Nr. 123.- 32. Jahrg. Abonnements- Bedingungen: bonnements Breis pränumerands: Bierteljährl. 3,30 m, monatl. 1,10 m möchentlich 25 Pig. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pig. Sonntags nummer mit illustrierter Sonntags Beilage Die Neue Welt" 10 a. Bost Abonnement: 1,10 Mart pro Monat Eingetragen in die Post Zeitungs Breisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich Ungarn 2.50 Mart, für das übrige Ausland Mart pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz Ericheint täglich. B Vorwärts Berliner Volksblatt. 5 Pfennig Die Infertions- Gebühr Beträgt für die sechsgespaltene Kolonel zeile oder deren Raum. 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereinss und Bersammlungs- Anzeigen 30 Pig. ,, Kleine Hnzeigen", das feftgedruckte Wort 20 Bfg.( zulässig 2 fettgedruckte Borte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan geigen das erste Wort 10 Pig., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Rummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: Sw. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplak, Nr. 151 90-151 97. Mittwoch, den 5. Mai 1915. Expedition: SW. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morikplak, Nr. 151 90-151 97. Das Ergebnis des Sieges in Weftgalizien. Fortschritte bei Ypern.- Kampf zwifchen Unterfeeboot und Marine- Zeppelin. Die Meldung des Großen Hauptquartiers. Amtlich. Großes Hauptquartier, den 4. Mai 1915.( W. T. B.) Westlicher Kriegsschauplatz. In Flandern festen wir unsere Angriffe von Nordeu und Often mit großem Erfolge fort. Heute morgen fielen Zevenkote, Zonnebete, Westhoek, der Polygoneveld Wald, Nonne Bosschen alles seit vielen Monaten heißumstrittene Orte in unsere Hand. Der abziehende Feind steht unter dem Flankenfeuer unserer Batterien nördlich und südlich von Ypern. In den Argonnen versuchten die Franzosen nördlich von Le Four de Paris vergeblich, einen von uns am 1. Mai eroberten Graben zurückzunehmen. Die Artilleriekämpfe zwischen Maas und Mosel nahmen auch gestern ihren Fortgang. Deftlicher Kriegsschauplatz. Die Zahl der in der Verfolgung auf Mitan gefangen genommenen Ruffen ist auf über 4000 gestiegen. Erneute russische Angriffe füdwestlich von Kalwaria wurden abgeschlagen. 170 Gefangene blieben bei uns. Ebenso scheiterten russische Angriffe füdöstlich von Augustow unter starken Verlusten für den Feind, der dort außerdem an Gefangenen 4 Offiziere, 420 Mann und zwei Maschinengewehre verlor. Auch bei Jedwabno nordöstlich vom 2om za wurde ein russischer Nachtangriff abgeschlagen. Südöstlicher Kriegsschauplak. Die Offensive zwischen Waldkarpathen und oberer Weichsel nahm guten Fortgang. Die Beute des ersten Tages beläuft sich auf 21 500 Gefangene, 16 Geschüße, 47 Maschinengewehre und zurzeit noch unübersehbares Kriegsgerät aller Art. Der österreichische Generalstabsbericht. Wien, 4. Mai.( W. T. B.) Amtlich wird verlautbart: 4. Mai 1915 mittags: In treuer Waffenbrüderschaft haben Deutschlands und Desterreich- Ungarns verbündete Truppen einen neuen Sieg erfochten. Die seit dem Rückzuge der Russen nach unserer siegreichen Schlacht bei Limanova in Westgalizien haltende start befestigte feindliche Front zwischen Weichsel und dem Karpathenkamm wurde in ihrer ganzen Ausdehnung erobert. In Fortſehung des Angriffs haben die österreichischungarischen und die deutschen Streitkräfte auch gestern an der ganzen Front unter den Augen des Armecoberkommandanten Feldmarschalls Erzherzogs Friedrich neue Erfolge erkämpft, find unaufhaltsam weiter nach Osten vorgedrungen und haben starke russische Kräfte erneut zum schleunigen Rückzug gezwungen. Die Bedeutung des Gesamterfolges läßt sich noch nicht annähernd übersehen. Die Zahl der bisherigen Gefangenen ist auf über 30 000 Mann gestiegen und nimmt stündlich zu. In den zahlreichen eroberten russischen Stellungen wurde cine Unmenge Kriegsmaterial erbeutet. 