Ar. 133. 34. Jahrg. flftonncmentS'Bcdlngtingt»: HbunnementS• Stets stänumetml)»' Sicrteljäbtl. 8,90 Ml, monaJl. 1,30 MI, wöchenltich 30 Vsg, trei mS HauS. einzelne Nummer ö Vlg. KonnlngS- nunimer niit illustrtetiei Eonnlao?» Beilage»Die Neue Welt� 10 Vsg. Boll» Abonnement: 1.30 Mar! Uro Monat, eingetragen in die Bosl» Zeitung»- Brei-Iisle, Unter Kreuzband ifir Deutichland und Oesterreich. Ungarn 2,00 Marl, für das übrige Ausland < Mar! Jito Monat, BostabonnememS nehmen an Belgien. Dänemart, Holland, Italien. Luxemburg, Pormgal, kulltänien. Schweden und die Schweis krlcheilil ldgllch. Verlinev Volksblclkk. d Dff Tnlertlons-GebOftr Mrflgt für die fechSgesttaltene flotonel» ßeile oder deren Raum SO Pfg., iür dolililche und gewerüchastliche Vereins- and VersammlungS-Aiizeigen SO Big, -Aieine 3n:eigen", daS fettgedrudte Wort 20 Psg. izulnifig 2 fettgedrinlte Worte), iedeS weitere Wort 10 Big. Stellengesuche und Schlaiitelleiinn» »eigen das erste War! 10 Bsg„ jedes weitere Wort K Vfg, Worte über IS Buch- llaben zählen iür zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müisen bis b 11 br nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Tie Exvediiiott ist bis 7 Uhr abends geönnet. Deiegraimn-Adresset .SoziaiilcrooHrat Bcrlid" Zcntralorgan der foztaldemobrattfd�eti Partei Deutfchlands. Reüaktion: SW. öS» Linöenstraße Z. ssernsprecher: Amt Moritzplati. Nr. 151 90—151 97. Expedition: EW. öS, Linöenstraße Z. Fernsprecher: Amt Mnritzplan, Str. 15190—15197. Stockholm erwartet die franzolen. Die Stigländcr unterwegs. Stockholm. Die Erklärung ües fi.* und S.-Rats. Petersburg» 6. Juni. Der Rat der Arbeiter und Soldaten- abgeordneten erklärt in seiner Einladung zur Stockholmer Konferenz, die in der Zeit vom 28. Juni bis 8. Juli statt- finden soll, er sei überzeugt, daß die Organisafionen, die die Einladung angenommen haben, die Verpflichtung übernehmen werden, für die Durchführung aller angcnommc- neu Beschlüsse zu sorgen. Erfolge und Hoffnungen. Stockholm, K. Juni.(Eigener Drahtbericht des„Bor- wärtS".) Für dir Verhandlungen mit der Vertretung der deutschen Sozialdemokratie sind die Tage bis Freitag, vielleicht bis Sonttabrnd, in Aussicht genommen. Die Vertreter der Unab- h ä n g i g e n treffen am Freitag hier ein, es wird aber kaum vor Montag mit ihnen verhandelt werden.' Die tschechischen Separatisten Nemrc, Smcral und Habcrmonu erhielten durch Intervention des deutsch-österreichischrn Sozialdemokraten Seih Pässe, sie werden Mitte Im» hier erwartet. Das Internationale Burkau' erreichte für ve�fchtkdenc Kriegsgefangene, deren Tätigkeit für die Stockholmer Friedensarbeit wichtig sein kann, wertvolle Erleichterungen. So wurde eine erhebliche Besserung der Lage Dr. Otto Bauers er- zielt, der im ersten Kriegsjahr als österreichischer Leutnant in �Galizicn gefangen genommen wurde und seitdem in einem Lager am Baikalsec untergebracht war. Es besteht begründete Aussicht, seine Entlassung nach Stockholm zu bewirken, wo er als Sekretär des Jnternafionalen Bureaus arbeiten soll. Der von der rumäni- schcn Regierung in Jasiy der russischen Regierung ausgelieferte vlcuossc Rakowski hat jeht freies Bcwegungsrccht in Peters- bürg. Umgekehrt wurden auch für KricgSgefangeue in Oesterreich wesentliche Besserstellungen erzielt, namentlich für das Bureau- niitglicd P a w l o w i t s ch. Auch Kazlerowitsch darf sich in Belgrad frei bewegen. Trotz der Rede Ribots erwartet das hollän- disch- skandinavische Komitee bestimmt die bal- dige Ankunft Renaudels und Longuets. Fest steht, daß Roberts und C l y n c s von der Arbeiterpartei und Mac- donald von der Bereinigten Unabhängigen Arbeiterpartei und Sozialistenpartci bereits unterwegs sind. Nach Beendigung der Verhandlungen mit den Euglätidcrn und Franzosen wollen Bran- fing, van Kol, Albarda und Huysmans mit ihnen nach Petersburg reisen. Die Verhandlungen mit den Deutschen. Stockholm, 6. Juni. Die Vorbesprechungen mit den deutschen Sozialisten werden heute, Mittwoch, fortgesetzt. Es ist anzunehmen. daß die Verhandlungen sich bis in die M i t t e n ä ch st e r Woche hinziehen werden. Am Sonnabend treffen die Vertreter der deut- schon sozialistischen Minderheit ein. Die Verhandlungen mit ihnen werden jedoch erst begonnen werden, wenn die Konferenz mit der Majorität beendet ist. Ein Vcihandlungsbericht über das Er- gebnis der Besprechungen mit Mehrheit und Minderheit wird erst nach Abschluß sämtlicher Beratungen veröffentlicht wenden. Der holländische Sozialist Albarda, Mitglied des ständigen Ausschusses, teilt dem Vertreter der„Telegraphen-Union" mit, daß die Vorbesprechungen zwischen den Abgeordneten der einzelnen kriegführenden Länder, die gesondert stattfinden, heute schon die Annahme zulassen, daß sich alle Differenzen zwischen der internationalen Sozialdemokratie überbrücken lassen. Ribot könnte die Verweigerung der Pässe an die französischen Sozialisten nicht aufrechterhalten, ohne die französische Sozialdemokratie zur schärfsten Opposifion zu treiben. Der Opposition würden sich sicher- lich auch viele Personen anschließen, die zwar keine Sozialisten, wohl aber Friedensfreunde sind. zür ein gerechtes Wahlrecht in Schweden. Blutige Unruhen. Der schwedische Ministerpräsident beantwortete am DienStaq die Interpellationen Brantings über die Wahl re formen und des radikalen Sozialisten Venner- ström über die Forderungen von A r b e i t c r r c f o r m e n. Er führte u. a. aus: Als die Mitglieder der Regierung ihr Amt antraten, erwarteten sie nickit, vor solcbe inneipolitische Fragen gestellt zu werden. Ihre erste Aufgabe war. eine völlig imparteiische Neutralitätspolitik durchzuführen und eine günstige Löiung der durch den Weltkrieg erschwerten wirfichnfilichen Ausgaben herbeizuführen. Die Re- gierung hat. Verständnis für die wichtigen Fragen der Juter- pellationen. Große Schwierigkeiten stehen aber derartigen durch« greifenden Reformen im Wege. Der Ministerpräsident hob weiter hervor, daß Wahlen bevorstehen, durch die das Boll seine Stimme über VerfassungSreformen abgeben könne. Sobald das Wahlergebnis bekannt geworden fei, würde die Regierung dem König einen ent- sprechenden Rat geben. Diese ausweichende Rede befriedigte weder Sozialdemo- kraten noch Liberale. Der schwedische Ministerpräsident hat sicher recht, wenn er eine zielbewußte Politik der Neutralität notwendig nennt. Aber er vergißt, daß die auswärtige Politik einer Regierung um so fester und eindrucksvoller ist, je mehr sie sich aus die Geschlossenheit einer in der Vcr- teidigung ihres Rechtes einmütigen Nation berufen kann. Branting bedauerte, daß die Regierung eine große Tat der- säumt habe. Die Regierung des Zaren sei gestürzt worden. In Ungarn sei der Mann, der starken Widerstand dem ollgemeinen Stimmrecht entgegengesetzt habe, gestürzt worden, in England habe das Unterhaus das Frauenstimntrecht angenommen. Branting hob auch die Verfassungsänderungen in den Nachbarländern hervor. Auch der Führer der liberalen Partei Eden gab der Ent- täuschung seiner Freunde über die Antwort Ausdruck. Während der Jnterpellationsberawng im Reichstag, in dessen Nachbarschaft alle Eingangsstraßen abgesperrt waren, hatte sich eine große Volksmenge auf dem Gustav- Adolf- Platz versammelt. Eine doppelte Reihe Soldaten und reitende Polizei solltest lsstoed'nüng verhindern, was jedoch nicht ganz gelang. Steine wurden geworfen, die Polizei zog blank und verwundete einige Personen. Während der Unruhen vor dem Reichstagsgebäude ans dem Gustav-Adolf-Platz begab sich Branting vom Reichstag auf den Platz und forderte die Menge auf, ihn nach dem Gc> werkschaftshause zu folgen, was auch geschah. Dort hielt er vom Balkon des Gebäudes eine Ansprache an die Menge, in der er die Antwort der Regierung kritisierte. Er ermahnte die Menge, ruhig nach Hause zu gehen. Tie Menge hielt dann im Gewerkschaftshanse eine Versammlung ab. In ihr wurde beschlossen, das Sekretariat der gewerkschaftlichen Landcsorganisation aufzufordern, den Generalstreik zu organisieren. Die Antwort wurde für Mittwoch verlangt. ** » Bei der Fortsetzung der Debatte in der Zweiten Kammer be- rührte Branting die Zusammenstöße zwischen der Polizei und der Menge und erklärte, daß die Polizei eine unvera nt- wortliche Haltung gezeigt habe, indem sie auf die Menge eingeschlagen habe, die osfensickrtlich keine Ahnung hatte, daß sie etwas Uebles getan habe. Möglicherweise seien Polizisten mit Steinen beworfen, aber es sei unvernünftig, mit blanker Waffe ans die Menge einzichanen. Er hoffe, daß die Regierung die Beschwerden untersuchen und llrbergriffe bestrafen werde. Der Dtinffterpräsideiit erklärte, die Aufgabe der Polizei sei sehr schwierig, es sei auch schwierig im voraus darüber zu urteilen, wie die gegebenen Befehle ausgesühit worden seien. Es sei besser, daS Urteil zu verschieben, bis die Untelsuchung beendet sei. Stockholm, 6. Juni.(Eigener Drahtbericht des„Vortllärts".) Die heutige Nunimer des„Socialdcinokraten" ist von Berichten über die gestrigen Vorfälle fast ganz angeftillt. Sie erhebt die schwersten Angriffe gegen die Polizisten, die wie Kosaken gehaust und die friedliche Marge überfallen hätten. In zahlreichen Momentphotographien zeigt das Btatt Bilder von Ver- Haftungen und von berittenen Polizisten, die provozierend, teilweise schwere Knüppel schwing»!), gegen die Menge vorgehen. plechanow Iswolskis Nachfolger. Stockholm, 6. Juni.(Eigener Drahtbericht des»Vorwärts'.) Hier verlautet mit großer Bestimmtheit, daß der russische Bot» schastcr in Paris. Jswolski, durch den nationalen Sozialisten Plechanow ersetzt werden soll. Dänische Ministerrede zum frieden. Kopenhagen, 6. Juni.(Ritzau Meldung.) Minister E h r i st e n s e n sprach heute bei der Feier des Konstitutians- tages über die Arbeit für den Frieden und erklärte, die Achtung vor dem nationalen Recht würde vielen Schwie- rigkeiten begegnen, und es sei nicht leicht abzusehen, wie weit man kommen könnte. Der Gedanke, die Völker durch Volksabstimmung s e l b st entscheiden zu lassen, wem sie zugehören wollten, stehe zurzeit im Vorder- gründe, und es sei natürlich, daß Dänemark sich mit diesem Gedanken beschäftige, zumal im Hinblick auf den 8 5 des Prager Friedens. Aber das deutsche Volk wisse, daß es in Dänemark einen Nachbar habe, derunterkeinen Um ständenihntindenRückenfallen werde. Was wir in nationaler Hinsicht wünschen, schloß der Minister, wollen wir nur auf dem Wege des Friedens und der Verträglichkeit erreichen. 55, Unwahrhastigkeit. Die Deutsch-Konservativen Schlesiens haben am vergangenen Sonnabend in Breslau eine DelegiertenversammUmg abgehalten, die von dem Vorsitzenden, dem Erblandmarschall Grafen von Seidlitz-Sandreczki mit einer recht bemerkeiis- werten Rede eröffnet wurde. Der Herr Erblandmarschall beteuerte zunächst den festen Willen der konservativen Partei, Altbewährtes nicht„im Schlamm der Demokratie" verkommen zu lasten und beschäftigte sich sodann mit der Stellung seiner Partei zur Monarchie. Darüber be- richten konservative Zeitungen folgendes: Warm betonte Redner den monarchischen Charakter der deuffch-lonservativen Pariei, an dem wir nich: rütteln lassen. Er beleuchtete das U 11 wahrhaftige jener Kritik, die die lon- servative Meinungsverschiedenheit mit dem Reichskanzler aus unser Treuverhältnis zu unserem Allerhöchsten Herrn und König hinüberspielen wolle. Die Person unseres Königs scheidet für uns aus der politischen Diskussion V 0 l l 1 0 ni m r n aus, andererseiis werden wir uns aber jeder- zeit das Recht der Kritik an der Politik des gerade im Amte be» findlichen Slaalsniannes vorbehalten. Es Wird nackigorade nofivendig, in die Wahrhaftigkeit dieses Einerserts-AndercrseitS etwas tiefer hineinzuleuchten. In Teutschland wird, zum Unterschied von allen anderen Ländern, der Chef der Verantwortlichen Regierung ohne jede Mitivirkung des Parlaments vom Staatsoberhaupt c r n a n n t. In anderen Ländern ist das Staatsoberhaupt in der Wahl seines obersten Ratgebers durch geschriebenes oder gewohnheitlich überkommenes Verfaffungsrccht gebunden. Er kann keinen Mann zum Ministerpräsidenten machen, noch iveniger ihn als solchen behalten, der das Vertrauen des Parlaments nicht besitzt, er kann ebensowenig einen Minister- Präsidenten entlassen, der fest im Vertrauen des Volke?, und der Volksvertretung steht, denn sein Nachfolger würde ja sofort durch ein Mißtrauensvotum des Parlaments erledigt werden. In parlamentarisch regierten Ländern trägt also der Monarch für die Regierungspolitik keinerlei Vcrant- wortniig, weder vor dem Parlament, noch vor dem Volk, noch vor dem Urteil der Geschichte; er befindet sich voll- ständig außerhalb der parteipolitischen Feuerzoiic. In Deutsch- land dagegen ist seine Stellung außerhalb jeder Verantwort- lichkeit tveiter nichts als eine verfassungsrechtliche Fiktion. Dieser Unterschied wird sofort klar, wenn man sich ihn an einem Beispiel vergcgemoürttgt. Bor dem Krieg tvar in England das Mstnsterium Asquith und besonders dessen damaliger Schatzkanzlcr Lloyd George der Gegenstand konservativer Angriffe, die jenen, die jetzt von den deutschen Konservativen gegen Herrn v. Bcth- mann gerichtet werden, an Heftigkeit nichts nachgaben. Da- inals erzählte man sich in London die artige Geschichte von dem konservattven Lebensretter, der einen Mann aus der Themse gezogen, aber ihn vorsichtswcise zmiächst umgedreht habe, um nachzusehen, ob es nicht zufälligerlveise Lloyd George sei. Die Stimmung tvar also ungefähr dieselbe, tvie sie sich in jenem deutschen Flugblatt äußerte, in dem der Wunsch ausgesprochen war, Herrn v. Bethmann doch nur einmal„an die Kehle springen" zu dürfen. Lloyd George war aber der Nertrauensmann der liberalen Parlamentsmehrhcit und jener liberalen Volksmehrheit, die bei den Wahlen von 1910 liberale Abgeordnete ins Parla- ment entsandt hatten. Hier lag die Ursache von Lloyd Georges Ministerschaft, und die konservativen Angriffe rich- teten sich � in ihrer ideellen Verlängerung gegen die Massen der englischen Wähler, denen der verhaßte Mann seine Stellung im Staate verdankte. Hätte man den englischen Konservativen damals vorgeworfen, ihre Angrisse richteten sich in letzter Linie gegen den König, so wäre das zweifellos eine offenbare U 11 Wahrhaftigkeit gewesen. Denn wenn auch der König die Minister der Form nach ernennt, so weiß doch jedermann, daß sie der Sache nach ihre Existenz dem Volke verdanken, und daß es die Volksvertretung ist, die über ihr Sein oder Nichtsein entscheidet. Wie aber liegen die Dinge bei uns? Die Konservativen behaupten— mit Recht oder