Ar. 98. 54. Jahrg. flbonnemtnts-Bedlngaiifei: ■bormementS• Btft» ptftnumetanbo Bietttljäbtl 3,90 MI. monatl U30 Ml. «Schenlttch 30 Bfg. frei mS Hau», finjflnt Kummci 5 Big Sonnrag», nummer mir rlluimener Sonnrag». Beilage.Die Neue Welt�>0 V!g Bosl- Hbonnement: ILO Marl pro Monar. »ingerragen m die Bosl- Zeitung». Breisiiile, llnler Kreuzband ,Ü! Deulichland und Oeilerreich- Ungarn 2,60 Marl, tüi da» übrige Ausland « Marl pro Monat Bostabonnemem» nebmen an Belgien, Dänemarl, Eolland, Jlalien. Luxemburg Ponugal, umümen. Schweden und die Schweiz, kAcheldl lZaflch. Berliner Volksblntt. ( 5 Pfennig) Ole InlertlonS'GeDQbr »etrSgl sür die sechSgewalrene kolonel. leile oder deren Raum SO Pfg,. für oolittlche und gewcrlichailliche Verein». and Bcriammlung». Anzeigen 30 Pig, .Aleine Snreigen". da» rcrrgedruclre Wort 20 Vrg, izuläistg 2 sellgedruckre Worrel, jede» weitere Eon 10 Big, Srellengesuche und Schlaiiiellenan. «eigen da» erste Wort 10 Psg„ jede» »euere Warl S Big, Warle über lk Buch. staben zädlen mr zwei Worte. Inserate cht die nächste Rümmer müiien bi» S Udr nachmittag» in der Sxredition «dgegeden werden. Tie Exvedition ist bi» 7 Uhr abend» geowtet Delegramm-Adiestet .isxiäläemdkrzl«etil»" Zcntralorqan der foztaldcTnokrattfchcn Parte» Deutfcblands. �eöaktion: c£D. HS, �inüenstrahe 3. �ernturcrtier; iltni Moriuvsa«, Str. 15190—151 97. Mittwoch, den 11. April 1917. kxpeüMon: Slv. SS» Linöenstrahe 3. lyrrnivretder,«mt Morivvla«, Nr. 151 90—151 97. Sie Schlacht bei lirras dauert an. Schlacht bei Arras: Eindringen der Engländer in die deutschen Stellungen. — Französischer Angriff bei Laffaux. Amtlich. Großes Hauptquartier, den 10. April »917.'W. T. B,> Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe Kronprinz Ropprecht. £ic Schlacht bei Area» dauert an. Nach mehrtägiger Wirkung starker Artillerie- and Minen« wcrfcrniasscn griffen die Engländer gestern morgen nach heitigster Fcucrstcigcrung in 21) Kilometer Breite unsere Linien an. In bartem Kamps glückte eS ihnen, in unsere Stellungen an den von Arras ausstrahlenden Straßen einzudringen;»in Durchbruch ist ihnen nicht gelungrii. In zähem Ausharren gcgeu Ucberlegcnheit hallen zwei unserer Tivisioncn erhebliche Bcrlnftc. Südöstlich von Upern drangen Sturmtrupps bis über die dritte englische Linie vor, sprengten llntcrstände und kehrten mit etwa 51) Gefangenen, 7 Maschinengewehren und Minen- Werfern zurück Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Ein sranzöfifchcr Angriff bei Laffaux �nordöstlich von Soiffonsj brach in unserem Feuer zusammen. Längs der Aisne und bei sticimS war von Mittag ab die Kampttätigkril der Artillerie sehr lebhaft,_, ~ In der westlichen Ehämpagne beiderseits von PrösneS brachten ErkundungSvorstöfte uns 3K Franzosen als Ge« fangcnc ein, Heeresgruppe Herzog Albrecht. Keine wesentlichen Ereignisse. Oestlicher Krieizsschauplatz. Bei mäßigem Feuer und geringer Borfeldtätigkeit ist die Lage unverändert. Mazedonische z�ront Nichts Neues. Der Erste Generalquartiermeister. Ludendorff. Abendbericht. Amtlich. Verlin, l<). April. Abend«. Auf dem Südufrr der Scarpe sind nach starkem Feuer neu einsetzende englische Angriffe ge- s ch e» t e r t. An der Aisne-Front hält lebhafter Ar- tilleriekampf an. Im O st e n und in Mazedonien keine größeren Gefechtshandlungen. Der österreichische Bericht. Wien, 10. April 1917. sW. T. B.» Amtlich wird verlautbart: Qestlicher und italienischer Kriegsschauplatz. Keine besonderen Ereignisse. Südöstllcher Kriegsschauplatz. Südlich des Ohrida-Sees holten unsere Stoßtrupp? einige Franzosen aus den feindlichen Gräben. Der Stell», d. Chefs des Generalstab«. v. H o e f r r, Fcldmarschalleutnant. /Amerika gegen veutschlanö. „Amerika gegen Teutschland* scheint keine Neuigkeit zu sein und ist es doch! In abgekürzter Rede werden die Vereinigten Staaten gewöhnlich ohne weiteres mit ganz Amerika gleichgesetzt. Nun ist es aber wirklich Ganz- Amerika, das, will man Reuter und Havas glauben, gegen Deutschland mobil macht. Vor allem ist in Brasilien die Aufregung über die Torpedierung der Parana groß. Der Abbruch der Beziehungen soll drohen. Nach Meldung des Londoner Preßbnreaus soll der Abbruch bereits erfolgt sein. Der brasilianische Konsul in Cherbourg führt die Untersuchung über den Untergang des Dampfers. Da es jetzt zum guten Ton gehört, sich dem Weltbund zu Teutschlands Vernichtung anzuschließen, so wollen auch Peru und Chile in den Reigen der Kämpfer für Zivili- saiion und Menschlichkeit eintreten. Der Urgrund der süd- amerikanischen Aufregung gegen Deutschland liegt freilich in der materiellen Abhängigkeit von New Jork, London, Paris und in der Bequemlichkeit des Raubzugs gegen das reiche überseeische Deutschtum. Weil aber die Früchte jahrzehntelanger Pionierarbeit bedroht sind, läßt sich auch die Empörung in Rio de Janeiro und Lima nicht bagatellisieren. Militärisch bedeuten diese Staaten natürlich nichts, absolut nichts. Die„Depechc Coloniale* erfährt nach dem„Lokal-Anzeiger", daß die Zustände in Brasilien keineswegs als beruhigend anzusehen sind. Jni Süden des Landes, in Rio Grande do Sul, in Santa Catharina und Sao Paolo haben sich Banden gebildet, denen sich immer neue anschlössen. Im Augenblick besteht eine a g g r e s i i v c B e w c g u n g, deren ilmfang und Bedeutung noch nicht übersehen werden kann, die aber Brasilien und seine Freunde mit Sorge betrachten müssen. Die Vereinigten Staaten werden ihren neuen Freunden sehr kräftig mit Geld aushelfen. Die dcmo- kratischen Parteiführer beabsichtigen, am Donnerstag im Repräsentantenhause die Ausgabe von 5 Milliarden Dollar Schatzbonds zu beantragen.(Ss heißt, es bestehe der Plan, den Alliierten 3 Milliarden(16,5 Milliarden Mark!) davon zu leihen und zwei sür die Kriegsausgaben Amerikas zu ver- wenden. Ter Senat hat der Regierungsmaßnahme zugestimmt, daß derjenige, der in Kriegszeiten � Kriegsmaterial der Ver- einigten Staaten zerstört, mit 30 Jahren Gefängnis zu de- strafen sei. Der Gesetzentwurf betreffend Bildung eines vereinigten Ausschusses von Senat und Kammer sür die Angelegenheiten der Kriegführung wird in beiden Häusern zugleich ein- gebracht'werden. Der Ausschuß soll sowohl während der Tagung als auch während der Ferien des Kongresses Sitzungen abhalten.- Oesterreich-Ungarn hat Schweden um die Wahr- nehmung seiner Interessen in Amerika ersucht. Man erwartet, daß Bulgarien und die Türkei dem Beispiel Oesterreich- Ungarns folgen werden. Die Maschinen des beschlagnahmten österreichischen Dampfers Franconia sind in der gleichen Weise zerstört wie die Maschinen der deutschen Dampfer. Der Weltbund zu Deutschlands Vernichtung wirkt in seinen kolossalen Dimensionen schon grotesk. Goliath gegen David! « Amerika beschlagnahmt die österreichischen Dampfer. Amsterdam, 10. April.(Privaitelegramm.) Das Reu- tersche Bureau meldet aus New Aork: Die Behörden beschlag- nahmten alle österreichisch-ungarischen Dampfer in den amcri- konischen Häfen._ Rußland will keine Gebietserweiterungen. Petersburg, 9. April. Die Petersburger Telegraphen- Agentur meldet: Justizminister Kerenski.der Ver- treter der Demokratie in der provisorischen Regierung, hielt in einer allgemeinen Versammlung der Soldatenvcrtreter eine Rede, in der er sagte, er wolle den Ausstreuungen gewisser Kreise ein Ende machen, die zwischen ihm und der russischen Demokratie dadurch Zwietracht und Mißtrauen zu säen suchten, daß sie das boshafte Gerücht im Umlauf setzten, der Minister sei gegen die ehemaligen Anhänger des früheren Zaren nicht streng genug. Kerenski sagte u. a.: Wenn ich den Großfürsten Demetrius Pawlowitsch nicht ver- haktet habe, so geschah dies, weit er die Berscdwörunci gegen den Günstling der kaiserlichen Familie. Raspulin, angezettelt hatte; wenn ich den General Iwanow, der versucht hatte, mit Truppen aus Petersburg zu marschieren, um dort die Revolution zu unter- drücken, nichl verhaftet habe, so tat ich das, weil der General alt und krank ist und das Gefängnis ihn in drei Tagen gelölet hätte. Was die Gefangenen in Zarskoje Sielo anbelangt, so habe ich sie besucht, um euch zu sagen, daß die sie bewachenden Soldaten mir versprochen haben, nur meinen Befehlen zu gehorchen. Außerdem ist der Kommandant von ZarSloje Sselo mein Freund, zu dem ich volles Vertrauen habe. Kerenski fuhr fort: Ich werde meinen Posten nicht verlassen, bis die Sicherheit dafür besteht, daß das einzige poli- tische Regime in Rußland die demokratische Republik ist, und da ich ja als Vertreter der Demokratie an der Regierung teilnehme, wird die Regierung d e m n ä ch st eine Er- klärung veröffentlichen, daß Rußland auf jeden Plan von Gebietserweiterungen verzichtet, aber die er- oberte Freiheit auss äußerste verteidigen wird. Die Rede machte, s», berichtet die Petersburger Tele- graphen-Agentur, auf die Zuhörer starken Eindruck. Die Ver- sammlung jubelte Kerenski zu und sprach ihm einstimmig ihr 1 Vertrauen aus. die Gsterbotsihast und die Sozialöemokratie. Von P a u l L e n s ch. In der Sonntagsnummer des„Vorwärts* vom 1. April schrieb ich im Leitartikel: Revolution und Neu- orienverung folgende Sätze: Es besteht das Mtßirauen, daß Herr v. Belhmann, der ein ehrlicher Mann fft, Ichon die Absicht und den ernsten Willen zu einer Wahlrekorm nach dem Kriege haben mag, daß aber mög- licherweiie nach dem Kriege ein neuer Pharao da sein könnte, der die HtnlerUtssenen Wechsel seines Vorgängers nicht anerkennt- Aus diesem Grunde möchten wir dem deutschen Reichs' k a n z k e r a n h e i m g e b e n, rn e i n c r v e r b i n d l i ch e r e n und nicht bloß ihn verpflichtenden Form den testen Entschluß nicht nur einer Demokratisierung des preußischen Wahlrechts, sondern unserer gesamten öffentlickien Einrichtungen zu ver- künden. Das würde zwar nicht Wunoer wirken, wohl aber manches erreichen, zumal ja, solange der Krieg dauert, jede preußische Wahlreform doch nicht praktisch betätigt werden kann, sintemalen Landlagswahlen nichl staufinden können. Erhalten wrr aber die Versicherung, daß die nächsten L a n d t a g s w a h l e n bereits unter einem demo- kralisierten Wahlrecht stattfinden, so, st manches zur Beruhigung der Gemüter getan. Was damals in diesen Sätzen verlangt wurde, i st jetzt g e s ch e h e n: die Osterbotschaft des Kaisers verpflichtet nicht bloß den Reichskanzler, sondern auch den Deutschen Kaiser und König von Preußen. Sie ist kein Privatschreiben, son- dern ein staatsrechtlicher Akt. Die Gegenzeichnung des Reichs- kanzlers macht sie dazu. In ihr ist die Notwendigkeit an- erkannt worden, nicht bloß das preußische Wahlrecht, sondern auch unsere gesamten öffentlichen Einrichtungen im demokra- tischen Sinne zu erneuern. Nun enthält die Botschaft zwei Ankündigungen, mit denen sich die Sozialdemokratie nicht leicht zufrieden geben wird. Zunächst deutet sie an, daß die von der Staatsregicrung ge- plante Wahlreform in Preußen � zwar das allgemeine, un- mittelbare und geheime, nicht aber das gleiche Wahlrecht enthalten wird. Sodann soll die geplante Neuorientierung bis auf die Zeit des Friedensschlusses verschoben werden, damit unsere Feldgrauen Gelegenheit haben, bei dieser Neu- orientierung ihr kräftig Sprüchlein mit zu sagen. Was nun das Wahlrecht selber angeht, so wird die Sozialdemokratie ihre Forderung nach dem gleichen Wahlrecht auch für Preußen schlechterdings aufrechterhalten müssen. Es kann gar keine Rede davon sein, daß das preußische Volk mit einem Surrogat, sei es in Gesialt eines Pluralwahirechts oder einem anderen Wahlrechtsersatz, abgespeist werden sollte. Ja, darüber hinaus ist die Einführung des Frauenwahlrechts zu verlangen, denn es versteht sich von selber, daß die ungeheure Revolution, die dieser Krieg für die Stellung der Frau im Leben der Nation herbeigeführt hat. ihren Ausdruck finden mutz in politischen Rechten. Nicht als„Belohnung" für das Granatendrehen, wie die kindliche Argumentation zuweilen lautet, sondern weil die neue wirtschaftliche Position, die die Frau nicht etwa freiwillig, sondern unter dem Zivang der Verhält- nisse eingenommen hat, die Erwerbung politischer Rechte zur Wahrung ihrer Interessen einfach absolut notwendig macht. Hier ist also noch sehr kräftig nachzuholen, und je deutlicher die Sozialdemokratie sagt, daß sie in diesem Punkte nicht mit sich handeln läßt, desto besser wird es sein. Etwas anders liegen die Dinge in der Frage, ob diese Reform sofort durchgeführt werden soll oder einen Ausschub bis zum Ende des Krieges verträgt. Wir wiederholen, daß wir eine sofortige Durchführung der Neuorientierung und bc- sonders der preußischen Wahlreform natürlich lieber sehen würden als ihre Verschiebung, aber so einfach liegen hier die Dinge nicht. Zunächst ist es ein merkwürdiger Kasus, daff die Nationalliberalen und selbst Freikonservativen, die bisher an alles eher als an eine sofortige Reform des preußischen Wahl- rechts gedacht haben, jetzt plötzlich Feuer und Flamme dafür sind und auch der kaiserlichen Botschaft gegenüber daran fest- zuhalten scheinen. Gewiß kann man darin eine Rückivirkung der russischen Revolution erblicken, die diesen Kreisen klar ge» macht hat, daß. wenn man das morsche Holz nicht beizeiten beseitigt, der Sturm es abbricht. Allein diese Schichlen sind sich über den Unterschied russischer und deutscher Verhältnisse zu klar, als daß man in ihrer Haltung ledig- lich die erleuchtende Wirkung des im Osten auf- gegangenen Lichtes erblicken sollte. Sie wissen, daß eine Revolution für Deutschland bei seiner militärischen Situation die sichere totale Vernichtung bedeuten würde, für Rußland dagegen Rettung und Aufstieg sterdeifüstre» kann. Man wird also gut tun. für die Ungeduld dieser Kreise in der»frage der preußischen Wadlrcform einen anderen Faktor als Quelle zu suchen, als die Besorgnis vor einer deutschen Revolution. Und dieser Faktor liegt in der Unzufriedenheit dieser Kreise mit Herrn von Bethmann Hollweg in der Frage der Kriegsziele. Zum größten Teil sind diese Schichten mehr oder weniger offene Kanzlerstürzer. Wie eifrig hier Herr Bassermann tätig war. der ja seine Zustimmung zu der Stresemannschen Rede ausdrücklich erklärt hat. ist bekannt genug. Sie wollen den Reichskanzler aus denselben Gründen stürzen, um derentwillen die Sozialdemokratie gerade sein Verweilen im Amte wünschen muß: wegen seiner relativen Mäßigung in der Kricgsziel- frage. Wenn nun aber der Sturz des Kanzlers wegen seiner äußeren Politik nicht geht. vielleicht geht er da wegen seiner inneren Politik! Hier hat man ja die Sozialdemokratie auf seiner Seite und der Ruf: sofortige Reform des preußischen Wahl- rechts!, erhoben von Stresemann bis Ebert, wäre vielleicht imstande, den Kanzler zum Rücktritt zu veranlassen. Und in der Tat ist ja im„Vorwärts" mehr als einmal der Sturz des Reichskanzlers verlangt worden. Man stellt sich die Sache so vor, als müßte ein Nachfolger des jetzigen Kanzlers unbedingt die radikalen Wünsche der Linken befriedigen. Allein so sicher wäre das nicht. Wenn man die Sache schon einmal auf die reine Machtsrage ausspielt, so sollte man sich auch ganz kühl die Frage vorlegen, ob man soviel materielle Macht hinter sich hat. um jetzt, wo die ganze Welt auf unsere Fronten loshämmert und unsere Bevölkerung dem Hungertode aus- li e f er n m ö ch t e, derRegierung einen Reichs- kanzler nach dem Herzen der Sozialdemo- kratie aufzwingen, jawohl, in des Wortes nackter Bedeutung: aufzwingen kann. Wer diese Frage glaubt bejahen zu können, mag sich an der Kanzlerstürzerei beteiligen; wer aber dazu nicht imstande ist, für den ergibt sich eine andere Taktik. Man vergesse nicht, daß viele der Herrschaften, die es jetzt plötzlich so eilig haben mit der Wahlreform in Preußen, gerade durch eine sofortige Wahlreform die Einführung des Reichstagswahlrechts verhindern zu können hoffen. Ein Mann wie Oktavio v. Zedlitz tritt nur aus diesem Grunde für beschleunigte Neuorientierung in Preußen ein. weil er sich sagt, jetzt im Zeichen des Burgfriedens müßte auch die Wahlreform die Merkmale des Burgfriedens an sich tragen. Sind erst die eigentlichen politischen Machtfaktoren der Neuorientierung, nämlich unsere Feldgrauen, wieder heimgekehrt, so wäre eine durchgreifende Neuorientierung nicht mehr zu verhindern, denn dieses Geschlecht aus dem Schützengraben wird sich sein Recht nicht vorenthalten lassen. Darum sofortige Neuorientierung! Wenn sie dann heim kommen, ist schon alles erledigt. Das ist die Taktik dieser Elemente, die jetzt ihr reform- freundliches Herz entdeckt haben. Gewiß, sie meinen es lieb und treu, aber a bisse! Falschheit ist alleweil dabei. Die Sozialdemokratie möge sich hüten, das Wesen des Radikalis- mus mit seinem Schein zu verwechseln und vielleicht gerade dadurch die Neuorientierung zu gefährden, daß sie glaubt, keine Minute mehr warten zu können. Die Einführung des ReichStagswahlrechts in Preußen muß unter allen Umständen erreicht werden. Die Kraft dazu haben wir jetzt noch nicht, das wissen die Gegner dieses Wahlrechts auch, deshalb wollen sie die Wahlreform beschleunigen. Wir werden die Kraft aber haben, wenn unsere feldgrauen Brüder wieder daheim sind. Dann wird unsere Macht unwiderstehlich sein. Eine Sonderarmee der provisorischen Regierung. Bern, 10. April.