Ar M8.-33. Jahrg. HbonncmcntS'Bcdlnpngcn: UbomiementZ- Preis vrmnmierando Liertcljährl.».SO MI, MDimfl. MI, wöchentlich W PsZ. frei ins Hau!, Einzelne Nummer o Psz. Sonntags- nummcr mit illuftrierler Sonntag s- Bcilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- ?lbonnemcntKI,M Marl vro Monat. Eingetragen in die Posl-Zcitungs» Vreislilte. Unter Kreuzband lür DeuliÄ>Iand und Oesterreich- Ungarn 2L0 Marl, für das übrige Ausland « Marl pro Monat. Vostabonnements nehmen an Belgien. Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, «umänien, Schweden und die Schweis. ("IsTpfeMSg") Die TntcrlieiiS'Gcbüljr beträgt für die scchSzespaltene Kolonel- zcilc oder deren Raum ko Pfg., für toliliiche und gewertjchaflliche BereinS- und Vcrfammlungs- Anzeigen Ll> Pfg. „kAcine ZZnoeisen", da? tettgedruclie Wort 20 Pfg. lsulässig 2 fetlgedrullte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Etellenpefuche und Schlafltcllcnan- zeigen do.s erste Wort 10 Pfg, jedes weitere WortöPfg. Worteüb/r tZBuch- staben zählen für zwei Worte. Inserate stir die nächste Nummer müffen bis k Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 1 Uhr abends geöffnet. erichelnt täglich. Berliner Volksblnkt. Telegramni-Adresfs: .Zo�iÄöeillsiitill Itcrlia". �entralorgan cler roziatdemokratifcbeii Partei Deutfd�lands. Neöaktton: EW. 68, Linösnstraße 3. �ernfprecher: Amt Moritzplatz, Nr. ISl. Sv— Isl i>7. Das Debüt öes National- Donnerstag, den 10. August 1016. ausschußes. Der Nationalausschutz, dem die Presse der Rechter vffizieösL Beziehungen nachsagt, hat am 1. August in drei Dutzend Versanimlungen im ganzen Deutschen Reiche zum lerstenmat seine Fahne entrollt. Man durfte gespannt sein, was die Redner der neuen Organisation für die Vorbereitung eines„ehrenvollen Friedens" der Oeffentlichteit zu sagen Haben würden. Nun hat indessen eine allgemeine Eni- täuschung erlebt. Denn die Redner haben zwar manches wiederholt, was längst, insonderheit aus den Kanzlerreden bekannt war, sich aber peinlichst davor gehütet, etwas Äon- krctcres, Faßbareres, Positiveres zu sagen. Der dichte Nebel, der über den ernstgemeinten Kriegszielen der amtlichen Stellen lagert, ist nid# im mindesten zerstreut worden. Das deutsdje Volk tappt nach wie vor im Dunkeln und auchdas Ausland ist um keinHaar klüger geworden. Wenn in solchen Redeübungen die so viel- versprechend angekündigte Tätigkeit des Nationalausschusses bestehen sollte, so hätte er sich seine Mühe ruhig sparen können. Der vieldeutigen Redewendungen, unter denen jeder das verstehen kann, was ihm paßt, haben wir genug ge- hörtj was uns not tut, ist Klärung der öffentlichen Mei- nung über das, was durck) den Krieg in W i r k l i d) k e i t erreid# werden soll. Noch zwei Kriegsjahren mit ihren un- ernicßlichcn Opfern an physischer und materieller Volkskraft sollte nian doch wohl endlich eine nüchterne Ausspradie dessen erwarten dürfen, was wünschbar und erreidzbar ist. Solange das nicht geschieht, sind alle rhetorischen Exerzitien überflüssig, ja vom Uebel. Daß die Versammlungen des Nationalausschusses diesen Charakter der Unklarheit, Verschwommenheit, ja der offen- barsten Widersprüche tragen würden, ergab sich für den einigermaßen Kundigen frellich schon aus der Durchsicht der Rednerliste. Irgendeine auch nur einigermaßen einheitlid)e programmatische Geschlossenheit der Auffassung war von vornherein ausgeschlossen. Neben einigen Sozialdemokraten, die der Hand) des Sozialimperialismus umwittert, neben fortschrittlichen und Zentrums-Parlamentariern, von denen man nur weiß, daß sie eher als die Unentwegten der Wirt- schaftsverbändc geneigt sind, ihre Kriegszielforderungcn in Einklang mit dem jeweiligen Stand der Kriegsergebnisse zu bringen, sprachen in buntem Gemisd) Professoren und Journalisten, von denen zum guten Teil zu vermuten ist, daß f i e s e l b st n o d) n i d) t r e ch t w i s s e n, welche Kriegszicle im Interesse eines„ehrenvollen Friedens" Deutschland sich stecken soll. Kein Wunder, daß die geäußerten Ansichten, so- weit sie überhaupt aus dem mystischen Halbdunkel greifbar hervortraten, weit voneinander abwichen und ein gärendes Chaos bildeten, das erst recht nach innerer Gestaltung ringt und dem ratlosen Publikum nur zerfließende Sdjatten zeigt, statt wohldurchdachter und faßbarer Gedanken. Einig waren sich die Redner nur in einem Punkte, in der entschiedenen Betonung des unerschütterlichen„Durch- halten s". Mag sein, daß dies Moment, das den Ver- anstaltungen ihren eigentlichen Stempel aufdrückte, durck) die zweite Jährung des Kriegsausbrudjes in den Vordergrund gerückt erschien. Aber dann hätte man, wenn man wirklich etwas anderes bezweckte, als eine derartige Stimu- lierung der öffentlichen Meinung, den Termin der Versamm- lungen anders wählen sollen. Denn so liegen doch die Tinge bei uns in Deutschland wahrhaftig nicht,'daß es einer öffent- lichen Bearbeitung der Volksstimmung bedurft hätte, um den Willen zum Durchhalten zu bekunden. Sind darüber zwisd)en den Anhängern der Forderungen der Wirtschafts- verbände und den um den Nationalausschuß sich gruppieren- den Elementen doch niemals irgendwelckze Meinungsver- schiedenheiten hervorgetreten. Der Kampf zwischen„Un- mäßigen" und„Gemäßigten" geht um Kricgsziele und Kriegsmittel. Aus diesen Meinungsdiffe- r e n z c n erwuchs die leidenschaftlidse Opposition der Kanzlerfronde, die in den Pamphleten der llnnins alter und Kapp ihren typischen Ausdruck gefunden hat. Wollte der Nationalausschuß den Angriffen mit einiger Hoffnung auf Erfolg entgegentreten, so mußte er den Forderungen der Wirtschaftsverbände, die klar genug formuliert sind, mit dergleichen Deutlicksteit sein Programm entgegensetzen. Statt dessen haben die vom Nationalaussckmß gecharterten Redner förmlich gewetteifert, über Kriegsziele mög- lichst wenig und dieses wenige so unbestimmt und vieldeutig wie nur möglich zu sagen. Was unter den„realen Garantien" für den Westen zu verstehen ist, weiß auch heute noch kein Mensch; und wie das„unab- hängige" Polen aussehen soll, ist nicht minder Geheimnis der Erfinder dieses Projekts geblieben. Zudem herrscht unter den Rednern nicht einmal darüber Uebereinstimmung, wer denn eigentlich als„H a u p t f e i n d" zu betrachten sei, gegen den man sich in erster Linie zu„sichern" habe. Erklärten doch mehrere der Redner, darunter bezeichnenderweise and) ein Mitglied der sozialdemokratischen Partei, Dr. August Müller, jede Verständigung mit England für unmöglich und deshalb die Fortsetzung des Krieges so lange für geboten,„bis Eng- land am Boden liege". Ein anderer Redner, Herr Georg Bernhard, verlangte außer den militärischen Grenzvcrschic- bungen auch noch eine entspredjende Kriegsentschädigung, welche Losung, in die knappe und handliche Formel„Geld oder Land" gebrackst, schon vorher den begeisterten Beifall der—„Kriegszeitung" gefunden hatte! Aber nicht nur hinsichtlich der Kriegs ziele präsentierte jeder der Ausschuß-Redner seinen besonderen Wunsdizettel, sondern auch in bczug auf die Kriegs mittel wurden An- sichten laut, die sich in nichts von denen des Grafen Reventlow unterschieden. Spielte man doch, wie Professor Kahl in seiner Dresdner Rede, ganz unbedenklich mit dem Gedanken eines verschärften U°Bootkrieges! Die Kundgebung des Nationalausschusses bot also in jedem Betracht ein Bikd der Verfahrenheit und Ratlosigkeit. Die Kriegspolitik der durch ihn vertretenen Kreise unter- scheidet sich im i n n e r st e n Wesen in nichts von der Kriegspolitik der Reventlow, Fuhrmann oder Kapp. Lassen wir die Floskeln von der inneren Neuorien- tierung beiseite, mit denen die Herren vom. Nationalausschuß ihre sonst ja allzu dürftigen und inhaltlosen Reden garnierten, so besteht der einzige Unterschied darin, daß die Anhänger des Programms der Wirtsd)aftsverbände dreister im Fordern und konsequenter in der Methode der Kriegführung sind, während der Nationalausschuß es bei den Grenz„berichtigungen" um 50 Proz. billiger tun und sich einstweilen vorsichtigerweise einmal aufs Abwarten verlegen will, bevor er seine letzten militärisd>en Trümpfe ausspielt. Wenn nun die Politik der Wirtschaftsverbände unbesonnen und unklug ist, so wird die des Nationalausschusses durck) ihre Halbheit nock) keineswegs ein Muster an Klugheit. Im Gegenteil: die Propagierung einer Politik der schroffsten Abenteuerlichkeit, die der gesunden Vernunft allzu gröblich ins Gesicht schlägt, ist unter Umständen viel weniger gefähr- lich als eine Politik, die der politisd)en Besonnenheit Konzessionen zu machen scheint, ohne doch der Gefahr der Kata- strophe entschlossen auszuweichen. Wir halten denn aud) die Politik des Nationalausschusses für die bedenklichste und verhängnisvollste Halbheit. Man kann zu dem Kriegs- und Friedensproblcm verschieden Stellung nehnlen, aber man kann einer klaren Stellimg- nähme nicht ausweichen, ohne eine unmögliche Politik zu treiben. Man kann glauben, daß der Krieg nicht anders als durch die letzte äußerste Entscheidung der Waffen, durck) den deutschen Sieg beendet werden könne. Lebt man dieser zuversichtlichen Ueberzeugung, so kommt es in der Tat nicht allzuviel daras an, daß man schon jetzt des noch nicht erlegten Bären Fell fröhlick) verteilt. Alles Gerede über eine Verständigung ist dann überflüssig, denn das siegreiche Schwert verbürgt ja die Regelung der Dinge. Nun kann man freilick) der Ansicht sein, daß dieser Krieg überhaupt nicht durch eine Waffenentscheiöung, sondern nur durch eine Verstau- d i g u n g der einander eberrbürtigen Mächtegruppen beendet werden könne. Neigt man aber dieser Auffassung zu, so ist es inkonsequent und vom Uebel, eine Politik der halben und „gemäßigten" Annexionen und„realen" Sicherungen zu ver- treten. Entweder zwingt man dm Gegner nieder und nimmt ihm ab, soviel man ohne Magenbeschwerden verdauen zu können hoffen kann— oder man kommt nur zum Frieden, indem man dem Gegner Friedensbedingun- gen einräumt, die auch für ihn mit keinerlei Demütigungen und Nachteilen verbunden sind. Darin sind denn audj wenigstens die Redner des National- ausschusses konsequent gewesen, daß sie als Voraussetzung solcher Politik das„Durchhalten" predigten, das unbcsehene, bedingungslose Durdchalten. Was man dein Nationalausschuß gestattet hat, wird man der Sozialdemokratie schwerlich verweigern können. Aber mit dem Abhalten von ein paar Dutzend Versammlungen wird die Pflicht'der Sozialdemokratie natürlich nidjt erschöpft sein, sondern erst begonnen haben. Zur Tagung öes französischen Natwnalrats. Bern, 8. August.