Unrecht ist hier ganz gleich—, daß das Reich vom Reichskanzler Bethmann Hollweg wäh- rend des Krieges in geradezu unerhörter Weise mißregiert tvcrdc. Die innere imd die äußere Politik sei so geleitet, daß sie geradewegs„dem Abgrund" entgegentreibe. Der Mann, der diese Politik treibt, ist aber Pom Kaiser ernannt, und zwar nicht bloß in formalrechtlichem Sinne ernannt, tvie das in parlamentarisch regierten Ländern der Fall ist, sondern wirklich ernannt aus kaiserlichem Willen und aus kaiserlicher Einsicht. TarauS folgt freilich nicht, daß der Kaifxr mi allen einzelnen Handlungen des Kanzlers einverstanden sein müsse! auch Wilhelm I. war mit Bismarck nicht immer ein- verstanden, er hat ihm aber in entscheidenden Fragen nach- gegeben, weil er die Politik, die Bismarck im allgemeinen trieb, für richtig hielt. Es folgt aber daraus, daß das Staats- oberhaupt mit der Politik des Kanzlers in ihren Haupt- z ü g e n einverstanden ist. Würden sich die Konservativen darauf beschränken, einzelne Regierungshandlnngen des Kanzlers zu kritisieren, so wäre es allerdings eine UnWahrhaftigkeit, ihnen vorzuwerfen, sie griffen die Krone selbst an. Denn wie die Krone zu diesem Einzelfall steht, das entzieht sich der allgemeinen Kenntnis. Etwas ganz anderes ist es aber, wenn die Konservativen fortgesetzt den im Amte befindlichen Kanzler als ganz und gar unfähig, seine Politik von Anfang bis zu Ende als der- bängnisvoll hinstellen. Da drängt sich dann allerdings ganz von selbst die Frage auf: Wie ist denn eine solche Politik möglich, und wer trägt für sie die letzte Verant- Wartung? Dieser als ganz unfähig bezeichnete Kanzler ist vom Kaiser ernannt worden und wird vom Kaiser im Amte gehalten. Und nur iveil er vom Kaiser im Amte gehalten wird, kann er weiter die als verhängnisvoll bezeichnete Politik treiben. In dem Augenblick, in dem der Kaiser seine Unfähigkeit und das Berhängnisvolle seiner Politik erkennen würde, wäre es mit dieser Politik wie mit dieser Kanzlerschaft zu Ende. Es ist zuzugeben, daß die Konservativen nicht absichtlich gegen die Monarchie arbeiten, das traut ihnen niemand zu, das hieße ja den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Aber das Leben ist eben nicht einfach, sondern konipliziert. es gibt Widersprüche, ZwangSzustände, unvorhergesehene Konsequenzen — und wenn man sich nicht genau vorsieht, so tut man letzten Endes gerade das, was man zu tun am allerwenigsten beab- �sichtigt hatte. So sind die Konservativen, obivohl ihrer Gesinnung nach zweifellos Monarchisten, durch ihr Tun während des Krieges die einzigen aktiven und die einzig erfolgreichen Minirer der Monarchie geworden. Sie erklären zwar, daß sie das Recht des Kaisers, den Reichskanzler zu ernennen und zu entlassen, uneingeschränkt erhalten wollen, in Wirklichkeit hat aber keine Partei an der Art, wie der Kaiser dieses Recht gebraucht, schonungslosere Kritik geübt als sie. Sie ver- leidigen das Shstem, das sie nicht in den„Schlamm der Demokratie" versinken lassen wollen, aber in Wirklichkeit stützen sie dieses System nicht, sondern sie überhäufen es mit Berge» von Anklagen. Sie liefern damit ungewollt den schlüssigsten Beweis für die Notwendigkeit eines S Y st e m w e ch s e l o, der die Per- antwortuna für eine verfehlte Politik dem Volke selbst und seiner Vertretung aufbürdet, das Staatsoberhaupt aber aus der politischen Schußlinie entfernt. Erst nach diesem System» Wechsel werden die Konservativen ein politisches Leben führen können, das von innerer Unwahrhastigkeit frei ist. Von der Wahrhaftigkeit der gegenwärtig von ihnen geübten Methoden werden sie trotz aller künstlich gequälten Beweisführung keinen senkenden zu überzeugen vermögen. Keine russische Offensive für Entente- Eroberungen. Erst Anerkennung der Formel„Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen". Bern, 6. Juni.„Mornigpost" berichtet aus Petersburg vom st'O. Mai über einen wichtigen Artikel des Organs des Delegierte urates, in dem unter Bezugnahme auf die Reden KercnskiS und anderer über die russische Offen- ' sine gesagt wird: Es ist durchaus unwahr, daß wir eine Offensive" vorbereiten. Was wir tun, ist lediglich eine solche möglich zu machen, um Deutschland daran zu hindern, Truppen von der Ostfront zu senden und nm die Russen in die Lage zu versetzen, bei Friedens- Verhandlungen zu Deutschland nicht als Besiegte zum Sieger, sondern als Gleiche zu Gleichen zu sprechen. Der Artikel führe Iveiter aus. die Revolntionsarmee könne nicht vorrücke», sofern nicht jeder Soldat die Ueberzenpng habe, daß er für die Freiheit känipfe»nd nicht das Raubtier de? internationalen Kapitalismus bereichere. Nur eine tätige Auslandspolitik. die jeden Zweifel über die Ziele und den Eharakter des Krieges beseitige, könne eine Grundlage für eine Offensive legen. Bern, st. Juni.„Times" berichtet aus Petersburg vom l!l. Mai. Obwohl die Stimmung zugunsten einer sofortigen Offensive zunahm, verwiesen verschiedene Blätter, darunter das Blatt des Arbeiter- und Soldatenrats, darauf, daß die Regiernngen der Alliierte» erst die Formel: Keine Annexionen, keine Entschiidiaunge», annehmeu müssen, ehe die russischen Soldaten marschieren.„Dielo Naroda" sage: Es würde der Ueberliefernna der revolutionären auswärtigen Politik an die Alliierte» gleichkommen, wenn wir die Osseusive ergriffen ohne von ihnen feste Garantie für die Annahme des Grund- zesetzcs eines Friedens ohne Annexionen erhalte» zu haben. '.Nouaja Schizn" schreibt: Die Bemühungen der einstweiligen Regierung um die Offensive enthalten eine schwere G e- fahr für uns. Keine Agitation, weder Aufrufe noch Drohungen werden die gewünschten Ergebnisse erzielen, bis die neue Formel, die Annexionen»nd Eutschädigiingen und die Ziele des Imperialismus der Alliierte» ausschlseßt, amtlich angenommen worden ist. Petersburg, S. Juni. fMeldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Kriegs, ninister K e r e n s k i sagte in der letzten Sitzung des Abgeordnetenrates der Arbeiter und Soldaten unter anderem, daß die Erllärung über die Rechte der Soldaten, d i e de» russischen Truppen Freiheiten zugestehe, wie sie kein Heer der Welt genieße, nicht von ihm, sondern von deni Arbeiter- und t e n- r o t ausgearbeitet worden sei, und daß der früher» Kriegs- minister Äulschlow sie nicht einmal habe � unterzeichnen wollen, weil damals viele Truppenbefehlshaber erklärt hätten, sie würden bei Durchführung der Erklärung den Abschied nehme». Deshalb habe ich, jagte Kerenski. vor der Peröffentlichung der Er- klärung zu allererst Beseht gegeben, allen Osfizieren und Truppen- besehlstzabern jedes Abschiedsgesuch zu untersagen. Bei Erörterung seiner Ausgaben sagt Kerenski. daß die russische Demokratie, deren getreuer Diener er sei,«ine»vohlgegliederte Btacht zu schaffen strebe, welche die Forderungen und Erklärungen Rußlands kräftig und wirksam stützen könne. Der Einfluß unserer Diplomatie. sagle er, ist abhängig von der Kraft und Einigkeit unseres Heeres. Ich sage nicht, daß heute oder morgen durchaus die Offensive er- griffen werde» muß, daS ist eine strategische Frage. Aber unser Heer muß m jedem Augenblick lampsbereit sein, nicht nur zur ver- :_______...-----r*- Englische Angriffe an der Scarpe, fran- zösische bei Braye und am Winterberg gescheitert— Ein deutsches Luftgeschwader über der Themsemündung— II feindliche Flugzeuge abgeschossen— 10000 Italiener bei Jamiano gefangen. Amtlich. Großes Hauptquartier, den ff. Juni 1017. iW. T. B.) Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht. Die Artillerieschlacht im Wytschaete-Bhschnitt hat mit nur knrzen Unterbrechungen ihren Fortgang genommen. Starke Er- kunbungSstöße des Feindes wurden abgeschlagen. Abends und nachts war die Kampftätigkeit auch nah» der Küste und längs der Artois-Front gesteigert. Bei Einbruch der Dunkelheit griffen die Engländer mit starken, tief gestaffelten Kräften auf dem Nardufer der Scarpe an. Zwischen Gaorelle und Fampoux wurde der Feind unter schweren Berlusten durch bayerische Regimenter zurückgeworfen; weiter südlich drangen seine Sturmtrupp»» nur bei Bahnhof Raeuz in unsrre Stellung; dort wird um kleine Grabenstücke noch gekimpft. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Am Chemin-dcs-Dames und in der Wcst-Ehampagne war die Artillerietätigkeit wechselnd stark. In der Nacht zu gestern versuchten die Franzosen noch einen dritten Angriff nordwestlich von Brahe. Auch dieser Anlauf brachte ihnen keinerlei Gewinn, kostete sie dagegen beträchtliche Opfer. Ebenso vergeblich und verlustreich griffen starke fran- zösische Kräfte morgens am Winterberg unsere Gräben an. Heeresgruppe Herzog«lbrecht. Nicht? Wesentliches. EinS unserer Lnftgeschwader warf auf militärische Anlagen van Shcerneß iThemsemüudungj über 5000 Kilogramm Bomben ab; gute Treffwirkung wurde bcodachtet. In zahlreichen Luftkämpfcn längs der Front büßte« die Gegner 11 Flugzeuge ein. Leutnant AUmenrorder errang seinen 25. und 26., Leutnant Boß seinen 33. Luflsieg. Auf dem Oestlichen Kriegsschauplatz und an der Mazedonischen Front ist bri stellenweise luflebendcm Feuer und Borfeldgefrchten die Lage unverändert. teidigung, sondern auch zum Angriff. Darauf erklärten die ver- treter verschiedener Truppenteile dem Minister in ergreifenden Aus- drücken, daß sie bereit seien, zn marschieren, wohin er sie sende. die Kronsiäüter Revolution. Petersburg, 5. Juni.«Meldung der Petersburger lelegraphenagcntur.j Da die einstweilige Regierung die Lage in Kronstadt als drohend und unerträglich erkannt hat, hat sie die Minister Tseretelli und Skobrlew ge- »eten, jene Stadt zu besuche», um ihre Haltung gegenüber der Zentralgewalt klarznstelleu und sich über den Berteidiguugs- justaiid der Festung, die Art der örtlichen Justizverwaltung und die Lage der Berhastetc» zu vergewissern und eingehend an die Regierung zu berichte», damit diese ihre Maßnahoieu danach einrichten kann. Die beiden Minister sind am o. Juni nach Kronstadt gereist. Wer stimmte gegen Nibotl Bern, 6. Juni. Lyoner Blättern zufolge hat die Ab- tinimung der französischen Kammer über die Vertrauenstagesordnung deren Annahme mit 167 gegen üü Stimmen ergeben. Die ganze s o z i a l i st i s ch e Minderheit, darunter Blanc, Brjzon, Eachi», Moutet, Longuet und der sozialistische Radikale Turmel stimmte geschlossen gegen die Tagesordnung. lieber die Hallung der sozialistischen M e h r h e i t sagt dies« Meldung ntchi«. Da aber die französische sozialistische Kammer- rakiion über 100 Sitze zähli. so ergibt sich rein zahlenmäßig, daß die Mehrheit fast geschloffen Ridot ibr Bertrauen ausgesprochen hat, obwohl er ihr die Pässe für die Reise nach Slockholm verweigerte. Tie Streiks- Bern, 6. Juni. Wie Lyoner Blätter melden, nimmt die Streikbewegung zu. In Lyon sind 3500 Geschoß- a rb e i t« r i n n« n in den Ausstand getreten. Durch einen Erlaß de» Rhonepräfekten wurden Straßenkundgebungen und Umzüge verboten. I n Paris dauert der Streik an und nimmt neuerdings an Umfang zu. Die Buchdrucker konnten ihre Forde- rung nach einer Lohnerhöhung durchsetzen. Eine elsaß-lothringische Antwort. Straßburg, 6. Juni. In der Zweiten Kammer des Landtags ür Elsah-Lothringen richtet« nach vorgenommener Burcauwahl der wiedergewählte Präsident der Kammer, Abg. Dr. Ricklin. ein« Ansprache an die Abgeordneten, in der es heißt: Wieder ist ein Jahr seit unserer letzten K�iegstagung ver- ssen, den Frieden hat es aber der Welt nicht gebracksi. Im Gegenteil, der Krieg nimint fortgesetzt schrecklichere Formen an und zieht immer neue Rationen in seinen blutigen Bann. Und doch fleht die ganze gesittete Menschheit den Frieden herbei und begrüßt jedes Anzeichen der Beendigung dieses soviel Jammer und Elend verursachenden Weltkrieges mit unverhohlener und innigster Freude. Die stete Fnedensbereitschaft des deutsche» Polkes hat sei» Kaiser durch sein ebenso hochherziges Ivie aufrichtiges Friedens- angebot zum Ausdruck gebracht und dadurch vor aller Welt die Perantlvortung für die Fortdauer der unsäglichen Leiden, unter denen nicht nur die kriegführende» Bölker, sondern die ganze Welt >ufzt. von ihm abgenommen. Die Deutschen iverden dies ihrem Kaiser ni« vergessen und insbesondere werden wir Elsaß-Lothringer es ihn, nie vergessen, daß e r d u r ch d i e D a r b i e t u n g s e i n e r Friedenshand sich bereit gezeigt hat. den Leide» moraltschcr und materieller Art, die der Krieg über unser Laicd gebracht hat. ein Ende zn machen. Wir segneu jede Handluiig, die das KriegSclend auch nur um einen Tag abzukürzen geeignet ist. und verwerfe» alles, was, angeblich uni unser Los zu ändern, unternommen wird, tatsächlich aber nur die Fortdauer des Krieges und dabei unserer Leiden bewirkt. Das elsaß-lothringische Volk hat in einer erdrückenden Mehrheit keinen Krieg und auch diesen Krieg nicht gewollt. Was es wollte, wqr, Ausbau feiner staatsrechtlichen Stellung in feiner Zugehörigkeit Apf dem Ostufcr der Struma warfen cngNsche FNczer Brand- bomden auf die reifenden Getreidefelder. Der Erste General, uartiermei st er. Ludendorsf. Abendbericht. Amtlich. B c r l i n, 6. Juni 1917, abends. Tie Spannung der Lage im Wytschaete- Abschnitt hält an. Am Eheinin-des-Dames für uns erfolgreiche Jnfanteriekäinpfe. Sonst nichts Neues. Ter österreichische Bericht. Wien, 6. Juni 1917.