„Temps" meldet auö Petersburg: I« Rußland wurde eine sogenannte Sonderarmee gebildet, die sich bereits an der Front befindet. Der Deputierte Effremoff erklärte namens der Vertreter der Sonder- armee, sie habe der provisorischen Regierung den Eid geleistet »nd werde sie gegen jeden Einfluß, woher er anch kommen möge, verteidigen. Sollten sich die Beziehungen zwischen der provisorischen Regierung und den anderen Parteien zuspitzen, so würde sich die Sondcrarmee auf die Seite der Regierung und der Duma stellen. De« Arbeitervertretern »ud den Petersburger Bataillonen wurde eine entsprechende Erklärung abgegeben. Daß die provisorische Regierung darauf auS ist, auS der russischen Armee ein Werkzeug ihrer kapitalistisch ge- richteten inneren und äußeren Politik zu formen. ist aus den zahlreichen militärischen Paraden und kadettischen Paradereden der letzten Wochen hinlänglich klar. Ob aber die Sonderarmee, von der jetzt also laut gesprochen wird, die Wünsche der Regierung schon be- friedigen kann, läßt sich ans der Meldung des„Temps" nicht erkennen. Ist sie schon die ersehnte, in allem feste„Macht", mit der gegen die Widersacher der kadcttischen Politik gehan- delt werden kann? Oder gibt es irgendwelche Gründe, in den Ententeländern durch aufgebauschte Mitteilungen für den Eindruck zu arbeiten, daß die provisorische Regierung keineswegs lvillens ist. die von links her drängen- den, hemmenden revolutionären Gewalten ohne energischen Widerstand zu ertragen? Solche Gründe sind zweifellos vor- Händen. Die russische Revolution wird der Entente ein beklemmender Alp, weil sie an Stelle der unerwarteten-Klärung der Kriegs- läge neue Verwicklungen in Fluß brachte, für die eine schnelle Lösung, die der Ententekrieg braucht, ausbleibt. Von der Unzufriedenheit. die darüber herrscht, zeugen Auslassungen des Petersburger„Djen", die soeben über Kopenhagen bekannt werden. Wie dies Blatt andeutet, hat die englische Regierung der neuen russischen Re- gierung zu verstehen gegeben, daß sie mit der Entwicklung der politischen Verhältnisse in Rußland, namentlich mit der Absetzung des Kaisers Nikolaus, unzufrieden ist. Die In- struktionen Buchanans vor der Revolution gingen nur dahin, die liberalen Parteien in ihrem Kampfe gegen das bestehende Regime zu unterstützen. Ter Sturz der Dynastie und die Errichtung einer Republik in Rußland ent- sprach nicht den Wünschen Englands. Laut„Djen" äußerte Buchanan selbst seine Unzufriedenheit darüber, daß die russi- fchen Liberalen bei ihren jüngsten politischen Maßnahmen seinen Rat nicht eingeholt haben. Aus diesen Aeußerungen des„Djen' wäre zu schließen, daß England zu Entscheidungen drängt. Daß derartiges geschieht, ist anzunehmen. Wie kritisch die Lage ist, wird auch dura, Gerüchte beleuchtet, die in Rußland umlaufen. Nach Nachrichten aus Haparanda ist die Rede von Verhandlungen der englischen Regierung mit dem Exekutivkomitee in Petersburg über Gebietsbesetzungen im Norden Rußlands durch die Engländer sowie über die Abtretung russischer Ge- biete an England. Gebiete, die jetzt von deutschen Truppen besetzt sind, befänden sich darunter. Von diesen Gerüchten heißt es in der Meldung, daß sie sich in Rußland„verdichteten". England verlange Bürgschaften, daß Rußland alle Kräfte und Mittel einsetze, um die ge- nannten Gebiete baldigst zu befreien. Mit andern Worten: England fängt an, seinem östlichen Alliierten zu drohen. Denn ohne die russischen Sturmwellen. die sich rücksichtslos gegen die deutsche Ostfront vortreiben lassen, stimmt die militärische Rechnung der Entente im Westen nicht mehr. » Die Petersburger Telegraphen-Agentur verbreitet folgende Meldung: Am S. April traf in der Duma eine Abordnung der aktiven Armee ein, die durch Vermittlung des Abgeordneten Schidlowsky dem Vollziehungsausschutz der Duma eine in einer Ver- sammlung von Soldaten der ersten Armee gefatzte Entschlietzung überreichte. Die Entschlietzung besagt u. a.: Wir sind tief be- trübt, daß der Militärausschuß der Arbeiter- und Soldaten- abgeordneten seine Beschlüsse auf unsere Armee ausdehnt ohne unsere Zustimmung und ohne die Billigung der provisorischen Regierung, was zahlreiche Mißvcrstäni»- nisse hervorruft. Wir alle haben die provisorische Regierung an- erkannt und ihr den Treueid geleistet und wollen uns auf dem Ge- biete der Reformen von ihr führen lassen und die Reformen als bindend bewachten, ausgenommen die militärischen Anord- n u n g e n, Bestimmungen und Entscheidungen, die von ihr aus- gehen. In der Sitzung vom S. April erklärten die militärischen Ver- weter der Schwarzen Meer-Flotte und der Garnison von Sebastopol: Denkt daran, daß die großen Schlachten in Monatsfrist beginnen werden und daß dann in Rußland entweder ein neues Leben der Freiheit anheben oder aber, daß es von Deutschland vernichtet werden Wwd. Das hundertjährige Mißtrauen, das Offiziere und Soldaten hinderte, Hand in Hand zu gehen, muh verschwinden. Anfrage Nußlanüs an üie Türkei? Basel, 10. April.„Agence Radio" berichtet vom 9. April aus Petersburg, der russische Minister des Aeußeren Miljukow erklärte bei einem Empfang von Journalisten, Rußland habe an die Türkei eine nichtverbindliche Anfrage ge- richtet über die Meerengenfreiheit und die Zu- kunft Armeniens. Kriegsresolution des Kaüettenkongreffes. Petersburg, 10. April. Meldung der Petersburger Telegraphen- agentur. Der Kongreß der Partei der nationalen Freiheit(Kadellen) nahm naib einer Beratung über die auswärtige Politik der provi- sorischen Regierung einen Beschluß an, in welchem der Kongreß sein volles Vertrauen in die auswärtige Pol, tik der Regierung ausdrückt, die auf d,e Treue zu den ab- geschlossenen Bündnissen gegründet sei.— Der Kongreß rusl ganz Rußland auf, sich um die Regierung zu scharen und ihr die Mög- lichkeil zu gewähren, den Krieg bis zum Siege und zu einem dauerhaften Frieden torlzuietzen, der die Freiheit der Völker und den Sieg der Demokratien über den Bund der reaktionären Monarchien sichert. der Arbeiter- und Solöatenrat. Aus Stockholm wird der„Frankfurter Zeitung" gemeldet: Nach hier vorliegenden Nachrichten macht die Organisations- Partei des Arbeiter- und Soldatcnrates ständig Forlschritte. Die fast in allen größeren Städten bereits ein- gesetzten Soldaten- und Arbeiterausschüsse stehen mit dem Petersburger Tätigkeitsausschuß in ständiger telegraphischer Verbindung. Vorbereitung der russischen Wahlen. Petersburg, 8. April.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) Tie provisorische Regierung hat die Schaffung einer besonderen Kommission für die A u s a r b e i- t u n g der Vorschriften für die Wahlen zur bevor- stehenden konstitutionellen Versammlung angeordnet. Die Kommission wird Spezialisten des politischen Rechts, Vertre- ter der Statistik und andere sachverständige Persönlichkeiten, die den Nnchtigsten russischen politischen Parteien angehören, umfassen. Kopenhagen, 10. April. Mitglieder desRatsderAr- beiter delegierten in ganz Rußland wurden für den 20. April zu einer Reichsversammlung einberufen, in welcher der Zusammen schlußsämtlicherVolks- Parteien Rußlands und ein einheitliches Parteiprogramm im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen zu der konsti- tuierenden Versammlung aufgestellt werden soll. Justiz- minister K e r e n s k i setzt sich sehr für ein einheitliches Vor- gehen sämtlicher Arbeitergruppen und für ihre Einigung auf ein festes Gegenwartsprogramm ein. Reformen in Finnland und den Gsisee- Provinzen. Amsterdam, 10. April.„Algemeen Handelsblad" meldet auS Petersburg: Der Senat von Finnland hat einem Gesetzentwurf über die Rechtsgleichheit der Bewohner von Finnland seine Zustimmung erteilt. Der Gesetzentwurf soll auf dem finnischen Landlag bebandelt werden, der nach langer uPase wieder eröffnet ist. Zum Präsidenten de« Landtags ist der S o z i a l i st Mannes gewählt. Der russische Minister de« Innern wird eine Kommission ein« setzen, die das Verwaltungssystem der Ostseeprovinzen auf der Grundlage der nationalen Autonomie für Letten und E st h e n reformieren soll._ der Krieg auf öen Meeren. Die übliche ftaleugnung. London, 8. April.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Admiralität gibt bekannt: Eine deutsche drahtlose Pressemeldung vom 1. April behauptet, daß ein englischer Hilfskreuzer von 8000 Tonnen durch«in Unterseeboot im März versenkt worden sei. Es ist kein englischer Hilfskreuzer durch ein deutsches Unterseeboot in diesem Monat versenkt worden. Me deakfthe �HunMiWg kst wie gewöhnlich glatte Erfindung. Wie uns hierzu von zuständiger Stelle mitgeteckt»trd, hat es sich bei dem in Frage stehenden, von einem unserer IWSoote versenkten Dampfer von 8000 Br.-R.-T. ohne Zweifel um einen Hilfskreuzer gehandelt. Das Schiff hatte, wie vom U-Boot einwandfrei festgestellt ist, mehrere Geschütze und fuhr unter Kriegsflagge. Seine Besatzung, etwa 200 Mann, war uniformiert, die Leute trugen blaue Hosen, weiß« Hemden. Das Aussetzen der 12 Rettungsboote geschah kriegsschiff. mäßig nach Kommando von der Brücke au» m Ordnung und vollkommen exerziermäßig. London, 8. April. Die Admiralität gibt bekannt: Seefingzeuge griffen in der Nackt zum 8. April die Mole von Zeebrügge an und warfen zahlreiche Bomben ab. Im Zusammenwirken damit wur- den auch militärische Angriffe auf die Munitionsniederlagen in Gent und Brügge gemacht. Tie Flugzeuge sind unversehrt zurück- gekehrt. In derselben Nacht torpedierten wir in der Höhe oon Zee- brügge zwei feindliche Zerstörer. Einer von ihnen wurde sinkend gesehen, das Schicksal des zweiten ist ungewiß, er wurde aber sehr schwer beschädigt. Wir erlitten keine Verluste. Zusatz: Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, ist mili- tärischer Schaden durch die Fliegerangriffe nicht angerichtet. In Brügge wurde ein Belgier getötet, zwei Frauen wurden verwundet. Wie durch den Chef des Admiralstabes bekannt gegeben, ist ein Torpedoboot von einem feindlichen U-Boot vor der flandrischen Küste versenkt worden; ein zweites Torpedoboot ist wohl angegriffen worden, der darauf abgegebene Torpedoschutz ist aber vorbei- gegangen. Seefperre und Versenkungen. Madrid, S. April.(HavaS.) Das»«eri tonische Segelschiff Edwin Hund llOOS To.) wurde durch Torpedoiwuß veisenlt. Letzten Sonnabend brachte ein dänisches Schiff Schiffbrüchige von neun Fahrzeugen in Almeria an Land. Amsterdam, 10. April.„Algemeen Handelsblad' wird auS Hoek van Holland gemeldet, daß der englische Dampfer K i t t h Wake, der mit einem Kondei nach Rotterdam fuhr, nicht lwie anfangs gemeldet wurde) auf eine Mine gelaufen, sondern von einem U-Boot torpediert worden ist. Kopenhagen, 10. April. Ritzau« Meldung. Der d S n> i ch e Dampfer Wladimir R e i tz ist in der Nordsee versenkt worden. Zwei Mann wurden getötet. Kristiania, 10. April. Ritzau-Meldung. Die norwegticke Barke F i S k a a und die norwegischen Dampfer S o I st e d t und Kongshaug wurden von Unterseebooten verienkt. Bern, 9. April. Die Agentur Radio meldet au» Le Havre: Die Untersuchung über die Versenkung de? brasilianischen Dampfers Parana ergab, daß nur ein Mann umgekommen ist. Kopenhagen, 9. April. Das dänische Ministerium des Aeußern meldet: Nack einer telegraphischen Meldung des dänischen Geiandten in London ist der dänische Sckooner Bri». aus der Reise von England nack Dänemark mit Reis und Mebl, am letzten Donners- tag in der Nordsee versenkt worden. Zwei Mann der Besatzung sind umgekommen. .Nalionalltdende' meldet auS Malmö: Die Kogrnndrinne und die inneren Gewäster am Falsterboriff sind nun wieder fahr- bar. DaS Feuerschiff in der Kogrundrinne sowie die verschiedenen Bojen sind wieder ausgelegt.— Ein Entgegenlommen Schweden» an England? .Nationaltidende" meldet aus Bergen: Der Dampfer St. Croix der norwegischen Südamerikalinie, von Buenos Aire«. ist in Bergen mit 27 Mann eingelroffen, die unterwegs aufgenommen wurden. Die Geretleten geborten vier torpedierten Dampfern an. » Genf, 10. April. Nach zuverlässigen Nachrrchlen sind in dem sonst verkehrsreichen Hafen von Havre in der Woche ppm 18. bis 2t. März nur fünf Dampfer au« Uebersee an- gekommen, gegenüber täglich etwa 20, also wöchentlich etwa 149 Dampfern im Januar 1917. « Tie Boote des Dampfers Skajeu. BcrUn, 10. April. Die norwegische Zerrung.Morgenavisen" brachte Mitte März eine Meldung, nach welcher der Steuermann des torpedireten norwegischen Dampfers Skajen erzählt hätte, die Besatzung wäre in die Boote gegangen, worauf das U- Boot herangekommen wäre und zunächst auf die Boote, dann auf den Dampfer geschossen hätte. Ter Kommandant des inzwischen zurückgekehrten U-BooteS meldet hierzu, daß die Aussagen des betreffenden Steuermanns frei erfunden seien. Auf den Dampfer wäre erst nach Ablauf einer halben Stunde gefeuert worden, von den Booten wäre bei dem hohen Seegang überhaupt nicht» zu sehen gewesen. Hieraus geht hervor, daß die Dampferbesatzung, wenn sie da» auf den verlassenen Dampfer gerichtete Feuer aus die ReliungS- boote bezogen hat, sich unnötig viel Zeit genommen hat, um sick von der gefährdeten Sielle des Dampfers zu entfernen. Das U-Boot mußte annehmen, daß sich die Mannschaft nach Ablauf einer halben Stunde in Sicherheit gebracht hätte. Andernfalls trifft die Mann- schaff selbst die Schuld für ihre Gefährdung. Der englische Angriff bei firras. Berlin, 10. April. Durch Wolfis Bureau wird über die Schlacht bei Arras folgendes mitgeteilt: Auf demselben alten Kampfgelände zwischen Lens und ArraS, das schon im Jahre 191S heiß umstritten war. haben die Engländer auf die seit 191b dort gebalienei, Stellungen zum Angriff angesetzt. Durck stärksten Einsatz aller mechanischen Kanrpsmittel und größter MunilionSmenge konnten sie einen örtlichen Erfolg erzielen, wie er erfahrungsgemäß im SiellungS- kriege stelS durch Anhäufung von Artillerie und Truppen an einem bestimmten Punkte anfänglich erzielt wird. Der beabsichtigte Durch- brück der Engländer ist indessen trotz ungeheurer blutiger Opfer vollkommen gescheitert. Die deutschen Truppen haben trotz erheb- licher Verluste im Trommelfeuer und Sperrfeuer der englischen Uebermacht den wirksamsten Widerstand entgegengesetzt. » Feindliche Kriegsberichte. Englischer Heeresbericht vom 9. April, b Uhr 30 Minuten früb. Wir griffen in breiter Front von südlich Arras bis südlich Lens an, drangen in die feindlichen Linien ein und machlen befriedigende Fortschritte. Wir stürmten die Dörfer Merniers und Boursies in der Richtung auf Cambrai und drangen in den Wald von Havrincourl«in. In der Richtung auf St. Ouenlin nahmen wir Fresnoy-le-Petit und schoben unsere Linie südöstlich von Berguier vor. ES soll eine bedeutende Zahl von Gefangenen ge- macht worden sein. Weiler wird vom 9. April englischersertS gemeldet: Die Ope- rattonen werden planmäßig und mit Erfolg wertergeführt. Unsere Truppen haben die feindlichen Stellungen von Hsnin-iur-Eojeul bis zum Südrand von Givenchy-en-Gohelle in einer Tiefe von zwei bis drei Meilen überall gestürmt, unser Vorrücken dauert fort. Die feindlichen vorderen Verteidigungsanlagen auf dreier Front einschließ« tich des Rückens von Vimy, der von kanadischen Truppen aenommen wurde, sind früh morgens erobert worven. Diese VerleidigungS« anlagen umfassen ein' Netzwert von Schützengräben und die be- festigten OrtsSaften Neuville-Vitasse, den?eIegrapdenhllgel,Tilloy-leS- Melaines, den Beobackuungshügel, St. Laurent-Blagny, Les Tilleuls und das Geböit La Folie. Sodann rücklen unsere Truppen Weiler vor und nabmcn die rückwärtigen ieindluben Verteidigungsanlagen, die auszer weiteren mäckuigen Sebützengrabenipstemen die besestigten Ortschaften Feuchy, Chapel, Fenchel, die Heiderabadschan�e, Athies und Tholus umtasien. Bis 2 Ubr nachmittags wurden 08 l6 Gefangene, darunter 119 Offiziere, in unseren Sammelstellen gezählt, und»och viel mehr müssen noch gezählt werden. Von dielen gehört ein großer Teil zu den bayerischen Divisionen, die große Verluste in dem heutigen Kamps erlitten haben. Unter dem erbeuleten Kriegsgerät befinden sich Kanonen, zahlreiche Grabenmörser und noch nicht gezählte Maschinengewehre. In der Richtung Cambrai haben wir einen weiteren Fort- schritt in der Rübe des Waldes von Havrincourt gemacht. Wir haben die Dörfer Paniau und le Verguier genommen. Die Lust« täiigkeit der letzten Tage wurde auch gestern mit großer Krast sort- gesetzt. Einige erfolgreiche Luflbombardements wurden von uns ausgeillhlt und untere Flugzeuge arbeiteten mit ausgezeichnetem Ergebnis mit unserer Arullerie zusammen. Zwei ieindliche Flug» zeuge wurden vernichtet, fünfzehn andere wurden zum Niedergehen gezwungen und sind vermutlich zerschmettert. Zwei deutsche Fessel- ballons stürzten in Flammen ab. Zehn von unseren Flugzeugen blieben aus. Französischer Heeresbericht vom 9. April nach» mittags. Von der Somme zur Aisne während der Nacht Patrouillen- gefechle. Trotz schlechten Wetters blieb die Tätigkeit der beiden Artillerie» in mehreren Abichimlen sehr lebhaft. Nordwestlich von Reims scheuerte ein deiiticher Angriff gegen die französischen Stellungen gegenüber von Courcy m un'erem Sperrfeuer. Süd- lich von dieser Ortschaft wurden zwei deutsche Abteilungen nach leb« baslem Handgranoienlampf zurückgeschlagen. In der Gegend von Maisons de Champagne erreichten die Franzosen im Hand- granaienkampi einige-Fortichrilte. Von der übrigen Front ist nichts zu melden. Vom 9. April, abends. Von der Somme bis zur AiSne be'chotz unsere Artillerie kräftig die feindlichen Stellungen. Der Feind erwiderte namentlich nördlich der Aisne und gegen die Stadt Reims, die einer beilieen Beschießung unterzogen wurde. Einige Lp'er unter der Zivilbevölkerung. Im Walde von P a r r 0 y wiese» unsere Handgranalenweifer einen feindlichen Angriffsversuch auf einen unserer Vor Posten ab. Die Kriegslage in Mesopotamien. Englischer Heeresbericht aus Mesopotamien: Die russischen und britischen vorgeschobenen Ab» teilungen vereinigten sich am 2. April aus dem linken D i a l a u f e r. Es wird berichtet, daß die Türken sich in der Richtung auf Kirin zurückziehen. Russischer Heeresbericht vom S. April. In der Richtung Hanckin besetzte unsere Kavallerie bei der Verfolgung der Türken K a S r 1 s ch i r i n und H a n e k i n. Sie steht im Gefecht bei dem Dorfe Dekke, nordwestlich Hanekin mit der Nachhut der Türken, welche uns den Uebergang über den Dialafluß zu ver- wehren sucht. Unsere Vorhut wurde von Hanekin in der Richtung auf Kisilrabat vorgeschoben, um mit den Engländern Fühlung zu nehmen. Petersburg, 6. April. sMeldung der Petersburger Telegraphen» Agentur.) Em Telegramm aus Teheran meldet, daß die russische Vorhut südlich von Hanekin nahe Kisil Rabat mit den englischen Truppen Fühlung genommen hat. Frankreich unü Deutschlanü geben Geiseln frei. Der Schweizer Bundespräsident Schultheß, welcher bei General Friedrich, Chef der Abteilung für Kriegsgefangene im deutschen Kriegsministerium, Schritte zugunsten f r a n- zösischer Geiseln in Holzminden unternommen hatte, erhielt die öiachricht. daß Deutschland diese Geiseln zu- rückzusenden bereit sei. Cs sind etwa 200 Personen. Frankreich seinerseits hat den Vorschlag angenommen, die im Elsaß gemachten Geiseln, sofern sie es wünschen, nach der Heimat zurückzusenden. Der italienische Vormarsch in Epirus. Griechenlands Protest. Nach Lyoner Meldungen aus Athen hat die griechische Regierung dem italienischen Gesandten Bosdari einen Protest gegen den Vormarsch italienischer Truppen in Epirus und hauptsächlich gegen dieErsetzung der griechi- schen Flagge auf Fort Argyokastron durch die albanische Flagge überreicht und zugleich einen Protest der Be- völkerung und der Deputierten von Epirus übermittelt. Der Jahrestag ües irischen �ufftonöes. Republikanische Kundgebungen. Amsterdam, 10. April.