22 Geschüße und 64 Maschinengewehre sind bei der ersten Beute. An allen übrigen Fronken ist die Situation im großen unverändert. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: von Hoefer, Feldmarschalleutnant. Der Sieg in Westgalizien. Die Tragweite und die strategischen Wirkungen des von den verbündeten deutsch- österreichischen Truppen in Westgalizien errungenen Sieges lassen sich auch heute noch nicht stehen. Oberste Heeresleitung. Die Russen scheinen ihre Hauptstreitkräfte gegen die Karpathen vorgeschoben zu haben. Das lassen auch die Berichte aus dem österreichischen Kriegspressequartier vermuten. Die russische Dunajecfront war so stark durch Schüßengräben und Drahtverhaue aller Art befestigt, daß man offenbar auch mit einer geringeren Sahl von Truppen Angriffe abwehren zu können wähnte. Offenbar sind nun aber deutsch- österreichische Streitkräfte mit außerordentlicher Kraft vorgestoßen und haben die Linie an verschiedenen Stellen gesprengt. Szawle in Flammen. Szamle, den 1. Mai 1915. Szamle ist ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Die Stadt liegt über 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, etwa oberhalb der nördsten Höhe Deutschlands. Sie zählt in Friedenszeiten etwa 33000 Einwohner. Ihr Holzumschlagverfehr, Zuckerund Lederindr frie geben der Stadt eine gewerbliche Bedeutung, und sie war ein geschäftlicher Zentralpunkt für ein großes Landgebiet an ist ihr wirtschaftliches und gewerbliches Leben mindestens auf lange Zeit hinaus erheblich gestört, selbst dann, wenn des Kreeges Toben bald zu Ende sein würde. Ein großer Teil der Stat ist der Raub eines rasenden Brandes geworden.- Das Ziel dec Deutschen bei einem mit großer Energie durchgeführten Vorstog auf Szawle war die Zerstörung der strategischen Eisenbahn, die Zibau mit den russischen rückwärtigen Stützpunkten verbindet. Heute Mittag war das Wert der Unbrauchbarmachung der Bahn vollendet. Der letzte russische militärische Transport von Libau, ein Zug mit Liebesgaben, fiel den Deutschen in die Hände. Er kam hercingerollt, ale unsere Truppen Szaile bereits besetzt hatten und aus der Stadt mächtige Flammensäulen und Rauchwolfen emporstiegen. Es ist nicht anzunehmen, daß die Ruffen Szawle absichtlich einem gefräßigen Feuer preisgaben; augenscheinlich und nach dem Zeugnis der Einwohner waren militärische Maßnahmen, wie sie bei den Ariegführenden üblich sind, die mittelbaren Ursachen des Stadtrandes. Als die deutschen Truppen am Morgen des 30. April Die starten Befestigungen vor Szawle angriffen, hatten sie eine Marschleistung von 80 Kilometer hinter sich. Auch jest gab es noch keine Pause. Ein stürmischer Angriff löste den Gewaltmarsch ab. Erst nach einem heftigen Ringen, das fast 8 Stunden währte, waren die Deutschen unbestrittene Herren der Stadt, in die fie morgens gegen 10 Uhr einrückten. In eiliger Flucht zogen sich die Russen vor den nachfolgenden Deutschen bis weit hinter den Angriffsradius zurück. Kurz nach Mittag fahren wir in Szawle hinein. Am nordwestlichen Eingang der Stadt, unmittelbar am Bahnhof, brennt ein mächtiges Holzlager. Die herüberschlagende Hize macht schon jetzt bei der Einfahrt in die Stadt sich empfindlich bemerkbar. In allen Straßen stehen die Einwohner zusammen und schauen dem militärischen Getriebe zu. In der Sorbonerstraße, am Markt, brennt ein Haus. Wie die Einwohner erzählen, hat ein eingeschlagenes Artilleriegeschoß den