Nr. S33.-32. Jahrg. flbonnementS'Bedingungen: STbonncmentä• Breis pränumerand«» Bierteliäbrl. 330 Ml. moncttl. 140 TOt, wöchentlich 25 ijSfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. EonntazS- numme: mit illustrierter«onmags» Beilage»Die Neue Well� 10 P'g. Bost» Llöonnemem: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Bost> Zeitungs» Vreisliste. Unter Kreuzband ftir Teutschland und Oeslerreich- Ungarn 2,60 Mark. für das übrige Ausland . Marl pro Monat. Poslabonnement» nehmen an: Belgien, Dänemarl. Holland. Italien. Luxemburg. Pormgal. Rumänien, Schweden und die Schweis, ericheliit lZgli». Berliner Volkcsblnlk. 5 pfvnnls) Die Insertion!--Lebühr Schägt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 60 Psg., für politische und gewerlschaftllchc Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Nletne Hnztigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. fzulässtg 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes wertere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition iß bis 7 Uhr abends geoffnel, Telegramm- Adresse: -�»ÄZlteiiiolirst Rcrlia" Zentralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deiitfcblands. Neüaktion: SW. öS, LiaSenftraße Z. Fernsprecher: Amt MorikplaN- Nr. 151 Sv— 151 97. Dienstag, den 24. August 1915. Expedition; Sw. 6$, Lindenstraße 3. Fernsprecher; Amt Moriqplak- Nr. 151 90—151 97. Slloiviec in deutschem AelliW Oes(StoSen hWkWlllers. Amtlich. Großes Hauptquartier, deu 23. August 1915.(W. T. B.) Westlicher Kriegsschauplatz. Heute früh erschien eine feindliche Flotte vou etw» 49 Schiffen vor Zecbrügge, die, nachdem sie von unserer Küsteuartilleric beschosien wurde, in Nordwest- licher Richtung wieder abdampfte. In den V o g e s c n find nördlich von Münster neue Kämpfe in der Linie Lingekopf— Schratzmännle— Barren- köpf im Gange. Starke französische Angriffe führten gestern abend teilweise bis in unsere Stellungen. Gegen- angriffe warfen den Feind am Lingekopf wieder zurück; am Schratzmännle und Barrenkopf dauerteu heftige Nah- kämpfe um einzelne Grabenstücke die ganze Nacht an. Gtwa 39 Alpenjäger wurden gefangeu genommen. Bei W a v r i n(südwestlich von Lille) wurde ei» englisches Flugzeug heruntergeschosien. Oestlicher Kriegsschauplatz. heeeesgruppe des Lenerzlfeldmsl'lchallz v. Hindcnburg. Die Truppe» des Generalober st eu v. Eich. Horn sind östlich und südlich von Kowno im weitere» Vorschreiten. Am Bobr besetzte« wir die vom den Russen geräumte Festung Ossowiec. Nördlich und südlich von T y k o c i n fanden erfolg- reiche Gefechte statt. Tykocin wurde genommen. Es sielen dabei 1299 Gefangene(darunter 11 Offiziere) und 7 Maschinengewehre in unsere Hand. Nördlich von B i c l s k mißlangen verzweifelte russi- sche Gegenstöße unter sehr erheblichen Verlusten für deu Gegner, südlich dieser Stadt ging es vorwärts. heerezgruppe des GencralfeidmaricHalls Prinz Leopold von Bavern. Die Heeresgruppe hat unter hartnäckigen Kämpfeu die Linie K l e s z c z e l e— R azn a überschritten und ist im weiteren günstigeu Angriffe. Es wurden 3939 Ge- sangene gemacht und 16 Maschinengewehre erbeutet. Heeresgruppe des Generalkeldmarichalls v. Mackensen. Der Uebergaug über den Pulwa-Ab schnitt ist auf der Front zwischen Razna und der Mündung nach heftigem Widerstand erzwungen? der Angriff über den Bug oberhalb des Pulwa-Abschnittes macht Fortschritte. Meldung des russischen /lömiralstabes. Petersburg, 23. August.(W. T. B.) Der A d m i r a l- st ab teilt mit: Am 16. August erneuerte die deutsche Flotte mit starken Streitkräften die Angriffe gegen unsere Auf- stellung am Eingang der Bucht von Riga. Unsere Schiffe schlugen am 16. und 17. August den Angriff des Feindes zurück, der die Vorbereitungen zu seinem Eindringen in die Bucht unter der Begünstigung eines besonders nebe- ligen Wetters getroffen hatte. Unter dem Schutze des dichten Nebels drangen beträchtliche feindliche Streitkräfte endlich in die Bucht von Riga ein, während sich unsere Schiffe zurück- zogen, wobei sie jedoch dem Feinde unausgesetzt Widerstand leisteten und in Fühlung mit ihm blieben. Am 19. und 29. August führte der Feind Erkundungen nach verschiedenen Richtungen durch und ließ sich gleichzeitig in ein Gefecht mit unseren Schiffen ein. Die Folge davon waren empfindliche Verluste der feindlichen Torpedoboote. Wir verloren das Kanonenboot„S i w u t s ch", das in ungleichem Kampfe mit einem feindlichen Kreuzer ruhmreich unterging, der, von Torpedobooten begleitet, den„Siwutsch" aufsuchte und ihn auf ungefähr 499 Meter beschoß. Der„Siwutsch", ganz in Flammen gehüllt, erwiderte das Feuer, bis er unterging, nachdem er ein feindliches Torpedoboot zum Sinken gebrachk hatte. Mit Rücksicht auf die erlittenen Verluste und die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen scheint der Feind den Rigaischen Meerbusen geräumt zu haben. Vom 16. bis zum 21. August sind zwei Kreuzer und nicht weniger als acht Torpedoboote des Feindes teils außer Gefecht gesetzt, teils versenkt worden. In derlcfben Zeit ist es unseren tapferen Alliierten gelungen, einen der stärksten Dreadnoughts der deutschen Motte in der Ostsee zu torpedieren. Vor Brest-Litowsk ist die Lage unverändert. Beiderseits des Switjaz-Sces und bei Piszcza(öst- lich von Wlodawa) wurde der Feind gestern geschlagen und nach Nordoste» zurückgetrieben. Oberste Heeresleitung. »* Set SlkmelchW SMMlWMIA. Wie», 23. Augost.(W. T. B.) Amtlich wird per- lautbart: 23. August ISIS. Russischer Kriegsschauplatz. Oestlich der unteren P u l w a und der von R i a s n o nach Nord führenden Eisenbahn ist ein Kampf von großer Heftigkeit im Gange. Der Feind verteidigt jede Fußbreite Boden aufs zShcstc, wurde aber entlang der ganzen Front an viele« Punkten geworfen, wobei zahlreiche Gefangene in unsere Hand fielen. Besonders heiß kämpfte« unsere be- währten siebenbürgischen Regimenter bei den nördlich Riasno gelegenen Dörfern G o l a und S» ch o d o l. Das Infanterie- Regiment Nr. 64 nahm bei der Erstürmung einer von russischen Grenadieren verteidigten Schanze die aus sieben -Offizieren und neunhundert Manu bestehende Besahung gefangen und erbeutete sieben Maschinengewehre. Bor Brest-Litowsk nichts Neues. Oestlich Wlodawa drangen deutsche Truppen über die Scenzone hinaus. Im Räume von Wladimir— Wolpasrij schobcu wir unsere Sicherunge» bis gegen Tnryjsk und in die Gegend östlich Luboml vor. Die Russen wurden zurückgetrieben. I» Ostgalizieu herrscht Ruhe. Italienischer Kriegsschauplatz. Auch gestern schlugen unsere Truppen mehrere Angriffe der Italiener gegen die Hochfläche von Doberdo ab. Stellenweise kam eß wieder bis zum Handgemenge. Biel- fach versucht sich der Feind nunmehr methodisch an unsere BerteidigungSlinien heranzuarbeiten. Der Brückenkopf T o l m e i n stand nachmittags unter Artillerieschnellfener. Hierauf ergriff die feindliche Infanterie bis in die Nacht hinein wieberholt vergeblich an. Sie erlitt schwere Verluste. An den übrigen Fronten hat sich nichts Wesentliches ereignet. DaS Feuer der schwere« Artillerie auf unsere Tiroler Werke ließ zeitweise«ach. Heute ist ei« Bierteljahr seit der Kriegs- erkläruug unfereS einstigen Verbündeten der- flössen. Die ungezählten Angriffe des italienischen HeereS haben nirgends ihre Ziele erreicht: wohl aber kosten sie dem Feinde ungeheure Opfer. Unsere Truppen halten nach wie vor ihr« Stellungen an oder nahe der Grenze. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: von Höfer, Feldmarschalleutnant. Anmerkung des W. T. B.: Der russischen Dar- stellung gegenüber muß auf die deutsche amtliche Meldung von 21. August verwiesen werden. Russische Heneralsiabsmelüung. Petersburg, 23. August.(W. T. B.) Der General st ab des Generalissimus teilt mit: Die s e i n d li che Flotte hat den Meerbusen von Riga verlassen. Die Front auf dem Festland verläuft in der Gegend von Riga und in der Richtung von Jacob st adt und Düna- bürg nach Westen. Auf derselben Front haben sich Teil- kämpfe entwickelt. In der Gegend von W i l k o m i r ist eben- falls keine wesentliche Aenderung eingetreten. Westwärts von Koschedary hielten unsere Truppen auch im Laufe des 29. und 21. die hartnäckige Offensive des Feindes an. Auf dem linken Ufer des mittleren Njemen und des oberen Bobr keine wesentliche Veränderung. Die Lage unserer Truppen bei Ossowiec, am unteren Bobr, am unteren Narew und entlang der Eisenbahn Bielsk— Wysoko-Litowsk, in der Gegend von Brest-Litowsk und weiter am rechten Ufer des Bug bleibt ungefähr die gleiche. Der Feind übte seit dem 29. August abends andauernd einen hartnäckigen Druck aus in der Gegend von Bielsk und von Wlodawa nach Piscza, wurde aber durch unsere Gegenangriffe angehalten. In G a l i z i e n keine Veränderung. Direkte Nachrichten aus Nowo-Georgiewsk vom 29. d. M. fehlen. Die letzten von unseren Fliegern gebrachten Nachrichten aus N o w o» G e o r g i e w s k zeigen jedoch, daß in der Nacht zum 29. die Lage der Festung so schwierig geworden war, daß man auf weiteren Widerstand der Besatzung nicht hoffen kann. Im Schwarzen Meer zerstörten unsere Torpedo- boote über hundert türkische Segelschiffe. Eine fiktion der hollänöisihen Sozialisten. Von I. F. Ankersmit(Amsterdam). Die Aktion, die die holländische Partei gegen die Re- gierungsvorlage zur Einführung der Landsturmverpflichtung für alle noch nicht einberufenen dienstfähigen Männer zwischen 29 und 49 Jahnen durchgeführt hat, ist, obwohl sie, was von vornherein feststand, das Zustandekommen des Gesetzes nicht verhindern konnte, trotzdem nicht erfolglos geblieben. Erstens nämlich ist die Ausdehnung der Verpflichtung mit der Hälfte gekürzt: nur Männer vom 29. bis zum 39. Jahre können jetzt eingezogen werden. Sodann ist die Landsturmpslicht der Ein- zuziehenden ausdrücklich nur auf die Kriegszeit beschränkt. Weiter wird für jeden Ausgehobenen einer der jetzt schon ein Jahr lang mobilisierten Landwehrmänner entlassen werden. Auch hat der Kriegsminister sich zu einer nicht länger als vier Monate dauernden Ausbildungszeit verstanden, während bis- her diese Zeit bis zu 12 Monaten betrug, und endlich hat der Zwcckbeslimmungsparagraph des Gesetzes eine eingreifende Aenderung erfahren. Während der Minister als den Zweck des Gesetzes angab die Vermehrung der Armeereserven, hat die Kammer als Zweck die Ablösung der jetzt mobilisierten Land- Wehrmänner durch jüngere Leute genannt. Es ist unter diesen Umständen begreiflich, daß die mili- taristische Presse vor Wut schnaubt und z. B. das„Handels- blad" die Behandlung der Vorlage ein Begräbnis nennt. Das Blatt schreibt diesen Lauf der Dinge„dem Drucke einer poli- tischen Agitation" zu und macht damit ungewollt unserer Partei ein Kompliment, weil sie die einzige war, die diese Agitation geführt hat. Daß unsere Fraktion schließlich trotz der bedeutenden Konzessionen und obwohl sie die Gerechtigkeit der Vorlage, so- weit sie die Ablösung der älteren Landwehr durch jüngere Elemente anerkannte, gegen das Gesetz stimmte, findet seinen Grund in der ganzen Position, die unsere Partei gegen die Vorlage eingenommen hatte und die eine unbedingte Ver- werfung forderte. Wir waren uns dessen bewußt, daß wir eine schwache Stellung haben würden, wenn wir die Vorlage nur unter militär-technischem Gesichtspunkt betrachteten. Nicht nur schenkt man uns erfahrungsgemäß in dieser Hinsicht im Volke weniger Glauben als den Berufstechnikern der Armee, sondern wir hatten auch damit zu rechnen, daß wir in diesem Falle die demokratischen Befürworter der Volkswehr gegen uns haben würden. Die Vorlage bedeutete prinzipiell die Ein- führung der allgemeinen Wehrpflicht und war als solche ein Entgegenkommen an eine unserer ältesten Programmforderun- gen. Zwar bleibt auch dann noch die Tatsache bestehen, daß die Hebung in den Kasernen stattfinden wird statt im bürger- lichen Volksleben und daß alles, was an militaristischem Geist in auch vom Kriegsminister zugestandenem und bedauertem Matze in der Armee besteht, unversehrt bleiben würde,— aber ein Schritt in der Richtung unseres bisherigen Pro- gramms blieb die Vorlage trotzdem fraglos. Wenn die Partei nichtsdestoweniger stark gegen die Vor- läge eiferte, so fand sie den Mut dazu, indem sie sich auf den Boden der internationalen Politik stellte und von da aus den Fall betrachtete. Sie brachte ihren Kampf gegen dieses Vor- haben zur Verdoppelung der Armee in den Rahmen ihrer Friedensaktion und zwar in zwiefachem Sinne. Zuerst faßte sie die internationale Lage des eigenen Landes und die Auffassungen, die über seine Rolle im jetzigen Weltkrieg in der Nation hervortreten ins Auge. Die Vorlage war von der Regierung eingereicht einige Wochen nachdem dem Parlament eine Petition von zweiundzwan- zig notabeln Bürgern(Großindustriellen, Pro- fessoren, hohen Militärs usw.) überreicht war, in der die Ein- führung der allgemeinen militärischen Uebungspflicht gefor- dert war. Diese Petition begründete sich mit der Bemerkung, „daß während dieses Krieges und bei den darauf fol- gendcn Friedensverhandlungen in jedem gc- wollten Augenblick über alle gesunden, kräftigen Männer in wehrbarer Verfassung zu verfügen sei". In dieser Begrün- dung war zum erstenmal von beachtenswerter Seite eine Be- Nutzung der hofländischen Wehrmacht als Möglich hingestellt, die über die Grenzen der Wahrung der Neutralität hinaus- ging und ein aktives Eingreifen in der internationalen Kriegspolitik voraussah. In diesem Lichte würde die Re- gierungsvorlage eine große Gefahr. Wiederholt hatte der Kriegsminister versichert, für die Wahrung der Neutralität des Landes sei die jetzige Wehrmacht vollständig genügend. Die Schlußfolgerung lag nahe, daß die Ausdehnung der Wehrmacht für einen anderen Zweck als für die Wahrung der Neutralität, wofür allein unsere