Ar. W.- 33. Jahrg. HbonnemoitS'BedlngTingeB: HBomtfmentS. BrrlZ priwumerando: Vierteljährl. s.sv M�, INllnatl. 1,30 37! f., wöchemlich 30 Psg. frei ins Haus, Einzelne Nummer o Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Vellage.Die Neue Welt' 10 Pfa. Post- ilbonnement: 1,30 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband lür Deutschland und Oesterreich- Ungarn S,50 Mark, für das übrige Ausland 4 Mark pro Monat. Postabonncments nehmen an Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Kuoiänien. Schweden und die Schweiz. die InftrtlonS'GcbOlsr beträgt für die sechsgeldaltenc Koloneizelle oder deren Raum 00 Pfg. für politische und gewerkschaftliche Vereins- und BcrsanunlungS- Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnicigen", das fettgedrulkie Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafsiellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg. jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch- ftabcn zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer mülscii bis K Uhr nachmittags in der Expedllion abgegeben werden. Die Exb-Mtion ist bis 7 Uhr abends geöffnet. kilchelnt lägflch. Zovlinev VolksblKtt. Delegramm-Adresset ,5s3iZ!!lcm»Iiks>»ik»!»". Z�entralovgan der rozialdcmokrati fchen Partei Deutfchlands. Redaktion: SW. HS, Lindenstraße 2. Fernsprecher: Amt Morittplasi, Nr. ISl, S0— 1»1 S7. Donnerstag, den<5. April 1916. Expedition: SW. öS, Lindenstraße 2. Fernsprecher: Amt Moritzplat», Nr. läl Sv— 151 97, vie Kriegspolitik vor dem Reichstag. Am Mittivoch fand die„große" Sitzung statt, die Klärung über die inneren Meinungsverschiedenheiten bringen sollte, über die mannigfaltigen Probleme des Krieges, die Art der Kriegführung und die sonstigen Fragen, über die in der Presse die Diskussion nicht stattfinden kann. Und es darf gesagt werden, daß eine solche Klärung in hohem Maße erreicht wurde. Daß zum mindesten die Reden dieser Sitzung, ob- wohl sie erst am Donnerstag ihren Abschluß finden wird, zur Klärung der Verhältnisse für Ausland wie Inland ganz erheblich beitragen werden. Diejenigen freilich erlebten wiederum eine arge Ent- täuschung, Äe etwa von dieser Sitzung, in der, wie be- kannt, der Reichskanzler wieder einmal das Wort zu einer programmatischen Rede nehmen wollte, eine Beschleunigung des Friedens oder auch nur eine Aussicht auf vorläufige Friedensunterhandlungen erwartet haben mochten. Von irgend greifbaren Ausblicken auf eine Völkerverständigung war in der Mittwochssitzung absolut keine Rede, einige Friedenswünsche des Redners der sozialdemokratischen(Mehr- heits») Fraktion abgerechnet, die aber einen so platonischen Charakter trugen und in ihrer Formulierung und in der ihr zugrundeliegenden Gcsamtauffassung so wenig Sinn für die einzig mögliche Art einer internationalen Verständigung der- rieten, daß sie noch beträchtlich hinter dem zurückblieben, was bereits vor vier Monaten Scheidcmann in der Begründung der damaligen sozialdemokratischen Friedensinterpellation zu sagen für notwendig gehalten hatte. Ihre Wirkung auf die proletarischen Massen im In- und Ausland wird naturgemäß eine dementsprcchcnde sein, natürlich nicht zum Nutzen einer Abschwächung der Kriegsleidenschaft. Bedeutete die Rede des Vertreters der sozialistischen Mehr- heit einen Rückschritt selbst gegen den Dezember des vorigen Jahres, so ging Herr v. Bethmann Hollweg mit um so merk- barerem Ruck über das hinaus, was er damals— wir wollen nicht sagen: vertreten, wohl aber offen ausgesprochen. Wir bezweifeln gar nicht, daß der Reichskanzler sich auch diesmal, um es im schönen offiziellen Kanzleistil auszudrücken,„im Nahmen dessen gehalten hat, was er bisher vertreten". Aber er hatte sich im Dezember vorigen Jahres doch noch derartig geäußert, daß der zweite sozialdemokratische Redner, Lands- b e r g, es fertig brachte, ihn in schroffsten Gegensatz zu den Forderungen der bekannten Wirtschaftsverbände und der bürgcr- lichen Parteien zu bringen und sozusagen für die von der Sozialdemokratie zu vertretenden Anschauungen zu reklamieren. Landsbergs wundersame Interpretation hat damals ja nicht nur den lebhaftesten Widerspruch innerhalb der Partei, sondern auch das verwunderte Kopfschüttelu einiger liberaler Blätter hervorgerufen. Diesmal nun hat der Reichskanzler Landsberg selbst die Antwort auf seine damaligen naiven Unterstellungen gegeben. Er hat so gesprochen, daß kein ehrlicher und seiner fünf gesunden Sinne mächtiger Polisiker mehr die Legende aufrecht zu erhalten vermag, daß Bethmann Hollweg einen Standpunkt einnehme, wie ihn die Sozialdemokratie auf Grund ihres Programms zu vertreten hat. Denn wenn Landsberg im Dezember das Kanzlerwort von den„Faustpfändern" so deutete, als ob diese Pfänder nur zu Kompensationszwccken dienen sollten und dann an den ehemaligen Besitzer zurückzugeben seien, so hat Herr v. Bcth- mann Hollweg dieser Deutung nunmehr jeden Boden entzogen. Der deutsche Reichskanzler lehnte am Mittwoch den Frieden auf Grundlage des Statusquo(des Zustandes von ehedem) ausdrücklich ab und proklamierte in pointiertester Form in bezug aus Polen, Finnland, Kurland und bis zu einem ge- wissen Grade auch Belgien Friedensbedingungen, die auf alle Fälle mit dem Programm der Wirtschaftsverbände unendlich viel mehr Aehnlichkeit haben, als mit den für die Sozial- demokratie in Frage kommenden Grundsätzen für eine Völker- Verständigung. Es wäre ebenso verlockend wie notwendig, auf diese Aus- lassungen des Reichskanzlers und die vom sozialistischen Standpunkt ihnen gegenüber einzunehmende Stellungnahme in aller Ausführlichkeit und Schärfe einzugehen— wenn nur die nachgerade doch wohl hinlänglich bekannten Umstände eine solche Erörterung ermöglichten. Äie die Dinge liegen, müssen wir uns mit Andeutungen genügen lassen. Nur das sei gesagt: Wenn man sich auch jetzt noch dar- auf berufen sollte, daß ja auch am Mittwoch nur von„Siche- rungen" und der Befreiung unterdrückter Volksstämme die Rede gewesen sei, so sollte man sich doch erinnern, daß genau dasselbe la auch in den Proklamationen der feindlichen Regierungen der Fall war. Wer wird denn heutzutage eine andere Nation vergewaltigen wollen! Ueberall gilt es nur die„Befreiung" unterdrückter Volksstämme. Da es aber stammesfremde Stämme in jeder der kriegführenden Nationen gibt, ist die schöne Wendung von der„Befreiung" längst zum Gemeingut aller Regierenden geworden. Der deutsche Reichskanzler erklärte also, daß ein Frieden auf Grund des Statusquo für Deutschland nicht in Frage komme,� sondern daß die siegreichen Mittelmächte der gegnerischen Staatenkoalision Bedingungen stellen müßten. die eine wesentliche Stärkung der deutschen Position— und demgemäß natürlich eine Schwächung der gegnerischen Position— enthielten.,,. Daß er damit bei den bürgerlichen Parteien lebhaften ! Beifall fand, versteht sich von selbst. Nur das berührt i höchst befeindend/ daß er durch solche an Deutlichkeit kaum l noch zu überbietende Bekenntnisse auch keinerlei ernstlichen 1 Widerspruch des Redners der sozialdemokratischen Mehrheit hervorrief! Denn Genosse E b c r t, der im Namen der Mehr- heit das Wort nahm, erhob wohl Protest gegen die annexio- nistischen Ausführungen des Zentrumsredners'Spahn, mußte aber erst durch einen Zwischenruf Liebknechts dazu der- anlaßt werden, auch den Ausführungen des Reichs- kanzlers einige Worte des Vorbehalts zu widmen. Des Vorbehalts, nicht einmal der Kritik! Denn Ebcrt ging über die diesmal absolut eindeutigen, jeder künstlichen Jnter- pretation entrückten Auslassungen des Reichskanzlers mit der beschönigenden Bemerkung hinweg, daß die Erklärungen Bethmann Hollwcgs doch Wohl nur im Zusammenhang mit früheren Erklärungen zu verstehen seien, daß Deutschland keine fremde Nation vergewaltigen wolle. Wozu wir ja schon oben den nötigen Kommentar geliefert haben. Demgegenüber nahm es sich dann freilich um so sonder- barer aus, daß Ebert die einer vernünftigen Verständigung widerstrebenden Ansichten und Erklärungen der Negierungen der feindlichen Länder um so schonungsloser unter die kritische Lupe nahm. Im Auslande haben die wirklichen Sozial- demokraten diese Art parlamentarischer Kritik nicht geübt. Sie haben vielmehr dort, wie in der Presse, vor allem an der eigenen Regierung und ihren Verfehlungen vor und während des Krieges Kritik geübt. Diese Kritik englischer Genoffen an der englischen Regierung und ihrer Mit- schuld am Kriege ist ja auch von der I. K. mit Behagen wiedergegeben worden. Leider nur nicht als Beweis für die Erfüllung der sozialistischen Pflichten in England, sondern als Argument für die über jede Kritik erhabene Gewissens- reinheit anderer Regierungen. Gegen eine solche Aus- schlachtung sozialistischer Kritik durch die bürgerliche Presse feindlicher Staaten ist nichts zu machen— die muß, als unvermeidliches Nebel, mit in Kauf genommen Iverdcn. Ein Ausspielen der sozialistischen Kritik an der eigenen Regie- rung durch ausländische Sozialisten zugunsten ihrer Re- gierung muß freilich jede ehrliche, sozialistische Selbstkritik schädigen und unterbinden und damit den kritiklosen und in seinen Kricgswirkungcn verhängnisvollen Chauvinismus fördern! Sicher: die französischen, englischen, italienischen und russischen Rcgierungsvertreter haben überhebende und törichte Reden gehalten, die der Friedensverständigung nicht zu dienen vermochten. Und es ist im höchsten Maße erfreulich, daß sich in England und Frankreich eine immer stärkere, namentlich proletarische Opposition gegen die unsinnigen und verbrecherischen Zcrschmetterungspläne oder wenigstens Zerschmetterungs Phrasen erhoben hat. Aber auf diese Opposition einsichtiger bürgerlicher und proletarischer Elemente muß es geradezu wie ein kalter W a s s e r g u ß wirken, wenn sie nach Herrn v. Bethmann Hollwegs Rede die Ausführungen des Sozialdemokraten Ebcrt lesen werden, die ein Maß von Selbstgerechtigkeit atmen, wie sie gerade von dem Sprecher des Staates nicht erwartet werden konnte, der im Sozialismus vor dem Kriege die Führung besaß l Trotzdem oder gerade deshalb: die Reichstagssttzung vom 5. April wird klärend und orientierend wirken. Sic hat deutlichen Aufschluß gegeben über die Politik der Reichsregicrung. Mit Redensarten t la Landsberg läßt sich sürder den deutschen Arbeitern nicht mehr kommen. Das deutsche Proletariat wird nunmehr klar Stellung zu nehmen haben zu den Streitfragen, die die Fraktion gespalten. Und darüber hinaus werden alle Staaten sich darüber klar werden, daß es mit der bisherigen Regierungsweisheit und Diplomatenpolitik nicht weitergeht, sondern daß die Völker selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen müffen, um wenigstens noch einige Reste der weiland europäischen Kulwr zu retten._ Gegen die parteizerbröckelung. Die deutsche Sozialdemokratie steht vor einer gefährlichen Katastrophe. Kaum hat sich von der alten sozialdemokratischen Reichstagsfraktion ein Teil ihrer Mitglieder abgezweigt und eine besondere Fraktionsgemeinschaft gebildet und schon taucht am politischen Horizont die Drohung einer neuen Spaltung auf— innerhalb der eben erst abgesplitterten Oppositions- gruppe. Was angesichts der seit Jahren in den Reihen der sozialdemokratischen Partei herrschenden theoretischen Ver- wirrung zu befürchten stand, scheint sich jetzt, nach- dem die Fraktionssprengung am Lt. März den Stein ins Rollen gebracht hat, ungehemmt vollziehen zu sollen, wenn nicht noch in letzter Stunde die Arbeiterschaft sich ihr energisch cntgegenstemmt: die Zerbröckelung eines großen Teiles der Partei und damit eine derartige Schwächung ihrer Aktionskraft, daß sie in den kommenden Jahren nach Friedens- schluß die ihrer harrenden schweren Aufgaben in keinem Fall zu erfüllen vermag. Ob der einzelne das will und bezweckt, ist nebensächlich. Politische Tatsachen haben ihre eigene Logik und Konsequenz, und diesen, nicht frommen Wünschen, folgt die politische Entwickeluug. Als am 2t. März sich die „Fraktion der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft" von der alten Fraktion trennte, da hieß es in manchen unserer Parteiblätter, die Fraktionsspaltung brauche keines- wegs notwendig zu einer Parteispaltung zu führen. Eine Selbsttäuschung, die sicherlich in manchen Fällen guten Motiven entsprang: dem Wunsch, die in der Fraktion zutage getretenen Gegensätze möchten nicht auf die Parteiorganisationen im Reiche übergreifen und dort, wo es dennoch geschehen sollte, sich lokalisieren lassen. Doch wenige Tage nur sind seitdem verflossen, und schon sehen wir, wie der Kampf für oder wider die neue Fraktion in das politische Leben mancher Organisationen eingreift und auch dort die vorhandenen Gegensätze schürt und verschärft, wie an einer Stelle Resolutionen gegen die Fraktion?-- sprcngung gefaßt, an anderer Stelle die neue Fraktion feierlichst begrüßt und ihr Verhalten als„Klärung" oder„befreiende Tat" gepriesen wird, lind hier wie dort gibt es kleinere oder größere Minderheiten, die sich in ihren Anschauungen vergewaltigt fühlen und sich gegen die gefaßten Erklärungen auflehnen. Das konnte, nachdem einmal in der Fraktion selbst die Disziplin gebrochen und die Einheit gewaltsam gesprengt war, nicht anders sein. Es war, zumal wenn man die verschieden- artigen gegensätzlichen Strömungen und Richtungen einzelner Gebiete in Betracht zog, von vornherein zu erwarten, daß in dem einen Kreise die organisierten Parteigenossen für ihren Abgeordneten, im anderen gegen ihn Stellung nehmen würden— und natürlich nirgends einheitlich: daß vielnichr dort, wo das nicht ohnehin schon der Fall, sich bald engere Parteigruppen bilden würden, die einander aufs heftigste befehden. Die Meldungen unserer Partei- presse aus den verschiedenen Landesteilen zeigen, daß diese Ilebcrtragung des Fraktionszwiespalts auf die Partei- organisationen im Lande bereits auf dem besten Wege ist.— Und selbst, wenn vorerst die einzelnen Lokalorganisationcn nebeneinander in den Landcsorganisationcn bleiben und es nicht zu fornicller Trennung bis zum nächsten Parteitag kommt, ivcr glaubt denn noch, daß die abgesplitterte neue Fraktion der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft und jene Organi- sationcn, die für sie eintreten, sich dann, wenn das Urteil des Parteitages gegen sie lauten sollte, einfach diesem Spruche fügen und ihn als gültig betrachten werden? Wer ver- mag auch nur zu glauben, daß jene oppositionellen Organisationen, die auf einem solchen Parteitag mit einiger Sicherheit auf scharfe Zurechtweisungen zn rechnen hätten, ihn durch Delegierte beschicken würden? Sind erst in den ein- zelnen Organisationen die Gegensätze zum Ausbruch gelangt, haben sie erst festen Boden gewonnen, dann ist es zu spät. Soll die Spaltung und Zersetzung der Partei gehindert werden, dann muß von vornherein den Spaltbazillcn von der Arbeiter- schaft energisch entgegengetreten und jedes Bestreben, den alten Zusammenhang zu lockern, zurückgewiesen werden. Doch es handelt sich heute gar nicht mehr nur um e i n c Spaltung, sondern bereits um mehrmalige Spaltungen, um die Zerbröckelung, wenn auch nicht der ganzen Partei, so doch eines beträchtlichen Teils derselben. Die abgesplitterte Oppo- sition ist durchaus nichts Einheitliches. Sie enthält in sich die allerschärfsten Gegensätze und nur der Widerspruch gegen die Fraktionsmehrheit hält sie vorläufig noch zusammen. Darunter verstehe ich hier nicht Verschiedenheiten des Temperaments und der Taktik; sondern eine grundverschiedene Auffassung der historischen Entwicklung, d c s Verhältnisses der Klassen zu einander, des Imperialismus, der Bedeutung deS Parla- mentarismus für den Kampf der Arbeiter- schaft, des Nutzens gewerkschaftlicher Organi- s a t i o n. Was hat denn mit der Gruppe Haase-Bernstein- Kautsky jene andere Gruppe gemeinsam, die im April vorigen Jahres die Monatsschrift„Die Internationale" gründete und die mit den„Lichtstrahlen", neuerdings auch mit der Zweimänner- Fraktion„Liebknecht- Rühle" sympathi- siert. Man braucht nur die beiden hervorragendsten TageSblätter dieser Richtung, die„Bremer Bürger- zeitung" und den„Braunschweiger Volksfreund", nachzulesen, um sofort zu erkennen, welch tiefe Kluft die An- schauungen dieser Richtung von denen Haascs, Ledebours, Kautskys usw. trennt. Rosa Luxemburgs Ansichten über den Zusammenbruch und den Wiederaufbau der Internationale stehen, wie ihr Artikel im ersten Heft der„Internationale" beweist, denen Kautskys direkt entgegen, und Kautskys Auf- fassung über den Nationalstaat und den Imperialismus werden dort als längst überholte Kindereien, seine Geschichts- auffassung als„wunderlich" verspottet. Wer aber aus diesen Kritiken des Kautskyschen„Opportunismus" noch nicht zu er- sehen vermag, wie schroff sich in fast allen ihren Grund- anschauungen die Gruppe Haase-Kautsky und die Gruppe der Internationalisten gegenüberstehen, der kann sich leicht aus K. Radeks(neben Mehring der Haupttheoretiker dieser Gruppe) Artikel im Berner„Vorboten", betitelt„Grund- sätzliche und taktische Streitfragen der deutschen Opposition". die nötige Belehrung verschaffen. Tatsächlich ist denn auch die neue Fraktion der sozial- demokratischen Arbeitsgemeinschaft kaum wochenalt, und schon erklärt die„Bremer Bürgerzeitung", deren leitender Redakteur Henke sich ebenfalls der neuen Fraktion angeschlossen hat, daß die Internationalisten und die Oppositionellen von der Richtung Haase, Ledebour. Bernstein«sw. eine Wett grundverschiedener Auffassungen trennt, demnach also ent� weder eine Hinübermauserung der letzteren zu Radek/ Mehring, Henke, Liebknecht oder eine