Nr. 268.- 32. Jahrg. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis pränumerandes Bierteljährl 3,30 m monatl. 1.10 wöchentlich 25 Big. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Bfg. Sonntags nummer mit illustrierter Sonntags Beilage„ Die Neue Belt" 10 Pa. Bost Abonnement: 1,10 Mart pro Monat Eingetragen in die Bost Zeitungs Unter Kreuzband für Breisliste. Deutschland und Desterreich Ungarn 2,50 Mart, für das übrige Ausland Mark pro Monat. Bostabonnements rehmen an: Belgien, Dänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal Rumänien, Sweden und die Schweiz Ericheint täglich. • Vorwärts Berliner Volksblaff. 5 Pfennig Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Solonel geile oder beren Raum 60 Bfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Versammlungs- Anzeigen 30 Pfg. ,, Kleine Anzeigen", das fettgebrudte 28ort 20 fg.( zuläffig 2 fettgebrudte Worte), jedes weitere Wort 10 Big. Stellengesuche und Schlafstellenan zeigen das erste Wort 10 Bfg., jedes weitere Wort 5 Bfg. Worte über 15 Buch staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morikplak, Nr. 151 90-151 97. Dienstag, den 28. September 1915. Expedition: SW. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplak, Nr. 151 90-151 97. Der franzöſiſch- engliſche Offenſivvorstoß zum Stillstand gebracht Der französische Tagesbericht. Amtlicher Paris, 27. September.( W. T. B.) Bericht von gestern nachmittag: Jm Artois behaupteten wir im Laufe der Nacht die gestern eroberten Stellungen, bestehend aus dem Schlosse Charleul, dem Friedhof Souchez und den letzten Schüßengräben, welche der Feind noch östlich der befestigten Stellung, die Labyrinth genannt wird, besetzt hielt. In der Champagne dauern die harthäckigen Kämpfe auf der ganzen Front an. Unsere Truppen drangen in die deutschen Linien auf einer Front von 25 Kilometern bis zu einer Tiefe von 4-5 Kilometern ein. Wir behaupteten im Laufe der Nacht alle eroberten Stellungen. Bis jetzt sind mehr als 12 000 Gefangene gezählt. Von der übrigen Front ist nichts zu melden, außer einem Feuerüberfall unserer Artillerie auf die deutschen Schanzwerke im Gebiete von Launois und Ban- de- Sapt. Paris, 27. September.( W. Z. B.) Amtlicher Be. richt von gestern abend: Unser Angriff nördlich von Arras zeitigte neue Fortschritte. Wir besetzten in lebhaftem Kampfe das ganze Dorf Souchez und rückten gegen Often in der Richtung von Givenchy vor. Weiter südlich er. reichten wir den Norden des Dorfes Thelus. Im Laufe des Kampfes machten wir etwa 1000 Gefangene. In der Champagne erzielten unsere Truppen weitere Geländegewinne. Nachdem sie beinahe auf der ganzen Front zwischen Auberive und Ville fur Tourbe ein mächtiges, vom Feinde seit Monaten errichtetes und ausgebautes Netz von Schüßengräben, Verbindungsgängen und Feldbefestigungen durchSchritten hatten, rüdten sie gegen Norden vor, indem sie die deutschen Truppen zwangen, sich auf die drei oder vier Stilometer dahinter liegenden Schüßengräben der zweiten Stellung zurückzuziehen. Der Kampf dauert auf der ganzen Front an. Wir erreichten Epine Vedegrange und stießen über das Häuschen( Cabane) an der Straße Souain- Sommepy sowie über die Barade an der Straße Souain- Lahure hinaus vor., Weiter östlich halten wir die Häuser von Champagne. Der Feind erlitt durch unser Feuer und in Nahkämpfen sehr bedeutende Verluste. Er ließ in den Werken, welche er aufgab, beträchtliches Material zurück, welches noch nicht gezählt werden konnte. Schon jett meldet man die Erbeutung von zwanzig Feldgeschützen. Die Zahl der Gefangenen wächst fortschreitend und übersteigt augenblicklich sechzehntausend unverwundete, darunter mindestens zweihundert Offiziere. Jm ganzen machten die verbündeten Truppen auf der gesamten Front in zwei Tagen über zwanzigtausend unverlegte Gefangene. Frenchs Meldung. London, 27, September.