Partei die Mobilisation gutgeheißen hatte, als notwendig betrachtet werde. Dabei hatte sich allmählich eine zwar nicht ausgedehnte, aber doch beachtenswerte Strömung gebildet, die sich hauptsächlich um das Sensationsblatt„Telegraaf" gruppierte, das durch fortgesetztes Wettern gegen Deutschland und eine einseitige Par- teinahme zugunsten der Alliierten eine bedenkliche Stimmung im Lande hervorrief. Ohne alle Ueberschätzung dieser „Kriegspartei" war trotzdem mit ihr als mit einer gegebenen Tatsache zu rechnen, um so mehr als immer mehr Stimmen von nicht einflußlosen Leuten(Journalisten, Professoren usw.) laut wurden, die betonten, von einer eventuellen Annexion Belgiens deutscherseits würde Holland so sehr mit- betroffen und gefährdet werden, daß es sich dagegen mit be- waffneter Hand zur Wehr setzen müsse.. Von den Kreisen, in denen diese Stimmungen lebten, wurde die Regierungsvor- läge iiber alle Maßen gefeiert. Desto mehr Grund für unsere Partei, mit aller Kraft einen Entwurf zu bekämpfen, der solchen Strömungen Oberwasser verlieh. In dieser Weise wurde der Kampf gegen die Vorlage zu gleicher Zeit ein Kampf für die Erhaltung des Friedens für Holland, und es ist eben diese Parole, die im Volke gar gewaltig gezündet und auch im Parlament zur starken Beschränkung des Gesetzes sehr viel beigetragen hat. Nun kam aber noch hinzu, daß wir den ganzen Fall zu betrachten hatten aus den Auffassungen, deren sich der ganze internationale Sozialismus, trotz aller momentanen Zerrissen- heit, über die letzten Ursachen des heutigen Krieges bewußt ist. Zunächst witterten wir in der Agitation zur Ausdehnung des Armeebestandes gewisse imperialistische Motive, wenn auch nicht in dem Sinne eines aggressiven, dann doch eines kon- servierenden Imperialismus, insoweit, als offenbar ins Auge gefaßt war, es könnten bei den Friedensverhandlungen die holländischen Kolonien in Mitleidenschaft gezogen werden und man wollte sich darauf vorbereiten, das Blut unserer Ar- beiter eventuell fiir das ungeschmälerte Erhalten des holländi- schen Kolonialbesitzes in die Wagschale zu werfen. Die Tat- sage, daß unser Parlament in den letzten Wochen an die 30 Millionen Gulden für die Ausdehnung der kolonialen Flotte votiert hat, spricht in dieser Hinsicht eine beredte Sprache. Unsere Partei aber hat die Verweigerung jedes derartigen aewalttätig-imperialistischen Abenteuers aufs nachdrücklichste dokumentieren wollen. Dann aber auch tat sich jetzt die Gelegenheit auf, durch die Tat zu beweisen, daß es uns ernst sei mit der Jnnehaltung des Kopenhagener Friedensprogramms vom Jahre 1910, das auch in der Kopenhagener neutral-sozialistischen Konserenz vom Monat Jamiar und in den Londoner und Wiener Kon- serenzen der Sozialisten der kriegführenden Länder aufs neue bestätigt ist, und das die Einschränkung der Rüstungen mit der allgemeinen internationalen Abrüstung als Endziel fordert. Die bürgerlichen Vertreter, die sich in ihren jüngsten Friedensausschüssen zu einer gleichen Forderung ausge- schwungen haben, mögen es für sich selber verantworten, wenn sie jetzt schon gleich dieses neugebackene Programm in ihrer politischen Praxis im Stiche lassen,— wir haben eine höhere Auffassung vom Werte unserer feierlichen Erklärungen. Zwar ist das Programm als internationales Programm abgefaßt und die Auffassung liegt nahe, daß es nur mittels zwischen- staatlicher Vereinbarung vollständig zu verwirklichen sei. Aber ebensosehr sind wir davon überzeugt, daß ein solches inter- nationales Programm die Richtschnur abzugeben hat für unsere Landespolitik und sie über die Stimmungen des Tages erheben muß. Jedenfalls erschien es uns als schnurstracks unserer internationalen Pflicht zuwiderlaufend, wenn wir einer so starken Ausdehnung unserer Armee zugestimmt hätten mitten in einem Kriege, bei dessen Abschluß wir eine allge- meine Einschränkung der unerträglichen und als so gefähr- lich erwiesenen Rüstungen anstreben wollen. Wir glauben mit unserer Haltung der erwähnten Militär- Vorlage gegenüber, sowohl unserer eigenen Arbeiterklasse und unserem Lande als guch der Internationale einen Dienst er- wiesen zu haben. 5- Rußlanüs Anerkennung öer überlegenen deutschen Millerie. Petersburg, 23. August.(W. T. B.) Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur. lieber die Räumung von Kowno und den wahrscheinlichen Verlust von Nowo-GeorgiewSk wird von zuständiger Seite ausgeführt: Wie betrübend auch die neuen Prüfungen für russische Herzen sind, so mutz man doch zugeben, daß die Macht der modernen Artillerie jede Deckung für die Ver- teidiger einer Festung illusorisch macht derart, daß nicht nur die Feldverschanzungen, sondern selbst dauerhafte Befestigungswerke fast machtlos sind, ihre zerstörende Kraft zu hemmen. Mit der mächtigen Artillerie erfordert ein plötzlicher Angriff auf eine Festung leine große Kunst, sondern mir eine groß« Anzahl Geschütze des neuen mächtigen Typs, vorausgesetzt, daß man reichlich Munition hat und ungeheure Opfer an Kanonenfutter bringt. Diese Bedingungen entscheiden fast den Erfolg, so wie eS die Erfahrung bei den belgischen und den russischen Festungen zeigt. In Zukunft sind Festungen nur noch in Verbindung mit den Operationen der Feldtruppen zu brauchen, wie eS die Beispiel« des langen Widerstandes von Ossowiec und V e r d u n zeigen. Während der verflossenen Periode leisteten uns Nowo-GeorgiewSk und Kowno einen großen Dienst als Stützpunkte für unsere Reserven an der Weichsel, dem Narcw und dem Njemen. Ihre Räumung ist ein Opfer an die über- legen« artilleristische Vorbereitung des Feindes. Jetzt erkennt jeder durch den Augenschein, wie vernünftig es war, Przemysl während der letzten Kämpfe am Sau nur so lange zu halten, wie eS für die Feldarmee notwendig war, und eS dann zu räumen, indem man vermied, dort eine beträchtliche Besatzung ein« zuschließen, deren Abtrennung die lebendige Kraft unseres Feldheeres gefchwächt hätte. Die Einberufung ües zweiten Aufgebots in Rußland. Paris, 22. August.(58. T. 53.) Meldung der Agence Havas. Der russische Kriegsminister meldet, daß demnächst die jüngsten Klassen des zweiten Aufgebots einberufen werden. Durch die Einberufung werden acht Millionen Mann unter 35 Jahren zum Heeresdienste herangezogen. Der französische Tagesbericht. Paris, 23. August.(W. T. 53.) Amtlicher Bericht Von Sonntagnachmittag. Im A r t o i s nördlich von S o u ch e z wurde ein von schwachen Kräften ausgeführter deutscher Angriffsversuch leicht und schnell angehalten. Im Labyrinth dauert der Kampf mit großen Bomben an. Im Gebiete von R o y e heftige beiderseitige Kanonade. In den V o g e f e n griff der Feind unsere Stellungen auf dem Kamm von Sondernach an. Er wurde vollkommen zurück- geworfen. Auf dem Gelände, welches wir am 18. August in dieser Gegend eroberten, zählten wir Hunderte von toten Deutschen. Auf der übrigen Front verlief die Nacht ohne Zwischenfall. Paris, 23. August.(W. T. B.) Amtlicher Bericht von Sonntagabend. Im A r t o i s, besonders im Ge- biete von Neuville und Roclincourt lebhafte Tätigkeit der feindlichen Batterien, welche von unserer Artillerie heftig be- kämpft wurden. Gegenseitige ziemlich lebhafte Kanonade im Gebiete von Roye, auf dem Plateau von Ouennevisre, an der Aisnefront und um Reims/ In den Argonnen meldet man nur Kämpfe mit Schützengrabenkampfwerkzeugen, beson- ders in Courtechausse. Im Woedre nördlich Flirey Kämpfe mit Bomben und Handgranaten. In den V o g e s e n im' Fechtgebiete einfache Kanonade./ Der italienische Krieg. Nelülmg öer italienischen Heeresleitung. Rom, 23. August.(W. T. B.) Amtlicher Kriegsbericht vom Sonntag. In der Zone des Monte Maggie nordwestlich von Arsiero beschoß gestern feindliche Artillerie mit Heftigkeit die neuen von uns eroberten Stellungen. Es war uns möglich, das von uns besetzte Gebiet auszudehnen. Im oberen Boitetal haben wir einige feindliche Schützen- grüben an der Spitze des Travenanzetales im Sturm ge- nommen und Gefangene gemacht, deren Zahl noch nicht fest- gestellt ist. Wir haben ebenfalls feindliche in den Felsen des Monte Cristallo eingenistete Patrouillen verjagt und das von uns besetzte Gebiet bis zum Monte Cresta ausgedehnt. Feindliche Artillerie eröffnete das Feuer gegen die Ortschaft Cortina d'Ampezzo, wo sie einigen Schaden verursachte. Im oberen Rienztal unternahm der Feind gegen unsere am weitesten vorgeschobenen Stellungen Angriffe, die zurückgewiesen wurden. Auf dem K a r st sind unsere Linien gestern ebenfalls ein wenig vorgerückt. Wir haben einen starken Schützengraben im Sturm genommen und 97 Gefangene, darunter zwei Offiziere, sowie ein gepanzertes Maschinengewehr eingebracht. Der Feind konzentrierte hierauf ein heftiges Feuer gegen diesen Teil unserer Front und warf odann seine Truppen im Sturm vor, die jedoch durch unser Feuer aufgehalten und darauf durch Bajonettangriff zurück- geworfen und verfolgt wurden. Unsere Flieger erneuerten gestern morgen ihren Angriff auf den feindlichen Flugplatz in A i s o v i z z a und verwüsteten ihn durch Abwurf von sechzig Bomben. Das mutige Geschwader wurde durch Abwehrgeschütze des Feindes beschossen, jedoch sind alle Flieger unversehrt zurückgekehrt. Zur italienischen Kriegserklärung an öie Türkei. Kristiama, 23. August.(W. T. B.) Italiens Kriegs. erklärung an die Türkei wird von der norwegischen Presse als sicherer Vorbote von Italiens Beteiligung an den Operationen auf der Gallipoli-Halbinsel oder der Küste Kleinafiens bezeichnet. Dies sei um so wahrscheinlicher, als Italien offenbar eingesehen habe, daß es im Angriff gegen Oesterreich doch nichts auszurichten vermöge, und sich deshalb auf die Verteidigung seiner Grenzen beschränken werde, wozu die Hälfte des jetzt gegen Oester- reich operierenden Millionenheeres genügen würde. Außerdem be- tont man, daß Italiens Eingreifen an den Dardanellen mehr oder weniger unmittelbaren Einfluß auf die Haltung der Balkanstaaten haben würde. »* * Nach einer Luganoer Meldung der«Köln. Volkszeitung" schreibt der» A v a n t i" zur Kriegserklärung Italiens an die Türkei: Diejenigen, welche den Krieg im Mai herbeisehnten und er- klärten, wußten zu gut. daß dieser nicht auf Aktionen in den Alpen und am Jionzo beschräntt bleiben konnte. Wer sich mit dem Dreiverband verbrüderte, durste keinen Krieg allein betreiben. Die sofortige Folge der Kriegserklärung werde Italiens Ein- greifen vor den Dardanellen sein. Vorläufig, schreibt das Blatt, enthalten wir uns jeder Aeußerung. Wenn einmal die leitenden italienischen Kreise Rechenschaft ablegen müssen über ihre von uns nicht gebilligten Richtlinien, dann werden sie nach Verdienst behandelt werden. Ein italiemsihes Grünbuch über öen türkisch-italienischen Konflikt. Mailand, 23. August.(W. T. B.) Der römische Korrespondent der«Stampa" drahtet seinem Blatte, Sonnino bereite ein Grünbuch über den türkisch-italienischen Konflikt vor. Der türkische Krieg. Meldung des türkischen Hauptquartiers. Konstantinopel, 23. August.(W. T. B.) Der Bericht des Hauptquartiers vom 22. d. Mts. lautet: Der Feind griff die neue Front bei A n a f o r t a an, aber wir schlugen den Feind durch einen Gegenangriff vollständig zurück und brachten ihm schwere Verluste bei. Bei dem Angriff vom 21. d. Mts. erlitt der Feind gewaltige Verluste. Allein vor einem Teil unserer Gräben zählten wir mehr als 500 Tote und außerdem nahmen wir einen Offfzier und eine An> zahl Soldaten gefangen. Vor Ari Burnu und S e d d u l B a h r hat sich nichts Wesentliches ereignet. An der I r a k f r o n t griffen unsere Truppen eine eng- lische Ilbteilung bei Akike(?) am E u p h r a t an und fügten ihr große Verluste zu. Sie erbeuteten mehr als 200 Gewehre. An anderen Fronten ist keine Aenderung eingetreten. Türkisches Dementi. Berli«, 23. August.(W. T. 23.) Die türkische Botschaft teilt mit: Der amtliche englische Bericht vom 10. August 1915 meldet, daß während der Kämpfe der letzten Tage in dem südöst- lichen Abschnitt bei Kirthia die Engländer um 200 Meter vorgeschritten seien, Tschunekbair genommen hätten und dabei 350 Ge- fangene gemacht und Maschinengewehre erbeutet hätten. Der französische Bericht desselben TageS über dieselben Kämpfe meldet, daß die australischen Truppen 500 Gefangene gemacht und neun Maschinengewehre erbeutet hätten.— Der Inhalt dieser beiden Berichte entbehrt jeder Grundlage. Der Feind hat keinerlei Fortschritte bei Kirthia gemacht, hat nicht Tschunekbair genommen und kein einziges Maschinengewehr erbeutet. Die Angriffe, die er seit dem 3. August unternommen hat, sind unter unserem Feuer zu- sammengebrochen. Es ist wahrscheinlich, daß er eine kleine Anzahl von Gefangenen gemacht hat, die jedoch die angegebene Ziffer nicht erreicht. Der Seekrieg. vom v-Sootkrieg. London, 23. August.(W. T. B.) Wie das Reutersche Bureau berichtet, wurde der Kapitän und die Besatzung des Dampfers « C o b e r"(3060 Bruttotonnen) aus London, der von einem Unter- seeboot versenkt wurde, durch den holländischen Dampfer „Monnikendam" gelandet. Nach einer Llohdsmeldung wurden die englischen Dampfer«Daghistan" und« W i n d s o r" versenkr, die Besatzungen gerettet, während der englische Dampfer «William Dawson" in die Luft geflogen ist. Zur Versenkung öer �rabic�. London, 23. August.(W.T.B.)