Nr.1»8.-S3.DaI,rg. n�nnementS'Bedingunatn: Abonnements• Preis pränumerando Vicrteljährl. SL0 Ml, monatl. 1,Zg Ml, wöchentlich 30 Pjg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nunimer mit illustrierter SonnlagS- Beilage.Die Neue Welt' 10 Vig. Pösl- Abonnement: ILO Marl pro Monat, Eingetragen in die Posi-Zeitunas- Preisliste. Unter Kreuzband tür Teullchland und Oesterreich. Ungarn 2äo. Marl, für daS übrige Ausland s Marl pro Monat. Postabonnememz nehmen an Belgien. Dänsmarl Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Nuuiänicn. Schweden und die Schweiz. kllcheiiii l liglich. �* Verlinev VolksblAkt. Die TnIcrflonS'GfbDftr deträgt für die fechsgespaliene Kolonel- zeile oder deren Nnum 60 Pfg, für politifche uyd gewcrlfchosllichc Vereins» und VeriamnilungS» Anzeigen Z0 Pfg. „Kleine Snreigei»", das fettgedruclie Wort S0 Pfg.(zuläifig? feiigedruckte Worie). jedcS weitere Eorl 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaistcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes «euere Wort oPig. Worte über lö Buchstaben zählen für zwei Worte, �nfcraie für die nächste Nummer müsten bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Tic Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adreffe: «Zosisliieinostlitl lieh!»" Zcntralovgati der rozialdemokratifchcn Partei Deutfcblands. NeSaktion: SW. 68, Zindenftraßc 5. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Nr. ISl. Sv— ISI S7. Englanös Kriege unö Engianös Staatsfchulö. Von Ed. Bernstein. Am Vorabend des jetzigen Krieges belief sich Englands konsolidierte Staatsschuld in deutscher Währung ausgedrückt aus rund 12 Milliarden Mark, neben schwebenden(kurz- fristigen) Schulden und Renten-(Annuitäten-) Schulden im Gesamtbetrage von 1 Milliarde Mark. Für die Jahresver- zinsung dieser Schuld war das Staatsbudget mit rund 400 Millionen Mark belastet neben etwa 95 Millionen Mark gesetzlicher Rücklagen in den Tilgungsfonds. Fragt man. wie England zu dieser hohen Staatsschuld kam, in welche mehr als eine Milliarde Mark werbende An- leihen nicht eingeschlossen sind, so gibt selbst das zahme, sich parteilos haltende Whitackers Almanack im Abschnitt über die Nationalschuld die Antwort darauf mit den Worten„die nationale Schuld wurde fast gänzlich für Kriege nach außen diu aufgenommen."(Whitackers Alinanack, Jahr 1911, Seite 522.) Bis zum Vorabend der„glorreichen Revolution" von 1688 war der Betrag der Staatsschuld— damals noch „des Königs Schuld" genannt— erst ans die verhältnismäßig unbedeutende Summe von rund 13% Millionen Mark angelaufen. Tas sollte sich nun gründlich ändern. Der Name „des Königs Schuld" verschwand, und statt dessen führte fortan, während für alle übrigen Staatseinrichtungen Eng- lands die Bezeichnung königlich beibehalten wurde, die Staatsschuld den Nomen„national". Die„Nation", das war die nun zur Herrschaft gelangende Oligarchie der großen Grundbesitzer in Stadt und Land, die zwar nicht für alle Kriege, die England nun führte, allein verantwortlich zu machen ist, aber doch die Ausgaben für sie bewilligte, wäh- rend sie den Löwenanteil der dafür erforderlichen Mittel in Form von indirekten Steuern dem Volk auflwlste. Unter Wilhelm III. von Oranien, der 1689 auf den Thron kam, setzten die Kriege Englands mit Frankreich zu- erst wegen der pfälzischen, dann wegen der spanischen Erb- folge ein. Hier war es der König selbst, der den Krieg herbei- führte, da sein Stammland, die Niederlande, stark an der Regelung interessiert waren. Als William starb, war daher die Nationalschuld auf gegen 269 Millionen Mark ange- wachsen. Das