neue Scheidung innerhalb der Minderheit zur Gesundung der Sozialdemokratie nötig ist.. So heißt es in Nr. 77(vom 31. März) der„Bremer ViZrgerzeihmg" bezüglich der Fraktion der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft: „Die Opposition besteht auZ zwei grundsätzlich der« s ch i e d c n e ii Gruppen: dem Parteizeiitrum, das in Kautskh seinen Theoretiker, in Haase und Ledebour seine hauptsächlichsten parlaincntarischcn Vertreter, in der„Neuen Zeit" sein wissen- schafllichcs Organ und im„Vorwärts" und nunmehr in der „Leipziger Volkszeitung" seine publizistischen TagcSorgaue hat, und dem Linksradikalismus, den die internationalen Sozialisten Deutschlands(I. S. D.) und die Gruppe„Internationale" an« gehören, der seine theoretischen Anschauungen in den„Licht- strahlen" propagiert und in dessen Sinne eine ganze Reihe von Parteiblättern redigiert werden, so außer der„Bremer Bürger- Zeitung", der„Braunschweiger Volksfreund", der Stuttgarter „Sozialdemokrat" und, wenn auch nicht ganz konsequent, einige rheinische Organe." Und in Nr. 76 wird die weitere EntWickelung der Partei folgendermaßen beurteilt: „Aus all dieser Unklarheit ergibt sich, daß die parlamenta- rische Minderheit, die sich jetzt zu einer selbständigen Fraktion zu- sammeiigeschlossen hat, mit nur ganz toenigen Aus- nahmen weder den Kampf mit deni Sozialimperialismus noch den Kanipf mit dem Imperialismus konsequent und wuchtig führen kann. Dies mutz man bedenken, wenn man keine Enttäuschungen erleben will. Der Zusammenbruch der Politik des PnrteizentrumS, die im Ausweichen vor jedem grundsätzlichen und entschiedenen Kampfe mit dem Opportunismus bestand, bedeutet noch nicht die bewutzte, klare Aufnahme dieses Kampfes. Aber wenn eine solche Ueberschätzung von Uebel wäre,� so ist doch auch eine Unterschätzung nicht am Platze, eine Unterschätzung vor allem der Folgen der Fraktionsspaltung. Die Konstituierung einer selbständigen Fraktion nötigt die Minderheit, sich den Sozialpatrioten in allen Fragen entgegen- zustellen, sie täglich zu bekämpfen. Das wird den ent- schieden st en Elementen der Minderheit die Gelegenheit geben, den radikalen Standpunkt zu entwickeln; es wird die rücknändigen Elemente nötigen, sich öffentlich Blötzen zu geben, die Unmöglichkeit des Kampfes mit den Sozialpatrioten vom Standpunkt der Vaterlands- Verteidigung und des Pazifismus zu demonstrieren.... Sollte die Minderheit doch zu sehr an den alten Traditionen deS Zentrums, an den Traditionen des Kompromisses mit dem Opportunismus, an den Traditionen des Parlamentarismus als eines Mittels zur Beschwichtigung der Massen hängen, sollte auch sie wieder der Sorge um die parlamenta- rische Ausschaltung verfallen und das Haupt- gewicht auf die Sammlung aller möglichen und unmöglichen oppositionellen Elemente, statt von vornherein auf die Entschiedenheit des Kampfes verlegen, nun, dann wird sie sehr schnell abwirtschaften und der entschiedenen Minderheit in der Minderheit den. Platz räumen: den Entschiedenen um Liebknecht." Das ist deutlich: entweder die Fraktion der sozialdemo- kratischen Arbeitsgemeinschaft entwickelt sich zur Nachhut Lieb- knechtZ oder die„Internationalisten" werden in der neuen Fraktion eine neue Spaltung hervorrufen und sich als„entschiedene Minderheit" der Plätze der jetzigen Minderheit bemächtigen I Dahin geht also die Reise l Wenn die neue Fraktion der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft sich nicht dem Diktum der Radek, Pannekock, Henke, Mehring fügt— nun dann kommt es aus weitere Spaltungen nicht an, mag das auch zur Zerbröckelung eines Teils der Partei in Minderheitssekten führen. Es ist anzuerkennen, daß die„Bremer Bürgerzeitung" in ihrem inneren Drang nach Neuspalhingen so offen ausspricht, wohin sie will. Vielleicht gibt es doch noch viele denkende Arbeiter, die bisher nur der Wunsch nach einer kräftigeren Tonart, die Sehnsucht nach baldigem Friedensschluß oder die falsche Ansicht, die Mindcrheitspoliti! sei die radikalere, zur Opposition trieb, und die nun, wenn sie sehen, wohin der Weg der sogenannten„entschiedenen Minderheit" führt, näm- lich zur Sprengung der Partei in machtlose Sekten, die Partei- spaltungSbestrebungen weniger leicht nehmen und ihnen festen Widerstand entgegensetzen. Es geht um ihr eigenes Wohl I 2. C. •« • Den Ausführungen unseres Kollegen Heinrich Tunow, der seit Okiober oder November 1914 bekanntlich einen von der übrigen Redaktion des„Vorwärts" abweichenden Standpunkt vertritt, können wir diesmal in einem gewissen Sinne zustimmen. Insoweit nämlich, als er vor Parteizerbröckelung, vor der Auflösung der Partei in kleine, bedeutungslose und einander sektiererisch befehdende Partei- gruppcn warnt. Auch darin geben wir ihm durchaus recht, wenn er eine entsprechende Zerbröckelung der Parteiorganisationen für einen schweren Schaden für die sozialdemokratische Bewegung erklärt. Nur die U r s a ch e n solcher Parteizerbröckelung und die prinzipiellen und taktischen Matz nahmen zu ihrer Verhütung be- urteilen wir allerdings völlig anders als Eunow.' Wenn Eunolo meint, der Zerfall der Partei in zahlreichere kleine, einander bekämpfende Gruppen bedeute eine Schwächung der Aktionskraft der Partei in den des deutschen Proletariats nach Be- cndigung des Krieges harrenden Kämpfen, so sind wir sogar der Ansicht, datz schon während des Krieges, ja e r st recht während des Krieges, die Aktionskraft der Partei so wuchtig als nur immer möglich zusammengesatzt werden mutz. Denn nicht erst nach dem Krieg fallen für das deutsche Proletariat die wichtigsten politischen und sozialen Entscheidungen, sondern gerade während des Krieges, durch seinen Verlauf, seinen Charakter, seinen Ausgang. Gerade der Krieg selbst stellt da» deutsche und das internationale Proletariat vor seine solgenschwersten Schicksalsfragen. Versagt jetzt die Partei, vermag sie sich jetzt nicht zu kraftvollem, aus den Kriegsverlauf im sozialistischen Sinne einwirkendem Verhallen aus- zuraffen, so verpatzt sie völlig die wichtigste historische Situation, so vollzieht sie nichts Geringeres, als ihre politische Abdankung. Alle nachträgliche Reue und zu späte Selbsteinkehr können dann in Jahr- zehnten den Schaden nicht wieder gut machen, den ihr Versagen im rechten Augenblick verursacht hat. Darüber dürften sich auch alle denkenden Elemente von der Mehrheit wie der Minderheit klar sein. Nur darüber, worin die historische Mission des Proletariats in diesen verantwortungsvollen Schicksalsstuiiden besteht, gehen die Anffassungeu diametral auseinander. Während die eine Richlung im Anschlutz an das Bürgertum, in dem Einstellen der Politik in die nationalistischen Gleise, in dem Zurücktreten aller spezifisch proletarischen und sozia- listischen Grundsätze und Pflichten hinter die sogenannte Pflicht der Vaterlandsverteidigung das Gebot de» Stunde erblickt, vertritt die Minderheit die Auffassung, datz jetzt mehr denn je eine prinzipiell sozialistische, selbständig proletarische Politik notwendig sei. Das sind die unüberbrückbaren, durch nichts zu verschleiernden und hinwegzudiskutierenden Gegensätze, die sich innerhalb der deutschen Sozialdemokratie aufgeian haben. Sie trennen scharf Mehrheit und Minderheit, und zu ihnen werde» im Lause des Krieges auch noch Hellims öes SrM ZMWMs. Amtlich. Großes Hauptquartier, den 5. April 1916.(W. T. B.) Westlicher Kriegsschauplatz. Die Artillerickämpfe in den Argonnen und im Maas- gebiet dauern in unverminderter Heftigkeit fort. Die Lage ist nicht verändert. Links der Maas hinderten wir die Franzosen au der Wicderbesetzung der Mühle nordöstlich von Hancourt. In der Gegend der Feste Douanmout sind auch gestern vor unseren Linien südwestlich der Feste und unseren Stellungen im Nordteile des Caillette-Waldes wiederholte Gegenangriffe des Feindes blutig zusammen- gebrochen. An der lothringischen und elsässischcn Front führten nnscre Truppen mehrere glückliche Patrouillenunterueh- münzen dnrch._ Ergebnis der Luftkämpfe an der Westfront im März Deutscher Verlust: Im Lnftkampf.........; 7 Flugzeuge durch Abschuß von der Erde..... 3 Flugzeuge vermißt............ 4 Flugzeuge im ganzen........... 14 Flugzeuge Französischer und englischer Vcrlnst: Im Luftkampf.......... 38 Flngzenge durch Abschuß von der Erde..... 4 Flugzeuge durch unfreiwillige Laudnuz innerhalb uu- screr Linien......... 2 Flugzeuge im ganzen.... � � � �. 44 Flugzeuge 25 dieser feindlichen Flugzeuge sind in«ufere Hand gefallen, der Absturz der übrigen 19 ist einwandfrei beobachtet. Oestlicher Kriegsschauplatz. Keine besonderen Ereigniffe. Im Frontabschnitt zwischen Naroez- nnd WiSzniew- See verstärkte die russische Artillerie ihr Feuer. Balkan-Kriegsschauplatz. Nicht? Neues. Oberste HeereSleHnng. 9 9 Nk iislMWW KmrMMdtlW. Wien, 5. April.(23. T. B.) Amtlich wird verlautdart: Lage überall unverändert. Der Stellvertreter deS Chefs drS Generalstabes Von Hvefer, Feldmarschalleutnant. diejenigen ernstlich Stellung nehmen müssen, die bis jetzt aus Gründen einer mitzverstandenen Disziplin oder auS Abneigung gegen eine klare Entscheidung eine vermittelnde Stellung einzunehmen für geboten erachteten. Diese Gegensätze find vorhanden und müssen aus- g e f o ch t e n werden, in der Fraktion und in den Organi- saiionen. Führer und Massen müssen Farbe bekennen, wenn sie sich nicht alles Einflusses begeben und zur völligen Ohnmacht verdammt sein. wollen. Aber diese Meinungsscheidung, diese entschiedene und aktive Stellungnahme bedeutet nicht die Partei s p a l t u n g, sondern die einzige Möglichkeit der Partei g e s u n d u n g, der Er« Haltung der E i n h e i t der Partei. Das klingt manchem Eiferer für die rein formale Parteieinheit wie ein Paradoxon, ist aber die den nüchternsten Tatsachen entsprechende Wahrheit. Denn die sachliche Scheidung gerade gibt Führern wie Massen die Möglichkeit der sachlichen Stellungnahme und des unpersönlichen Meinungskampfes. Jeder Teil folgt seinem Gewissen, seiner Auf- fassung der höchsten Parteipflichten. Die Masse kann die sachlich klar abgegrenzten Meinungsgegensätze prüfen, kann sich auf diese oder jene Seite stellen. Der persönliche Hader, die kleinliche Rechthaberei, die üblen Methoden krankhafterVertuschunghören auf— derpolitischeKampf wird aus den giftgeschwängerten Niederungen der Verdächtigung, Verun- glimpfung und den widerlichen Versuchen der Meinungs- und Willensknebelung emporgehoben zu einem zwar entschiedenen aber sachlichen AuStrag der Richtungen. Die Geschichte kann dann ihr Urleil sprechen und der Parteitag nach vorhergegangener gründlicher Abwägung der Streitfragen seine Entscheidung fällen. Nur daS ist die Art, wie eine demokratische und sozialistische Partei ihre Ehre und ihr Ansehen zu wahren, ihre Zukunft zu sichern und die Spaltung zu vermeiden vermag. Davon spricht Eunow leider sehr wenig. Dafür macht er sich höchst überflüssige Sorgen um die Emheit der„Minderheit". Sie werde, prophezeit er, gleichfalls wieder zerbröckeln und damit den Auflösungsprozetz der Partei vervollständigen. Eunow mag uns das Wort verzeihen, aber diese Besorgnis um das Schicksal der Minderheit erscheint uns ein wenig komisch. Oder wäre es Eunow von seinem Standpunkt aus wirklich angenehmer, wenn die Minderheit im Gegensatz zu der doch sicherlich nicht minder zerklüfteten Mehrheit eine kompakte Einheit darstellte? Doch wohl kaum! Aber Eunow braucht sich wegen deS Schicksals der Minderheit auch wirklich keine Kopfschmerzen zu machen. Daß die 18 oder auch 20 Reichstagsabgeordneien der Minderheit nicht alle über ernen Kamm geschoren sind, datz sie in diesem oder jenem Punkte verschiedene Ansichten hegen, datz sie eben keine gleichförmig ab- gedrehten Maschinenteile, sondern Individuen, Persönlichkeiten sind, ist doch ganz selbstverständlich. Das geht allen Politikern, allen Parteien und allen Parteigruppen nicht anders. Wenn die „Chemnitzer Volksstimme" sechs Gruppen der Minderheit herausgerechnet hat, so hat dafür die„Leipziger Volkszeitung" nicht weniger als acht Gruppen innerhalb der Mehrheit min- destens ebenso glaubhaft nachweisen können. Warum ist Eunow also eigentlich so sehr besorgt um das einheitliche Vorgehen der Minderheit, statt sich, was ihm doch weit näher läge, um die Einheit der Mehrheit den Kopf zu zerbrechen? Wenn aber Cunoto meinen sollte, es komme weniger auf die Nuancen innerhalb einer Parteirichtung und politischen Arbeits- gemeinschaft an, als auf die trotz alledem einigenden großen Richt- limen, so hat er ganz recht— aber das gilt dann natürlich nicht weniger für die Minderheit wie für die Mehrheit. Sollte sich aber hinter Cunows Sorge um die Parteizerbröcke- lung die Hoffnung verbergen, daß die Minderheit in der Tat aus- einanderfollen und sich miteinander zerklüften werde, statt gc- schlössen der ihr so überaus verhängnisvoll erscheinenden Politik der Mehrheit ihre Auffassung entgegenzusetzen, so dürfte er sich unserer Ueberzeugung nach einer schweren Täuschung hingeben. Jedenfalls könnte er das getrost der Zukauft überlassen. Nicht minder unzesigemäsi erschein! uns Cunows Spintisieren über die Haltung, die die Minderheit nach dem Kriege, speziell einem Parteitag gegenüber einnehmen werde. Wenn Eunow meint, die Minderheit werde aus Besorgnis vor den Be- schlüssen des Parteitags schon vorher absplittern, so kennt er die Absichten und Ansichten der Minderheit sehr schlecht. Denn die Minderheit ist ini Gegenteil der Zuversicht- lichen Ucberzeugung, daß gerade sie nach Abschluß des Krieges und klarem Ueberblick über die Vorgänge während des Krieges auf die lebhafteste Zustimmung der Massen der Partei hoffen darf. Es gäbe für sie also gar nichts Törichteres, als sich selbst um die Früchte ihrer Tätigkeit zu bringen und— angesichts ihres Triumphes— ihren Meinungsgegnern zaghaft das Feld zu räumen. Aber selbst wenn der erste Parteitag nach dem Kriege aus Gründen, die wir hier nicht näher andeuten wollen, mit Mehrheit gegen sie eni« scheiden sollte, so bedeutete das noch keineswegs den dauernden Sieg ihrer Gegner. Eunow ist doch hinlänglich Historiker und Kenner der Parteigeschichte, um selbst gut zu wissen, daß die Ver- Hältnisse stärker sind, als momentane Stimmungen, daß also der Gang der sozialen und politischen Ereignisse sehr rasch eine gründ- liche Wandlung der Stimmungen und Ansichten herbeizuführen vermag. Wir müssen also die Minderheit ganz entschieden gegen die Unterstellungen verwahren, die ihr Eunow zu machen beliebt. Die Minderheit hat wiederholt erklärt, datz sie die P a r t e i e i n h e i t als das höchste und kostbarste Gut der Partei betrachte, und keinem loyalen Gegner ist es gestattet, an der Ehrlichkeit und dem Ernst dieser Beteue- rungenzuzweifeln!. Die düsteren Prophezeiungen Cunows von der Parteizerbröcke- lung durch das Verhalten der Minderheit beruhen also auf nichts als den vagsten Vermutungen. Eine Parteizerbröckelung und Parteispaltung könnte wohl aber dann eintreten, wenn man den geistigen Gärungs- Prozeß irnd den normalen Austrag der Meinungsverschieden- heiten innerhalb der Partei gewaltsam zu unterdrücken versuchen würde. Wenn man jene Taktik der Ver- femungen, V e r r u fs er t l ä r u n g e n und Maßrcge- lungen beharrlich fortsetzte, mit denen die Mehrheit und die Instanzen leider zu lange schon begonnen haben. Wenn man die fteie Kritik, die freie Betätigung der Ueberzeugung zu unterbinden versuchte. Wenn man der parlamentarischen Betäti- gung der Minderheit Hindernisse zu bereiten, die Freiheit der Presse zu unterdrücken versuchte. Dann gerade würde man den Kampf derartig vergiften und verschärfen, daß die extremsten Elemente auf beiden Seiten Oberwasser erhielten. Datz sich die gereizte Stimmung immer mehr verschärfte und die Spaltung auch auf die Organi- sationen übergriffe., Daß die Organisationen gleich den Führern im Meinungs- streit Stellung nehmen, sich für oder gegen diese oder jene Richtung erklären, diese oder jene Gruppe unterstützen, ist ihr gutes Recht. Ist sogar ihre gebieterische Pflicht. Denn sonst wäre ja die So- zialdemokratie keine demokratische Partei, sondern das blinde Werkzeug ihrer Führer und Instanzen. Die Stellungnahme der Organisationen schädigt die wirkliche Parteieinheit so wenig wie der Austrag der Meinungsgegensätze im Parlament. Erst wenn der Meinungsstreit zu Gewaltakten, zu Maßregelungen nach dem bösen Stuttgarter Muster entartete, würde die Erbitterung auch innerhalb der Orga- ni sationen selbst zu heller Flamme auflodern, könnte die wirkliche Parteispaltung— zum m i n- desten für die Zeitdauer des Krieges und viel- leicht auch noch für eine weitere Zeitspanne— unvermeidlich werden. Denn Druck erzeugt unausbleib- lich Gegendruck, was den Mitgliedern einer Kampfpartei, die unter dem Sozialistengesetz groß geworden, als unbestreitbarst« Er- fahrungstat fache jederzeit gegenwärtig sein sollte. Noch fteilich glauben wir, daß die Einsicht und das Verantwort- lichkeitsgefühl aller Teile stark genug sein wird, um diese, die einzig wirkliche Gefahr der Parteizerbröckelung und Partei, spaltung zu verhüten._ Der französische Tagesbericht. Paris, 5. April.(28. T. B.) Amtlicher Bericht vom 4. A p r i l nachmittags. In den Argonnen haben wir deuli'che Stellungen, besonders in der Umgegend von Montfaucon und Ma- lancourt, beschossen. Westlich der Maas ziemlich heftiger Geschütz- kämpf von Avocourt bis Malancourt. Oestlich der Maas war die Nacht verhälinismäßig ruhig; die Deutschen haben gegen die durch unsere Gegenangriffs wiederhergestellte Front Douaumont— Vaux keinen Angriffsversuch gemacht. Unsere Batterien waren gegenüber den feindlichen Stellungen in dieser Gegend ganz besonders täftg; der Feind hat nur schwach geantwortet. Oestlich vom Priesterwalde ist eine starke feindliche Erkundungsabteilung durch Gewehrfeuer zerstreut worden. Im Elsaß haben unsere Batterien Proviant- kolonnen auf der Straße Thann— Mllthausen unter Feuer ge- nommen. Paris, 5. April.