«W. T. B.) Amtlich wird »erlautbart: festlicher Kriegsschauplatz. R» der Litoz-Straße wurde ein schwächerer feindlicher Bor- stoß durch Sperrfeuer erstickt. Sonst stellenweise auflebende Jnfanterietätigkeit. Italienischer Kriegsschauplatz. Der Feind erschöpfte sich gestern zwischen dem Wippachtole und dem Meere in vergebliche» Angriffe», um die in den»er- gangenen Tagen auf der Karsthochfläche erlittene Niederlage wett z» machen. Seine Anstürme zerschellte». Unsere Truppen er- writcrtc» durch die Erstürmung einer Höhe bei Jamiano ihren Erfolg und behaupteten in erbitterten Kämpfen alles gewonnene Gelände. Die Zahl der in den drei verflossenen Ichlachttagen ei»- gebrachten Gefangene» ist auf 250 Offiziere«unter ihnen vier Stabsoffiziere) und auf 10 000 Mann gestiegen. Mehrere ita- lienische Regimenter sind fast mit ihren, ganze» Maunschnfts- testandc»»verwundet in unsere Hände gefallen, so das Regiment 86 mit 2685 Mann, das Regiment 60 mit 1932, das Regiment 71 mit 1831 Kämpfern. Tie Brigaden Verona, Siracusa, Puglie und Ancona, in deren Reihen diese Truppcnkörpcr fochten, find vernichtet. Im Tunnel van San Giovanni wurde ein großes Feldspital erbeutet. DaS Schlachtfeld ist»o» italienischen Leiche» bedeckt. In der mondhellen Nacht van gestern auf heute suchte» die italieuischen Flieger weit hinter unserer Front Städte und Ort- schafte» heim. Sie käme» im Jnnerösterreichischcn bis Laibach, in Tiral bis in die Gegend von Bozen, im Küfteiilnude und in Krain wurden einige Einwohner gelötet. Sachschaden ist nicht zu melden. Südöstlicher Kriegsschauplatz. llnocrändert. Der Ehcf des Gencralstabcs. zum Deutschen Reiche zu vollenden und im übrigen seiner fricd« lichen Arbeit nachzugehen. In dieser Hinsicht hat der Krieg bei uns nichts geändert. Wir lrgen dieses Bekenntnis laut und vor aller Welt ab. Möge rs überall gehört wrrden und möge uns bald der Friede beschert Werden. * Ob dieses Bekenntnis auch von Herrn Ribot und der französischen Kammer gehört»verde» wird, die sich eben erst in drgnia- tischer Weise auf die Fortführung des Kriege» bis zur„Befreiung" Elsaß-Lothringens eiugeschtvoren haben? Ninifter Weizsäcker über üie Schulü am Kriege. Stuttgart, 5. Juni. Bei der heutigen Eröffnung der Zweiten Kammer hielt Ministerpräsident v. Weizsäcker eine Rede, in der er u. a. sagte: Immer wieder, auch heut« noch, wagen die Angreifer ihre Schuld an dem Friedensbruch zu leugne». Gestatten Sie nur eine Heine persönliche Erinnerung. Ter russische Gc sandle in Stuttgart, der allerletzte in Stuttgart natürlich, hat mir i» den historischen Tagen vor Kriegsausbruch gesagt: England will Krieg, es Ivill die deutsche Flotte vernichten. «Hört! hört!) Also«in Anerkenntnis der Schuld an dem Kriege, aber zugleich ein« vorsichtige Ablenkung der Gesamtschuld auf einen Bundesgenossen. Ei« alle sind schuldig. Das verdiente Schicksal traf indessen die Regierung des Zaren. Dieses Schicksal hat Präsi- dent Wilson„ein wunderbares, ermutigendes Ereignis" geheißen. Er scheint sich über die Entwicklung der Tinge in Rußland zu freuen. Wir auch, wenn sie das Kommen des von der ganzen gc- sitteten Menschheit ersehnten Friedens fördern sollte. Gesierreichischer Neichsrat. Tie erste» Schritte. Da« österreichische Abgeordnetenhaus erlaöigte am Dienstag die zweite Lesuua der Geschäftsordnungs. r e f o r m, wobei die Rutheiw» Romanezuk und Lewickc die Aus. merzung der Obstruktion bedauerten, welche Schutz gegen nationale Vergewaltigung geboten habe. Die Dehatte drehte sich auch um die Frage der Beurlan- b u n g oder Enthebung der Abgeordneten vom Militärdienste. Die Bestimmung des Entwurfes, weiche die Enthebung der Abgeordneten vom Militärdwnste vorsieht, wurde, da Ungarn erst gleichartige Bestimmungen schaffen muß, im Jntcr- esse der dringlichen lfrledigrnig des Gesetzes gestrichen. Einen breiten Raun, der Verhandlung nahm die P r a! o- kollterung der im Adgcordnetcnhause gehaltenen» i ch i- deutsche» Reden ein, eine Forderung, die vo» den slawischen Nednern vertreten wurde. Der deutsche SoKiuldemokrat Seih er- klärte, daß die deutschen Sozialdemokraten bei Anerkennung der Gleichberechtigung aller Rationen glaubten, daß die Frage vvl" Standpunkte der Zweckmäßigkeit gelöst werden müsse. Es sei heute unmöglich, alle in»ichideutscher Sprache im Abgeordneten- Hause gehaltenen Reden ohne weiteres dem Protokolle einzuver- leiben. Man könne nur wünschen, daß im Laufe der Zeit in. Kam- promißwege eine Lösung gefunden werde, die alle Parteien billig- ten. Es wäre bedauerlich, wenn beute durch eine gewaltsame Eni- scheidung Unstimmigkeiten ausgelöst würde», die das Werk der Ge- schäftsordnungsreform gefährden würde». Ein von dein Tschcctwn Franta gestellter Antrag, wonach olle Reden wortgetreu i» ber Sprache, in der sie gehalten Ivürde», in das Protokoll aufzuueymen sind, wurde i» namentlicher Abstimmung mit 203 gegen 1 8 ö S t i nc m c n angenommen. Im Einlaufe befindet sich eine Regierungsvoriaa« doireffeicd Zulassung der Abgeordneten Kramar. Rasin. fflio«, Bojna. Bu r. Jval und Ostoklitzkv zu den Sitzungen des Abgeordncteichauses, sowie«in Antrag Korojec he- treffend Freilassung Grafenauers und dessen Zulassung zu den AbgeordnetenhauSsitzungeii. die öalkanfrage. Stockholm, 8. Juni. iMeldung von SvenSka Telegrambyran.) Gegenüber den Aeußerungen Dr. RalowSkiS über den Standpunkt, de» di« Abordnung der bulgarischen vereinigt«« Ho- z i a list e n bor dem dolländisch-skandinobisKen Dukschu� berireten bot, teilt die denannle Abordnung mit: Die vereinigle sozial- demokratische Partei Bulgariens hat gearbeitet und wird ar- beiien für einen Staatenbund der Balkan Völker als Mittel ihrer friedlichen Entwicklung und Mittel im Kampfe gegen die imperialistischen Bestrebungen. AIS Mittel zur Herstellung des Friedens auf dem Balkan erkannte die Parier den iÄrundsab der nationalen Einigung an, be- sonders de? in der Vergangenheit so entrechteten bulgarischen Volkes Slic Autonomie Mazedoniens war seinerzeit ein Mittel zur Ver- meidung deS Krieges mit der Türkei, dabei sollte Mazedonien autonom innerhalb deS türkischen Reiches sein. Aber nach drei ver- mchtenden Kriegen auf dem Balkan ist die Herbeiführung eineS dauerhaften Friedens dort ohne Verwirklichung der nationalen Einigung undenkbar. Die Abordnung forderte nicht die Ein- Verleihung von fremden Nationalitäten bewohnter LandeZteile in Bulgarien. ES darf nicht vergessen werden, dah die von Bulgaren bewohnten, von der Konferenz der europäischen Mächte in Konstanti- nopel 1876 als bulgarisch anerkannten Teile der Debrudscha 1878 als Entschädigung für Bessarbien an Rumänien fielen. Der er- sehnte FriedenSschlug auf dem Balkan darf nicht auf Hindernisse stoßen. In diesen Fragen wird sich durch gegenseitige Zugeständnisse ein Einvilnehmen erzielen lassen. Die Erneuerung üer holländischen Kammer. Wahlen ohne Abstimmung. Haag, 5. Juni.(Meldung der Niederländischen Telegraphen- Agentur.) Bei der heutigen Wahl für die Zweite Kammer wurden gemäß einem zwischen den Parteien getroffenen Abkommen ohne Abstimmung gelvählt: vier freie Liberale, zwei Sozialdemokraten, zwei freisinnige Demokraten, neun Anti- revolutionäre, sieben Christlich-Historische, 22 Kandidaten der Römisch-katholischen Partei und sechs Kandidaten der Liberalen Union. In 48 Distrikten sind Stichwahlen notwendig. Teuerungsüemonstrationen in Norwegen. Kopenhagen, 6. Juni.„Naiionaltidende" meldet aus Kristiania: Heute. Mittwoch, sind als Kundgebung gegen die Teue- rung alle Geschäfte geschlossen. Tie Restaurateure beschlossen, anläßlich des dreitägigen SpiriiusausschankverbotS die Wirtschaften drei Tage lang geschlossen zu halten. Die Gasanstalt schließt ganz, das Elektrizitätswerk teilweise. Die Ausbesserungs- arbeiter werde« nur die allerirotwendigste Arbeit ausführen. Auch die Volksschulen schließen heute. Die heutige Arbeits- niederlegung wird einen außerordentlich großen Um- fang habcir. die chinesischen wirren. Peking, y. Juni.(Meldung der Agenca Havaß.) Obgleich d i e Mehrzahl der Militärgouverneure der Mittel- und Nordprovinzen ihre Unabhängigkeit erkärt haben und einige Truppenbewegungen angekündigt sind, ist bis jetzt noch kein Porrücken gegen Peking gemeldet worden. Man glaubt immer noch, daß Feindseligkeiten vermieden werden können. Die italienische Nieüerlage auf üem Karst. Italienischer Heeresbericht vom 5. Juni. Auf der Trieniiner Front und in Earnien kurze und wenig an- haltende Artillerielätiakeil und befchränkle Patrouillentäligkeit gegen unsere Stellungen bei Bodice und östlich von Äörz. Auf den Ab« hängen nördlich von San Marco wurden neue EinbruchSversuche in der Nacht vom 4. Juni und während deS TageS zuruagelchlagen. Wir machten 58 Gefangene, darunter einen Ltnzler. Aul dem Karst richtete der Feind, nachdem er sein Artillerie- fener, nur den, er seit mehreren Tagen unlere vorgeschobenen slellungen heflig überschüttet balte. zu größter Höbe gesteigert hatte, rn der Nacht vier kräftige Masscnaiigriste von Dosso Faiti bis zum Meere. Die Slellunge» am Toffo Faili wurden, obgleich sie voll- fländig eingeebnet waren, von der Jnfanteriebrigade Tevere<21ö. und 2t 6. Regiment) kopier verleidigt, die»ach langem Kampfe und trotz hestigen Sperrfeuers endgültig den Gegner zurückwarf, der im ersten Augenblick in einigen Teilen unserer Gräben halte Fuß fassen können. Wir machlen 63 Gefangene. Bon Eastagnevizza b>S zum Kamm nördlich von Jamiano leisteten unsere Truppen tapfer den erbitierlen Angriffen Widerstand und es gelang ihnen durch Gegen- angriffe und in hefiigen Kämpfen Mann gegen Mann ihre Siellunge,, festzuhalten und ihrerseits einen neuen vorgeschobenen «dlchnm bei Eastagnevizza von Versic bis südlich von Jainiano zu besetzen. Wir hielien die Stellungen auf den Flügeln fest, mußten °-''""ruin unsere»cuen Linien zurücknehmen, um sie den Würderischeu Wirkungen des Feuers zu entziehen. Durch häufige wiederholt« Off-nsivfioße glückte es n.is, anfangs die Sturmwellen des Gegners g alt anzuhalten. Dann stellten wir durch kräftigen Gegenangrifl die uriprüngliche Lage fast völlig wieder her. feindliche Kriegsberichte. Französischer Heeresbericht vom 5, Juni nach- « tl* 1 stö» Wechselseitige ziemlich heftige Beschießung in der G-aend nörd- lich von Brahe en Laonnais. Im Laufe der Nacht brachte uns ein heftiger Angriff unserer Truppen wieder in den Besitz der Gräben, in welchen der Feind gestern nordwestlich der Ferme groidemont F"ß gefaßt halte. Artllleriekampf mit Unterbrechungen in der Elxunpagne, der sich in der Richtung auf den Cornillet-Bera und den Helm-Berg lebhafter gestaltete. Mehrere feindliche Handstreiche auf unsere Posten zwischen Tahure und Auberiv« scheiterten. Im nvrigen verlief die Nacht ruhig. Als Vergeltungsmaßregel für die durch den Feind ausgeführte Belegung mit Bomben der offenen Stadt Bar le Duc am 29. und Lv. Mai überflogen sieben un- serer Flugzeuge in der Nacht vom 8. zum 4. Juni die>» t a d t Trier, auf welche sie 1909 Kilogramm Bomben abwarfen. In derselben Nacht belegten unsere Flugzeuggeschivader die feindlichen Flugplätze Morhange, Habs- heim, Fresiati und Cissone ausgiebig mit Bomben. 16 999 Kilo- gramiil Sprengstoff wurden auf die Hüttenlager abgeworfen, die beträchtlichen Schaden erlitten. Andere Flugzeuggeschivader beleg. ten außerdem den Bahnhof pon Lureö(Ardennen). die Munitions- loger von Warmeriville(nördlich von Reims) und die Bahnhöfe und Speicher in der Umgegeiib von Laon mit Bomben. Unter den m der Nacht vom 4. z»m 5. Juni ausgeführten Unternehmungen veÄ>ienen die Beschießung des Flugplatzes von Kalmar. de« Bahnhofs von Thioiilnlle, wo eine Jeuersbrunst ausbrach, und de» Bahnhofs von Duc an der Maas Erwähnung. Drei Explosionen wurden festgestellt. In der Zeit vom 4. bis 6. Juiu brachten unsere Flugzeugführer sechs deutsche Flugzeuge zum Absturz und zwangen sieben, in kampfunfähigem Zustand innerhalb der eigenen Linien zu landen. Es bestätigt sich, daß zwei weitere feindliche Flugzeuge zum Absturz gebracht worden sind, eins am LS. Mai, das andere am 8. Juni. Ein merkwürüiger»Nichtungsfehler�. Die Engländer bombardieren Algefiras. Madrid, S. Juni.(Meldung der Agenc« HavaS.) Nach Meldungen au« AlgesieaS wurde während eines UebungSschießenS der Batterien von Gibraltar in der Nacht zum 2. Juni infolge eines Richtungsfehlers das Feuer auf BlgestraS gerichtet. An 20 Granaten von 30,5 cdm fielen auf die Stadt. Sie verursachten geringen Schaden und keine Opfer. Madrid, S. Juni.(Meldung der Agcnce HavaS.) Der Minister- rat bestätigte den Vorfall von Algesira«. Die Regierung ersuchte den Generalgouvernenr von AlgesiraS um Mitteilung der genauesten Einzelheilen, um in Unterhandlungen mit dem Kabinett in London eintreten zu können. Der Abbruch üer diplomatischen Seziehungen durch Nicaragua. Berlin, 6. Juni. Nach amtlicher Meldung des Kaiserlichen Gesandten bei den mittelamerikanischen Republiken hat Nicaragua die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reiche abgebrochen._ Ver Krieg auf öen Meeren. 22 0SS Tonnen versenkt. Berlin, 5. Juni. Im Atlantischen Ozean find durch U-Boote 32 009 Br.-R.-T. versenkt worden. Unter den versenkten Schiffen befanden sich: der englische bewaffnete Dampfer Refugio(2042 Br.-R.-T.) mit 3600 Tonnen Kohle, ein unbekannter englischer bewaffneter Dampfer, wahrscheinlich Harolow(0500 Br.-R.-T.), ein nnbekannter englischer bewaffneter Dampfer vom Marina-Typ(5000 Br.-R.-T.), ein unbekannter englischer bewaffneter Dampfer (4000 Br.-R.-T.)»nd der englische Fischdampfer Teal. Nach den schweren Detonationen zn urteilen, unter denen der 4000-Tonnen-Dampfer versank, bestand seine Ladung aus Munition. Der Chef des AdmiralstabeS der Marine. Norweger aufgebracht. Kopenhagen, 5. Juni. Der norwegische Dampfer Atlanten ist von den Engländern bei Rio de Janeiro aufgebracht worden. Der Dampfer war auf der Reise nach Norwegen mit einer Ladung Häute und Leder im Gesamtwerle von 18 Millionen Kronen. Das Seegefecht in der Stranto-Straße. TaZ österreichisch« KriegSpressequartier veröffentlicht einen längeren Bericht über daS Seegefecht in der Otranto-Straße. AuS diese», gebt hervor, daß die Nowara, ein leichter österreichischer Kreuzer, den die Oesterreicher als sinkend gemeldet haben, zwar in- folge Unbrauckbarkeit der Maschinen bewegungslos war. aber in den Hafen geschleppt wurde,.und bereis am 26. Mai wieder eine Fahrt mit voller Kraft angetreten hat. Auf österreichischer Seite wurde weder ein Schiff, noch Fahrzeug, noch Flugzeug verloren. Dagegen verloren die Gegner den Kreuzer Darmouth, drei Zer- störer, drei Traniportschisse und zwanzig UeberwachungSdampfer, ein Unterseeboot und ein Flugzeug. politische Ueberflcht. Sozialdemokratie und U-Boot-Krieg. DaS„Berl. Tagebl." veröffentlichte dieser Tage den In- halt einer Unterredung, die unsere nach Stockholm durchreisenden Genossen in Kopenhagen mit einem Redakteur des „Socialdemokraten" gehabt hatten, Wir haben diese Unter- redung nicht wtedergegehen, weil sie nichts enthält, was in Deutschland nicht jedermann weiß: daß nämlich die Sozial- demokratie bis zum I. Febrnar die Agitation für den un- beschränkten U-Boot-Krieg entschieden bekämpft und daß sie nachher, als diese Agitation dennoch erfolgreich geblieben war, die Mitverantwortung für die gefaßten Entschlüsse und ihre Folgen abgelehnt hat. Auch das Ausland weiß ganz genau, was die sozialdemokratische Presse bis zun,' 1. Februar geschrieben, und waS die sozialdemokratische Fraktion danach im Reichstag erklärt hat. Die Stellung der Sozialdemokratie zum unbeschränkten U-Boot-Krieg ist also durchaus kein Staatsgeheimnis. Jetzt versucht eine gewisse Presse, em Gespräch, das absolut nichts Neues und Unbekanntes enthält, zu einer neuen Haupt- und Staatsaktion aufzubauschen. Wir bc- schränken uns einstweilen auf die Feststellung, daß diese