Mr. SSO.-3Ä. Jahrg. NdonnementZ'kecklngungea: LbonneinentS» Breii rränumerand«» Ti--te>i�!>7l. 330 MU monatL 1,10 Ml. Ivöcheniüs 25 Pfz, frei int Haut. Einzelne Nummer 5 Pfg. Semmag»- nummer mit illustrierier»onntagt- Beilage»Die Neue Sell� 10 Via, Post- ilbonnemsu: 1.10 Marl pro Monat. Guigerragen in die Post- Zeitungt- Preisliste. Unter Kreuzband stir Deulschland und Oesterreich. Ungarn 2.50 Marl, iür dat übrige Ausland « Marl pro Monat. Postabonnementt nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal. Siumänieu, Schweden und die Schwei» cnchtim tigiio. Berliner Volksblnkt. Zentralorgan der rbzialdemokratifcben Partei Deutfcblands. [ 5 Pfennig) Die Tnferticns- Gebühr Petrigt für die lechsgelbaliene Kolonelteile oder deren Raiim 60 Plg.. iür politische und gewerlschastliche Vereins- Und BersammIungS-Anzcigen 30 Pfg „kleine ttnrHgen", das fettgedruclie Wort 20 Pig. tzuläfsig 2 teiigcdruckte Worte), jedes weitere Wort l0 Pig. Siellengeluche imd Schlaf,'tellenum zeigen das erste ZlZort 10 Pfg.. jede? «eitere Wort 5 Plg. Worte über 15 Buch staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer muffen bis a Uhr vachmitiags in der Expedition abgegeben werben. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adreste: „SoiiaWtmokrat Bcrstn". Neüaktion: SW. öS, Linüenstraße Z. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Rr. 131 Sv— 1S1 S7. Freitag, de« 10. September 191S. Expedition; SW. 68, Llnöenstraße Z. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Rr. 131 9«— 131 97. Die ivolhvnilche fettung IZubno genommen. erfolgreicher deutscher vorltok in den ürgonnen. lelönnü Des Stoßen Muottiets. Amtlich. Großes Hauptquartier, den 9. September 1915. sW. T. B.) Westlicher Kriegsschauplatz. In den Argouneu brachen gestern nordöstlich von Bienne-le-Chauteau unsere Württemberger und Lothringer Regimenter zum Augriff vor. Die durch die Artillerie vortrefflich unterstützte stürmende Infanterie setzte sich auf einer Frontbreite von über zwei Kilometer und einerTiefe von 399 bis 599 Meter in den Besitz der feindlichen Stellungen und mehrerer Stütz- punkte, darunter des von den Franzosen vielgenannten Werkes Marie-Therdse. 39 Offiziere, 199 9 Mann wurden gefangcu genommen, 48 Ma- schinengew ehre, 54 Minenwerfer, eine Revolverkanoue erbeutet. Während der Nacht von vorgestern zu gestern wurden in London die Docks sowie die sonstigen Hafenanlagen und deren Umgebung ausgiebig mit Spreng- und Braud- bomben belegt. Tie Wirkung war recht befriedigend. Unsere Luftschiffe sind trotz heftigster Beschießung ohne jeden Schaden zurückgekehrt. Deutsche Flugzeuggeschwader griffen Naney au. festlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarlchalls v. Hlndenburg. Bon der Ostsee bis östlich von Olita keine wesentliche Veränderung. Zwischen Aefivry und dem Sßjemen wehrt sich der Gegner hartnäckig; unsere Truppen nähern sich Skidel. Südlich des Njemeu entzog sich der Feind der Niederlage, durch Rückzug hinter die Aelwiauka; aus dem Westufer halten nur noch Nachhuten. Die Heeresgruppe machte 3559 Ge- faugene und erbeutete 19 Maschinen- g e w e h r e. Heeresgruppe des Generalfeldmarlchalls Prinz Leopold von Bayern. Auch hier ist die Zelwianka an den meisten Stellen unter Kämpfen mit feindlichen Nachhuten erreicht; südlich von Rozana ist der Uebergang über die Rozauka erzwungen. Oesterreichisch-ungarische Truppen gehen weiter durch den Wald nordöstlich von Sielec vor. Deutsche Marineluftschisse bombardieren London. Amtlich. Berlin, 9. September. sW. T. B.) Unsere Marineluft schiffe haben in der Nacht vom 8. zum 9. September deu We st teil der City von London, ferner große Fabrikaulagen bei Norwich sowie die Hafenanlageu und Eisenwerke vou M i d d l e s b o r o u g h mit gutem Erfolge angegriffen. Starke uud zahlreiche Brände wurden beobachtet. Die Luftschiffe wurden vou den feindliche« Batterien heftig beschosseu. Sie sind sämtlich wohlbehalteu zurückgekehrt. Der Chef des Admiralstabes der Marine. » London, 9. September. lW. T. 33.) Meldung des Reuter- scheu Bureaus. Das Presseburequ teilt mit: Feindliche Luftschiffe suchten gestern nacht die ö st l i ch e n Graf- s ch a f t e n und London heim und warfen Bomben ab. durch die Brände und Unglücksfälle verursacht wurden. London, 8. September.(W. T. B.) Meldung des Reüterschen Bureaus. Das Presscbureau meldet: Drei Zeppeline haben in der letzten Nacht die östlichen Graf- schaften heimgesucht und Bomben abgeworfen. Abwehr- kanonen feuerten auf sie und Flugzeuge stiegen auf, konnten die Luftschisse aber nicht finden. Heeresgruppe des Generalleldmarichasls v. ITIadtenien. Bei ChomSk ist das Nordufer der Jasiolda gewonnen, durch unser Borgehe« nach Norden gezwungen, räumte der Gegner seine Stellungen bei Bereza-Kartuska. Zwischen dem Sporowskie-Sce und dem Tniepr-Bug- Kanal haben wir weiter Boden gewonnen. Südöstlicher Kriegsschauplatz. Der südlich von Ostrow über den Sereth vorgedrungene Feind ist auf seiuem Nordflügel zurückgeworfen. Ober st e Heeresleitung. ** 9et illlemWW SemMMelW. Wien, 9. September.(W. T. B.) Amtlich wird vcr- lautbart: Wie», 9. September 1915. Russischer Kriegsschauplatz. Unser Angriff in W o l h y n i e n schreitet fort. Gestern wurde die russische Front nördlich von O l y k a durchbrochen. D u b n o, der zweite Punkt des wolhynischcn Festuugsdreiecks, ist genommen. In die Stadt ist gestern nachmittag österreichische Landwehrkavallcric eingerückt. Die flußaufwärts liegenden Sperr- fortS sind in unserem Besitz. Die Armee des Generals von B o e h m- E r m o l l i ist an die obere Jlwa und über Nowo- Alecfiniec vorgedrungen. Die russischen Kräfte, die im Räume westlich von Trembowla über deu Sereth vorgebrochen sind, wurden größtenteils wieder zurückgeworfen. I» den Kämpfen, die hier gegen feindliche Ueberzahl stattfanden, griffen deutsche Garde- bataillonc unter dem Obersten v. Leu besonders erfolgreich an. Am unteren Sereth und am Dnjestr herrschte verhältnismäßig Ruhe. Bei der gester» berichteten Eroberung der feindlichen Stellungen von Nowofiolka— Kostiukowa hatte im Kampf zu Fuß die von Feldmarschalleutnant von Brudermann geführte Kavallerie hervor- ragenden Anteil. Bon den im Jasioldagebiet kämpfenden österreichstch-ungarischen Streitkräften gewannen Teile die Gegend von Michalin südlich von R o z a n y. Italienischer Kriegsschauplatz. Die allgemeine Ruhe hält an. Im Räume von Schluder- dach vertrieben unsere Truppen schwächere feindliche Abteilungen, die gegen unsere Popenostcllung vorfühlten, durch Feuer. Ebenso wurden zwei italienische Kompagnien, die im Paralbagebiet einen unserer Stützpunkte angriffen, zurückgeschlagen und feindliche Patrouillen, die den Monte Ciadenis ersteigen wollten, abge- schössen. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: von Hoefer, Feldmarschalleutnant. Die Fes fang Dobrro. Fünfzehn kleine Wohnhäuser wurden zer- stört oder ernstlich beschädigt. Eine große Zahl Türen und Fenster gingen in Trümmer, an mehreren Stellen brach Feuer aus, das sofort gelöscht wurde. Sonst wurde kein ernstlicher Schaden angerichtet. Folgende Unfälle werden gemeldet: Getötet zwei Männer. dreiFrauen, fünf Kinder; verwundet dreizehn Männer, sechzehn Frauen, vierzehn Kinder. Ein Mann und zwei Frauen, die wahrscheinlich unter den Trümmern be- grasten wurden, werden vermißt. Alle sind Zivil- Personen mit Ausnahme eines Soldaten, der ver- wundet wurde. | der gestürzte Großfürst. Von Richard Gädke. Mit einem Worte blutigen Hohns hat der Gewältige Ab- schied von feinem Heere genommen:..Ich glaube fest, daß Ihr jetzt, da der Zar, dem Ihr Euren Eid geschworen habt, Euch führt, neue nie zuoorgesehene Waffentaten vollbringen werdet. Ich glaube, daß Gott von heute ab seinew Auserwählten, den: Zaren, feine allmächtige Hilfe verleihen und Euch zum Siege führen wird". Wenns nun nicht glückt, wenn es vielleicht gar schlechter als bisher gehen sollte, dann ist in den Augen des recht- gläubigen Volkes der Zar von Gott gezeichnet, ist nicht mehr der rechtmäßige Zar. In seinem Innern aber ist der Groß- fürst natürlich fest überzeugt, daß das, was der eisernen Faust des großen Onkels nicht gelang, dem schwanken Willen des kleinetz Neffen nun und niinmer gelingen wird. Er weiß, daß das russische Heer, das er diesem übergibt, nicht besser, fondern schlechter ist, als das, mit dem er selbst vergebens um den Sieg gerungen. Es ist nicht leicht, deu Großfürsten als Feldherrn schon jetzt richtig zu beurteilen. Unzweiselhaft hat er bei der Durch- führung seiner Operationen Fehler begangen— aber welcher Feldherr hätte keine begangen? Eine hervorstechende Eigen- schuft des großen Führers wird ihm niemand absprechen dürfen, die eiserne Willenskraft, mit der er im Innern des Heeres Ordnung geschaffen und unablässig das Höchste�von ihm verlangt hat, die Entschlossenheit, mit der er um den Sieg gekämpft und sich durch widriges Schicksal nicht beugen ließ. Einer der wenigen M ä n n e r, die das moderne Rußland ge- formt hat, und auch nur formen konnte, weil er von vorn- herein an so hoher stelle stand. Diesem Willen aber fehlte keineswegs die militärische Intelligenz und die Erfahxung des Handwerks. Er war in jedem Falle ein Feldherr, der über dem Durchschnitt stand. Ein Teil seiner Irrtümer liegt klar auf der Hand. Sein anfänglicher Kriegsplan: Zurückhaltung der noch nicht fertigen Mitte hinter der starken Weichselfront, Vor- brechen mit überlegenen Massen auf beiden Flügeln gegen Ostpreußen wie gegen Galizien war gut und nach den besten Mustern angelegt. Er scheiterte im Norden an der über- legenen Strategie Hindenburgs und an der unentschlossenen. zaudernden Führung Rennenkampfs. War der Großsürst, wie man sagt, damals versönlich in Jnfterbiirg, so fällt dieser erste Fehler auf ihn selbst, den Höchstkommandierenden, zurück. In