( W. E. B.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Feldmarschall French meldet vom Sonntagabend: Heute fand ein heftiges Gefecht auf dem Gelände statt, das wir gestern erobert hatten. Der Feind unternahm fräftige Gegenangriffe, östlich und nordöstlich von Loos, mit dem Ergebnis, daß wir außer dem Gelände nördlich von Loos das ganze eroberte Gelände, einschließlich Loos selbst, behielten. Wir eroberten die Steinbrüche, die gestern nacheinander genommen und verloren wurden. In diesem Gefechte zogen wir die feindlichen Reserven auf uns und ermöglichten es dadurch den Franzosen, am rechten Flügel weitere Fortschritte zu machen. Die Anzahl der Gefangenen, die nach dem gestrigen Stampfe eingebracht wurden, beträgt 2600 Mann. Es wurden auch Kanonen und eine große Zahl Maschinengewehre erobert. Unsere Flugzeuge bombardierten heute einen Zug bei Loffies(?) östlich von Douai und brachten diesen und einen Truppenzug in Rosult bei St. Amand zur Entgleisung. Wir bombardierten auch den Bahnhof von Valenciennes. Eine Kriegskommission des englischen Kabinetts. London, 27. September.( W. T. B.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Wie„ Daily Chronicle" schreibt, hat Asquith eine besondere Kabinettskommission ernannt, der die Erlebigung von Kriegsangelegenheiten, vor allem die Verantwortung für die Kriegsleitung übertragen werden wird. Seit einiger Zeit habe schon eine Dardanellenkommission bestanden. Wie verlautet, werden die Befugnisse dieser Kommission von der neuen übernommen werden, die eine Art Exekutive des Kabinetts darstellen wird. Die neue einflußreiche Kommission wird bestehen aus dem Premierminister, Lord Kitchener, Lloyd George, Balfour, Sir Edward Grey, Lord Lansdowne, Bonar Law und Churchill. Diese Mitglieder des Kabinetts werden zukünftig in besonderem Sinne für die Krieg führung, soweit sie von der Regierung daheim beeinflußt werden tann, verantwortlich sein.g Meldung des Großen Hauptquartiers. Amtlich. Großes Hauptquartier, den 27. September 1915.( W. Z. B.) Westlicher Kriegsschauplah. An der Küste herrschte Ruhe. Nur einzelne Schüsse wurden von weit abliegenden Schiffen wirkungslos anf die Umgegend von Middelkerke abgegeben. Jm pernabschnitt hat der Feind seine Angriffe nicht wiederholt. Südwestlich von Lille ist die große feindliche Offensive durch Gegenangriff zum Stillstand gebracht. Heftige feindliche Einzelangriffe brachen nördlich wie südlich vor Loos unter stärkster Einbuße für die Engländer zusammen. Auch in Gegend bei Sou chez und beiderseits Arras wurden alle Angriffe blutig abgeschlagen. Die Gefangenenzahl erhöhte sich auf 25 Offiziere, über 2600 Mann, die Beute an Maschinengewehren auf 14. Die französische Offensive zwischen Reims und Argonnen machte keinerlei Fortschritte. Sämtliche Angriffe des Feindes, die besonders an der Straße Somme- By- Suippes sowie nördlich Bean- Séjour Fme.Massiges und östlich der Aisne heftig waren, scheiterten unter schwersten Verlusten für ihn. Die Gefangenenzahl erhöhte sich hier auf über 40 Offiziere, 3900 Mann. Drei feindliche Flugzeuge, darunter ein französisches Großkampfflugzeug, wurden gestern im Luftkampf nordöstlich Ypern, südwestlich Lille und in der Champagne, zwei weitere feindliche Flugzeuge durch Artilleries und Gewehrfener südwestlich Lille und in der Champagne zum Absturz gebracht. Feindliche Flieger bewarfen mit Bomben die Stadt Beronne, wo zwei Frauen, zwei Kinder getötet und zehn weitere Einwohner schwer verwundet wurden. 