(W. T. V.) Die beiden Hauptabstimmungen auf der Tagung des Nationalrates der sozialistischen Partei Frankreichs ergaben nach den heutigen französischen Zeitungen folgendes genaue Zahlenverhältnis: Ein Geschäfts- ordnungsantrag der zu Beginn der Sitzungen von der Mehrheit gestellt worden war, wurde mit 1833 gegen 1060 Stimmen angenommen. Die Resolution Renaudel, die sich gegen die vor- läufige Wiederaufnahme der internationalen Beziehungen ausspricht, erhielt 1824 Stimmen, während 1073 dagegen abgegeben wurden. „Petil Journal" schließt daraus, daß die Minderheit seit der letzten Abstimmung im Jahre 1913 ungefähr 200 Mandatstimmen gewonnen habe. Das Ergebnis der Abstimmung über die Mehrheitsresolution wurde mit großem Lärm aufgenommen. Die Anhänger der Minderheit weigerten sich, an der absatzweisen Abstimmung über die Resolution teilzunehmen und verließen unter Absingung der Internationale den Saal. Renaudel, als Sprecher für die Mehr- heitsresolution, erklärte in der Diskussion, daß ein Zusammentreffen mit den deutschen Sozialdemokraten erst möglich sein werde, wenn diese sich von der Bcrantwortung, die sie für den Krieg hätten, frei gemacht und an Stelle des Kaiserreichs eine Republik gesetzt haben würden. Die Kriegsziels wurden von verschiedenen Mehrheits- rednern wie folgt gekennzeichnet: Unterdrückung des preußischen Cxpeüitlon: SM. 68, Linöenstcaßs 3. , Ferusprecher: Amt Morwplak, Nr. 131 Lv— 13197. Militarismus, Kampf gegen die deutsche Vorherrschaft, billige Lösung der Nationalitätsprobleme, dauerhafter endgültiger Friede vermittelst der Einrichtung eines obligatorischen Schiedsgerichts. Der ständige Verwaltungsausschuß der Partei brachte einen Antrag auf Einberufung einer Konferenz der sozialistischen Parteien der alliierten Länder ein, die eine Politik verlangen müsse, welche jeden Erobcrungsgeist ausschlösse, die Achtung vor den Rechten der Nationen durch internationale Institutionen gewährleiste und einen Wirtschaftskrieg sowie alles, was den Keim zu neuen Kon- flikten legen könne, vermeide. Der Mindeiheitsvertreter F a u r e versicherte, daß Jaurös, wenn er lebte, auf der Seite der Minderheit stehen würde. Der Abgeordnete D e g u i s e sprach für ein Mißtrauensvotum an die Regierung, nachdem man seit der Gehcimsitzung wisse, was man von Charleroi und Verdun denken müsse. Pressemane sagte: Wenn wir alle darin einig sind, die deutschen Greuel zu verdammen, so folgt daraus nicht, daß nicht alle Militarismen verurteilt werden müssen. Er spielte auch auf die russischen Greueltaten in Ost- Preußen und G a l i z i c n an. Man hat uns versichert, sagte er, der Sieg sei nahe, aber heute muß man die Lage ansehen, wie sie ist. Wir wollen alle Mittel anwenden, die sich uns bieten, um möglichst schnell dem Kriege ein Ende zu machen. Wenn die Erklärungen des deutschen Reichskanzlers nicht sehr klar sind, so sind es die der anderen Re- gierungen auch nicht viel mehr. Wir wünschen, daß die sozialistische Partei kein Mittel zurückweise, um Frieden zu machen, wenn es auf ehrenvolle Weise möglich ist.' Wir müssen unsere Regierung durch eine parla- mentarische Interpellation nötigen, sich über die Kriegsziele auszusprechen.— Die Veröffentlichung der Minderhcitsresolution ist den franzöfischen Zeitungen von der Zensur verboten worden. Jaures unö die Internationale. Die Wochenschrift der französischen Parteiminderheit, der „Populaire", gibt eine Nummer heraus, die ganz dem Andenken Jaurös gewidmet ist. Die Bedeutung Jaurös wird gewürdigt, die letzten Tage seines Lebens, diese schicksalsschweren Stunden für die europäischen Völker stehen wieder klar vor unseren Augen. Aus seinen Reden, die er in früheren Jahren gehalten hat, werden Stellen herangezogen, die ein Beweis für seine konsequente Friedenspolitik sind und Zeugnis ablegen für die Sicherheit, mit der er die je- weilige auswärtige Lage und die Wirkung politischer Handlungen auf die Zukunft beurteilte. Bielleicht werden wir aus das eiue oder das andere noch einmal zurückkommen. Heute wollen wir auf die Worte hinweisen, mit denen Amedöe D u n o i s den Leitartikel „Höditatiau devant la Tombo" �Betrachtung vor dem Grabe) schließt: „Man hat in Paris eins Gesellschaft der Freunde Jaurös ge- gründet. Das ist gut. Ehren wir das Gedächtnis des größten unserer Toten so sehr man kann. Aber die wahre Gciellschast der Freunde Jaurös, vergeßt es nicht, das ist die Internationale. Und ich weiß nur eine Versammlung in der Welt, die diesen großen Namen Jaurös, von dem Camille Huhsmans sagen konnte, daß er „für zehn Millionen von Proletariern das edelste und vollkommenste Trachten verkörperte", würdig verherrlichen könnte: das ist der zu- künftige Kongreß der Internationale." Nur wenige Tage nach dem Gedenktage Jaurös trat der Na- tionalrat der französischen Sozialdemokratie zusammen. Die Eni- scheidung der Mehrheit über die zukünftige Politik der französischen Genossen läßt nichts vom Geiste Jaurös'spüren. DiepolmMeIrage im rusii schon Min ist errate. „Rußkija Wjcdomosti" bmditcn über interessante Einzelheiten her Behandlung der polnischen Frage in den russischen Regierungskreisen. Danach sollte in der Sitzung des � Ministerrats vom 25. Juli eine Erörterung'der Vor- schlüge über� eine Neuordnaing der Verwaltung Polens statt- finden, die im vorigen Jahre in der sogenannten polnischen Kommission unter Vorsitz des damaligen Ministerpräsidenten Goremykin ausgearbeitet wurden. Gleichzeitig sollten auch einige andere Denkschrrften über die polnisckie Frage erörtert werden, die inzwischen von„echtrussischer" wie von polnischer Seite eingereicht worden sind. Unmittelbar vor der Sitzung des Ministerrats wurde jedock) bekannt, daß die polnische Frage infolge der Abreise Stürmers nack) dem Hmiptqnartier von der Tagesordnung abgesetzt worden sei. In polnischen Kreisen, die auf eiu Zusammengehen mit Rußland hinarbeiten, hofft man trotz aller bisherigen Eni- täuschnngen nock) immer, daß demnächst ein besonderer Erlaß über die Neuordnung Polens erscheinen wird, dessen Grund- linien sdjon jetzt festgesetzt sein sollen. Obwohl inan den Rücktritt S s a s o n o w s.mit der polnisdjen Frage in Verbindung bringt, glaubt man in den genannten polnischen Kreisen doch, daß die Leitsätze des Ssasonowschen Projekts den besonderen Anweisungen an den Ministerrat zugrunde gelegt worden seien. Dieses Projekt soll nack) der Rußkija Wjedoniosti" in folgendem bestehen: Polen erhält eine„Poll- tische Autonomie mit staatlichen Elenienten". Mit Rußland durch die Einheit des Thrones verbunden, erhält das„Zar- tum Polen" eine eigene Regierung und zwei gesetzgebende Kammern. Der Kompetenz der Lokalverwaltnng sind entzogen: die Armee, die äußere Po- litik, das Zoll- und Münzwesen und die Eisenbahnen, die strategische Bedeutung haben. Alle anderen Zweige der Ver- waltung unterstehen den lokalen Organen und der lokalen Gesetzgebung. Soweit der Bericht des in der Regel gut unterrichteten Moskauer Blattes. Er ergänzt die Mitteilungen, die über Ke Beratungen im großen$ronrat des Zaren in die Presse gedrungen sind, wo bekanntlich— unmittelbar vor dem letzten Ministerwechscl— auch die polnische Frage erörtert wurde. Wir sprachen schon damals die Vermutung aus. daß die aus Rücksicht auf die Verbündeten eingenommene Haltung Ssasonows in der polnischen Frage eine der Ursachen seiner Entlassung gewesen sei. Dieselbe Anschauung scheint, wie aus dem obigen Bericht hervorgeht, auch in den politischen Kreisen Rußlands verbreitet zu sein. Aber eben deshalb hat die Hoffnung der russenfreundlichcn polnischen Kreise, daß die Grundlinien des Ssasonowschen Projekts trotzdem der- wirklicht werden könnten, nur sehr geringe Wahrscheinlichkeit für sich. Ganz abgesehen davon, daß der Umfang der auch in diesem Projekt in Aussicht gestellten Autonomie Polens selbst die zu Rußland hinneigenden polnischen Kreise ent- täuschen dürfte._(z) Der französische Tagesbericht. Paris, 9. August.(W.T.B.) Amtlicher Bericht don Dienstag nachmittag. Nördlich der Summe erzielte die rechts von den englischen Truppen operierende französische Infanterie während eines Angriffs der Engläiwer auf QJuilemont einen Fortschritt östlich von der Höhe 139 nördlich von Hardecourt? sie machte etwa 49 Gefangene. Ocstlich vom Gehöft Monacu versuchten die Deutschen heute morgen zweimal, die gestern von den Franzosen eroberten Gräben wiederzugewinnen. Durch Jnfanteriefeuer zurück- geworfen, zogen sich die Deutschen zurück und hinterließen zahlreiche Tote. Die Zahl der von den Franzosen gestern in dieser Gegend gemachten unverwundeten Gefangenen be< trägt 239, darunter zwei Offiziere. Auf dem rechten Ufer der Maas setzte in letzter Nacht wieder eine Beschießung von äußerster Heftigkeit ein. Die Deutschen trugen um 5 Uhr morgens eine Reihe mächtiger Angriffe mit starken Kräften gegen unsere Stellungen von Fleury bis nördlich vom Werke Thiaumont vor. Gleichzeitig eröffneten sie ein Sperrfeuer und schleuderten Granaten von 21 Zentimeter-Kaliber hinter die französische Linie. Mörderisches Maschinengewehrfcuer hielt alle Angriffe längs der Straße Fleurh und im Dorfe Fleury auf, aber den Deutschen gelang es, nach erbittertem Kampf, der übrigens noch anhält, im Werke Thiaumont Fuß zu fasten. Im Wasgentvalde versuchte eine feindliche Ab- teilung an die französischen Gräben bei Senones heranzukommen. Gewehrfeuer zerstreute sie mühelos. Paris, 9. August.(W. T. B.) Amtlicher Bericht von Dienstag abend. Nördlich von der Somme haben wir gestern unseren Geländegewinn erweitert, indem wir ein kleines Wäldchen und einen vom Feinde stark befestigten Graben nördlich vom Gehölz von Hem, daS wir ganz in Händen holten, in Besitz nahmen. Im ganzen haben wir in den letzten zwei Tagen nördlich von der Somme die ganze Linie der deutschen Gräben auf einer Front von sechs Kilometern und in einer Tiefe von drei- bis fünf- hundert Metern erobert. In der Champagne wurden gestern gegen abend nach einer heftigen Beschießung starke feindliche Abteilungen, die zum Angriff schritten, unter unser Feuer genommen und zersprengt. Am rechten Ufer der Maas dauert der Kampf an der ganzen Front Thiaumont— Fleury mit Erbitterung und Hartnäckigkeit an. Unsere Truppen hielten Stand und gingen gegen den Feind vor, der durch seine Gegenangriffe uns von dem Gelände zu verdrängen suchte, das wir in den letzten Tagen nordwestlich und südlich vom Werke Thiaumont erobert hatten. Wir gingen dann zur Offensive über, besetzten alle Graben- stücke wieder, in denen der Feind während des Kampfes Fuß gefaßt hatte, und drangen neuerdings in das Werl Thiaumont ein. An der Front Vaux— Chapitre— Chenois nahmen wir eine Grabenlinie, an einzelnen Punkten zwei Grabenlinien des Feindes. In einer davon lagen etwa 199 tote oder verwundete Deutsche. Bei diesen verschiedenen Unternehmungen machten wir etwa 299 unverwundete Gefangene, darunter 9 Offiziere, und eroberten 9 Maschinengewehre. Flugwesen. Einer unserer Flieger schoß bei einem Erkun- dungsfluge ein deutsches Flugzeug ab. daS nördlich von Aubörive brennend in die feindlichen Linien stürzte. Gestern gegen 9 Uhr abends warf ein feindlicher Flieger vier Bomben auf Nancy. Fünf Zivilpersonen wurden verletzt, darunter drei schwer. Die englische Alelüung. London, 8. August(W. T. B.) Amtlicher Bericht. Süd- westlich von Guillemont rückte unsere Linie 499 DardS vor. Der Feind machte vier Angriffe nordwestlich von PoziöreS. Drei Angriffe mißglückten, der vierte ermöglichte es dem Feinde, 59 DardS Gräben zu besetzen. London, 9. August.(W. T. B.) Amtlicher Bericht. In der letzten Nacht kamen wir an mehreren Stellen östlich vom Gehölz von Tranes vorwärts. Der Kampf an den Zugängen von Guillemont bei dem Bahnhof hält an._ Der russische Kriegsbericht. Petersburg, 9. August.(W. T.B.) Amtlicher Bericht von Dienstag nachmittag. Westfront: Am Serct befestigten unsere Truppen mit Er- folg das eroberte Gelände. In dieser Gegend sind im Laufe der Kämpfe vom 4. bis 3. August im ganzen an Gefangenen einge- bracht: 196 Offiziere, 8415 Soldaten und vier Geschütze, 19 Ma- schinengewehre, 11 Bomben- und Minenwerfer sowie eine sehr be- trächtliche Menge anderen Kriegsmaterials erbeutet. An der S t o ch o d f r o n t in der Gegend von Bavh Stobhchna (? Brod Stobychwa-Furt Stobychwa?) kam ein Teil der Oester- reicher im Laufe der Nacht mit hochgehobenen Händen in das Be- reich eines unserer Regimenter. Der Bataillonskommandeur, Oberst Stepanenko, der sich den Oesterreichern näherte, wurde verräterischer- weise getötet. Unsere Schützen erschossen die ganze österreichische Ab- teilung. Südlich des Dnjestr griffen unsere Truppen auf einer Front von 25 Werft in der Richtung auf Tysmienica an und er- oberten die feindlichen Gräben. Sie verfolgten den Gegner über- all kämpfend. Durch den unwiderstehlichen Druck unserer tapferen Truppen wurde der Gegner auf der ganzen Front geworfen. Sie besetzten die Stadt Tlumacz und die ganze Gegend östlich der Stkidt bis zum Dnjestr und eine Reihe von Höhen südöstlich der Stadt bis zur Eisenbahn Kolomea— Stanislau. Unser Angriff wurde durch Artillerie vorbereitet, welche die feindlichen Batterien mit Gasge- schössen beschoß. Sie wurden durch unser Gas vernichtet, hörten auf zu feuern und verließen ihre Geschütze. Unsere Kavallerie verfolgte den Feind, der sich in Unordnung zurückzog. In diesen Kämpfen machte eine unserer tapferen Divisionen etwa 2999 Deutsche zu Ge- fangenen und nahm mehrere schwere Geschütze sowie eine große Zahl von Maschinengewehren. Die Zahl der Gefangenen wächst. Die Gesamtsumme steht noch nicht fest. Ebenso hatten die heldenhaften Truppen des Generals Letschitzky noch einen recht beträchtlichen Er- folg. Petersburg, 7. August.