Ur. 197.-33. Jahrg. kldonnementz-keSInzungen: »bonnsmeMZ. Preis vränumerando Bierteljährl. SLll Ml, Monats ILO Ml, wöchenUich 80 Pfg. frei ms Haus. Sinzeine Nummer S Psg. Sonntags» nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Vfg. Post- Abonnement: 130 Marl pro Monab Eingetragen in die Poll. Zeitungs» Prcisiiile. Unter Kreuzband tür Demichland und Oesterreich- Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Posladonnemems nehmen an Belgien, Dänemarh Eolland,-Italien. Luxemburg, Portugal. umänien. Schweden und die Schweiz. erfdldnt tägna. Berliner NolkSblnkl. 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Ein kriegs-parteitag l II. ?!ie waren die Fragen, die einem deutschen Parteitag zu beschäftigen hatten, schwieriger, komplizierter, als diejenigen. die dem nächsten deutschen Parteitag zu unterbreiten sind. Nie lagen zum Teil diese Fragen dem theoretischen Der- ständnis vieler Genossen ferner. Denn es sind nicht nur die einschneidensten Fragen der inneren Politik, über die die Ver- tretung des deutschen Proletariats entscheiden soll, sondern auch die verwickeltsten Fragen der nationalen und inter- nationalen Wirtschaftspolitik, die Probleme der ganzen aus- wärtigen Politik, die hier— nach vorheriger gründlicher Er- örterung und Durchhellung— die Grundlage der zu fassenden Beschlüsse bilden müssen. Es sind, um nur einiges anzu- deuten, die, im Proletariat genau so wie in der bürgerlichen Welt, heiß umstrittenen Fragen der europäischen Handels- und Zollpolitik, das Problem des„Mttcleuropas", die Beurteilung der europäischen Bündnispolitik, die Stellungnahme zur Kolonial- Politik, zum Militarismus, zu den Secrüstungen, zur offenen Tür, zur„Freiheit der Meere", zu Grundfragen des Völker- rechts, der Abrüstung und der Schiedsgerichte, die im aller- engsten, unlösbarsten Zusammenhang mit dem Streit zwischen der„Mehrheit" und„Minderheit" stehen, von deren Beur- teilung es ganz wesentlich abhängt, ob man die Politik der „Mehrheit"- oder„Minderhett" billigt, für die alte Fraktion oder die Arbeitsgemeinschaft eintritt, es mit Lensch, Cunow, Kolb, Legten und Winnig oder mit Liebknecht, Luxemburg und Rühle hält. Dag innerhalb der„Minderheit" beträchtliche Meinungs- Verschiedenheiten bestehen, haben wir nie geleugnet. Aber wir haben den seichten Spott der„Umlerner" über die Gruppen- spaltung der„Minderheit" mit kühler Gelassenheit zurückgewiesen, weil wir es geradezu für ein geistiges Armutszeugnis der Sozialdemokratie halten würden, wenn die Ueberfülle der durch den Weltkrieg aufgeworfenen Probleme nicht in kriti- schen und zum Selbstdenken erzogenen Köpfen auch ver- schiedenartige Anschauungen auslösen würde. Zudem haben wir den guten Leutchen von der„Mehrheit" die Frage zurück- gegeben, ob sie der Partei denn wirklich größere innere Ge- schlossenheit der„Mehrheit" vortäuschen wollten? Und hat nicht gerade in den letzten Tagen die heftige und höchst ge- reizte Polemik zwischen Lensch und Heinrich Schulz einerseits und dem Genossen Stampfer, der„Dresdener Volkszeitung" und der„Münchener Post" andererseits klar genug bewiesen, wie weit— bei aller Geschlossenheit der Frontstellung der „Minderheit" gegenüber— auch die Auffassungen innerhalb der„Mehrheit" auseinandergehen? All diese Streitfragen können, soweit die Partei als Ganzes Stellung nehmen kann, erst nach freiester, gründ- lichster Aussprache in der Presse, in Zeitschriften und Büchern und daran anschließend in Versammlungen, einem Parteitag zur Lösung vorgelegt werden. Die Delegierten in dieser Zeit der Behinderung einer freien Erörterung, in dieser Zeit der leidenschaftlichsten Erregung zu Richtern über ihnen nur höchst mangelhast bekannte Fragen von eminenter Tragweite machen wollen, hieße sie zur Entwürdigung sozialdemo- kratischer Kongresse zwingen. Es hieße der Welt ein Schau- spiel geben, dessen die Partei sich vor ihr und vor sich selbst schämen müßte. Und wenn man einwerfen sollte:„ja, soll denn dann die Partei ziellos und mit verbundenen Augen ihren Weg gehen?", so lautet die einfache und klare Antwort: Nein, sie soll nach möglichster Klarheit ringen, soll sich der Tiefe der Probleme uud der Wichtigkeit der Entscheidung bewußt werden, sie soll deshalb jeder Selbstkritik wenig- stens soviel Spielraum lassen, als die Umstände selbst, als Belagerungszustand und Zensur es erlauben, sie soll allen Genossen in der Presse und Parlamentskörpern, die sich der Selbstverantwortung bewußt und die Verantwortung vor der Geschichte und der Partei zu tragen bereit sind, die Freiheit lassen, zutun, was ihnen Erkennt- nis und Gewissen gebieten; aber sie soll nicht durch unbesonnen gefaßte Mehrheits- bcschlüsse und diktatorische Macktgebote Gewissen und Handlungsfreiheit verge- waltigen! Darauf aber, und auf nichts anderes, scheint ja gerade die Absicht derer hinauszulaufen, die einen Kriegsparleitag binnen kurzem während des Krieges zusammentrommeln und durch dessen Beschlüsse die Partei und ihre Organe rücksichtslos festlegen wollen. Und in der Tat: wäre es nicht darauf abgesehen, wozu dann der Parteitag? Käme es der„Mehrheit" nur darauf an, sich bestätigen zu lassen, daß die Mehrheit der Delegierten hinter ihnen steht, was hätten sie dabei ge- Wonnen? Sie behaupten ja ohnehin täglich, daß die Mehrheit ihrer Meinung sei. Soweit die Parteipresse und der Instanzen- körper in Frage kommt, ist das auch völlig unbestreitbar und unbestritten. Was die„Minderheit" behauptet, ist nur, daß die„Mehrheit" der Genossen, wenn sie auch die A r g u- mente der„Minderheit" so ausführlich und so unbehindert vernehmen könnte, wie die ihrer Wortführer in der Presse, im Parla- ment und den Sekretariaten, wahrscheinlich ganz anders urteilen würde. Gegen diese Annahme würde aber durch das Votum eines unter den bereits hinlänglich ge- schilderten Ausnahmeverhältnissen zustande gekommenen Parteitages auch nicht das geringste bewiesen werden. Ein wirklich einwandfreier Beweis könnte erst nach Beendigung des Krieges geführt werden, wo„Mehrheit" und„Minderheit" sich unter gleichen Bedingungen gegenüberständen. Oder welchen Wert hätte es sonst, wenn der Kriegs- Parteitag erklärte, wir billigen die Haltung der Kredit- bewilliger und verurteilen die Politik der Arbeitsgemein- schaft. Nicht-ein Genosse der„Minderheit" würde dadurch in der Ueberzeugung von der Richtigkeit und Notwendigkeit seiner Politik erschüttert, nicht einer verlöre darum die fröhliche Zuversicht, daß die erst wieder zur Be- sinnung und zum klaren sozialistischen Denken gekommene Partei später mit überwältigender Majorität die Politik der „Minderheit" gutheißen wird. Nicht das geringste würde also an den Dingen geändert:„Mehrheit" und„Minderheit" folgten auch weiterhin dem, was ihnen das wahre Wohl ihres Vaterlandes wie der Menschheit, des deutschen wie des inter- nationalen Proletariats zu gebieten scheint. Aber die Einpeitscher des Kriegsparteitages planen offen- bar ganz anderes. Braun verrät es mjt jener Offen- Herzigkeit, die ihn ebenso ziert wie die bescheidene Anmut seines Stiles. Er behauptet, daß die Mitglieder der Arbeits gemeinschaft mit der Fraktion„Schindluder getrieben" hätten, und erwartet nun vom Parteitage, daß er die Arbeits gemeinschaft seinerseits zur Raison bringen, also wohl dem Machtspruch und der Disziplinargewalt der Scheide mann und David, der Lensch und Noske mit ge bundcnen Händen überliefern werde. Nicht eine Ansicht soll also nach Brauns Wünschen der Parteitag aussprechen. sondern allen im Parlament(und vermutlich auch in der Presse) tätigen Genossen eine bestimmte Marschroute vorschreiben. Und wenn die Genossen die Befehle eines solchen Parket- tages dann nicht anders einschätzen würden, als die Resolu- tionen des Parteiausschusses, dieweilen ja der Kricgsparteitag nichts anderes wäre, als ein erweiterter Parteiausschutz, dann würde es eben, wenn wir Braun recht verstehen, zur Part ei- spaltung kommen! Das kühle Burcaukratengemüt eiises Braun hat freilich für dies böseste und verhängnisvollste Ding, das der deutschen Arbeiterbewegung widerfahren könnte, ein minder aufregendes und häßliches Wort— er spricht einfach von einer„Absplitterung", die der Partei die Einheit und Schlagkraft, kurz des lange entbehrten Segens Fülle wiedergeben werde. Denn nur wenige unheilvoll verwirrte Querköpfe würden dann Acht und Bann trotzen und sich da- mit„automatisch außerhalb der Partei stellen", wie in früheren Deklarationen des Parteivorstandes mit so klassischer Einfachheit gesagt wurde. So malt sich in dem Kopf eines Otto Braun das schwerste, kampfersüllteste Stück Parteigeschichte, das die Sozialdemo- kratie bisher erlebt. Es gibt wirklich einen Genossen, der sich vorzustellen vermag, die„Minderheit" werde auf Kommando eines„Parteitags", der nichts als die Parodie einer wirklichen Aussprache der Partei ist, das preisgeben und mit Füßen treten lassen, was ihre in schwersten Kämpfen errungene, felsenfeste, heiligste Ueberzeugung! Sie werde sich abhalten lassen von einer Betätigung dieser Ueberzeuguug, von der sie Sein oder Nichtsein des Sozialismus, Heil oder Verderb der menschlichen Kultur für Jahrhunderte abhängig glaubt l Und diese geistige und seelische Unterwerfung, wie siekein kirchliches Tribunal, kein Jnquisitionsgericht je schonungsloser verlangt, traut Braun der„Minderheit" den Beschlüssen eines Parteitags� gegenüber zu, dessen Einberufung, Vorbereitung und Zusammensetzung allen demokratischen Grund- bedingungen Hohn spräche. Braun wagt das mit dem Einwand zu bestreiten, daß ja auf dem Parteitag in geschlossener Sitzung unbeschränkte Freiheit der Aus- spräche gewährleistet werden könne. Auch das ist unrichtig: denn wenn auf dem Parteitag auch nur das Nötigste gesagt werden sollte, müßten mangels jeder literari- schen Ansichtsklärung die Verhandlungen mindestens sechs Wochen dauern. Aber auch wenn dem nicht so wäre, und wenn nickt auch trotz geschlossener Sitzungen für die„Minderheit" die Gefahr des Denunziert- Werdens bestünde, wie sie das mehr als einmal erlebt hat: die freieste Aussprache auf dem Parteitag selbst verliert jeden Wert, wenn ihr nicht vor der Wahl der De- legierten gleichfalls freieste Aussprache im Lande vor- angegangen ist. Denn gerade von der Zusammensetzung des Parteitags hängt es ab, mit welchem Recht er sich als Sprachrohr und Spiegel der Massen der Parteigenosien be- trachten darf. Diese Massen können aber erst dann nach bester Ueberzeugung ihr Votum abgeben, wenn sie Gründe und Gcgengründe in freie st er Aussprache kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Aus all diesen Gründen warnen wir aufs dringendste vor der Einberufung eines Kriegsparteitags. Weit davon ent- fernt, eine„provisorische Ordnung" zu ermöglichen, dem „Wirrwarr ein Ende zu machen", würde er die Gegensätze nur noch vertiefen, verschärfen und vergiften. Er würde mit der Gefahr der Spaltung spielen und, falls die Instanzen ihre bisherige Taktik skrupellos fortsetzen sollten, was ihrer Ver- blendung zuzutrauen ist, die Parteispaltung zur Wahrheit machen. Die Spaltung, die— darüber sollte sich kein Weitersehender unter der„Mehrheit" täuschen— den Riß durch die ganze Arbeiterbewegung ziehen würde, wahrscheinlich die Gewerkschaften nicht minder, als durch sämt- liche Parteiorganisationen des ganzen Landes. Statt über die„Angst" der„Minderheit" vor einem Kriegsparteitag zu spotten, sollte man lieber erst einmal mit ernster Gewissenhaftigkeit die Konsequenzen überdenken, die eine so provozierende Aktion und eine unnötige Brüskierung breitester Genossenkrcise nach sich ziehen könnte.' Vor Be- schlüssen eines Kriegsparteitags haben wir so wenig angst wie vor denen des'Partciausschuffcs— die Geschichte wird bald genug über sie zur Tagesordnung übergehen. Aber eine Parteispaltung würden wir aufs schmerzlichste bedauern, auch dann, wenn die Verantwortung dafür allein die„Mehrheit" träfe und die„Mehrheit" damit das sicherste Mittel wählte, um sich zur„Minderheit" und binnen weniger Jahre zum be- deutungslosesten Grüppchen zu machen. Noch einmal warnen wir, in letzter Stunde! Mnmaßenöe Schulmeisteret'. Das bekannte Unternehmen zur Auseinanderhetzung der Inter- nationale, die Baumeistersche«Internationale Kor- responden z", wendet sich unter der Stichmarke„Vorwärts und Landesverteidigung" gegen unseren Artikel„Die französische Minderheit"(„Vorwärts" Nr. 18S und 186), der an der Hand der Ausführungen des französischen Genossen Henri Guil- beaux� im Genfer„Demain" ein Bild von den Strömungen in der französischen Parteiopposition zu geben sucht. Die gestrengen Wächter der Reinheit der sozialistischen Lehre in der„I. K." sind höchlichst darüber empört, daß in dem genannten Artikel im An- schlutz an die Ablehnung einer Resolution der englischen Unav- hängigen Arbeiterpartei über die Landesverteidigung durch den „Populaire", das Organ der gemäßigten französischen Opposition, diese Kundgebung als„eine für uns s e l b st v e r st ä n d l i ch e Erklärung" bezeichnet wird.„In welchem sozialistischen Pro- gramm— ruft die„I. K." aus— findet sie denn ihre Begrün- dung? In welcher Entschließung der deutschen Parteitage Tft' etwas ähnliches zu finden? In welcher Entschließung der Kon- gpesse der ersten und der zweiten Internationale sind derartige Gedanken ausgesprochen worden?" Mutet schon dix Berufung auf die Beschlüsse der internatio- nahen Kongresse in her.sJ.K.", die alles getan hat, um den Geist der sozialistischen Internationale zu schänden und die Bestimmun- gen der Stuttgarter Resolution über die Pflichten der Sozial- demokratie mit Füßen zu treten, wie eine Herausforderung an, so gewinnt ihre Haltung bei der Kritik der erwähnten Resolution der I. L. P.(Jndependent Labour Party) den Charakter einer mit hohler Anmaßung und Heuchelei gepaarten geistigen Hilflosigkeit und Ignoranz. Dasselbe Organ, das sonst nicht genug herab- setzende und höhnende Worte über den„Konservatisinus" und die „geistige Trägheit" der„Linken" finden kann, erhobt plötzlich— unter Berufung auf die sonst mitleidig von ihm belächelten Kon- greßbeschlüsse— Einspruch gegen den Versuch, die Unvollkommen- heiten dieser Beschlüsse, die zum Teil daraus entsprangen, daß man nicht mit dem Vorhandensein so starker unsozialistischer Tendenzen selbst in den führenden Kreisen der sozialistischen Parteien rech- nete, an der Hand der Lehren des Weltkrieges zu verbessern und die sozialistische Internationale auf eine festere Grundlage zu stellen. Nichts anderes aber als einen solchen Versuch stellt die Resolution dar, die auf dem Iahreskongreß der I. L. P. in New- castle angenommen wurde. Diese Resolution, die wir seinerzeit veröffentlichten, lautet: „Diese Konferenz ist der Meinung, daß die Sozialisten aller Nationen übereinkommen sollten, daß fürderhin die sozialisti- schen Parteien verweigern sollten, irgendeinen Krieg zu unter- stützen, der von einer Regierung begonnen wird, was auch immer das angebliche Kriogsobjekt sei, und selbst wenn der Krieg nominell einen defensiven Charakter trage, und die I. L. P.-Delegation dahin zu instruieren, diese Politik auf der n ä ch ste n.I n ter- nationalen sozialistischen Konferenz zur An- nähme vorzulegen." Genosse Dr. Salter, der diese Resolution vertrat, führte nach einer Krink.der bisherigen Stellung der sozialistischen Parteien zur Kriegsftage u. a. aus, es sei sehr gut, vor dem' Kriege von Verteidigungs- und Angriffskrieg zu reden, aber wenn der Krieg begonnen habe, würde jeder Krieg zu einem Verteidigungskrieg. Die Strategen würden immer sagen, die beste Verteidigung sei der Angriff. Es sei aber keine Sache, eine Politik für den Frieden und eine andere während des Krieges zu haben. Deshalb sei die einzig mögliche sozialistische Politik gegenüber dem Kriege die in der Resolution skizzierte. Die Konferenz der I. L. P. trat dieser Anschauung bei und nahm die Resolution mit 235 gegen nur 3 Stimmen an. Nun bedeutet freilich dieser Konferenzbeschluß der Uwabhängi- gen Arbeiterpartei noch nicht, daß der künftige internationale Kon- greß ihn sich in allen Einzelheiten zu eigen machen wird. Aber nur diejenigen, die die Quintessenz des„Sozialismus" etwa in den Schlußsätzen der Erklärung vom 4. August zu sehen geneigt sind, können heute noch glauben, daß die sozialistische Internationale ihre künstige Haltung in der Frage der Landesverteidigung nicht einer einschneidenden Aenderung unterziehen wird. In dieser Hinsicht stehen wir auf demselben Standpunkt, den Genosse Fried- rich Adler in seinem hier veröffentlichten Brief an Huysmans kürzlich präzisiert hat: „Niemand wird leugnen können, daß wir in diesem Kriege gelernt haben, daß die Landesverteidigung pure et simple nur eine theoretische Abstraktion ist. Daß in der Wirk- sichkeit der Gegenwart dagegen der Kampf für die Existenz des Volkes unlösbar verknüpft ist mit dem Kampf für die Ziele imperialistischer Machtpolitik. Die Internationale wird in Zukunft zu dieser Erkenntnis Stellung nehmen und die Frage entscheiden müssen, ob die Sozialisten wie in diesem Kriege im Interesse der Landesverteidigung die Förderung der impe- rialistischen Zwecke der herrschenden Klassen in den Kauf neh- men sollen, oder ob sie auch im Kriege die Abwehr des Jmperia- lismus zu ihrer obersten Aufgabe erheben wollen." In diesem Sinne war und ist die als..tolstoianisch' un! „Iwrveistisdj" Mi'chmähte Resoluticn der I. L. P. für uns eine selbstverständliche Erklärung"— mögen darob auch alle Schlaf- mutzen der sonst so eifrig„umlernenden" Mehrheit vor sittlicher Entrüstung ins Wackeln geraten. Der französische Tagesbericht. Paris, 18. Juli.(W. T. B.) Amtlicher Bericht vom Dienstag nachmittag. Südlich der Somme griffen die Deutschen am späten Abend und im Laufe der Nackt die französischen Stellungen von Biaches bis Maisonnetie an. Trotz wiederbolter Versuche, die ihnen schwere Verluste kosteten, konnten sie sich nicht in den Besitz von Maisonnetie setzen. Einige Teile von ihnen drangen am Kanal entlang in den östlichen Teil von Biaches ein. Der Kampf geht weiter. Auf dem linken Ufer der Maas scheiterte ein deutscher Handstreich gegen die Höhe 304. Auf dem rechten Ufer kam es im Laufe der Nacht zu Handgranatenkämpfen an den Zugängen zu Chapcllc-Sainte-Fine und westlich von Fleury. Ueberall wurden die Deutschen zurückgeschlagen. Ziemlich lebhafter Artillerie« kämpf in der Gcgentz von La Lausöe und Le ChönoiS. Auf dem übrigen Teile der Front verlief die Nacht ruhig. Paris, 19. Juli.(W. T. B.) Amtlicher Bericht von Dienstag abend: Südlich der Somme war der Tag verhält« nismägig ruhig. Der Feind hat seine Versuche gegen Maisonnelte nicht erneuert. Wir haben die Deutschen aus einigen Häusern ver» trieben, die sie noch in dem Dorfe BiacheS hielten. Von der übrigen Front ist kein Ereignis von Bedeutung zu melden. Belgischer Bericht: In der letzten Nacht hat eine belgische Abteilung einen Handstreich gegen feindliche Schützengräben nörd« lich von Dixmuiden ausgeführt. Es gelang ihr, in einen der Gräben einzudringen, die Mehrzahl der Besatzung zu töten und unverwundete Gefangene mitzubringen. Während des TageS schwache Tätigkeit der Artillerie. Die englische Meldung. London, 18. Juli. sW. T. B.) Reutermeldung. Amtlich. General H a i g meldet, daß Nebel und Regen die Operationen nördlich von OvillerS behinderten. Wir machten an einer Front von 1000 DardS Fortschritte, Vertrieben den Feind auS stark befestigten Stellungen, machten Gefangene und erbeuteten Maschinengewehre. Wir unternahmen einen erfolgreichen Uebersall auf die deurschen Laufgräben bei Wytschacte. Ein deutscher Uebersall bei Cuinchy wurde durch unser Feuer vereitelt. London, 13. Juli. Verlusten 8 Offiziere, 289 Mann an Gefangenen einbüßten und eine beträchtliche Zahl Maschinengewehre in unserer Hand ließen. Feindliche Angrisse gegen unsere Stellungen nördlich OvillerS sowie gegen den Südrand von Poziöres wurden bereits durch Sperrfeuer unterbunden und hatten nirgends den geringsten Erfolg. Südlich der Somme scheiterten französische Teilangrisse nördlich von Barlcnx und bei Bclloy, an anderen Stellen kamen sie über die ersten Ansätze nicht hinaus. Rcchtö der Maas setzte der Feind seine vergeblichen Austreuguugeu gegen unsere Linien auf der„Kalten Erde" fort. Nördlich von Ban de Sapt war eine deutsche Pa- trouillenunternehmung erfolgreich. Ocstlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls von Hindenburg. Südlich und südöstlich von Riga haben unsere tapferen Regimenter die wiederholten, mit verstärkten Kräften ge- führten russischen Angriffe unter ungewöhnlich hohen Ver» lusten für den Feind zusammenbrechen lassen. HecresgruppedesGeneralfeldmarschallS PrinzenLeopoldvonBayeru. Die Lage an der Front ist unverändert. Auf die Bahnhöfe Horodzieja und Pogorjelzy der mit Truppentransporten belegten Strecke Minsk— Richtung Baranowitschi wurden von unsere« Fliegergeschwadern er- folgreich Bomben abgeworfen. Heeresgruppe des Generals v. Linsingen. Teilweise lebhaftere Feuertätigkeit deö Gegners beson- derS am Stochod sowie westlich und südwestlich von Luck. Armee dcS Generals Grafen v. Bothmer Keine besondere« Ereignisse. Balkan-Kriegsschauplatz. Nichts Neues. Ober st e Heeresleitung. * Fliegerangriffe gegen üie rujsische Flotte in Renal. Amtlich. B er li n, 19. Juli.