„Daily Tele- a p h" meldet aus New Dork: Wilsons Sekretär u m u l t y sagte mit Bezug auf die Versenkung der „ A r a b i c" in einer Ansprache: Die geeinigte Nation unter- stützt den Präsidenten in dieser großen internattonalen Krise; sie wird, wenn nötig, für die unveräußerlichen Rechte der Amerikaner zu Lande und zur See auch das Leben einsetzen. Genosie vanöervelöe öementiert. Die Baumeistersche I. K. schreibt: Am 14. Juli sprach Genosse Bandervelde in Paris(St. Denis) und ließ sich auch über die Rolle Rußlands aus:„Staunen Sie nicht", rief er aus,„wenn ich auch Rußland in die Nationen ein- reihe, welche die Unabhängigkeit der Völker und die Sache des Fortschritts der Menschheit verteidigen. Eine hohe Persönlichkeil hat mir erklärt, daß Rußland die größte Demokratie sein könnte, wenn es nicht seit langem von den Bazillen des deutschen Einflusses vergiftet wäre. Und es tst wahr, ohne Zweifel. Der größte Teil des Absolutismus, unter dem das russische Volk zu leiden hat, kommt aus Deuffchland." Gegen diese Auffassung, die dem Pan- slawiSmus entstammt und die der ganzen russischen Geschichte ins Gesicht schlägt, wandte sich der«Vorwärts" und rügte sie in äußerst freundlichen und schonungsvollen Worten, wobei unser Zentralorgan lobend hervorhob, daß sich Bandervelde enthalten habe, auf der skandalösen Versammlung der Jingoes der Britischen Sozialisttschen Partei in Queens Hall zu erscheinen, obwohl er als Redner angekündigt worden sei. Hierauf antwortete Bandervelde in einem Leitartikel der „Humanite" vom 16. d. Mts., daß er in jener Versammlung gc- sprachen haben würde, wenn er damals nicht in Mailand gewesen wäre; er hätte neben Hyndman, Cachin, Hodge, Tillet usw. eine Rede gehalten im Sinne der Resolution der Londoner Konferenz vom Dezember 1914. Was Rußland betreffe, so habe er nicht von der Regierung gesprochen, sondern vom russischen Volke.„Wir wissen wohl", schreibt Bandervelde, ,chaß in den ersten Kriegs- monaten die herrschenden Kreise Rußlands nichts gelernt und nichts vergessen haben: die Finnen, die Polen, die Juden, die Mitglieder der ersten Duma, die Revolutionäre sind lebendige Be- weise für diese Tatsache. Aber hier handelte es sich um das russische Volk, das wir lieben, bewundern und dessen kaltblütigen und zähen Heldenmut wir begrüßen. Im vergangenen Jahre sagte mir jemand in Petersburg:«Rußland ist die größte Demo- kratie der Welt, regiert von einer deutschen Kolonie, die den Hof bildet." Es ist Wahres, viel Wahres in dieser paradoxen Erklä- rung. Die Reaktionäre der Umgebung des Zaren find nicht sämt- lich baltische Junker, aber sämtliche baltischen Junker sind Reak- tionäre schlimmster Sorte. Andererseits fage ich, daß es in dem kleinsten Finger eines Moskauer oder Petersburger Arbeiters mehr revolutionäre Kraft gibt, als im ganzen Körper, im ganzen Herzen und Kopfe eines Mitgliedes der Mehrheit des Vorstandes der deutschen Sozialdemokratie." Das gange russische Volk sei sich bewußt, daß dieser Krieg kein dynastischer, sondern ein natio- naler Krieg sei, von dem es seine Befteiung erwarte. Es wolle lieber mit dem Zaren zusammen in den Krieg gehen, als mit dem Kaiser in Frieden leben. Man müsse allerdings zugeben, daß die fteiheitlichen Eingeständnisse, die die russische Regierung letztbin der Duma, den Semstwos und den Gemeinden machte, die Folgen russischer Niederlagen seien. Nichtsdestoweniger behaupte er (Bandervelde) zusammen mit Krapotkin, Plechanow und Alinski, daß eine ruffische Niederlage ein« Aussöhnung zwischen der zarische» Knute und dem deutschen Stock bringen würde, während ein russischer Sieg dem Volke nützen würde.... J\u& öer italienischen Partei. Lugano, 17. August.(Eig. Ber.) Die Stellung der Parteigenossen zu den Hilfskomitees fährt fort, die Aufmerksamkeit der Parteiorgane zu beanspruchen. In Turin haben die Neuwahlen in das Lokalkomitee der Partei- organisation den Sieg der Jntranssgenten zur Folge gehabt, das heißt deffenigen Richtung, die gegen die Beteiligung an den ge- mischten Komirees ist, was höchst wahrscheinlich die Vertreter der Partei in den Komitees veranlassen wird, ihre Aemter niederzulegen. Noch be- zeichnender ist der Austritt der Genossen in Venedig aus dem Hilfs- komitee.«Zwei Monate der Mitarbeit haben den Genossen die Augen geöffnet, diejenigen, die am eifrigsten für die Beteiligung der Sozia- listen eingetreten waren, find zu den Bekämpfern der Teilnabme an dem gemischten Komitee geworden", so schreibt man dem.Avanti" aus Venedig. Den äußeren Grund zum Austtitt der Sozialdemo- traten aus dem Komitee gab die Art und Weise, wie die«demo- kratische" Mehrheit der Komitcemitglieder die Arbeitslosenfrage behandelte. Die Sozialisten bestanden darauf, die Arbeitslosenfrage sollte vom Komitee in direkter Verbindung mit der Gemeinde und dem Bürgermeister gehandhabt werden, demgegenüber beschloß die Majorität des Komitees, den Vorfitz einem alten General zu über- tragen, wodurch die Gemeinde und der Bürgermeister bezw. die soziale Rolle deS Komitees in den Hintergrund traten, und dem Komitee ein militaristisch-philantropisches Gepräge gegeben wurde. Gab dies Verfahren Anlaß zum Austritt der Genossen aus dem Hilfskomitee in Venedig, so sind die tieferen Ursachen, die ihn bc- dingt haben, von allgemeiner Tragweite und werfen ein Licht auf die Stellung der sozialistischen Partei zu den anderen Parteien auch in der Frage der Hilfskomitees. «Eine Grundverschicdenheit in den Gefühlen, in den Anschau- ungen, in der Betrachtungs- und Handlungsweise machte das weitere Zusammenarbeiten unmöglich", bemerkt der Venediger Kor- refpondent de?.Avanti", nachdem er hervorgehoben, in welche Wut die Vertreter der bürgerlichen Parteien gerieten, jedesmal wenn die sozialistischen Mitglieder des Komitees die ökonomischen oder politischen Organisationen des Proletariats erwähnten.«Wie Be- sessene wehrten sich die Betreffenden: Wir kennen keine Parteien, es gibt nur Italiener, Italiener, Italiener.... Konnten unsere Ge- nossen dieser Verletzung proletarischer Organisationen ruhig bei- wohnen? Gewiß nicht, auch blieben sie die Antwort nicht schuldig." Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch in anderen Orten die- selbe Lage eintreten wird wie in Turin und Venedig. Das Zen- tralorgan der italienischen Partei bespricht die Frage der Be- teiligung der Genossen an den Hilfskomitees wie die Hilfskomitees überhaupt in einem Leitartikel, der den bezeichnenden Titel trägt: «Täuschen wir unS nicht und lassen wir uns nicht täuschen", in dem Leiviesen wird, wie ohnmächtig die HilfskomiieeZ sind, wie es ihnen an Mitteln, Kompetenz und�Bewegungsfreiheit fehlt, wie durch sie die Verantwortlichkeit des Staates auf die Mitglieder der lokalen Komitees gewälzt wird. Tie Sammlungen haben ganz illusorische Resultate gehabt; auch in den Städten wie Mailand, wo am meisten gespendet wurde, ist das Aufgebrauchte ein Hohn im Vergleich zu den dringenden Bedürfnissen. Der Staat soll sich der Opfer des Krieges annehmen, wie er sich der Soldaten an- nimmt.... Ten Parteigenossen— auch denjenigen, die an den Komitees teilnehmen— liegt die Pflicht ob, sich nicht täuschen zu lassen und nicht zu täuschen... Bezeichnenderweise ist der Leitartikel nur ganz wenig zensuriert worden. In Parteikreisen wird die Stellungnahme des„Avanti" ein Gefühl der Befriedigung auslösen. � die Militärzensur gegen öen Avanti"! Lugano, 19. August 1913. Dig. Ber.) Je weiter, desto strenger geht die Militärzensur gegen das Zentralorgan der italienischen Sozialdemokratie vor: Am 13. wurde ein Bebels Andenken gewidmeter Artikel ganz entstellt, und zwar wurden bezeichnenderweise von der Zensur alle Zitate gestrichen, die sich auf die Erklärungen Bebels und Liebknechts Anno 1871 bezogen. Seit drei Tagen geht die Zensur noch summarischer vor: die Leitartikel werden vom ersten bis zum letzten Wort unterdrückt. Von dem einen blieb nur der Titel„Vom Berliner Vertrag bis zu den heutigen Tagen" und die, nach anderthalb Spalten weißen Raums folgende Unterschrift: „Arnaldo Lucci, Mitglied des Parlaments". politische Maßregelungen. Eine Reihe von Organisatoren der irischen Freiwilligen wurden zu je zwei bis vier Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie ent- gegen den Befehlen der Militärbehörde ihr Land nicht verließen. Die Zahl der Ausweisungsbefehle wächst. s.Herald" vom 11. August.) Wie der„Labour Leader" vom 23. Juli mitteilt, erhielten kürz- lich vier bekannte irische Nationalisten den Ausweisungs- b e f e h l. Da sie demselben nicht nachkamen, wurden sie verhaftet und sehen nun der Aburteilung entgegen. Aus Cock wurden ein Sozialist und ein anderer ausgewiesen. In Sheffield wurde ein Mitglied der I. L. P. zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er verwundeten Soldaten Ab- sätze aus dem Friedensaufrufe der deutschen Sozialdemokratie vorlas und ihnen sagte, daß sie nur für die herrschenden Klassen kämpfen. Seine Familie mußte das lange Jahre bewohnte Haus, in dem sie ein Geschäft gegründet hat, sofort räumen.(„Labour Leader" vom 12. August.) Wegen Beteiligung an Streiks erhielten 133 Arbeiter der Maschinenfabrik Erikson und 3 Arbeiter der Newa-Schiffswerft in Petersburg auf Anordnung des Stadthauptmanns, deS Fürsten Obolenski, je drei Monate Gefängnishast. In Turin ist das Mitglied des italienischen Metall- arbciterverbandeS, Sobrito, verhaftet worden, bei dem schon nach den großen Maiunruhen öfters Haussuchungen abgehalten worden waren, die aber keinerlei Beweismaterial dafür zutage förderten, daß Sobrito sich bei irgend einer neutralistischen Kund- gebung oder am Generalstreik beteiligte. Nachdem man aber bei der letzten Haussuchung eine alte und verrostete Schußwaffe bei ihm fand, wurde nunmehr zur Verhaftung geschritten. Die Gewerkschaftsbeamten in Italien hatten seiner Zeit vom Ministerium die offizielle Versicherung erhalten, daß die beruflich nötige Bewegungsfreiheit für ihre Reisen in die Kriegszone erhalten bleiben sollte. Nun ist trotzdem einem Bologneser Beamten der '�Reisepaß verweigert worden mit der Begründung, daß„heute unter den gegebenen Verhältnissen keine Streiks, Agitationen usw. zu machen seien." Am 16. Juli erschien in der„Humanits" eine Artikel- Überschrift„Die Lage der Juden in Rußland". Den Artikel bezeichnete ein weißer Fleck. Der englische Gewerkschaftskongreß und üie Frauen. Der 17. JahreSkongreß der englischen Gewerkschaften, der am 6. September in Bristol zusammentritt, wird sich auch mit folgender, vom nationalen Verbände der weiblichen Arbeiter vorgelegten R e- s o l u t i o n zu beschäftigen haben: „Es liegt im Juteresse der höchsten Vaterlandsliebe, die infolge des Krieges nötig gewordenen Hilfsaktionen so zu gestalten, daß das Lebensniveau und die Arbeitsverhältnisse der Arbeiter nicht unnötigerweise herabgedrückt werden; es müssen deshalb entsprechende Maßnahmen ergriffen werden, die die Abwanderung und Stell« Vertretung von Arbeitern regeln. Wir schlagen folgende Matz- nahmen vor: 1. Sämtliche weibliche Arbeiter, die in Kriegswerk- statten eintreten, sollen sich der betreffenden Gewerk- s ch a f t anschließen; die gewerkschaftliche Mitgliedskarte soll die Borbedingung ihrer Anstellung sein; Gewerkschaften, die bis jetzt weibliche Arbeiter ausschlössen, sollen veranlaßt werden, ihre Satzungen zugunsten weiblicher Mitgliedschaft zu ändern. 2. Wo eine weibliche Person dieselbe Arbeit leistet wie der Mann, soll sie denselben Lohn erhalten; der Grundsatz: gleicher Lohn für gleiche Arbeit mutz aufrecht erhalten werden. 3. Unter keinen Um- ständen darf man weibliche Personen auf Grund des KriegSarbeitS- registers zur Arbeit einziehen, ohne ihnen einen anständigen Lohn zu sichern; Schwitzarbeit muß ausgeschlossen sein. 1. Weibliche Personen, die auf Grund des Kriegsarbeitsregisters eingezogen werden, sollen wenn nötig auf Staatskosten ausgebildet und erhallen werden, bis sie ihrer Aufgabe gewochsen sind; bei der Einziehung der weiblichen Personen soll man denjenigen den Vorzug geben, die schon vorher als Lohnarbeiterinnen beschäftigt waren. 3. Nach Friedensschluß: beim Uebergang zu normalen Verhältnissen soll man diejenigen männlichen Arbeiter vorziehen, deren Plätze während des Krieges von Frauen besetzt waren. 6. Den weiblichen Personen, die hierdurch ihre Arbeitsplätze verlieren, muß ander- weitige Beschäftigung garantiert werden. 7. Der beratenden Kom- Mission, die die Regierung ernannte, um ihr bei der Au§- fllhrung der KricgSarbeiien beizustehen, sollen weibliche Personen hinzugefügt werden, um die Regierung über Frauenbeschäftigung zu beraten. Englischer Trost für Rußlanü. London, 23. August.(W. T. B.)(Meldung des Reuterschen Bureaus.)„Times".schreibt: Es sei wohltuend, zu erfahren, daß auf Betreiben der russischen Regierung Schritte unternommen wurden, um die Verbreitung des Eindrucks, alS ob die westlichen Verbündeten nicht ihren Teil an den Lasten des Krieges trügen, zu verhindern. Wenn alle Tatsachen bekannt sein würden, so werde man finden, daß Rußland keine Ursache habe, sich über die Unter- slützung, die es bei den Verbündeten fand und finden werde, zu be- klagen. Großbritannien und Frankreich seien den jüngsten Er- eigniffen auf dem östlichen Kriegsschauplatze mit größtem Interesse und größter Sympathie gefolgt, im Vertrauen darauf, daß die UN- wandelbare Entschlossenheit der Verbündeten schließlich zur Geltung kommen müsse. Die ruffische Regierung wisse bereits und das russische Volk werde bald erfahren, daß alle Verbündeten die ge-! meinsame Sache mit derselben Hartnäckigkeit verfolgten. � Italiens Kriegserklärung an die Türkei sei nur ein Beweis, daß weder der Dauer noch der Ausdehnung des Krieges Grenzen gesetzt seien, solange bis Deutsch- land und seine Vasallen endgültig geschlagen seien. Ebenso setzten die westlichen Verbündeten den Opfern, die sie bringen wollten, keine Grenze. Stimmungen in Rußlanö. Einem Bericht des Genossen M. Boretzkh in der Pariser „Nasche Slowo" entnehmen wir folgende beachtenswerten Mit- teilungen über die Stimmungen in den bürgerlichen Kreisen Ruß- lands. Das Hauptkriegsziel des russischen Bürgertums ist die Erobc- rung der Dardanellen. Der Regierung ist diese Tatsache bekannt. Die Stimmung in der„Gesellschaft" ist derart, daß man offen sagt: Schließt die Regierung einen Separatsrieden, so wird an Stelle Nikolaus II. Nikolai Nikolajewitsch den Thron einnehmen! Mit den Verbündeten ist die liberale Gesellschaft unzufrieden, weil Rußland die größten Lasten des Krieges zu tragen habe. Aber, so wird betont, an einen Bruch des Bündnisses sei nicht zu denken. Aeußerst interessant ist, wie man sich in der liberalen Gesell- schaff zur Arbeiterbewegung stellt.