1 Deftlicher Kriegsschauplah. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg. Jm Rigaischen Meerbusen wurden russische Kriegsschiffe, darunter ein Linienschiff, durch dentsche Flieger angegriffen. Auf dem Linienschiff und einem Torpedobootzerstörer wurden Treffer beobachtet. Die russische Flotte dampfte schleunigst in nördlicher Richtung ab. Auf der Südwestfront von Dünaburg wurde dem Feinde gestern eine weitere Stellung entrissen; es find 9 Offiziere und über 1300 Mann zn Gefangenen gemacht und zwei Maschinengewehre erbentet. Westlich von Wilejka wird unser Angriff fortgefeßt. Süblich von Smorgon wurden starke feindliche Gegenangriffe abgewiesen. Zwischen Krewo- Wischnew machten unsere Truppen Fortschritte. Der rechte Flügel und die Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinz Leopold von Bayern haben die Westufer des Njemen bis Schtcherssy, des Serwetsch und der Schtschara vom Feinde gesäubert. Deftlich von Baranowitschi hält der Feind noch kleine Brückenköpfe. Der Kampf auf der ganzen Front ist im Gange. Heeresgruppe des Generalfeldmaridhalls v. Mackenfen Die Lage ist unverändert. Oberste Heeresleitung. Der österreichische Generalstabsbericht. Wien, 27. September.( W. T. 8.) Amtlich wird verlautbart: 27. September 1915. Russischer Kriegsschauplah. Aehnlich wie in Ostgalizien und an der Jkwa ist nun auch im wolhynischen Festungsgebiete die russische Gegenoffensive ge brochen. Der Feind räumte gestern seine Stellungen nordwestlich von Dubno und im Styr Abschnitt bei Luck und weicht in östlicher Richtung zurüd. Der Brückenkopf östlich von Luck ist wieder in unserer Hand. An unserer Front südlich von Dubno gab es stellenweise Geschützfeuer und Geplänkel. Italienischer Kriegsschauplah. Die Lage ist unverändert. Versuche des Feindes, an unsere Stellung auf dem Monte Piano heranzukommen, wurden abge. wiesen. Am Nordrande der Hochfläche von Dober do brach ein Angriff einer Bersaglieriabteilung an unseren Hindernissen zusammen. Südöstlicher Kriegsschauplak. Reine besonderen Ereignisse. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: von Hoefer, Feldmarschalleutnant. Keir Hardie. London, 26. September. Der englische Sozialist Keir hardie ist in Glasgow gestorben. Letzten Weihnachten erzählte Steir Hardie in dem in seinem Wahlkreise erscheinenden, Merthyr Pioneer" eine Geschichte aus seiner Kindheit. Sie las sich wie ein Kapitel aus einem Dickensschen Roman. Der Vater seit Monaten arbeitslos, die Mutter in Erwartung eines Kindes und der zehnjährige James Keir, der bei einem Bäcker zu Glasgow mit 3 Schilling Wochenlohn angestellt ist, der Haupternährer der Familie. Von langen Nachtwachen am Strantenbett seiner Mutter ermüdet, kommt der Knabe in einer Woche zweimal eine Viertelstunde zu spät ins Geschäft. Der Meister, ein überaus frommer Mann, entläßt ihn am lezten Tage des Jahres und zieht ihm zur Strafe überdies den letzten Wochenlohn ab. Nachts wird das Kind geboren, und die Sonne des Januar 1867 geht auf über einem Heim, in dem es weder Feuer noch Brot gibt". Ja, der jetzt in derselben Stadt Glasgow nach langem