(W. T. B.) Am 18. Julc früh griffen deutsche Scefingzeuge die im Kriegs- Hafen botz Nepal liegenden feindlichen Kreuzer, Torpedoboote, Ij-Boote und dortige militärische Anlagen mit Bomben an. Zahlreiche einwandfreie Treffer wurden auf den feind- licheu Streitkräften erzielt, so ans einem ll-Boot allein vier. In den Wcrftanlagen wurden große Brandwirkungcn hervorgerufen. Trotz starker Beschießung von Land aus und trotz ver- suchter Gegenwirkung durch feindliche Flugzeuge kehrten unsere Sceflugzenge sämtlich unversehrt zu den sie vor dem Finnischen Meerbusen erwartenden Seestreitkräften zurück. Obwohl letztere infolge großer Sichtigkeit sehr früh- zeitig von Land beobachtet und durch feindliche Flngzeng- aufklärung festgestellt waren, zeigten sich keine feindlichen Seestreitkräfte. DerChefdesAdmiralstabeSderMarine. ** M MneWKe SemnklMMW. Wien, 19. Juli.(W. T. B) Amtlich wird ver« lautbart: Russischer Kriegsschauplatz. Keine Aeuderung. Südwestlich von Moldawa wurden wieder einige rnssische Borstöße abgeschlagen. Im Berg- und Wald- gebiet von Jablonica und Zabic löste sich der Kampf in zahlreiche Einzelgefechte auf. Südwestlich von Delatqn trieben unsere Truppen russische Abteilungen, dir auf das Westufer des Pruth vorgedrungen waren, über den Fluß zurück, wobei dreihundert Gefangene und zwei Maschinengewehre erbeutet wurden. Weiter nördlich nicht» von Belang. Italienischer Kriegsschauplatz. Nach neuerlicher heftiger Artillerievorbereitung griffen die Italiener unsere Stellungen südöstlich deS Borcola-Passes drei« mal mit starken Kräften an. Diese Angriffe wurden mit Hand- granatcn, Maschinengewehrfeucr und Steinlawinen blutig ab« gewiesen. An der Kärntner Front hält das lebhafte Geschütz« feurr im Felln- und Raibler-Abschnitt an. Ein Nachtangriff von Alpininbtcilungen im Gebiet des MittagSkofclS scheiterte nach hartnäckigem Kampf an der Zähigkeit der Verteidiger, die ei» feindliches Maschinengewehr in Händen behielten. TarviS stand abends unter Geschützfeucr. An der Jsonzosront wirkte die italienische Artillerie vornehmlich gegen die Hochfläche von Dobcrdo. Südöstlicher Kriegsschauplatz. Unverändert. Der Stellvertreter deS ChefS deS GeneralstabeS: v. H o e f e r, Feldmarschalleutnant. In dem letzten Gefecht, daL er den Italienern in der Um- gcgcnd von Mißrata lieferte und das mit einer Niederlage derselben endete, nahm er den Italienern 200 Offiziere, 6000 Soldaten und 24 Geschütze ab. Die Ortschaften Mißrata und Djedahie befinden sich im Besitz der Freiwilligen. Zwischen den beiden Ortschaften und der Küste steht kein Italiener mehr. Unsere Freiwilligen befinden sich im Westen von Aegypten in für sie siegreichen Kämpfen, über die wir noch keine Einzelheiten erhalten haben. An der I r a k f r o n t hat sich im Abschnitt von Felahic nicht? geändert. Am 1ö. Juli griff eincS unserer Kampfflug- i zeuge ein englisches Flugzeug an»und beschoß es. Dieses wurde beschädigt und stürzte hinter den feindlichen Linien ab. Im Euphratabschnitt machten unsere Freiwilligen und fliegenden Abteilungen gelungene Ueberfälle auf feindliche Lager und Etappenlinien. Sieben vollkommen mit Lebens- Mitteln bcladene Schiffe wurden von uns auf den Etappen- straßcn erbeutet. Nach den letzten von Jbn Sud Rescbid Pascha erhaltenen Nachrichten, der als Oberbefehlshaber unsere Hauptstreitkräfte und Freiwilligen befehligt, die in den Gegenden von Nedjd und Zubair operieren, sind die in der Umgebung von Bassorah angetroffenen englischen Abteilungen besiegt worden. Außerdem wurde ein englisches Flugzeug abgeschossen und erbeutet. Bon der persischen Front keine Nachricht. An der Kaukasusfront fanden auf dem rechten Flügel Scharmützel unserer vorgeschobenen Abteilungen und Angriffe der beiderseitigen Erkundungsabteilungen statt. Auf dem linken Flügel keine Veränderung. Ein feindliches Flugzeug warf wirkungslos drei Bomben auf die Umgebung des Bahnhofs von Bulair ab. Es wurde durch das Feuer unserer Artillerie in die Flucht getrieben. Unsere an der persischen Front gegen die Russen fortschreitenden Bewegungen entwickeln sich zu unseren Gunsten unter der Beihilfe der persischen Mudjahids. Diese sind dank den Bemühungen Niza Mel Saltancs, der sie unter seinem Oberbefehl vereinigt hat und einen ausgezeichneten Generalstab besitzt, vortrefflich organisiert worden und operieren erfolgreich gegen den gemeinsamen Feind. Sic leisten unseren Truppen durch ihre Beihilfe sehr wertvolle Dienste. Wenn dank der Gnade des Allmächtigen dieser allgemeine Krieg durch unseren vollständigen Sieg gekrönt sein wird, werden diese wertvollen Anstrengungen der Mudjahids zur Befreiung Persiens von der russischen und englischen Gewalt- Herrschaft in goldenen Lettern auf den Seiten der ottomanischcn und persischen Geschichte verzeichnet werden. Was unsere bei dieser Gelegenheit gemachten Anstrengungen betrifft, so haben sie nur den Wunsch zum Ziel, unseren mohanimcdanischcn Nachbar Persicn für immer im Genüsse voller und unbeschränkter Freiheit zu sehen. Sie sind begründet durch die aufricbtige Ucbcrzeugung, die wir inbctrcff seines glücklichen künftigen Schicksals hegen._ vom l1-9oot-Kr!eg. Nyborq(Füncn), 18. Juli.(W. T. B.)(Meldung von RitzauS Bureau.) Der schwedische Dampfer.Onsala' landete heute die Be- satzung de» schwedischen Schoners„Verla" und des niederländischen EisenschiffcS„Benula", welche von einem deutschen U-Boot versenkt worden sind. Amsterdam, 19. Juli.(W. T. B.) Nach einer Meldung des Neuterschen Bureaus ist der englische Dampfer„Wiltonhall" (3387 Tonnen) versenkt worden. Gefecht mit einem U-Soot. London, 19. Juli.(W. T. B.) Reuter. Der Kapitän des britischen Dampfers„Lecoq", 3419 Tonnen, gibt folgenden Bericht über ein Gefecht mit einem feindlichen Unter- seeboot am 18. Juni: Das Unterseeboot wurde in vier Meilen Entfernung gesichtet. ES eröffnete sofort daS Feuer, anscheinend aus einem vierzölligen Geschütz. Nachdem es drei his vier Granatcn abgefeuert hatte, die ganz dicht einschlugen, näherte es sich schnell. Wir eröffneten das Feuer aus unserem Geschütz. Der fünfte Schuß schien es getroffen zu haben, aber eS setzte das. Feuer fort isisij.kam nach und nach näher. Eine feindliche Granate traf uns an Pack« bord und durchbohrte das Dampfrohr, so daß eine große Dampf« wölke hervorquoll. Ich ließ das Schiff langsamer gehen und gab Befehl, die Boote herabzulassen. In diese ging die Mehrzahl der Mannschaft hinein. An Bord blieben nur der leitende Ingenieur, der zweite und dritte Ingenieur, der Bootsmann, ich selbst und zwei Kanoniere. Ich unterhielt noch andauernd das Feuer mit gutem Erfolge. Der 26. Schutz traf das Unterseeboot an der Wasserlinie und zwang es, unterzutauchen, eine dichte dunkle Rauchwolke hüllte es ein. Ich glaubte zweifellos, wir hätten es versenkt. Kurz danach erschien«in ftanzösisches Wachtboot, dem ich Mitteilung machte. Ich fuhr in die Nähe unserer Boote zu« rück, nahm die Mannschaft an Bord, schleppte die Boote längsseits und fuhr weiter. Später wurde das Peristop eines anderen Unter- seebootes in etwa tausend AardS Entfernung gesehen. Dieses schoß sofort einen Torpedo ab, aber durch rechtzeitigen Gebrauch des Steuers konnte ich ihm entrinnen, und der Torpedo ging etwa fünfzig Fuß achtern vorbei. Achteraus erschien dann ein anderes Torpedoboot, dem ich Mitteilung machte. Wir feuerten drei Schuß gegen das zweite Unterseeboot, was dieses veranlagte, zu tauchen. Nachdem wir die Boote in die Höhe gezogen hatten, fuhren wir weiter. Vom Feinde war nichts mehr zu sehen. Notiz des W. T. B. Wie wir von zuständiger Stelle er- fahren, ist die Mitteilung des Kapitäns des Dampfers„Lecoq", er hätte das U-Boot vernichtet, vollständig aus der Lust gegriffen. Schwedischer Protest gegen Rußland. Stockholm, 19. Juli.(W. T. B.) AuS Anlaß der Ver« senkung des deutschen Dampfers„Cyria" am 16. Juli inner- halb der schwedischen Drcimeilcngrenzc südlich Bjuröklubb im Bottnischen Meerbusen beauftragte die schwedische R c- gierung den schwedischen Gesandten in Petersburg, bei der russischen Regierung Protest einzulegen. Kriegsdebatte im Unterhause. Rotterdam, 19. Juli.(W. T. B.) Der„Nieuwe Rotterdamsche Courant" meldet noch über die gestrige Erklärung ASquiths im Unterhause: ASqrnth sagte, vor Pfingsten habe Bonar Law die Bekanntgabe der Berichte über die Dardanellen- e x p e d i t i o n versprochen, soweit sie nicht streng vertraulich seien und dem Feinde von Nutzen fem könnten. Die Berichte seien von der Admiralität, dem Kriegsamt und dem Auswärtigen Amt durch- gesehen worden. Was sich davon für die Veröffentllchung eigne, würde ein unvollständiges und irreführendes Bild geben. Für die Berichte über Mesopotamien gelte dasselbe.(Ironische Heiterkeit. Hogge ruft dazwischen: Immer die alten Reden!— Carson: Wir werden nie etwas über diese Operationen zu hören bekommen I) Asquich fuhr fort: Unsere Kriegspläne sind in vollem Umfange dem wohlüberlegten Rate der militärischen Stellen unterworfen. Es muß aber zugegeben werden, daß der ärztliche Dienst ungenügend war und innerhalb gewisser Grenzen vielleicht auch die Versorgung mit Lebensmitteln. General Nixon telegraphierte noch im November nach den Kämpfen von Ktesiphon aus Basra an Chamberlain, daß seiner Meinung nach der ärztliche Dienst ausreichend sei. Gegen diese Mitteilung ASquiths wurden Proteste laut, und Carson frag:e: Wird dieser Bericht veröffenllicht werden? Asquith antwortete: Ja, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Asquith erklärte weiter: Die Regierung empfing im Dezember und Januar nichtoffizielle Briefe, in denen ein ganz anderes Bild von der Lage gegeben wurde. Dar- auf wurde eine Kommission nach Mesopotamien geschickt. Sie mel- dete nach zweimonatigem Aufenthalt dem Bizckönig, daß alles Menschenmögliche getan worden sei. Der Chef des militärärztlichen TieNstsZ ging tat Mai nach Mesopotamien und derMeke, dag_ noch immer ein gewisser Mangel an notwendigen Artikeln herrsche. Darauf wurde sofort alles, was er angab, besorgt. Grex lehnt üie Durchlaffung amerlkanifther Rote-Kreuz-�rtikel ab. -Washington, 18. Juli.(SB. T. B.) Neutermeldung. Staats- ' eiretär Grey hat an die Vereinigten Staaten eine Pf o t e gerichtet, in der er seine Zustimmung zur Liefe- run.g amerikanischer Rote-Kreuz- und medizinischer Artikel an Deutschland und Oesterreich-Ungarn der- ny« igert. Grey stellt in Abrede, daß die Blockade der Verbün- beten gegen die Genfer Konvention verstoße, an deren Bestim- -Hungen England sich immer genau gehalten habe. Es bestehe kein Grund anzunehmen, daß in Deutschland und Lesterreich-Ungarn Not an Rote-Kreuz-Artikeln herrsche. Man habe eher Ursache zu oer Annahme, daß das Gegenteil der Fall sei. Wenn doch einiger Mangel an solchen Artikeln herrsche, müsse das dem Umstand zu- ieschriÄ>en werden, daß die Mittelmächte daS in Frage stehende Material zu anderen Zwecken benutzen, und wenn man neue Vor- rate an sie gelangen ließe, würde das nicht den Kranken und Ver- mundeten zugute kommen, sondern man würde dadurch den Mittel- mächten nur Material für Kriegszwecke in die Hände spielen. Die englische Regierung sei deshalb nicht in der Lage, einen solchen Präzedenzfall zu schaffen, wie ihn die Aufstellung eines Aufsichts- komitees, die daS amerikanische Rote Kreuz vorgeschlagen habe, darstellen würde. Englifther Gewerkschaftskongreß für /lbfthaffung öer Ieiertage. London, 18. Juli.(W. T. B.) Ter Gewerkschnftskongreß, der die Abschaffung der Feiertage bis zum Ende des Kriege« beschloß, war von 800 Abgeordneten besucht, die mehr als zwei Millionen Arbeiter vertraten. Die Versammlung war von dem Nationalen Ausschuß für die Munitionsherstel- l u n g veranstaltet. Den Vorsitz führte Artur Henderson. Unter den Teilnehmern befand sich der neue MunitionSntinister M o n t a z u und der Finanzselretär für die Admiralität Macnamara mit ihren AbieilungSvorständen. Die Verhandlungen waren vertraulich, bekanntgegeben wurde aber, daß Henderson eine Ansprache hielt, in der er die Tatsache hervorhob, daß die jetzt an der Westfront von den Engländeren er« reichten glänzenden Eriolge in großem Umfange der englischen Ueber« legenbeit in bezug auf große Geschosse zu verdanken seien. Die Uebcrlegenheit an Leuten und Ausrüstung, so führte er auS, sei, ob« wohl an und für sich nicht zu entbehren, nutzlos, wofern man nicht in bezug auf hohe Explosivmittel den Vorrang hätte. Ein Mangel in der Munitionsherstellung könne den Angriff in irgendoiner Ö; egend verzögern oder schwächen. Montogu versicherte der Ver« sammlung, wenn die Arbeiter die Vorschläge der Regierung an- nähinen, würde die Regierung dafür sorgen, daß die Arbeiter keinen Schaden von dem ihnen zugemuteten Opfer hätten. Bevor cS zu einer Entscheidung kam, wurde ein Brief des General» Haig, der die allgemeine Kriegslage in großen Zügen dar- stellte, unter allgemeinem Beifall verlesen. In dem Briefe heißt eS: Der Druck, den wir jetzt auf den Feind ausüben, darf leinen Augen« blick nachlassen. Die Truppen sind dazu gerüstet und brennen darauf, ihn aufrechtzuerhalten, aber die ununterbrochene Ergänzung der Munition ist dazu unentbehrlich. Die Armee in Frankreich er« wartet von den MuiritionSarbeitern, daß sie sie in den Stand setzen, ihre Aufgabe zu erfüllen. Ich bin gewiß, daß dieser Appell nicht vergebens sein wird. Die ganze britische Nation sollte auf den Ge- danken eines allgemeinen Feiertages verzichten, bis unser Ziel eines schnellen und entscheidenden Siege« erreicht ist. Den Abgeordneten wurde auch die Abschrift des Aufrufes eines verwundeten Soldaten überreicht. Beigefügt war ein Aufruf des Munitionsmini st er», in dem gesagt war: Die knappen Worte auf diesem Zettel, der von einem van dem Schauplatze des großen Kampfes, der jetzt in Frankreich vor sich geht, in England eingetroffenen verwundeten Soldaten stammt, zeigt klarer als ein umfassender Bericht die große Notwendigkeit der Stunde und die ungeheuere Pflicht, die aus denen ruht, die ihr in voller Sicherheit in der Heimat nachzukommen haben. Die englischen MunitionS« arbeiter nehmen ebensogut jetzt im weiteren Verlaufe an den Schlachten teil, als wenn ihre Werkstätten sich unmittelbar hinter der Feuerlinie befänden und sie persönlich damit befaßt wären, die Geschosse den Leuten zu reichen, die sie verfeuern. Wenn die»«in« mal begriffen wird, scheint ein jedes Nachlassen ihrer An« strengungen in dieser kritischen Stunde unmöglich zu sein. ES gibt keinen Feiertag für die Soldaten an der Front. Kann eS da Feiertage für uns geben, deren Pflicht e» ist, sie mit Waffen in der kritischen Stunde de» großen Kampfes zu versorgen? Feiertage. die in England gemacht werden, müssen mit Menschenleben bezahlt werden, die in Frankreich verloren gehen. Hierauf gründet sich die Rechtfertigung für den Aufruf, den der Munitionsminister an dl« Arbeiter richtet, um sie zur zeitweiligen Verzichtleistung auf die Ruhezeit zu veranlassen, auf die ihre schwere Arbeit unter anderen Umständen ibnen Anspruch gäbe. Bei Annahme der Resolution, in der die Zustimmung zu der Abschaffung der Feiertage gegeben wird, beschloß die Versammlung, den Worttaut der Resolution an General Haig unter Zufügung der Versicherung zu telegraphieren, daß die Versorgung mit Munition nicht nur aufrechterhalten, sondern auch noch vermehrt werden soll. Die Bergleute waren auf dem Kongreß nicht vertreten. Sie hielten aber in den verschiedenen Kohlendistrikten Versamm- langen ab und beschlossen in gleicher Weise, die Arbeit an den Feiertagen fortzusetzen. Zwangseinziehung öer Vermögen- Die im englischen Militärdienstgesetz vorgesehenen MterS- gruppen sind aufgerufen. Aber nun fordert„Cttscy" im„Dabour Leader", dem Organ der Unabhängigen Arbeiterpartei, neue Gkuppen ein. Nicht zum Militärdienst, wohl aber zum Dienst für das Land. Will er etwa Freiwilligenkorps für irgend welche be« sonderen Leistungen schaffen? Ach nein. Freiwillig würde sich kaum einer aus den Gruppen melden. Er knüpft nur an den während der Debatten über das Dienstpflichtgesetz mehrfach auf- getauchten Vorschlag an, daß neben der Konskription des Lebens zum mindesten eine Konskription des Besitzes stattfinden müsse. Und zwar hat eS ihm vor allem die Nationalisierung des Grund und Bodens angetan.