Brand verursacht. Untätig stehen die Leute umber, machen nicht die geringsten Anstrengungen, das Feuer zu lokalisieren. Gegen 2 Uhr rüdt ein Stab in die Stadt ein, und bald darauf sind deutsche Soldaten an der Arbeit, das wütende Element auf seinen augenblicklichen Herd zu beschränken, was nicht sagen, da uns ja jede Kenntnis darüber fehlt, mit einer schließlich auch gelingt. Einheimische begnügen sich damit, etwas von dem aus den umliegenden Häusern herausgeholten Eigentum wie großen Truppenzahl die erfolgreiche Offensive unter- zu retten. Vor dem Hause liegt ein großer Haufen von Kleidern nommen wurde und wie starke russische Truppen den vor- und Tuchstoffen; gierige Flammen haben ihn erfaßt und verzehren dringenden deutschen und österreichischen Korps gegenüber- ihn. Nun schlagen aber auch schon im östlichen und füdlichen Teile der Stadt züngelnde Flammen empor. Nach der Auskunft von Einwohnern war hier das Feuer von großen Getreidelagern auf die meisten nur aus Holz erbauten Häuser übergesprungen. Sie hatten das Feuer längst bemerkt, aber in Kurzsichtigkeit und wahnfinniger Angst nichts zu seiner Eindämmung getan. Jeder war, wenn er nicht einfach stumm und starr dem Rasen des Elements zuschaute, lediglich darauf bedacht, einige Habseligkeiten zu retten. einer dachte an den andern, jeden beherrschten die engsten Eigensorgen. Um Kleines zu retten, begab man sich in Lebensgefahr. Vornehmlich alte Frauen; mit Gewalt mußten sie aus den bedrohten Hütten herausgeholt werden. Hier kommt ein Mann mit einem Samowar angefeucht. Ein Sanitäter springt ihm entgegen, reißt ihn vorwärts, faum aus dem Bereich der Gluthize heraus, bricht der Mann erschöpft zusammen. Trotzdem wollen noch zwei alte Frauen in das Flammenmeer hinein. Dort unten auf der Straße liegt ein Bündel und eine Kiste, das wollen sie holen. In lautes Weheklagen brechen sie aus, als ihnen das verwehrt wird. Jezt kommt noch ein Mann aus einem brennenden Hause; seine Hände sind verbrannt, seine Kleider glimmen; Flammen haben ihm Bart und Kopfhaare versengt. Soldaten bringen den Jammernden nach vorn, aber kaum hat man ihn losgelassen, will er auf der Die Menschen sind wie wahnsinnig, rennen wie die Hühner in die anderen Seite der Straße wieder in die brennende Gasse hinein. Flammen hinein. In den Ställen brüllt das Vich; eine halbver brannte Stake läuft über die Straße; Glutwellen und Rauchwolken schlagen zu uns herüber. Der ganze südliche und östliche Stadtteil steht in Flammen. Es mochte gegen 25 Uhr sein. Laut Klagende Frauen und Kinder hocken auf der Straße oder rennen ratlos hin und her; Mütter suchen ihre Kinder, Kinder schreien nach ihren Müttern. Einige feuchen vorbei, tragen und zerren Gerümpel, Säcke und Kästen nach dem Innern der Stadt zu. Zwei Mädchen behüten einen Käfig mit zwei Kanarienvögeln; sie sind nur notsterbenden Mann; cr sizt zusammengebrochen auf einem Stuhl. Burschen stehen umher, gaffen dem tragischen Schauspiel zu; sie fümmern sich nicht um die Wehklagenden und Hilflosen. Hauptmann V. padt einige Gaffer und zwingt sie zu helfen. Nut widerstrebend nehmen sie den keuchenden Frauen die Lasten ab. Der Gegenjak zwischen Juden und Polen macht sich auch hier wieder, und zwar in der häßlichsten Weise, bemerkbar. Noch sind uns die Punkte, bis zu denen die Sieger vorgedrungen sind, nicht bekannt. Offenbar befindet sich die Schlacht noch in vollem Gange, so daß sich noch nicht absehen läßt, wo sie zum Stehen kommen wird. Der deutsch- österreichische Erfolg ist auf alle Fälle ein sehr bedeutsamer. Da sich auf dem galizischen Kriegsschauplak Heeresmassen in der Kopfzahl von Millionen gegenüberstehen, kann auch der glänzendste Erfolg nur eine taktische Bedeutung haben; er kann sich freilich auch zu strategischer Wirkung auswachsen, wenn die Vorbedingungen dafür vorhanden sind. Ob das der Fall ist, wird erst die Zukunft lehren. Marine- ürftig bekleidet. zwei junge Leute und eine Frau bringen einen Englisches Unterseeboot durch ein deutsches Marineluftschiff versenkt. übersehen. Schon die gestrigen Meldungen besagten, daß die Amtlich. Berlin, 4. Mai.