war indes nur ein Anfang. Auf den Thron stieg Anna, die Tochter des 1688 verjagten Jacob II., aber die Politik bestimmten nun die Whigs. Ter spanische Erb- folgekrieg lvard jetzt erst mit voller Wucht geführt, Marl- borough erntete durch seine Siege auf dem Festlande unsterb- lichen Ruhm, den Robert Southey in seinem, von Freiligrath verdeutschten Gedicht„Die Schlacht bei Blenheim" damit kommentiert hat, daß er einen alten Mann, der einem Kiia- den von diesem„großen Sieg" erzählte, bei dem so viele, viele Menschen erschlagen wurden, auf die Frage, was Gutes denn das Ergebnis gewesen fei, stoisch antworten läßt: „Schweig, Knabe"— und der Knabe schwieg— „Es war ein höchst glorioser Sieg". Für die englischen Finanzen war das Ergebnis, daß Englands Staatsschuld beim Tode der Anna auf 750 Millionen Mark angeschwollen war. Der Thron von England ging auf Angehörige des Welfenhauses Hannover-Braunschweig über, die gleichzeitig Kurfürsten von Hannover waren und wiederholt mehr Rück- ficht auf die Interessen ihrer Dynastie im Stammlande, als auf das Wohl Englands nahmen, dessen Sprache der erste von ihnen— Georg I.— gar nicht, der zweite— Georg II.— nur höchst fehlerhaft sprach. � Unter Georg I. ward ein Krieg mit Spanien geführt, zu dessen Ausbruch festländische Jnter- essen Georgs bestimmend beitrugen. Neue Zunahme der Staatsschuld, die im Jahre von Georgs Tod— 1727— auf eine Milliarde und 59 Millionen Mark angewachsen war. Neben dynastischen Interessen und Launen spielen nun Interessen der handeltreibenden und industriellen Bourgeoisie und der nach Gold und ertragreichen Staatsposten lüsternen Sprößlinge der grundbesitzenden Aristokratie eine immer größere Rolle bei der Anzettelung von Kriegen. Der Geist des Merkantilismus beherrscht die auswärtige Politik, das Schutzzollsystem ist auf der Höhe: Kriege um die Vergröße- rung des Kolonialbesitzes und die Sicherung von Handels- monoPolen sind an der Tagesordnung. Bis zum Vorabend des Unabhängigkeitskrieges der Neu-England-Kolonien, der zur Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika führte. ist Englands Staatsschuld auf 214 Milliarden Mark gc- stiegen. „Dieser Zuivachs", schreibt das Finanzreform-Jaljrbuch (Almanack)„ist dem Krieg mit Spanien nm das„Recht auf Untersuchung"(nämlich von fremden Handelsschiffen nach etwaiger Schmuggelware) geschuldet, ein Krieg, der direkt dem vom Schutzzoll gezüchteten Handelsneid zu verdanken war. Er und der aus ihm erwachsene Krieg mit Frankreich um die Erb- folge betreffs des Thrones von Oesterreich kosteten über 43 Mit- lionen Pfund(;= 860 Millionen Mark). Im letzteren Krieg kämpf- ten wir für Maria Theresia gegen Friedrich den Großen. Er endete 1743, und im Jahre 1756 traten wir in den siebenjährigen Krieg gegen Maria Theresia ein und unterstützten nun Fried- rich. Dieser Krieg, der in dem vorhergegangenen seine Wurzel hatte, kostete über 82 Millionen Pfund(� 1640 Millionen Mark)." 1776 beginnt der Unabhängigkeitskampf der Amerikaner. Seine wirtschaftliche Ursache wird vom Finanzreforni-Jahr- buch wie folgt entlvickelt: „Die Grundbesitzer setzten 1767 die Bodenabgaben von 4 Schilling auf 3 Schilling für das Pfund Sterling Steuerwert herab, lehnten aber die Abschätzung deö Steuerwcrts nach dein Jabrcscrtrag(d. h. dem gemeinen Wert) ab. Das Volk war mu Zöllen und Akzisen überlastet und der Schatzkanzler wegen neuer Steuerquellcn zum Ersatz für die Herabsetzung der Bodenabgabe am Ende seines Lateins, �n seiner Bedrängnis sandte er seinen Steucrerhel'er nach Amerika, und die Folge war der amerika- nische Unabhängigkeitskrieg, der(England) über 97 Millionen Pfund(= 1940 Millionen Mark) kostete. Dieser Krieg war feige, unnötig und, freuen wir uns sagen zu können, unnütz, denn 1783 wurde die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten anerkannt!" So das— bemerken wir noch einmal bürgerlich liberale Jahrbuch.