„Casey" meint, daß, da jetzt aller Leute Kinder eingezogen werden, um ihr Leben hinzugeben, wenigstens die aus dem Krieg Zurückkehrenden, die Blinden, Verkrüppelten sowie die Verwandten der Toten in der Lage sein müßten, mit Wahrheit sagen zu können: Dies ist mein eigene», mein Heimat- land, anstatt wie jetzt: dies ist Rut-Land, Port-Land, Suther- Land usw. „Wenn dies Land zum Wohl des Volkes sozialisiert ist, dann, und dann allein, werden die Worte:„Er starb für sein Heimat- land" ihre richtige und wahrste Bedeutung haben." Und dann zeigt„Casey", wie der Boden England» in der Hand einiger weniger ist, und wie hohe Renten sie aus dem Grund und Boden ziehen. Er erinnert daran, daß sieben Herzöge einen Teil von London besitzen, der 14 640 006 Pfund Sterling~ 292 800 000 M. jährlich Rente bringt. Der Herzog von Westminster besitze 30 600 Acres und ziehe 3 038 994 Pfund Sterling Rente daraus. „(leset)" teilt die Landeigentümer in Gruppen ein(nach dem System der Wehrpflichtigen) und verlangt, daß ihr Wohlstand regi- ftriert werde zum Zwecke der Zwangseinziehung. In seiner Liste V sind die Besitzer von 10 000 bis 20 000 AcreS. Es sind ihrer 84, und die Reuten bringen eine erhebliche Summe. SZier Gruppen hatte er schon früher aufgerufen, die letzte soll folgen, und er schlägt nun vor, Tribunale, ähnlich wie die Militärtridu- nale, einzusetzen. „Niemand wird in dem Tribunal sitzen dürfen, der irgend welches Vermögen hat, genau so wie niemandem erlaubt war, in den vergangenen Lokaltribunalen ein Gewissen zu prüfen, es sei denn, daß er selbst keins hatte." Wirtschaftskrieg unü wirtfchastskonferenz. Zwingen oder gestatten dieselben Gründe, aus denen unsere Gruppe englischer Sozialdemokraten als solche zur Sache de» Ver- bandes steht, uns auch dazu, die künftige Handelspolitik zu unter- stützen? So ftagt Robert Arch in der„Justice"(dem Organ der kriegsfreundlichen Minderheit der Britischen sozialistischen Partei, die sich bekanntlich von der Partei getrennt hat) in der Nummer vom 29. Juni und antwortet: Soweit das Pariser Pro- gramm Maßregeln für die Dauer de? Krieges vorsieht, ist auch von unserem Standpunkt dagegen nichts einzuwenden, ebensowenig, soweit es sich dabei um Vorschläge handüt, die eine Wiederher- siellung des vom Feinde besetzten Gebietes betreffen. Anderer Meinung sind wir bereits hinsichtlich der Entscheidung, daß der deutsche und österreichische Handel nach Friedensschluß eine zeit- lang einer Sonderbehandlung unterworfen werden soll. Da müssen wir doch darauf aufmerksam machen, daß wir nicht aus Liebe zum britischen Reich oder aus Liebe zu den herrschenden Klassen der VerbandSländer oder weil wir die auswärtige Politik des Verbandes für weiß wie Schnee, die der Deutschen aber für pechschwarz hielten, für den Krieg eingetreten sind. Das überlassen wir Journalisten und anderen, die geschäftsmäßig die Leiden- fchaften des Augenblicks ausnutzen und sich dann selbst dergleichen einreden. Wir englischen Sozialdemokraten sehen ein, daß letzten Endes die Ursache dieses, wie aller modernen Kriege, der kapi- talistifche Imperialismus ist und er den eigentlichen Anstoß zum Krieg, den Angriff zweier kapitalistischer imperia- listischer Mächte, nämlich Deutschland und Oesterreich, gebildet hat. Soweit der Verband diesen beiden Staaten SBiderftand leistet und sie schlägt, verdient er unsere Hilfe und unsere Sympathie. Aber wenn wir vernünftig sind und unseren Kopf nicht verlieren, dann können wir nicht sagen, daß der Verband den Krieg selbst bekämpft, daß er den Militarismus beseitigt und für die Mcnschliöhkeit oder für irgend etwas dieser Art kämpft. DaS tut er durchaus nicht. Und die Behauptung, daß er solches im Sinne hat, ist eine rotnan- hafte Erfindung von Rednern und Journalisten, die dem Publikum etwas vormachen wollen, das in seiner Gesamt k>eit sich lieber Ein- bilüungen, die seinen Enthusiasmus kitzeln, hingibt, statt Wahr- heiten, die nur seinen Verstandbefriedigen würden, wenn er da wäre. Wenn man die deutschen und österreichischen Heere mit Waffengewalt aus den Ländern hinaustreiben will, die sie ver- brecherisch überfallen haben, so ist das zu billigen, hat aber nichts zu tun mit der angeblichen Notwendigreit der Abwehr Wirtschaft- sicher Angriffe. Wirtschaftliche Angriffe sind vielmehr eine nor- male kapitalistische Maßregel, über die kein Kapitalist sich beklagen kann, und wenn man davon redet, daß das Verkaufen zu Schleuderpeifen unlauterer Wettbewerb fei, so ist daS Heuchelei. Wer irgend etwas von wirtschaftlichen Dingen weiß, sollte sich nicht beeinflussen lassen durch oergleichen geheuchelte moralische Entrüstungen. Wir müssen ganz einfach erwägen, waS unsere Grundsätze und was die Interessen unserer Bewegung hinsichtlich der besonderen Mahregeln von unS fordern, die man gegen den deutschen Handel nach dem Kriege im Auge hat. Da mutz man vor allen Dingen sagen, daß die Interessen der Arbeiter fast nur mittelbar davon betroffen werd en. Wenn das von den Sozialdemokraten geforderte Recht auf Arbeit gesetzlich aner« kannt würde, könnte uns sogar daS Problem der Unterbietung, das uns wegen daraus entstehender Arbeitslosigkeit berührt, völlig gleichgültig sein; wir brauchen uns über den Gewinn der Kapitalisten nicht den Kopf zu zerbrechen. Die englischen Sozialdemokraten dürfen aber die WirtschaftS- Politik nach dem Kriege nicht ignorieren. Als Internationalisten geht uns die Sache etwa» an. Ich weiß, daß ich für die Mehr- heit der Sozialisten aller Verbandsländer spreche, wenn ich sage, daß wir niemals uns denjenigen an- geschlossen haben, die das ganze deutsche Volk mit allen seinen Klassen, die all und jeden Deutschen vernichten wollen. Wenn wir auch mit der Mehrheit der deutschen Sozialdemokraten durchaus nicht darin ein- verstanden sind, daß sie die Verbrechen ihrer Regierung im Reichs- tag durch Zustimmung unterstützt haben, so halten wir die deut- schen Sozialisten doch nicht für ebenso schuldig wie ihre Diplomaten und Generäle. Wir wissen genau, daß es Männer und Frauen in Deutschland gibt, die mit ungebrochenem Mut die Flagge des Internationalismus wehen lassen, andererseits verabscheuen uns Leute wie Hughes und Sir George Makgill sowie andere lautschreiende Deutschfeinde. Die vorgeschlagene Bestrafung de» deutschen Handels nach dem Krieg ist aber in weitem Umfang eine Folge der Propaganda eines Hughes und Makgill. Wir betrachten diesen Krieg als ein notwendiges Uebel, und wenn er vorbei ist, wollen wir nichts mehr mit ihm zu tun haben. Wir müssen so lange kämpfen, bis wir FriedenSbedingungen bekommen, die uns genügen. Haben wir diese aber, dann wollen wir keinen Krieg anderer Art, sondern Frieden. ?nterpellati»n in öer itaUenifttzen Kammer. Bern, 19. Juli.(W. T. B.) Mailänder Blättern zu- folge brachte der Abgeordnete A l t o b e l l i in der italienischen Kammer eine Interpellation»vegen der Maß» nahnten der deutschen Banken gegenüber italienischen Staatsangehörigen sowie wegen Verweigerung der Ausreiseerlaubnis aus Belgien für taug- liche oder einberufene Italiener ein. Die rechtsftehenöen rujftfthen Partelen über öle innere Politik. „Uiro Rossji" vom 8. Juli schreibt: In der letzten Zeit ist in politffchen Kreisen viel die Rede von einer Denkschrift der rechtsstehenden Parteien, die sie der Siegierung eingereicht haben. In der Denkschrift weist die Rechte nach, daß dank der er- zielten Uebereinstimmung des Handeln» bei den Verbündeten der Krieg eine günstige Wendung genommen hat und bald ein Ende haben wird. Folglich wäre es die Aufgabe einer weisen Regierung. sich schon jetzt auf die Lage nach dem Kriege vorzu- bereiten. „Die Regierung," behauptet die Rechte,„hat chre ganze Aufmerksamkeit den Erfordernissen der KriegSzeit zugewandt und achtete zu wenig auf das mnerpolitische Leben des Landes. Ganz anders handelten die revolutionären Organisationen. die keine Zeit verloren haben, sondern eiftigst Unruhen vorbereiten." Die Denkschrift beschäftigt sich eingehend mit der Tätigkeit der gesellschaftlichen Organisationen. Gegen den Semstwo- und Städte- verband und gegen die KriegSindustriekomiteeS wiederholt die Denkschrift die alten Klagen, baß sie sich mehr um die Politik als um ihre tatsächlichen Aufgaben kümmern und danach streben, die Macht an sich zu reißen. Die Tätigkeit der Revolutionäre hat nicht rechtzeitig die nötige Zurückweisung erfahren und bereits tiefe Wurzeln ge- schlagen „Was tut denn die Regierung in diesem Augenblick des heran- nahenden Sturmes?" ftagte die Rechte. Nach den im Frühjahr und Sommer 1915 zutage getretenen Schwankungen und der unverzeih- lichen Schwäche, die sich darin kundgab, daß der Linken zu Gefallen so wahrhaft dem Thron und Vaterland ergebene Diener des Zaren, wie Maklakow, Schtscheglowitow, Sabler und Ruch low, von ihren Posten entfernt wurden, wurde die Regierungsgewalt nach einer Reihe von erfolglosen Ministern Stürmer anvertraut. Die Parteien der Rechten machen kein Hehl daraus, daß sie große Hoff- nungen auf Stürmer setzten. Diese haben sich aber nicht be- wahrheitet. Dann folgt eine ganze Reihe von Beschuldigungen an die Adresse Stürmers wegen feiner zu großen Nachgiebigkeit gegenüber der Duma, wegen der Halbheit seiner Taktik gegenüber den Ver- bänden, den KriegSindustriekomiiees usw. Zum Schluß wird in der Denkschrift darauf hingewiesen, daß die Regierung� sich nicht zu viel zum Schaden der inneren Politik mit rein militärischen Aufgaben beschäftigen dürfe. Die Linke hat die Tendenz, absichtlich den Krieg in die Länge zu ziehen, um sich unterdessen zu organisieren und Unruhen vorzubereiten.„M an muß," sagen die Rechtsparteien, „bis zum Siege kämpfen, man mutz aber auch ver- stehen, rechtzeitig aufzuhören, sonst werden alle Früchte der Siege durch die ausbrechenden Un- ruhen vernichtet werden." Wie verlautet, hat Stürmer, nachdem er von dieser Denkschrift Kenntnis genommen hat. Schritte unternomyten, um sich von den gegen ihn von der Rechten erhobenen Anklagen zu reinigen. �lufftieg unü Abstieg eines Arbeiter- minifters. Der Stern des Herrn Hughes, des Arbeiterpremier» minister? von Australien, der England für den Schutzzoll gewinnen wollte, ist im Sinken. Zwar hat er in England Reden über Reden für Militärdienst und Schutzzoll gehalten, zwar hat man ihn in verschiedenen Stadien zum Ehrenbürger ernannt, aber trotzdem finden einige liberale Blätter, daß er ein wenig flach sei. Die Unabhängige Arbeiterpartei hat sich von Anfang an recht ablehnend verhalten und seinen Militarismus wie seinen Pro- tektioniSmus scharf bekämpft, und sie konnte bald berichten, daß die australischen sozialistischen Arbeiter keineswegs erbaut waren von dem Auftreten ihres Premierministers. Jetzt läßt ihn aber selbst, wenn auch nicht wegen seiner reaktionären Anschauungen, „Justice", das Organ der Sozialnationalisten, fallen. Es schreibt: „Herr W. H. Hughes ist nach Australien abgereist. Vor seiner Abreise wurde ihm von einer Anzahl Leute mit großem Vermögen ein Abschivdsbankett bei Riz, dem teuersten Hotel in London, ge- §eben. Das ist eine kleine Sache und doch ist sie bezeichnend. Ein rbe-itervertrcter, der seine Mission in London mit einem� großen Frühstück in der City beginnt und mit einem gleich großartigen Bankett bei Riz beendet, hat kaum die besten Mittel gesucht,� um mit dem englischen Volk in Berührung zu kommen. TaS besucht keinS dieser Gaschäuser. Aber das verhüllt uns nicht die Tatsache, daß Herr Hughes eine der größten Möglichkeiten, diesem Lande und den Kolonien nützlich zu sein, verfehlt hat. Eine Führung wurde verlangt. Die buntscheckige Koalitionspartei war diskreditiert. Eine lebhafte, gut durchdachte Politik würde das Land mit» gerissen haben und wahrscheinlich unsere„Wartet ab und seht"- Mittelmäßigkeiten gezwungen haben, einigen wenigen fähigen und entschlossenen Männern Platz zu machen. Wir erhielten nichts derartiges von Herrn Hughes. Der Geist seiner Reden war.nicht schlecht; tatsächlich war er gut, aber sie ermangelten der Konsistenz. Es gab keine bestimmten, klar geschnittenen politischen und ökono- mischen Vorschläge, die wir fassen und debattieren konnten. Wir haben mehr als genug von den rhetorischen Allgemeinheiten ge- habt; wir wünschen gesunde Gedanken in klare Sprache umgesetzt. Das gab uns Herr Hughes nicht. Es ist nicht diskreditierend, ihm zu sagen, daß die Situation für ihn schwer zu handhaben ist. Der Fehler war, daß er sprach, als ob er sie motstern könnte und— versagt«. Aber eS gibt keinen Grnnd, warum er nicht lernen, nach- denken und es wieder versuchen sollte." Die Kritik der„Justice" scht, wie das nicht anders zu er- warten war, an ganz anderer Stelle ein, als die der Jndependent Labour Party. Der Unabhängigen Arbeiterpartei gefiel der mili- taristifche und Protektionistische Tenor der Reden nicht, die briti- schen Nationalsozialisten hatten die nationalistische Seite seiner Reden gern stärker betont gesehen. Beide find aber der Ansicht, daß Herr HugheS als ein A r b e i t e r Vertreter kaum angesehen werden kann. Letzte Aachrichten. Berlin, 19. Juli. In diesen Tagen werden wieder Vertreter der hiesigen Zentralbehörden nach Wien reisen, um mit Vertretern der zuständigen österreichisch-ungarischen Dienststellen die seit einigen Monaten eingeleiteten wirtschaftlichen Besprechungen fort- zusetzen._ Vom U-Bootskrieg. London, 19. Juli.(W. T. B.) Lloyds meldet, daß man ver- mutet, daß der Dampfer„Evanaelistria" versenkt wurde. Der italienische Dampfer„Angels"(?) wurde von einem U-Boot ver- senkt. Die Besatzung wurde gelandet. Reuter meldet aus Christianstad, daß der britische Dampfer „Adam s", der aus Finnland kam, gestern nachmittag von einem deutschen Zerstörer gekapert und nach Süden gebracht wurde. Bevorsteheude Veränderungen im russischen Ministerium. Stockholm, 19. Juli.(T. U.)„Nußkoje Slowo" berichtet über die Verhandlungen deS russischen Ministerrates im Haupt- quartier: Zuerst seien Fragen der inneren Politik behandelt worden, da bedeutende Veränderungen im Ministerium bevorstehen, von denen die EntWickelung der inneren Politik abhänge, darauf Fragen der Armeeversorgung. Stürmer tritt für die Einsetzung eines Ver- sorgungs-DiktatorS ein, der für die Verteilung aller Lebensmittel an die Armee und die Bevölkerung verantwortlich sein soll. S s a so- now berichtete über ein neues Aktenstück, dessen Veröffentlichung demnächst geplant, und daS den Polen das Versprechen einer?luto- nomie ankündigt._ Neue Unruhen in Irland. Amsterdam, 19. Juli.(T. U.) Gestern abend ist eS in D u b l t n, Cork und anderen Städten Irlands abermals zu schweren Aus- schreilunaen gekommen. Die Unruhen ereigneten sich im Anschluß an das Bekanntwerden der Zurückweisung der von Sir Roger Case- meut eingelegten Berufung. Ueber die irländische Frage berichtet die„Daily News" noch, daß eine neue Partei aus den Nationalisten gebildet werden soll, welche gegen die Ausschließung der sechs Ulstergraffchaften sind. Die Partei soll den Namen Old Irlands Party tragen und in ihrer Politik ein einiges Irland anstreben. Es wird be- hauptet, daß nach den Versammlungen in Derry und Cork, die sich gegen die Ausschließung der Ulstergrafschaften wandten. Schritte unternommen werden sollen, um die Nationalisten in Ulster zur Bildung der neuen Partei zu bewegen, welche dann später über das ganze Land ausgebreitet werden soll. Auch ist schon die Gründung einer Zeitung erwogen, welche die Politik der neuen Partei för- dern soll. Gewerkfthastliches. Serltn und Umgegend. Aus dem Kriegsausich«� für die Metallbetriede Grojz-Berlins. Der SKlosser B. aus einer Spandauer Werkstatt möchte einen Kriegsschein, weil ihm Arbeilen übertragen sind, die seiner bis- herigen Tätigkeit als Schlosser in keiner Weise entsprechen. B. hat in anderen Betrieben Metzwerkzeuge gearbeitet und wurde nun in diesem Betrieb mit Arbeiten beschäftigt, die ungefähr für Bau- schlosser in Frage kommen. Es wird allseitig anerkannt, datz B. nicht an der richtigen Stelle steht, und da in diesem Betrieb für ihn geeignete Arbeit nicht hergestellt wird, erhalt B> den Äriegsschein. Der Rundschleifer B. von der Firma B. K. will einen Kriegs- schein, weil er anstatt in Akkord in Stundenlohn arbeiten soll. Da- mit wäre er ja an und für sich zufrieden gewesen, aber mit dem damit verbundenen Minderverdienst wollte er sich nicht zusiieden geben. Bon der Firma wird erklärt, datz es sich lediglich um Zwischenarbeit bandle, da die Vorarbeiten nicht so weit gediehen sind, datz ein Akkord sich an den anderen anschließen kann. Es wird vereinbart, datz dem Rundschleifer für die Zwischen- arbeit eine Lohnerhöhung gezahlt wird. Die Fräser I. und Z. von der Firmn N. A. G. wollen den Kriegsschcin. Da die Firma nicht vertreten ist, wird auf Grund dessen der Kriegsschein bestimmungsgemäß ausgestellt. 45 Former von der Firma H. fordern den Kriegsschein, weil ihre Forderung von 10 Proz. Erhöbung der Verdienste nicht an« erkannt war. Die Firma ist bereit, 5 Proz. zu geben. Nach längerer Aussprache erklärt sich die K o m m i s s i o n d e r Former bereit, dieses Zugeständnis den übrigen Formern zur Annahme zu empfehlen. Der Dreher Schw. der Firma B. wünscht den Kriegsschein wegen zu geringen Verdienste». Sch. behauptet, gegenüber seinen Kollegen bei der letzten Zulage z u r ü ck g e s e tz t zu sein. Es wird vereinbart, die Sache durch eine Zulage aus- z u g l e i ch c n. Zwölf Putzer der Firma I. wollen den Kriegsschein, weil sie in der letzten Woche geringeren Verdienst hatten als vordem. Es stellt sich jedoch heraus, datz die Ursache des geringeren Verdien st es nicht durch Motznahmen der Firma veranlaßt ist. Die Putzer hatten vor acht Tagen beschlosten, alle- samt in Kommune zu arbeiten. Die Firma hatte ihr Einverständnis dazu gegeben. In der ersten Woche dieses Kommuncarbeitens waren die Putzer nun nicht zu ihrem gewohnten Verdienst gekommen, und die Firma erklärte, datz sie nichts dagegen hat, wenn die gemein- same Arbeit wieder aufgehoben wird, so datz dadurch der frühere Verdienst wieder erreicht werden kann. Vom KriegSausschutz wird jedoch den Putzern empfohlen, zunächst noch einmal einen Versuch mit ihrer neuen Arbeitsmethode zu machen, und erst, wenn dann kein besseres Resultat erzielt wird, zu ihrer früheren Arbeitsmethode zurückzukehren. Zur Erteilung eines Kriegsscheins lag keine Veranlassung vor. Der Arbeiter N. von derselben Firma will einen Kriegsschein. weil er die Arbeit in der betreffenden Abteilung nicht aushalten kann. Die Firma erklärt sich bereit, R. in einer anderen Abteilung zu beschäftigen, und ist damit die Differenz behoben. Tie Berliner Töpfer über Parteistreit und GeWerk- schafteu. Die Zahlstelle Berlin des Töpferverbandes nahm am Dienstag den Bericht vom zweiten Quartal entgegen. Die von den Unter- nehmern zugestandene Teuerungszulage ist für die Arbeiter nicht befriedigend ausgefallen, da sie unter den obwaltenden Verhältnisten für die meisten nicht in Betracht kommt. Außerdem wird auch diese Zulage noch nicht einmal durchweg gezahlt, so datz die Lohn kommission in all diesen Fällen eingreifen und zu einer Verurteilung gelangen mutz. Die übrigen entstandenen Differenzen konnten auf dem Wege der Verhandlungen erledigt werden. Der Vorstand hatte gewünscht, datz der paritätische Nachweis sofort eingeführt werde, die Unternehmer haben jedoch als Termin den 1. Oktober d. I. festgesetzt. Bei der Uebernahme von Lohnarbeit sollen die Arbeiter immer erst den Lohnsatz mit dem Unternehmer ausmachen. Die Zentralkasse hatte eine Gesamteinnahme von 5032,82 M. und eine Gesamtausgabe von 4640,26 M. ES bleibt somit ein Kassenbestand von 452,56 M.— Die Gesamteinnahme der L o k a I k a s s e betrug 4093,88 M., die Gesamtausgabe 3180,82 M. Der Kastenbestand beträgt 913,06 M. In der Diskussion monierte ein Redner, datz von der Ver- waltungsstelle aus die.Fackel' ins Feld gesandt werde. Vom Vorstand wurde erwidert, datz ihm die.Fackel' unentgeltlich zugestellt werde und die Post an Soldaten ja frei sei. Unkosten entständen also hierdurch nicht. Der Redner erklärte hierauf: er beanstande und mißbillige den Versand der.Fackel' durch die Gewerkschaft. Mit demselben Recht könnten dann auch entgegengesetzte Schriften hinausbefördert werden. Dadurch trage man den Parteistreit in die Reihen der Gewerk- schaftler. Der nächste Redner führte aus, der Vorstand habe keine Werbe- arbeit für eine bestimmte Richtung zu betreiben, das müsse aus- hören, der Streit soll nicht in die Gewerkschaft getragen werden. Es könne ja jeder lesen, was er wolle, aber das sei eine persönliche Angelegenheit, der Verband habe sich nicht darum zu kümmern.