Galizien aber, gegen die Oesterreicher, glückte der Plan überraschend gut. Mit überlegenen Massen von Norden, Osten und Südosten angefallen, mußten sich ihre Armeen rasch zurückziehen. Binnen 6 Wochen fiel fast ganz Galizien in die Hand des Siegers, dessen Vortruppen über die Karpathen hinüber nach Ungarn streiften. Tann kam Hindenburgs Einfall in das westliche Polen, der das verbündete Heer von schlverem Druck befreite. Er veraulaßte den Großfürsten zu seinem ersten folgenschweren Fehler, die Hauptmacht seines Heeres noch Polen zu werfen und nun hier in der Mitte über die schützende Weichsellinie hervorzubrechen, so daß er beide Flanken den feindlichen Gegenangriffen preisgab. Ein Führer wie Hindenburg, dem die überlegene Manövrierfähigkeit seines Heeres und das dichtmafchige Bahnnetz zur Verfügung stand, benutzte das so- fort, um die Strafe an ihm zu vollstrecken. Im November- und Tezemberfeldzug mußte das von Norden her angegriffene Russenheer noch schweren Verlusten gegen die Wcichsellinie zurückweichen, konnte sich selbst dort nur hinter starken Ver- schanzungen halten. Und doch: man kann nicht sagen, daß sich nicht auch hier die Gelegenheit zum Siege bot und daß der Großsürst sie versäumt hätte. Wenn er in den Tagen vom 22. zum 24. November, bei Lowitsch, bei Brcziny und Lodz, deutsche Truppen unter seinem Befehl und russische gegen sich gehabt hätte, so wäre wahrscheinlich ein glänzender Sieg die Folge seiner Operationen gewesen. Als die große Offensive seiner Mitte mißglückt war, kam er folgerichtig wieder auf seinen ersten gesunden Plan zurück. die Entscheidung auf beiden Flügeln zu suchen. Im Norden sammelte er erst allniählich ein neues Heer, die matten An- griffe der schlechter gewordenen Truppe brachen sich aus- nahmslos an den starken deutschen Werken, gegen Ende Januar wqrd das Heer von Hindenburgs Feldherrnkunst abermals zersprengt. Aber die Hauptentscheidung suchte der Großfürst mit richtigem militärischen und politischen Blicke im Süden, an den Karpathen. Hier versammelte er alles, was das riesige Reich an Truppen liefern konnte, und nötigte auch den Gegner, die Entscheidung des Krieges in diesem Gebiete anzunehmen. Der Plan hatte eine Zeitlang manche günstige Aussicht für sich; bielleicht wäre der russische Feldherr durchgedrungen, wenn er wirklich die äußerste Rechte der Verbündeten über die Ost- karpathen, durch die Bukowina und Bessarabien einzuwickeln versucht hätte. Auch politisch konnte diese Angriffsrichtuug glückliche Folgen zeitigen. Er näherte sich hier den Rumänen und den Serben. Anstatt dessen suchte er den Sieg dort, wo das Land selbst den geringsten Widerstand zu bieten schien, im Norden, gegen die Duklasenke. So kam es zu einem Frontangriffe, der seinerseits jeden Augenblick vom Dunajec her in die rechte Flanke genommen werden konnte. Schärfer und schärfer trat die blutige Brutalität seiner Kriegführung hervor; in immer wiederholten Massenstürmen hetzte er, durch die Schauer eines eisigen Winters, seine todmüden Sklaven trotz der furchtbarsten Verluste gegen die österrcichisch-deutschen Stellungen. Durch die Knute und den Revolver der Offiziere, durch die Maschinen- gewehre, die hinter der Front den zurückflutenden Linien Tod und Verderben drohten, suchte er zu ersetzen, was seinem Heere an moralischer Kraft gebrach. Der Gewaltmensch suchte den Massen, die gar nicht sterben wollten, seinen rücksichtslosen Willen einzuhämmern und einzuprügeln. Und brach damit zusammen, und bereitete die kommende Niederlage vor. Die deutschen hatten rechtzeitig die dünnere österreichische Linie so verdichtet, daß sie dem verzweifelten Stürmen des Gegners erfolgreich widerstehen konnte. Hier fiel die Blüte des russischen Heeres, seine Kerntruppen wandelten sich in ein Retrutenhecr ohne Offiziere. Als nun Mackensens Flankcnstoß kam— denn die Schlacht ain Dunajec war eine echte und rechte Umfassungsschlacht, wie alle großen Siege der Weltgeschichte, nicht der Durchbruch, zu dem man sie hat stempeln wollen— da nahte der Anfang vom Ende. Das Spiel war aus. Seinen Rückzug hat der Großfürst den Ueberlieferungen seines Volkes und seines Heeres entsprechend ausgeführt: „Und feierlich nach alter Sitte Umwandelnd des Theaters Rund Mit langsam abgemessenem Schritte Verschwinden sie im Hintergrund." Es ist eine Streitfrage, was richtiger ist: dem Gegner immer an der Klinge zu bleiben oder sich lieber von ihm rasch zu lösen, um das Heer erst wieder herzustellen und innerlich zu kräftigen. Russische Sitte, wie gesagt, ist das erstere. In jedem Fall kann niemand leugnen, daß der Feld- Herr im einzelnen seine Anordnungen mit hohem Geschick ge- rroffen und sein Heer aus einer recht bedenklichen Lage leid- lich herausgebracht hat. Wenn seine Angriffspläne endgültig gescheitert sind, so liegt es doch nicht allein an seinen Fehlern: die Sünden seines Staates und seiner Regierung, die Versäumnisse, die Verderbtheiten, die Brutalitäten von Jahrhunderten, die Unterdrückung eines in dumpfer Unwissenheit verzagenden Volkes haben sich an ihm gerächt. Auch wer gut fechten kann, wird niit einem stumpfen Schwerte der scharfen Klinge des Gegners unterliegen.— Eine Regierung, die Sklaven züchtet, kann nicht erwarten, daß aus ihnen Plötzlich Helden werden. Die Rolle des Großfürsten mag doch noch nicht ausge- spielt sein. Jedenfalls werden die Türken im Kaukasus seine Anwesenheit bald merken. Er wird Leben in die Bude bringen._ Der ruMche Generalftabsbericht. Petersburg, 9. September.(W. T. B.) Die gestrige Mitteilung des Großen General st abes besagt: An der Front R i g a— D ünaburg ist die allgemeine Lage unverändert. Ein Versuch der Deutschen am 7. September, in der Umgegend der Bahnstationen Groß-Eckau und Neugut vorzudringen, wurde zurückgewiesen. Der Kampf am Flusse Lavutz(Daudse?) dauert an. Um eine besser gedeckte Stel- lung einzunehmen, haben unsere Truppen sich ein wenig vom rechten Flußufer entfernt. In der Richtung Dünaburg nur kleine Vorpostengsfechte. Auf den Straßen von W i I n a keine wesentlichen Veränderungen. Gegen die Durchgänge zwischen den Seen, in der Gegend von Nowy Troki, welche unsere Truppen besetzt halten, richteten die Deutschen ein heftiges Geschützfeuer mit Stickgasgeschossen. Bei dem Flecken Orany machte der Feind am 7. September einige An- griffsversuche. In der Richtung G r o d n o dauern hart- näckige Angriffe der Deutschen in der Gegend der Eisenbahnen beim Bahnhof Druskeniki und bei Skidel an. In dieser letzteren Richtung warfen wir den Feind zurück, brachten ihm große Verluste bei und machten einige Dutzend Gefangene. Südlich vom N j e m e n macht der Feind in der Gegend von Wolkowysk zu beiden Seiten der nach Slonim führenden Eisenbahn außerordentlich hartnäckige Angriffe. An den Straßen von L u z k nach R o w n o keine Ver- änderung. In der Umgegend von D u b n o und Kremenec haben wir neue Stellungen am Oberlauf der Flüsse Jkwa und Goryn bezogen. In Galizien haben wir bei T a r n o v o l am 7. Septem- ber einen großen Erfolg über die Deutschen davongetragen. Nach Angaben von Gefangenen bereiteten die 3. Garde- Division und die 48. Reserve-Division der Deutschen, verstärkt durch eine österreichische Brigade und zahlreiche schwere Ar- tillerie, sich seit mehreren Tagen eifrig auf einen entscheiden- den Angriff vor, welcher auf die Nacht zum 8. September an- gesetzt war. Unsere Truppen kamen dem Feinde zuvor, er- griffen die Offensive, und nach einem harwäckigen Kampfe am Doljonka-Fluß gegen abend des 7. September wurden die Deutschen vollständig geschlagen. Am Ende des Kampfes er- öffnete der Feind jedoch nach Aussagen unserer Truppen ein Geschützfeuer von außerordentlicher Heftigkeit! nur die Mög- lichkeit, mit gleich starkem Feuer zu erwidern, verhinderte uns, den erreichten Erfolg auszubeuten. Außer ungeheuren Verlusten an Toten und Verwundeten verloren die Deutschen mehr als 309 Offiziere und 8999 Mann an Gefangenen. Außerdem nahmen wir 39 Geschütze, darunter 14 großen Ka- libers, viele Maschinengewehre, Munitionswagen und andere Kriegsbeute fort.(Schon gestern ist durch den deutschen Heeresbericht darauf hingewiesen worden, daß diese Nachricht gänzlich unzutreffend ist. Die Red.) Nach kurzer Verfolgung nahmen unsere Truppen ihre vorherigen Stellungen am Sereth wieder ein. Als der Zar Bericht von der dem Feinde beigebrachten Niederlage erhielt, befahl er, unseren tapferen Truppen seine Freude und seinen Dank für den errungenen Erfolg und die dem Feinde bei- gebrachten schweren Verluste auszusprechen. Weiter südlich in der Gegend von Trembowla warfen wir den Feind am 7. September aus einer Reihe von Dörfern und machten über 49 Offiziere und— bis jetzt— 2599 Soldaten zu Gefangenen, nebst 3 Kanonen und etwa 19 Maschinengewehren. Zwischen dein Dnjestr und dem linken Ufer des unteren Sereth gingen die Oesterreicher im Laufe des 7. September in der Gegend des Dorfes Woniatynzo zum Angriff über. Durch Flankenangriffe eines unserer Bataillone wurde die Offensive des Feindes zum Stehen gebracht. Wir nahmen den Oesterreichern 11 Ofsiziere und mehr als 1999 Mann nebst einigen Maschinengewehren ab. Das glückliche Entkommen unserer Armeen aus der schwierigen Stellung auf dem Kriegsschauplatz an der Weichsel fängt an, Ergebnisse zu zeitigen, die sich zunächst in Teilerfolgen zeigen. « Petersburg, 9. September.(23?. T. B.) Großfürst Nikolaus fft nach dem Kaukasus abgereist. « Amtlich. Berlin,?. September.