__ ?m Sturm der Riesenschlachten. Von Richard Gädke. Im großen betrachtet hat sich die Gesamtlage auf allen Kriegs- schauplätzen während der letzten sieben Tage bis zum 16. Juli nicht allzusehr verschoben. Im Westen wie im Osten wird um große Eni- scheidungen unter Einsatz gewaltiger Truppenmengen und einer wahren Sintflut von Geschossen erbittert und unaufhörlich ge- rungen; aber noch hat sich die Wage nicht sichtlich und unWiderruf- lich nach der einen oder anderen Seite gesenkt. Im allgemeinen be- finden sich die Truppen der verbündeten Mittelmächte auf allen drei Kriegsschauplätzen gegenwärtig in der Verteidigung, was gc- lcgentliche Angriffsstöße aus den verschiedenartigsten Beweggründen heraus nicht ausschlicht. Im Osten und im Westen haben unsere Gegner an verschie- denen Teilen der ausgedehnten Gefechtsfront vorschreitcn können, an anderen sind sie abgewiesen worden. Man mutz aber anerkennen, dah das Tempo ihrer Angriffsbewegungen sich augenblicklich in leidlichem Gleichmaße bewegt. Es ist schwer zu entscheiden, an welcher unserer Fronten hitziger gekämpft wird; wenn die Angriffs- tätigkeit an einem Tage hier abzuflauen und dort stärker empor- zulodcrn scheint, so gewährt bereits der nächste ein anderes Bild. Oesters wird auch von Franzosen und Russen, von Engländern und Italienern gleich nachdrücklich angegriffen. Nachdem sie die Massen bereitgestellt, emem ins Ungeheure gehenden Schießbedarf ange- sammelt hatten, wurde der Vormarschbefehl von den verschiedenen Heeresleitungen zwar nicht gleichzeitig gegeben; aber die Kraft reichte aus, den Kampf immer wieder zu nähren, bis auch der zweite und dritte angetreten war— die Kraft reichte aus — trotz der sehr grohen Verluste, die alle Gegner, auch nach eigenem Eingeständnis, erlitten haben. Im W e st e n hatten die Engländer anfänglich nur geringe Erfolge errungen und mit dem Ungestüm der Franzosen zu beiden Seiten der Somme nicht gleichen Schritt gehalten. Vielleicht war es doch nicht allein die sichtbare Verstimmung ihrer Bundesgenossen. die sie zu neuen, größeren Anstrengungen zwang, sondern die eigene Einsicht, daß der große Angriff, der nach ihrem Hoffen die Entscheidung des Krieges in seinem Schöße tragen sollte, dem zähen Widerstande der Deutschen größere und nachhaltigere Vorteile abzugewinnen. So haben sie denn vom 10. Juli an zu beiden Seiten der Straße Albert-Bapaume einen neuen Angriff eingeleitet. Während große Massen hinter der Lnüe Ovillers-Mametz-Montau- ban zusammengezogen wurden— darunter reichlich viel Südafri- kaner, Kanadier, Australier, Jndier—, bearbeiteten ihre zahlreichen Batterien schwerer und schwerster Geschütze die deutschen Stellungen zwei Tage lang bei Tag und bei Nacht. Unter dem Schutze dieses Feuers gelang es ihnen, ihre Linien vorzureißen, in Contalmaison, in Mametz, in das hartumstrittene Wäldchen von Trünes cinzu- dringen. Ovillers, Pozieres, Bajentin, Longueval, eben noch blühende Dörfer, wurden in Schutthaufen und in Staub verwandelt, aber auch dann noch von unseren Truppen hartnäckig verteidigt. Erst am 13. war Eontalmaison ganz im feindlichen Besitz, erst am 14. Pozieres und das Wäldchen von Tränes; in Longueval vermochten die Briten nach mehreren blutig abgewiesenen Angriffen Fuh zu fassen; am 15. Juli endlich