(W. T. B.) Amtlicher Bericht vom Dienstag abend. Nördlich der Aisne und in den Argonnen führten un'ere Batterien ein wirksames Feuer auf feindliche An- lagen aus. Westlich der Maas mißglückte ein feindlicher Angriff, der gegen 2 Uhr nachmitlags gegen das Dorf Haucourt gerichtel wurde, vollständig. Oestlich der Maas wurde die Beschießung im Lause des Tages mit großer Hesligleit wieder aufgenommen. Auf unserer Front zwischen Douaumont und Vaux richteten die Deulschen gegen 3 Uhr nachmittags einen sehr starken Angriff auf unsere ersten Linien, die ungefähr dreihundert Meler über dem Dorfe Douaumont gelegen sind. Die aufeinanderfolgenden Sturm- wellen, denen lleine Angriffsableilungen folgten, wurden durch Sperrfeuer und unser Maschinengewehr- und Jnfanteriefeuer niedergemacht und mutzten in Unordnung zu dem Chauffeurwalde zurückfluten, wo unsere Artillerie durch ihr konzentrisches Feuer dem Feinde beträchtliche Verluste beibrachle. Nördlich des Caillelte-Waldes rückten unsere Truppen im Laufe des Tages weiter vor. In der Woevre Artilleriekampf in den Ab- schnitten am Futze der Maashöhen. In den Vogefen versuchten die Deutschen nach lebhafter Beschietzung unserer Stellungen südöstlich von Lbersept an unsere Schützengräben heranzukommen, wurde» jedoch durch unser Sperrfeuer in ihre Linien zurückgeworfen. In der Nacht vom 3. zum 4. April warf eins unserer Luftschiffe vier- unddreitzig Granaten auf den Bahnhof von Audun-le-Roman. Belgischer Bericht: Heftige Arlillerieiätigkeit an den Zugängen von Dixmuiden sowie in der Gegend von Steenstraete. Die englische Meldung. London, 4. April.(W. T. B.) Kriegsbericht. Gestern schoß eines unserer Flugzeuge ein deutsches Flugzeug hinter unseren Linien in Souchez ab; Führer und Beobachter sind tot. Heute war die Artillerie auf beiden Seiten tälig bei Souchez, Angrez, St. Elvi und Ypern. Einige Mmentäligkctt bei Neuville— St. Vaast, Hulluch und der Hohenzollernschauze. Der ruMche Kriegsbericht. Petersburg, 3. April.(W. T. B.) Amtlicher Bericht vom 4. April. Westfront: Das Hochwasser dauert an. Die Deutschen fahren fort, mir grotz- und lleinkalibrigen Geschützen den Brücken- köpf von Uexküll zu beschießen. Bor dem Dorf Maslakowka südlich Dünaburg(10 Kilometer) beschossen wir mit Erfolg die Deutschen, welche die überschwemmten Schützengräben räumten. Auf der Front der Truppen deZ Generals Ewert keine wichtigen Ereignisse. An vielen Orten überflogen feindliche Flieger unsere Unterkünfte. Sie warfen neun Bomben auf Ljachowitschi. In der Gegend der Dörfer Boguslawka und Baszlyki nordöstlich des Bahnhofs von Olyka (13 und 9 Kilometer) wiesen wir einen feindlichen Annäherungs- versuch an unsere Gräben zurück. Feindliche Flieger warfen Bomben auf Nowno und Sarny. In der Gegend von Sopanow nordwestlich Krzemieniec(8 Kilometer) ließ der Feind 2 Minen springen, der- mochte sich aber des Trichters nicht zu bemächtigen. Einen feind- lichen Angriff in der Gegend der Eisenbahn westlich Tarnopol wiesen wir zurück. Nördlich Bosau ließ der Gegner auch eine Mine vor unseren Gräben springen, aber sein Versuch, den Trichter zu besetzen, war erfolglos. Kaukasus: Während der Kämpfe am 2. April nahmen wir noch zwei ganze türkische Kompagnien gefangen, welche zu einem neu eingetroffenen Regiment gehörten.— In der Gegend von Müsch und Jbitlis gehen wir in südwestlicher Richtung vor. Melöung öer italienischen Heeresleitung. Rom, 3. April.(W. T.B.) Amtlicher Bericht vom Dienstag: Längs der ganzen Front Tätigkeit der Artillerie von beiden Seiten, am lebhaftesten zwischen dem Lagarinatal und dem Suganatal und auf den Höhen nordwestlich von Görz. In der Nacht zum 3. April wurden kleine Angriffe gegen unsere Stellungen auf dem Nauchkofl sMonte Cristallo) und auf dem Mrzli Brh(Monte Nero) abgewiesen. Feindliche Flugzeuge versuchten hartnäckig Ein- brüche in unser Gebiet, wurden aber durch das Feuer unserer Batterien und Gegenangriffe unserer Flugzeuge vertrieben; einem Flugzeug gelang es, zwei Bomben auf Bassano zu werfen, welche jedoch nur geringen Schaden anrichteten. Eines unserer Caproni- Flugzeuge warf eine schwere Bombe auf Grafenberg(Görz) und rief einen Brand hervor._ vom v- Doot-Krieg. London, 8. April. wärmung. SteckrOben......... Dose 50 pl Dicke Bohnen........ Vt Dose 95 Pf. Brechspargel stark.. Vi vo» 1.45 Steinpilze............ Vi Dose 1.50 Stangenspargel Vi Dose 1.68 Kürbis süß— sauer.. Dose etwa 4 Pfd. 1.70 Norwegische Heringei.ToinateoDose85 Pt. Norwegische Sprotten w od, Dose 75 Pf. Norwegische Sardinen m od, Dose 1.10 Makrelenfiiet in Od...... Dose 1.40 Lachs gekocht........... Dose 2.75 LadlS geräuch.LScheib.Dosel.50 2.60 5.60 Charlotten-Rouladen..... Dose 1.20 Heringe in Gelee......... Dose 1 M. Bismarckheringe........ Dose 1.45 Bratheringe........ große Dose 2 m. Delikateß-Heringe........ Dose 1.20 Appetitsild............. Dosc70pf. Appetitbissen............ doscSSpl AnsISnd. Emmenthaler Schweizer Käse pfd.2.30 Holländer u. Edamer Käse im Ganzen......... Pfund 2 M. bis 2.40 Alter Edamer Käse...... Pfund 2 m. in ganzen und halben Kugeln... Pfund 1.80 Alter Ceheimratskäse AHA 1.50b. 2 m. Emmenthaler Kräuterkäse _ Stück 15» 20 n. 25 Pf. Pflaumenmus.......... Pfund 80 Pf. Kunst-Honig.... ohne Qlts Phmd 48 Pf. Vorzüglicher Brot-Anf strich (Verkauf Donnerstag ,, �.IIA und Somutbcnd) 73 PlUHd A• X U Geflügel Verkauf Donnerstag und Sonnabend Gänse.......... Pfund 2,80 u. 3.25 MaSt-Puten(narL*Ipii(tr«tr.) Pfd. 2.60 U. 2.80 Brathühner............ Pfund 2.89 Suppenhühner.......... Pfund 2.60 Schneehühner.;... stock 2.30 u. 2.45 Enten.......... Pfund 2.50 n. 2,80 landen— Landeier Speisenfabrikate gefaxbi Pudding-Pulver 60pf. Pudding-Pulver 70pt Rote Grütze ÄT1 75pf. Kunst-Gel eOm. verschied. Qeschm, 2 Pak. 5 7PI. Stjema-Pudding 65pf. Eier-Pudding m. versch Geschm, Paket 38 Pf. kg 1.70 t'« kg 3.10 Krachmandel-Pudding---- Paket 38pf. V, kg 1.70 Vt kg3.10 Cumbertand-Pudding..... Paket 40pf. V, kg 1.90 Vi kg 3.65 Kandel-Roslnen-Pudding... Paket 40pf. V, kg 1.90 Vi kg 3.65 Saucen-Pulver 38 Ä 45pf. Rinderkamm........... Pfund 2.30 Rinderbrust u. Gulasch____ Pfund 2.30 Gehacktes Rindfleisch.... Pfand 2.40 Rinder-Querrippe. �..... pwnd 2.40 Rostbeaf mit Knocheov7'.i'». vV-Pfund 2.60 Obst u.Qemfise Vcihaaf Donncrsiag Kohlrüben geIbe.Pid.5Pf.. ansländlsche 9 Pf Rotkohl ausländischer...... Pfund 56 Pf. Wirsingkohl ausländischer... Pfund 46 Pf. Weißkohl ausländischer..... Pfund 35Pf, Rote Rüben......... 2 Pfund 35pf. IVlohrrüben............ Pfund 20pt Schwarzwurzeln....... Pfund 28 Pf, Zwiebeln ausländische...... Pfund 45 Pf. Gr, Dauer-Maronen..... Pfund 45Pf. Schnittlauch Topf25pf. PetersilietopiSOPf. Kochbirnen........... Pfund 38pf. Apfelsinen...... Dutzend 1.20 1.60 Zitronen.......... Pfund 69 u 70pk Feigen........... Pfund 75 Pf. 1.10 Datteln............ Pfand Im. 1.30 Apfel-Marmelade....... Pfand 50 Pf. Gemischte Marmelade... Pfand 50 pt. fcfeft/ eeftib!—(Verkauf am Dattertager) Himbeer-Marmelade..... Pfund 80 Pf. Aprikosen-Marmelade____ Pfand 1 m. Marmelaile 2.40 Konstnonig l-Plund-Pakcl 48 pt Räucherwaren Geräucherte Sprotten____ Pfund 96 pt in ganzen Kisten, etwa 30 Pfd... Pfund 90 PL Kieler Bücklinge....... 2 stück 35 pl Makrel-Bücklinge....... stück 30 pl Räucherheringe........ stück 40 pl Geräuch. Lachs* Pfd. 1.25 Pfund 4.50 Fischsülze..... Dose etwa 4 Liter 4.80 Rollmops..... Dose etwa 4 Liter 5.50 Heringei.GeI.Dos.etwa4Ltr.5.60»/1 Pfd 50pl Muschelni.Qd.Do»ehn4Ltr 4.50v5Pfd.40PL Anchovis Dose etwa 4 Liter 4.50v2Pfd.40PL Bismarckheringe. Dose etwa 4 Liter 5.50 Salzgurken Doseetwa4n.8Ltr. 3.50 n. 7 M. Salzgurken.......... iosiock70pf. Gewürz-Gurken Pfand 80 Pf., 10 Pfund 7.50 Bratheringe____ Dose etwa s Liter 8.25 Dose etwa 4 Ltr. 4.80 Dose etwa 2 Lfr. 2.50 Kaviar- Ersatz(leicht gefärbt)* Pfand 1.30 Hummer-Krabben......% Pfund 55 pl Sardellen........ Pfand 1.10 n. 1.80 Salzheringe Grüne Heringe......... Pfund 53 pl Schellfische....... Pfund 60 u. 85 pl Kabliau inganzen Fisch, ohn.Kopf, Pfd. 65 PL Goldbarsche........... Pfund 50 Pf. Schollen.......... Pfand 50 II. 75 pl Getr. Klippfische in ganz. Fischen, Pfd. 70 Pf. Stinte................ Pfand 35 pl Ostsee-Dorsche........ Pfund 60 pl Salzfische....... Pfand 45 55 60 pl Verkauf Freitag Lebende Plötzen Pfand 65 70pl Frische Barsche Pfand 1 m 1.20 Rhododendron i ca>i sehr knospig........ Stück 1.30 b. 4M. Rhododendron. 7 besonders starke Pflanzen, Stück»)M. b. i.5ü Kirschlorbeer buschige AC-- A Pflanzen............. 9jPLu. l.lü Buxuskronen sch gneioimt 3.50 u. 4.50 Buxuspyramiden slarke Pfla�S 6 m. Coniferen(Lebensb� 1.75 b. 2.75 PrunUS(Mandelbaum), starke Hoch- � stämme............... Stück 1.3U Rosen hochstämmig, deutsche Kultur•* o C Stück 1.Z3 Rosen niedrig, deutsche Kultur, verschiedene Sorten Remontant- u Schling- � rosen 3 Stück im Bund Staude Ampelopsis(selbstklettender Wein) 40 PL Wilder Wein starke Stauden, Stück 45 Pf. Begonienknollen Dtzd. 75 u. 85 pl Gladiolenknollen.. Dutzend 85 pl ,-,11,... mit wildem Wein tialkonkasten gepflanzt Länge 40 cm 60 cm 80 cm 100 cm 120 cm Preis 3160 4.50 5.75 6.75 1.50 Lorbeerkronen u. Pyramiden zu besonders billigen Preisen. in großer Auswahl. Betont». ftetaftaSlfttk Sictofc Beriltoi a.BhNtt,iBfrU». Dr»d».»ktt«:Lor«örtt«»chdr.»iSerlaa»onftoUKazUSttiL>ttu.Ci� BctlmSW. Hierzu 2 Seifest»». airtfrjeftBBtW. nr. 96. 33. i|ei|(ijje des„NllMllrtg" Kerliner Nlllksbllltt.« �n>'»l« Die Kriegsziele öes Reichskanzlers. 69. Sitzung. Mittwoch, den 5. April 19 IS, nach mittags 3 Uhr. Am Bundesratstische: v. Bethmann Holl weg, V.Wandel, zahlreiche Staatsselreläre und preußische Minister. Das Andenleu der verstorbenen Abgg. Birlenmehe�rvir hätten keine Mannschaften mehr, die Moral unserer Truppen sauge an sich zu zermürben. Nun, ich denke, die Schlacht vor Verdun belehrt sie eines Besteren.(Sehr richtig!) Die mit genialer Ilmsicht vorbereiteten Operationen »verden von heldenmütigen Truppen durchgeführt, die gegen einen mit aufopfernder Tapferkeit kämpfenden Feind Vorteil um Vorteil erringen.(Beifall.) So ist die militärische Lage auf allen Fronten sehr gut und durchaus den Er- Wartungen entsprechend. Wenn wir das hier zu Hause aussprechen, welchen Dank, welchen beißen Dank»nüsten wir an unsere Krieger und ihrer Führer draußen hinaus senden, die nun schon im 20. KriegSmonat draufgängerisch und todesmutig, wie am ersten Tage die Heimat mit Leib und Seele schirmen!(Lebafter Beifall.) Unsere Feinde glauben, das was sie iricht mit den Waffen verwirklichen können, durch unsere Absperrung und Aushungerung erreichen zu können. Ich habe es verstanden, daß unsere Gegner im Jahre 1915 von dieser Hoffnung nicht lassen wollte:!, aber ich verstehe eS nicht, wie kühle Köpfe nach den Erfahrungen des Jahres 191S an dieser Hoffnung noch festhalten können.(Sehr richtig I) Unsere Gegner vergessen. daß unser Staatswesen dank der organisatorischen Kraft der ganzen Bevölkerung den schtveren Fragen der Verteilung der Lebensmittel gewachsen ist. Sie vergessen, daß das deutsche Volk über eine gewaltige moralische Reserve verfügt, die es befähigt, die in den letzten Jahrzehnten stark ge- stiegene Lebenshaltung einzuschränken. Es ist doch er- t r ä g l i ch, wenn wir z. B. in der Frage des Fleischgenusses, aber auch in anderen Lebensbedingungen vorübergehend auf die Zustände in den siebziger Jahren zurückkehren, und ich sollte meinen, unsere Feinde werden sich erinnern, daß das damalige Geschlecht noch kräftig genug war, um starke Schläge auszuteilen.(Sehr richtig I) Die Monate, die wir jetzt durchleben— ich spreche das offen aus— sind schwierig. Sie bringen Beschränkungen in »rauchen Haushalt, Sorge in manche Familie, aber um so voller und dankbarer ist unsere Bewunderung für den Opfermut, für die Hingabe an das Vaterland, mit der die Armen und die minder- bemittelte Bevölkerung sich in die schwere Zeit schicken und bereit sind, in diesem Kampf um unser Dasein auch das Schwerste auf sich zu nehmen.(Beifall.) Nach den Berichten vom ganzen Lande ist anzunehmen, daß die Arbeit der Daheimgebliebenen ihre Früchte bringen wird, wenn derHimmel unS weiter feinen Segen gibt. Es ist viele Jahre her, daß die Saatenstandsberichte zu dieser Zeit ein so hoffnungsfreudiges Bild geben konnten, wie es jetzt der Fall ist. (Hör: I hört!> Die Getreideernte von 1915 war eine der f ch l e ch- testen seit vielen Jahrzehnten, und doch reichen wir nicht nur mit unserem Brotgetreide, sondern werden mft einer stattlichen Reserve in das neue Erniejahr hinübergehen.(Bravo!) Die landwirtschast- liche Kraft Deutschlands bewährt sich aufs neue. Wie wir bisher ausgekommen sind, so werden wir auch weiter auskommen. In dem Bestreben, uns auszuhungern und abzusperren und den Krieg auf das ganze deutsche Volk, auf unsere Frauen und unsere Kinder auszudehnen, sind England und seine Verbündelen über alle Rechte der Neutralen zum Handel und Verkehr mit den mittel« euroväiichen Staaten zur Tagesordnung übergegangen. Die ameri- kanische Note vom 5. November 1915, die eine zutreffende Darstellung der englischen Völkerrechtsverletzungen enthält, ist. soviel bekannt, bis zum heutigen Tage von der englischen Regierung nicht beantwortet worden.(Lebhaftes Hört! hört!) Wie diese, so haben auch die übrigen Proteste der Neutralen bei unseren Feinden keinen anderen Erfolg als den weiterer Neutralitäts- Verletzungen gehabt. Ist doch England so weil gegangen, daß eS selbst menschenfreundliche Betätigungen amerikanischer Philanthropen, wie die Zufuhr von Milch für die deutschen Kinder, einfach v e r- boten hat.(Hört I hört!) Die letzte Ordre of Council bedroht den Handel der neutralen Häfen mit neuen völkcrrcchtswidcrsprcchevdeu Bcrschärfungcn der Blockaderrgeln, wegen deren Verletzung die.amerikanische Regierung bereits ftüher Einspruch erhoben hat. Meine Herren! Kein ruhiger Neutraler, mag er un» wohl- gesinnt sein oder nicht, kann von uns verlangen, daß wir un» gegen diesen völkerrechtswidrigen Aushungerungskrieg nicht unsererseits zur Wehr seyen(Lebhatte Zustimmung), kann von unS erwarten. daß wir die Mittel der Abwehr, über die wir verfügen, uns ent- winden lassem Wir wenden diese Mittel an und wir müssen sie anwenden.(Sehr richtig!> Wir erkennen die berechtigten Interessen der Neutralen am Welthandel und am Weltverkehr an, aber wir erwarten, daß die Rücksicht, die wir nehmen, von ihnen verstanden und unser Recht, ja unsere Pflicht anerkannt wird, gegen diese nicht nur dem Völkerrecht, nein, der einfachsten Menschlichkeit hohnsprechende Aushungerungspolitik unserer Feinde mit allen Mitteln Vergeltung zu üben.(Lebhaftes Bravo!) Seit ich zuletzt hier sprach, find wir genötigt gewesen Portugal den Krieg zu erklären. Sie haben gehört, welche Reihe von Neutralitätsverletzungen Portugal sich hat zuschulden kommen lassen. �Der unter Salutschüssen höhnend bewerkstelligte Raub unserer Schiffe hat dem Faß den Boden ausgeschlagen. Portugal hat unter der Einwirkung Englands gehandelt, England aufs neue seine liebevolle Protektion der kleinen Staaten bewiesen.(Sehr gut!» Als ich am 9. Dezember hier unsere Bereitwilligkeit zu FricdenSvcrhandlungeu erklärte, sagte ich, daß ich eine gleiche Bereitwilligkeit bei den Regierungen der feindlichen Länder nirgends erkennen könnte. Daß ich recht hatte, hat alles gezeigt, waS in- zwischen geschehen ist, und was wir aus dem Munde der feind- lichen Staatsmänner vernommen haben.(Sehr richtig.) Die Reden, die in London. Paris, Petersburg und Rom gehalten worden sind, sind so eindeutig, daß ich darauf nicht zurückkommen brauche. Nur ein Wort an die Adresse des englischen Ministerpräsidenten Herrn A s g u i l h. Auf seine persönlichen Jnvektiven antworte ich nicht(Bravo!), weil ich persönliche Verunglimpfungen des Gegners auch im Kriege nicht für würdig halte.(Sehr gut!) Aber ich will ihm sachlich kurz aittworten. Für Herrn Asquith ist die vollständige und endgültige Zerstörung der militärischen Macht Preußens die Vorbedingung aller Friedensverhandlungen. Gleichzeitig aber vermißt Herr Asquith in meiner Rede deutsche Friedensangebote.(Heiterkeit.) lieber Friedens- angebote zu verhandeln, die von der andern Seite gemacht wurden, dazu sei jede Partei bereit. Fa. meine Herren, gesetzt einmal. ich schlüge Herrn Asquith vor, sich mit mir an einen Tisch zu setzen und über die Möglichkeit eines Friedens zu verhandeln und Herr Asquith begänne mit der Forderung der endgültigen und voll- ständigen Zertrümmerung der Macht Preußens, das Gespräch wäre zu Ende, noch ehe eS begann.(Lebh. Zustimmung.) Auf solche Friedensbedingungen bleibt uns nur eine Antwort und diese Antwort erteilt unser Schwert. (Lebhafter Beifall.) Wenn unsere Feinde da? Blutvergießen, das Menschemnorden, die Verwüstung Europas weiter fortsetzen wollen, s i e trifft die Verantwortung. Wir stehen unseren Mann, und unsere Armee wird zu immer stärkeren Schlägen ausholen.