An- gelegenheit zurzeit aus naheliegenden Gründen nicht zum Gegenstand von Parteifehden gemacht werden kann. Würden indes die Angriffe auf unsere Partei wegen ihrer Stellung zum U-Boot-Krieg weiter fortgesetzt, so würde auch uns nichts daran hindern können, auS unserer Reserve Hera us- zutreten._ Ter parteipolitische Soudcrzug. .Deutsche Tageszeitung" gegen.Deutsche Tageszeitung". Als der ungekrönte König von Preußen, Herr V. H e v d e- b r a n d. am Himmelfahrtstag in Herford eine allgemeine Kund- gebung veranstaltete, glaubte die dortige preußische Eisenbahn- Verwaltung pflichtschuldigst für einen besseren Besuch der Versammlung sorgen zu müssen. Sie legte einen Sonderzug nach Herford ein, auf dem die länd- liche Anhängerschaft des Herrn v. Heydebrand schub- weise nach dem Versammlungsorte befördert wurde. Dies geschah zu einer Zeit, in der die Kohlen- und Kar- toffelbelieferung derGroßstädte äußerst mangel- hast war, in der ferner die Eisenbahnverwaltung erklärte, für den Reiseverkehr der Feiertage keine Sonderzüge einstellen zu können. Der fortschrittliche Abgeordnete Äenke hat gegen dies Verfahren eine Beschwerde beim Eisenbahnministcr eingelegt, auf die dieser antwortete: „Nach den über die Ablassung von Personenzügen für den Staatsbereich erteilten Weisungen hätte der in Frage stehende Sonderzug«nicht abgelassen werden dürfen. Es ist Vorsorge getroffen, daß die gegebenen Weisungen für die Folge genau beobachtet inerden. Dieser Bescheid ist das allcrmindestc, WaS man verlangen durfte. Die„Deutsche Tageszeitung" entrüstet sich aber darüber, daß Herr Wenks über- Haupt gewagt hat. gegen die eigenartige Ein-mischung einer E i se n b a h n b e h ö r d e ,n politische Angelegenheiten Beschwerde ein- zulegen. Sie hält die Unterstützung konservativer Politiker durch öffentliche Behörden offenbar auch für eine jener Muster- gültigen altpreußischen Traditionen, an der keine Neu- orientierung rütteln dürfe. In einer zweiten Notiz verwahrt sie sich sogar gegen„unzulässige Verhetzung". Nun hat aber diese Verhetzung niemand anders ge- triebe», als— die„Deutsche Tageszeitung" selber. Erst am Dienstag hat sie sich in einer Polemik gegen die Berliner Gewerkschaften, welche gegen die Fristverlängerung für den Handel mit S a a t ka rt o fs e lv protestieren, darauf berufen, daß die mangelhafte Belieferung mit Saat- kartoffcln in er st er Linie auf Transport- s ch w i e r i g t e i t e n zurückzuführen sei. Die„Deutsche Tageszeitung" bestätigt damit, daß für eine so immens wichtige Ernährungsangclegenheit. wie die Lieferung des not- wendigen Saatguts an die Landwirte, nicht das nötige Eise»- bahnmaterial vorhanden war. Als wir dieses lasen, hatten wir es als selbstverständlich angenommen, daß die„Deutsche Tageszeitung" als erste gegen die Vergeudung des Transport Materials für parteipolitische Zwecke Protest einlegen würde. Wenn ihr gleichwohl die Agitation d e s Herrn v. Heydebrand über die Belieferung mit Saatkartoffeln zu gehen scheint, so muß eine solche Auffassung von den Notiuendigkeiten des Augenblicks allerdings eine verhetzende Wirkung ausüben. Im übrigen ist der parteipolitische Sonderzug für Herrn v. Heydebrand keine Einzelerscheinung. Er bildet nur ein würdiges Seitenstück zu dem S o u d e r z u g für Renn- Pferde, mit dem— ebenfalls in der Zeit ernster Transport- fchwierigkeiten— der Berliner Rennsport bereitwilligst von der Eisenbahnverwaltung unterstützt wurde, und zu ähnlichen Dingen, wegen derer Herr v. B r e i t e n b a ch der Oeffcnt- lichkeit noch immer Rechenschaft schuldet. Endlich einmal Offenheit. Bisher haben die Alldeutschen behauptet, daß die von ihnen geforderten Annexionen zur Sicherung Deutschlands notwendig seien. Daß dies nicht stimmt, haben wir mehr als einmal bündig nachgewiesen. Um so mehr ist es zu begrüßen, wenn jetzt ein alldeutsches Blatt einmal Farbe bekennt und offen zugibt, daß die alldeutschen Eroberungen nichts anderes sein sollen als— ei» Mittel gegen das W a ch's t» m der Demokratie. Die„Berliner Neuesten Nachrichten" schreiben: Unsere monarchische Staatsform hat sich bewährt; je größer der Gelvinn de» Krieges sein wird, um so gefestigter wird die Monarchie werden. Greifbare Vorteile, Sicherstellung der Zukunft des deutschen Volkes werden den monarchischen Gedanken immer tiefer im Volksbewußtsein wurzeln lassen. lieberragende Machtstellung Deutschlands wird den dcmo- kratischcn Bestrebungen am sichersten Halt gebieten; und da« tut unS wahrlich Not! Wir danken für das offene Zugeständnis und notieren es. Das deutsche Volk wird es sich gründlich zu merken haben, daß die Alldeutschen die Blutopfer eines verlängerte» Krieges zu keinem andern Zweck von ihm verlangen, als damit es auch nach dem Kriege unmündig und unter aristokratisch-konservativer Herrschaft bleibt._ Alldeutsche Propaganda im Felde. Nach suddeutschen Zeitungen berichtet das„B. T.". daß die Alldeutschen jetzt ungehindert eine umfangreiche Propaganda an der Front treiben. So hat der Verlag I. F. Lehmann in München jene tendenziöse Schrift, die mit allerhand statistischen Berechnungen jongliert:.Deutschland» Zukunft bei einem guten und einem schlechten Frieden" dem deutschen Heere zum Geschenk gemacht. I n Massen wird diese Broschüre nun unter den Sol« daten im Felde verteilt. Auch wir haben die Tatsache einer intensiven alldeutschen Pro- paganda an der Front schon mehrfach festgestellt; es sind uns auch ichon eine ganze Reihe von Beschwerden Feldgrauer zugegangen. E» ist sehr charakteristisch, daß diese Propaganda von denselben Leuten ausgeht, die nach außen hin empholisch behaupten, daß die Armee von der politischen Agitation und dem Parteizwist frei- bleiben müsse._ Revolution und Evolution. DuschgcgenKolb! AuS Karlsruhe wird vom 6. Juni gemeldet: In der heutigen Sitzung der Zweiten Kammer erinnerte Staatsminister v. Dusch in Erwiderung auf ein« Rede des Abg. K o l b(Soz.) an die Zeit Ansang August 1914, da alle Gegensätze geschwunden waren. Der Abgeordnete Kolb habe gemeint, das große Privatvermögen müsse in die staatliche Hand übergehen. Wie solle das ohne Revolution geschehen? Das seien Phantasien, aber keine prakttschen Maßnahmen. Ter Minister erklärte, daß kein Grund vorliege, in Baden jetzt in eine Verfassungsänderung einzutreten. Eine Beseitigung der Ersten Kammer l e h n e d i« R e g i e r u n g ab. Auch die Verhältniswahl für den Landtag müsse die Regierung ablehnen. Die Gemeiiiie- und Städtcordnung. sowie das Dreiklasse»Wahlrecht der Gemeindenabzuschaffen, könne sich die Regierung nicht entschließen. Eine Reform der Kreisverfassung werde kommen. Der Minister sprach zum Schlüsse semer Ausführungen die Bitte auS. dem Landtag möge auch weiterhin der Geist der Einigkeit erhalten bleiben, um in eifrigem Zusammenarbeiten das Wohl des Staates zu fördern. Herr v. Dusch hat da zum Lieblingsthema des Gen. Kolb, Evolution-Revolutton, einen ganz netten Beitrag gestiftet! große Privatvermögen müsse in die staatliche Hand übergehen. KriegsbeschSdigte Zivilpersonen. Nach einer Meldung der M. D. C. ist ein Gesetzentwurf in Vorbereitung, durch den die An- sprüche von Zivilpersonen wogen KriegSbesAadigiliige» an Leib und Leben gesetzlich geregelt werden; er wird dem Reichstag im Herbst zugehen. Letzte Nachrichten. Krieg, Hungersnot, Pest! Amsterdam, 6. Juni. Wie di«„Daily News" meldet, hat der Unterminister der englischen Lokalverwaltung mitgeteilt, daß an Bord de» Dampffchiffcs Sardinia, welches am 2. Mai in Gravesend angekommen ist, Fälle von Beule npest zu verzeichnen gewesen sind. In den letzten fünf Tagen der Reise wurden fünf Fälle festgestellt, darunter drei Todesfälle. Seit der Ankunft in Gravesend ergaben sich noci; zwei weitere Todesfälle durch diese Krankheit. Die beiden letzten Patienten wurden am 8. Mai vom Schiffe nach dem Hospital gc bracht. Der sanitäre Dienst hat die nötigen Maßregeln getroffen, um der Verbreitung der Krankheit entgegenzuwirken. Munitionssendung in dir Luft geflogen. Petersburg, 5. Juni.(Meldung der Petersburger Telcgrqpben- Agentur.) Ein Teil der aus England eingetroffenen Ladung an S P r e n g st o f f e n, wie Schwefel, Kaliumchlorat und Phosphor, ist im Hafen von Petersburg in die Luft geflogeir Dank dem günstigen Winde konnte der Brand binnen einiger Stunden örtlich beschränkt werden. Die Ursache des Unglücks konnte noch nicht festgestellt iverden. Die Menge der vor- mchtete« Massen ist hcttädjtlirfj, GewerkschMsbewElMs Deutsches Reich. Preiserhöhungen und Arbeiterlöhne in der Textil- industrie. Die Konvention Sälbsisch-Thüringisäier Färbereien teilt ihrer Kundschaft durch Rundschreiben mit, daß sie sich im Anschluß an die Vereinigung der Sliictfärbcreien. die für halb- und ganzseidene Gewebe in Krefeld eine Vreiserhöhung eintreten ließ, nun auch ge- zwungen siehl, ihre AuZrüstungslöhne für alle halbwoll- und ganz- seidenen Artikel mit Wirkung ab 1. Juni d. I. um weitere 160 Prozent zu erhöhen. Der Einfachheit halber wird diese Erhöhung dadurch zum AuS druck gebracht, daß künftig statt der bisherigen 200 Proz. nun 250 Proz. auf die Rechnungsbeträge zugeschlagen werden. Aus- genommen davon sind die Appreturlöhne, die in Uebereinstimmung mit denen der Stoffappreturvereinigung in Krefeld berechnet werden und von 83 Proz. auf 120 Proz. erhöht werden. Weitere Preis- erl�öbungen bleiben vorbehalten. Die Konvention macht dabei ein glänzendes Geschäft. In zwei Monaten haben die Lieferungspreise einen Preis- auf schlag von 100 Proz. erfahren, während die tvtindeststundenlöhne für Arbeiter und Ar- beiterinnen nicht ganz um 30 Proz. aufgebessert wurden. Zur Abwehr der Angriffe auf das Nachtbackverbot und zur Abwehr einer Überhastelen Schließung von Kleinbäckereien haben die Organisationen der Bäcker- und Konditorgehilfen noch- inals Stellung genommen und beschlossen, der Eingabe an den Bundesrat noch eine an das Reichsamt des Innern folgen zu lassen, die gleichzeitig allen anderen in Betracht kommenden Ministerien der Bundesstaaten zur Kenntnisnahme unterbreitet wurde. Die neue Eingabe geht noch einmal auf die Gründe ein, die die Arbeiter zu der Ueberzeugung brachten, daß die der Regierung von den Gegnern des Nachtbackverbotes vor- geschlagenen Schritte einen beträchtlichen Schaden in wirtschaftlicher und besonders in sozialer Beziehung bringen müssen und sagt, daß sie deshalb vor Beschreitung eines solchen Weges warnen müßten. Gefordert wurde auch, daß gegebenenfalls, ehe weitere Maßnahmen eingeleitet werden, eine mündliche Beratung von BerufSsachver- ständigen stattfinden solle, an der Vertreter der drei Arbeiterorgani- sationen teilzunehmen hätten._ Ter Verband der Fabrikarbeiter im Jahre ISIS. Das Rekrutierungsgebiet des Fabrikarbeiterverbandes ist durch den Krieg stark eingeengt worden. Nicht nur durch die Einziehung organijationSfähiger Arbeiter, sondern vor allen: durch die Brach- legung zahlreicher Industriezweige. Von den Ziegeleien liegt ein sehr großer Teil völlig still, die Zuckelindustrie hatte weniger zu tun. Die Gwnmi-, Seifen«, Margarine- und Oelfabriken sowie einige Zweige der Düngerindustrie leiden unter dem Mangel an Rohstoffen: auch die chemische Industrie ist nur in einzelnen Zweigen gut beschäftigt. Die Papierfabriken arbeiten in weit größerem Um- fange als früher mit weiblichen Arbeitskräften, die erfahrungsgemäß schwerer für die gewerkschaftliche Organisation zu gewinnen sind als die männlichen. Trotz alledem hat sich der Verband auch im Jahre 191S recht gut gehalten. Zwar ist die Zahl seiner Mitglieder von 83 113 bei Beginn auf 80 533 am Ende des Jahres gesunken. Werden die Ein- gezogenen nicht als ausgeschieden berechnet, so hat der Verband an Mitgliedern zugenonimen. Die Gesamtzahl der Neuaufnahmen betrug 11 703 gegen 10 041 im Jahre 1013. Die Finanzen des Verbandes sind gleichfalls durchaus zufrieden- stellend. Die Einnahmen des Verbandes sanken allerdings von 2 117 837 M. im Jahre 1915 auf 1 753 161 M.. gleichzeitig sanken jedoch die Ausgaben von 1953 508 M. auf 1 722 794 M., so daß trotz deS Einnahmerückganges noch ein allerdings geringer Ueberschuß erzielt wurde. Das Vermögen der Hauptkasse erhöhte sich um rund 23 000 M. auf 3 338 244 M. Bei den Einnahmen ist besonders die Tatsache bemerkenswert und erfreulich, daß mit dem dritten Viertel des Berichtsjahres der seit Ausbruch des Krieges andauernde Ein- nahmerückgang aufgehört und eine Steigerung eingesetzt hat. Es sind eben im zweiten Halbjahr 1916 mehr Mitglieder neugewonnen, als ausgeschieden und eingezogen sind. Von den Ausgaben entfielen 1 125 939 M. auf Unterstützungen aller Art. Den größten Betrag, nämlich 549 889 M., erforderte die Unterstützung erkrankter Mitglieder; die nächsthöchste Summe (366 932 M.) die Notlageunterstützung, in der ivieder die Unter- stützung, die den Familien der Kriegsteilnehmer als Weihnachtsgabe gegeben wurde, den Hauptposten bildet. Im ersten Drittel des laufenden Jahres hat sich der Verband noch erfreulicher entwickelt als im Berichtsjahre. Die Zahl der Neu- aufnahmen ist dauernd gestiegen; im Avril allein wurden mehr als 4000 neue Mitglieder gewonnen. In den ersten vier Monaten des Jahre? wurden schon mehr Mit- glieder aufgenommen als im ganzen Jahre 1913. Hält diese Entwicklung an, so wird der Verband, soweit die Mit- gliederzahl in Frage kommt, die Scharten bald ausgewetzt haben, die ihm, wie anderen Geiverkschaften. die erste Kriegszeit geschlagen bat. Mit der steigenden Zahl der Mitglieder sieigt auch der Einfluß aus die Arbeitsbedingungen. Das ist, in Anbetracht der meist noch durchaus ungenügenden Löhne der ungelernten Arbeiter ganz besonders zu begrüßen._ Busland. Die Gewerkschaften Ungarns im Jahre 1916. Die ungarischen Gewerlschastrn verloren bei Kriegsbeginn mit einem Schlage weit über die Hälfte ihrer Mitglieder. Während ihre höchste Mitglieder- zahl im Jahre 1912 110 000 überstiegen hatte, sank sie bis Ende Dezember 1914 auf 31 000 und im zweiten Kriegsjahre auf 43 000. Damit aber war der tieffte Stand überschritten und es ging wieder aufwärts. Ende 1916 ist die Mitgliederzahl ans über 55 000 an- gewachsen. Dreiviertel dieser Mitgliederzahl wohnt in Budapest nnd Umgegend. Etwa über 8000 iveibliche Mitglieder sind in der Ge- samtzahl enthalten. Am besten erholt haben sich die Metall- tind Holzarbeiter. Auch die Verbände die der Gesamt- Organisatioit der ungarischen Fachvereine nicht angeschlossen sind. wie die Straßenbahner nnd Bergarbeiter haben im Jahre 1916 wieder einen kräftigen Ausschwung genommen. Die Einnahmen der Gewerkschaften betrugen rund IVz Millionen Kronen, die Ausgaben 1'/, Millionen. Das Vermögen der ungarischen Gewerkschaften hat seil Kriegsausbruch um rund Ve Millionen Kronen zugenommen. Das rührt in der Hauptsache daher, daß die Arbeitslosenunter- stützung in den letzten Monaten fast keinerlei Ausgaben mehr der- ursacht'e. Selbst im Luxusgewerbe übersteigt die Nachfrage nach Arbeitskräften das Angebot bedeutend, obwohl die Preise der Luxus- waren um durchschnittlich 300 Proz. gestiegen sind. Die Tätigtest der ungarischen Gewerkschaften für die Arbeitsnachweisung war im Jahre 1916 ziemlich eingeschränkt, da die Arbeiter sämtlicher Kriegs- rüstungsbetriebe ihre Stellungen nicht verlassen dürfen. Zttöußm und Handel. Die Staatsanleihen im Kriege. vor dem Kriege haben England und Frankreich den billigsten Staatskredit genossen. Das Deutsche Reich sowie die deutschen Bundesstaaten und Gemeinden mutzten für den Schuldendienst ihrer Anleihen erheblich größere Summen aufwenden. Wie billig Eng- land zu seinen Anleihen kam, zeigt nichts besser, als daß die 2>/zprozentigen Konsols eine Zeitlang über 110 notierten. Infolge der Konkurrenz der Kolonien und der Industrie um das Anlage suchende Kapital war allerdings auch dort schon bor.dem Kriege eine Verteuerung des Staatskredits eingetreten. Noch viel stärker prägte sich diese Bewegung im Kriege aus. Dafür' gibt ein an- schauliches Bild die Kmsbewegung der wichsigsten Anleihetypen der drei Staaten: Kurse Ent- Kurs- Wertung iu im Jahresdurchschnitt am 30. De- rückqana 1913 zember 1916 Spalt, 1 2'/..proz. engl. KonsolS. 