„Algemeen Handelsblad� meldet aus London, daß sich am Jahrestage deS irischen AusstandeS zahlreiche Menschen aus der Umgebung Dublin? nach dxr Hauptstadt be» gaben, da sie erwarteten, daß es zu Kundgebungen kommen würde. Am Sonnlagabend wurde auf den Trümmern deS PoslpebäudeS, das im vorigen Jahre den Rebellen als Hauptquartier diente, das orange-weiß-grüne Banner der Republik gebißt. Auch die Nelsoniäule wurde mit der republikanischen Flagge geschmückt. Polizei holte die Flagge vom Postgebäude herunter; sie fiel auf die Straße, wo die Menge sie an sich riß. in Stücke zerschnitt und unter die Anwesenden verteilte. Später wurde eine Patrouille aus der Straße aus- gepfiffen. Die Polizei wurde mit Steinen beworfen. Am Montag- abend war es ruhig. In Cork wurde die republikanische Flagge auf dem Stadt» hause gehißt, aber nach kurzer Zeit von der Polizei entfernt; republikanische Redner hielten Ansprachen an die Menge. v)ie üer„Vorwärts�in§rankreich zitiert wirb. Die Ankündigung der Herabsetzung der Brotrarion, die sich ab 15. April in Anbetracht der vorhandenen Vorrate in Deutschland notwendig gemacht hat. wenn wir bis zur nächsten Ernte durchhalten sollen, benutzt die französische Presse, um ihren Lesern ein falsches Bild von den tatsächlichen Verhältnissen Deutschlands zu geben. Zu diesem Zweck werden Ausführungen ge- fälscht, die der.Vorwärts" in seiner Nummer 81 vom 23. März gemacht hat. In unserem Leitartikel über.Die Brotfrage" hieß ci damals:.Diese Nachricht ldcr Herabsetzung der wöchentlichen Brot- ratio») würde uns wie ein Donnerschlag rühren, wenn nicht sofort hinzugefügt würde, daß für die ausfallenden Men- gen ein ausreichender Ersatz zur Verfügung gestellt werden soll." Der.Expreß de Lyon" behauptet schlankweg, daß der.Vor- wärts" geschrieben habe:„Diese Nachricht ist für uns ein Donner- schlag." Diese Methode ist durchsichtig. Wir müssen die französische Presse aber schon ersuchen, uns wahrheitsgemäß und nicht unter Weglassung aller positiven Sätze zu zitieren, wenn sie, gestützt auf das Ansehen des„Vorwärts", den Franzosen ein Bild der tatsäch- lichen deutschen Verhältnisse geben will. Verdrehungen und Fäl- schungen können schließlich auf die Dauer die Leser der französischen Presse nicht irreführen. „wir haben mit anderen Verhältnis en zu rechnen als drüben in Rußland/ Seit dem Siege der russischen Revolution über den Zarismus hat die Pariser„Humanitb" in Artikeln und Notizen immer wieder auf das Echo hingewiesen, das die luisische Umwälzung in Deutschland finden müsse, denn jetzt sei das deutsche Volk an der Reihe, mit dem Despotismus feiner Militärautokratie ein Ende zu machen. Wir haben auf die Schattenseilen unseres VerfassungS- lebens im Frieden und im Kriege immer wieder bingewieien. aber so wie die deutschen Berbältnisse seit Ausbruch des Krieges von der .Humanitg" dargestellt werden, sind sie nicht. Das Zentralorgan der französischen Genossen, dessen weiße Flecken fall täglich von der Herrschast der Miliiärdikta'ur und des Belagerungszustandes in Frankreich zeugen, sollte deshalb durch keine systematische Irre- fübrung der öffentlichen Meinung nicht in Frankreich falsche Hoffnungen wecken. Daß die deutschen Verhältnisse andere sind als die russischen gibt selbst da« von dem Landtags- abgeordneten Adolf Hoffmann herausgegebene Berliner „Mitteilungsblatt� der sozialdemokratischen Arbeits- gemeinschaft zu, da« am 8. April in seinem Osterartikel u. a- schrieb: .Es ist ein alies, wahres Wort, daß man keine Revolutionen künstlich machen kann. Das gilt für unsere Zeit mehr denn je. Man kann wohl Putsche inszenieren, aber den großartig organisierten Machtmitteln des heutigen Militär st aateS gegenüber sind sie zur Aus- s i ch t§ l 0 s i g k e> t verurteilt, ebenso wie ele- mentar ausbrechende Hungerrevolten bald erstickt werden können. Wie bei einem modernen Kriege werden auch bei einer Revolution eine Unkumme von Faktoren zusammenwirken, ehe ein ganzes Volk in gewaltsame Zuckungen gerät. Darum i st es auch falsch, die revo- lutionären Erscheinungen und revolutionären Mittel des einen Landes schematisch auf ein anderes Land übertragen zu wollen, in dem die wirtschaftlichen Grundlagen die politischen und sozialen Zustände, die geschichtliche Entwickelung und der Volkscharakter ganz anders geartet sind."... „Wir haben mit anderen Verhältnissen zu rechnen als drüben in Rußland, der Kampf um unsere innere Freiheit muß daher andere Formen annehmen. Dieser Kamps bat in diesen Tagen unter dem moralischen Eindruck der Vorgänge in Rußland auf parlamentarischem Boden eingesetzt." Darin ist also das gesamte deutsche Volk sich einig, daß wir in Deutschland mit anderen Verhältnissen zu rechnen haben, als in Rußland. Das sollten auch die Gegner Deutschlands endlich be- greifen. Die Formen, in denen die deutschen Verfassungskämpfe sich abspielen werden, bestimmt da? deutsche Volk nicht nach den Wünschen deS Auslandes, sondern nach seinen eigenen Bedürfnissen. Kleine Kriegsnachrichten. Präsidentenwahl in Costarica. Lyoner Blätter melden aus San Jose in Costarica: Federjgo Tineolo wurde zum Präsidenten von Costarica gewählt. Der unzureichende„Seepolizist". Rotterdam, 7. April. In England ist großer Mangel an Bewachungsfahrzeugen eingetreten; eine Anzahl kleinerer Stützpunkte für Bcwachungsfahrzcuge ist da- her aufgegeben worden. Die Rückkehr der Möwe hat nicht nur in der öffentlichen Meinung Englands, sondern mich in der englischen Admiralität große Verstimmung gegen da» Flottenkommando hervorgerufen. Fette Ente. Verlin, 8. April. Der Lboner Funkspruch vom 1. April und im Anschluß daran Havas verbreiten die Nachricht, daß an Bord des deutschen Panzerkreuzers Baden wegen Ernäh» rungsschwicrigkeiten Meuterei ausgebrochen und 100 Mann des Schiffes in der Marinekaserne eingesperrt seien. Wenn eS sich nicht um einen Aprilscherz des französischen Radiodienstes han- delt, so liegt eine überaus plumpe Erfindung vor. An. der ganzen Geschichte ist kein wahres Wort, vielmehr sind' die VerpflegungS- und Tisziplinverhälwisse auf dem genannten Schiffe durchaus normal. Wer verseucht das Meer mit Minen? Tll. Amsterdam, 8. April. Im Monat März wurden an der niederländischen Küste 19 Minen angespült, wovon 15 englischer, 1 französischer, 1 deut- scher und 2 unbekannter Nationalität waren. Seit Anfang des Kriege? wurden an der holländischen Küste 1897 Minen an Land getrieben, und zwar 1245 englischer, 65 französischer, 259 deutscher und 328 unbekannter Nationalität. Der griechische BerkehrSminister hat au» GefundheitSrück- sichten seine Demission eingereicht. Der Landwirt- schaftSminister wird interimistisch sein Portefeuille übernehmen. politische Ueberslcht. Das Zentrum zur Wahlreform. In ihrer Dienstagnummcr nimmt endlich auch die„Ger- mania", das Berliner Zentrumsblatt, Stellung zu der kaiser- lichen Osterbotschaft. Sie erkennt die hierdurch geschaffene unwiderrufliche Bindung der Regierung an und sieht im übrigen in dem Inhalt der kommenden Wahlreform„ein sehr weitgehendes Entgegenkommen gegen die Forderungen der Linken". Das verheißene geheime Wahlrecht sei„seit jeher eine der Kardinalforderungen auch des Zentrums gewesen". In der Streitfrage der Gleichheit des Stimm- g e w i ch t s seien die Versprechungen des kaiserlichen Er- lasses„nur negativer Art: das Klassenwahlrecht soll fallen". Weiter heißt es in der„Germania": Niemand wird verkennen, daß hier die Entscheidung der ganzen Frage nunmehr allein noch liegen wird. Es bleibt abzu- warten, was die bestimmten Vorschläge, die der König von seiner Regierung erwartet, darüber enthalten werden, ehe man dazu Stellung nimmt. Das Zentrum ist dabei in der glücklichen Lage. jeden wirklichen Fortschritt für das preußische Volk gern an- nehmen und sichern helfen zu können, denn das Nebeneinander- bestehen deS gleichen Wahlrechts im Reiche und des klassifizierten in Preußen hat bewiesen, daß seine parlamentarische Vertretung in jedem Falle in ungefähr gleichem Maße gesichert ist. Partei- politischer Egoismus ist dem Zentrum in der Wahlrechtsfrage fremd, es kann und wird darum seine ganze Kraft dafür ein- setzen, daß die 4Nerechtigkeit im besten Sinne des Wortes zu ihrem Recht kommen werde, daß der preußische Staatsbürger dasjenige Stimmgewicht erhält, das im wohlver- standenen höchsten Interesse des Volks- und Staatsganzen liegt. Wie nun aber bie„Gerechtigkeit im besten Sinne des Wortes" materiell nach Ansicht des Zentrums aussieht, was das Zentrum als das richtige Stimmgewicht ansieht, darüber verrät die„Germania" nichts. Sie erinnert auch nicht daran, daß das gleiche Wahlrecht eine Programmforderung des Zen- trums darstellt. Man ist also nach diesem Artikel über die Stellung des Zentrums in der entscheidenden Frage ebenso klug wie zuvor und kann nur konstatieren, daß das Zentrum weiter ein höchst unzuverlässiger Faktor in der Frage der Wahlreform bleibt. Doch keine Mitarbeit der Konservativen? In ihrer ersten Aeußerung zu der Kaiserlichen Osterbot- schaft hatte die„Deutsche Tageszeitung" die Bereitwilligkeit der Konservativen angekündigt, an der preußischen Wahl- reforni positiv mitzuarbeiten. In ihrer Dienstag- Nummer jedoch bringt sie eine Zuschrift„a us führenden konservativen Provinzkreise n", die auf das Gegenteil hinausläuft. In dieser heißt es: So gewiß ein fauler Friede uns zum sozialen und kul- turellen Niedergang verurteilen würde, so gewiß führt die von manchen Kreisen so leidenschaftlich erstrebte Demokratisierung der Staatseinrichtungen zur Erschütterung nicht nur der� Mo- narchte, sondern auch der Grundlagen Preußens, deS nun einmal führenden Staates in Teutschland. An einer solchen Entwicke- lung ober irgendwie teilzunehmen, würden wir als ein politisches Unrecht, als eine unverantwortliche Mißachtung aller Lehren und Erfahrungen der Geschichte empfinden. Im weiteren wird noch die„Verdemokratisierung unserer Innenpolitik" als ein„Sieg der mit den Waffen besiegten Entente im unbesiegten Teutschland" bezeichnet.— Auf die Mitarbeit der Konservativen an der Wahlreform legen nur die Kreise Wert, welche hoffen, sie hierdurch auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken. Uns kann die Frage sehr kalt lassen._ Die Arbeit des Berfassungsausschusses. Wie die„National-Zeitung" wissen will, haben während der Osterfeiertage zwischen den bürgerlichen Parteien unverbind- liche Besprechungen stattgefunden, in denen eine Klärung über die nächsten Aufgaben des Verfassungsausschusses erzielt worden sein soll. Danach will man angeblich die in Artikel 17 der Reichsver- fassung begründete Verantwortlichkeit des Reichskanzlers, die bisher nur rechtlich aber nicht tatsächlich fest- gelegt war, dadurch in eine tatsächliche verwandeln, daß man eine Verantwortlichkeit des Kanzlers dem Reichstage gegen- über vorschlägt. Ein weiterer Programmpunkt befaßt sich angeb- lich mit der Stellung der Staatssekretäre, ein dritter— immer nach der.National-Zeitung'— mit Artikel 9 der Verfassung, wonach niemand gleichzeitig Mitglied des Bundesrats und des Reichs- tags sein kann: auch hier sollen Aenderungen erfolgen. Viertens sollen verschiedene mehr ins Einzelne gehende Reformen des Reichstagswahlrechts angestrebt werden. Ob hier auch an eine Neueinteilung der Reichstagswahlkreise gedacht ist, sagt die„National-Zeitung" nicht. Für alle diese Re- formpläne soll«ine Mehrheit gesichert sein. Ueber die preußische Wahlrechtsfrage will daS genannte Blatt erfahren haben, daß sie vor der Hand durch die moralische Wirkung des Kaiserlichen Erlasses ausgeschaltet bleibe, dagegen gedenke man. sich eingehend mit Mecklenburg zu befassen. Wenn die Konferenz der bürgerlichen Partei««— worüber wir nichts wissen— wirklich stattgefunden hat, so würde hier ein sonderbarer Fall von Ausschaltung einer Partei vorliegen, der nicht ohne politische Folgen bleiben könnte. Einstweilen vermögen wir jedoch nicht zu glauben, daß an dieser Osterkonferenz alle bürgerlichen Parteien beteiligt gewesen find, ja nicht einmal, daß die Konferierenden zusammen die Mehrheit des Reichstags hinter sich hatten, wobei wir aber auch nicht die Vermutung gänzlich von der Hand weisen, daß daS Ganze eine Erfindung ist. Der Hauptschriftleiter der„Weserzeitung" gestorben. Bremen, 9. April. Ter Hauptschriftleiter der.Weserzeitung'. Herr Emil F i t g e r. ist letzte Nacht an den Folgen eine» Schlaganfalls ge- starben._ Nachwehe« deS Kranz-ProzesseS. Der österreichifch-unaarifche Kriegsminister Freiherr von K r 0 b a t i« hat dem Kaiser die Demission angeboten, die vom Kaiser auch angenommen wurde. Die Enthüllungen des Kranz- Prozesses, die eine so scharfe politische Wendung genommen haben, ließen einen Umzug im Kriegsministerium wahrscheinlich werden. Die persönliche Ehre des Kriegsministers war allerdings keinen Augenblick in Zweifel gestellt. Der Kaiser hat auch den Generalobersten von Krobattn bereits zum Führer einer Armeegruppe ernannt. Letzte Nackrichten. Vernichtete Bauwerke. Berlin, 10. April.(W. T. B.) Der Turm der Käthe- drale von Upern wurde anscheinend von den Engländern durch Sprengung umgelegt. In den letzten Tagen wurde ver- schiedentlich der Dom von St. Ouentin beschossen und stark beschädigt._ Keine FreiheitSanleihe in Rußland. Kopenhagen, 19. April. Nach Meldungen aus Petersburg wird die sogenannte Freiheitsanleihe nicht aufgelegt, da wegen des Mißtrauens der vermSgendea Klassen gegen- über der neuen Negierungsform ein Mißerfolg be- fürchtet wird. Die industriellen Kreise sind wegen des andauern- den Streits und wegen der genauen Durchführung des Achtstnnden- tages, die agrarischen Kreise wegen der allzu radikalen Forderungen auf Landverteilung unter die arbeitenden Klaffen sehr beunruhigt und wenig geneigt, der neuen Regierung finanziell zu helfen. Revolutionäre Verwaltung in Odessa. Amsterdam, 19. April. Nach einem hiesigen Blatte meldet der Balkankorrespondent der„Times", daß Stadt und Distrikt von Odessa von einem rcoolntionären Ausschutz verwaltet werden, dem auch Abgeordnete der Armee, der Flotte und der Arbeiter ange- hören. Diese Körperschaft wird dasKommissariat genannt. Alle Beamte der früheren Gemeindeverwaltung sind abgesetzt. Die meisten befinden sich in Hast. Die Studenten der juristisches Fakultät der Universität haben zwei Professoren abgesetzt. Gisenbahn-Zusammenstoß. Bern, 19. April.„Matin" meldet aus AmienS: Ein Per- s 0 n e n z u g stieß mit einem Militärzug zusammen, der einen Pferdetransport enthielt. Vier Reisende wurden verletzt» viele Pferde getötet. Die Anzahl der getöteten und verwundeten Soldaten ist nicht bekanntgegeben. Ein unbekannter Einbrecher erschossen. Ein unbekannter Einbrecher wurde gestern abend von einem Schutzmann des 98. Polizeireviers erschossen. Der Scknitzmann war von einem Einbruch benachrichtigt worden und verfolgte den Täter, der sich in das Sckanklokal von Krctzschmer, Rcichenberger Straße 14, geflüchtet hatte. Als der Einbrecher den Schutzmann angreift, um den Ausgang zu gewinnen, machte jener von seinem Dienstrevolver Gebrauch und schoß den Täter durch die Brust. Die Leiche des Unbekannten wurde ins SchauhauS gebracht. Gewerkschchisbeweglmg veutsches Kelch. Ter Bauuntcrnehmerverband gegen jede Lohn- aufbcfferung! ?aZ NiindsdjreiBen des Arbcitiieberbundes für daS Baugewerbe. das in uilierer Noliz in der Sonntagsnummer über die wirlicbaft- liche Lage der Bauarbeiter schon erwäbnt wurde, wird jetzt erst in seinem vollen Umsange öffentlich bekannt. In dein Schreiben wendet sich diese Unternehmerorganisation gegen die Bewilligung höherer Kriegszulagen bezw. gegen Verband- lungen über die Erhöhung dieser Zulagen. Jede Mehrbewilligung und jede Verbandlung sei mit der Begründung abzulehnen, dag da-u nur die zentralen Organisationen zuständig sind. Tie Unternehmerverbände dürften sich keines- falls da rauf einlassen oder selb st anregen, über die Erhöhung der Teuerungszulagen vor den Kriegsamts st eilen zu verhandeln. Weiter wird in dem Schreiben darauf hingewiesen, dast die Arbeiter, die fern vom Wohnort ihrer Familie arbeiten und deshalb einen doppellen Haus- halt führen, auf Grund des Erlasses des Reichskanzlers vom S. Januar 1917 einen Rechtsanspruch auf Zablung eines Zuschlages von 2 M. täglich nicht haben. Endlich wird darauf hingewiesen, dast einige Zweigvereine des BauarbeilcrvcrbandeS versucht hätten. der Vereinbarung vom Mai 1916 insofern eine falsche Auslegung zu geben, als sie die in Prozenten des Lohnes festgesetzten Zu- schlage für Ueberstunden, Sonntags- und Nachtatbeit von Lohn und Teuerungszulagen berechnet haben wollen. Das sei nicht be- rechligt, da die Tarifverträge und Tariflöhne unverändert ver- längerl worden sind und die Teuerungszulage als besondere Ab- findung vereinbart worden ist. Die Bauunternehmer bestehen also auf ihrem Schein, d. h. auf den zwischen den Organisationen im Mai 1916 getroffenen Ver- einbarungen. Sie tragen den seit dieser Zeit erheblich veränderten Verhältnissen keinerlei Rechnung und machen in ihren Kreisen mobil, daß den Arbeitern darüber hinaus keine auch noch so berechtigte Lohnerhöhungen gewährt werden sollen. Selbst den Preiszuschlag von 2 M.. der den Arbeitern bei getrenntem Wohnsitz gezahlt werden soll, mißgönnen sie ihnen. Eine schlechte Wahrung des Burgfriedens! Einzelne Unternehmer zeigen allerdings mehr Ver- ständiiis für die mißliche wirtschaftliche Lage der Arbeiter, w>e auch aus der folgenden Notiz hervorgeht. Teuerungszulagen im Zimmerergewerbe. Die Bewegung zur Erlangung von Teuerungszulagen nimmt auch im Zimmerergewerbe größeren Umfang an. Trotz des ablehnenden Verhallens des Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe, der sich aus den geltenden Tarifvertrag und die im Mai' v. I. getroffenen Vereinbarungen beruft, ist eS bereits in einer Reihe von Zahlstellen des Verbandes zu einer Verständigung entweder mit einzelnen Firmen oder zwischen den örtlichen Organisationen gekommen, die zwar nicht in allen Fällen als befriedigend ange- sehen werden kann, aber doch zeigt, daß sich n i ch t a l l e U n t e r- nehtner der Notwendigkeit von Lohnzulagen gänzlich verschließen. Teils sind solche Zulagen gewährt worden mit dem Vorbehalt, daß sie bei einer zentralen Verein- barung, mit deren Möglichkeit noch immer gerechnet werden muß, in Anrechnung kommen; teils aber auch ohne Rücksicht darauf. In recht vielen Zahlstellen konnte eine Regelung noch nicht getroffen werden, weil sich die örtlichen Organisationen der Unternehmer für unzuständig erklärten, mit der Begründung, daß die Eilt- scheidung darüber den beiderseirigen Organisationszentralen gebühre. Ob dieser Standpunkt für die Dauer überall aufrechterhalten werden kann, dürfte zumindest recht frag- lich erscheinen. Verschiedene Zahlstellen haben sich in Erwartung baldiger zentralen Verhandlungen nicht an die Unter- nehmer, sondern an den Zcntralvorstand des Zimmererverbandcs gewendet, damit er bei dem Vorstand deS Arbeiigebcrbundes für das Baugewerbe für eine den Verhältniffen entsprechende Teuerungs- zulage einlrcle. In den meisten Zahlstellen jedoch haben die Zimmerer ihre Forderungen direkt an die Unternehmer oder deren örtliche Organisationen gerichtet und damit den richtigsten und zugleich kürzesten Weg beschritten. Alle Zahlstellen drängen auf umgehende Erledigung ihrer Wünsche, deren Er- füllung, wie sie wissen, den Unternebmern ohne Not möglich ist; denn die Preise, die diese heule für ihre Arbeiten erhalten, ge- statteten durchaus angemessene Zulagen. Von den Unternehmern wird das natürlich bestritten. Nach Berichten im„Zimmerer* sind bis jetzt Vereinbarungen, sei es mit einzelnen Firmen oder für ganze Orte getroffen: in