Leiden gestorbene Führer der englischen Arbeiterschaft hat das Elend des Proletariats früh genug am eigenen Leibe erfahren. Seine Stelle bei dem gottesfürchtigen Bäcker war nicht die erste. Noch vor Vollendung seines achten Lebensjahres hatte er aufs Bergwerk gemußt, und während seine wohlhabenderen Kreisen entstammenden Altersgenossen sich frohen Spielen hingeben konnten, als Kohlenjunge zum färglichen Unterhalt der Familie beigetragen. Vom Schulbesuch war dabei teine Rede, und notdürftig erlernte Keir Hardie bei der Mutter Lesen und Schreiben. Zwei Wege gibt es für einen Menschen, dessen Kindheit unter solchen Verhältnissen verläuft. Entweder er verkommt körperlich und geistig, bleibt der seiner Menschenwürde nicht bewußte, gedrückte und gequälte Sklave, oder die bittere Erfahrung entzündet in ihm jenen Haß und jenen glühenden Willen, der ihn, wenn er sich mit entsprechender Einsicht paart, befähigt, seiner Klasse ein Führer im Kampfe um ihre Befreiung zu werden. Der schottische Bergmannssohn war der Mann, den zweiten Weg zu gehen. Sein flarer Blick ließ ihn die Bedürfnisse des Proletariats rechtzeitig erkennen, und als er vierundzwanzig Jahr alt war, wurde er durch die Berufung zum Sekretär und Drganisator seiner Gewerkschaft aus der Kohlengrube befreit. Acht Jahre später trat er bei einer Nachwahl als Arbeiterkandidat auf. Er fiel durch, aber 1892 machte er das Rennen im Wahlkreise South West Ham, und nachdem er 1895 aus diesem Kreise wieder verdrängt war, zog er 1900 als Vertreter von Merthyr Tydvil aufs neue ins Unterhaus ein, das er erst jetzt mit seinem Tode verläßt. Die politischen Gegner Keir Hardies, besonders die Liberalen, denen er ganz und gar nicht gefiel, haben ihn einen Fanatiker gescholten und ihn als einen Umstürzler mit einer Theorie" verspottet. Wenn er wirklich in dem Sinne Fanatiker gewesen wäre, wie es ihm seine Feinde nachsagten wen könnte es Wunder nehmen? Wer eine Jugend durchlebt hat, wie dieser Proletariersohn, bei dem müssen schon starke innere Hemmungen vorhanden sein, um ihn vor vor Gefahren eines unfruchtbaren Fanatismus zu bewahren. Aber Keir Hardie war tatsächlich fein Fanatiker, sondern nur ein Mann des Prinzips, der wenig Neigung zu den Kompromissen hatte, die das politische Leben in England kennzeichnen, nnd denen leider bis zum heutigen Tage auch die britische Arbeiterschaft immer noch mehr vertraut als einem entschlossenen und furchtlosen Klassenkampf. Das spöttisch gemeinte Wort vom Umstürzler mit einer Theorie paßt am Ende besser auf ihn. Nicht etwa als ob er ein wissenschaftlicher Theoretiker gewesen wäre. Er war ganz vorzugsweise ein Mann der Praxis. Aber er baute seine Praxis auf einer Theorie auf, und wenn das schon an und für sich eine Methode ist, die einen Politiker in England nicht sehr empfiehlt, so war seine Theorie ganz besonders wenig geeignet, ihm im Lager bürgerlicher Arbeiterfreunde Sympathien zu erwerben, denn es war die Theorie des Sozialismus und der Befreiung der Arbeiterklasse aus eigener Straft. Es ging dem energischen Kämpfer um zweierlei. Er wollte der englischen Arbeiterschaft flar machen, daß der Trade Unionismus eine Ergänzung finden müsse durch politische Betätigung, und er forderte, daß diese Politik sich unabhängig halte von den beiden großen bürgerlichen Parteien. Schon 1888 machte er den Versuch zur Gründung einer politischen Arbeiterpartei. Er schlug fehl, aber immers hin wurde ein Jahr darauf unter Keir Hardies Aegide die