderung." In derselben Generalversammlung erfolgt» die Fusion der ver- »iniglen Hüttenwerke Burlach-Eich-Dudelingen mit dem Eschweiler BcrgiverkSvrrein. Die Herren Aktionäre der Eschweiler Gesellschaft waren so sehr von der Prosperität der BcrgwerkSanlagen überzeugt, dost sie sich für die nächsten 30 Jahre eine Durchschnitls- dividende von 13,2 Proz. notariell sicherten. Aber auch in der Bcrganocnheit haben die Aktionäre nichk schlecht eingeheimst; denn sie erhielten in den letzten 30 Jahren eine TurSichnittsdividende von 9,2 Proz. ausgeschüttet. Wir sehen also, daß die Bergleute es bisher verstanden haben, den Herren Aktionären gute Löhne heraus- zitwirischaften, und kann man es den Knappen nicht verdenken, wenn sie jetzt mal an sich selber denken und sich gegen die Lohn- rcduzienmgen zur Wehr setzen. Im Laufe der Woche vom 12. bis IS. Juli haben»un für alle Gruben Bclegschaftsvcrsnmmlungen stattgefniidcn. Der Besuch war ein ikbermis starker. Ueberall wurde es freudig begrüßt, daß die Verbände sich zu einer gemeinsamen Aktion zusammengefuudcil hatten. In allen Bersammlungen wurden die ArbeiterairSschüffe beauftragt, folgende Forderungen den Per- waktungen zu urnerbreiten: 1. Dc� Gedinge ist so zu bemessen, daß der Hauer nicht unter S,7o N. pro Schicht verdient.— Beim Abschluß des Gedinges ist den Arbeitern ein größeres Mitbestimmungsrecht einzuräumen, damit die talsächlichen Verhältnisse mehr berücksichtigt werden. 2. Die Löhne für Zimmerhauer und sonstigen Arbeiter sollen wieder auf den Sland gesetzt werden, den sie vor den jetzigen Lohnkürzmigen halten. 3. Bv Bestrafung ivegen unreiner Ladung oder Mindermaß sollen die tatsächlichen Flötz- und Strcckenverhältnisse mehr als bisber berücksichtigt werden. Außer diesen allgemeinen Forderungen hat jede Belegschaft noch eine Reihe besonderer Wünsche und Beschwerden. Hoffen wir, daß bei den in nächster Zeit stattfindenden Verhandlungen der Arbeiter- ailSschüsse mit den Grubenverwaltungen es gelingt,' die Wünsche der Arbeiter zur Gclhing zu hringen. Vorerst ist der Zuzug nach dem Wurmrevier bei Aachen streng fernzuhalten. ?illslanS. Die Straßeiibahnangvstclltcn von Christiania(Norwegen) sind in den Ausstand getreten. Der Verkehr ruht auf allen Linien der Stadt. Der Moskauer Bäckerausstand. Infolge des BäckerauSstandeS ist »ine ungeheuere Brotverteuerung eingetreten und der Preis steigt- täglich noch. Eine große Anzahl Bäckereien hat ihren Betrieb ein« stellen müssen; insgesamt feiern 8000 Arbeiter. Soziales. Wie lange noch? Tas fast völlige Versagen der Dtrafjustiz gegen rohe und übermütige Verbrachen und Vergehen agrarischer Kreise, ins- besondere Großgrundbesitzer und ihrer Trabanten, zeitigt von Tag zu Tag neue Rohaften. Wir registrieren eine, die sich dieser Tage in der Nähe v'on Tilsit abspielte. Zwei Landarbeiter. G. und B., kehrten, friedlich ci» Liedlcin trällernd, von einem Arbeiterfest nach Hause zurück. Da drang der Gutsinspektor DauSkart in Kaukwethen in die Wohnung des Arbeiters G. ein und rief diesem zu: Du ver- fluchler Schweinehund, was hast Tu gesunaen 7 Gleichzeitig schlug D. den Arbeiter so kräftig in? Gesicht, daß dieser. über das Bett fiel. Die Frau des Arbeiter», die ihrem Manne zu Hilfe kam, erhielt von dem rohen Pairon einen Schlag ins Gesicht, daß sie zu Boden fiel! Tann haust« der Inspektor wie ein Berserker in der Wohnung: Waren und Leben?- mittel in der Wohnung brat er mit dcn Füßen und schleuderie sie gegen die Wand. Beim Hinausgehen rief er ohne Micksicht auf die anwesenden Kinder der Frau zu: Alte Sau, Biest, dämliche? Luder, und den Mann beschimpfte er mit Aus- drücken wie Lorbatz und Lümmel. Mit den Worten: Ich spiele selbst Richter! Ich schlage Euch, daß Ihr krumm und lahm werdet! verschwand er dann. Am anderen Tage erschien Inspektor Dauskart wieder in der Wohnung des G. und fragte dicsoa, ob er nicht arbeiten kam- men wolle. Auf die ruhige Entgegnung des Mannes: Sehen Sie einmal, was meine Frau alles eingekauft hat und was Sie alle» zerschlagen habertz! brüllte der Inspektor: Ne solche Schwei- n e re i! und versetzte dem Arbeiter einen Schlag, daß er zu Boden stürzte. Dann entfernte er sich mit der Drohung, daß er den Lümmel totschlage, wenn er auf den Hof hinauskomme! Tic Herrschaft der Junker und das völlige Versagen der Justiz in so vielen Fällen der Roheit gegen Leben, Gesundheit, Ehre und Hausfrieden an Ar- beitern in Ostclbien. nicht minder das Walten des Militarismus mit seinen Folgeerscheinungen zeitigen solche rohe Tat. Noch viel bedauerlicher als sie ist, daß der Arbeiter nicht von seinem Recht der Notwehr Gebrauch gemacht und den Inspektor so zugedeckt hat, daß ihm die Fortsetzung seiner Frcveltaten unmöglich war. Tics Versagen der Notwehr gegen die Herrschenden ist vielleicht auf dieselben Ursachen zurückzuführen wie die Wurzeln der RoheitSakte selbst. Tie Monschenehre und die Menschenrechte dürfen sich aber die Landarbeiter nicht rauben lassen. Wird hernach der Spieß umgedreht und werden sie etwa ungerecht verurteilt, wie- wohl sie nur von ihrcni Notwehrrccht Gebrauch gemacht haben, so ist das nicht so schlimm, als sich in dieser Weise behandeln zu lassen. Denn schließlich erwächst aus den ungerechten Ur- teilen einer Rechtsprechung mit Notwendigkeit die Notwehr gegen solche Urteile selbst. Mag diese Notwehr sich z« Gesetzen verdichten, die un- gerechte Urteile dadurch nach Möglichkeit hindern, daß an Stelle der heutigen nur einer Klasse angehörenden Rechts- organe ans allen Teilen der Bevölkerung durch das Volk selbstgewählte Organe des Zlechts fungieren, oder mag die Art solcher Rechtsprechung schließlich die Empörung so hell auflodern lassen, daß sie die Grenzen des formalen Rechts überschreitet. Gegen den Jnsvektor ist Strafanzeige erstattet. Man wird ja erfahren, ob die Staatsanwaltschaft, die ja leider so oft ein„öffentliches Interesse" nur dann als vorliegend an- sieht, wenn es sich um vermeintliche Verfehlungen von Arbeitern handelt, der inspektorlichen„Gerichtsbarkeit" Gleich- bcrechtigung mit der offiziellen Justiz einräumen, die rohen Beleidigungen und Tätlichkeiten auf den Weg der Privat- klage verweisen und lediglich wegen.Gausfriedensbruchs ein- schreiten wird. Gerade jetzt wieder verkündeten Junker in Labia»- Weh lau: Herr und Knecht ssicn doch eigentlich eine Familie. S o a l s o sieht das junkerliche„Familienleben" in Ostelbien aus, und so denken es sich die Herren auch nach den Wahlen. Wie lange noch... bi? endlich der ländliche Arbeiter aufwacht, sich gegen die Junker zusammenrafft und b e i wie nach den Wahlen die Junker als Todfeinde der Arbeiter und dcS VaterlandwZ bekämpft! Halten die Arbeiter zusammen, so ist es mit aararischer Raff- gier und junkerlichem Ucbcrmut porbei Möge auch das Tilsiter Vorkommnis bei der Wahl in Labiau-Wchlau Früchte gegen die Junkerherrschaft zeitigen. Gerichtszeitung. Milde gegen Nicht-Arbeitcr. Vor dem Bonner Schöffengericht hatte sich dieser Tage ein Student einer„nichtjchlagenden" katholi- schen Verbindung wegen Mißhandlung zu verantworten. Er hatte ohne jeden Grund nachts einen Kcnifmann in ganz ge- meiner Weise angerempelt und mit seinem Stock so geschlagen, daß der Ueberfallene durch die Feuerwehr in die Klinik geschafft und fünf Wochen das Bett hüten mußte. Der Mann wird laut ärztlichem Gutachten vielleicht dauernd unter den Folgen der Mißhandlung zu leiden haben. Der Aintsanwalt beantragte gegen den Studenten 500 M. Geldbuße. Das Gericht erkannte auf 200 M. In der Urteilsbcgrürckung heißt eS, es handle sich zweifellos um eine außerordentliche Roheit. Eine Gefängnis- strafe sei aber zu empfindlich, weil dem Angeklagten auch noch ein Zivilprozeß bevorstehe, der ihm große Kosten verursachen werde. Wie rücksichtsvoll! Wo bleibt diese zarte Rücksicht, wenn ein streikender Arberter einen Arbeitswilligen etwas hart an- gefaßt hat? Da sind Tätlichkeiten noch nicht einmal nötig, um auf Gefängnis zu erkennen. Ist doch neulich ein Re- dakteur unseres Kölner Parteiblattes zu 6 Wochen G e- f ä n g n i s verurteilt worden, weil er einen Zuhälter beim richtigen Namen genannt hat, aber freilich, dieser Zuhälter gehörte zu den Stützen der heutigen Gesellschaft. Und wo blieb die richterliche Rücksicht, als es sich um die Bewertung der umiberlegten Bcmalung des Kaiser-Friedrich-TenkmalS handelte? äs/» Jahre Gefängnis wurden da gegen 4 Arbeiter verhängt, wiewohl der grobe Unfug keinerlei dauernde Folgen hatte und mit je 20 M. Geldstrafe reichlich vergolten ge- Wesen wäre._ KirchenauStrittSsormulare. Die Schankwirtin Tappert in der Steinmetzstraße 113 in Neukölln war von dem Komitee„Konfossionslos" ersucht worden, in ihrem SKanklokal ein Plakat aufzuhängen, auf dem gedruckt stand.„Kirchenaustrittsformulare sind hier unentgeltlich zu haben." Dem Ersuchen kam sie nach. Sie erhielt darauf ein Strafmandat über 3 Mark, weil sie durch den Aushang gegen da? altpreußische Preßgesttz sich vergangen habe. Nach dem bekann>ten§ 9 dieses Gesetze?. dem sogenannten Plakatgesetz, dürfen„Anschlagzettel und Plakate, welche einen anderen Inhalt haben als Ankündi- gungen über gesetzlich nicht verbotene Versammlungen, über öffentliche Vergnügungen, über gestohlene, verlorene oder ge- fundene Sachen,»her Verkäufe ol>er andere Nachrichtew für den gewerblichen Verkehr nicht angeschlagen, angehestet oder in sonstiger Weise ausgestellt werden". Das Schösfengcricht Neukölln sprach die AiKgiflagte ftCj( da es sich uin eine Nackiricht für den gewerblichen verkepr gebändelt habe. Der AmtSanwalt legte Berufung ein. Infolgedessen gelangte gestern die Sache zur Verhandlung vor der Fcrienstrafkammcr des Landgericht» Berlin II. Vergeblich»nachts Frau Tappert geltend, sie habe die Anheftung de» Plakat» im Interesse ihres Gewerbebetriebes ebenso für notwendig erachtet, wie das Halten eines Adreßbuchs, die Unterhaltung eine» Fernsprechers usw., zu- mal mehrfach nach Kirchcnaustrittssormularen von Gästen gefragt worden sei. Da« Gericht folgte der neuen, unseren Lesern be- kannten Auffasiimg de» KammergerichtS und verurteilte die Ange- klagte zu 3 M. Geldstrafe.?luSt«ttZforinulare gehörten nicht zuin Gewerbebetrieb eines Schankwirts. Ist das Plokatgesetz noch anwendbar und so"anzuwenden, wie es das Kammcrgericht angeordnet hat, so müssen die Staatsanwaltschaft und die Polizei gegen alle Sünder gegen dos überlebte Plakatgesetz vorgehen, z. B. Plakate für Lungen- Heilstätten, christliche Missionen, nationale Jugendvcreine und dergleichen. Weshalb geschieht das nicht? TaS beste wäre, endlich mit dem überlebten Plakatgesetz aufzuräumen. Uebri- gens ist der Verkauf von KirchenauStrittSformularen und die Ankündigung de? Verkaufs jedermann, auch Gastwirten, gestattet. Sie können der Parität halber den Verkauf auch gemeinsam mit dem von Bibeln und Gesang- büchern anzeigen. Wenn die unentgeltliche Abgabe mit 3 M. bestraft wird, so ist der Verkauf weit bilkiger und nützt nicht minder._ Das uncrklärNche Manko. Unter der schweren Anklage der Veruntreuung mutlicher Gelder hatte sich gestern der Gütervorsteher Kurt Ulrich au? Lichtenberg vor der k. Fericnstrafkammer des Landgerichts I zu verantworten. Der?lnaeklflflte war als Gütervorsteher«ruf dem Scblestfchen Bahnhof tätig gewesen. In dieser amtlichen Stellung bekleidete er gleichzeitig auch den Posten eines zweiten Vorstehers der Dtationskassc. Als der Obcrkassenvorsteher Darleben in der Zeit vom 15. Juli bis fi. August v. I. auf Urlaub ging, hatte der An- geklagte während dieser Zeit dessen Geschäfte zu versehen. Als Varleben zurückkehrte, stellte sich in der Kasse, welche einen Bestand von 6 385 000 M. hatte, ein Manko von 2851 