gewannen sie den größeren Teil des früheren Torfes Ovillers. So ist es ihnen nach sechstägigen höchst verzweifelten Kämpfen geglückt, in einer Breite von 9 Kilometern ihre Angriffslinie auf gleiche Höhe mit der der südlich vorgehenden Franzosen zu bringen, d. h. zwischen 2 und 6 Kilometer Raum nach Osten hin zu gewinnen. In dieser Front ist nach dem Bericht unseres Hauptquartiers ihr Stoß aufgefangen, sind ihre weiteren Angriffe abgewiesen worden. Die Franzosen ihrerseits versuchten am 11. und 13. Juli ver- geblich, ihre Front südlich der Somme nach ihrem rechten Flügel hin, gegen Belloy— Coyecourt zu erweitern. Von da an erlahmten ihre Vorstöße, die Höhen westlich und südwestlich Peronne wurden von den deutschen Truppen gehalten, das Dorf Mache den Gegnern teilweise wieder abgenommen. Auch in der Maas- Gegend sind die Franzosen verschiedeni- lich zum Angriff vorgebrochen, was unsere Truppen nicht gehindert hat, am 11. und 12. Juli ihre Gräben näher an die Werke von Souville und Laufee heranzuschieben und hierbei 2400 Gefangene zu machen. Auf dem ö st l i cki e n Kriegsschauplatz batten die Russen be- kanntlich etwa gleichzeitig mit der großen Offensive im Westen ihre Angriffe gegen die deutschen Heere nördlich der Pripet-Sümpfe aus- gedehnt. Vom 2. Juli an griffen sie die Heeresgruppe des Prinzen Leopold in der Gegend von Baranolvischtschi und Gorodischtscha, am 3. Juli auch den rechten Flügel Hindenburgs bei Smorgon und am Narotsch-See an. Während diese Angriffe unter sehr großen Ver- lusten scheiterten, warfen sich sehr starke Kräfte Brussilows gegen den äußersten Flügel Linsingens südlich des Sumpfgebietes und ge- wannen den Uebergang über den unteren Styr in der Linie Rafa- lowka— Czartorhsk— Kolkt— Gruziatyn. Den auf den Stochodab- schnitt abziehenden Streitkräften der Verbündeten folgten ihre Vor- buten rasch; am 8. und 9. Juli fühlten sie dann gegen die neue Stellung vor und griffen sie am 10. und 11. ziemlich heftig an zahl- reichen Punkten an. Am 12. Juli war dieser Angriff abgeschlagen und am 13. wurden einzelne auf das Westufcr des breiten Fluß- Expedition: EW. 08, Linöenstrahe 3. tzferniprecher- Amt Mortlfpl««,. Nr. 15190—15197. laufes vorgedrungene Abteilungen durch einen Gegenstoß zurück- geworfen. Inzwischen wurde auch die HeerssiMUPPe des Grafen� Bothmer in Ostgalizien, westlich der Strypa, mehrfach stark angegriffen, ohne daß es den Russen gelang, hier nennenswerte Erfolge zu erzielen. Südlich des Dnjcstc folgten sie über Kolomea hinaus bis hart an Delatpu, das zwischen beiden Parteien blieb, und stießen weiter südlich auf die in den Kcirpathenpässen stehenden Oesterreicher, ohne daß es zu ernsten Kämpfen kam. Während am unteren Stochod seit dem 13. Juli eine Pause in den Kämpfen eintrat, zum Teil ivohl verursacht durch die Hcm- mungen, die die sumpfige und Wegeanne Beschasfenheii des Landes dem Nachziehen der schweren Geschütze entgegengesetzte, gingen starke russische Kräfte am 14. Juli südwestlich Luck in Richtung aus Gorochow und die untere Lipa vor. Es kam jetzt zu Gefechten, in deren Verlauf österreichisch-ungarische Kräfte in der Gegend von Szklin-Ugrynow(27 Kilometer südwestlich Lnck) am 16. Juli dem Stoße auswichen und in Richtung auf Gorochow abzogen. Darauf gingen deutsche Abteilungen südlich von ihnen zum Gegenstöße vor und ermöglichieii dem rechten Flügel der nördlich der Lipa kämp- senden österreichisch-ungarischcn Gruppe den ungestörten Rückmarsch hinter diesen Fluß. Es zeigt sich deutlich, daß der große wuchtige Stoß auf der ganzen 350 Kilometer langen Front, mit dem die Russen