— Ein weiterer Redner führte aus: Die.Fackel' sei eine Ergänzung des.Vorwärts', die Soldaten könnten auch mal die andere Seite hören, jede Richtung habe ihr Recht. Der.Vorwärts' gehe ja auch ins Feld. Ihm wurde von einem anderen Redner geantwortet: Die Richtungen seien ihm gleichgültig; aber auf diese Weise trage der Vorstand den Streit in den Verband. Das solle aber verhindert werden. Wer die.Fackel' lesen wolle, möge sich an die zuständigen politischen Stellen wenden, die Gewerkschaft habe anderes zu tun. Der Re- dakteur des Fachblattes habe in der früheren Versammlung ver- sprachen, keine Politik mehr auf gewerkschaftlichem Gebiete zu be- treiben, und nun werde der Streit wieder entfacht. Wie komme der Zentralvorstand überhaupt dazu, Kriegsanleihe zu zeichnen Z Woher habe er das Recht erhalten? Drunsel: JÄ habe schon in einer anderen Versammlung die Gründe hierfür vorgelegt und die Mehrheit der Mitglieder hat mich auch verstanden. Ein Antrag, datz die Versendung der.Fackel' und aller sonstigen politischen Schriften durch den Vorstand eingestellt werden solle, wurde einstimmig angenommen. Eine längere Debatte entfachte ein Antrag, infolge der ver- minderten Mitgliederzahl und Einnahmen einen Angestellten zu entlassen. Drunsel sprach sich gegen den Antrag aus und legte die Gründe dar, die es zweckmätzig erscheinen lasten, die vorhandenen Angestellten auch über die jetzige Situation hinaus zu erhallen. Der Antrag wurde gegen eine erhebliche Minderheit ange- nommen. Zum Schluh wurden noch die Wahlen zum Arbeitsnachweis» kuratorium erledigt. Deutsches Kelch. Erklärung. Der.Vorwärts' vom 19. d. M. bringt in einer Resolution der Leipziger Metallarbeiter unter anderem auch einen Absatz, der sich gegen mich richtet. In dem Absatz wird behauptet, meine Tätigkeit in der General« kommission stände im krassen Gegensatz zur Auffastung der Mehr- heit der Delegierten des Berliner VerbandStages und damit im Widerspruch zur Auffastung der Mehrheit der organisierten Metall- arbeiter. Dazu möchte ich bemerken, datz ich geradezu überrascht war über diese Stellungnahme der Leipziger Kollegen. Woher kenneu denn die Leipziger Kollegen meine Anficht und meine Haltung in der Generalkommisston? Die ist doch nach außen hin noch gar nicht in die Erscheinung getreten. Geftagt hat man mich auch noch nicht danach. Angesichts dieser Talsache ist die Entschlietzung der Leipziger Kollegen gelinde gesagt eine Leichtfertigkeit, die kaum zu über- bieten ist. Weiter möchte ich feststellen, datz die Tätigkeit der General- kommistion nicht einen Augenblick Gegenstand der Verhandlungen des Berliner Verbandstages war. Im Protokoll ist darüber nichts zu finden und mein Gedächtnis sagt mir auch nichts anderes. Wenn mir auch manchmal das Tun und Treiben der Leipziger Kollegen, beeinflußt durch Mitglieder, die sehr enge Beziehungen zur .Leipziger Volkszeitung' haben, etwas merkwürdig vorgekommen ist, so habe ich sie doch niemals in ihrem Beginnen gestört. Um so weniger hätten die Leipziger veranlastung, mich in einer so hinter- hältigen Weise anzugreifen. Wenn irgend eine Verwaltungsstelle unseres Verbandes von mir Auskunft wünscht über meine Ansichten und meine Hallung in der Generaltommission, habe ich noch immer klare und unzwei- deutige Auskunft gegeben. Das werde ich auch in Zukunft so halten. Angriffe der Art, wie es jetzt Leipzig beliebt, verbieten sich für anständige Kollegen von selbst. _ Adolf Cohen. Eine Konfereuz der Thermometerarbeiter Thüringens' Vor einiger Zeit fand in Ilmenau eine Konferenz für die Ther- mometerindustrie Thüringens statt, zu der die thüringischen Bundes- staaten Vertretungen entiandt hatten. Ebenso waren die in Betracht kommenden Industriellen und der Verband der Glasarbeiter ver« treten. Ferner hatte die Regierung zwei unorganisierte Arbeiter ge- laden, um auch deren Interessen zu vertreten. Die Konferenz hatte sich mit den gegenwärtigen Verhältnissen in der Thermometer- industrie zu beschäftigen. ES sollen Bestimmungen getroffen werden, um die zurzeit günstigen Verhältnisse für später sicherzustellen. Der Krieg hat den Bedarf an ärztlichen Thermometern gesteigert; dadurch sind die Preise für die Instrumente bedeutend gestiegen und ganz natürlich haben sich auch die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Thermometerarbeiter erbeblich gebessert. Die Regierung hatte sofort beim Ausbruch des Krieges ein Ausfuhrverbot erlassen. Nach dem Kriege würde diese Industrie wieder sehr zurückgehen. Um die In- terestcn der Arbeiter und der Industriellen auch nach dem Kriege sicher zu stellen, fand unter Vorsitz deS Geheimen Staatsrats Dr. U n t e u t f ch von Weimar eine gemeinsame Konferenz statt. DaS Referat hatte der Vorsitzende G i r b i g des Glasarbeiter- Verbandes übernommen, der die Lage der Thermometerarbeiter vor dem Kriege schilderte. Nur in ganz seltenen Fällen verdienten die Arbeiter früher bis zu 30 M. pro Woche, während beute von einem geübten Thermometerarbeiter 80 bis 100 M. und darüber hinaus verdient werden. Ohne allen Zweifel dürfte die Nachfrage auch nach dem Kriege noch für längere Zeit bestehen bleiben, denn das Aus- land wird seinen Bedarf zu decken versuchen und ist auf das deutsche Fabrikat angewiesen. Wird zurzeit ein Tarif abgeschlosten, der für längere Jahre Geltung Hot, und sind die Organisationen der In- dustriellen und Arbeiter stark genug für Einhaltung des Tarifver- träges einzutreten, dann werden die heute günstigen Verhälmisse sich erhalten lasten. Die anwesenden Industriellen erklärten ihre Bereitwilligkeit zur ferneren Mitarbeit und erkannten, datz in tariflichen Vereinbarungen eine Sicherstellung für die ganze Industrie liege. Die Regierungs- Vertreter und auch die Industriellen bekundeten unumwunden, datz von keiner Seite zugelassen werden darf, datz die Preise für die Thermometer wieder so tief sinken, wie dies vor dem Kriege der Fall war. Die Konferenz sprach ferner aus, datz in ganz entschiedener Weise verlangt werden mutz, datz alle ärztlichen Thermometer ge« nicht und die nach dieser Richtung bestehenden gesetzlichen Vor- schriften eingehalten werden müsten. Ebenso soll verlangt werden. datz für alle jugendlichen Arbeiter eine feste Lehrzeit nicht unter SVs Jahren eingeführt wird. Die Konferenz wählte nach vierstündiger Beratung eine Kom- Mission aus neun Personen. Den Vorsitz übernahm Herr Geh. Staatsrat Dr. Unteutsch und wird die Kommission einen Tarif- vertrag und auch die übrigen Bestimmungen über eine feste Lehrzeit ausarbeiten. Dann soll die Weilerberatung festgesetzt werden. E§ steht demnach in sicherer Aussicht, datz es endlich gelingen dürfte. für die in der Thüringer Heimindustrie beschäftigten Thermometer- arbeiter eine Besterstellung ihrer beruflichen Lage zu schaffen. Erhebungen über die Frauenarbeit im Baugewerbe. In der ersten Hälfte des Monats August soll vom Deutschen Bauarbeiterverband in allen Zweigvereinen eine Erhebung über die Frauenarbeit im Baugewerbe vorgenommen werden. Es soll fest- gestellt werden, wie grotz die Z a h I der Bauarbeit verrichtenden Frauen ist, bei w e l ch e r A r t von Bauarbeit sie tätig find und wie sie entlohnt werden. Die Erhebungen über den Lohn der arbeitenden Frauen sollen sich daraus erstrecken, ob die Frauen im Tagelohn oder im Stunden- lohn oder im Akkord arbeiten. Die Lohnhöhe soll nicht durch Fest- stellung der Einzellöhne ermittelt werden, fondern es ist festzustellen, welcher Lohn im Durchschnitt üblich ist; zwei weitere Fragen sollen Auskunst über den höchsten und den niedrigsten Lohn geben. DaS Ergebnis dieser Erhebungen soll die Grundlage für die Prüfung der Frage bilden, ob der Deutsche Bauarbeiterverband auch der Organisatron der erwerbstätigen Frauen nähertreten soll oder nicht. ES handelt sich also um eine Statistik von erheblicher Wichtigkeit._ Das Schicksal einer Weihnachtsspeude. Die„Bergurbeiterzeiiung" berichtet folgende lehrreiche Be- gebenheit: Die Belegschaft einer kleinen Zeche im Ruhrgebiet hatte sich einen unorganisierten Arbeiterausschutz gewählt, der es, was leicht vorauszusehen war, unterließ, für die Unterstützung der be- drängten Kriegerfamilien zu wirken. So gingen denn die Aerm- hen leer aus, während auf den benachbarten Zechen namhafte Unterstützungen gewährt wurden. Dieser Belegschaft und ihrem unorganisierten Ausschuß mußte nun doch wohl die leise Erkenntnis dämmern, daß ihr Verhalten mit der Opferbereitschaft anderer Belegschaften sehr wenig im Einklang stand und so sollte den Kriegerfamilien wenigstens eine Weihnachtsfteude bereitet werden. Zu diesem Zweck wurde gesam- melt. Wenn man nun auch an eine Belegschaft, die einen un- organisierten Arbeiterausschuß wählt, in der Beziehung keine gro- ßen Anforderungen stellen darf, so blieb das Ergebnis der Samm- lung doch noch hinter den bescheidensten Erwartungen zurück, denn nur ganze 53 M. kamen zusammen. Dieser Betrag wurde dem Betriebsfiihrer zur Verteilung an die Familien der Kriegsterl- nehmer übergeben, die aber vergeblich darauf warteten. Als nun der Betriebsführer feine Stellung aufgab und am 1. Juli 1916 nach Essen verzog, half ihm ein Ausschußmitglied beim Umzug und stellte hierbei die Frage, wie es mit der Verteilung des Geldes siehe. Länger als ein halbes Jahr hatte der Arbeiterausschuß also oie Sache laufen lassen. Der Betriebsführer erklärte, datz er das Geld dem Arbeiterausjchutz zuschicken werde, sobald er sein noch ausstehendes Gehalt erhalten habe. Den Betrag von 8 M., den der Betriebsführer für feinen großen Hund erhielt, händigte er dem Ausschußmitglied als.Abschlagszahlung" aus, der Rest von 50 M. sollte folgen. Ob das inzwischen geschehen ist, wissen wir nicht, aber das wissen wir, datz eine Belegschaft, die sich einen unorganisierten Arbeiterausschutz wählt, es gar mcht besser haben will. Wähler und Gewählte sind einander wert. Zu beklagen sind nur die be- nachteiligten Kriegerfamilien. Hoffentlich tragen diese Zeilen dazu bei, datz sich ein verlorener Sohn wiederfindet. /tos der Partei. Bebel über Parteidiffereuze». In„Aus meinem Leben", dritter Band, S. 222, äußert sich Bebel über die„Unstimmigkeiten" während des Sozialisten- gesetzes und über die Notwendigkeit freier Aussprache der gegensätzlichen Meinungen. Dort finden sich folgende auch für die heutige Situation zu beherzigende Worte: „Es ist unvermeidlich, datz in einer Partei, sei sie auch noch so geschloffen und in ihrer persönlichen Auffaiiung einig, im Laufe des Kampfes MeinungSverschiedenheiien enlstehen und sich Gegensätze herausbilden. Es gibt keine Partei, die dergleichen Erfahrungen nicht gemacht hätte oder macht. Die Sozialdemokratie macht darin keine Ausnahme. Parteien, die in der Macht sind und ihre Machtstellung gegen Angriffe zu verteidigen haben, sind geschlossener als solche, die um die Eroberung der Macht kämpfen. Bei diesen letzteren entstehen leicht Meinungsverschiedenheiten über die zu beobachtende Taktik, über Fragen wie die, in welcher Weise und mit welchen Mitteln man zu kämpfen habe, wie weit man dem Gegner entgegenkommen könne oder solle, welche Wirkung auf den Gegner die eine oder andere Kampfmethode ausüben werde und welchen Erfolg die eine oder andere zeitige. Aber die Wahl der Kampfmethode ist keine freie; sie wird be- einflutzt durch die Kampfweise und Machtmittel des Gegners, die den Angreifer zwingen, zu kämpfen nicht wie er will, sondern wie er mutz. Darüber enlstehen dann Meinungsverschiedenheiten, die durch Temperament und Charakter der einzelnen, die verschiedenartige Auf- faffung der allgemeinen Lage und der eigenen Partei zu Reibungen und Meinungskämpfen führen. Solche Meinungskämpfe sind in der Sozialdemokratie vorge- kommen, so lange sie besteht, und sie werden bleiben, so lange die Partei tebt, dabei allerdings nach den Umständen ihren Charakter ändern. Sollen aber solche Meinungskämpfe innerhalb einer Partei zu ihrem Nutzen verlaufen, so ist die c r st e Bedingung eine freie Aussprache der Meinungen, die einen Ausgleich der gegen- sätzlichen Auffassung herbeiführen kann. Ander Möglichkeit einer solchen offenen Aussprache, die Lebensluft für eine demokratische Partei ist, fehlte es aber unier dem Sozialistengesetz in hohem Grade. Die Kongresse, die immer erst in langen Zwischenräumen und unter Ueberwindung großer Schwierig- leiten staltfinde» konnten, genügten allein nicht; auch die Konferenzen, die zeitweilig unter den führenden Genossen abgehalten wurden. waren nur ein Notbebelf. Ihre offene Ausfechlung im Parteiorgan war aber sehr schwierig und bedenklich, weil man dabei den Gegner in die Karten sehen lassen mutzte. So erklärt es sich, datz die Meinungsverschiedenheiten in der Partei zeitweilig einen im« angenehmen Charakter annahmen und auf beiden Seiten zeitweilig der Glaube entstand, eZ werde zu einer Spaltung kommen. In die Oeffentlichkeit drang von diesen Meinungsverschieden- heitcn nur wenig, aber unzweifelhaft war, daß, falls es zu erregten, öffentlichen Erörterungen gekommen wäle, die ungeheure Mehrheit der Parteigenossen jeden Versuch, eine Spaltung hervorzurufen, zurückgewiesen hätte."_ Zum Frankfurter Parteikonflikt. Der Vorstand des Sozialdemokratischen Verein» Frankfurt a. M. schreibt uns: Aufklärung über die angebliche Verweigerung der Pflicht- beitrage des Wahlkreises Frankfurt a. M. an den dortigen Bezirksvorstand. Wenn schon die Frankfurter WahlkreiSorganisaiion vor und gleich nach Ausbruch des Krieges sehr stark unter der eigentümlichen Stellung des Bezirkssekretoriates zu leiden hatte, führte die Partei- leitung doch ihre Pflichtbeiträge weiter ab. Nachdem ober im Auf- trage des Bezirksvorstandes, unter Ausschaltung mehrerer Mit« gkieder dieser Körperschaft, ein Flugblatt verfaßt und verbreitet wurde fdas Flugblatt wurde von dem Beamten des Bezirksselreta- riats bestellt und bezahlt), in welchem die internsten Parteiangelegen- heften vor das Forum der Oeffentlichkeit gezogen wurden, und worin man aufforderte, die„Volkssiimme' abzubestellen, und nachdem das erweiterte Agitationskomitee die volle Verantwortung für diese Handlung übernahm, gab es für die Frankfurter Parteileitung keinen anderen Weg, als dieser Körperschaft die Mittel für solche parteischädigende Handlungen zu entziehen. Es ist be- kannt, datz ziemlich a.lle Kreise aus Mangel an Mitteln keine Pflichtbeiträge mehr an den Bezirksvorstand abliefern. DaS gegen uns gerichtete Flugblatt würde ausschließlich von unseren Geldern bezahlt werden. Die Welt würde lachen, wenn wir das Pulver liefern würden, mit welchem man uns zu erschießen be- absichtigt. Sollten die Unkosten aber, wie uns mitgeteilt wurde, durch ein Umlageverfahren in den daran interessierten Kreisen ge- deckt werden, so ändert dieses nichts. Denn mehrere größere Kreise baben ihre Pflichtbeiträge an den Bezirksvorstand wegen Mangels an Mitteln nicht abführen können, und bei den sieben kleineren Kreisen steht einer buchmäßigen Einnahme von 353,23 M. eine Ausgabe von 4617,13 M. gegenüber. Der Bezirksvorstand wird also direkt oder indirekt die Kosten für das Flugblatt tragen. Die Agitation gegen die.Volksstimme' unter Führung des er- weitetten AgitationskomiteeS hat dem Unternehmen einen gewissen Schaden zugefügt. Da ganz sicher anzunehmen rst datz die aus- Wärligen Kreiie niemals diesen Schaden decken werden, so war es unsere Pflicht, so weit es in unseren Kräften steht, für Be- gleichung dieses Schadens zu sorgen. Die Gcneralversamm- lung nahm daher die nachstehende Resolution an: „Durch die Beschlüsse des erweiterten AgitationskomiteeS zur Preffefrage wird das.Volksstimmen'- Unternehmen finanziell ge« schädigt. Die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins Frankfurt a. M. beschließt darum, die an das Agitations- komitee abzuliefernden Pflichtbeiträge vorläufig an die Geschäfts- leitung der.Volksstimme' abzuführen.' Da die Parteipresse ein Bestandteil der Pavteiorganisation ist, so ist dieser Schritt zur Förderung der Partei gemacht worden und wir glauben, datz gegen diesen Beschlutz nichts einzuwenden ist. Gegen die Einberufung eines Parteitages. Eine Konferenz des Wahlkreises Offenbach-Dieburg be- schäftigte sich mit der gegenwärtigen NrisiS in der Partei. Der Ab- geordnete des Kreises, Genosse Ullrich, verteidigte die Fraktions- Mehrheit, während Abgeordneter Genosse L e d e b o u r die Haltung der Arbeitsgemeinschaft begründete. Nach einer längeren Diskussion wurde von einer Stellungnahme zum Parteistreit Abstand ge- nommen, dagegen e i n st i m m i g beschlossen, beim Parleivorstande zn beantragen. datz kein Kriegs- Parteitag statt- finden soll. /tos Industrie und Handel. Ernenernng des Kohlensyudikats. In einer Zechenbesitzerversammlung deS rheinisch-westfälischen Kohlensyndikats tourbe_ über die Verhandlungen des Aus- schusses berichtet, datz nicht sämtliche Beteiligten, wohl aber ein ansehnlicher Teil davon sich bedingungslos bereit erklärt hat, einem zu bildenden fünfjährige n Syndikat beizutreten. Der Fortgang der Verhandlungen soll sich in der Weise abspielen, datz auf den 15. September eine enticheidende Versammlung der Zechen- besitzer eingeladen wird. Falls sich auch dann noch nicht die Zu- stimmung der Gesamtheit ergibt, soll eine weitere Versammlung vor dem 15. Oktober staltfinden. WotterauSstchten fit das mittlere Siorddeutschland btS Freitag mittag. Zeitweile heiter, aber noch ziemlich kühl und veränder» Iich. Besonders östlich der Oder öfter leichte Rcgensälle. Berantw. Redcckt.: Alfted Wielevv. Neukölln. Inseratenteil vercmtw. Tb.Glocke.Berktn. Druck u.Per!«t!BorwärtSL>nddr.u.VtthigStnrstaIt Paul Si.lgeiöcCo., Berlin SW, Hierzu 1 Beltagr u. Untrrhaltungsbl. Jlr. 197. 88. Zahroang. Seilte des Jonslüls" fnliitet InlbMitt. Aoauerstag. 20. luli 1916. §ür einen Kriegsparteitag. Wir erhalten folgende Zuschrift: Werte Kollegen! Die Erörterungen über den Kriegsparteitag veranlassen zu einigen Bemerkungen. Einem Menschen, der jenseits aller Per- sonatien die Dinge aus ihren sachlichen Bedingungen zu beob- achten und zu begreifen bemüht ist, fällt es schwer, die«tellung- nabme der verschiedenen Parteirichtungen zu dieser Frage zu verstehen. Ich würde es nicht verwunderlich finden, wenn die sogenannte Parteimehrheit und der Parteivorstand sich mit allen Mitteln gegen die Einberufung eines KriegSpartmtags wehren würden. Denn Mehrheit und Vorstand können unter keinen Umständen bei solchem Unternebmen gewinnen. Das zeigt eine ebenso einfache wie zwingende Ueberlegung. Würde die bisher herrschende In- stanze nrichtmig auf dem Parteitag eine Mehrheit gewinnen, so wäre das für niemanden eine Deckung, für niemanden Rechtferti- gung und Entlastung, es würde aber auch für niemanden die demo- kratische Pflicht zur Unterwerfung unter Mehrheitsbeschlüsse, bei den gegenwärtigen Verhältnissen, als gegeben erscheinen lassen. Umgekehrt: würde sich eine Mehrheit gegen die jetzige Exekutive der Parteipolitik finden, so wäre das eine geradezu zermalmende Niederlage der Jnstanzenmehrheit, aus der jeder die notwendigen demokratischen Konsequenzen zu ziehen hätte, wer in der Partei fürderhin zu bleiben wünschte. Dieser ausschlaggebende Unter- schied der Wirkungen möglicher Parteitagsbeschlüsse geht aus der von Grund aus verschiedenen Rechtslage unserer Ordnungsgruppe und unserer Porteiopposition hervor sum die unsicheren Ausdrücke Mehrheit und Minderheit zu vermeiden). Ter erstercn werden keine wesentlichen Schwierigkeiten in der Entfaltung ihrer Pro- paganda durch Belagerungszustand und Zensur bereitet. Hin- gegen ist die Opposition, wie immer gewisse OrdnungSorgane eine solche Behauptung zu verhöhnen und zu bestreiten lieben, in ihrer Bewegungsfreiheit vollständig gehemmt; ja die schlimmste Hem- mung besteht gerade in dem Schein ihrer Bewegungsfreiheit. Die Zensur läßt keine uneingeschränkte Diskussion der Kriegsvrobleme der Presse zu; das beeinträchtigt nicht die Orbnungsblätter, die dieser vielleicht unerwünschten Freiheit nicht bedürfen, lähmt aber völlig die Opposition, und dann am empfindlichsten, wenn sie scheinbar ihre Sache zu verteidigen imstande ist. Auch wo in Versammlungen die Vertreter der verschiedenen Richtungen mitein- ander diskutieren, tvar die Freiheit der Argumente für die Oppo- sition immer nur verstümmelt. Bei den Delegiertcnwahle» wird in den meisten Kreisen diese verschiedenartige Lage der Anhänger der einen oder der anderen Meinung zu unguniten der Opposition wirken. Unterliegt somit bei den Delegiertenwahlen die Opposition, so bleibt in allen Fällen die Vermutung einer durch äussere Umstände behinderten Auf- klärung bestehen, die die schliesslichc Entscheidung der solchermaßen nicht genügend unterrichteten Parteigenossen als zufällig und nicht bindend entwerten muß. Der Makel dieser Herkunft der Tele- gierten lastet dann natürlich verstärkt auf dem Parteitag und keine formelle Berufung auf die demokratische Pflicht der Unterwerfung unter Mehrheitsbeschlüsse würde einen denkenden und gcivisscn- haften Parteigenossen zur Verwechslung von Belagerungszustand und Demokratie verführen; Demokratie ohne unbegrenzte Freiheil der Selbstbestimmung ist ein Widersinn, ein Unding. Anders steht c? mit den Mandaten der OppositionSdelegierten; die sind durchaus vollwichtig, da sie ja trotz der für ihre Sache ungünstigen militärischen Staatsgewalt(oder auch: verstaatlichten Militärgewalt) gewonnen worden sind. Die Mandate der durch die gegenwärtigen Verhältnisse gewaltsam, wenn auch wider deren Willen, vgn außen begünstigte« Fraktionsmehrheit- und Parte t- vorstairdsarrhänger find mitbin von vornherein odios und