M. herau«. Da die nintlichcn Ermittelungen ergaben, daß U. etwa» über seine Verhältnisse gelebt, häusig Auiodroschke gefahren war und auch gespielt hatte, wurde angenommen, daß er die fehlende Summe unterschlagen habe. Der AnaeNagte, der von Anfang an jede Schuld bestritten hatte, verwahrte sich auch vor Gericht mit aller Energie gegen diesen schweren Vorwurf. Vom Verteidiger wurde darauf hrngewiese», daß bei allen Instituten, die mit derartig bohen Summen arbeiten, ein besonderer Mankosond» existiere. Der Angeflagtc stelle unter Beweis, daß für dt« Arbeiten, die sonst von vier Beamten verrichtet worden seien, nur drei Beamte vor- Händen gewesen seien. Tie Folge sei eine Ueberlastung des einzelnen gewesen, und bei dem kolossalen Verkehr, der in die Millionen gehe, sei ein Irrtum sehr wohl möglich. Da der Ver- teidiger bestritt, daß der Kassenbestand überhaupt richtig angegeben worden sei, keschleß da» Otericht eine nochmalige genaue Prüfung der Kassenbücher vornehmen zu lassen, da immerhin die Möglich- keit eine» Rechenfehlers gegeben fei. Die Verhandlung- wurde deshalb auf unbestimmte Zeit vertagt. Zensur gegen Gastwirte. «Hoffiuanns Sänger" und insbesondere„Schruppke kommt" gaben dem Kammergeri�t Veranlassung, den Aus- spruch zu tun. wie weit Gastwirte unter Zensur stehen. Ter Gastwirt Franke in Berlin hatte einen Vertrag mit der Gesellschaft„Hoffmanns Sänger", wonach diese an einem be- stimmten Tage der Woche in seinem Lokal auftrat. Ter Nutzen des Wirts bestand in der Einnahme aus Speisen und Getränken. Franke besaß die Erlaubnis zm» Aufführung � von Singspielen, Gesangs- und deklamatorischen Vorträgen in seinem Lokal. Hoff- mann? Sänger boten an einem ährer Abende ein Singspiel und sonstige Gesangsvorträge dar; außerdem aber auch einen Schwank „Schruppke kommt", bei dem nur gesprnchen wurde. Wegen der Ausführung dieses Schwank; verurteilte das Landgerülit den Wirt Franke zu einer Geldstrafe. Und zwar sollte er den§ 33a der Gewerbeordnung übertreten haben. Da» Gericht verwies darauf, daß Angeklagter zwar eine Erlaubnis aus 8 habe, daß diese in seinem Falle aber nur Singspiele und deklamatorische und Ge- sangSvorträae umfasse. Ein Theaterstück, bei dem gar nicht ge- jungen tueroe, wie bei dem Schwank„Schruppke kommt", falle weder unter die Singspiele, noch unter die deklamatorischen und Gesangsvorträge im Sinne seiner Konzession. Ohne eine Er- laubnis, die derartige theatralische Darbietungen mit umfaßte, hätte Angeklagter die Aufführung von„Schruppke fizmmt" nicht zulassen dürfen. Außerdem habe er aber geaen§ 33a gefehlt, da er seine Räume gewerbsmäßig für die Veranstaltungen der„Hoff- manns Sänger" hergegeben habe. Endlich deshalb, weil weder „Schruppke kommt", noch das an jenem Abend gegebene Sing- spiel„JuöiläumStag" zur Zensur eingereicht worden sei. Mit Rücksicht aur die im Lokal des Angeklagten geplante Aufführung der beiden Stücke hätte die Emreichung der Texte'zur Zensur erfolgen müssen, obwohl beide Stücke für die Aufführung in anderen Lokalen durch die Zensur bereits zugelassen waren. TaS Kammcrgericht verwarf die vom Angeklagten gegen das Urteil eingelegte Revision, indem es die Verurteilung auf Grund des 8 33a der Gewerbeordnung und der Zensurverordnung für gerechtfertigt erklärte. Insbesondere habe der Uxnstand, daß die beiden Stücke für andere Lokale bereits zensiert waren, nicht davon befreit, sie zum Zwecke der Zenfierrmg für das Lokal des Ange- klagten der Polizei eingurcichm. Die Polizei ist eben die Seele des preußisch-dcutschen Staates. Daher— ohne Polizei kein Vergnügen. Eingegangene Druckschristen. Arterie, ivcrknlknng. Don Pros, O. Müller. 60 Ps.— Strecker und Schi öder. Stuitgart. StaiitSbürger-Bibltotber: 39. Bankwesen, von Dr. P. Beusch. — 48. Die panainerikanischc Beweanng. Von Dr. H. Wehbcrg.— Tinzelnnmmer 45 Ps.— Der staatsbürgerliche Ingeiidnntrrricht. Bau Elisabeth Gnauck-Köhn«. 55 Pf.— Volksvereinsverlag, München« Gladbach._ «ittternngSüberllckit vom IS. Juli 1914, Wettcrvroqnoie für Sonntag, den 10. Uuli 1914. Ein wenig wärmer, vielsach heiter, aber veränderlich mit sorldauernb« Gewittenielguiig und meist schwachen südwestlichen Winden. B e r l t n e r V e t r e r b u r e a u. WettrrauSstckiten für da» mittlere Skorddeutlchland bi» Montaguitttag: Ziemlich warm und schwül, vielsach heiter, aber ver- Snderiich. Autzer o» den östlichen Küstengebieten an de» meifte« Orten leichte Gewitterregen. Nachher etwas lühler. ScHmtr'Jkrfifcr� 'undiTäfleMerenndsfa*' zsohnern de? Hauses Oranienftr. 108, herzlichen Dank. Im Namen der Hinterbliebenen v Otto Beyer. 80a ' Don der Reife zurück: Zahnarzt Carl Goldschmidt, Neukölln, ivergstrnsie 159. Amt Neuköln 918«.«19/19 Slumen- uud Krlinzdlndertl Paul' vruunenchr. Sit. Tel. Not den 2304 Sozialdemokratischer Wahlvorein des 4. Berlioer Reichstags-Wahlkreises. Disnstag, den 21. Juli, abends 8'/« Uhr: 6 Viertels-Versammlungen. 1. Görliher Viertel �ei Graumann, Naunynstr. 27. 2. Köpenicker Viertel im Lokal„Südost", Waldemarftr. 75. 3. Frankfurter Viertel bei Boeker» Weborstr. 17. 4. Stralauer Viertel in den wie vor für alle mich beehrenden Vereine und Ge» werkschasten frei ist. Um regen Zuspruch diticnd zeichnet TIl.)sc0dit2. Krsiuspencten sowie sämtliche• Blumciurrangcmcnta liefert schnell und billig Fun! Gross, Lindenstr. 39, Telsl0ipl.720Z ISUK* SSS W-ielfibnk mit iämtlich. Maschm. werden tüchtige �ls»)iei alS Genossen gesucht. Lfs. dl. 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In Tcmpelhvf ist das Lokal„Tcmpclhofer Tivoli�, Jnh. A. Hoff- , mann. Berliner Str. 97. von der Lokalliste zu streichen und sür die organisierte Arbeiterschaft als gesperrt zu betrachten. _ Die Lokalkommission. Vierter Wahlkreis. Die Genossinnen der 49. Abteilung der- anstalten am Montag einen Ausflug nach Sadowa. Restaurant Waldschänke. Treffpunkt: Bahnhof Landsberger Allee IVa Uhr.— Gäste willkommen 1__ Sechster Wahlkreis. Am Mittwoch, den 22. Juli, abends 8 Uhr, finden die Ver- sammlungen unserer jugendlichen Mitglieder von 18 bis 21 Jahren in folgenden vier Lokalen statt: Strack, Schönhauser Allee 134, �Kaczerowski, Ravenestraße 6, Franke, Badstratze 19 und Schröder, Slromstrasze 3(5. Wir ersuchen die Bezirksfübrer, unsere jugendlichen Mitglieder ganz besonders auf diese Versammlungen aufmerksam zu machen und einzuladen. Die 2. Abteilung veranstaltet am Dienstag den 21. Juli eine Dampferpartie nach Voigts Krampenburg. Abfahrt morgens VaS Uhr vom Brandenburger Ufer. Lichtenberg. Dienstag, den 21. Juli, abends Z'/z Uhr, Generalversammlung im Schwarzen Adler, Frankfurter Chaussee. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zum Parteitag. Referent: ReichslägSabgeordneter A rtu r S t a d th a g en.— 2. Diskussion. — 3. Aufstellung der Kandidaten.— 4. Anträge. Tegel. Die Mitgliederbersammlung findet am Dienstag, den 21. Juli, abends 8>/z Uhr, im Gesellschaflshause Tegel, Schloßftrafie, statt. Tagesordnung: 1. Bericht von der Generalversammlung von Grofi-Berlin. 2. Vorschläge zur Delegiertenwahl zum Parteitage. 8. Vereinsangelegenheiten und Verschiedenes. Nicder-Schöncweide. Dienstag, den 21. Juli, abends S'/a Uhr, findet bei Bock, Rest.„Waldhaus", eine außerordentliche Generalversammlung statt. Tagesordnung: Vortrag. Neue Bezirks- abgrcnzung. Rosenthal. Am Dienstag, den 21. Juli, abends 8t/, Uhr im Lokal von Gustav Milbrodt, Waldersee- Straße S, Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Bericht von der Vorstands- Generalversammlung(Fortsetzung).— 2. Wahl den 2. Vorsitzenden und der Beisitzerin der Frauen.— 3. Parteiangelegenheiten. öerliner Nachrichten. ?m Lust- und Sonnenbad. Wer sich den Luxus einer Sommcrreise leisten kann, ist stolz darauf, sich nach der Rückkehr seineu Freunden und Be- kannten braungebrannt wie ein Nubier präsentieren zu können. Die Glücklichen, die an der See waren und sich die Haut bis zum Platzen verbrennen ließen, werden in der Groß- padt, wo die fahle, aschgraue Proletarierfarbe das Vor- herrschende ist, ganz besonders angestaunt. Zwar stimmt's ' nicht inimcr mit der Reiserenommisterei. Man kann sich auch am grünen Strand der Spree, wenn nian die nötige Zeit hat, im Hochsonimer recht hübsch von der isonne„einbrennen" lassen. Unsere Ruderer, die in der Fericnsaison von früh bis spät auf den Groß-Berliner Gewässern liegen, strotzen jetzt äußerlich von Gesundheit, und den gewohnheitsmäßigen Frei- badbesuchern merkt man es auch an, daß Wasser, Luft und Sonne drei Elemente sind, die sich in richtiger Ausnutzung ihrer Heilkraft innig zum Wohle der Menschheit vereinen. Ten Vogel schießen aber doch die Stanungäste der Sonne ab, die dem Schatten ängstlich aus dem Wege gehen und sich nie- mals wohler fühlen, als wenn sie in sengender Hitze, auf glühendem Sand wie aus dem Rost schmoren können. Sie befolgen systematisch den jahrtausendealten Ersahrungssatz, daß die Sonne heilt, und erhoffen von ihr nicht nur allge- meine Stärkung, sondern auch die Vertreibung der verschieden- sten menschlichen Gebrechen, insbesondere rheumatischer Leiden, von denen heutzutage, zum großen Teil unter dem Einfluß sozialer Mißverhältnisse, Zchntausende geplagt werden. Aber unser verehrter Herr von Jagow, der im treuen Ver- ein mit seinen konservativ-kirchlichen Unsittlichkcitsriechern am liebsten jeden badenden Menschen in einen bis zum Halse fest zugeschnürten Sack stecken möchte, würde Wohl auch den Sonnenbrüdern und Sonnenschwcstcrn auf das Dach steigen, wenn sie ihren hygienischen Sonnenfreuden allzu öffentlich Ausdruck geben wollten. Ob ihm nicht auch schon der Bubi- Kragen ein Gegenstand sittlichen Aergervisses ist? �gei uns wird ja die.stlciderfrciheit. von der in mondänen Weltbädern ungeniert Gebrauch gemacht wird, mit der burcaukratischen Elle gemessen. Es wäre gar nicht so überraschend, wenn Herr von Jagow mit einer seiner zur Weltbcrühmthcit avancierten Polizeiverordnungen auch verbieten würde, in Hemdsärmeln über die Straße zu gehen. Also müssen die Sonncnliebhaber, wenn sie nicht den Berliner Staub von ihren Füßen schütteln und sich von der Vorortssonne an Wald und Seen durch- leuchten lassen wollen, eins der eingezäunten Luft- und Sonnenbäder— ohne Astlöcher I— aufsuchen, die in den letzten Jahren dicht bei Berlin schon recht zahlreich entstanden sind, beispielsweise vom Verein für Körperkultur in Eich- kamp-Grunewald und in Treptow. Hier ist man gewiß„unter sich", ohne die Argusaugen der Polizei, und trotzdem gibt es nichts zu schnüffeln für die- jenigen, welche so gern durch das Loch im Zaun sehen, Strand- körbe ableuchten oder mit Fernrohren nach Menschcnfleisch in Badehosen suchen. Streng wird auf gute Sitte im Sonnen- bad gehalten, obwohl die Abteilungen für die Geschlechter, im Gegensatz zu den Freibädern, getrennt sind. Die Einrich- hingen sind meist sehr einfach, ohne jeden Komfort, der hier guck, gar nickt verlangt wird. Bei einem Eintrittspreise von SO bis 40 Pf., der noch recht hock ersckeint und Massenbesuch fernhält, könnte aber doch wohl für verschließbare Einzelzellen gesorgt werden, zumal für das Abhandenkommen von Wert- gegenständen nicht garantiert wird. Auch der Sand, von dem es doch in der märkischen Natur gerade genug gibt, läßt zu wünschen übrig. Viele Sonncnbadende liegen hier den ganzen oder halben Tag, machen sich zwischendurch Bewegung an Turnovparaten, benutzen flcißia die Douchc und den Garten- schlauch, nehmen auch ihre Mahlzeiten im modernisierten Adams, und Evakostüm ein. Gesund mag das bei richtiger Einteilung schon sein, aber wieder tritt für den Minder- begüterten die Abhängigkeit von Geld und Zeit hervor. Freiwillige Arbeit. Es war an einem Julisonntage, frühmorgens