(Lebhafter wiederholter Beifall.) Beim Ausbruch des Krieges habe ich an da? Wort MoltkeS erinnert, daß wir noch einmal in blutigen Kämpfen das verteidigen müssen, waS wir 1879 errungen haben. Für die Wahrung der Einheit und Freiheit Deutschlands sind wir, die ganze Nation geschloffen wie ein Mann, in den Kampf gezogen. Dieses einige und freie Deutsch- land ist es. das unsere Feinde vernichten wollen. Ohnmächtig soll Deutschland wieder werden, wie in vergangenen Jahrhunderten, den Machtgelüstcn der Nachbarn ausgesetzt, der Prügeljunge Europas, auch noch nach dem Kriege in der Entfaltung seiner wirtschaftlichen Fähigkeiten ewig in Fesseln geschlagen. Das verstehen unsere Feinde unter der Vernichtung der militäri- schen Macht Preußens. Sie werden sich die Köpfe ein- rennen.(Lebhafter Beifall.) Was wollen wir dagegen? Sinn und Ziel dieses Krieges ist uns ein Deutschland, so fest gefügt, so stark beschirmt, daß niemand wieder in die Versuchung gerät, uns vernichten zu wollen, daß jedermann in der weiten Welt unser Recht auf Bs« tätigung unserer friedlichen Kräfte anerkennen muß. Dieses Deutsch« land, nicht die Vernichtung fremder Nationen, ist das, was wir er- reichen wollen.(Sehr wahr!) Und es ist das zugleich die Rettung des in seinen Grundfesten erschütterten europäischen Kontinents. WaS kann die feindliche Koalition Europa bieten? Rußland— das Schicksal Polens und Finnlands I Frankreich— die Prätention der Hegemonie, jener Hegemonie, die unser Elend war! England— die Zersplitterung, den Zustand dauernder Reizbarkeit, den es das Gleich- gewicht auf dem europäischen Kontinent zu nennen beliebte und der die letzte und innerste Ursache für all das Unheil gewesen ist, das in diesem Kriege über Europa und über die Welt gekommen »st!(Lebhaste Zustimmung.) Hätten sich die drei Mächte nicht gegen un» zusammengeschloffen, nicht versucht, das Rad der Geschichte in ewig verflossene Zeilen zurückzudrehen, dann hätte sich der euro« päische Friede durch die Kräfte stiller Entwicklung allmählich ge- festigt. Das zu erreichen, war das Ziel der deutschen Politik vor dem Kriege. Wir können, was wir haben wollen, durch friedliche Arbeit haben. Die Feinde haben den Krieg gewählt.(Abg. Dr. Liebknecht: Sie haben den Krieg ge- wählt!— Große Unruhe im Hause.— Zurufe: Lausbub! Lump! RauS!). Präsident Dr. Kaempf ruft den Abg. Dr. Liebknecht zur Ordnung. Reichskanzler v. Bcthmau« Hollweg(fortfahrend): So muß der stille Friede Europas aus den Gräbern von Millionen erstehen. Zu unserer Verteidigung sind wir ausgezogen, aber das, was war, ist nichtmehr, die Geschichte ist mit ehernen Schritten vorwärtsgegangen, es gibt kein Zurück. Unsere und Oesterreich-UngarnS Absicht ist es nicht gewesen. die polnische Frage aufzurolle», da» Schicksal der Schlachten hat fi« aufgerollt. Nun steht sie da und harrt der Lösung. Deutschland und Oesterreich- Ungarn müffen und werden sie lösen.(Bravo!) Ten Ltstus quo ante kennt nach so ungeheuere« Ge- schehnissen die Geschichte nicht. (Lebhaste Zustimmung.) Nach dem Kriege wird ein neue» sein, das Polen, aus das der russische Tl'chinowrnk(Polizeibeamte) unter Er- pieffungen und Ausraubungen seinen Fuß gesetzt, das der Koiak brennend und sengend verlassen hat, ist nicht mehr. Selbst Mtt- glieder der Duma haben offen anerkannt, daß sie sich die Rückkehr des Tschinownik, seitdem Deutschland und Lesterreich-Ungarn ehrlich für das unglückliche Land gesorgt haben, nicht mehr vorstellen können. Herr Asquith spricht in seinen Friedensbedingungen von dem Prinzip der Nationalität. Wenn er das tut und wenn er sich in die Lage des unbesiegten und unbesiegbaren Gegners versetzt. kann er dann annehmen, daß Deutschland freiwillig die von ihm und seinen Bundesgenossen befteiten Völker zwischen dem Baltischen Meer und den wolhynischen Sümpfen wieder dem reaktionären Rußland aus- lietern wird, mögen e» Polen, Balten, Litauer oder Letten sein?(Bravo I) Nein, Rußland darf nicht zum zweiten Male seine Heere aus die ungeschützte Grenze Ost- und Westpreußens auf- marschieren lassen(Bravo I), nicht noch einmal mit ftanzösischem Geld« Deutschland als Einfalltor benutzen und in da» ungeschützte Deulichland einrücken.(Erneuter Beifall!) Und wenn jemand glaubt, daß wir die im Westen besetzten Länder, auf denen das Blut unseres Volkes geflossen ist, ohne völlige Sicherheit für unsere Zukunft freigeben werden— wir werden unS reale Garantien dafür schaffen, daß Belgien nicht englisch-französischer Vasallen- Staat, nicht militärisch und wirtschaftlich als Bollwerk gegen Deutsch- land ausgebaut wird.(Bravo!) Auch hier gibt es keinen Status quo ante (Bravo I). auch hier kann Deutschland das lange niedergehaltene vlämische Volkstum nicht wieder der Verweis chung preis geben.(Lebhafter Beifall! Abg. Liebknecht: Heuchelei!) Wir wollen eine seiner Anlage und EntWickelung entsprechende, auf der Grundlage seiner Sprache und seiner innerlichen Einheit gesicherte Nation, wir wollen keine Nachbarn, die sich aufs neue gegen uns zusammenschließen, um uns zu erdrosseln, wir wollen Nachbarn, die mit uns und mit denen wir zusammenarbeiten, zu unserem gegen- seitigen Nutzen.(Stürmischer Beiiall.— Liebknecht: Die Sie dann übersallen I Uebersatl auf Belgien! Ein Mitglied des Zen- trums ruft dem Abg. Liebknecht zu: Gehen Sie doch nach Ruß- land I> Hat nicht friedliche deutsche Arbeit, friedlicher deutscher Fleiß in Anliverpen weiter gearbeitet an der Wohlfahrt des Landes? (Sehr richtig!) Sind wir nicht auch jetzr während des Krieges bestrebt, das Leben des Landes wieder aufzurichten so weit wie möglich?(Erneute Zustimmung.) Die Erinnerung an diesen Krieg wird in dem schwer heimgesuchien Lande lange nachzittern.(Lieb- knecht: Ihre Schuld!) Wir können nicht zulassen, im beider- seitigen Interesse nicht, daß daraus wieder neue Kriege hervorwachsen können. Meine Herren, ich möchte hierbei noch eine andere Frage berühren. Die russische Regierung ist seit Beginn des Krieges mit allen Kräften bestrebt gewesen, die Deutschen russischer und deutscher Staatsangehörigkeit zu berauben und zu verjagen. Es ist unser Recht und unsere Pflicht von der russischen Regierung zu verlangen, daß sie das gegen alles Menschenrecht begangene Unrecht wieder gut macht(Bravo) und unseren verjagten und gepeinigten Landsleuten die Tür aus der russischen Knechtschaft öffnet.(Lebhafter Beifall.) DaS Europa, das auS dieser ungeheuerlichsten aller Krisen erstehen wird, wird in vielen Stücken dem alten nicht gleichen. DaS geflossene Blut kommt nie, das vergangene Gut nur langsam wieder; aber wie es auch sein möge, eS muß für alle Völker, die es bewohnen, ein Europa der friedlichen Arbeit werden.(Beifall.) Der Friedensschluß, der diesen Krieg beendet, mutz ein dauernder sein, er darf nicht den Keim zu neuen Kriegen, sondern den einer neuen endgültigen friedlichen Ordnung der europäischen Dinge in sich tragen.(Abg. Liebknecht: Machen Sie das deutsche Volk erst frei!— Glocke de? Präsidenten.— Abg. Dr. Liebknecht wiederholt trotz anhaltenden Läutens des ! Präsidenten seinen Zuruf.— Präsident Dr. K a e m p f: Ich rufe Sie zur Ordnung. Sie stören die Ordnung des Hauses in unerhörter Weise.— Zurufe.) In der langen Kriegsgemeinschaft mit unseren Bundesgenossen ist immer fester im Wachsen der Geist der freundschaftlichen Kamerad- schaft. Dieser Kriegsgemeinschaic muß und wird eine Arbeits- gemeinschaft des Friedens folgen im Dienste der Wirt- Ickiaftlichen und kulturellen Wohlfahrt der immer enger verbündeten Reiche.(Lebhafter Beifall.) Wir gehen auch hier einen anderen Weg als unsere Gegner. England will auch nach dem Friedens« schluß den Krieg nicht aufhören lassen, sondern den Handels- krieg gegen uns mit doppelter Schärfe einsetzen lassen. Erst sollen wir militärisch, dann wirtschaftlich vernichtet werden. Ueberall eine brutale Zerstörungs- und Bernichtungswut und der vermessene Wille, ein Volk von 70 Millionen zum Krüppel zu schlagen. Auch diese Drohung wird zerschellen, aber die Staatsmänner, die solche Worte brauchen, mögen dessen eingedenk sein: Je heftige ihre Worte, desto stärker unsere Schläge!(Lebhafter Beifall.) Und wenn wir über Europa hinaus sehen: Von jeder Verbindung mit der Heimat abgeschnitten haben unsere Schutztruppen und Landsleute unsere Kolonien zäh verteidigt, machen sie noch jetzt in Ostafrika heldenmütig dem Feinde jeden Fußbreit Boden streitig. (Bravo!) Aber das endgültige Schicksal der Kolonien wird nicht dort, sondern, wie Bismarck sagte, hier auf dem Kontinent ent- schieden. Unsere Siege auf dem Kontinent werden miS einen Kolonialbesitz sichern und der underwüstlichen deutschen Unternehmungslust ein« neue fruchtbringende Tätigkeit eröffnen.(Lebhafter Beifall.) So gehen wir frei und offen und mit wachsender Zuversicht der Zukunft entgegen. Nicht in Ueberhebung und Selbsttäuschung, aber voller Dank gegen unsere Krieger und in dem heiligen Glauben an uns und unsere Zukunft.(Beisall.) Groß und breit wie Berge liegen bei unseren Feinden Selbsttäuschung, ingrimmiger Haß und Volksbetrug. Die feindlichen Staatsmänner setzen sich zusammen und erfinden immer neue Formeln zu den alten, damit nur dieser Bann nicht gebrochen werde. Wir haben keine Zeit zur Rhetorik. Stärker sind die Tatsachen, die wir für uns reden lassen.(Sehr gut!) Und zu diesen Talsachen gehört eben auch die, die unsere Kriegsziele von denen unserer Gegner scheidet. Bon allen kriegführenden Mächten ist Deutschland die einzige, der von ihren Feinden aus dem Munde der Staatsmänner die Vernichtung und Zerstückelung des Reiches, die Zerstörung des Wesens unserer militärischen und wirt- schaftlichen Macht angedroht wird. Die treibenden Kräfte, die vor dem Kriege die Koalition gegen uns zusammengeführt hatten, Er- oberungssucht, Revanchelust, Eifersucht gegen den Konkurrenten auf dem Welimarkt. sie sind auch während des Krieges trotz aller Nieder- lagen bei den Negierungen unserer Feinde mächtig geblieben. In diesem Kriegsziele sind sich London, Paris, Petersburg einig und dieser Tatsache stellen wir die andere gegenüber, daß, als die Katastrophe über Europa hereinbrach, wir andere als 1870, wo die Reichslande und das Kaisertum jedem Deutschen als selbstverständ- licher Siegespreis vorschwebte, nur das eine Ziel hatten, uns zu wehren, uns selbst zu behaupten, den Feind von der Heimat fernzu- hallen und von dort, wo er seine Vernichlungs- und Zerstörungs- wut in so ungeheuerlicher Weise erprobt hatte, so schnell wie möglich zu vertreiben. Wir halten den Krieg nicht gewollt. wir sind es nicht gewesen, die einer anderen Nation Vernichtung der Existenz, Zerstörung des nationalen Wesens angedroht haben. Und woher nehmen wir die Kraft, um trotz aller AbiperrungS- schwierigkeiten daheim die Bevölkerung zu versorgen und die Ueber- zahl der Feinde weiter zu schlagen und zu siegen. Will jemand ernsthaft glauben, daß eS Ländergier sei.(Abg. Dr. Liebknecht: Jawohl I— Erregte Gegenrufe und große Unruhe.) Soll ein Volk, das der Welt so viele geistige Güter geschenkt hat, das so viele Jahre hindurch die friedliebendste aller Nationen gewesen ist, sich in Barbaren und Hunnen verwandelt haben? Nein, das sind Erfindungen derer, die den Krieg wollten. (Zwischenrufe des Abg. Dr. Liebknecht und große Unruhe.) Die neueste Ausgeburt dieser Sucht, uns zu verleumden, ist die Behauptung, daß wir un» in einen Krieg mit dem amerikanischen Kontinent stürzen wollen. um Kanada zu erobern.(Heiterkeit.) Es sind das die- selben Behauptungen, wie die. daß wir in Brasilien und sonst auf dem amerikanischen Kontinent Eroberungen machen wollen. Kalt- blutig legen wir diese törichten, übelwollenden Erdichtungen zu den übrigen. Unsere Ziele sind klar. Weil das jeder mit uns weiß, darum sind unsere Herzen und Nerven stark. Für Demschland, nicht für ein fremdes Stück Land bluten und sterben Deutschlands Söhne.(Abg. Liebknecht: Das ist nicht wahr!— Präsident Dr. Ka e m p f ruft den Abg. Liebknecht zur Ordnung.) Lassen Sie mich mir einer persönlichen Erinnerung schließen. Als ich das letztemal hier war, stand ich mit dem Kaiser auf einer Stelle, ans die ich Se. Majestät auch vor einem Jahre begleitet hatte. Der Kaiser erinnerte sich des Umstandes und sprach mir tiefbewegten Worten über den großen Wandel, den wir in diesem Jahre erlebt haben. Damals standen die Ruffen noch bis zu den Karpathenpässen. Der Durchbruch bei Gorlice und die Hinden- burgische Dffcnfibc lörtrfn noK nicht im©fliifl«. Heute stehen wir bis tief nach Nußland hinein. Damals berannten die Engländer Gallipoli. um den Balkan in Brand 411 fetzen, heute steht Bulgarien fest an unserer Seite, dainalZ tvar die schtvcre Abwehrschlacht in der Champagne im Gange, heule klang 411 den Worten des Kaisers der K a n 0 n c n d 0 n n e r nun B c r d u n herüber. Tiefer Dank gegen Gott eniillle da-Z Kaifcrherz. Ich darf wohl sagen, daß mir in dicker Stunde das Ilngeheure, das Heer und Flotte in diesem Jahre für uns nollbrackit haben, kräftiger nnd bewegender vor die Seele getreten ist als jemals. In ernster Stunde ist Ihre und unsere gemeinsame Arbeit doppelt verantwortungsvoll. Kein anderer Gedanke kann uns beseelen, nlö der, wie helfen, wie stützen wir an, besten unsere Krieger, welche draußen für die Heimat ihr blebcn in die Schanze schlagen. Ein Geist, ein Wille führt sie. Dieser uns alle einigende Geist leite auch uns. Er ist es, der über den Kampf der Väter hinweg unsere Kinder und Enkel in eine starke und freie Zukunft führen wird.(Lebhafter, anhaltender Beifall.) Ter Belichierstallcr verzichtet aufs Wort. Abg. Dr. Spahn(Z.) sauf der Tribüne und im Hause fast unberstäudlichf: Wir danken dem Reichskanzler für seine Ausführungen, denn die Debatte über die FriedenSzicle wird mit dieser Rede nunmehr wohl auch ö f f e n t- l i ch zur Einleitung kommen. Wir haben den Krieg nicht verhindern können, wir sind auch»och nicht in der Lage, ihn zu beendigen. Der e n t s ch c i d e n d e S i e g ist noch nicht' errungen. Im wirtschasilichen Kriege, den England gegen uns führen will, lverdcn ivir unseren Mann stellen(Bravo'), unsere Lustschiffe und H-Voole haben England gezeigt, daß es auch auf seiner Insel an- greisbar ist. Friedensziele müssen Machtziele sein. (Sehr richtig!) De? Kriege? Seele ist der Friede. WaS er uns bringt nach dein Rätsel dieser großen Katastrophe, das eine habeu wir zu fordern: er muß mit einem greifbaren Er- g e b n i S ende n. Nach dem Osten hat uns der Kanzler das greifbare Ergebnis genauer gezeigt. Nach dem Westen hin hat er sich v 0 r s i ch t i g c r ausgedruckt. Auf jeden Fall müsse dafür gesorgt werden, daß Belgien nicht mehr ein Bolltverk Englands bleibe. Die noitoendige Folge daraus ist, daß es politisch, mit!- törisch und wirtschaftlich in unsere Hand zu liegen kommen wird. (Br.»vo!) lieber die innere staatsrechtliche Organisation Belgiens mag der Friede seinerzeit cntschs,den. Wir wollten keinen Eroberungskrieg. Aber nun müssen wir unser« Grenzen nach unseren eigenen Interessen berücksichtigen. Mit Oester- reich- Ungarn werden wir zweifellos in dauernder Lebens- gemeinschast bleiben. Unsere wirtschaftliche Basis muß eine breitere werden. Dafür brauchen wir einen grösierrn territorialen Umfang, als ihn da? Dellische Reich gewährt.(Bravo I) Unsere Gegner, die unseren Handel nnd unsere Industrie zerstören wollten, haben selbst daran initgcwirlt, daß unsere Industrie gestärkt aus diesem Kriege hervorgeht! Die Neulralcn, sowie natürlich auch der Balkan und die Türkei müssen in unsere Wirtschaftsbeziehung einbezogen werden. Die Folge de? unZ ausgezwungenen Krieges muß sein, die Erreichung nnd Sicherung unserer Weltmacht- g e l t u n g.(Beifall.) Abg. Ebert(Soz.): TaS Bild, das uns der Reichskanzler von der polltischen und wirtschaftlichen Lage zeichnete, gibt leider wenig Hosfnung auf c i 11 e n baldigen Frieden. Die Erwartung, daß die furchibarcn Vlutopfer, die unabsehbaren wirtschaftlichen und fiiiaiiziellen Folgen deS Krieges für alle Völker dem Friedens- gcdankeu zu», Diirchbruch verhelfen würden, sind leider nicht in Er- süllniig gegangen. Auch die Fricdensdebatle, die im Dezember auf unsere Veranlassung geführt worden ist, hat im feindlichen Ausland ivenig Gegenliebe gefunden. Der Herr Reichskanzler hat vorhin daraus hingewiesen, daß die verantwortlichen Stellen in London, Paris, Petersburg seine Erklärung, er sei bereit Friedens- angcbote zu dislutieren, geradezu mit Kricgsfanfaren beantwortet haben. Auch die letzte Pariser Konferenz der Alliierten hat in diesem Sinne Stellung genommen. Bekannt ist auch, daß namentlich die sozialistische Partei Frankreichs keine Friedensneigung zeigt. Aber trotzdem kann erfreulicherweise festgestellt werden, daß die FricdcnSncigung bei den Völkern der feindlichen Länder sich mehr lind mehr bemerkbar macht. Besonders in der letzten Zeit sind zum Teil gestützt auf unsere hier geführte FriedenSdebalte bemerkenswerte Stimmen laut geworden. Ich verweise auf die Verhandlungen in der russischen Duma, namentlich aber auf die Verbandlungen im englischen linterhause. Die Friedensdebatte dort am 23. Februar d. I. ist von den, Mitglied der Unabhängigen Arbeiterpartei, dem Sozialisten Snowden, eröffnet worden. Snowden hat sich dabei mehrfach auf unsere Verhandlungen vom S. Dezember berufen und sich auf die Stellungiiahme meiner Parteifreunde gestützt. Snowden hat sich in seiner Rede offen und entschieden für einen baldigen Frieden eingesetzt. Er sagte u.a.:»Wer könnte heute mit Bestimmt- bcit bchauvtcn, daß eine der streitenden Armeen einen entscheidenden Sieg erfechten müsse. Die Tatsache, daß nach:! 