( W. T. B.) Am 3. Mai hat ein Front am Dunajec in ihrer ganzen Länge von den Karpathen deutsches Marineluftschiff in der Nordsee ein Gefecht mit mehreren bis zur Dunajecmündung durchbrochen und eingedrückt englischen Unterseebooten gehabt. Es bewarf die Boote mit Bomben und brachte eines von ihnen zum Sinken. Die Unterseeboote beworden sei. Die Zahl der Gefangenen hat sich auf 30 000 ver- schoffen das Luftschiff mit Geschüßen, ohne es zu treffen. Das Luftmehrt, auch sind zahlreiche Geschütze und Maschinengewehre schiff ist wohlbehalten zurückgekehrt. den Siegern in die Hände gefallen. Trotzdem läßt sich etwas Der Stellvertretende Chef des Admiralstabes. Abschließendes heute über die Bedeutung der Operation noch gez. Behnde. Immer noch grausiger wird das Bild der Zerstörung und des gezündeten Getreidelager, die man nicht in die Hände der Deutschen Grauens. Während die höchstwahrscheinlich von den Russen anfallen lassen wollte, dem südlichen und östlichen Teil der Stabt zum Verderben wurden, setzte Flugfeuer von dem brennenden Holz. lager her den südwestlichen und teilweise den westlichen Teil der Etadt in Brand. Ein starker Nordwestwind vereinigte sich mit dem Acncr zu einem unheimlichen Werk der Vernichtung. Immer wieder neue Szenen des Schreckens, der Kopflosigkeit und mangeln- der Hilfsbereitschaft tatenlos umherstehender Einwohner oder Leute aus der Nachbarschaft nehmen uns gefangen. Ich kann nur Zeuge eines Teiles des Grauens in der von drei Seiten brennenden Stadt sein. Offiziere springen in die Häuser, holen die Menschen heraus, die immer noch Habseligkeiten retten wollen. Soldaten müssen die halbtollen Menschen mit Gewalt fortreiben. Soviel wie möglich helfen sie, die geretteten Sachen, oft von lächerlichem Wert, in Sicherheit zu bringen. In einem schon brennenden Hause ist ein Mensch dabei, Kisten zu vernageln, man mutz ihn fast binaustragen. Zwei alte Leute schleppen Kleider und Hausgeräte in den Keller; sie stieren wie geistesabwesend, als sie hinausgeführt werden. Eine Matrone ist augenscheinlich irrsinnig geworden; schreiend und Gott anrufend, widersetzt sie sich den Versuchen, sie aus der brennenden Strahe zu bringen. Eine Frau jammert nach ihrem aus der Stratze stehenden Tisch. Dort rennt einer fort, in der Hand eine Schachtel mit Bonbons; eine andere trägt eine Lampe, und Kinder guälen sich ab mit riesigen Körben. Alte Frauen schleifen Säcke über die Stratze. Man ist halbbetäubt von all dem Schrecklichen und Grauenhaften und zornig der eigenen Ohnmacht gegenüber, der Größe des furchtbaren Jammers. Ter brennende Eingang zur Stadt droht unserem Wagen den Rückweg abzuschneiden. Zwei Auto rasen noch hindurch, das dritte muß jedoch schon über die Aecker nördlich der Stadt hinausfahren, au dem brennenden Holzlager und flammenden Oelbehältern vor- bei. Wie ein mächtiger Schiveis liegt eine dichte Rauchwolke über der Stadt, darunter ein Flammenmeer. Später kehren wir in die Stadt zurück, wieder über die Aecker; die Wagen bleiben vor der Stadt, denn allem Anschein nach wird sie vollständig in Schutt und Asche verwandelt. Aber in der Hauptstraße sind deutsche Sol- baten beim Rettungswcrk. Mit langen Feuerhaken reißen sie an