(W. T. B.)(Wahrscheinlich 8. August) abends. Amtlicher Bericht, IMw m EMN! SMWllim. Amtlich. Großes Hauptquartier, 9. August 1916.(W. T. B.) Westlicher Kriegsschauplatz. Tie gestern berichteten Angriffe der Engländer«ud Franzosen nördlich der Somme gegen die ganze Front vom Fonrcaux-Walde bis zur Somme sind ge- brochcu. Die Engländer ließen 19 Offiziere, 374 Manu au unverwundetcu Gefangenen in unserer Hand und büßten 6 Maschinengewehre ein; sie hatten schwere blutige Berlnste. Ebenso scheiterte eine heute nacht aus der Linie Ovillcrö— Bazentin-le-Petit vorgetragener starker englischer Angriff. Rechts der Maas griffen erhebliche französische Kräfte mehrmals im Thiaumont- und Flenry-Abschnitt, im Chapitre- und Bergwald an. Mit schwereu Verlusten mußte der Gegner unserem Feuer und au verschiedenen Stelleu unseren Bajonetten weichen. Die Zahl der iu unsere Hand gefallenen Gefangenen ist auf rnnd 359 Manu gestiegen. Ergebnis der Luftkämpfe im Juli. Deutscher Verlust: Im Luftkampf......... 17 Flugzeuge durch Abschuß vou der Erde.... 1„ Vermißt........... 1„ im ganzen... 19 Flugzeuge. Französischer und englischer Verlust: Im Luftkampf......... 59 Flugzeuge durch Abschuß von der Erde.... 15„ durch uufreiw. Landung innerh. uns. Linien 6„ bei Landung, zwecks Aussetzeus v. Spionen 1„ im ganzen... 81 Flugzeuge, vou denen 48 in nuserem Besitz siud. Ocstlicher Kriegsschauplatz. Front des G e n c r a l f e l d m ar sch all S vonHindenburg. An der Nordspitze vou Kurland fügten wir heute früh durch unser Feper einer größeren Zahl feindlicher Tor- pedoboote, Dampfer und Segler schweren Schaden zu und vertrieben sie dadurch. Russische Uebergangsversuche östlich von Frledrichstadt wurde» vereitelt, stärkere Patrouillen zwischen Wiszuiew- und Narvcz-See siud abgewiesen. Au der Serwetsch- und Schtschara-Front verschärfte sich der Artilleriekampf; feindliche Angriffe iu der Gegend von Scrobowa sind gescheitert. Mit sehr starken Kräften nahmen die Ruffen ihre An- griffe am S t o ch o d wieder auf. Zu vielen Malen siud ihre Angriffswellen südlich von Stobychwa, im Stochodbogen östlich von Kowel und nördlich vou Kisielin im Artillerie-, Infanterie- und Maschinengewehrfeuer wieder zurück- geflutet. In schwerem Nahkampf mit dem au Zahl weit überlegenen Feinde blieben unsere Truppen bei Kuchary und Porskaja Wolka(nordöstlich der Bahn Kowel— Luck) Sieger. Die Kämpfe westlich von Luck siud zu unseren Gunsten entschieden. Durch entschlosseneu Gegenangriff österreich-uugarischer Truppen siud verlorene Teile der Stellung östlich von Szclwow restlos wiedergewonnen; 359 Gcfaugene sind eingebracht und mehrere Maschinen- gewehre erbeutet. Front des Feldmars challeutuauts Erzherzogs Carl. Die Zahl der südlich vou Zalocze gemachte» Gefangene» ist auf 12 Offiziere 966 Mann gestiegen. Südlich deö Dujestr sind die verbündeten Truppen über die Linie Nizuiow— Tysmieuica— Ottynica zurück- genommen. Balkan-Kriegsschauplatz. Keine wesentlichen Ereignisse. Ober st e Heeresleitung. Westfront: Südlich des Dnjestr wird der bisher erzielte Erfolg von unseren Truppen weiter ausgebaut. Bei der Verfolgung des Feindes nahmen unsere tapferen Truppen die Stadt Nizniow im Sturm, ferner die Dörfer: Brathscow, Patahicze, Nadorozna, Czar- nolozce, Krzywoluty und den Flecken Ottynia, indem sie einen Teil des linken Flügels des besetzten Raumes an den Fluß Worona, an dem das Dorf Tysmienica liegt, heranschoben. Vor dem Rückzug des Gegners wurden an verschiedenen Stellen Explosionen gehört. Es scheint, daß der Feind Brücken und Depots sprengte. Die Ge- fangenen und die Kriegsbeute sind gezählt, ihre Zahl wird mitgeteilt werden, wenn sie abgeschlossen ist. Das von uns eroberte Gebiet hat eine Fläche von ungefähr 166 Quadratwerst. Nlelöung öer italienischen Heeresleitung. Rom, 8. August.(W. T. B.) Amtlicher Bericht. Im Lagarina-Tal dauert die starke Artillerietätigkeit an. Auf der Hoch- fläche von Schlegen wurde ein heftiger feindlicher Angriff im Gebiet des Monte Zebio zurückgeschlagen. Im Hochcordevole erneuerte der Gegner nach heftiger Beschießung seine Anstrengungen gegen unsere Stellungen am Monte Sief; er wurde mit schweren Verlusten immer wieder zurückgedrängt. Am unteren Jsonzo dauert der erbitterte Kampf gegenüber Görz unaufhörlich fort. Der Monte Sabotino und der Monte San Michele, Hauptpunkte des feindlichen Widerstandes, wurden von uns ganz erobert. Der Eörzer Brückenkopf fiel ebenfalls in unsere Hände. Unsere Geschütze beschießen die Stadt, um den Feind, der zwischen den Häusern Deckung nimmt, daraus zu vertreiben. Inden Tagen des 6. und 7. August machten wir über 8999 Gefangene, darunter mehr als 299 Offiziere, unter denen sich etwa 29 höhere Offiziere und ein Regimeutslommandeur mit seinem Stabe befindem Die Zahl der Gefangeneu wächst andauernd. Wir erbeuteten außerdem 11 Geschütze und etwa 199 Maschinengewehre und machten reiche Beute an Waffen, Munition und Kriegsmaterial. In der letzten Nacht beschoß eines unserer lenkbaren Luftschiffe den Eisenbahnlnotenpunkt Opcina und warf auf ihn eine Tonne starker Explosionsmittel, die, wie beobachtet wurde, große Zer- störungen hervorrief. DaS Lenkluftschiff war dem Feuer zahlreicher Neuer Lustschiffcmgriff gegen England. Amtlich. B e r l i n, 9. August 1916.en wollen, um im trüben Wasser zu fischen. Es gibt in der Internationale immer kleine Gruppen, die in der Internationale und in der Welt kein festes Domizil haben und jahrelang außerhalb ihres Landes Politik treiben. Es gibt Leute, für die die Sozialdemokratie eine dramatlstbe Erscheinung ist und die dann und wann das Bedürfnis haben, wie Zuschauer im Theater zu applaudieren. In einer so problemschweren Zeit wie der jetzigen ist es für entwurzelte Leute leicht, neue Theorien und Phrasen zu machen. Wir aber, die die Partei«ufbauen ge- Holsen haben, sind verpflichtet, die Verantwortlichkeit für das, was sie sagen und tun, gut zu erwägen. Wir in� Holland haben glücklicherweise die Erfahrung gemacht, d«tz unsere Arbeiter zu gut geschult sind, um so leicht gegen uns mobilisiert zu werden. Das Internationale Sozialistische Bureau ist der Mandatar aller Parteien, das Zentrum der Internationale geblieben. Wir bleiben die Adresse der Internationale. � Diese Konferenz kann freier sprechen als das Sekretariat, und das einzige, was wir vorsichtigerweise tun konnten, war, Sie ein- zuberufen. Ich bin aber überzeugt, datz die rührige, ernste und brüderliche Weise, worin sich diese Konferenz ausgesprochen hat, eine große moralische Wirkung üben wird, auch auf die ftanzö- �en Sozialisten, um zu einer neuen Einberufung einer Vollsitzung des Bureaus zu kommen. Die Konferenz spricht daher den Wunsch aus, datz sobald wie möglich eine Sitzung des ganzen Bureaus ein- berufen werde. Ich hoffe, datz sich die feindlichen Brüder dort finden werden. Das kann nur geschehen, wenn wir daran denken, dah uns sonst der Frieden überrumpeln könnte, ohne dah wir uns beraten haben. Welches Unglück würde das seinl Welche Partei sollte die Mitarbeit verweigern, um dieser Gefahr vorzubeugen? So hoffen wir, datz Sie bald wiederkommen, mit den Brüdern aus allen Ländern, den Vertretern der Internationale!(Beifall.)(z) •• • NachmittagSsitzun�. Branting: Ich freue mich, mich den Ausführungen Troelstras voll und ganz anschließen zu können. In der Kom- Mission gab sich die Gleichheit der Anschauungen kund, wobei natür- lich noch Verschiedenheiten in der Färbung bleiben. Differenzen be- trafen nur persönliche Anschauungen, die der Präsident der Kom- Mission geäußert hatte. Ich glaube, datz die Resolution gegenüber der Kopenhagener darin einen Fortschritt bedeutet, datz wir die Verhältnisse besser kennen gelernt und konkreter gesprochen haben. Sicher betrachten wir den Kapitalismus und Imperialismus als Grundursache des Krieges, aber wir verkennen nicht, datz auch eine geschichtliche Schuld vorliegt und datz daraus für die Weltgeschichte bestimmte Konklusionen gezogen werden müssen. Die Resolution legt mehr Gewicht auf die politischen Ursachen. Die Stelle über den Absolutismus und die Volkssouveränität gibt einen Wegweiser für die ausländischen Parteien, im besonderen die deutsche. Wir haben einstimmig auf die politische Machtlosigkeit der deutschen Sozialdemokratie hingewiesen. Ferner sind wir mehr auf die na- t i o n a l e n Fragen eingegangen. Es rst ein Fortschritt, datz wir die sicherlich heikle elsatz-lothringische Frage auf einer neutralen Konferenz berührt haben. Natürlich wollen wir keine Lösung geben, aber auf die Möglichkeit einer Verständigung hin- weisen. Wir sehen die großen Schwierigkeiten, aber wir sagen den deutschen Genossen, datz wir dem Standpunkt nicht beitreten können, daß es eine elsatz-lothringische Frage nicht gibt.— Der Redner spricht vom Selbstbestimmungsrccht der Nationen und besvricht den Fall Battifti in diesem Zusammenhange.— Wenn die Konferenz nichts anderes getan haben wird, als die Parteien dazu ge- bracht zu haben, zu sorgen, datz sie nicht von den Friedensverhand- lungen ausgeschlossen bleiben, wird sie schon ein Werk von dauern- der Bedeutung vollbracht haben. Der wichtigste Punkt aber ist dieser: Ich habe die relative Berechtigung des Standpunktes der französischen Sozialisten betont, aber wir sind nun so weit, uns zu. fragen, ob nicht eine Revision ihrer Anschauungen eintreten kann/ Uns allen ist die Hauptsache, datz die Internationale wieder funktionieren kann, und ich glaube, wenn die Fran- zosen unsere Resolution lesen werden, werden sie wohl ftnden, datz wir ihnen den Weg zu einer internationalen Konferenz erleichtert haben. Die Art, wie wir ihre besondere Stellung in der elsässi'chen Frage behandelt haben, wird wohl manchen Stein aus dem Wege räumen. In der Resolution wird deutlich von der Schlichtung der bestehenden Konflikte gesprochen, darin liegt einge- schlössen, datz eine Aussprache über das Geschehene statt- finde. Man hat das Wort.Abrechnung" beanstandet und an seiner Stelle.Auseinandersetzung" vorgeschlagen; ich will gern dieses Wort anwenden, meine aber doch, datz es eine Abrechnung werden mutz. Die Franzosen müssen nun selbst überlegen, ob sie gegenüber der öffentlichen Meinung ihres Landes diesen Schritt tun können. Wir würden es sehr wünschen, dah sie diesem Bedenken nicht über Gebühr Raum geben und auf Pretzangriffe nicht Rücksicht nehmen. Sie sind es ja. auch gewohnt, durch die Nationalisten angekläfft zu werden. Etwas anderes ist die Meinung eines grossen Teils des Volkes. Aber es würde in der Tradition ihrer größten Toten, JaureS und Va i l la n t, liegen, diese Frage noch einmal zu erwägen. Auch die militärische Lage kann sie zu Unterhandlungen mehr geneigt machen.