„Wenn, so heißt es, eine Bewegung unter den Arbeitern einsetzt mit der Parole der Einstellung des Krieges, so wird die Gesellschaft dagegen sein und sich der Regierung nähern, wenn diese auf dem Boden der Fort- setzung des Krieges bis zum Siege stehen wird." Eine solche Zu- sammenarbeit mit der Regierung hat übrigens schon begonnen, und zwar gehen die Antriebe hierzu von der Armee aus, in der eine starke Unzufriedenheit wegen der technischen Mängel herrscht. Von einer revolutionären Propaganda in der Armee sei nichts zu hören. Man stelle aber die politischen Umwälzungen in Rußland in Abhängigkeit von der Stimmung, in der die Armee vom Kriege heimkehren wird. Nach denselben Informationen hat die liberale Gesellschaft den Glauben an den Sieg nicht verloren. Selbst wenn die Deutschen in Petersburg einzögen und die russische Armee sich bis an Dnjepr zurückziehe, sei nicht an einen Frieden zu denken. Wenn aber England und Frankreich zum Frieden geneigt sein würden, so wäre die'Sache anders. /lmneftieforöerungen in Rußlanü. Auf dem soeben in Petersburg stattgefundenem Kongreß der KriegSindustrie-Ausschüsse kam es bei der Erörterung deS Antrages über die Befreiung deportierter Arbeiter zu einer be- merkenswerten Manifestation. Von den Sitzen der Anwesenden ertönten Rufe:„Amnestie", und ein Teilnehmer des Kongresses bemerkte:„Wir würden unsere Pflicht nicht erfüllen, wenn wir den Augenblick nicht ausnutzen, um die Frage der Amnestie anzuregen." Stürmischer Applaus übertönte die Worte des Redners. Ein- st i m m i g nahm der Kongreß den Antrag über vollständige Amnestie an. Gin zerstörtes Lanü. Ein in Holland gegründetes Unterstützungskomitee für Russisch- Polen veröffentlicht folgende Angaben über dig Verluste, die Russisch-Polcn im Krieg davongetragen hat: Russisch-Polen umfaßt 127 000 Geviertkilometer mit 13 Millionen Einwohnern und ist, mit Ausnahme des Gouvernements Sivdlce und einem kleinen Teil des Gouvernements Warschau, nahezu bollständig durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen. Mehr als 200 Städte und 900 Dörfer wurden durch den Krieg be- troffen. Der unmittelbare Schaden beträgt mehr als 2% M t l- liarden Mark. 5000 Dörfer sind bollständig vernichtet. Zahl- lose Bauernhöfe, Rittergüter, Schlösser, Landhäuser usw. sind ver- b rannt; mehr als 100 Kirchen verwüstet, mehr als 1000 beschädigt. Getreide- und alle sonstigen Vorräte wurden beschlagnahmt. Zwei Millionen Stück Herdenvieh und eine Million Pferde wurden requi- riert oder kamen wegen Futtermangels um. Durch die schweren Geschosse wurde der fruchtbare Boden auSeincmdergefegt und unier Sand und Kiesel begraben; besonders bei Radom und Lublin, wo ganze Strecken für lange Zeit unfruchtbar sind. Der kleine Bauer ist vollständig verarmt. Den Großgrundbesitzern geht es auch nicht viel besser. Der gesamte Landbau Russisch-Polens, der früher einen jährlichen Ertrag von rund 1% Milliarden Mark hatte, liegt für lange Zeit vollständig brach. Noch immer kommen Menschen durch Hunger um. Auch die Städte haben viel gelitten. Die In- dustrieze n-tren Czenstochau, Lodz usw. leiden unter einer schrecklichen wirtschaftlichen Krise. Die Eisenbahnen sind über eine Länge von 1300 Kilometer vernichtet. Bahnhöfe und Brücken sind in die Luft geflogen. Die Wege sind durch die Automobile, Munitions- züge und Truppentransporte vollständig unbrauchbar geworden. Das Kohlenrevier von Dombrowa ist bereits zu Anfang des Krieges zerstört worden; die Zechen wurden gesprengt. Alle Fabriken im Bezirk Warschau liegen still. Mehr als hundert indu- strielle Werke sind größtenteils zerstört; 400 000 Arbeiter sind ohne Beschäftigung, unter ihnen zahllose Handwerker, Geschäftsleute usw. Dies gilt besonders von den kleinen Städten, wo jede Zu- fuhr fehlt. Ueberall herrschen Epidemien, Hunger, Flecktyphus, Diphtherie, Cholera usw. Arzneien fehlen vollständig. So sieht eS dort aus, wo der Krieg wütet. Venizelos bildet das neue Kabinett. Athen, 23. August.(W. T. B.) Die„Agcnce d'Athenes" bestätigt, daß Venizelos vom König mit der Kabinetts- bildung betraut wurde. Wie verlautet, werde Venizelos im neuen Kabinett das Ministerium des Auswärtigen übernehmen. Roosevelt als Kriegsfchürer. London, 23. August.(W. T. B.) Das Reutersche Bureau meldet auS New Jork: Die Blätter enthalten eine Erklärung Roosevelts, in der er sagt, er hoffe von Herzen, daß die Regierung nicht zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland schreiten werde. Das wäre eine neue Kränkung der Ehre und Interessen Amerikas. Die Februarnote des Präsi- denten Wilson sei ausgezeichnet gewesen, wenn man sich nur daran gehalten hätte, aber alle folgenden seien Produkte der Schwachheit und Schüchternheit gewesen. Die Versenkung der„Lusitania" und„ A r a b i c" sowie die An- griffe auf die„ G u I f l i g h t" und„Falaba" und ähnliche Vorfälle seien die anmaßende Antwort gewesen, die durch diele Schwachheit veranlaßt worden sei. Deutschland werde sich wenig um den Abbruch der diplomatischen Beziehungen kümmern, denn die Feit, wo Worte an das Volk gerichtet werden müssen, sei lange vorbei. Es fei unbegreiflich, daß die Erben der Ueberlieferungen Washingtons und Lincolns und die Mitglieder der Regierung nicht einsähen, daß die Zeit zu Taten gekommen sei. Was jetzt geschehen sei, sei ein neuer Beweis der Ilnklugheit des amerikanischen Volkes, das nicht schon vor dreizehn Monaten darauf drang, mit aliiveu miliräri scheu Vorbereitungen zu beginnen. Süüafrikanifthe Sorgen. Aus Amsterdam schreibt man unS: Man kann voraussehen, daß sich die südafrikanischen Dinge in keinem Fall so glatt lösen werden, als die englische Regierung stchs im Augenblick, wo sie B o t h a so bereit fand, ihr die militärische Macht der südaffi- kanischen Union zur Verfügung zu stellen, vorgestellt haben mag. Es mag wohl eine Wirkung des unverkennbaren Erstarkens der holländischen(„nationalistischen") Partei sein, die sich jetzt auch im Kapland organisiert und sogar das erste holländische Tagblatt Süd- affikas gegründet hat, daß auch die Anhänger Bothas jetzt der Londoner Regierung gegenüber mit selbstbewußten Forderungen auftreten, so wirft das Regierungsblatt„Vollstem" die Frage der Zukunft Deutsch-Südwe st- Afrikas auf. Sie geht von der Voraussetzung des Sieges der Alliierten aus und sieht dann drei mögliche Lösungen. Entweder fordert die englische Regie- rung, entsprechend ihrem seinerzeitigen Vorbehalt des Versügungs- rechts über das eroberte Gebiet, Deutschsüdwesr für sich. Die„Volk- stem" hielt das nach den gebrachten Opfern für undenkbar. Oder England werde das Land an Deutschland zurückgeben wollen. Die „Volksiem" meint dazu: TaS südafrikanische Volk will im Reicht- interesse vieles tun,„aber es wird ungewöhnlich viel UeberredungS- kraft dazu nötig sein, um unsere öffentliche Meinung von der Rai- wendigkeit für ein siegreiches England, unseren Staat der recht- mäßigen Frucht seiner militärischen Leistung zu berauben— einer Leistung, die verhältnismäßig viel größer denn die irgendeiner anderen britischen Kolonie war. Die dritte und— unserer Meinung nach— einzig annehmbare Bestimmung von Deutsch-Südwcst im Fall des englischen Siegs ist, daß es zum Gebiet der süd- afrikanischen Union hinzugefügt wird." Für ganz sicher scheint nun auch das Organ Bothas den Sieg der Verbündeten nicht zu halten. Denn es schreibt folgende eigen- tümlichen Sätze:„Das Kriegsgesetz, worunter dieser Artikel ver- öffentlicht wird, verbietet, in der Oeffentlichkeit die Möglichkeit an- zunehme», daß der Feind des britischen Reichs siegen sollte. Oben- drein werden pessimistische Anschauungen über das Ergebnis des Weltkrieges als schreckliche Verkehrtheiten aebrandmarkt. Wie werden also nicht auf die Frage eingehen, welchen niederschmettern- den Eindruck eS auf Südafrika machen würde, wenn infolge einer für die Verbündeten ungünstigen Lösung der Kriegskrisis von Townin�-Street(Auswärtiges Amt) an unsere Regierung das Er- suchen käme, Deutsch-Südwestaftika zu räumen! Die Reichsregic- rung hat ihr Vorhaben bekanntgegeben, keinen Frieden ohne vor- herige Beratung mit den leitenden Ministern der Kolonien zu schließen. Unsere Kolonie wird also die Gelegenheit bekommen, der Regierung in Westminster den südafrikanischen Respekt auf den südafrikanischen Teil der allgemeinen Kriegssituation zu zeigen und auf die weitreichenden Folgen eines Friedensschlusses hinzu- weisen, wobei die Gefühle der Bevölkerung der Union verletzt würden." Der zitierte Artikel ist ein Ausdruck der unbehaglichen Stel- lung, die Botha zwischen zwei Stühlen einnimmt. Es ist vorauszusehen, daß in den Friedensverhandlungen die Gesamtlage für die Friedensbedingungen matzgebend sein und die Londoner Regierung diese Bedingungen dem Reichsintcresse entsprechend zu bestimmen suchen wird. Wenn hierbei eine Rückgabe von Deutsch-Südwest notwendig oder annehmbar erscheinen sollte, wäre Botha, der seinem Land für die Expedition so schwere Opfer zugemutet und einen Bürgerkrieg provoziert hat, der Blamierte. Es ist begreiflich, wenn er seht die Londoner Regierung an so etwas wie einen eroberungssüchtigen südafrikanischen UnionS- Patriotismus glauben machen möchte. Aber die Burenbevölkeruug hat von Anfang an kein Hehl daraus gemacht, daß ihr die Expedition gegen Deutsch-Südwest höchst unsympathisch war. Daß sie jetzt Botha zuliebe umschwenken sollte, scheint wenig wahrscheinlich, da sie von der Einverleibung Deutsch-Südwests weder wirtschaftlich noch politisch profitieren würde. Letzte Nachrichten. von öer Tätigkeit üer deutschen Seestreitkräfte. Amtlich. Berlin, 23. August 1915.(W. T. 58.) Am 16. August hat ein deutsches Unterseeboot am Ein- gang des Finnischen Meerbusens ein russisches H i l f s- schiff durch einen Torpedoschuß versenkt. Vor Z c e b r n g g e ist in der Nacht vom 22. aus 23. August ein deutsches Borpostenboot durch zwei feindliche Zerstörer angegriffen und nach tapferer Gegenwehr zum Sinken gebracht worden. Ein Teil der Besatzung konnte gerettet werden. Der stellvertretende Chef des Admiralstabes der Marine. gez. B c h n ck c. Ein schweizer Urteil über die italienische Kriegserklärung. Bern» 23. August.(W. T. B.) Der„B u n d" schreibt zum Kriege zwischen Italien und der Türkei: Zweimal ist Italien, von seinem militärischen Zweckstandpunkt aus be- trachtet, in diesem Kriege zu spät gekommen: vielleicht lommcn die Italiener heute zum dritten Male zu spät, selbst wenn, wie au- genommen werden kann, die in Brindisi bereitgestell- ten starken Kräfte schon auf hoher See schwimmen, um die hoffnungslos zum Stillstand verurteilte Aktion der englisch-franzö- fischen Expedition zu entlasten und die Offensive gegen Konstantinopel vorzutragen. Daß dies jetzt geschieht, wo die deutsch-österreichische Offensive im Osten den ganzen polnischen Aufftellungsraum samt dem ersten Festungsring abgeräumt hat, ist kein günstiger Augenblick für die Entente, die aber immer noch hofft, daß die russische Widerstandskraft hinreiche, die Zentral- mächte zu fesseln, sowie daß es der russischen Heeresleitung mög- lich sei, ungezählte Reserven in absehbarer Zeit an den Feind zu bringen. Wir halten das für eine optimistische Auffassung der Lage; tatsächlich ist die russische Hauptmacht ohne Zweifel in Ge- fahr, als Ganzes eingekreist oder vernichtet oder brockenweise zerrieben und ihrer vitalen Kraft beraubt zu werden. Hochverratsprozeß in Oesterreich. Wien, 23. August.(W. T. B.) Nach mehrwöchiger Tauer wurde der Prozeß gegen den ReichsratsabgeordnetenDimitri Markow, den OberlandeSgerichtSrat Dr. Wladimir K u r y l o- w i e z, ferner gegen den Advokaten Dr. Cyrill Czerlunczatie- wicz aus Przemhsl, Dr. Johann v. Drohomilecki auS Zloczow, einen Grundbesitzer und einen Schlosscrmeister und endlich gegen den Vertreter der„Nowojc Wremja" Dimitri v. I a n t- schewecki, sämtlich Angehörige der russischen nationalen Partei, beendet. Die Angeklagten wurden wegen Hochverrats und Verbrechen gegen die Kriegsmacht des Staates zum Tode durch den Strang verurteilt. Verhaftung von flvnischcn Landtagsabgcordneten. tgm. Stockholm, 23. August. Die Verhaftungen politisch führen- ersönlichkeiten in Finnland werden in großem Umfange fori- gesetzt. Eine Reihe sozialistischer Abgeordneter des sin nischen Landtags sind in Helsingfors inS Gefängnis gebracht worden. Zahlreiche andere Abgeordnete aller Parteien find auf schwedischem Gebiet eingelrosscu, um einer Verhaftung durch die russischen Militärbehörden zu entgehen. Gewerksihastliches. Seclin und Umgegend. Tie Berliner Holzarbeiter im zweiten Quartal. Aus dem Geschäftsbericht, den der Vorsitzende Glocke in der Generaloersammlung der Berliner Filiale des Hol�arbeiterver- bandeS am Freitag voriger Woche erstattete, geht hervor, dag die gewerkschaftliche Tätigkeit des Verbandes auch im abgelaufenen Vierteljahr unter dem Einfluß des Krieges stand. Wieder ist eine größere Fahl von Mitgliederl?, darunter eine Anzahl Funktionäre, zum Militär einberufen. Von den Angestellten, Obmännern, Vertrauensmännern stehen jetzt 41 im Heere. Trotz der Vermin- derung der tätigen Mitglieder war die Verwaltung bemüht, das Verbandsleben nach jeder Richtung hin aufrechtzuerhalten. Die Kontrollkommission veranstaltete 1046 Werkstattsitzungen, zu denen 1560 Werkstätten geladen waren. Da die Zahl der im Betriebe befindlichen Werkstätten sowie die Zahl der Beschäftigten infolge des Kriegs erheblich zurückgegangen ist, � waren die Werkstattsitzungen natürlich schwächer als sonst, im ganzen von rund 9000 Kollegen, besucht.