und doch schon drückend heiß. Das Thermometer zeigte beinahe 39 Grad. Ich batle einen Spaziergang nach einem südlichen Berliner Vorort ge« macht. Die dort errichtete Arbeiter-.Villenkolonie" einer Bau- genossenschast wollte ich mir einmal näher ansehen. Die schon fertiggestellten einfach-schmucken Häuser gefielen mir sehr gut und noch besser die hübschen kleinen Gärten, mein Junge aber war entzückt von dem großen Spielplatz, den er schon von weitem entdeckt hatte. Ich mußte also hin. Da waren alle mög- lichen Spielgeräte für kleine und große Kinder. An einer Stelle des Spielplatzes arbeiteten im Schweiße ihres Angesichts eine Anzahl Männer mit Spaten, Karre und anderem Handwerkszeug und machten Erdarbeiten. Während � mein Junge die Turngeräte auf ihre Brauchbarkeit und Dauerhaftigkeit untersuchte(er ist Kenner solcher Sachen), trat ich etwas näher an die Arbeitsstätte heran. Man erzählte mir, daß eine P l a n s ch w i e s e für die Kinder der Baugenoffen eingerichtet werden solle und da die Genossenschaft augenblicklich nicht über allzuviel flüssiges Geld verfügt, so hatten sich die Baugenossen entschlossen, sich selber dabei zu machen und die den Kindern ersehnte Planschgelegenheit fertigzustellen. Schon am Abend vorher hatten sie bis tief in die Nacht hinein gearbeitet und Sonntag« früh um 5 Uhr waren die ersten schon wieder zur Stelle. Ob denn alle die fleißigen Leute Erd- oder Bauarbeiter wären, fragte ich. Nur einer, hieß cS, alle anderen gehören zu den Buch- druckern, Lithographen und ähnlichen„schweren" Berufen. Und trotzdem diesen Fleiß! Allen ohne Ausnahme rann der Schweiß fast in Strömen vom Körper. Nur mit Hemd und Hose bekleidet wurde gearbeitet. Es sah fast aus wie in einem Hochofenwerk. Die Planschwiese sollte bis Mittag noch fertig sein. Darum gab es bei den Arbeitern, die sonst auf Einhaltung der Pausen mit Recht eifersüchtig wachen, heute nicht mehr zum Einnehmen des Frühstücks eine rechte Pause. Es mußte eben durchgearbeitet werden. Als ich nach etwa vier Stunden wieder dorthin zurückkehrt«, arbeiteten alle(eS waren sogar ein paar mehr geworden), noch mit demselben Eifer an der Fertigstellung ihrer Planschwiese. Als ich dem Ort den Rücken kehrte, stellte ich meine Betrach- tungen an über den Unterschied zwischen der heute üblichen Zwangs- arbeit und einer freiwilligen, im Interesse des Gemeinwohls geleisteten Arbeit, Alle diese Leute hatten von Sonnabend bis Sonntag schwerer gearbeitet, als sie es in der Woche tun mußten. Und doch, ich habe nur vergnügte, ja sogar kreuzvergnügte Gesichter gesehen. Unter Lachen und Scherzen trieben sie sich gegenseitig zu immer größerem Eifer an. Und doch war das Gemeinwesen, wofür sie ihre Kräfte und ihre ganze Ausdauer einsetzten, nur ein kleines Gemeinwesen._ Nervenkranke in der Hascnheide. Die Krankenkasse der A. E.-G. schickt ihre Nerverkranken durch« weg nach dem Krankenhaus an der Hasenheide. Dagegen haben sich die Kranken wiederholt schon gewandt, ohne jedoch eine Aenderung erreicht zu haben. Warum ausgerechnet diese Anstalt für Nerven- kranke bestimmt wird, ist nicht recht einzusehen. Gegenüber dem Krankenhaus befinden sich mehrere große Sommerlokale, in denen bis weit in die Nacht hinein konzertiert wird. An die Hinterfront der Anstalt stoßen die Militärschießstände, in denen täglich und auch nachts fast ohne Unterbrechung geschossen wird. Hierzu kommt schließlich noch das ebenfalls kaum ruhende Getöse der Straßen- bahnen und Autobusse. Alles in allem genommen Umstände, die man beim besten Willen nicht wird als Heilfaktoren für Nerven- kranke ansprechen können. Aber auch für sonstige Kranke dürfte der fortgesetzte Lärm kaum von wohltuendem Einflüsse sein. Da es nun schwer möglich sein wird, die störenden Geräusche zu verhindern, müßten die Kassen zumindest für ihre Nervenkranken andere Heilstätten bestimmen. Das liegt eben so sehr im Interesse der Patienten, wie auch der Kasse selbst, denn ein Patient, der keine Heilung findet, liegt der Kasse immer wieder zur Last. Eine Verzweiflungstat. Ein schweres Verbrechen wurde Freitagabend gegen 7 Uhr in Oranienburg im Hause Lehnitzstraße 21o entdeckt. Dort hat im Laufe des Tages oder in der vorhergegangenen Nacht der Pensionär Franz Collin seine Wirtschafterin ermordet und sich selbst gegen 7 Uhr zu töten versucht. Im Hause Lehnitzstraße 21o wohnt seit April d. I. der frühere Kanzlist bei der Staatsanwaltschaft in Bochum Franz Collin, der im Alter von 50 Jahren steht. Er lebt seit acht Jahren von seiner Frau geschieden. Die Wirtschaft wurde ihm von einem in der Mitte der dreißiger Jahre stehenden Fräulein Linke geführt. Da Collin von seiner Pension noch seine Frau unterhalten mußte, geriet er in finanzielle Schwierigkeiten, so daß die Möbel, die er für seine neue Wohnung bezogen hatte, nicht bezahlt werden konnten. Als Freitagabend der Möbelhändler die Möbel abholen wollte, öffnete ihm Collin nur wider- willig die Tür und begab sich sofort in ein abgelegenes Zimmer. Während der Möbelhändler die Möbel der Küche zu- fammenpackte, hörte er einen dumpfen Fall und lautes Röcheln. Als man in das Zimmer eindrang, in dem sich C. befand, fand man ihn mit einem Hirschfänger in der Hand auf seinem Bett liegen. Er hat sich einen tiefen Stich in der Herzgegend beigebracht, lebte aber noch. Dem hinzugeeilten Hauswirt gelang es, dem Collin den Hirschfänger zu entreißen. Als man sich an die weitere Unter« suchung der Wohnung machte, ergab sich, daß das Zimmer d« Wirtschafterin verschlossen war. Als die Tür geöffnet wurde, fand man die Wirtschafterin blutüberströmt im Nachthemd in ihrem Bette liegen. ES waren ihr Messerstiche in die Brust und ein schwerer Hieb auf den Kops mit einem stumpfen Instrument beigebracht worden. Der Körper war bereits erkaltet. Collin gab auf Be- fragen an, daß er die Wirtschafterin auf ihren Wunsch getötet habe. Collin selbst ist anscheinend nicht lebensgefährlich verletz«. Ein hölzerner Untergrundbahnhof. Die Vereine vom Ge- sundbrunnen haben eine Geldsammlung veranstaltet, um ein Modell aus Holz des geplanten Hoch- und Untergrundbahn- Hofes in der Badstraße zu errichten. Die Beteiligten sind der Ansicht, daß dieses Modell noch weit abschreckender wirken wird, als das Modell der Schwebebahn in der Brunnenstraße. Die Haltung der Grundbesitzer des Gesundbrunnens gegen die Führung der Hochbahn durch die Badstraße ist geradezu unverständlich, wenn man erwägt, daß dieselben Hausbesitzer heute gegen die Hochbahn wettern, die vor wenigen Jahren eine umfängliche Agitation entfalteten, um die Bahn als Schwebebahn durch die Badstraße zu bekommen. Sicherlich ist"der Hochbahnhof keine Schönheit, aber auch der Unter- grndbahnhof mit 83 Stufen ist für keinen Menschen eine An- nehmlichkeit. Todessturz zweier Bauarbeiter. Ein verhängnisvoller Unglücksfall hat sich jn der Sophie-Char- lotte-Straße in Charlottenburg ereignet, wo gegenwärtig ein Neu« bau für das Säuglingsheim errichtet wird. Bei dem Bau waren auch die Arbeiter Paul Büttner aus der Wallstr. 84 und Karl Schreiber aus der Nehringstraße als Steinträger beschäftigt. Als die beiden mit einer Last Steine eine an dem Baugerüst hinauf- führende Leiter erstiegen, brachen plötzlich in der Höhe des zweiten Stockwerkes unter ihren Füßen die Stiegen und beide Arbeiter stürzten mit der schweren Last rückwärts in die Tiefe. Sie schlugen mit den Köpfen auf Steinhaufen und erlitten außer Schädel- brächen schwere innere Verletzungen und Arm- und Beinbrüche. Beide starben nach wenigen Minuten, ehe ein hinzugerufencr Arzt zur Stelle sein konnte. Die Leichen wurden polizeilich beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Die Verunglückten waren ver- heiratet und hinterlassen vier und sechs unmündige Kinder. Eine Liebestragödie. Eine Liebestragödie, der zwei junge Menschenleben zum Opfer fielen, hat sich in der Jnnsbrucker Straße 3 in Schöneberg ab- gespielt. Dort erschoß ein Fräulein Elisabeth Pokorny den 26 jährigen Redakteur Ernst Wundermann und tötete sich selbst.» Wir erfahren darüber folgendes: Der 26 jährige Redakteur Ernst Wundennann. der an dem im Verlage seines Vaters er- scheinenden„Deutschen Familienblatt" tätig war, unterhielt seit geraumer Zeit mit der 26 jährigen Elisabeth Pokorny aus der Holsteinischen Straße b8 in Wilmersdorf ein Liebesverhältnis, das vor kurzem auf Drängen des Mädchens zur Verlobung geführt hatte. Die Angehörigen des Wundermann waren mit der Verlobung nicht recht einverstanden und auch der Redakteur selbst scheint sich mit der Absicht getragen zu haben, das Verhältnis zu lösen. Davon wollte jedoch die Braut nichts wissen und es ist deshalb in der letzten Zeit zwischen den Verlobten wiederholt zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen, bei denen Fräulein P. stets in hochgradige Aufregung geriet. Bor etwa 14 Tagen verreisten die Eltern des W. und der junge Mann zog aus der elterlichen Wohnung Hallesches Ufer 3/4 nach der Jnnsbrucker Straße 3 in Schöneberg, wo er in der zweiten Etage bei einer Frau Lehmann zwei möblierte Zimmer mietete. Am Freitag nachmittag empfing Wundermann dort den Besuch seiner Braut. Das junge Paar befand sich anscheinend zunächst in bester Stimmung und ließ sich von der Wirtin auf dem Balkon Kaffee servieren. Später ging Frau Lehmann fort und ließ die bei- den jungen Leuten allein in der Wohnung zurück. Als die Ver« Mieterin gegen l/2li Uhr abends nach Hause kam, sah sie durch die Glasscheiben der Tür hindurch aus dem Zimmer des W. Licht schimmern und begab sich beruhigt zu Bett. Als gestern früh die Wirtin ihrem Mieter den Kaffee bringen wollte, bemerkte sie zu ihrer Verwunderung noch immer Licht in dem Zimmer. Da sich auf wiederholtes Klopfen niemand meldete, schöpfte die Frau Verdacht, benachrichtigte den Hauswirt und dieser ließ die Tür durch einen Schlosser öffnen. Den Eintretenden bot sich ein schrecklicher Anblick dar. Vor dem Spiegel des Wohnzimmers lag auf dem Rücken tot der RedaNeur, in der Nähe des Ofens lag die Leiche seiner Geliebten, deren rechte Hand noch krampfhaft einen Revolver umklammert hielt. Wundermann zeigte eine Schuß- Verletzung im Hinterkopf, die P. eine Wunde in der rechten Schläfe. Nach dem Befunde hat Fräulein Pokorny ihren Bräutigam, während dieser vor dem Spiegel stand und sich zum Ausgehen fertig machte, von hinten erschossen und sich dann selbst eine Kugel in die rechte Schläfe gejagt. Während bei W. der Tod auf der Stelle eingetreien zu sein scheint, hat sich die P. noch einige Schritte weit zum Ofen geschleppt und ist dort zusammengebrochen. Ein hinzugerufencr Arzt stellte fest, daß bei beiden der Tod schon Freitagabend ein» getreten sein muß. Wieder zwei KindcSleichen. Gestern nachmittag wurde aus dem Stichkanal, der durch da» Gelände der Gasanstait gehl, in der Nähe der Sellerbrücke die Leiche eines neugeborenen Kindes gelandet und von der Polizei zur Obduktion beschlagnahmt. Sie war schon stark in Verwesung über« gegangen. Ebenso eine kleine Leiche, die auf dem Grundstück Köthener Str. 36 von dem Hausverwalter in einem Rinnstein auf- gesunden wurde. Sie war in gelbes Packpapier eingewickelt. Auch dieser Fund wurde der Polizei übergeben und zur Feststellung der Todesursache beschlagnahmt._ Ein Abonncntensammler auf ein Blättchen:„Unser Sonntag" trieb dieser Tage auf dem Gesundbrunnen sein Unwesen. Er er- zählte den Leuten einen Schwindel, daß eine Frau eines kürz- lich auf der Straßenbahn Verletzten und Gestorbenen 1399 M. erhalten habe aus einer Versicherung am Schiffbauerdamm, weil sie das Blättchen gehalten habe. Die Erzählung war blanker Schwindel, geeignet, die Leute auf diese Weise zu Abonnenten zu machen. Auf ehrliche Weise dürfte der Schwindler kaum zum Ziele kommen. Verhaftung dreier Kollidicbe und ihres Hehlers. Einen guten Fang hat die Schönebcrger Kriminalpolizei gcinacht; sie konnte Freilag drei Kollidiebe und einen Hehler festnehmen. Die Verhafteten sind die Kutscher Paul Dumke und Friedrich Wentzel aus Schöneberg, der Arbeiter Hermann Schulzke aus Schöueberg und der Kaufmann Schuster aus Berlin. Bei dem letzteren wurde ein ganzes Lager gestohlener Waren vorgefunden und beschlagnahmt. Unter der Diebesbeute befinden sich viele Säcke mit Kaffee, meterhohe Kisten mit Schokolade, Kakao, Zucker usw. Die Kollidiebe, die besonders im Westen Berlins und den Vororten arbeiteten, führten die Dieb- stähle am hellen Tage aus. wobei ihnen ihr Aussehen sehr zustatten kam. Alle drei trugen ständig Rolllulschcrklciduug mit"Ledcrschürze, deren Taiche leicht sichtbar Frachtzettelsormulare und Notizbücher bärg. Ein besonderer Patrouillendienst wurde eingerichtet, aus Grund dessen die Verhaftung der Diebe und ihres Hehlers erfolgen konnte. Alle vier wurden am gestrigen Sonnabend in das MoabUer Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Ucbcrfahren. Als gestern mittag der Hausdiener Theodor Steinicke mit einem vollbcladcnen Handwagen den Spilielmarlt passierte, wurde er von einem Pferdeomnibus angefahren und über« fahren. Im schwerverletzten Zustande wurde St. zunächst zur Unfall« station und von dort nach dem Kcankenhause Am Manannenplatz gebracht. Oeffrntliche Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher Be- nuhung für jedermann, SO., Adalbertstr. 