(83. T. B.) Der a m t- liche russische Bericht vom 8. September über Erfolge bei Tarnopol bezieht sich auf die Ereignisse, die im deutschen Tagesbericht vom 8. September geschildert sind. Der russische Bericht ist, wie jeder Sachverständige sofort bei ge- nauercr Prüfung erkennen muh, frei zu dem durchsichtigen Zweck erfunden, die Uebcrnahmr des Oberbefehls feiten? des Zaren durch erdichtete Erfolge zu verherrlichen. Der russische Rückzug und Sie Daröanellen. Von Richard Gädke. Man wird der tatsächlichen Lage im Osten doch nicht gerecht, wenn man einfach in den Spott unserer Zeitungen einstimmt über die zahlreichen Pressestimmen des Vierverbandes, die zu sehr durch- sichtigen Zwecken in ihm den Gipfelpunlt strategischer Weisheit sehen wollen. Natürlich sind die Rusien geschlagen, zuerst zweieinhalb Monate hindurch durch Mackensens glorreiche Truppen in Galizien, dann auch wieder seit dessen Einschwenken nach Norden hin im süd- lichen Polen zwischen Weichsel, Wieprz und Bug. Ermöglicht und erleichtert wurden diese Siege durch das gleichzeitige erfolgreiche Vor- gehen von HindenburgS Heerhausen im Norden gegen die bcsestigte Narew- und Bobr-Linie. Die Siege, die bei Prasznysz am 14. Juli und bei Zielona am 15. Juli nach mehrtägigen Kämpfen errungen wurden, haben offenbar die Widerstandskraft der gegen Norden fechtenden russischen Armeen schwer erschüttert und schließ- lich endgültig gebrochen. Auch die Ereignisse in Litauen und Kurland im äußersten Norden des Kriegsschauplatzes haben Anteil an den Erfolgen in Polen. Die feindliche Heeresleitung hat dorthin gewiß nicht nur Truppen dritten Ranges entsandt, die von Petersburg und aus dem Innern des Reiches kamen. Nach dem sehr harwäckigen Widerstande, der der Armee Below entgegengesetzt wurde und noch wird, muß man vielmehr schließen, daß auch schlagkräftige Truppen von Süden her, aus der Frontlinie entnommen, auf der Bahn gegen sie herangeführt wurden. Das mußte aber in Gegenwirkung die Widerstandsfähigkeit der polnischen Front vermindern. Der allgemeine Rückzug der Heere des Zaren von Westen nach Osten ist also gewiß nicht freiwillig erfolgt, nach klugdurchdachtem Plane, um die Deutschen tiefer und tiefer nach Rußland hinein- zulocken und durch den Vormarsch selbst mehr und mehr zu schwächen: also nach Kutusows Muster, der übrigens auch nickt freiwillig handelte und die glückhaften Folgen gar nicht übersah, die ihm des französischen Imperators Ungestüm in den Schoß warf. Erst aus der Wirkung hat man dann einen tiefdurchdachten Plan des gedanken- armen Greises herausdestilliert. Also auch diesmal hat der freilich höher zu bewertende Groß- fürst seine Scharen nicht freiwillig zurückgeführt, sondern unter dem grausamen Gebot des Zwanges, den ihm das deutsche Schwert auf- erlegte. W i e der Rückzug dann aber durckgeführt wurde, das war gar nicht übel und verdient die Anerkennung auch des Gegners. Ohne daß man darum seinen Blick für die Fehler zu verschließen braucht, die auch hierbei begangen wurden. Alles Mensckenwerk ist Stückwerk, besonders wenn es in so drangvoll fürchterlicher Enge vollzogen wird, wie dort. Man muß hierbei bedenken, daß das russische Heer bereits gegen Mitte Juli einen schweren Mangel an Suballernosfiziercn hatte, der um so empfindlicher war, als er nicht durch ein tüchtiges Unter- offizierkorps ausgeglichen werden konnte. Hatte es doch schon bis zum 29. November des vergangenen Jabres nicht weniger als 9792 tote, 3S79 gefangene Offiziere als dauernden Verlust zu ver- zeichnen! dazu kamen 19 511 verwundete Offiziere, im ganzen ein Zlbgang von 82 892 Offizieren. Nun denke man an die weiteren Verluste, besonders bei den wutenden Karpathen- stürmen. Gewiß wird der gegenwärtig seit Monaten stattfindende winzig geringe Betrog an gefangenen Offizieren nicht dem wirk- lichen Verhältnis der vorhandenen Offiziere zur Mannschaft ent- sprechen. Aber auch in Nowo-Georgiewsk, wo die Offiziere doch keine Möglichkeit fanden, vor der Uebergabe aus der Festung zu entweichen, kam auf rund 89 Mann nur ein Offizier, ein Ver- hältnis, daS nun mehr als das doppelte schlechter ist als bei allen anderen Heeren. Und dabei bedarf niemand mehr als der Russe der Führung durch tüchtige, entschlossene Vorgesetzte. Die Größe unserer Siege ist wesentlich der vernichtenden Massen- Wirkung unserer schweren Artillerie zuzuschreiben, deren materielle und moralische Wirkung auf den Gegner eine entsetzliche gewesen ist. Darin stimmen alle deutschen Teilnehmer des Feldzuges, alle Kriegs- berickterstatter überein. Den Russen aber fehlte eS je länger je mehr an Geschützen und in höherem Maße noch an Munition. Die vor- handene Artillerie wurde zurückgehalten, um ihren Verlust möglichst zu vermeiden. Dem russischen Fußvolke fehlte cS also an einer Gegenwirkung gegen unser furchtbares Geschützseuer! es hat ihm aber auch an Gewehren und Schießbedarf gefehlt; seine Bataillone setzten sich zum großen Teil aus flüchtig ausgebildeten Rekruten zu- sommen, während man im Frieden drei volle Jahre für ihren Drill als notwendig ansah. Man wird zugeben muffen, daß unrer diesen Umständen der Rückzug des russischen Heeres an sich nicht leicht war. Nun ver- gegenwärtige man sich aber seine Lage während der letzten Tage des Juli. Seine Westfront war damals noch westlich der Weichsel vor Warschau und Jwangorod, sein rechter polnischer Flügel stand bei der Bobrfestung Osiowice, sein linker unmittelbar nördlich Cholm. Die Deutschen stießen umfassend vor. etwa gegen die Linie Bialystok— Vrest-Litowsk. Von der ruffiscken Mitte westlich Warschau bis dahin ist in der Luftlinie ein Weg von 199 Kilometer zurückzu- legen, von Offowice im Norden aber nur von 69, von Cholm im Süden von 195. Das deutsche Heer stand mit seinen Flügeln der russischen Nückzugslinie ganz erheblich näher als das russische Zen- trum westlich der Weichsel. Für Großfürsten Nikolaus kam es also darauf an, mit den Flügeln so lange standzuhalten, bis seine Mitte die obengenannte Linie erreicht hatte. Diese Aufgaben haben seine Truppen, wenn auch selbstredend unter sehr schweren Verlusten, gelöst. So sehr gelöst, daß in den letzten sechs Wochen die deutsche Mitte fast 399 Kilonicter, unser linker Flügel nur 60, unser rechter etwa 290 Kilometer znrückgelegt hat. Darin ist immerhin eine ganz an- erkennenswerte Leistung der feindlichen Widerstandskraft zu erblicken. Man spricht von der Auflösung des russischen Heeres, von den Zuständen hinter seiner Front. Es wird dort sicher nicht so aus- sehen wie in einer preußischen Kasernenstube vor der Besichtigung durch den Oberst. Gewiß wird der innere Halt teilweise erheblich gelitten haben. In meinem letzten Berichte habe ich dies genügend Der französische Tagesbericht. Paris, 9. September.(W. T. B.) AmtlicherKriegs- b e r i ch t von gestern nachmittag. Die Nacht war durch einige Artilleriekämpfe in Belgien nördlich Ipern, im Artois um Arras, im Gebiete von Rohe und auf den Plateaus zwischen Oise und Aisne gekennzeichnet. An mehreren Stellen der Front in der Champagne zwischen Reims und den Argonnen Kämpfe mit Bomben, Gewehrfeuer und Eingreifen der Artillerie ohne Jnfanteriegefechte. In den Argonnen heftiges Geschützfeuer im Abschnitt von La Harazee. Ziemlich lebhafte Kanonade in Nord-Woövre. Die Nacht verlief auf der übrigen Front ohne Zwischenfall. Fünf deutsche Flug- zeuge warfen vormittags Boniben auf das Plateau von Malzeville, verursachten jedoch keinen Schaden. Aus Nancy meldet man einige Opfer. Unsere Flugzeuge bewarfen bei einem gemeinsamen Unternehmen mit englischen Marine- fliegern die Flugzeugschuppen in Ostende. Eines unserer Flugzeuggcschwader belegte das Flugfeld von Saint Medard und den Bahnhof von Dieuze mit sechzig Granaten. Paris, 9. September.(W. T. B.) Amtlicher Kriegsbericht von gestern abend. Noch immer lebhafter Ar- tilleriekampf um Arras, im Rohe-Gebiet, zwischen Oise und Aisne und auf der Front in der Champagne. Im Wcstteil der Argonnen machten die Deutschen Mittwoch vormittag nach einer heftigen Beschießung unter ausgiebigem Gebrauch von Geschossen mit erstickenden Gasen einen von zwei Divi- sionen unternommenen Angriff. Sie faßten an einigenStellen in unseren vorgeschobenen Schützengräben Fuß. Infolge unseres heftigen Gegenangriffes scheiterte ihr neuer Versuch, unsere Front zu durch- brechen. Wegen des Bombardements von Nancy durch deutsche Flugzeuge belegte ein französisches Luft- geschwader die Militärgebäude von F r e s c a t y und den Bahnhof von Metz mit Bomben. Melüung öer italienischen Heeresleitung. Rom, 9. September.(23. T. 23.) Heeresbericht von gestern. Von ihren Stellungen im Hochtale der Camonica aus traf unsere Artillerie wiederholt die Mandron- schutzhütte am Eingang des Tales von Genova und Vertrieb die feindlichen Truppen, die sie besetzt hielten. Auf der Hoch- fläche nordwestlich von Arsiero bekämpft die feindliche Artillerie vergeblich unsere Stellungen am Monte Maronia, die weiter fest in unserem Besitz sind. Im Tale von Alvisio wurden die Nürnberger Hütte und die benachbarte große Baracke ans dem Südwcstabhang des Marmolata- Massivs durch unser Feuer vollkommen zerstört. Im Cadorc-Gebiet drangen unsere Truppen vor, indem sie im ganzen Bereich des Monte Croce Comelico(Kreuzberg) die Offensive ergriffen. Einige feind- liche Stellungen wurden besetzt; unser Angriff mußte jedoch angesichts der starken Verteidigungsstellungen des Feindes an Punkten, die schon von Natur furchtbar sind, eingestellt werden. Ein Geschwader feindlicher Flug- zeuge hat gestern kurz nacheinander zwei Zlngriffe auf eines unserer Flugfelder im Gebiet des unteren Jsonzo gemacht und dort 37 Bomben abgeworfen. Glücklicherweise ist keinerlei Schaden, weder an Menschen noch an Sachen, zu beklagen. Während des zweiten Angriffes stiegen unsere Flugzeuge in- mitten der platzenden Bomben kühn auf, aber das feindliche Geschwader entfernte sich schnell. Auf dem Rückwege warfen die feindlichen Flugzeuge noch Bomben auf eines unserer Truppenlager und töteten drei Soldaten. C a d o r n a. von öer Daröanellenfront. Koiistantinopel, 9. September.