8 Kriegsmonaten die militärische Lage für die Alliierten so ungünstig ist, beweist nicht, daß ein entscheidender Sieg unerreichbar ist, aber in einer Frage wie dieser, Ivo Millionen Menschenleben auf dem Spiele stehen und das Schicksal Europas entschieden werden soll, ist eS ein Verbrechen, den Selbstbetrug zu begünstigen. Kein Mensch mit intelligentem und leidenschaftslosem Urteil wird einen vernünftigen Grund für die Hoffnung auf einen niederschmetternden Sieg nennen können.' An anderer Stelle sagt er:.Nun spricht man jetzt mehr von ivirt schaftlicher Erschöpfung der Zentralmächte. Aber bis die Zeit kommt, wo der Feind zufolge der wirtschaftlichen Erschöpfung zusammenbrechen wird, wird jeder andere Kämpfende tatsächlich in derselbenLage sein. Ein Erschöpfung»- krieg wäre so long und kostspielig, daß er alle kriegführenden Rationen finanziell und kommerziell zu Grunde gerichtet zurücklassen würde.' In der gleichen Sitzung haben auch zwei liberale Redner i», englischen Unterhause dem Friedensgedanken ent- schieden Ausdruck gegeben. Die Rede Snowdens läßt keinen Zweifel darüber, daß der Krieg aiif allen Völkern gleich schwer lastet und daß alle den Frieden als Erlösung betrachten. Wenn trotz- dem die feindlichen StaatSminisier mit ihren Vernichtungsreden den Kriegswillen ihrer Völker immer wieder zu entfachen suchen, so ist das heller Wahnsinn, wenn nicht mehr, denn nach den Erfahrungen dieses Krieges kann ernstlich niemand mehr mit einer Niederzwingung Deutschlands rechnen.(Sehr richtig!) Wir sind heute ebenso bereit und gewillt, Frieden zu schließen, wie wir es während deS ganzen Krieges gewesen sind. Solange aber die feindlichen Mächte bei ihren ZcrtrümmerungSplänen beharreu, solange die feindlichen Mächte keinerlei Friedensneigungen zeigen, solange werden wir m i t unserem Volke zur Verteidigung unsere? Landes stehen.(Bravo!) Uns Sozialdemokraten ist es nicht leicht ge- worden mit der Verteidigung unsere? Landes auch das herrschende System mitzuschützen. Wir waren höchst un- zufrieden mit den wirtschaftlichen Zuständen und standen in schroffem Gegensatz auch zu den politischen Zuständen im Reich. An unserer grundsätzlichen Stellung ist durch den Krieg nichts geändert worden.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Würden aber die ZertrümmerungSpläne der feindlichen Mächte durchgesetzt, namentlich die auch auf der Pariser Konferenz der Alliierten schon wieder«»terstrichene Einschnürung der wirtschaftlichen EntwicklungS- freiheit Deutschlands, so würde dieser Schlag gegen unsere Industrie und unseren Handel außerordentlich schwer die deutsche Arbeiterschaft treffen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der Kampf der deutschen Arbeiter um ihren wirtschaftlichen und sozialen Ausstieg. der BefreiungSlampf der Arbeiter würde dadurch weiter zurück- geworfen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Deshalb schützen wir mit der Landesverteidigung die Lebensinteressen der deutschen Arbeiter, wir verteidigen unS selbst. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) So sehr wir aber unsere Krast für die Verteidigung der llnabhängigkeit unseres Landes nnd süc die Sicherung unserer wirtschaillichen Bcwegnngs- freiheit einsetzen, so cnlschiedcn wenden wir uns gegen alle Be- strebimgen, die auf die Vergewaltigung fremder Völker hinzielen. Wiederholt haben wir hier gegen sene EroberungSplnne, die von politisch Unverantwortlichen aus- geheckt und propagiert sind, entschieden Verwahrung eingelegt. An diesem Zustand halten wir unter allen Umständen ent- schieden fest.(Abg. Liebknecht: Und die Rede des Reicks- kanzlers?) Wir wenden uns nach wie vor auf das entschiedenste gegen alle Eroberungsabsichten. In diesem Zusammen- hang muß ich deshalb auch auf das entschiedenste Verwahrung ein- legen gegen die Ausführungen die der Abg. Spahn über Belgien gemacht hat.(Liebknecht: Und der Reichskanzler? Lachen.) WaS der Reichskanzler über Belgien gesagt hat, hat er gesagt, wenn ich ihn recht verstanden habe, selbstverständlich unter Bezugnahme aus seine vorangegangene Erklärung, daß wir nicht daran denken, andere Völker vergewaltigen zu wollen. An dieser Auffassung müssen wir Sozialdemokraten auf das aller» entschiedenste festhallen und allen VergewalligungSbestrebungen auf das schärfste entgegentreten.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Unsere Soldaten haben überall Großes und Bewundernswertes geleistet, unsere militärische Lage ist günstiger, das ergibt sich aus den Ausführnngen des Reichskanzlers, günstiger als je während des ganzen Krieges. Das kann auch kein klarsehender Rechner ernsthaft bestreiten. DaS glaube ich auch heute wieder ganz offen unbeschadet des Friedenswillens nieiner Partei auS- sprechen zu können. Angesichts der furchtbaren Opfer dieses grausamsten aller Kriege ist es unseres Erachtens sittliche Pflicht aller Staatsmänner, alles zu tun, um einer Verständigung der Böller die Wege zu ebnen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Diejenigen, die diesen Gedanken abweisen, laden eine schwere Schuld auf sich.(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wir erwarten von der Reichsregierung auch nach den Heuligen Ausführungen des Herrn Reichskanzlers, daß sie steht zu der FricdenSbereitschaft, die der Herr Reichskanzler im Dezember hier zum Ausdruck gebracht hat, daß sie be- reit ist, dem Blutvergießen ein Ende zu machen, sobald ein Frieden möglich ist. der dem deutschen Volke die politische Unab- hängigkeit, die Unversehrtheit deS Reiches und die wirtschaftliche Enlwicklungsfrcihcit schafft.(Liebknecht: Und die Eroberungs« Politik des Reichskanzlers?) ES sind nicht Gefühle der Schwäche, die uns zwingen, diesem Verlangen Ausdruck zu geben. Unsere un- erschütterliche'Weltanschauung, die daS Heil der Völker in friedlicher und gemeinsamer Kulturarbeit erblickt, unsere Sorge, daß dieser Krieg allen Völkern Europas unheilbare Wunden schlägt, daß er den wertvollsten Kulturbesitz Europas vernichtet, daS ist eS, was uns immer und immer wieder die Stimme für den Frieden erheben läßt. Die feindlichen Mächte setzen ihre Hoffnungen auf unsere wirtschaftliche Erschöpfung. Englands Bestreben ist es, den Aushungerungskrieg gegen unser Volk zu Ende zu kämpfen. Gegenüber diesem ErdroffelungSversuch, der ohne Rücksicht aus daS Völkerrecht und die Rechte der Neutralen betrieben wird, ist scharfe Abwehr geboten.(Sehr richtig!) Hier kämpfen wir um unsere Existenz, wir haben daS Recht auf unserer Seite, wenn wir die englische Hungerblockade mit dem H-Bootkrieg beantworten(Sehr richtig!), darüber kann sich niemand beklagen. Die englische Admiralität war eS, die in Friedenszeiten die Abschaffung des SeebenterechtS und eine zeit- gemäße Regelung des Völkerrechts auf der See verhindert hat. England macht von dem Sccbcuterecht rücksichtslos Gebrauch, der H-Bootkricg ist dagegen nur eine Maßregel der Selbstbehauptung. (Sehr richtig!) Verhängnisvoll wäre es aber, wenn man die Neu- tralen für den englischen Aushungerungskrieg verantwortlich machen wollte. Der rücksichtslosen Torpedierung würden wir mit äußerster Schärfe begegnen müssen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) ES ist ganz selbstverständlich, daß bei dem H-Bomkrieg gegen England die Rechte der neutralen Staaten auf das Gewissenhafteste respektiert werden müssen. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der vorliegende Antrag wird diesem Standpunkt gerecht, und nur unter dieser Voraussetzung haben wir Sozialdemokraten ihm zu- gestimmt.(Sehr richtig I) Er tprickt von der Anwendung des H-Boot- kriegeS gegen die englische, auf die Aushungerung Deutschlands ge- richtete KriegSjührung und stellt fest, daß dabei die berechtigten Interessen der neutralen Staaten beachtet werden müssen. Das ist der springende Punkt und daS ist das für uns Entscheidende. Es handelt sich also bei dem Antrag lediglich um«in Gebot der Notwehr, meine politischen Freunde werden ihm deshalb zu- stimmen. Die beste Waffe gegen den Aushungerungskrieg ist deshalb eine wirksame Organisation unserer Volksernährung und die rücksichtslose Entschlossenheit zu ihrer Durchführung.(Sehr richtig l) Unerläßliche Pflicht der Reichsregierung ist es, für eine möglichst gleichmäßige und gerechte Verteilung der vorhandene» Lebensmittel zu sorgen und rück- fichtSloS mit dem wucherischen Treiben der Interessenten aufzuräumen.(Sehr richtig I) Aeußerst« Rücksichtsloflgkett ist hier notwendig. Die unabwendbaren Wirkungen des Krieges auf die Volksernahrung müssen von allen Volksgenossen gleichmäßig ge- tragen, das Privileg des Geldbeutels muß beseitigt werden, die ZahInngSfäblgen dürfen nicht nach wie vor aus dem Vollen schöpfen, während der Minderbemittelte oft nicht da» Notwendigste zu erlangen in der Lage ist. DaS ist eine ernsthafte Gefahr, die gebieterisch Abhilfe ver- langt. Wir Sozialdemokraten haben seit Kriegsausbruch die Regierung fast unausgesetzt mit Vorschlägen auf diesem Gebiet bestürmt, wir haben jetzt im Reichstage erneut in Form eines Antrage« ein Programm zur Sicherstellung unserer Volksernährung unterbreitet. In unserer Knegswirtschafl darf für daS freie Spiel der Kräfte kein Raum bleiben, leider ist durch Mangel an Tatkraft und Voraussicht von der Regierung viel verschuldet worden.(Sehr richtig I) Der Preistreiberei ist viel zu viel Spielraum gegeben, meist griff die Re- gierung erst ein, wenn die Dinge fast unerträglich ge> worden waren, chielfach auch erst, als es schon zu spät war. An Verordnungen hat es uns nicht gefehlt, eine hat die andere gejagt, aber mit Papier und Druckerschwärze allein ist eS nicht getan, die besten Bestimmungen sind nutzlos, wenn die Regierung und ihre Organe sie nicht streng durchführen und rücksichtslos allen widerstrebenden Sonderintereffen zuleide geht. Wie man in Interessentenkreisen die Verordnungen des Bundesrats respektiert, das hat kürzlich Herr v. Oldenburg- Januschau mit der ihm eigenen Grobheit gesagt. Als die Kartofielbeschlaa- nähme angedroht wurde, sagte er in einer Versammlung der west» preußischen Landwirtschaftskammer unter Bezugnahme auf diese BundeSratSverordnung, daS Papier ist geduldig, die Ausführung liegt in Händen unserer Provinzialverwaltung, na, und zu der können wir Vertrauen haben. (Hört! hörtl links.) Herr v. Oldenburg hat auch sehr Vertrauens- voll auf den preußischen Landwirtschaftsminister dabei angespielt. Diese Aeußerung ist kennzeichnend, sie zeigt recht treffend die schwache Seite unserer Lebensmittelversorgung, sie ist bezeichnend für das Verhalten weiter Jntercsientenireise, sie zeigt aber auch aufs neue, daß selbst bei der Lebensmittelversorgung Preußen den Hemmschuh bildet. Wäre bei der Durchführung dieser Maßnahmen überall scharf zugegriffen, hätte man nicht vielfach zu sehr Rück- ficht auf da? SpekulationSintereffe genommen, dann hätten die Schwierigkeiten nicht ein so hohe» Maß erreicht. Die Tatsache, daß weite Interessentenkreise die Lage auf dem Lebensmiltelmarkt zu wü--»r Spekulation ausbeuten konnien, brandmarkt für alle Zeit die kapitalistische Pronisncht.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Auf der Reichsregierung liegt eine außerordentlich ichwere Veranl- wortnng, wenn sie hier nicht unverzüglich und rücksichtslos durch- greift und der berechtigten Erregung weiter Volkskreise Rechnung trägt.(Sehr wahr! links.) Auch aus dem Gebiete der Sozialpolitik harren wichtige Aufgaben der dringei'den Erledigung. In bezug auf die Für- sorge für die verioundeten Kriegsteilnehmer halten wir schon jetzt die Festsetzung einer Frist für die Fortsetzung der Bezüge für dringend geboten. Bei den Unter st ützungcn der K r i e g e r f a m i l i e n ist bei der fortgesetzt steigenden Teuerung eine abermalige Erhöhung unabweisbar. Sehr dringend ist noch während des Krieges die gesetzliche Regelung einer Arbeitsver Mittelung in Ver« bindung mit einer Arbeitslosenunterstützung durch das Reich; die ans dein Felde zurückströmenden Mafien dürfen nach Friedensschluß nicht der Not ausgesetzt werden. Nötig ist weiter eine Vorlage für daS Verbot der Nachtarbeit der Frauen und andere Maßnahmen zum Schutze der Frauen und Jugendlichen auch während des Krieges. Unsere Frauen füllen tatkräftig die Lücken iin Wirt- schaflSleben aus. Das kann nicht genug anerkannt werden.(Leb- haste Zustimmung.) Aber bei der langen Dauer deS Kriege? wird die Aufbebung der Schutzmaßregeln immer bedenklicher. Hier muß eingegriffen werden, wenn untere Vollsgesundheit nicht dauernden Schaden leiden soll.(Sehr richtig! bei den Sozialdemolraten.) In der Handhabung des Belagerungszustandes und der Prcssczrnsur ist eine Besserung nicht eingetreten, trotzdem der Reichstag auf da? entschiedenste alle Mißgriffe und Uevergriffe verurteilt hat. Die Zustände werden hier immer schlechter und fordern zur schärfsten Kritik heraus. Entschiedene Verwahrung muffen wir einlegen gegen die in letzter Zeit erfolgten durchaus unberechtigten Eingriffe in daS Versammlungsrecht. Versammlungen, die sich mit den Steuerplänen beschäftigen wollten, wurden verboten, trotz deS Versprechens der Regierung, daß solche Versammiungen nicht gehindert werden sollen. In Beschwerde- fällen hat die Reichsleitung ja vermittelnd eingegriffen. Aber m welche unwürdige Lage wird die Reichsleitung gebracht, wenn die Militärs ihre Erklärungen im Parlament so wenig beachten. Diese U ebergriffe der Militärs werden als sinnlose Schikane empfunden und tragen zur Verbitterung der Bevölkerung bei. Selbst- verständlich werden wir auch bei dieser Tagung wieder die Aushebung des Belagerungszustandes beantragen. Am'18. Januar bat hier der Direktor Dr. Lewald erklärt. es solle gesetzlich festgelegt werden, daß die Gewerkschaften nicht als politische Vereine behandelt werden dürfen, dem Reichstag werde eine entsprechende Vorlage alsbald gemacht werden.(Rufe bei den Sozialdemokraten: Alsbald!) Das war eine klare und bündige Erklärung. Gleichwohl ist bis heute die Vorlage uns nicht zugegangen.(Hört! hörtl bei den Sozialdemolraten.) Ich muß die Reichsleitung auf das dringendste ersuchen, ihre Zusage alsbald zu erfüllen und uns den Entwurf vorzulegen.(Zustimmung.) Dabei setzen wir voraus, daß die Vorlage der Regierung alle Ge- werkschasten, namentlich auch die der Landarbeiter umfaßt, die unter den Plackereien am meisten zu leiden hat. Bei der Vereins- gesetzgebung handelt es sich um die Beseitigung von Wnst und Unrat, um so mehr müffen wir verlangen, daß er bald und gründlich ausgekehrt wird. Der Reichskanzler sagte hier im Dezember, nur der Mann gilt, nnd zwar jeder gleich dem andern. Dieser Gedanke lag wohl dem versprechen einer Wahlreform in der preußischen Thronrede zugrunde. Trotzdem hat der Abg. v. Heydebrand dieses Versprechen als unverantwortlich erklärt und daS Dreiklassenwahlrecht für ein Ideal.(Hörtl börtl bei den Sozialdemokraten.) Wir verlangen keine Belohnung für unsere Dienste. Unsere Stellung zur Landesverteidigung darf nicht verquickt werden mit Rechten. Wer aber glaubt, die Lehren des Krieges bei« feite schieben zu können, wird furchtbare Enttäuschungen erleben. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) In der Thron- rede steht der Satz:.In dem ungeheuren Erleben dieses Krieges wird ein neues Geschlecht groß.'— Die Massen, die von den Schützengräben heimlehren, werden getragen sein von cincin starken Selbstbewußtsein, sie werde» erfüllt sein von dem festen Willen, daß der Staat, für den sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, nicht die Verwaltungs- Maschine einer kleinen bevorrechteten Klasse sein darf.(Sehr wahrl) Die» neue Schützengrabengeschlecht, das dem Tode gemeinsam ins Auge geschaut hat, der keine Klassen und Ausnahmen kannte, läßt sein politische« Recht nicht wieder in die Drahtverhaue des DreiklaffenwahlrechtS bannen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Dies neue Geschlecht verlangt Freiheit mio staatsbürgerliche Gleichberechtigung, und es wird, wenn es sei» muß, sie zu erkämpfen wissen. Deshalb muß die Friedensstunde die Stunde der bürgerlichen Gleichberechtigung sein.(Lebhasler Bei- fall bei den Sozialdemokraten.) Hierauf wird die Weiterberatung auf Donnerstag 1 Uhr vertagt. Schluß ö'/« Uhr._ Marinefragen unS Justiz vor der Budgetkommission des Reichstags. In der Sitzung am Mittwoch ging zunächst Abg. N 0 s k e (Soz.) noch einmal auf die Lohnverhältnisse auf den Werften«in. Die ganze Lohnerhöhung ist zurückzuführen auf«ine Verlängerung der Arbeitszeit. Das Drängen nach vermehrtem Schiffsbau, in dem sich jetzt die bürgerlichen Parteien gefallen, erscheint recht über- flüssig. Daß die Unterseeboote leisten, was geleistet werden kann, darf als sicher vorausgesetzt werden. In den Stroit um Tirpitz einzugreifen, besteht für Sozialdemokraten kein Anlaß; es muß aber anerkannt werden, daß mit ihm ein organisatorisches Talent aus dem Dienste geschieden ist. Mit dem Versuch, ihn zu politischen Zwecken zu benutzen, dürfte man ihm kaum einen Gefallen getan haben. Hätte Tirpitz vor sechs Jahren da» verlangt, was ihm heut« als Unterlassung angekreidet wird, dann hätten vermutlich die Konservativen ihm wieder.uferlos« Flottenpolitik' vorgeworfen. Staatssekretär v. Capelle versichert, daß die Löhne auf den Werften geregelt werden sollen. Abg. Dr. Cohn(Soz. Avb.) warnt davor, den Wünschen nach rücksichtsloser Kriegführung nachzugehen. Trotz des Kriege» dürfe die Menschlichkeit nicht ausgeschaltet werden. Um den Krieg zu beenden, möge man den Wog der Verständigung wählen. An diese Auslassungen knüpft sich eine kurze Debatte, an der sich insbesondere die Zentrumsabgeordneten Giesberts und Erz- berger beteiligen. Damit war der Etat des Reichs marine amt» erledigt. Beim Etat des Reichs- Militärgerichts bemängel- ten die Genossen Noske und Stückle» die völlig unzureichende Statistik, die dem Reichstag über die Tätigkeit des ReichS-Militär- gerichts vorgelegt worden ist. Etat bcS RcichS-JustizamtS. Redner aller Parteien führten lebhafte Klagen über die Schä- den, die durch die Verordnungen des Bundesrats den Rechts- anwälten zugefügt worden sind. Der Zustand wurde als direkt entwürdigend bezeichnet, daß dem Gerichtsschroiber die Entschei- dung darüber zusteht, ob in bestimmten Prozessen der Beistand eines Anwalts nötig war. DaS müsse zu einer Ueberhebung des GerichtSschreiberS führen.