41. Geöffnet werk- täglich von 6H— 19 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von 9—1 und 3—6 Uhr. Jn dem Lesesaal liegen zurzeit 621 Zeiruugen und Zeitschriften jeder Art und Richtung aus. Aus Anfragen teilen wir mit. daß zur Benutzung der Bibliothek jede Person berechtigt ist, die das 14. Lebensjahr überschritten und ihren Wohnsitz oder ihre Beschäftigung in Groß-Berlin hat. Wer sich über Wohnung und Beruf durch Vorzeigung des VerbandS- buchcs, Wahlvercinsbuchcs, Krankcnkasienbuches. Mietsvertrages oder ähnliche Papiere ausweisen kann, erhält eine Lesekarte unentgclllich ousgenellt. Diese Lesekarte gilt zunächst für ein Jahr; sie wird nach Ablauf nach Kontrolle etwaigen Wohnungswechsels ohne weiteres von Jahr zu Jahr verlängert, Kleine Nachrichten. Hilflos aufgefunden wurden gestern wieder �wei Personen. In Charlottenburg Jirach eine eima<30 Jahre alte Frau auf der Slrade zusammen. Sie konnte nur noch angeben, daß sie Stein heiße und aus Flensburg komme. Dann verlor sie die Besinnung. Die Krau hat graumeliertes Haar und trug ein schwarzes Kleid und einen schwarzen Strohhut.— Im Krankenhaus Moabit befindet sich ein unbekannter Mann von ebenfalls ungefähr «30 Jahren, der anscheinend vom Schlage gerührt worden ist. Seinem Aeußeren nach ist eS ein Arbeiter. Er trug ein braunes Jackelt, eine hellgraukarierte Hose und eine blaue Mutze.— Beim Baden ertrunken ist wahrscheinlich in einem Berliner Bad der 28 Jahre alte, aus Chemnitz gebürtige Bäckergeselle Johannes Schuster, der zuletzt in Spandau wohnte und arbeitete. Schuster verließ bereits am 0. d. M. seine Arbeitsstelle und fuhr nach Berlin, angeblich um hier zu baden. Das scheint auch seine Absicht gewesen zu sein. Ob er nun hierbei den Tod gefunden hal, weiß man nicht, doch wird damit gerechnet. Der Vermißte ist etwa 1,70 Meter groß und schlank, har blonde« Haar, eben solchen Schnurrbart und ein läng« liches Gesicht und trug einen grauen Jakettanzug. schwarze Schnür schuhe und schwarzen, steifen Hut. Vorortnochrichten. Wilmersdork-Halense«, Die städtische Fleischhallc. Wiederholt sind in der letzten Feil von Interessenten in der hiesigen Fleischerinnung Vorwürfe gegen di« Fleischballe erhoben worden, welche dahin gingen, daß unbrauch- bares Fleisch verarbeitet würde. Jetzt hat unvermutet eine Revision durch den Schöncberger Polizeiarzt stattgefunden, die ergab, daß der vorgesundeue Flcischvorrat völlig einwandSfrei war. Eine Rrvolvrrschießcrei spielte sich gestern nachmittm, im Hause Xantener Straße 17 ab. Dort wohnt in der ersten Etage die Rentiere Witwe Meier mit ihrer erwachsenen Tochter. Als die beiden gestern nachmittag von einem Spaziergang zurückkehrten, feuerte der Bräutigam der Tochter, der sich auf der Treppe auf- gehalten hatte, auf die Witwe Meier mehrere Rcvolverschüsse ab, so daß sie schwer verletzt in ihre Wohnung getragen werden mußte. Was den Bräutigam zur Tat veranlaßt hatte, ließ sich noch nicht feststellen. Neukölln. Ihren schweren Verletzungen erlegen ist noch am Kreitagabcnd die kleine Ch. Bäck auS der Weiscstraße, die durch die Explosion einer mit flüssigem Kautschuk gefüllten Büchse schwere Brandwunden erlitten halte. Lichtenberg. Kinderfest. Der Sozialdemokratische Wahlverein Niederbarnim Bezirk Lichtenberg veranstaltet neben den wöchentlich zweimal statt- findenden Ferienspielen morgen, Montag, den 20. Juli, im Lokal „Schwarzer Adler", Frankfurter Cbaussee L, ein Kinderfreudcn- fest. Das Programm besteht aus Konzert und dem erstklassigen Spczialitätenprogramm des Etablissements. Ferner finden für die Kinder zur allgemeinen Belustigung gute Marionettentheater� aufführungcn und Kinderspiele statt. Zur Hebung der Feftstim mung erhält jedes Kind eine Stocklaternc, Mütze und eine schmal ' hafte Ueberraschung gratis. Der Eintrittspreis beträgt für Er wachsen- 15 Pf., für Kinder 10 Pf. Die Ferienspielc finden an diesem Tage im Lokal„Schwarzer Adler" statt. Gefunden wurde ein Turnerinnenlostüm beim Sorpftest in Lichtenberg. Abzuholen bei Hinterthan, Neue Bahnhofstr. 1 1II. Muriendorf. Fmenspiele. Am Mittwoch, den 22. Juli, findet bei gutem Wetter, ein Ausflug nach Wannsee statt. Treffpunkt am Rathause um 10 Uhr vormittags. Abfahrt vom Bahnhof Steglitz. Den Kindern ist Badezeug und Mnndvorrat mitzngeben. für Getränke sorgt daS Komitee. Fahrgeld, hin und zurück, für Er- wachsene 30 Pf., Kinder unter 10 Jahren 20 Pf. Montags und Freitags wird an den Schäyelbergen gespielt, bei ungünstigem Wetter auf dem Spielplatz in der Ringstraße. Treff- pnnkl hierzu um'/z3 Uhr nachmittags. Maricnfeld?-. Aus der Gemeindevertretung. Das Ortsstatut, betreffend Des- Infektion bei ansteckenden Krankheiten, wurde dahin abgeändert, daß befferfituierte Einwohner in Zukunft die Kosten der Infektion selbst zu zahlen haben. Bisher wurde dixfe allgemein aus Gemeindemitteln bestritten.— Von einem großen Teil der ortsaiifästigen Händler war eine Petition eingegangen um Auf- Hebung des WockwnmarkteS bzw. auf Erhobung von Standgeld. Außer dem Schöffen Manntz war es noch Herr Mertens, der da- für eintrat.— Für den Zeichensaal der Volksschule wurde dre Anschaffung eines Rednerpultes für 110 M. beantragt. Der Ver- tr«ter Ccrspari erbot sich, dasselbe gratis zu liefern..btit der Klage gegen den früheren Amtsbaurat Germes wegen Mangel- hafter Ausführung des Feuerwehrdepots ist die Gemeinde vom Kammergcricht abgewiesen worden.— Zur Arrondicrung des pro- sektiertcn Voltsparks wurde beschlossen, von dem Landwirt Otto Petsch noch ca. 8 Morgen zum Preise von je 7500 M. zu«jufen. Die Angebote von Buchwald und Otto Gcricke, die 27 000 M. pro Morgen verlangen, wurden abgelehnt. Lichtenrade. Die nichtgenehmigte Steuer. Trotzdem bereits daS erste Steuervierteljahr vorüber ist, wissen immer noch nicht die Ein- wohner unseres Ortes, welchen Gcmeindefteuersatz ste eigentlich im Rechnungsjahre 1014/15 zahlen sollen. Die neue Gemeindcver. tretung hatte den Gcmcindesteuerzuschlag auf 115 Proz. festgesetzt. aber der Gemeindevorsteher und der Landrat sind der Ausfassung, daß dieser Satz nicht ausreiche. Ter Etat mit 115 Proz. Zuschlag ist infolgedessen nicht genehmigt worden. Die Nichtgenehmigung des Etats ist wohl mehr auf die neue oppositionell« Gemeindever- tretung und die dadurch entstandenen Konflikte zwischen Vorstand and Vertretung zurückzuführen. Aber schließlich sind die Steuerzahler die Leidtragenden. Denn sie müsse ii später die Steuern für 2 oder schließlich noch mehr Quartale zahlen, ohne vorher zu wissen, wieviel sie überhaupt zahlen sollen. Das tvird den»»eisten sehr schwer»erden. Hoffentlich ist aber dann bei der Sieuereintvcibung die Ge- mcinde. die doch die Schuld dieser Verzögerung trifft, toleranter als sie sonst bei unverschuldeicm Unglück ist, z. B. Arbeitslosigkeit oder Krankheit in der Familie. Lichterfelve. Ferienspiele. Montag, den 20. Juli, nachmittags 2 Uhr: Treff- Punkt bei Wahrcndorf, Bälestr. 7. Mundvorrat und Trinkgefäß ist mitzubringen. Oranienburg. Eine aufierordentliche Stadtverordnetenfltzung war auf Antrag unserer Fraktion auf Grund eines Initiativantrages betreffend Ab- hikse der Mißstände bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse für Nicderbarnim anberaumt. Der Antrag besagt«:„Die Stadtver- ordnetenversammlung wolle beschließen, den Magistrat zu ersuchen, unverzüglich Mittel bereit zu stellen, um den durch den Aerztestreik hervorgerufenen Schwierigkeiten bei der Behandlung unbemittelter Mitglieder der Allgemeinen Niedcrbarnimer Ortskrankenkasse in geeigneter Werse zu begegnen und Schritte zu unternehmen, geord- nete und vertrauenswürdige Zustände dadurch zu schaffen, daß die bis zum 1. Januar 1914 bestandenen Ortskrankcnkaffe für samt- lichc Gewerbe und Betriebe in den früheren Formen Gesetzeskraft erlangt." Genosse Papke führte dazu aus, daß er bei Beratung dieses Antrages wohl annehmen könne, daß die bürgerliche Mehr- hcit von ihrer alten Taktik, alle soziakdemokratischen Anträge ab- zulehnen, abgehen werde. Es entspreche nicht dem Wohle der All- gemeinheit, wenn die Herren auf Fchlcichwegen erfahrene Anträge welche nicht ausschließlich dem Geldsack zugute kämen, nieder knüteln. Tie Mißstände in der Kasse seien so offenkundig, daß au die einzelnen Tatsachen nicht näher eingegangen zu werden brauchte Der erste Teil des Antrages verlangte die Bereitstellung vowGc meindemitteln in ähnlichen Fällen, um unbemittelten Kassenmit gliedern Unterstützung gewähren zu können. Wenn auch der Aerzt« streik inzwischen beigelegt sei, so sei doch Vororg« zu treffen, und rechtzeitig für spätere Fälle vorzubeugen. Den» es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß sich im Oktober ähnliches abspielt. Mit dem zweiten Teil des Antrages soll erreicht werden, daß endlich einmal andere Zustände bei der Niederbarnimcr Kasse geschaffen werden. Nur dadurch, daß die Kommune sich mit den Mißständen befasse und ernstlich bemüht ist, für eine Aenderung einzutreten, werden auch andere Orte veranlaßt, gleiche Schritte zu unternehmen. Auch die Redner der bürgerlichen Mehrheit unterstützten die Kritik unserer Genossen. Auch ste wünschen die frühere Selbstverwaltung wieder zurück und beklagen es, daß nicht schon längst versucht wurde, Abhilfe zu schaffen. Stadtv. Reumann kann auch hierbei sein neidisches Gefühl nicht unterdrücken, daß cS wieder die„bösen Sozis" sind, welche erst den richtigen Weg weisen müssen. Er wunderte sich, daß Genosse Papke einleitend an die bürgerlichen Vertreter appellierte, trotzdem sie in einem Flugblatt wegen ihres Verhaltens als Feiglinge dezeichnet wurden. Genosse Papke er- widert, daß er gern sein Unrecht einsehen würde, wenn er die Ge- wißbeit hätte, daß auch andere von uns eingebrachte Anträge die gleiche Bebandlung erfahren würden wie der heutige. Da der Bürgermeister die Versicherung abgab, in allen nötigen Fällen unterstutzend einzugreisen, konnte der erste Teil des Antrages zurückgezogen werden. Einstimmig wurde hierauf der Antrag in folgender Fassung angenommen:„Wir beschließen, den Magistrai zu ersuchen. Schritte zu unternehmen, damit die offenkundigen Mihitande bei der Allgemeinen Niederbarnimer Ortskrcmkcnkasse abgestellt werden. mSbesvndcre. daß in Oranienburg eine Neben- stelle derselben eingerichtet wird."