f 5 Pfennig] Dk InlcrtionS'Gcbüijf vrtrlgt für die sechSgespaltei'.e Kalanel- »eile oder deren Raum 60 Pfg, für holMIche und gewerkschaftliche BereinK- und BersamnllungS- Anzeigen M Plg »k�ieine Tin zeigen", das ftttgedruckie iZort 20 Psg.(zuliilfig 2 fetigedruckte Wortes, jedes weftere Wort tv Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen des erste Wort IV Pfg. jedes weNere WortbPfg. Worte über tö Buch- ftaden zählen für zwei Worte. Inserate uii die nächste Numnier müssen bis i> Uhr nachmittags in der Exxedition «baegcden werden. Die Erpeditwu ijt bis 7 Uhr abends geöffnet. relcgramm-Ztdrefle: >S«Ää!i!etlI»Iikil Luit»". Zentralorgan der rozialdcmohratifcben Partei Deutfcblands. RcdoEticn: EW. 6$, Linüenstraße Z. Kernsprrcher: Anri Morivvlatr, Nr. lSI SO— läl S7. Expeöition: EW. v8, Linüenstraße 5. kerniprecher: Amt Morittplatt, Nr. lSI SV— löl S7. Zlr. 53.-33. Jahrg. kldonnementz-Keilingungen: AbonnemeMS- Preis pränumerando: Lierteljährl. Z�v Mb. monatll I.Z0 MI. wöchemtich 2o Psg. frei ins HauS. Einzelne Nummer o Pfg. Sonntags- nummer mft illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well» 10 Psg. Post. iidonnement: t.lv Mark pro Monat. Eingelragen in die Post-ZeilungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deuischland und Oesterreich» Ungarn 2.50 Mark, für das übrige Ausland s Mark pro Monat. Postabonnementt nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Lumönien. Schweden und die Schweis ettditist Ezna. Mittwoch, den 33. Februar 1316. Kriegsnotwenöigkeiten öer Erziehung. In der Zeit des Friedens fand die Auffassung, daß der Krieg ein guter Erzieher sei, aus pädagogischen Kreisen heftigen Widerspruch. Mit dem Ausbruch des Krieges indessen glaubten viele, die sich gern als die Erzieher und Führer deS Lölkes ausgeben, in dieser Beziehung umlernen zu müssen. Täglich konnte man mit wenigen Ausnahmen in der gesamten Presse maßlose Lobpreisungen auf den Krieg lesen, den man im Interesse der Erziehung geradezu herbeiwünschen müßte, wenn er nicht durch die Tücke der Feinde entstanden wäre. Diese Anbetung des Krieges entsprang offenbar der vielleicht gutgemeinten Absicht, den blutigen Kampf an den Grenzen Deutschlands durch den weniger gefährlichen Krieg mit der Feder daheim zu unterstützen. Und wer dagegen kritische Be- denken schüchtern zu äußern wagte, wurde entweder als ein bedauernswertes Geschöpf, dessen Verstand zu kurz sei, um aus den Kriegsereignissen zu lenwn, bespöttelt oder gar als ein gefährlicher Pessimist denunziert, dem an oinem Siege Deutschlands nichts gelegen sei. Wohl kaum sind die durch den Krieg erzeugten Illusionen don der brutalen Macht der nackten Tatsachen so schnell und restlos verdrängt worden, wie die in bezug auf die ethischen Einflüsse des Krieges. Die Spalten der Presse, die ehedem Dithyramben auf den Krieg enthielten, sind jetzt gefüllt mit bewegten Klagen über die zunehmende Verwahrlosung der Jugend, Zweifellos ist viel Uebcrtreibung dabei. Trotzdem kann aber nicht geleugnet werden, daß der Krieg einen starken ungünstigen Einfluß auf die Jugend ausgeübt hat. Die Talsachen führen eine so deutliche Sprache, daß man sich ihrer Wirkung nicht entziehen kann. Nach einer statistischen Erhebung der Zentrale für Jugendfürsorge ist im letzten Jahre gegenüber den Friedensjahren die Straffällig- keit, insbesondere der Zwölf- bis Vierzehnjährigen, durch- weg gestiegen, teils sogar um 100 Proz. Die Jugendgerichtshilfe der Zentrale weist im zweiten Kriegsjahr 2927 Fälle gegenüber 1723 im Jahre 1913 auf. Die Untersuchung führt den sehr lehrreichen Nachweis, daß die Kriminalität der Jugend mit der Dauer des Krieges stetig steigt. Eigentums- vergehen und Roheitsdelikte nehmen den ersten Platz der Straftaten ein. Damit ist die Phrase von den ethischen Wirkungen des Krieges hoffentlich für alle Zeit widerlegt. Nur eine oberflächliche und einseitige Betrachtungsweise kann in dem Krieg einen guten Erziehungsfaktor erblicken. Die beim Kriegsausbruch zutage getretenen guten Eigenschaften der Volksgenossen, wie insbesondere die des Opferns, die der Auffassung von den erzieherischen Fähigkesten des Krieges neue Nahrung gegeben haben, sind doch nur die Früchte jahrzehntelanger Erziehungsarbeit, wie sie eben nur im Frieden möglich ist, und die durch die eiserne Gewalt des Kriegszustandes nur offenbar geworden sind. Sind doch auch in Friedenszeiten, wenn auch nur auf gewisse Bevölkerungsschichten beschränkt, diese guten Eigenschaften in der Not zutage getreten, so vor allem in den gewaltigen Wirt- schaftlichen Kämpfen der Arbeiterschaft. Die sittlichen Kräfte, die der Kriegsausbruch zur Eni- faltung bringt, vernrögen indessen auf die Dauer den dämoni- schen Gewalten des Krieges nicht standzuhalten. Einen sitt- lichen Aufschwung hat bis jetzt noch kein Krieg zur Folge ge- habt. Die destruktiven Tendenzen des Krieges müssen natur- gemäß auf die noch nicht gefestigten Charaktere, die der Er- ziebung am meisten bedürfen, also auf die heranwachsende Jugend, am stärksten wirken. Die Haltung der Presse hat diese Kriegswirkungen noch eher künstlich gesteigert als ab- geschwächt. Man erinnere sich nur der Schlachtenberichte� und gewisser Feldvostbriefe. die in den ersten Monaten des Krieges den größten Raum der Zeitungen einnahmen. Die Entfachung und Reizung des Volkerhasses und des Racheinstinktes mußte ebenfalls vor allem auf die urteilsunfähige Jugend gefühls- verrohend wirken. Dazu sebafft, wie die Geaenwart lehrt, der Krieg Wirt- schaftliche und soziale Zustände in der Heimat, die eine gute Erziehung der Jugend ungemein erschweren. Von einem er- zieherischen Wert des Familienlebens kann im allgemeinen nickst mehr geredet werden. Viele Familien sind im buchstäb- lichen Sinne des Wortes aufgelöst. Erst jetzt zeigt sich, wie stark der moralische Einfluß ist, den der Vater auf die Kinder auszuüben imstande sst. Die Mutter, von der Not zur Er- werbsarbeit getrieben, muß die Kinder schon im frühen Alter sich selbst oder der ungeeigneten Aufsicht älterer Geschwister überlassen. Die Erledigung der häuslichen Angelegenheiten raubt der Arbeitsmntter noch dazu die Möglichkeit, nacb ge- werblicher Tätigkeit sich ihren Kindern zu widmen. Ohne Sckuch und moralischen Halt, ohne die wärmende Sonne der elterlichen Liebe wachsen sie heran. Die triste Enge des MW»es Men SiWWMs. Amtlich. Großes Hauptquartier, dcu 22. Februar 1916. iW. T. 839 Westlicher Kriegsschauplatz. DaS nach vielen uusichtigen Tageu gesteru aufilareude Wetter führte zu lebhafter Artillerietätigkeit an vieleu Stellen der Front; so zwischen dem Kaual von La Bass6e und Arras, wo wir östlich von S o u ch e z im Anschluß au unser wirkungsvolles Feuer den Franzosen 800 Meter ihrer Stellung im Sturm entrissen nud 7 Offiziere, 319 Manu gefangen einbrachten. Auch zwischen der Somme und der Oise, au der Aisur-Frout und e« mehreren Stellen der Champagne steigerte sich die Kampftätigkeit zu größerer Heftigkeit. Nordwestlich von Tahnre scheiterte em französischer Hand- grauatenangriff. Endlich setzte« auf den Höhen zu beiden Seiten der Maas oberhalb von Dnu Artillerickämpse ein, die au mehreren Stelleu zu beträchtlicher Stärke auschwolleu und auch während der letzten Nacht nicht verstummten. Zwischen de« von beiden Seite» aufgestiegeue« Flieger» kam es zu zahlreiche» Luftgefechten, besonders hiuter der feindlichen Front. Ein deutsches Luftschiff ist heute nacht bei Reviguy dem feiudlicheu Feuer zum Opfer gefalleu. Oeftlicher und Balkau-Kriegsschauplatz. Die Lage ist im allgemeiueu«nveräudert. ObersteHeereSleituvg. •» Sei»MW MmMsserlU. W i e u, 22. Februar. iW. T. s.) Amtlich wird der- laudartt: Russischer und südöstlicher Kriegsschauplatz. Nichts Neues. Italienischer Kriegsschauplatz. An der Jsonzofrout waren die Artilleriekämpfe im all- gemeinen, namentlich aber bei Plana, recht lebhaft.— Eines unserer Flogzruggcschwader unternahm einen Angriff auf Fabrik- anlagen in der Lombardei. Zwei Flugzeuge dränge» hierbei zur Erkundung bis Mailand vor. Ein anderes Geschwader griff die italienische Flugzcngstatiou und die Hafenaiilageu von Desenzan» am Gardasce an. Bei beiden Unternehmungen wurden zahlreiche Treffer in dcu AngriffSobjekteu beobachtet. Trotz heftigen feindlichen Artilleriefeuers kehrten alle Flugzeuge wohlbehalten zurück. Der Stellvertreter des ChefS des Generalstabe»: von Hoefer. Feldmarfchalleutnant. Arbeiterhsims, das ja gewöhnlich nur ein Quartier ist, treibt die flügge gewordene Jugend ins bunt bewegte Leben mit all seinen mannigfachen Gefahren. Ter Mangä an erwachsenen Arbeitskräften, der leider zur Aufhebung des Jugendschutz- gesetzes geführt hat, erleichtert es dem Kinde, schon in ver- hältnismäßig frühem Alter, oft ohne Wissen der Mutter. Geld zu verdienen, für dessen nützliche Verwendung es noch nicht erzogen ist. Die Erwerbsarbeit der Kinder muß somit nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige und moralische EntWickelung der Jugend schädigen. Zu nicht geringeren Bedenken gibt die durch den Krieg herbeigeführte Umwälzung der wirtschaftlichen Lage der schul- entlassenen Jugend Anlaß. Die ungünstigen Folgen der überlangen Beschäftigung und der Nachtarbeit können auch durch einen höheren Lohn nicht aufgehoben werden. Die ge- sundheitsschädlichen und demoralisierenden Wirkungen der Nachtarbeit auf die Jugend scheinen im allgemeinen stark unterschätzt zu werden. Sonst würde wohl gegen diese ver- derbliche Art der Beschäftigung Jugendlicher energischer vor- gegangen werden. Es ist nur natürlich, daß ein Jugendlicher, wenn er des Nachts gearbeitet hat, für den erholenden Schlaf am Tage kerne Ruhe findet. Um seine ermatteten Nerven zur Bewältigung der Arbeit anzuspornen, greift er zu kllnst- lichen Reizmitteln, deren Benutzung schließlich zur Gewöhn- heit werden und die Gesundheit des Jugendlichen nur allzu früh untergraben muß. Auch die schädliche Einwirkung der künstlichen Beleuchtung in der Nacht auf das Nervensystem darf nicht unterschätzt werden. Wer aber nicht mehr die Spann- kraft seiner Nerven besitzt, vermag auch nicht den sittlichen Gefahren, die zumal in der Großstadt sich den jungen Men- schen täglich aufdrängen, den erforderlichen Widerstand zu leisten. Alle schönklingenbeu Moralpredigten helfen da nichts. Es hat nun nicht an Maßnahmen und Vorschlägen ge- fehlt, den schädlichen Wirkungen des Kriegszustandes auf die Jugend zu begegnen. In vielen Bezirken Deutschlands haben die stellvertretenden Generalkommandos Verordnungen er- lassen, wonach den Jugendlichen der Genuß von Alkohol und Tabak, der Besuch von Gastwirtschaften und Kinos, ja sogar der Aufenthalt auf der Straße während der Dunkelheit ver- boten ist. Neuerdings wird von sogenannten Jugendfreunden ein weiterer Schritt auf diesem Wege gefordert. In dem „Ratgeber für Jugendvereinigungen"(Heft 12, 191?) redet die Gräfin Selma von der Gröben-Hannover einem Jugend- gesetz das Wort, das der Polizei die Berechtigung erteilen soll, die Jugendlichen beiderlei Geschlechts beim Eintritt der Dunkelheit nach Hause zu weisen. Und in Nr. 5 der„All- gemeinen Rundschau", einer Wochenschrift, die dem Zentrum nahesteht, verlangt der Chefredakteur Josef Weber-Donan- Wörth, die Ausführung und Ueberwachung der Verordnungen. die ganz allgemein ausgedehnt werden müßten, garnison- dienstfähigen Militärpersonen zu übertragen. Ja, er geht noch weiter: „Jugendliche, welche sich z u Hause oder in den Geschäften nicht fügen wollen, müßten gewärtigen. daß sie unter Umständen ausBericht der militärischen Vertrauensleute von der Militärbehörde ein- gezogen werden köimen und in der Kaserne Straf- d i e n st e leisten müßten— etwa in eigenen I ugendabte ilnngett. Daß diese Strafleiftungen nicht eben zu leicht gemacht würden, wäre Voraussetzung. Auch Geldbußen würden gute Wirkungen tun, zumal da viele Jugendliche viel Geld verdienen, ohne es noch zti verstehen, mit dem Gelde umzugehen.� Durck Anlage einer Führtingsliste, die dem Militär von Zeit zu Zeit ein gereicht werden müßte und für die seitens der Eltern, Lehr Herrn und Geschästsürhader Einträge in Vorschlag gebracht wer- den könnt««, würde den Jugendlichen heilsamer Respekt bei- gebracht werden. Nur auf solchen reagieren sie noch urit Unter« ordmlng." Die Propaganda für die Ausdehnung und gesetzliche Regelung der Polizeiverbote gegen die Jugend erheischt denn doch eine gründlichere Untersuchung der Frage, ob mit der- artigen Mitteln der Erziehung der Jugend ein guter Dienst erwiesen werden kann. Ein Verbot, an Jugendliche Tabak und Alkohol zu verkaufen, wird wohl kaum bei den Freunden der Jugend ein Bedauern auslösen. Ter andere Teil der Verordnung kann aber dazu führen, daß die Jugendlichen guten erzieherischen Einflüssen entzogen werden. Die Jugend- vereine sind bei ihren Veranstaltungen leider aus die Benutzung von Räumen der Gastwirtschaften angewiesen. Daß aber die Jugendbewegung einen erzieherischen Einfluß auf ihre Anhänger tatsächlich ausübt, insbesondere den Alkohol» und Tobakgenuß wirkungsvoll bekämpft, braucht wohl kaum erst noch bewiesen zu werden. Auch die gewerkschaftliche Be- tätigung erfordert oft die Benutzung von Lokalen der Gast- wirtschaften. Sicherlich wollen jene Verordnungen eine Ein- schränkung der Tätigkeit der Jugend- und Gewerkschafts- bewegung nicht bezwecken. Der allgemeine Wortlaut der Verfügungen könnte aber dazu führen. Wurde doch durch das Verbot des Aufenthalts der Jugendlichen auf der Straße während der Dunkelheit unsere Jugendbewegung in Chemnitz gezwungen, ihre Jugendheime an den Wochentagabenden zu schließen, da eine Aushebung des Verbots für die Besucher der Heime abgelehnt wurde. Dazu kommt, daß die Jugend- lichen durch ihre gewerbliche Arbeit unter Umständen ge- hindert werden, das Verbot zu befolge». Denn die Arbeits- zeit der Jugendlichen endet ja nicht mit dem Eintritt der Dunkelheit, und der Weg von der Arbeitsstätte zur Wohnung ist in den Städten oft recht lang. Es dürfte also ohne weiteres einleuchten, daß die Ver- fügungen der Generalkommandos, die ja auch nicht aus er- zieherischen, sondern aus Gründen der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung entstanden sind, keine Lösung des Pro- blems der Erziehung der Jugend in der Kriegszeit bedeuten können. Das Uebel muß an der Wurzel gepackt werden. Zunächst ist die wirtschaftliche und soziale Lage der Jugend zu bessern. Das Verbot der Kinderarbeit muß strikte durch- geführt werden und die Schutzgesetze für die arbeitende Jugend müssen zum mindesten in dem Umfange wie in der Zeit vor dem Kriege wieder in Kraft treten. Für die vor- und schulpflichtige Jugend, die durch das Feblen des Vaters und die Erwerbstätigkeit der Mutter ohne Obhut ist, müssen in ausreichendem Maße Kinderhorte unter weltlicher Lcitimg geschaffen werden, die den ganzen Tag geöffnet sind und die auch die Speisung der Kinder zu übernehmen haben. Die Horte dürfen sich nicht auf eine Tätigkeit in geschlossenen Räumen beschränken. Sie müßten in der wärmeren Jahres- zeit auch Wanderungen in die Natur mit Svielen im Freien unternehmen. Auch Besichtigungen von Museen und in- dustnellen Anlagen wären zu empfehlen. Die Kinder müssen möglichst vielseitig beschäftigt werden. Jede Art politischer und religiöser Beeinflussung der Kinder hat schon in Rücksicht auf die Tesinnvnfl 5:e Glfefn zu untetÜleiben. Damit die erwerbstätige Muttsr tick» in den Feierstunden ihren Kiirdern widmen kann, wäre auch die Einschränkung der häuslichen borgen durch Schaffung van Speiseanstalten unter kam- munaler Berwaitung wünschenswert. ftür die schulentlassene Jugend müßten Jugendheime ein- gerichtet werden, in denen sie ilne Freistunden in harmlos- frohem Kreise Gleichgesinnter unter Anregung und Leitung geeigneter Erwachsener nützlich verbringen kann. Wohl jede Gemeinde besitzt Räumlichkeiten, die für diesen Zweck leicht wohnlich hergerichtet werden können. Der Besuch dieser Heime muß den Jugendlichen natürlich freigestellt werden, nur dann wird es einen erzieherischen Einfluß auf sie aus- üben können. Das Interesse der Jugendlichen"für derartige Einrichtungen wird wesentlich gehoben, weim sie zur Mit- arbeit an der Verwaltung und Leitung herangezogen werden, wie es bei den Arbeiterjugendheimen der Fall ist. Diese haben zum Unterschied von vielen von bürgerlicher Seite ge- gründeten Jugendheimen über einen Mangel an Besuchern nicht zu klagen. Durch Bereitstellung von geeigneten Räumen rür die Jugend würde der Kampf gegen Alkohol- und Tabak- qermß wirkungsvoller unterstützt werden als durch bloße Ver- dote. Unterstützung mit den Mitteln der Allgenieinheit ver- dient auch jede Bewegung, die sich der arbeitenden Jugend annimmt. Die Gemeinden zur Erfüllung dieser wahrlich nicht unwichtigen Kriegspflichten zu veranlassen, sollten vor allem die sozialdemokratischen Gcmeindevertreter als ihre Aufgabe ansehen. Es muß auch versucht werden, die Jugend vor den vsychologiscÜLN Wirkungen des Krieges zu schützen. �Ganz werden sie dwsen Einflüssen ja nicht entzogen werden können. Aber die Presse, die in dieser Beziehung großen Segen stiften könnte, hat bchher in dem vom politischen Standpunkte aus sehr verständlichen Bemühen, den Krieg zu fördern, der Er- ziehung der Jugend nianchen Schaden zugefügt. Die Redakteure haben wobl im Drange der Geschäfte zu wenig be- dacht, wie die Reizung des Völkerhasses, die Veranschaulichung gräßlicher Schlachten, die Glorifizierung blutiger Heldentaten auf das Gemüt der Jugend wirken müssen. Auch in der Schills ist in dieser Hinsicht von manchem Lehrer das päd- agogisch zulässige Maß überschritten worden. Die in der .Kriegszeit sehr gepflegte patriotische Erziehung der Schul- juge-rd hat ganz im allgemeinen sich zu wenig bemüht, die Kinder innerlich zu erfassen. Cure auf äußerliche Wirkung eingestellte patriotische Erziehung erzeugt nur nationale Eitel- keit und Dünkel. Bei den Siegesfeiern ist dieser Erfolg ja oft genug in die Erscheinung getreten. Die Sitte, die Siege der deutschen Truppen durch Aufhebung des Unterrichts zu feiern, muß ats ein pädagogischer Fehlgriff bezeichnet werden. Ter Pädagoge wird diese Ereignisse als einen willkommenen An- laß benutzen, die Kinder zur Arbeitsamkeit und zur Erfüllung der Pflichten gegemüber der Gesamtheit anzuregen, die die Grundlagen der Wohlfahrt der Gemeinschaft bilden. Durch Fcficfcicrn werden diese Eigenschaften den Kindern nicht an- erzogen. Es wird auch nachgerade Zeit, daß alle, die an der Er- ziebung der Jugend mitwirken, wieder zur Selbstbesinnung kommen und sich bemühen, die Sinne und Gedanken der Jugend von dem zerstörenden Kriegshandwerk ab- und der aufbauenden Friedensarbeit hinzulenken. In den Herzen der Kinder muß immer tiefer der Gedanke Wurzel schlagen, daß Krieg, der schließlich doch nur aus ungebändigten Leiden- schaften und Instinkten entstanden ist. ein großes Unglück für die Menschheit ist, das man nur betrauern, aber nicht. ver- herrlichen, darf. Gründliche und verantwortliche Arbeit, die den Mit- rwrkenden Selbstentsagung und Mühe und der Allgemeinheit finanzielle Kosten auferlegt, ist also erforderlich, um die ver- ii erblichen Wirkungen des Krieges auf die Jugend zu be- seitigen. Wer sich dieser Mitarbeit entzieht, der hat jedes Recht verwirkt, über die Verwahrlosung der Jugend auch nur ein Wort zu verlieren. Hier gilt es nur zu handeln oder zu schweigen._ 0) Der französische Tagesbericht. Paris, 22. Februar.