einer Querstratze die brennenden Gebäude ein; andere schleppen in Eimern Wasser herbei, gießen es in die aufzischende Glut. Nun kommt auch eine Feuerspritze angerasselt. Offiziere hatten sie irgendwo aufgestöbert. Bald fährt ein Wasserstrahl in die brennen- den Holzkästen, langsam zwar, aber endlich, nach stundenlanger heißer Arbeit, wird man hier des Feuers Herr. Das Innere der Stadt und sein nördlicher Teil ist wenigstens gerettet, gerettet durch die von Märschen und Kämpfen schon bis zum Umsinken er- schöpften Soldaten. Ganz beruhigt vor eigener Gefahr beziehen wir nahe der Brandgrenze ein Quartier. Nachts um 2 Uhr wird noch einmal geweckt; das anscheinend gebändigte Feuer hat von neuem den Zug der Hauptstraße angegriffen. Stach kurzer Zeit ist es gedämpft. Aber in der Stadt ist es noch lebendig; auf den Straßen und Plätzen lagern Hundertc von obdachlos gewordenen Menschen mit ihrer geretteten kümmerlichen Habe. Zwar stehen die Kirchen und Synagogen leer, aber kein Mensch benutzt sie als vorläufige Wohnung. Heute frühe mache ich einen Rundgang. Nun erst ist die ganze Größe des furchtbaren Vernichtens zu übersehen. Nach meiner Schätzung ist gut die Hälfte der Stadt niedergebrannt. Zwischen den Schutthaufen irren laut jammernde und stumm sich betreu- Ligende Frauen und Männer umher; vor der Kirche liegen Frauen auf den Knien. Einige kommen mit verbranntem Hausgerät von der Stätte ihres ehemaligen Heims. Ein schwarzer Sarg steht auf dem Wege, dicht daneben hat sich eine Familie unter freiem Himmel häuslich eingerichtet. Auf einem Tisch liegt Brot, ans dem Boden stehr ein dampfender Samowar; eine Frau rupft ein halbverbrann- tes Huhn und im Sarge liegt der verkohlte llcberrest eines in den Flammen umgekommenen jungen Mädchens. Der Mann fragt mich, ob er wohl an der Stelle seines niedergebrannten Hauses eine Holzbude auszimmern dürfe. Ich mutz ihn an die Ortskom- mandantur verweisen. Der gutmütige Alte meint, ob ich wohl ein Glas Tee trinken möchte.... In dieser Umgebung. Ich schaue mich um: eine Stimmung, ich weiß nicht wie, packt mich; ich renne fort.... Nach wenigen Schritten sehe ich wieder eine verkohlte Leiche, bald noch eine. Ich konnte mehr- von dem Grauenhasten nicht ansehen, gehe in die Stadt zurück. Aber auch hier Bilder des Jammers und daneben solche des gemeinen Alltags. Umher- stehende Menschen, Leute, die Tee trinken, rauchen, essen. Soldaten versorgen sick mit Proviant und Gebrauchsartikeln.— Das ist alles natürlich und selbstverständlich, und doch wirkt es in dieser Umgebung, in dieser Atmosphäre der Qual und des Jammers furchtbar aufreizend und empörend. Aber nach einigen Stunden sitzen wir selbst beim Mittagsmahl; animalische Bedürfnisse dämp- fcn den seelischen Druck, der auf uns lastet. Gegen �2 Uhr verlassen wir Syiwle. Rückschauend nehme ich noch den Eindruck von der cingechcherten Stadt auf; noch qualmen die Balken, Funkengarben springen empor, und gerade ertönt die letzte Detonation von den Sprengarbeiten auf dem Bahnhof. Pernichter Krieg zeigt seine hohnlächclnde grinsende Fratze. D ü w c l l, Kriegsberichterstatter. falsche Senfationsmelüungen. Amtlich. Berlin, 4. Mai. sW. T. B.) Unter Mißbrauch des Kennzeichens W. T. B. sind heute nachmittag in Berlin über die Kriegsbeute der siegreichen Bcrbnndetrn in Wcstgalizien Zahlenangaben verbreitet worden, die den allein maßgebenden amtlichen Meldungen wider- sprechen und die Oeffentlichkeit irreführen. Die Bcr- jolgung der Schuldigen ist eingeleitet. * Berlin, 4. Mai.