— Abg. Heine(Soz.) übte besonders scharfe Kritik an den Folgen der Bundesratsverordnungen. Die Richter ermahnen die Parteien bei Privatklagen, aus die Klage zu verzichten; die Behörden dagegen stellen ruhig weiter Strasanträge. So hat daS Oberkommando in den Marken gegen einen Händler Strafantrag gestellt, weil er eine abfällige Aeußerung über eine Maßnahme des Oberkommandos gemacht hat. Das Schöffen- gericht erkannte aus vier Monate Gefängnis, welche Strafe in der BerufmiDZinskanz auf 150 M> Geldstrafe sterabgcscht wurde. Tringcud erfarderlich ist, daß die zum Heercodienst einizezogenen immobilen Mannschaften den mobilen gleichgestellt werden.— Siaatosekretär L i s c 0 antwortete in längeren Ausführungen, aus denen die Feststellung bemerkenswert ist, daß die Kriminalität der Jugendlichen erheblich zugenommen habe. Eine Statistik darüber könne jetzt nicht borgelegt werden. Rechtlich ist es zulässig, daß Strafen, die im Ctrafregister bereits gelöscht, aber nock nicht verbüßt sind, noch nachträglich verbüßt werden müssen. Der Staats- sekretär erklärt schließlich, daß mit Beendigung des Krieges die für die Kriegszeit erlassenen Verordnungen je nach dem Bedürfnis auf- gehoben werden sollen. Vertreter aller Parteien beantragen, den Reichskanzler zu er- suchen, die Verordnung des Bundesrats zur Entlastung der Ge- richte bom 0. September 1915 aufzuheben.— Staatssekretär Li s co äußert eine Reihe Bedenken gegen diesen Antrag und er- sucht, die Abstimmung zu Verlagen. Die Beratungen'werden hierauf vertagt und am Donnerstag fortgesetzt._ politische Uebersicht. Eine Bismarck-Gcdenkrede. Der Neichstagsabgeordnete Oertel hielt bei der Gedenkfeier in Friedrichsruh eine Rede, in der er nach der.Tägl. Rund- schau" u. a. sagttl „Hütte nun Bismarck den heutigen Krieg vermeiden können? Und welches wären seine Kriegsziele gewesen? Seine„Gedanken und Erinnerungen" geben Auskunft.— Nun, gerechnet hat Bis- marck immer mit dem kommend-n Kriege. Er wußte, daß wir das Erbe von 70/71'würden berteid gen müssen. Sobald er den Schritt Gottes in der Geschichte vernommen hätte, hätte er den Krieg geführt. Aber eine folcheVereinigungvon Feinden in aller Welt hätte wohl Bismarck z u verhindern gewußt. Er hätte verstanden, die Reibungsflächen unter den anderen Völkern nicht zu vermindern, sondern zu vergrößern. Er beurteilte meisterhaft die Zeit aus sich heraus. Er hat unS mehrfach als„gesättigt" bezeichnet. Aber wenn das Msherige nicht mehr reicht, uns zu sichern und zu schützen, dann weg mit der SattheitI(Lebhafter Beifall.) Der Baum des Deutschtums soll fest in der Heimat wurzeln, aber seine Zweige über Land und Meer erstrecken. Und die Kricgszicle würde Bismarck gewiß im Westen und im Osten suchen; so weit, wie es unsere Sicherheit verlangt.(Lebhafter Beifall.) Mit r ü ck s i ch t s- loser Kraft würde Bismarck diesen ausgezwungenen Krieg führen. Was er tun würbe, das sage ich nicht, das können Sie sich denken. Oder denken Sie vielleicht, er hätte es bei den alten Grenzen gelassen.(Heiterkeit.) Und er hätte die öffent- liebe Erörterung guter K r i e g s z i el e zugelassen, ja gefördert! Wir wären unserer Kinder nicht wert, wenn wir jetzt nicht wüßten, was zu ihrer Sicherung dient!(Lebhafter Bei- fall.) Möge der Tag bald kommen, wo wir diesen Willen deut- lichcr aussprechen dürfen. Möge der Frieden bald kommen— aber der, den All-Deutschland will und braucht.(ch Tas neue Verzeichnis der Reichstalzsmitglieder weist zwei neue Fraktionen aus: die„Deutsche Fraktion" mit 27 und die„Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft" mit 18 Mitgliedern. Die stärkste Fraktion des Reichstages ist heute das Zentrum mit 91 Mitgliedern; ihm folgt die Fraktion der Sozialdemokraten mit 89 Mitgliedern; die nationallibcrale Fraktion und die Fraktion der Fortschrittlichen Volkspsrtei sind gleich stark mit 45 Mitgliedern, bte unter je ein Hospitant. An 5. Stelle stehen die Dentsch-Konser- Dativen mit 44 Mitgliedern, darunter 4 Hospitanten; ihnen folgen die Deutsche Fraktion mit 27 Mitgliedern, die Polen und die Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft mit je 18 Mitgliedern. An diese Fraktionen schließen sich die Mitglieder, die keiner Fraktion angehören, darunter sechs Abgeordnete der Elsatz-Lothringischen Zen- trumspartei und zwei Lothringer; dazu 9 Wilde. Aus dem sächsischen Landtage. Tie Zweite Kammer verhandelte in allgemeiner Vorberatung über die Vorlage der Regierung, die auf eine V e r st a a t l i ch u n g der Elektrizitätswerke hinausgeht. Ter Finanzminister und der Minister des Innern nahmen zunächst das Wort, um die Vorlage noch näher zu begründen, über die in der Presse ein lebhafter Meinungsaustausch entstanden ist. In den letzten Tagen soll auch der Verband der Gemeinde-Elektrizitätswerke noch eine sehr ausführliche Petition an den Landtag gebracht haben, in der starke Bedenken vom gemeindefiskalischen Standpunkt gegen die Absichten der Regierung erhoben werden. Diese Bedenken suchten die Minister zu zerstreuen. Die Redner der Fraktionen beschränkten sich in der Hauptsach« auf allgemeine Ausführungen. Ein völlig ablehnender Standpunkt wurde von keiner Seite eingenommen. Die Vorlage wurde einer besonderen Kommission von 22 Mit- gliedern übeNvicsen, die während der Vertagung des Landtags die Vorlage durchberaten soll. Dort wird der Schwerpunkt der Beratungen und damit das Schicksal der Vorlage liegen.— Am nächsten Freitag soll der Landtag bis zum nächsten Herbst vertagt werden. Die Vorlage wird aber in einer besonderen kurzen Tagung erledigt werden, die für Anfang Juni in Aussicht ge- uommen ist. »» » In der Zweiten Kammer interpellierte am Mittwoch die kon- servatibe Fraktion die Regierung, was sie zu tun gedenke, um der in den Auslassungen der„Nordd. A l l g e m. Ztg." zutage getretenen Auffassung des Reichskanzlers gegenüber, daß nur der Reichstag berechtigt sei, Fragen der auswärtigen Politik vor sein Forum zu ziehen, die Rechte des Bundesrates und der Einzel� landtage zu wahren. Die Regierung hatte vorher den Saal ver- lassen und dem Präsidenten mitgeteilt, daß sie die Beantwortung der Eingabe a b l e h n«. Diese wurde trotzdem besprochen, und wenn sich auch alle Redner aus den Rechtsstandpunkt stellten, daß die Einzellandtage zweifellos auswärtige Fragen erörtern könnten. so bezeichneten sie doch die konservative Eingabe als unzweckmäßig und als eine aus rein politischen Gründen eingebrachte Anfragt— Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde dann noch ein sozial» demokratischer Antrag auf Wiederherstellung der Preß z, Vereins- und Versammlungsfreiheit abgelehgZ und eine Eingabe des Landesverbandes der sächsischen Presse ivej**» Zensur der Regierung in dem Sinne zur Erwägung über! daß sie in allen politischen und wirtschaftpolitischen Frag�, eine gleichmäßige und weitherzige Handhabung hinwirkt und da� die Zensur nur insofern ausgeübt werde, als dies die siegreiche Durchführung des Krieges unbedingt erfordere. Endlich tpurdeu noch verschiedene Anträge angenommen, durch die die R_ aufgefordert wurde, im Bundesrat zugunsten der KriegSveii zu wirken._ Die Reichsfleischstelle und die Fleischverbrauchs« regelung. Ucber die Aufgaben der neuen Reichsfleischstelle erfährt der „Verl. Lokäl-Anzeiger" von bestunterrichteter Seite, daß diese Stelle nur versuchen solle, eine sachgemäße Verteilung des Schlachtviehs durchzuführen, und zwar aus Grund des bisherigen Fleischverbrauchs der betreffenden Gegend. Es werde sich immer darum handeln, zwei Fragen zu beantworten: Erstens, wieviel Vieh darf in der Gemeinde geschsachsei INiiSdn? Zwestens, woher nehmen wir das JBieh, das hiernach auf die Gemeinde entfällt? Erst wenn in diesen beiden Punkten Klarheit besteht, können die Gemeinden daran denken, Fleisch- karten einzuführen. Darüber, wie sie hierbei vorgehen werden, könne man in diesem Augenblick noch nichts Sicheres sagen. Die Arbeit bst Fleifchverbrauchsregelung verzweigt sich von der Reichsfleischzentralc aus durch die Bundesstaaten. Soweit es sich um Preußen handelt, werde die genannte Stelle mit den Kommunalver« bänden unmittelbar verkehren. Daß der Fleischverbrauch unter den obwaltenden Umständen ein erheblich geringerer sein müsse als in Friedenszeiten, bedürfe nicht der Darlegung. Die hierüber von der Reichsfleischstelle zu treffende Bestimmung werde nicht sehr fühlbar sein, da firfi in den zwanzig Kriegsmonaten bereits eine bedeutende Herabsetzung des Fleischver-, brauchs ergeben bat. Was die Sicherung des nötigen Viehbcdarfs anlangt, so sei auch hier der grundlegende Unterschied gegenüber der Rcichsgetreidestelle nicht zu übersehen. Das Vieh müsse dezentralisiert bleiben. Es seien darunl in den Provinzen Viehhandelsverbände gebildet worden, die auf dem Gedanken beruhen, daß man die große Aufgabe, die Be- völkerung des Reichs mit Fleisch zu versorgen, unter tätiger Mitwir- kung des Sandels erfüllen und seine vielfachen Verbindungen be- nutzen will. Der Viehhändler werde dadurch, wirtschaftlich betrachtet, zum Kommissionär— ein Verfahren, zu dessen Anwendung sich die freien Vereine der Viehhändler vielfach bereiterklärt haben. Die Absicht der maßgebenden Kreise ging dahin, den Viehandel bor dem Schicksal des Getreidehandels zu'bewahren. Hoffentlich versage er nicht! Und im übrigen habe die Regierung nötigenfalls Mittel und Wege, um einzugreifen. Ter wilden Preisentwickelung, die sich vor einigen Wochen zeigte, sei mit Erfolg dadurch Einhalt geboten worden, daß"die Händler an bestimmte Verkaufspreise gebunden wurden. Daß die Marktbeschickung darunter etwas litt, war vorauszusehen und mußte ertragen werden. Hoffentlich werde es gelingen, die nötigen Fleischmengen zn einigermaßen ausreichender Befriedigung des Bedarfs zu beschaffen. Daß die Regelung nicht allen Wünschen entsprechen könne, sei selbst- verständlich. Es mußte schnell gehandelt werden, und die Schwierig- keiten seien groß. Einstweilen seien alle Gerüchte und Angaben über Fleischkarten und über bestimmte Fleischmengen verfrüht, da es sich für den Augenblick nur um vorbereitende Maßnahmen handelt, und erst nach dem 15. d. M. irgendwelche genaue Bestimmungen getroffen werden können,__ Die Fleischkarte iu Sachsen. Die Verordnung über die Einführung der Fleischkarte im König- reich Sachsen ist im Ministerium des Innern fertiggestellt. Danach sollen auf den Kopf der Bevölkerung an den nicht-sleischlosen Tagen 159 Gramm entfallen, also 759 Gramm wöchentlich. Indessen er- hält diese Fleischmenge nur derjenige, der auch Knochendeilagc mit in Kauf nimmt. Wer für sich reines, knochenfreies Fleisch verlangt. wird voraussichtlich nur 75— 89 Gramm beanspruchen dürfen. Wurst soll nach dem gleichen Maße wie kuochenfreies Fleisch gemessen werden. Tic Flcischvcrsorgung in Bayern. München, 5. April.(W. T. B.) Durch heute veröffentlichte Anordnungen des Ministeriums des Innern wirb die Fleijchvcrsor- gmig für Bayern einheitlich geregelt. Auf Grund dieser Äerord- nungcu setzt die bayerische Fleischversorgungsstelle nach Matzgabe der zur Verfügung stehenden Mengen von Schlachtvieh mit Ge- nchmigung des Ministeriums des Innern fest, welche Höchstmenge von Fleisch für einen Zeitraum van acht Wochen-ruf den Kopf der Bevölkerung verbraucht werden darf. Kinder unter sechs Jahren werden mir mit der Hälfte der Menge berücksichtigt. Zur lieber- wachung des Fleischverbrauches werden durch die Kommunalver- bände Fleischkarten ausgegeben, deren Geltung sich auf das ganz« Königreich erstreckt. Die neuen Vorschriften treten am 26. April in Kraft. d -Ol �VUW 9T:'' Unel kaufen/' Skraßenkltid an« gutem Stoff in grün, braun, weinrot und blau. Mit Seidenrips- Kragen und hübsch veiWrtem Gurt. Auf Seide nur... M. 32i# Iackeakletb au« bauer» hosten grauknrtertem Wollstoff. Sportmäßig lisch- Verarbeitung, mit sehrschönen Verzierungen Ans Selbe nur... M. 4S«« Sehr elegantes Ja ckeuNelb au« gutem blaue» Kamm- garn. Sefonäer« weiter Schnitt, u. durch eng anliegen- den Gurt jugendlich wirken». An, Seide nur.... Di. S4°» V. Ii AS Köichflr. 33 Sonn Wouffeefi W mtojfem *. m AVSSNv Stck. Ä,12pk. Salzherinoe j fiota ßrutze geSrbt Paket 15 Pf. Kunsthonig 45« Pfund A.Dandorf&ß Belle-AIüdncs-Strasse Gr. Frankfurter Strasse Brunnen-Strasse Kottbuser Damm VIImersMr Strasse 1 Hutblumen VergissmefMichMuff ä 38� Naturkirschen-Tuff 38? Vergissmefnnkht-Tuff-- Samt, i4 stielig, pastollfarbig.................. dd' Verkauf nicht an Wiederverkäufer 1.43,1.60 Gr. Kochäpfel...naud Zß Essäpfe!........... 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Ifilnp des„Amlick" KM» WM». Donnerstag. 6. AptÜ 1916. Mus der Partei. Stellungnahme zur Fraktionsspaltung. Ter erweiterte Vorstand des Bezirks Nordwest, der den Bremer und 4. hannoverschen Reichstagswavlkreis umfaßt, hielt in Bremen eine Sitzung ad, die sich mit der Fraktionsspaltung bc- schäftigte. Es gelangte nachfolgende Resolution mit fünf gegen drei Stimmen zur Annahme: „Ter erweiterte Vorstand des Bezirks Nordtvest bedauert die Bildung der sogenannten„Sozialdemokratischen Arbeitsgemcin- schast" aufs tiefste. Er erblickt in dem Vorgeben der 18 sozial- deiuokraiischcn Rcichstagsabgeordnetcn eine Handlung, die geeignet ist, die Einheit der Organisation zu gefährden. Im Interesse der deutschen Arbeiterschaft liegt es. daß jede Spaltung der sozial- demokratischen Partei vermieden werden muß, weil sonst die Schlag- kraft der Partei gegen die Gegner des Proletariats an Macht verliert. Nach den Beschlüssen der Parteitage, der bisher von Erfolg gekrönten Taktik und Geschlossenheit der Partei, galt die Tisziplin als das vöcbste Gesetz. Bon den 18 der„Sozialdemokratischen Ar- bcitSgemeinschafi" angehörenden Abgeordneten wurde dieses Gesetz auf das schnödeste verletzt. Als ein Akt der Tücke muß das Vor- gehen des Genossen Haast: am 24. März angesehen werden, weil er in der Fraktionssitzung hiervon keine Mitteilung gemacht bat und dies Borgehen in einer späteren Sitzung der Fraktion durch eine Erklärung des Genossen Stolle als eine geheime Abmachung der 18 Genossen festgestellt wurde. Durch die Erklärungen der der„Sozialdemokratischen Arbeits- gemeinfchaft" nahestehenden Presse gilt als feststehend, daß die Absplitterung von der Fraktion als das Resultat vorher abgehal- teuer Konferenzen anzusehen ist. Offen wird zugegeben, daß be- sondere Konferenzen stattgefunden haben; ja, daß sogar eine be- sondere Organisation ins Leben gerufen worden ist. Nach dem Organisationsstatut der Partei sind Sonderorganisationen nicht Ku lässig. Mitglieder der Partei, die sich an Sonderorganisationen beteiligen, stellen sich außerhalb der Partei. Angesichts dieser Lage fordert der Bezirksvorstand die Kreis- vorstände des Bezirks auf, eine Zugehörigkeit von Parteimitglie- dern zu Sonderorganisationen nicht zu dulden und gemätzt des O rganisationsstatnts zu handeln, da sonst die Geschlossenheit der Organisation untergraben wird. Der Bezirksvorstand stimmt den Beschlüssen des Partesaus- scknisses zu und erwartet, daß die Parteigenossen gemäß des Aufrufs d:s Parteivorstandes handeln." Tie Minorität der sozialdemokratische« Reichstagsfraktion. Es haben sich noch einige Genossen gemeldet, welche erklären, daß sie aus den Boden der Erklärung Albrecht, Antrick, Simon stehen. Im nachstehenden geben wir nochmals die Namen samt- I,cher in Frage kommender Genossen bekannt: Albrecht. Antrick. Bandert, Brandes, Emmcl, Erdmann, Edmund Fischer, Fuchs, Hoch, Hofrichtcr, Hügel, Hüttmann, Jaeckel, Leutcrt, Peirotes, Raute, Rcißbaus, Ryssel, Schmidt-Meißc», Simon. Gegen die neuen Stenern. DaS Pressebureau teilt mit: Die Chemnitzer Bevölkerung nahm in einer gut besuchlen öffentlichen Versammlung, für die keinerlei Beschränkungen seitens der Polizei bestanden, Stellung zu den neuen Steuervorlagen. Nach einem Referat des ReichStagSabg. Heinrich Schulz-Berlin setzte eine lebhafte Diskusston ein. die in die Fraklionsspaltung in vernrteilendem Sinne hinein- spielte.. Es wurde eine Resolution angenommen, in der zum AuS- druck kommt, daß die Vorlage für die arbeitende Bevölkerung im» annehmbar ist. Gefordert wird dagegen kräftige AuSgesralrung der Kriegsgewinnsteuer sowie der ErbschaftS- und Vermögenssteuer; indirekte Steuern sind abzulehnen. Mus Groß-öerlin. Eine kurze Freude. Ilm die Nahrungsmittclgewinnung zu steigern, wird schon seit dem vorigen Jahr möglichst alles unausgcnntzt daliegende Land zum Gemüse- und K a r t o f f e l b a u herangezogen. In dep Umgebung Berlins ist der Kriegsausschutz der Groß- Berliner Laubenkolonien bemüht, sich das Recht der Beinitziurg solchen"airdcs zu verschaffen. Er gibt das Land dann in kleinen Stücken an Leute aus, die Lust haben, darauf Gemüse oder Kartoffeln für ihren Bedarf zu bauen. Für minderbemittelte Familien ist das eine erwünschte Hilfe, und man hat sich daher nicht in der Erwartung getäuscht, daß die Nachfrage nach diesen Landstücken rege sein würde. Der Ausschuß hat oft allerlei Sckuvicrigkciten zu überwinden, ins es ihm gelingt, die Eigentümer unbenutzten Landes für seine Sache zu gewinnen, sich von ihnen das Benutzungsrecht übertragen zu lassen oder nötigenfalls