(W. T. B.) Amtlicher Bericht don Piontag nachmittag. Schwache Tätigkeit der beiderseitigen Krtillerien aus der gesamten Front, abgesehen nördlich von Verdun, wo die Artillerien eine gewisie Lebhaftigkeit entwickelten. Im Lrtois. nordwestlich der Höhe li), versuchte der Feind ohne Erfolg zwei örtliche Angriste mit Handgranaten. Ein Geschwader von fünf französischen Flugzeugen bombardierte feindliche Munitionsniederlagen bei Chatean Martineourt lind Azoudange, sowie südwestlich und süd- östlich von Dieuze. Deutsche Flugzeuge warfen diese Nacht auf Lunöville, DombaSIe und Nancy einige Bomben, die indes nur geringen Schaden verursachten. Paris, 22. Februar. sW. T. 23.) Amtlicher Bericht von Montag abend. Im Ariois lietz der Feind nördlich der Straße von Lille eine Mine springen. Ein unmittelbar darauf folgender Gegenangriff vertrieb ihn von dem Trichter, besten eine Seite wir besetzt halten. Am späten Nachmittag haben die Deutschen ein heftiges Bombardement auf unsere Gräben Nordwest- lich von Givenchy gerichtet, auf das unsere Batterien kräftig ant- worteten. Südlich der Somme hat der Feind im Abschnitt von LihonS, nachdem er zuvor auf unsere Linien ein heftige« Feuer und unaufhörliche Ströme von erstickenden Gasen auf einer Front von 7 Kilometern gerichtet hatte, versucht, an verschiedenen Stellen die Gräben zu verlassen. Er ist aber überall durch unser Sperr- und Jnfanteriefeuer zurückgeschlagen worden. In der Champagne haben wir wirksam die deutschen Stellungen wesllick der Straße von St. Hilairo nach St. Souplet beschossen. In den Argonnen hat ein vernichtende» Feuer auf die seindlicheir Werke in der Nähe der Straße nacki St. Hubert mehrere BeobachtungSposten am Walde von Cheppy zerstört. Ueberall in der ganzen Gegend von Verdun zeigten sich die beiden Artillerien unab- lässig sehr tätig. Südöstlich von St. Mihiel haben wir die deutschen Stellungen im Walde von Billy beschosten. Die Deutschen haben ein« Anzahl schwerer Geschosse auf St. Diö geworfen, wo- durch ein Einwohner getötet und sieben verwundet wurden. Tie Flugtätigkeit des TageS ist durch zahlreiche Luftkämpfe gekennzeichnet/ Uebcr TagSdorß östlich � von Sltkirch. griff eines unserer Flugzeuge auS nächster Nähe einen Fokker an und gab auf ihn 1ö Schüsse ab. Der feindliche Apparat glitt auf dem rechten Flügel ab und fiel dann zu Boden. In der Gegend von Epinal wurde ein MbatroS durch daZ Feuer unserer Artillerie in die Flucht geschlagen. In der Gegend von BureS nördlich des Waldes von Parroy wurde ein deutsches Flugzeug durch zwei der unsrigcn angegriffen und mußte in unseren Linien� niedergehen. Der Führer und der Beobachter sind tot. Ein Geschwader von sieben französischen Flugzeugen hat vier feindlichen Flug» zeugen in der Gegend von Ligneul-IeS-HattouchKel ein Ge- secht gslieferi. Zwei don den letzteren wurden gezwungen zu landen, die beiden anderen ergriffen die Flucht. Feind- lichs Flugzeuge haben FiSmeS, Bar le Duc und Redigny bombar- diert. In der Nähe deS letzteren Punkte« wurde ein feindliches Ge- schwader aus 15 Flugzeugen durch eines unserer Jagdgeschwader überrascht und mußte emen Kampf liefern, in dessen Verlauf ein deutsches Flugzeug bei Gtvry in den Argonnen niedergehen mußte. Die beiden Flieger wurden zu Gefangenen gemacht. Ein zweites feindliches Flugzeug, das verfolgt wurde, ging steil in den deutschen Linien nieder. Eine unserer Beschießungsgruppen, aus 17 Flugzeugen bestehend, hat SS großkalibrige Geschosse auf das Flugfeld von Habsbeim und auf den Güterbahnhof von Mülhausen abgeworfen. Eine andere Gruppe von 28 Flug« zeugen warf zahlreiche Geschosse aus die Munilionsfabriken des Feinde« in Pagny an der Mosel.?!cch diesen verschiedenen Operationen sind alle unsere Flugzeuge an ihre Landungsstätten zurück- gelehrt. Ein Zevpelin, der sich auf dem Wege nach St. Menehould befand, wurde südlich davon durch eine Abteilung unserer Automobil- geschütze au« Revigny abgeichosten. Von einem Brandgeschoß durch- ichlagen, fiel er brennend in der Umgegend von Brabanr-le-Roi nieder. Belgischer Bericht: Nichts Bedeutendes von der belgischen Front. D!e englisihe Melüung. London, 21. Februar. kW. T. B.) Amtlicher Bericht. 26 Flugzeuge haben die Depots von Don angegriffen und, wie man vermutet, an den Eisenbahnmagazinen außerordentlichen Schaden angerichtet. Sie sind sämilich wohlbehalten zurückgekehrt. Die Artillerie beschoß lebhaft die Gräben bei Hulluch und nördlich deS Kanals von Dpern nach Comines. Schwere Haubihen verursachten eine große Erxlosion in der Geschützstellung von Radinghem. Feind- licke Lustsahrzeuge machten einen Angriff auf verschiedene Städte in unterem Gelände. Militärischer Schaden wurde nicht angerichtet, einige Zivilpersonen wurden getötet.' Der rujsische Heeresbericht. Petersburg, 22. Februar. sW. T. B.) Amtlicher Bericht vom 21. Februar 1916. Westfront: Bei Schloßberg(16 Kilometer nordwestlich Düna- bürg) beschoß unsere Artillerie eine größere deutsche Abteilung, die mit Arbeiten beschäftigt war. Die Deutschen flüchteten. Bei Jlluxt sprengten wir fünf Minen unterhalb von fünf deutschen Blockhäusern. Wir besetzten die durch die Explosion entstandeneii Trichter. Um den Besitz von zwei Trichtern entstand ein heftiger Kampf, zuletzt blieben sie in unserem Besitz. In der Nacht zum 2t. warten unsere Flieger einige Dutzend Bomben auf Stadt und Bahnhos Bnczaez. Nach Abwurf einer Bombe von 16 Kilogramm wurde starke Feuer- und Rauchentwicklung beobachtet. Unser 2. Luftgeschwader warf auf den Bahnhof von Monasterzyska(tö Kilometer westlich Buczacz) zehn Bomben von 36 Kilogramm Gewicht und fünf von SO Kilogramm. Am Tnjester, in der Gegend von Uscieczko. vereitelte unser Feuer den Versuch des Gegners, sich unseren Gräben zu nähern. Schwarzes Meer: Unsere Torpedoboote versenkten an der anatolischen Küste 13 Segelschiffe. Kaukasus: In der KLstengcgend warfen unsere Abteilungen die Türken aus ihren Stellen am Witie-Fluß und drängten sie über den Böjuk-Fluß zurück. Bei der Verfolgung des Feindes in der Gegend von Erzerum nahmen wir noch einige Hundert Aökaris ge- fangen. Unsere Kosaken stießen in den Bergen mit einer türkischen Infanterie- und Artilleriekolonne zusammen, griffen sie an. zer- treuten die Infanterie und erbeuteten- drei Feldbatterien und zahl- reiche MunittonSwagen. In der Gegend von Chnyskala(ThiniS) griff unsere Kavallerie eine stärkere türkische Jnsanterieabteilung und ein Kavalleneregiment an und warf sie zurück. Die Türken ließen viele Tote auf dem Gesechtsfelde zurück, außerdem machten wir Ge- ängene.__ Meldung üer italienischen Heeresleitung. Rom, 21. Februar.(13. Z. B.) Amtlicher Bericht. Auf der ganzen Front kein Ereignis von Bedeutung. C a d o r n a. Melüung ües türkischen Hauptquartiers. Koustautinopel, 22. Februar.(W. T. B.) Amtlicher Bericht: Von den verschiedenen Fronten ist keine Nachricht eingelaufen, die eine tvichtige Veränderung meldet. Die türkische Melüung über üie Einnahme von Erzerum. Konstautiuopel, 22. Februar.(W. T. B.) Amtliche türkische Mitteilung: Unsere Armee hat sich aus militärischen Rücksichten ohne Verlust in westlich von Erzerum gelegene Stellungen zurückgezogen, nachdem sie die 15 Kilometer östlich der Stadt befindlichen Stellungen sowie 50 alte Kanonen, die nicht weggeschafft werden konnten, an Ort und Stelle zerstört hatten. Die von den Russen verbreiteten phantastischen Nach- richten, wonach sie in Erzerum 1000 Kanonen erbeutet und 80000 Gefangene gemacht hätten, widersprechen der Wahrheit. In Wirklichkeit hat, abgesehen von den in den erwähnten Stellungen vorgekommenen Kämpfen, kein Kampf in der Um- gehung von Erzerum stattgefunden. Im Grunde genommen war Erzerum keine Festung, sondern eine offene Stadt. Die in der Umgebung befindlichen Forts hatten keinen militärischen Wert; aus diesem Grunde wurde es auch nicht in Erwägung gezogen, die Stadt zu halten. Einiges über üen jall von Erzerum unü üen Sinn ües Orientkrieges. Als die Nachricht über den Fall von Erzerum bekanntgegeben wurde, schrieb die„Frankfurter Zeitung- in einem Leitartikel: „Tie s-eit wenigen Wochen begonnene russische Offensive führt den Krieg im Orient zu seinem Ursprun« zurück, der in der unbedingten Notwendigkeit der Vertei- digung des türkischen Staatsgebietes lag." Diese Aufgabe erkennt die„Frankfurter Zeitung" auch für den jetzigen Augenblick an: „Jedenfalls bat die neue russische Offensive nachdrücklich gezeigt, worauf es beim Orientkriea unS und unfern Verbündeten vor allem ankommen muß: auf die Erhaltung der Türkei im Umfang ihres bisherigen Gebietes. Dieses Ziel wird natürlich um so leichter zu erreichen sein, je stärker der Gedanke zur Geltung kommt, daß die Kmitpsschauplätze in der Türkei eine st r a- t e g i s ch e Einheit bilden, und je weniger das türkische Gebiet während des Kriegs einer feindlichen Invasion preisgegeben werden muß." Eine wesentlich andere Auffassung vertritt— selbstverständlich unter Ausschaltung der militärischen Gesichtspunkte— Herr Paul HarmS ül der Polstischen Wochenschau deS.Berliner Tageblatts" vom 26. d. M. Die politisch« Bedeutung de? Falles von Erzerum bangt nach seiner Auffassung„gar sebr dannt zusammen, welchen Sinn man dem Krieg im ganzen und besou- ders dem Krieg im Südosten zuzuerkennen geneigt ist". Es ii> nicht unintcrjsant, wie Herr Harms sich über diesen„Sinn" äußert: -AIS der Krieg im Südosten begann, wollte es uns scheinen, als umwehe uns die Luft der Geniezeit, da König Wichelms gereiste Lebenserfahrung.zwischen Mottle und Bismarck den Aus- gleich schuf. Mancher nahm an, alle militärischen und politi- schen Kräfte auf unserer Seite würden zusammengefaßt. u:n dem einen großen Ziele zuzustreben: Mitteleuropa und seinem sitoösttichen Vorlande den Zukunftsweg nach Asien freizumachen. Man durste sich im stillen sagen, daß durch beharrlich-unbeirr- liches Vordringen auf ein scharf erfaßtes Ziel schon mehr. als ein Krieg zu glücklichem Ende gebracht worden. Diese Auf- fassung vom Sinne des Krieges würde jeden- falls am Rückschlags von Erzerum schwerer zu tragen haben als jede andere. Heute aber müssen wir uns wohl fragen: ob diese Auf- fassung die richtige war. Ob wir den Sinn d:s Krieges, damals, nicht zu weit gesaßt haben? Vielleicht kommen wir ihm doch näher, wenn wtr ibn dahin verstehen: daß es sich dabei um die Zukunftswege deutscher Volks- Wirtschaft gar nicht gehandelt hat. Vielleicht war der Sinn des Krieges nur der: erst einmal unseren Verbündeten auf dem Balkan die Stellung zu erringen und zu festigen, die sie vor dem Kriege dort erstrebten, gegen das mit Serbien arbeitende englisch-russische Gegenspiel allein aber nicht zu halten ver- mochten, und die sie ohne jeden Zweifel doch haben mußten, wenn der Krieg für sie einen Sinn haben sollte." Wir wollen darauf nicht eingehen, ob die Zweifel des Herrn Harms berechtigt oder unberechtigt sind. Jedenfalls sind sie als Symptom der nüchterneu Betrachtung des Orientkrieges und als Reaktion gegen die Ueberschwänglichkeiten der letzten Monate de- achtenswert. Herr Harms verhchlt sich auch keineswegs, daß die Situation am Balkan mid iit Vorderasien in letzter Zeit ein an- deres Gesicht bekommen hat: „Engländer und Franzosen mehren ihren Besitz an gricchi- f ehern Grund und Booen von Tag zu Tage, und durch den Fall von Erzerun: ist den Russen der Einbruch in das türkische Ar- menien so überraschend gelungen, wie sich das die öffentliche Meinung vor zwei Monaten nicht hätte träumen lassen. Kon- stantinopel ist, dank der Tapferkeit der türkischen Verteidiger, dank der hilfreichen Tatkraft deutscher Offiziere und Mann- schaften, dank dem unwiderstehlichen Vordringen deutscher, österreichischer und bulgarischer Heere auf dem Balkan, auf absehbare Zeit vor Bedrohung gesichert Aber was binter der Linie Saloniki— E r ze r u m liegt— sie zieht sich noch reichlich dicht hinter Konstantinopel vorbei—, das i st minder g c- sichert und verspricht es auf absehbare Zeit auch zu bleiben." Zu den in verschiedenen Blättern ertönenden Stimmen, es werde den Russen mit der Eroberung von Erzerum gehen wie einst mit der Eroberung von Przemysl, bemerkt Herr Harms: „ES soll uns von Herzen freuen, wenn das währ wird. Nur, sofern damit aus eine deutsche Hilfeleistung zur Vertreibung der Russen angespielt wird, möchte man doch zur Vorsicht raten. Wir laben von Beobachtern aus nächster Nähe in letzter Zeit viel gehört von dem berechtigten S e l b st g e s ü h l der neu erstarkten Türkei. Demgegenüber sollten wir doch mit jeder Hindeutung auf eine dem tapferen Volke vielleicht gar nicht erwünschte Hilfe vorsichtig sein. Wir könnten das im vpr- liegenden Fall um so eber, als der gerechte Wunsch der Türkei. sich fortan au« eigener Kraft zu behaupten, durchaus nicht dem widerstreitet, was wir in Zukunft wohl als die Richtschnur für unsere Interessen werden anzuerkennen haben." Wir gehen wohl kaum fehl, wenn wir zwischen dieser zur Re- serve mahnenden Stimme und dem dieser Tag« im„Beil. Tagebl." veröffentlichten Bericht Dr. W. F e ld m a n n s über den türkischen NätionaliS-mus einen � gewissen inneren Zusammenhang sehen. Dieser StimmungSbericht eiites Beobachters, der auf Grund der neuesten Entwickelungstendenzen der Türkei mit vielen über- schwänglichen Erwartungen aufräumt, liefert in der Tat beachten?- wertes Material zur Beleuchrung der Frage vom»Sinne de» Krieges" i-m Südosten Europas.(?) Die Kämpfe in Mesopotamien unü am Suezkanal. London, 21. Februar.<38. T. 33.) Amtlich. Am 17. Februar und am 19. Februar wurde das britische Lager bei Kut el Amara von Flugzeugen mit Bomben beworfen, ohne daß Schaden angerichtet wurde. Die Entsendung von Verstärkungen zu General Ahlmers Entsatzkorps macht befriedigende Fortschritte. Der Oberbefehlshaber im Mittelmeer berichtet: Bei einem am 20. FeSruac ausgesübrien Erkundungssluge nach � einem vorgeschobenen Posten de« Feindes ö st l i ch deS Suez- k a n a l s ging einer unserer Flieger aus 660 Fuß hinab und zerstörte durch einen Wurf mit einer hundertpfündigen Bombe die feindliche Kraslstation bei El Hassama. Seschießung üer kleinasiatischen Küsie. Amsterdam, 21. Februar.(W. T. B.) Einem hiesigen Blatte zufolge meldet die.Times" aus Mytilcne. daß Pur lg im Golfe von Smyrna im Wilajct Aidin und die türkischen Batterien an diesem Golf wieder heftig von den Kriegsschiffen der Bllierten beschossen wurden. Zur Besetzung Korfus. Wien, 22. Februar.(W. T. B.) Der österreichisch�un- g a r i s ch e Konsul in Korfu, Theodor Edl. dem die Flucht vor seiner Verhaftung durch die in Koriu gelandeten Fran- zoien gelungen ist. ist in Wien angekommen. Er schildert in der „Zeit" die Besetzung der Ansei durch die am 10. Januar nacht« 2 Uhr gelandeten französischen Truppen, die in Begleilung eines vom Vizeadmiral Cbocheprat geführten Geschwaders eingetroffen waren. Ein französischer Offizier erschien wieocrholt im öfter- reichisch-ungarischen Konsulat und forderte unter GewattSandrohung die Entfernung der österreichisch-ungarischen Fahne. Koitiul Edl loeigerle sich, dem Verlangen zu entsprechen, konnte aber schließlich nicht verhindern, daß die Fahne entfernt wurde. Hieraus wurden die französischen Wachen vom Konsulat zurückgezogen. Edl konnte sich nunmehr- frei bewegen. Auf dem Mast vor dem Achilleion weht eine französische Fahne, oberhalb dreier befand sich seit längerer Zeit auf dem Flaggenmast«ine deutsche Kanerkronc, die derart befestigt war, doß die Franzosen sie nicht entfernen konnten und schließlich den Mast absägten. Den herrlichen Park durchwühlten die FranZoien nach allen Richtungen� aus der Suche nach veriteckten Benzinvorräten für deutiche llnterseeboote. ES ist unnötig zu sagen, daß die Franzosen kein Benzin vorfanden. Am 5. Februar gelang es Edl endlich, Korfu zu verlassen und nach einer mehrlagigen Automobil- und Bahnreise die bulgarische Grenze zu erreichen, von wo er von dem Präfekten nach Mpnastir gebracht wurde. Versenkung eines englischen Dampfers. London, 22. Februar.