73.61 35,25 81,66 Punkte 24,9 Proz. 3'„ franz. Rente.. 87,08 61,— 26,08. 29,9„ 3, deutsche Reichsanleihe.... 75,893 66,— 9,835, 13,0], Auch die Verzinsung der Kriegsanleihen ist in Deutschland relativ niedrig. Die Steigerung der Summen, die für den Zinsen- dienst aufgewendet werden müssen, sind, prozentual berechnet, in Deutschland sogar am geringsten, wie au? folgender Aufstellung hervorgeht: die Friedensanleihen am die neuesten Kriegs« rJPfl't 30. Juni 1914 anleihen tSfg In England 2'/.z proz. Kon- Hl. 5 proz. Kriegsanleihe sols mit 3,33 Proz. Februar 1917zu 95 Proz. autgel. mit 5.26 Proz. 58 Proz. In Frankreich 3Vz proz. II. 5 proz. Kriegsanleihe Rentemit3,61 Proz. November 1916 mit 88� Proz. aufgelegt mit 5,63 Proz...... 56 Proz. In Deutschland 3 proz. VI. 5 proz. Kriegsanleihe Reichsanleihe April 1917 zu 93 Proz. mit 3,91 Proz. aufgel. mit 5,10 Proz. 30,4 Proz. Darüber ist freilich kein Zweifel, daß Deutschland die Be- schaffung großer Summen billigen Geldes nur dem völligen AuS- verkauf von Vorräten und dem bekannten keiegswirtschaftlichen ProduksionSumlauf dankt. Trotzdem bleibt eS sein erheblicher Vor« teil, daß es große Summen ewiger Rente zu einem verhältnismäßig niedrigen Zinsfüße aufnehmen konnte. Wien als Binnenhafenstadt. DaZ.Neue Wiener Journal� erhält von bessinformierter Seite Mitteilungen über zwei großzügige Wiener Hafenprojekte, welche bereits im einzelnen ausgearbeitet sind und der Stadt Wien eine herrschende Stellung im mitteleuropäischen Verkehr und insbesondere den Verkehr nach dem Orient sichern werden. Das erste Projekt besteht darin, daß die Donaudampfschiffahrtsgesellschast auf ihre eigenen Kosten am rechten Donauuser beim Praterspitz einen überaus großen Umschlaghafen haupsiächlich für oberdeutsche und ober- schlesische Kohle errichten wird, welche insbesondere nach dem Orient, der ihr als neues Absatzgebiet an Spelle der englischen Kohle er- öffnet werden soll, weiterbesördert werden wird. Das zweite Pro- jekt betrifft einen von der Stadt Wien zu erbauenden neuen Donau- Hafen am linken Donauufer. Voraussetzung beider Projekte ist, daß der Donau-Oder-Kanal nicht bei Langenzersdorf sondern unterhalb bei den neuen Hafenanlagen münden soll. Alle technischen und sonstigen Voraussetzungen für die Ausführung beider Projekte sind bereits erledigt._ Die ewig unzufriedene Kaliindnstrie. Da infolge der großen Nachfrage nach Kali, die sich im Frieden vermutlich noch steigern wird, die Schutzbestimmungen des Kali- gesetzes keine dringliche Notwendigkeil mehr für die Kaliindustrie sind, erheben die Kaliindusstiellen die lebhafte Forderung nach Auf- Hebung des Gesetzes, durch dessen Bestimmungen sie sich in der Forderung immer höherer Preise beengt fühlen. Der Wunsch nach Aufhebung des Kaligesetzes wurde auch wieder in der Generalversammlung der Kaliwerke Aschersleben laut, die der bekannten schwer- industriell beeinflußten Diskonto-Gesellschast nahestehen. Holländisches Kapital in Ruhland. Mit holländischem Gelde sind in Rußland neuerdings zwei Banken gegründet worden, nämlich die Russisch-Holländische Bank und die Niederländische Bank für russischen Handel. Unter den Gründern befinden sich die hervorragendsten Vertreter der holländi- schen Bankwelt, des holländischen Äoloinal Handels und der holländischen Schiffahrt. Die„Birshewija Wjedemosti" begrüßen diese Gründung in der offenbaren Hoffnung, daß sie zur Ausschaltung des verhaßten deutschen Handels beitragen werden, und verweisen daraus, daß Holland in der Ausfuhr aus Rußland an dritter, in der Einfuhr nach Rußland an sechster Stelle stehe. Diese Ziffern trügen. Wenn Holland ein Hauptabnehmer Rußlands ist, so nur deswegen, weil das Stromhinterland des in Rotterdam mündenden Rheins die russischen ProduKe aufsaugt. Ter amerikanische Baumwollmarkt. Schon im Vorjahre ist der Preis der amerikanischen Baumwolle sehr stark gestiegen, weil die Anbaufläche zurückging, der Ertrag zu wünscheil übrig ließ und die Verarbeitung der Baumwolle in den Vereinigten Staaten selbst und in Japan große Fortschritte machte. In diesem Jahre lauten die Saatenstandsberichte nicht tröstlicher, was zweifellos auch mit dem Mangel des deutschen Kali und des mehr zur Pulverfabrikation verwendeten Chilesalpeter zurückzuführen sein dürste. Auch ist die Anbaufläche Ivieder gesunken. Für das Pfund greifbare Ware wurden letzthin 21,19 Cents gezahlt. Daraus ergeben sich zwei Folgerungen! Daß die amerikanischen Baumwoll- Pflanzer im Gegensatz zu der ersten Kriegszeit den Ausfall Deutsch- lands als Baumwollkäufer ohne wirtschaftliche Schädigung ertragen können und daß Deutschland nach Friedensschluß nicht nur hohe Baumwollprcise wird bewilligen, sondern auch Ware wird suchen müssen, Soziales. Handbuch der Vertreterwahl in der Krailkcilversicheruug. Zu den programmatischen Forderungen der Arbeiter gehört auch die Einführung der Verhältniswahlen. Unsere Vertreter haben daher bei der Schaffung der Reichsversicheruugsordnung der Einführung dieses Wahlsystems bei den Vertreterwahlen in der Krankenversicherung zugestimmt, obgleich sich diese Maßnahme eigentlich gegen die sozialdemokratischen Arbeiter richtete, deren angebliche Mißwirtschast in den Krankenkassen beseisigt werden sollte. Was dieses Gegacker, das aus allen reaksionäven Nestern ertönte, auf sich hatte, zoigt sich daran, daß es seit Jahren völlig verstummt ist, obgleich seit den letzten Vertrete rwahlen Gelegenheit genug gewesen wäre, in die frühere Mißwirtschaft hineinzuleuchten. Jetzt gibt es Wohl kaum noch eine Kasse, die sich ausschließlich in den Händen sozialdemokratischer Arbeiter befindet. Es fft ja der Vorzug der Verhälwiswahl, daß diese auch den Minoritäten eine entsprechende Vertretung sichert. So einfach dieser Grundsatz ist und so glatt sich die ihm Rechnung tragenden Vorschriften in der Reichsverficherungsordnung kesen, soviel Schwierigkeiten galt es bei den letzten Wahlen zu überwinden. Gesetz, Wahlordnungen nnd Neuheit des Verfahrens trugen ge- meinsam die Schuld daran, daß die Wahlen Streitigkeiten der ver- schiedensten Art im Gefolge hatten. Nun wird keiner, der Einblick in den Aufbau unserer Ver- sicherungsgesetzgebung genommen hat, die Wichsigkeit der Ver- trekerwahlen in den Krankenkassen verkennen. Es handelt sich ja dabei um weit mehr, als um die an sich auch höchst wichsige Krankenkasseuverwaltung. Diese Wahlen bilden das Fundament für die Gesamtvertretung in der Arbeiterversicherung bis hinauf zum Reichsversicherungsamt. Sie sind also so wichtig!uie andere Wahlen, wichtiger als viele, auf die in der Ocffenllichkcit großer Wert gelegt wird. Es ist daher zu begrüßen, baß jetzt ein Buch vorhanden ist, das ausschließlich dem Zwecke dient, die vielen Schwierigkeiten der Ver- hältuiswahl in den Krankenkassen überwinden zu helfen. Es ist das von Fr. Kleeis verfaßte, im Verlag von Karl Giebel, Berlin, er« schienene Handbuch der Vertreterwahlen in der Krankenversicherung. Das Buch wird seinen Zweck erfüllen. Mit Geschick und großem Fleiß ist das vorhandene Material gesammelt, gesichtet und per- arbeitet worden, wobei namentlich auch die verschiedensten gericbi- lichen Entscheidungen, durch die Streit- und Zweifelsfragen geklärt wurden, ausgiebig berücksichtigt worden sind. Daß man in ver- schiede nen Punkten anderer Meinung sein kann als der Verfasser, tut dem Buch keinen Abbruch, zumal cS sich dabei um noch ungeklärte Streitfragen handelt. Das Buch wird bei zukünftigen Vertreter- Wahlen sehr gute Dienste leisten. Eine Fraucnkonfercnz zum Studium der Alkoholfrage ist von bekannten Vertreterinnen der Frauenbewegung und sozial intcr- essierten Frauen aller Kreise nach Dresden einberufen worden. Die Konferenz soll die Bedeutung der Alkoholfrage für das neue Deutschland in bezug aus Volksgesund- heit, Volkswirtschaft, Volkserziehung und Volks- s i t t l i ch k e i t veranschaulichen. Für jedes dieser vier Haupt- themen ist eine besondere Vor- oder Nachmittagssitzung vorgesehen. Zu jedem Thema sollen zwei Referate gegeben werden, denen sich eine allgemeine Aussprache anschließen wird. Die Konferenz wird am 22. und 23. Juni im Künstlerhaus zu Dresden-A., Grunacr- stratze stattfinden und als geschlossene Versammlung nur geladenen Gästen zugänglich sein. Für den Abend des 23. Juni ist eine öffentliche Versammlung in Aussicht genommen, in welcher bekannte Rednerinnen die besonderen Aufgaben der Frauen auf diesem Gebiet in Familie und Staat behandeln werden. An- Meldungen zu der Konferenz sind zu richten an Frl. G. v. Blücher, Dresden-A., Aebigstr. 22 1. Gerichtszeitung. Anonyme Briefe bildeten die Grundlage einer Privatklage des Redakteurs und Schriftstellers Martin Proskauer gegen den Redakteur Max D a u t s ch a t, die gestern die 7. Strafkammer des Landgerichts I beschäftigte, nachdem gegen das schöffengerichtlichc auf 300 Mark Geldstrafe lautende Urteil von beiden Par- teten, vertreten durch die Rechtsanwälte Dr. Berndt und Dr. Schwindt, Berufung eingelegt worden war. Der beklagte Re- dakteur Dautschat war vom August bis Dezember 1913 in der Rc- daktion der„Berliner Illustrierten Zeitung" de- schästigt. Als seine Entlassung erfolgte, führte er diese, wie be- hauptet wird, zu Unrecht auf die Bemängelung seiner Arbeit durch den dort ebenfalls tätigen Privatkläger zurück und von diesem Zeit. Punkt an wurde dieser sowohl wie auch der Verlag mit anonymen Briefen und Karten überhäuft, in denen die persönliche ivie beruf- liche Ehre des Redakteurs Prostauer aus das gröblichste angc- griffen wurde. So wurde ihm in den Schriftstücken, die mit ver- schiedenen Namen und Buchstaben unterzeichnet waren, neben starken Schimpsworten vorgeworfen, er hintergehe seine Eheffau mit einer Sekretärin des Verlages, er gebe einem armen Mädchen geliehenes Geld nicht zurück und er sei ein Plagiator, der seine Sachen aus belgischen und englischen Blättern abschreibe und dessen Gebräu„Di ch t e r-S ä u g l i n g s br u t" sei. In diesem Sinne ivaren auch ein Spottgedicht„an Martin Proskauer— der Kanonendichter" sowie mehrere an einen anderett Verlag gerichtete Briefe gehalten, in denen geäußert wurde, ein in dem Verlage erschienenes Buch von Martin Proskauer sei.von diesem fast gänzlich aus amerikanischen Zeitungen abgeschrieben worden. Diese Briefe wurden schließlich einem Srbreibsachverständigen über- geben, sind da dieser sein Gutachten dahin abgab, daß sie- vo»-der Hand des Beklagten her-rü�item so wurde! geg�n diesen Strafäntrag gestellt. Däütfchät wurde hierauf wie oben- mitgeteilt verurteilt, obwohl er entschieden bestritt, der Schreiber zu sein. Diese Be» Hauptimg hielt er auck in der Berufungsinstanz zwar ausrecht, beschränkte aber seine Berufung trotzdem nur aus das Strafmaß, ebenso wie der Kläger, der eine- schärfere Bestrafung beantragte. Beide Berufungen wurden jedoch vom Gericht verworfen. Wegen Verleitung zum Meineide hatte sich der Dachdecker Paul Weiland vor der 3. Strafkammer des Landgerichts III zu ver» antworten. Der Angeklagte hatte die Absicht, sich von seiner Ehe- frau zu trennen und hielt Freundschaft mit der unverehelichten W., tie er später zu heiraten wünschte. Gegen ihn schwebte ein Dieb- stahlsverfahren, das inzwischen zu seiner Verurteilung geführt hat. In diesem Verfahren spielte ein Schlüssel eine Rolle, der zu der Behausung des Bestohlencn paßte. Dieser Schlüssel war an einer verborgenen Stelle in der Wohnung des Angeklagten gesunden worden. Dieser schrieb an seine„Braut" einen Brief und instruierte sie, wie sie bei ihrer Vernehmung aussagen sollte. Insbesondere sollte sie bekunden, daß seine Frau den Schlüssel absichtlich an die verborgene Stelle geschafft hätte, um den Mann auf diese Weise loszuwerden. In einem zweiten Verfahren wegen Zechprellerei hatte er sich abermals auf seine„Braut" berufen und sie schriftlich dahin instruiert, daß sie aussagen solle, er könne als Zechpreller gar nicht in Frage kommen, da er zu der kritischen Zeit bei ihr gewesen sei. Tie Zeugin ist aber den Weisungen nicht gefolgt, soirdern bei der Wahrheit geblieben. Das Gericht verurteilte den W. zu 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus. Schwindelgeschäfte eines Registrators. Der bei einem Beklci- dungsamt angestellt gewesene Registrator Rebkuhn smnd unter der"Anklage des Betruges und der Urkundenfälschung sowie der verleumderischen Beleidigung vor der 1. Strafkammer des Lemd- gerichts II. Er hatte vier Fabrikanten, gegen die hoffentlich gleich- falls strafrechtlich vorgegangen wird, mit Erfolg vorgespiegelt, er könne durch seine„Beziehungen" und seinen„Einfluß" auf eine besttimnte Verteilung dec vom Bekleidungsamt zu vergebenden Aus- träge einwirken. In einem Falle hat er durch diesen Schwindel — denn um solchen handelte es sich— 0000 M. eingeheimst. In einigen anderen Fällen ist seine Ausbeute geringer gewesen; in sieben Fälle» blieb es beim Versuch. Da der Angeklagte die Namen einiger Vorgesetzten craf Quittungsformularen mißbrauchte, so hat er sich auch der verleumderischen