Augsburg. Berlin-Teltow, Eberswalde, Düsseldorf, Jüterbog, Mainz. Potsdam. Rathenow. Starnberg, Straubing, Zittau u. a. m. So ist in Berlin-Teltow mit der Firma R. Wolle au? Leipzig ein Stundenlohn von 1,43 M. vereinbart. In Eberswalde ist der Stundenlohn auf 1 M. festgesetzt: bis Ende März 1916 stand er auf 35 Pf. In Düsseldorf wurde bei einzelnen Firmen der Stundenlohn auf 1,2t) M. erhöht. In Jüterbog beträgt der Stundenlohn jetzt 99 Pf.? bis Ende März 1916 stand er auf 33 Pf. Für Mainz wurde eine nochmalige Teuerungszulage von 7 Pf., für Arbeiten in der Umgegend von 11 Pf. vereinbart. Nach Vereinbarungen für Pols- dam soll der Stundenlohn auf 1,29 M. kommen, 33 Pf. böher als er am 31. März 1916 war. In Rathenow beträgt der Stundenlohn 1 M. gegen 37>/z Pf. am 31. März 1916. In Augsburg und Strau- hing wurden 3 Pf. zugelegt, in Starnberg 6 Pf. In Zittau erhöhte eine Firma den Lohn um 1 M. täglich. Diese Verbesserungen konnten nicht allerwärts auf gütlichem Wege erzielt werden; ver- einzelt ist es zu Arbeitseinstellungen gekommen. die jedoch nur von ganz kurzer Dauer waren. In einer Anzahl Zahl- stellen hatten die Bemühungen der Zimmerer bisher keinen posirioen Erfolg, doch verhalten sich die Unternehmer den Forderungen geben- über weniger schroff, als der Vorstand des Arbeitgeberbundes. In wieder anderen Zahlstellen liegen bereits Angebote der Unternehmer vor, zu denen noch nicht Stellung genommen werden konnte. Es steht zu hoffen, daß den schon getroffenen Vereinbarungen bald weitere folgen werden; denn der Standpunkt, den der Vorstand des ArbeilgeberbundeS für das Baugewerbe in dieser Frage einnimmt, wird mit jedem Tage unhaltbarer. öerlin unö Umgegenü. Lohnbewegung in der Tamenschneiderei. Im Anschluß an die Lohnbewegung der Kostümschneider, über die wir bereits im„Vorwärts* berichlelen, haben auch die Arbeite- rinnen der Acnderungswerkstätten bei den Firmen N. M. Maaßen, Manheimer. Herm.'Gerson und Rudolf Hertzog die Einführung eines Tarifs mit der für die Kostümschneideret bewilligten Lohn- erhöhung gefordert. Bei den Firmen Maaßen. Manheimer und Rudolf Hertzog kam es zu einem halbtägigen Streik. Die genannten Firmen haben sich verpflichtet, die Lohnsätze der IL Klasse' des neuen Kostümschneiderlarifs anzuerkennen. Hiernach erhalten die Aenderinnen einen Wochenlohn von 31.30 M. Die Firma Herm. Gerson hat bisher den Forderungen nicht Rechnung gelragen. Hier wird in den nächsten Tagen eine Ent- scheidung herbeigeführt werden. Lohnforderungen an die Bckleidungsämter. Im Anschluß an die Tariferneuerungen im Schneidergewerbe hat der Schneiderverband sowohl an die Bekleidungsämter wie auch an die Kriegsministerien das Ersuchen gerichtet, eine zeitgemäße Aufbesserung der Löhne zu gewähren. Es wird in erster Linie eine 23prozentige Lohnerhöhung verlangt. Außer dieser Lohnerhöhung wird noch eine besondere Aufbesserung des Arbeitslohnes für den Einheitsmantel und die Drell- und Körperbekleidungsgegenstände gefordert. So ist für den Einheitsmantel ein Lohn von 9,50 M. für den letzten Arbeiter verlangt worden. Auf diesen Satz soll dann außerdem der Zuschlag von 23 Proz. an Lohnerhöhung für den letzten Arbeiter erfolgen. Der Unternehmeranteil soll außer den hier verlangten Beträgen gezahlt werden. Infolge der vielen Klagen wegen der ungenügenden Be- zablung des Einheitsmantels ist vom Bekleidungsamt des Garde- korps vor einiger Zeit eine Aufbesserung des Lohnes für den letzten Arbeiter von 6.30 M auf 7 M. erfolgt. Neuerdings hat das Kriegs- bckleidungsamt des III. Armeekorps den Lohn für den Mantel von 6.50 auf 7.36 M. erhöbt. Beim Gardekorps wird für die Be- arbeitung der Schlitze für die Seitenhaken eine Zulage erfolgen. Trotzdem wird aber dann der Mantel in Spandau besser bezahlt als in Berlin. Zu beklagen ist nur, daß die Lohnsätze in beiden Fällen noch erheblich zu niedrig sind. Da>eit Ausbruch des Krieges keine Aufbeffernng der Löhne für Militärarbeiten errolgte, die Ansprüche an die Leistungen der Ar- beiter aber größer wurden und die Au'wendungen für den Lebens- unterhalt von damals zu heute einen so erheblichen Unterschied aui- weisen, so ist das Verlangen der Arbeiter nach einer nennenswerten Lohnaufbesserung vollkommen begründet. Auch ist eine recht schleunige Erledigung der Sache durch die zuständigen Stellen un- bedingt erforderlich. Vor einigen Tagen fand eine Versammlung von Schneidern und Schneiderinnen statt, die alle Uniformen für das Bekleidungsgmt ausbessern und umai besten. Diese Arbeiten werden im Akkord her- gestellt und wird die Stundenzahl, welche zur Leistung der be- treffenden Arbeit erforderlich ist. abgeschätzt. Neuerdings werden neue Röcke zu Blusen umgearbeitet.� Für diese Arbeit rechnet das Amt neun Stunden. In der Versamm- lung wurde darauf hingewiesen, daß diese Arbeit 13 Stunden in Anspruch nimmt. An diesen Stücken muß außer den übrigen Reparaturen das Vorderteil und die Bermel vollständig umgearbeitet werden. Auch die Ulanka? werden nur mit neun Stunden bezahlt, während sie eine Arbeitszeit von 12 bis 13 Stunden er- fordern. Neuerdings wird auch verlangt, daß die eingesetzten Flicken mit der Farbe des Stückes genau übereinstimmen, llnler den getragenen Stücken sind wohl selten zwei Bekleidungsgegen- stände zu finden, deren Farbe übereinstimmt. Wenn nun die Arbeiter nach paffenden Flicken suchen sollen, so erfordert dies eben- falls einen erheblichen Zeitaufwand. Es erscheint daher notwendig, neben der Ausbesserung der Löhne eine bessere Einschätzung der erforderlichen Arbeitszeit vorzunehmen. Tie schlecht geheizt« Fabrik. An einem der kältesten Tage im Januar funktionierte die Zentralheizung in der Militär-Ledereffektenfabrik von Reinhardt in der Köpenicker Straße so schlecht, daß am Morgen, als die Arbeit beginnen sollte, eine Temperaiur von 4— 6 Grad über Null herrichte, die auch im Lmife des Vormittags nicht erheblich stieg. Bei der Kälte konnten die Arbeiter ihre Tätigkeit nickt ausüben. Sie ver- ließen deshalb die Werkstatt, nachdem sie dem Meister mitgeieilt hatten, daß sie den Lohnausfall bezahlt verlangen. Am Nachmittag, als die Temperatur einigermaßen erträglich geworden war, wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Bezahlung des Lohn- ausfallcs erhielten die Arbeiter nicht. Sie klagten ihn des- halb beim Gewerbegerickt ein. das sich schon vor einigen Wochen mit dieser Angelegenheil beschäftigte und am letzten Donnerstag zu einem endgültigen Urteil kam. Der Beklagte Reinhordl machte geltend, er könile wegen der Folgen der schlechten Heizung seiner Fabrikräume nicht zur Veranlwortung gezogen werden, denn er habe die Räume nur gemietet. Für die Heizung habe der Haus- besitzcr zu sorgen. Das Gericht erachtete diesen Einwand nickt als durchschlagend. Der Beklagte wurde verurteilt, an die 200 Kläger die geforderten 837 M. zu zahlen. Das Urteil stützt sich aus ß 616 des Bürger- lickcn Gesetzbuchs. Danach hat der Arbeitgeber die zur Arbeit erforderlichen Räume, Geräte und Vorrichtungen in einem gebrauchsfähigen Zustande zu liefern. In der ungenügend geheizten Werkstatt— sagt die Urteilsbegründung— konnte nicht gearbeiiet werden, deshalb ist der beklagte Arbeitgeber veipflichtet, den Arbeitern den hierdurch entstandenen Schaden zu vergüten. Von dieser Verpflichtung wird er nickt dadurch entbunden, daß er dem Haus- besitzcr vertraglich die Sorge für die Heizung übertrug. Den Ar- beilern gegenüber ist der Arbeitgeber für die Folgen mangelhafter Heizung ebenso verantwortlich, als wenn er selbst die Heizung bälte ausführen lasicn. Es bleibt ihm unbenommen, dem Hausbesitzer gegenüber Regreßansprüche gellend zu machen. Parteinachrichten. Lächerliche Anschuldigungen. Die„Leipziger Volkszeitung* wirft dem„Vorwärts" einmal wieder in Tönen höchster moralischer Entrüstung Fälschung, Entstellung von Tatsachen, Unterschlagung vor, weil wir uns bei dem herrschenden Papiermangel gezwungen sehen, die Reichstagsberichte etwas zu kürzen und dabei die zwei- stündige Rede des Herrn Haase vom 30. März, wie die„Leipziger Volkszeitung" selbst berechnet, um etwa ein Viertel ihrer Länge gegen den Originalbericht verkürzt haben. Die alberne Unterstellung, daß wir dies aus Angst getan haben, um unseren Lesern die Ansicht Haascs vorzuenthalten, erledigt sich mit der Fest- stellung, daß der von uns gegebene Bericht immer noch fast zwei volle Truckspalten umfaßt. Natürlich wird der„Leipziger Volks- zeitung" der Beweis, daß die fortgelassenen Sätze gerade die Glanz- stellen der Haascschcn Rede waren, leicht fallen, denn nach ihrer Ansicht redet Herr Haase nur Glanzstellen. Daß wir auch in den Reden der sozialdemokratischen Partciredner Kürzungen vornehmen, verschweigt die„Leipziger Volkszeitung" geflissentlich. Im übrigen sind wir überzeugt, daß der Sckmok, der sich durch diese Berichtvergleiche in der„Leipziger Volkszeitung" sein Zeilen-- Honorar verdient, sich durch diese Feststellungen auch für die Zu- kunft seinen Broterwerb nicht nehmen lassen wird. Wir werden aber nicht mehr daraus eingehen. Ter Tanerfall. Wer Julian Borchardt besitzt, der besitzt auch einen„Fall Borchardt". Solange Julian Borchardt der sozial- demokratischen Partei angehörte, rissen die Fälle Borchardt nicht ab. Jetzt hat ihn die Opposition und damit auch den„Fall". Wie wir einem Versammlungsbcricht entnehmen, beschäftigte sich die Gene- ralversamiiilung der Lppositionsorganisation in' Teltow-Bccskow- Storkow aus ihrer Generalversammlung ausführlich mit dem letzten „Fall Borchardt". Es handelt sich um die bekannte Angelegenheit der Vorrede zu dem Erdmannschen Buch. Standhaft und Prinzipien-- treu, wie er ist, weigerte sich Julian Borchardt auch der General- Versammlung gegenüber, trotz dringender Aufsorderung, d i e Höhe des für das Vorwort erhaltenen Honorars anzugeben. Er verteidigte sich damit, daß im„Braunschweiger Volksfreund", als dieser noch Spartakusovgan war, auch gestanden habe:„Verwandelt Euer Geld in II-Bvote, zeichner zur Kriegs- anleihel" Borchard beklagte sich bitter über„doppelte Moral", was nach unserer Erinnerung der Tilel des berüchtiglen Peter Ganter- schen Buches war, dessen eigentümliche Propaganda durch mehrere hunderttausend Briefe vor mehreren Jahren großes Aufsehen er- regte. Vermutlich will Julian Borchardt seine Propaganda des etwa gleichlvertigen Erdmannschen Buches hiermit in Parallele stellen. Tie Verhandlung cntele damit, daß Julian Borchardt ein-- stimmig sein Posten im Kreisvorstand entzogen wurde. In Voraus- ficht dieses Resultats hatte Borchardt vorher erklärt, daß er mit der Organisation nichts mcbr zu tun haben wolle, da sie sich der Arbeitsgemeinschaft anschließen will, die dem Herrn ll-Boot- Borchardt von Spartakusgnadcn nicht prinzipienfest genug ist. Soziales. Fürsorge für nervöse Kriegsteilnehmer. Neben den durch den Krieg veruriachlen Verstümmelungen sind es auch noch andere Leiden, die als Kriegsdienslbeichädigungen an» zuieden sind. Eine große Rolle spielen dabei die Nelvenkrankbciten. Wird nachgewiesen, daß der Krieg ein solches vcniriacht oder verschlimmert hat, dann liegt eine KriegsdieustbeschäSigung vor, und es sind auch die entsprechenden Renien zu ge- währen. Das ist allgemeiner Grundsatz. Um io verwunder» licker ist ein vom badischen Landesausichuß der Kriegs« beschädiglcnfüriorge herausgegebenes Merkblatt über die Für- sorge für nervöse Kriegsteilnehmer, in dem auf die sogenannt« Kriegsneurose hingewiesen und die Rentenbedürsiigkeii bestrillen wird. Als Kriegsneuroie bezeichnet das Merlblati die ieeliick bedingten Störungen, die zumeist auf eine einmalige schwere Gemiilserschüne- rung, z.' 23. bei Verschüttungen, bei heftigen Beschießungen u. dergl., im Felde enlstehen. Sie kann sich in ungemein verschiedenarnger Weise äußern: als beiderseitige Ellaubung O'ogenaiinie Layrinih- crichüilerung), Taubheit und Stummbeit, Slummhm und sonstige Sprachslörlingen sStoltern, Stammeln). Siimmstörung, Zittern und Schütteln einzelner Glieder. des 51opies und des ganzen Körpeis, als iogenannte Tics, Kramp'aniälle Versteifungen und Lähmungen einzelner oder mehrerer Glieder (z. B. Arm- und Handlähmangen, Läbmnngen beider Beine), als eigenartige Gehstörung fTänzeln und Slechschrilt) uns anderes. Es wird dann daraus hingewiesen, daß derartige Slörungen auch ickoil während des Friedens beobachtet worden sind, toenp sie auch verhältnismäßig selten seien. Und daraus erkläre si Donnerstag mittag. Kühl, zeitweise heiser, jedoch unbeständig, mit öfter ivicdcrhollcn, geringen Aiedcrschlägcn. Verantwortlich für Politik: Hermann Müller, Tempelhos: sür den übrigen Teil d. Plallcs: Alfred Scholz. Neukölln; für Inserate: Tb. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Puchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co Perlin SW. Hierin 1 Beilage und Untcrhaltnngsblott. Seilage öes Vorwärts Mittwoch, 11. April 1917 heute Ifiittwocl): Genera! wlammlungen der Kreit e bczw. Orte (siehe gestriges Inserat) _ Tagesordnung: Beratung der Statuten; Borstandswasilen; Zahlung der Beiträge» Nach öem tS. /Ipril. Tie Brotfragc. Trotz aller großen Weltereignisse bildet die bevorstehende N e u r e g c l u n g der Ernähr» n g fast daS ousschließ- lichs Gesprächsthema weitester Bolks kreise, und je näher der 'chicksalsschwere tä. April heranrückt, desto größer wird die Spannung. Die Verkürzung der Brotration bildet für die gemze Bevölkerung— nur sehr dünne Schichten ausge- uommen— eine ernste Schwierigkeit und eine große Sorge. Mau kann es den leitenden Stellen olmc weiteres glauben, daß sie sich zu diesem schmerzenden Eingriff nicht entschlossen hätten, wenn nicht eine zwingende Notwen- d i g k e i t dazu vorläge. Würden wir nicht in den nächsten Monaten weniger Brot essen, so hätten wir in den letzten Wochen vor der Einbringung der Ernte gar keines! Wir hätten auch dann keines, wenn es mittlerweile gelänge, Frieden zu schließen, denn erstens sind auck die Weltvorräte außerordentlich knapp, und zweitens würde die gegebene kurze Spann� Zeit nicht mehr genügen, um das überhaupt noch Ein- brin�skche dem deutschen Verbrauch zuzuführen. Wir stehen al'a tatsächlich, vorausgesetzt, daß die ausgestellten Berech- tiwngen richtig sind, vor einein unauslveichlichen Zwang, der durch kein Wunder und kein Zauberkunststück zu beseitigen ist. Damit erledigt sich freilich nicht die Frage, wieso es soweit hat kommen können. Tic Tatsache, daß große Mengen von tvetretde trotz des Verbots ve r s ü t t e r t worden sind, hat der preußische Staatskommissar Michaelis zugegeben, hier liegen Mängel vor. für welche die cinzclstaatliche Verlvaltung verantwortlich zu inadsen ist. Man hat sich bisher nicht dazu entschließen können, die Sündenböcke in die Wüste zu schicken. sind sie aber auch nock auf ihrem Platze, so läßt sich doch nicht verkennen, daß neuerdings ein etwas strafferes Regiment ein- getreten ist. So darf man hoffen, daß den Gemeinden geliefert werden wird, was sie brauchen, um trotz verringerter Brotration eine notdürftige Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Im Staat wie in der Gemeinde ist man sich wohl darüber klar, daß die Neuregelung der Ernährung mit einem Fehl- schlag nicht enden darf. Es ist nicht notwendig, die Folgen eines solchen Fchlschlags erst ausführlich auscinanderzusetzen. Alles Bestreben muß darauf gerichtet sein, jene weiten Kreise der Bevölkerung, die sich für die nächste Zeit schweren Be- fiirchtnngen hingeben, angenehm zu enttäuschen und dafür zu sorgen, daß die Unglücksraben nicht recht behalten. Ausbrüchen der Unzufriedenheit, durch die nichts gebessert, aber viel verschlechtert werden kann,:nuß vorgebeugt werden. Für eine prompte und ausreichende Lieferung des Brot- eriatzes an Fleisch, Kartoffeln usw. muß ebenso unbedingt gc- sorgt werden wie danir, daß die Verkürzung der Brotration nicht eher erjolgt. als bis der Ersatz in den Händen der Ver- braucher ist. Um den Personen ohne eigene Wirtschaft die Existenz zu ermöglichen, müssen Massenspeisungen auch am Abend eingerichtet werden. Immer muß bedacht werden, daß bei Magen keine Kunstpausen verträgt, und daß er in leerem Zustand zum Rebell werden kann, der über die zügelndc Kraft Gehirns die Oberhand bekommt. Es ist immer schlimm, wenn die Herrschaft ruhiger Uolwrlcgung ausgeschaltet wird. Eine Presse, die sich ihrer Verantwortung bewußt ist. kann in dieser furchtbar ernsten Zeit auch nicht ihre Ausgabe darin sehen, die Unzufriedenheit zu schüren ohne Sorge darum, was daraus wird. Darum ergeht unser eindringlicher Rat an die Bevölkerung, z u- nächst ei u m a l ab zulv arten, was der 1o. April bringt. Klappt es bei der Umschaltung, so ist die Frage, daß es schlimmer werden könnte als bisher, unbegründet. Und einstweilen ist die Hoffnung berechtigt, daß es klappen wird, weil es klappen muß! ♦ ♦ « Zur selben Frage wird uns geschrieben: Ter Siaatskommissar Michaelis hat jüngst eine Jnfor- mationsrcisc nach den verschiedenen Gebieten Preußens angetreten, um die Frage der Lebensmittelversorgung an Ort und Stelle und mit den beteiligten Kreisen zu prüfen. Die seinerzcitigc Bestand.?- Uli — wiauuuyil Ich brauche mein bares Geld wenn der Frieden kommt,- vietteicht auch schon früher, wenn meine Geschäfte es plötzlich erfordern und zeichne doch Kriegsanleihe! Das mache ich so: Ich habe 2000 Mark. Dafür kaufe ich mir S ch u l d b u ch. Das kostet für 2000 nur 1956 Mark. Alle Jahre gibt es 100 Mark Zinsen. Grauche ich mal 1000 Mark, so gibt mir die Dar. lehnskasse, die ja auch nach dem Krieg noch 4-5 Iahre bestehen bleibt, dieses Geld sofort. Ich zahle ihr dafür sVs'/o/ also 51 Mark 25 Pfennig jährlich. Da ich Ivo Mark Zinsen kriege, kann ich mir das gut leisten.