(W- T. B.) Meldung de« Reuter- scheu Bureaus. Derbritische Dampfer„Dingle" wurde versenkt. Es wurde wahrscheinlich nur ei» Mann gerettet. Zu den Kämpfen in deutsch-Gftafrika. Suttbou, 21. Februar.(SS. T. B.) Amtlich. Usber die Operationen in Deutsch-Ostafrika meldet General S m u t s: Am 18� Februar griff eine feindliche Streitmacht, be- stehend aus vier Europäern und 200 eingeborenen Soldaten den Posten von Eachumba an der Grenze von Uganda an. Unser Detachement bestand aus zwei Europäern und 38 eingeborenen Soldaten. Der Feind wutde gezwungen, sich mit Verlust von vier Europäern, 83 Eingeborenen, 8 Maschinengewehren und 48 Ge- wehren, sowie einer Menge Munition zurückzuziehen. Wir hatten keine Verluste. Anmerkung des SS. T. B.: Ebenso wie vor kurzem der noch gar nicht nach Ostafrika gelangte General Smith Dorrten von dort Telegramme über angebliche Erfolgs losliest, so scheint Herr Smuts, der vielleicht auch noch gar nicht den Soden Ostafrikos be- treten hat, das Bedürfnis zu empfinden, von sich boren zu lassen. Er begehl dabei aber leider den Fehler, etwas grob aufzuschneiden. Dast eine Abteilung von 4 Europäern und MS eingeborenen Soldaten— also eine Kompagnie— 8 Maschinengewehre mit sich geführt und diese gegenüber 2 Europäern 38 Mann sämtlich neben den übrigen Verlusten verloren haben soll, mögen dem Bur Smuts seine farbigen Landsleute in der Kalabari glauben, von uns kann er das, nach allem, was bisher in Ostafrika vorgefallen ist, nicht verlangen. Mit dem erwähnten Posten Eachumba ist wohl der auf der Karte als Fort Kasumbia bezeichnete, einige Kilometer nördlich deZ östlichen Schnittpunktes der deutsch-englischen Grenze mit dem Kageraflust ge» meint. Zum Zusammentritt öer Duma. Die lange hinausgezogene Wiedereinberufung der Tunra ist nun Wirklichkeit geworden. Gestern, am 22. d. M., ist die Duma zusammengetreten und zwar nicht, wie die Regie- rung ursprünglich beabsichtigte, nur für einige Sitzungen �ur „Erledigung" des Budgets, sondern voraussichtlich für eine längere Zession. Die Dauer dieser Session hängt freilich nicht vom Willen der Duma ab; es können, je nachdem wie die Beziehungen zwischen Regierung und Volksvertretung sich gestalten, auch in dieser Session Ueberraschungen eintreten, wie in der verflossenen Herbstsession, die plötzlich, laut Zaren- ukas, am 16. September verragt wurde. Ginge es aber nach dem Willen der übergroßen Mehrheit der Duma, so müßte das Parlament längere Zeit tagen, um der Desorgani- sarion der Verwaltung ein Ende zu setzen und den Kampf um die politische Macht zum Austrag zu bringen. In dieser Beziehung knüpft die jetzige Session unmittel- bar an die jäh unterbrochene Herbstsession der Duma an. Der Verlauf der Begebenheiten ist noch in aller Erinnerung. Im Sommer setzte, unter dem Eindruck der Riederlagen in Galizien und Polen, eine heftige Protestbewegung gegen die „Regierung des Landesverrats" ein. Die großen Verbände der Städte und Landschaften und die mannigfachen Kriegs- industrieausschüsse, die durch ihre Tätigkeit für die Armee, wie für die Verwundeten und Flüchtlinge festen Fuß im Lande gefaßt haben, traten zu Konferenzen und Kongressen zusammen, die weitgehende politische Forderungen aufstellten. Di? kapitalistische Bourgoisie mobilisierte gleichfalls ihre Kräfte und machte der Regierung scharfe Opposition. Einige Minister, so der verhaßte Minister des Innern M a k l a- k o w. der Justizminister Schtscheglowitow und der äußerst kompromittierte Kriegsminister Suchomlinow, wurden entlassen, und die an ihre Stelle getretenen neuen Minister beeilten sich, obwohl auch sie stockkonservativ waren, mit der liberalen„Gesellschaft" zu kokettieren. Die Duma trat im August zusammen, in einer Situation, die für einen Kampf um die Macht recht günstig war. Ein Teil der Libe- ralen, und zwar bszsichnenderweife die gemäßigt-liberalen Progressisten, die Vertreter der Großbourgoisie. wie auch der äußerste linke Flügel, die Sozialdemokraten und die„Ar- beitergruppe", forderten den Rücktritt der Regierung und die Einführung eines verantwortlichen Ministeriums. Die Feig- heit und Kompromißsucht eines großen Teils der Liberalen vereitelten ein geschlossenes Vorgehen yegen die Regierung. Aue Furcht,„unpatriotisch" zu erscheinen, stellten sie den Kampf gegen die Regierung zurück, um zunächst gemeinsam mit ihr für den Krieg zu arbeiten. Inzwischen bereiteten sie in Gestalt des„progressiven Blocks" eine parlamentarische Kombination vor, um die Regierung zur Kapitulation zu zwingen. In dem Augenblick aber, wo der Block seine For- derungen aufstellt«, hatte die Regierung— und zwar mit Hilfe der Duma— ihre Stellung so sehr gefestigt, datz� sie die Volksvertretung einfach nach Hause schicken konnte. Hier- zu kam noch folgendes. Der neue Ministsr des Innern C h w o st o w. der nach der Vertagung der Duma an die Stelle des liberal schillernden Uebergangsministers Fürst Schtscharbatow trat, erklärte offen, daß die Regierung die Forderungen des progressiven Blocks ignorierte, weil er sich„auf keine real« Macht stütze". Hier erwiesen sich die Diener der Reaktion wiederum den Schönrednern der Opposition weit überlegen. Sie erkannten, daß die liberale Oppo» sition zwar nach der Macht strebte, aber nicht minder die Demokratie fürchtete und deshalb in den breiten Schichten der Bevölkerung nur geringen Anhang hatte. Schon die Kon- Zessionen, die die Kadetten, die führenden Elemente des Blocks, den Oktobristen und Rationalisten machten, um sie zum Mitgehen zu bewegen, konnte im Lande nur geringe Be- geisterung auslösen. Der varlanientarische Schachzug der Ka- detten blieb denn auch ohne nachhaltige Wirkung für den weiteren Gang der Ereignisse, obwohl die Tatsache selbst, daß die Mehrheit beider Kammern sich zur Forderung der Abdankung der Regierung und der Ernennung eines„Vsr- trauensministeriums" zusammengefunden hatten, nicht ohne symptomatische Bedeutung war. In der Zeit nach der Vertagung der Duma erwies sich der„progressive Block" als ein unzuverlässiges, haltloses Ge- bilde, das bei jeder Prüfung in allen Fugen krachte. Wenn aber die allgemeine Stunmung des Bürgertums trotzdem schroff oppositionell blieb, so nicht infolge der politischen Ak- t'.vität des Liberalismus, dessen Kredit keineswegs zunahm, sondern dank der reaktionären Hetze der sich wieder rühren- den schwärzen Hundertschaften und d«n zunehmenden Echaos in der Verwaltung und im Wirtschaftsleben, dem die Regie- rung sich mit jedem Tage weniger getoachsen fühlte. Hierzu kam die Erbitterung über das sortgesetzte Hinausziehen der spätestens für Ende November anberaumten neuen Session der Duma und die Vertiefung der politischen, sozialen und nationalen Gegensätze im Lande, die längst schon jede Spur eines„Burgsriedens" aus dein russischen Leben entfernt hatten. Als Ausgang aus der Sackgasse blieb schließ- lich, wollte man die Dinge nicht noch mehr auf die Spitze treiben, nur die Einberufung der Duma übrig. Widerstrebend fugte sich die Regierung dieser Not- wendigksit: daß sie aber an ihrem grundsätzlichen Standpunkt noch festhält, zeigt die Ernennung des politischen Gesinnungs- genossen des abgedankten Gomnykin, des Führers der Rechten im Reichsrate Stürmer zum Ministerpräsidenten. Trotz der Schwäche des„progressiven Blocks", die seine lange Dauer zweifelhaft erscheinen läßt, kann man sich doch auf einen heftigen Kampf zwischen ihm und der Regierung ge- faßt machen. Herbei kann sich der Liberalismus mehr noch als in der vorigen Session auf die großen gesellschaftlichen Verbände stützen, die unmittelbar mit der Armee verknüpft sind und sich wenig darum kümmern, ob die Regierung sie anerkennt oder nicht. Auch der Beitritt eines Teiles der Arbeiterschaft zu den Kriegsindustrieausschüssen be- deutet— ungeachtet des ausdrücklichen Vorbehalts der meisten Arbsitervertreter, daß sie nicht zur Unter- stützung des Krieges, sondern zur Verteidigung der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter und zum Kampf für den Frieden und die internationale Ver- st ä n d i g u u g in die Komitees eingetreten sind— in seiner Wirkung nach außen eine Unterstützung des Libe- r a l i s m u s in seinem patriotischen Kamps um die politische Macht. Inwieweit hierbei die täglich erstandene Klassenbe- wegung des Proletariats einen zwiespältigen, Widerspruchs- vollen Charakter erlangt hat, ist eine Frage für sich. Worauf es hier ankommt, ist die Feststellung der Tatsache, daß die Zersplitterung der politischen Kräfte im Lande einer größeren Organisiertheit gewichen ist, die zu der Annahme berechtigt, daß eine Aera heftiger politischer Kämpfe in Rußland her- aufzieht, mit der Duma— wenn sie den Kampf um die Macht aufnehmen will, über die Duma hinweg— wenn der Liberalismus abermals, im Namen des„Patrio- tismus" und im Interesse des Krieges, seinen Frieden mit der Regierung machen sollte. Theatralische duma-Eroffnung. Petersburg, 22. Februar.(W. T. 33.) Meldung der Petersburger Telsgraphenaaentur. Um 2 Uhr nachmittags erschien der Zar in Begleitung des Großfürsten Michael Alexandrowitsch und des Hofministers in der Duma. Am Eingange wurde er vom Duma- Präsidenten, den Bureaus und allen Abgeordneten empfangen, die den Kaiser mit begeisterten Hurrarufen begrüßten. Nach dem Gottesdienste richtete der Zar huldvolle Worte an die Duma, auf die der Präsident mit einer vaterländischen Ansprache erwiderte. Darauf wurde die Nationalhymne gesungen. Der Zar unterhielt sich mit den Botschaftern und Gesandten der Alliierten und begab sich nach'dem Sitzungssaals, wo Hurrarufe und die Nationalhymne von neuem erklangen. Der Kaiser trug dann seinen Namen in das Goldene Buch der Ehrengäste der Duma ein und verließ das HauS unter begeisterten Zurufen. Der neue englische Kriegskreöit. London, 21. Februar.(W. T. B.) N n t e r h a u s. Premierminister A s q u i t h brachte eine Kreditvorlage ein im Betrage von 420 Millionen Pfund Ster- l i n g. Hiervon fallen 120 Millionen noch in das laufende Finanzjahr und 300 Millionen Pfund Sterling in das Finanzjahr 1916, so daß sich die gesamten 5kredits für 1915/16 auf 1420 Millionen Pfund Sterling und die Kredite seit Be- ginn des Krieges auf 2082 Millionen Pfund Sterling be- laufen. Asquilh sagte, man sei der Meinung gewesen, daß der im November bewilligte Kredit bis Mitte Februar reichen würde, er werde jedoch die Staatserfordernisse bis zum 10. März decken.(Beifall.) Die Vorlage wurde einstimmig angenommen. » London, 21. Februar.(W. T. B.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Schatzmeister McKenna erklärte im Unter- hauie. als er im September gesagt habe, daß die Ausgaben wabrsSeinlicb fünf Millionen Piund Slerlmg pro Tag betragen wlirden. ebe das Finansiahr zu Ende geben würde, habe er damit sämtliche Ausgaben, auch die für den bürgerlichen Staatshaushalt und für die Schuldentilgung, gemeint Wir sind, sagte der Schatz- kanzlcr, nunmehr dieser Ziffer sehr nahe gekoinmen und werden sie am Ende des Finanzjahres erreicht haben. Man hat der Regierung vorgeworfen, daß sie nicht ausreichende Maßregeln traf, um den Kredit zu behaupten und hat dabei auf den amerikanischen Wechselkurs hingewiesen. McKenna forderte das HauS auf, den amerikanischen Kurs des englischen Geldes mit dem anderer krieg- führender Nationen zu vergleichen. Augenblicklich betrage der englische Kurs 4 Dollar 7öVz Cents für das Pfund Sterling, das seien 10 EentS unter dem' normalen Kurs von 4,86, und die Regierung wünsche nicht, daß der Kurs den normalen Stand erreiche oder darüber hinaus steige aus dem einfachen Grund, weil� England dadurch, daß es den Kurs etwas unter Pari hält, die Einsuhr behindert und das Abströmen von Gold nach Amerika vermindert. Wenn man den englischen Kurs mit dem von Deutschland und Oesterreich-Ungarn vergleiche, sehe man, daß sich der englische Kredit behauptet habe. ES sei beinahe ein Wunder, wie England noch nach 18 Monaten Krieg fast das einzige offene Goldland der Well sei.(Beifall) Das englische Papiergeld könne jetzt noch an der Bank von England gegen Gold eingewechselt werden. Es klinge ihm kaum glaublich, daß der englische Kredit die schwere Probe, die er aushalten mußte, Hab- Überstehen können. Aber wie schwer die Probe auch gewesen sei, England habe seinen Kredit behauptet, und er zweifle nicht daran, daß er auch noch nach einem Jahre werde mitteilen können, daß der englische Kredit un- erschüttert sei. Anmerkung beS 28. T. B.: Wir zweifeln an der Korrekt- heit der Reuter-Meldung. Die Gefahr eines Goldabflusses nach einem fremden Lande ist bekanntlich nur dann vorhanden, wenn das eigene Geld gegenüber dem fremden unter Pari steht. McKenna kami also kaum gesagt haben. England halte den Kurs seines Geldes gegenüber dem Dollar absichtlich unier Pari, um das Abströmen von Gold nach Amerika zu verhindern. McKenna kann ferner kaum ge- sogt haben, daß England fast das einzige offene Goldland der Welt iei. Wäre England noch offene» Goidland, so würde der auto- matische Goldabfluß die Entwertung des englischen Pfundes gegenüber dem amerikanischen Dollar und dem holländischen Gulden ver- hindert haben. Einberufung öer Neunzehnjährigen in England. London, 21. Februar.(W. T. B.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Alle unverheirateten Äceunzehn- jährigen sind unter die Waffen berufen worden. Die englische tzilfe für Delgien. London, 2t. Februar.(W. T. B.) U n t e r h a u S. In Beantwortung einer Anfrage sagte der Unterstaatssekretär des AuZ- wärtigen Lord R o b e r t C e c i l, die Regierung sei mit der in Belgien arbeitenden Kommission zufrieden; sie könne den genauen Betrag der britischen Privatunrerstützungen für den Hilfsfonds nicht angeben. Ein Rrgierungsbeitcag werde von der belgischen Regie« rung außerhalb der Anleihe der Alliierten geleistet und belause sich auf eine Million Sterling monatlich. Die Arbeiter, die Lohnarbeit für die Deutschen leisteten, erhielten die von der Kommiision den Hilfsbedürftigen gewährte Unterstützung nicht. Die Vaterlandsliebe der belgischen Arbeiter habe alle, außer einer vcrhälinismäßig kleinen Zahl, trotz der angebotenen Lockmittel abgehalten, sür den Feind zu arbeiten. politische Uebersicht. Zensurdebatte im Abgeordnetenhaus. Am Dienstag führte das preußische Abgeordnetenhaus zu- nächst die Erörterung über die Lage des Handwerks zu Ende. Ebenso wie die Abgg. Dr. W a g n e r(sk.) und H a a s e(Fortschr.' Vp.) trat auch Genosse L e i n e r t für eine weitgehende Für- sorge für die kriegsbeschädigten Handwerker und Arbeiter ein, er ließ es jedoch nicht bei dieser Anregung bewenden, sondern besprach von größeren Gesichtspunkten aus die gesamte Lage des Handwerks, wie sie sich durch den Krieg gestaltet hast Er betonte die katastrophale Wirkung des Krieges auf das Hand- werk, schilderte die Arbeitslosigkeit im Baugewerbe und ver- langte energisch eine Arbeitslosenunterstützung. Weiter regte er eine bessere Regelung des Lehrlingsweseus an und Wider- legte zahlenmäßig das so oft aufgetischte Märchen von den angeblich so hohen Löhnen der auf dem Berliner Schlacht- Hof beschäftigten Schlächtergesellen. Treffend wies er nach, daß die Fleischteuerung auf ganz andere Ursache« zurückzu- führen ist, und forderte am Schluß seiner mehr als ein- stündigen Ausführungen die Fortführung der Sozialpolitik während des Krieges und nach dem Kriege. Die Abstimmung ergab die einstimmige Annahme der durch ein sozialdemokra- tisches Amendement verbesserten Anträge der Kommission betr. eine erhöhte Fürsorge für die kriegsbeschädigten Handwerker und Arbeiter sowie die Annahme der Anträge betr. Schaffimg eines genügenden LehrlingSersatzes und betr. stärkerer Berück- sichtigung der Lieferungsverbändo deS Handwerks bei Vsr- gebung öffentlicher Arbeiten. Den zweiten Teil der Sitzung füllte eine Zensur- d e b a t t e aus. Hierzu lag außer dem Kommissionsautrage auf eine mildere Handhabung der Zensur und der Vereins- gesetzlichen Bestimmungen ein sozialdemokratischer Antrag au? Aufhebung des Belagerungszustandes vor. Daß die Handhabung der Zensur im Verlaufe des Krieges nicht müder/ sondern schärfer geworden ist, mußte selbst der Berichterstatter Abg. Frhr. v. Zedlitz zugeben. Auch der Abg. Stull(Z.) pflichtete ihm im wesentlichen bei, forderte aber im gleichen Atemzuge die Ausdehnung der Zensur gegenüber dem Theater und der Literatur. Es scheint beinahe, als will das Zentrum jetzt unter dem Zeichen des Burgfriedens das durchsetzen, was durchzusetzen ihm bei den Kämpfen um die Lex Heinze nicht gelungen ist. Nachdem der Minister des Innern v. L o e b e I l seine bekannten Preßerlasse als harmlos hinzustellen und sie zu rechtfertigen versucht hatte, kam in vorgerückter Stunde Ge- nosse Ströbel zu Worte, der sich zunächst über die Preß- erlasse verbreitete, um sodann in großem Rahmen an dem ganzen System der Zensur scharfe Kritik zu üben. Frhr. v. Z e d l i tz, der Hüter des parlamentarischen Tons, brachte es fertig, Ströbel als Denunzianten zu bezeichnen, weil er die annexionistischen Pläne enthüllte. Aber es gelang den An- hängern einer Ausdehnung der Zensur auf das Parlament nicht, ihr Ziel voll zu erreichen. Der Präsident unterbrach den sozialdemokratischen Redner zwar wiederholt, aber dem Wunsche der Pappenheim usw., ihm daS Wort zu entziehen, gab er nicht nach. Ströbel konnte seine Rede, wenn auch mit Kürzungen, beenden, und wenn er auch auf vieles Verzichten mußte, um sich mit dem Beschluß des Hauses nicht in Widerspruch zu setzen, so hat er doch die wesentlichsten Momente zum Ausdruck bringen können. Am Mittwoch soll'die Debatte beendet werden. Dann folgt die zweite Beratung des Etats des Ministeriums des Innern._, Bayrische Groftschiffahrtspläue.' Müuche«, 22. Februar.