— Sodann fanden noch einige kleine Anfragen über Pflasterungsmebeiten, die Einwirkung der giftigen Dämpfe der ckiemischen Fabriken und über das Baden von Hunden in der städtiscben Badeanstalt ihre Erledigung. „."Lolksfürsorge." Der Aufnahmegvbührenblock Nr. 22 121 bis 22 140»st verloren gegangen. Nowawes. Straßenübrrfchwcmmung. Ein wolkcnbruchartiger Gewitter- regen ging am Freitag nachmittag über unserem Orte nieder und � � zahlreiche Straßen unter Wasser, weil die'Abflüsse die riesigen Waffermengen nicht fassen konnten. In der Priesterstraße an der Ecke der Grenz- und Karl'traße war icglichcr Verkehr auf längere Zeit gänzlich unlerbundmv DaS hier aus der stanzen Umgebung zufamincnfließendc Rcgcnwasser bildete einen förmlichen See uiid drang in die Keller der Hoppen- stedtschen und Bowitzschen Häuser ein. so daß die Feuerwehr zu Hilfe gerufen werden mußte. In letzterem Hause stand da? Wasser besonders hoch, weil dasselbe durch die im Niveau des Bürger steigcs gelegenen Kellerfcnstcr bequemen Zutritt fand. Es ist ge- radezu unbegreiflich, warum die'Saupolizcibchörde, die doch sehr gut weiß, daß dieser Straßcntcil seit jeher bei starken Regen- gussen unter solchen Ueberschweiiimungen zu leiden hatte, beim Bau des Hauses nicht eine Höherlcgung erzwungen hat. während diese doch bei dem gegenüberliegenden Hause von Hoppenstedt er- folgen mußte. Aber auch die Gemeinde ist nickst von aller Schuld freizusprechen; sie bätte längst für eine Ausgleichung der Straßen. senkiing oder für eine Abänderung der Abflußverhättnisse sorgen müssen. Es dürfte doch möglich sein, die Regenabwässcr einiger der angrenzenden Straßen nach anderen Abflußpunkten abzu- lenken, um die an die an dieser Ecke vorhandenen Gullys zu ent- lasten.., Mus aller Welt. Zwei persoaea vom Slitz erjihlagea. Das schwere Gewitter, das am Freitag ybend tobte. hat in der Umgebung Berlins weit größere Schäden an- gerichtet als in der Reichshauptstadt selbst. Besonders arg hauste das Unwetter in den westlichen und nördlichen Gegenden. U. a. wurden auf dem Rittergut Coethen bei Freienwalde zw ei. Personen vom Blitz getroffen. Der Blitz schlug in eine auf dem Felde beschäftigte Arbeiter- gruppe ein. Die Leute stürzten alle zu Boden und wälzten sich in einem Knäuel auf der Erde herum. Es stellte sich dann heraus, daß einer von ihnen, der 19 jährige Arbeiter Willi Wellnitz aus Dannenberg, tot war; ihn hatte der Blitz erschlagen. Der ebenfalls vorn Blitzstrahl getroffene Arbeiter Koch war an beiden Füßen gelähmt und mußte nach dem Krankenhaus gebracht werden.—. Ferner wurde auf freiem Felde bei Zehdcnick ein Schulmädchen vom Blitz getroffen und getötet.— Außerdem hat an vielen Stellen der Blitz gezündet. So wurde beispielsweise die vielen Berlinern bekannte Försterei Tschausdorf durch einen Blitzstrahl getroffen und teilweise eingeäschert. Stall und Scheune brannten total nieder. Auch Vieh und erheb liche Erntcvorräte wurden ein Raub der Flammen. Der verschwundene Erfinder. In Mailand hat sich ein Syndikat gebildet, um die Erfindung de» Ingenieur« Ulivi auszubeuten, welcher erklärte, ein Mittel er- funden zu haben, Sprengstoffe auf drahtlosem Weg- zur Entzündung zu bringen. Man hatte für die Versuche bereits 100 00V Fr. aus- gegeben. Jetzt meldet man plötzlich das Verschwinden des Ingenieurs. Man glaubt, ihn in Mailand gesehen zu haben; doch bestätigt sich die« nicht. Die Mitglieder des Syndikats haben vorläufig noch volles Vertrauen in den Ingenieur, und man glaubt, daß die unerwartete Abreise mit Familienangelegenheiten zusammen- hängt. Angeblich soll der Ingenieur auch Anerbteten zum Verkauf seiner Erfindung von Deutschland und der Türkei erhalten haben. Die Entenbiene. Die New Dorker Presse verbreitet eine Nachricht, die in den Kreisen der Bienenzüchter große« Aufsehen erregen soll. Danach wäre es einem bekannten Imker in Lawrenceburg im Staate Indiana gelungen, durch Kreuzung einer italienischen Biene mit einer Bienenabart von der Insel Cypern eine besondere Bienenart zu züchten, die vollkommen stachello« ist. Wie der Züchter, Mr. Terrill, behemptet. soll das Fehlen des Stachels der Tätigkeit der Bienen nicht den geringsten Abbruch tun. sie im Gegenteil noch erhöhen.— Es geht den stachellosen Bienen also wie den unorgani- ierteu Arbeitern, die sich gegen die erhöhte Ausbeutung auch nicht wehren können._ Absturz eines Fliegers in den Rhein. In der Nähe von Dinslaken ist ein Militär-Doppeldecker aus Köln in den Rhein gestürzt, wobei der Flieger ertrank. Grohe Eisenbahnkataftrophe in Amerika. Im Staate Virginia bei Fairmont ereignete fich ein größe« Eisenbahnunglück. Ein elektrischer Lokalzug, der Kohlenarbeiter auf die Kohlenfelder bringen wollte, stieß bei einer Kreuzung mit einem Kohlenzug zusammen. Der Motorwagen und die beiden ersten Wagen dcS elektrischen ZugeS gingen vollkommen in Trümmer. Der Führer des elektrischen Zuges, sowie sieben Passagiece, die in dem Motorwagen saßen, wurden sofort getötet, zwanzig andere Passagiere schwer verletzt, darunter der Führer de« KohlenzugeS, sowie zwei Bremser, die tödlich verletzt sind. Unter den Verletzten befinde� sich ein Deutscher, namens Schmidt, aus der Stadt Norfolk in Virginia, der sehr schwer verletzt wurde. Beide Beine müssen ihm amputiert werden._ Kleine Notizen. Ertrunken. Nach einer Meldung aus Flensburg ertrank in Mürwik beim Baden der Torpedoheizer Kampbäusen vom Torpedo- schulschiff„Württemberg". Sofort unter Leitung von Offizieren mit mehreren Booten angestellte Rettungsversuche blieben erfolglos. Nack kurzer Zeit barg der Taucher den Körper des Verunglückten. Wiederbelebungsversuche hatten leider keinen Erfolg. An der Kleinitzcr Fähre sind, wie aus N c u s a l z gemeldet wird, zwei Töchter der Kaufmannswitwe Hasse auS Kleinitz»m Alter von 19 und 23 Jahren, ertrunken. Pilzvergiftung. Tic„©chlesische Zeitung" meldet aus Oppeln: Von den vier Kindern des Fleischcrmeisters Bertzik im Alter von 0 bis 13 Jahren, die bei den Eltern ihres KinderfrauleinS in Carls- ruhe sOberschlesicn) zum Besuch waren, sind drei nach dem Genuß sclbstgesammclter Pilze gestorben, daS vierte sowie daS Kinder- sräulei» liegen schwerkrank danieder. Autounfall. Heute vormittag überschlug fich daS Automobil des Leipziger Vertreters der Continental-Pneumatik-Aktiengesell- chaft, Gibson, vor dem Bahnübergang bei Waldkirchen infolge Ver- ägcnS der Bremse. Der Chauffeur wurde getötet, Gibson wurde chwcr, seine Frau und zwei Kinder sowie zwei andere Insassen leicht verletzt. WaS.die Berge herausgaben! Der Hüttenwart der Lodner- Hütte in der Texelgruppe der Oetztaler Alpen fand unter der Lodncrspitzc zerstreut Tourlstcnausrüstungsstücke mit einer Legi- timation, die für Hermann Wi lecke aus Gebhardshagen in Brau»schweig, der im Sommer 1913 verunglückt sein dürfte, ausgestellt war. Die Leiche ist bisher nicht gefunden worden. Explosionen. In einer Dynamitfabrik bei Fontainebleau wurden durch eine Explosion 3 Arbeiter getötet, einer schwer ver- wundct. Während eines heftigen Gewitter? in der Umgebung von Castellamare di Stabia schlug der Blitz in eine Fabrik für FcuerwerkSkörper ein. DaS Gebäude wurde in die Luft ge- sprengt und alle Personen, die sich darin befanden, unter den Trümmern begraben. Sechs Leichen sind bisher geborgen worden. Srieftasten üer Reüaktkon. «Tie turNUschc evtcitiftunbc findet Linden st rast« 69, vorn vier SrtvTtn — Fahrstuh»—, woÄentaglick von«Vi dis riii Uhr abends, So»uoven„», oon bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Bricstastr» brstimmtc» Anfrage ist ein Buchstabe und eine Aalst als Mcrljcjchcn bctzufiigen. Briefliche Antwort wird nicht erteil«. Anfrage», denen leine Abonncmentsquittnng deigcsiigt ist, werden nicht beantwortet. Eilige Fragen trag« man in der eprcchst»ndc vor. Soeben erschienen: Führer durch das Familienrccht. Heft 1: Die rechtliche Stellnng der Kinder, Ehegatten und Bcrwandten. Durch die Buchhandlung„Vorwärts* zum Preise von 39 Pf. zu beziehen. A. K. 25. Solche Auskunst erteilen wir grundsätzlich nicht. Wenn Sie Zweifel in Ihrem Falle haben, wenden Sie sich an einen Vertrauens- würdigen Arzt.— N. t?. 55. Nein.— C. Tch. 35. Wenden Die sich an eine der amtlichen Auskunstsstellcn, z. B. Potsdamer oder Anhnllcr Bahnhvs usw.— Streitfrage. Nein.— Dante. Bajari. der große Kunstschrlstsleller aus der Zelt der italienischen Renaissance, der das Bild noch vollständig iah, schreibt, daß aus ihn» in der. Rühe Dantes die PoiträlS de« Brutwit» Latlur, der Dante» Lehrer war. lind eines gewissen«kokso Donati dargestellt waren. Ob die beiden Personen Unmittelbar vor und hinter Dante diese beiden Männer sind, läßt sich nicht beweisen, wirb aber oon einigen behauptet. RäbercS: Henry Thode: Giotto. Leipzig l89st. — Ferien, l. Rein willkürlich dars die Zeit nicht verlegt werden. Jedoch aus betriebstechnischen Gründen erscheint eS zulässig. 2. Für das lausende Jahr nicht.— P. T., Buch. 1. Nur da das Gesetz die Krantcnwsse nicht zwingt, über die Mmdcsllelstungcn, die die Hätstc de» KrankengctdeS ausmachen, hinauszugehen. 2.§ 186; Wird KrankenhauSpsleg« einem Versicherten gemährt, der bisher von seinem ArbcitSoerdiensl Angehörige ganz oder überwiegend unterhalten hat, so ist daneben ein Hausgeld iür die Angehörigen im Betrage des halben Krankengeldes zu zahlen. Dos fauSgcld kann unmittelbar an die Angehörigen ausgezahlt werden. 192: Die Satzung kann Mitgliedern daS Krankengeld ganz oder teilweise versagen, wenn sie l. die Kasse durch eine strasbare Handlung geschädigt haben, die mit Verlust der bürgcrlichcn Ehrenrechte bedroht ist, sür die Dauer eines Jahres nach der Strastat, 2. sich eine Krankheit vorsätzlich oder durch schuldhofte Beteiligung bei Schlägereien oder Raushändeln zugezogen haben, sür die Dauer dieser Krankheit. 3. Beschwerde ist aussichtslos. 4. Sie können sich bei der Expedition beschworen. B. K 1k. Das ist zweckmäßig, um die Befugnis zur Ausbildung von Lehrlingen zu haben. Nähere« erfahren Sic bei der HandwerkStammer, Bcllc-Alliancc-Str. 5.— M. 100. Pankow. Es kann beim Gewerbe- geeicht Klage erhoben werden.— Elbing. Beschwerde kann beim Ma- , istrat erhoben werden.— H. 37. Rein.— K. 41. Unser» Erochiciis a.— Krankenkasse H. Ja.— Wctftensee 47. Die Frage läßt sich nur nach Kenntnis des Inhalts der Satzungen beantworten.— A. K.«5. 1. bi» 3. Die Klage erscheint aus Grund des vorgetragenen Materials wenig aussichtSnoll. S. Sie tonnen den Versuch machen, sosern Sie ein Armenattest bckommcn. S. Nein.— F. L. IS. 10 bis 15 Mark monat- lich.— M G. 6. 1. Auch eine solche Mitteilung kann der Verwalter machen. 2. Leider nicht.— 91. 600. Kommen Sic mit der Police in die Sprechstunde.— L. I. 33. Unsere» Erachtens muß Anrechninig crsolgcn. Ein Antrag kann beim Regiment gestellt iverben. A. R. 1116. 1. bis 3. Sie können dem Kinde Ihren Namen geben, ohne daß der Er- zeuger dadurch von seiner Unterhaltungspflicht befreit wird. Ein Recht, die Herausgabe des Kindes zu verlangen, hak der Erzeuger nach den etzt geltenden gesetzlichen Bestimmungen nicht.— A. B. E. Nein. Amtlicher Marktbericht der städtischen Marttballen-DIreMon über den Großhandel in den Zoiitral-Marklhollen. sOhnc Verbindlichkeit.) Sonnabend, den 18. Juli. Fleisch: Rindfleisch Per 50 len Mari: Ochsen- leisch 1* 71-83, do. Ha 67-70, du. lila 58-67; Bullcnstelsch la 63—78, >o. IIa 63—67; Kühe, seit 46—58, do. mager 34— 48, Fresser 58—64, do. dän. 55— 65; Bullen, dän. 58—70. Kalbfleisch: Doppcllendcr 105— 130; Mnstiälber la 85—95, do. IIa 72—82; Kälber gcr. gen. 42—55. Hammel- fleisch: Masllämmer 88—90; Hammel la 77—87, do. IIa 69—76, do. austrol.