— Im Laufe des Quartals wurden die Vor- arbeiten getroffen für die Durchführung der am 1. Juli in Kraft getretenen vertraglichen Verkürzung der Arbeitszeit auf 50 Stun- den in der Woche und einer dementspvechenden Lohnerhöhung. Während diese Vertragsbeftimmung in den meisten Betrieben durchgeführt ist, hat eine Minderheit der Arbeitgeber die Neue- rung nicht eingeführt,«eil sie ihrer Angabe nach wenig oder gar keine Arbeit haben. Die Angelegenheit wurde vor die Schlich- tungskommission gebracht. Der Arbeitgeberschutzverband wird seine Mitglieder auffordern, die Vertragsbellimmung durchzu- führen. Wo das trotzdem nicht geschehen sollte, muß dann das weitere veranlaßt werden. Veranlaßt durch einen Antrag aus Mitgliederkreisen, haben die Verbandsvertreter in der Schlichtungs- kommiffion das Ersuchen um Gewährung von Teuerungszulagen gestellt. Die Arbeitgeber haben anerkannt, daß diese Forderung wohl berechtigt ist, aber ste konnten sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht entschließen, ihre Mitglieder zur Gewährung von Teuerungszulagen zu veranlassen, da ein Teil derselben sich in einer ungünstigen Lage befände. Die Vertreter der Arbeit- geber erklärten, sie würden ihr Möglichstes zur Bekämpfung des Lebensmittelwuchers tun, sie hätten auch nichts dagegen, wenn die Arbeiter in den Beirieben, wo die Verhältnisse es gestatten, be- sonders da, wo Kriegsarbeiten angefertigt werden, Teuerungs- zulagen fordern. Der Arbeitgeberschutzverband der Holzindustrie stellt sich also nicht auf den engherzigen Standpunkt des Ver bandes der Bauunternehmer, der die Forderung und die Gewähr rung von Teuerungszulagen als Verstoß gegen'den Tarif be- zeichnet. Die Mitgliederzahl hat sich infolge der �Einberufungen zum Heere wieder vermindert, und zwar von 16 061 auf 16 608. Dem Rückgang der Mitgliederzahl entsprechend sind auch die Einnahmen zurückgegangen. Dagegen haben sich die Ausgaben für Arbeits- losenunterstützung wegen der geringeren Zahl der Arbeitslosen bedeutend vermindert. Für Unterstützungen wurden im zweiten Quartal insgesamt 19 306 M. ausgegeben. Davon kommen 14 943 M. auf Arbeitslosenunterstützung. Im ersten Quartal er- forderte dieser Unterstützungszweig allein eine Ausgabe von 76 009 Mark. Während die Zähl'der Arbeitslosen sonst vom ersten zum zweiten Quartal stets bedeutend stieg, ist sie diesmal ziemlich gleich geblieben. Sie belief sich am 1. April auf 806, am 1. Juli auf 896. Die höchste Arbeitslosenziffer im zweiten Quartal war� 1600, die niedrigste 685. Gegenwärtig sind 694 Arbeitslose auf dem paritätischen Arbeitsnachweis eingetragen. Zur Fürsorge für die Kriegsbeschädigten führte der Obmann der Korbmacher aus: Durch Inserat in der„Berliner Bolksztg." sucht das Fröbelhaus Frauen und Mädchen, nicht unter 26 Jahre, die das Korbslechten erlernen sollen, um dann Kriegsbeschädigte in dieser Arbeit zu unterweisen.— Die Bestrebungen, die Kriegs- beschädigten für Berufsarbeiten auszubilden, sind natürlich ansr- kennenSwert. Hier wird aber ein ganz falscher Weg«ingeschlagen. Die Deute, die von den durch den Fröbelverein eben erst selbst unterwiesenen Damen zu Korbmachern ausgebildet werden, können das Handwerk nicht so erlernen, daß sie in demselben ihr Fort- kommen finden. Die nach der Methode des Fröbelvereins aus- gebildeten Kriegsbeschädigten werden von der Korbmacherei so wenig verstehen, daß sie nur als Heimarbeiter ganz elend bezahlte Arbeiten ausführen können. Gegen ein« derartige Kriegs- beschädigtenfürforge mutz ganz entschieden protestiert werden, weil sie den Kriegsbeschädigten nicht hilft. Neue Lohufestschungen für Militärarbeiteu. Infolge vielfacher Klagen Über zu sä, leckte Bezahlung von Hals- binden, Helmbezüge usw. ist von der Abteilung VI des Kriegs- bekleidungsamis des Gardekorps ein Lohntarif nebst Liefsrungs- bestimmungen erlassen worden. Derselbe hat folgenden Wortlaut: .Die unterzeichnete Firma verpflichtet sich, sämtliche Hals- binden, Helmbezüge, Salzbeutcl, Armbinden und das Ausnähen der Nummern und Buchstaben auf den Helm- usw. Bezügen nur im eigenen Betriebe oder durch von ihr unmittelbar beschäftigte und entlohnte Heimarbeiter uiw. anfertigen bezw. ausführen zu lassen und an diese nichr mehr und nicht weniger als nachstehende Nählöhne zu zahlen für: 1 Halsbinde............... 13 Vf. 1 Helmbezug für Infanterie(neuer Art)..... 22„ 1., Artillerie....... 22„ 1,, Kürassiere»...... 23. 1 Tschapkaüberzug............. 25„ 1 Tschakoüberzug.............. 16„ 1 Armbinde(weiß)............. 2, 1 Salzbeutel.............. 2, Aufnähen der Buchstaben und Nummern für das Stück l'/a. Diese Löhne sind reine Nählöhne, Zuschneiden und sonstige Vorarbeiten sind nicht einbegriffen. Der Arbeitgeber liefert alle Materialien, die zur Herstellung notwendig find, mit Einschluß des Nähgarns dem Arbeiter kostenlos. Die Firma verpflichtet sich, jederzeit die auf diese Angelegen- heit bezüglichen Geschäftsbücher und Geschäftspapiers dem Amts zur Einsicht vorzulegen. Verstößt die Firma gegen eine der vorstehenden Bestimmungen, so kann ihr der Auftrag ohne jede Entschädigung entzogen werden.* Diese Lohnsätze gelten für die seit dem 16. August 1915 er- teilten Aufträge; für früher erteilte Austräge können sie dagegen nicht mehr in Anwendung gebracht werden. Erfreulich an diesen Bestimmungen ist insbesondere die Vor- schrist, die Arbeiten im eigenen Betriebe oder von unmittelbar be- schästigten und entlohnten Arbester« anfertigen zu lassen. Das ist ein klares Verbot der Weitergabe der Arbeit an Zwifcheumeister. veutfthes Reich. Tie Kölner Gewerkschaften im ersten Kriegsjahr. Nach einer stn Juli d. I. vorgenommenen Feststellung sind bisher stark 16 000 Mitglieder der freien Gewerkschaften in Köln unter den Fahnen oder rund 52 Proz. der am 1. Juli Vorhandengewesenen. Am stärksten sind an den Einberufungen ver- hästmsmätzig die Fleischer beteiligt. Sie hatten bei Ausbruch des Krieges 125 Mitglieder, jetzt stehen 148 unter den Waffen, und infolge fleißiger erfolgreicher Werbearbeit ist auch noch ein guter Mitgliederbestand vorhanden. Von den Gärtnern sind 72 Proz. eingezogen, von den Dachdeckern 69, von den Brauern und Buch- druckereihilssarbeitern je 65, von den Zimmerern 54, Gastwirts- gehilfen 57, Buchdruckern 59, Transportarbeitern 48, Metall- arbeitern 47, Holzarbeitern 46, Bauarbeitern 41 und Fabrik- arbeitern 84 Proz. Einen Mitgliederzuwachs von 61 Proz. hatten die Sattler. Der zurzeit insgesamt vorhandene Mit- g l i e d e r b e st a n d ist 11 500, hinzu die 16 000 Eingezogenen, sind 27 500. Da bei Ausbruch des Kriegs 31 866 Mitglieder vor- handen waren, ist ein Weniger von 4300 Mitgliedern zu ver- zeichnen, von denen wohl die Mehrzahl kurzsichtig genug war, der Organisation untreu zu werden. Die Arbeitslosigkeit ist in Köln mit seiner starken Kriegsindustrie nur ganz gering. Während Anfang September v. I. 2758 arbeitslose Mitglieder festgestellt wurden, waren im Juli d. I. nur 103 Arbeitslose vorhanden. Natürlich spielen auch die bedeutenden Einberufungen bei der Entlastung des Arbsitsmarkts eine große Rolle. Seit Beginn des Kriegs zahlten die Kölner freien Gewerkschaften an Unterstützung 313882 Mark, und zwar Arbeitslosenunter- stützung 147 493 M., an Kriegerfamilien 147 933 M., sonstige Unterstützungen 19356 M. Dabei sind die Einnahmen der GeWerk- schasten um stark zwei Drittel niedriger als vor dem Kriege. Gin eigenartiges Arbeitergesuch. Die Großherzogliche Eisenbahndirektion Oldenburg sucht für 26 in ihrem Verwaltungsbereich liegende Orte Stationsarbeiter zu einem Tagelohn von 2,90 bis 3,20 M., steigend bis 108 M. monat- lich; ferner wird den Verheirateten ein Mietszuschuß von 2 bis 6 M. monatlich und eine Kriegszulage von 20 Pf. täglich gewährt. Die Bewerber müssen gesund und dürfen nicht unter 16 und nicht über 40 Jahre alt sein. Ob die Bewerber etwa auch den Zivil- Versorgungsschein haben müssen, ist in der Bekanntmachung nicht gesagt. Der gebotene Tagesverdienst beträgt unter Zugrunde- legung von monaflich 80 Arbeitstagen und Anrechnung der höchsten Zulagen nur zirka 8,60 M. Der ortsübliche Tagelohn in den in Frage kommenden Orten aber beträgt teilweise 4 M. und mehr. Wie der Ernährer einer Familie mit einem solchen Lobn sich und seine Familie ernähren soll, ist das Geheimnis der Großherzog- lichen Eisenbahndirektion Oldenburg. In den Orten, für welche die Arbeiter gesucht werden, ist die Standardzisfer für die wöchent- liche Ernährung einer Familie(Mann, Frau und 2 Kinder) nach der Calwerschen Statistik 35— 39 M. Geradezu Erstaunen muß es erregen, daß die zur Einstellung kommenden Arbeiter nicht über 40 Jahre alt sein dürfen. Eine sehr große Anzahl über 40 Jahre alter Arbeiter steht im Felde, um das Vaterland zu verteidigen. Werden sie für den Kriegsdienst als tauglich erachtet, so dürfen sie doch wohl auch den Dienst als Wagenschmierer, Türschließer usw. versehen können..Welches Gefühl muß diese Arbeiter übrigens beschleichen, wenn sie hören, daß nach ihrer Rückkehr aus dem Felde für sie reine Arbeit vorhanden ist, wenigstens nicht bei einer staat- lichen Behörde, weil sie zu alt sind. Soziales. Verlustlisten. Die Verlustliste Nr. 308 der preußischen Armee enthält Verluste folgender Truppenteile: Infanterie usw.: Garde: 3. und 5. Garde-Regiment zu Fuß; Grenadier-Regiment Augusta. Grenadier- bzw. Infanterie, bzw. Füsilier-Regimenter Nr. 2, 4, 9, 13, 26(s. Jnf.-Reg. Nr. 184), 49, 53, 56. 58, 59, 69, 78. 79, 84, 85, 86, 90, 93. 116, 128. 132, 143. 147, 161, 165, 168(s. Jnf.-Reg. Nr. 49), 169, 184, 331. Reserve- Jnsanterie-Regimenter Nr. 3, 5, 12, 26, 29, 56, 76, 119, 118, 205, 237, 250, 251, 256, 272. Landwehr-Jnsanterie-Regimenter Nr. 7. 18, 34, 57, 76. Landsturm-Jnsanterie-Regiment Nr. 3. Besatzungs-Regimeni Nr. 8 Posen(f. Jnf.-Reg. Nr. 331). Brigade- Ersatz-Bataillon Nr. 13(f. Jnf.-Reg. Nr. 13). Landsturm-Jnfan- terie-Bataillone: III Allenstein, V Darmstadt, Jülich, Lauban- Hirschberg, I Liegnitz, Woldenberg. Landsiurm-Jnfanterie-Ersatz- Bataillone: Nr. 9 und 12 des 7. Armeekorps, 4. Oldenburg. Jäger- Bataillons: Nr. 6, 9(s. Gardc-Grsn.-Reg. Augusta), 11. Äadsahrer- fahrer-Kompagnie der 41. Jnsanterie-Division. Maschinengewehr- Abteilung Nr. 10; 1. Ersatz-Maschinengewehr-Kompagnie des 1. und 2. des 14. Armeekorps; Feld-Maschinengewehr-Zug Nr. 108 (s. Jnf.-Reg. Nr. 132). Kavallerie: 1. Garde-Dragoner; 2. Garde-Ulanen; Regiment Nr. 86. Feldartillerie: 1., 2. und 6. Garde-Regiment; Regimenter Nr. 9, 16. 29. 21. 25. 26. 35, 36, 40. 47, 50. 55. 62(s. Korps- schlächterei des 10. Armeekorps), 63, 66(s. Feldart.-Reg. Nr. 80). 75. 79. 80. 82. 84, 209, 219, 237; Reserve-Regimenter Nr. 3, 22, 36, 62, 64, 70. Ueberplanmätzige Feldartillerie Thorn Nr. 1. Futzartillerie: 1. Garde-Regiment; Regiment Nr. 4; Reserve- Regimenter Nr. 2, 3, 8; Reserve-Bataillone Nr. 21 und 22; Land- Wehr-Dataillon Nr. 4; Landsiurm-Bataillon des 14. Armeekorps. Schwere Feldhaubitz-Batterie Nr. 251. Mörser-Bataillon Königs- berg. Pioniere: Regiment Nr. 36; Reserve-Kompagnie Nr. 43. Train(f. auch Munitionskolonnen): Korpsschlächterei des 10. Armeekorps. Munitionskolonnen: Fuhrpark-Munitionskolonne Nr. 28/G; Landwehr-Artillerie-Munitions-Kolonne Nr. 1. Armierungs-Bataillone. Außerdem wird die Marin« veröffentlicht. Verlustliste Nr. 44 der Kaiserlichen Festsetzung der Ortslöhue. Der Bundesrat hat, wie der gestern abend erschienene„Reichs- anzeiger" mitteilt, die Frist, für welche die erstmalige Festsetzung der Ortslöhne im ganzen Reich gilt, bis zum 31. Dezember ver- länger!_ Streitigkeiteu wegen einer Teuerungszulage. Die Markt- und Kühlhallengesellschaft hatte durch einen Aus- bang vom 3. August in ihrem Betriebe bekanntgegeben, daß sie ihren Arbeitern mit Rücksicht aus die Teuerungsverhältnisse eine Lohnzulage gewähre, deren Höhe nach der Leistung bemessen werde. Am 6. August folgte ein zweiter Aushang, der die Gewährung der Zulage bestätigte und der Erwartung Ausdruck gab, die Arbeiter würden durch treue Pflichterfüllung das Entgegenkommen der Firma anerkennen. Nachdem die Teuerungszulage für eine Woche ausbezahlt war, hörten am 7. August einige Arbeiter aus, denen für die drei Tage, wofür sie noch Lohn zu beanspruchen hatten, die Teuerungszulage nicht ausgezahlt wurde. Einer der Arbeiter klagte beim Gewerbegericht aus Zahlung der Teuerungszulage. Die beklagte Firma lehnte die Zahlung ab, weil die Zulage bewilligt sei unter der Voraussetzung, daß die Arbeiter ihre Stellung nicht verlassen würden. Das Gericht sprach dem Kläger die Zulage für die drei Tage zu mit der Begründung: Die Handlungsweise des Klägers sei ja nickt schön gewesen, aber darüber habe das Gericht nicht zu be- finden. Auf die Lohnzulage habe der Kläger einen Rechtsanspruch, denn sie sei ohne Vorbehalt gewährt worden. Das; die beklagte Firma bei der Gewährung der Zulage Erwartungen aussprach, komme juristisch nicht in Betracht. Ter Urlaub des Arbeiters. Zwischen de? Branntweinbrennerei und Presshefefabrik Mötter und dem Fabrikarbeiterverband besteht ein Tarifvertrag, der u. a. bestimmt, daß den Arbeitern nach zwölfjähriger Beschästigungs- dauer ein bezahlter Urlaub von drei Tagen zusteht. Ein Arbeiter, der vom 28. Juli 1913 bis 6. August 1915 bei der Firma beschäftigt war, hat den vertragsmäßigen Urlaub nicht erhalten und klagte deshalb beim Gewcrbegericht auf Lohnzahlung für drei Tage. Der Vertreter der beklagten Firma meinte, er habe zur Erfüllung der Urlaubsverpflichtung Zeit gehabt bis zum 3! August; da das Arbeitsverhältnis vorher gelöst wurde, sei er der Verpslichttmg ledig. Das Gericht verurteilte die Beklagte zur Zahlung des Lohnes für drei Tage, weil der Kläger beim Ablauf von zwei Jahren der Beschäftigung, also am 28. Juli 1915, Anspruch aus Urlanb hatte. 