halten keiner chftUichen damokratischen Prüfung stand. Hingegen eäblen die Oppositionsmandate moralisch und demokratisch doppelt und dreifach, selbst wenn man über ihre sachliche Bedeutung eine»n- günstige Meinung hegen sollte. AuS denselben Gründen ist übrigen? auch der Vergleich eines KriegSpartcitagS mit den Berliner Organisationswahlen sinnlos. Ueberall, wo trotz der äußeren Hindernisse, sich überwältigende Mehrheiten der Parteigenossen zur Opposition bekennen, wohnt den Parteibeschlüssen mit Recht bindende Kraft bei, und eS ist nicht der mindeste Anlaß, die demokratische Bewegungsfreiheit auch wäh rend des Krieges in der Aenderung ihrer Leitungen und Führer schaften zu verkümmern. Ueberall, wo die ,.O r d n u n g s p a r- t eiler" sich behaupten, ist ihr inneres Recht, eben wegen ihrer Be> günstigung und der minderen Betätigungsfreiheit der anderen, ver dächtig und bleibt jede Berufung, daß sie die mehreren seien, zweifelhaft. Die Fraktionsmehrheit und der Parteivorstand wünschen, waS wir natürlich verstehen und billigen, für ihre Handlungsweise die Unterstützung der Masse der Parteigenossen; sie möchten zu diesem Zweck die wirklichen Anschauungsverhältnisse in den Parteiorgani- fationen zahlenmäßig feststellen. Aber dieser berechtigte Wunsch kann durch einen Kriegsparteitag nimmermehr erfüllt werden. Eine Mehrheit nützt ihnen nichts, wie wir gezeigt haben, in die Minder- heit zu geraten, wäre für sie vernichtend. Deshalb müßte gerade die gegenwärtig herrschende Parteirichtung sich gegen den Ge- danken wehren, ein für sie so gefährliches Mittel anzuwenden. Würde ein Kriegspartcitag nur den Zweck haben, in der Partei- Wirrnis Ordnung zu schaffen, dem Vorstand und der alten Frak- tion ein Vertrauensvotum zu erobern, so müßte auch die Oppo- sition selbstverständlich ein so untaugliches, für die Parteieinheit bedrohliches Unternehmen ablehnen. Aber es scheint mir, als ob es für die Parteiopposition zurzeit unendlich größere Aufgaben zu lösen gibt, als die noch so bedeutsame innere Ordnung des sogenannten Parteichaos. Unsere elementare Aufgabe ist es vielmehr, dem Proletariat den raschesten und stärksten Einfluß auf die Kriegspolitik zu gewinnen. Parteiklarheit und Parteieinheit finden sich ganz von selbst wieder, wenn wir ein sozio- listisches und demokratische? Aktionsprogramm(da» aber nicht nur Programm bleiben darf, sondern unmittelbar auszuführen ist) für die gegenwärtige Weltkrisis aufstellen und ungesäumt mit seiner Verwirklichung beginnen. TaS ist die geschichtliche Rolle, die für die Zukunft der Internationale wie deS deutschen Volkes der Partei- opposition auferlegt ist, zumal der deutschen Parteiopposition. Da gilt kein Zögern und keine Bedenklichkeit mehr. Für die Förde- rung dieser weltgeschichtlichen Aufgabe aber scheint ein Kriegs- Parteitag eine mögliche Stätte fruchtbarer Vorbereitung entschlossenen Handelns. Ich fetze dabei felblwerständlich voraus, daß der Parteivor- stand, wenn er im Interesse der Aufklärung der weitesten Partei- öffentlichkeit einen Parteitag«inberufen sollte, sich vorher derge- wisserl hat, daß dieser Zweck der Aufklärung auch erreicht werden kann durch die Oeffentlichkeit der Verhandlungen und Freiheit der Berichterstattung in der Presse. Ist aber diese Voraussetzung er- füllt, ohne die der Parteitag ja zur läppischen Posse werden würde, dann wächst der Parteitag, von dem engeren organisatorischen Zweck notwendig weit über sich hinaus, sofern die Opposition ihre Stunde und ihre Pflicht recht versteht. Es wird dann schnell allen gleichgültig werden, ob der oder jener im Parteivorstand sitzt, oder zu entscheiden, welche« Maß politischer Weisheit dh: alten und der neuen Fraktion zuzubilligen sei. Für die Delegierten gelten nicht die einschnürenden Rück- sichten, die ein Redakteur auf die Existenz des ihm anvertrauten Blattes, ein Organisationsleiter auf den Bestand seiner Organi- sation nehmen muß, auf dem Parteitag wird von jedem Tele- gierten verlangt werden müssen und jeder bei der Wahl darauf ver- pflichtet werden, daß er rücksichtslos seine Ucberzeugung und seinen Willen ausspricht, ohne irgend welche Zaghaftigkeit vor un- angenehmen persönlichen Folgen. Das tragisch stählende Wort eines französischen Offiziers:„Wir sind heute alle nur Tote auf Urlaub" muß für die Partcitagsdelegierten in dem Sinne be- herrschend sein, daß sie ohne Menschenfurcht aussprechen, was ist, und bekennen, was sie zu tun gedenken. Ein mit solchem Geist er- füllter Parteitag wird über Parteiorganisation und Partei hinaus auf das ganze deutsche Volk und jenseits der Grenzen wirken. Und er kann wesentlich dazu beitragen, daß wir uns nicht mehr bloß mit dem leeren Protest begnügen müssen, durch den wir Ver- antwortlichkeiten ablehnen, sondern daß wir den Einfluß ge- Winnen, die Verantwortung für die Durchsetzung einer positiven und aktiven sozialdemokratischen Politik übernehmen zu können. Darum sollte die Opposition sich für J>ie Einberufung eines Kriegsparteitags erklären! München, 18. Juli 1916. Kurt EiSner. »» • Genosse Eisner geht in seinen Auffassungen von zwei Voraus- setzungen aus, die unserer Ueberzeugung nach nicht vorliegen. Er betont gleich uns, daß angesichts der Eigenartigkeit des Kriegs- Parteitags für die Minderheit keinerlei moralische und demolra- tische Verpflichtung bestehe, sich etwaigen Beschlüssen des Partei- tages zu unterwerfen. Eisner scheint dabei nur zu übersehen, daß diese Erwägungen, weshalb der Parteitag der moralischen und demokratischen Befugnis entbehre, der Minderheit die Diktatur seiner Beschlüsse aufzuerlegen, wahrscheinlich ftir die Mehrheit als völlig belanglos erscheinen und für sie keinen Hinderungsgrund bc- deuten würden, die Beschlüsse dennoch mit allen Mitteln durchzu- drücken. Dadurch würde aber, wie wir ausführlich nachgewiesen baben, die Gefahr der Spaltung der Partei heraufbeschworen. Diese Spaltung aber wollen wir, soweit es an unS liegt, vermeiden. Um sie aber zu vermeiden, ist es notwendig, eine Situation zu Verl hindern, die in ihren Konsequenzen mit der größten Wahrscheinlich- keit zur Spaltung führen müßt«. Weiterhin betrachtet Genosse EiSner den Parteitag al» ein Mittel, um die Massen der Partei für jene Kriegspolitik zu ge- Winnen, die die Minderheit oder, um seinen Ausdruck zu gebrauchen, die Parteiopposition für notwendig hält. Als ein derartiges Mittel erscheint ihm eine Aufklärung der Massen, wie sie bisher leider nicht möglich war. Aber von einer solchen Aufklärung könnte doch nur dann die Rede sein, wenn die Darlegungen der Opposition in breitester Ausführlichkeit und völlig unentstcllt und unverfälscht der Oeffentlichkeit unterbreitet werden würden. Sicherlich, darin stimmen wir mit Eisner übcrein, würde kein überzeugungs- treuer Vertreter der Minderheit sich scheuen, seine Meinung un- umwunden in aller Oeffentlichkeit auszusprechen, so verabschcuungS- würdig er auch entstellte, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate empfinden müßte, da es ja bei dem gegenwärtigen Zustande der Pressefreiheit ausgeschlossen ist, einer solchen Zitiermethode durch Darlegungen deS wirklich Gesagten entgegenzutreten. Aber die Möglichkeit einer korrekten und ausführlichen Berichterstattung über die Verhandlungen deS Parteitages halten wir nach Lage der Dinge für völlig ausgeschlossen. Darum scheidet auch dieser Beweggrund für eine andere Stellungnahme gegenüber dem Parteitag, al» wir sie eingenommen, für uns von vornherein aus. Danach halten wir noch immer den Kriegsparteitag fiir eine Schädigung der Partei, die wir, was an uns liegt, mit aller Energie zu verhüten trachten müssen. Wir.müssen jede Verantwortung für alles, was ein entgegengesetzter Beschluß deS ParteiaüSschnsses nach sich ziehen würde, ablehnen. � Die parteipresie zur Einberufung eines Kriegsparteitages. Die Chemnitzer„V o l k S st i m m c" kommt in einem„Eni- weder— oder" gezeichneten Artikel zu folgenden Betrachtungen im Anschluß an die Wahlen in Berlin und Leipzig: „Entweder wir nehmen jetzt vorbehaltlich späterer Richtigstellung Entscheidungen und Neuwahlen vor; dann aber nicht nur in einzelnen Wahlkreisen und Bezirken, sondern auf der gan- zen Linie. Dann ist der Kriegsparteitag eine Not» w e n d i g k e i t. Oder wir verzichten auf Neuwahlen und Fest- legungen. Dann aber nicht nur auf den Parteitag, sondern auch auf die abscheuliche MaßregelungS- feuche gegen Parteigenossen in den einzelnen Wahlkreisen und Bezirken. Dann müssen die alten Gesetze der Disziplin auf der ganzen Linie wiederhergestellt werden. Was die Fraktionsmehrheit beschließt, ist dann Fraktionsbeschluß — was die Zentralinstanzen der Partei beschließen, muß von den Zentralorganen bei allem Recht freier Kritik durch den einzelnen doch anerkannt und vertreten werden. Dann darf niemand für Bei- tragssperre oder Sonderorganffationcn werben, ohne sich damit außerhalb der Partei zu stellen. Jedenfalls ist der bisherige Zustand unerträglich, daß die Min» derhcit, wo sie ihrer Sache sicher zu sein glaubt, Entscheidungen her- bcigefiihrt und sonst die Entscheidungen für undemokratisch erklärt. Jedenfalls kann es nicht weitergehen, daß Leute, die für die Sper- rung der Parteibciträge agitieren und Sonderorganisationen über ganz Deutschland ms Leben rufen wollen, weiter in Parteiämtern belassen werden. Jedenfalls muß in Konflikten wie denen um den „Vorwärts" oder zwischen dem Wahlverein Frankfurt a. M. und dem Bezirk Frankfurt a. M. eine Entscheidung herbeigeführt werden. Sonst hört die Partei als politische Einheit von selbst auf zu bestehen, und es tut jeder, WaS er will. Welcher Mensch mit fünf gesunden Sinnen kann dem Parteivorstand zumuten, rubig zuzusehen, daß, wie Wcllmann und Eugen Ernst, BöSke und Theodor Fischer hin- ausgeworfen worden sind, auch weiter seine Anhänger verfolgt und vergewaltigt werden, während die wüsteste Zersplitterungsarbeit in der Partei- und Jugendbewegung heilig und unverletzlich sein soll?! Es ist höchste Zeit, die Minderheit vor die offene Wahl zu stellen, ob sie, bis die Genossen aus dem Felde zurückkehren, d. h. selbst im günstigsten Falle noch auf mindestens anderthalb Jahre bis zur voll- endeten Demobilisierung die Parteidisziplin achten und von Maß- regelungswahlen absehen will, oder ob sie den Kriegsparteitag un- umgänglich macht. Der Parteivorstand ist es einfach seiner Ehre schuldig, nicht länger seine Anhänger im Lande schutzlos der Verfolgungswut der Oppo- sition in den Wahlkreisen auszuliefern, in denen jenedieGewalthat. Ob nachher die Minderheit die Beschlüsse deS Kriegsparteitages anerkennt oder nicht, darüber mag sie sich mit ihrem Gewissen ver- ständigen. Wir verkennen nicht, daß ohnedies die lange Dauer deS entsetzlichen Kampfes und die schwere LebenSmittelnot der Opposition in reichstem Umfange zugute kommen und von ihr rücksichtslos auS- genutzt werden. Aber die Politik des GehenlassenS und Geschehen- lassens hat schon zu lange gedauert� Die deutsche Arbeiterklasse hat ein Recht darauf zu wissen, woran sie mit der Partei ist. Entweder die Opposition erkennt von jetzk ab ftciwillig die schmählich verletzten Parteipflichten wieder an, oder ein Kricgsparteitag muß die Entscheidung bringen. Entweder— oder! Ein Drittes gibt es nicht mehr!" Das„Hamburger Echo" schreibt: „Es kann sich einzig und allein darum handeln, organi� satorische Angelegenheiten zu regeln, in der Not- wehr gegen bewußte und unbewußte P a r t e i z e r- st ö r e r. Die Aufgabe kann nur sein, der Anarchie, die von einer Anzahl von Personen erzeugt und gefördert wird, einen Damm ent- gegenzusetzen. Und diese organisatorischen Angelegenheiten können sehr wohl erörtert werden. Das hindert der Kriegszustand nicht. Wenigstens haben wir nicht bemerkt, daß sich die Blätter irgendeiner der Oppositionsgruppen in ihrem Kampf gegen die sozialoemokra- tische Reichstagsfraktion, gegen den Partcivorstand, gegen die„In- stanzen", gegen mißliebige Personen irgendeine Beschränkung auf- erlegt hätten oder hätten auferlegen lasten— ganz abgesehen von der Flugschriftenliteratur. Die Einschränkung lag ganz auf der anderen Seite, und sie war veranlaßt durch die Sorge um die Partei, die man nicht zum Gespött der Gegner machen wollte. Alles aber hat feine Grenze. Ehe daß den Verantwortungslosen schließlich die Arbeit von fünfzig Jahren des Aufbaues zur Zer- störung überlassen wird, mutz die Entscheidung der Partei selbst ge- fordert werden. Ein Not-Partcitag soll zeigen, was die Parteigenossen wollen. Daß sie nicht alle ihre Stimme abgeben können, daß die Hälfte von ihnen nicht mitwirken kann, ist schlimm. Aber wenigstens können wir dafür sorgen, daß diese, wenn sie zurückkommen, noch eine Partei vorfinden, und nicht ein Thaos, in dem noch einige Diskussions- und Resolutionsflubs umher- quirlen." Die Mannheimer„V o l k S st i m m e" kommt zu folgender Stellungnahme: Die Erörterung— imtürlich nicht die Entscheidung— der Frage, ob noch in diesem Spätjahr ein Parteitag zustande kommen soll, um zu den die Partei zurzeit bewegenden großen Frage Stellung zu nehmen, wird vorläufig im Parteiausschuß erfolgen. Die Nachricht darüber hat die radikale Presse sofort zu einem scharfen Protest auf den Damm gerufen, in dem die Angst vor dem Ver- dikt der obersten Parteiinstanz über die Kriegspolitik der Oppo- sition deutlich zum Ausdruck kommt. Die Bekämpfu?ig einec- Kricgsparteitages erfolgt dgbei teilweise mit Gründen, die wir auf jener Seite ganz und gar vermißt haben, als Groß-Berlin, entgegen allen bisher im Kriege geübten Gepflogenbeiten, zu Vor- standswahlen und sonstigen einschneidenden organisatorischen Ma(j- nahmen schritt. Davon abgesehen, scheinen uns aber gegen den Kricgsparteitag eine Reihe gewichtiger Gründe— auch solche hochpolitischer, weit über die Grenze des Reiches hinaus wirkender Art— zu sprechen, die uns zum mindesten veranlassen sollten, die Frage sehr ernst und eingehend zu prüfen.� Im Partei- auSschuß kann daS ja nur so nebenher geichehen; die Partei- o r g a n i s a ti o n e n sollten bei dieser wichtigen Frage nicht über- gangen werden, und für alle Fälle wäre Vorsorge zu treffen, da>j die endgültig« Entscheidung in allen taktischen und grundsätzlichen Streitfragen, die der Weltkrieg in unserer Partei aufgeworfen hat, einem Parteitag vorbehalten bleibt, auf dem die Meinung der Millionen unserer Anhänger zur Geltung kommen könnte, die jetzt draußen im Felde ihre harte Soldatenpflicht tun. Die Straßburgcr„Freie Presse" äußert: Gegen die Abhaltung eines Parteitages sprechen sich„Leipz. VolkSztg.",„Elberfc Ider Freie Presse",„Vorwärts" und noch einige Parteiblätter aus. Auch wir müssen gestehen, daß die Abhaltung eines Parteitages in jetziger Zeit zweck- und wertlos ist. W:r haben von Anfang an im Parteistreit den Standpunkt vertreten, daß die Genossen im Felde auch ein Wort mitzureden haben und nicht, wenn sie zurückkommen, vor vollendeten Tatachcn stehen, an denen sie nichts oder herzlich wenig dann ändern können. Auch bei einem jetzt stattfindenden Parteitage wären die meisten Gc- Nossen im Felde, die aktib in der Agitation standen, ausgeschaltet. Der Parteitag hätte mit seinen Beschlüssen keine Autorität. Da- durch würde das Wirrwarr nur noch vergrößert. Der Parteitag,. der den Parteistreit schlichten soll, mutz von vornherein über Autorität verfilzen, die nachher nicht von der rechten oder linken Seite angezweifelt wird. Einen solchen Parteitag kann man jetzt nicht zusammensetzen, wo sogar in einzelnen Teilen des Reiches nicht einmal Delegiertenwahlen stattfinden können. DaS rechtsstehende„S ä ch s i s ch e V o l k S b l a t t"(Zwickau) bemerkt: WaS nun die Frage selbst betrifft, ob Kriegsparteitag oder nicht, so sind wir nach wie bor der Meinung, daß von einem solchen Kriegsparteitag für sie Partei nicht allzuviel zu erwarten wäre. Ganz abgesehen davon, daß Taufende der besten Genosse» unter Waffen stehen, also von jeder Beteiligung am inneren Parteileben bollständia ausgeschloffen sind, würden auch die Beschlüsse eines solchen Parteitages niemals das Gewicht haben, das ihnen zu- kommen müßte. Wir verhehlen uns gewiß nicht, daß eS ein« ganze Reihe von Parteifragen gibt, die nach ihrer Lösung geradczv schreien. Aber wie sich nun einmal die Verhältnisse in der Partei gestaltet haben, würde ein Parteitag, der unter dem DamoklcS- schwcrt des Kriegszustände» seine Geschäfte besorgen muß, niemals die gewünschte Lösung bringen können. Im Gegenteil, wir haben geradezu die Befürchtung, daß ein solcher kriegsmäßiger Parteitaz die Uneinigkeit in unseren Reihen nur noch verschärfen würde. Deshalb bleibt nichts anderes übrig, als die Dinge laufen zu lassen, wie bisher, und der Stunde des Friedens cntgegenzuharren, die der Partei ihre volle Freiheit wiedergeben wird. Ebenso ablehnend verhält sich die.Brandenburger Zeitung": Wir müssen unsererseits— ganz abgesehen von dem Fehlen der großen Masse der Parteigenossen, die im Felde oder unter militärischem Zwang steht— bestreiten, daß eine freie Aussprache aller Richtungen aus einem Kriegsparteitag möglich ist. Hat mar doch eben erst der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft durch Zensurmaßnahmcn die Darlegung ihre» Standpunktes verwehr! ganz zu schweigen von den weiter links stehenden Parteigenosse., um Lltbknecht usw. Ist es denn überhaupt schon abgemacht, daß die Regierung einen Parteitag bedingungslos genelimigen wird? Oder sollen dafür irgendwelche Garantien vom Parteivorstano übernommen werden?!