(W. T. B.) Wie ivir von zuständiger Stelle erfahren, erfolgte die gestrige Nachricht des Polizeipräsidiums an die Polizeireviere: „Großer Sieg in den Karpathen. Näheres noch unbekannt" erst etwa zwei Stunden nach der Verkündung eines großen Sieges durch amtliche Anord- nung von Flaggen und Glockenläuten. Die Reviere wurden von Fragenden fast gestürmt; natürlich wandten sie sich an das Polizeipräsidium; daß es sich um die Karpathen handelte, war ohne Geheimnis bekannt, konnte also mitgeteilt werden. Der Hinweis„Näheres noch unbekannt" war zweckmäßig, um Frager abzuwehren: noch mehr, um übertreibenden Gerüchten entgegen zu wirken. Berlin, 4. Mai.(W. T. B.) Es sei darauf hingewiesen, daß sowohl das deutsche wie das österreichisch- ungarische Communiquö ein Gesamtbild geben. Die Gefangenen- und Beutezahlen sind also in beiden Communiquss als für beide Teile geltend zu betrachten. Es wäre somit ein Fehler, den Gesamtgewinn durch Addieren der Zahlen in beiden Communiquvs herausrechnen zu wollen. Die maßgebende Zahl ist immer die größere, da sie auf einer jüngeren Zäh- lung beruht. Jedes von beiden Communiquös hat das verzeichnet, was ihm zuletzt vom Gesamtbild bekannt war. Westlicher Kriegsschauplatz. Der franzöjljche Tagesbericht. Paris, 4. Mai.(W. T. B.) Amtlicher Bericht von gestern nachmittag. Die Deutschen versuchten zwei Angriffe mit erstickenden Gasen, den einen nördlich Ipern bei St. Julien, den andern südlich Ipern in der Nähe der Höhe 60. Sie erzielten kein Ergebnis. Aus der übrigen Front nichts zu melden. Paris, 4. Mai.(W. T. 33.) Amtlicher Bericht von gestern abend. Es ist nichts zu melden außer dem Mißlingen zweier deutscher Angriffe in der Nacht vom. Sonn- tag zum Montag, einer gegen die englischen Truppen nördlich Apern, der andere gegen französische Kräfte im Priester- Walde. Dericht des Zelömarschalls Zrench. London, 8. Mai.(38. T. 83.) Feldmarschall French meldet: Die Deutschen griffen abends die Höhe 60 an. Sonnabend und gestern griffen sie in der Nachbarschaft von St. Julien an. Die Angriffe wurden abgeschlagen. Wir verloren keinen Boden und fügten dem Feinde schwere Verluste zu, obwohl er giftige Gase an- wandte. Ein deutsches Flugzeug wurde gestern innerhalb unserer Linien zum Landen gezwungen. Englische Gffiziersverluste. London, 4. Mai.(33. T. 33.) Die letzte V e r l u st l i st e verzeichnet 200 Offiziere, die größte Zahl seit den Kämpfen bei Neuve Chapelle; III Offiziere gehörten der Territorial- armee an. festlicher Kriegsschauplatz. Die Nelöung Ües rutschen Hauptquartiers. Petersburg, 4. Mai.(W. T. B.) Der Generalstab teilt mit: Westlich des Njemen wurde am 2. Mai der Kampf am Oberlauf des Tscheschuaflusses fortgesetzt. Am Abend des 1. Mai griff der Feind das Dorf Sosnia bei O s s o w i e tz an, wurde aber durch das Feuer der Festung zerstreut. An der B z u r a fanden umfangreichere Gefechte bei denr Dorfe Mistrewitze statt. Seit dem Abend des 1. Mai entwickelt sich an der Front von der unteren Nida bis zu den Karpathen in der Gegend von Gladytschoff eine sehr hartnäckigeTätig- keit. Auf dem linken Ufer der Weichsel unternahm der Feind in der Nacht vom 2. Mai sechs Angriffe, die von uns abgeschlagen wurden. In der Gegend von T a r n o w und weiter südlich erreichte das Artilleriefeuer große Heftigkeit, und. vereinzelte erbitterteKämpfe fanden statt. In der Richtung auf Stryj und weiter süd- östlich bei G o l v ö tz k o bemächtigten wir uns des Berges Makowka und nahmen 300 Mann, 10 Offiziere gefangen. Am D n j e st r unternahm der Feind am 1. Mai bei Zalesziki zwei vergebliche Angriffe. Lustkämpfe bei ltzernowitz. Wien, 4. Mai.