(5s bleiben mir immer noch 4S Mark 75 Pfennig übrig. So habe ich hohe Zinsen und immer bares Geld? ->»>uuillllM lüiiiiW'ill aufnähme hat einen starken Fehlbetrag ergeben, wir müssen uns aber mit dem Vorhandenen einrichten, daß wir bis Mitte August durchhalten können. Tie Folge ist die Notwendigkeit einer sofortigen Nachprüfung der Bestandsaufnahme und die Wegnahme aller Zkmnte, die von dem Erzeuger nicht selbst gebraucht werden. Außerdem wird Vorsorge getroffen, um aus Rumänien hereinzubekommen, was überhaupt zu erhalten ist. Als weitere Maßnahme sind Ersparüngen an Lebensmitteln beim Heer und bei der Z i v i l b e v ö l k e r u n g vorgesehen. Die Herab- setzung der Brotration für die Zivilbevölkerung ist bereits bekannt, ES ist aber Vorsorge getroffen, daß die höhere Kariofsclration unter allen Umständen geliefert werden kann und auch die Versorgung der Bevölkerung mit einer höheren Fleischration ist, trotz der großen Transportschwierigkeiten, als gesichert zu betrachten. D: e Kürzung der Brotration tritt nur dann ein, wenn- die vermehrte Lieferung von Fleisch und Kar- toffeln auch richtig einsetzen kaum Es ist falsch, anzu- nehmen, daß mit dem Friedensschluß auch sofort die ganzen Schwierigkeiten der Nahrungsmittelvcrsorgung behoben werden könnten. Tie Landlvirtschast klagt darüber, daß diese Revisionen jetzt, gerade in der Zeit der Frühjahrsbestellung, vorgenommen werden, Dem ist entgegenzuhalten, daß diese Revistonen nicht hinauSge- schoben werden können. Wir müssen alle verfügbaren Lebensmittel- Vorräte in die öffentliche Hand bekommen, jeder Tag der Verzögerung bedeukek einen unersetzlichen Verlust. Tie Be- hauptungen über die Hemmung der Frühjahrsbestellung durch die Vornahme der Revisionen sind übertrieben. Zur Frühjahrsbestcl- lung werden von der Militärverwaltung Mannschaften und Pferde in weitestgehendem Maße gestellt. Der Sieg öes Genojlenfchastsgeöankens in Rußlanö. Aus genossenschasllichen Kreisen schreibt man UNS: Wie die Revolution in Rußland endet, vermag man heute noch nicht mit vollkommener Sicherheit zu übersehen. Auf alle Fälle bedeutet der Sturz des reaktionären Rußland den völligen, bleibenden Sieg der russischen Genossenschafts- b e w e g u n g, die in tzvjährigem Kampf ums Dasein der reaktiv- närcn Regierung Stück für Stück ihrer heutigen DaseinSbcrechti- gnng abzuringen wußte. Tie Erstarkung der demokratischen Etrö- mnngcn, der wiederholte Durchvruch revolutionärer Bestrebungen, der teilweise Sieg der Semstwos und schließlich der Sieg des Ge- nossenschaftSgedankenS sind Erscheinungen, die dem gleichen Ziele auf verschiedenen Wegen zueilten: der organisierten Selbsthilfe aus politischem und wirtschaftlichem Gebiet! Und es ist wirklich nicht zuviel gesagt, wenn der weitgehenden genojsenschastlichcn Kul- tue des russischen Volke? die Mitschuld an der Hinausschiebung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs im Kriege nachgesagt wird. Die russische Genossenschaftsbewegung ist genau 22 Jahre alt! Ein achtenswertes Alter, wenn man dedenkt, daß im hochkulti- vierten Teutschland die genossenschaftliche Organisation auch erit bis ins Jabr ISib hinabrcicht. Das Jahr 1862 war ein Merk- vunkt innerhalb jener Periode, die ans dem Krimkricg folgte und die gekennzeichnet ist durch die Aushebung der Leibeigenschaft, die Gerichtsform, die Reform der staatlichen und städtischen Vcrwal- tung. die Befreiung der Presse von lästigen Fesseln, die Vertiefmig der Pädagogik und den Aeuaufbml de» Heeres auf der Grundlage der allgemeinen Dienstpflicht! Eine Renaissance in Kunst und Wissenschaft folgte diesem sozialen Aufschwung. Ter Arbeiter schien einer besseren Zukunft entgegen zu gehen. Tic ersten wirklichen Sozialisten Rußlands warben für die Idee genossenschaftlicher Selbsthilfe, um das Landvolk und die ärmere Sladtbcvölkcrung auch tatsächlich in den Genuß der neuen Freiheit zu setzen. So er- schienen im Oktober 1862 zwei Genossenschaften auf der Bildfläche: ein Konsumverein in Riga und eine landwirtschaftliche Spar- und Ein Zronttheater. Vonuns er cm Kriegsberichter st atterHugoSchulz. Anfang März 1917. Ich meine nicht ein Thealer hinter der Front, denn auch so etwa? gibt es gegenwärtig. LSiener Bühnenkünstler haben sich zu- sammengetan und schleppen� unverdrossen ihren Thespiskarren von Armee zu Armee, um den E-oldaten ein paar Stunden der Erheite- rung und Illusion zu bringen. Sie meinen es nicht bloß scbr gut, sondern haben die Sache auch geschickt organisiert, so dag möglichst viele des Vergnügens leulMstia werden können. Es liegt aber im Wesen der Dinge, daß solche Veranstaltungen an Räume gebunden sind, die der Mann im oluiyengrabeil schon ironisch als Hinterland bezeichnet. Wenn jeSjich�uch manchmal so fügt, daß ilpn in kämpf« und arbeitsfreien stunden des Stelluiigskrieges ein Aus- flug in dieses«Hinterland" gcnekimigt iverden kann, io wird er sich dach nicht leickc' entschließen, ein Vergnügen zu suchen, das ibm 16 Kilometer Manch kostet. Regintciitcrn. die sich nach schweren Kampftagen in Reservestellung befinden, wird das Erscheinen dieser Wanderbühne hochwillkommen sein.' die vordersten Linien haben aber geringen Anteil daran, ebenso geringen wie an den zahlrc. rcben KnioS. die sich sivt in der Zone der Reserven und der Stäbe be- finden und die überdies nicht bloß für die Soldaten bestimmt sind, sondern auch für di« arme Landbebölkeriing, die bei erheiternden Vorstellungen ein wenig Trost sinde» soll für die Leiden ihrer Front- Nachbarschaft. Wenn sich die eigentliche, unmittelbare Front in ruhigen Stunden Jllusioncu bereiten will, die aus der grimmig harten Wirklichkeit binausfübren, so muß sie iick' ihr Tbeater selbst machen und das gelingt melstens nur in primitivster Art. Ucbcr ein Grammopbon, das irgendwo ans einem Unterstand schnarrende Stimmen erklingen läßt, langl es selten hinaus. Da ivar es denn rür mich eine besondere Ucberraschung, kürzlich an einem Winkel der galizisch-wolhpnischcn Front ein wirkliches Fronttheater zu finden, daö in glücklichster Äerborgeicheit unmittelbar hinter den Stellungen liegt, das eine ureigene Schöpsiing ber Frontsoldaten ist und von ihnen selbst in geradezu großzügiger Weise beivicben wird. „Wir werden Ihnen am Abend etwas zeigen, was Sic bisher Wohl noch nirgends gesehen haben," sagw niir der Oberst des Krakauer Londwehrregiments, als er mich durch die Schützengräben 'eines Abschnittes geleitete. Ich machte mich gleich auf eine richtige seinem Befcbl gcborchcn. ein gar eigenartiges PersönlickckeilS- gcpräge bat. Ein Mann ans härtestem Eichenholz, in da» ein seit- 'am weiches Herz eingekapselt ist uitd von einem Gewissen so zart, wie das eines Tolftoischen Helden. Nicht bloß beliebt und volkstümlich bei seinen Truppen, wie jeder Regimentskommandeur, der nach dem Rechten steht und seinen Leuten Sorasalt angedcihen läßt. sondern buchstäblich wie ein Vater angesehen, durch und durch Truppenoffizier, der seinen T-icnstbctrieb am Schnürchen lstilt, und dabei doch ein pbantasiebegabtcr Mensch, in dem ein Künstler steckt. Daß dies alles feine Richtigkeit bade, verriet sich mir schon beim Besuch der Stellungen, wo sich ein ganz besonders inniger 5kon- takt zlvischen dem Regimentscltcs und seinen Äiannschaftcn dcut- lich offenbarte, früher aber schon beim Besuch der Blockhütte des RegimcntStommandvS, wo ich seltsame Lichtbilder hängen sah. Eines schien einen vracbtvollcn indischen Fclsentempcl vorzu- stellen, war ober in Wirklichkeit bloß das Konterfei eines in den Lehmboden geschürften Unterstandcs, den Oberst H. voriges Jahr in den stillen Wochen des Grabenkriege-! mit eigener Hand und ganz allein geschaffen hat. Wie das Blümche» am Glctschcrrand blüht solcher Kunsttrieb angesickUS der Feuerschlünde des FcindeS. Ich war neugierig auf die verheißene Uebcrraschung, st. er». gieriger, als auf die immer gleichartigen Bilder des Schützen- grobenS, die zu besichtigen meine Pflicht ist, die mir aber heute kaum noch neuartige Eindrücke vermitteln können. Der Kampf ist da geregelter Betrieb geworden und Untertan dem Dienste— solange, bis der eigene Angrfffswille oder der des Feindes das zähe und bedächtige Ringen unter Hochspannungen stellt. Auch heute gab es vorn in den Gräben keine wilden Wirbel. Zeitweilig zog ein Schwergeschoß unter Geheul seinen Bogen unter dem Firma- ineut, um Gott weiß wo uiederzugehen, ab und zu klapperte ein Maschinengctvchr eine Gurte voll Patronen ab. So ziehen wir uns denn um die Mittagsstunde in die verborgencli Waldsiedeluiigcn des Gefechtsterrains zurück. Nach kurzer Rast aber gebt es wieder nach vorn. Auf verschlungenen Waldpsadcn nähern wir uns dem Erdböhlendorf einer BataillonSrcserve. Tief verschneit ist die Natur. Die Fichten biegen sich unter dem Drucke der Schnee- klumpen, die schwer aus dem dunkelgrünen Gefieder der Zweige lasten. Ucbcr dem Waldbodcn breitet sich ein aus Flocken g» tvobcncr schwellender Teppich. Die Kälte hat sich gemäßigt, aber der Frühling ist noch fern, und der Winter herrscht hier noch lange unumschränkt. Die llebcrraschung naht. Mitten unter tief cinge- wühlten Erduniaständcn ragt ein mit Pappe überzogenes Bretter- dach ans dein Boden. Eine Treppe führt in das unterirdische Gelaß, dos sich unier diesem Dache birgt. Eine elektrische Birne knistert aus, und mein Blick vermag nun das Dinikel zu durchdringen. Ich bin im Kratauer Fcldtheater. Eine langgestrecktc Halle, voll von Bänken, die wohl L66 Personen Sitzmöglichkeit bietet, an den Wänden Bilder, auf einer Seite ein Kamin, der während der Vor- stellung Wärme spendet, vor den Bankrcihen in einer Vertiefung ein. kleines Orchester mit Klovier und Biolinpulten. Ich darf auch hinter die Kulissen blicken, wo die Spieler eben proben. Die Garde- robe ist voll von Flittcrn und ,'ogar regelrechten Kostümen, auch elegante Fracks und Smotuigs längen herum, die aus alten jüdi- schon Äaslan- flott zusammcngesckneidert sind. Etwa um die vierte NachmittagSstundc beginnt das.Publikum" von alle« Seiten hex-. bcizuströmcn. Ein seltsames Publikum, das recht wildwcstlich anmutet. Nur die eben dienstfreie Marnlschaft besucht da? Theater, aber sie muß sich immer bereit halten, auö der Illusion in die grau- same Wirklichkeit jäh hineinzuspringen. Das geladene Gewehr, Bajonett und Gasmaske siud die unzertrennlichen Begleiter dieser Theaterbesucher, deren ungeduldige Erwartung sich durch eisernes Geklirre kundgibt. Mitten unter ihnen sitzt ihr Oberst, der sich alsbald erhebt und die Gelegenheit nützend, eine kurze befeuernde Ansprache das das versammelte kvakusische Wehrvolk hält. Dann ertönt das Glockenzeichen, und gleich darauf lösen sich von den Musik- instrumenten die Klänge des Kaiserlicdes. Der musikalischen Ein- leitung folgt zunächst eine Kinavorstelluiig. Natliranfnahmen aus tropischen Ländern. Ein Eisenbahnzug erscheint im Bilde. Großer Jubel. Rufe:«Der geht inS Hirnerlaudl Hoch der Urlaub l" Der Oberst lacht:..Das tat Euch natürlich schmecken I" Ein mächtiges Weinfaß wird in irgendeinem Zisiammeichang borübcrgerollt. Rufe:„Rcpcte, repete!" Run lacht alles, und die Stimmung wird ungeheuer animiert. Ein Stück wird aufgeführt, das in der War- schauer Zitadelle spielt und dessen Vorgänge in die Zeit der brutal- sten llnterdrückuiig des polnischen Volkstuins durch die Schergen der nun so plötzlich zusammengebrochenen Zarengewalt zurückverweisen. Glühender Haß gegen jenes zarische Russcntum, das den WeUbraud entfachte, strömt aus diesem schlicht gczimlncrten Melodrama zu den Zuhörern, die das wirklich ergreifende, über das Dilettanten- maß hinausragende Spiel des Heldendarstellers und Regisseurs, der im Hauptamt die Würde eines Korporals bekleidet, mächtig packt. Tragisch gebt der Held unter, aber seinen Tod verklärt die Zuversicht, daß Polen seine Freiheit wicdcrgelvinucii werde. Der Vorhang fällt. Vom Orchester her schwingen die Töne des polni- scheu RationalgeiangeS durch die uiucrirdischc Halle. Alles erhebt sich, und von allen Lippen löst siw das pathetische Liest:„Noch ist Polen nicht verloren!" Ter Oberst singt mit mächtiger Stimme mit. Abermals hebt sich der Vorhang. Ter Held der Warschauer Zitadelle erscheint wieder, aber diesmal verkündet seine Verkleidung Heiteres. Er bat sich aus einem pokiiischcn Freiheitskämpfer in einen Pariser Apachen verwandelt und beweist nun. daß er auch eine possetchafie Eharakiersigur zu stellen vermag. Seine Partnerin intt auf. Die schwarze Marie. Sapristil Ist das eine hübsche Dirne I Echtestes Römerprofil. Wer möchte, wenn sie ihre tlaug- volle Altstimme ertönen läßt und sich kokett in den Hüsten wiegt. glauben, daß sie eigentlich ein Gefreiter ist, der unkoftümiert eine zwar jugcublichc, aber durchaus männliche Erscheinung darbietet. Die Apachcnpossc entwickelt sich toll und lustig. In die burleske Handlung mengt sich Gesang und Tanz. Das wehrhaste Voll von Krakau unterhalt sich borirefflich und gerät in die heiterste Stint- mung. Sic hält auch noch draußen im Freien vor, im verschneiten Walde, über dessen weißen Wipfeln schon die klare Mondnacht glänzt. Da löst sich in der Ferne ein Donnerschlag, und bald darauf klappert irgendwo ein Maschinengewehr. Tic Zauber der Jllusioncu verschwinden wie der Ncachtspuk vor dem Hahnenschrei,— die surcht-, bare Wirklichkeit tritt wieder j» ihre Recht«. 5!«rCEKnÄfaffc m der Prodinz Noskroma. SAneL ver�reikele W die neue Vclvcgung über das ganze Reich, begeistert unterstützt durch die Semstoos. e Die Semstwos begannen um die siebziger Iakre ihre segens- reiche Tätigkeit als Förderer der zukunftsreicben Bewegung. Sie stellten große Summen bereit zur Errichtung und Unterstützung ge- nossenschaftlichcr Spar- und DarlehnSkassen auf dem Lande, von Konsumvereinen und Vorschußbanken in den Städten. Ms heute Tvaben die Semstwos diese friedlicbe Arbeit fortgesetzt und stetig verstärkt. Das- enge Zusammenarbeiten mit der Moskauer Land- wirtschafisgesellschast führte zur Bildung des„Ausschusses für land- wirtschaftliche und gewerbliche Kreditgenossenschaften" im Jahre 3571 und einer Zweigstelle in Petersburg. Was die Genossenschastsbewcguug der sechziger und siebziger Jahre kennzeichnet, das ist einmal der himmclstürzcnde Jdcalis- um», der alles rings um sich mitzureißen wünschte und durch alle Mißerfolge und widrigen Strömungen sich die gute Laune nicht verderben ließ, dann aber auch der Mangel an erfolgreicher prak- Ii scher Betätigung, die einfach unmöglich wurde, angesichts der L>al- hing der Regierung. Man sammelte Statistiken und Berichte, dis- kutierte über alle möglichen theoretischen Probleme, die die Wirk- lichkeit niemals gestellt hätte. Man befaßte sich damals� sogar bc- reits mit der internationalen Organisation des Genossenschaftswesens und trachtete, um seinen guten, ernstgemeinten Willen kundzutun, mit allerhand ausländischen Ge- nassenschaftcn in direkten Verkehr zu treten. Bekannt� ist z. B. das Vorgehen der Konsumgenossenschaft zu Charkow(Süd-Rußlands, die 1872 den Verkauf von in englischen Genossenschaften herge- stellten Rcisedecken übernahm. Auf diese kurze Zeit der Duldung folgte leider eine Periode rücksichtslosester Unterdrückung, die mit kurzen Unterbrechungen bis zum Jahre IMö währte. Die Regierung, die schon lange mit bösem Argwohn auf die Tätigkeit all der unkontrollierbaren volkstümlichen Sclbsthilfeorganisationcn ge- blickt hatte, inaugurierte kurzer Hand eine reaktionäre Politik. Fast alle liberalen Reformen der sechziger Jahre wurden...nach- revidiert" und für schlecht befunden. Nach der neuen,»revidierten" Gesetzgebung mußte jede Genossenschaft, bevor sie ihre Tätigkeit begann, erst die Erlaubnis der Regierung einholen! In fast allen Fällen wurde die Erlaubnis so lange hinausgeschoben, bis die be- geisterten Gründer alle Freude an ihrem Werke verloren hatten, in vielen Fällen wurde die Erlaubnis aus ganz nichtigen Gründen überhaupt nicht erteilt. Die schon bestehenden Genossenschaften hatten ihr Leben dauernd gegen unzählige kleinliche Schikanen, der Behörden und gegen wirtschaftliche Gegenströmungen zu verteidigen. Großindustrielle und Großhändler trachteten ständig danach, über die Konsumvereine und gewerblichen Rohstoffgenossenschaften eine strenge Kontrolle auszuüben. Unter solchen Umständen hatte die Gcnossenschaftsbewegung im Reiche der Romanow bis zur Wende des 20. Jahrhunderts nur geringe Fortschritte gemacht. Im Jahre 1900 zählte man im ganzen russischen Reiche 1000 städtische Ge- nossenschaften mit etwa 250 000 Mitgliedern und gegen 1500 land- wirtschaftliche Genossenschaften mit über 500 000 Mitgliedern. Ohne inneren Zusammenhalt boten diese Genossenschaften im ganzen doch das Bild wirtschaftlicher Ohnmacht? � � Ter gewaltige Aufschwung, den die blutigen Ereignisse des Jahres 1903 in das politische und geistige Leben des russischen Volkes brachten, förderte auch die Weiterentwicklung des Genossen- schastswcsens um ein gutes Stück. Der zweite Grund für die riesenhaften Erfolge, die das russische Genossenschaftswesen m den darauffolgenden 10 Jahren errang, kann in der Annahme des Ge- nossenschaftsgesetzeS vom Jahre 1904 erblickt werden, das Erleichte- rungen für die Errichtung neuer Kreditgenossenschaften in Stadt und Land brachte, und ferner auch in der Einrichtung einer bc- sonderen Regierungsabteilung zur Beschaffung kleiner Darlehen, insbesondere zu landwirtschaftlichen Zwecken. Die verhältnismäßig günstige Politik den Genossenschaften gegenüber brachte in den letzten 11 Jahren einen riesenhaften un- geahnten Aufschwung! Während man ums Jahr 1900 rund 2500 Genossenschaften zählte, marschierte Rußland heute mit seinen 40 000 Genossenschaften an der Spitze aller Länder der Erde. Von diesen waren am 1. Januar 1910 15 454 landwirtschaftliche Spar- und Darlebnskassen, 2000 Molkereigenossenschaften, 10 080 städtische Konsumgenossenschaften, 4000 gewerbliche Produktiv- und Rohstoft- genossenschasten; den Rest bildeten landwirtschaftliche Bezugs- und Absatzgenossenschaften, Genossenschaften zur Verwertung und Er- zcugung von Fleisch, Gemüse, Obst, Eiern usw. Immerhin ist die Zahl noch verhältnismäßig gering für russische Verhältnisse-, er- reicht doch Deutschland mit der Gesamtzahl seiner Genossenschaften fast 38 000! Diese 40 000 russischen Genossenschaften haben ins- gesamt 12 Millionen Mitglieder, die Zahl der genossen- schaftlich interessierten Russen beläuft sich auf etwa 45 Millionen, umfaßt etwa ein Drittel der gesamten Bevölkerung! Am 1. Juli 1914 betrug der Umsatz der städtischen und ländlichen Kre- ditgcnossenschaften 773102 000 Rubel oder 1,0 Milliarden Mark, während das Eigenkapital sich auf 90 Millionen Rubel oder 217 Millionen Mark beließ Die von der Regierung zur Verfügung gestellten Gelder betrugen 103 Millionen Mark und andere als Darlehen gewährte Summen 107 ZKillionen Mark. Der gesamte Gcldbcstand aller russischen Genossenschaften ergibt viele Milliarden Rubel, d. h. er übersteigt den aller russischen Städte, Semstwos und industrieller Unternehmen zusammen und wird nur vom Staatshaushalt übertroffcn. Nach diesen Zahlen wird es nicht wundernehmen daß die russische Genosscuschaftsorganisation, die auch in der Zentralisation große Fortschritte zu verzeichnen hatte, im gegenwärtigen Krieg eine bestimmende Rolle zu spielen hatte. Ucber die Stellung, die die russischen Genossenschafter dem Krieg gegenüber einnehmen, orientiert am besten ein Beschluß, den der Kongreß der Konsum- genosscirschasten des Moskauer Verbands, dem in der Hauptsache kleinbürgerliche Elemente in Stadt und Land angehören, schon im Sommer 1915 gefaßt hat:,,, „Von der Ansicht ausgehend, daß die Genossenschaftsbewegung international ist und die Befreiung der Arbeit von jeder Art Aus- beutung zum Endzweck hat, erklärt der Kongreß, daß die ideelle Arbeit des Moskauer Verbandes der Kousumgenosseuschasten. diesen grundlegenden Prinzipien der demokratischen Genossenschaft cnt- sprechen und danach streben muß, in der Masse der Genossenschafter entsprechende Anschauungen über die sozialen Aufgaben der inter- nationalen Genossenschaftsbewegung zu verbreiten." Bon hohem