Beleidigung neben der Urkunden- fälschung schuldig gemacht. Die Verhandlung selbst fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Mit Rücksicht auf seine bisherige Unbescholtcnhcit wurde der Angeklagte zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Schlcmmkreide als„Ei-Ersatz". Der Kaufmann Albert Schmidt fabrizierte und verttieb einen„Ei-Ersatz" in Pulverform, der vom Ei nur den Namen hatte, denn er bestand in der Hauptsache aus Schlemmkreide, die mittels eines Teerfarbstoffes gelblich gefärbt worden war. Von den Bestandteilen des Eies wies er dagegen nur ganz geringe Mengen Eiweiß, etwa 1 Proz. durchschnittlich auf. Trotzdem sollte ein Teelöffel voll nach der Gebrauchsanweisung ge- nügen, um„den schönsten Eierkuchen zu backen". Das Schössen« gericht Berlin-Milte verurteilte Sch. zu 400 M. Geldstrafe. Milchfälschung. Der Milchhändler August Otto, der Milch durch 20 bis 40 Proz. Wasser„gestreckt" hatte, wurde vom Schöffen- gericht Berlin-Wedding zu 1090 M. Geldstrafe verurteilt. Wegen Darlehnsschwindel wurde der Kaufmann Otto Schle- v o g t, Inhaber eines„Kredit- und Lombardhauses", von der 3. Strafkammer des Landgerichts I zu zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Verantwortlich lür Politik: Erich Uuttiier, Berlin: lür den übrigen Teil des Blattes: Alsrrd Scholz, Nculölln: für Inserate: Th. Glocke, Berlin. Truck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret u. Vcrlagsanftalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Hierzu 1 Scilage und Unicryaltungsblatt. Nr. ISA-> A4. Jahrgang Seilage öes vorwärts Vonnerstag, 7. Iuni1417 Partemachrichten. Vezirkskonscrenz für die Provinz BrandcnburA. Tin Sonntag, den 3. Juni, tagte in Berlin eine Konferenz der Organisationsvertreter unter Hinzuziehung der zur Partei ge- hörigen Neichstagsabgeordneteu und Kandidaten sowie sonst zur Teilnahme an den Provinzialparteitagen berechtigten Genossen. Die vom Parteivorstand vorgesehene Tagesordnung für den Parteilag wurde einmütig gebilligt und nach einer Besprechung der Situation in der Partei ebenso beschlossen: „Die am 3. Juni 1S17 tagende Bezirkskonferenz hat zu der Situation in der Partei und dem bevorstehenden Parteitag Stellung genommen. Sie schlägt den Kreisgeneralversammlungen folgende Resolution zur Annahme vor: „Die Kreisgeneraloersammlung bestätigt die frühere Zu stiimnung des Zentralvorstandes der Provinz Brandenburg zur Stellung der Reichstagsfrattion in der Frage der Landes Verteidigung. Sie erklärt, daß die Bewilligung der Kriegs krcdite als Ausdruck dieser Stellungnahme nicht im Widerspruch stebt zu dem Programm und den Grundsätzen der Partei, den Beschlüssen der Parteitage oder internationalen Kongresse. Die Partei war gezwungen, sich in ihrer Kricgspolitik bewnht an die Seite des cigenen Volkes zu stellen. Jede andere Haltung hätte als Parteinahme zugunsten der kapitalistischen Regierungen der gegnerischen Länder geivirkt. Die Generalversammlung begrüßt es mit Genugtuung, daß die Partei gleichzeitig nichts unversucht ließ, um Perhand- lu ngcn mit den B r n d c r p a r t c i e n der am Kriege bc- tciligten und neutralen Länder zu erreichen, die zur Beendigung des Krieges ei» gleichmäßiges Handeln der Arbeiter aller Länder herbeizuführen geeignet waren." Zu der Konferenz der JugcndauSschüssc am 24. Juni wurden für den Unterbezirk Niederlansitz der Genosse Schüler-Guben und für den Gesamtbezirk der Genafse A u gn st Gebert- Charlottcnburg delegiert.. Auf der Frauenkonferenz am 7. Juli werden die Genossinnen der Provinz durch die Genossin Simon- Branden bürg a. H und die Genossin B re nd c l- G u be n vertreten werden. Pon der Abhaltung eines Provinzialpartcitages>mrd Abstand genommen und beschlossen, die Gciicralvcrsamnilungen einheitlich zu gestalten. Ueber den Stand der Partciprcssc referierte der Genosse S i d o w- B r a» de nb u c g. Seine Anregung zur Agitation wurde noch ergänzt durch die Betonung der Notwendigkeit einer stärkeren Verbreitung der zur Verfügung stehenden AgitationS broschüren und den Hinweis auf eine bevorstehende Agitation unter der wciblicheu Arbeiterjugend der Provinz durch die für diesen Zweck besonders geeignete Nr. ll der„Arbeiter-Jngemlt". Keine Maßregelung. Die Minderheitspresse berichtet unter der Ucbcrschrift:„Ein sozialpatriotisches Jubiläumsgcschcnk" ausführlich über eine an gebliche Maßregelung in der Expedition des Vorwärts. Einer ibrer Angestellten, Skeumann-Nolvatves, soll, weil er sich zur Un- abhängigen«ozialdeniokratie bekannte, nach genau 25 jähriger Tätigkeit vom Vorwärts entlassen worden sein. Tatsächlich hat dieser.Matzregelungsfall" mit Politik nicht das geringste zu tun. Ncumann sollte, weil auf seinem Posten in der Expedition nicht mehr viel zu tun war. in einer anderen Abteilung der Expedition mit belfen, weigerte sich aber und wurde deshalb gekündigt. Ein Streit im Betrieb, Wie er in großen Unternehmen wohl nicht selten vorkommt. Die Oppositionspressc weiß ganz genau, daß in dem technischen Betriebe des Vorwärts eine ganze Menge bekann ter Führer der Unabhängigen Sozialdemokratie beschäftigt und an gestellt ist, ohne daß der Parteivorstand jemals den geringsten Ver such gemacht hätte, sie in der Freiheit ihrer politischen Betätigung zu beschränken._ Aus den Organisationen. Der Soziakdemokratislbe Verein für den 17. sächsischen Wahl kreis(Reichstagsvertreter Molkcnbuhr) hielt am Sonntag seine Geiieralvcrsainiung ab. Nach dem Geschäftsbericht hat der Kreis noch 1357 männliche und 247 weibliche Mitglieder. Die Versamm- lungstätigkeit liegt sehr danieder, was in der Hauptsache darauf zurückzuführen ist, daß besonders in den großen Orten keine Säle zur Verfügung stehen, da diese fast überall mit Militär belegt sind. Soweit die Vorgänge in der Partei in Frage kommen, besteht inr 17. Wahlkreise die vollste Einmütigkeit darüber, daß die Geschlossen- heit der Partei unter allen Umständen aufrechtzuerhalten ist. Der Reichstagsabgeordnete des 18. Kreises, Wilhelm Stolle, der organi- satorisch zum 17. Kreise gehört, sich aber bekanntlich zu den Un- abhängigen zählt, kann selbstverständlich nicht mehr Mitglied der Kreisorganisation sein. Die Generalversammlung stimmte dem Entschluß des Krcisvorstandes einstimmig zu und brachte besonders zum Ausdruck, daß für diese Entscheidung nicht etwa seine oppositio- nelle Ausfassung, sondern seine Tätigkeit im Dienste der organi- sicrten Minderheit maßgebend ist. Die finanziellen Verhältnisse des Kreises sind trotz der natürlichen Schwächung der Organisation sehr gute zu nennen, denn der Kreis verfügt über einen Kassen- bestand von nahezu 13(XXI M., wozu noch beträchtliche Beträge kommen, die in den Ortsgruppen vorhanden sind. Nach einem Re- ferat des Bezirksvorsitzenden Mchnert-Chcmnitz beschloß man, den Parteitag mit zwei Delegierten zu beschicken. Gewählt wurden die Genossen Schleicher-Mcerane und Eismann-St.Egidien. Mit der Haltung der„Volksstimme" erklärte sich die Kreisversammlung ein- stimmig einverstanden. Die Generalversammlung des 23. Wahlkreises sVertrctcr im Reichstag Paul Göhrc) tagte am Sonntag in Gclenau. Ans deni Geschäftsbericht ist hervorzuheben, daß die wirtschaftlichen Ver- bältnisse im Erzgebirge im letzten Jahr noch trostloser geworden sind. Die ungünstigen Umstände haben natürlich auch auf die Organisation schädlich gew-rkt. Wir haben nur noch in 21 Orten Mitglieder. Eingezogen sind ca. 1533 Mitglieder. Tie vom Partei- vorstand in Umlauf gesetzte Friedenspetition erzielte 1874 Unterschriften, eine Zahl, die wesentlich höher geworden wäre, wenn nicht die ganze Arbeit durch das behördliche Verbot eine Störung cr- fahren hätte: ca. 833 Unterschriften verfielen der Beschlagnahme. Cbärakteristisch ist, daß die Parteiversammlung, die sich nur mit geschäftlichen Angelegenheiten zu befassen hatte, im Auftrage der Annaburger Amtsbauptmaiinschaft überwacht wurde. Ob etwa bei der genaniitcu Behörde die Neigung besteht, uns langsam Wieder mit Nadelstichpolitik vertraut zu machenk Genosse Göhrc, der seit zwei Jahren das erstemal wieder im Kreise war. vetoiitc in seiner Ansprache, daß cr freiwillig in die Reihen derer getreten sei, die zum Schutze der Heimat hinausziehen mußten, mit denen er gerne Leid und Gefahren teilen wollte. Die gewonnenen Erfahrungen würden ihm sicher nach dem Kriege von Nutzen sein. Mit Genug- tiinng erfülle es ihm, daß im Kreise einmütig die Ausfassung be- stehe, der Partei die Treue zu wahren. Zum Verhalten der Ma- rienberger Amtshauptmannschaft in der Unterstützungsfrage stellt Göhre fest, daß sich die genannte Behörde damit in schroffen Gegensatz zu den Aischauungeu des Reichstages und der oberen Reichs- bebörde stelle.— Als Delegierter für den Parteitag wurde Ge- nosse Uhlig-Ehrenfriedersdorf gewählt. Am letzten Sonntag wurde in Magdeburg ein autzerordent- lichcr Bezirkstag für den Sozialdemokratischen Bezirisverband Magdeburg- Anhalt abgehalten. Den Geschäftsbericht des Bezirksvorstandes und-ausschusses erstattete Genosse Reim s. Bezeichnenderweise haben d i e Kreisorgani- sationen mit einer Sterbekasse am wenigsten gelitten. In der sehr ausgedehnten Diskussion wurde von den Genossen Brandes- Magdeburg, Niewerth- Wernigerode und Härtung- Fermers- leben die Auffassung der Opposition vertreten. Es wurde schließlich mit allen gegen vier Stimmen folgender Beschluß angenommen: „Der Bezirksparteitag billigt die Haltung und die Maßnahmen des Bezirksvorstandes und-ausschusses in den Fragen des Parteistreits." Reichstagsabg. Genosse Landsberg referierte dann über „Die Kriegspolitik der Partei". Auch dieses Referat löste eine leb- hafte Diskussion aus, in welcher wiederum die Vertreter der Min- derhcitsaufsassungen ausgiebig zu Wort kamen. Zum Schluß kon- statierte der Vorsitzende, Genosse Fabian- Magdeburg, ohne Widerspruch, daß die Anwesenden mit wenigen Ausnahmen mit der Haltung des Parteivorstandes und der Fraktionsmchrheit einver- standen seien. Die bisherigen Vorstandsmitglieder wurden per Akkla- malion Wiedergewählt. Der Bezirkstag war besucht durch 72 Teil- nehnicr einschließlich der Vertreter der Parteigcschäfte und der Ab- geordneten Landsberg, Silberschmidt, Brandes und Bender. Vom Parteivorstand nahm Genosse Bartels-Bcrlin an den Vcrhand- lungen teil. Am Tage zuvor wurde für das Verbreitungsgebret der Magdc- burger„Volksstimme", den Regierungsbezirk Magdeburg, eine Landeskonferenz abgehalten, in welcher über den Stand der Magdeburger Partcigcschäfte berichtet wurde. Sie haben danach den Krieg bisher besser überstanden, als anfänglich angenommen lvurde. Die„Volksstimme" hat sogar mit 35136 Beziehern im März d. I. ihren seit ihrem Bestehen höchsten Abonnentcnstand er- reicht. Im April 1916 bclief sich die Zahl der Bezieher auf 29 223. Die Zahl der Fcldpostabonnentcn stieg von April 1916 bis März 1917 von 1841 auf 2886. Der Berichterstatter, Genosse Bethge, gab ein anschauliches Bild über die Schwierigkeiten, die während der Kricgszeit zu überwinden waren. Die Landeskonferenz erklärte sich einstimmig mit der Bezngspreiscrhöhung von 83 Pf. auf 1 M. monatlich einverstanden. Eine längere Debatte rief der Bericht der Preßkommission und ein Vortrag des leitenden Redakteurs der „Volkstimme", Genossen Bader, über„Die Haltung der„Volks- stimme" in den Fragen der Kriegspolstik der Partei" hervor. Als einziger Redner wandte sich Reichstagsabg. Genosse Brandes gegen die Haltung der„Volksstimme". Mit allen gegen zwei Stimmen wurde ein Antrag angenommen, durch welchen die Beschlüsse der Preßkommission bestätigt und die Haltung der„Volksstimme" für richtig erklärt wird. An der Landeskonferenz nahmen 23 Tele gierte teil. GroKSerün Juni. Dem langen Winter des Mißvergnügens folgte statt des Frühlings gleich der Sommer auf dem Fuße. Ein sommev haster Mai liegt hinter uns, der mit erstaunlicher Schnellig> kcit die Verspätungen, die der Winter der Vegetation auß gezwungen hatte, einholte. Nacheinander blühten dic Ahornc, Roßkastanien, Flieder und Goldregen; nun hängen auch die weißen Blütcntrauben von den Slkazieu mifr die Rosen sind aufgeblüht. An den Seeusern ist das Schilf-schon fast- manns hoch aufgeschossen und die Blätter der Seerosen Huben sich ausgespannt; grüne Teichfrösche machen sich darauf breit und knarren mit dem Rohrspatz uni die Wette, bis ein Schwärm Wildenten in den Seespiegel einfällt und die Grünen erschreckt die Flucht ergreifen. 