—.—;«chafc 74— 80. Schweinefleisch 50—55.— Eier: Landeicr Schock 3 50—3,80; Trinkeier 4,00—4.20.— Butter: Molkereibutter ver 50 bx 90— 10ö; Landbutter 60— 90.— Gemüse, inländische«: Rhabarber. hiesiger 2,00�-2,25; Kartoffeln, neue weiße Magdeburger 4.75—5,20, blaue do. 5.00— 5,50, weiße Kaiserkronen 4,50— 4,75. Rosen-Kartoffeln 4,75—5.25; Porree Schock 0,50—1,00; Spinat' 50 bo- 8,00—12,00; Scholen 4,00—10,00; Mohrrüben Schockbund 0,00—1,00; Bohnen 50 kg 6,00—8,00; Champignon 50 kg 30,00— 33,00; Kohlrabi Schock 0,70— 0,90; Wirsingkohl«chock ch«)— 5,00; Weißkohl schock 3,00—5,00, Rotkohl, Schock 3,00— 7,00] Blumenkohl, Ersurier 100 Stück 4,00—15,00; k£ 20,00; Psefferlinge ÄWWWWW Pussbohnen 50 kg 10,00—12,00. Auslandisches. Tomaten, italienische. 50 kg 4— 8; do. französische 8,00—12,00; Blumenkohl, holländischer In 100 Stück 10,00-22,00, Zwiebeln, ägyptische 50 lex 16,00—18,00, do. ilol. 7,00— 8,00, do. ungarische 6,00—8,00; Gurken, Holl. 100 Stück 5,00—14,00. do. ungarische, Sack lzirka 10 Schock) 5,00—6.00.— Obst uS ü d s r ü ch l c. Kirschen 50 kg Glas- 12,00— 18,00, saure 15,00—20,00, Thüringer 12,00—18,00, schlesische 6,00— 14.00, Werdcrsche 14,00—18,00, do. Knupccc 15,00—24,00, do. Natten 25,00—28,00; Steffel, itnl;, 00 kg 20,00— 26,00; Birnen, italienische 50 kgl6,00— 25,00, do. Coscie 32,00—38,00. französische 10,00—16,00; Tiroler Muskateller 20,00—28,00; hiesige 14.00—15,00; Erdbeeren. Werderschc 00,00— 00,00, Hamburger 15,00—25,00; Stachelbeeren, reise, hiesige 3.00—8.00; Himbeeren. 50 kg 28,00—80,00. Preß. 25,00—28,00; Johannisbeeren, hiesige 50 kg 7,00—14,00; Blaubeeren 50 kg 11,00—22.00; Aprikosen, ital. 24,00—28,00, sranz. 10,00—28,00, ungarische 10,00—20,00; Pfirsiche, ital. 15,00-50,00, sian,. 15,00-50,00; Pflaumen, ifal. 30,00-85,00; Weintraube», siziiianische Milazzo 50 kg 32,00— 35.00, Algier 30,00—37,00; Bananen, Jamaika 50kg 14,00—16,00, kanarische 50 kg 14,00—17,00; Erdnüss, 50 kg 28,00— 30,00; Walnüsse, grüne 50 kg 12,00; Zitronen, Messina 500 St. 8,00—12,00, 800 Stück 8,00—18,00, Messina 980 Stück 6,00-14,00, Messing 150 Stück 6,00-10,00. \ Herr« bram, l- Shevr.Knopfsttefe«, mode__ Kammgam« Einsah, Goody.-Wklt iruVe' JS. 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Auch über einen dritten Punkt gibt es keineil Zweifel. Wir wissen, daßJKe Tragftaft des Wiener Beschlusses von seiner Einstimmigkeil abhängen wird. GueSde sogt: Sie wissen, daß dcr Generalstreik abgelehnt werden wird. Ich crtmdere: es ist schon genug erreicht, ivenn wir einen Forlschrill in der Formel gegen den Militarismus und einen Forlschritt in dcr O r g a n i s a t l o u d e r M i r t e l er- reichen. Ich erkenne an. GueSde und seine Freunde wollen den Bluff verineidcil. und ich fi?.dc diese Sorge lobenswert. Es scheint mir aber auch sehr wichtig, daß ivir auch nicht den Anschein eines ZurückweichenS bieten, denn dainir würde» wir die moralliche Macht des Proletariats in Frankreich schwächen: Die Talsachen zeigen aber. daß die Idee des proletarischen Kampfes gegen den Krieg überall f orlschritle gemacht hat. Ich liebe keine Uebertreibungcn, aber ich Nl überzeugt, daß, wenn e i n K o n s l i k t zwischen Frank reich und Deulschland akut würde, der Streik von s« l b st käme. Stürmischer Beifall unterbricht den Redner. Es erhebt sich zu einer, wie»nnier von seinem Platz aus gesprochenen Zwischenrede JnleS Euesdc: Schon 1891 hat Liebknecht gegen Domela N i e u iv e n h n i S erklärt: Nie werden wir eine Formel aimchmeli, die dos sozialistischere Land deni weniger iozialistischcn ausliefert. Das hieße Deutschland dem Zarismus ausliefern. Niemals wird die Softaldeinokratie dem zustimmen. Scmbat fährt fort: Ich glaube, auch in Frankreich gibt es nicht einen einzigen Arbeiter, der eine Verniilwortlichleit dieser Art— sein Land zum Vorteil des Eindringlings zu entivaffiicn— auf sich nehmen wollte. Ich crkhire, ipi Einverständnis mit Jaurss und V a i l l a n l. daß wir den Generalstreik nur anuehnren, wenn er auch in Dculschiand angenommen wird. Aber wozu dient uns die internationale Organiiatitm? Wie? Unter Internationales Bnreau sollte nicht imstande lein, sich über die Stärke und die Aklionsmiltcl dcr nationale» Selrioncn zu unterrichten'i Das Proletariat muß sich dessen bewußt werden, daß es neben dcr Aktion seiner Ncrlrelcr noch über eine eigene, besondere Allion gegen de» Krieg verfügt. Ich will weder die französische noch die deutictic Kultur opfcril, die beide für die Zivilisation unentbehrlich sind. sLebhafter Beifall.) LcbaS INord): Wir müssen die Frage unter praktischen Gesichts- Punkten betrachten. Sollen wir just für den Generalstreik von der besondere» Situation jedes Landes absehen, die wir bei allen anderen Mitteln beuicksichligen? Wir haben die Formel des Generalstreiks— sie war früher mit der Insurrektion verbunden— wiederholr oiigenvmmcn und die Dcutichen haben sie inimer wieder abgelehnt. Nlchr als ob sie zu ihrer Durchführung weniger sähig wären als andere— nein, sie sind stärker als die anderen. Und w i r sollen ihnen die Formel auferlegen? Wo ist die Aeitderuug. die das gestern Unmögliche möglich gemacht hat? Nichts hat sich geändert— auch bei uns. Wir lieben noch immer Fprmel» und leere Worte. Tie revolutionäre Phraseologie ist bei uns noch iminer in Mode. Wir haben sie von der revolutionären Bourgeoisie üdcrlominen, die ja von„Brüderlichkeit" usw. deklamierte. Redner verweist aus die Art. wie dcr Vorsitzende aus dem Münchcuer Ge- toerkschailskougreß einen Aolrag aus Gcncralftreik zum Schutz des KoailtlousrechlS behandelt hat. Wir ivürden gur tun, die Vorsicht des mächtigen deutschen Proletariats iigdyunhmen. Welche Kraft haben wir eiuzuietzcii? Wenn die französischen Gewerkschaften nicht in Wien sein lverdczr, die Millioiien deutscher Gewerkschaftler werden dorr vertreten sein. Und vergessen Sie neben dcr Meinung der Deuischeii und Oesicrrcicher auch die der andern nicht! Blicken Sie aus die Schweden, die einen Generalstreil beldenbaft durchgesübri haben, aber nach einer Umfrage bei den iiitereifterten Gcwerlschafrcn, cutschicdeu vor uiiisonucn iutcr» ualioiialcu Lcrpflichlungen für den Kriegsfall abraten. Unsere' Phraien haben nur Schaden angestiftet uild unsere ihropagcmda gehemmt, weil sie de», Geschrei über Antipatriotismns Nahrung gebe». Das deutsch- französische Manifest hat diese Berleumdimgen zum Schweigen gebracht. Sie werden von neuem anheben, wenn man sehen ivird, daß wir den Generalstreik vorschlagen und die Deulichcii ihn ablehnen. Suchen wir n i ch r eine neue Formel, sondern d i e M i t l e l, dasBandzwischen dem französischen u>r d deutschen Proletariat immer enger zu knüpfen.(Stünnischcr Beifall.) Coinpdrc-Morel: Die Ausführungen V a i ll a» t S und Jaiirss' haben die Formet Keir Hardie-Baillant völlig verwandelt. Sie schränken sie aus die präventive Aktion eil« und diese fällt dann in die Kategone„aller Mutet", die die Stuttgarter Resolution auwenden will. Wozu de»» eine Formel, /»e unsere Propaganda schädigt und— vie man vor den Wählern nicht zu vertreten wagt. Und haben nicht aus dem Geiverkschaflslongreß die Vertreter der Arscnalarbeiter von Bourges erklärt, keine Verantwortung für die Insurrektion über- nehmen zu wollen. Generalstreik und Jiisurrektion sind aber un- trennbar.(Baillanr ruft: Belgien.) Das kann man nicht vergleichen. Folgen wir selbst Sembats Annahme, daß alle Sektionen in den Generalstreik treten. Werden wir ihn aber mit der gleichen Intensität führen? Wir müssen erklären, daß wir alle Mittel anwenden werden, um einen Angrisiskncg zu verhindern und alle Mittel, um unser Land zu verteidigen. So werden wir unsere Propaganda verstärken und damit unsere für den Frieden ivirkende Kraft. Barenue(rechls-resotmistischer Deputierter des PuY-de-Döme): Ich werde gegen das Amendement Laillant-Keir-Hardie stimmen. sBewegung.) Ich habe für die Mehrheitsresolution von Nancy gestimmt, die heutige ist aber verschärft. Ich habe die Formel von Nancy als exzessiv bezeichnet, aber als geeignet, zum Experiment mit den Deulichen zu dienen. Ich wollte schon damals nicht anti- militaristischer als die Deutschen sein. Warum bin ich»uu heule gegen die Resolution? Weil das Experiment mit der Jnteritallonale jetzt gemacht ist. Wir kennen heute schon die Antwort der Deutschen. Sie haben das Amendement nicht einmal diskutiert. Das Amendement schädigt aber unsere Propaganda außerordentlich. Man sagt uns jetzt freilich der Generalstreik sei nur als vorbeugend gedacht. Aber das Publikum läßt sich auf solche Finessen nicht ein. Wenn wir die Miliz als bestes System der Nauonalverteidigung fordern würden, würde mau einweudeii: Ja ist euch das nicht gleich, da ihr ja doch den Generalstreik machen wollt'! Und wenn wir das lokale Rckrutenicnl und die Mobilisierung dcr Reserven an ihrem Aufenlhallsorl vorschlagen werden, wird man sagen: Ja. damit ihr den Generalstreik leichter macheu könnt'. Wir würden also den Anhängern der dreijährigen Dienstzeit nur in die Hände ar- beitcn. Und wir sind doch sür die deutsch-französische Annäherung. Glauben Sie. daß dcr Meinungsgegeiisatz in dieser Frage ihr förder- licki ist? Rehmen wir selbst an, daß die Deutschen dem Generalstreik zustimmen. Was geschieht dann, wenn sie weniger erreichen können als wir? Wie können Sie eine» gewöhnlichen Generalstreik mit dem dcr Arsenale und der Transportmittel im Augenblick der Mobilisation vergleichen? Nein, ich glaube, der Sozialismus ist vereinbar mit dem Patriotismus und dem gesunden Menicheuvcrstand. Paillant benierkt gegen Compsre- Morel, daß es natürlich In- dustrien, wie die der Mobilisierung dienenden, gebe, die von be- sonderer Wicknigkeit seien. Aber der Streik müsse allgemein sein. Nieinrnd darf behaupten, der deutschen Sozialdemokratie mit inehr Freundschaft gegenüberzulreteii als wir. Wir stellen den General- streik uickil den anderen Mitteln entgegen, sondern ioollen diese durch ihn verstärken. Ich will über das Schicksal des Amendements nicht prophezeien, aber ich glaube, ivir können einen Schritt vorwärts tun. Ich verstehe wohl, daß zivischen einem Streik jürs Wahlrecht und einem gegen den Krieg ein Unterschied ist. aber ich glaube, was für das eitle möglich ist, ists»och mehr fürs andere Hcrve hat noch ehe er beginiii etnen Sensationscrfolg. Die Debatte hat manches überraschende„cbstsssr- oroissr" gebracht. bei Hcrvs ist man des Platzwechsels von vornherein gewiß. Man bat diesen Erzentrik-Politiker schon gnf den Händen gebe» und sich auf den Kopf stellen gesehen, und nicht einmal das Gerücht, er werd aus neuester Ucbcrzciigung auf seinen zwei Beinen marschieren, könnte der Neugierde Einhalt tun. denn es ist sicher, daß er es aus eine absonderliche und amüsante Art tun wird. So begegnet er gc- ivanntcr Aiisincrksainkcil und— in seiner originellen Mischung von Natiirl'urschc und Berserker— einer spolllusligen Sympathie, deren erste Kundgebung er, auf die Tribüne kletternd, mit dem Satz guinierr:„Im Neuen, des bin ich sicher, werden Sie den Alten er keiiiicn." Das ist richtig. Der Hervs letzter Ausgabe ist ebenso auf richtig, temperamenivoll, schlagfertig— und ebenso wenig ernst zu nehmen, wie der der ersten Ausgabe. Hcrvs setzt auseinander, warum er von seinem alten Stand- Punkt, dem Programm des Generalstreiks und der Jniurreltion ab gekommen sei: Ja. ich bin zurückgewichen, avcr sind Sie es nicht? >sland nicht in Ihrer Formel von Nancy auch die Insurrektion? In dcr jetzigen Resolution fehlt sie. Ihr Generalstreik ist