Schottische Arbeiterpartei gegründet, der dann 1893 die größere Unabhängige Arbeiterpartei folgte, jene Organisation, die in dem gegenwärtigen Kriege eine so beachtens- und rühmenswerte Rolle spielt. Von welchen Gedanken sich unser Genosse leiten ließ, das geht am besten aus einer Resolution hervor, die er 183? auf dem Gewerkschaftskongreß von Belfast als Ergänzung zu einem Antrag Ben Tilletts zur Schaffung eines Fonds für die Aufstellung selbständiger Arbeiterkandi- daten einbrachte. Es hieß da: „Der Kongreß ist der Ansicht, daß es die Pflicht der Arbeiter- abgeordneten ist. die Arbeilerfordennigen ohne Rücksicht auf die Wunsche der übrigen Parteien im Parlament zu vertreten. Da» mil dies geschehen kann, müssen die Arbeiierverlretcr von der liberalen so gut wie von der kon'eraliven Partei unabhängig bleiben, immer in Opposition zur Regierung stehen. bis sie bei den Wahlen in die Majoriläc kommen und so an? Slaats- rüder gelangen." Der Antrag wurde von den opportunistischen Gcwcrk- schaften, die die Brücken zu den bürgerlichen Parteien nicht ab- brechen wollten, abgelehnt, und damit war der Weg für die Gründung der Unabhängigen Arbeiterpartei geöffnet, die sich bemühte, die Theorie des Sozialisinns mit der Praxis denio- kratischer und sozialreformerischcr Arbeit im Parlament zu vereinigen. Ihr war Keir Hardie, der nun auch den streit- frohen„Labour Leader" ins Leben rief, ein begeisterter und begeisternder Führer. Wäre er der verbohrte Fanatiker und Doktrinär gewesen, als den ihn die Liberalen gern hinstellten, so hätte er sicher eher seinen Platz in der kleinen auf ihr Ziel- bewußtsein stolzen, leider aber recht einflußarinen„Sozialdemo- kratischcn Föderation" gesucht. So verdarb er es mit Hyndman auf der einen und mit hinter dem Libcralisnius herlaufenden John Burns auf der anderen Seite, aber er erlebte dann wenigstens, nachdem John Burns mit seinem Anhang ganz in daS liberale Lager hinübergegangen war, die Genugtuung, daß ein paar Jahre später die Labonr Party geschaffen wurde, in der Un- abhängige Arbeiterpartei, Fabier und Gewerkschafter vereint den parlamentarischen Vertretern der Arbeiterschaft einen ge- mcinsamen Rückhalt boten, ivenn auch nicht ganz so im «e-inne des Klassenkampfes, wie Keir Hardie es gewünscht hätte. Und da8 ist nun die Tragik im Schicksal unseres Freundes, daß er aus dem Leben scheiden mußte zu einer Zeit, in der der internationale Sozialismus zerklüftet und die englische Arbeiterschaft, die er unter der Fahne dieses Sozialismus zu einigen bestrebt war, innerlich zerrissen ist. Die Unabhängige Arbeiterpartei befindet sich mit ihren An- sichten im Gegensatz zu den GewerkschaftSkrcisen und damit in der Minderheit. Sie sucht alten Idealen treu die Bande deS Internationalismus zu erhalten und übt Kritik an der Kriegs- Politik der englischen Regierung. Die Gewerkschaften sind wieder ganz in das Fahrwasser der Regierung geschwenkt. Sie predigen das Durchhalten, horchen auf die Mahnungen des MunitionS- Ministers, unterstützen das Koalitionskabinett, kurz und gut leisten Verzicht auf jede selbständige Orientierung. Die vorligcnden Nachrichten sagen noch nichts Näheres über den Charakter der Krankheit, an der Keir Hardie litt und die ihn seit dem Frühjahr zum Leidwesen seiner Freunde zu politischer Ruhe nötigte. Vielleicht gehen wir mit der Annahme nicht fehl, daß es der Krieg war, der an seinem Herzen nagte, und daß die E r f a h r u u g e n in d e r A r- beiterbewcgung sein Ende