7,56 M. Wochenlohn' Einen Wochenlohn von 7,56 M.— sage und schreibe: sieben Mark sechsundfünszig Pfennige— erhielt, wie vor dem Gewerbe- gericht festgestellt wurde, eine jugendliche Arbeiterin bei der be- kannten Schokoladenfirma Stollwrrck in der Chausseestraße. Durch die Schuld der Firma war das Arbeitsbuch der betreffenden Ar- bciterin verloren gegangen, sie konnte deshalb mehrere Wochen keine Arbeit finden; denn weder sie nock ihr Vater konnten die 50 Pf. flüssig machen, welche die Polizei für die Ausstellung eines neuen Arbeitsbuches beansprucht. Das Gericht verurteilte die Firma Stollwerck, der Klägerin den Lohn für zwei Wochen(gleich 15,12 M.) und 50 Pf. für die Beschaffung eines neuen Arbeits- buche- zu zahlen. � Ob diese Arbeiterin wohl die einzige ist, die von der Firma Stollwerck einen so miserablen Lohn erhält? Wie mögen es die jungen Mädchen ansangen, sich bei den heutigen Teuerungsver- Hältnissen bei einer so geringen Entlohnung durchzuschlagen? Gerichtszettung. Faule Eier. Einen schwunghaften Handel mit— faulen Eiern hat der Eierhändler Hermann B e r g e r betrieben, welcher gestern aus der Untersuchungshaft der Ferienstrafkammer des Land- gerichts III vorgeführt wurde, um sich wegen Betruges im strafverschärfenden Rückfalle zu verantworten. Der Angeklagte scheint ein Spezialist in dem Handel mit faulen Eiern zu sein, denn er ist bereits dreimal wegen derartiger als Betrug und Vergehen gegen das Nahrungsmittelgesetz an» gesehener Versehlungen vorbestraft. Rätselhaft ist es jedenfalls, wo der Angeklagte diese Unmengen sauler Eier herbekommen� bat. In den jetzt zur Anklage stehenden Fällen hatte er allein 7 schock vollständig in Fäulnis übergegangener Eier verkaust. Bei dem Verkauf ging er in der Weise zu Werke, daß er über die verdor- benen Eier eine Schicht guter Eier legte, so daß die Prüfung stets zur Zufriedenheit der Käufer ausfiel.— Der Staatsanwalt beantragte, da der Angeklagte den faulen Eierschwindel offenbar gewerbsmäßig betreibe, 1 Jahr Gefängnis. Das Urteil lautete auf 9 Monate Gefängnis. Belagerungszustand und Krankenkasscugesetz. Der Maschinist A. H. in Lübeck hatte sich am Sonnabend vor der zweiten Strafkammer des dortigen Landgerichts wegen Ver- gchens gegen den Erlaß des stellvertretenden kommandierenden Generals des 9. Armeekorps zu verantworten. Der Erlaß lautet: „Wer eine Versammlung in einem geschlossenen Räume oder unter freiem Himmel usw. veranstalten will, hat hierzu mindestens 43 Stunden vor Beginn der Versammlung die Genehmigung der Polizeibehörde einzuholen. Die Genehmigung kann ohne Angabe von Gründen versagt werden. Die Entscheidung ist nicht anfechtbar. Zuwiderhandelnde gegen diese Verordnung werden mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft." Ter Angeklagte hatte als Vorsitzender der Seefabrer-Krankenkasse in Lübeck durch Inserat im„Lübecker Bolksboten" eine Generalversammlung der Kasse zum 2! Februar einberufen, die auch stattgefunden hat, und zwar, ohne die Polizei- liche Genehmigung einzuholen. Das Urteil lautete auf Frei- sprechung. Das Urteil dürste auch in der letzten Instanz bestätigt werden, weil die durch spezielle Reichsgesetze zugelassenen oder vorgeschrie- benen Generalversammlungen behördlichem Eingriff nur in den Grenzen der Reichsgesetze unterliegen, aber nicht einer im Verfolg des Belagerungszustandes eingetretenen Aushebung des Vereins- gesetzes. illt W 23e/2fe Qtyfg. Thujifcei 9eocg CTourncihLL Neukölln. Zstseratenteil verantw. Tb. Glocke. Berlin. Druck u. Vertag: Vorwärts Buchdr. u-Äerlagsaiinal: Paul Singer u. Co.. Berlin 2 W. Hierzu 2 Beilagen u. UnterhalrungSbl. st. 233. 32. Zch-Mg. 1. Keiillge des„Vomillts" Kellllltt NlllksblM.» �« 19,5 Reichstagsfraktion und Parteiausschuß haben sich in gemeinsamer Sitzung am 14., 16. und 16. Nugust mit der Frage der Kriegsziele beschäftigt. Die Be- sprechung ist mit Referaten der Genossen David und Bernstein eingeleitet worden. Beide Referenten legten Leitsätze vor, die der Verhandlung zugrunde gelegt wurden. In getrennter Abstimmung Wurden von beiden Körperschaften nachfolgende Leitsätze zur Friedensfrage beschlossen: „In Wahrnehmung der nationalen Interessen und Rechte des eigenen Volkes und in Beachtung der Lebcnsinteressen aller Völker erstrebt die deutsche Sozialdemokratie einen Frie- den, der die Gewähr der Dauer in sich trägt und die euro- päischen Staaten auf den Weg zu einer engeren Rechts-, Wirt- schafts- und Kulturgemeinschaft führt. Demgemäß stellen wir folgende Richtpunkte für die Friedensgestaltung auf: 1. Die Sicherung der politischen Unabhängigkeit und Un- versehrtheit des Deutschen Reiches heischt die Abweisung aller gegen seinen territorialen Machtbereich gerichteten Er- oberungsziele der Gegner. Das trifft auch zu für die Forde- rung der Wiederangliederung Elsaß-Lothringens an Frank- reich, einerlei, in welcher Form sie erstrebt wird. 2. Zwecks Sicherung der wirtschaftlichen Entwickelungs- freiheit des deutschen Volkes fordern wir: „Offene Tür", d. h. gleiches Recht für wirtschaftliche Betätigung in allen kolonialen Gebieten; Aufnahme der Meistbegünstigungsklausel in die Frie- densverträge mit allen kriegführenden Mächten; Förderung der wirtschaftlichen Annäherung durch mög- lichste Beseitigung von Zoll- und Verkehrsschranken; Ausgleichung und Verbesserung der sozialpolitischen Einrichtungen im Sinne der von der Arbeiterinternationale erstrebten Ziele. Die Freiheit der Meere ist durch internationalen Ver- trag sicherzustellen. Zu diesem Zweck ist das Seebeuterecht zu beseitigen und die Jnternationalisierung der für den Weltverkehr wichtigen Meerengen durchzuführen. 3. Im Interesse der Sicherheit Deutschlands und seiner wirtschaftlichen Betätigungsfreiheit im Südosten weisen wir alle auf Schwächung und Zertrümmerung Oesterreich-Ungarns und der Türkei gerichteten Kriegsziele des Vierverbandes zurück. 4. In Erwägung, daß Annexionen volksfremder Gebiete gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstoßen und daß überdies durch sie die innere Einheit und Kraft des deut- schen Nationalstaates nur geschwächt und seine politischen Be- Ziehungen nach außen dauernd aufs schwerste geschädigt wer- den, bekämpfen wir die darauf abzielenden Pläne kurzsichtiger Eroberungspolitiker. 6. Die furchtbaren Leiden und Zerstörungen, die dieser Krieg über die Menschheit gebracht hat, haben dem Ideal eines durch internationale Rechtseinrichtungen dauernd gesicherten Weltfriedens die Herzen von neuen Millionen gewonnen. Die Erstrebung dieses Zieles muß als höchstes sittliches Pflicht- gefühl für alle gelten, die an der Gestaltung des Friedens mitzuarbeiten berufen sind. Wir fordern darum, daß ein ständiger internationaler Schiedsgerichtshof geschaffen werde, dem alle zukünftigen Konflikte zwischen den Völkern zu unter- breiten sind." ** * Wir halten uns für verpflichtet, unseren Lesern mitzuteilen, daß wir aus den bekannten Gründen nicht den vollen Inhalt der von unseren Parteiinstanzen angenommenen Leitsätze mitteilen können. Die Red. des„Vorwärts". politische Uebersicht. VolkSernährungsfragen vor dem Reichstage. Tie Montagssitzung des Reichstages wurde von dem Präsidenten mit der Mitteilung eröffnet, daß ein Antrag der Regierung auf Vertagung bis zum 30. November eingelaufen ist. Darauf wurde das Gesetz über den. Schutz der Krankenpflegertracht, ebenso das Gesetz auf Abänderung des Reich smilitägefetzes und Aenderung der Wehrpflicht in zweiter und dritter Lesung debattelos angenommen. Die Fortsetzung der Debatte über die Resolutionen und Anträge zur Volksernährung eröffnete der national- liberale Abgeordnete Dr. Böhme. Er bemühte sich, die Landwirtschaft gegen Angriffe zu verteidigen, mußte aber im übrigen zugeben, daß die Verhältnisse auf einzelnen Gebieten der Lebensmittelversorgung äußerst bedenkliche seien. Die Bestrebungen auf Erhöhung der Getreidehöchstpreise sind nach seiner Auffassung nicht aus landwirtschaftlichen Kreisen ge- kommen; um so mehr fei es zu verurteilen, daß das preußi- sche Landwirtfchnftsministerium diese Forderung erhoben habe. Gleich als wollten der konservative Redner Arn- st a d t und der freikonservative Abgeordnete v. G a m p dieses Lob der Landwirtschaft widerlegen, wandten sich beide nüt aller Entschiedenheit gegen eine Herabsetzung der Getreide- Höchstpreise. Besonders Freiherr v. G a m p bemühte sich nachzuweisen, daß die Landwirtschaft am meisten während der Kriegszeit zu leiden habe. Er wärmte sogar in seiner mit allerlei Liebenswürdigkeiten gegen den Genossen Ouarck ge- spickten Rede die Behauptung aus alten Tagen auf, daß an der Teuerung gerade die Parteien der Linken ihr gut Teil Schuld hätten. Genosse S e g i tz antwortete darauf mit einer ausführlichen Schilderung der Ernährungsverhältnisse in den breiten Massen. Besondere Beschwerden brachte er dabei über die Lebensmittelversorgung in Bayern vor. Seine durch- aus sachkundige Darstellung suchte der Zentrumsabgeordnete Dr. Pfleger vergeblich abzuschwächen. Am Dienstag wird die Beratung fortgesetzt. Tie Mehlration. Berlin, 23. August.(W. T. B.) In der Bekanntmachung der Verwaltungsabteilung der Reichsgetreidestelle vom 21. August lim„Vorwärts" veröffentlicht am Sonntag, den 22. d. Mts.) ist unter Absatz 2 die M e h l m e n g e, die täglich auf den Kopf der Zivilbevölkerung verbraucht werden darf, einschließlich der Zulage für die schwer- arbeitende Bevölkerung auf 225 Gramm— nicht 250 Gramm, wie irrtümlich gemeldet worden ist— festgesetzt worden._ Die Städte zur Lebensmittelfrage. Der Kriegsausschuß des Reichsverbandes Deutscher Städte(Verband der kleinen und mittleren Städte; Mitgliederzahl 176) tagte in Berlin und faßte folgende Beschlüsse: Der Reichsverband hält es in der L e b e n S m i t t e l f r a g e für erforderlich, daß die Bundesratsverordnung vom 23. Juli 191S über die Maßnahmen gegen ungerechtfertigte Preissteigerung ergänzt wird; damit das von dieser Verordnung erstrebte Ziel erreicht wird, an- gemesiene P r o d u z e n t e n- H ö ch st p r e i s e für die wichtigsten Lebensmittel des Massenkonsums, namentlich die landwirtschaftlichen Produkte(Fleisch, Milch, Eier, Butter, Gemüse, Kartoffeln usw.), so- wohl für den Groß- wie für den Kleinhandel festsetzen zu können. Ferner deswegen, damit die Beschlagnahme und der Verkaufszwang für diese Lebensmittel durchgeführt werden können. Hierbei hält der Reichsverband Deutscher Städte eZ für selbstverständlich, daß die Erfahrungen des Vorjahres bezüglich der Dauerwarenbeschaffung nicht unberücksichtigt bleiben. Entsprechende Eingaben werden dem Bundesrat und dem Stell- vertretenden Reichskanzler zugehen. Der Bundesrat und der Reichskanzler sollen ferner u. a. ersucht werden: 1. Eine angemessene Erhöhung der Familien- unter st ützungen seitens des Reiches zu veranlassen. 2. Dafür Sorge zu tragen, daß mit der Erstattung der von den Lieferungs- verbänden gemachten Auslagen begonnen wird, damit diese instand gesetzt und geneigt gemacht werde», auch ihrerseits den Familien der Kriegsteilnehmer größere Zuschüsse zu gewähren. 3. Für die Kriegs- Hilfe für die Vertriebenen in Südtirol wird bei den Städten des Reichsverbandes eine Sammlung des Vorstandes ver- anstaltet werden. 4. An den Bundesrat und den Stellvertretenden Reichskanzler soll erneut eine Bitte um die unbedingt für erforder« lich gehaltene Erhöhung des Verpflegungssatzes für Truppeneinquartierungen gerichtet werden. Produzentenwünsche. Der Landwirtschaftliche Kreisverein zu Winzig beschloß laut „Schlestscher Dorfzeitung" folgende Eingabe an den Herrn Reichs- kanzler: „Die Beschlagnahme landwirtschaftlicher Produkte seitens des Staates bewirkt Eingriffe in unfern Beruf, welche wir als äußerst störend empfinden, aber doch im vaterländischen Interesse gern in Kauf nehmen. Die für unsere Produkte festgesetzten H ö ch t p r e i s e sind aber zu geringe und den Verhältnissen nicht angemessen, denn die Ernteergebnisse sind infolge anhaltender Dürre und in Rücksicht auf Düngermangel und Wirtschafts- erschwernisse erheblich geringer als in normalen Jahren, namentlich auf unserem leichten Boden.... Die Notlage des Futtermangels kann die Landwirtschaft nicht allein tragen. Wir beantragen: 1. Den Roggen preis auf 24 Mark, 2. den Haferpreis auf 40 Mark pro Doppelzenter zu erhöhen, oder den Unterschied zwischen den Preisen der enteigneten landwirtschaftlichen Produkte und den Ersatzfutter- mittel» auf Staatskosten zu übernehmen. Die Erhöhung des R o g g e n p r e i s e S ist gerechtfertigt, weil er als Erzeugnis des leichteren Bodens der U n t e r st ü tz u n g besonders würdig ist.... Die Prüfung des landwirtschaftlichen Ein- kommens wird ergeben, daß unser Einkommen während des Krieges erheblich zurückgegangen(?), das erscheint bei dem auch sonst geringen Nutzen nicht angemessen, da die ganze L a st der Ernährung unseres Volkes auf unseren Schultern liegt. Der Mangel an Kraftfutter nötigt uns, die Vieh- Haltung zu verringern, dadurch steigen später die Fleischpreise und damit(?) ist uns auch der Erwerb aus diesem Zweige der Landwirtschaft geschmälert, und der damit verbundene Dünger- mangel wird auf Jahre hinaus die Kultur und die Reinerträge herabsetzen. Nach dem Kriege wird auch der Mangel an Arbeits- kräften sich besonders in der Landwirtschaft fühlbar machen. Es gilt, die Landwirtschaft ebenso zu schützen, wie den Verbraucher, sonst dürften sich Folgen einstellen, die die Königliche Staatsregierung nicht wünschen kann. Der landwirtschaftliche Kreisvercin Winzig." Dieser Beschluß, der im übrigen für sich selbst spricht, kam auf Betreiben