aktuellen Interesse ist heute ein Teil der Rede, die der neue Justizminister Kicrenski schon Ende 1915 in der Duma gehalten hat. Hier heißt es u. a.: „Als vor einem Jahre das Staatsschiff nach dem russischen Rückzug, wie erinnerlich, dem Untergang nahe war, wandte sich die Regierung mit dem Losungswort: Mobilisierung der gesell- schastlichen Kräfte und Anschluß und Einigung der Gesellschaft mit der Regierung an uns. Kaum haben sich unsere Sachen an der Front nur ein wenig gebessert, beginnt schon wieder das ölte Regime. Es beginnt systematisch gegen die Konsumvereine. die gctvcrblichcn Vereinigungen und die Idee der bürgerlichen Freiheit loszugehen. Hierin liegt die größte Gefahr. nufdicwirau fmerks am machen. Man soll nur nicht glauben, daß die im Krieg uns drohende Katastrophe nun eine für uns erledigte Sache wäre. Wenn man dies« mini- male Zeitspanne momentaner relativer Kricgserfolgc nicht zur Stärkung der gesell- schaftlichen Volkskräfte, sondern zu deren Zerstörung ausnützt, wohin werden wir dann schließlich kommen? Der Sturm gegen die Konsnmver- eine begann mit Chowstos berüchtigtem System. Unter Stur- mer wurde es nicht besser. Mayenweise wurden die Arbeiter als Mitglieder von Konsumvereinen verhaftet und zur Ver- schickung nach Sibirien verurteilt. Während Millionen unserer Bauern jetzt an der Front ihr Blut vergießen, ist es ihren Bru- dern untersagt, sich zu versammeln." Die reaktionäre Politik, die die Regierung des Zaren gegen alle Genossenschaften begann, während von draußen die mächtigen Wogen der Äriegsflut heranwälzten, hat ihren endgüttigen Sturz «it beschleunigt. Ende November 1916 war die plötzliche skaada» läse Schließung des aktssewassrlen einflußreichen Moskauer Zenßral- komitccs der Genossenschaften erfolgt. Die geistige Zentrale war damit dem russischen Gcnossenschaftswescu genommen. Unter dem Druck der Kadetten und der Sozialisten mußte der Minister für Handel und Gewerbe am 28. Februar 1910 in der Duma eine Gesetzesvor- läge auf Ergänzung des Genosseuschaftsge- s e tz e s einbringen. Die bisher notwendige Erlaubnis zur Gründung wird ersetzt durch die gesetzliche Eintragung in das Rc- gistcr. Die Staatssparbanken gewähren erweiterte Kredite an die Genossenschaften nach Anweisungen eines besonderen Ausschusses. Auch nach dieser Gesetzcsreform bleibt die juristische Lage der Genossenschaften in Rußland unklar, da immer noch alle mög- lichen anderen Gesetze und Berwaltungsmaßnahmen auf sie an- gewendet werden können. Für die Zukunft bleibt auch auf diesem Gebiet noch vieles zu hin. Vorerst scheint ja der genossenschaft- lichen Selbsthilfe der Weg zu freier Entfaltung weit geöffnet zu sein. Mit Naturnotwendigkeit wird sich die genossenschaftliche Bc- wcgung weiter ausbreiten, zumal die immer noch wachsende Teuc- rung und der tatsächliche Mangel an Lebensmitteln zwingen, einen Ausweg aus dieser Lage zu finden. Die letzten Monate vor Aus- bruch der jetzigen Revolution konnte man feststellen, daß die Ge- nossenschaftsbewegung in den Arbeitermasscn Petersburgs einen ungewöhnlich großen Umfang annahm. Das Wichftgste war dabei jedenfalls, daß eine straffe wirtschaftliche und politische Organi- sation des Proletariats erreicht wurde, welche die Massen für einen kommenden Kampf ertüchtigte. Die organisatorische Uebung. die den russischen Massen noch in hohem Grade fehlte, hat die geiwsteiiscbaftliche Schulung unter dem Zwang der wirtschaftlichen Verhältnisse bedeutend erweitert. Im Kampf der kriegs- wütigen Demo k r a t i c gegen die friedenssehn- süchtige sozialistische Bewegung wird diese or- g ani sa to ri sche Schulung der Massen noch sehr gute Dienste leisten. GroMerlln Bureaukratismus oder Bequemlichkeit? Man schreibt nnS: Mir bringt cincS TageS ein städtischer Bote einen Zettel, versehen mit der Firma des Magistrats der Reichs- Haupt- und Residenzstadt Berlin folgenden Inhalts: Vorladung. .Zur Besprechung einer Vcrwaltungsangelegcnheit ersuchen wir Sie, sich im Laufe der nächsten 8 Tage in der Zeit von 10 bis 2 Uhr im städtischen Dicnstgebäude(Straße usw.) einzufinden und diese Vorladung mitzubringen." Stempel der Verwaltungsstelle. In dem bezeichneten Zimmer angelangt, werde ich zu einem Beamten geftihn: dieser prüft sorgfältig die Vorladung und sucht unter den Akten die richtigen heraus. Dann wurde ich in ein an- dcrcs Zimmer geführt und da wird mir'folgendes eröffnet: Der Klenipucrgeselle so und so hat bei Ihnen gclvohnt und ist nach dem Krankcnhause geschafft worden. Nun möchten wir wissen, welcher 5!pankenkasse er angehört hat, um diese veranlassen zu können, daß die für einen Tag Krankcnhausbehaiidlung entstandenen Kosten bezahlt werden. Wäre es, frage ich, nicht einfacher gewesen, man batte inir die Wünsche der Verwaltung schriftlich mitgeteilt, um sie auch wieder schriftlich beantworten zu können. Immerhin froh, noch so leichten Kaufes davongckoiiimcn zu sein, machte ich mich, wieder einer Einladung folgend, auf den Weg zu einer anderen städtischen Verwaltungsstelle, um eine Erklärung abzugeben, ob ich die Vormundschaft für ein Kind übernehmen will. In dem Gebäude angelangt, übergebe ich in dem bezeichneten Zimmer die Vorladung einer Angestellten. Aber mit gemessener Amtsmiene wurde mir bedeutet, daß ich draußen warten solle, bis ich gerufen werde. Ich hatte noch eine' gute halbe Stunde Zeit, bevor ich auf einer anderen Stelle zu einer Sitzung sein mußte, und warte nun eine Viertelstunde und noch eine, bis mir denn doch das Feuer unter den Sohlen brannte und ich den Mut faßte, die geweihten Räume ungerufen zu betreten und den anwesenden Beamten und Beamtinnen klar zu machen, daß ich noch eine„kleine Nebenbeschäftigung habe", und siehe da! die Pforten öffneten sich und ich war in 5 Minuten abgefertigt. Warum ging eS jetzt? Cp derartige Vorkommnisse, die ja nicht vereinzelt dastehen. und die beweisen, wie wenig man die kostbare Zeit des einzelnen zu schätzen weiß, auf den heiligen Bureaukratius oder auf Be- quemlichkeit zurückzuführen sind, mag dahingestellt bleiben. Aber jedenfalls sollte man auch von den städtischen Verwaltungsstellen erwarten, daß mit der„Neuorientierung" bezüglich eines über- mätzigen Bureaukratismus schon jetzt begonnen und nicht auch damit erst auf die Zeit nach dem Kriege gewartet wird. Tie Krankenversicherung der Hilfsdienstpflichtigen. Gegen die mißbräuchlickc Befreiung Hilfsdicnstpflichtigcr von der Krankenversicherungspflicht wendet sich der Minister des Innern in einem Erlaß an die Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten. In der Verfügung heißt es: Nach§ 173 der Reichsversicherungsord- nung wird aus seinen Antrag von der KrankenvcrstckierungSpflicht befreit, wer auf die Dauer nur zu einem geringen Teile arbeits- sähig ist. Bei den Beratungen im Reichstag am Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst ist mehrfach der Besorgnis Ausdruck ge- geben worden, diese Vorschrift könnte mißbräuchlich zum Nachteil der Hilfsdienstpflichtigen angewendet werden. Denn viele von ihnen, namentlich soweit cS sich um ältere und bisljer nicht gegen Entgelt beschäftigte Personen handle, seien in einem gewissen Grade in der Arbeitsfähigkeit beschränkt. Aus diese könne leicht ein Druck seitens der Arbeitgeber ausgeübt werden, um sie zur Stellung eines Be- sreiungsantrags zu veranlassen und so die Arbeitgeber von den Versicherungsbeiträgen entlasten. Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, daß ein solcher Mißbrauch von feiten einzelner Arbeit- geber als in hohem Grade unsozial anzusprechen ist. Daneben ist damit eine Schädigung der Gemeinde leicht verbunden. Da nach 8 173 der R.V.O. die Befreiung von der Versicherung selbst bei Vor- liegen sonstiger Voraussetzungen nur dann erfolgen kann, wenn der vorläufig unterstützungpflichtigc Armenverband einverstanden ist, so ist hierin ein Mittel gegeben, dem drohenden Mißstande Einhalt zu tun. Tic Armenvcrbäude werden daraus binzuweisen sein, von dieser ihrer Befugnis im öffentlichen Interesse in besonders vor- sichtiger Weise Gebrauch und die Zustimmung zur Befreiung von einer genauen Prüfung des Einzelfalls abhängig zu machen. Sie ist, wie der Minister am Schluß betont, überall da zu versagen, wo der Verdacht eines Mißbrauchs besteht. Tie Verzögerung der Müllabfuhr bat in vielen Häusern Berlins zu schlimmen Zuständen geführt. Asche. Kehricht und allerlei Unral liegen seit langem auf den Höfen und türmen sich zu immer höheren Bergen. Der Notschrei, der z. B. aus dem Hause Bielenthaler Straße 13 zu unS gelangt, ist durchaus berechligt. Der auf dem ungewöhnlich kleinen Hoi lagernde Müllhaufen erhielt in den kalten Tagen des Februar noch eine Beimischung, die besonderen Ekel erregen mußte. Da die auf den Treppenfluren untergebrachten Aborte eingefroren ivaren, so wurde damals der Inhalt manches Nachtgeschirrs auf den Müll- Haufen geschüttet. Nachher kam wieder Asche und Kehricht drauf— und ein großer Teil des ganzen Unrats harrt noch heute der Abholung. Die Wirtschaftsgenosienschait des Bundes der Berliner Grundbesitzervereine, die den Müll abzuholen halte, ist mehrere Male gemahnt worden, aber viel hat sie bisher nicht getan. Wir verkennen gewiß nicht die Schwierigkeiten, mit denen sie jetzt zu kämpfen hat. Wenn aber die Müllabfubr nur langsam von statten gehen kann, so sollte man wenigstens die Höfe der von kleinen Mietern dicht bevölkerten Mietskasernen der Arbeitervicrlel zuerst abräumen. Hier empfehlen wir eimnal eine ungleiche Behandlung, eine Bevorzugung, bei der nicht die.Vornehmheit' de? Hauseß. sondern die notwendige Rück- sichr aus den Schutz der Volksgesundheit entscheiden soll. Gcwichtsfcstftellung— eine„Lustbarkeit l" „Wir alle haben an Körpergewicht abgenommen", sagte neulich Bürgermeister Dr. Reicke in der Berliner Stadtverordnctenversamm- lung. Im großen und ganzen stimmt das. Deshalb hat so ziem- lich jeder da-5 Bedürfnis, jetzt zeitweilig lein iköipergewicht iestzu- stellen. Davon haben die öffenltichen„Wiegetanteu", die beispicls- weise in Treptow mehrfach zu finden sind und unter Ausnutzung dieser Kriegskonjunktur selbst im Winter auf dem Posten blieben. ihren Vorteil. Das Geschäft blüht, weil Tausende den Wiegeiechser opfern, um dann mit stiller Wehmut zu hören, daß schon wieder einige Psündchen zum Teufel gegangen, sind. Früher war das Wiegeulassen beim Ausflug nach dem Vorort wohl ein Vergnügen allerbeschcidenster Art, jetzt ist es eine LchenS» frage geworden. Die Treptower Gemeinde steht aber noch auf dem alten Stanpunkt und betrachtet das Wiegenlassen aus offener Straße als eine steuerpflichtige Lustbarkeit. In der letzten Gemeinde- Vertretersitzung wurde für zwei solche Wiegeweibcheu die Lustbar- keitSsteuer auf 75 und 80 M. jährlich festgesetzt. Da müssen also erst 1500 und 1000 Personen sich wiegelt lassen, ehe die Steuer herausgeschlagen und der erste Pfennig zum Lebensunterhalt er- übrigt wird. Weitcrc Abnahme der Infektionskrankheiten. Die JnfektionS- krankheiten und-sterbefälle haben in den letzten Wochen locitcr ab- genommen, besonders bei Diphtherie, Scharlach, Typhus, Kindbeit- sicber, Ruhr usw. ist die Abnahme erheblich gewesen, iveshalb mit einer weiteren Abnahme gerechnet werden kann. Von Pocken- erkrankungen sowie von Typhus, Ruhr und Äindbcttficber wurden nur einige wenige Fälle und von Fleckficbcr, Genickstarre, Cholera usw. gar keine Erkrankungen gemeldet. Impfungen finden vom 11. April ab nur noch an jedem Dienstag und Freitag, um 5 Uhr nachmittags, in der Gemeinde- schule, Wilbelmstr. 117, und an jedem Montag und Donnerstag, um 4 Uhr nachmittags, in der Gemeindeschule Albrechtsir. 20 statt. Außerdem wird bis aus weiteres auch in den KrankenhSut'ent Rudolf Virchow. im FricdrichShaitt. Moabit und am Urban werktäglich von 10—11 Uhr vormittags Gelegenheit gegeben werden, sich impfen zu lassen. Hilfsbedürftige Stadtkinder werden auf Reisen nach und vom Lande während des Krieges auf den preußisch-heffischen Staats- eisenbahnen in der drittelt Wagcnklasie der Eil- und Personenzüge zum halben Fahrpreis vierter Klasse befördert. Es gilt dies obiic Beschränkung auf eine Mindestzahl für Stadtkinder, die auf Benir- wortung des Bercins Landaufentbalt von Stadtgemeinden oder Vereinen ausgeschickt werden. Die Vergünstigung genießen auch die Begleiter, je zwei für zehn Kinder, einen mehr für je weitere zehn Kinder, auch wenn diese Zahl nicht voll erreicht ist. Die Ermäßigung wird für Schnellzüge und zu Fahrten an Sonn- und Festtagen in der Regel nicht gewährt. Tie Haftpflichtverücheriing dcr Schuljugend in der Landwirt- schaft. Zur Haftpflichtversicherung der Schuljugend und ihrer Führer bei den landwirtschaftlichen Arbeiten hat dcr Unterrichts- minister eine bcmcrkenstvcrte Verfügung an seinen Bereich gerichtet. Veranlassung gab die Beteiligung der Jugend bei dcr Unkrautvcr- tilgung. Nach der Spruchübuug des ReichcchersicherungSamts untcc- liegen selbst Kinder in noch nicht schulpflichtigem Alter der gesetz- lichen Uufallversichcrung, wenn es sich um eine ernste, auf die Für- bcrung des Betriebes gerichtete, tveun auch geringfügige Tätigkeit und nicht um eine lediglich spielartige Beschäftigung handelt. Diese Voraussetzung treffe, sagt der Minister, bei den Arbeiten zur Ver- tilgung des Unkrauts ohne Zweifel zu. Einer allgemeineu weitcreu Versicherung bedürfe es demnach nicht. Eine Million Mark und außerdem noch 10 000 M. Verwaltungs« kosten soll die Berliner Aerztekammcr, wie jetzt der Magistrat Berlin der Swdtderordne tei iven ammlnng tnlttClTtr für die ärztliche Versorgung der Berliner Kriegersantilieit erhalten. Bisher hatte der Berliner Magistrat für diesen Zweck 500 000 M. bewilligt. Die Aerzteschast hatte das Abkommen gekündigt und 1'/« Millionen Mark in Zukunft verlangt. DaS alte Abkommen war dann auf uu- bestimmte Zeit vom 15. v. Mts. ab verlängert worden. Das neue bedarf der Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung. Neuordnuug der Bich- und Flcischprcisc. Die Schlachtvieh- und Fleischpreise für Schweine und Rinder sind durch eine Verordnung des Reichskanzlers neu geordnet worden. ES sind Höchstpreise für Schlachtschweiite festgesetzt je nach Gewicht und Landesieil einmal bis zum 30. April, sodann vom 1. Mai bis 31. Juli. Die Gemeinden sind verpflichtet. Höchstpreise bei der Abgabe au die Verbraucher für die einzelnen«orten des irischen Fleisches, für zubereitetes, ins« besondere gepökeltes und geräuchertes Fleisch, für frisches und für ausgekochtes Feit, für gesalzeneit und geräucherten Speck sowie für Wurstwarcit festzusetzen. In den eigenen Verkaufsstellen können sie die Preise für die einzelnen Waren festsetzen. Ausläudtfche Ware bleib: von der Regelung ausgenommen. Sie darf aber tttcht in denselben Verkaufsstellen Verlust werden. Die Beschlagnahme von Bicaenwachs spricht eine Verorbnung des Reichskanzlers aus. Als Biciicntvachs gelten auch Prcßrück- stände und alte Wabcnrcste. Das Wachs ist der Äriegsschmicröl- Gesellschaft in Berlin auf Verlangen zu liefern. Das Verlangen kann durch öffentliche Bekanntmachung gestellt werden. Die gleiche Verpflichtung hat. wer Bienenwachs im Inland gewinnt. Bestände von mehr als 1 Kilogramm müssen angezeigt werden Dcr Preis wird von der Kriegsgesellschaft festgesetzt. Ungeschützte Hutnadeln. Im Hinblick darauf, daß bei dem gegenwärtig herrschenden Verkehrsandrange dos Tragen ungcsicher- ter Hutnadeln für die Mitreisenden in den übcrftilltcn Verkehrs- mittein erne besondere Gefahr bildet, sieht sich dcr Polizeipräsident veranlaßt, erneut darauf hinzuweisen, daß Ucbertretungcn dcr bc- kannten Polizeiverordnung vom 28. März 1913 mit Geldstrafen bis zu 00 Mark, im Unvermögensfalle mit verhältnismäßiger Haft, fahrlässige Körperverletzungen aber, wie sie durch das Tragen un- geschützter Hutnadeln verursacht werden können, mit Geldstrafen bis zu 900 M. oder Gefängnis bis zu 2 Jahren bestraft werden und daß neben dieser Strafe auf eine an den Verletzten zu erlegende Buße bis zu 0000 M. erkannt werden kann. Dcr Postverkehr zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika nebst Guam. Hawai, Tutuila, Porto Rico. Kanalzone von Panama und den Philippinen ist gänzlich eingestellt und findet auch auf dem Wege über ändere Länder nicht mehr statt. Es werde» daher keinerlei Postsendungen nach diesen Gebieten mehr ange- nommen, bereits vorliegende oder durch die Brietkasten eingelieferte Sendungen werden den Absendern zurückgegeben. Der Telegraphen verkehr nach den Vereinigten Staaten von Amerika ist ebenfalls eingestellt. Ein falscher Oberleutnant ist in der Fricdrichstadt aufgetreten. In einem Hotel dort stieg ein Mann in Osfiziersunisorm ab, dcr sich»Oberleutnant Fritz Wagner" nannte. Am nächsten Morgen sprach er am Bhnhof Friedrubstraße einen Soldaten an, und nahm ihn unter dem Vorwande, daß er einen kleinen Auftrag für ihn habe, mit nach seinem Hotel. Hier jagte er ihm, er könne das Paket, das der Mann bei sich trug, einstweilen bei ihm liegen lassen. Dann ließ sicki der falsche O-nzier von dem Soldaten unter einer Vorspiegelung bis zu seiner.Rückkehr' auch noch 4 M. gebxn und schickte ihn nun mit seinem.Auftrage" weg. Als der Soldat unverrictzteter Dinge zurückkehrte, war der Herr Oberleutnant mit seinem Paket und seinem Gelde Verscktvuiiden. Auch die Hotel- rechnung zu bezahlen, hatte er vergessen. Der Schwindler wird wahrscheinlich seine Streiche zu wiederbolen versuchen. ES sei des- halb vor ihm gewarnt. Vor de« Augen seines Bruders übcrfatzrcn und getötet wurde gestern nackimittag von dcr Straßenbahn dcr sechs Jahre alle Sohn Hau» des Echtchwachers Behrendt auö der Feldstraße 3. Ter Kleine ging«it. feinem gfeci Iakre Weren Stnfccr Wc Tckerfka�e en!» laug. Hier ritz er sich plötzlich von seiner Hand los nnd rille aus einen WaHen des Ringes 3 zu, um sich nach Art der Kinder an ihn anzuhängen oder neben ihm herzulaufen. Beim Anlaufen an den Wagen lam er zu Fall, geriet unter den Rahmen, wurde hier ein- gequetscht und mitgeschleift. Als der Wagen zum Stehen lam, war er schon tot. Charlottenborg. Die neue Fleischzuteilung. Auch der Char- lottenburger Magistrat hat setzt seine Verordnung über die neue Fleisckizulage zu verbilligten Preisen bekannt gegeben und sich dabei im allgemeinen den für Grotz-Berlin vereindarlen Bestimmungen angeschlossen. In einem wesentlichen Punkte ist er jedoch davon abgewichen. Er hat nämlich verfügt, datz die billigen städlischeri Karten auch in GastwiriichaslSbelrieben und Mittelslandsküchen au- genommen werden dürfen, datz aber dadurch eine Vcrbilligung der Speisen nicht eintritt. In Volksküchen und Kantinen gewerblicher Betriebe werden diese Karten nicht zugelassen, jedoch kann der Magistrat Ausnahmen zulassen. Bei seinem Vorgehen gehl der Magistrat wahrscheinlich von der Absicht aus, den ledigen Personen tSclegenheit zu geben, auch auf ihre städlischen Korten fertiges Essen in den Speise- wirtschaften zu bezichen, während iu Berlin und den anderen Vororten der tledige seine billige Ware nur vom Schlächter beziehen kann und sie sich dann selbst zubereiten mutz. Demgegenüber ist sicherlich das Vorgehen deS Charlottenburger MagistraiS gut ge- meint und für die Ledigen auch sicherlich bequemer, aber die Wirkung dieses Vorgehens rst dock, datz. diese lcdigen Einwohner in Charloitenburg um den Bezug des billigen Fleisches gebracht werden. Die Gastwirte bekommen zwar auck für diese Einwohner das billige Fleisch, bei dem ja der Ctaar Zuschutz zahlr, aber die Verbraucher bekommen von diesem billigen Fleischbezug nichts zu spüren, da ja eine Verbilligung der Speisen auf städtische Karten nicht eintritt. Glaubte der Magistrat entgegen den Wünschen des Kriegsernährungs- amtcS handeln zu müssen und das billige Fleisch auck in Speise- wirtschaften zuzulasien, so hätte er mindestens dafür Sorge tragen müssen, datz nicht die Gastwirte, sondern die ledigen Konsumenten in den Genutz dieser billigen Fleischzulagen kommen. — Schaffung einer neuen Volksküche. Montag, den 16. April 1917, eröffnet der Magistrat Kantstr. 