_ politische Uebersicht. Mehr Zollschutz Z Die Erfahrung hat gelehrt, daß der deutsche Z o l l- schütz keineswegs, wie von seinen Freunden immer behauptet wurde, die deutsche Landwirtschaft instand gesetzt hat, die gesamte Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versehen. Diese Tatsache wird jetzt auch von der konser- vativen Presse anerkannt, die bei Beginn des Krieges noch das Gegenteil behauptete. Einsichtsvolle Nationalökonomen ziehen nun aus dieser Tatsache den Schluß, daß es notwendig sei, die ganze Zollgesetzgebung einer gründlichen„Neuoricu- tierung" zu unterziehen. Denn wenn die Zollgesetzgebung nicht die erwartete Wirkung im Kriege erzielt hat,>vas habe es dann für einen Sinn, der Bevölkerung in langen Frieden:- zeiten durch diese Zölle höhere Preise aufzuzwin�enl Die konservativ-bündlerische Presse wehrt sich natürlich gegen diesen Schluß. Sie redet vielmehr einer weiteren Heraufsetzung der Zölle das Wort, damit die Rentabilität der Landwirtschaft so sehr gesteigert werde, dem der Anbau sämtlicher notwendigen Rohprodukte in Deutsch- land möglich werde. So schreibt z. B. die„K r c u z- zeit» ng": „Wie lückenhaft erscheint uns heute, wo jeder Tag neue wichtige Erfahrungen bringt, dieser geltende Zolltarif; w- ganz anders hätte er aussehen muffen, wenn er statt van Theorien und Parteischablonen vom praktischen Nutzen des Deutschen Reiches geschaffen worden wäre. Heute, wo einzig und allein die Erhaltung der nationalen Existenz für unsere wirtschaftliche Gesetzgebung maffgebend ist, erkennen wir erst deutlich, was uns an wirtschaftlichen Bedürfnissen fehlt, weil man bei Aufstellung des Zolltarifs versäumt bat, rechtzeitig durch weisen Zollschutz der deutschen Landwirtschaft die Möglichkeit zu verleihen, alle Bedürfnisse der deutschen Bevölkerung zu liefern. Wenn uns heute Oel, Leinen, Wolle und andere Bedürfnisse fehlen, so ist einzig und allein die Zolltarifgesetzgebung daran schuld, die viel zu viel Rück- ficht auf die Einfuhr des Auslandes nahm und deshalb die Bildung eigener Kultur in Deutschland verhinderte oder vernachlässigte." In Wirklichkeit ist es natürlich völlig unmöglich, sämtliche Nahrungsmittel und Rohstoffe in Deutschland in ausreichendem Maße zu erzeugen. Die„Selbstgenügsamkeit", von der die Schutzzöllner schwärmen, ist bei dem Umfang und der Vielartigkeit der Bedürfnisse eine Utopie. Auch die „Kreuzzeitung" wird nicht im Ernst annehmen, daß die Nachfrage nach Baumwolle überhaupt verschwinden wird, und daß die deutsche Bevölkerung künftighin sich nur noch in Leinen und Wolle kleiden werde. Aber selbst der Bedarf an Brotgetreide, Futtermitteln, Fleisch und Fettstoffen ist so groß, daß ihn die deutsche Landwirtschaft nie vollständig wird decken können. Schließlich kann es nicht Aufgabe der Wirt- schaftspolitik sein, nur für einen kommenden Krieg Vorsorge zu treffen und dabei die Interessen der Konsumenten in Friedenszeiten vollkommen zu vernachlässigen. Wir teilen vielmehr die Auffassung Brentanos, der umgekehrt auf die Bedeutung einer aggressiven Wirtschaftspolitik unter den Kriegsursachen hinwies. Beginn der Erörterung über die �fricdensziele. Der deutsche nationale Ausschutz zur Herbei- sührung eines ehrenvollen Friedens kündigt an, datz er am 1. August seine Tätigkeit in großem Stile beginnen wird. Um sich einzuführen, hat er vorher einen Aufruf an die Oeffent- lichkeit erlassen, der in den nächsten Tagen ausgegeben wird. Er lautet: „Der deutsche nationale Ausschutz will ohne Unterschied unab- hängige, den verschiedenen Parleirichtungen angehörende vater- ländisch gesinnte Männer vereinigen, die auf dem Standpunkt stehen, datz keine Aeng st lichkeit die künftige Sicherheit des Reiches hemmen. aber auch keine eitle Begehr- lichkeit die Sicherung schon jetzt für die Zukunft gefährden darf. Dies kann nur erreicht werden durch einen Frieden, der sich gleich entschieden entfernt hält von den Kampflosigkeiten der Friedensmänner um jeden Preis, wie von den Unersättlichkeiten, die in den Kundmachungen des„Alldeutschen Verbandes" zutage getreten sind. Für diesen Frieden hat der Reichskanzler im März ISIS in der Rede, zu der ihn Generalfeldmarschall v. Hindenburg beglück- wünschte, die Parole ausgegeben: Vortragung derGrenzen im Osten, reale Garantien im Westen, ohne beide kein Frieden und kein Aufgeben der besetzten Gebiete. Aufgabe des deutschen nationalen Ausschusses mutzte es nun sein, mit Gleichgesinnten eine einheitliche Stimmung als Grundlage zu einem deutschen Frieden anzubahnen und mit ihnen den näheren Inhalt„realer Garantien" besonders in der näheren Festlegung der Grenzen bestimmen zu helfen. Dies kann nur dadurch ersolgen, datz der deutsche nationale Ausschutz seinen Mitgliedern und Gefinnungs- genossen alles einschlägige Material unparteiisch unterbreitet, mit ihnen lernt und forscht, um so unbeirrt von billigen Schlag- Worten der deutschen Zukunft den Boden zu bereiten. Dabei würde seine Absicht sein müssen, auf die Freigabe der Friedens- d i s k u s s i o n, zu der sich die Regierung leider immer noch nicht verstehen wollte, zu dringen, und zwar in einem Umfange, welche die Sicherheit der belagerten Festung Deutschland nicht ge- iährdet. Inzwischen gilt es, den Extremen auf beiden Flügeln entgegenzutreten, die jetzt schon den leitenden Staatsmännern Lust zum faulen Frieden oder Annektionswahnsinn vorwerfen, wo doch das, was werden soll, noch in keiner Form feststeht. Gerade angesichts der offenen und geheimen Hetzereien mutz jeder Urteilsfähige den Zusammen- schlutz der Uneigennützigen und Unvoreingenommenen mit allen Kräften betreiben, weil die letzten Wochen einen Vorgeschmack von dem gegeben haben, welche verheerenden Folgen die Agitation der Extremen auf beiden Flügeln während und nach dem Frieden an- richten würde." Unterschrieben ist der Aufruf: Fürst Wedel, Geheimrat Harnack, Gebeimer Kommerzienrat Arnhold, v. Schwabach, Prof. Fleischmann-Königsberg, Botschafter a. D. v. Stumm, Kommerzien« rat Fritz Richter, Oberbürgermeister v. Bruchhäusen-Trier, Max Guillaume-Köln, Louis Röchling. Hermann Röchling, August Thießen, Regierungspräsident a. D. b. Gescher, Prälat Mausbach, Geheimer Kommerzienrat Krämer, Landeshauvtmann von der Wense, Minisler a. D. v. Fraundorfer, Geheimer Kommerzienrat Brosien, Geheimrat Riedemann, Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd Heinecken und Prof. Wiedermann-Halle a. d. Saale.— Nachdem so der Nationalausschutz die Erörterung der Friedens- ziele begonnen hat, halten wir es für selbstverständlich, datz auch den beiden angegriffenen„Extremen" die Möglichkeit der Ab- wehr gegeben sein mutz. Der Nationalausschutz fordert zwar nur „die Freigabe der Friedensdiskussion in einem Umfange, der die Sicherheit Deutschlands nicht gefährdet, d. h. er wünscht nur die Freigabe der Diskussion, soweit seine eigenen Auffassungen in Frage kommen. Da sich aber der Nationalausschutz ausdrücklich die Aufgabe gestellt hat, gegen die„extremen" Richtungen zu polemi- sicren, so beanspruchen wir selbstverständlich das Recht, diese An- griffe zurückzuweisen und unseren eigenen Standpunkt ohne Ent- stellungen durch den Nationalausschutz klarzulegen. Das Kriegsziel der sächsischen Konservativen. Wie mehrere bürgerliche Blätter mitteilen, schreibt„Da? V a t e r l a n d", das Organ der konservativen Partei im König- reiche Sachsen, im Anschluß an die Erklärungen des Geheimen Hofrats Professor Brandenburg:„Diese Erklärugn des natio- nalliberalen Führers deckt sich vollständig mit dem Beschluß, den bereits am 15. Oktober 1915 der überaus zahlreich besuchte Ver- tretertag der sächsischen Konservativen in Dresden gefaßt hat und der unter den damaligen Verhältnissen nicht veröffentlicht, sondern nur der sächsischen Staatsregierung zur Kenntnisnahme und Ver- tretung überreicht werden konnte. Die wesentlichsten Stellen dieses konservativen Beschlusses lauten: „Im stolzen Bewußtsein der freudig gebrachten Riesenopfer des ganzen deutschen Volkes werden wir nach einem mit Gottes Hilfe errungenen endgültigen Siege bei einem zukünftigen Frie- densschluß mit aller Entschiedenheit uns dafür einsetzen, datz der Friede nur unter solchen Bedingugen geschloffen werde, die diesen Opferu tatsächlich auch entsprechen. Der dem deutschen Volk innewohnende Gerechtigkeitssinn bewahrt uns von vornherein vor ungerechter Ueberhebung über unsere Nachbar- Völker. Wir dürfen uns durch nichts von der zwingenden Forde- rung abhalten lassen, daß gegen die Wiederkehr gleich frevelhafter Ueberfälle und Raubzüge unserer Feinde unerläßliche Gc- währ geboten und dem deutschen Volk zur vollen Entfaltung seiner unwiderstehlich auf größere Betätigung hindrängenden Wirtschafts- kräfte alle erforderlichen Voraussetzungen geschaffen werden. So- weit beides nicht ohne die Zueignung fremder Ländergebiete möglich ist, kann und darf uns nichts hindern, solche zu beanspruchen, zumal Feinden gegenüber, die mit dem offen verkündeten Ziel, das deutsche Volk und sein Wirtschafts- leben zu vernichten, seit Jahren den Ueberfall auf uns vorbereitet haben. Auf diesen Standpunkt wird sich die konservative Partei Sachsens beim Friedensschluß stellen und damit zweifellos die Ge- fühle und Wünsche des ganzen Sachsenvolkes treffen."(z) Gegen England. Am 14. Juli hat in München eine große Versammlung statt- gefunden, die über das oben angegebene Thema verhandelte. Der Geist des Referates, das der Landtagsabgeordnete Dr. Schlitten- bauer hielt, spiegelt sich wider in zwei Telegrammen, die an den Kaiser und den König von Bayern gesandt wurden. Das Tele- gramm an den Kaiser hatte folgenden Wortlaut: „Tausende Münchener Bürger, zusammengerufen durch führende Männer aus allen bürgerlichen Parteien, bekennen sich nach Anhörung eines Vortrages des Landtagsabgeordneten Dr. Schlitten bauer, des Vertreters von 169900 bayerischen Bauern, trotz der Opfer an Gut und Blut zu dem unerschütterlichen Willen zum Durchhalten bis zum endgültigen Siege. Dieser wird erfochten sein, wenn England, die Seele des Widerstandes und Kampfes gegen uns, durch rücksichtslose Anwendung aller uns gegen seine militärische und wirtschaftliche Kraft zu Gebote stehenden Kriegs- mittel niedergerungen ist." Das Telegramm an den König von Bayern lautet: „Tausende Münchener Bürger, die auf Einladung von führen- den Männern aus allen bürgerlichen Parteien dem Vortrag des Abgeordneten Dr. Schlittenbauer beiwohnten, geloben Eurer Maje- stät in Treue huldigend weiteres Durchhalten bis zum end- gültigen Siege, der nur durch rücksichtslose Anwendung aller Machtmittel gegen unseren gefährlichsten Gegner, die Seele dieses Krieges, England, in nicht zu ferner Zeit erfochten wenden kann." Das Verlangen nach Teuerungszulage«. Die„Soziale Arbeitsgemeinschaft der unteren Beamten" hat an den Reichstag eine Eingabe gerichtet, in der es heißt: „Was sich in den letzten Tagen auf dem Markt ereignet hat, liegt so völlig außerhalb aller wirtschaftlichen Erfahrungen, datz die daraus entstehenden Folgen kaum abzusehen sind. Der Reichstag wird daher gebeten: 1. allen unteren Beamten, die unverheiratet oder kinderlos verheiratet sind, monatlich 19 M.(seither unberück- sichtigt), 2. allen verheirateten unteren Beamten mit drei oder weniger Kindern monatlich 29 M.(seither 12 M.), 3. allen ver- heirateten unteren Beamten mit mehr als drei Kindern monatlich 25 M.(seither bei vier Kindern 16 M. und 4 M. für jedes weitere Kind) als Teuerungszulage für die Dauer der Kriegsteuerung zu gewähren." Die Berechtigung dieser Forderungen ist nicht zu bestreiten. Der neue Oberpräfident für Ostpreuheu. Vor einigen Wochen wurde berichtet, datz voraussichtlich der Präsident des Kriegsernährungsamts v. B a t o c k i von seinem Amt als Oberpräsident der Provinz Ostpreußen zurücktreten werde, um sich ausschließlich den Aufgaben seiner Reichsstelle widmen zu können. Jetzt wird diese Nachricht halbamtlich bestätigt und auch mitgeteilt, datz als Nachfolger Batockis der Landeshauptmann v. Berg in Königsberg in Aussicht genommen ist. Für die Abschaffung der Militärjustiz in der Schweiz. Binnen wenigen Monaten hat die schweizerische sozialdemokra- tische Partei für ihr Jnitiativbegehren betreffend die Abschaffung der Militärjustiz 199 099 Unterschriften gesammelt, während deren nur 59 990 erforderlich sind. Die Initiative mutzte also zur Volks- abstimmung gebracht werden, was in etwa einem Jahr geschehen dürfte. Der Bundesrat und die freisinnige Mehrheit der Bundesversammlung werden sie ablehnen, in der Volksabstimmung wird sie vielleicht angenommen werden. Das tägliche örot. Nahrungsmittelfragen im deutschen Städtetag. Die Vorstandssitzung des Deutschen Städtetagcs im Berliner Rathause hat sich neben zahlreichen anderen Verhandlungsgegen- ständen, besonders Fragen der Familienunterstützung und der Realkreditschwierigkeiten, mit Nahrungsmittelfragen beschäftigt. In diesem ganzen, für die städtische Bevölkerung jetzt wichtigsten Gc- biet wurde eine vollständige Ücbereinstimmung der Auffassungen aller Mitglieder festgestellt. Nachdrücklich gefordert wurde die als- baldige Einführung der Reichs-Fleischregelung, und zwar so, datz die jetzt noch bestehenden Ungleichmäßigkeiten und Be- schaffungsschwierigkeiten beseitigt werden. Hinsichtlich der bevor- stehenden Fettregelung wurde gefordert, daß im unmittelbaren An- schlutz an sie auch die Milchversorgung sichergestellt werden müsse. Bei der Erörterung der Kartoffelfrage fiel das Hauptgewicht auf den für die Städte so wichtigen Punkt der voni Verbraucher im Kleinhandel zu zahlenden Preise und auf die Oualitätsfrage. Nach der letzteren Richtung wurde betont, daß es außerordentlicher Anstrengungen bedürfen wird, um auf der Grund- löge des nunmehr gesetzlich beschlossenen Systems die Lieferung stets guter Speisekartoffeln für die Städte zu gewährleisten. Weiter wurden die Eierversorgung, die Gemüseversorgung, die zweck- mäßige Verwertung der Küchenabfälle zur Herstellung von Futter und die Frage einer Bestandserhebung in den Haushaltungen ein- gehend erörtert. Zu mehreren ganz dringenden Punkten wurden drahtliche Eingaben noch während der Sitzung abgesandt.(W. T. B.) Beschlagnahme des erlegten Wildes. In Braunschweig ist das erlegte Wild von dem Verfügungs- berechtigten gegen Bezahlung des festgesetzten Höckistpreises an den- jenigen Kreiskommunalverband zu liefern, in dessen Bezirk es er- legt ist. In sämtlicke Verträge über Lieferung von Wils tritt der Kleiskommunalverband ein, in dessen Bezirk der zur Lieferung Ver- pflichtete seinen Wohnsitz oder seine gewerbliche Niederlassung hat. In der wegen der Verbrouchcrregelung an die Kreiskommunal- verbände ergangenen vorläufigen Anweisung ist bestimmt, daß das Wildsteisch in erster Linie den Krankenhäusern, Lazaretten und ähn- kichen Anstalten und der ärmeren Bevölkerung zuzuwenden und datz ein Teil des Wildes aus den benachbarten Kommunalverbänden an die Stadt Braunschweig abzugeben ist. Soziales. Einbildung. Viele Krankheiten und Unfallsfolgen lassen sich äußerlich schwer erkennen. Deshalb soll ein Arzt sich davor hüten, dem Erkrankten oder Verletzten Simulation, Uebertreibung, Einbildung zuzuschreiben, vielnichr sich selbst prüfen, ob des Arztes Annahme nicht Einbildung sei. Leider haben wir ge- rade in Unfallsachen oft zu beklagen, daß Aerzte sich geradezu in ihren Irrtum verrennen und selbst nicht davor zurück- schrecken, ruhiger und objektiver denkende Aerzte anzugreifen. Einen solchen Fall stellt der nachstehend geschilderte dar. Der Kutscher Th. erlilt am 13. Juni 1919 einen Unfall. Er erhielt vom Pserde einen Schlag, datz er hinstürzte, wahrscheinlich das Pferd auf seinen Körper herumtrampelte. Die Lagerei-Berufs- genossenschaft gewährte zunächst 33�/g Proz. Rente, dann, da eine Verschlimmerung eintrat, die Vollrente, nachdem eine Rente von 75 Proz. Mit Wirkung vom 1. Mai 1914 wurde diese Rente aus 59 Proz. herabgesetzt, weil auf Grund des Gutachtens des Spezial« arzles für Nerventrankheiten Dr. Placzek Th. ohne Stock gehen kann,«für die geklagten Beschwerden(Schmerzen in Fingern und Zehen) findet sich gar kein Anhalt, daher erscheint ihre Stärke sehr übertrieben, die ganze seelische Verfassung des Verletzten spricht nicht dafür, datz er dauernd von Schmerzen behelligt wird." Das Oberver- sicherungsamt Gros;- Berlin verurteilte die Genossen- schaft zur Zahlung einer Rente von 69 Proz. wobei es das, vom Gericknsarzt als einwandfrei bezeichnete Gutachten des Dr. Placzek zur Grundlage der Enlsweidung machte, jedoch mit Rücksicht aus die Schwere des Unfalles und die Kürze der nach dem Unfalllage ver- flosfenen Zeit eine Herabsetzung der Rente um 25 Proz. als zu weitgehend ansah und eine solche von 15 Proz. für angemessen hielt. Der Verletzte als auch die Berufsgenossenschaft legten gegen diese Entscheidung Rekurs beim Reichsversicherungsamt ein. Der Verletzte brachte ein Gutachten des Nervenarztes Dr. M. bei, der eine Besserung verneinte und gleichfalls 75 Proz. Erwerbs« bedinderung annahm. Das Reichsver sichern nasamt for- derte darauf vom Geheim-Medizinalrat Dr. L. ein Obergutachten ein. Dieser Arzt sagt einleitend:„In keinem Punkte kann ich dem Gutachten des Herrn Dr. PI. zustimmen, weder in bezug auf den Befund noch in bezug auf besten Deutung, noch betreffs des ZusnmmenbangeS zwischen Unfall und Krankheit." Diesen feinen Standpunkt begründet dann Med.- Rat Dr. L. Leider können wir des beschränkicn Raumes wegen nur einzelne Sätze wiedergeben:„Ein Mann, der als Kutscher regel- mätzig Dienst tut, erleidet durch reinen Zufall eine Kopfverletzung, nach der er lange bewutztlos ist und in Lebensgefahr schwebt. Der Mann wird von einem so kritische Beur« t e i I e r wie Geh. Rat R. ausdrücklich als besonders arbeitswillig und übertreivungsfrei geichilverl." „Dr. Pl. gründet aber das Gutachten, datz eine wescnlliche Besserung vorliege, auch auf die Annahme, datz Th. erheblich über- treibt." Nunmehr wird der Befund geschildert, dann heitzt es weiter:„Nimmt man alles das zusammen, so ergibt sich daraus: Th. ist ein aller Mann(64 Jahre), bei dem schon' wegen der Ge- brechen des Alters eine Anpassung an Unfallfolgen kaum zu er- warten ist. Er ist seit dem Unfall auch noch gebrechlicher ge- worden." 25 Proz. Erwerbssähigkeit bei dem Verletzten gerechnet erscheine viel. Aus dieses geradezu vernichtende Gutachten äutzerle sich Dr. P l. dann nochmals— datz es in sachlicher Weise ge- schehen, kann man gerade nicht behaupten—:„Datz auch die übrigen Ausführungen des Geh. Med.-Rat Dr. L. in seinem sattsam be- kannten Besserwissertoii gehalten sind, bedarf hiernach eigentlich kaum noch der Bestätigung." „Nun ist es geWitz jeoem Gutachtea unbenommen, abweichende Ansichten zu äutzern und die Anschauungen des Gegengulachters kritisch zu beleuchten. Datz aber der Sache gedient wird, lvenn das mit der hier geübten, durch nichts gerechtfertigten Ueberhebung geschieht... dürfte wohl höchst zweifelhaft sein." Das Reichsversichernngsamt siolgte dem Gut- achten des Geheimen Medizinalrats Dr. L., wies den Rekurs der Genossenschaft zurück und sprach dem Kläger die bisherige 75proz. Rente wieder zu. In der Ent- scheidung wurde besonders hervorgehoben, daß Medizinalrat Dr. L. eine auf dem in Betracht kommenden medizinischen Gebier an- erkannte Autorität sei._ Die Nottvenölgkeit öer gewerkjchastlichen Grgamsation. Die von den Gewerkschaftsleitungen veröffentlichten Jahres- berichte lassen erkennen, datz eine grotze Anzahl Arbeiter und Arbeiterinnen den Wert einer Berufsorganisation noch nicht erkannt haben und aus unangebrachter Svarsamkeit die Zahlung von Mir- gliederbeiträgen einstellten. Wer die Fachpresse verfolgt oder die Aus- züge in Arbeiterzeitungen nachliest, mutz sehr bald die Ueberzeugung gewinnen, datz gerade während der Dauer des Wellkrieges die Ge» werkschaflen ihre Hauptausgabe: für bessere Lohn- und Arbeirs« Verhältnisse zu sorgen, in reichem Matze ersüllt haben. Wir erinnern nur an die Tarisbewegungcn in den verschiedensten Gewerben, an die durch die Verbände errungenen Teuerungszulagen, an die von den Gewerkschaften gewährten Unterstützungen und an die Kriegs- beschädigtenfürsorge. GeWitz sind alle wirtschaftlichen Erfolge im Zeichen der Lebensmittelteuerung nicht ausreichend. Aber wie Ivürde es aussehen, wenn wir keine oder nur schwache Organisationen hätten, und um wie viel besser stünde es, wenn alle erwcrbsläligen Personen ihren zuständigen Gcwerischaftsorganiialionen angedörlcn. Diese Fragen beantwortet uns die neueste Nummer der„Sattler- und Porteseuiller-Zeitung", indem sie in einer Reihe von Gewerbe- gerichts- und SchlichtungskommissionS-Urteilen, auf den Reichslarif für das Lederausrüstungsgewerbe fntzend, den Nachweis über die Notwendigkeit der gewerksthastiichen Organisationszugehörigkeit führt. So wird festgestellt, datz durch die am 39. Juni zum Abschlutz gc- brachte Bewegung für eine Teuerungszulage in der L e d e r w a r e n- i n d u st r i e rund 5999 Arbeitern, meistens Arbeiterinnen. 