(W. T. B.) DaS Haupt- quartier teilt mit: Im Abschnitt von Anaforta sind, wie sich feststellen ließ, am 3. September durch die Wirkung unseres gegen die feindlichen Stellungen südlich von Azmakdere gerichteten hervorgehoben. Zlber in unserem eigenen Interesse werden wir uns auch hier vor Uebertreibungen hüten müssen. Gerade auf dem ent- scheidenden rechten Flügel, in Kürland und am Njemen, leisten sie uns sortdauernd einen sehr tätigen, auch von einzelnen Erfolgen begleiteten Widerstand. Das Eingreifen des neuen Oberkomman- dierenden der Nordfront, des Generals Rußki, scheint sich hier in den letzten zehn Tagen deutlich bemerkbar gemacht zu haben. Weder Wilna noch Riga waren am 6. September von uns besetzt, und von Dünaburg waren wir noch 80 Kilometer entfernt. Auch im Südosten führen die Russen ihre Verteidigung noch immer sehr aktiv, der russische Bär macht immer von neuem Front und schlägt mit seinen Pranken auf den verfolgenden Gegner ein. Daß also der russische Feldzug schon jetzt ein abschließendes Er- gebnis gehabt hätte, darf niemand sagen, der sich nicht selbst täuschen will. Das Heer hat sicherlich beispiellose Verluste erlitten, es hat an Wert eingebüßt und ist zu angriffsweiser Umkehr � bei weitem nicht bcflihigt. Seine Widerstandskrafl ist aber andererseits noch nicht endgültig gebrochen und, wie es scheint, die Widerstands- kraft der Regierung und der herrschenden Stände ebenso wenig. Wir dürfen uns darüber nicht täuschen, daß rein militärisch Rußland noch nicht anS Ende seiner Kräfte gelangt ist. Nun scheint ihm aber die Zufubr an Schießbedars und auch an Geschützen durch Japan bei weitem nicht zu genügen, und Wirtschaft- lich wiederum scheint die Möglichkeit, seinen Ueberfiuß an Getreide ausführen zu können für seinen weiteren Widerstand vielleicht nicht die entscheidende aber jedenfalls eine sehr große Bedeutung zu bc- sitzen. Kein Zweifel, daß es darum auf die Oeffimng der Dardanellen und den Fall Konstantinopels ein zunehmendes Gewicht legt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß wir neuen, gewaltigen Anstrengungen des Vierverbandes in dieser Richtung entgegenzusehen haben. Ohne den Einsatz großer neuer Streitkräfte würde England in kurzer Frist vor der Liquidation deS verlustreichen, abenteuerlich begonnenen Unter- nehmenS stehen und damit eine große Einbuße an moralischem Ansehen in der ganzen Welt erleiden. Es könnte sogar der Anfang vom Ende sein. Diese Erwögung, noch mehr vielleicht als die russischenWünsche, werden eS bestimmen, neue Streitgenossen gegen Konstaiitinopel zu luchcn. Glaubt eS doch hier den schwachen Punkt der Zentralmnchte gefunden zu haben, von wo aus es ihre weit überragende militärische Stellung aus den Angeln heben könnte. Mit unter diesem Gesichtspunkt- werden wir die verhältnismäßige Ruhe auf dem westlichen und aus dem südwestlichen Kriegsschauplatze zu betrachten haben. Es scheint nicht als ob England den in Frankreich sich fühlbar machenden Mangel an Neubildungen durch Abicndung eigener Verstärkungen abhelfen wolle. Daruni wohl denkt Joffre in absehbarer Zeit nicht an eine große Offensive, durch die er die Entscheidung des Krieges herbeiführen könnte. Er weiß aus den dreimaligen Erfahrungen de? Frühjahres genau, daß sie ohne gewaltige Zahlenüberlegen- heit keine Aussicht auf Ertolg bietet. Aber auch die Lage der Dinge in Oberitalien ist militärisch nur zu verstehen, wenn man annimmt, daß Italien seine Reserven anderswo einsetzen will oder vielleicht anderswo einsetzen soll als an seiner Nordostgrenze. Wir werden daher die Entwicklung der Dinge an den Dardanellen im Auge behalten müffen. Artilleriefeuers Explosionen von Munition und Granaten in den feindlichen Schützengräben verursacht worden. Bei Ariburun schleuderte der Feind Bomben mit giftigen Gosen gegen unseren linken Flügel, konnte jedoch keine Wirkung erzielen. Bei S e d d u l Bahr gab es nur schwaches gegenseitige? Feuer. An den anderen Fronten keine Veränderung. vom v-Sootkrieg. London, g. September. sW. T. B.) Der Dampfer „Dictator* der Harrison-Linie aus Liverpool ist versenkt worden. Die Besatzung von 42 Mann wurde gerettet. Brest, 9. September.(W. T. B.) Meldung der Agence Havas. 18 Mann vom Dampfer.Guatemala"(5913 Tonnen groh) sind auf hoher See von dem englischen Dampfer„Argo* ausgenommen und in Brest gelandet worden. Sie erklämn, dah, als ihr Schiff sich gestern morgen auf der Höhe von Belle Jsle befand, ein deutsches Unterseeboot aufgetaucht sei und 8 Granaten abgeschossen habe, wovon eine die„Guatemala" traf. Auf Befehl des Unterseebootes bestieg die Besatzung die Boote, das Schiff wurde torpediert. Wie weiter gemeldet wird, ist der Rest der Besatzung von dem Dampfer„Jceland" aufgenommen und in Saint Nazaire gelandet worden. Bordeaux, 9. September.(W. T. B.) Meldung der Agence Havas. Der Dampfer„Bordeaux" hatte S a f f i am 2. Sep- tcinber morgens verlassen und befand sich am 7. September um 5 Uhr morgens zwölf Meilen vom Kap Coubre, als ein Kanonenschutz auf ihn abgefeuert wurde. Der Kapitän befahl, mit Volldampf weiter- zufahren, aber das Unterseeboot setzte das Feuer fort, wobei der Dampfer von drei Granaten getroffen wurde. Das Unterseeboot manövrierte, um das Schiff von der Seite zu fassen und eine Granate drang unter der Wafferlinie ein. Der Dampfer„Bordeaux" begann sich nach Steuerbord zu neigen. Ter Kapitän Uetz jetzt drei Rettungsboote zu Wasser. worin die Besatzung Platz nahm. Das Unterseeboot näherte sich und stellte sich quer vor den Dampfer, den es dann torpedierte. Das Schiff legte sich nach Backbord über und ging unter, da es ein ungeheueres Leck erhalten hatte. DaS Unterseeboot blieb an der Stelle, bis der Dampfer„Bordeaux" untergegangen war, und ver- schwand sodann nach Norden. Das Unterseeboot hatte keine Flagge gesetzt, war grau angestrichen und hatte weder ein Abzeichen noch eine Nummer. Die Besatzung des Dampfers, die die grötzte Kalt- blütigkeit gezeigt hatte, wurde von einem Loffendampfer aufgenommen und in Royan gelandet. Wen vertritt üer Londoner �Econotnift"'! Seit einiger Zeit beschäftigen sich gewisse bürgerliche Blätter von der Farbe Oertel-Reventlow und Georg Bernhard in eigen« artiger Weise mit dem Londoner„Economisi". Aeutzerungen dieses Blattes über Friedenstendenzen werden in einer Weise als Aeutze- rungen der Londoner City oder gar Einbläsereien der englischen Re- gierung ausgelegt, die ihnen einen ganz falschen Sinn und Zweck unterstellt und nur geeignet ist, das deutsche Publikum irrezuführen. Es erscheint daher am Platze, dieser Sache einige Worte zu widnien. Da ist nun zuerst festzustellen, dah der„Economist", eine der ältesten Wochenschriften Englands, weder ein Organ der englischen Regierung noch Mundstück der Londoner Citykaufmannschaft ist. Er ist eine durchaus unabhängige wirtschaftspolitische Wochenschrift, die, tvenn man von Dienst reden will, im- Dienste einer Idee oder Theorie redigiert wird, und zwar der F r e i h a n d e l s i d e e, wie sie von ihren berühmten Börkämpfern Brlght und Cobden ver« fochten wurde, denen der Freihandel ebenso sehr Theorie der politischen Völkerbeziehungen wie Doktrin einer bestimmten Handelspolitik war. Entsprechend dieser Lehre ist der Redakteur des „Economist", Fred W. H irst, ausgesprochener P a z i f i st. Er hat vor dem Kriege in der schärfften Weise alle Matznahmen der eng- tischen Regierung bekämpft, die nach seiner Auffassung dem Frieden abträglich waren, und ist während des Krieges darauf bedacht, ein möglichst objektives Urteil sich zu bewahren und in seinem Leserkreis Silin und Verständnis für die Bedingungen eines vernünftigen Friedens rege zu halten. Da in England, wie ja anderwärts auch, lveite Kreise der Geschäftswelt Interesse am Frieden haben, kann man sicher sein, dah Friedensartikel des„Economist" stets auch ein Echo bei einem mehr oder minder grotzen Teile der Citykaufmann- 'chaft finden. Es heitzt aber die Dinge auf den Kopf stellen, wenn man den„Economist" die Rolle einer Wetterfahne der City spielen lätzt. Diese Aufgabe erfüllen ganz andere Blätter. Gerade der „Economist" hat vielmehr mit den matzgebenden Wortführern der Londoner City öfter im Kampfe gelegen, als er sie auf seiner Seite hatte. Er gehört zu den charakterfestesten Zeitschriften Englands. Man darf daher auch nicht die Mitteilungen des„Economist" über Friedensmöglichkeilen als Ausflutz des BewutztseinS von einer drohenden Besiegung Englands ansehen. Das sind sie so wenig. wie etwa Friedensartikel in den Spalten des„Vorwärts" Ausdruck eines ähnlichen Empfindens auf deutscher Seite sein würden. Größere Nachgiebigkeit öer Verbanüs- mächte in der Zrieüensfrage. „Nya Tagligt Allehanda, Stockhalm, vom 2. 9. enthält folgende Betrachtungen: Es scheint, als ob der Vierverband anfängt, die heilsame Tugend der Anspruchslosigkeit zu lernen. Verschiedene Anzeichen �deuten darauf hin, datz man durch Herabsetzen der früheren Forderungen dem Frieden nähergekommen ist. Von Italien liegt allerdings eine solche Aeutzerung nicht vor; aber Italien wird sich wohl schlietzlich mit der Behandlung be- onügen müssen, die ihm die Mittelmächte angedeihen lassen, und seine Verbündeten dürften kaum zu Opfern bereit sein für den „Mohren, der seine Schuldigkeit getan hat". Ein russischer Minister hat einem Hamburger Blatt gegen- über erklärt, datz das Zarenreich eigentlich nur noch ein einziges Kriegsziel hat, nämlich Konstantinopel und die Dardanellen. Der Wunsch nach Ostpreußen ist ihm nach Tannenberg, der Appetit auf Galizien im Mai vergangen.?lun bleiben nur noch die Dardanellen. Von einem Zermalmen Oesterreichs ist keine Rede mehr. Tie französische Regierung erklärte jüngst in der Kammer, daß sie unerschütierlich an der Wiederherstellung Belgiens und der Wiedergewinnung Elsotz-Lothringens als KriegSziel festhalte. Früher wollte man Teutschland in Stücke schlagen und es gleich- sam vom Erdboden verschwinden lassen. Jetzt hört man kein Wort mehr vom linken Rhcinnfer, oder von einer Entschädigung Bel- gien» durch Deutschland. Was England betrifft, so ist vielleicht nicht genug beachtet worden, eine wie starke Herabsetzung des Kricgszicles in Grehs Brief an die Zeitungen lag.