(W. T. B.) Der Finanzausschuß der Kammer der ReichSräte genehmigtg, wie die .Münchener Neue st en Nachrichten" melden, die Po- sjtion für das Walchen seeprojekt. Minister Soden gab dabei der Anichauung Ausdruck, daß der Ausbau des Walchensee- werkeS durch den Staat einerseits und die Schaffung eines Eleltri- zitätSnetzeS für das rechtSryeinische Bayern in Form eines Bayern- werkeS andererseits in gutem Fortgangs begriffen und zu erwarten sei. daß nach Friedensschluß in abiebbarer Zeit die Wasserkräfte von ganz Bayern sür� elektrische Kraft verwertet werden. Beim Kaviiel Mainkanalisierung sprach der Minister die Ansicht aus, daß der Gedanke des Ausbaues einer Wasserstraße durch Mitteleuropa durch die jüngsten politischen Verhältnisse größte Bedeutung gewonnen habe; trage doch deren Ausführung dazu bei, den Verkehr vpn England unabhängiger zu machen und nach Osten abzu« lenken; besonders für Bayern sehe er«S als sehr wichtig an. daß ein neuer Verkehrsweg mitten durch da« Bayernland gehe und ieineir Scheitelpunkt in Bayern habe. Auch der größte Jndustrieorl Nürn- berg liege an ihm. 8Särs das Projekt einer G r o ß s ch i f f- fabrtSverbindung Donau— Main— Rhein durch- geführt, so werde ferner in Frage kommen ein Anschluß an die Elbe oder Weser von Bamberg aus, sodann die Schiffbarmackung der Donau bis Ulm und von da eine Verbindung mit dem Bodens««, letztere im Zusammenhang mit der Kanalisierung des Rheins bis zum Bodensee. Die Hauptsache sei der erfreuliche Umstand, daß Bayern bei diesen Projeklen nicht nur überall in Frage komme, sondern auch das Land sei, in welchem und durch welches gebaut werden müsse. Die Frage, ob mit oder ohne ReichSumerstützung. erscheine verfrüht. Einstweilen genüge eS. daß auch der Reichskanzler sich dem Hauptgedanken gegenüber freundlich gestellt habe._ Im Gothaische» Landtag stimmten die Sozialdemokraten gegen den Etat. Genosse Bock begründete die Abstimmung in einer kurzen Erklärung. Nach Ab- lehnung eines vorhergehenden Antrages faßte der Landtag ferner folgende Beschlüsse: Die herzogliche Staatsregierung wird ersucht: 1. im Bundesrat einen dringenden Antrag einzubringen, daß die Erhöhung der Preise für wichlige Lebensmittel, insbesondere der Kartoffelpreise rückgängig gemacht wrrd; 2. im Bundesrat einer etwa beabsichtigten Erhöhung der Preise für weitere Lebensmittel mit aller Entschiedenheit ern- gegenzutreten; 3. darauf hinzuwirken, daß die Beschaffung anderer notwendiger Bedarfsartikel der Bevölkerung zu angemessenen Preiseu gesichert werde. Lette Nachrichten. Ter herabgeschossene Zeppelin. Paris, 22. Februar.(28. T. 33.) Tie Agenee Habas meldet aus Barleduc: Der gestern abend gegen acht Uhr herunter- geschossene Zeppstin schwebte mit abgelöschten Lichten in einer Höhe von 1800 bis 2000 Meter und kämpfte gegen den Wind. Sobald er sich in Schußweite befand, begann die Beschießung. Eine Brand- granate durchbohrte das Luftschiff und blieb an der Seite stecken. Pas Feuer verbreitete sich entlang des ganzen Luftschiffes, dessen Umrisse sich hell abzeichneten. Das Lustschiff brannte obne hörbare Explosion und sank sodann langsam, beleuchtet von den Stücken der brennenden Hüll«, die_ nacheinander sich abtrennten. Als der Zeppelin den Boden erreichte, explodierten die von ihm mitgeführten Bomben. Die herbeigeeilte Menge sa:ck> nur noch formlose Trümmer. Gewerkfthastliches. Mwerbung skanüinavischer Arbeiter für deutschlanü. Aus Kopenhagen wird das folgende Rundschreiben an alle deutschen Arbeiigeberverbände versandt: „BUtzing". Vordroisvej 17 A Äjobenhavn W, Sehr geehrte Firma I Verschiedene deutsche Firmen und Fabriken haben hier in Kopenhagen ein Aibeiter-Nachweiiebureau errichtet, welches dänische und skandinavische Ärbeitskrast nach Deutschland der» schafsl, und wird das Bureau von dem Unterzeichneten gelenet. Wir übernehmen es, gelernte Arbeiter jedes Faches und jeder Branche zu verschaffen, und ist unsere Gebühr dafür Kronen 20,— pro Mann. Die Firmen und Fabriken, welche unser Bureau in Anspruch nehmen, bezahlen jedem eingestellien Arbeiter die Aus» lagen für Patz und eine Reise dritter Klasse zum Bestimmungs ort im voraus, wogegen der Arbeiter stch verpflichten mutz, bei der betreffenden Firma oder Fabrik min» bestens zwei Monate täffg zu sein. Sollte der Arbeiter aber aus einem von ihm selbst ausgehenden Grunde seine Arbeil vor zwei Monaten verlassen, werden ihm die obigen Auslagen von seinem Lohne abgezogen. Demnächst wird den Arbeitern ein Normallohn,,s Uhr.«, 8, 4 M. Vorzügliche Küche 2 Heute Nachmittags-Konzert In der Eis-Arena. 1.30 M. �ra————— ReiehsbaiieQ-Tbeater. Stettiner Sänger. Zum Schlntz: „Die von der Emden," Für MUitärper- ionen freier _ Eintritt zu den Ansang S Uhr. Stett. Sängern. Auf. 8 Uhr, Sonst 31/, n. 8 Uhr. Bis it. Feta-PropiM! ÜS. Wnlßs flieg. Unnde Joseph Plaut! Morgensterns Landsturm usw. 12 zugkräfllge Nummern 12 MiM« tOr das Kaarerpcrie zd Mn C 34, SophienstraBe 6. Bekanntmachung. Auf Antrag des Kassenoorftandes bat das VersicherungSarnt der Stadt Berlin in der Sitzung v»m 14. Febiuar 1816 beschlossen: -Tie im§ 19 Ziffer 3»er KassensaNnng bezeichnete Mehr. leiftung ist vom Montag, den S. März 191k. ab wieder zu gewähren.« Berlin, den 23. Februar 1916. 2S6b Der Vorstand. Aug. Daehne, Vorfitzender. R. Freund, Schriftführer. Berliner Konzertbans. Mauerstr. 82. Zimmerstr. 90/91. ueme: Großes Konzert Berliner Konzerthaus-Orchester i�an�v.�w Anfang 8 Uhr. Eintritt SO Pf. Anfang 8 Uhr. Freitag, den 25. er: Kr. Konzert veranstaltet znm Besten der Freiwilligen Sanit&ts-Kolonne vom Roten Kreuz Berlin. Voi�t-Theater. Badstr 58. Badstr. 58 Heule Miitwoch, den 23. Februar: Bis Hwsle Baopl oder: Der lange Israel. Schauspiel in 4 Alien von Roderich Benedix. Kasseneröffnung 7 Uhr. Ani. 8 Ubr. Possen�Theater Limenstraß e, a. d. Pnedriohstr 8llt 8-,« Kobis Abenteuer Der große Augenblick mit Leonhard Haakel und Siegfried Berisoh Picket, auch die hartnäckig» ften, fettgiänzende, groß- vorige Hanl und sonstige Hautun- reinigkeilen werden am stchersten durch meine lest sali 25 Jahren bewährten Spezialmsttel beseitigt 2,60 Id. Orto Reichel. Berlin 43. Eisenkahnsii-. 4.« »ÄtweeA/'JS 3�.. QimXvcL-ÜVauvjvsiscA, 15 Gichtiger und Rheumatiker .oben emllimmig die rasche und sichere Wirkung der Togal. Tabletten. Aerztlich glänzend begutachtet In allen Apotheken zu M. 1.40 und M. 3.50. Verantw. tstehott: Alfred: Borwarts Bmdvr. u. VerlagSanstalt Paul Singer Le Co» Berl« LW. Hierzu 1 Beiluge u. llutrrhaltuugSbst b. ss. ss.Mrmt SMt dtü„Vowärls" f'trliütt WIKsbiM. Mitwch?z ktkon>!»?. wirtsihastliche fragen unö Zensur. Mgeorönetenhaus. 13. Sitzung. Dienstag, den 22. Februar. vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: S y d o w. Die zweite Beratung des Etats wird bei der Be- sprcchung über die Lage des Handwerks fortgesetzt. Abg. Wagner(frei!.) erklärt das Einverständnis seiner Freunde mit den vorliegenden An> trägen und betont insbesondere, dotz die Beihiisen, die danach dem Handwerk gewährt werden«ollen, dem Zitgriff der Gläubiger enl- zogen werden mühten. Selbstverständlich sollten auch kriegS- beschädigte Gesellen und Arbeiter unterstätzt werden. Abg. Haase(Vp.) wünscht schnelle Abrechnung bei Militär kteierunaen deS Handwerks und Entlassung beschränkt garnisondienstfäytger Handwerker. Bedauerlich ist, daß die Handwerker vielsach zu engherzig sind, sich zu Genossenschaften zusammen zu scfcHehen. Bilden sie Lieferungs- verbände, io werden sie auch mehr bei gröberen Aufträgen beräck- sichlig« werden. Dem Antrag Braun stimmen wir selbstverständlich zu: wir haben io wie so bei.Handwerkern', die als Kriegs- beschädigte unterstützt werden sollen, nicht nur an selbständige Hand- wcrker, sondern an alle im Handwerk Tätigen gedacht. Wir ver- langen w einem weiieren Antrag, dah auch Meister, die ihre Be» schäHigung infolge der Rriegsverhältnisie heben ausgeben mäsien. bei Besetzung geeigneter Stellen berücksichtigt werden. DaS Handwerk mit seinen S Millione» Angebörigen darf nicht untergehen, es muhn. und die Lieserungsverbände haben nick»« da« nitige Kapital zur Ausführung großer Lieferungen. E« ist im Laufe der Debatte davon gsiprochen worden, daß die (gchvch**««s«llen auf dem Berliner Schlachthof Berdienste von 80—60 M. Pro Tag gehabt hätten und daß die Hausfrauen gesagt hätten, sie wühlen nun. wo die Ursache der Fleischteuerung zu suchen sei. Fn der Presie hat man bei den Erörterungen hierüber auch die Aufforderung gelesen: Man ichicke die 12- Mnrlprotzen. wie sie genannt wurden, einmal in die Schützengräben und lasse einige hundert Fleischergesellen von dort stet, die werden dann gern für bO M. die Woche arbeiten. Ich erhebe entschieden gegen ein« solch« Auffassung Einspruch, als ob die Einziehung zu« MUitür ewe Steofr fei. jjm gvri«n tonn keine Rede duvon sein, dah die söhn« der Schlächtergesellen irgendwie daS Fleisch verteuert häeßen und eS find auch gar nicht Löhne in dieser Weise gezahlt worden. Die Herren, die darüber gespiochen haben, hätten sich besser orientieren müsien. Es handelt sich bei diesen Löhnen um sogenannte Kopsschlächier. Auf jedem Schlachthof find Unter- nehmer. die für andere Schlächtermeister«»lachten. S,e bekommen für da« Schlachten de« Schweine« einen bestimmten Betrag. meist IM. Als nun die M a s e n f ch l a ch t u n g e n im vorigen Frühjahr besohlen worden sind, reichte die Zahl dieser Unier- nebmer nicht aus. und deshalb muhten die Konseivenfabriten sich besondere Kopsschlawter suchen. Diesen haben sie nun denstlben Benag gezahlt, den sie an dt- Umernehmer sonst auszahlen.(Hört I hört l bei den Sozialdemokraten.) Die Gesellen, die dann Kolonnen gebildet haben, haben dabei erst gesehen, was für un- sieheure» Geld von solchen Unternehmern verdient wird, die ihren Gesellen sehr wenig bezahlen. Diese Kopsschlachter haben natürlich ih« Kollegen viel bester bezahlt. Sie sind gewisiermahen Unternehmer im kleinen und haben ihren Unternebmergewinn nickt allein in die T-scbe gesteckt, sondern mit den Gesellen geteilt. Dabei kann eS ja»orgelommen fem, dah auch mal 50 M. pro Tag gezahlt worden find, aber doch nur an Schiachllagen; am nächsten Tage haben dann die Leute die Nach- arbeit machen müssen, die nach dem Schlachten unbedingt notwendig ist. E« handelt sich hier um Spezialarbeiter, die in jedem Berus mehr verdienen, die dafür aber auch nur zu tun haben, wenn die Spezialarbeit gerade gebraucht wird. Es ist bedauerlich, dah dieses Märchen noch jetzt, nachdem die Sache längst vorüber ist, kolvorlierl wird, obgleich der Verband der Schlächiergeiellen die Sache schon im September v. Dj. zurückgewiesen bar.(Hört! hört I bei der Sozialdemokraten.) Die Fletichverieueiung ist auf ganz andere Ursachen zurückzuiühren. Ich erinnere an die hohen Dividenden der Fletichwarensabriken. Eine solche Fabrik zahl! 30 Proz. Divioende und ipeist ihre Arbeiterinnen mit Löhnen von l6 und 18 Pi. ab. lHörtl hörtl bei de» Sozialdemokralen.) Hue Hai ja au» schon aui den parasitären Handel, den nicht notwendigen Handel. hingewieien, der zur Berleuerung der Lebensmittel beiträgt. Die Schlächiergeiellen haben von 6 Uhr bis abend» 1l ohne Paust zu ai beiten, tbre Arbeit ist mindestens io schwer wie die derjenigen, die durch den Handel Hunderttausende verdient haben, oder gar der, die allein durch Höchstpreise sür Haser, Gerste und Roggen Millionen verdient haben. sSehr wahr! be> den Sozialdemokraten.) Was die Unterstützung der Kriegsbeschädigten anlangt, so darf dabei natürlich nicht nur ein bei anderer Stand für die Unter- slützungen in Frage kommen. Der Minister hat ja gestern er- fieulicherweist auch von den firiegsbrichädiglen ganz allgemein gesprochen. Diese ganze Frage hätte etgenilich al« besonderer Punkt zur Behandlung kommen müsien. Wenn die Fortichrittler be- antragen, dah auch die Daheiingeblikbenen, die exiftenzloS geworden find, dieselben Vetgünstigungen erhallen wie die Kriegsbeschädigten, io kann man daS natürlich auch nicht auf die Handweiler beschränken.n der Hauptsache Maß- regelungSbureaus sind. Wir protestieren dagegen, dah die Re- gierung»n dieser wichtigen Frage vor den Wünschen der Arbeil- geber zurückbleibt. Die Geweilschasten fordern paritätische Arbeit«- nachweise, also solche, die dem Kampistandpunkt völlig entrückt sind. Da mühten natürlich die Unternehmer im Interesse der Gesamtheit aus ihre Arbeitsnachweise verzichten. Bor allem wird eS notwendig iein, dah nach dem Krteg« alle offenen Stellen mit einheimischen Arbeitern besetzt werden, Oder soll eS nach dem Kriege jedem Agenten gestattet sein. auS- ländische Arbeiter als billige Konkurrenten für die deutschen Arbeiter heranzuholen? DaS würde außerdem auch noch unsere ganze Arbeit für die Kriegsbeschädigten illusorisch machen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Kriegsbeschädigten müsien die Sicherheit haben, dah die Versprechungen, die ihnen jetzt in bezug aus ihre Anstellung gemacht weiden, nicht nach einigen Jahren wieder vergessen werden zugunsten billiger ausländischer Arbeiter. Der Minister des Innern sollte sich einmal da« System der Feldorbeiter- zenttale ansehen und unter diesem Gesichtspunkte prüfen, ob sie auch nach dem Kriege so weiter zur Vermittlung von Arbeitskräften dienen ioll, wie bisher zum Schaden der Arbeiter. Staatssekretär Delbrück hat erklärt, er betrachte e« al» Ehrenpflicht de» Reiches. während des Krieges Sozialpolitik zu treiben. Hoffentlich steht die preußische StaaiSregierung auf demselben Standpunkt. Da» gröhte sozialpolitische Werk ist schlichlich die Regelung der Arbeitsnachweis- frage auf einer Grundlage, die den Arbeitsnachweis dem Kampf zwischen Arbeitgebern und ArbeiMehmern völlig entrückt. Es ist hier von venchiedenen Rednern der großen Opfer gedacht worden, die die Frauen in Landwirtschaft, Industrie und Handel und auch im Handwerk gebracht haben. Ich mein«, wir haben auch Ursache, den Hunderttausenden von Arbeiterfrauen unseren Dank auszusprechen. Skur ihrer aufopferungsvollen Tätig- keil, ihrem stillen Heldentum ist e« zu verdanken, daß da« Wittichaftsleben aufrecht erhallen werden konnte. v zeniur und gegen das völlige Verbot von f) e i l u n g e n. Die Handhabung der Zensur ist nicht milder, andern schärfer geworden.— Es sind stets mehr und mehr rein politische Angelegenheiten als militärische Angelegenheiten angesehen und damit der Präventiozensur unterworfen worden. Auch inner- halb der Zensurbedörde selbst ist man über die Grenze zwischen polnischen und mitiiärischen Angelegenheiten nicht ganz sicher. Ist es doch vorgekommen, daß ein Artikel, von der Zensur inrt dem Stempel.leine mtlitärische Angelegenheit' veriehen und al« er gedruckt wurde, die Zeitung gefragt worden ist, weshalb sie diesen Artikel nicht zur Zensur geschickt dabe.(Hört! bört!) In erner Zuiammcnkunit der Picsse ist von einem Redakteur des.Vorwärts', der selbst von der Präventiozensur betroffen war, klargelegt worden, dah die Art, wie die Präventiozensur beute durchgeführt wird, mit den Ansorderungen, die heule an die Tagespiesse gestellt werden, ein- fach unvereinbar ist, sodah sie tatsächlich dazu führen kann, emer Zeitung da» Erscheinen nnmäglich zu machen. Sie wird ost verhängt, ohne dah der Bestiatte gehört wird oder ihm ein Rechtsmittel zur Beifügung stünde. Deshalb fordert die Kommission. d«h die Zensur darauf beschränkt wird, dafür zu sorgen, dah nicklS ge'chreht, wa« unserer siegreichen Krieg?- kührung abträglich iein oder den starken Siegeswillen der Bevölkerung beeinträchtigen könnte. Die Erörterung der Frieden«« ziele wird der TageSpresse in steigendem Mahe verboten. Die Kommission hat die Besorgnis, daß diese Erörterung erst frei- gegeben wird, wenn der Vollswille nicht mehr geltend ge- mach« werden lann. Es wurde auch daraus hlngewlesen. dah jetzt schon Friedensverhandlungen in Montenegro schwebten, unb dah eS nicht ausgeschlossen sei. dah der Krieg seinem Ende entgegen gehe. Zu unserem Volke könne man da« Vertrauen haben, daß eine freigegebene Kriegszielerörterung die Knegsfüdrung nicht schädigen werde. Der Minister des Innern meinte, das deutsche Volk sei wenig politisch, daher sei die Freigabe bedenklich. Die Mehlheit der Kommission konnte diese AuSnihiungen nickt als voll« begründet ansehen. Die grohe Zeit hat unier Volk politisch reis ge- macht. Die Zensur behandelt mit besonderer Schärfe die Richtungen, die in der KriegSzielsroge entweder aus dem nationalsten oder aus pazifistiichem Standpunkt stehen. Die in der Mille Siebenden er- freuen sich größerer Freibett, z. B. das»Berk. Tageblatt'.(Stüimi- sche« Hört! bört I recht«.) Die Berliner Pressekonferenzen im ReichStagsgebäude dienen eigentlich nur dazu. Einschränkungen der Prcssestciheit anzuordnen, für die man sich scheut, schriftliche Verbole zu erlassen AndererieiiS find Mittellungen, die dort gemacht wurden, sogar in« feindliche Ausland gelangt.(Hörtl hörtl) DieDenlschrist über den Handel«- krieg, die vertraulich mitgeteilt wurde, ist inhaltlich von einem be- teiligten Journalisten sofort an die amerikanische Botschast weiter mitgeteilt worden.