ihre Offensive am 4. Juli begonnen hatten, im Laufe des Monat Juli nicht mehr in dem gleichen Maßstabe durchgeführt werden.konnte. Unter den Ursachen, die darauf eingewirkt haben, darf man die Verluste nennen, die das russische Heer im Monat Juni erlitten hat. Auch nach Angaben, die aus Rußland selbst zu uns dringen, muß man annehmen, daß sie selbst für russische Begriffe furchtbar hoch sind. Immerhin führt General Brussilow seine Tcilangrifsc noch in recht ausgedehntem Mc»ßstabe, mit festem Willen und ge- schickter Hand durch. Wir werden gut tun, den Nachrichten, daß er wegen seiner brutalen Kriegführung in Ungnade gefallen sei, keinen Glauben zu fchenken. Ueber solche Kleinigkeiten stürzt in Rußlani» keiner, solange er den Erfolg für sich hat. Nachdem er also seinen rechten Flügel durch das Vordringen vom Sthr an den Stochod gesichert hatte, zog er starke Massen im Räume westlich Luck zusammen und begann hier vom 14. Juli an seinen Gegenangriff in südwestlicher Richtung, dessen Verlauf so- eben kurz geschildert wurde. Wir dürfen erwarten, daß die Osten- sive in dieser Richtung auch in den nächsten Tagen noch andauern wird. So branden im Westen wie im Osten zlvei starke Wogen sc nid- licher Heere ungestüm gegen die eiserne Wehr unserer Heere. Auf dem dritten Kriegsschauplatz» dem italienischen, rollen sie gleichfalls, wenn auch nicht mit der gleichen Wucht, gegen die stärken Stellungen unserer Verbündeten an. Als diese infolge der»Er- eignisse im Osten ihre Angnssssronten an der Südostgrenzc Tirols in kürzere Verteidigungsstellungen zurückgezogen hatten, scheint der überraschte Cadorna zunächst unsicher über seine nächsten Maß- nahmen gewesen zu sein. Seine späten Angriffe schwanken zwischen Tirol, den Dolomiten und seiner alten Vorliebe, der Jsonzofront hin und her. Erst gegen Mitte Juli scheint er sich überzeugt zu haben, daß er zu einem Angriff an der ganzen Grenze bei weitem nicht stark genug sei. Er hat sich dann auf die für ihn� zunächst wichtigste Stelle, die Südtirolcr Grenze, geworfen, wo unsere Ver- büudeten noch immer in drohender Haltung seinen � rückwärtigen Verbindungen in der Flanke stehen. Nach seinen eigenen vagen und unbestimmten Metdungei: hat er hier nennenswerte Erfolge cbeniowcnig errungen wie früher an seiner Ostfront. Ter Verlans dieser Kämpfe, die an Hartnäckigkeit und Größe mit den anderen nicht zu vergleichen sind, bereitet den verbündeten Heeresleitungen sicherlich Sorge. Tie Einwirkungen der Italiener auf den Verlauf des Krieges besteht nur darin, daß sie Kräfte binden. In Arme ni eil scheinen die Russen seit Mitte des Monats Juli ihren längere Zeit gehemmten und sogar zurückgeworfenen Angriff westlich"Erzerum von neuem ausgenommen zu haben. Auch die türkischen Meldungen scheinen dem nicht zu widersprechen,(z) die �Norüöeutsche Allgemeine Aeitirng* und üie Kriegslage. Berlin, 20. Juli.(W.T.B.) Die„Norddeutsche?lll- gemeine Zeitung" schreibt unter dem Titel:„Wer hat die Initiative der Kriegführung?": lieber das neutrale Ausländ ist bekannt geworden, daß der Vertreter der„New Uork World", Herr von Wiegand, seinem Blatte ein Telegramm über die Lage der Mittelmächte zugesandt hat, in dem ausgeführt wird, daß jetzt zum ersten Male die Initiative auf die Seile der Feinde der Mittelmächte übergegangen sei. Dieser aus dem Zusammenhang gerissene Satz ist in einer den Sinn des Berichtes des Herrn von Wiegand völlig entstellenden Weise in der Ententepresse verbreitet und zu einem Zugeständnis der militäri- scheu Ueberlegenheit der Entente aufgebauscht worden. Das äußere Bild der