„Teutschland kämpft um die Ober- Herrschaft und um einen Tribut. Wenn dem so ist, und so lange es so ist, kämpfen unsere Verbündeten und wir." Hinter dem Trotz, der in diesen Worten liegt, kann man das Zugeständnis Großbritanniens lesen, datz es nur noch negative Kriegszicle hat, und daß man es zur Abwehr gezwungen hat. England will nichts mehr gewinnen, sondern nur hindern, daß die Deutschen etwas gewinnen. Der britische Minister wiederholt nicht den Gedanken, daß Deutschland zum Range einer kleinen Macht' herabsinken soll. Er begnügt sich mit dem berühmten xrstus quo ante. l Aus alledem geht hervor, datz die VerbandSmöchte anfangen, mit sich reden zu lassen. Im Zusammenhang damit kann man sich erinnern, datz„Economist" dieser Tage die Theorie des Gleich- gewichts der Mächte verfochten hat. Ein Niederwerfen Deutsch- lauds und einer Zerstückelung Oesterreichs kann von niemand, der englische Politik versteht, als eine Politik der Beibehaltung des Gleichgewichts angesehen werden.„Economist" schließt, daß der Frieden nicht so entfernt oder unerreichbar ist, wie viele glauben. Bulgarien unö äie Türkei. Sofia, 9. September.(W. T. 33.) Nach Meldungen hiesiger Blätter hat sich der Ministerpräsident Radoslatvow einer Abordnung von Sobranjemitgliedern gegenüber dahin ge- äußert, daß die Beziehungen Bulgariens zur Türkei ausgezeichnet seien. Bulgarien sei faktisch bereits im Besitze der Bahnlinie nach Dedeagatsch. Die türkisch-bulgarische Grenze verlaufe entlang dem Tundschaflusse bis Karagatsch, welches 33ulgarlen zufalle, dann Die neue türkisch- bulgarische ßrgrze. bis Soflu, zwei Kilometer östlich der Maritza, von Soflu bis Enos am linken Maritzaufer. Tie Stellung des Ministeriums sei sehr fest. Es rechne auf die Vaterlandsliebe seiner poli- tischen Gegner, namentlich der Bauernbündler, und beabsich- tige nicht, die Sobranjc aufzulösen. Radoslawow glaube nicht an ein gemeinsames Vorgehen Serbiens, Rumäniens und Griechenlands gegen Bulgarien. Falls Bulgarien kämpfen müsse, werde es dies nur auf einer Front zu tun brauchen. von den englischen National-Sozialisten. London, 9. September.(W. T. 83.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die Versammlung des sozialistisch- nationalen Ver- teidigungskomileeS in Bristol nahm eine Entschlietzung an, worin die unloyalen Umtriebe der kleinen, nicht repräsentaliven Gruppe pazifistischer Fanatiker verurteilt und alle Friedensvorschläge zurück- gewiesen werden, durch die nicht die Freiheit Belgiens, Nordfrantreichs, Elsatz-LothringenS und Polens hergestellt wird. Das Mitglied des Unrerhauses, Hodge, das den Vorsitz führte, sagte, Ramsay Macdonald habe erklärt, datz trotz alles Geschehenen eine Abordnung zur interualsonalen sozio- listischen Konferenz nach dem Kontinent entsendet werden sollte. Seiner Ansicht nach sollten die Gewerkschaften derartige Mitglieder aus der Arbeiterpartei ausschlietzen. der englische Gewerkschaftskongreß. London, 9. September.(W. T. B.) Dn! gestrige Debatte im Gewerkschaftskongreß in Bristol über' die'Wehr- Pflicht dauerte anderthalb Stunden. Die Redner sprachen. sich ein- stimmig gegen die Wehrpflicht aus. Die Debatte richtete sich namentlich gegen die Pretzkampagne. Der Präsident S e d d o n sagte, man solle die Nation nicht in einen grotzen Konflikt treiben, der in einem Augenblick, wo die nationale Einheit wesentlich sei, das Volk spalten würde. Der Delegierte Shaw erklärte, die Northcliffepresse beschmutze das eigene Nest, dergleichen wäre in Deutschland unverständlich. Jeder Deutsche, ob Konservativer oder Sozialdemokrat, spräche von Deutschland als einem Lande, das an der Spitze der Nationen marschiere. Ein Redner sagte, auch wenn die Regierung die Wehrpflicht einführen wollle, wäre es Pflicht der Arbeiter, ihre organisierte Kraft und ihren Einfluß dagegen ein- zusetzen. Eine Resolution, die sich für das freiwillige System und gegen die Pretzagitation für die Wehr- Pflicht erklärte, wurde ein st immig angenommen. Die Resolution wurde sofort Asquilh, Lloyd George und Kitchener tele- graphisch mitgeteilt. Ein Zusatzantrag, der die Einberufung eines neuen Kongresses vorschlug, falls die Regurung die Wehrpflicht einführen wollte, kam nicht zur Abstimmung. -i- London, 9. September.(W. T. B.) Die liberalen Blätter begrüßen die Resolution des Gewerkschaftskon- g r e s s e S gegen die Wehrpflicht.„Daily New?" schreibt: Die gestrige Debatte bewies, datz die Haltung der grotzen Masse der britischen Arbeiter eine entschiedene Opposition gegen den Staats- zwang bedeutet, soweit er den Militärdienst betrifft. Auf der anderen Seite bezeichnet„Daily Telegraph" den Entschluß des Kon- gresseS als bedauerlich. Die„Times" will aus der Debatte ent- nehmen, datz die Arbeiter die Entscheidung der Regierung abwarten und auf sie hören werden, wenn sie die Wehrpflicht für notwendig erklärt.„Daily Mail" meint, die Resolution sei nicht das letzte Wort der Arbeiterklasse. ch London, 9. September.(W. T. B.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Der Gewerkschaftskongreß in Bristol hat mit 899 gegen 7 Stimmen eine Resolution angenommen, in der er sich verpflichtet, die Regierung soviel wie möglich zu unterstützen, um den Krieg mit Erfolg fortsetzen zu können. Das Mitglied des Unterhauses Seddon erklärte, der Krieg sei gerecht- fertigt, wenn auch nur zehn Prozent der Berichte über die Unmensch- lichkeit, Raubsucht und Zerstörungswut der Deutschen wahr seien. Kapitalistisch sei der Krieg nicht. Freiwillige Werbung oüer Zwang? Loudoo, 9. September.(W. T. B.) Der parlamentarische Mitarbeiter der„D a i l y N e w s" berichtet: Der Ausschuß des K a b i n e t t s, der über die Heeresverstärkung beriet, hat seinen Bericht fertiggestellt und schlägt darin vor, die Ergänzung der einzelnen Bataillone bezirksweise durch freiwillige Anwerbung durchzuführen und, wenn diese erfolglos bleibe, die notwendige Zahl aus dem be- treffenden Bezirk zwangsweise auszuheben. Die Mehr- heit des Ausschusses— Curzon, Chamberlain, Churchill— ist für diesen Plan, die Minderheit— Erewe und Henderson— gegen diese Form der Wehrpflicht. Der Mitarbeiter des Blattes glaubt, daß das Kabinett den Vorschlag ablehnen wird und bezeichnet Balfour und Lansdowne als Gegner der Wehrpflicht. Neue �rbeiterftreiks in England. London, 9. September.(W. T. B.) Unter den Bergleuten von Südwales herrscht abermals Unruhe. 2599 Mann haben wegen Einstellung nicht organisierter Arbeiter die Arbeit niedergelegt. London, 9. September.Paiil Singer 5: Co., Berlin SW. Hierzu 1 Beilage u. UnterhaltungsvL Hr. 250. 32. Jahrgang. SkilM des Lmiills" Kerlim WldsM Freitag. 10. Zeptember 1915. politische Ueberflcht. Ein unhaltbarer Zustand. Unter diesem Titel schreibt das„Berliner Tage- b l a t t": „Wie man weiß, ist den Zeitungen jegliche Erörterung der „Kiegsziele", das heißt der zukünstigen Friedensbedin- gungen, untersagt. Obwohl in den Debatten des Reichs- tags und in den Kommissionsberatungen sehr viel von diesen und anderen Verfügungen gesprochen wurde, und obgleich die Vertreter der Regierung wiederholt eine milde Handhabung des ganzen Zensurwesens in Aussicht stellten, sind die Bestim- mungen immer wieder verschärft worden. Man braucht nicht zu betonen, wie sehr die redaktionelle Arbeit erschwert wird, aber wir sind selbst dafür eingetreten, daß bis auf weiteres eine öffentliche Aussprache über die einzelnen Kriegs- zielwünsche unterbleibe, und wenn noch weitergehende Maß- regeln für nötig gehalten werden, so muß man sich ihnen eben fügen. Ein unhaltbarer Zustand tritt indessen dadurch ein, daß Zeitungen und Kreise, die in diesen Fragen eine ganz bestimmte Richtung vertreten, nach wie vor ihre Wünsche und„Ziele" ohne die mindeste Zurückhaltung an die Oeffentlichkeit bringen, mit aller Ausführlichkeit unbekümmert die Einzelheiten ihres Programms darlegen und in drängendem Ton die Verwirklichung fordern. Da wir nicht im geringsten gegen die doch nun einmal ergangenen Vorschriften verstoßen wollen, so versagen wir es uns, auch nur andeutungsweise den Inhalt von Artikeln zu berühren, die gerade jetzt wieder veröffentlicht worden sind, aber wir gestatten uns, zu be- merken, daß sich mehr als bercchligtc Verstimmungen ergeben müssen, wenn die Vertreter einer bestiminten Auschauung glauben, erlassene Verbote hätten nicht für sie, sondern nur für die anderen eine zwingende Gültigkeit." Wir können der Beschwerde des„Berliner Tageblattes" nur zustimmen und sind in der Lage, für seine letzten Schluß- solgerungen in erdrückender Fülle Material beizubringen. Beschlüsse des Bundesrats. Berlin, S. September. In der Sitzung deS Bundesrats am Donnerstag gelangten zur Annahme der Entwurf einer Bekanntmachung über den Verkehr mit Margarine; der Entwurf einer Bekanntmachung wegen Aenderung der Bekannt- machung über die Sicherung der Ackerbe st eilung vom 31. März 1915; der Entwurf einer Bekanntmachung zur Aenderung der Verordnung über die Regelung des Verkehrs mit Hafer und der Entwurf einer Bekanntmachung znr Entlastung der Gerichte. Amtlich. Berlin, 9. September.