(Lebhaftes Hörtl hört! recht«.) Die Re- gierung hat alles Interesse, berechtigten Beschwerden über die Handhabung der Zeniur abzuhelfen, denn sie wird sich doch darüber nicht täuschen, dah sonst die Grenzen bei dem kommenden Reichsgesetz über den Belagerungszustand um so enger gezogen werden. Vom Auswärtigen Amt und von der Nachrichtenstelle de« Rcichsmarineamts sind Dinge verboten worden, deren Veröffentlichung das Oberkommando in den Marken vor- behaltlich bereit« gestattet halte. Nun, die Besprechung dieser Tätigkeit de« Auswärtigen Amts gehört ja vor den Reichstag.(Sehr gut l und Hört I hört!>— In der Presse ist geklagt worden, dah der Reichskanzler au» der deutschen Presse nicht ein mächtiges Instrument zu machen verstanden hat, dah die Leitung der SlaalSgeichäste als ein Monopol der Regierung angesehen und jede noch so vaterländische MeinungSäuherung als unberechtigte Einmischung angesehen ist. Mag man über die innere und äußere Politik während des Krieges denken wie immer: sicher ist. dah die Behandlung der Presse und der steien Meinungsäußerung in Wort und Bild kaum vereinbar ist mit der Größe unserer Zeil, mit der herrlichen Entwickelung unseres nationalen Lebens, mit der Vaterlandsliebe, die uns instand gesetzt hat, die höchste sittliche Kraft zu erreichen, die uns befähigt, einer Welt in Waffen siegreich zu trotzen.(Sehr richtig I) Ein Volk, dem man mit Recht ein solche« Zeugnis aus- stellen lann, braucht man nicht mit ängstlichem Mihlrauen zu be- andeln, daß betnahe an die Zeit vor>848, an die Zeit des.be« ckränkten Untertanenverstandes' erinnert. Volle» BeNrauen zu unserem Volk und freie Meinungsäußerung könnten starke Verbündete unserer Kriegssührung sein.(Lebhafter Beifall.) Abg. Stull(Z.): Nach Beendigung de» Krieges muh ein Gesetz über den Be- lagerungSzustand geschaffen werden. Das Kriegspresseamt dehnt die Zensur immer werter au«. Die politische Zensur widerspricht dem bei KriegSbeginn gegebenen Versprechen de« Reichs- kanzler«. ES geht ihr wie so oft, daß die unteren Behörden die Absichten der Zentralbehörde nicht ausführen.(Sehr richiig!) Zu Zensoren sollten nur wirklich geeignete und befähigte Männer bestimmt werden. Gegen die Loebellschen Erlasse, die einen Teil der Presse zum Sprachrohr der Regierung mache» »ollen, wäre an fich nicht« einzuwenden, denn da» Volk weih häusig nickt, wa« die Regierung will.(Heiterkeit.— Abg Ad. H o f s m a n n(Soz.j: Da« weih die Regierung auch selbst nicht I— Erneute Heitertest.) Aber die Art, wie die Erlasse da« machen wollen, vor allem die Bezugnahme auf die Wahlen, weisen wir zurück. Nach dem Erlaß sollte hier in Berlin eine grohe RedaktionSstube für die ganze Monarchie eingerichtet werden, die für die gesamten KretSblätter arbeitet. Die Kreisblätter sind ohnehin nicht sehr beliebt.(Sedr richiig I> Wir müssen dem Minister die Verantwortung für die Folgen leiner Erlasse zuschieben.— Zu milde geht die Zensur vor gegen die Auswüchse auf dem Gebiete der Literatur und des Theater«. Hier sollte der Zensor zeigen, wa« er kann.(Zustimmung im Zentrum.) Man sollte verbüten, dah das Volk seine kauer er- arbetteten Groschen für Schundromane wegwirst. Das geistige und sittliche Mark unsere» Bolle« darf nicht vergiftet werden. Ein Werk wie Boccaccio« Dclamerone. da« den fittlickcn Tiefstand der iralie- niichen Literatur bedeutet, darf nicht in die Hände unserer Feldgrauen gelangen.(Bravo l im Zentrum.) Minister des Innern v. Loebell: Wir lärmen nnserem B»»e die Anerkennung nicht versagen, dah eS die klnd»guem»ch«stt«t UNS persSnitche« llnannehmlichksiten dieser KrsrzSzeit wiAig auf fi® aenommen Bah Zu den f®n>eren Lasten und Opfern disies Krieges, die den Kampf an der Froni wesentlich unlernüyi und gefördert haben, gehören die Opfer an poli- ti s ch e r und bürgerlicher Freiheit. Durch die patriotische Haltung der Bevölkerung hinter der Front ist der Kampf an der Front selbst wesentlich unterstiitzi worden und die Geschichte wird dereinst auch die Haltung der Daheim- gebliebenen rühmend hervorheben neben den Heldentaten und Todesopfern dieses Krieges.(Beisallf In diesem sinne umer- schreibe ich auch das Wort vom Heldentum der deutschen Ärbeitersrauen, das der Abgeordnete Leinerl mit Recht an- erkennend erwähnt hat. Starke Aeutzerungen des Unwillens über die Beschränkungen der Freiheit in Wort und Schrift sind erklärlich. Der Unteischied zwischen den frcibeillicven Berhällnisien vor dem Knege und den Einichräntunaen des Kriegszustandes sind zu groß und müssen deshalb schwer empfunden werden. Aber im ganzen hat sich doch der Geist der Disziplin stärker gezeigt als der jedem Deutschen in Herz und Blut über- gegangene Drang nach persönlicher Freiheit. Tie Notwendigkeit der Ausieckterhalrung des Belagerungszustandes wird von der über- wältigenden Mehrheit der Bevölkerung anerkennt. Dre ge- äuherten Klagen richten sich auch Weimer gegen den Belanerungs- zustand an sich als gegen seine Handhabung vor allem aui dem Gebieie der Piestzeinur. Auch das ist verständlich. Denn die Einschränkung der freien Meinungsäusterung mutzsttzt ganz besonders schwer empfunden werden. Leben und Wert der Presse sind untrennbar verbunden mit der Möglichkeil der freien Meinung äutzermig Die Piene ist bei uns grost geworden mit der Befreiung der öffentlichen Me>- nung von staailicher Zeniur und die Zeitungen und politi'chen und beruflichen Kreise, denen sie dienen, müssen sich an einem L e- bensnerv getroffen suhlen, wenn die Zen'ur sie in der Freibeil ihrer Meinungsäußerung beschränkt. Das Bedürfnis zu einer freien Aussprache ist um so größer in einer Zeit, in der es sich um uniere Zukunft uniere Existenz, um die Lebeiisbedingungen handelt, die wn von der Zukunft erwarten. Die Herzen sind voller Wünsche. voller Hoffnungen, aber auch voller Befürchlungen Dem will man Ausdruck gewn. und das zu können, danach lehnt man sich mir ganzer Seele. Aber noch geben die Ansichten über die Gestallung unierer Zlikiiiist auseinander, noch sind nichi die Richtlinien iür das ge'iinden was wümchenswert erscheint. Noch sind trotz unserer ae> waliigen und Herrlichen Siege die politischen und militärischen Per- bäliiiisse nicht io sest und klar, daß die Regierung eme ganz freie Aussprache über diei'e Fragen zulassen könnte. Aber die Aus- spräche soll und muß kommen, das ist die Auffassung der Regierung. lZuruie bei den Sozialdemokraten: Wann?) Sobald die Veibäliniffe es irgendwie zulassen. Nun zur Zensur selbst. Sie liegt in der Hand der Militär- befehlsbaber. die selbständig und unverantwortlich darüber zu eni- scheide» baben. Die Zivikbebörden haben nur eine vermittelnde Tätigkeit ausiuüben. Wir haben bei dieser Tätigkeit Fühlung ge- sucht und gesunden mit den maßgebenden mililäriichen Stellen, in Berlin mit dem Oberkommando in den Marken. Ich stelle gern fest. daß wir mit allen Wün'chen dort bereitwilligstes Entgegenkommen gesunden haben Fu den Provinzen besteht eine Fühlungnahme zwischen den Obeipräsidenlcn und den stellverlreteiiden komman- tnerenden Generälen. In Berlin ist als Oberzeniurstelle das Knegspiesieomt eingerichtet worden und die Eriolge seiner Tätig- keit können nicht b. stritten werden. Es ist auf Grund der bis- herige n Ersahrungen meine feste Ueberzeugung. daß die Zensoren nach bestem Wissen und Gewisien be- nrühi sind, ihre Aufgaben zu erfüllen. Natürlich find Mißgriffe vorgekommen, sogar eine ganze Reihe von Mißgriffen. Aber man muß sich doch die Schwierigkeiten der Ausgabe vor Augen halten. Wir baben in Preußen seit öl) Jahren Pießfreiheit und halten deshalb mit der Zensur nichts zu tun. Jetzt kam da auf ernmal die ganz neue Aufczabe, die nach besten Kräften zu lösen versucht wurde. Auch die verschiedene Handhabung der Zeniur ist bei dem großen Personenkreis, der bei der Ausübung in Betracht kommt, nicht zu ver- wundern. ES tst eine größere Zentraltsation gewünscht . worden. Sie mag ihre Borteile haben, bat aber anch große Nachteile. Denn die Berücksichlinung der provinziellen und lokalen Verhältnisse kann bei ihr nicht in der bisherigen Weise er- folgen. Sie mögen über die Zensur urteilen wie Sie wollen, eng- herzig ist sie nicht ausgeübt worden. Denken Sie nur an die schai se Kritik z. B. an den Maßnahmen der Regierung aui dem Gebiete der Volksernährung. Man könnte eher annehmen, daß hie Zeniur die Zügel ein wenig zu locker gelassen hat. Der Vorredner hat meine beiden Erlasse krilisicit. die die Ver- forgung der kleinen Provinzpresse mit Nach- richten zum Gegenstand bat. Im Reichstag ist ja darüber aus- fübrlich gelpi ochen worden. Die Erlasse beabsichtigen nicht die Unter- drückung der öffenilichen Meinungssreibeit, sie wollen nur der Regierung die Möglichkeit verschaffen, ihren Ansichten zu allen Zeiten klar und deutlich Ausdruck zu geben. Die Elkaffe sollen auch keine Zwangsmaßnahme sein, sollen keine Beein- f l u s s u n g der Bevölkerung bei den Wahlen herbei- führen. Die Wahlbeeinflnsiung, d. h. den M'ßbrauch eines Amtes im Jnteresie politischer Paueien mißbillige ich ebenso wie S>e. Ganz etwas anderes ist es. wenn man der R-gierung Gelegenheit gibt, auch in Wahlzeilen ihre Ansichten zum Ausdruck zu bringen. Die Regierung muß das können, selbständig und unab- hängig von den Parteien. Dem sozialdemokratischen Antrag auf unverzügliche Aufbebung des Belagerungszustandes kann die Regierung nicht zustimmen. Ebenso muß es gegenüber dem Antrage der Kommission aus Frei- gäbe der Erörterung der ollgemeinen Richlltnien unserer Friedens- ziele bei dem verbleiben, was ich vorhin gesagt habe. Den übrigen Anträgen der Kommiifion lann die Regierung zustimmen. Sie hat sich schon bisher bei Beichtänkung der freien Meinungsäußerung und des Beieins« und BeriammlunaSrechts nur leiten lassen von der Rücksicht aui die fieareichs Durchführung des Krieges. In einem Erlaß vom Februar vorigen Jahres habe ich den Poliieibehörden nahegelegt, grundsätzlich bei der Ausübung der Zeniur alle kleinlichen Gesichts- pmikle zu vermeiden und nur da Streichungen vorzunehmen, wo das Interesse des Staates es noiwendig macht. Ich babe auck betont, daß man sich immer nach Mögltchleii den Einrichtungen des Redakiions- und Exvsdilionsbetriebes anpassen möchte. Dieser Erlaß ist noch in Kraft und muß in allen Fällen beachlel werden, in denen die Z vilbetzörden die freie Ausübung der Zensur in der Hand haben. Der Kriegsministcr bat dieien Erlaß den Kommandierenden Ge- neiälen miigeieilt und seine Anwendung empfohlen. Ich habe meinetieiis die Zeniur nur einmal in Anspruch genommen und zwar als bei den Eiörlerungen über die Volksernährung in der Presse ganze Beru>Sftände aurs heitigste angegriffen und herabgesetzt wurpen, iodaß ihre Schaffenssreudigkeit zu erladman drohte. Wir alle wiffen, daß uniere Journalisten heute wirklick einen sehr schweren Berus baben. Niemand kann ihnen das Zeugnis versagen, daß ste eitrig und ernstlich bemüht gewesen sind, dem Geist der Einheit auch dort lreu zu bleiben, wo es sich um die Aus- tragung poltliicher Meinungsvertchiedenbeilen handelt. Dieser neuen Form der Austragung politischer Differenzen wollen wir treu bleiben. Dann wird auch dem Ausland ein Bild deutscher poli- ttscker Arbeil und politnchen Sireitens gegeben wie es würdig ist eines Bolkes, das im siegreichen Kampf der Welt dargetan hat, daß Preußen und Deutichland staailtch und national leistungsiähiger ist, wie irgend einer der besiegten Staaten.(Lebhafter Beifall.) Abg. Ströbel(Soz.): Dem Erlaß des Ministers des Innern ist bedauerlicherweise in der Kommission von gewisser Seite nickt die nötige Bedeutung bei- gemenen worden. Der Berlretcr der Nationalliberalen z. B. meinte. nach der Erklärung des Mimsteis. wenn es>o sei. sei die Sacke gar ii i ck i so schlimm. In der Tat ist es sebr schlimm und wiid höchstwahrscheinlich sehr schlimm werden.(Sehr rlchlig I bei den Sozialdemokraten.) Wir haben ja mit der sogenannten Reptilienprefse in Deutschland schon genügend Erfahrungen gemacht. Wir können es sebr leicht erleben, daß wir dies- mal ähnliche Eiiahrungen machen. Wir sollten daher alles zu verhüten suchen. waS irgendwie aus eine Korruption der Piesie hinauslaufen könnte. Jede lünstliche Wablbeein- flusiung muß aufs schärfste verurteilt werden(Sehr wabrl beiden Sozialdemokraten.) Wir baben zu dem Minister nicht das Bei- trauen, daß mit die'en Tingen. die geradezu zum Mßbrauch an- reizen, in Zukunft lern Mißbrauch getrieben werden wird. Der Minister Hai uns ja wiederholt versichert, er sei gar nicht so schlimm. er sei ein Stück von einem modernen Menschen in bezug aut politische Dinge. Ich bin zwar auch der Meinung, daß mancke Minister manches hinzulernen könnten, aber ich traue den pobtiichen Periön- lickleiten nickt, die allzu ra-ch umgelernt baben lind der Minister müßte wirllich übei Nackt umgelernt haben, wenn er heute eine andere Aufiassung vertreten wollte, als vor dem Kriege. Ick erinnere an die Antwort, die er dem Abg. P a ch n i ck e gab. als dieser meinte, in bezug aus die Wahlresorm werde der neue Herr Minister wohl so libeial gesinnt sein, daß etwas Envrieß- liches von ihm zu erwarten ser. Damals rief Herr v. Loebell dem Abg. Packnicke ironisch zu: aber Herr Pachuicke. womit babe ich denn das verdient. lHöri I dört I bei den Sozialdemohaten.» Am Schlüsse seiner Austütrungen sprach der Minister den Wunich aus. daß die schöne Zeit des Burgfriedens— der ja beute nur durch den Zwang besteht— freiwillig in die Friedensz-ii üb-rnommen werden möge, und daß dann eitel Harmonie und Glück- ieligkeil im deutschen Volke herrschen würde. Ich bin dieier Aus- tastung nicht(Abg Hoffmann jSoz.j: Er auch nicht!> Ich glaube. daß wir gerade nach dem Kriege den schwersten sozialen und politischen Kämpfe» entgegensehen. lSeHr ricklig! bei den Sozialdemolraten) Die Gr- fabrungen des Volkes in den Schützengräben werden n-chi dazu bei- tragen, um aus der großen Masse ein geduldige?, langmütiges Volk zu machen, sondern das Voll wird dann erst rcchl die Wahrung leiner Jnleuffsen verlangen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kraien.) Wenn Tie an die großen Schwierigkeiten des ganzen wirt- ichasilichen Neuauibaues nach dem Knege, an die ungeheuren Steuerlasten uiw. denken, weiden sie zugeben, daß dieier Zu« stand lein besonders idpllischer sein wiid, sondern daß die Gegen- sätze sehr ener.z»'ch aufemanderplatzen werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokrate».) Ein paar Worte zu den Ausführungen des Abg. Stull. Seinem Berlaiigcn, daß die Zensur gegenüber dem Theater und der Literatur noch ausgedehnt werde, müssen wir scharf widersprechen. Wir sind nalinlich auch der Meinung, daß jene leichte und zweiiel- hafte Kost, die hie und da in sogenannten Knnstftätten verzapft wird, dieier Zeit am wenigsten angemesien ist. Aber wir müssen schärfsten Prolest dagegen erheben, daß von Polizeiwegen dem Polle die so- .-enannte Silllickkeil eingepaukt wird. Darüber wird noch beim Ministerium des Innern und beim Kultusetat zu sprechen sein. Unsere An'chaunngen über Kunst und Literatur unteu'cheiden sich allerdings sebr wesentlich von denen des Herrn Stull. Wenn er zum Beispiel wegwerfend gesprochen bat von Boccaccios Dekamerone, so gelten doch diese hundert Novellen in der Literaturgeschichte als eins der bedeutendsten Werke. Daß sie gerade eine Lektüre für Geneiende und Kranke sind, will ich auch nicht sagen. aber wenn Herr Stull davon sprach, daß diese? Werk dem sittlichen Tiefstand der italienischen Volks- liieratur sei, so muß dagegen aufs schärfste protestiert werden. Es handelt sich hier nickt um ein Produll dekadenter Literatur, sondern um das Eneuguis einer Zeit, die natürliche Dinge in Harmloserund natürlicher Weise behandelte. W«>n Herr Stull weiter von dÄnnunzio sprach, so veruiteilen wir natürlich seine Kriegshetzerei auf das allcrichälfsle. aber als Künstler genießt er zweifellos großes Ansehen.(Lacken reckis und im Zentrum.) Ueber seine moralischen Eigenschaften will ich nicht sprechen, aber die literarische Bedeutung eines Mannes wie d'Annunzio sollte man nicht verkleinern.(Er- neuies Geläckier rechts und im Zentrum.) Ich betone das. damit die deutsche Nation nicht draußen in den Ruf eine? Bolkes von Banausen kommt.