110 eine neue Ausgabestelle der allgemeinen Speisung. Die Anmeldungen für die Zeit vom 16. bis 2l. April werden daselbst Freitag, den 13. April zwischen 11 und 2 Uhr entgegengenommen. Bei der Anmeldung ist ein Aus- weis darüber, datz die Teilnehmer entweder in Charloitenburg wohnen oder ihre bemflichc Tätigkeit ausüben, vorzulegen. Die Ausgabe der Speisen erfolgt zwischen 11 und 2 Uhr mittags. Neukölln. Speifefettkarten für Kranke werden für die nächsten vier Wochen vom 16. Avril bis 13. Mai d. I. wie üblich in der Zeit von 9 bis 1 Uhr vormittags in der Zentralstelle für Kranken- rrnährung, Rathaus, 1 Treppe. Zimmer 137 ausgegeben nnd zloar: Für die Buchstaben �1 bis K Donnerstag, den 12., L bis R Freitag, den 13., und S bis Z Sonnabend, den 14. April. Werde ir de Mütter, Ivelche auf eine locitere Verabfolgung von Brotzusatzkarten noch einen Anspruch haben, erhalten diese einige Tage vor dein 16. April mit den Milchkarten für den Monat Mai gemeinsam zugesandt. Es wird besonders hervorgehoben, datz von einer persönlichen Abholrurg der Karlen unbedingt Abstand gc- nommen werden soll. Pankow. Talgverkauf. Diejenigen Personen, die auf Ab- schnitt 41 der alten LebenSmiltelkarle ausgelassenen Talg bisher noch nicht erhalten haben, können heute aus diesen Abschnitt in den biesigen Fleischereien je 60 Gramm Talg entnehmen. Der Preis beträgt für 60 Gramm 0,39 M. Ter Käufer hat die Ware bei dem- jenigen Fleischer zu entnehmen, zu dessen Kundenkreis er gehört. Die Abgabe von Talg auf einen Nummerabschnitl der neuen Lebensmittelkarte erfolgt später. Groß-Serliner parteinachrichten. Steglitz. Heute Mittwoch, abends 8 Uhr, bei Clsment, Düppel- ftratze 7, Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag.England und der Weltkrieg'. 2. Statulenberatung. 3. Delegiertenwahl zur Kreisgcneralversammlung. 4. Abrechnung. 6. Vereinsangelegen- hcuen. Lberschönewcidc. Heute, abendS 8 Uhr, Zahlabend im Restaurant Ladewig, Laufener Str. 6. Die Bibliothek ist jeden Donnerstag von 7— 8 bei Genossin Freibank, Bismarckstr. 2S vorn I, geöffnet. Weißcofce. Mittwoch Zahlabend bei Staerke, Charlottenburger Stratze 3. Berichte, Ergänzungswahl zum Vorstand, Statulvor- Icgung. Alle.Vorwärts'-Leser sind eingeladen, FriedrichShagcn. Heute abend Uhr findet die Mitglieder- Versammlung statt im Lokal von Conrad, Friedrichstr. 137. Alle .Vortoärts'-Leser und-Leserinnen sind besonders eingeladen. Wir bitten die Lolaländerung zu beachten. ?aöustrie unö kanöel. Huuger iu der ganzeu Welt. In der Zeit der Einschränkungen und Entbehrungen ist die Schadenfreude ein Trost, wenn auch ein herzlich schlechter. Leidet Deutschland unter der Ausschlietzung vom Wellverkehr, so unsere Feinde unter den schlechten Ernten. Schon im Jabre 1916 wurden in den Vereinigten Staaten nur 482 gegen 6SS Millionen Bushels Weizen im Jahre 1916 gcerntel. Ter Roggen ergab 1916 47 gegen 49 Millionen Bushels im Jahre 1915. Die Folge der vorjährigen Mitzernte ist ein Hochstand der Preise. Bei der Beurteilung des Ernteergebnisses, mutz immer in Betracht gezogen werden, datz in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten der Verbrauch von Weizenbrot allgemein ist und die Bevölkerung vor dein besten Roggenbrot einen ähitlichen Abscheu hat, wie er von einigen empfindlichen Naturen bei der Einsuhrung des KriegsbroteS in Deutschland geäutzerl wurde. Wenn also auch die Roggeuernle nicht vollkommen versagt, so kommt doch dem Ausfall der Weizenernte vorwiegende Bedeutung zu. In diesem Jahre sind die Aussichten sür die Getreideernte in den Vereinigten Staaten schlechter als je. Die Wintersaat steht über alle Matzen schleckt. Der Ernteertrag ivird für 1917 auf 430 Mill. Bushels Weizen(ein Bushel 35 Liter) geschätzt, also auf so Millionen Busheis weniger als im Vorjahre. Der Roggen steht allerdings besser. Der Erlrag wird auf 66 gegen 47 Millionen Bushels ge- rechnet. Diese Mitteilungen haben eine sehr lebhafte Preissteigerung an den amerikanischen Warenbörsen hervorgerufen, gleichzeitig aber auch den Optimismus der Kriegsspekulanten an der Wertpapier- börse gedämpft. Schon wird berichtet, datz der nationale Verteidigungsrat staatliche Vorsorge für die Lebensmittel- Versorgung der Vereinigten Staaten und der Verbandsländer treffen wolle. Auch iu Argentinien ist die Mitzernte voll- lommcn. DaS Ernteergebnis wird wie folgt angegeben: in Millionen Ouarters (1 Ouarter 290 Liter) neueste Schätzung 1916/17. erste.. 1916/17. Ernte 1915/16..... Die argentinische Regierung Weizen . 8.75 . 9.67 . 21.56 hat ein Hafer 3.34 3,54 7.92 in 1000 Tonnen Leinsaat 102 134 998 ictreidcausfuhr Einspruch erhoben und erreicht, datz eine neue Bestandsaufnahme angeordnet wurde, von deren Ergebnis die Bewilligung etwaiger Ausfuhrerleichterungcn abhängt. Ein Spiegel der Kriegswirtschaft. Die Besprechung der einzelnen Abschlüsse der großen Berliner Banken hat gezeigt, datz diese Institute im dritten Kriegswirt- schastsjahre die gleichen Erscheinungen mit ganz irntigen individuellen Abweichungen aufweisen. Tie EntWickelung des Bankwesens im Kriege ist von weittragender wirtschaftsgeschichtlicher Bedeutung — eine EntWickelung, die um so aufmerksamer auf die interessante Fortbildung der heutigen Zustände uied der Uebergangswirtschast und den Frieden warten lätzd Tie acht großen Berliner Banken— Teutsche Bank, Diskonto- Gesellschaft, Tredner Bank, Darmstädter Bank, Berliner Handels- gcsellschaft, Commerzbank, Nationalbank, Mitteldeutsche Kredits dank— haben bei einem Eigenkapital von 1646,6 Mill. M. befristete und nnbesristete Einlagegelder in dcr Gesamthöhe von 9965,3 Mill. M. oder um 2618,3 Mill. M. mehr als im Vorjahre zu Verivalten. Diese Gelder haben Anlage besonders in Reichs- und Kommunalwechseln(Steigerung der Wechselanlage um 1,6 auf_4,20 Mill. M.), in Beleih ung von Kriegsanleihe(Steigerung der Lombards um 448,'6 ans 1423,5 Mill. M.) und auch in einer Erhöhung des Guthabens dieser Banken bei der Reichsbank gesunden. Im Augenblick ist diese Anleihe wegen der Spannung zwischen dem niedrigen Einlagezinsfutz und der guten Verzinsung der Reichs- und Koimnunalwechsel sehr angenehm. Die Güte dieser Anlage hängt aber letzten Endes davon ab. ob das Reich und die Gemeinden alle diese Wechsel durch eine Fundierung ihrer schweben- den Schulden ablösen können oder— prolongieren müssen. Eine Prolongation dieser Wechsel oder auch zwei Prolongationen wollen allerdings noch nicht übermäßig viel sagen, aber ein ernstes Problem würde entstehen, wenn diese Wechselschulden dauernden Charakter annähmen. Dann würde über sie dasselbe Urteil zu fällen sein, wie über die Beschaffung von Anlage kapital durch Industrie in Wechselform. Weil die Liquidität, d.. h. die Zahlungsfähigkeit aller Geldinstitute von der Einlösung der Reichs- und Kommunal- Wechsel abhängt, ist eS van höchster Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft, daß diese schwebenden Schulden durch dauernde An- leihen abgedeckt werden. Darum ist es so n o t w e n d i g, K r i e g s- anleihe zu zeichnen, darum schneidet sich jeder, der diese Pflicht versäumt, ins eigene Fleisch, weil er die Wirtschaft schwächt. die ihn ernährt. Neben der Erhöhung des Zinsgewinnes ist noch die Steigerung der Prodisionsgewinne besonders auffällig. Um so auffälliger, als das Wechselgcschäft sehr zurückgegangen ist. Sie erklärt sich aus der Uebernahme für Bürgschaften zur Beschaffung von Aus- landsguthaben, aus dem zeittveise sehr regen Börsenverkehr und aus dem lebhaften Geschäft der in Berlin konzentrierten Kriegs- gcscllschaften. Die Lebhaftigkeit des Börsenverkehrs hat auch zu IZeiitzekei'VLtsIIzi'heiler-serdziii! Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Ten Kollegen zur Nach- richt, datz unser Mitglied, dcr Gürtler Karl Libbach, 1 Grotz-Lichtcrfelde, am 29. März gestorben ist. Ehre seinem Nndrnken! Nachruf. Den Kollegen serner zur Nachricht, dag unser Mitglied, der CPlifer Ernst Richnow, Matternstr. 6, am 1. April gestorben ist. Ehre seinem Andenke» k 173/« Tie QrtSverwaltnng. »IverW flerlEierartiElter und-ÄrhEitEPinnsn DEUtsehlands. Filiale Berlin 1. Nachruf. Am 6. April verstarb unser Mitglied, der Weitzgerber Josef Gürtler im 73. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sand am g. April statt. 129/16 Tie OrtSverwaltung. tonliEn-üntEretütoiingz- nnd Bb- grähnisvErEin üep Bau- nnd gE- wEPblicliEn ÄPhBitEP Berlins nnd Umgegend. Nachruf. Am 5. April verstarb unser treues Mitglied tmi! Höppner. Die Beerdigung bat am g. Avril, dem zweiten Feiertag, aus dem Georgen-Kirchhos in Weitzensee stattgesunden. 37/12 Ehre seinem Andenken! Der Verstand. b e r d o t erlasscu. Dagegen habe» die Vertrelcr der Lerbaitd-läudcr I Die Einäscherung unseres per- storbencn Mitgliedes Herrn Karl Friedrieh Berlin, Frankfurter Allee 93 findet moraen Donnerstag, vor. mittags 10 Uhr, im Krematorium, Berlin, Gerichlstratze 37, statt. Ehre seinem Andeiikeit! I Sozialdemokrat. VepeIo Beplin 11. Soz. Partei Deutscblands. Am 2. April verstarb in einem Feldlazarett, im Alter von 41 Fahren, unser Genosse, Unter- ossizier Otto Zitromski Böckhstr. 27. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Tonnerstag, den 12. April, nach- mittags 3'/, Uhr, auf dem Garnisonkirchhos(Hasenheide) statt. Ter Borstand. Als Opscr dicies Völlerringcns fiel sern von leinen Lchben am 30. März 1917 mein innigst- geliebter Mann, guter treusorgen- der Vaier seiner beiden Kinder, unser lieber Sohn, Schwieger- söhn, Bruder, Schwager und Onkel, der Armierungssoldat, srühere Magisttatsarbeitcr Ridianf Gaedicke im 39. Lebensjahre. 24A In tteser Trauer Frau Martha Gaedicke geb.©arges, Fritz und Lieschen, als seine Kinder, nnd Verwandte. Berlin, Diefscnbachsw. 69. Wer wägt die Schuld an dem herben Geschick,— was»er- nichtet hat mein Lebensglück?— Um mich ist's traurig, um mich ist's schwer,— ich habe Dich nun und nimmermehr.— Kein Flehen und kein Weinen gibt ihn mir zurück,— vorbei ist Liebe, Hoss- nung. Glück.— O Schicksalsmacht. noch saß ich'S kaum,— wo bist du hin, mein schöner Traum? Lieber Vater, schlaf in Ruh, unsere Liebe deckt Dich zu! Fritz und LieSchen. einer kräftig« Abstoßung frsiher gtnn Nekl mwerkäuflichen Wert. Papierbesitzes geführt. Gewinne daraus wurden durchgehends zur Bildung stiller Reserven verwendet. Sehr angenehm berührt, daß die acht Banken keinen größeren Besitz einheimischer Staatspapiere haben als 337 Millionen Mark. Das zeigt, daß die Anleihen wirklich im Publikum plaziert sind und nicht, wie zum Teil iu England und in Italien von den Banken, die ihr Geld nicht aus- schließlich oder nur vortuiegend in Stadtspapieren anlegen sollen, übernommen werden mußten, um einen Achtungserfolg hcrauszu- schinden._ Aus dem Berliner Wirtschaftsleben. Die Daimler Mororenges ellschaft in. Stuttgart- Untertürkheim, die auch in B e rl i n-M a r ien f eld e eine Zweigniederlassung hat, kommt natürlich mit c incm neuen Rekordabschlutz heraus. Sie erzielte 1916 einschließlich des vorjährigen Gewinnvortrages von 359 322. M.(496 978 M.) einen Reingewinn von 8 085 444 M.(6 620 604 M.). Die Dividende wird mit 35(28) Proz. beantragt. In außerordentlichen Rücklagen sollen 1 Million M.(0), dem Kriegsunkostenfonds 1 500 000 M. ll Million) und einer zu gründenden Beamtenpensiouskasse 1 300 000 M.� zugewiesen werden. Nach Abzug der Zuweisungen an die Arbeitcr- unterstützungskasse und der Gewinnanteile von Aufsicktsrat und Vorstand verbleiben als Vortrag aus neue Rechnung 1 109 880 M. Tie offenen Reserven der Gesellschaft betragen nun- mehr 11,1 Millionen M., also 3,1 Millionen M. mehr als dns Aktienkapital. Die stillen Reserven sind jedenfalls noch viel größer. Tie Aktien der Gesellschaft gehören zu den höchst notierten, weil die Börse sehnsüchtig eine Kapitalserhöhung mit wertvollen Bc- zugsrcchtcn erwartet.. Sriefkasten öer Reöaktisn. Die iunsttsche Sprechstunde findet für Abonnenten Lindruftr. 3, 1. Hol links, parterre, am Montag bis Freitag von 4 bis 7 Nyr, am Sonnabend von b bis 6 Uhr statt. Jeder für den Briefkasten bestimmten'Anfrage ist ein Buchstabe und eine Lahl als lWerlzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anfragen, denen keine AbonncmcntSauiitung bei- gefügt ist,«erden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Sprech- stunde vor. Bcrträgc, Schriftstücke und dcrglrichcn bringe man iu die Sprech- stunde mit. 50. K. SS. Dem Hilfsdienst unterstchen nur männliche Perfotien vom vom vollendeten 17. Lebensjahre an. Es mutz fich in Ihrem Falle also um einen Irrtum bandeln.— H. H. 11. Bei einer.angemessenen" Verb csscruug deS Arbeitslohnes können Sie kündigen und den Abkehrfcheiu verlangen. Wird Ihnen der Schein verweigert, so können Sie Beschwerde beim Kriegsailsschutz, Ltnienftr. 83 erheben, dcr prüft, ob in Ihrem Falle cinc.angemessene'' Verbesserung vorliegt.— N. 7-138. Das ist ein Irrtum. eine solche Versügung besteht nicht. Sic babcn als Gemeiner keinen Anspruch aus höhere Löhnung.— Chr. W. 331. Doch in jeder Kleider- Handlung, die getragene Sachen zum Verkauf hat.— T. P. 99. Sic könnten auf Scheidung der Ehe wegen böswilligen Vcrlassens ilagen. Die Elnäscherung unseres so jäh| aus dem Leben geschiedenen lieben BrudcrS nnd Schwagers, des Landstunnmamics Karl Friedrich Franlsurter Allee 334 wohnhajl gewesen, findet morgen Donners- lag, den 12. April, vormittags 10 Uhr, im Krcmalorium Gericht- stratze statt. Ll53b vis trauernden Hinterbliebenen. Berlin, Charloitenburg, Tempeihof. Spezialarzt I>p. med. WockcnfnC, Friedrichstr. 123(Oranianb. Tor), für Syphilis. Harn- u. Frauenleiden— Ehrlich-Hata-Kur(Dauer 10 Tage), Blutuntersuchung. Schnelle, sichere schmerzlose Heilung ahne Berufs- 215/10*] Störung. Teilzahlung. Sprechstunden: 11— 1 und 6— 8 Spezial-jkzl iür. med. Hasche, Friedrichstr. 90 Behandl. von Syphilis, Haut-, H arn-.Fpanenleid., spez.chron. Fälle. Ehrlich-Hata-Kuren, schmerz- lose, kürzeste Behandlung ohne Be- russstörung. Blutuntersuchung. Mätz. Preise. Teilzahlung. Sprechstunden 10—1 und 5—8, Sonnt. 11— 1. 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X. e—hUk Mohre« etc. 87a. Westmann Rabattmarken der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgehend XL. QesohJUt: Qr. ITrankfurtcr Str. 115. Der 15. April-der nächste Sonnlag- ist Nationattag _ für die 6. Kriegsanleihe._ Hsf f if an die Groß-Berliner Bevölkerung! Am Dasein und Zukunft, um Bestand und EntWickelung, um äußere und innere Freiheit ringt das deutsche Volk im Weltkrieg. Zu Lande und zu Wasser haben unsere Tapseren draußen bisher stets die Feinde niedergerungen. Heilige Sache der Daheimgebliebenen ist es, die im Felde Stehenden zu stärken, zu stützen, zu rechter Zeit die rechten Mittel zu geben für den Endkampf. Allgemeine Wehrpflicht ist deutscher Stolz, ist deutsches Opfer. Die allgemeine Pflicht, den Kriegs- anleihen beizusteuern, steht keines Zolles Breite dahinter. Auch sie ist des ganzen Volkes Sache. Es gilt nicht nachzulassen, unsere Kraft wächst mit unserem Willen durchzuhalten und zu siegen! Die 6. Kriegsanleihe muß alle vorangegangenen Kriegs- anleihen übertreffen. Darum: Oeffnet den Beutel! Auch die kleinste Beisteuer bringt dem Geber das schöne Bewußtsein, als das Vaterland rief, nicht gefehlt zu haben. Laßt Euch mittragen, Ihr bedächtig Zögernden und ängstlich Zagenden, durch die allgewaltige Liebe zum deutschen Vaterland. Hell und kraftvoll mahnend gehe der Werberuf durch Stadt und Land, von Mund zu Mund! Hell und zuversichtlich sollen ihn unsere Helden zu Land, zu Luft und zu Meer hören. Tut Eure Pflicht, dann ist der Sieg unser! Zeichnet die 6. Kriegsanleihe. Die SRcrbcausfchQffc. Heltefte cUr Kaufnunnrcbafr, ßerlimr Handelskammer, Potsdamer Handelskammer, l�andtverkskammer. Magistrate von Berlin, Cbarlottenburcf, ßerlin-Lichtenberg, Neukölln, ßerlin-öcköneberg, ßerlin-Mlmersdorf. Am Sonntag, dem 15. April, find alle Zeichnungsstellen der Kriegsanleihe offen. Nr.