(25. T. 23.) Der Bundesrat bat in seiner beutigen Sitzung beschlossen, dem§ 19 Abs. 2 der Verordnung über die Regelung des Verkehrs mit Hafer vom 28. Juni 1915 folgende Fassung zu geben:„Jedoch dürfen die Kommunalverbände von den zu diesem Ausgleich bestimmten Men- gen in besonderen Fällen unter entsprechender Kürzung der auf Einhufer oder Zuchtbullen entfallenden Mengen auch an Besitzer von anderen Spann- und Zuchttieren Hafer abgeben und einzelnen Einhufern oder Zuchtbullen größere Mengen Haser zuweisen,"— Ferner hat der Bundesrat gemäß Z'9"Absatz 2a und§ 19 Absatz 2a der Verordnung- über die Regelung des Verkehrs' mit Hafer vom 28. Juni 1915 für die Halter von Zuchtbullen folgen- des bestimmt: 1. zu§ 6 Absatz 2a: Halter von Zuchtbullen dürfen durchschnittlich für den Tag und Bullen 14 Kilogramm Hafer verfüttern; 2. zu§ 10 Absatz 2a; Bei der Enteignung sind jedem Be- sitzer für jeden Zuchtbullen 185 Kilogramm Hafer zu belassen. Tie Gültigkeit der Bekanntmachung über die Sicherung der Ackerbestellung vom 31. März 1915 ist um ein weiteres Jahr, und zwar bis zum Ende des Jahres 1918 verlängert. Die Bereinigten Staaten und die deutsch-österreichische Borzugsbehandlung. Die Diskussion über die künftige Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands zu Oesterreich-Ungarn, im besonderen über die gegenseitige Gewährung einer zollpolitischen Borzugs behandlung pflegt zu übersehen, daß nicht nur die augenblicklichen Feinde Deutschlands durch Zollerhöhungen und andere Hochschutz- zvllnerische Maßnahmen zur Gegenwehr rüsten werden, sondern daß auch die Vereinigten Staaten sich in der Reziprozitäts- klausel ein eigenes Instrument zur Abwehr einer für sie ungünstigen Zolldifferenzierung geschaffen haben. In diesem Falle führen' sie einen Höchstzolltarif ein. Der entsprechende Abschnitt in der um- fänglichen und schwer lesbaren Reziprozitätsklausel lautet: „Soweit nicht in diesem Slbschnitt eine Sonderbestimmung getroffen ist, sollen vom 31. März 1919 an auf alle Artikel, die von irgendeinem auswärtigen Lande in die Vereinigten Staaten ein- geführt werden, die Zollsätze erhoben, eingezogen und bezahlt werden, die in den Verzeichnissen und Tarifen der Zolliste, Abschn. 1 dieses Gesetzes, vorgeschrieben sind, und außerdem 25 Prozent vom Werte; welche Sätze zusammen den Maximaltarif der Vereinigten Staaten darstellen sollen. Jedoch mit folgendem Vor- behalte: Wenn die Regierung eines auswärtigen Staates auf Ackerbau-, Fabrikations- ober andere Produkte der Vereinigten Staaten, die in ihr Land eingeführt oder verlauft werden, keinerlei Be- stimmungen oder Einschränkungen legt, die als ungebührliche Differenzierung zuungunsten der Vereinigten Staaten oder ihrer Erzengnisse zu gelten hätten— weder durch Tarifsätze noch durch Ver« sügungen, durch Handels- oder andere Reglements, durch Gebühren, Eintreibungen oder in irgendwelcher anderer Weise, weder direkt noch indirekt; und wenn sobenanntes auswärtiges Land auf die Ausfuhr irgend eines Artikels nach den Vereinigten Staaten keinerlei Exportbonifikation oder Exportzoll oder-verbot legt. da« als ungebührliche Differenzierung zuungunsten der Vereinigten Staaten oder ihrer Erzeugnisse zu gelten hätte; und wenn so benanntes auswärtiges Land im allgemeinen den Ackerbau-, Fabrikations- oder anderen Erzeugnissen der Vereinigten Staaten eine Behandlung auf dem Fuße gleichwertiger Gegenseitigkeit angedeihen läßt, dann sollen, wenn und so lange darüber dem Präsidenten im Hinblick auf den Charakter der Zugeständnisse, die durch den Minimaltarif der Vereinigten Staaten gewährt werden, genügender Beweis erbracht i st. auf be- zllgliche Bekanntmachung des Präsidenten der Vereinigten Staaten alle Artikel, die von einem solchen auswärtigen Lande in die Ver- einigten Staaten eingeführt werden, zu den Sätzen des M i n i m a l- t a r i f e s der Vereinigten Staaten zugelassen werden, ausgenommen soweit hierin andere Bestimmung getroffen ist." Landrat und Höchstpreise. Der Landrat des Kreises Oldenburg in Holstein, Herr Springer in Cismar, veröffentlicht im Kreisblatt für"den Kreis Oldenburg folgende Bekanntmachung: Cismar, den 27. August 1915. Die Gerste bauenden Landwirte mache ich darauf aufmerksam, daß eS sich empfiehlt, zunächst ihre Gersie festzuhalten, da in der nächsten Zeit von der Zentraleinkaufsstelle für Braugerste voraus- fichtlich Preise gezahlt werden, die den Höchstpreis erheblich über- schreiten. Der Vorfitzende des KreisausschufseS, Tageb. No. 7399 Springer. Auf der ersten Seite derselben Nuinmer des Kreisblattes gibt Herr Landrat Springer die Ausführungsanweisung zu der Verordnung des Bundesrates gegen übermüßige Preissteigerung bekannt. Wenn die Reichsregierung überall solche Organe zur Durchführung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Schutzmaßnahmen hätte, könnte sie sich ihre Verordnungen wirklich sparen._ Höchstpreise für Jndustriegerste. Das wucherische Treiben der Gersteproduzenten, das direkt unter die Wucherverordnung des Bundesrats fällt und deshalb die Gerichte zum Einschreiten veranlassen müßte, soll nach einer Meldung des„Berl. Tagebl." die maßgebenden Instanzen bewogen haben, die Festsetzung von Höchstpreisen in Erwägung zu ziehen. Hoffent- lich führen diese Erwägungen bald zum Ziel. Der Höchstpreis für enteignete Gerste mit 399 M. ist schon abnorm hoch, darüber hin- auszugehen liegt nicht der mindeste Anlaß vor. Die Vertretungen der Landwirte wollen aber einen Preis von 799 bis 899 M. er- zielen! Schon bei einen, Preise von 399 M. machen die Landwirte ein glänzendes Geschäft._ Zur diesjährigen Kartoffelernte liegen aus den letzten Tagen sehr beachtenswerte Feststellungen vor. die erkennen lassen, daß die Kartoffelernte diesmal für weite Teile des Reichs geradezu Rekordzahlen erwarten läßt. So ist von einem beamtelen Landwirr(laut„Münster Anzeiger") im Stadt- und Land- kreis Münster festgestellt worden, daß dort der Morgen im Durch- schnittl35� Zentner bester Speisekartofseln ergibt. In derselben Gegend war der Durchschnittscrtraz 19 13 79�2 Zentner, 1914 87 Zentner pro Morgen. Bisher sind die Verluste durch Krankheit sehr gering. Es muß an diesen Feststellungen etwas Wahres sein, denn die Preise gehen in einigen nordwestdeutschen Gemeinden trotz der Ver- suche, sie zu halten, schon auf 3 M. herunter. Unter diesen Um- ständen wäre es natürlich verfehlt, wenn die Gemeinden sich jetzt schon hinsichtlich der Kartoffelversorgnng festlegen wollen. Es kann doch erwartet werden, daß das Reich Maßregeln einleitet, die unter allen Umständen Uebervorteilungen der Verbraucher wie der Ge- meinden ausschließen._ Das kommnnalc Zigarettenmonopol. Die„Tägliche Rundschau" schreibt: Ueber ein Reichszigaretten-Monopol sind vor kurzem hier und da nähere Angaben, die aus parlamentarischen Kreisen stammen sollen, gemacht worden. Danach würde man etwa 15 Grotzfirmen init ungefähr je fünf verschiedenen Marken selbständig bestehen lassen..Tie gesamte Erzeugung dieser Firmen würde an die Re- gierung abzugeben sein, und die Regierung würde die Zigaretten an die zu errichtenden Niederlagen leiten, von denen dann der Klein- bandel seinen Zigarettenbedarf zu beziehen hätte. Dazu können wir folgendes mitteilen: Mit einem Reichszigaretten- Monopol ist nach dem Kriege zu rechnen. Darüber aber, wie dieses Monopol beschaffen sein wird, ist bisher nicht ein- mal beraten, geschweige denn entschieden worden. Das im bis- herigen Russisch-Polen eingeführte Zigarettenmonopol ist ein Handels- Monopol, bei dem Deutschland und Oesterreich in freien Wettbewerb miteinander treten. Jene Angaben geben von der Voraussetzung aus, daß auch das im Deutschen Reich einzuführende Zigaretten- Monopol ein Handelsmonopol sein werde. Einstweilen ist aber die Voraussetzung nicht gegeben._ Fort mit der Sentimentalität. Die„Trierische L and es z e i tun g", das Zentrums- b l a t t der Mosel- und Eiselgegend, beschäftigt sich in ihrer Nr. 236 mit der„prachtvollen Reichstagsrede" des Reichskanzlers vom 19. August. Sie meint, daß kein Wort darin so allgemeiner Zu- slimmung sicher sein werde, wie die Versicherung:„Wir haben die Sentimentalität verlernt". Im Privatleben möge eine gute Menge Sentimentalität hingehen, in der Politik sei sie nicht am Platze. DoS Blatt versucht dann nachzuweisen, was die Deutschen durch ihre„Senti- Mentalität" alles versäumt und verdorben haben; es weist als Vorbild auf Bismarck hin. der„keine sentimentale Faser" in sich gehabt und gerade deshalb in der äußeren Politil Deutschland „kräftig in die Höhe gebracht" habe. Jetzt habe Bethmann Hollweg „das erlösende Wort gesprochen und damit zugegeben, daß auch unsere Politiker und Diplomaten allzusehr von deutscher Senti- Mentalität angekränkelt waren." Das Blatt will an das Wort des Reichskanzlers, doS wie eine frohe Botschaft„an'S Ohr klinge", glauben und weiter schreibt es: „Wir hoffen, daß dem Worte die Taten folgen, wir hoffen, daß auch der behäbige, friedliebende Bürger unnütze Sen- timentalilät von sich wirst. Wir waren ja wieder auf dem besten Wege, in unklaren Gefühlsüberschwang zu ver- fallen.... Es gab unter uns Leute, die sich über den Unter- seebootkrieg entsetzten, die über die Anwendung von Gasbomben den Kopf schüttelten. Emsig forschten sie nach, ob es nicht irgendwo in verstaubten Alien einen Paragraphen gäbe, der diese Art der Kriegführung untersage. Als öb unsere Gegner sich jemals um so feinfühlige Untersuchungen gekümmert hätten I Mit der Faust, mit dem Schwerte, nicht mit dem Paragraphen wird in diesem Weltkrieg gefochten." ES stimmt nicht ganz, daß dieser Weltkrieg nur mit der Faust und mit dem Schwerte ausgefochten wird, die KampfeSmittel dieses Krieges sind ganz anderer Art. Im übrigen hat das Blatt recht: Es gibt allerdings„sentimentale" Seelen, die sich über die in diesem Kriege angewandten KampfeSmittel zu entsetzen vermögen. Einer von diesen Leuten urteilte über diesen Krieg wie folgt: „Ein Bild, wie es schrecklicher und trauriger seit Menschengedenken wodl nie geschaut wird.... Die größten und blühendsten Völker haben zum Schwert gegriffen.... Ueber- allTodund Zerstörung. Täglich wird die Erde aufs neue mit Blut getränkt und bedeckt mit den Leibern der Toten und Verwundeten. Der„sentimentale" Mann, der das schrieb, ist Papst Benedikt XV.. das gegenwärtige Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche(Enzh- klika vom 1. November 1914). Und von derselben Stelle erhob der Papst die Stimme für ein baldiges Ende dieses unheilvollen Krieges zu Gott, in dessen Hand die Herzen der Fürsten und aller seiner Männer ruhen,„in deren Macht es liegt, dem beklagten Greuel und Elend ein Ende zu machen". In seinem letzten Friedensaufruf vom 28. Juli nannte der Papst diesen Krieg„eine Geißel der Menschheit" und er beschwor wiederum diejenigen,„welche die göttliche Vorsehung zur Regie- rung der kriegführenden Nationen berief, endlich die schreckliche nunmehr ein Jahr lang Europa entehrende Metzelei zu beendigen." Rechnet die„Trierische Landeszeitung" auch den gegenwärtigen Papst zu den Leuten, die„allzusehr von Sentimentalität angekränkelt" find?