— Die Resolution hat auch den Vorzug, daß sie programmatische Aenderungen über unsere Stellung zum Krieg und die Pflicht der nationalen Verteidigung ablehnt, ohne einer späteren Prüfung zu präjudizicven. Der Redner schließt mit einer Würdigung der Tätigkeit des Internationalen Bureaus im Interesse der Aufrechterhaltung und Erneuerung der internationalen Beziehungen. Er hofft, daß die Fortsetzung dieser taktvollen und vorsichtigen, aber energischen Tätigkeit die Wiederherstellung der gemeinschaftlichen Arbeit der Internationale bewirken wird. Van Kol, der sich Troelstras Worten, datz der Augenblick für eine Friedensaktion gekommen sei, anschließt, betont im be- sonderen die Notwendigkeit der Politik der offenen Tür in allen Kolonien und Protektoraten. Er hofft auf eine baldige Vollsitzung. Die Resolution wird einstimmig angenommen. Der Vorsitzende Vliegen hofft, daß diese Tatjache Eindruck machen wird. Genosse Edo Timmen legt namens des Gewerkschaftsver- bands eine Erklärung vor, die sich gegen den auf der Konferenz in L e e d s geplanten neuen internationalen Gewer I- schaftsbund wendet. Die Erklärung sagt: „Ich bin überzeugt, auch im Namen der Gewerkschaften der Länder, deren sozialistische Parteien auf dieser Konserenz ver- treten sind oder hatten vertreten sein sollen, erklären zu dürfen, datz sie eine Internationale der Gewerkschaften ebenso wie eine sozialistische Internationale zurückweisen, die die Kameraden eines Landes im voraus ausschließen sollte. Daneben wünsckie ich namens der Gewerkschaftsvertreter der niederländischen Dele- gation nachdrücklich zu erklären— und ich hoffe auch jetzt wieder im Namen der Gewerkschaften der anderen neutralen Länder sprechen zu können—, daß jede Bestrebung der ge- werk schaftlichen Bewegung, um abgesondert, neben und abseits von der sozialistischen Jnternatio- n a l e die Agitation für den Frieden zu treiben, die Kraft der Arbeiterbewegung und ihren Kampf für das ersehnte Ziel schwächen mutz. Nur zusammen mit der politischen Paxtei der Arbeiterklasse, national und international ver- bunden, werden die Gewerkschaften imstande sein, diese Aufgabe zu erfüllen." Hierauf werden Resolutionen zugunsten Liebknechts und gegen die Verurteilung der schwedischen Propagandisten Högland, Hegen und Olgelund angenommen. Vliegen spricht daS Schlußwort, worin er u. a. Huhsmans für seine selbswerleugnende Tätigkeit in den letzten zwei Jahren dankt._(z) politische Uebersicht. Der„Reichsbote" gegen den Reichskanzler. Der fromme„Reichsbote" unternimmt es in seiner Rum- mer von Dienstag abend, seine Leser mit den Gedankengängen der Schrift von-lumus alter und der Denkschrift von Kapp bekannt zu machen, die, wie in der Presse berichtet wurde, von „Drei Deutschen" in Massen überall verbreitet werden. Allerdings übt das Blatt an den beiden Schriften eine ge- wisse Kritik, im allgemeinen jedoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der„Reichsbote" für die in diesen Schriften geübte Kritik an dem Reichskanzler recht viel Sympathie übrig hat. Das Blatt zitiert aus der Einleitung der Broschüre von ckumns alter folgenden Satz: „Von allen K r i e g s z i e l f o r d er u ng e n, die im Ver- laufe des deutschen Daseinskampfes erhoben worden sind, er- cheint das Verlangen nach der Beseitigung die- es Kanzler? als die a l I e r d r i n g l i ch sie, denn von einem äußeren Feinde droht uns in den nächsten Jahren eine auch nur annähernd so ernste Gefahr, wie sie eine weitere Kanzlerschaft Herrn v. Bethmann Hollwcgs bedeutet. Mag er persönlich das Beste wollen— was nützt dem Reiche ein Geist, der stets das Gute will und stets das Böse sckattt?" Aus der Denkschrift von Kapp zitiert das Blatt folgende fünf Hauptursachen, in denen heute das Mißtrauen „in weiten getreuen Kreisen des Volkes" gegenüber der poli- tischen Leitung seine Begründung finde: 1. Der Verzicht auf die Anwendung einer Waffe gegen England, die die verantwortlichen Fachmänner als bestimmt erfolgreich bezeichnet haben, und damit der Verzicht auf den Sieg über England; 2. die Verlängerung des Krieges gerade dadurch, datz wir die Waffen in unserer Hand nicht brauchen, sondern uns durch Verhandlungen unter Preisgabe unserer Ehre in eine immer ungünstigere Position haben bringen lassen; 3. die noch dazu schon heute öffentlich vor Beginn aller Verhandlungen, mitten im Kampfe erklärte Bereitwilligkeit, Bei- gien unter lediglich negativen Garantien herauszugeben, und damit der Verzicht auf die unbedingt notwendige Verstärkung unserer Machtgrundlage; 4. die Setzung von Kriegszielen im Osten, die nicht nach unseren militärischen, wirtschaftlichen und nationalen Interessen bemessen sind, sondern in unklarer Weise unter Hineinziehung innerpolitischer Momente die Befreiung der Fremdstämmigen als unsere Hauptaufgabe hinstellen; 5. das völlige Versagen unserer Volks-ErnährungSpolitik und der trotz aller unserer Waffenerfolge sich daraus ergebende Zwang zu einem vorzeitigen unzulänglichen Friedensschluß." Vom fünften Punkt dieser Anklage sagt der„Reichs- böte", daß er weit übers Ziel hinausschieße. Auch sonst drückt er einen leisen Zweifel aus, ob es die Krifiker besser machen würden, da es unendlich viel leichter sei, zu kritisieren, als besser zu machen. Im großen und ganzen jedoch schließt sich der„Reichsbote" der Kritik der Kanzlerfronde an. „Auch wir sind," schreibt er,„der Ansicht, daß in unserer äußeren Politik nicht wenige und nicht kleine Fehler gemacht worden sind, freilich nicht erst und nicht allein unter Bethmann Hollweg. Die Versöhnungsbestre- Hungen und offenbar nicht sehr geschickt geführten Verständi- gungsverhandlungen haben wohl mehr geschadet als ge- nützt.... Auch unser Auftreten gegen Amerika hätte von Anfang des Krieges an ein anderes, entschiedeneres sein müssen. Vielleicht hätte sich dann später manches leichter gemacht, hätte Wilson sich nicht in so anmaßender Weise in unsere Angelegenheiten einzumischen gewagt, hätten wir uns die Demütigung sparen und den U-Bootkrieg unbe- hinderter führen können. Weiter liegt auch darin ein berechtigtes Moment der Kritiker, daß es besser gewesen wäre, die Kriegsziele nach Westen mindc- st e n s ebenso scharf und bestimmt zu umgren- zen als nach Osten, zu betonen, daß das Deutschtum sich nur wird erhalten und durchsetzen können, wenn wir aus diesem Kriege mit einer starken, festen Stellung dem Anglo-Amerikanertum gegenüber her- vorgehen.„Wir erlangen diese Stellung, wenn nicht Ena- land, sondern wir die Vormacht von Flandern wer- d e n." So hat es Großadmiral v. T i r p i tz erst dieser Tage wieder ausgedrückt." In diesen Sätzen ist so ziemlich alles zusammengefaßt, was von konservativer und nationalliberaler Seite nacki wie vor gegen die Politik des Reichskanzlers gesagt wird. Trotz aller Abschwächungsversuche und Milderungen der äußeren Form des Kampfes sind Kapp und tJunlus alter noch heute die„Theoretiker" jener Kreise, die zäh und unenrnidlicff gestützt auf die Macht einflußreicher Kreise und die Werbekrast solcher Männer wie Tirpitz und Köster, die Regierung ihrem Willen gefügig zu machen suchen. Der Bundesratsausschufi für de» Reichskanzler. München, 9. August.(W. T. B.) Die„Bayerische StäatS- zeitung" schreibt über die Tagung des Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten: Wie wir erfahren, tagte im Reichskanzlcrpalais in Berlin gestern nachmittag und heute vormittag unter Vorsitz des bayerischen Staatsministers Dr. Grafen v. Hcrtling der Bundesratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten, der während des Krieges schon wiederholt zusammengetreten war, um von Zeit zu Zeit Mitteilungen des Reichskanzlers über die allgemeine politische Lage entgegenzunehmen. Der Reichskanzler gab auch diesmal eine eingehende Darstellung der gesamten politischen Lage, wobei alle schwebenden Fragen zur Sprache kamen. Der Bundesratsausschuß begegnete sich mit dem Reichskanzler in unerschütterlicher Siegeszuveisicht und gab seiner vertrauensvollen Zustimmung zu der von dem Reichskanzler vertretenen Politik einmütigen Ausdruck. Keine Aussicht auf Frieden? Der nngarische'Journalist P a ß t o r hat mit dem Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Zimmermann, eine Unterredung über die Friodensmöglichkeiten gehabt, die im„Berliner Tageblatt" veröffentlicht wird. Auf die Frage, ob Friedensverhandlungen in Aussicht stünden, äußerte Herr Zimmermann: „Der Zeitpunkt zu solchen Gesprächen ist noch nicht ge- kommen. Wir haben keinen Anlaß, uns jetzt mit dieser Frage zu beschäftigen. Sie wissen ja, wie auf Ver Gegenseite jedes Wort, das in dieser Richtung gesprochen wird, ausgenutzt wird, um die mutios und müde gewordenen Völker der Entente wieder aufzupeitschen. Soviel kann ich sagen, daß wir in keinem Stadium des Krieges mit fremden Staats- männern über Friedensbedingungen verhandelt haben. Im Bewußtsein unserer Stärke und auf Grund unserer Erfolge haben wir aber mehrmals unsere Bereitwilligkeit erklärt, in Friedensverhandlungen einzutreten, das ist ja allgemein be- kannt. Bekannt ist auch, daß die Entente unter englischcni Druck eine gleiche Bereitwilligkeit nicht gezeigt hat. Damit hat sie die volle Verantwortung für das weitere Bluwer- gießen auf sich genommen. Die Entente lebt in dem Wahn, daß sie mit der jetzigen Offensive ihre Lage verbessern könnte. Wir haben die feste Ueberzeugung, daß die eiserne deutsche Mauer im Westen nicht zu erschüttern ist, und daß uns im Osten noch neue Erfolge erwarten. Ehe die Feinde sich nicht durch das Scheitern ihrer Anstrengungen davon überzeugt haben, daß sie an der militärischen Lage nichts mehr zu ihren Gunsten ändern können, hat es gar keinen Zweck, sich mit der Frage der Friedensaussichten zu befassen. Wir müssen abwarten, bis dieser Wahn bei der Entente verflogen ist, und wir sind dazu in jeder Weise in der Lage. Unsere Ernte wird ja England auch darüber belehren, daß es auch mit der Hungerblockade nichts ist." Auf die weitere Frage, ob es nicht schrecklich sei, daß jedes weitere Blutvergießen nur noch eine Prestigefrage sei, antwortete der Unterstaatssekretär: „Vom allgemeinen menschlichen Standpunkt ist das allerdings ganz richtig, aber unsere Feinde haben von Anfang an diesen Standpunkt außer acht gelassen. Die Zentral» mächte haben durch ihre Siege gezeigt, daß sie die BeHerr- scher der Kriegslage sind, und es ist Sache ihrer Feinde, daß sie mit törichten Redensarten, wie Aushungern oder Blockade, den Krieg nicht überflüssigerweise noch in die Länge ziehen." Schließlich gab der Unterstaatssekretär noch seiner Ueber- zeugung dahin Ausdruck, daß England bei der jetzigen Offen» sive seine ganzen Kräfte eingesetzt hat, und daß es fraglich sei, anzunehmen, daß England gleichgültig zuschauen werde, daß fetzt seine eigenen Söhne geopfert werden, wie bislang die seiner Verbündeten._ Tas nationalliberale Kricgsziel. Generalsekretär der nationalliberalen Par- t e i Dr. Hugo hielt in Osnabrück eine Versammlung ab, welche in ihrer Entschließung der festen Ueberzeugung Aus- druck gab,„daß Teutschland in dem ihm durch Englands Schuld aufgezwungenen Weltkriege nur dann einen Frieden erringen kann, der die unsagbar großen Opfer an Gut und Blut durch Sicherung der militärischen, poli» tifchenundwirtschaftlichenZukunftDeutsch- lands lohnt, wenn England unter rücksichtsloser Be- Nutzung aller verfügbaren Kampfmittel niedergerun- gen wird"._ der Manti' zur Kündigung des öeutsih-italienischen Handels- Vertrags. Laut einem telegraphischen Bericht der„Köln, sttg.' behandelt der„Avanli� eingehend die Kündigung des deulsch-italienischen Handelsvertrages und die iünflige wirtschaflliche Freiheit Italiens, wobei er einen sehr bemerkenswerten Pessimismus zum Ausdruck bringt. Das Blatt beschäftigt sich mit den Ausführungen der Regierungs- bläitcr, die unter Aufwand von vielen Worten nachweisen wollten, die Kündigung des italienisch-deutschcn Handelsvertrages werde Italien zu seiner Wirtschaslspolilik vollkommene Handelsfreiheit verschaffen. Das„Giornale d'Jtalia" hat ausdrücklich versichert, Minister Daneo babe bei seiner Rückkehr von Paris nach dem Sturz des Kabinetts Salaudra dem neuen Ministerpräsidenten Boselli mitgeteilt, es sei der Wille der Verbündeten, ein wirtschaftliches System auszuarbeiten, das jedem der Verbündeten gerecht werden würde usw.... Und Boselli, kaum ans Ruder gelangt, habe sich beeilt, nach dem Willen der Verbündeten, der auf der Pariser Wirtschaftskonferenz zum Ausdruck gekommen sei, zu handeln. Auf Grund dieser Tatsachen könne natürlich niemand mehr an der vollkommenen Freiheit zweifeln, unter welcher die italienische Regierung die Kündigung des Handelsvertrages mit Deutschland beschlossen habe. Noch weniger sei ein Zweifel an« der talsächlichen und überaus ersprießlichen wirtschaftlichen Freiheit gestattet, welche Italien nach dem Kriege England und Frankreich gegenüber beschieden sein werde, deren Märkte die einzigen in Europa seien, welche Italien dann noch offen stehen würden, während es doch eine Erfahrungstalsache sei, wie wenig sie bisher an italienischen Erzeugnissen und insbesondere von der italienischon Erzeugung an Agrarprodukten bezogen hätten. Der „Avanti" legt daher den sozialistischen Abgeordneten die Einreichung folgender Interpellationen an die Regierung nahe: 1. Welche Bürgschaften hat Italien auf den verschiedenen Pariser Konferenzen erhalten, um für das, was an italienischer Ausfuhr nach Deutsch» laud und Oestcrreich-Ungarn notwendigerweise verlorengehen wird, auf den englischen, französischen und russischen Märkten Ersatz zu bekommen? 