ein bloßer M a n i f e st a l i 0 n S streik geworden. Sie haben ihm die wirksame Sanktion genominen. Dcr Engländer Kair Hardie kann glauben, daß der Generalstreik allein ausreiche. Aver wir— in Frankreich uns Deutschland— leben unter dem System der bewaffneten Nation und des Kriegsrcchts am Tage der Kriegs- erlläriing. Und schon der Eiieubabnerstreik ist durch die Mobilisation gebrochen worden. Den Generalstreik im Kriegsfall kann man nicht mit Regenichirmen und Ktarincllen machen. Deshalb habe ich eine blanguistischc Organisation sür die Insurrektion zu schaffen versucht. Aber da war ich für Sie ein 48er Romantiker. Und als ich mir meine Anhänger aniah, erkannte ich— es war das um die Zeit des Baseler Kongresses—, daß sich ihr Individualismus der blaiiquistischen Organisation widersetzte. Ich sah, daß wir nicht s hatten: keine Organisation und keine Kräfte. Sie mögen Ihren Appell an die Sozialdeniokralie tortsetzcn— aber ich weiß, daß im Ernstfall gar nichts geschehen iverde. Da ich nun meine Methode als uudurch- führbar erkannte, wandle ich mich der reformistischen zu, die den Frieden durch die Au Näherung zu sichern sucht. Ich sehe die Kriegs- gesahr nicht wie Sie im Kapitalismus, der vielmehr starke Friedens- inlereffen hat, soiiderii in den noch ungelösten nationalen Problemen. Die Acra der naiionalcn Kriege ist noch nicht beendigt. Wenn der Krieg um die Befreiung der slawischen Nalioncn ausbricht, bevor wir die dcutich-französische Annäherung gemacht haben, iverden wir unretlbar bincingczogen. Aber dcr Aiinähcruiig stellt sich ein Hindernis entgegeii: die e I f ä s s i s ch e F r a g c. Für die Arbeiter, auch sür die Bauern, die bei uns lerne Idealisten sind und Frieden um jeden Preis wollen, mag sie keine Schwierigkeit bieten. Aber die Klosse, die bei uns regiert, ist das von den Zeitungen bc- herrschte Kleinbürgertunt, für das der PatriolisinuS eine Retigion ist. Wir inüsicir den Mut haben, dem deutschen Voll und dcr Sozialdemokratie zu erklären, daß eine Annäherung unmöglich ist ohne eine fühlbare Verbesserung dcr Lage der Elsaß- Lolhringer. Die bloße Autonomie i>n Rahmen des Reiches würde von unserem Bürgertum nicht leicht akzeptiert werden. Aber ich halte sie für annehmbar, jedoch unter zioel Bedingungen: erstens, daß die Eliässer ihre Ziistiminuiig möglichst dcinoiistrativ und mög- lichst laut kundgeben, und zweitens, daß Teutschland die elsässiiche Autonomie in seierlichcr Form als Genugtuung und Freundschafts- zeichen sür Deuischiand präsentiert. Die Art, iv i e gegeben wird, ist wichtiger, als was gegeben ivird. ES ist eine G e f L h l s f r a g e. Wenn die Sozialdemokratic diesen Vorschlag nicht annimmt und so einfach aus dem Standpunkt des Frankfurter Friedens bleibt, wird es nötig sein, auf einem nächste» Kongreß zu bean- tragen, daß den Proletariern verboten werde, die Internationale zu singen. Die Debaite wird abgebrochen. Die Resolutionskommission tritt nach am Abend zur Beratung zusammen. 3. Tag. Die Resolutiotten.— Schlntz des Parteitages. Die ResolutionSlommission bat sich in der Frage des Im- pcrialiSmuS infolge der gegensätzlichen Stellung zum Generalstreik aus keine gemeinsame Formel einigen können. Majorilät und Minorität legen besondere Texte vor und haben Referciilen sür sie bestiimul. Der Text dcr KommissionSinehrheit hat inzwischen eine neue Stilisierung erhalten. Ist er jetzt noch mit dem Amendement Keir Hardie- Vaillanr identisch? Die Redner der Kommissioitsmehrheit sagen Ja, die der Minderheit Nein. Und um diese Frage dreht sich die Dcdalie, die nach dcr Mittagspause beginnt und in der im übrigen keine neuen Argumente mehr vorgebracht werden. Jimres referiert für die KommissionSmehrheit. Er legt dar, daß die Mehrheit es für richtig gehalten habe, die Resolution nicht gleich dem in Kopenhagen eingebrachten ursprünglichen Vorschlag als be- sondereS Amendement zu behandeln, sondern einfach in die Kopen- Hagener Resolution einzuschieben, von der sie nunmehr einen Teil zu bilden hätte. Der Text lauter jetzt: Unter den Mitteln, den Krieg zu verhüten und zu verhindern und den Regierungen den Appell an das Schiedsgerichl auf- zuzwingen, hält dcr Parteitag für besonders wirksam den gleich- zeitig und internatlonal in den beteiligten Ländern organisierten Ä r b e i t e r- G e n e r a l st r e i k sowie die Volks- agitalion und-Aktion in ihren wirksamsten Formen. Jaurss legt die Bedeutung der entscheidenden Wendungen der Resolution dar: Wir halten die gleichzeitige Aktion angesichts der Gefahr für notwendig. Sie entspricht den Gefühlen des Proletariats. Wir wollen durch den Gcneralsteik lein anderes Altioiismittel aus- schließen. Es liegt auf der Hand, daß unsere revolutionäre Sorge mn den Frieden mit unserer Sorge sür die Unabhängigkeit aller Völker eng verbundeii ist. Und es gibt keine edlere Formal als die» jenige, die die Pflicht der Proletarier aller Länder verlandet, dia Unabhängigkeit der Nationen zu schützen. Wenn wir die besonders Hervorhebung gewisser Industrien unterlassen haben, so um zu be- tonen, daß sich die ganze Arbeiterklasse in Bewegung setzen mutz. Deshalb verkennen wir nicht, daß die Aktion gewisser Korporationen von besonderer Bedeutung ist. Indem wir den Appells an das Schiedsgericht erzivingen wollen, so darum, um die Hilfe aller menschlich Denkenden zu erlangen. Und um unseren Gegnern� nicht den Borwand zu nichtswürdigen Angriffen zu geben, haben wir die Gleichzeitigkeit de-Z Generalstreiks betont._ Derart werden es nicht die Vaterländer sein, die Gesahr laufen, sondern die Provokateure dcr Kriege.(Stürmischer Beifall.) Eompsrc- Morel legt den Text der Minorität vor. Dieser wiederholt die Resolutionen von Stmtgart und Kopenhagen und erklärt, daß das Amendenient Keir Hardie-Vaillant, ohne den AktionSmitteln gegen den Krieg etwas hinzuzufügen, nur als Bor wand für Ausnahmegesetze dienen könne. Ja— im unwahrscheinlichen Fall, daß der Vorschlag angenommen würde, würde seine Ausführung nur die Niederlage des Landes sichern, wo das b e st o r g a n i s i e r t e und den Beschlüssen dcr Jnrernationale treue st e Proletariat ist. Des« halb erklärt der Kongreß, sich an die Resolutionen von Stuttgart. Kopenhagen und Basel zu halten." Eompsre-Morel vemcrkt in seiner Erläuterung, baß der Text der Mehrheit nicht inehr der alte Text des Amendements sei. Jaurss entgegnet, Compsre-Morel habe selbst in der Kom« missionssitzung erklärt, daß dos.charakteristische Element deS Amendements der Generalstreik sei und dieser stehe nun in der neuen Textieruug. Wenn Compsre-Morel die Aenderungen wesentlich finde, warum stimme er nichr für die Resolution. Wenn sie aber un- wescntlicv sind, warum wirft er uns vor, diese verändert zu haben? In der Tat könnte unser Vorschlag alle Stimmen vereinigen. In unserer Diskussion will ich das Vorzeichen einer internationalen Verständigung in dcr von uns angegebenen Richtung sehen. Giicsde repliziert: Die Internationale hat uns einen Text unterbreitet, und init ihm ivird sich der Wiener Kongreß beschäftigen. Wir oernehen nickt, daß der veränderte Text besser ist, weil er nicht die Verfolgung des Bourgevisstaates gegen gewisse Kategorien der Arbeiterschaft provoziert. Aber dcr Generalstreik bleibt �eme wahre Gesahr für die im Sozialismus fortgeschritteneren Länder. Und wie könnte das Internationale Bureau die Gleichzeitigkeit sichern. Und wenn schon— bleibt nicht die Verschiedenheit dcr Stärke der Arbeiterorganisation? Das stärker organisierte Land würde zerschmettert werden. Und daS ist Hockiverral gegen den Sozialismus! Bnillant erwidert in einer, mit jugendlicher Leidenschaft vor» gebrachten Rede: Wir mild e r n das Amendement nicht, wir präzisieren es. Wir gehören nicht zu den Leuten, die, was auch immer geschehe, wiederholen, was sie schon gestern gesagt haben. Gegenüber der gestiegenen Kriegsgesahr ist der gtcick-zeiilge Generalstreik nötig. Die Abstimmilng ergibt: für die Resolution der Komm i s s i o n s me h rh ei t 1699 Mandat« sür die Resolution der M i n d e r h e i t.... 1174„ Enthaltungen............. 83, Abiveiend............... 24„ Unter den Enthaltungen ist die Hervös zu erwähnen. » Der Parteitag hat teils in der Vormittags-, teils in ber Nach- mitiagssitznng die übrigen Gegenstände dcr Tagesordnung erledigt. Einstimmig angenommen wurde die von der Sciue-Födcration vor» gelegte Reioluiion über die russischen Gefängnisse, ferner die über die A r b e i t s l o s i g k e i t und über die Teuerung. Dagegen wurde in bezug aus die Alkoholfrage keine Einigung erzielt. Einstimmig wurde das A l k o h o l m o n o p o l, die Ein« s ch r ä n k u n g der Verkauf Sstellen dagegen mit 1518 gegen 1192 Stimmen und 2 Enthaltungen angenommen. Im Anschluß an die Resolution über den Imperialismus wurde eine Resolution über E l s a ß- L o l h r i n g e n angenommen. Sie begrüßt die interparlamentarischen Koikfcrenzen von Bern und Basel, die Kundgebungen dcr Elsaß-Lothringer gegen die Revanche, erinnert an ihr Manifest vom 16. März 1913 an das französische Volk, die eine elsässische LolkS-Charte darstellt und fordert, mit dem Jenaer Kongreß dcr Sozialdemokratie die Autonomie Elsaß» Lothringens, in der Ueberzeugung, daß diese gerechtfertigte Genug- tiiung für die Annektierten die sür den Weltfrieden notwendige französisch-deuliche Annäherung erleichtern werde. Hcrve cikläit, die Resolution anzunehmen, aber er legt eine Art RechtSverivahrung sür die unverjährbare Selbstbestiinmuiig der Völker ein. Der Kongreß wird mit einer Ansprache des Vorsitzenden R e n a u d el, der seine Befriedigung über den Verlauf der Ver» Handlungen ausspricht, geschlossen. Wirtsihastlich:? Wochenbericht. Die Wirtschaftslage in Gefterreich-Angarn. „Stürmische Tage hat dcr Wiener Markt erlebt, und die Er» regung zittert in den Gcmüiern nach". So beginnt die„Neue Freie Presse" ihren Börsenwochenbcricht.„Was die letzte er» eignisrciche Woche gebracht hat", fährt sie fort,„war das be- schämende Schauspiel tiefster Schwäche und vollständigen Vcrsagcns der Markiorganisation. Wien hat den traurigen Ruhm, das Zeit» trum der Depression unter allen europäischen Plätzen zu bilden und die übrigen Märkte, die bisher die Lage kühl und besonnen be- urteilt hatten, gleichfalls stärker zn irritieren". Die Kursrückgänge sind jn dcr Tat sehr bedeutend und dauern au. Die„Reue Freie Presse" geht dann auf die Ursachen dieser Erscheinung ein und meint, daß die politischen Fragen dcr letzten Tage von geringem Einfluß gewesen wären, da zur Zeit deS Balkankrieges der politische Horizont doch ganz anders ausgesehen und sich die Börse trotzdem besser gehalten habe. Wahrscheinlich hat die Rücksicht auf die äußere Politik Oesterreich-Ungarns das Blatt veranlaßt, den Einfluß dcr politischen Lage auf die Börse zu bestreiien. Es möchte wohl nicht im Auslände gerade in diesem Moment, wo man gegen Serbien mit einer großen Aktion hervor» treten will, den Eindruck dcr völligen Zerfahrenheit hervorrufen. Ter österreichische Korrespondent dcr„Frankfurter Zeitung" gibt aber offen zu, daß sich dcr Bevölkerung eine Erregung bemächtigt hat. Und arbeitet denn selbst die Regierung darauf nicht hin, wenn sie durch ihre offiziellen und offiziösen Organe allerhand alarmierende Nachrichten und Auszüge aus serbischen Hetzorganen verbreiten läßt? Und wenn die österreichische Regierung jetzt diesem Treiben entgegentritt, unter dem Drucke des Börsenkrachs all ihre früheren offiziösen Berichte über die Beratungen de? Ministerrats einfach als erlogen erklärt, so bestätigt sie doch da- mit nicht nur, daß der Börsenkrach in enger Verbindung mit der politischen Lage steht, sondern auch daß sie selbst dafür mit der- antwortlich ist. UebrigenL bedarf es schon keiner Beweise mehr über den Zusammenhang zwischen der politischen Lage und den Wiener Börsenkrachs, nachdem die italienische Mobilmachung einen neuen starken Kurssturz hervorgerufen hat. Die politische Lage hat sich in der Tat sehr stark zugespitzt. WaS will eigentlich Italien? Die„Avanti" meldet, daß sich Italien zu einer Expedition nach Albanien vorbereite. Ist dem so, so vermag niemand vorauszusagen, was daraus werden soll. Wird sich dcnq baranS mchi ein ernfler Konflisk mü Oesterreich-Ilngarn ergeben? Ist der Bestand deS Dreibundes nicht gefährdet? Es genügt, nur diese Möglichkeit zu erwähnen, um den Aörsenmann in tausend Hengsten zu versehen. Daher zum Teil auch die Angstvcrkäufe der lchtcn Tage. Immerhin ist es schon richtig, daß diese Vöt?cn?risc nicht allein der politischen Situation zu verdanken ist, sondern vielmehr ein ÄuSsluß der allgemeinen Wirtschaftskrise ist.