_ s Zinkwerk in der Primorskaja Olastj konnte seine Vorräte nicht an Ort und Stelle verarbeiten, sondern schickte sie nach Europa. So wird die Zinkfrage für uns und unsere Verbündeten sehr ernst. Besitzen wir Vorräte an eingeführtem Zink? Sind sie nicht am Ende in den vom Feinde besetzten Gebieten verloren gegangen? Auf diese Fragen gibt es keine Zlntwort, doch kann die Zinkförderung ver- größcrt werden. Unsere schlecht erforschten Blei gruben im Kaukasus, in Sibirien, hauptsächlich in Transbaikalien und in Turkestan sind ganz geringfügig ausgenutzt worden und fordern energische Bearbeitung. Was in dieser Beziehung während des Krieges getan worden ist, ist ganz geringfügig im Vergleich zu dem, was getan werden muß. Unsere Antimon gruben im Ural, Kaukasus und TranSbaikalien verdienen Beachtung, werden aber sehr ungenügend bearbeitet. Die russischen Zinn gruben in Transbaikalien werden überhaupt nicht bearbeitet, doch wissen wir, daß solche in Transbaikalien und im Gouvernement JennisseiSk noch zu finden sind. Für Aluminium, Kupfer und Blei sind wir nach dem Ausfuhrverbot aus England auf die Vereinigten Staaten angewiesen, allein die Hoffnung hierauf ist bei der Be- schaffcnheit unserer Seewege keine sehr sichere. Daher müssen wir unsere Ausbeute verstärken, stoßen aber hier auf unsere Unkennt- nis. lim sie zu überwinden, brauchen wir Zeit, Geld und wissen- schaftliche Kräfte. Früher hatten wir Zeit und wissenschaftliche Kräfte, aber keine Mittel; dafür müssen wir jetzt schwer büßen. Wie schwer es ist, solche Mittel zu erhalten, weiß jeder, der sich mit der naturgeschichtlichen Erforschung Rußlands befaßt hat. Hat doch die Zlkademie der Wissenschaften, die 1910 um Mittel zur Erforschung radioaktiver Mineralien in Siußland bat, diese erst 1914 nach viermaligem Gesuch in genügender Höhe erhalten! Und wurden doch die 5000 Rubel, die die Akademie zu den vorläufigen Arbeiten zur Auffindung von W i S m u t gruben erbat, nicht be- willigt! Jetzt hat Rußland wissenschaftliche Kräfte, und es werden sich auch die nötigen Mittel finden, aber die Zeit fehlt. Die uns doch noch geblieben ist, muß sofort und energisch genutzt werden. ' Barleistungen der Wochenhilse, weil der Ehemann ohne Anspruch auf Barleistungen versichert gewesen sei. DaS Versicherungsamt wies die Kasse zur Zahlung der Wochenhilfe an. Gegen diesen Bescbeid wurde daS Oberversicherungsamt angerufen. Dieses gab auf Antrag der Frau die Sache an das Reichsversicherungsamt zur grundsätzlichen Entscheidung weiter. Das Neichsversichcrungsamt entschied in der Sitzung vom 28. Juni 1915 zunächst dahin, daß die Abgabe der Sache cm das ReichsversicherungSamt nach§ 1693 der Reichsversicherungsordnung zulässig sei. In der Sache selbst wurde durch Urteil ausgesprochen, daß die Landarbeiterfrau einen Anspruch auf Wochenhilfe habe, obwohl ihr Ehemann nach der Satzung der Landkrankenkasse einen Anspruch auf Barleistungen nicht hätte. Die BundeSratsverordnung vom 31. Dezember 1914 habe ungeachtet des Bestehens solcher Kassensatzungen offenbar allen Wöchnerinnen, welche die Voraus- setzungen des§ 1 der Verordnung erftillen, die in§ 3 vorgesehenen Leistungen der Wochenhilfe gewähren wollen. Dies folge aus§ 6. wonach es einer Satzungsänderung für die Kassen nicht zu dem Zwecke bedürfe, um die Satzung mit den Bestimmungen der Bekannt machung in Einklang zu bringen. Soziales. Kriegswochenhilfe für Landarbeiterinnen. Eine Landkrankenkasse weigerte sich, der Frau eines Kriegsteilnehmers die Wochenhilfe zu zahlen, weil der Mann keinen Anspruch auf Barleistung hatte(§§ 420, 425). Das Reichsversicherungsamt hat in einer jetzt veröffentlichten Ent- scheidung die Kasse zu Zahlung verurteilt und anerkannt, daß alle Frauen von Kriegsteilnehmern Anspruch auf Wochenhilfe haben. Der Fall lag folgendermaßen: Der Ehemann der Klägerin ist im August 1914 zum Heeres- dienst eingezogen. Er war vorher ohne Anspruch auf Barleistung gegen Krankheit bei der Landkrankenkasse des Fürstentums Ratze- bürg in Schönberg versichert. Am 1. Januar 1915 wurde feine Fron entbunden. Die Kasse wie? ihren Antrag um Wochenhilfe ab mit der Begründung, die Frau habe keinen Anspruch auf die Unberechtigter Lohnabzug. Im Betriebe desFabrikantenWerthinderAlexan- drinenst ratze arbeitete ein Dreher in Akkord auf Granaten und verdiente dabei in einer Woche 65 M. Der Verdienst erschien Herrn Werth so hoch, daß er glaubte, der Dreher habe denselben auf unberechtigte Weise erreicht. Dem Dreher wurde ein Teil seines verdienten Slkkord- und Stundenlohns vorenthalten, den er beim Jnnungsschiedsgericht einklagte. Hier sagte der Beklagte Werth, der Kläger habe in der Fabrik mützig herumgestanden, sich mit den Arbeiterinnen unterhalten und trotzdem den hohen Verdienst erzielt. Dies fei dadurch möglich gewesen, daß zwei Lehrlinge, denen der Kläger wöchentlich 50 Pf. zahlte, einen großen Teil seiner Arbeit gemacht hätten. Der Lohnabzug sei also begründet, da sich der Kläger unbefugt die Arbeit der Lehrlinge zunutze gemacht habe. Durch Vernehmung mehrerer Zeugen erhielt diese Angelegen- heit jedoch ein wesentlich anderes Aussehen. Der Kläger hatte zwei Maschinen zu beoienen, die in einiger Entfernung von einander standen. Dadurch kam öfter der Fall vor, daß, während der Kläger an der einen Maschine tälig war, die andere Maschine ihre Arbeit vollendet hatte und deshalb angehalten werden mußte, weil sonst die ganze Arbeit verdorben wäre. In solchen Fällen hat ein un- mittelbar neben der Maschine beschäftigter Lehrling dieselbe durch einen Hebeldruck ausgeschaltet, was jedesmal durch einen einzigen Handgriff geschah, also fast gar keine Zeit in Anspruch nahm. Für diese Gefälligkeit hat der Kläger dem Lehrling jede Woche 50 Pf. gegeben. Der Beklagte stellte eine Rechnung ans, wonach er von dem 15 Pf. betragenden Stücklohn 5 Pf. für die Arbeit des Lehrlings abzuziehen berechtigt sei. Das Schiedsgericht erachtete die Hilfeleistung des Lehr- lings bei den Arbeiten des Klägers als so unerheblich, daß dafür kein Abzug gemacht werden dürfe. Der Beklagte, der von einer Einigung nichts wissen wollte, wurde zur Z a h l u n g des einbebaltenen Lohnes verurteilt. Gerichtszeitung. Wer zu teuer kauft, ist strafbar. Die von einer Reihe Landgerichte verneinte Frage, ob auch ein Käufer sich durch Ueberschrcitnng der Höchstpreise �rafbar macht, hat das Reichsgericht am Mittwoch in einer Strafsache gegen eine Witwe Wallstab, die vom Landgericht in Magdeburg freigesprochen war, bejaht(Aktenzeichen 31) 543(15). Die Witwe hatte für 10 Pfd. Kartoffeln 70 Pf. gezahlt. Der Preis war von ihr abverlangt, wiewohl der Höchstpreis auf KV, Pf. für das Pfund festgesetzt war. Das Urteil geht von der Annahme aus. das Höchstprcisgesetz habe das Ueberschreiten des Höchstpreises durch Strafandrohung gegen Verkäufer und Käufer verhindern wollen. Diese Aus- legung halten wir für irrig, teilen dielmehr die von Land- gerichten und auch Oberlandesgerichtcn betätigte Ansicht: einen Preis könne stets nur der Verkäufer überschreiten, für den Käufer sei eine Ueberschreitung begrifflich unmöglich. Indessen wird man nun leider mit der Auslegung durch das Reichsgericht in der Praxis rechnen müssen. Wir bedauern das, weil im Gegensatz zu der Absicht des Reichsgerichts hierdurch die BeWucherung des Publikums durch Höchslpreisüberschreitung gefördert werden kann. Denn es ist klar, daß der, der sich selbst strafbar gemacht haben soll, schwerlich den, der ihn übers Ohr gehauen hat, anzeigen wird. Es wäre angezeigt, daß der Bundesrat diese gefährliche Folge der reichsgerichtlichen Rechtsprechung durch eine Aende- rung des Gesetzes beseitigt. Das ist um so notwendiger, als ja eine große Zahl von Käufern die Höchstpreise nicht kennt, Unkenntnis sie aber vor Strafe nicht schützen würde. Zwang zu militärischen Uebungeu. In Schrimm waren durch Magistratsbeschluß mit Ge- nehmigung des Regierungspräsidenten in den Unterrichts- plan lStundenplan) der Fortbildungsschule auch Hebungen zur Vorbereitung siir den Militärdienst auf- genommen lvorden. An einer dieser Uebungen, die für den Sonntagnachmittag von 2'/, bis 4Va Uhr angesetzt war, hatte der Lehrling Nowicki nicht teilgenommen, sondern war zu dem Nachmittagsgottesdienst gegangen, der um 3 Uhr beginnt. (Am Hauptgottesdienst hatte er bereits vormittags teil- genommen.) Wegen der Siichtteilnahme an der militärischen Hebung ver- urteilte die S tr a f k a m m e r in S ch rim m den Angeklagten zu einer Geldstrafe. Es läge eine unbefugte Versäumung des Fortbildungsunterrichts vor. Tie Aufnahme der militärischen Uebungen m den Stundenplan set eine ordnungS- und gesetzmäßige. Sie verstoße weder gegen Verwaltungsgrundsätze, noch gegen die Aufgaben der Fortbildungsschulen, die nicht lediglich ein besseres gewerbliches Fortkommen sichern sollten. Durch den Uebnngsunterricht am Nachmittag sei R. nicht gehindert gewesen. vormittags am Hauptgottesdienst teilzunehmen, wovon er ja auch Gebrauch gemacht habe. Im