3luf den anschließenden Wiesen zwischen üppigem Grase unzählige Farben punkte. Meist herrschen die Ranunkeln vor, deren Blüten die Wiesen dicht mit goldigem Gelb besprenkeln, da zwischen weißes Wiesenschaumkraut, rote Kuckucksnelke, brauw rote Bachwurz, rote, wilde Orchideen und vieles andere. Dann folgt der Laubwald in seiner frischen Blätterpracht. Meisen, Drosseln und Finken musizieren, was die Kehle hergeben will, und Häher und Krähen sorgen für die Dissonanzen. Eich Hörnchen äffen uns; sie denken an die langsam heranreifen� den Haselnüsse, Bucheckern und Eicheln und fürchten unsere Konkurrenz. Dem schattigen Laubwald folgt die lichte Kiefern Heide. Die kahlen Stämme und die hohen Kronen hemmen nur wenig den Sonimerwind, der über die dichten Gräser des Waldbodens weht. Sie stehen in Blüte; schlanke Staubbeutel hängen aus den Aehren und sehnen sich dem Winde entgegen. der sie von ihrem Inhalt befreit und ihrer Bestimmung cntz gegenführt. Auch die Kiefern liegen hinter uns, und nun stehen wir vor der jungen Saat, die sich in Wellenlinien senkt und hebt. Schon überragen die Aehren vielfach die Halme. Das Korn blüht, und ein paar Stunden Sonnenschein entscheiden über das Geschick des Feldes und über unser eigenes. Zum Glück ist diesnial nicht zu befürchten, daß andauerndes Regem Wetter wie im Vorjahre zur Unzeit einsetzen wird I Dem Winter des Mißvergnügens ist ein Sommer der Hoffnung gefolgt. Möge er nicht trügen! Tie Kricgcrfamilie auf der Wohnungsuche. lieber die Abneigung mancher Hauseigentümer oder ihrer Stell Vertreter, ihre Wohnungen an Kriegerfamilien zu vermieten, geht uns wieder eine Klage zu. Ein Äriegsleitnehmer, der sich in einem Berliner Lazarett befindet, aber wahrscheinlich in nächster Zeit als geheilt an die Front zurückkehren wird, muß für seine in Berlin wohnende Familie hier eine andere Wohnung suchen. Als der Feld graue zusammen mir seiner Frau im Nordosten der Stadl eine Wohnung besichtigen wollte, fragte die Portierfrau ihn, ob er wieder inS Feld hinausgehen werde. Auf seine bejahende Antwort erklärte ie, unter diesen Umständen könne sie ihm die Wohnung nicht vermieten, der Wirt habe schon genug Kriegerfamilien im Hause. Sie sügte hinzu, daß der Wirr sie ausdrücklich beauftragt habe, an keine Kriegerfamilie mehr zu vermiet en. Als der abgewiesene Kriegsteilnehmer am nächsten Tage seine Wohnungssuche fortsetzte, gab es neuen Aerger. Der Verwalter eines Hauses, in dem er gern gemietet hälle, sagte ihm von vornherein, Mieteerinäßiguug könne er für Kriegcrfrauen nicht bewilligen. DieFurchl, einer Kriegerfamrlie etwas von der Miete ablassen zu müssen, mag bei dieser Abneigung der Hauswirte gegen Kriegerfamilicn stark mitsprechen. Der Kriegsleitnehmer äußert sich zu uns über seine bei der Wohnungssuche gemachten Erfahrungen in so bitteren Worten, daß wir uns die Wiedergabe versagen müssen. Wir stimmen ihm durch- aus darin bei, daß Kriegsteilnehmer vor solchen Wohuungssorgen geschützt werden müßten._ Tie Arbeitsvermittlung für Kricgsinvaliden. Mit der Arbeiisvermittlung für Kriegsinvaliden befassen sich mannigsache Gesellschaften. Vereine und Unternehmungen, ohne die nötige Fühlung mit den Organen der Kriegsinvalldenfürsorge und den öffentlichen Arbeitsnachweisen zu halten. Dadurch wird der Erfolg der amtlichen Fürsorge gefährdet, indes besteht insbesondere die Gefahr, daß die sogenannten Jnvalidenposten. die den Schwer- beschädigten vorbehalten bleiben sollen, nicht die richtige Berwen- düng finden. Die Regierungspräsidenten und der Polizeipräsident in Berlin sind deshalb darauf hingewiesen worden, daß die Bundes- ratsvcrordnung über Wohlfahrtspflege während des Krieges in den meisten Fällen die Handhabe gewährt, auf eine zweckmäßige Rege- limg der Arbeitsvermilttimg in solchen Fällen hinzuwirken. Grund- sätzlich ist diese den Organen der amtlichen Kriegsinvalidenfürsorge oder den mit ihnen zusammenarbeitenden Arbeitsnachweisen zu überlassen. Nur in Ausnahmefällen ist die Vermittlung auch anderen Stellen zu gestatten und die Ordnuitgsmäßigkeit ihrer Ausübung dadurch zu sichern, daß das Zusammenarbeiten mit der amtlichen Fürsorge zur Bedingung gemacht wird. Ungleichheit bei der Magermilchverteilung? Der Verkauf von Magermilch ist in Berlin seit mehreren Mo' naten durch Magermilchkarten geregelt, die den Familien mit Kindern des 7. bis 13. Lebensjahres ein Bezugsrecht geben. Ein solches„Recht" aus NnhrunaSmittelbezug bietet aber bekanntlich noch keine Gewähr daiür, daß man das betreffende Nahrungsmittel auch wirklich immer kriegt. Aus der Gegend deS MarhcinckeplatzeS mel- det uns die Mutter eines im 3. Lebensjahr stehenden Mädchens, ihr Milchhändler habe schon vor mehreren Wochen die ihr durch die Milchkarte zugesagte Magermilchmcnge eingeschränkt und schließlich gar keine Magermilch mehr für sie gehabt. Er habe versichert, daß ihm nicht so viel Magermilch geliefert worden sei, wie er zur Befriedigung aller eingetragenen Kunden brauchen würde. Sonder- bar ist, daß gleichzeitig ein anderer Milchhändler, der nahe dabei wohnt, Ueberfluß an Magermilch haben soll. Wenn die Angaben des über Magermilchmangel klagenden Händlers zutreffen, so liegt hier eine Ungleichheit der Milchbelieferung vor, gegen die nach« drücklich Einspruch erhoben werden muß. Ein Milchhändler wird' ja wohl wissen, welche Schritte cr zu tun hat, um zu seinem Recht zu kommen und Gleichmäßigkeit in der Belieferung zu erzwingen. Sorgt nicht cr selber für Abhilfe, so sollten seine Kunden, die darunter zu leiden haben, sich mit Beschwerde an die Fettstclle Grotz-Berlm wenden. Tie hohen Kaffcepreise in den Gastwirtschaften. Obwohl die Mittel für die Zubereitung des jetzigen sogenann- ton Kaffees viel billiger sind�haben die Preise für eine Tasse dieses Getränks eine bedeutende Steigerung erfahren. Die Volkswirt- schaftliche Abteilung des KriegsernährungsamtS, die Reichspreis- stelle, richtet deshalb an die Gemeinden und Preisprüfungsstellen, in deren Bezirk bereits bestimmte Preise für derartige Getränke festgesetzt find, das Ersuchen, ihr möglichst umgebend davon Mit- tcilung zu machen. Einige deutsche Gemeinden haben schon Höchst- preise für eine Tasse Kaffee festgesetzt; in Eisenach z. B. beträgt er 25 Pf. Die Volkswirffchustlichc Abteilung des Kricgsernährungs- amts betont, daß bei der Festsetzung der.Höchstpreise folgendes zu- beachten ist: Zunächst hat sich die Herstellung solcher Getränke bei dem Fehlen der reinen Kaffeebohnen und dem wesentlich billigeren Preise der Kaffee-Ersatzmittel echtem Bohnenkaffee gegenüber er- heblich verbilligt. Ferner wird im allgemeinen keine Milch oder nur ein sehr minderwertiges und nicht teures Ersatzmittel vcrab- reicht. Aehnlich liegt es mit dem Zucker, der ganz überloiegend gar nicht mitgeliefert und für den meistens auch nicht einmal Sacharin verabfolgt wird. Demgegenüber spielen die geringen M ehr- kosten für die Unterhältung des Personals usw. kaum eine Rolle. Auch trifft bei vielen Kaffoe-Restaurcmts, besonders in dciff großen Städten, der Gesichtspunkt eines verminderten Umsatzes nicht zu; oft ist sogar das Gegenteil der Fall, Unter dseseii Umstyndcw liegt ein Anlaß zu erhöhten Preisen für die- Ärst' abreichung einer Tasse Kaffee oder Kaffee-Ersatz gegenüber den Friedenspreisen im allgemeinen überhaupt nicht vor. „Wir füttern lieber die Schweine damit." Für Spargel und Rhabarber sind für Berlin von der Bezirks- stelle für Gemüse und Obst neue Richtpreise festgesetzt worden. Ein Berichterstatter meldet dazu: Sofort, wie mit einem Schlage, waren Spargel und Rhabarber in den mristen Geschäften und in den Markt- hallen verschwunden.„W ir füttern lieber die Schweine damit, als daß wir zu den Preisen verkaufen,'" erhielten wir mehrfach auf Anfragen zur Antwort. Auf unsere Erkundigung er- fuhren wir dann, daß nunmehr Spargel und Rhabarber nach ande- ren Städten, besonders nach Hamburg versandt werden. Ueber diese Mitteilungen kann man sich nach den mancherlei ähnlichen Erfahrungen nicht mehr wundern. Was hier dexichtct wird, sind die unausbleiblichen Folgen der„ErziehuugS-" und „Aufklärungs"arbeit, wie sie von den agrarischen Zeitungen und Wortführern seit langem betrieben wird. Merklvtirdig ist nur, daß gerade die lautesten Rufer für einen T a u c r k r i c g zu Erobc- rungszwecken zugleich die eifrigsten Förderer der Lcbcnsmittclnot sind._ Berliner Lebensmittclnachrichten. Mit Rücksiibt auf die reichlichere Zufuhr von Fischen gelangen auf Abschnitt 79 der Berliner Lebensmittelkarte 63 Gramm Brat- fett zur Verteilung. Der Abschnitt ist vom Montag, den 11., bis Sonntag, den 17. Juni, in denjenigen! Geschäft einzulösen, in dein der Verbraucher zum S�eisefeltbezuge in die Kundenliste eingetragen ist. Anmeldung für dän Bezug des BratfetleS ist nicht erforderlich; Empfangsbesäieiniguiigeil werden nichr erteilt. Die Abgabe deS BratfetleS geschieht in besonderer Packung. Tie Aiisfichten der diesjährige» Obsternte sind nach dem Urleil der Saclwersländigen nicht so günstig, wie angesichts deS reickien Blütenaiisatzes vielfach angeiioinmen worden war. Die A e p f e l« bäume, die im vorige» Jahr besonders reich getragen haben, dürften in diesem Jahre ruhen. Die Birnen blühten allgemein sehr reich, aber die Frnchizweige und Knospen haben durch die Kälte im Februar bei vielen Sorten sehr gelitten. Unter der Trocken- heit ist das Beerenobst, z. B. die Stachelbeere, �in zahlreicheu Gegenden verkümmert. Bei dem jetzigen Mangel an Spritzen, Spritz- Mitteln und Arbeitern ist außerdem zu befürchten, daß Schädlinge und Krankheiten überreich austreten werden. Nach alledem glaubt man im günstigsten Falle nur mit einer M i l l e l e r n l e rechnen zu dürfen. Burcaukrat'lsmris»nd Piipicmrstfiwcndung. In der Gerichts- schreiberci des Berliner Landgerichts 1, Abteilung für Strafsachen, meldete sich ein Prozeßbeieiligter und bat unter Vorzeigung seines Ausweises um Rückreichung der zu dem erledigten Prozeß ein- gereichten Urkunden. Der Beamte lehnte das ab und verwies den Aniragsiellcr auf den schrisilichen Weg. Als darauf der Prozeß- beteiligte bat, doch dann der Einfachheit halber einen Protokoll- vermerk zu machen, daß die Papiere vom Antragsteller zurückverlangt würden, erhielt er von dem diensttuenden Beamten die Antwort: Für Leute wie Sie, die schreiben können, protokolliere ich nicht, dazu bin ich zu überbelastet. Reichen Sie einen ichristlicheu Antrag ein."— Wenn man betücksichtigt, daß derartige Ansuchen um Rück» gäbe llberrcichlcr Papiere nach Erledigung von Prozessen täglich zu Hunderten bei den Gerichten gestellt werdeil, kann man ermessen, welche Zeit-, Porto- und Papicrverschwendung durch eine derartige Handhabung getrieben wird. Der Winter-Gartcn hat sich für seine neue Saison die ersten Kräfte des großen Balletts der Warschauer Oper gestcherr, in erster Linie die Prima Ballerina Anna Gaszcwsla. Bekanntlich ist das ftrofee tDlnifAe 2?a(Ielt nreitSbebeulenh ksziehungstveise sum großen Teil ibeimjct) n»t dem durch seine Leistungen in Berlin ffoch eingesehenen russischen Ballett der(ehemals kaiserlichen) Oper iir Petersburg. Ter �irachtschiffverkehr auf dem Teltowkanal hat im Monat Mar mit 186 UL Tonnen Güterbeförderung die bisher größte Höhe erreicht und den Höchststand vom Juli 1913 erheblich, überschritten. Auch die Zahl der leeren Schiffe, die de»' Kanal be nutzten, ist im Mdnat Mai außerordentlich groß gewesen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß juir Beförderung der erwähnten 186 litt Tonnen Ladegut 18 699 Eisenbahngnterlvagen erforderlich wäre», so leuchtet ein, lvie erheblich der Teltowkanal zur Entlastung der Eisenbahnen und damit zur Versorgung Groß-BerlinS best getragen hat. Die Herstellung der Kursbücher ist diesmal mit ganz b e- sonderen Schwierigkeiten verknüpft. Ungewöhnlich zahlreiche und durchgreifende Veränderungen sind von fast allen Eisenbahnver- waltungcn vorgenommen, die Mehrzahl der Aenderungen aber erst kurz vor deni Inkrafttreten des neue» Fahrplans vorgesehen worden. ES war deshalb unmöglich, die Fahrpläne in der kurzen Zeit noch voll» ständig richtig zu stellen. Zu diesen Schwierigkeiten kommt noch der allgemeine Mangel an geeigneten Kräften bei der Herstellung der Handschriften wie bei der Drucklegung. Gerade �für beide Arbeiten sind aber wohl eingearbeitete und erfahrene Kräfte unentbehrlich. Es ist deshalb begreiflich, wenn diese Bücher diesmal nicht mit der gewohnten Pünktlichkeit erscheinen. Weitere Beschränkung der Krastdroschkcnfahrten. Das Polizei» Präsidium teilt init, daß vom 19. d. M. ob Kraftdroschkenfahrten nach L Uhr abends auch zu den Bars und ähnlichen dem Per- g n n g e n dienenden Schankstätten sowie zu und von Kaffeehäusern und Konditoreien verboten sind. Berliner Ashl-Bcrein für Obdachlose. Im Mai nächtigten im Männer«Asyl 3119 Personen, im Frauen-Asyl 1991 Personen. Arbeitsnachweis wird erbeten für Männer und Frauen Wiesen- straße bö/59. In der Mordsache der Prostituierten Schreiber in Spandau wird ein Levcnsmittelkartenschwindser verfolgt, der unter den Namen Hausen, Hengstenberg usw. auftrat. In einem Hause in Spandau wurde ein Päckchen mit Lebensmittelkarten und einem Brief gefunden, der die Worte enthielt:„Du weißt doch von Spandau, die Leiche ist jetzt weg." Mit Hilfe des Erkennungs- dienstes wurde an der Schrift festgestellt, daß der Schreiber ein viel- fach vorbestrafter 93 Jahre alter Buchbinder Albert Bnmblatt ist. Bumhlatt trat früher als Einmietedieb und Betrüger auf und ist mit 19 Jahren Zuchthaus vorbestraft. Er läßt sich bei seinem jetzt- gen Auftreten immer für kurze Zeit anmelden und die Lebens- mittelkarten aushändigen, verschwindet dann und verckauft die Karten. Auch bestiehlt er die Wirtinnen. Geschädigte können sein Bild im Zimmer 42 besichtigen, weitere Mitteilungen werden auch im Zimmer 19ä d-S Berliner Polizeipräsidiums entgegengenommen. Im Jahre 1998 wohnte B. in der Simeonstr. 18. 1911 in der Alexan- drinenstraßc 199. Er ist 1,67 Meter groß und schlank, hat graues Haar und einen rotblonden Schnurrbart. Tic Tummcn werden nicht alle. Mit angeblich ihr zur Ber- fügung stehendem markenfreien Fleisch nimmt eine reisende Schwindlerin, die sich seit einiger Zeit in Berlin aufhält, Männern und Frauen Geld ab. Sie besucht Schankwirtschasten oder stellt sich >an Haltestellen der Straßenbahn usw. aus. knüpft auch im Straßenbahnwagen oder aus der Eisenbahn Gespräche an, in denen sie durchblicken läßt, sie sei in der Lage, kleinere Mengen marken- freies Fleisch, Fett und dergl. zu beschaffen. Sie läßt sich stets den Kaufpreis im voraus zahlen und nimmt vertrauensseligen Leuten, je nachdem sie sie einschätzt, 5 bis 50 M. ab. Wie die Kriminal- Polizei ermittelte, ist sie eine 22 Jahre alte, aus Lübeck gebürtige Else Mangnusscn, die sich auch Mananusson oder Hansen nennt. Sie ist niittelgrotz und schlank bis untersetzt, hat hellblondes Haar, hell- braune Augen, blasses Gesicht und ist besonders kenntlich an einer Narbe auf der rechten Ecsichtsscitc, die bis zum Halse herunter- reicht. Tödlicher Unfall eines Feuerwehrmannes. Die Genieindefeuer« wehr�in Ober schöneweide hielt auf dem Hofe dcS Depots in dar SiemenSstraße eine große Löschübung ab. Bei einer Hebung an der mechanischen Leiter stürzte der LOjährigo Feuerivehrmann Schlosser Walter Ernhch au? der RathauSstr. 51 infolge Bruches einer Sprosse aus einer Höhe von mehr als 29 Metern rücklings ab. Er erlitt so schwer« innere und äußere Verletzungen, daß er fast auf der Stelle starb. Eine Untersuchung über etwaiges Ver- schulden anderer Personen ist eingeleitet worden. Bon einem Fallhammer erschlagen wurde der 54 Jabre alte Ar- beiter Wilhelm Jeserich aus der Reichenberger Straße 97 in einem Betrieb in der Miihlenstraße, in dem unter anderm auch Eisen zer- kleinert wird. Der Hammer, an dem er beschäftigt war, fiel ihm auf den Unterleib und traf ihn derart, daß er gleich starb. Selbstmorde. Die Sl Jahre alte Arbeiterin Witwe T. au« der Uferstraße sprang au« einem Fenster de« vierten Stocks auf den Bürgersteig hinab und war sofort tot. Was sie dazu veranlaßte, ist nicht bekannt.