(38. T. B.) Das„Neue Wiener Tag- blatt" meldet aus Czernowitz: Am Freitagabend erschien ein russischer Flieger und belegte unsere Stellungen mit Bomben. Ein deutscher Doppeldecker nahm sofort die Verfolgung auf und zwang den russischen Flieger zur Landung auf bessarabischen Boden. Während der Rückkehr des deutschen Fliegers stieg ein weiterer feindlicher Flieger auf. Der deutsche Doppeldecker nahm sofort die Verfolgung auf. Längere Zeit rangen beide Flieger miteinander; schließlich gelang es dem deutschen Doppeldecker, den Russen zu überfliegen. Der Feind gab zehn vergebliche Pistolen- schüsse ab. Der Doppeldecker erwiderte mit iö Karabiner» schössen und traf das feindliche Flugzeug, das jäh ab- stürzte. Der Apparat wurde zertrümmert, die Insassen tödlich verwundet. Der in Czernowitz weilende Erzherzog Leopold Salvator, der den Kampf beobachtet hatte, beglückwünschte auf das wärmste den siegreichen Flieger mit den Worten: Das war mein schönstes Erlebnis. Der Kampf spielte sich in einer Höhe von 2080 Metern ab. Eine rujstsche Sprengstoffabrik in üieLuft gestogen. 14:7 Tote und Verletzte. Petersburg, 4. Mai. kW. T. B.) Amtlich. Bei der Explosion in der Fabrik für Spreng st offe inOkhtaam 29.'April, in der im Slugenblick der Explosion 278 Arbeiter tätig waren, wurden 26 getötet oder derart verwundet, daß ie ihren Verletzungen erlagen. 59 Arbeiter wurden ins Hospital eingeliefert, 43 Arbeiter werden vermißt. In den Werkstätten für Hülsen wurden vier Arbeiter getötet, drei Arbeiter mußten in Pflege genommen werden. Bon achtzehn die Fabrik bewachenden Soldaten wurden elf getötet, vier wurden ins Hospital übergeführt. Die Gesamtzahl der Opfer ist folgende: verwundet: 63 Personen, ferner 34, die nicht zum Fabrilpersonal gehören; getötet oder den Verletzungen erlegen: 41; vermißt: 43, im ganzen 147 Opfer, zu denen 34 Privatpersonen gerechnet werden müssen. Der Seekrieg. vom Unterseebootkrieg. Rotterdam, 3. Mai.(W. T. B.) Der„Nieuwe Rotterdamsche Courant" meldet aus London: Der amerikanische Dampfer „Gulflight" von Port Arthur in Texas, der 15 Meilen von den Scillyinseln von einem deutschen Unterseeboot, daS gleich darauf im Nebel verschwand, torpediert worden war, wurde von zwei Patrouillenfahrzeugen gefunden. Die„Gulflight*. die eine Oel- ladung führte, sank nicht und wurde nach einem guten Anker- platz geschleppt. Der Kapitän ist an den Folgen des erlittenen Schreckens gestorben. Zwei Mann waren über Bord gesprungen und ertrunken. London, 4. Mai.„Daily Telegraph� meldet: Der Fischdampfer „Mercia", der am 20. März von Grimsbh abgefahren ist, wird jetzt amtlich verloren gegeben. London, 4. Mai.„Daily Mail" meldet: Die Mannschaften des Dampfers„Mobile" sind am Sonnabend abend heimgekehrt. ES heißt jetzt, daß das Schiff nicht torpediert, sondern von einem deutschen Unterseeboot durch Bomben und Geschützfeuer versenkt worden ist. Wie„Daily Telegraph" zum Untergang der„Edale" meldet, wurde das Schiff am Sonnabend früh 6 Uhr 30 Minuten torpediert. Die aus 24 Personen bestehende Mann- chaft landete auf den Scillyinseln. Das Unterseeboot habe nach dem Torpedieren sür fünfzehn Minuten getaucht und darauf neun Geschosse gefeuert. Die„Edale" hatte Getreide von La Plata nach Manchester geladen. Haag, 4. Mai.(W. T. B.)„Nieuwe Courant" meldet: Die Trawler„ M a r t a b a n' und. M e r c u r h" aus Hull wurden durch ein Unterseeboot zum Sinken gebracht. Die Besatzungen wurden gerettet. Drei andere Trawler, die durch dasselbe Untersee- boot verfolgt wurden, vermochten zu entkommen. » London, 4. Mai.(W. T. B.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Der Dampfer„Minterne" wurde gestern früh in der Nähe der Scillyinseln ohne vorherige Warnung torpediert, die Besatzung wurde, nachdem sie den ganzen Tag in einem kleinen Boote in schwerem Sturm getrieben war, geborgen. Flugzeuge gegen feinöliche Schiffe. Berlin, 4. Mai.