augenblicklichen Lage könnte allerdings bei dem nicht militärisch gebildeten Leser vielleicht den Eindruck er- wecken, als ob die Mittelmächte sich zurzeit tatsächlich auf allen Kriegsschauplätzen in der strategischen Defensive befänden. Wie steht es aber hiermit in Wirklichkeit? Sowohl die Offensive der Mittelmächte in Galizien im Mai 1915, die zu dem siogreichen Durchöruch bei Gorlice— Tarnow führte, als auch die große Offen- sive der Deutschen gegen Verdun im Februar dieses Jahres sind beide aus der freien Initiative der Heeresleitungen der Mittel- mächte entsprungen; sie waren durch keinerlei Ereignisse auf irgend- ciucin der anderen Kriegsschauplätze hervorgerufen worden. Die Mittelmächte bestimmten den Zeitpunkt des Beginns, die Art der Ausführung und den Ort der Offensive nach ihrem Willen. Wie steht es demgegenüber mit der Freiheit der Initiative auf selten unserer Feinde bei ihrer jetzigen Offensive? Die Not der schwer bedrängten italienischen Bundesbrüder in Tirol sowohl wie der un- erträglich werdende deutsche Druck auf die französische Front bei Verdun haben die Offensive der Entente erzwungen. ' Der Angriff der Russen in Galizien sowie der der Engländer und Franzosen an der Somme setzten nicht gleichzeitig ein/ sondern nacheinander und zik einem verfrühten Zeitpunikk, zu dem Seder die Russen noch die Engländer zum Angriff bereit waren. Es ist daher ein trügerischer Schluß, wenn unsere Feinde heute behaupten, den Mittelmächten das Gesetz des Handelns durch ihre jetzige Offensive vorzuschreiben. Sie ist sowohl hinsichtlich des Zeitpunktes des Beginns als auch der Art der Ausführung weniger ein Er- gcbnis der freien Initiative unserer Feinde, als vielmehr ein Er- gsbnis der Erfolge der Deutschen vor Verdun und der Oesterreicher und Ungarn in Tirol. Nicht die Ententemächte, sondern die Mittel- mächte sind mithin Herren der strategischen Lage, in ihrer Hand liegt daher auch nach wie vor die Initiative der Kriegführung. Der französische Tagesbericht. Paris, 20. Juli.(W. T. B.) Amtlicher Bericht von Mittwoch nachmittag. Die Nacht war ruhig auf dem größten Teil der Front. Zwei deutsche Handstreiche gegen kleine Posten in der Gegend von Passchendaele und gegen Paissq snördlich der AiSne) scheiterten in unserem Feuer. Auf dem rechten Maa§- ufcr bält der Artillerickampf im Abschnitt von Flcury sehr lebhaft an. Die Franzosen hatten einige Fortschritte im Handgranalenkampf bei Chapelle-Sainte-Fine zu verzeichnen. Paris, 20. Juli. sW. T. B.) Amtlicher Bericht von Mittwoch abend. Südlich der Somme ermöglichte uns eine kleine, von uns südlich Eströes durchgeführte Unternehmung, einige Schützengräben zu nehmen und etwa SO Gefangene zu machen. An der Front von Verdun Beschießung unserer ersten und zweiten Linien im Abschnitt der Höhe 804. Lebhaste Artillerietätigkeit in dem Abschnitt von Fleury ohne Jnfanleriegefecht. In Eparges wurde ein AngriffSversuch auf einen unserer kleinen Posten ab- geschlagen. Flugwesen: Ein deutsches Flugzeug wurde durch das Feuer unserer Abwehrgeschütze in der Nähe von Braine östlich Soissons zun, Absturz gebracht die Insassen wurden gefangen genommen. Belgischer Bericht: Unsere Batterien aller Kaliber nahmen heute das Zerstörungsfeuer auf die deutschen Werke in der Gegend Boesinghe— Steenstroete wieder auf. Erkundungen durch unsere Truppen stellten die vollständige Zerstörung der feindlichen Arbeiten fest, die durch unser früheres Feuer nördlich Dixmuide und bei Helsas hervorgerufen worden war. Die englische Meldung. London, 19. Juli. sW. T.B,> Amtlich. H a i g berichtet: Nach sehr heftigen