es sich zu erzwingen. Bei der Eile, mit der da manchmal borgegangen und zugegriffen werden muß, läßt sichs verstehen, daß auch Versehen unter- laufen können. Durch ein solches wurde in Mahls darf, wo der Ausschuß eine Landfläche auszuteilen begonnen hatte, einigen Familien eine bittere Enttäuschung bereitet. Sie hatten sich ge- meldet auf eine Zeitungsnachricht hin, daß beim Kriegsausschuß der Groß-Berliner Laubenkolonien noch Land zu haben sei, und wurden in Mahlsdorf an einen dort ansässigen Hofrat gewiesen, der für den Ausschuß tätig ist. Aus den Verhandlungen mit ihm gewannen sie die Ueberzeugung, daß sie da draußen auf dem ihnen unentgeltlich überlassenien Land den ganzen Sommer hindurch in Ruhe ihr bißchen Gemüse würden bauen können. Hoffnungsvoll gingen sie an die Vorbereitungen, schafften Geräte an, gruben den Boden um, kauften Sämerclen— da trat plötzlich eine Wen» düng ein, die ihnen mit einem Schlage die ganze Freude ver- nichtete. Am vorigen Sonntag erschien auf dem Land ein Herr, der ihrer Tätigleit in sehr entschiedenem Ton sofortigen Einhalt gebot. Ten erstaunten Leuten erklärte er, sie. müßten das Gelände verlassen, weil es inzwischen an einen anderen Eigentümer übergegangen sei. Es soll bis dahin einer Terrcringesellschaft gehört haben, bei der wohl das Geld knapp geworden war, so daß ein Verkauf nötig wurde. Der neue Eigentümer hatte sogleich selbständig über das Land ver- fügt, das nun anderen Personen zur Benutzung für Zwecke des ©arten- und Ackerbaues zugewiesen wurde. Den überraschten Ansiedlern half es nichts, daß sie gegen diese Mitteilung«in- wendeten, das Benutzungsrecht sei doch dem Kriegsausschuß der Groß-Berliner Laubenkolonien überlassen worden. Der Herr, j der die Räumung des Feldes forderte, schritt unverzüglich zur, Besitzergreifung. Noch ehe die Leute ihre werdende Ansiedlung verlassen hatten, mußten sie sehen, wie bereits ein Pflug heran-. geschafft wurde. Als dann die Durchpflügung des Ackers beginnen sollte, konnten sie keinen Zweifel mehr haben, daß es hier, mit ihrer Kolonistenherrlichkeit vorbei war. Bedauerlich ist, daß den Leuten, nachdem sie Mühe und auch Geld aufgewendet hatten, diese Enttäuschung widerfahren mußte. Hätte der Ausschuß nicht alle Vorsorge zu treffen gehabt, daß die Verjaguna von dem Land, das er ihnen zugewicsen hatte, ihnen erspart blieb? Anscheinend hat er sich nicht genügend vergewissert. ob die Benutzung seinen Ansiedlern für den ganzen Sommer ge- sichert war.... Eine Frauenleiche im Reisekorb. In der Gepäckabfertigung des Personenbahnhofes in Stettin wurde Dienstagabend in einem von Berlin als Reisegepäck dort an- gekommenen Reisekorbe die Leiche eines etwa 18 Jahre alten Mädchens entdeckt. Es scheint ein Lustmord vor- zuliegen. Zu dieser Angelegenheit wird noch miigeleilt: Der Neisekorb ist am 16. März, 9 Uhr 89 Minuten, mit dem D-Zug in Stettin angekommen. Er muß also in der sechsten Stunde von Berlin ab- gegangen sein. Der Korb, der zwei kleine schwarze Schlösser trägt, und geöffnet wurde, weil er nicht abgeholt worden war, barg ein schauerliches Geheimnis. Als man in Gegenwart des Kriminal- tommissars Gennat, den der Chef der hiesigen Kriminalpolizei, Ober-Regierungsrat Hoppe, sofort nach Stettin entsandte, den Deckel aufhob, sah man zunächst eine rot und weiß gemusterte Steppdecke ausgebreitet. Tarunter kam eine rote 1,20 Meter große Tischdecke mit goldgelben Arabesken und in allen Ecken mit drei grünen Blattverzierungen zum Vorschein. Sie war um den Kopf der Leiche gewickelt, und zwar mit einer starken, neuen, 7 Meter langen Sisal-Hanfschnur, die 6 Fäden stark ist und einen Durch- messer von 8 Millimeter hat. Die Kleidung war der Toten unter dieser Tischdecke um den Kopf gewickelt. Sie besteht aus einem gewöhnlichen Leinenhemd, das anscheinend ziemlich lange getragen ist, einer blauen Reform- hose, einem blauen Rock, dessen Enden mit weiß-schwarzen Sainmt- blenden besetzt ist, die wiederum schwarze Litzen tragen, einer dunkelblauen Alpakabluse, deren Aennel einfache blauschwarze, gelbschwarze und rotschwarze Zwirnstickereien zieren, einem schwarzen Astrachanmantel mit schloarzem Futter, der durch Ver- schnürung geschlossen wird, zwei Paar übereinandergezogenen schwarzen Strümpfen, während Hul und Schuhe feisten. Die Tote trug eine Bro-sche und eine längliche Schnallenagrasfe mit einem unechten gelben Stein in der Mitte. Zur EinWickelung der Leiche nxrren außer der Bett- und Tischdecke Berliner Zeitungen vom 12., 14. und 18. März benutzt worden. Wie die Leichenschau ergab, handelt es sich um eine Person im Anfang der zwanziger Jahre. Sie ist kräftig gebaut, hat einen starken Busen und airscheinend blondes Haar. Kopf und Gesicht waren über und über mit Blut besudelt und weisen hiebartige Ver letzungen auf, die anscheinend von einem Beil herrühren. Der linke Arm und beide Beine waren mit der Leiche durch die starke Hanfschnur zusammengezogen und so war die ganze Leiche wie ein Paket in den Korb hineingepackt worden. Auf die Ermittelung des Mörders wird eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt. Entsprechende Belohnungen erhalten alle die jenigen, die durch zweckmäßige Angaben zur Feststellung der Per sönlichkeit der Toten beitragen, durch Erkennung der KleidungS- stücke, der Schmucksachen usw. Alle diese Sachen wie auch den Korb wird Kriminalkommissar Gennat, sobald heute in Stettin die Obduktion stattgefunden hat, nach Berlin bringen. Alle Mit teilungen sind an Kriminalkommissar Gennat im Zimmer 48 des Polizeipräsidiums zu richten. Die Schnur ist ohne Zweifel eigens zu dem Zweck, die Leiche zusammenzupacken, von dem Mörder an geschafft worden. Eine falsche Zigeunerin, die ei im Schwindeln mit einer echten gut aufnehmen kami, wurde gestern trotz ihres heftigen Einspruchs auf offener Straße festgenommen. Als Spitzenhändlerin Frau Richter aus Schlesien besuchte ieit längerer Zeit eine Frau, die sich trotz ihre? blonden Haares den Anschein einer Zigeunerin gab und alle deren Aeußerlichkeiten nachahmte, in verschiedenen Stadtvierteln auf den Hintertreppen die Dienstmädchen in herrschaftlichen Wohnungen. Sie bot mit guter Berechnung der Zeitverhältnisse jetzt besonders „Spitzen auS Serbien und Bulgarien". Ihr ganzer Handel hatte aber nur den Zweck, sich bei den Mädchen einzuführen. Ihnen „wahr zu sagen", oder sie von„Krankheiten zu heilen", oder auch „den ungetreuen Bräutigam" zurück zu bringen, war die Haupb abficht. Denn hierbei erbeutete sie an Geld, Kleidungsstücken und allen möglichen andern Sachen, die sie„zum Besprechen' mitnahm, viel mehr als der ganze Handel einbringen tonnte. Gestern nach- mittag erkannte eine Betrogene die vermeintliche Zigeunerin in der Leipziger Straße wieder und ließ sie festnehmen. Die Verhaftete sträubte sich unter einem großen Wortschwall hartnäckig, dem Be amten zu folgen. Es half ihr aber alles nichts. Auf dem Polizei- Präsidium wurde sie festgestellt als eine 42 Jahr« alte Frau Wappler auS Lichterfelde, eine Deutsche, die mit einem Zigeuner verheiratet ist. Der Umgang mit ihrem Manne und der Verkehr in seinen Kreisen hatte ihr die Umwandlung in eine Zigeunerin sehr er- leichtert._ Anmeldung von Ausländern. Es wird erneut darauf hingewiesen, daß Angehörige neutraler und verbündeter Staaten beim Wechsel ihres Aufenthaltsorte« sich sowohl bei ihrer Abreise wie bei ihrer Ankunft bei der Polizei- bchörde zu melden haben. Bei Nichtbesolgung dieser Porschrift machen sich nicht nur die betreffenden Ausländer,' sondern auch die- jenigcn, bei denen sie wohnen, strafbar. Es ist ihm recht geschehen k Der 60jährige Arbeiter Wilhelm Gleich aus NowawcS hatte so- Wohl auf der Hin- wie auf der Rückfahrt zwischen Potsdam und Nowawes sich Belästigungen gegen Straßenbahnschaffnerinnen er- laubt und war sogar handgreiflich geworden. Gleich mußte sich nun dieser Tage wegen tätlicher Beleidigung vor dem Schöffengericht ver- antworten. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu einer Woche Gefängnis, um ihn zum Bewußtsein zu bringen, daß die weib« liche Ehre der im Erwerbsleben hilfsweise tätigen Frauen vor den Zudringlichkeiten und Kränkungen geschützt sei, zumal diese Frauen ihre im Felde stehenden Männer vertreten. Die Eisarena im Admiralpalast findet bei Eintritt größerer Wärme erhöhten Zuspruch. Der Berliner Eissportbetrieb bat nur wenige Stätten. Holland und Schweden pflegten längst den Wett- bewerb im Schnellauf auf dem Eise, ehe er zu uns kam. Wien, München und Hamburg hatten prächtige Kunstläuftonturrenzen, ehe man in Berlin daran dachte. Als vor em paar Jahren hier die Eispaläste wie Pilze aus der Erde schössen, schien die Möglich- keit gegeben, daß Berlin sich im Kunstlauf an die Spitze setze. Bankerott und Ernüchterung folgten. Da ist«S zu begrüßen, daß dem Kunsttauf in der Eisarena des AdmiralpalasteS eine Stätte blieb, die nicht nur die Jahre, sondern auch die Jahreszeiten über- dauert. Grazie, Kraft und Geschicklichkeit des menschlichen Körpers feiern in keinem Sport höhere Triumphe als im Kunstlauf auf dem blanken Eise. Freilich muß man sich dabei die Erinnerungen an das Heiratskontor auf der Rousseau-Jnsel im Tiergarten aus dem Gedächtnis schlagen, wo der Eislaus Mittel und nicht Zweck ist. Wer Herrn Fred v. d. Kelen im Sololaufen und Springen über eine lange Reihe von Stühlen, Herrn Paul Krcckow im Kürlaufen und Pironetteiidrehen sah, der wird zugestehen müssen, daß man den höchsten Energieaufwand nicht leicht mit mehr Grazie, wer die kleine Tora, wer Margarete und Gertrud Ehrich, iver Frida Fischer und Erich Koch im Paarlaufen und bei ihren Eistänzen sah, daß man die Grazie der Bewegung nicht mit mehr Schönheit der Form verbinden kaim. Weins aver mehr aufs Schauen als aufs Werten airkommt, für den hat Leo Bartnschek ein Eisballett verfaßt, zu dem Julius Einödshoser die Musik schrieb,„Frau Fantasie" nennt«S sich. Frau Fantasie führt einen ftrngen Maler ins Reich d«: Farben. Das ist der Vorwand für eine gewaltige Ballettentfaltung in prächtigsten Kostümen, für eine Orgie in Farben und Beleuchtungs- esfekten, die ihren Höhepunkt erreicht, wenn am Kopfende des Saales die Hagedornsche Wnnderfontänc wie ein schillernder Geysir von Millionen bunter Eisstcine aus der Erde bricht. Sowohl der sportliche Teil der Darbietungen als das Eis, balctt verdienen in vollem Maße den Beifall, den sie fanden. Neuer Samariterkursus. Die Kolonne Berlin des Arbeiter-Samariterbundes hat die Winterkurse mit der Prüfung der Teilnehmer derselben abgeschlossen. Der prüfende Arzt Herr Dr. Moses konnte allen 30 Prüflingen das Zeugnis ausstellen, nunmehr als vollgültige Mitglieder der Kolonne, insbesondere aber für die Arbeiterschasr und die Allgemeinheit, tätig zu sein, wo sich ihnen Gelegenheit dazu bietet. Obgleich der größte Teil der männlichen Mitglieder der Friedensarbeit entzogen ist, war es der Leitung der Kolonne doch möglich, den Kursus dank der Mit- arbeit des Herrn Dr. Moses durchzuführen. Der Zweck dieser Kurse ist genügend bekannt. Sie sollen allen Arbeitern und Arbeiterinnen Gelegenheit bieten, ihr Wissen auf dem Gebiete der Bekämpfung der Gesundheitsschädigungen und Ver- letzungen zu bereichern. In einer Zeil, wo leider so viele Loben und Gesundheit opfern müssen, haben die Zurückgebliebenen die Pflicht, die Opfer des Schlachtfeldes der Industrie auf das geringste Maß zu beschränken. Krankheiten und Verletzungen zu verhülen ist wichtiger, als sie zu heilen. Ist aber em Unglück passiert, so ist es Pflicht jedes Menschen, helfend einzuspringen, bis weitere ärztliche Hilfe beschafft werden kann. Dieser sozialen Pflicht darf sich niemand entziehen. Der Erkrankte hat ein Recht, diese Nächstenhilfe vom Gesunden zu fordern. Dazu ist aber ein genügendes an Samariterkenntnissen erforderlich, um die leider noch vielfach geübten Quacksalbereien und Vieltuerei zu unterlassen und den Verletzten oder Erkrankten vor weiteren Schädigungen zu be- wahren. Wer beabfichtigt, an den Kursen teilzunehmen, wende sich an den Vorsitzenden Gustav Dietrich, Berlin NW 23, Klopstockstr. 25. Im Obdach des Berliner Asylvcreins nächtigten im Monat März im Männerasyl 7541 Personen, wovon 2700 badeten, im Frauen- asyl 2599 Personen, wovon 627 badeten. Arbeitsnachweis wird er- beten für Männer und Frauen Wiesenstr. 55/89. Ein mutmaßlicher Kindcsmord wurde gestern in der Komman- dantenstraße entdeckt. Auf dem Flur des Hauses 81 fand man um 9 Uhr vormittags die Leiche eines neugeborenen Knaben, die in eine gelbe Papiertüte gepackt war. Die Nachforschungen nach der Mutter wurden sofort eingeleitet. Mus den Gemeinden. Unterricht in der städtische« Säuglingsfürsorge. Auf dem Gebiete des Säuglingsschutzes hat die Stadt Schöne- b erg eine neue Einrichtung getroffen. Von Stadt wegen wird an eine Anzahl von Lehrerinnen der Volks- und Fortbildungsschule von einer Aerztin, welche Spezialistin in der Kinderheilkunde ist, ein regelrechter Unterricht in Säuglingspflege erteilt. Die Lehrerinnen, welche sich hauptsächlich aus den Haushaltungslehrerinnen rekrutieren, sollen später im Anschluß an den HaushaltungSunterricht den Kindern Unterricht in der Säuglingspflege geben. Der Kursus für die Lehre- rinnen zerfällt in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Der theoretische Teil, der auch durch Demonstrationen am lebenden Kinde erläutert wird, findet in der Fortbildungsschule statt. Der praktische Teil wird in der Entbindungsstation des Krankenhauses erteilt werden. Ter Unterricht soll zunächst 14 Stunden in Anspruch nehmen. Er ist lediglich beschränkt auf die Säuglingspflege, und zwar auf die Pflege des gesunden Säugling?. Fürsorgestelle für Geschlechtskranke i« Schöneberg. Die Schöneberger Stadtverordnetenversammlung hat sich in der letzten Sitzung mit der Einrichtung einer Beratungs- und Fürsorge- stelle für Geschlechtskranke einverstanden erklärt. Die Stelle wird unter Beteiligung der LandeSverstcherungSanstalt Brandenburg und der Ortskrankentasse der Stadt Berlin- Schöneberg eingerichtet werden. Sie soll der städtischen Deputation für Wohlfahrts« pflege unterstellt und im Hause Belziger Straße 13 untergebracht werden. Ein erfahrener Spezialist auf dem Gebiete der Geschlechts- kranlheiten wird zunächst drei- bis viermal in der Woche Sprech- stunde in den Abendstunden abhalten. Dem Arzt zur Seite steht eine Fürsorgeschwester, welche die in Betracht kommenden Schöne- berger Verhältnisse kennt. Die Beratungs- und Fürsorgestelle wird sich nicht allein auf die Kriegsteilnehmer beschränken' sondern allge- meiner Natur sein. In der Hauptsache wird ihre Tätigkeit analog der Arbeit der Tuberkulosenfürsorgestelle darin bestehen, die Ge- schlechtskranken zu ermitteln, zu untersuchen und zu belehren und sie zu veranlassen, sich durch ihre Aerzte behandeln zu lassen. In einer sich auf Jahre erstreckenden Kontrolle soll ein etwaiger Rück- fall so früh wie möglich erkannt werden. Man hofft gerade durch diese Arbeit trotz der sehr großen Schwierigkeiten, mit denen natur- gemäß zu rechnen ist. im Laufe der Zeit einen Erfolg erzielen zu können. Selbstverständlich hat die freiwillig« kommunale Arbeit auf diesem Gebiet mit den Maßnahmen der Sittenpolizei nicht da» ge- ringst« zu tim._ 150 Proz. Gemeinde-Einkommensteuer in Tempekhof. Der letzten Gemeindevertretersitzung war der Haushaltsplan für 1916 vorgelegt. Daraus geht hervor, daß die Allgemeine Verwaltung einen Zuschuß erfordert von 214 000 M., Volks- und Fortbildungsschulen von 374 400 M., Höhere Schulen von 240 000 M., Armenverwalttmg 67 000 M., Grundstücksverwaltung 60 000 M., Straßenunterhaltung und Straßenbeleuchtung 108 000 M., Straßenreinigung 71 700 M., Gärtnerei 44 000 M., Feuerlöschwesen 18 700 M. und Gemeinnützige und wohltätige Einrichtungen von 17 700 M. Die Sleuerverwaltung bringt einen Neberschuß von 1203 600 M., die Kreissteuer ist von Proz. auf 71>/z Proz., also von 255 800 M. ji. V.s auf 875 650 M. erhöht worden. Durch diese Mehrbelastung war eine Erhöhung deS Steuersatze» von 116 Proz. auf 150 Proz. notwendig. Borschläge aus Erhöhung der Gewerbesteuer<1. u. II. Kl.), der Hundesteuer. Felialsteuer und der Grundwertsteucr waren bereit» in der Kommission abgelehnt. Unser Redner, Genosse Burgemeister bedauerte die Ab- lehnung der Gewerbesteuer und der Grundwertsteuer. Er bat, die hierzu gemachten Vorschläge im mächsten Jahre zu berücksichtigen. Weilerhin stellte er den Antrag, die Mieiebeihilfcn anderweit zu regeln. Die Regelung der Mieleunlerslützung soll demnächst ver« handelt werden: ebenso soll über den von der Gemeinde ein« gerichteten Arbettsnachiveis näher berichtet werden; unsere Genossen beabsichtigen, � Anträge auf Ausbau desselben zu stellen. Der von unseren Genossen gestellte Antrag, die Steuern von den Steuer» Pflichtigen mit einem Einkommen von unter 900 M. nicht zu er- heben, wurde zurückgenommen. Es handelt sich durchweg um Steuerzahler, die in anderen Orten wohnen und dort höhere Ein- kommen haben.— Auf Antrag des Genossen Müller wurde ein- stimmig beschlossen, den Schulkindern ein warmes Frühstück zu ver- abreichen.