beschleunigt haben. Im vergangenen Winter hörte man von ihm pessimistische Worte über die Zeit nach dem Friedensschluß. Dann allerdings flammte in einem Artikel, den er am 2ö. März für den„Labour Leader" schrieb, noch einmal der alte Optimismus auf. Er sah die Zeit, in der Demokratie und SozialisniuS allenthalben die zum Kriege treibenden kapitalistischen Kräfte überwunden hoben würden. ES war einer seiner letzten, wenn nicht sein letzter Aufsatz, dem auf dem Ostcrkongreß der Unabhängigen Arbeiterpartei die letzte Rede folgte. Sie beschäftigte sich ebenfalls bezeichnend genug— mit der BeHand- lung der russischen Sozialisten durch die russische Regie- rung.„Eine der größten Gefahren, die wir in diesem Kriege laufen, ist die mit einer Nation verbündet zu sein, deren Vergangenheit und Gegenwart mit der Zivilisation und dem Fortschritt in Widerspruch steht. Wir Protestieren gegen all die Niederträchtigkeiten deS blutig-grausamen Rußlands." Das letzte Wort ein Wort des Mutes, würdig des ManneS, der es sprach. Keir Hardie starb zu ungelegener Zeit. Nie hatte die englische Arbeiterbewegung, nie hatte der Sozialismus der ganzen Welt mutige, klardenkende und tatkräftige Führer so nötig wie in diesem Augenblick. Der Krieg trennt unS räumlich von den englischen Proletariern, aber im Geist stehen»vir mit ihnen trauernd an der Bahre deS gefallenen Streiters, der einer der besten war. der rutsche Generalftabsbericht. Petersburg, 27. September. fW. T. B.) Der Große General- stab reilt mit: In der Gegend von D ü n a b u r g- ist es etwas ruhiger geworden. Nach Aussagen von Gefangenen, die wir in den letzten Kämpfen und bei den zurückgeworfenen Angriffen der Deutschen gemacht haben, sind den Deutsche» sehr schwere Verluste beigebracht worden. Gestern wurden die Deutschen nach einem Kampf um das Dorf DriSwjaty an dem See gleichen Namens aus diesemDorfe verjagt. Im Wilija- Abschnitt flußaufwärts von Wilejla dauern die heftigen Kämpfe au. Wir nahmen das Dorf Restuta. Die Deutschen entwickelten eine Reihe von Angriffen in der Gegend vor Wilejla und konnten sie wiederboll bis zum Bajouetlaugriff vortreibe». Alle Angriffe wurden zurückgeschlagen. In der Gegend nordwestlich von Wilejka bemächliglen sich unsere Truppen nach einem Bajonett- angriff deS befestigten Dorfes Ostrow und eroberten das Dorf Giry zurück. An der Front von Smorgon und südlich davon dauern die Kämpfe fort. In der Gegend von Lakdunh östlich vom Flecken Jwje entwickelte der Feind heftiges Feuer seiner schweren Artillerie. Unsere Truppen räumten dieses Dorf. Wir bezwangen durch Bajonettangriff den hartnäckigen Widerstand der Deutschen bei dem Dorfe Podgorie östlich von Rowogrodek und machten s Offiziere und V2 Mann zu Gefangenen. Ein ungemein heftiger Kampf wurde den ganzen Tag über bei dem Gehöft von Mariffin und östlich von Nowogrodek geliefert. Die Schützengräben wechselten häufig den Besitzer. Südlich vom Gehöfte von Mariffin wurde der Feind durch wiederholte Augriffe aus den Schützen» graben bei dein Dorfe Alt-Koltschitzy geworfen. Wir machten dort etwa SV» Deutsche zu Gefangenen und erbeuteten ein Maschinen- gewehr, zwei Ausrüstungszüge und Munitioiiswage». Noch weiter südlich nahmen wir»ach blutigem Bajonettangriff auch das Dorf Podlugi. Am Strumen warfen wir die Deutschen über den Fluß. Der Feind ließ zahlreiche Verwundete und Munition zurück und der- brannte die Brücke bei Statitschew südlich von Pinsk. An der Front südlich vom P r i p j e t und auf