(Erneutes Gelächter rechts.) Nun zum Belgflermtjjsztisiand. Es ist erklärlich, daß der Welt- krieg außerordentliche Maßnahmen eifordert, und daß verhindert werden mutz, daß wichtige militärische Geheimnisse ins Ausland gelangen. Maßnahmen in dieser Richtung bat sich die sozialdemokratische Presse und vielleicht sie am gewissenhaftesten auch stets gefügt. Sie bat nie in ihrem Hondelsteil. wie m a n ch e andere Blätter Mit- teilungen gebracht, die nach Meinung der Militärbehörde im Jnter- esse der Landesverieidigung geheim gehalten werden mußten. Als der Belagerungszustand erklärt wurde, wurde behauptet, er soll vorübergehend sein. Das ist leider nicht geschehen, er ist immer schlimmer geworden, die Zeniur bat immer un- erträglichere Formen angenommen. Die Einrichtung des Kriegs- Presseamts hat die Dinge nicht gcbcffcrt, sondern nur»och ver- schüchtert. Wir fordern die Beseitigung des Belagerungszustandes der nicht einmal durch besondere Umstände begründet werden kann. Denn nirgends ist in Deutschland etwas geschehen, das ihm auch nur den Schein von Recht geben könnte, nicht einmal in den Grenz« gebieten, in der Nordmark oder in polnischen Gebieten. Nirgends hat sich unseres Wissens etwas ereignet, was auch nur dort die Aufrechterhaltung des Belagerungszustandes rechtfertigen könnte. Wenn dem aber so ist. darf die bloße Tatsache des Krieges in einem V e r f a s s u n g s st a a t. wie es Teutschland sein sollte, nicht dazu benutzt werden, um eine begueme Herrschaft der Militärgcwalt zu etablieren, die hinausläuft aus politische Knebelung namentlich der Opposition, auf Ausschaltung der Volksrechte und auf völlige Lahmlegung des legitimen Einflusses der Volkspresse. Der„Burg- frieden" fft dem Geiste der Bevormundung entsprungen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Vermeidung poli- tischer Konflikte in diesem Kriege kann der Einsicht, dem Takt und dem politischen Verantwortungsgefühl der Parteien überlassen werden. Außerdem hat der Burgfrieden zwei ganz ver» schiedene Gesichter, ein lächelndes, konziliantes für die bürgerlichen Parteien, namentlich die rechtsstehenden. und ein gar grimmiges, schnauzbärtiges Gen- darmenge ficht für die Opposition, namentlich die Sozialdemokratie. Die Knebelung durch die Zensur und den Burgsrieden trifft schließlich nur diejenigen, die � nach den Grundsätzen der Demokratie die Interessen der Volksmassen zu ver- treten haben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die bür- gerlichen Parteien haben schon seit jeher durch ihren direkten Einfluß als Inhaber hoher Beamten stellen. In- haber von Hofchargen, hohen Offiziers stellen den größten politischen Einfluß auszuüben verstanden. und dieser Einfluß ist unter dem Burgsrieden durch die Aus- schaltung der Opposition noch ins Uferlose gewachsen. Den Ver» tretern der Arbeiterklasse steht eine solche Möglichkeit der Einfluß- nähme auf die Malsbenden Stellen der Regierung nicht au. Wenn eine solche Möglichkeit der direkten persönlichen Beem- flussung bestünde, so würde ich solche Beeinflussungsversuche als Hintcrtrrpvcnpolitik energisch zurückweisen.(Sehr wabrl bei den Sozialdemokraten.) Eine solche Beeinflussung ist nir jede demokratische Partei unmöglich. Tie demokratischen Elemente des Volkes sind jetzt völlig ohnmächtig und entrechtet. ohne die verfassungsmäßigen Garantien, die ihnen wenigstens in gewissem Maße eine öffentliche Kritik sichert. Der Burgfriede ist also in Wahrheit nicht der politische G o t t e s f r i e d e n, der allen gleiche Rechte einräumt, nicht ein ehrlicher Waffen- stillstand zwischen politischen Gegnern, sondern eine einseitige Knebelung der demokratischen Bolkskreise, die sich widerstandslos einer konservative« reaktionären Politik ausgeliefert sehen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) schon die Zusammensetzung der Zensurorgane beweist die Richtigkeit meiner Tarstellung. Die obersten Vertreter sind rein feudale Militärs mit.abso- lutistischer Auffassung, und die ausführenden Organe geben auch keinerlei Garantie einer paritätischen Behandlung der Presse, der Parteien und der Strömungen im Volke, denn es sind ebenfalls Militärs, Polizeibeamte, Staatsbeamte usw., Zivilisten drin, alles Leute, die den Alldeutschen und Annexionisten ebenso nahestehen wie sie rabiateste Gegner der Demokratie und erst recht der Sozialdemokratie s i nd. Der Abgeordnete Bacmeister hat ja in der Kommission ausdrücklich gesagt die ausführenden Organe der Zensur stehen auf seinem Standpunkt, das heißt also auf dem Standpunkt der sechs Wirtschaftsverbände.(Hört, hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Danach kann man sich vorstellen, wie diejenigen behandelt werden, die aus einem anderen Standpunkt stehen. Haben Sie denn auch schon einmal erlebt, daß etwa einer der Annexions- Politiker verwegenster Art in Schutz Haft genommen wäre, wie zahl- reiche Sozialdemokraten? Hat man jenen Leuten etwa schon jemals wegen Verbreitung von Flugschriften den Prozeß gemacht? Als einmal über einen Alldeutschen die Briefsperre verhängt wurde, da wurde von jener Seite großes Geschrei erhoben. Darüber, daß inzwischen die Briefsperre in vielen Tausenden von Fällen verhängt worden ist. regen Sie sich gar nicht auf. Ist gegen einen von jenen Leuten etwa schon� ein g e n e- relles Redeverbot erlassen? Meinetwegen können sie ja reden, was sie wollen, wenn wir nur ebenso antworten dürfen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Aber einer ganzen Menge Sozialdemokraten ist ein für allemal das Reden verboten.(Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Man hat allerdings das Verbot zurücknehmen wollen, wenn die Betreffenden eine Erklärung unterzeichnet hätten, daß sie ihre frühere Auffassung bedauerten. Das ist eine Zumutung, die mit parlamentarischen Ausdrücken nickt zu kenn- zeichnen ist. (Abg. Liebknecht: Zwang zur Lüge!) Trotz der inzwischen erfolgten Kritik eines solchen Vorgehens im Reichstag ist noch vor wenig Tagen einem meiner Parteigenossen eine ähnliche Zumutung ge- macht worden..(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) So sieht die Zensur in der Praxis aus. Außerdem gebt sie auch darauf aus, eine bestimmte Richtung in der Sozialdsmokratie zu benachteiligen. Auch die Parteisn haben sich ja in der Presse mshr oder weniger täppisch in Visse Streitigkeiten einzumischen ve»sucht, die innerhalb der sozialdemokratischen Partei ausgebrochen sind und zum Aus- trag gebracht werden müssen. Diese Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Sozialdemokratie sind aber die ureigensten Angelegen- hcit dieser Partei selbst.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Durch Verfolgung und Drangsalierung schafft man bekanntlich nur Märtyrer. Entweder die Sache der Minderheit ist schlecht und ver- werflich, dann wird die Masse nichts von ihr wissen wollen, oder aber sie ist zukunftskräftig, weil der geschichtliche Verlauf der Dinge ihre Ansichten bestätigen wird, dann ist jede Verfolgung nur Oel ins Feuer. Was in dieser Beziehung geleistet wird, beweist die Tatsache, daß in letzter Zeit noch das ehemalige Mtglied dieses Hauses, der frühere Abg. Julian B o r ch a r d t in Schutzhaft genommen worden ist. Weshalb weiß er wohl heute selbst noch nicht. Seine Frau hat sich vergebens bemüht, den Gsuird zu erfahren. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Das sind die herrlichen Zustände, in denen sich das deutsche Volk jetzt befindet. Es wird Borchardt unmöglich gemacht, mit seinem Anwalt in Verbindung zu treten, damit er Einspruch erheben kann gegen diese reine Will- kür, damit vielleicht ein Mißverständms, ein falscher Verdacht he« seitigt werden kann. Die Leute werden einfach eingesperrt, Wochen und Monate, und dann plötzlich entlassen, lausen aber Gefahr, nach ein paar Wochen wieder eingesperrt zu werden, wie es einem, be- kannten Sozialdemokraten in Neukölln passiert ist. Ist irgendeinem von Ihnen schon etwas Derartiges passiert? Nun, Sie sagen, wir sind Patrioten, aber ich meine, wer der beste Patriot ist, wer seinem Baterlande am meisten nützt, darüber wird man nach dem Kriege vielleicht noch ganz anders denken alö heute.(Sshr wachrk bei den Sozialdemokrat«».) Man verschickt sogar strafweise solche Leute zur Front. Eigentlich soll ja die Vaterlandsverteidigung eine Ehre sein. Man hat Leute zur Front geschickt, die schon als dienstunfähig entlassen waren. Ein Fall ist mir bekannt, wo ein Mann zweimal dem Arzt vorgeführt worden ist im Beisein eines Majors, der die angedlichc»l Straflisten des Mannes zur Hand hatte, und als der Arzt erklärte, nach seinem besten Wissen und Gewissen wäre der Mann ungeeignet. Kriegsdienste zu leisten, wurde die Straflifts vorgebracht.(Große Unruhe recht. Rufe: Namen nennen! Verleumdung!) Das ist Tatsache. Der Arzt hat sich nicht beeinflussen lassen, sondern sich nur von seiner ärztlichen Pflicht leiten lassen. In anderen Fällen sind aber Leute, die sich politisch mißliebig gemacht hatten, obwohl sie für dienstuntauglich erklärt waren, schon m kurzer Zeit nochmals untersucht und zur Front geschickt worden.(Erneute Unruhe und Zurufe rechts.) Die Beweise werden Ihnen schon vor Augen geführt werden. Es werden Ihnen diel mehr Beweise er- bracht werden, als Ihnen lieb sein wird. Dazu müssen wir aber erst geordnete Rechtsgarantirn haben. Sie sind doch auch nicht so ahnungslos, um nicht zu wissen, daß, wenn wir hier die Nämen solcher Leute nennen, die sich im Militärverhältnis befinden, sie Gefahr laufen, daß es ihnen noch viel schlimmer geht. Also so gestaltet sich bei uns der Burgsrieden. Er führt, zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der Opposition. Dem„V o r- w ä r t s" ist z. B. verboten, den Standpunkt des Klassenkampfes zu. vertreten. Dabei ist doch dieser Klassenkampf nicht nur ein Mittel zur Aufrüttelung der Geister im politischen Tageskampf, sondern auch eine Weltanschauung, eine h i st o r i s ch- ökonomische Theorie, die Auffassung, die von Willionen Wählern vertreten ist. Und nun soll für die Dauer des Kriege» die Betrachtung aller Dinge unter dem Gesichtswinkel dieser Welt- anschauung verboten werden Es ist doch aber eine Tatsache, die von der ernsten Geschichtsschreibung längst nicht mehr bestritten wird, daß die staatliche Fortentwickelung auf dem Kampf der Klasse nuntereivander beruht. Man erkennt ja auch auf Ihrer Seite an, daß die materiellen Interessen das Aus- schlaggebende in der Geschichte sind, freilich immer nur dann, wenn es sich um andere Böller handelt.(Sehr wahr! bei den Sozial» demokraten.) Denen werden alle sittlichen, idealen Motive ab- gesprochen. England z. B laßt sich nur vom Futterneid auf Deutsch- land lenken. Tagegen erkennen wir sogar an, daß neben den rein materiellen Motive» auch alle möglichen idealen Kräfte sich betätigen. Das trifft natürlich auch auf Deutschland und auf die Parteien zu die im Grunde rein malerielle Interessen verfolgen, aber doch glauben, daß sie dabei die höchsten Staatsinteressen ver- treten. Im Grunde aber sind doch die materiellen Jnter- essen das Ausschlaggebende. Die Verschiedenheit der Jnter- essen kann natürlich auch nicht beseitigt werden durch irgend- einen Krieg Tie Idee von der Neuorientierung ist im besten Falle Selbsttäuschung, vielleicht aber auch bewußte Täuschung. Je länger der Krieg dauert, je größer die Lasten deZ Krieges werden, desto erbitterter müssen die sozialen und politischen Kämpfe werden, denen wir entgegen» geben.(Sebr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wahrscheinlich werden wir bei längerer Kriegsdauer 70 Milliarden Krieysunkosten allein an Staatsanleihen haben, und die Summen, die aufzubringen find für die Renten der Witwen und Waisen usw. werden ins Asch- graue anwachsen, man wird mit ss bis 7 Milliarden pro Jaftr rechnen müssen. Angesichts dieser Zustände ist das Verbot, vom Klassenkampf zu sprechen, und diese Dinge dem Volk und den herrschenden Klassen zum Bewußtfei« zu brhtgett,: eine Nngeheuerlichfeit, eine-Bevornnm- dung, die sich keine mündige und-auf-Selbstachtung haltende große Partei ohne schärfsten Protest gefallen lassen kann.(Sehr. wahr! .bei den Sozialdemokraten.) Daher verlangen wir die. t sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes und der Zensur. Die sozialdemokratische Presse wird auch bei schrankenlosester Preß- freiheit sicher nichts bringen,, was irgendwie.als Verrat militari- scher Geheimnisse gedeutet werden könnte. Das ganze Sturmlaufen in der Kommission gegen die Zensur verfolgte freilich nur' den Zweck, daß die ausgesprochensten Annexionisten sich noch mehr Ellenbogenfreiheit erringen könnten. Sie wollen mit iwch größerer Skrupellosigkeit als bisher ihre zügellose Annexions--und Scharf- macherpolitik betreiben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Um Lies zu bemänteln, hat man in der Kommission Töne von wahrhaft rührender Naivität angeschlagen, hat sich selbst als vor- folgte Unschuld aufgespielt. Herr v. Heydebrand behauptete ja schon - vor einem Jahre, daß die Flaumacher weit größere Freiheit ge- nießen als die Scharfmacher.(Sehr richtig! rechts.) Wie man das nach dem, was ich bis jetzt ausgeführt habe, noch behaupten kann, wird außerhalb dieses Hauses niemand' begreifen.'(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Schreibweise der„Deut- scheu Tageszeitung" ist ja kaum noch zu überbieten. Was müssen das für geradezu unmögliche Artikel gewesen sein', die die Zensur bei ibr zum Einschreiten veranlaßt haben. Hat sie sich doch erlaubt, den Botschafter einer großen neutralen Macht durch wenig der- schleierte Verbalinjurien in einem kritischen Äugenblick zu be- leidigen, so daß dm„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" sich scharf dagegen wenden mußte, auch deshalb, weil der N e g i e r u n g selbst Schlappheit und Rückcnmärkerei von der„Deutschen Tageszeitung" vorgeworfen worden war.(Hört! hört! beü den Sozialdemokraten.) Dem„Vorwärts" dagegen werden alle Augen- blick Artikel, verstümmelt oder gestrichen, die ganz nüchtern und trocken sachlich geschrieben sind. Dafür könnten wir einen ganzen Berg von Beweisen erbringen Die Behauptung, daß die Scharf- macher ungünstiger daständen als die sogenannten Flaumacher, kann man nur noch h u m o r i st i s ch nennen. Sogar in die Erörterung der Fragen der Höchstpreise, der Verteilung der Produkte usw., also wirtschaftspolitische Fragen, bei denen die weitestgehende Meinungsfreiheit geboten wäre, hat die Zensur eingegriffen. Es dürfte nicht gesagt werden, daß der Patriotismus für gewisse Kreise ein einträgliches Geschäft ist, und daß sie deshalb geradezu ein Interesse an der Verlängerung des Krieges haben. Der Presse Nmrde befohlen, künftig maßvoll zu sein in der Kritik wirtschaftlicher Maßnahmen. Ein solches Verbot liegt lediglich im Interesse gewisser Produzenten schichtem(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) . Die Zensur nimmt auch in scheinbar militärischen.Fragen ganz entschieden politischen Charakter an. Im Auslande wird vielfach in viel höherem Maße Kritik angewendet, als in Deutschland. und sogar � an militärischen Dingen. Kann das als ein Zeichen von Schwäche gedeutet werden? Ich glaube, daß diese Kritik schließlich sogar der Heeresleitung m den betreffenden Ländern, gute Dienste geleistet hat. Daß diese Mängel der Zensur bei uns in den weitesten Kreisen empfunden werden, beweist der. letzte Sonntagsartikel des „Berliner Tageblatts".— In der letzten Zeit ist im Aus- lande wieder eine ganze Anzahl von Broschüren erschienen, in denen die zum Teil amerikanischen Verfasser ihrer Verwunderung darüber Ausdruck geben, was man in Deutschland alles von Ereignissen in den Ländern, mit denen es Krieg führt, erwartet hat: Revolution in Aegypten, in Indien, Erhebung der Buren, Revolution in Ruß- land usw. Diese phantastischen Illusionen müssen natürlich bedenk- kiche Folgen haben. Es wird aber verhindert, gegen diese Illusionen aufzutreten. Aus solchen Phantasien ergeben sich dann auch phanwstisch-kindische Ansichten über die Kricgsziele. Ich kann auf den Inhalt dieser Ansichten nicht- eingehen, weil Sie es ja cherftanden haben, diese Debatte auf die Formalien der Zensur zu beschränken, trotzdem das Volk den dringenden Wunsch hat, daß hier auch über andere pslitische Dinge gesprochen werde. Uebrigens brauche ich ühe? die)-Ariegsziele-selbst gar- nicht. 7 zu' sprechen,, denn wir keimen ja die Tenkschoift der b Verbände und die Denkschrift der Professoren, die nach Ansicht der Kommission über das hinausgeht, was die Denkschrift der 6 Verbände enthält; wir wissen, �daß diese Denkschriften draußen kursieren, und es ist ganz interessant,. daß sogar in Berliner Professorenkreifrn erst in den letzten Tagen wieder ein neues Manifest über den Ü-Bootkrieg herausgekommen ist. Auf der einen Seite Propaganda, auf der an- deren keine Aussprachemöglichkeit!(Hört! höktl) Während, ein Buch des Reichstagsabgeordneten Eduard Bernstein nicht einmal■ als Manuskript verbreitet werden darf, können diese Herren ihre für das deutsche Volk so sehr bedenkliche Tätigkeit ruhig fortsetzen. Der Steg- litzer„Ausschuß für Verständigung über Kriegsziele", dem Professor Dietrich Schäfer, die Abgeordneten Fuhrmann und Bacmeister u. a. angehören, verschickt eine Eingabe an ihre Gsstnnungsgenossen, die aus der letzten Zeit stammen mutz, und wdrin angegeben wird, daß z» Werbezwecken Abdrücke zur Verfügung stehen.(Die Abgeordneten v. Pappen heim und v. Zedlitz rufen den Redner lebhaft zur Sache.— Slbg.. Ad. Hoffmann: Oberpräsident! Scharfmacher!— Präsident Graf Sckgverin ruft den Redner zur Sache.) Ich habe mich bisher streng an die Sache gehalten.(Lachen rechts.) Ob es Ihnen paßte, ist. eine andere Frage. Hier ist also eine Kriegszielschrift, die unter der Duldung der Zensur herausgekommen ist.(Abg. v. Zedlitz: De- nünziant!— Gegenrufe der Sozialdemokraten: Unerhört!) Wenn man Sie dem Volke denunziert, so tut man ein gutes Werk. Dieser „Ausschuß für Verständigung über ÄriezSzisle" gibt Verbindungen in Karlsruhe, Königsberg, Düsseldorf an; es ist also eine ganz aus- gebreitete Propagandagesellschaft. Wir hätten das nicht vorgebracht, aber da Sie eine öffentliche Erörterung über diese Dinge unmöglich gemacht haben, müssen wir diese Machenschaften aufdecken und gleiches Recht für alle fordern. Die 6 Wirtschastsverbände haben ja alle mög- lichen Parteien hinter sich: die Konservativen, Nationalliberalen, das Zentrum, selbst die Freisinnigen— ja, ja.