2. Hat man daran gedacht, von Frankreich für die Ausfuhr italienischer Agrarprodukte die Abschaffung deS bestehenden Zolltarifs zu verlangen, der es bisher ermöglichte, datz die italienischen Lebensmittel von denjenigen spanischer und südamerikanischer Herkunft auf den französischen Märkren leicht aus dem Felde geschlagen werden konnten, und hat man daran ge- dacht, für Frankreich die Meistbegünstigungsklausel zu fordern, wie es unter Verbündeten nur natürlich wäre? Der„Avanti' macht schließlich darauf aufmerksam, daß die ganze Frage der Kündigung des Handelsvertrages politisch auch deshalb fehr folgenschwer sei, weil die Regierung damit begonnen habe, so wichtige Fragen wirtschaftlicher Natur der Behandlung durch das Parlament zu entziehen, und zwar habe dies gerade das Kabinett Boselli getan, welches versprochen hätte, nichts ohne das Parlament zu tun. Zudem babe Sonnino unter dem Beifall des Parlaments in der letzten Apriltagung ausdrücklich versichert, daß die Regierung in keinem Falle irgendwelche Verbindlichkeiten hinsichtlich deS künftigen Zollregimes eingehe, ohne daS Parlament zu befragen. Wahrscheinlich werde nun die Regierung mit der Ausrede kommen, es handle sich lediglich um die Lösung alter Verbindlichkeiten und nicht um die Eingehung neuer. Wenn auch alle anderen Parlamentsgruppen mit dieser sachlichen Auslegung durch das Ministerium der nationalen Einheit einverstanden sein sollten, so werde sich doch die sozialistische Gruppe mit aller Energie dagegen zu wehren wissen._ Haag oder AimmenvalS! In dem Samaraer Arbeiterblatt„Golos Truda'(„Stimme der Arbeit'), das an Stelle deS inhibierten„Masch GoloS' erscheint, finden wir in der Nummer vom 21. Juli einen interessanten Artikel über die Methoden des Wiederaufbaus der Internationale. Aus- gehend von einer vergleichenden Untersuchung deS Mai-ManifesteS des Erckulivkomilees des Internationalen Bureaus und der Beschlüsse der Kienthaler Konferenz kommt der Verfasser zu einer Ab- I e h n u n g des Standpunkts des I. S. B., soweit er in dem er« wähnten Manifest Ausdruck gefunden hat. „Die Jnternationalität— schreibt er— kann nicht wieder hergestellt werden auf dem Boden, den die deutsche und ftan- zösische„Mehrheit' und ihre GesinnungSgenoffen in den anderen Ländern eingenommen haben und den das Haager Bureau mit seiner Autorität sanktioniert. Die Praxis der „heiligen Einigkeit' und der Berfolgung„militärischer' Aufgaben schließt die Möglichkeit einer dauerhaften internationalen Verständi- gung aus. Die„Entente-Sozialisten' können sich nicht mit der deuischeu.Mehrheit' vcremigen und umgekehrt, so lange die eine und die andere Seite sich„militärische' Aufgaben stellen, die nicht anders als gegensätzlich und einander ausschließend sein können... Aber auch die oppositionellen internationalistischen Elemente einer jeden der kämpfenden Mächtegruppen können mit den„Mehrheiten' der gegnerischen Koalition keine Verständigung eingeben, wenn sie nickit durch die Erweckung deS Anscheins, als übernähmen sie die Rolle von Agenten der feindlichen Generalstäbe, ihr Werk der- Nichten, politischen Selbstmord begehen, sich in den Augen der breiten Arbeitermaffen kompromittieren und jede Möglichkeit, den Gang der Ereignisse zu beeinflussen, aus der Hand geben wollen. Solange die„Mehrheiten'— fährt der Artikel fort— alles der Erzielung eine« bestimmten„militäri. fchen' Resultats unterordnen und sich durch ein Bündnis mit den Regierungen binden, können sie eine Verständigung nur dann eingehen, wenn diese den.militärischen' Berechnungen ent- sprechen sollte. Ist jetzt auch in der Haltung der deutschen und französischen Mehrheit gegenüber internationalen Verständigungen ein g-wisier Unterschied zu verzeichnen, so erklärt sich daS nicht durch einen stärkeren Internationalismus Scheidemanns im Vergleich mit Renaudel, sondern durch den Unterschied der militärischen Lage und der Haltung der betreffenden Regierungen in der Friedensfrage. Wenn also ein Moment eintreten sollte, wo die Scheidemänner und Rcnaudels, wo die„Mehrheiten' eine Verständigung mit einander eingehen, ohne indes den Boden ihrer jetzigen Politik zu verlassen, so wird das nur der Ausdruck der sich anbahnenden Verständigung der herrschenden Klassen sein, und statt einer Waffe deS internationalen Klassenkampfes wird diese„Ver- ständigung' nur ein Hilfsmittel in den Händen der Regierungen und ihrer Diplomaten sein.' Von diesem Gesichtspunkt aus untersucht der Verfasser des zitierten Artikels weiter die Beschlüsse der Zimmerwalder und Kien- thaler Konferenz(deren Wortlaut in derselben Nummer des Blattes teilweise wiedergegeben wird) und schließt mit folgenden Sätzen: „Die Zimmerwalder Vereinigung ist durch Wiederbelebung der internationalen Solidarität und des internationalen Klassenkampfes bestrebt, das Proletariat aller Länder wieder zu einem machtvollen Faktor der Weltpolitik zu machen, sähig, im entscheidenden Augen- blick sein Schwert auf die Wagschale der Geschichte zu werfen und sie zu sich herabzuziehen. Ihr Weg ist nicht der der Spaltung, sondern der der Vereinigung des jetzt gespaltenen und des organi- sierten internationalen Proletariats. Und wenn wirklich die Gefahr einer ernsten Spaltung besteht, so beruht sie nur auf dem hart- näckigen Widerstand, der der Wiederbelebung der internationalen Einigkeit auf dem Boden eines koordinierten, gleichzeitig und parallel in allen Ländern geführten praktischen' Klasfenkampses entgegengestellt wird.'_ Das tägliche Srot. Tie Regelung des Gerstenverbrauchs. Der Präsident deS KriegSernährungsamteS hat durch eine heute erlassene Bekanntmachung die in dem Z 20 der Verordnung über Gerste aufgeführten Aufgaben(Festsetzung der Kontingente, Fest« setzung des Umrechnungsverhältnifses von Gerste und Malz, Aus- stellung der Bezugsscheine usw.) der Reichsfuttermittel- stelle übertragen. Die Handhabung der Bezugsscheine wird in ähnlicher Weise wie im vorigen Jahre erfolgen. Sie werden zwecks Ankaufs der Gerste der Reichsgerstengesellschaft überwiesen, die unter Beteiligung des Reichs, der Bundesstaaten sowie der Gerste verarbeitenden Industrien mit einem Kapital von S Millionen Mark gegründet worden und an Stelle der in Liquidation befindlichen GerstenverwerwngSgesellschast m. b. H. getreten ist. Tie Freizügigkeit der Brotkarten. Die Freizügigkeit der Brotkarten in Deutschland, die eine Zeit- lang von verschiedenen Seiten als undurchführbar und bedenklich bezeichnet wurde, bricht sich immer mehr Bahn. Es bestehen jetzt nichr nur Brotkarten-, sondern auch Fleischkarten-Gemeinschaften zwischen mehreren Bundesstaaten. Brotkarten-Gemein- schaften bestehen zwischen den Königreichen Preußen und Sachsen, zwischen Sachsen und Sachsen-Koburg-Gotha, zwischen den König- reichen Sachsen, Bayern und Württemberg, dem Großherzogtum Baden, Elsaß-Lotbringen und dem preußischen Regierungsbezirk Sigmaringen. Fleischkarten- Gemeinschaften sind zwischen den Königreichen Sachsen, Bayern und Württemberg, dem Großherzogtum Baden, Elsaß-Lothringen und dem preußischen Regierungsbezirk Sigmaringen vereinbart worden. Ueber weitere Gemeinschaften wird verhandelt. Böcke als Gärtner. Die B a r m e r Stadtverwaltung hatte im März dieses Jahres eine größere Menge Speck zur Abgabe in Halbpfundpaketen an Minderbemittelte beschafft. Mit der Bewachung des Specks, auf den namrgemäß die Erwartungen vieler Leute gerichtet waren, wurden zwei Hilsspolizeibcamte betraut. Diese Herren sorgten aber nicht für die Minderbemittelten, sondern für sich und vorgesetzte Beamte, und zwar derart, daß sich bei jeder Revision größere Mengen des Specks als fehlend herausstellten. Auf die„Wächter' hatte zuerst niemand Verdacht. Erst als bei dem letzten Verkauf wieder nicht weniger als 45 Pakete fehlten, ging man den beiden Polizeibeamten nach und entdeckte dann, daß man den Bock zum Hüter gemacht hatte. Das Barmer Schöffengericht verurteilte die beiden zu je drei Monaten Gefängnis. Von der Elberfelver Strafkammer als Berufungsinstanz wurde indessen die Strafe auf je einen Monat ermäßigt. Krlegswirtungen in öer Holzinöustrie. Eine interessante Statistik hat der Deutsche Holzarbeiter- verband veranstaltet, um die Einwirkung des Krieges auf das Gewerbe zahlenmäßig zu erfassen. Die Ergebnisse dieser am 1. Dezember 1315 aufgenommenen Statistik liegen nun- mehr in einer Broschüre vor, die als Sonderabdruck aus dem demnächst erscheinenden Jahrbuch des Verbandes heraus- gegeben wurde. Die Erhebung erstreckte sich auf 23 968 Be- triebe, die vor dem Kriege 243 185 männliche und 19 533 Weib- liche Arbeiter beschäftigten. Bei der Aufnahme ist also bei weitem nicht das ganze Gewerbe erfaßt worden, aber der er- faßte Ausschnitt ist groß genug, um aus ihm allgemeine Schlüsse ziehen zu können. �Von den genannten Betrieben waren am 1. Dezember 1915 noch 12 633 beschäftigt und in ihnen Waren 99 673 männ- liche und 16 963 weibliche Arbeiter tätig. Hierbei sind aller- dings nur die Gehilfenbetriebe gezählt. Betriebe, in denen der Unternehmer allein oder nur mit Lehrlingen tätig war, sind unberücksichtigt geblieben, wie überhaupt nur die Ar- beiter, nicht aber die Lehrlinge gezählt wurden. Unter der Einwirkung des Krieges sind also 39,9 Proz. der vor dem Kriege vorhandenen Betriebe eingegangen. Die Zahl der männlichen Arbeiter hat sich um 68,5 Proz., die der Weib- lichen um 13 Proz. vermindert. Außerdem wurden noch 93 Betriebe mit 1273 männlichen und 311 weiblichen Arbeitern ermittelt, die während des Krieges neu entstanden waren. Bei der Beurteilung dieser Zahlen muß in Betracht gezogen werden, daß die Erhebung nach 16monatiger Kriegsdauer veranstaltet wurde, als sich die zu Kriegsbcginn ganz trostlosen Verhältnisse bereits einigermaßen gebessert hatten. Man hat der deutschen Industrie das große Organi- sationstalent nachgerühnit, welches ihre schnelle Umschaltung von der Friedens- zur Kriegstätigkeit ermöglichte. Auch in der Holzindustrie ist eine solche Umschaltung versucht worden, aber nur mit geringem Erfolg. In einigen Zweigen des Ge- werbes, wie in der Korbmacherei und in der Stellmacherei, in denen Waren für den Heeresbedarf im wesentlichen mit den gleichen Produktionsmitteln hergestellt werden können, wie die Arbeiten für den Friedensbedarf, vollzog sich die Umschaltung ohne Schwierigkeit. Schwieriger ist die Aufgabe, wenn z. B. Pianofortefabriken dazu übergehen, Kriegsfahrzeuge, Mu- nitionskisten, Tornisterrahmen, hölzerne Stiefelsohlen, Flug- zeuge, Drahtverhaue oder Granaten herzustellen. Derartige Be- triebsumstellungen sind in den meisten Zweigen des Gewerbes vorgenommen worden, im ganzen aber nur in verhältnismäßig geringem Umfang. Am Erhebungstage wurden 593 Betriebe gezählt, das sind 4,7 Proz. der in Tätigkeit befindlichen, mit 15131 Arbeitern oder 13 Proz. der Gesamtzahl, die einen Produktionswechsel vorgenommen hatten. Der vorgenommene Produktionswechsel hat aber nicht verhindern können, daß die in Betracht kommenden Betriebe ihre Arbeiterzahl verhältnismäßig noch stärker vermindern mußten, wie die, die ihre Produktion beibehalten hatten. In diesen waren am Erhebungstage noch 49,5 Proz., in jenen 42,8 Proz. der vor dem Kriege beschäftigten Arbeiter tätig. Größer ist der Unterschied, wenn man eine Scheidung der Arbeiter nach dem Geschlecht vornimmt. In den Betrieben mit gleicher Produktion wie vor dem Kriege ist die Zahl der männlichen Arbeiter