16 999 M. pro Woche an Lohnzulage gesichert wurde. Ein darüber hinausgehender Erfolg ist, datz die Fabrikanten sich verpflichtet haben, nur solche Heimarbeiter und Zwischenmeister zu beschäftigen, die ihren Hilft- kräften den Tariflohn nebst Teuerungszulage zahlen. Damit kommen Tausende von Arbeiterinnen in den Genutz der tariflichen Vereiuba- rungen, die bisher davon ausgeschlossen waren. Aus einem Urteil des Gewerbegerichts Potsdam geht hervor, datz 35 Heimarbeiterinnen(mit zwei Ausnahmen waren die Klägerinnen Kriegerfrauen) insgesamt 1153,89 M. weniger Lohn be- kommen haben, als der Reichstarif vorschreibt. Das Gewerbegericht verurteilte den Heeresausrüstungsiabrikanten zur Zahlung der Diffc- renz, die in einzelnen Fällen zwischen 19 M. und 93 M. schwankte. Zurzeit schwebt noch eine Klage gegen denselben Fabrikanten, die ebenfalls von geschädigten Kriegcrfraucn anhängig gemacht worden ist. In Seegefeld bei Spandau hat der Heeresansrüstungs- fabrikant Schmidt 25 Arbeiterinnen insgesamt 15 794 M. weniger an Lohn gezahlt, als der Tarif vorsieht. Trotzdem hier die Ent- scheidung der Schlichtungskommission noch nicht vorliegt, so ist nach der bisherigen Rechtsprechung den Arbeiterinnen das Geld sicher. Die Klagesummen im einzelnen gehen bis zu 997 M. für die einzelne Arbeiterin. Die Nürnberger Schlichtungskommission ver« urteilte den Bamberger Sattlerwarenfabrikanten I. M. Pankner zur Nachzahlung von 17 605 M. zu wenig gezahlten Lohnes auf Leib- riemen, Mantelriemen, Kochgeschirriemen, Tornister und dergleichen Artikel. Eine andere Firma in Nürnberg mußte 997 M. nachzahlen, weil sie Patronentaschen um 2—6 Pf. pro Slück weniger in Lohn anferiigen ließ. In der Stellkummetfabrik Ahrendt-Hamburg haben 60 Sattler in 49 Wochen rund 20 000 M. zu wenig Lohn erhalten. Die Schlichtnngskommission mußte sich in sechs Sitzungen mit dieser Angelegenheit beschäftigen, weil der Fabrikant behauptete, die Heeresverwaltung habe ihm gestattet, seinen Betrieb außerhalb der Tarifvereinbarung zu stellen. Nachdem die Unrichligkeit dieser Be- hauptung amtlich bestätigt wurde, kam ein Vergleich zustande, wo- nach die Arbeiter obengenannten Betrag erhiellen. Die Gleitschutzfabrik E. Klauenberg in Braunschweig glaubte, in der Kriegszeit den am 1. April abgelaufenen Tarif- verlrag nicht erneuern zu brauchen. Sie mußte sich aber doch auf Drängen der Organisation dazu verstehen und die Stundenlöhne um durchschnittlich 6�/z Pf. erhöhen. In den Prestowerken in Chemnitz wurde ebenfalls eine Teuerungszulagebewegung erfolgreich durchgeführt. Es erhalten die dort Beschäftiglen eine Zulage von 10 Proz., für Ueberstunden 25 Proz., für Sonnlagsarbeit 50 Proz. Vergütung. Auch an der Tarifbewegung in den Johannisthaler Flugzeugbetrieben ist der Verband der Sattler und Porte- feuiller beteiligt. Satller erhalten 85 Pf. Mindcsllohn bei der Einstellung und nach sechstägiger Beschäftigung 90 Pf. Arbeiterinnen bis zu 18 Jahren haben Anspruch auf einen Mindestlohn von 40 Pf., über 18 Jahre alte Arbeiterinnen auf 45 Pf. pro Stunde. Außerdem erhalten Haushallungsvorstände für die Dauer der Teuerung 22 Pf. Teuerungszulage pro Stunde, alle Unverheirateten über 19 Jahre 16 Pf. die Stunde. Die Arbeitszeit wurde auf 51 Stunden die Woche vereinbart. Daß noch mehr für die Arbeiterschaft erreicht werden könnte, läßt die.Sattler- und Portefeuiller-Zeiwng" erkennen, indem sie schreibt: .Die lückenlose Durchführung des Reichstarifs im Leder- ausrüslungsgewerbe läßt auch noch viel zu wünschen übrig. Die Berichte über die Verhandlung der örtlichen Schlichtungs- kommissionen geben nur eineit Ausschnitt des Bildes über Tarif- Verstöße wieder. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht tariswidrige Lohnzahlungen gemeldet werden, die größtenteils nach Rück- spräche von Berbandsvertretern mit den Unternehmern beigelegt werden. W e i t ü b e r 100000 M. sind auf diese Weise den Arbeitern, hauptsächlich den Arbeiterinnen, eingeholt worden. Diese Summe würde das Mehrfache übersteigen, wenn alle auf Ledcrausrüstungsstücke Beschäftigte ihre tariflichen Ansprüche rechtzeitig geltend machten und nicht damit lvarleten, bis sie aus irgendeinem Grunde die Arbeitsstelle ver- lassen haben." Die Gewerkschaftspresse ist in der Lage, fast in jeder Nummer mit ähnlichen Beispielen aufzuwarten. Wir begnügen uns für heute mit der Anführung nur eines Gewerkschaftsblattes, um erneut den Nachweis zu führen, wie dringend notwendig eine einheitliche Berufs- organisation für die Arbeiter und Arbeiterinnen ist. Mus Groß-öerlin. In die preußische L a n d e s k o m m i s s i o n hat der Zentralvorstand des Sozialdemokratischen Bezirksverbandcs für Groß-Bcrlin in seiner letzten Sitzung den Genossen Emil Eichhorn an Stelle des Genossen Richard Fischer delegiert. Der geschäftsführende Ausschuß. Die Lungenheilstätte am(Yrabowsee. Uns wird geschrieben: Unweit der Provinzstadt Oranienburg — zirka eine Stunde Wegs— liegt am Grabowsee, völlig in Wald eingebettet, die Lungenheilstätte vom Roten Kreuz. Räch hier werden die Kranken der Landesversicherungsanstalt Brandenburg und Mecklenburg zur Kur überwiesen. Jetzt, während der Kriegs- zeit, belegt auch die Militärverwaltung einen Teil der Anstalt mit lungenkranken Soldaten. Jeder, der dort Aufnahme findet, kommt hoffnungsfreudig. Winkt ihm doch.die Aussicht, in absehbarer Zeit seine Gesundheit wiederzuerlangen. Viele haben dieses Glück; andere wieder gehen enttäuscht heim, da ihre Krankheit leider schon zu weit fortgeschritten war. Das ist ja gerade das Furchtbare an dieser Krankheit, daß sie oft erst zu spät erkannt wird. Und eine neue Lunge kann niemand einsetzen. Als Grundsatz für die Kur Lungenkranker gilt allgemein: Gute Luft, Ruhe, gutes Essen, Sauberkeit und Regelmäßigkeit. Demgemäß ist die Kur in der Lungenheilstätte am Grabowsee ge- dacht. Die Zeiteinteilung ist eine derartige, daß dem Kranken die Tage im wahren Sinne des Wortes versliegen. Um Vil Uhr muß jeder— außer den Bettpatienten— das Bett verlassen haben. Um HS Uhr wird dann das erste Frühstück, wie alle anderen Mahlzeiten, gemeinsam eingenommen. Dann geht es sofort zur Dusche oder Abreibung(je nach Verordnung). Bis um fllO Uhr können sich dann die Patienten im Park oder im umlicgen- den Wald ergehen. Dann wird das zweite Frühstück gereicht, und von 10 bis 12 Uhr ist die Freiliegekur wahrzunehmen. Diejenigen Patienten, die die Kur schon längere Zeit betreiben und kräftig genug sind, müssen während dieser Zeit kleine Gartenarbeiten ver- richten. Das Mittagessen wird um'AI Uhr eingenommen, woran sich dann bis 2 Uhr ein Spaziergang schließt, dem wieder von 2 bis 4 Uhr die Freiliegekur folgt. Um 4 Uhr gibt es den Nachmittagskaffee, dann wieder einen Spaziergang und von 5 bis 7 Uhr Freiliegekur. Abendbrotzeit ist um'A8 Uhr. Hiernach dürfen die Patienten bis �10 Uhr im Park verweilen. Um A10 Uhr geht es ins Bett. Diese Zeiten werden fast auf die Minute innegchal- ten. Die Ernährung ist, wie ja nicht anders möglich, auf die jetzige Zeit, die Kriegszeit, eingestellt. Allerdings ließe sich auch m der jetzigen Zeit in bezug auf die Ernährung so manches anders gestalten. Es ist nicht richtig, so knapp zu kochen, daß ein zweites- mal nicht mehr gereicht werden kann und die Patienten den Tisch ungesättigt verlassen müssen. Das ist aber leider schon öfter vor- gekommen. Ebenso ist es mit dem Abendessen am Sonntag. An diesem Tage hat man anscheinend nicht soviel Personal zur Hand, um, wie es in der Woche geschieht, eine Suppe zu reichen, damil die unzureichende Brotration ausgeglichen wird. Der Sonntag ist bei den Patienten gefürchtet, da sie stets vom Abendbrottisch hunriz aufstehen müssen. Beschwerden über unzureichendes Essen haben bisher immer den Erfolg gehabt, daß die Beschwerdeführer entlassen wurden. Ob man glaubt, damit Abhilfe geschaffen zu haben? Abe.r nicht nur gegen das Essen ist Einwand zu erheben, sondern auch die Sauberkeit läßt manches zu wünschen übrig. Es komm: öfter vor, daß Staub und Flocken Tage lang unter den Betten und auf den Möbeln liegen. Auch ist es nicht appetitlich und vom hygienischen Standpunkt nicht einwandfrei, wenn am Morgen uns Nachmittag die Stullen auf das drei Tage liegende Tischtuch ohne Teller gelegt werden. Einmal ist das deswegen hygienisch mchr einwandfrei, weil die Plätze gewechselt w«rden, wenn jemand in eine andere Station verlegt wird, und zum zweiten deshalb, weil während des Aufwischens des Fußbodens die Stühle auf das Tischtuch gelegt werden. Ueber den Ton, den der leitende Arzt den Patienten gegenüber anschlägt, ist ebenfalls zu klagen. Er hält es für richtig, die Patienten mit„Ihr und Euch" anzureden. Wenn man von den vorstehend geschilderten llnstimmigkeitor die sich ja bei gutem Willen leicht beheben lassen, absteht, kann man die Kurmethode als recht zweckentsprechend ansehen. Reben guter Luft müssen verhältnismäßig gute Ernährung und ausgiebige Be- Handlung mit Wasser zu guten Resultaten führen. Im Sommer kommt noch das Luftbad hinzu. Hier werden im Adamskostüm Freiübungen gemacht, die gute Wirkungen auf die Kranken aus- üben sollen. Allerdings werden die erzielten Erfolge vielfach nur von kurzer Dauer sein, da ja die Patienten wieder in die früheren Verhältnisse zurück müssen, die ihre Krankheit verschuldet haben. Erst wieder zu Hause, entbehren die Patienten in den meisten Fällen die frische Luft und gute Ernährung. Deshalb wäre es nötig, den aus der Lungenheilstätte als„gebessert" Entlassenen eine ihrem Zustande zusagende Beschäftigung nachzuweisen, die allerdings fr bezahlt werden müßte, daß sie sich auch gut ernähren können. Hier hätte der Staat einzugreifen. Allerdings wissen wir Sozialdemo- kraten ja, daß der Verbreitung der Lungenkrankheit wirksam nur dadurch entgegengetreten werden kann, wenn man den Arbeiter so stellt, daß ihm genügend Zeit zur Erholung, eine wirklich gute Ernährung und eine menschenwürdige Wohnung gewährleistet wird. In dem kapitalistischen Staat ist das natürlich nicht zu erreichen, dazu bedarf es einer grundlegenden Umgestaltung, der Erreichung der sozialistischen Gesellschaft._ Abgabezwang für Bäckereien. Der Magistrat teilt mit: Es sind vielfach Klagen darüber laut geworden, daß die Bäcker Brot nicht in der gewünschten Weise ab- gegeben haben, daß sie sich vor allem weigern, Roggenbrot anders als in ganzen 1900- bezw. 1000-Gramin-Broten zu verkaufen. Auch die Weigerung. Schrippen abzugeben, ist vorgekommen. Wir haben uns deshalb genötigt gesehen, durch die heute erscheinende Ver- ordnung einen Abgabezwang einzuführen, der sowohl für Roggen- als auch für Weizenbrot gilt. Bei Roggenbrot haben wir, um zu vermeiden, daß angeschnittene Stücke liegen bleiben, den Abgabe- zwang für Teile von Broten auf Stücke von 250 Gramm oder einem Vielfachen davon, also 500, 750, 1000 Gramm usw. beschränkt; was etwa vom Brote nach Wegnahme dieser Stücke dennoch übrig bleiben sollte, wird sich mit Leichtigkeit verwerten lassen. Zum Ladenschluß im �riseurgcwerbe. In der letzten Quartalsversammlung der Barbier-, Friseur- und Perückenmacherinnung zu Anfang dieses Monats, hat der Obermeister Leopold berichtet, daß das Oberkommando beabsichtige, den Ladenschluß an Wochentagen um 8 Uhr abends und an Sonntagen um 1 Uhr mittags ein- treten zu lassen. Zunächst werde eine Umfrage bei den Geschäfts- Inhabern hierüber vorgenommen. Die Jnnungsversammlüng er- klärte sich— dem in einem Teil der Tagespresse veröffentlichten Versammlungsbericht zufolge— mit einer solchen Maßnahme ein- verstanden. Damit würden natürlich auch die Gehilfen einverstanden sein, vorausgesetzt, daß ihnen dadurch nicht der freie Wochennachmittag entzogen wird, auf den sie bei länger als drei Stunden dauernder Sonntagsarbeit Anspruch haben. Um dem vorzubeugen, hat sich die Gehilfenorganisation in Verbindung mit dem seit 1884 bestehenden Fachverein mit einer Eingabe an das Oberkommando ge- wandt. In dieser Eingabe wird dargestellt, wie alle Verbcsserungen, welche die Sonntagsruhebestimmungen im Friseurgewerbe seit 1895 erfahren haben, durch ftüheren Sonntagsladenschluß und Betriebs- ruhe an den drei zweiten Feiertagen, an Berlin spurlos vorüber- gegangen sind. Eine einfache Bestimmung, daß die Arbeiter an Sonntagen anstatt bis 2 Uhr nachmittags, nur bis 12 oder 1 Uhr beschäftigt werden dürfen, würde die Geschäftsinhaber veranlassen, gemäß§ 41b G.O. einen früheren Ladenschluß an Sonntagen dauernd herbeizuführen. Schwieriger sei dagegen die Verkür- zung des Ladenschlusses an Wochentagen. Selbst wenn die drei Innungen und die Freie Vereinigung in Berlin samt allen ihren Schwesterinnungen und-Vereinigungen in Grotz-Berlin die Absicht hätten, den Achtuhrladenschluß herbeizuführen, sei dies auf ge- setzlicher Grundlage nicht möglich, weil die Gewerbe- ordnung hierzu keine Handhabe biete. Wenn jetzt die Jnnungsmeister mit der Einführung eines früheren Ladenschlusses für den Rest der Kriegsdauer einverstanden sind, so erklärt sich ihre veränderte Haltung aus dem gegenwärtigen Mangel an Gehilfen, der manchen Meister zwingt, sein Geschäft allein zu versehen. Doch auch die größere Anspannung der be- schäftigten Gehilfen und Lehrlinge rechtfertigt einen ftüheren Ladenschluß, der an Sontagen zumal ohne weiteres möglich ist und, wie erwähnt, dauernd eingeführt werden kann. Schon jetzt werden in einigen Stadtteilen die Friseurgeschäfte des Sonntags um 1 Uhr geschlossen, teilweise auch wochentags um 8 Uhr abends, außer Sonnabends. Und ebensogut wie seit Jahren der Neunuhr- schluß an Wochentagen ohne gesetzliche Grundlage erfolgte, könnte sich auch der Achtuhrschlutz einleben, wenn er erst einmal vor- läufig eingeführt ist. Schließlich wird in der Eingabe gewünscht, die etwaigen Be- stimmungen für Groß- Berlin zu tieften und die Ersatzruhe- zeit der Gehilfen unberührt zu lassen, da diese dort, wo es unbe- dingt notwendig war, wie in den von Kriegerfrauen weiterge- führten Betrieben, bereits während der ganzen Kriegszeit auf den freien Nachmittag verzichtet haben. Handelt es sich also bestenfalls hier nur um Verbesserungen während der weiteren Kricgszeit, so ist immerhin möglich, daß diese dauernd erhalten bleiben. Arbeiterbildungsschule. An den heute Donnerstagabend Z'/jj Uhr, im Hörsaale der Schule stattfindenden Einzelvortrag sei nochmals erinnert. Genosse Eduard Bernstein ivird über das Thema:„Der 14. Jnli 1789 und 1 889" sprechen. Einftittspreis 19 Pfennig. Tie neue Blindenanstalt. Der Neubau der Blindenbeschäftigungsanstalt in der Oranien- straße ist gestern von Vertretern der Gemeindebehörden abgenommen worden. Die Bauanlage besteht aus einem vierstöckigen Hofgebäude, in welchem sich Korb- und Stuhlflechtereien, Besen- und Bürsten- fabrikationen und dergleichen befinden. Bemerkenswert hierbei ist, daß bei der Bürsienfabrikalion die Erwärmung des Peches in der Picherei auf elelmschem Wege erfolgt, um die Blinden nichl mit offenen Flammen in Verbindung zu bringen. Außerdem sind besondere Absaugeapparatc für die Pechdämpfe vor- geiehen, die hierdurch nichl in den Arbcilsraum� treten, sondern unter den Arbeitstischen hinweg auf elektromotorischem Wege ab- gezogen und über Dach geführt werden. Ferner sind Speiseräume für die Blinden, welche die Anstalten über Mittag nichl verlassen, hergerichtet worden. Außer dem Hofgcbäude ist auch das Vorder- haus in der Oranienstraße umgebaut worden, und zwar für er- wetterte Lager- und Verkaufsräume, außerdem für Zwecke mehrerer Dienstwohnungen. Auf dem gleichen Grundstück ist für die anschließende Blinden- schule in der Nannynstraße eine neue Turnhalle für die Blinden er- richtet worden.__ Ter Mord in Licbcnberg. Der Leichenfuird auf dem Rittergute Liebcnberg bei Herzfelde (Kreis Niederbarnim), über den wir berichteten, hat nunmehr völlige Aufklärung erfahren. Die Annahme, daß es sich um ein Verbrechen handelt, hat sich bestätigt. Dienstag weilte eine Ge- richtskommission aus Kalkberge an Ort und Stelle, um genaue Feststellungen vorzunehmen. Die Leiche, die bisher unverändert am Fundorte belassen worden mar, wurde sorgfältig ausgegraben. Obwohl das Gesicht vollkommen verwest war, konnte doch aus den übereinstimmenden Aussagen von Angestellten des Gutes fcstge- stellt werden, daß der Tote der zwanzigjährige russische Schnitter Adam Tassarz ist, der auf dem Gute beschäftigt und eines TageS plötzlich verschwunden war. Die ärztliche Untersuchung und die Obduktion der Leiche, die durch die zuständigen Gerichtsärzte er- folgte, ergab mit Sicherheit als Todesursache eine Schädelzer- trümmerung. Die Schädeldecke war mehrfach gespalten und Knochensplitter waren tief in das Gehirn eingedrungen. Als Mörder kommt der russische Arbeiter Musiol in Frage, der mit Tassarz zusammen auf dem Gute beschäftigt und mit T. am 27. Juni verschwunden war. M. wurde bekanntlich bald darauf festgenommen, als er die holländische Grenze überschreiten wollte, während Tassarz verschwunden blieb. Inzwischen hat eine ein- gehende Untersuchung des Raumes, den Musiol und Tassarz im Schnitterhause gemeinschaftlich bewohnten, das Vorhandensein mehrerer größerer Blutflecke und Blutspritzer ergeben, woraus zu schließen ist, daß die Tat im Schlafraum der beiden verübt worden ist. Auch einige über und über mit Blut besudelte KleidungS- stücke i>eS Ermordeten sind nachträglich aufgesunden worden. Der Grund, der den Musiol zu dem Verbrechen getrieben hat, ist noch immer nicht ganz aufgeklärt. Immerhin steht aber fest, daß zwischen den beiden ein Geheimnis geherrscht hat. Tassarz muß wohl den Musiol durch seine Mitwisserschaft in der Hand gehabt haben, denn der viel kräftigere M. hat sich, wie beobachtet wurde, stets eine recht schlechte Behandlung durch seinen Landsmann ge- fallen lassen und auch Mißhandlungen ruhig hingerwmmen. Offen- bar hat M. diesen gefährlichen Landsmann ermordet, um end- lich Ruhe zu haben. Ob Musiol auch mit dem vor etwa anderthalb Jahren erfolgten plötzlichen Verschwinden eines russischen Arbeiters in Verbindung zu bringen ist, steht nicht fest. Der verhaftete Musiol befindet sich bereits auf dem Wege nach Verlin, wo er dem Untersuchungsgefängnis zugeführt werden wird. Lohn für Umhänge aus Zeltbahnstoff. Das Kriegs-Bekleidungsamt des Gardekorps teilt mit, daß an Nählohn für einen Umhang aus Zeltbahnstoff 2,40 Mark an den letzten Arbeiter— also an die ausführende Hand— gezahlt werden müsse. Nähmittel gehen zu Lasten des Arbeitnehmers. Die Preise, welche die Heeresverwaltung für das genannte Bekleidungs- stück an die Auftragnehmer zahlt, sind so bemessen, daß vorstehender Lohn unbedingt gezahlt werden kann. Todessturz eines Kindes. Ein bedauerlicher schwerer Unglücksfall hat sich Dienstag in Neukölln ereignet. Die in der Pannierstr. 20 dortjelbst wohnende Frau Letzten hatte gegen Abend eine wichtige Besorgung zu machen und mußte ihren vierjährigen Sohn Karl für kurze Zeit allein in der Wohnung lassen. Während der Abwesenheit der Mutter kletterte der Kleine auf einen am Küchenfenster stehenden Stuhl, öffnete das Fenster und sah auf den Hof hinab. Dabei beugte er sich zu weit hinaus und stürzte kopfüber aus dem vierten Stockwerk in die Tiefe. Das bedauernswerte Kind erlitt so schwere Verletzungen, daß es auf der Stelle starb._ Ein dreister Erpresiungsversuch. Dienstag nachmittag erhielt eine Frau Rose aus der Wissmann- straße 13 zu Neukölln einen anonymen Brief, in welchem ihr mit« geteilt wurde, daß sie vier Schinken zu liegen habe, was unter dem Belagerungszustand streng verboten sei. Wenn sie nicht angezeigt werden wolle, so sollte sie bis Dienstag abend 9 Uhr unter einem Baum auf dem Tempelhofer Felde, der näher bezeichnet wurde, 30 M. niederlegen, anderenfalls werde es ihr heute noch ans Leben gehen. Frau Rose übergab den Brief der Polizei. Diese vcranlaßte sie zum Schein das Geld niederzulegen, während zwei Beamte in der Nähe weilten.' Kaum hatte die Frau das kleine Zeitungspaketchen niedergelegt, als sich aus der Menge von Zuschauern beini Fußball- spiel ein junger Mann löste und das Paket aufhob. Im selben Augenblick griffen die Beamten zu. Der Erpresser zog einen Revolver aus der Tasche und versuchte sich damit zu wehren. Bevor er anschlagen konnte, war er entwaffnet. Die Waffe war mit sechs scharfen Patronen geladen. Auf dem Neuköllner Polizeipräsidium erkannte man in ihm einen 17 Jahre alten Fensterputzer Alfred Bohle, der in dem Hause der Frau Rose wohnte. Schwerer Strastenunfall. Ein verhängnisvoller Zusammenstoß eines Rollwagens mit einem Straßenbahnzuge ereignete sich am Dienstagabend gegen >/�9 Uhr in Charlottenburg. Dort fuhr an der Ecke der Berliner und der Leibnizstraße ein Rollwagen gegen die Seitenwand des Beiwagens eines Zuges der Linie 1k. Die Deichsel durchstieß die Seitenscheibe und traf mit voller Wucht die siebenjährige Tochter des Milchhändlers Schreib aus Charlottenburg an den Hinterkopf. Die Kleine erlitt so schwere Verletzungen, daß sie auf dem Trans- port nach der Unfallstation starb. Ein zweiter Fahrgast, der Geheime Registrator Henscl, trug Rippenquetschungen, Kopf- und Handver- letzungen davon. Er erhielt auf der Unfallstation die erste ärztliche Hilfe und wurde dann nach der Wohnung gebracht. Während der Rollwagen unbeschädigt blieb, wurde am Straßenbahnwagen die Hinterp'lattform demoliert. Ein zweiter Straßenunfall hat fich in der Bülowstraße zu- getragen. Vor dem Hause Nr. 40 lief der zehnjährige Helmut Gogoll kurz vor einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie III auf das Gleis und wurde umgestoßen. Der Junge erlitt einen Bruch des rechten Oberschenkels und eine Verletzung des linken Unterschenkels und fand im nahen Elisabeth-Krankenhause Aufnahme. Wer ist der Tote? Aus dem Spandauer Schiffahrtskanal in der Nähe der Sandkrugbrücke gelandet wurde Dienstag die Leiche eines unbekannten Mannes von etwa 25—30 Jahren. Der Tote. der den mittleren Ständen angehört zu haben scheint, ist bartlos und trug eine braungesprenkelte Hose und Weste, schwarze wollene Strümpfe und schwarze Schnürschuhe und ein grau-rot gestteistes Barckentlinterhemd. Dachstuhlbrand. Die Berliner Feuerwehr hatte in der Lüderitz- straße 56 einen größeren Dachstuhlbrand zu löschen. Der halbe Dachstuhl des modernen Wohnhauses ist mit dem Inhalt der Boden- verschlüge den Flammen zum Opfer gefallen. Die Entstehung soll auf Fahrlässigkeit beruhen. Trcptow-Stcrnwartc.