— 1�17 Unterhaltungsblatt öes vorwärts Mittwoch, 11. �lpril Kriegs-Eheirrungen. Ivi„Gcruijcton Tageblatt" waren unlängst 28 Sünderinnen öffentlich genannt, die sich im Bereiche dcd Gcncrallommando» von Kassel sündiger Liebe schuldig gemacht haben. Tie einen wcroen nur sanfterer, beinahe platonischer Regungen bezichtigt— die Liste nennt das„Vertraulicbe Annäherung an Gefangene"—, die an- deren aber werden derb und deutlich des„Geschlechtsverkehrs niit Gefangenen" bezichtigt, und es sind auch die Strasen angegeben, die den Sünderinnen aufdittiert wurden. Eine Dircktorsfran betani 8 Monate Gefängnis, eine Frau in Erfurt erhielt gar wegen„Gc- scblechtsverkcbr mit Kriegsgefangenen"— man brachte den Plural — nicht weniger als 18 Monate, das ist VA: Jahr Gefängnis. Ich inöchtc mich für die Direktorsfrau oder für die Dame in Erfurt keineswegs ins Fcug legen. Die Damen sind wahrhastig nicht sympathisch, wenigstens nickt auf Grund ihrer Versündigun- gen. Aber ich erinnere mich, ganz ähnliche Listen auch in Tiroler Blättern gelesen zu haben, dieselben Brandmarkungcn, dieselben Pcrbrcchen, denn das Delikt ist wohl ein internationales, nur war die Straftarc in Oesterreich viel gelinder. Drei oder acht Tage Arrest, wenn es hoch ging, ein Monat. Fe mehr nach Norden, desto hoher wird vermutlich die Taxe für dieselbe Sache. Gott weih, wieviel Fahre ZuckstHauS für das bihchcn Vergnügen in Königsberg ausgeteilt werden würde. Der Gedanke, dah erotische Vergehen mit Gefängnis gesühnt werden sollen, wäre in Friedenszeitcn von allen Seiten abgewiesen worden. Plan erinnert sich an den Unwillen, den vor Fahren die Annäherung von Grohstädtcrinncn an ausgestellte Ncgertruppen erregte. Man spottete, man höbntc mit Recht über die instinktlosen und hemmungslosen Weiber, die Weih und Schwarz ungeniert mischen wollten. Es regnete Couplets und Volkswihe über die kleinen Negcrjungcn. die einen Berliner Geburtsschein bekamen, obwohl ihr dunkler Vater längst wieder an der hcihcn afrikanischen Küste im Sande lag. Eine Frau, der eine solche Entgleisung nach- gesagt wurde, war in ihrem Viertel nickt länger gelitten, der Hohn, der Spott, auch die Verachtung der Berliner vertrieb sie in andere Gegenden. In solchem Voltsurteil kommt ein durchaus gesunder Instinkt zuni Turchbruck. Aber Gefängnis für eine Vcrirrung — dagegen hätte sich dazumal der Volksinstinkt mit gleicher Ent- schiedenheit gewendet! In puncto puncti hat der Staat nieman- dem etwas dreinzureden, sofern keines Nebcnmcnschcn Gesundheit gefährdet wird. So dachte man in vergangenen Fricdenstagen. Fa. es gab sogar einen deutschen Dichter, der ein dickes Buch„Aschanti" veröffentlichte, das von nichts anderem handelte als von der Leiden- schaft eines dekadenten Jungwicners für Nabadu, ein wundervoll ge- formtes schokoladenbraunes Negermädchen. Vor einem Gerichtshof von weihen Rassczüchtern wäre der verrückt-verliebte Peter Altenberg zweifellos zu einigen Jahren Zuchthaus oder zu dauernder Ent- mannung verdonnert worden, wenn es eben damals, in weit zurück- liegenden Fricdenstagen, irgendeinem Menschen eingefallen wäre, Serualverirrungen dieser Art mit Gefängnis zu sühnen. Nein, das Gelächter derer, die im Lande bleiben und weihe Frauen lieben wollten, schien damals Korrektur genug. Im.Krieg ist das anders. Von Millionen Menschen wird jetzt erotische Enthaltsamkeit verlangt, und mancher, der sicks früher nicht zugetraut hätte, lebt jetzt monatelang wie ein Mönch. Im besonderen der Gefangene wird kurzweg als geschlechtsloses Wesen angesehen, obwohl eine höhere Einsicht einen Paragraphen in der Genfer Konvention fordert,, die auch dem Gefangenen sein natürlichstes Recht nickt-porenthält. Aber Genfer Konvention, höhere Einsicht, natür- liches Recht Lcs einzelnen-—Aver lacht denn nicht, wenn er diese Vokabel von vorgestern hört? In der Wirklichkeit sind dem Manne oft genug Auswege möglich. Ter Fräu aber legt der Krieg strengste Gesetze auf! Fch weih nickt, welche Milderungsgründc die zu 18 Monaten verurteilte Süu- dcrin für sich vorbrachte, aber ich kann mir denken, dah man sie nicht gelten lieh. Vielleicht wird sie vorgebracht haben, dah ihr Mann seit cmsmhalb Jahren fern von ihr gewesen. Aber darauf würden ibr die Richter mit Entschiedenheit geantwortet haben, dah eben diese Trennung sie zu besonderer Treue verpflichten mühte. Wohin kämen wir, wenn...! Das ist eine strenge, aber, wie ich meine, sehr gesunde Logik. In der Tat: Was in Friedcnszciten läßlich schien, das ist in Kriegstagcn durchaus anders, mit viel strengeren Augen anzusehen. Dieser Krieg würde mit einer pcrtoüstenden Zer- rntlnng aller Bande verknüpft sein, wenn der einzelne sich so gehen lassen wollte,. wie er es in vergangenen Friedenstagen-auf Dis- kussionsabcndcn als sein gutes Recht betonen durste. Eine junge Frau, die ihren Mann zwei Fahre entbehren muhte, mutet damit ihren Siyncn Außerordentliches zu. Aber verlangt der Mann, der draußen tin wässerig-gefrorcnen Schützengraben liegt oder täglich -10 Kilometer in Sturmschritt zurücklegt, nicht llngcwöhnlickes von sich? Jeder von uns kennt junge Frauen, die bei Kriegsbcginn blühend, rund und glücklich waren, nun verhärmt, mager und melan- cholisck geworden sind. Die Entbehrung der Liebe ist kein geringes Opfer jiir sie, ganz besonders für die Arbeiterfrau, die mit Lilien- eron seufzend von sich sagen muh:„Kurz ist der Frühling!" Aber dieser opfervolle Krieg hat von jedem von uns Leistungen uncr- tvartctcr Art gefordert. Er hat von den jungen Frauen stille Opfer der Treue verlangt, die ihnen zuweilen nicht einmal gedankt werden. Mancher Armen ist in diesen drei harten- Jahren der Frühling des Liebreizes dahingeschwunden und die junge Frau wird traurig wenn, sie in den Spiegel schaut. Dennoch kann sie nicht anders als treu sein, und die Kasseler Sünderinnen würden ihre allerstrcngstcn Richterinnen gerade unter den Frauen finden. Freilich, wenn der Treubruch der Frauen mit anderthalb Jahren Gefängnis bestraft wird, wie viel tausend Jahre Gefängnis mühten dann au die trcubrcchenden Männer vergeben werden? Es soll sogar im Feindesland dann und wann zu„vertraulichen Annäherungen" gekommen sein. Ter gesunde Sinn des Volkes weih aber gmiz genau zu unterscheiden zwischen Sünde und Sünde. Eben deshalb, weil der Bolksinstinkt in dieser Richtung für ge- wöhnlich das Richtige trifft, die richtige Duldung und die richtige Intoleranz, eben deshalb wird mancher finden, dah die Arbeit der Gerichte hier nicht am Platze ist. Anderthalb Jahre für ein paar Kosestunden— das ist die Taxe in Kassel. In Erfurt war sie nur ein Drittel so hoch..Es wird schwer sein, festzustellen,.welches die gerechte Strastaxc ist?! Zuviele zufällige Erlebnisse der Richter spielen da mit, vor allem das eigene Alter der Richter. Richter, die sich an ihre eigene Jugend noch erinnern, werden in solche Senate besser passen als ehrwürdige Greise, die sich nicht mehr recht darauf besinnen können, dah auch sie, einmal— lang, lang ist's her— von Frühlingstricbcn beunruhigt waren. M. Kohlhaas. fiugenruck und Lesepause. Neben geschichtlichen und allen mögliche» anderen Gründen, die die Gegner �cr Frakiur lsog. deutichen)-schrift für die Antigua klateiniichen Schrift) ins Feld� zu fichren pflegen, spielt gewöhnlich die bessere Lesbarkeit der AntignasÄrift eine Rolle. Zu dieser Frage nimm: Prof. Herbertz in den„Grenzboten" Stellung, indem er kurz znsammenstelll, was die pfychologifck-pbysiologischen Untersuchungen über die Täligkeit des Auges beim Lesen ergeben haben. „Augenrucke" und»Lesepausen" sind es, die dabei in Frage kommen. Früher, so noch von Helmholtz, nahm man an, es gäbe in der Zentralgrube des gelben Fleckens der?letzhaut ein Punkt- förmiges Gebiet deutlichsten Sehens, und die Augen müssen beim Strebe»»ach dcutlickcm Sehen danach trachten, ein Bild des zu beobachlendeu Gegenstandes auf diesen Punkt zu entwerfen. Bei Gegenständen von auck nur geringer Ausdehnung, beispielsweise bei Druckbuchstaben, sollten dann deren einzelne Teile den Punkt deutlichen Sehens nacheinander durchlaufen. Wäre dies richtig, so würde das Erkennen der Schriftzeichen beim Lesen bei ständig be- wegten Augen und während dieser Augenbewegung erfolgen. Durch Versuche namentlich durch die von B. Erdmann und R. Lodge ist nun erlvieie», dah die Annahme unrecht ist: die Augcnbeweaungen beim Lesen vollziebcn sich mckt ununterbrochen, sondern ruckweise, und daö. Erkennen.der Schriftzeichcn erfolgt nicht während dieser Augenrucke, die dazu keine Zeit lassen, sondern während der Ruhe- pausen, die demgemäß als Lesepauien im eigentlichen Sinne zu bc- zeichnen sind. Es kommt also alles darauf an, das Gesichtsfeld des in der Lesepause ruhenden Auges, das sogenannte„Lesefeld", zu untersuchen. Dieser Arbeit bat sich Erdmann imterzogen, und Pros. Herbertz bat ähnliche Untersuchungen angestellt. Das üvereinslimmeilde Unlersuchungsergebnis ist. daß dos Erkennen der Schristzeichen, das eigentliche Lesen, während der Lesepause sich nach der sogenaimtcn optischen Geiamtiorm nicht einzelner Buchstaben, sondern der Buch- slabengruppe vollzieht, die während der Leiepause das Lesefeld er- iülll. Insbesondere kommen nicht etwa einzelne, besonders hervor- steckende Merkmale einzelner, sogenannter„dominierender" Buchstaben in Betrackl, sondern einzig und allein die Gesamtform des Lese- seldeS. Für dieses Lesen spielen die isolierten Buchstabenbestandteile sür sich gar keine Rolle, die Gesamtiorm dcZ Lessfeldes ist vielmehr entscheidend, und in dieser Hinsicht bat eine Unzahl von Vcr- suchen ergeben, daß die Fraktur zum Vergleiche nicht künstliche Lcsebedingungen schaffen darf, die gar nicht vorkommen: daß ein Wort, das allein aus großen Fraktnrbuchstabcn besteht, kaum lesbar ist, braucht man nicht erst zu zeigen. Allein, wenn man die Großbuchstaben nur als Anfangsbuchstaben benutzt, so hebe» die das charakteristische Gesamtbild bei der Frakturschrift vielmehr- her- aus als hei der Antigua. Umgekehrt läßt sich leicht zeigen, wo die Antigua der Fraktur in bczug aut deutliche Lesbarkeit offenbar nach- steht: Zentrnmsturm— heißt das Zentrum-sturm oder Zentrums« Nirm. Ist Versendung oder Vers-endung, und ist die„Masse dcs Kreischens" ein-, zwei- oder mebrdeutig? Heißt cS Maße oder Masse, Kreischen oder Kreischen? Diele Mängel der Antiquaschrist lassen sich nur beseitigen, wenn man die entsprechenden Zeichen der Fraktur- schrift neu in die Antiqua einführt. Pspchologiftbes zum Witterungswechsel. Die gegenwärtige Ucbergangszeit hat- trotz Steigen des Ther- mömcterS den von" der' schlechte» Wintcrwitterung geplagten Bc- wofinern Nord- und Mitteleuropas noch keine reine Frende bc- reitet. Trotzdem die strenge Kälte wieder einmal der Vergangen- hgit angehört, wird die Ucbergangsperiodc wegen ihrer llnbcständig- keit auch nicht gerade als besonders angenehm empfunden, lieber die näheren Ursachen dieses Unbehagens lassen sich interessante Aus- führungcn über die Pshchologie dss Witterungswechsels von Doktor A. H. Rose in der Ilmschau entnehmen. Psychologisch von Beden- jung ist vor allem die Feststellung, daß Kälte cm sich vcrbältnis- mäßig leicht zu ertragen ist, während' Wind bei auch nur einigermaßen niedriger Temperatur und feuchter Luft weit stärkeres' Unbehagen verursachen kann. Vorübergehende, selbst sehr erhebliche Kälte machte den �Durchschnittsmenscheir angeregt und tatenlustig. Der genannte Erregungszustand., wird- mit dem Bedüvfiris der Stofswechselsteigerung in Zusammenhang, gebracht, die wieder durch die Notwendigkeit verursacht>wirh, dem Körper durch Bewegung seine Eigenwärme zu erhalten. Ermattend, wirkt der gerade die heurige UebergangSzeit charakterisierende Wind, da er crne allge- meine Muskelcrmüdung hervorruft. Mäßige Luftbewegung ist. bei wariper Temperatur angenehm, weil sie die Wärmeabgabe des Körpers fördert. Steigert sich der Wind' aber über ein Mittelmaß, so wirkt er unangenehm, weil er eine zu starke Äustrocknung der Haut hervorruft. Die Uebcranstvargung der Gesamtmuskulatur durch den Wind erklärt sich dadurch, dah wir als Gegcnmahnabnie die Muskeln anspannen, und daß Auge und Ohr einen über das gewöhnliche Maß hinausgehenden Druck ertragen müssen. Diese Erscheinungen steigern sich naturgemäß, wenn zur Zeit des Windes die Temperatur auck uur einigcrmahen kalt ist. Tie Feuchtigkeit der Luft verursacht eine weitere Ermattung,� wodurch das Unbehagen der Uebergangszeit psychologisch erklärt erscheint. - Notize».>' — Vorträge im K g l. Botanischen Garten und M u s e u m. Von Beamten d-S Kgl. Botanischen Gartens und Museums wird während der Sommermonate eine Reibe von Vor- trägen über die L e r w e u d« n g nutzbarer Gewächse, besonders der heimi s che>r Flora, veranstaltet werden. Die Vorträge finden statt um 5 Uhr nachmittags pünktlich iin Großen Hörsaal des Kgl. Botanischen Museums, Berlin-Tahlem, Kvnigin-Luise-Straßc 6— 8, und sind mit Befickti- gungen wr Botanischen Garten verbunden. Der Besuch ist unentgeltlich; Kinder unter 14 Jahren können nicht zugelassen werden. Als Gegenstände der Vorträge sind in Aussicht genommen: 1. Mittwoch, 18. April: Gemüsepflanzen(Pros. Dr. Graebner); 2. Mittwoch, 2. Mai: Oelpflanzen lProf. Dr. Gilg): 3. Milltvoch, 10. Mai: Kaffee. Tee. Kakao und Ersatzstoffe dafür(Prof.- Dst. Loesener); 4. Mittwoch. 30. Mai:. Heimische Faserpflaiizen(®r. Ulbrich); 5. Mittwoch. 13. Juni: Nutzpflanzen dcS'OKeirtS(Prof. Dr. L. DiclS); 6. Mittwoch, 27. Juni: Ärzneipflcinzen(Prof'Dr.- Gilg); 7. Mittwoch, 11. Juli: Hülsenfrüchte(Prof. Dr. Harms);. 8. Mittwoch, 2ö. Juli: Mehlsurrogatc(Prof. Dr. Graebner). — Im winenschaftlicheu Theater der Urania hält Pros. Dr. Schwahir einen Vortrog über„Werden und Vergehen im Weltcnraum", der von zahlreichen neueren Himmelsaufnahmcn begleitet, die Wunder des Universums zur Darstellung bringt. Am Sonnabend wird der Vortrag noch einmal wiederholt werden. — Zum Direktor des Wiener Burgtheaters, ist ein Beamter des österreichischen Unterrichtsministeriums, Max von Millenkovich, ernannt worden, der unter dem Pseudonym Max Marold gelchriftstellert und neben anderem auch einige Opern» texte verfaßt � hat.-. 63] Der polizeimeifter. Ein russischer Polizciroman von Gabrycla Zapolska. Plötzlich rasselten Droschken vom Bahnhof heran. Mehrere der Wagen, die sich in schneller Fahrt näherten, waren von graugckleidctcn Männern besetzt. Gcndarmciimützen blinkten in der Ferne. Alle blieben gleichzeitig auf dem Marktplatz stehen. „So viele Gendarmen? Was hat daL zu bedeuten?" ging es von Mund zu Mund. Es blieb nicht lange Zeit zn Vermutungen. Auf ein bc- stimmtes Kommando stoben die Wagen nach allen Richtungen auseinander; die einen zum Wall, die anderen nach Fein- bubcs Hotel, zwei nach dem Lcinbramschen Hause, und einige nach den Wohnstätten bekannter Hehler. Die letzte endlich, in der Hordyj in Gesellschaft des hageren Offiziers sah, hielt vor der Gruppe der Polizisten an, die noch mit den Flaggen beschäftigt waren. Auf Hordyjs Wink sprang der auf dem Bock sitzende Gendarm herunter und näherte sich den Polizisten. Inzwischen tvar auf dem Markt eine allgemeine Panik entstanden. Die Leute wurden ganz bleich vor Angst. Tic Polizisten schleppten die Leitern fori und zogen sich mit unsicheren Mienen zurück. Im selben Augenblick stürzte Pinkas herbei, der in TagejewS Austrag erfahren sollte, ob die Flaggen schon entfernt waren. Hordyjs Begleiter fuhr von seinem Sitz auf und starrte den häßlichen, rotköpfigen Juden an. „Josscle l" rief er. komm hierher!" Jossele erkannte in den: Gendarmericoffizier sofort jenen „Gutsbesitzer aus Litauen", dem er seinerzeit„angenehme Bekanntschaften" vorgeschlagen hatte. Er sah sich nach allen Seiten um, wohin er fliehen könnte. Aber Hordyj bemerkte dieses Manöver und streckte die Hand aus. „Verhaften!" sagte er rasch mit trockener Stimme. Ter Gendarm packte Pinkas niit kräftigem Griff am Arm. Er ritz sich los. „Warum soll ich verhaftet werden?" rief er. ..Arn Kragen packen und zum Bahnhof!" befahl Hordyj. Der Gendarm packrc Pinkas zum zweitenmal an und führte ihn mit eiserner Hand nach dem Bahnhos. „Das ist ein Ucberfall auf offener Straße!" schrie Pinkas. „Die Spitzbuben werden verhaftet!" hieß es auf dem Marktplatz. „Vielleicht hört unser Elend jetzt endlich ans!" „Etwa vierzig Gendarmen sind gekommen!" „Seht, seht! Sic gehen zur Polizei! Zu Tagcjew!" Tagejcw ging unterdessen, von einer seltsamen Unruhe getrieben, in seinem Zimmer auf und ab und biß fluchend an seinen Nägeln. Plötzlich vernahm er ein kurzes Klingeln. Er öffnete allein. Vor ihin stand Hordyj in seiner veilchenblauen Uniform, ruhig und hochaufgcrichtet. „Ich habe niit Ihnen zu sprechen I" sagte er in trockenem, amtlichen Ton. Tagcjew zeigte ihm, ohne ein Wort zu sagen, die Salontür. Hordyj und der ihn degleitende Offizier traten ein. Ihnen folgte mit schiveren Schritten Tagejeiv, gealtert, init herabhängender Unterlippe und nervös umherirrenden Augen. XU. Ein hyxicnischcs Kcsängnis.— Kunde aus der Ferne.— Die Erscheinung Lankas.— Ter fremde Staatsbürger.— Spurlos»erfchwunden.— Eine felliame Aacht.— Durch die Mauer getrennt. p!m Geiste vereint. Die Kellerstube, in die sie Klitzki eingesperrt hatten, trug den Anschein einer„rücksichtsvollen" Hygiene, mit denen die Menschen ihre Grausamkeiten vor fremden Augen zu der- bergen pflegen. Es war hell und luftig, auch wurden Gcsundheitsmatz- regeln beobachtet, aber das alles war nur zum Schein. Es war eine hygienische Folter. Klitzki fühlte das, und seine Empörung ivnchs noch mehr. „Sic werden von mir nichts erfahren!" beschloß er. Aber vergeblich ivartetc er auf seine Lernchnrung. Drei Tage waren vergangen, ohne daß sich bei ihm jemand melden ließ. Nur der Gesängnisaufseher erschien wie ein Automat mit stumpfem, mißtrauischem Gesicht, um ihm das Essen zu bringen und andere Dienste zu verrichten. Am dritten Tage, als seine Ungeduld aufs böchste gc- spannt war, vermochte Klitzki sich nicht länger zu beherrschen und sprach den Diener an;- '„Wann lverdc ich vernommen?" Der Aufseher zuckte die Achseln, ohne ein Dort zu sagen Klitzki schnic'sich, eine menschliche Stimme zu hören. „Bestellen Sie, daß ich so schnell wie möglich vernommen werden muß." Derselbe stumpfe Blick und dasselbe Schweigen waren die Antwort. -„Warum antworten Sie mir nicht!? Meine Frage be- trifft doch amtliche Angelegenheiten!" rief Klitzki, indem er ungeduldig von seinem Stuhl aufsprang. Der Aufseher ging gleichgültig zur Tür und verschwand dahinter. Der Schlüssel klirrte, der Riegel wurde vorgeschoben und wieder herrschte Schweigen. Klitzki horchte ungeduldig auf da? leiseste Geräusch auf dem Korridor, aber niemand kam. Als der Aufseher daS Mittagessen brachte, fragte er. ihn: „Haben Sie die Bestellung ausgerichtet?" Ein kaum merkbares Blinzeln mit den Augen diente als Zeichen der Bestätigung. „Wann kommen sie denn?" Wortloses Achselzucken und schweres Keuchen eines abgc- arbeiteten Tieres. Klitzki verlor plötzlich die Kraft. Die Arme hingen ihm schlaff herab. Schweigend starrte er auf die vor ihm stehende Schüssel... Langsam ging der lange Frühlingstag zu Ende. Gegen Abend wurde Klitzki wieder von Unruhe erfaßt. Er hörte Schritte auf dem Korridor. Durch die Tür vernahm er sogar die Worte: „Eine.Kranke... Wahrscheinlich eine Verrückte!" Dann wurde alles wieder still. Nieniand hatte sich bei 5Uitzki gemeldet. Als der Aufseher das Abendessen brachte, sprach er ihn nicht mehr an. Die Nacht verbrachte er schlaflos. Erst gegen Morgen verfiel er in einen unruhigen Schlummer. Er sah Janka so deutlich vor sich, daß er sich jäh ans seinem Lager aufrichtete. Mit seinen überreizten Nerven fühlte er tatsächlich ihre Gegen- wart. Er hätte schlvörcn mögen, daß sie irgendwo in der Nähe vor Angst verging und sich nach ihm sehnte. Er streckte die Hände aus: ..Janka. meine Janka!" Schweiß bedcctic seine Stirn. (Lorts. folgt.) Dircküou M as 1? c i nhardt. r 1— .***$& 1M*!- SÄÄ- fit Liir; Toblaa Huntachuli. Kammerspiele. 7'/, Uhr: Favchtnjr. Tolksbübne. StÄ Uhr: Kabale und l. Pfarrer von Kirchfcld. Donnersteg: Peer Ciynt. Theater i. d. Königgrätzerstr. 7'/» Uhr; Paul Kango und Tora Parsberg. Komödienhaus 71/a: Die verlorene Tochter. Berliner Theater Deutsch. Künstler-Theater. Allabendlich 7,/4 Uhr: Der Kammersänger. Comtesse Mizzl. I. Klasse. URANIA Tanbenstraßo 48/49. 4 Uhr(halbe Preise): Im U-Boot gegen den Feind, 8 Uhr; Dir. Professor Dr. P. Schwahn; T"* Uhr Die tolle KomtelS.| Werden und Vergehen im Weltenraum. Theater für Mittwoch, den 11. April. Neues Operettenhaus Schiffbd. 4a. Keesentel.: Kord. 281. 7v,tj.: Der Soldat der Marie. Residenz-Theater 7-/. uu Die Warsch. Zitadelle. 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