— Weilers Anträge wurden gestellt zur Umsatzsteuer und zur Beschaffung von zweitstelligen Hypotheken, über die demnächst Vorlagen unterbreitet werden sollen. Ter Etat wurde einstimmig angenommen. DaS neue Kinderheim iu Wilmersdorf, eine Erweiterung der zu klein gewordenen früheren Kinderherberge, ist dieser Tage eröffnet worden. Das von einer Schwester geleitete Heim ist in einer Billa des Joackimihalschen Parkgeländes untergebracht und dient der Armen- und Waisenverwaltung zur vorübergehenden Unter bringung von Kinder» im Alter von 1—14 Jahren. Soziales. Für Zwillinge ist doppeltes Stillgeld zu zahlen. Unmittelbar nach Einsührung der Kriegswochenhilfe tauchie er- neut die Frage auf, ob einer Mutter von Zwillingen doppeltes Stillgeld zu gewähren ist. Wir teilten damals die Entscheidung eines Versicherungsamts mit, das diese Frage unserer Ansicht nach durchaus zu Recht bejaht hatte. Jetzt hat auch das Reichsversicherungsaint in gleichem Sinne entschieden. In der SäuglingZfürsorge sei, so heitzt es in der zutreffenden Begründung, die zweckmäßige und aus- reichende Ernährung von besonderer Bedeutung. Das Still- geld soll die Mutter in den Stand setzen, den Säugling selbst zu stillen, da die Muttermilch die beste Nahrung für den Säug- ling sei. Bei Mehrlingsgeburten wird eine besonders reichhaltige und zweckentsprechende Ernährung der Mutter erforderlich sein. Oft wird auch die Ergänzung durch andere gute Säuglingsnahrung nötig sein. Es entspreche dem Wesen und Zweck der Be- stimmung, daß auf jeden Säugling ein volles Still- geld entfalle. Das gleiche gelte auch für die Kriegswochenhilfe. Große Verantwortung, aber kleines Gehalt. Ein arges Mißverhältnis zwischen der aufgebürdeten Verantwortung und dem bewilligten Gehalt Eurde in einem in der letzten Sitzung der ö. Kammer des Berliner Kauf- mannsgerichts verhandelten Falle festgestellt. Die Klägerin in dem betreffenden Prozesse, Frl. Hedwig M., war von der beklagten Gesellschaft»Der Schuhhof" als Kassiererin mit einem Monatsgehalt von 80 M. engagiert worden und sollte nicht nur für alle durch ihre Hände gehenden Geldbeträge einstehen, sondern auch noch die Kassenzettel der Verkäuferinnen auf etwaige Fehler hin nachprüfen. Für Fehler der Berkäufe- rinnen, die ihr etwa im Drange der Geschäfte entgingen, sollte sie die Verantwortung übernehmen. Welche Verantwortung hierbei auf der Kassiererin lastete, geht daraus hervor, daß ein monat- licher Kassenumsatz von 15 000 bis 20 000 M. zu bewältigen war. Einmal wurden der Klägerin, während sie die Kaffe auf wenige Minuten verließ, nm die Toilette zu benutzen, zehn Mark aus dem Kassenbehälter entwendet. Diesen Betrag mußte sie ersetzen. Die auf der Kassiererin lastende Verantwortung übte schließlich einen derartigen seelischen Druck auf die Angestellte aus, daß sich eine schwere Neurose bei ihr einstellte. Wie die Schwester der Klägerin bekundete, habe diese tn einer immerwährenden Furcht gelebt, sie könne im Geschäftstrubel mal einen Fehler einer Verkäuferin übersehen und werde dann zur Verantwortung gezogen werden. Gegen die Eventualität einer Erkrankung glaubte sich die Beklagte durch die dem Anstellunysvertrag einverleibte Klausel gesichert, nach welchem Gehalt für Fehltage nicht gezahlt wird, ganz gleich aus welchem Grunde der Angestellte fehlt. Das Kaufmanns�ericht hielt die letztere Ver- tragsbestimmung für ungültig und verurteilte die beklagte Gesellschaft zur Zahlung der geforderten öö M. Gehalt. Nicht nur die Angestellten-, sondern auch die Prinzipalsbeifiber bezeichneten das Verhalten der Firma der Klägerin gegenüber als sehr rigoros und höchst unsozial. Die der Klägerin au Geladene Verantwortung stehe in krassem Mißverhältnis zur Entlohnung. der Gesetzgebung durchzuführen, und die Kommisfio» empfehle daher die Ueberweisung der Petition an die Regierung zur Erwägung, ohne zu der Sache selbst Stellung zu nehmen. Das HauS beschloß demgemäß. Auch in Frankreich interesfiert man sich für diese Art Er- sparung von Beleuchtungsmaterial lebhaft. Aus Paris wird ge- meldet: Die Kommission der französischen Deputiertenkammer hat den Vorschlag, die Uhr für die Dauer des Krieges um eine Stunde vorzustellen, angenommen. Diese Maßnahme läuft in der Praxis darauf hinaus, daß die Menschen während der Sommerszeit morgens eine Stunde früher aufstehen und früher mit der Arbeit beginnen, abends dafür eine Stunde früher mit der Arbeit aufhören und früher schlafen geben. Dasselbe trifft zu auf die Eröffnung und Schließung der Geschäfte, Schulen, Theater, Restaurants usw. Es würde also überall abends eine Stunde weniger Licht verbraucht werden, was allerdings eine bedeutende Ersparnis bedeutete. Gerichtszeitung. Berechtigt ein Mahnschreiben an einen JoarnaNstenderei« zu einer Beleidigung? Das Landgericht II hatte den Journalisten Gchweder wegen Beleidigung eines Malermeisters verurteilt, indem es von folgendem Talbestand ausging: Schweder hatte den Privat- kläger mit Malerarbeiten an der vom Angeklagten in Berlin-Süd« ende gemieteten Villa beauftragt. Die Bezahlung sollte im Mai 1915 erfolgen. Dazu kam eS aber nicht. Der Malermeister konnte nach verickiedenen Briefen den größeren Betrag in vier Raten erlangen. Es blieben dann noch etwa 200 M. Nachdem er sich vergeblich um Erlangung dieses Restes bemüht hatte, schrieb er an den Borsitzenden des Vereins Berliner Journalisten, dieser möge dafür sorgen, daß Schweder endlich die 200 M. bezahle. Von dem Briefe erhielt Schw. Kenntnis und schrieb an den Meister einen Brief, in welchem er der Auffassung Ausdruck gab, daß dieser ihn mit jenem Briefe an den Vereinsvorsitzenden beleidigt habe. Dann bemerkt er umer anderem: in sofortiger Erwiderung der Beleidigung erkläre er den Maler- meister für einen unverschämten Lügner und Betrüger. Darauf er- hob dieser die Beleidigungsklage gegen Schw. Das Landgericht führte in der Begründung der Verurteilung des Angeklagten aus: Es stehe fest, daß Schw. auf eine Zivilklage B.'s zur Zahlung der 200 M. verurteilt sei. Damit sei als erwiesen anzu- sehen, daß dem Privatkläger tatsächlich die Summe zugestanden habe. Zweifellos sei der Brief Schw.'s beleidigend. Nun nehme Angeklagter den Schutz des§ 193 lWahrnehmung berechtigter Interessen) für sich in Anspruch. Darauf sei zu sagen: An sich sei es ja das gute Recht des Angeklagten, sich gegen Forderungen zu verteidigen. Aber aus den gewählten Ausdrücken ergebe sich ohne weiteres die Absicht der Beleidigung. Der Z 193 scheide hier aus.— Ferner habe Angeklagter geltend gemacht, das Schreiben des Privatklägers an den Journalisten- verein habe er als eine schwere Beleidigung empfunden, die er auf der Stelle erwidert habe. Werde des Angeklagten Brief als Beleidigung angesehen, dann müßten die beiden Beleidigungen mit einander kompensielt werden. Das Gericht meine jedoch, im Gegensatz hierzu, die von Schw. ausgesprochene Beleidigung sei so schwer, daß von einer Kom- pensation in keinem Falle die Rede sein könne. Das Kammergericht verwarf jetzt die vom Angeklagten gegen dies Urteil eingelegte Revision. Bus alier Welt. Einführung der deutschen„Sommerzeit" als Kriegs- maftnahme. Die Bestrebungen gewisser Praktiker, untere mittel- europäische Zei: um eine Stunde früher zu legen. um so die Tageszeit besser ausnutzen und Ersparnisse an Be- leucktung— die sür Deulschland auf 100 Millionen Mark jährlich geschätzt werden— machen zu können, scheinen Verwirklichung zu finden. Nachdem schon in der Finanzkommission des preußischen Herrenhauses Geh Rat von Böltinger iElberfeld) auf seine aus den Gegenstand bezügliche Jnierpellanon vom Minister v. Breitenbach eine sehr günstige Antwort erhalten hatte, kam die Petition des Herrn Rese(Hameln) wegen Einsührung der„dculschen Sommerzeit" zum 1. Mai dieses Jahres in der Ptenmsitzung des Herrenhauses zur Verhandlung. Bericht- erstaltcr war der Oberbürgermeister Malting(Breslau), der die Bor- teile dieser Einrichtung auseiiia»de:sctzte. Da die Regierung sich entschlossen habe, die Sommerzeit auf Grund des Gesetzes vom 4. August 1914 als Kriegsmaßnabme zum 1. Mai d. I. zur Einführung zu bringen, so sei es nicht erforderlich, die Sache im Wege Explosionskatastrophe in einer englischen Pulverfabrik. 200 Tote. Der englische MunitionSminister hat einer Meldung des Preß- bureaus zufolge mitgeteilt, daß während des Wochenendes in einer Pulverfabrik in Kent ein großes Fener ausbrach, welches mehrere Explosionen verursachte. DaS Feuer entstand rein zufällig und wurde um die Mittagszeit entdeckt. Die letzte Explosion fand kurz nach 2 Uhr nachmittags stand. Die Zahl der Opfer beträgt ungefähr zweihundert. Wieder ein schreckliches Lawinenunglück. „Sccolo" meldet aus Brezcin: Am A r n o s e e verschüttete eine ungeheure Lawine eine Kaserne, 140 Soldaten unter den Trümmer» begrabend, cS wurden 40 Tote und ebenso viele Verwundete ge- borgen. Segnungen des Kriege?. AuS Amsterdam wird uns geschrieben: Im kanadischen Parlament hat, wie der»Daily News" aus Ottawa gemeldet wird, der liberale Abgeordnete K y t e schwerwiegende Anklagen über Skandale bei der Vergebung von Mnnitionslieferungen erhoben. Es wurden Verträge mit fiktiven Gesellschaften abgeschloffen. Drei Vermittler haben einen Profit von über 200 000 Pfund(vier Millionen Marti) gemacht.— Zweifellos sind die ehrenwerten Herren entschiedene Gegner des»vorzeitigen Friedens". Verstadtlichung der Budapester Straßenbahn. Zwischen der Hauptstadt Budapest und der Straßenbahngcsellschafl wird verhandelt, daß die Stadt die Straßenbahn, deren Einlösung 1923 fällig ist, jetzt schon erwerben solle. Die Hauptstadt, welche die Majorität der Altien einer zweiten elektrischen Bahn besitzt, würde dann ein ein« heitliches, die ganze Hauptstadt und ihre Umgebung umfassendes Straßenbahnnetz schaffen._ parteiveranftaltungen. Tempelhos-Mariendorf. Juz endsektion. Donnerstag, den 6. April, abends L Uhr, bei Löwenhagen, Ecke König- und Rathausstraßc, Zusammenkunjt.__ Zrauenveranftaltungen. verein für Frauen und Mädchen der Zlrbeirerklasse. Montag, den 10. April, abends 8Y, Uhr, in der Neuen Philharmonie, Köpenickcr Straße 96/97: Generalversammlung. Zahlreiches Erscheinen der Mitglieder dringend erwünscht._ Sriefkasten üer Neüaktion. F. G. 1. 1. und 2. Sie könnten auf Lösung des Vertrages klagen. 3. Wenn der Wirt fthnen in Zeugengegenwart versichert hat, daß die Wohnung sauber ist, könnten Sie eventuell aus Erstattung der Umzugs- kosten mit Ersolg klagen. 4. Das läßt sich mit Bestimmtheit im voraus nicht sagen, es kommt im wesentlichen daraus an, wieviel Termine der Prozeß erfordert. Die Gerichtskostcn wurden sür einen Termin ungcsähr 20 Mark betragen, dazu tämcn die eventuellen Anwaltskoslen. 5. Nein.— P. M. 9. Nein.— A. K. 18. Lungenleidend; zeitig arbeitsvcrwendungs- unsähig. Wann Sie eingezogen werden, wissen wir nicht. G. E. 100. Sie hasten in diesem Fall nicht sür die Schulden der Ehefrau, da die häusliche Gemeinschaft ausgehoben ist. Zum Unterhalt der Frau sind Sie aber verpflichtet, da die Ehe noch nicht geschieden ist.— — Mirbach Dt. Ja.— M. W. 3. Ja.— S. M. 100.«ei der Entscheidung über Ihre Ansrage kommt es im wesentlichen aus die Be- siimmungen des abgeschlossenen Ansteklungsvertrages an. Schließlich müßten Sie aber doch Anspruch aus mindestens einen Teil der Spesen habe». Klage wäre beim Kaufmannsgericht einzureichen.— A. F. L0. Das Testament ist in der Form gültig.— M. W. 181. Ja. — Zlrb eiter-J«g end« 1. Nein. 2. Für eine besondere Arbeitskleidung kann ein Abzug gemacht werden. Für Fahrgeld tonnen Sie als Bau- arbeiter. wenn Sie die Arbeitsstätte ost wechseln, ebensalls Abzüge machen. Der Betrag der Steuer ist nickt abzugsfähig.— E. Sch. 1875. Ja.— 3. W. 116. Sie müssen auf jeden Fall den Termin wahrnehmen. Wenn die Klage gegen Sie kostenpflichtig abgewiesen wird, muß der Kläger Ihnen auch den Lohnaussall sür die versäumte Zeit bezabien.— I. W. 40. Nein. — L. Britz. 1. Geringe Formsehler der«eine, dienstfähig. 2. Sie scheiden mit vollendetem 45. Lebensjahr nicht au? dem Mililärverhältnis aus. 3. Wenn der Sohn zu Ihrem Unterhalt erheblich beigetragen hat, können Sie einen Antrag aus Unterstützung beim AmtSoorstcher einreichen; eventuelle Beschwerde ist an den Kreisausschuß des Kreises Teltow in Berlin, Viltoria- straße 17/18, zu richten. �mliZmeMzcvei'Mveralst !. d. 6. Berl. Beiclistagswalilkrels. 18. Abt. Bez. 812. Am Dienstag, den 4. April, verstarb unser Genosse, der Schankwirt Paul Huckwitz Stettiner Siratze 60. Ehre seinem Audenkenk Die Beerdigung findet am Freitag, den 7. April, nach- mittags 4�2 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Pauls-Kirchhoses in Plötzensee, aus statl. Um rege Beteiligung ersucht 225/19 Der Vorstand. DEDiscliepHelajiaFlieiter-l/eFtiaiiil Verwaltungsstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege, der Schlosser Andreas Neeske (Palisadenstr. 66) am 2. April gestorben ist. Ehre seinem Slnbcnte«! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 6. April, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des St. Pius-Kirchhoses in Wilhelmsberg aus statt. Rege Beleiligung wird erwartet. Nachruf. De» Kollegen ferner zur Nachricht, datz unsere Kollegin, die Metallarbeiterin Eimma Tobeck (Adlershos) am 30. März in Halle a.®. gestorben ist. Ehre ibrem Andenke»! 114/16 Die Ortsvcrwaltung. AIS Opier des Weltkrieges starb nach einjähriger Lazarettbehand- lung(Koptschutz) am 3. April mein lieber, guier Sohn, unser lieber, guter Bruder und Schwager. der Musketier Albert Wojahn Jns.-Regt. 50, 9. Komp. im blühenden Alter von 21 Jahren. Die? zeigen in tiefem Schmerze an Frau Ww. Wojavn(als Mutter). Ida Wojahn(als Schwester). Paul Wojahn(in Mesangenich.) Gustav Wojahn(im Felde). Max Wojahn(als Bruder). Beria Wojahn(als Schwägerin). Emma Felchow(als Schwester). Franz Felchow(als Schwager). Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 6. April, nach- mittags 2 Uhr, von der Halle des Garnison-FriedhoseS, Hasen- beide, aus statt. A Als Lpser des Weltkrieges fiel am 24. Februar 1916 unser werter Kollege, der Gürtler 433L Max Rebouillon im 27. Lebensjahre. Ehre seinem Andenke«: Die Kollegen der Firma W. Gommlich. MM der Bnreauansesiellten DeiitscMands. Ortsgruppe Oroli-Berlin Am 1. April verstarb plötzlich unser Kollege, Krankenkassen- angestellter Lruuo Schade (Allg.Lrtskrankenkasse Friedenau). Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Tonnersiag, den 6. April, nach- mitiags llyzUhr, aus dem Georgen- Kirchhos in Weitzensec, Nöicke- (trotze, statt. Um zahlreiche Beteiligung bitte! 46/5 Oie Ortsverwaltung. Am Montag, den 3. April, ver- starb in der Heilstätte Beelitz nach langer Krankheit unser lieber Sohn, Bruder, Schwager und Onkel Hernmim Langborst Im Alter von 21 Jahren. Dies zeigen tiesbctrübt an Eltern, Geschwister, Schwager und Nichte. Die Beerdigung findet am Freitag, den 7. April, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Zenlral-Friedhoses in Friedrichsseide aus statt. Für die zahlreichen Beweise warmer Teilnahme und sür die vielen Kranz- svenden beim Hinscheiden meines lieben ManneS, unseres herzensguten Vaters Karl Pauli sagen wir allen Freunden und ve- lärmten sowie den Kollegen und Genossen, besonders seiner lieben »Typographia" und dem Kollegen Schleffler sür die trostreichen Worte unseren herzlichsten Dank. I'rn» Angnste Panll Ciünther und Lotte. weKlNIM'! TraueriMSazIn Größte /iaswahl. Billigste Preise. L UehrenstraBe 37a (Kolonnaden) IL Or. Frankfurter Str, NT (nahe Andreasstr.) Auswahisendungen sotert Amt Zentrum 7890. Sonntag 12— 2 Uhr oaöttnvt F»I Zweigverein Berlin. Am 4. d. Mis. starb nach schwerem Leiden mein lieber, guter Mann und Vater Paul Huckwitz im noch nicht vollendeten 57. Lebensjahre. Dies zeigen tiesbetrübt an Ottilie Huckwitz Petzold Kari Huckwitz-us S°hn. Stettiner Str. 63. 137/ t Danksagung. Alle» Verwandten und Bekannten sowie dem Sozialdemokratischen Wahlverein, Stralauer Viertel, dem Transportarbetter-Vcrband und dem Geiangverein sür die Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben un- vergetzlichcn Mannes herzlichen Dank. A Früu Uive. Thiele. Spesialarzt!! für Haut-, Harn-, Fraucnlckdcn' 1 nerv. Schwäche, Beinkranke jeder ».rkhrlich-zjlita-Kllreii, Friedrichslr, 81, ijjrchft. 10-2, 5-9, Sonnig-. 11-2. Honorar mätzig, auch Teillzahl — Separates Oamenzirnmer.— Ehrenerklärung. Die Beleidigung, die ich gegen Frau Emma Wiese, Charlottenburg, Hallerstr. 27. ausgesprochen habe, nehme ich mit tiesstem Bedauern zu- rück und erlläre, datz die Reden, die ich verbreitet habe, vollständig aus Unwahrheit beruhen. 136/16 Frau Bwn, 23« Alhtung! Gipsdlttilimdjk. Freitag, de» 7. April, abends 8 Uhr: Mitglieder-Versammlung im Saal 3 des Gewerkschaftshauses, Engelufer 15. 8-Versammlungen Sonntag, den 9. April, vormittags 10 Uhr JVIoablt bei Göbel, Putlitzstr. 10 Meciäing bei Funk, Triftstr. 63 ]Sorden 2 bei Berg er, Grannstr. 41 Neukölln bei Wolf, Kirchhofftr. 41 �Ordskten bei Spacth, Georgeukirchstr. 65. Montag, deu 10. April, abends« Uhr Oiarlottenblirg im Volkshause, Rosinenstr. 3 Osten I bei Schwartz, Langcstr. 53 Gesundbrunnen bei Mandel, Prinzeu-Allee 57 Metßensee bei Peukert, Berliner Allee 251. Dienstag, den 11. April, abends 8 Uhr SUdosteN bei Fröhlich, MnSkauer Str. 1 Südwesten bei Maasi, Bergmanustr. 97 Westen bei Wiemers, Bülowstr. 58 Scböneberg bei Folg er, Kysshäuserstr. 16 Osten II bei Kempin, Tilfiter Str. 85 Liebtenberg bei Schulz, Kronprinzcustr. 47 forden I bei Schmidt, Lychcucr Str. 3. Tonnerstag, den 13. April, abends 8 Uhr Süden bei Eberlcin, Britzcrstr. 22 MUrnersdork bei Reuter, Gnsteincrstr. 6 8teglit2 bei Schellhase, Ahornstr. 15» LicbUrfdde bei Wahrendorf, Hindcubnrgdamm 104 Oranienburger Vorstadt, bei Dahms, Schlcgelstr. 9 Friedenau bei Schöncfeld, Kirchstr. 23. Tagesordnung iu allen Versauimlunge«: j. Das Ergebnis der itethmtdiullgen iui Zochdan- gemrbe. 2. Abstimmung iiber Anuahme oder Ab- lehaung desselben. Mitgliedsbuch legitimiert; ohne dasselbe keinen Zutritt! Vollzähliges Erscheinen aller Mtglieder erwartet ISlftf Oer ZwelgrereinMTormtmnd.