um 52,6 Proz., die der weiblichen um 13,6 Proz. zurückgegangen. In den Betrieben mit Pro- duktionswechsel beträgt der Rückgang der männlichen Arbeiter 43,6 Proz., während bei den Arbeiterinnen eine Zunahme um 27,6 Proz. festgestellt wurde. Uebcrraschend wirkt die Feststellung, daß auch die Zahl der Arbeiterinnen in der Holzindustrie während der Kriegsdauer einen absoluten Rückgang erfahren hat. In den erfaßten Betrieben waren vor dem Kriege 13 533 Frauen be- schäftigt, am 1. Dezember 1915 nur noch 17 279. In manchen Berufszweigen ist allerdings eine ziemlich erhebliche Zu- nähme der Zahl der beschäftigten Arbeiterinnen sestgestellt worden, so z. B. in der Modelltischlerei von 25 auf 352, in der Korbmacherei von 531 auf 2359. Schon in der Friedens- zeit hat die Frauenarbeit in der Holzindustrie ständig an Be- deutung gewonnen, doch bildeten die weiblichen Arbeiter in den meisten der in Betracht kommenden Berufszweige nur einen kleinen Teil der Beschäftigten. Dieses Verhältnis hat während des Krieges eine starke Aenderung erfahren. Wäh- rend in dem ganzen Erhcbungsgebiet vor dem 5triege auf l33 männliche Arbeiter 8,1 weibliche kamen, stieg der Anteil des Weiblichen Geschlechts am Erhcbungstage auf 17,1 Proz. Vor dem Kriege überwog das weibliche Element nur in der Bleistiftindustrie, wo auf 133 beschäftigte Männer 167,2 Frauen kamen; am 1. Dezember 19l5 war das Verhältnis hier wie 133: 229,4. Mehr Frauen als Männer wurden noch festgestellt bei der Bürstenmacherei, Wo auf 133 Männer vor dem Kriege 64,5, jetzt aber 134,5 Frauen kamen, und bei den Korbmachern, wo das Verhältnis sich von 133; 69,7 zu 133: 133,8 verschob. In der folgenden Zusammenstellung geben wir eine Uebersicht über die wichtigsten Ergebnisse der Erhebung. Hier- bei ist zu beachten, daß in den gemischten Betrieben, wie Maschinenfabriken, Werften, Waggonfabriken usw. nur die beschäftigten Holzarbeiter gezählt sind. BerufSzweige Tischlereien..... Musilinstumentenfabr.. Modelllischl. u. Maschfabr. Stuhlfabrilen.... Parkeitischlereien... Schiffs- u. Bootswerften Stellmachereien und Waggonfabriken... Schneidemühlen u. Holz- bearbeitungssabriken. Kistenfabriken.... Drechslereien..... Stock- u. Schirmfabriken Knopffabriken.... Kamm« u. Haarschmuckfab. Korbwarenfabriken.. Vergoldereien u. Leistens. Bürsten« u. Pinselfabr. Korkenfabriken.... Bleistiftfabriken.... Pantinen- u. Holzfchuhfab. Holzwarenfabriken. Insgesamt Be- triebe Im Juli 1914 Beschäftigte männl. weibl 14 670 549 878 234 99 94 944 628 426 564 159 105 70 449 243 419 27 8 46 456 122 636 24 009 10 577 6 330 1189 7 011 13 786 11 698 5111 4 437 2 312 3164 1566 4 273 3 604 5 630 501 769 259 10 823 2 955 3161 25 436 13 74 370 357 624 582 1309 1091 501 656 3 631 262 1236 22 2145 Am 1. Dezember 1915 Be- triebe Beschäftigte männl.' weibl. 7 856 404 726 178 65 73 616 429 356 357 122 34 52 384 163 832 23 7 41 382 43 753! 2 369 6 009 5 874 2 210 439 4 271 9 314 5 387 3178 2 056 946 1416 609 3 821 1059 2 854 410 506 172 4 886 1735 351 286 31 1 181 567 412 729 331 962 815 1821 497 2 982 168 1161 31 1588 20 968!240 186|19 500 12 6001 99 670116 968 Die Statistik ist ein Beleg dafür, daß die Holzindustrie zu den Gewerben gehört, die am schwersten unter den Kriegs- Wirkungen gelitten haben. Das wird auch bestätigt durch die Erhebungen, die der Holzarbeiterverband sonst veranstaltet hat und die sich im Gegensatz zu der vorliegenden, die das ganze Gewerbe umfassen sollte, nur auf seine Mitglieder erstreckten. Ungeheuer groß war in den ersten Kriegs- monaten die Zahl der arbeitslosen Verbandsmitglieder. Die fortwährenden Einberufungen und die eingetretene Besserung des Geschäftsganges haben nicht nur die Arbeitslosenziffern vermindert, sondern auch vielen Verbandsmitgliedern, die ge- nötigt waren, in fremden Berufen Beschäftigung zu suchen, die Möglichkeit gegeben, zu ihrem alten Beruf zurückzukehren. Die Zahl der zu fremden Berufen Uebergegangenen war nach den wöchentlichen Erhebungen in der 32. Kricgswoche auf 20 739 gestiegen, am 1. Dezember 1915 waren es noch 8771, von denen 3599 in der Metallindustrie, 463 in der Leder- industrie und 4712 in verschiedenen anderen Berufszweigen Beschäftigung gefunden hatten. Die geringe Zahl der gegenwartig arbeitslosen Holz- arbeiter kann über die im großen und ganzen noch recht schwierige Lage des Holzgewerbes nicht hinwegtäuschen. Ob es sich nach dem Friedensschluß bald wieder von den erlittenen Schlägen erholen wird, hängt von Umständen ab, die sich augenblicklich noch nicht übersehen lassen. Soziales. Unrechtmäßige Züchtigung eines Lehrlings. Wie in einer Verhandlung vor der Kammer 8 des Ge- Werbegerichts festgestellt wurde, ist in der B u ch d r u ck e r e i von Legal das nach der Gewerbeordnung dem Lehrherrn zustehende Züchtigungsrecht derart mißbraucht worden, daß das Gericht die von dem Lehrling beantragte Lösung des Lehrverhältnisses für berechtigt erklärte. Aus der Ver- Handlung ergab sich der folgende Sachverhalt. Der Kläger, ein Buchdruckerlehrling im Alter von 17 Jahren, soll eine ihm vom Maschinenmeister überwiesene Arbeit nicht wie verlangt auSgeftihrt haben. Der Lehrling wurde deshalb vom Faktorgeohrfeigt. Da der Lehrling schon öfter vom Faktor geschlagen worden ist und Beschwerden des Vaters beim Lehrherrn Legal nichts fruchteten, so hatte der Lehrling von seinem Vater die Weisung erhalten, den Betrieb sofort zu Verlaffen, wenn ihn der Faktor wieder schlagen würde. Das wollte der junge Mann im vorliegenden Falle auch tun. Er war gerade dabei, sich um- zuziehen, als der vom Faktor gerufene Lehrherr hinzukam und den Lehrling aufforderte, wieder an die Arbeit zu gehen. Der Lehrling aber blieb dabei, daß er der Weisung seines VaterS ent- sprechend nach Hause gehen wolle. Deshalb versetzte ihm Herr Legal eine derbe Ohrfeige, zerrte ihn nach seinem Arbeitsplatz und gab ihm noch mehrere Ohrfeigen. Der Lehrling arbeitete noch bis Feierabend, kam aber am nächsten Tage nicht wieder,� sondern reichte die Klage auf Lösung des Lehrverhältnisses ein. Er legte dem Gericht«in ärztliches Attest vor, welches als Folge der Ohrfeigen eine geschwollene Backe sowie Schmerzen im Kopf und im Ohr angibt. D a Z Gericht erkannte auf Lösung des Ver- träges. Es hielt eine wesentliche lleberschreitung des Züchti- gungsrechts für festgestellt. Wie in der Urteilsbegründung gesagt wurde, hat der Lehrherr geduldet, daß der Faktor trotz Beschwerde den Lehrling öfter geschlagen hat. Der Faktor ist nicht befugt, den Lehrling zu schlagen, denn er ist nicht der Vertreter des Lehrherrn im sinne der Gewerbeordnung. Der Lehrherr selbst hat nach dem vorliegenden ärztlichen Attest sehr beträchtlich gezüchtigt. Es ist zweifelhaft, ob er überhaupt einen Anlaß hatte, den Lehrling zu schlage», denn dieser erhielt die Schläge lediglich deshalb, weil er nach Hause- gehen wollte. ES ist nicht zulässig, die Jnnehaltung des Lehrvertrages durch Schläge zu erzwingen. Nur, wenn der Lehrling durch sein Betragen Anlaß zur Züchtigung gibt, würde sie zulässig sein._ Der Hansdetektiv. Der Vertreter einer eigenen Berussart rief das Berliner Kaufmannsgericht zur Entscheidung eines Rechtsstreites an. Der Kläger W. war Angestellter bei der beklagten Bezugs- Vereinigung deutscher Landwirte, die mehrere tausend Gehilsen und Gehilfinnen beschäftigt. Da er sich selber als„Hausdetektiv" bezeichnete und der Vertreter der Beklagten bestätigte, daß seine Tätigkeit zum großen Teil eine Detektiv- tätigkeit war, so erhoben sich im Kreise der Beisitzer Bedenken wegen der sachlichen Zuständigkeit des angerufenen Gerichts. Aus den Schilderungen beider Parteien ergab sich in bezug auf die Tätigkeit des W. folgendes Bild: Kläger mußte das Kommen und Gehen der Angestellten kontrollieren und beim Gehen besonders darauf achten, ob sie kein Eigentum der Vereinigung mitgehen heißen. Kläger hatte ferner die Kontrolle über die Aufrechterhaltung der Hausordnung. Er mußte darauf achten, daß die Damen, wie W. sich ausdrückte,„keine Dummheiten machen", keine„Bonbons lutschen" und daß die Herren sich von Alkoholgenussen fernhalten, er hatte Recherchen über Angestellte auszuführen sowie Personal- und Militärlisten zu führen, schließlich hatte der Kläger noch ein sehr unangenehmes Amt: er hatte den Gekündigten die„blauen Briefe" auszuhändigen. Diese Tätigkeit nahm W. derart in An- spruch, daß er 504 U c b e r st u n d e n machen mußte, für die er jetzt SOll M. vermittels Klage verlangt. Das Kaufmanns- g e r i ch t hielt sich aber zur Entscheidung dieses Rechtsstreites nicht f ü r zuständig und wies den Kläger wegen sachlicher Unzuständigkeit ab. W. sei nach der Art seiner Tätigkeit weder kaufmännischer noch gewerblicher Angestellter, er sei vielmehr ein Gebilfe besonderer Art. Nicht das Kaufmannsgericht sei für ihn zuständig, aber auch nicht das Gewcrbcgericht. Er müsse darum beim ordentlichen Gericht klagen. Die schweizerische Industrie während der Kriegszeit. In den jüngst für die beiden Jahre 1914 und ISIS veröffent- lichten Amtsberichten der schweizerischen Fabrik- inspcktoren wird mit gründlicher Sachkenntnis die Gestaltung der Jndustrieverhältnisse der Schweiz während der Kriegszeit ge- schildert. Dabei wird zunächst daran erinnert, daß die Friedens- zeit des Jahres 1914 im Zeichen der allgemeinen W i r t s ch a f t s- Leise stand. Der Kriegsausbruch brachte im August 1914 die «eisten Fabriken zum Stillstand. Fabrikbesitzer, Leiter, Meister, Arbeiter mußten in den Blilitärdienst einrücken, von den Zurück- gebliebenen hatten viele den Kopf verloren, die privaten Verkehrs- mittel wurden für das Militär in Beschlag genommen. Doch kehrte bald ruhige Ueberlcgung zurück und damit der Wunsch, ja das Bedürfnis,„zu arbeiten".?lber in vielen Geschäften mußte der Betrieb neu organisiert werden, in vielen anderen trat großer Arbeitsmangel ein. Bestellungen wurden abgesagt, Lieferungen aufgeschoben, Bauten eingestellt, die Spedition war unmöglich; hier fehlte der Kopf der Unternehmung, dort die Hände. Die aus- ländisch-n Arbeiter waren massenhaft abgereist, auch weibliche. Viele Arbeiterinnenhcime waren entvölkert; die Arbeitgeber, die sich so sehr auf diese Ausländerinnen verlassen hatten, kamen ganz besonders für längere Zeit in Bedrängnis. Bald stellte sich eine noch ernstere Sorge ein, nämlich die um Beschaffung von Roh- stoffen, Getreide, Kohlen, Metallen, Baumwolle und anderen Spinnstoffen, Oelen, Farben, Chemikalien und vieler anderen. Am meisten litten das Baugewerbe, die graphischen Gewerbe und die Textilindustrie. Im Kanton St. Gallen allein standen Ende 1914 noch 89 Betriebe vollständig still, wohl meistens solche der Stickereiindustrie. Andererseits kamen die für inländische Heeres- lieferungen arbeitenden Fabriken nicht nur nicht zum Stillstand, sondern es wurden an sie ganz außerordentliche Anforderungen ge- stellt, die zu einer aufs äußerste gesteigerten Inanspruchnahme aller Kräfte zwangen. Das gleiche erfuhren manche Betriebe der Lebensmittelindustrie. Im Jahre 1915 kam allmählig auch in die Fabriken vieler anderer Branchen wieder mehr Leben. Viele Fabrikanten der Metall- und Maschinenindustrie wußten sich neue Arbeitsquellen zu erschließen. Die Baumwollspinnerei, die Schifflistickerei und durch sie die Zivirnerci bekamen wieder Aufträge. Ja, es gab Zeiten und Branchen, die von einer Hochkonjunktur sprechen konnten. In anderen dagegen blieb die Lage dauernd schlecht und zu dieser ge- hören auch die Glarner Banmwolldruckereien und die Hand- Maschinenstickerei. Ohne Befragen der Arbeiter setzte der Bundesrat schon im Ilugust 1914 wichtige Partien des Fabrikgesetzes außer Kraft. Die Unternehmer nabmen Lohnreduktionen von 19 bis 59 und 99 Proz. vor, die erst allmählich und zwar auf energische Forderung der Gewerkschaften zum größten Teil wieder aufgehoben wurden, wozu dann noch errungene Lohnerhöhungen kamen, die aber nirgends bis zu 59 Proz. bewilligt wurden, um die die Lebenshaltung seit dem Sommer 1914 verteuert