„Das Wasser als Bildner der Erdober- fläche" lautet das Thema des Vortrages, den Herr Jens Lützen am Mittwoch, 26. Juli, abends 8>/2 Uhr, im großen Hörsaal der Treptow-Sternwarte, im„Verein von Freunden der Treptow-Stern- warte" an der Hand zahlreicher Lichtbilder halten wird. Nichl- Mitglieder zahlen die üblichen Kassenpreise.— Sonntag, 23. Juli, 5 Uhr, Kiuovortrag:„An den Ufern des Rheins."— Am Dienstag, 25. Juli, 7 Uhr, Lichlbildervortrag:„Bewohnbarkeit der Welten." Kriegsverwundete haben zu allen Vorlrägen umsonst Zutritt. Sportpark Treptow. Die am Sonntag unerledigt gebliebenen Rennen kamen Dienstagabend zum Austrag. Der zweite und drilte Verlauf(über je 30 Kilometer) zu dem Dauerrennen um den Großen Preis von Berlin wurde von Janke, Weise. Demke, Kuschkow, Lewanow und Schipke bestritten. Im zweiten Vorlauf siegle Janke vor Weise<840 Meier zurück!. Demke hatte Naddefekt und blieb deshalb weit zurück. Der dritte Vorlauf sah Schipke als Sieger vor Lewanow<1050 Meter zurück): Kuschkow blieb 2280 Meter zurück.— Die Ersten aus den drei Vorläufen komnieu am Sonntag, den 23. Juli, in die Entscheidung. Diese wird in zwei Vorläufen über je 30 Kilometer zu je drei Fahrern ausgefahren. Die zwei Ersten aus diesen Vorläufen bestreiten dann den' Endlauf. DaS Vorgabefahren über 1600 Meter gewann Rütt vom Mal aus vor Stabe und Lorenz mit 10 Meter, und Abraham mit 40 Meter Vorgabe. In dem Prämienfahren über 8000 Meter ging Krahner als Erster vor Techmer, Behrendt und Hoffmann durchs Ziel. DaS Trostfahren über vier Bahnrunden wurde von Tetzlaff vor Koch, Naujolat und Wiegand gewonnen. /tos den Gemeinden. Zuweisung von Nahrungsmitteln für Charlottenburger Kranke. Die Bordrucke für die ärztlichen Zeugnisse zwecks Sonder zuteilung von NahrungSmiiteln an Kranke können von den die Zeugnisse ausstellenden Aerzten bezw. den Kranken, die von der Zu- teilung Gebrauch machen wollen, m der Lebensmittelabteilung des Magistrats Charlottenburg. Rathaus, Berliner Straste 72/73, Zimmer 80, in Enipfang genommen werden. Pankower Kriegsfürsorge für Erwerbslose der Textilindustrie. Aehnltch wie Berlin und andere Vorortgemeinden beabsichtigt die Gemeinde V a n k o w für solche Arbeiter und Angestellte der Grost-Berliner Textilindustrie«ine ArbeitSlosensürsorge einzurichten, die infolge der durch den Krieg bedingten ArbeitSbeschränkungen ganz oder teilweise erwerbslos geworden und in Pankow wohnhaft sind. Die Unterstützungsbedingungen und«fätze werden denen der Stadt Berlin entsprechen. Um schon je�t mit den Arbeitgebern wegen Auszahlung der Unterstützunge» m Verbindung treten zu können, fordert der Gemeindevorstand die in Frage kommenden Ar- deirer und Angestellten auf. ihm unverzüglich schriftlich mitzuteilen, in welchen Betrieben sie beschäftigt sind oder waren. Auch kann die Angelegenheit in den nächsten Tagen persönlich auf Zimmer 17 im hiesigen Rathaus geregelt werden. Gerichtszeitung. Ucbcrschrcitung der Höchstpreise und Zurückbaltunq von Fleisch. Vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte hatte sich Frau Anna Winsch, die Inhaberin der Hofschlächterei T. E. Biesold in der Wilhelmstrahe 43 a, zu verantworten. Me erinnerlich, waren bei der Firma grohe Mengen Fleischwaren vorgefunden worden, die sie zurückbehalten und nicht zum Verkauf gebracht hatte. Ferner wurde der Angeklagten der Vorwurf gemacht, die Höchst- preise überschritten zu haben. In der Verhandlung beantragte der Staatsanwalt gegen Frau Winsch«in« Geldstrafe von 10 000 Mark. DaS Gericht verurteilte die Angeklagte zu 8000 Mark Geldstrafe oder 800 Tagen Gefängnis.— Wie verlautet, wird die Angeklagte gegen das Urteil Berufung einlegen. Milchplantfcherei. Wieder handelte eS sich um eine Milchplantscherei bei eitler Anklage, die gestern den Molkeretbesitzer Her- mann Scholz vor das Schöffengericht Berlin-Mitte führte. Bei der Polizei war«ine Anzeige eingegangen, wonach der An- geklagte nach dem Melken der Kühe die Milcheimer in seine Wohnung nehme und dort mit Brunnenwasser vermische. ,Die Polizei gab diese Anzeige nicht zu den Akten des Gerichts, da die Anzeigende gebeten batte, ihren Namen nicht preiszugeben. Die Polizei Uetz dann selbständig dreimal Milchproben bei dem Angeklagten entnehmen. Prof. Dr. Juckenack stellte in diesen einen Wassergehalt von 2V— 2S— 30 Prozent und zwar von Brunnenwasser fest. Der Angeklagte behauptete, von der Pkantscherei nichts zu wissen und behauptete, daß es sich hier um einen Racheakt handle. Er sei Witwer und habe alle möglichen Frauen heiraten sollen, sei aber auf diese Wünsche nicht eingegangen, sondern habe sein« Wirt- schafterin geheiratet.— Der Staatsanwalt beantragt« vier Monate Gefängnis. 1000 M. Geldstrafe und Veröffent- lichung de« Urteils, da eine solche Verschlechterung der Milch in der beutigen Zeit besonder» strafwürdig erschein« und wegen der im Brunnenwasser enthaltenen Bakterien eine Gefahr für die Kinderwelt vorliege. DaS Gericht hielt eS für notwendig, die Frage der Vorsätzlichleit noch näher zu prüfen und beschlotz deshalb, da« Polizeipräsidium aufzufordem, den Namen der Anzeigenden und den Inhalt der Anzeige bekannt zu geben. Die Verhandlung wurde vertagt._ Well sie sich zuviel abnehmen ließ! Wegen Vergehens gegen die Bestimmungen über Höchst- preise mutzte die Lehrerfrau Löwa au« MärtenSmühle(Kreis Jüterbog) sich gestern vor dem Landgericht Potsdam der- antworten. Sie soll sich dadurch strafbar gemacht haben, datz sie Anfang März 1S16 bei einem Kartoffelkauf dem LehnSgutSbesitzer Lehmann in MärtenSmühle zu viel zahlte. Für zwei Zentner Kartoffeln durfte er nach dem damaligen Höchstpreis 7,60 M. nehmen, er nahm aber von der Käuferin 10 M. AlS ihr Ehemann diese Höchst- preiSüberschreitung anzeigte, wurde nicht nur dem Verkäufer, sondern auch der K ä u f e r i n je ein Strafmandat auferlegt. Der LehnSgutS- bcsitzer zahlte seine Strafe, über deren Höhe leider nichts bekannt geworden ist. Lehmann ist reich. Nebenbei bemerkt? er gehört dem Schulvorstand und dem Kirchenrat an und hat im Kriegerverein da? Amt des Vorsitzenden, so datz ihm die Käuferin schwerlich eine Höchst- preiSüberschreitung zugetraut haben dürfte. Die Lehrerfrau erhob Widerspruch gegen den für sie auf 10 M. lautenden Etrafbefehl und erreichte dann nur, datz vom Schöffengericht Luckenwalde auf 6 M. Geldstrafe erkannt wurde. Auf die von ihr«ingelegt« B e- r u f u n g batte ba» Landgericht Potsdam das Urteil nach- zuprüfen. Einem Antrag des Staatsanwalt« folgend, schlotz da» Gericht dre Oeffentlichkeit auS. Nach Vernehmung de» Gemeindevorstehers von MärtenSmühle, dem die Bekanntgabe der Höchstpreisfestsetzungen obliegt, wurde durch LandgerichtSurteil die Berufung verworfen. ES bleibt also bei 6 M. Geldstrafe für die Käuferin, die zu viel gezahlt hatte,«u« der Urteilsbegründung, die öffentlich gegeben wurde, ging nicht hervor, ob man der Angeklagten b e w u tz t e Ueberschreitung de« Höchstpreise» zur Last legte. Der Vorsitzende führte au«:.Die Preise werden veröffentlicht. Jeder Staatsbürger hat jetzt die Verpflichtung, sich um die Höchstpreise zu kümmern. Wenn er die überschreitet, mutz er die Folgen tragen. Die Strafe ist nicht zu hoch bemessen.' Wiederholt haben wir darauf hingewiesen, datz die Be- strafung eines Käufers, der zur Ueberschreitung des Höchst- Preises nicht auffordert, noch anreizt oder anstiftet, ein Vorteil für den Höchstpreis n e h m e r ist, da naturgemätz dadurch Strafanzeigen wegen LebenSmittelwuchers oft unterbleiben. Im Reichstag wurde leider eine Klarstellung in dem von unZ angedeuteten Sinne abgelehnt. Revolverschießerei. DaS Abenteuer einer Kriegerfrau, bei dem der Revolver eine böse Rolle spielte, beschäftigte gestern das Schöffengericht Berlin-Wedding. Unter der Anklage der vorsätzlichen Körperverletzung wurde Frau Anna Kayser dem Gericht aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Der Ehemann der Angeklagten steht als Landsturmmann in Nutz- land. Die stark hysterische Angeklagte lebte mit einem Schloffer Pate seit November v. I. zusammen. P. soll sehr jähzornig werden, sobald er etwa» über den Durst getrunken hat. Da« war am 29. Juni der Fall, als er abends auS einer Schankwirtschaft nach Hause kam. AuS geringfügiger Veranlassung kam eS mit der Angeklagten zu Met- nungSverschtedenheiten, die damit endeten, datz P. sie erheblich ver- prügelte. Als sich P. dann im dunklen Zimmer ins Bett legte und sofort einschlief, grübelte die Angeklagte über da« ihr zugefügte Un- recht nach. Sie will dann instinktiv einen auf einem Tischchen liegenden Revolver ihres Ehemannes ergriffen haben, und nach ihrer Behauptung soll dann plötzlich ein Schutz losgegangen sein. Dieser traf den P. in die Stirn. Als P. in- folge des gespürten Schlages gegen den Kopf munter wurde, lief die Angeklagte zu einem Arzt, während der Angeschossene sich nach der Unfallstation begab. Die Kugel ist ihm auS der Stirn herausgenommen worden. Nach einigen Tagen war er wieder arbeitsfähig. Da die Angeklagte bei ihrer ersten Vernehmung er- klärt hatte, datz sie dem P..einen Denkzettel' habe erteilen wollen, hielt der Staatsanwalt eine vorsätzliche Körperverletzung für vorliegend und beantragte ein Jahr Gefängnis. Das Schöffengericht verurteilte die Angeklagt« zu drei Monaten Gefängnis, wobei eS die vorhergegangene schwere Mißhandlung durch den P. berücksichtigte. /tos aller Welt. Ein Schildbürgerstreich. In Mülhausen i. E. wurden am 8. Maid. I. durch den Bürgermeister 2600 Kilo Schokoladenwaren beschlag« nahmt. Eine Beschwerde gegen die Beschlagnahme wurde ab- gelehnt mit der Begründung, datz die Ware nur zu SpekulationS- zwecken im Kettenhandel weitervertrieben und dem öffent- lichen verkehr entzogen werden sollte. Am 10. Juli ver> langte der Schokoladenagent, dem die Ware weggenommen worden war, Bezahlung vom Bürgermeisteramt. Die Antwort war ab- lehnend, da eine Besichtigung ergeben habe,»datz die 2600 Kilo Schokoladen waren infolge mangelhafter Packung angelaufen und in diesem Zustande un- verkäuflich sind'. Der Agent behauptet nun in seiner Gegen» schrist, die Ware habe sich bei der Beschlagnahme in tadellosem Zu- stände befunden, anders hätte sie nicht die Einkaufsvereintgung der Kolonialwarenhändler zum Pretse von 6,25 M. da» Kilo am 4. Mai gekauft.(Die Beschlagnahme wurde dem Agenten erst an diesem Tage nachmittag« bekannt.) Such habe er von Anfang an sowohl die vollstreckende Behörde als auch die Polizeidirektion und das Lcbensmittelamt der Stadt auf den delikaten Charakter der Ware ausdrücklich aufmerksam gemacht. Er müsse daher auf unverzügliche Auszahlung der ihm zustehenden Summe bestehen. Unser Mülhauser Parteiblatt, da» die Schriftstücke, die in dieser Sache gewechselt worden sind, veröffentlicht, bemerkt mit Recht hier- zu:»Wenn am 3. Mai verderbliche Lebensmittel beschlagnahmt werben, wie kommt eS, datz bann erst nach der ZahlungSaufforverung vom 10. Juli die Unverkäuflichkeit der Ware festgestellt wird k— Wie kommt eS Wetter, datz Lebensmittel, die nach der Auffassung de« Herrn Kreisdirektor» dem öffentlichen Verkehr nicht vorenthalten werden sollen, in der Zeit, in der die gröhte Knappheit de« ganzen JahreS an Lebensmitteln vorhanden war, ruhig liegen bleiben, bis die Unverkäuflichkeit festgestellt werden mutz?' ES ist unerhört, datz fortgesetzt Masten von Nahrungsmitteln dem Verderben preisgegeben werden. Noch unerhörter ist e« aber, wenn eine Behörde durch ihr Berhalten ebenfalls noch dazu beiträgt._ Die Misston der Frau 7 Die französischen Frauenrechtlerinnen haben vor kurzem— etwa zur selben Zeih al» in Deutschland der Bund Deutscher Frauenvrretne tagte— in Part« ihren JahreSkongreß abgehalten und bei dieser Gelegenheit den Beschluh gefaht. den ersten Kongreß nach dem Kriege im wiedereroberten Stratzburg abzuhalten. Die Frauen allein sind nicht in der Lage, den Frieden herbei- zuführen, aber sollten sie sich nicht in allen Ländern hüten, die Leidenschaften anzustacheln? Sollten sie nicht überall im Frieden Ordernden Sinne wirken? Drei Monate Gefängnis und 3000 M. Geldstrafe für minder- wertige Schuhsohlen. Wie au« Köln gemeldet wird, ist dort der In- Haber einer bekannten Schnellschubsohlerei, Otto Schlutius, vom Kölner Schöffengericht zu drei Monaten Gefängnis und 3000 M. Geldbuße verurteilt worden, weil er hauptsächlich minder- wertiges und Abfalleder zu Schuhsohlen ver- wandte und sich dafür, weil er eS als bestes Kernleder bezeichnete, ganz autztrordentlich hohe Preise bezahlen ließ. Strafschärfend kam ,n Betracht, datz hauptsächlich ärmere Kreise durch diese Schwindeleien des'auch schon öfter vorbestraften Angeklagten betroffen wurden. Beantragt waren ein Jahr Gefängnis, 6000 M. Geldstrafe und Ehr- Verlust. Große Hitze in New Dork. Die.Basler Nachrichten' melden aus New Uorl: Stadt und Distrikt New Dork leiden unter einer H i tz w e I l e, die seit einigen Tagen eine Temperatur von 40 Grad im Schatten erzeugt. Etwa 200 Personen sind dem Hitzschlag erlegen. Bei schweren Gewittern wurden außerdem mehrere Personen getötet. parteiveranftaltungen. Borsigwalde, Wittenau. Sonntag, den 23. Juli: FamUlen-AuSfluz nach Glienicke bei HermSdorf, Reilaurant Wi-Wa-WaldeSluIt. Treffpunkt: mittag« 12 Uhr im Restaurant WIlh. Schulze, Schubartftr. 89. Vriefkaften üer ReÜaktion. Sie luctmi«! SprechNunde findet ffic lidonnentin Lmdenstr. 8, IT, Hos recht«, narterr«, am Manlaa dl» Freilag von t»>»? Uer, am Sonnabend von S»IS 6 U»t statt. Jeder wr den D r i« f t a st e n destimmten«nirage tst ein Vuchstade und ein» Ladt al« Merkzeichen belzutflgen. Briefliche «nlioorl wird nicht erteilt.» Anfragen, denen keine«bonnementtauitlung beigefügt ist, werden nicht deantwortet. Eilig« Fragen trag» man in der Svrechstnnde vor. Bertrige, echriftstückr und derglrlchcn dringe«an in die Sprechstunde mit. B. Sich. lti. Kaiiischuckmeldestellc, Potsdamer Str. 10— II.— A. G. 20. iludlchutz für deutsche KriegSgesangene. Hamburg. Ferdinand- stratze 75.— Näherin 8. Sind dem Verband der Schneider und Schneiderinnen angeschlossen. Sebastianstr. 87— 38, Sektion der Wäsche- näbeiinnen.— G. K. I.»8. 1. Bei Roiglut. 2. 228 Grad. 8. und 4. Nicht bekannt, well au« Mischung bestehend. 6. und«. Darüber müssen Sie sich bei einem Fachmann iMetallgießer) erkundigen.— W. P. IVO. Dr. Pletzner, Adalbertsrr. 5.— P. C. 18. KriegSkinderspende deutscher Frauen. Privatkanzlei der Frau Kronprinzessin. Potsdam.— H. K. 83. Darüber dürften Sie wohl beim T extifarbelter- Verband, Andrea«- strafie 17, 8—1 und 5— 7 Uhr, am sichersten Auskunft erhallen.— I. Ja. —(f. D. 0. Sie haben au« beiden Kassen keinen Anspruch aus Sterbe- geld.— P. K. 77. 1. Sie sind zur AuSsübrung der Arbeiten verpssichtet, auch wenn Sie nur al« arbcil«perwendung«sihig bezeichnet wurden. 2. Nein. — S. B. 76. 1. Nein, für den Uniall ist der Untemebmer nicht baff- pfltchtia. ilt tritt sür ihn die Unsallverstcherung ein. 2. Sie können weitere Entschädigungsansprüche nicht erheben, zumal nach dem ablehnenden Be- scheid der Staattanwallschast. 3. Auch Ansprüche aus Schmerzensgeld stehen Ihnen nicht zu. 4. Eine solche Klage ist auSsichtSIo«. Sie mutzte beim Landgericht eingereicht werden.— G. Tau. Da der Gegenstand nur al« einfache« Postpaket eingeliefert wurde, können Sie keinen SchadenSersad- anlprnch geltend machen.— L. 62. Die betreffenden Arbeiter könnten sich mit einem Gesuch an den Oberpräsidenten wenden.— I. L. 4. Die Unter- stütziingSsätze sind un« nicht bekannt.— H. 23. Die HilsSkrankenkassen. wird Ihnen iür da« Kind in r hinaus gewährt. St« müssen einen Antrag aus Weiterzahlung bei der zuständigen Steuerkasse stellen.— W. R., Waldftr. 31. Ja.— 39. S. 100. Wenden Sie sich mit einer Nachfrage an den Metallarbeiterverband, Linienstr. 83/83.— O. G. 1. Wenn Sie im Jabre 1316 einen vollen JahreSarbeitSvcrdienst erzielt hatten, so kann nur dieser Verdienst zur Grundlage sür die Stcuerver- anlagung genommen werden. Waren Sie dagegen im vorigen Jahre längere Zeit zum Militär«ingezogen oder krank, so wird der jetzige Per- dienst zur Grundlage der Steüerelnschätzuna genommen. 2. Nein.— B. M. 13. Die Gebühren sür den Austritt auS der Landeskirche be. tragen etwa 4,50 M.— G. H 93. Stellen Sie einen Antrag auf Auszahlung der Löhnung an da« Ersatzbataillon de» senigen Truppenteil», zu dem Ihr Mann eingezogen wurde.— tÖ. M. 23. Für den Schadenersatz ist die betreffende Mieterin verantwortlich zu machen.— W. K. 88. Sie baben Anspruch aus Invalidenrente. Reichen Sie unter Beilegung Ihrer Ausrechnungsbesch einigungen und Ihrer letzten Quittung« karte sowie Ihrer GcburiSurfunde Antrag aus Gewährung der Rente beim Versicherung«- amt, Klosterstt. S8, ein. — H. F. 890. Die KriegSunterstützung diesem Falle jedensallS über da» 15. Jahr w zuttai . 100. Dratscter Etoehlilnilemriianil. (Zahlstelle Berlin.) Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege Richard Rose am 17. d. Mt«. gestorben ist. Ehre seine« Mndeuke« k Die Beerdig Freitaa. den 21.. aus dem findet am lt, nachmittag« Uhr, aus dem neue« Michael. Kirchhos in Mattendors, Marien- dorser Weg, statt. 24/5 Die OrtSverwaltnug. Am 3. Juli fand durch eine Berletznna im Felde unier lieber Sohn und Bruder, der Musketier Faul Seifert Fns.-Regt. 158 den lob. Tiesbetrauert von setneu Eltern Karl Seifert, Aaguste Seifert, und Geschwistern Richard Seifert, Willi Seifert, Else Seifert. Wir trauern, klagen, ach, e» ist vergeben«. Nicht« bringt dich. Guter, Braver. mehr zurück; Du warft die Hoffnung und die Freude meines Leben«, Im weiten, fremde» Land voll- zog sich Dein Geschick. DaS Dich nun trennt so früh von all den Deinen. Nur, wer Dich kannte, weitz, wat ich verloren and weitz, warum ich weine, weine. 113« Danksagung. Für die vielen Bewesse Herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines liebe«, unvergetzltchen Mannes Villi Dopschali sage ich hiermit allen, weiche ihm die letzte Ehre erwiesen haben, meinen aufrichtigsten Dank. 114A Im tiefsten Schmerz Nachruf zum 20. Juli. Heute vor einem Jahre fiel aus dem Kriegsschauplatze durch Kops- schütz unser innigstgeliebter Nesse und Enkel, unser Liebste», was wir hatten, der Buchdrucker Willi Gliffe. In trauernder Erinnerung seine Tante H. Martert. Da« alle« nur tst nun geblieben Vom Jugendlenze, vom Lebe» 374b und Lieben. (Hetzel'sche Kaffe). »«««tag. den 28. Jntt 1916, vormittag« Bf, Uhr: General-Yersammlong im BereinShau« Bert. Muflkcr, Kasser-Wtlhelm-Stt. 8t(parterre). Tagesordnung: 1. HalbjahreSbericht(1. 1.— 80. a. IS). 2. Bericht der Revisoren. 8. Festsetzung der PublikattonSorgane für 1315/1317. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. 337b» iver«orstand. ! 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Inns Dopsehall..__ Füx des Jnjeratenlell veranlw.: Td.GU>cke, Berlin. Druck«.Verlag: LorwärtA Luchdruckerei«. VerlagsanstaU Paul Swser& Eo« Verlw SÄ,