der führenden Ritterguts- und Domänenbesitzer, nicht der kleinen und mittleren Bauern zustande. Die Regierung zum Zuckerwucher. Auf die Eingabe des Kriegsausschusses für Konfumentenintereffen in Sachen einer ausreichenden und billigen Versorgung der Bevölke- rung mit Zucker hat der Staatssekretär des Innern unter dem 19. August folgendes geantwortet: „Um zu verhindern, daß die für den Handel mit Verbrauchs- zucker festgesetzten Höchstpreise für die Verbraucher erst verspüret fühlbar werden, beabsichiige ich, Händlern, die bei Lieferungen nach dem 15. August 1915 auf den vor dem 22. Juli 1915 ver- einbarlen höheren Preisen bestehen und die Preise nicht auf die gesetzliche Höhe ermäßigen, die Bestände an Verbrauchszucker dmch die Zentraleinkaufsgesellschast� m. b. H. fortnehmen zu lassen. Vor dem 22. Juli 1915 geschlosiene Verkäufe an die Schokoladen- und Zuckerwarenindustrie, an Likörfabrikanten, an Fabrikanten alkoholfreier Getränke und an Marmelade- und Kunsthonigfabri- kamen sollen durch diese Maßnahmen nicht berührt werden. Ich habe die Zuckerhändlervereine benachrichtigt und stelle ergebenst anHeim, den Verbraucherkreisen von dem Inhalt meines Schreibens Kenntnis zu geben. Im Austrage gez. Kautz." Diese Maßnahme kann, wie der Kriegsausschuß schreibt, mit Genugtuung begrüßt werden. Aus seine Anzeigen hin, die er auf Wünsche aus Handelskreisen veranlaßt hatte, sind auch vor dem 22. Juli Zuckervorräle. für die unverhältnismäßig hohe Preise ver- langt wurden, durch die Zentral-Einkaufsgesellschaft bei Großhändlern beschlagnahmt worden, obwohl bis dahin Höchstpreise für den Groß- Handel nicht bestanden. Jetzt sind die erforderlichen Grundlagen für ein geregeltes Vorgehen gegen den Zuckerwucher geschaffen worden. Die für Handel und Verbraucher gerechteste und sicherste Regelung erblickt der Kriegsausschuß allerdings in der Festsetzung von Höchst. preisen für den Kleinhandel, denn die von ihm im ganzen Reiche angestellten Erhebungen über die Zuckerpreise im Kleinverkauf hätten eine ständige Aufwärtsbewegung erkennen lassen. ES sei fraglich, ob die Großhandelspreise dieser Tendenz Einhalt gebieten könnten. Presse und Lebensmittelwucher. Eigenartige Ansichten über die Aufgaben der Presie im Kampfe gegen den LebenSmittelwucher wurden in einer Sitzung der Erfurter Handelskammer geäußert. Der Berichterstatter über diesen Punkt, ein Herr North, Nudelfabrikant und Inhaber eines Landesproduktengeschäfts, gab wohl zu, daß gewissenlose Per- sonen jetzt die Notlage des Volkes zu ihrem Vorteil ausnützten, aber es müßten auch die vielen Schwierigkeiten bei der Lebensmittel- beschaffung berücksichtigt werden. In diesem Punkte aber sündige die Presse, die Einzelerscheinungen verallgemeinere, und so zur Beunruhigung der Bevölkerung beiträgt. Ein anderer Redner, ein Vertreter des Kleinhandels, ging noch weiter. Er meinte, falls die Presse sich nicht eine Reserve auferlege, sei es notwendig, alle über die Lebensmittelversorgung handelnden Artikel unter Zensur zu stellen. Und der stell- vertretende Syndikus der Kammer, Dr. S eemann, meinte, daß es für Laien überhaupt schwierig sei, ein Urteil über die Preisbildung zu fällen. Deshalb fei es bedenklich, wenn gedankenlose Behaup- tungen über den Lebensmittelwucher verallgemeinert würden. Vor Erhebung von Anklagen gegen angebliche Wucherer sei eine genaue Prüfung durch Sachverständige nötig. Es wurde schließlich eine Eingabe an den Bundesrat beschlossen, in der die Einsetzung eines aus Vertretern der Industrie, des Handels und der Landwirtschaft bestehenden Ausschusses beantragt wird, der bei der Festsetzung von Höchstpreisen mitwirken soll; vor Erhebung einer Anklage müßte ein Sachverständigen-Gutachten ein- geholt werden. Gleitende Höchstpreise. In Elberfeld werden von der städtischen Verwaltung nun- mehr Kartoffelhöchstpreise festgesetzt, die von Woche zu Woche nach Anhörung des Äartoffelhandels neu bestimmt werden. Für die Zeit vom 23. bis 30. August sind je nach Qualität 38 bis 40 Pf. für 6 Pfund zu zahlen. Da die Stadt selbst Kartoffeln zum billigsten Marktpreise vertreibt— an Minderbemittelte mit Einkommen unter 2409 M., die Lebensmittelbezugskarten erhalten, zum EinkausS- preise— ist sie in der Lage, die Preffe günstig zu beeinflussen. Pressezensur. Auf der Tagung des Reichsverbandes der deutschen Presse berichtete Ghefredakteur t e n Brink- Berlin über die P r e ff a u f s i ch t. In der Erörterung wurden(laut Voss. Ztg.") von den Vertretern der einzelnen Landesverbände die init der Preßzensur gemachten Erfahrungen bekanntgegeben, und schließlich wurde ein Antrag tcn Brink angenommen, in dem es heißt: „Die Delegiertenversammlung des Reichsverbandes der deutschen Presse sieht sich genötigt, festzustellen, daß die U n- zuträglichkeiten, insbesondere der häufige Mangel an Einheitlichkeit in den Verfügungen der Prcßaufsichtsstellen, noch immer nicht behoben sind. Die Delegiertenversammlung beauftragte den geschäftsführenden Ausschuß, auf Grund der in der Kriegszcit gesammelten Erfahrungen möglichst bald auf die Schaffung eines Kriegszustandsgesetzes hinzuwirken, das die Rechte und Pflichten der Presse in unzweideutige Be- stimmungen faßt."_ Zur Regelung der Heimarbeit. Das Bureau für Sozialpolitik und die Auskunftsstelle s für Heimarbeitsreform haben in Verbindung mit der General- kommission der Gewerkschaften Teutschlands, dem Gesamtverband der Christlichen Gewerkschaften, dem Perband der Deutschen Ge- lverkvereine(H.-D.), der Polnischen Berufsvereinigung, dem Stän- digen Ausschutz zur Förderung der Arbeiterinneninteressen und der Gesellschaft für soziale Reform dem Bundesrat sowie den Militär- behörden zwei Eingaben zur Regelung der Heimarbeit eingereicht. Uns wird hierüber geschrieben: Angesichts der grotzen Vermehrung der Heimarbeit und des starken Einströmens von Kriegerwitwen und Kriegsinvaliden in die Heimarbeit sind schnelle Mahnahmen zur Durchführung des Haus- arbeitsgesetzes, das 1911 geschaffen, aber in seinen loichtigslen Punkten noch nicht in Kraft ist, mehr denn je notwendig. Erforder- lich ist namentlich die Einführung von Lohnbüchern und Lohnlisten und die Errichtung von Fachausschüssen, von denen wenigstens in bescheidenem Umfange eine Besserung und vor allem Klärung der Lage erhofft wird. Di« Eingäbe I nimmt auch Stellung gegen die Ausführungsverordnungen zu den Fachausschüssen, die in einer den ausdrücklichen Erklärungen der Reichsregierung gegenüber der Reichstagskommission entgegenlaufenden Weise den Kreis der als Vertreter der Hausarbeit zulässigen Personen einengt, so dah heimarbeitssachkundige Persönlichkeiten, also namentlich Ärbeitcrsekrc- täre, die dem Gewerbe nicht angehörten oder angehören, von der Mitarbeit in den Fachausschüssen als Vertreter der Hausarbeiter ausgeschlossen sind. Die Eingabe II befaßt sich mit der Regelung der Heimarbeits- löhne bei öffentlichen Lieferungen. So vorbildlich manche nament- lich von den Militärbehörden geschaffenen Einrichtungen sind, so lätzt doch leider vielfach die Durchführung Lücken, was namentlich darauf zurückzuführen ist, datz die HauSarbeiter nicht genügend über die von den Behörden festgesetzten Löhne unterrichtet sind. Zum Zwecke eines möglichst lückenlosen Lohnschutzes für die Heimarbeiter wird die tunlichste Ausschaltung unproduktiver Zwischcnpcrsonen, die Bevorzugung�tariftreuer Firmen, in tariflosen Gewerben die Fest- setzung der Stücklöhne durch die matzgebenden Behörden und Veröffentlichung der Löhne durch Aushängung gefordert. Landtagsersahwahlen in Prensten. Bei der Landtagsersatzwahl in Z ü l l i ch a u- K r o s s e n wurde an Stelle des gefallenen Abgeordneten Gamp-Oblath der Ritter- gutsbesitzer Assessor Busse auf Klein-Heinersdorf, zurzeit im Felde, einstimmig gewählt.— Der frühere fortschrittliche Landtagsabgeordnete August Bilstein ist in Altenvörde nach langen schweren Leiden gestorben. Bilstein vertrat den Wahlkreis Hagen von 1910 bis 1912 im preußischen Abgeordnetenhause. Er war 1847 in Börde geboren, wo er als Fabrikbesitzer bis zu seinem Tode tätig war. Kriegsbekanntmachungen. Warnung. Berlin, 23. August.(W. T. B.) Es wird darauf hingewiesen, daß in letzter Zeit verschiedentlich feindliche Agenten versucht haben, die Stellung von Truppenteilen dadurch zu ermitteln, datz sie sich— besonders auch durch Fernsprecher— angeblich im Auftrage böhcr stehender Persönlichkeiten bei Familien nach deren im Felde befind- lichen Angehörigen sowie nach dem Truppenteil und Aufenthalrsort erkundigt haben. Es wird daher dringend davor gewarnt, in solchen Fällen irgendwelche Auskunft zu erteilen, vielmehr mutz versucht werden, durch sofortige Anfrage bei dem betreffenden Fernsprechamt festzustellen, von welcher Stelle aus die Anfrage erfolgt ist. Alle auf diesen Zweig der Spionage bezüglichen Wahrnehmungen sind ferner ungesäumt den Polrzerbehörden mitzuteilen. Preise öer Lebensmittel in Groß-öeriin. Wie sehr die Lebensmittelpreise im Kleinhandel gestiegen sind, dasür können die bei der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend in ihren Verkaufsstellen gezahlten Preise als Maststab diene». Es versteht sich von selber, datz auch die Konsum- genossenschaft der allgemeinen Preissteigerung des abgelaufenen Kriegsjahres sich nicht hat entziehen können. Eine Vergleichung der jetzt ini August ISIS gezahlten Preise mit denen vom August 1914 ergibt bei den meisten Lebensmitteln eine Preissteigerung, bei manchen eine mästige, bei vielen aber eine sehr beträchtliche. Wie weit die Steigerung geht, zeigt die folgende Zusammenstellung einer Auswahl wichtigster Lebensmittel. Am IS. August 1914 und am IS. August 191ö wurde bei der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend pro Pfund gezahlt(in Pfennig) für: 1914 1918 Tafelbutter........ 140 220 Margarine(mehrere Sorten). 80—90 130—140 Bratenschmalz. 72 210 Sredeschmalz....... 70 156 Heringe(2 Stück)..... 18 11 Geräucherter Lachs..... 160 240 Büchsenfleisch....... 112 120 Thüringer Fleischwurst.... 120 200 Feine Leberwurst...... 140 200 Landlcberwurst...... 120 200 Zwiebelleberwurst..... 60 120 Berliner Mettwurst..... 110 240 Polnische Wurst...... 120 240 Thüringer Rotwurst.... 80 160 Beste Salamiwurst..... 200 300 Roher und gekochter Schinken. 180 300 Schinlenspeck....... 150 260 Fetter und magerer Speck.. 120 220 Pflaumenmus....... 30 50 Salz.......... 11 12 Lange wciste Bohnen.... 24 60 Kleine weiste Bohnen.... 20 54 Riesenerbsen....... 22 56 Geschälte Erbsen...... 25 58 Halbe Echsen....... 20 54 Grüne Erbsen....... 18 54 Gerösteter Kaffee(5 Sorten). 144—192 160—200 Bayerischer Malzkaffee.... 25 40 Gebrannte Gerste, la.... 20 60 Guter Kakao....... 120 260 Schokoladenpulver..... 100 160 Bayerischer Bierkäse.... 80 120 Limburger Käse...... 50 100 Romatourkäse....... 60 120 Schweizer Käse...... 110 160 Tilsiter Käse....... 90 140 Buchweizengrütze...... Feine und mittlere Graupen. Kälberzähne....... Haferflocken, II...... Feine und grobe Hafergrütze. Hafermehl, amerik., präpariert. Hafermehl, G- E. 20 22 18 25 25 32 58 30 60 50 60 32 40 58 HauSmachernudeln(2 Sorten). 40— 50 60—70 Roggenmehl,"h...... 14 24 Weizengrietz, I...... 22 40 Hartweizengrieß, II..... 22 40 Weizenmehl(3 Sorten)... 18—22 26— 30 Speiseleinöl....... 80 160 Patnareis........ 26 60 Rangoonreis....... 22 60 Zucker(Melis)....... 21 28 Hier sind fast ausnahmslos Steigerungen zu verzeichnen. Niedriger als im vorigen Jahr war der Preis nur bei Heringen, doch kann da auch die Verschiedenheit der Größe zu Preisunterschieden führen. Bei den Fettwaren, den Fleisch« und Wurstwaren, den verschiedenen Sorten Käse, bei den Hülsenfrüchten, den Mühlen- sabrikaten, bei Kakao, Kaffee, Kaffeesurrogaten, Zucker, Salz— überall sehen wir eine Preissteigerung. Meist stieg der Preis auf das IVz— 2fache, in einzelnen Fällen bis zum 3fachen des früheren. Am ärgsten war in den zwölf Monaten die Steigerung bei Siede- und Bratenschmalz, bei Zwiebelleberwurst, Berliner Mettwurst, Polnischer Wurst, Thüringer Rotwurst, bei Bohnen und Erbsen aller Sorten(Linsen führt die Konsumgenossenschaft schon lange nicht mehr), bei Limburger und Romatourtäse, bei Graupen aller Sorten und Haferflocken, bei Reis, bei Kakao und Gerstenkaffee. Ms Groß-öeelin. Die tzebammengebühren. Wir haben kürzlich eine Mitteilung des Rcichsamtes des Innern veröffentlicht, in der dargelegt wird, daß die an Krieger- frauen gewährte Reichswochenhilfe von 26 M. zugunsten der Wöchnerinnerinnen gewährt werde und nicht ausschließlich den Hebammen zufließen soll. Diese Deklaration war�sehr erwünscht, weil tatsächlich Hebammen auf die vollen 25 M. Anspruch erhoben. Anspruch haben aber die Hebammen lediglich auf die ihnen zustehenden Gebührensätze, die von den 26 M. bestritten werden sollen. Jetzt erläßt der Polizei» Präsident eine Bekanntmachung folgenden Inhalts: „Verschiedene Vorkommnisse veranlassen mich, hiermit in Er- innerung zu bringen, daß für die Hebammen eine Gebühren- ordnung besteht. Durch Vereinsbeschlust haben sich die Hebammen von Grost-Berlin zwar verpflichtet, den durch die Zeitverhältnisse verursachten Schwierigkeiten vieler Frauen in weitgehendem Um- fange Rechnung zu tragen. Sie haben aber zweifellos einen An- spruch auf die ihnen zustehenden Gebühren auch während der Kriegszeit, sobald Zahlungsfähigkeit, sei es der Wöchnerin, sei es der Krankenkasse oder anderer öffentlicher Einrichtungen besteht. Wenn auch die Reichswochenhilfe nicht als Entschädigung für die Mühewaltung der Hebammen bestimmt ist, so gehören die von der Hebamme zu beanspruchenden Gebühren doch auch zu den durch die Beihilfe zu deckenden Unkosten, die durch die Entbindung ent« stehen. Sofern über die Höhe der von der Hebamme beanspruchten Gebühren Zweifel entstehen, empfiehlt