(W. T. B.) Unsere Flugzeuge in Flandern haben in letzter Zeit eine rege Tätigkeit entfaltet. Sie haben zahlreiche Angriffe auf Seestreitkräfte und Handelsschiffe des Feindes ausgeführt und dabei wiederholt Erfolge erzielt. Unter anderem wurde am 26. April im Westdiep ein britisches Linienschiff der Formidableklasse mit Bomben beworfen und durch Treffer beschädigt. Ilm gleichen Tage wurden einige englische Vorpostenfahrzeuge erfolgreich angegriffen. Zum Gefecht öer Torpeöobootsstottillen. London, 4. Mai.(W. T. 83.) Ein amtlicher Bericht der Admiralität über das Seegefecht in der Nordsee sagt, daß die beiden Torpedoboote, die den Dampfer„C o l�o m b i a" angriffen, und später versenkt wurden, den Kampf begonnen hätten, ohne die Flagge zu hissen.„Daily Mail" meldet: Der Kampf begann am Sonnabend 11 Uhr 30 Minuten, als die„Recruit" eine Patrouillenfahrt machte. Die„Recruit" befand sich zwischen zwei Luftschiffen, als sie das Periskop bemerlle, das ganz in der Nähe war. Alsbald wurde ein Torpedo ab- geschossen, der das Schiff tödlich verwundete. Es neigte sich über und sank schnell. Die englischen Zerstörer wurden durch Signale des Fischdampfers„Daisy herbeigerufen, der die Mannschaft der „Recruit" rettete und während des Rettungswerkes von den Deutschen beschossen wurde. Die britischen Zerstörer sichteten die Torpedoboote um 3 Uhr 30 Minuten, nur zwei Torpedoboots- Zerstörer eröffneten das Feuer auf die deutschen Schiffe und setzten es fort, bis die deutschen Boote sanken. Das Gefecht war um 5 Uhr beendet. Der Flottenkorrespondent bezeichnet es als bemerkenswert, daß ein deutsches Unterseeboot die„Recruit" versenkte, obwohl diese nur bVe Fuß Tiefgang hatte. Torpeüierung norwegischer Dampfer. London, 3. Mai.(W. T. B.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Ein deutsches Unterseeboot hat den norwegischen Dampfer„American", ein Schiff von 6400 Tonnen, am Sonnabend in der Nordsee torpediert und versenkt. Der norwegische Postdampfer „Sterling" rettete die Besatzung, die in Newcastle gelandet wurde. Am Sonnabendabend feuerte ein Unterseeboot zwei Torpedos auf die„Sterling" ab und überholte den Dampfer, erlaubte ihm aber später, witerzufahren.. Kristiania, 3. Mai.(W. T. B.) Der Kapitän des nach London bestimmten norwegischen Dampfers„Baldwin" telegraphiert: „Baldwin" in Nordsee von deutschem Unterseeboot torpediert, Mannschaft in Leith gelandet. ver türkische Krieg. Melöung ües türkischen Hauptquartiers. Konstantinopel, 4. Mai.(W. T. B.) Das Große Haupt- quartier teilte gestern mit: Um das beschränkte Gebiet, auf dem sich der Feind bei Art B n r n u befindet, zu erweitern, versuchte er heute mit seinem linken Flügel einen neuen Vormarsch. Infolge unserer Gegenangriffe wurde er mit großen Verlusten in die sehr felsigen Täler zurückgeworfen und dann nach dein Ufer gedrängt. Unterdessen rief das Feuer unserer Artillerie auf einem feindlichen Transportschiff einen Brand hervor. Die anderen Transportschiffe. die sich an der Küste befanden, entfernten sich eiligst. Gestern wurde das Panzerschiff„Agamemnon", das Bulair indirekt zu be- schießen.versuchte, von vier unserer Granaten getroffen; es zog sich zurück, da es das Feuer nicht mehr fortsetzen konnte. Bei einem Zusammenstoß zwischen unseren Gendarmen und sieben bewaffneten Matrosen, die mit einem Offizier von einem feindlichen Unterseeboot auf einer unbewohnten Insel bor Bodrut(?) im Aegäi- schen Meer gelandet waren, wurden die letzteren getötet. Auf den anderen Fronten nichts Bedeutendes. Kritik an öer englischen Dardanellen- Operation. London, 4. Mai.