wurde. Eine erhebliche Zunahme hat die Frauen- arbeit erfahren, namentlich in der Militärschneiderei, für die in allen Teilen des Landes rasch Werkstätten errichtet wurden. Auch die Versorgung der Armee mit Lebensmitteln hatte eine Vermehrung der Frauenarbeit, die auch zur Nachtzeit zugelassen wurde, zur Folge. Der Einfluß des Krieges auf die schweizerische Industrie be- kündet sich auch in der starken Verminderung der Bautätigkeit zu industriellen Zwecken. Während in den"beiden Jahren 1912/13 im ersten Jnspektionskreis lder die Kantone Zürich, St. Gallen und weitere 7 Kantone umfaßt) 415 Baugesuche zur behördlichen Be- gutachtnng vorgelegt wurden, waren es deren in den beiden Jahren 1914/15 nur 299 l1914: 119, 1915: 144). Der dritte Kreis(Schaff- hausen und andere Kantone) weist allerdings das Gegenteil auf, nämlich 499 Baugesuche gegen 415; welche Vermehrung der Bau- tätigkeit aber ebenfalls mit dem Kriege zusammenhängt, da durch die geänderten BetriebSverhältiiisse viele Unternehmungen gezwun gen waren, die Fabriken umzubauen. Die Zahl der dem schweizerischen Fabrikgesetz nuterstellten Be triebe betrug Ende 1913: 8121, Ende 1914: 8998 und Ende 1915 wieder 8219, womit auch die Zahl von 1913 um fast 199 über- schritten ist. In den beiden Jahren 1914/15 wurden 476 Betriebe von der Fabrikliste gestrichen und 571 neu darauf genommen, so daß sich eine Vermehrung von 95 ergibt, wobei es sich aber in der Hauptsache nur um neuentdeckte, schon vorhanden gewesene Be- triebe handelt, die sich der Unterstellung unter das Fabrikgesetz ent- zogen hatten. Die Zahl der in den Fabriken beschäftigten Arbeiter betrug 1913: 341 259. Leider wurde in den beiden Jahren 1914/15 keine Zählung der Arbeiter von den Fabrikinspektoren wegen Mangel an Personal(Jnspektionsbeamte mußten im Militärdienst sein) und an Zeit vorgenommen, welche Unterlassungsünde die berichtenden Beamten nun selbst lebhaft bedauern. Im Jahre 1914 sind 16 472 Fabrikunfälle vorgekommen gegen 22 939 in 1913, für 1915 liegen die Angaben noch nicht vor. Die Nichtfabrikunfälle betrugen 1914 11 478 gegen 15 874 in 1913. Der Rückgang der Unfälle im ersten Kriegsjahr 1914 wird aus den Stillstand zahlreicher Betriebe oder die Einschränkung von solchen und auf die starke Verminderung der Arbeiterzahl zurückgeführt. Gewerbliche Krank Herten kamen 1914 in 43 Fällen vor gegen 73 in 1913. Ausnnhmebewilligungen für Ueberstunden, Nacht- und Sonntagsarbeit wurden 1914/15 5289 gewährt gegen 5311 in 1912/13. In 329 Fällen wurden wegen Uebertretung der Ar- beiterschutzvorichriften Geldbußen von 9248 Fr. ver- hängt gegen 14 943 Fr. in 592 Fällen 1912/13. Mit der erfolgreichen Ueberwindung der vom Krieg ver- ursachten Schwierigkeiten hat sich die schweizerische Industrie bis jetzt im allgemeinen zu behaupten verstanden; hoffen wir, daß es so bleibt bis zur Beendigung des Krieges, die recht bald erfolgen möge, um der Kulturarbeit des Friedens wieder Platz zu machen! Serichtszeitung. Prcisüberschrcitungen. Die Ferienstrafkammer des Landgerichts I hatte sich gestern mit zwei Lebensmittelwucherfällen zu beschäftigen. 1. Den Kaufmann D. L ö w y, der sein Geschäft am Luisen- u|er hat, hatte das Schöffengericht Berltn-Mitte zu 2 5 9 a r k Geldstrafe verurteilt, weil er in zwei Fällen seinen Wochen- bedarf an Margarine, den er beim Einkauf mit 1,28 M. für das Pfund bezahlt hatte, an einen Bäckermeister auf dessen drin- gendes Ersuchen für 1,89 M. pro Pfund verkauft hatte. Das Schöffengericht erblickte darin einen übermäßigen Gewinn, da nach dem Urteil des Sachverständigen, Direktors Rosenbaum, dem Angeklagten ein Gcwinnzuschlag von 29 Proz. zuzugestehen sei, er aber hier einen Gewinn von 49 Proz. gehabt Hobe. Der Angeklagte suchte sich damit zu rechtfertigen, daß er an anderen Sendungen viel höhere Einkaufspreise habe zahlen müssen und sich daher berechtigt gehalten habe, einen Durchschnittspreis zu kalkulieren. Die Strafkammer hielt dies nicht für zulässig, sah dieses Verfahren als Kriegswucher an und verwarf deshalb oie von dem Angeklagten eingelegte Berufung. 2. Der Schlächtermeister Georg Schirop, der vor oer 1. Ferienstraskammer des Landgerichts I stand, hatte in Tilsit Schweinefleisch gekauft, das er mit 1,39 M. pro Pfund Lebendgewicht bezahlte und hier zum Teil mit 2,89 M. Schlachtgewicht verkaufte, so daß statt der für Großhändler zulässigen 1% Proz. Verdienst ein solcher von 21 Proz. für ihn herauskam. Auch tn diesem Fall erklärte der Angeklagte das Mehr mit Ver- lusten bei anderen Verkäufen und hohen Unkosten. Das Gericht sah sein Verhalten als geeignet an, die Schweinefleischpreise in die Hohe zu treiben und hielt den Verdienst für einen unver- hältnismäßig hohen. Schirop wurde zu 599 Mark Geld- st r a f e verurteilt. Wahrnehmung berechtigter Interessen durch die Presse. Eine für die Presse richtige Entscheidung stellte das Obcrlandesgericht Celle. Ein Wäschefabrikant in Lage hatte sich durch einen Artikel in der Bielefelder„V o l k s w a ch t" vom 23. September 1915: „Ausbetung der Semdsacknäherinnen in Lippe" beleidigt gefühlt und gegen den Redakteur, Genossen Schädlich, Klage erhoben. Das Schöffengericht Lage erkannte jedoch auf Freisprechung und das Landgericht Detmold verwarf die Berufung des Privatklägcrs. Auch die Revision wurde jetzt vom Ober- landesgericht Celle zurückgewiesen. Es heißt in dem Urteil:„Es ist anerkanntes Recht, daß die Wahrnehmung der Interessen dritter Personen grundsätzlich nicht ausgeschlossen ist und jedenfalls dann unter Z 193 St.G.B. fällt, wenn Angelegen- heilen in Frage stehen, die den Täter vermöge seiner nahen Be- Ziehungen zu ihm ein individuelles Interesse an der Kritik geben. Ein solches besonderes Verhältnis des Angeklagten zu den Jnter- essen der Personen, für die er eingetreten ist, hat der Vorder- richter festgestellt, ohne daß diese Feststellung, weil im wesentlichen tatsächlicher Art der Nachprüfung durch das Revisionsgericht unterläge. Die Anordnung des§ 193 Str.G.B. ist daher nicht zu beanstanden. Eine Rechtsverletzung würde danach nur dann vor- liegen, wenn der Vovderrichter unterlassen hätte, zu prüfen, ob das Vorhandensem einer Beleidigung aus der Form der Aeuße- rung oder den Umständen, unter welchen sie geschah, hervorgeht. Diese Prüfung ist im angefochtenen Urteil aber vorgenommen und es ist ausdrücklich festgestellt, daß bei dem Angeklagten die Beleidigungsabsicht nicht vorhanden gewesen ist." Ein Dorfidhll. Aus Swhm in Westpreußen wird uns über eine auf- fallende Freisprechung berichtet: In dem Dorfe Rehhof im Kreise Stuhm sollten am 29. Mai Kartoffeln durch die Gemeinde an die Ortsbewohner verkauft werden. Der Verkauf wurde in einer Scheune vorgenommen. Den Verkauf leitete der Dorfschöffe und Waisenrat, Tischlermeister Emil Paurs. Hierbei kam es zwischen diesem und der einkaufenden Maurerfrau Veronika Konieck i zu einem lebhaften Streit, der schließlich in Tätlichkeiten ausartete. P. hatte nämlich bei den Kartoffeln eine Scheidung vorgenommen: ein Haufen enthielt schlechte und verfaulte Kartoffeln, der andere gute ausgelesene. Als die K. sich weigerte, von den schlechten Kartoffeln zu kaufen, sagte P.:„Ihre Fresse wird später noch etwas ganz anderes fressen!" Dann erhielt die K. von P. einen kräftigen Stoß vor die Brust, auch wurde ihr Schürze und Rock von P. zerrissen. Nach Aussage von Zeugen wollte P. auch mit einer Forke auf die Frau losgehen. Infolge dieser Behand- lung hatte die Ä. eine Fehlgeburt. Vom Schöffengericht Stuhm hatte Paurs wegen Körperverletzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung 2 9 Mark Geldstrafe erhalten. Die Straf- kämm er zu Elbing sprach ihn jedoch jetzt frei. Nach der Urteilsbegründung fehlte bei der Tat dem P. das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit. Er habe nur seines Amtes walten wollen, als er der K. den Stoß gab. Wenn der Torfschöffe das Bewußtsein der Rechtswidrig- keit nicht hatte, so dürfte das Gericht ein auffallend niedriges Maß von Einsicht bei einem Dorfschöffen angenommen haben. •_�WV l vV :•%-ffz!"fv �'' w vWvst'.:■■■■■'■>.•"t.• �'7'.-( . i-':1..• Wv-Ä.,'-.vV.-.-.v„ iL.i-.jJl.7./' wtf«. y-.■ v<.• ,•..«> t-. ffr.. v••'••'■ Ein wertvolles Hausbuch für jede Arbeiterfamilie! 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In der„Korrespondenz des Deutschen Lehrervereins" lesen wir folgende bemerkenswerten Ausführungen: „Die Stadt Berlin soll am l. Oktober 0. I. die erste städtische Mittelschule erhalten. Der Magistrat schlägt der Stadtverordnetenversammlung vor, eine durch Krankheit der Vorsteherin verwaiste Privatmädchenschule tu übernehmen und in derselben Form weiterzuführen. Wird die Vorlage unverändert angenommen, so erhält Berlin eine Mittelschule, die von unten auf von der Volksschule abgetrennt ist. Aller- dings hält der Magistrat es für erwägenswert, ob man bei fvötcren Schulgründungen die Unterstufe nicht weglassen könne. Tie Mittelschule soll Schulgeld in derselben Höhe er- heben wie die Realschulen(SO M.) und 15 vom Hundert Freistellen bieten. Die Mittelschule hat eine feste Form noch nicht erlangt. (?o ist aber unverkennbar, daß sich eine starke Bewegung dahin geltend macht, die alte Mittelschule, die unter den verschieden. slen Namen(Stadtschule, Bürgerschule) im wesentlichen eine Schule der mittleren Schichten des Bürgertums war, zu einer sedcm Kinde offenstehenden Begabungsschule umzubilden. Bei der Errichtung bzw. Umbildung der Mittelschulen in Straß- bürg und Berlin-Schöneberg, bei der Abtrennung von Begabungsklassen in Eharlottcnburg und an anderen Orten tritt die neue Auffassung des Mittelschulwcsens deutlich hervor. Es kann keine Frage sein, daß auf diesem Wege die heutige Aufgabe der Mittelschule, eine gesteigerte Ausbildung für das Handwerk, das Kunstgewerbe, den Handel und die Industrie und für mittlere»cotellimgen im Verwaltungsdienste des Staates, der Gemeinden und größerer Betriebe zu bieten, t-m fassender gelost werden kann als durch Errichtung von Schulen, die mit der Grundklasse beginnen. Von unten auf abgetrennte Mittelschulen, in denen die verschiedensten Be- gabungsklaffen vertreten sind, können nicht wesentlich höhere Lehrziele erreichen als die Volksschule. Auch ist die von unten auf abgetrennte Mittelschule örtlich begrenzt. Sie ist auf größere und mittlere Städte beschränkt, während die auf die Volksschule aufgebaute wenigklassige Mittelschule bis in die kleinsten Städte, ja bis auf das platte Land vorrücken und damit das über die Volksschule hinausgehende Bildungsbedürfnis für das gesamte schaffende Volksleben in vollem Umfange befriedigen kaum Die heute in Preußen bestehenden öffentlichen und pri- baten Mittelschulen für Knaben und Mädchen entlassen all- jährlich etwa MOOO Kinder mit voller Mittelschulbildung ins Leben. Einer gesteigerten Ausbildung für sämtliche gewerb- lici en Berufe bedürfen nach zuverlässiger Berechnung aber kilva MO 000, d. h. 1,4 bis% der 800 000 alljährlich aus den Volksschulen ausscheidenden Kinder. Nur als allgemeine Vorbildungsonstalt für mittlere Berufe und Lebensstellungen, nicht aber als Schule für den gesellschaftlich und Wirtschaft- lich abgegrenzten Mittelstand und noch weniger als Not- behelf für den„Ballast" der höheren Schulen kann die Mittel» schule ihre großen Aufgaben in der Gegenwart erfüllen. Für die weitere Entwicklung des Mittelschulwesens ist es gewiß nicht gleichgültig, ob die Stadt Berlin die auf der Höhe der Gegenwart stehenden Vorbilder auf diesem Gebiete rmberncksichttgt läßt und die alte Mittelschule übernimmt. Tie zeitgemäße Mittelschule muß allen entsprechend Begabten offenstehen und als Begabungsschule auch möglichst ganz schulgeldfrei sein. Hier mehr als an jeder anderen Stelle des Unterrichtswesens mutz der Ruf:„Freie Bahn jedew Tüchtigen!" zur Anerkennung kommen. Was wir an leistungsfähigen schaffenden Kräften aus den breiten Massen der Bevölkerung herausholen, das werden wir in dem gewiß nicht leichten wirtschaftlichen Ringen nach