es sich, die Entscheidung des zuständigen Kreisarztes zu beantragen." Die Hebammen erklären in öffentlichen Zuschriften: „Leider haben in dieser Zeit gerade die Hebammen nach- gewiesenermasten über mangelhafte Bezahlung zu klagen. Kein Mensch nimmi einmal öffenUich das Wort zum Schutze der Heb- ammen, die häufig ebenfalls Kriegerfrauen und immer die� Ernährer ihrer Familie find. Wir bedauern, daß der Ausschuß für Mütter- und Säuglingsfürsorge des Zentralkomitees vom Roten Kreuz die etwaigen Ueberforderungen nicht an den Herrn Polizei- Präsidenten weitergegeben hat, dann wären unberechtigte Forde- rungen nachdrücklichst beseitigt worden. Die Bezahlung nach der Gebührenordnung mutz aber doch verlangt werden. Niemand hilft unbezahlte Hebammenhilfe beitreiben. Häufig lehnt der Magistrat die Bezahlung ab, und Wöchnerinnen, die die Reichs- Wochenhilfe bekommen, verbrauchen oft das Geld, ohne die Heb- amme zu bezahlen. In anderen Fällen müssen die Wöchnerinnen selbst monatelang warten, ehe fie überhaupt die Reichswochenhilfe erhalten, und ob fie dann für die Hebammen etwas übrigbehalten das müssen diese auch noch abwarten." Sehr bemerkenswert in der öffentlichen Erklärung der Hebammen ist die Behauptung, daß Wöchnerinnen monatelang warten müssen, ehe sie die'Reichswochenhilfe erhalten. So weit die Krankenkassen zahlen müssen, geht die Erledigung der Ansprüche wohl prompter vor sich, als wenn die Stadk gemeinde in Anspruch genommen wird. Darauf scheint auch die Angabe der Hebammen hinzuzielen. Eine größere Be schleunigung täte hier wirklich not. Die Berliner Brotkartcngemeinschaft. Aus dem Rathause wird berichtet: Zu Beginn des Sommers hat eine große Anzahl von Ortschaften in der Umgebung Berlins dringend gebeten, die Grotz-Berliner Brotkarten- g e m e i n s ch a f t möge ihnen das Mehl erstatten, dessen sie für die Berliner Ausflügler bedürften. Die Brotkartengemeinschaft ist diesen Wünschen soweit irgend tunlich entgegengekommen, und so hat die Grotz-Berliner Brotkarte in den Ausflugsorten rege Ver- Wendung gefunden. Es ist begreiflich, datz jetzt bei Ablauf des Sommers den Ausflugsorten die Vergünstigung minder begehren- wert erscheint. Grost-Berlin seinerseits hat mit ihr eine beträchtliche Last auf sich genommen. Es mutz immer wieder betont werden, datz alle Kräfte der Grotz-Berliner Gemeinden und besonders die der Zentralstelle auf das stärkste angespannt sind, um die Brot- regelung für das eigentliche großstädtische Gebilde in befriedigendem Gang zu halten. Man vergegenwärtige fich, datz für eine mehr� wöchige Brotkartenperiode bis zu 25 Millionen Brotkarten und Zusatz- brotkarten herzustellen, an die Groß- Berliner Gemeinden, an die Brotkommissionen, die Hausbesitzer und schließlich an die einzelnen Familien zu verteilen, datz viele Hunderte von Millionen Brotkarten- abschnitte zu kontrollieren und durch Mehl zu begleichen sind. Die nächste Zeit wird noch eine beträchtliche Steigerung der Arbeit bringen, weil die Erhöhung der Mehlportion auf 225 Gramm in die Tat umgesetzt werden mutz; insbesondere gilt es, die Zusatz- brotkarten so auszugestalten und auszudehnen, wie es dem Interesse der arbeitenden und minderbemittelten Bevölkerung ent- pricht. Insoweit deshalb den Ausflugsorten die Einseitigkeit des gegenwärtigen Znstandes unerwünscht erscheint, könnte nur der Ver zicht auf die Begünstigung des Au-flüglerverkehrs in Frage kommen; eine Llusdehnung der Brotkartengemeinschaft auf alle diese Orte er- cheint weder möglich, noch liegt sie im Bedürfnis. Vom Kriegsrenne«. In Hoppegarten arbeitet der Totalisator an den Renntagen un- unterbrochen. Der Toto ist das Ideal der Hoppegartenbesucher. Am Sonntag betrug der Umsatz am Toto rund 650 000 M.; Eintritts- gelder erreichten die Höhe von 36 000 M. Von der herrschenden Not scheinen die Rennbesucher wenig berührt zu werden. Eine ans fünf Tage Unterbrochene Feuerbestattung hat in den Kreisen der Feuerbestattungsfreunde Aufsehen erregt. Der Kriegsfreiwillige Wilhelmi aus Wiesbaden war im Kreis- Krankenhaus Köpenick gestorben und sollte seiner Anordnung gemätz im Treptower Krematorium eingeäschert werden- Die Verwandten waren aus der Heimat zu dem Trauerakt er- schienen. Der Treptower Gemeindevorstand verweigerte aber die Erlaubnis zur Einäscherung, da die vom Standesamt Köpenick aus- gestellte Sterbeurkunde nicht genüge, eine solche müsse von dem Standesamt des letzten Wohnortes ausgestellt werden. Als die ver- langte Urkunde nach fünf Tagen eintraf, konnte die Einäscherung vor sich gehen, die Eltern und sonstigen Verwandten des ver- torbenen Kriegers waren inzwischen wieder in die Heimat abgereist. Bei Erdbestattungen verstorbener Krieger genügt stets die standesamt- liche Sterbeurkunde._ Verlegung der Geschäftszimmer der Feldzeugmeistcrei. Tie Geschäftszimmer der Feldzeugmeisterei einschließlich Zentralabteilung, Inspektion der technischen Institute der Infanterie, Inspektion der technischen Institute der Artillerie und Artilleriedepot-Jnspektion sind von Mitte August 1916 ab vom Kaiser-Franz-Grenadier-Platz Nr. 11— 12, SO 16, nach Berlin W. 15, Lietzenburger Str. Nr. 18— 20, verlegt worden. Fernsprecher: Amt Steinplatz Nr. 12 981 bis 12 987. Die Traindepot-Jnspektion verbleibt vorläufig in den Räumen Dresdener Str. Nr. 52—63. Fernsprecher: Amt Moritzplatz Nr. 4676 und 4676. Telegrammadressen bleiben dieselben.(S. Erlaß vom 14. Januar 1915. A. V. Bl. S. 16.) Die Brotgetreideversorgung des Kreises Teltow. Der Landrat v. Achenbach macht bekannt, daß der An- trag des Kreises auf Selbstwirtschaft mit Brotgetreide von der Zentralbehörde nicht genehmigt worden ist. Es bleibt dem- nach bei der alten Regelung. Nachdem der Kreisausschuß erner davon abgesehen hat, das Brotgetreide auf eigene Rech- nung zu erwerben, tritt die Reichsgetteidestelle als Käufer des Brotgetreides der neuen Ernte im Kreise auf. Es sind der Reichsgetteidestelle als Aufkaufskommissionäre vorgeschlagen und bestätigt worden: 1. die Firma N. Helfft u. Co. in Berlin 7, Unter den Linden 52, 2. die Firma Max Sa- bersky in Berlin W 9, Linkstr. 41. Alle beschlagnahmten Brotgetreidemengen der neuen Ernte dürfen nur an diese Kommissionäre oder deren Beauftragte veräußert werden. Der Aufkausides Getteides durch andere, dazu nicht berechtigte Per- sonen oder der Verkauf von Getreide an Unberechttgte ist strafbar. Die Verteilung des Mehles an die Gemeinden ge- schiebt durch den Lagerhalter, die Weizenmühle Karl Solomon u. Co. in Berlin 0 17, Mühlenstt. 8. Der Einbrecher im Schlafzimmer. Eine unheimliche Nacht hatte eine Frau am Marheinekeplatz in dem Hause Nr. 12. Als fie sich vorgestern abend in ihrem nach der Stratze zu an einem Vorgarten gelegenen Schlafzimmer zur Ruhe legte, lietz fie ein Fenster auf. Sie tat das öfter und glaubte, eS unbedenklich tun zu können, weil der Vorgarten ein Eisengitter hat und die Fenster der Wohnung im hohen Erdgeschotz 21l3 Meter über Stratzenhöhe liegen. Für den 49 Jahre alten„Spezialisten" Karl Schultze aber, der fich„Arbeiter" nennt, in Wirklichkeit aber ledig- lich davon lebt, datz er durch offene Fenster einsteigt und stiehlt. waren weder der Zaun noch die Höhe der Fenster ein Hindernis. Erst kürzlich wieder aus dem Zuchthause entlassen, trieb sich Schultze ohne Wohnung umher und spähte nach Gelegenheiten aus. Als er sie in der vergangenen Nacht am Marheinekeplatz fand, stand er bald im Schlafzimmer vor dem Bett der Frau, die ihre Handtasche über eine Stuhllehne gehängt und darüber ein Kleidungsstück gelegt hatte. Die Frau erwachte halb durch einen unbestimmten Vorgang, glaubte auch im Dunkeln gegen das Fenster zu eine menschliche Gestalt wahrgenommen zu haben, dachte aber, als alles ruhig blieb, datz sie sich geirrt habe, und ver- suchte weiter zu schlafen. Noch im Halbschlummer aber nahm sie plötzlich wahr, datz ihre erste Beobachtung doch richtig gewesen war. Denn jetzt erkannte sie, datz ein Mann gerade dabei war, zum Fenster hinauszusteigen. Sie rief um Hilfe und, als der Mann das Fenster nach außen hin verlassen hatte,„Halt ihn, halt ihn'" hinter ihm her. Da kam gerade der Unteroffizier Mischke vom Rekruten- depvt des Augusta-Negiments daher gegangen. Er übersah gleich die Lage, verfolgle den Mann, packie ihn und übergab ibn der Polizei. Der unverbesserliche Einsteigedieb, der jedesmal gerade in Schlafzimmer eindringt, hatte die Handtasche der Frau erbeutet. Sie enthielt u. a. das Portemonnaie mit 40 M. Der Ertappte konnte nicht leugnen und wurde von der Kriminalpolizei wieder einmal dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Ein Spiclkluv ist in Schöneberg aufgelöst werden, in welchem dem Roulettespiel gefrönt wurde. Einen herben Verlust hat der Wahlverein Neukölln durch den Tod des Genossen Max Douceur erlitten, der jahrelang bei jeder Parteiarbeit zur Stelle war. Die Beerdigung findet heule nachmittag 4 Uhr auf dem Friedhof der Freireligiösen Gemeinde statt. Am 20. August verstarb in Neukölln der Genosse Robert Köppen, der seine ganze Kraft der Arbeiterbewegung zur Verfügung gestellt hatte. Es gab keine Arbeit, vor der er zurückschreckte, immer war er bestrebt, den Ausstieg der Arbeiterklasse herbeizuführen. Mist- liche wirtschaftliche Verhältnisse und Verstimmungen in der letzten Zeit nahmen ihm den ferneren Lebensmut. Die Beerdigung wird noch bekanntgegeben._ Verloren. Am Mittwoch, den 18. d. Mts., ist in Pankow bei Ebersbach, Berliner Str. 102, ein Damen-Regenschirm stehen ge- blieben, der Finder wird gebeten, diesen in der„Vorwärts"-Spedition Mühlenstr. 30 abzugeben. Kleine Nachrichten. Am Sonntagabend gegen%8 Uhr wollte ein Herr Eugen Pahlke vor dem Hause Müllerstr. 148 kurz vor einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie 24 das Gleis überschreiten. Dabei wurde P. umgestoßen und geriet unter den Vorderperron, wurde jedoch von der Fangvorrichtung aufgenommen. Bei dem Sturz auf das Stratzenpflaster hatte sich Pahlke eine Kopf- wunde und einen Bruch des rechten Armes zugezogen. Der Ver- unglückte wurde nach dem nahen Paul-Gcrhardt-Slift gebracht.— In der Nachr zu Montag gegen 1/ii Uhr fuhr ein Straxenbahnzug der Linie 47(Richtung Neukölln) gegen die Vorderplatt- form eines die Kreuzung an der Ecke des Moritz- Platzes und der Oranienstratze passierenden Zuges der Linie 29, wobei der angefahrene Triebwagen und der Beiwagen des Zuges der Linie 47 aus den Schienen sprangen. Personen wurden nicht verletzt. Die beiden entgleisten Wagen wurden alsbald wieder ein- gegleist, so datz eine Störung nicht entstand.— Andauernde Krankheit hat den 56 Jahre alten Holzbildhauer Ottomar Tilger vom Kottbuser Ufer 27 in den Tod gettieben.— Zu einem Zusammen- stoß eines Geschäftswagens mir einem Sttatzenbahnwage« kam es am gestrigen Montagnachmittag gegen 4 Uhr an der Ecke der Greifswalder und Kurischen Stratze. Dort bog ein Fuhrwerk der Firma Ernst Rom, Köpenicker Sttatze, kurz vor einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie 162 aus das Gleis und wurde an- gefahren. Infolge des Anpralles stürzten der Kutscher und die neben ihm sitzende Frau Auguste Welsing vom Bock herab. Während der Kutscher mit einer leichten Verletzung an der Wange davon kam. erlitt Frau W. eine klaffende Kopfwunde. Sie mutzte in besinnungs- losem Zustande nach dem Krankenhause Friedrichsham gebracht werden._ Parteiveranstaltungen. Tcmpelhof-Mariendorf. Die nächste Zusammenkunft der Jugend- sektion findet am Mittwoch, den 25. August, abends 8'/, Uhr, im Jugend- heim, Tempelhof, Kaiser-Wilhelm-straste 76. Hos parterre, statt. Aul der Tagesordnung steht ein Vortrag des Genossen H. D u n ck e r. Auch die älteren Genossen und Genossinnen können daran teilnehmen. Neukölln. Mittwoch Spielpartic aus dem Turnplatz der Freien Turnerschast. Treffpunkt 2 Uhr am Wildenbruchplatz(Elsensteg). Friedenau. Die Mitgiiederveriammlung des Wahloereius findet am Mittwoch, den 25. August, abends 8'/, Uhr, im klemen Saale des Kaiser- Wiihctm-GarlenZ statt. Tagesordnung: Bericht von der Frauenkonscrcnz und der Kreiskonserenz.__ Zrauenleseabenöe. Waidmannslust. Mittwoch, den 25. August, abends S1li Uhr, im Bergschlost. Vortrag der Genosfin Reichert. Eingegangene vruckschristen. Jahrbuch 1914 dcS Deutschen Holzarbeiter-Verbandes. 2 M, geb. 2,50 M. Selbstverlag des Verbandes, Berlin SO. 16. Briefkasten öer Redaktion. Die iuristische Sprechstunde findet für Adonnenten Lindenstr. z, IV. Hof rechts, parterre, am Montag bis Freitag von t bis 7 Uhr, am Sonnabend von 5 bis 6 Uhr statt. Jeder für den SB r i e f l a st- n bestimmten Anfrage ist-in Buchstabe und eine Zahl als Merlzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen keine Abonnementsguitlung beigefügt ist, werden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man tn der Svrechltunde vor. Verträge, Schriftstücke und dergleichen bringe man in die Spreitiftundc mit. O. P. 28. Krampfadern, untauglich; Hautcrkrankung. untauglich. Nachmusterung ist nicht ausgeschlossen.— C B 82. 1. Da der Hauswirt das Vorpsändungsrecht hat, so müssen Sie die Sachen freigeben. In beiden Fällen werden Sie, wenn Sie nicht aus den Lohn Beschlag legen lassen können(eine Psändung des Lohnes kann nur in den Teil desselben er- folgen, der 2000 M. jährlich übersteigt!) nichts machen können.— No. 12. An das Militärburcau des Magistrats, Waisenstr. 27.— A. W. 67. Rückerstattung der Jnvalidenbeiträge ersolgt nicht mehr. Das Reichsgericht hat damit gar nichts zu tun. Eine weitere Verfolgung der Sache ist völlig aussichtslos.— G. K. 24. Sollten Ihnen die Sachen gepsändet werden, so müssen Sie beim Gericht dagegen intervenieren unter Vorbringung der Beweismittel, datz die Sachen Ihr Eigentum sind. Der Hauswirt kann allerdings nach dem Kriege die Forderung geltend machen. —