„Eine zweijährige fortschreitende Nnckbildung und Liquidation einer vorangegangenen Epoche beispielloser Uebcrtrcibungcn mündet in heftige Tcroutcn aus, die dem Kapital große Verluste bewirken, ungezählte Millionen zerstören und die Bewertung auf ewcn früher ungeahnten Tief- stand herabdrückcn." Immer, wenn«ine Dörsenkrise kommt, wollen die Börsenschreiber ihre Ursachen in den früheren Kurs- Übertreibungen gefunden haben. Das igt auch jetzt die„Neue Freie Presse", die daraus folgert, daß der Tiefstand der Kurse schon erreicht sei und daher wohl sine Erholung eintreten werde. Wiederum, wie so oft, ist auch diesmal der Wunsch der Vater des Gedankens. Schon wird von neuen Deroutcn gemeldet, die be- weisen, daß der Tiefstand noch bei weitem nicht erreicht ist. Auch liegt der Grund dieser Börscnkrise keineswegs bloß in früheren KurSübertvibungcn, sondern in einer tiefen wirtscHtiftlichen Krise, die in Oestcrreich-Ungarn seit Jahren wütet. Wie in der Politik, so auch in der Wirtschaft sieht Oesterreich-Ungar» seit einigen Jahren nur noch Mißerfolge. Die Herrschaft des ungarischen und galizischcn Adels hat sich in jeder Beziehung für Oesterreich vcr- hängnisvoll erwiesen. Der Staat ist an den Rand des BantkerottS angelangt. Seine Landwirtschaft hat gar keine Fortschritte aufzuweisen. So beträgt der Anbau(in Millionen Hektar): Oesterreich. Weizen Roggen Gerste Hafer Kartoffeln 1907.. 1.18 1.85 1.17 1.03 1.26 1912.. 1.26 2.03 1.06 1.87 1.26 Ungarn. 1906.. 3.88 1.14 1.13 1.15 0.64 1918.. 8.53 1.12 1.26 1.32 0.73 In Oesterreich ist die angebaute Weizen- und Roggenfläche etwas ausgedehnt worden, die von Gerste und Hafer dagegen ein- geschränkt, ebenso wie die mit Kartoffeln bestellte Fläche. Um- gekehrt hat man den Anbau von Weizen und Roggen in Ungarn eingeschrärikt, den von Gerste und Hafor etwas vergrößert. Der Gesamteffeit ist auf jeden Fall ungünstig, so dqjz in Oesterreich- Ungarn ein Mangel an Getreide eingotreten ist. Ter Einfuhr- Überschuß von Erzeugnissen der Landtvirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei ist von 1908 bis 1912 von 0,36 Millionen Kronen auf 0,9 Millionen gestiegen. Allein die Einfuhr von NahrungS- und Genußmitteln ist von 210,26 auf 350,07 Millionen gestiegen, wäh- rcnd die Aussuhr zeitweilig gar zurückgegangen ist. Die öfter- reichisch-ungarischc Landwirtschaft hat sich also ebenso unfähig er- wiesen, das Land mit Rabri�igSmitteln zu versorgen, wie die deutsche, obgleich hüben midi drüben sehr hohe Zölle die einheimische Landwirtschaft gegen die auswärtige Konkurrenz schützen. Darf man noch einen besseren Beweis für den Bankerott des Agrar- schutzes baben? In Deutschland weist aber die Landwirtschaft immerhin noch gewisse Fortschritte auf, die allerdings nicht übertrieben werden dürfen. Wie Pallod in den Preußischen Jahrbücher�, nachweist, werden viel zu hohe Erntemcngen angegeben, mindestens um 22 Prozent. Ballod zeigt dies an einem Beispiel. Für die Provinz Posen wird eine Produktion an Brotgetreide für 1908/10 von durchschnittlich netto(abzüglich Aussaat) rund 1,13 Millionen Tonnen ange- geben; die Ausfuhr beträgt im Mittel der Jahre 1909/11 350 000 Tonncu. ES hätten asso übrigbleiben müssen etwa 663 000 Tonnen, was rund 326 Kilo auf den Kopf der Bevölkerung ausmacht. Der durchschnittliche Konsuni tm Reiche beträgt 235 Kilo pro Kopf. Es ist nun ohne weitere» klar, daß die poliWschc Bevölkerung Poscns, die gewiß nicht zu der am besten ernährten Devölkerungsschicht im Reiche gehört, nicht 00 Kilo inehr Brot als der durchschnittliche Deutsche verzehren könnte. Aber noch höhere Konsumziffern er- geben sich für Ost- und Wostpreutzen und für Tecklenburg, wo'der ber»chnete Konsum sich gar auf 371 Kilogramm stellt. Selbst bei der Annahme, daß diese Bevölkerung durchschnittlich 250 Kilo Nr»t- gctreide verbraucht, ergibt sich, daß die Eratcstaiistik um 22 Proz. überhöht ist. Wahrscheinlich dürfte sie ehren noch größeren Fehler machen. Ten Landwirten ist es nämlick» heute niitzlich, deuRkin- druck zu erwecken, daß die Zölle von günstigem Einflutz gewesen seien und sie geben daher sehr hohe Erntemcngen an. Immerhin lassen sich gewisse Fsrtschritte in der deutschen Landwirtschaft nicht bestreiten, die aber keineswegs etwa bedeutender sind als in Län- dcrn, die keine Agrarzölle kennen, wie in England und Dänemark. Wenn die deutsche Landwirtschaft trotzdem die einheimische Bevöl- kcrung mit Nahrungsmitteln immer weniger zu versorgen imstande ist, so ist dies zum Teil auf das System der Einfuhrscheine zurück- zuführen, daS die Ausfuhr auf Kosten der einheimischen Brot- Versorgung fördert. Anderseits ist eS dem Wachstum der deutschen Bevölkerung zuzuschreiben. Von 1000 bis 1910 hat sich die deutsche Bevölkerung um 8,5 trnf 64,92 Millionen vermehrt; die Oesterreichs ist dagegen bloß um 2,4 auf 28,3 Millionen und die Ungarns gar bloß um 1,63 Millionen auf 20,89 Millionen, zustrmmcn um 4,03 Millionen auf 49,2 Millionen gestiegen. Die jährliche' Per- mehrung beträgt in Deutschland 1,41, in Oesterreich aber 0,89 und in Ungarn gar nur 0,85 vom Hundert. Ist es dann nicht merkwürdig, daß der Wiener Weizenpreis dennoch höher ist als der Der- liner und daß selbst der Budapester sich von diesem nicht weit ent- fernt? Dieser Bankero? sser Zsterreichisch-ungarischen Lan?wirtschoft, der durch den„Agrarschutz" mit verursacht wurde, ist die Haupt- Ursache der miserablen Lage des unglücklichen Landes. Oester- reich-Ungarn ist noch überwiegend ein Agrarland. Vom Wohle seiner ländktchen Bevölkerung hängt auch die Entwickelung seiner Industrie, vor allem seine Handelsbilanz ab. Nun wird seine Bevölkerung immer mehr durch Steuern und die allgemeine Mißwirtschaft ausgepreßt, verarmt. Die Reservisteneinberuftliv* während de- BaklankriegeS hat die Lage des Bauerntums noch ver. schlcchtert. Zu Hunderttaufenden verlassen daher die Bauern das auf Eroberungen bedachte Vaterland. Seit 1910' hat Oesterreich-Ungarn eine passive HandelSbilcwiz. ztzcte Einfuhr übersteigt die Ausfuhr ILIO um 860 Millionen Mark, i911 um 070 Millionen, 1912 um M.S und 1913 um 536,6 Mrl- lioncn Mark. Und das während einer starken Krise, als der ein- heimische Konsum aufs äußerste eingeschränkt, der Export aber nach Möglichkeit forciert wurde. In diesen vier Jahren hat also Oesterreich-Ungarn für 29t7 Millionen Mark mehr ein- als aus- geführt. Cane passive Handelsbilanz haben fast alle Industrie- länder. Sie decken aber den Einsuhruserschuß mit den Zinsen, die sie aus ihren ausländischen Kapitalanlagen crhabten, mit dem Verdienst der Reedereien usw. Oesterreich-Ungarn ist aber gewiß mehr verschuldet an daS Ausland als es Kapitalien im Auslände hat. Seine Reederei ist gering und in der Hauptsache von aus- ländischen Unternehmungen beherrscht. Daher hatte sich auch der Goldbestand der, österrsüh-ungarischen Zentralbank von 1909 bis 1913 um 110 Millionen vermindert, während die anderen Zettel- danken ihn vergrößern konnten. Aus Oesterreich-Ungarn fließt das Gold ab, wie es von seinen Bürgern venlasscn wird. Dazu kamen die Ereignisse auf dem Balkan mit ihrer an- dauernden Kriegsgefahr. Selbst viel gesündere WirtscheHW- organismen würden unter diesen Umständen stark leiden. Stand doch Deutschland während der MarokkokrisiS vor schweren Er- schütterungen. In Oesterreich brach eine schwere wirtschaftliche Krisis als Folge der Balkankriege aus, die immer noch andauert. So wird beispielsweise der„Neuen Freien Presse" auS der Konfektionsindustrie geschrieben: Die erste Hälfte des JahreS 1914 hat der österreichischen Männerkonfektionsinduffrie die gewünschte Besserung nicht ge- bracht. Dar Absatz an fertigen Männer- und Knabenklcidern hgt abermals eine Verringerung erfahren und der Hinweis auf die Abnahme der Jnsokbenzzifiern muß damit beantwortet werden, daß einerseits das Ja�r 1913 den ganz schwachen Elementen unter der Mnehmerschaft die Möglichkeit der Fort- bestandeS auf der alten Grundlage entzogen hat, anderseits es noch jetzt bei zahlreichen Kunden nur eine Frage des Entgegen- kommens der Liesdranten ist, wenn ihnen ine Fortführung d« Geschäftes ermöglicht ist. DaS unter diesen Umständen von der Einhaltung der Zahlungsbedingungen nicht gesprochen werden kann, ist selbstverständlich. DaS Bestreben, eine genaue Fest- stellung von Zahlungsterminen zu vermeiden, hat endlich dazu geführt, daß die Ausstellung von Kundenwcchseln in der Kon- fektionsbranche geradezu zur Seltenheit geworden ist, wenn sie nicht unter Vereinbarung von Fälligkeiten geschieht, die das ge-, wichnliche Ziel weit überschreiten. Im besonderen wäre zu er- wähnen, daß das Frühjahrs- und Sommergeschäft nach den Berichten der Kundschaft an Ergelmislystg?rit noch daS des vergangenen Jahres übcrtroffen ingd die Witterung der letzten Wochen auch keine Besserung für daS ohnehin nicht allzu bc- deutende Hochsommergeschäft gebracht hat, so daß fosst gar keine Nachbestellungen eingelaufen sind. DaS Wintcrgcschäft hat damit begonnen, daß sich ein großer Teil der Kundschaft in der Aus- gäbe und viele Erzeuger in der Entgegennahme von Aufträgen Zurückhaltung auferlegten. Diese Wirtschaftskrise ist die letzte Ursache der Börsenkrise, zu der die politischen Ereignisse den Anstoß gegeben haben. Oesterreich-Ukgarn krankt an denselben Mängeln wie sein Rivale Rußland, nämlich an der sozialen und politischen Herrschaft deS Großgrundbesitzes. Rur ist Rußland reisher an Menschen und Naturschätzen. RuHland grgenuber könnte Oesterxeich-Ungarn daher nur auserau4/Iug der Lrauenableilung nach RauchsangS werter. Abfahrt vormittags 7h, Uhr: Wgiscnbrpcke(Kabnt u..Hcrhcr). Rückfahrt S Uhr abends. Einige Teil- nebmcrlaiten für Erwachsen- 1 M., Kinder Über. 6 Jahre 40 Ps. und einige Freikarten für Kinder unter«Jahren sind noch beim Genoss«: G. Seulert. Berliner Ailee 252, zu haben. Wasserstando-Bacürichten der SandeSanfialt für Gewäifertunde. mugetinll vom Berliner Wetterbrireaa Wasserstand Mwmel, TUM P* e g e I, Jnsterbing W e i ch tx b. Thoru Oder, Ratlbor , Krosscn , Frankwtt Warthe, Schrimm , LandSdcrg Netze, Pordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Darbe , Magdeburg seit 16.7. cm1) +8 +2 -M. +4 +3 — 8 +6 —8 —4 +6 _ 22 — l +10 h-f bedeutet Wuchs,— Fall.— 1 Unterpegel. Extra billiger Verkauf von Reiten und Einzelnaaren !MW Weif unter Selbstkostenpreis verkaufen wir diefe qualitativ emwandsfreienWaren aus dem Grunde so auffallend billig, weil die in Frage kommenden Artikel nicht in allen Groden vorrätig sind. Dieses Sonderangebot stellt eine so günstige Einkaufsgelegenheit dar, datj es sich wirklich lohnt, selbst erst bei späterem Bedarf, davon jetzt Gebrauch zu raachen. verantwortlicher Redakteuri Ulbert Wachs, Berlin, Ii