Angriffen der Deutscheu in sehr dichten Maffen auf unsere Stellungen östlich von Bazentin, die gestern nachmittag um 5 Uhr 39 Minuten begannen, wurde die ganze Nacht hindurch ge- kämpft. Es gelang dem Feinde, nachdem er sehr schwere Verluste erlitten hatte, mit Hilfe von bedeutenden Verstärkungen die Stellung im Walde von Delville zurückzuerobern und an der nördlichen Peripherie von Longueval festen Fuß zu fassen. Der Kampf um diesen Punkt ist noch immer heftig. Sonst brachen die feind« lichen Angriffe einschließlich dreier selbständiger Sturmangriffe auf den Bauernhof von Waterloo vollständig in unserem Feuer zu- sammen. London, lg. Juli.(W.T.B.) Amtlicher Bericht. Nörd- lich der Somme geht der schwere Kampf noch im Dorfe Longueval und im Delville-Gehölz weiter. An beiden Stellen haben wir zum größten Teil das in der vergangenen Nacht verlorene Gelände wieder- erobert. Heute nachmittag zerstreuten wir durch unser Feuer eine große deutsche Truppenmacht, die sich auS der Stichtung von Guillemot zum Angriff auf die Waterloo-Farm sammelte. Die englischen Verluste. Nach allen Nachrichten müssen die Verluste der Engländer in den ersten Tagen der Offensive außerordentlich groß gewesen sein. Das bestätigen auch Briefe, die bei gefangenen Soldaten vom XVI. und XVII. Manch. R. vorgefunden wurden. Einige Stellen aus ihnen seien hier wiedergegeben: „... Ich denke, Du wirst von unserem ruhmvollen Angriff der deutschen Linien am 1. und 2. Juli gehört haben; es war eine glänzende Leistung, aber wir haben teuer dafür bezahlen müssen. Ich bin unversehrt durchgekommen; aber es ist ein reines Wun- der, daß irgendeiner von uns heute noch am Leben ist. Niemals in meinem Leben war ich in einer solch wahrhaftigen Hölle---- Wir stürmten aus den Gräben um 8.L9 am Sonnabend früh, und wir sind nicht sehr weit gekommen, als unsere Leute schon wie„Kegel" rechts und links fielen; was von uns übrig blieb, nahm die Stellung. Wir gruben uns ein, aber kaum war dies geschehen, als die Deutschen begannen, uns in einer Weise zu beschießen, daß wir uns gegenseitig alle Viertelstunde auszu- graben hatten. Wir waren ganz erschöpft, als wir endlich gegen Abend abgelöst wurden. Ich will ähnliches in meinem ganzen Leben nicht mehr mitmachen; ich kann meinem guten Stern danken, daß ich noch am Leben bin." „... Wir rückten ungefähr zwei Meilen über offenes Ge- lande unter einem Hagel von Geschossen vor; links und rechts fielen die Kameraden zu Tode getroffen oder schwer verwundet. Ich kann mich glücklich schätzen, daß ich lebend durchgekommen bin; ich bin der Ansicht, daß, je eher die Sache vorbei ist, desto besser. Ich will an keiner anderen Schlacht mehr teilnehmen..." „...Du wirst in den Zeitungen von der britischen Offensive gelesen haben. Ich werde es bis in meine Todesstunde nicht ver- gcssen. Freitag nacht marschierten wir in die Gräben und war- tctcn auf die Zeit, bis das Kommando zum Sturm gegeben wurde. Man lachte und machte Witze darüber, wie man aus dem Graben heraus zum Angriff vorgehen würde; aber so mancher arme Kerl dachte nicht daran, daß es sein Tod sein würde. Wir kamen bis über den ersten deutschen Graben hinaus, während ihre Geschütze uns die Hölle gaben. Hier verblieben wir für kurze Zeit, da das Artilleriefeuer zu schlimm war. Aber wir hatten Befehl, das Dorf unter allen Umständen zu nehmen, was uns auch gelang— aber unter welchen Verlusten! Ich will Gleiches nicht mehr durchmachen; jeder, der anders spricht, ist ein eitler Prahler oder er ist verrückt...." i - i Der Dericht üer rujsischen Heeresleitung. Petersburg, 29. Juli.