Abschluß des Weltkrieges einzusehen haben." Die obigen Darlegungen sind sehr beachtenswert. Wir baben immer den Standpunkt vertreten, daß es jedem be- gabten Kinde möglich sein mutz, die seinem Können und Fähigkeiten entsprechende Bildung zu erreichen. Es darf da nicht das große Portemonnaie der Eltern matzgebend sein. Dazu gehört aber nicht nur, schulgeldfreie höhere sich den Ge- meindeschulen anschließende Bildungsanstalten zu besuchen, sondern es muß auch die Unterhaltung der Kinder gewähr- leistet sein. Tie heute gewährten. Freistellen erfüllen diesen Zweck in keiner Weise. VO Gramm Butter, 30 Gramm Margarine. In der nächsten Woche, vom 14. August ab, kommen wiederum pro Kopf 60 Gramm Butter und außerdem 30 Gramni Margarine in Groß-Bcrlin zur Verteilung, die der Kriegsausschuß für Oele und Fett geliefert hat. Die Butter bester Qualität wird mit 32 Pf. für 60 Gramm, die Margarine mit 12 Pf. für 30 Gramm im Kleinhandel ab- gegeben. Selbstverständlich ist die Entnahme von Butter ohne Margarine und umgekehrt gestattet. Eine Erhöhung des Butterquaniums bei Nichtabnahme der Margarine ist nicht zulässig._ Die Milchversorgung. Der Magistrat teilt mit: Die gestern Mittwoch in Kraft getretene vorläufige Verordnung zur Sicherstellung der vor- zugsweisen Milchversorgung der Kinder, stillenden Mütter und 5krnnken Groß-BerlinS, durch die eine gleichmäßigere Ver- teilung der Milch über Groß-Bcrlin erreicht werden sollte, hat, wie die zahlreichen gestern morgen bei der Milchver- sorgungSstelle Groß-Berlin vorgebrachten Beschwerden der Kleinhändler vermuten lassen, bei einem Teil der Milch- großhändler nicht die Unterstützung gefunden, die von ihnen erwartet wurde. Insoweit sich die Beschwerden der Kleinhändler als berechtigt erweisen und die be- treffenden Milchgrotzhändler sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht haben, wird dies strafrechtlich weiter verfolgt werden. Darüber hinaus muß aber schon heute darauf hingewiesen werden, daß diejenigen Milchgroßhändler, die es sich nicht angelegen sein lassen, die Bestrebungen der Behörden bei der außerordentlich schwierigen Aufgabe der gleichmäßigen Milchverteilung zu unterstützen, darauf gefaßt sein müssen, vom Milchhandel völlig ausgeschlossen zu werden. Dieses Verhalten eines Teiles der Milchgroßhändlrr macht einen um so befremdlicheren Eindruck, als die Milchversorgungsstelle Groß-Berlin bei denjenigen Vertretern bes Milchhandels, mit, 55�-.......- V Dlmnerstkg, 10. AnM 1016. denen sie zusammenarbeitet, eine sehr wertvolle Unterstützung nnd verständnisvolle Mitwirkung erfahren hat. Gcftlchcn mis Bewilligung von Zusatzzuckerkatten zu Einmache- zwecken kann, wie wiederholt bekanntgegeben ist, nicht stattgegeben werden, da der zur Verfügung gestellte Einmachezucker bewits ver- teilt ist. Diejenigen Anträge, auf die bisher ein Bescheid nickt ergangen ist, konnten Berücksichtigung nicht finden. Infolge der sehr großen Anzahl der noch vorliegenden Gesuche kann einö Benach- richtigung der einzelnen Antragsteller nicht erfolgen. Das teure Pferdefleisch. Einem hiesigen Blatt wird au» den Kreisen der Rotzschlächtc: mitgeteilt, daß die hohen Pferdefleischpreise auf die äußerer dentis gestiegenen Preise für Echlachtps.-rde zurückzuführen feien. In der Auschrist heißt eS u. a.: «Bis zum Kriege bezahlten wir Roßschlächter für ein Schlacht pferd selten über 100 M. Diesem Einkaufspreis entsprach das Fleisch, da- mit 40—00 Ps. pro Pfund verkaust werden konnte. Aber schon in den ersten Kriegstagen, in denen jedes brauckbare Pferd vom Bulitär angekauft wurde, stiegen die Preise für Schlacht pferde und somit auch die Preise für das Fleisch. Wir kaufen schon seil langem kein Pferd unter 800 bis 1400 Mark. Dazu kommen noch Transportkosten, zweimal Untersuchung durch den Tierarzt und das Schlachtgcld. Ost kommt es vor, daß ein Pferd zum Schlachten nicht zugelassen wird. Dann büßen wir den Be- trag dafür ein. Zum Kauf eines Pferdes werden mehrere Roß- schlächtcr bestellt. Wer am meisten bietet, bekommt das Pferd. Um das Geschäft überhaupt aufrcchtzuhalten, müssen wir die höchsten Einkaufspreise bieten und bezahlen. Danach müssen wir uns mit dem Preise für das Fleisch, das ohne Knochen verkauft wird, richten. Es kostet im Durchschnitt 2.20 M. Bei diesem Preise können wir wahrlich keine Ncichtümer ernten." Die Begründung ist bezeichnend. Danach werden die Preise für Schlachtpferde durch die Roßschlächter selber in die Höhe getrieben und das Publikum muß blechen. Preise von 2,20 M. für Pferde fleisch sind tatsächlich Phantasiepreise, denen bald ein Ende gemacht werden sollte._ Awtliche Nachforschungen nach deutsche» Zivilpersonen in F-cindesland. Aus dem Bericht der Zentral-AuZkunftsstelle für Auswanderer für die Zeit vom 1. April 1914 bis LI. März 1910 ist von besonderem Interesse, daß die Kriegstätigkeit der Zentral-AuSkunfiS- stelle, welcher bekanntlick zum Zwecke der Auskunflserteilung, Nach- forsckung und Bearbeitung von Freilassungsanträgen durck Erlaß des Reich-kanzlerS vom LO. September 1914 behördlicher Charakter als eine dem Auswärtigen Amt angegliederte»Reichs- k o m m i s s i o n" zuerkannt wurde, große Ausdehnung an- genommen hat. Die amtliche Vermißtennachforschung nach Zivilpersonen bildet nunmehr die Hauptlängleü der Zentral-AuSkuuftS« stelle für Auswanderer, während die Bearbeitung der eigentlichen AuSkunslSerteilung an Auswanderungslustige sich naturgemäß nur in bescheidenen Grenzen hält. Wie aus dem Bericht hervorgeht, haben sich Personen, die über den Pcrbleib und das Wohlergehen ihrer Angehörigen im feindlichen Auslände behördlicherseits Auskunft wünschen, an die Zentral- Auskunsts st elle für Auswanderer, Berlin IV. LS, Am Karlsbad 10, zu wenden und dabei möglichst genaue Angaben über die Person und die letzte Auslandsadrcsse des Gesuchten zu macheu. Auch werden durch die RcichSkommission Anträge bearbeitet, die darauf hinzielen, kranken oder invaliden Reichsdeutschen in Feindesland die Rückkehr nach Dculscklaud zu ermöglichen. Die bearbeiteten An- träge auf Nachiorschung und Freilassung usw. werden dem Aus- wältigen Amt übermittelt, das daraufhin daS Erforderliche der- anlaßt und das Ergebnis der unternommenen Schritte zur Weiter- leirung an die Antragsteller der Reichskommission zustellt. Bei Nach- forschung im neutralen Auslande sind die betreffenden Kaiserlich deutschen Konsulale zuständig. Es ist natürlich, daß die Inanspruchnahme der Zentral- Auskunstsstelle, die anfangs bis zu 250 Personen allein mündlich im Tage bcschieden hatte, im Verlaufe der weiteren KriegSmonate infolge der besseren Postverbindnngen geringer wurde. Doch war auch weiterhin noch gewallige Arbeit zu leisten. Gibt doch der Bericht für die Zeit vom September 1914 bis März 1910, also für 19 Monate, nicht weniger als 117 547 mündliche und schriftliche An- fragen an, das sind durchschnittlich monatlich mehr als 0000. Ins- gesamt mußten 21935 Anträge durch Einzelnachforschungen erledigt werden, worunter allein 13 992 auf Rußland ent- fielen. Bon Anträgen auf Entlassung von Zivilgesangenen nach der Heimat, die auf Grund der zwischen der deutschen und den feindlichen Regierungen getroffenen Abkommen unter be- stimmten Boraussetzungen möglich sind, wurden 2078 bearbeitet. Eine besondere Arbeit ist unter anderem aus der Weiterleitung der Briefsendungen von deutschen Zivilgesangenen in Frankreich enlstanden. Die Zahl der durch die Zeniral-AuskunftSsielle hindurchgegangenen Briefe und Karlen betrug vom November 1914 bis zum März 1910 nicht weniger als 131 493 Stück, also monatlich nahezu 8000. Der an- sangS auch zu dem Arbeitsfeld der Reichskommission gehörige Geld- überweisungsdienst wurde schließlich wegen Ucberbürdung dieser Stelle am 31. Dezember 1915 von der Zemral-Auskunftsstclle ab- getrennt. Sozlaldemokraiiseliei' Watilverein I. i 6. BerLReielistagswatiMs. 12. Abt. Bez. 732. Am Montag, den 7. August. verstarb unser Genosse, der Ab- teilungssührer der 12. Abteilung ljzltS!' Vögiisr Turmstr. 19. Ehre seinem Andenke» k Die Beerdigung findet am Freitag, den 11. August, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Philippus-Apostel-Kirch- bojcs aus nach dem städtischen Friedhos Müllerstraße, Ecke See- straße, statt. Um rege Betelligung ersucht 227/17 Der Vorstand. iligemgliiL Rpanksn- und Sterbe- kasseiUetallarlieiter v- a- G Zahlstelle 11 Hamburg. Lichtenberg II. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser langjähriges Mitglied, der Kollege Karl koßmaim im 49. Lebensjahre am 6. August verstorben ist. Ehre seinem Andenke» k Die Beerdigung findet am Donnersta,, den 10. August, nach- mittags 5 Uhr. von der Leichenhalle des Karlshorster Friedhofes aus statt Um rege Beteiligung ersucht 121/4 Die Drtsvcrwaltuiig. ÄIlßBin. Kranken- n. Sterbekasse der Drecbsler n. ßerulsgenossen, Ersatzkasse Hamharg. Verwaltungsstelle Berlin A. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Mitglied Eennsim Preißer am 7. August gestorben ist. Die Beerdigung findet am Freitag, den 11. August, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Jakobikirchhoses, Hermannstraße, aus statt. 39/11 _ Die Ortsverwaltnng. Rammler, Otto Friedrich. Uni- versat-Briessleller. Geb. 3 M. Buch- Handlung Vorwärts, Lindenstraße 3. Deutscher TranspoFtarbeiter-Verhand. Bezirksverwaltung Groll-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht. daß unser Kollege, der Auto- droschkensührer Kar! Voigt von der Firma Pactzold, Cuvryslraße 25, am Dienstag, den 8. d. MtZ., im Alter von 62 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Freitag, den U. August, nachmittags 3ll, Uhr, von der Leichen- halle des Neuen Johannis-Kirch- hoseS in Plötzensee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht ll!e Bezirksverwaltung. DenMitgliedcrn serner zur Nach- richt, daß unser Kollege, der Ein- tassierer vskar Wegener am Montag, den 7. d. Mts., im! Alter von 37 Jahren verstorben ist.[ Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am I Freitag, den 11. August, nach. mittags 3'/� Uhr, von der Leichen- Halle des Philippus-Apostel-Kirch- hoses, Müllerstr. 44/45, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 67/1 Bie Bezirksverwaltung. Am Montag, den 7. Aug. 1916, nachmittags 7si, Uhr, entschlief nach langen, schweren Leiden mein inniggeliebter Mann, unser herzesnguter Bater Oskar Wegener im Aller von 37 Jahren. 1L6A Im Uesen Schmerz Illargarete Wegener geb. Nicmann nebst llimlern unä Vater. Die Beerdigung findet am Freitag, den 11 August 1916, nach. mittags 3'lt Uhr, von der Kapelle des Phllippus-Aposici-Kirchhoses, Müllerstr. 44—45, aus statt. iDenischerüelallardeiier-tiernanl! Verwaltungsstelle Berlin. r�sekuruk. Den Mitgliedern zur Nachricht, | daß unser Kollege, der Schleifer Albert Schreiber I am 4. d. M. an Nervenleiden ge- | jlorben ist. Ehre seinem Andenken! Heines Werke . z Bände 4 Mark Buchhandlung Vorwärts Den Mitgliedern terner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Zinkgießer blermarm Preißer Neukölln, Weisestraße 49 am 7. d. M. gestorben ist. Ehre seinem Andenke» l Die Beerdigung findet am Freitag, den lt. August, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- balle deS Neuen Jakobi-Kirch- Hofes, Hermannslraße, aus statt. Rege Beteiligung erwartet l2l/3 Tie Ortstierwaltung. f-' wrim iiiiii imnii i | Sportklub ,Ateman>a'| Mitgl. d. Arh.-Athl-B. Dcutschl. Am 5. Juli fiel unser lieber! Svorlkollege 1678b[ Frilz Siratliausen. Ehre seinem Andenken! Führer durch dss preußische Einkommeusieuergesetz Mit IS Formularen für Eingaben und Reklamationen, sowie einem aus- sührlichea Sachregister preis 40 ps. 32 Zu haben in allen Vorwärts- Avsgabesiellen und in der Vuckhaüdtusi' Vorwärts Berlin SW., Linber.straße 3 Leraniworllicher fileötiteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Jnserarcnletl verontw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u-Verlagi Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanftalt Paul Singer&£Ö, Berlin SW,