dem g a l i z« s ch e n Schauplatz keine bemerkenswerten Ercigniffe. In den Kämpfen, die wir im letzten Zeitabschnitt den Deutschen geliefert haben, sind die Bajonettangriffe unserer Truppen, die große Beweise ihrer soldatischen Tüchtigkeit ablegen, zu alltäglichen Ereignissen geworden. AnvererseitS ist es sehr bezeich- nend, daß in den letzten amtlichen Berichten des deutschen Haupt- quartierS die Zahlen der Gefangenen, die die Deutschen bei uns ge- macht haben, sehr bescheiden und daß die Erfolge unserer Truppe». wenn nicht ganz verschwiegen, so doch mit allzugroßer Ängstlichkeit beträchtlich verringert sind. S»m erkung: In der Gegend von Polowce westlich von Czortkow gelang cS einer Gruppe von 20 unserer Reiter bei einem Ueberfall auf eine österreichische Abteilung, die an der Befestigung einer Grellung ar- beileie, ISMann und 1 0ffizier niederzumachen und die anderen, nämlich einen Offizier und 47 Soldaten, gefangen zu nehmen. Sie selbst verloren nur zwei Leichtverwundete. An einer anderen Stelle griff eine unserer kleinen Patrouillen einen österreichlschen Sperrposten von 20 Mann an,»ahm neun Mann gefangen und machie die anderen nieder. Meldung der italienischen Heeresleitung. Rom, 27. September.(®. T. B.) Kriegsbericht von g e st e r n. Die Kämpfe dauerten in der Zone des Eevedale fort. Ivo der Feind, der Verstärkungen, auch an Artillerie, erhalten hatte, am 24. September einen Handstreich gegen unsere Stellung an der Cedch-Hütte versuchte. Unsere Truppen eilten rasch aus dem Lberveltlin herbei. Tie feind- lichen Kolonneu wurden angegriffen und zurückgeschlagen. In Kärnten ging der Feind am 23. 9. nach starker Artillerie- Vorbereitung gegen unsere ganze Front vom kleinen Pal bis zum Pizzo Avostanis dreimal zum Angriff über, wlirde aber jedesmal zurückgeschlagen. Unsere Artillerie richtete ein wirk- samcs Feuer auf die Bahnstation von TarviS. Mau bemerkte große Brände. Auf dem Karst ist die Lage unverändert. der Mißerfolg der dardanellenexpedition. Paris, 27. September.(W. T. B.)„Petit Parisien" veröffentlicht eine Zuschrift des Deputierten Merlin, der namens deS Hygiencausschufses der Kammer in der Kontrollkommission nach den Tardanellen gesandt war. Merlin legt in der Zuschrift dar, daß die Dardanellenexpedition schlecht eingeleitet wurde und nunmehr zum Still st and gekommen sei. Gerade die Dardanellenexpedition sei für die Verbündeten von höchster Wichtig- keit. Es sei notwendig,«in neue» Programm und einen neuen Plan für die Expedition aufzustellen: sie droh« sonst ruhmlos im «Sande zu verlaufen und da« Ansehen der Verbündeten im Orient bei den Mohammedanern zu schwächen. vom v-Sootkrieg. London, 27. September. sW. T. V.) Meldung des Reutcrschen Bureaus. Der britische Dampfer„Cornubia", 1736 Tonnen groß, ist am 9. September im Mittelmccr versenkt worden- Die Besatzung von 28 Mann wurde in einem spanischen Hafen gelandet. Da« vermißte Boot de« versenkten Dampfer«„ H e s i o n e" mit 18 Mann ist gefunden worden; die ganz« Mannschaft ist somit gerettet._ vom Salkan. Bulgarien bestreitet amtlich aggrestlve Absichten. London, 27. September.(W. T. B.) Wre daS Reuterfche Bureau erfährt, hat B u l sz a r i e n am 26. d M. den En- tentemächten amtlich versichert, daß seine Mobilmachung jedes aggressiven Zieles entbohre und lediglich den schwierigen Zustand in Europa und den Truppenbewegungen in den umliegenden Staaten zuzuschreiben sei. Der serbische Gesanüte verläßt Sofia. Budapest, 27. September.