(Neue Mahnung des Präsidenten.) Wenn Sie ein gutes Gewisses haben, dann treten Sic doch dafür ein, daß die Gegenseite das gleiche Recht erhalte. Wir werden nichts sagen, was zum Schaden Dsutschlands sein könnte. (Lachen rechts.) Sie hausieren mit Feldpostbriefen als BcwÄfe für die Pvlks- stimmuna; wir könnten für jeden solchen Brief 10 andere bringen, die daS Gegenteil enthalten. Aber Sie werden ja selbst auch genug Feldpostbriefe erhalten haben, nach denen ich Ihnen icherlassen kann, selbst zu entscheid en, wem sie Recht geben! In der Äom- Mission wünschte Herr v. Heydebrand möglichst baldige Freigabe der Erörterung der Friedensziele; das sei ein Recht des Volkes. Run, dann hätte er die Beseitigung der ganzen Zensur und nicht nur die Erleichterung für s e i n e Richtung verlangen müssen. Die Volksmstnung muß ausgesprochen werden, damit die Kriegsführung in Ucbcreinstimmung gebracht wird mit den Friedcnszielen. �Präsident: Sie geben hier auf die Kriegsziele selbst ein, das dürfen Sie nicht.) Sie sind für„siegreiche Beendigung" des Krie- ges Angetreten, wenn ich für- seine vernünftige Verstän- digung spreche, so tue ich doch das gleiche. �(Erneute Mahnung des Präsidenten.) Ich spreche nicht mÄr darübsr als die anderen Parteien. Dem„Vorwärts" wurden sogar einwandfreie Artikel eines bekannten Volkswirtschaftlers über den mitteleuropäischen Wirtscbaftsverband verboten. Kein Mensch hat gegen einen enge- ren wirtschaftlichen Zusammenfchtuß mit Oesterreich etwas einzu- wenden(Glocke), aber wenn das Sochschutzzöllerische ein mittel- europäisches Imperium werden sollte, so erheben wir dagegen schärf st en Widerspruch.(Präsident: Darauf bezieht sich diese Debatte nicht.) Herr Stull hat von der Absicht der Gegner gesprochen, Teutschland zu ruinieren. Es sind Beweise in Un- Masse dafür vorhanden, daß—(Glocke). Ich kann also den Gegenbeweis nicht antreten und will deshalb nur sagen, chaß die Behauptung deS Abgeordneten Stull mrwahr ist und auf eine Täuschung des Publikums ausgeht.(Unruhe.) Wenn ein klares Bild gegeben würde, so würde das' Volk fordern, daß der Krieg entweder mit einer Per- ständigung und Versöhnung unter den Nationen beendet werden müsse oder— iPräsident: Sie gehen wieder auf die Kriegsziele ein.— Abg. Ströbel: Das war nur ein Friedensvorschlag!— Heiterkeit.— Präsident: DaS darf ich nicht zulassen. Ich rufe Sie zum zweiten Male zur Sache und mache Sie auf die Folgen auf- merksam.) Zwischen Sieg und Niedertage gibt es noch ein Drittes. nämlich: vernünftige Verständigung. Jedenfalls ist das einem Krieg vorzuziehen, der mit dem Weißbluten und dem Ruin Europas enden würde und enden muß.(Die letzten Worte des Redners werden unter lebhaftem Klingeln des Präsidenten ge- sprachen.)(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Das Haus vertagt die Weiterberatung auf Mittwoch 11 Uhr. Auf Antrag v. Pappcnhcim(k.) wird das Eifenbahnanleihe- gesetz ohne erste Lesung der Staatshaushaltskommission überwiesen. • Schluß gegen 6 Uhr. Bus öer Partei. Stellungnahme zur Fraktionshaltung. Eine Parteikon'erenz des 11. badiscben Reichstags- Wahlkreises(Man 11 beim) beickiKiiigke sich mit der gegen- wärtigen Lage der Partei. Der Abgeordnete des Kicisis, Genosse Geck, vertrat den Standpunkt der Fraklionsmebrbeil. Genosse L e b m a n n den der Minderheit. In der vom besten panei- genöisischen Geist getragenen, durchaus ruhigen und sacblicheii Dis- kussion stellte sieb nach der Mannheimer„Bolksstimme" der weit- aus überwiegende Teil der Redner auf die Seite des Abgeordneten Geck Eine Beschlußfassung unterblieb. sie soll später eventuell durch Urabstimmung herbeigelührt werden. Auch der Korreferent Lehmann sprach sich gegen sofortige Beschluß- fassung aus._ Ein Parteiveteran gestorben. Im Alter von 75 Jahren starb in Verden der Tabakarbeiter Genosse Heinrich Leßmann. l873 beim Inkrafttreten des Sozialistengesetzes wurde L. aus dem Hamburger Belagerung?- gebiete ausgewiesen. Ter Ausgewiesene kam nach Verden, wo er bis in sein hohes Alker hinein eifrig für die Arbeiterbewegung tätig war. Mus Groß-öerlin. vom Umgang mit Menschen. Vor einem Mcnschenalter lebte in Berlin ein Gastwirt, der sich im Umgang mit seinen Gästen einer hervorragenden Unhöflichkeit befleißigte. Man nannte ihn deshalb den„groben Gottlieb". Uebrigens soll die Grobheit des Wirtes einen starken Einschlag von derbem Humor gehabt haben und des- halb von c>en Gästen' nicht als Beleidigung empfunden sein. Jedenfalls störten die Umgangsformen des groben Gottlieb sein Geschäft nicht. Er setzte den Gästen für billige Preise reichliche Portionen vor. Deshalb ivar das Kellerlokal des groben Gottlicb stets gut besucht. Die Gäste ließen sich das Essen schmecken und nahmen die Grobheiten des Wirtes als unvermeidliche Zugabe mit in Kauf. Zu jener Zeit war übrigens der Ton des groben Gottlieb, wenn auch in etwas milderer Form keine Seltenheit bei Geschäftsleuten, die sich eines starken Andranges von Kunden erfreuten. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Der Typus des grollen Gottlteb starb aus.. Köstlichkeit im geschäftlichen Verkehr, wurde zur Selbstverständlichkeit. Wer es daran fehlen ließ, der würde schlechte Geschäfte gemacht haben. So war es bis jetzt. Doch in allerneuestcr Zeit macht sich hier und da bei manchen Geschäftsleuten ein Rückfall in die Um- gangsformen des groben Gottlieb bemerkbar. Allerdings nicht im Gastwirtsgcwcrbe. Hier gehen die Geschäfte nicht so gut, daß sich ein Wirt erlauben könnte, die schuldige Rücksicht gegen seine Gäste außer acht zu lassen. Aber in manchen Ge- schäften der Lebcnsmittelbranche geht der Geist des groben Gottlicb um. Hausfrauen, die ihre Einkäufe in Butterhandlungen, in Fleischerläden, in Grünkramgeschäften machen, klagen jetzt viel über das patzige, jeder Höflichkeit bare Verhalten der Verkäufer und Verkäuferinnen. Diese Wandlung findet ihre Ursache, aber keineswegs ihre Rechtfertigung, in den der- zeitigen Verhältnissen auf dem Lebensmittelmarkt. Wenn die Käufer sich in Scharen herandrängen und Waren zu hohen Preisen reißenden Absatz finden, dann glaubt mancher Ge- schäftsmann und manche Geschäftsfrau, jetzt brauche man auf die Kundschaft keine Rücksicht mehr zu nehmen und die Kunden müßten froh sein, wenn sie überhaupt etwas be- kämen. Sonst galt es beispielsweise im Fleischerladen als selbst- verständlich, daß die kaufende Hausfrau unter den Vorräten im Laden nach ihrem Belieben wählen konnte und daß ihre Wünsche bereitwillig erfüllt wurden.— Das war einmal.— Wenn jetzt eine Kundin dies oder jenes an dem ihr vor- gelegten Fleischstück auszusetzen bat und statt dessen ein anderes wünscht, oder wenn sie gar ein leises Mißfallen über die hohen Preise äußert, dann kann sie erwarten, daß sie eine grobe Antwort, aber keine Ware bekommt.— Ebenso geht es beim Grünkrämer.— Auch in Butterläden, in Milchgeschäften wird der gute Ton auf feiten der Verkäufer als nicht' mehr zeitgemäß empfunden. Das gilt natürlich nicht für alle Geschäfte, aber doch für viele. So sind denn unter dem Einfluß der Lebensmittelknapp- heit die Manieren des groben Gottlieb wieder aufgelebt. Aber was man dem groben Gottlieb verzieh, weil er seine Gäste reichlich und billig bewirtete, das kann man seinen Nachfahren auf dem Lebcnsmittelmarkt nicht verzeihen, denn sie fordern sehr hohe Preise, sie wiegen sehr genau und ihre Waren sind nicht immer einwandfrei. Gewisse Rücksichtslosigkeiten mancher Geschäftsleute müssen unter diesen Umständen beim Publikum doppelt unangenehm empfunden werden. Beim Butterverkauf wird ja jetzt, nachdem die bekannt- gegebene Regelung eingeführt ist,� der kolossale Andrang abnehmen und damit mancher Mißstand schwinden. Wenn andere Lebensmittelhändler noch Anlaß zu Klagen über unpassendes Benehmen geben sollten, so kann das Publikum selbst zur Erziehung solcher Geschäftsleute beitragen, indem es sich nicht allzu eifrig nach ihren Waren drängt. Wenn es durchaus sein muß, kann man schon zeitweilig auf dies und das verzichten, was man in normalen Zeiten nicht gern entbeljrt.� Schließlich ist es doch sehr fraglich, ob die gesundheitlichen Schäden, die man sich bei stundenlangem Warten in Regen und Wind, in Schnee und Frost holt, ausgeglichen werden durch die Kräfte, die selbst ein für unentbehrtich gehaltenes Lebensmittel dem Körper zu- führen kann. Teure Butter i» Dose«. In der letzten Sitzung des Fackmusschusies c der PreisprüfungS« stelle Groß-Bertin(Müch und ihre Produkte) kam zur Sprache, daß beim Verkauf von Butter in Dosen vielfach übermäßige Preise gefordert werden. Der Fachausschuß war der Ansicht, daß eine be- sondere Berechnung der Dosen nur soweit zulässig ist, als sie deren tatsächlichen Wert entspricht. Dagegen wurde es unter allen Um- ständen für unzulässig gehalten, einen Aufschlag für Verluste beim Einwiegen sowie für allgemeine Handelsunkosten und Aebnliches zu nehmen und so den Preis der Dosenbutter selbst über den Höchst- preis zu bringen. Ob die Butterdosen zur Versendung ins Feld bestimmt sind' oder nicht,'- spielt bei der Beurteilung der Preisfrage keine Rolle. Ferner wurde darüber Klage geführt, daß der Milchgroßhandcl seine Preisforderungen an den Kteinhandel in letzter Zeit wieder erhöht. Der'Fachansichuß wird die ihm mitgeteilten Fälle eingehend dahin prüfen, ob die Großhändler ihrerseits den Produzenten tat- säcvlich mebr zahlen mutzten als früher, oder ob lediglich eine Preis- erböbung durch den Gioßhändler vorliegt. Sollte sich herausstellen, daß. wie vor einigen Monaren. die Preiserhöhungen durch den Groß- Handel in einer Preiserhöhung der Mllchproduzenten ihre' Ursache haben, so wird der Fachaus'chuß nicht verfehlen, über die einzelnen Fälle hinaus allgemeine Schrille zu tun. Ter Roman eines Morphinisten. Am. gestrigen Dienstag nachmittag wurde von der Schöneberaer Kriminglpolizei der bgjädrige Dr. Phil. Oskar Block verhaftet, der zuletzt in Bertin- Schöneberg. Neue Wlnterfeldlstraße 17, unter dem Namen Dr. med Erich Edgar R e i n i ck e gewohnt hat. Bei der Schöneberger Kriminalpolizei gingen in letzter Zeit mehrfach Anzeigen von Logiswirten und Vermieterinnen ein, die von Dr. Reimcke durch mehr oder minder Hobe Beträge geschädigt worden sind. R.. der erst nach. Kriegsausbruch in Berlin auf- getaucht ist, hat es verstanden, unter der falschen Angabe, er sei em dculicher Flüchtling aus Brüssel, das Mitleid seiner Logiswrrle zu erregen, sodaß sie ihm nicht allein bares Geld gaben, sondern auch die Zahlung der Miete stundeten. Er verstand es in wahrhaft dramatischer Schilderung den einfachen Leuten, mit denen er es zu tun hatte, zu erzählen, wie bei Ausbruch des Krieges seine Frau, vier Kinder und seine Schwiegermutter von dem entmenschten Pöbel in Brüssel vor seinen Augen niedergemetzelt.worden seien. Er selbst sei mit knapper Not mit seinem jüngsten Kinde dem Tode entgangen. Mit Hilfe der Berliner Kriminalpolizei gelang eS der Schönebergcr Behörde, die Identität und den wahren Namen des Schwindlers fest- zustellen. Bei der gestrigen Verbaitung stellte es sich im Verhör heraus, daß man es mit einem hochbegabten, leider durch Morphi- msmus auf Abwege geratenen Manne zu tun hat. Block ist der Sohn eines russischen Musikprofessors in Petersburg und hat in jungen Jahren die Bühnenlaufbahn betrete«. Vor einer Reihe von Jahren spielte er u. a. am königlichen Schauspielhaus in Berlin und gastierte dann auf einer großen Zahl erster deutscher und öfter- reichlicher Bühnen, so in Wien, Leipzig, Mannheim. Seine schau- spieterische Tätigkeit mußte er abbrechen da er auf offener Bühne, vom Morphiumgift überwältigt, zusammenbrach. Nebenbei aber hatte der geistig kranke Mann' sein Staalsexaamen als Philologe gemacht und außerdem mehrere Semester Medizin studiert. Nun hielt sich Block unter den verschiedensten Namen— er hat sich deren gegen 50 beigelegt— in allen Erdteiten auf, wo er zumeist als Dolmetscher, Frauenarzt, Schiffsarzt tätig war. Auch in mehreren Klintken war B. als Assistenzarzt kurze Zeit tätig. Bei Kriegsbeginn hielt sich B. in den westlichen Vororten Berlins auf, wo er Frauen in ärztliche Behandlung nahm. B. ist übrigens schon mehisach wegen Kredit- schwindeleien vorbestraft und hatte mehrere Jahrr in Gefängnissen zugebracht. Von seiner geistigen Begabung zeugt der Umstand, daß Block sechzehn lebende Sprachen spricht. Zersplitterung der Wohlfahrtspflege. Gegen die Zersplitterung der Äriegswohlfahrtspflege wenden sich die Zentralstelle für Volkswoblfahrt und die Zentrale für private Fürsorge Berlin, unter Beteiligung einet Anzahl der von Alters her bestehenden großen zeittralen Wohlfahrtsorgamsationen. ES wird darauf hingewiesen, daß sich allmählich auf vielen Gebieten der Wohlfahrtspflege ein Uebereiser, ein Dilettantismus breitgemacht habe, der zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß gebe. Während der Kriegszeit sind in Grotz-Berlm allein 276 neue Kriegsorganisationen und Einrichtungen ins Leben gerufen. Auf dem Gebiete der Fürsorge für in Not geratene Künstler entstanden z. B, allein 22, für gebildete Frauen 5 neue Vereine. Geradezu bedenklich erscheint die große Zahl der zu- gunsten der Kriegsinvaliden sowie der Kriegsbiinden gegründeten Einrichtungen, deren Gesamtzahl 23 beträgt. ES wird befürchtet, daß auf diese Weise eine planmäßige und vor allem ökonomische Arbeit nicht mehr geleistet werden kann und daß die Kriegswohl- fahrispflege selbst dadurch empfindlichen Schaden leidet. Ein Parteiveteran. Genosse Gustav Bahlke, Landsberger Straße 113, der älteste Funktionär dcs vierten Kreises, begeht heute seineu 73. Geburtstag. Sein körperliches Wohl- befinden ist verhältnismäßig noch gut. 1887 trat er der Partei bei. Seit 23 Jahren wirkt im vierten Kreis für die Partei, 12 Jahre davon ist er als Funktionär tätig. Jetzt bekleidet er das Amt eines Abteilungsführers. Wenige Prole- tarier besitzen in diesem hohen Alter noch die Kraft, ein so opfervollcs Amt zu bekleiden. Auch ihm bereiten die Wirt- schaftlichen Verhältnisse ein sorgenvolles Leben. Obwohl ihm eine um viele Jahre jüngere Frau kräftig zur Seite steht, muß er ini hohen Alter noch sein schweres Tischlerhandwerk ausüben. Sein einziger Sohn im Alter von 27 Jahren, der ihm eine Stütze sein sollte, befindet sich im Kriege. Solange wie wir unseren Jubilar kennen, galt für ihn als Entschuldi- gung für das Fernbleiben von der Parteiarbeit nur Krank- heit. Viele jüngere Genossen mögen sich an ihm ein Beispiel nehmen. Wir wollen wünschen, daß es unserem Jubilar noch viele Jahre vergönnt sein möge, als Funktionär für die Partei zu Ivirken._ Eine Verwaltungsreform in der Berliner Armenpflege. Für Berlin soll die Einrichtung von Armenämtern, die bisher nur in einigen Stadtteilen bestand, auf das ganze Stadtgebiet ausgedehnt werden. Schon vor jetzt fast zwanzig Jahren war beschlossen worden, die Armenkommissionen nach und nach in Gruppen zu größeren Verwaltnngskörpern unter dem Namen„Armenämter* zusammenzufassen. Nachdem dann im Jahre 1897 zwei Armenämter im Norden und im Nordwesten der Stadt eingerrchtet worden waren, folgten die beiden nächsten erst 1999 und 1913 im Nordosten und im Süden, und 1915 wurde das Armenamt des Nordens in zwei kleinere zerlegt. Die an die Armen- ämter geknüpfte Erwariung, die Armenkommissionen und die Armendirektion zu entlasten, bat nach der Ansicht dos Magistrats sich erfüllt. In seinem jetzt den Sladtverordnetsn vorgelegten Antrag auf Zustimmung zur Austeilung des ganzen Stadtgebiets in Armen- ämter führt er aus, daß die bisherigen Armenämter„tu pflegerischer Beziehung sich durchaus bewährt haben", daß sie„die beabsichtigte Belebung und Vertiefung des Verkehrs mit den Armen und den Armenkommissionen vortrefflich erreichen" und daß sie„die recherchierende Tätigken der Armenkommijfionen in aus- geadäneter Welse ergZnzen'. Der Versuch, die SrmenSmter .nach und nach" einzurichten, hatte nur den Uebelstand, daß für sie neue Beamte nötig wurden und doch für die .emlastete' Armendirekrion nicht ebensoviel Beamte erspart werden lonMen. Bon der nunmehr beabsichtigten gleichzeitigen Einrichtung von Armenämtern in ganz Berlin— auf vierzehn soll ihre Zahl gebracht werden— wird erwartet, daß eine Vermehrung der Beamten nicht nötig sein, sondern der vorhandene Bestand für Armendirekrion und Lrmenämter ausreichen wird. Mit dieser VerwaltungSresorm soll auch die Einsetzung von Beschwerdeausschüssen ver« Kunden werden, ähnlich dem BeschwerdeauSschutz, der schon früher ein- mal bei der Armendirettion bestand, aber nach Einrichtung der Armen- kreise wegfiel. In jedem Armenamtsbezirk würde der Besckwerdeausschuß sich zusammensetzen aus dem Armenamtsvorsteber und zwei Armen- oireäionSmitgliederm auch sollen die Vorsteher der für die Be- schwerden in Frage kommenden Armenkommisfionen zugezogen werden. Die Armenkreise würden dann wegfallen. Von den Aus- fchüssen verspricht sich der Magistrat eine wesentliche Beschleunigung der Erledigung von Beschwerden. Ueber den Zeilpunkt der Aus- iührmtg dieser Reformpläne wäre erst später noch zu beschließen. Für jetzt ersucht der Magistrat die Stadtverordneten nur um grund- sätzliche Zustimmung.