übrigen wäre in einer Zeit, wo das Schwert die Kirche schirmen müsse, die Teilnahme an den Uebungen am Sonntagnachmittag, anstatt eines nochmaligen Kirchen- besuches. nicht als allzu große« Opfer anzusehen. Das Kammergericht verwarf am S.September die Revision des Angeklagten mit folgender Begründung: Es sei fraglich, ob daS Gericht überhaupt die Zuläfsigkeit der Aufnahme jener Uebungen in den Lehrplan nachprüfen dürfe. Die Aufnahme der militärischen Uebungen als Gegenstand des Fortbildungsunter- richts werde aber auch, wenn man die Zuläfsigkeit einer derartigen gerichtlichen Nachprüfung voraussetze, vom Kammergericht für zu- lässig erachtet. Allerdings enthalte die Gewerbeordnung keine Vorschriften über die Gegenstände des Unterrichts in den Fort- bildungsschulen. Nach allen in Betracht kommenden Vorschriften und den Motiven sei aber anzunehmen, daß die Fortbildungsschulen keine bloßen Fachschulen sein sollten. Ihre Aufgabt sei es vielmehr. die jungen Leute in einer den Bedürfnissen des praktischen Lebens entsprechenden Weise weiter zu führen in ihren Fähigkeiten und ihren Kenntnissen. Sie sollten unter anderem befähigt werden, in schwierigen Lebenslagen schnell und richtig Enffchlüsse zu fassen usw. In diesem Sinne seien auch die militärischen Uebungen ein zulässiger Gegenstand des Fortbildungsunterrichts. Der Fort- bildungSunterricht dürfe aber auch am Soimtagnachmittag statt- finden, wenn die Betreffenden dadurch nicht gehindert würden, am Hauptgotiesdienst teilzunehmen, an dem N. ja auch teil- genommen habe. S!un habe Angeklagter darauf hingewiesen, daß der zuständige Minister erklärt habe, es solle kein Zwang hinsichtlich der Teilnahme der Jugend an militärischen Jugend- Übungen ausgeübt werden. Diese ministerielle Anweisung beziehe sich offenbar nicht auf Fortbildungsschüler. Im übrigen würde aber auch eine iolche ministerielle Anweisung nicht geeignet sein, die gesetzliche Grundlage für die Aufnahme der militärischen Uebungen in den Unterrichtsplan der Fortbildungsschulen zu beseitigen. An- geklagter sei mit Recht verurteilt worden. Die Verurteilung ist eine recht bedenkliche, mit dem Zweck einer Fortbildungsschule erscheint die Annahme des höchsten preußischen Gerichts unvereinbar. Indessen wird man in der Praxis mit ihr zu rechnen haben._ Unbeabsichtigte Folge». Wegen unerlaubten Verlassens des Ortsgebietes war die 21jährige zu Etzin geborene Russin Antonie Stroinska vor der Pots- damer Strafkammer angeklagt. Die Stroinska gehört zu den russischen Erntearbeitern.' Für sie gelten daher die Verordnungendes Oberkommandos betreffend den Aufenthalt russischer Arbeiter. Sie war in Paretz beim Gutsbesitzer Heuser beschäftigt. ES kam zu einer Auseinandersetzung, nach der ihr der Dienstherr Lohn und Papiere überreichte. Vom Amtsvorsteher erwirkte sie nicht die Er- laubnis zum Verlassen des Ortsgebietes. Vielmehr riet er ihr, zum Dienstherrn zurückzugehen. Der Gemeindevorsteher dagegen nahm ihre Abmeldung nach Etzin entgegen und bescheinigte ihr den Fort- zug. Die Potsdamer Ferien st rafkammer berücksichtigte die eigenartige Lage, in der sich die Str. befunden hatte, als sie der Dienstherr nicht mehr zurücknehmen wollte und verurteilte sie zu einer Woche Gefängnis, entgegen dem auf 6 Wochen lautenden Antrag des Staatsanwalts._ Aus Betharaba. Eine Meuterei in der Fürsorgeerziehungsanstalt Betharaba in Weißensee hatte gestern vor der Ferienstrafkammer des Landgerichts III ein gerichtliches Nachspiel. Wegen Vergehens gegen den§ 122 Str.-G.-B. war die 18jährige Arbeiterin Ida Temuth angeklagt. Die Angeklagte befand sich im Jahre 1913 in der Erziehung-- anstatt Bethabara. Anfangs November entstand unter den dort be- findlichen Mädchen, wie es in der Verhandlung hieß, wegen des an- geblich schlechten Essens eine kleine Verschwörung. Die Mädchen planten, eine Aufseherin zu überfallen, dann mit denvon ihr erlangten Schlüsseln zu flüchten. Die Meuterei ging am 11. November von statten. Der Helferin Marie Bratsch wurde ein Bettbezug über den Kopf ge- zogen, so daß sie sich nicht wehren konnte. Mit den erbeuteten Schlüsseln liefen dann etwa 20 Mädchen auf den Hof, überkletterten den Zaun und waren, ehe das übrige Personal der Anstalt etwas gemerkt hatte, verschwunden. Die Ausreißerinnen wurden zumeist bald wieder eingefangen und unter Anklage gestellt. Da der Meuterei- Paragraph nur schwere Sttafen zuläßt, so wurden mehrere der Mädchen zu Gefängnisstrafen bis zu einem Jahre verurteilt. Ein? der Mädchen, welches das achtzehnte Lebensjahr schon vollendet hat, wird sich demnächst sogar vor dem Schwurgericht zu verantworten haben.— Die Angeklagte, welche sich längere Zeit unangemeldet verborgen gehalten hatte, hatte, wie die Verhandlung ergab, in der Zwischen- zeit fleißig gearbeitet. Aus diesem Grunde kam das Gericht auch zu der Anwendung der niedrigsten gesetzlich zulässigen Strafe von sechs Monaten Gefängnis, beschloß auch, die Angeklagte der bedingten Begnadigung zu empfehlen. In der Schwurgerichtsverhandlung wird hoffentlich ausführlich auf die Gründe eingegangen werden, die zur„Meuterei" führten. Verlustliften. ent- Die Verlustliste Nr. 323 der preußischen Armee hält die Verlufte folgender Truppenteile: Infanterie usw.: Garde: 3. und 5. Garde-Regiment z. F.; Gardc-Füsilier-Regiment; Gardc-Grenadier-Regiment Elisabetb(s. auch Res.-Jnf.-Reg. Nr. 77); Garde-Reserve-Jäger-Bataillon. Lehr- Jnfanterie-Regiment. Grenadier-, bzw. Infanterie-, bzw. Füsilier- Regimenter Nr. 2. 3, 4, 6, 10, 11. 13, 15. 16, 18, 19, 21, 22, 23, 25, 28, 29. 30, 33, 34, 37, 89, 41 bis einschl. 45, 48, 49. 50, 51, 53, 54, 55, 56, 60, 64, 6b, 66, 69. 75, 81 bis einschl. 85. 87. 88. 89. 109, 113, 114, 115, 118, 128, 129, 132, 140, 141, 142. 144 bis einschl. 148, 152. 153 (s. auch Res.-Jnf.-Reg. Nr. 221), 154, 155, 159, 160, 161, 162, 164, 165, 167, 168, 169, 170, 175, 176, 188. Reserve-Jnfanterie-Regimen- ter Nr. 2, 7, 8, 11, 12, 15, 21, 22, 24, 26, 27, 29. 30, 53, 55, 61, 66. 67, 76, 77, 79. 81, 86, 93, 110, III, 203, 204, 208, 209, 210, 215, 216, 219 bis einschl. 224, 226, 227, 228, 249, 250, 258, 259, 260, 261, 265, 270. Ersatz-Jnfanterie-Regimenter Nr. 9 und 29. Reserve-Ersatz- Jnfanterie-Siegiment Nr. 4. Landw.-Jnfanteric-Regimenter Nr. 2, 9, 10 ss. Ers.-Jnf.-Reg. Nr. 9), 12, 15, 24. 25, 53, 66. 68, 80, 99, 110. Landwehr-Ersatz-Jnfanterie-Regiment Nr. 1. Landsturm-Jnfan- terie-Siegiment Nr. 11. Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 58, 82, 84 lalle drei s. Ers.-Jnf.-Reg. Nr. 29). Landwehr-Brigade-Ersatz- Bataillon Nr. 27(f. Landwehr-Ers.-Jnf.-Reg. Nr. 1). Landsturm- Infanterie-Bataillone: Aurich, I Tanzig, I Diebenhofen, Erbach, III Frankfurt a. O., II Halberstadt, Landsberg, IX Münster, III Tilsit. Landsturm-Jnfanterie-Ersatz-Bataillone: 4. Heidelberg und 1. des IV. Armeekorps(Stendal). Jäger-löataillone Nr. 1, 6, 9, 10(s. Res.-Jnf.-Reg. Nr. 61); Reservc-Bataillone Nr. 2, 3, 5, 20, 21. Rescrve-Radfahrer-Kompaanien Nr. 75 und 81. Maschinengewehr-Abteilung Nr. 7; Reserve-Maschinengewehr-Abteilung Sir. 2; Maschinengewehr-Kompagnie Nr. 183; Feld-Maschinengewehr-Zug Nr. 187(f. Garde-Res.-Jäger-Batl.); Reserve-FestungS-Maschinen- gewehr-Abteilung Nr. 4. Kavallerie: Garde-Husaren(s. Komb. Kav.-Reg. der 1. Garde- Jnf.-Tivision); Dragoner Nr. 6(s. Ulanen Nr. 5 und Komb. Kav.- Reg. der 1. Garde-Jnf.-Division). Nr. 15 und 23; Ulanen Sir. 2, 5, 16; Jäger zu Pferde Sir. 10; Kombiniertes Kavallerie-Regiment der 1. Garde-Jnf.-Division; Reserve-Ersatz-Eskadron des IV. und 2. Landst.-Eskadron des VI. Armeekorps; Reserve-Abteilung Nr. 48. Feldartillerie: 8. Garde-Regiment; 1. Garde-Res.-Regiment; Regimenter Nr. 9, 10(s. auch Res.-Feldart.-Reg. Nr. 20), 11, 14(s. Feldart.-Reg. Nr. 11), 21(s. Res.-Feldart.-Reg. Nr. 70), 30, 33, 40, 45, 47. 51. 52, 55. 57. 62(s. Res.-Feldart.-Reg. Nr. 20), 74, 88; Reserve-Regimenter Sir. 1. 7, 14, 20, 36, 44, 51, 70; Landwehr- Regiment Nr. 15. Gebirgskanonen-Batterie Nr. 4. Fußartillerie: Regiment Nr. 10; Reserve-Regimenter Nr. 2 und 11; Landwehr-Bataillon Nr. 5; Batterien Nr. 291 und 293. ** Die bayerische Verlustliste Nr. 219 enthält Liste Nr. 1 der aus Frankreich zurückgekhrten Austauschverwundeten, Liste Nr. 1 der aus England zurückgekehrten Austauschverwundeten und �iste Nr. 2 der aus Gefangenschaft zurückgekehrten Austauschoerwunde- ten und sonstigen Heeresangehörigen; ferner meldet sie Verluste des 1., 2., 3., 4., 6., 7.. 8.. 9.. 14., 15.. 16.. 17.. 18.. 19., 20.. 21.. 23.. 25. Infanterie-Regiments; Feld- Maschmengewehr- Zug Sir. 2 (I. Armeekorps): Reserve-Jnf.-Regimenter Nr. 4. o. 6. 7, 10. 13. 14. 15. 17. 20. 22, 23; Reserve-Jäger-Batl. Nr. 1; Reierve-Radfahrer- Komp. Sir. 8; Landwehr-Jnf.-Regimenter Nr. 1, 2. 3. 4. 8; Brigade- Ersatz-Batl. Nr. 5; Landsturm-Jnf�-Batl.. Augsburg I und'Augsburg II; Landsturm-Jnf.-Batl., Bamberg, Erlangen. Kissingen, Panau I.(Schluß folgt.) Die sächsische Verlustliste Nr. 192 enthält Verluste der In- fanterie-Regiwenter Nr. 101» 139, 177, 181, 192; Reserve-Jnf.- Regimenter Nr. 101, 242, 243, 244, 246; Landwehr-Jnf.-Regimenter Nr. �0. 102. 104, 106; Ersatz-Bataillone: Landwehr-Regiment Nr. 101, Regiment Nr. 351. Landwehr-Reg. Nr. 104, Reserve-Reg. Nr. 107; Fußart.-Reg. Nr. 12; Fernsprech-Abteilung 12, XII. Ar- meekorps. Der Schluß der württembergischen Verlustliste Sir. 209 wird veröffentlicht, deren Inhalt wir bereit» gestern mitteilten. Unterernährung in öerliner Irrenanstalten. Am 22. November vorigen Jahres brachte der„Vorwärts" unter der Ueberschrift:.Die städtische Jrrenpflege im Kriegsjahr" einen Bericht auS der Deputation für die städtische Jrrenpflege, der sich mit den Kostsätzen im Etatsentwurf für das Jahr t91ö be- schäftigte. Es wurde auf den auffallenden Unterschied in den steigenden Verpflegungssätzen des ersten und zweiten TischeS