__ Das Opfer einer Schlägerei ist der 19 Jahre alte Telegraphen- böte Jgnaz LewandowSky aus der Gollnowstraße ii geworden. Der junge Mann, der bei seinen Ellern wohnte, besuchte am Montag spät abends eine Schankwirtschaft in der Georgenktrchstraße 96. Dort kam eS zum Streit. Dieser setzte sich, nachdem der Wm Feierobend geboten hatte, auf der Straße fort und führle zu Tät- lichkeiten. Hierbei versetzte der 19 Jahre alte Maschinenarbeiler Hermann Gardow dem Lewandowsky, den er von Ansehen kannte. inehrere Schläge an den 5wpf. wie er behauptet, mit der flachen Hand. Lewandowsky fiel zu Boden, konnte sich aber wieder erheben und nach Hause gehen. Hier kam er gegen 1 Uhr an und erzählte seinem Bruder, daß er geprügelt worden sei. An eine schwere Ver- letzung dachte er wohl selbst nicht. Im Laufe der Nacht jedoch ver- schlimmerte sich sein Zustand immer mehr und gegen 0 Uhr starb der junge Mann, vermutlich an einer Gehirnerschütterung infolge der Schläge oder des Hinfallens. Die Leiche wurde von der Revier- Polizei beschlagnahmt, Gardow wurde festgenommen und der Kriminal- Polizei zugeführt._ Tie verführerische Uniform. Stach einer abenteuerlichen.Krieasfahrt' wurden von der Neuköllner Kriminalpolizei ein 14 Jahre alter Schüler Alwin S. undein ISjShriger Schreiber Wilhelm B., beide aus der Emser Straße in Neukölln, sestgenommen. Die beiden planten schon lange, sich nach dem öst- Uchen Kriegsschauplatz zu begeben und sich dort irgendwie zu be- tätigen. Weil sie aber kein Geld halten, so schwindelten sie der ihnen bekannten 14 Jahre allen Tochter eines angesehenen Kohlen- Händler« vor, B. brauche zum Antritt einer neuen Stellung eine Bürgschaft und verleiteten sie. ibren Eltern 159 M zu entwenden. Von ihren wahrenPlänenerfuhr dos Mädchennichts. ES besorgte ihnen einen Hundert- und einen Fünfzigmarkschein, die eS in Zeitungspnpier ein- wickelte und dem S. zur Ablieferung an B. übergab. Mit dem Geld in der Tasche, kauften sich die Burschen am DienSlag voriger Woche Jugendwehruniformen. besuchten dann mehrere Speiiehallen und das Theater am Nollendorfplatz, lösten sich endlich Fahrkarten vierter Klaffe nach Alexandrowo und fuhren nachts um 2 Uhr vom Bahn- Hof Friedrichstraße ab. Nachdem ihnen unterwegs Soldaten klarge- macht hatten, daß sie ohne bestimmt vorgeschriebene Papiere nicht über die Grenze kommen würden, stiegen die Abenteurer in Tborn aus und kauften gleich Karten zur Rückfahrt nach Berlin. In Küstrin unterbrachen sie d,e Fahrt und übernachteten in einem Gasthof. Dann gingen sie nach Werbig. Jetzt war ihre Kafle erschöpft. In der Jugend- wchruntform aber erhielten fie die Erlaubnis, nach Freienwalde zu fahren, gegen das versprechen, daß sie dort nachtraglich die Fahr- karten bezahlen wollten. Dort bat nämlich S. eine Tante, bei der er dann auch übernachtete. B. riet ihm. fie zu bestehlen. S. tat das aber nicht, sondern borgte sich 4 M. von ihr. B. mietete sich bei einer fremden Frau ein, aß und trank gut und verschwand dann. ohne zu bezahlen. Am Sonnabend abend kamen die Reisenden in Berlin wieder an und übernachteten in einem Gasthos in der Nähe des Zirkus Büsch. Weil sie nicht bezahlen konnten, nahm der Wirt dem B. die Arbeitspapiere ab. Ohne einen Pfennig Geld kehrten die Abenteurer jetzt zu ihren Eltern zurück. Hier nahm die Kriminal- Polizei fie fest, um sie dem Jugendrichter vorzuführen. Der dritte EinführungSatend in die Kammermostk findet morgen Donnerstag, abends 8 Ukr, m der Aula des Klostergymnasiums, Klosterstraße 74. statt. Mitwirkende: Steiner- Rvthftem-Ouartett(Musik), das Grundjche Berliner Frauen-Terzett (Gesang). Einlaßkarten 25 Pf. Kleine Mitteilungen. Einsam gestorben ist die 74 Jahre alte Aufwärierin Agathe Hoffmann, die in der Sckerstr. 156 für sich allein im Keller wohnte. Die Greifin kam feit einigen Tagen nicht mehr zum Borschein. Als die Polizei gestern ihre Wohnung öffnete, fand man fie tot auf dem Bett liegen. Sie war an Altersschwäche ge- starben.— Hilflos aufgefunden wurde in der Nacht zwischen 12 und 1 Übr ein etwa 69—65 Jahre alter unbekannter Mann vor dem Hause Uferstr. 13. Er lag, aus einer Kopfwunde stark blutend, auf dem Bürgersteige und wurde von einem Schutzmann nach der Rettungswache und nachdem er hier verbunden war, nach dem Ge- wahrsam deö Polizeipräsidiums gebracht. Wie er zu der Verletzung gekommen ist, weiß man noch nicht. �iis öen Gemeinöen. Vvrkrmf von Reis«nd Hülsenfrüchten in Nenkölln. Der Berkauf der von der Zentraleinkaufsgesellschafi der Stadt überwiesenen Mengen von ReiS und Hülienfrüchien beginnt am Montag, den 23. Februar, wieder durch die Klemhändler. Der Verkaufspreis an die Konsumenten ist für Reis auf 55. 59 und 45 Pf. pro Pfd. festgesetzt worden, und für H ü l s e n f r ü cd t e: grüne kleine Erbsen gesch. 45 Pf., gelbe Bittoria-Erbsen I 45 Psg� kleine aesch. gelbe Erbsen 45 Pf., gelbe kleine Erbsen II 85. weiße Mittelvohnen II 49 Pf., braune Bohnen 59 Pf. pro Pfd. Der Verkauf darf nur an Neuköllner Einwohner und zwar gegen Vorzeigungung des Mittelstücks der Brotkarle der 54. Brotkarten- wache, d. r. die Woche vom 28. Februar bis 5. März 1916 erfolgen. Auf jede Brotkarte darf höchstens 1 Pfv. Reis und Pfd. Hülsenfrüchte(Bohnen oder Erbsen) abgegeben werden. Die Kleinhändler find verpflichtet, das Mitielstück der Brotkarte mit dem amtlich vorgeschriebenen Stempel zu versehen. Werden Reis und Hülsenfrüchte gleichzeitig verabfolgt, so ist da» Mittelstück der Brotkarte mit zwei Stempeln zu versehen, und zwar ist für Reis die Vorderseite und für Hülsenfrüchte die Rückseite zu stempeln Soziales. Hmter de« Kulisse» einer„GelegenheitS-Gesellschast�. Die Aufklärung der Besitzverhältnisse eines während des Krieges ins Leben gerufenen Konservenfabrik bereitete der 4. Kammer des Berliner Kausmcmnsgerichts unter dem Vor- sitz des Magistratsrats Dr. Henschel große Schwierigkeiten. Di« beiden Kläger, der Expcoient S. und die Buchhalterin R., waren in der in der Bremerstraße in Moabit befindlichen Nieder- lassung der Fabrik tätig gewesen, die früher unter der Firma „2. Leiser" ging. Noch wahrend ihrer Tätigkeit wurde jedoch die Firma rn„Max Neumann u. To." umgeändert. Als We_ Nieder- lassung Ende Dezember aufgelöst wurde, erhielten die Kläger nnr das Gehalt bis zum Tage, womit sie, da in ungekündigter Stellung bestedltch, natürlich nicht zufrieden waren. Da der frühere 'jBenrmraitlMjei Nooeiteur: 3lfrab Wielepp, Neukölln. Für de � nominelle Inhaber Lesse? Leiser inzwischen an» dem Unternehmen ausgeschieden war. so klagen beide Angestellten gegen die jetzige Firma N. u. Co. und deren Inhaber wegen des Gehalts bis Ver- tragsablauf. Die Beklagte behauptet indessen, mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun zu haben. Bis Anfang Dezember sei der Beklagte N. nur der Geldgeber gewesen, der über 699 999 M. bei dem Unternehmen eingebüßt habe. Leiser sei der Inhaber gewesen, und an ihn müßten sich die Kläger auch halten. Im Dezember sei zwar das Unternehmen auf die Firma Max Neumann u. Co. über- gegangen, aber nach diesem Bertrage habe letztere keine Ver- vslichtungen übernommen. Demgegenüber behaupten die Kläger, daß schon immer Max N. u. Co. die wirklichen Inhaber des Ge- schäfts gewesen seien und daß L. nur„Strohmann" war. Als Beweis dafür führt der Expedient S. an, daß L. nur ein einziges Mal durch die Fabrtkräume gegangen sei. Die Beweisauf- nähme ergab über die Zusammensetzung des Unternehmens fol- gendes Bild: Der Kaufmann Lesser Leiser gibt für die Firma L. Letser seinen Namen, Max N. finanziert das Unternehmen. Als Fachmann wird der Betriebsdirektor F. engagiert, der auf seinen Namen die Geschäftsräume mieten und der Firma Leiser abverm,eten muß. Im Bertrage zwischen Leiser und Neumann wird di« Gründung als„Gelegenhelts-Gesellschaft" bezeichnet. Es wird darin u. a. zwischen den beiden Vertragschließenden verein- bart, daß alle Einkaufe nach außen für Leiser, nach innen für Rechnung der G e l e g e n h e i t S- G e se l l- schaft gehen. Am etwmgen Verlust des Unternehmens sollte N. nicht partizipieren, und L. muhte zur besonderen Sicherheit ein Blankoakzept von l99999M. hinterlegen. Trotzdem verlorN. die ein- geschossenen 699 999 M. Wenn Geld zur Auszahlung von Gehältern und Ähnen gebraucht wurde, so wurde zu N. in die Brivatwohnung geschickt, der, um nicht alles zu verlieren, zu immer weiterer Her- gäbe von Kapitalien veranlaßt wurde. Das Kaufmanns- gericht kam nach dem Ergebnis der Beweisauf- nähme zur a n t rag s m ä ß i g e n Verurteilung der Beklagten in Höhe von 7S9 bzw. 279 M.— Selbst wenn man annehmen wolle, so heißt eS in der Begründung, daß ursprünglich nur ein VertragSv-xhältniS mit Leiser zustande ge- kommen sein sollte, so ergibt sich die Verpflichtung der Firma Max N. n. Co. aus dem Umstände, daß diese am 5. Dezember den Betrieb übernommen und fortgeführt hat. Wodurch diese Fort- führung bestimmt war, daS könne für di« Angestellten gleichgültig fein. Wenn die Beklagte in die Rechte der alten Firma eintrete. so müsse sie auch die Pflichten gegenüber dem Personal mit über- nehmen. Daran ändere auch der Vertrag der Gesellschafter unter- einander nicht». Koch oder Küchenchef? In einer Küche de» GasthauSunterirehmenS»Zur Bierglocke" arbeitete ein Koch, dem 4 bis 5 Küchenmädchen unterstellt waren. Bei seinem Abgange erhielt er ein Zeugnis als Koch, er verlangte aber durch Klage beim Gcwerbegericht ein Zeugnis als Küchenchef, weil er die Küche selbständig geleitet habe.— Die Kammer 6 unter Vorsitz des MagiftratSratS Schultz wies das Verlangen des Klägers ab mit der Begründung: Als Küchen ch e f könne nur jemand gelten, unter dessen Leitung mehrere Köche oder Köchinnen arbeiten, nicht aber ein Koch, dem mehrere Kücbenmädchen als HilfSarbeiterinnen untergeordnet sind. Ein Zeugnis, worin ihm bescheinigt werde, daß er die Küche selbständig besorgt habe, kbuie der Kläger allerdings verlangen. flus aller Welt. TaS Lawinenanglück im Hochkönigsgebiet. 64 Tote geborgen— 23 Personen vermißt. DaS Lawinenunglück im HochkönigSgebiet scheint alle bis- hörigen Unglücksfälle ähnlicher Art weit zu übertreffen. Es ist jetzt die Zahl von 146 verschütteten festgestellt. ES sind die« zum größten Teil au« Angehörigen verschiedener Regimenter bestehende Skimannschaften, außerdem einige Touristen. Die Skimannschoften hatten sich an der steilen Mandlwand versammelt, um den Weg für den Skiverkehr freizumachen. Die Touristen hatten die dort befindliche sogenannte„Schweizerhütte", eine Unterkunstshütte, aufgesucht, um Schutz vor dem starken Wind und dem Schneetreiben zu suchen. Plötzlich kamen vom Kälberriedel in einem Abstand von 29 Minuten zwei gewaltige Lawinen herab und begruben die Leute unter sich. Einige konnten sich selbst aus den Schneemassen befreien, die meisten der Verunglückten dürften jedoch durch den Luftdruck der mit ungeheurer Gewalt abstürzenden Schneemassen getötet worden sein. Bisher sind 64 Tote geborgen; e» werden aber immer noch 23 Personen vermißt, und es besteht immer weniger Hoffnung, diese noch lebend zu bergen. An der Rettung beteiligt«, sich Salzburger Mannschaften und etwa 199 russische Kriegsgefangene. Die Rettungsmannschaft hatte aber nicht genügend Arbeitsgerät zur Verfügung, so daß vielfach der Schnee nur mtt den Händen fortgeschafft weiden mußte. Auch mußte sich die Expeditton erst«neu Weg durch den von den Lawinen herrührenden Schnee bahnen. Infolge dieser Umstände verzögerte sich die Hilfeleistung etwa» und kam bei vielen der Ver- schütteten leider zu spät. Die Leichen der Verunglückten sollen in Salzburg in einem gemeinsamen Grabe bestattet werden. Von der Alpensektion ist mitgeteilt worden, daß man an eine Lawinengefahr in dieser Jahreszeit nicht gedacht habe. Zwar kämen im HochkönigSgebiet recht oft derartige Lawinenstürze vor. die aber gewöhnlich erst End« März oder im April eintteten. wenn die Sonne den Schnee zum Schmelzen bringt und die Gewässer zu Tal treiben. Es war aber doch mit der Gefahr eines Lawinen- Niedergänge» gerechnet und deshalb bei den Uobungen große vor- ficht anempfohlen worden. Die Plötzlichkeit de» Lawinensturzes machte diese Vorsichtsmaßregeln zuschanden. „Opferwillige" Landwirte. von der Dortmunder Strafkammer wurde der Landwirt Kert- mann aus Heeren zu 1659 M. Geldstrafe verurteilt. Dieser reiche Bauer harre fünf Morgen Acker mit Gerste bestellt und die Frucht bis auf einen geringen Teil an fein Vieh verfüttert. Dafür erhielt er 1599 M Geldstrafe. Werl er aber auch noch feine Getreidevorräte unrichtig angegeben hatte, erhielt er weitere 159 M. Geldstrafe. Bei einer auf Veranlassung des LandrotS in Groß-Düben (Kreis Rorhenburg, O.-L.) vorgenommenen Haussuchung wurde bedeutend mehr Getreide vorgefunden, als bei der Bestandaufnahme von den belreffenden Landwirten angegeben war. Drei Arbetter erstickt. Auf dem Kalischacht in BartenS- leben baiten sich nach dem Losschießen von Salzmassen giftige Gase entwickelt, dabei erstickten nach der.Mogdeb. Ztg." zwei Arbeiter. Der Aufseher Becker au»«lleringers leben, der den beiden Verunglückten zu Hiife eilen wollte, fand dabei auch den Tod. Die Frau im Backofeu. Em eigenartiger, durch ein Kind her- vorgerufener Unfall wird aus A r e n d s e e gemeldet. In dem benachbarten Ziemendorf sollte am Sonnabend voriger Woche im Backoien der Altsitze rin P. Brot gebacken werden. Die Frau ging gegen Mittag mit ihrer dreijährigen Enkelin hin, um noch dem Feuer zu sehen. Do fie fand, daß die Flammen zu weit nach innen schlugen, kroch die P. in den Backofen hinein, um das Feuer zu regulieren. AIS das kleine Mädchen die Großmutter im Back- ofen verschwinden sah, schlug«S die Ofentür zu und ging dann vergnügt zu ihrer Mutter ins Dorf, um derselben zu erzählen, daß sie die Großmutter im Backofen eingesperrt habe. Die Frau eilte � Inseratenteil vrrantw.: Tb. Mocke. Äersin. Druck luLerlaz�Torwärs? nun sofort zu der Unxlücksstelle, erfreuNcherweise kam sie noch nicht zu spät Wohl war die alte Frau unter dem Rauch und der Hitze ohnmächtig geworden, doch hofft man, daß die P. dem Lcben erkalten bleiben wird. Wir schnell«an baut. Nach Mitteilungen in der„Zeitschrift deS Bei eins deutscher Ingenieure" wurde an einer der belebtesten Straßenkreuzungen ChikagoS das neue siebzehn stöckige Champlain-Gebäude in 142 Tagen errichtet. Milte Juni wurde mit dem Abbruch des allen fünfzelmstöckigen Gebäudes begonnen und dabei die Gründungen bis auf den 28 Meter lief liegenden Fels entfernt. Tic Heistellung der neuen Giündungcn dauerte 16 Tage. Am 2t. Otteber lonnien die vier unieien Stock- werke des neuen Hauses bezogen werden und am 1. November, nach knapp fünf Monaten, war das neue Haus vollendet. verlustllste«. Die Bvrlustliste Nr. 481 der preußischen Armee enthält B«luste folgender Truppenteile: Gouvernetnents Warschau und Wiln«. Infanterie usw.: Garde: 4. Garde-Bosiincut zu Fuß. Grr. nadier- bzw. Infanterie- bzw. FüNligr.»ö»äi«ent«: Nr. 1, 3, 6� 8, 9, 11, 19(f. flicf.-Jnf.-Okg. Nr. 221), 31, 34, 39(f. Res.-Jnf.- Reg. Nr. 229). 47, 49, ZL. 57, 58, 59, 61, 86, 07(f. Res.-Jnf.�ieg. Nr. 931), 06, 78(}. auch Raf.-Jnf.-Skg. Nr. S31). 79.«0.»1. 83 bis einschl. 87, 99(s. Res.-Jnf.-Reg, Nr. 21 und 2«).»1, 92. 96. 94(]. auch llks.-Jnf.-Reg. Nr. 2«), 98(s. auch Rev-JnUReg. Nr. 281), 97, 99, 110, III, 118, 138, 137, 140, 141(s. auch Rsf.�nf.. Reg. Nr. 21). 144. 146. 147, 148, l»9 bis einschl. löö. 1»7, 188, 160, 161, 162, 10S(f. auch Rss,-Jnf.-R«g. Nr. 21), 164, ISS is. auch Res.- Jnf.-Sieg. Nr. 221), 169, 179, 339, 333. g»«serp»Hnfanterie.Rcg i- tnaater Nr. 3, 8 bis einschl. 12, 17, 18(f. Landw.-Jnf.-Skg. Nr. 84), 19(f. Res,-Inf,-Reg, Nr. 220), 21, 84, 30(f. Retruten-Dsvot der 131. Jnft-Div.). 46, 48(s. Jnf.-Reg. Nr. 221). 49. 51. 56. 57(s. Ref.- Jnf.-Reg. Rr. 229). 69, 78 bis einschl. 83. 87. 92. 03, 94, 215, 218, 290, 221, 228, 224, 225, 929, 231, 282, 264. Landwohr-Jlchantcric- Rogimenter Nr. 4. 5, 7. 8. 11, 12. 32, 34, 47, 51, 52(f. Res.-Jnf.. Reg. Nr. 21), 37, 69, 61, 76(s. auch Nes.-Jnf.-Reg. Nr. 69), 77, 89, 84, 87, 199, 119. Landwehr-Ersatz-Jnfanterfe-Regiment Sir. 8. 1. Fsld-Ersatz-Bataillon des 7. Armeekorps. Landwebr-Brigade- Ersatz-Bataillon Nr. 48(f. Landw.-Ers.-Jnf--Reg. Nr. 3.) Land- sturm-Jnfanterie-Bataillone: 1. Aachen, 3. Alienstein, Barmen, 2. Bochum, Brieg. Briefen, 1. Glogau, Gnesen, Gruppe, 1. und 2. Lätzen, 2. Mannheim, 6. Münster 2. Neumünster. Neustadt in W«stpr. Landsturm-Jnfanterie-Ersatz-Bataillone: 6. Allemtein, 1. Berlin, 9. deß 6. Armeekorps(Kattowitz), Lübeck, 2, Meschede, 34. deS 7. Armeakorpz(Münster), 4. des 15. Armeekorps(Oberhofen). 1. Landsturm-Jnfanterie-AusbildungS-Bataillon St. Avold. Rstruten-Depots der Armee-Abteilung Scholz, des 8. Armeekorps, des 26. Reservekorps. der 12. Landwehr-Division, der 121. Jnsan- terie-Division. 1. Rekruten-Bataillon des 4. sowie 1. und 2. des 16, Armeekorps. Jäger-Bataillone Nr. 4(s. Res.-Jnf.-Reg. Nr. 21), 5(s. Res.-Jnf.-Reg. Nr. 231), 8, 10; Reserve-Bataillone Nr. 17, 24. Feld-Maschinengcwehr-Kompagnie der 5. Infanterie-Division; Feld-Maschinengewehr-Züge Nr. 33(s. Res.-Jäger-Bat. Nr. 17) und 226en benufstgen, Ärieftisie Antwort wird mcd! erteilt. Antragen, denen leine AdonnenientSauttiung beigesvgt ist. werden nicdt deantwortct. Ellige Fragen trage man in der Evrechstunde vor, vertrüge, Echrtfiliücke und drrgletacu dringe mar in die Sdreidstunde mit, M. V. 80. Dafür ist keine bestimmte Höbe festgesetzt. Do« richlet sich te nach den persönlichen Berhöltwffen— Sorttere. t Die Landes- Versicherung«anstatt kann dazu nicht verpflichtet werden. 2. Die Jnvalldcn- renie lann beantragt werden. 3. und 4. Der Antrag ist rnstec Anrcichung der Aufrechtningsbefcheinigungen und der letzten ynvastdentarie beim Vcr- ficherungSamt. Klosteritr. 67, zu stellen.— B. LS. 100. 1. Stellen Sic ietzt zunächst einen Antrag auf Erböbung der Unterstützung, daS beißt, daß fttnen auch die kommunale Unterstützung gewährt wird Erst wenn Sie diele erhallen, können Sie Antrag am Miejsunterftützung stellet?, 2. und 6. Ja.— O. B. 108. 1. Der Arbeitgeber ist dazu nicht oerpfflchtet. 2, Da» verpfligtmgSgeld beträgt 1�9 M, 8 Die Forderung«« an die Komvagme zu richten.— ffi. R. 10. Machen Sie bei der Ewzichung von diesem törpeiitchen Febler Rtttttlung,— Gcmeindeattqeteqenbeit Wittenau. I. Sie müzten sich an da? zuständige L-ndralSamt wenden. 2. Ja.— Konsum 30. Der erste Käufer dal einen Anspruch auf den Hund. Sie können diesen nur anderweiflg vertagen, wenn Äe sich mit dem ersten Käufer auseinandergesetzt haben.—