— Erhängt haben sich au» unbekannten Gründen der 58 Jabre alte Zeitungshändler H. an« der Pücklerstraße und die 49 Jahre alte Aufwärterin v. au« der Koppenstraße. Lichterfclde. Eröffnung einer Gemcindesparkasse. Die Gemeinde eröffnei heute ihre bereits vor längerer Zeit beschlossene Gemeinde» sparkasse. Die Kassenräume befinden sich im Lichterfelder Rathause, Zimmer 29, im Erdgeschoß. Die Kassenstunden sind vormittag« von 9 bis 1 Uhr und nachmittags von 3 bis 6 Uhr. Die ein- gezahlten Beträge werden vom solgenden Tage an mit 3'/, Proz. jährlich verzinst. Fricdrichsliagrn. Lebcnsinittelverteilung. Von heute ab gelangt auf Abschnitt? in den bekannten Geschäften« u p p e n m i s ch u n g zur Verleitung. Auf jede Karle entfallen 399 Gramm zum Preise von 36 Pf. Ferner gelangen Delikateß-Kräiiterheringe in allen Lebensmittelgeschäften zuni freihändigen Verkauf. Die Abgabe erfolgt nur in kleineren Mengen zuni Preise von 1,29 M. pro Pfund. Spandau. LrbeuSmittelverteilung. Als Ersatz für Kar- t o f f e l n können gegen Abtrennung von Kartoffelmarken für die laufende Woche 959 Gramm Brot oder 799 Gramm Roggenmehl entnommen werden. Dasselbe gilt auch für die Kartoffelkarte der abgelaufenen Woche, wenn darauf keine Kartoffeln zu erhalten waren.— In der städtischen Gärtnerei sind täglich von 3 bi« S Uhr Gemüsepflanzen zu haben. AdlerShof. Einrichtung einer Lungenkranlenfürforgrstellc. Der Ge- meindevorsiand hat die Errichtung einer Fürsorgeberatungsstelle für Tuberkulose, der eine vorgebildete Fürsorgeschwcster vorstehen soll, in Gemeinschaft mit den Nachbargemeinden angeregt, um im Interesse der Allgemeinheit geeignete Maßnahmen zu treffen. An dieser Beratungsstelle sollen sich die angeschlossenen Gemeinden unter Zahlung eines angemessenen Zuschusses beteiligen. Der Vorschlag hat bis jetzt Beifall gefunden, so daß seine Verwirklichung ge- sichert ist. Bohnsdorf. Ledcnsmittelverteilung. Von morgen ab gelangen auf Abschnitt 12 der Lebensmittelkarte 3 Eier und 59 Gramm Nudeln zur Verteilung: auf Abschnitt 7 der Familienkarte werden 259 Gramm Syrup verabfolgt. Dienstag, den 12. ds., werden auf dem Gemeindegrundstück an Ziegenhalter für Milchziegen und Lämmer über ein Jahr je 19 Pfund Haferschalen ausgegeben. Be- zugscheine dazu find vorher im Gemeindebureau abzuholen. Hroß-Serliner parteinachrichten. Sozialdemokratischer Berein für den Reichstags- Wahlkreis Niederbarnim. Die Bezirke, die Wert, darauf legen, daß die Veranstaltungen, die sie in der nächsten Zeit treffen, in der sich über Groß-Berlin erstreckenden Zusammenstellung mit erwähnt werden, die am Sonntag, den 19. Juni, veröffentlicht wird, werden ersucht, die not- wendigen Angaben sofort dem BezirlSsekretär Theodor Fischer, Berlin SW. 68, Lindenstr. 3, zu machen. Der Vor st and. I. A.: Herm. Müller, 0. 112, GryPhiuSstr. 34. Mus aller Veit. Die Ueberschwemmung in Italien. Laut„Seeolo" wird der durch die Ueberschwemmungcn allein in der Provinz Reggio di Emilia verursachte Schaden auf über zwanzig Millionen geschätzt. Sriefkaften öer Reüaktion. V. 4l. Ja, wenn die Eltern nicht inebr leben.— C. M. 25. 1. Nein, da der Verstorbene diese Willenskundgebung nicht eigenhändig ge- und unterschrieben hat; sie hätte dann müsien notariell gemacht werden. 2. Die Gastwirtin Hai kein Anrecht auf die Sachen. Sie können die Her- ausgäbe der Sachen aber nicht verlangen, sondern die Erben müssen es tun. 3. Ja.— Äi. A. K. Da« ist müßiges Gerede.—r. med. Haache, Friedrichstr. 90©Ää Behandl. von Syphilis, Haut-, Harn-,Fraiienleid.,ftie].chron. Fälle. Ehrlich-Hata-Kuren, schmerz. los«, kürzeste Behandlung ohne Be- rusSstörung. Blutunlersuchung. Bläß, Preise. Teilzahlung. Sprechstunden ladfahren Sie aus unserer e?i»tnai-8tandard- Kahrrad'Hureifunc'■ Beste der Gegenwart, leichtes Fahren, gesälltaeS Aussehen. Standard-Company. Berlin S., Kottbnserdamm 91. ■Z Loffrgcx gejM. Iß Unnahmeltellen für„Kleine Anzeigen «t NO. N. Ä. Wengel», Martusstraße 36. Berlin C.». Hahnisch. Ackerstr. 174. 0. Karl Melle, Petersburger Platz 4. L. Zucht, Jmmanuelkirchstr. 12. A. Wolgast, Wattstr. 9. H. Fsscher, Basti an str. 6. Karl Mar». Greifenhageuer Straße 22. I. Hönisch, Müllerstr. 24a. H. Bogel, Lortzingstr. 8. N1V. Salomo» Joseph, Wilhelmshavener Straße«B. 8W.«. Schmidt. Barwaldstr. 42, 8. St. Fritz, Prinzenstr. 31. H. Lehmann, Kottduscr Damm 8. 80. Paul Böhm, Lausitzer Platz 14/15. P. Horsch, Engeluser 15. Baumschnlenweg. H. Hornig, Marienthaler Straße 13, I. Borsigwalde. Paul Kienaft, Räuschstr. 19. Chariottcnburg. Gustav Scharnberg, Sesenheimer Straße 1. Friedrichshagen. Ernst Werkmana, Köpenicker Straße 18. Grünau. Franz Klein, Friedrichstr. 1V. Johannisthal. Max Gonichur, Parkstr. 23. Karlshorst. Hermann Billing, Dönhoffstr. 28. Köpenick. Emil Wißler, Kietzer Straße 6(Laden). Lichtenberg 1. Ott» Seikel, Wartenbergstr. 1. Li-bicnberg H. A. Rosenkranz, Alt-Boxbagen 56. Neukölln. M. Heinrich. Ncckarstr. 2. C. Rohr, Sicgsricdstr. 28/29. Niederschönewelde. Wilh. Unruh, Bnickenstr. 19. Rowaw«. Karl Krohnbera, Eisenbahnstr. 19. Oberschöneweide. Otto Freibank, Bismarckstr. 25. Pankow. Otto Rlßmann, Mühlenstr. 39. Reinickendorf. P. Gursch, Provinzstr. 56(Loden). Schöneberg. Wilhelm Biiumler, Meininger Straße 9(Laden). Spandau. Schumacher, Brette Straße 64. Steglitz. H. Berns««, Alsenstr. 5. Tempelhos. lleckermaan, Kaiser-Wilhelm-Straße 74. Treptow, Robert Gramen,, Kresholzstr. 412(Laden). Weißens««. Gustav Roßkops. Berliner Allee II. Wilmersdorf. Paul Schubert, WilhelmSaue 27. vefchlagaahmefreie Menge« gebrauchter Sektkorke| Weinkorke 35 Pf. das Stück 3�z Pf. Ordomr, ®.m. b.H, kauft Gcorgenkirchstraße 50, 9— 12, 3-6 Uhr. 38/14* beim AltMderplatz Spezialarzt Dr. med. Colcmann f.Geschlechtskrankh., Haut-, Harn-, Frauenleid., nerv. Schwäche, Beinkranke, Khrllch-Hata-Kuren (Dauer 12 Tage). 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Wovon lebt dic Menschheit?— Die Antwort muß und wird vorläufig lauten: Vom Ertrag des Ackerbodens. Wenn man von den Bestandteilen des Wassers, vom Wasserstoff und Sauerstoff absiebt, so besteht die Nahrung noch aus Kohlenstoff und Stickstoff. Von den anorganischen Salzen, die in unserer Nahrung eine durch- aus nicht umvcseirtliche Rolle spielen, soll hier abgesehen werden. Ter Grundpfeiler unserer Ernährung, die grüne Pflanze, nimmt den Kohlenstoff, den sie zum Aufbau ihres eigenen Korpers braucht, und somit auch den Kohlenstoff der tierischen und menschlichen Nahrung aus der Kohlensäure der Luft, den Stickstoff aus dem Boden. Nun ist aber der Stickstoff in der Luft in größeren Men> (Kn vorhanden als die Kohlensäure, es wäre also vom reinen .>sweckniäßigkeitsstandpu»kt richtiger, den Stickstoff aus der Luft zu nehmen und den Kohlenstoff der Mutter Erde zu entziehen. Bisher ivar die Landwirtschast nicht in der Lage, diese Forderun- gen zu erfüllen. Gerade die deutsche Landwirtschast ist eigentlich >n Praxis umgesetzte Wissenschaft; sie hat im Kriege fast Ueber- nienschlichcs geleistet und leistet es weiter. Die Allgemeinheit wird die Grösse dieser Leistungen erst richtig erkennen können, wenn sie der Geschichte angehören. Und dennoch ist rein theoretisch betrachtet die Art der Land- Wirtschaft, lvie sie augenblicklich uns auch in absehbarer Zu- kunft betrieben werden muss. ein Uebel, aber ein sehr notlvendigcs Uebel. Denn sie ist nicht imstande, so zu arbeiten, wie eine tcch- nisch-wirtschaftlich gut geleitete Fabrik. Wenn beispielSweste plötzlich ein vermehrter Verbrauch an Farbstoffen einträte, dann würden die betreffenden Fabriken in ganz kurzer Zeit in der Lage sein, die nötigen Mengen auf den Markt zu bringen. Sie werden ohne Rücksicht auf das Wetter angeben können, wann und wieviel sie liefern können. Sie werden ihre Rohstoffe sicherlich dorther beziehen, wo sie am billigsten und in grössten Mengen zu bc- schaffen find. Diesen Forderungen und einer weiteren, ihren Betrieb jeder Zeit unbeschränkt erweitern zu können, kann die Landwirtschaft nicht genügen. Es soll nun untersucht werden, ob überhaupt eine Aussicht besteht, dass dereinst, oder wenigstens in besonderen Zeiten auch fiir dic LcbcnSmittelcrzcugung dieselben Grundsätze angewandt werden könnten wie ctiva bei der Ge- winnung von Farbstoffen. Vorweg genommen darf werden, dass diese Aussicht besteht. Durch den Weltkrieg ist überall nicht nur in Europa oder gar nur bei den Zentralmächtcn Lebensmittel- knappheit eingetreten, und so ist frühzeitig ein Problem erkannt worden, das sonst vielleicht erst in vielen Jahrzehnten deutlich ge- worden wäre. Unter der Voraussetzung, dass die Bevölkerung der Erde zu ihrer Verdoppelung ein Jahrhundert benötigt, hat man angenommen, dass dic Zahl der Menschen in 200 Jahron auf sechs Milliarden gestiegen sein wird, für die der anbaufähige Boden den Unterhalt gerade noch ermöglichen dürfte. Für einige Jahrhundertc später wäre bereits eine allgemeine NahrungsmittelkrisiS zu er- warten. Durch den Krieg hat aber die Menschheit sd»n hiervon einen Vorgeschmack bekommen. Vor allem aber hat man erkannt, wie wichtig es ist, in der Erzeugung der wichtigsten Güter unab- hängig zu sein. Co werden dcim diese Probleme von jetzt ab nicht mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Da die anbaufähige Fläche begrenzt ist, hat die Landwirtschaft versucht, daS Bodenproblem dadurch zu lösen, dass sie durch Inten- stvwirtschaft aus ber gleichen Bodeufläche gesteigerten Ertrag herausholt. In welch hohem Masse ihr dies, und daS gilt vor allem von der deutscheu Landwirtschaft, gelungen ist, durch die Anwendung der künstlichen Düngemittel nach den Lehren Liebigs, ist heute allbekannt. Auch an das zweite Problem, Unabhängig- beit vom Wetter, hat man sich bereits herangewagt. ES gibt künstlich geheizte Aecker, es gibt künstliche Beregnungsanlagen, auch wurden schon Versuche mit künstlicher Belichtung angestellt. Freilich ist man hier noch nicht über dos VcrsuchSstadium hinaus- gelangt, aber soweit künstliche Erwärmung und Beregnung in Frage kommen, steht schon fesh dass diese Fragen auch wirtschaftlich ausführbar sind. Ten Stickstoff der Luft dem Boden nutzbar zu machen, ist in weitestgehendem Masse gelungen. Gerade hier sind durch den Krieg mäcksiige Fortschritte erzielt. Jedenfalls wird dem Acker- Joden der Welt nach dem Kriege weit mehr an Sticksloffverbindun- gen zur Verfügung stehen als vorher. Die Pflanze benötigt den Stickstoff, um daraus das Eiweitz auszubauen. Da der tierische Organismus seinen Eitveihbedarf iviederum nur aus der Pflanzen- weit decken kann, ist die Bedeutung der Stickstoffrage klar. Gerade hier ist im Kriege ein entscheidender Schritt vorwärts geschehen, durch die Mineralhefe, von der nachgewiesen ist, daß sie sich im Grossen, fabrikmässig, unabhängig vom Boden von Wetter und Zeit gewinnen läßt, wobei als Stickstoffquelle anorganische Stick- stoffsalze dienen. Wir sind also schon heute unzweifelhaft in der Lage, den lebenswichtigsten Stoff, das Eiweitz, nach den gleichen Voraussetzungen zu gewinnen wie eben etwa Farbstoffe. Zuletzt noch das Kohlenstoffproblem. Kann es möglich werden, den Kohlenstoff der Nahrungsmittel statt aus der Kohlensäure aus den Kohlcuschätzcn der Erde zu gewinnen; ausser dem Kohlenstoff in Form von Kohle kämen hier auch die ungeheuren Mengen kohlensaurer Salze, wie Kalk oder andere Karbonate, in Frage. An der Lösbarkeit auch dieses Problems ist nicht zu zweifeln, ja es ist schon gelöst. Nach den Patenten einer schweizerischen Aktien- gesellschaft wird bereits Alkohol aus Azetylen hergestellt. Das Azetylen wird auS Karbid, dieses durch Zusammenschmelzen von Kalk und Kohle gewonnen. Nach dem gleichen Verfahren lässt sich auch Essigsäure gewinnen. Beides, Alkohol und Essigsäure, sind verdauliche Stoffe, beide wurden bisher, die Essigsäure wenigstens zum Teil, aus Stoffen gewonnen, die dem Acker entstammen, beide sind Anfangsglieder chemischer Reihen.. Wenn also tatsächlich in allen grundlegenden Fragen, die die Landwirtschaft vom Fabrikbetrieb schieden, mindesten? die Anfänge der Lösung bereits vorhanden sind, wird deshalb doch der land- wirtschaftliche Betrieb in der heutigen Form niemals entbehrlich werden. Denn was wir durch die Ernte gewinnen und verbrauchen, sind die Zinsen des Kapitals; der andere Weg greift das Kapital selbst an. Aber wenn in Zeiten der Not die Zinsen zur Deckung des Lebensbedarfs nicht mehr ausreichen, dann greift auch der fürsorglichste Hausvater zum Notgroschen. P l o h n. die Urheimat Ser Gsmanen. Eines der vielen KriegSzielc der Entente ist die Zurückdrängung der OSmanen in die Grenzen ihrer Urheimat, und selbstverständlich die Besitzergreisung jener Gebiete, dic sicb die Türken im Laufe der Jahrhunderte erobert habe», lieber die Herkunft der OSmanen ist man beute»och nicht ganz im klaren. Biete glauben, ihren Herkunftsort in daS westliche Sibirien oder in die Schluchten des AltaigebirgcS verlegen zu müssen, andere Gelehrte wieder jucken die Heimat der Türken in China. Die Dokumente aber, dic sich mit der Gesckichte und der Vergangenheit der Türken befassen, reichen bis zu dem Zeitpunkt zurück, da die OSmanen sich im Kaukasus nieder- gelassen halten und Stämme bildeten, die sich über den Kaukasus und östlick bis ans Kafptsche Meer verbreiteten. Teils lebten sie als friedliche, sehhaste Bauern in den Tälern, teils führten sie ein No- madendaiein, und hatten gegen räuberische Horden, die aus dem Innern Asiens hervordrangen, zahlreiche Kämpfe zu bestehen. Die Zahl der Stämme vermehrte sich, und ein Teil, der den Namen Skythen angenommen hatte, wanderte über das Schwarze Meer aus nach Rumänien. Bulgarien. Ungarn und Albanien. Zu jener Zeit, im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, stand der JSlanr bei den Arabern in voller Blüte. Die OSmanen kannten dtrie neue Religion und deren Verkiinder Mohammed bisher nicht, und wäh- rend die Araber bis Konstantinopcl, daS damalige Buzanz, vor- drangen, das sie vergeblich belagerten, traten ihnen auf ihrem Wege über die Küstenstriche deS Schwarzen Meere« die OSmanen entgegen. Ohne grosse Anstrengung bekehrten die Araber die OSmanen, die zum grossen Teil Anhänger der Lehre ZoroasterS waren, zum Islam. Der VerschmelzungSprozeh zwischen Arabern und OSmanen nahm raschen Berlauf, denn die letzteren fanden protzen Gefallen an der EroberungSgier ihrer Lehrmeister, und sie dienten mit Vorliebe als Reiter im arabischen Heere. Von dem Reiöhtnm der Gegenden, in die sie die Araber fühlten, geblendet, vertrieben sie die Griechen und Perser aus ihren Eitzen, und mittlerweile hatten sie cS erreicht, die Oberhand über die Araber zu gewinne», die ihrerseits begannen, unruhig zu werden. Die Kalifen von Bagdad knüpften, um die siegreich vordringenden Reiter lahmzulegen, Beziehungen zu den Periern an. aber diese Beziehungen ivarcn vergeblich. Die Osmanen drangen vom KaukastiS her nach Kleinasien vor und vernichteten auf ihrem Wege die Perser, so dnh dem damaligen Kalifen von Bagdad nichts anderes übrig blieb, als sich mit den Siegern zu verbrüdern, wenn er nicht sich und sein Reich dem Untergang weihen wollte. So drangen die Osmanen bis zum Persischen Golf und Indischen Ozean vor. Andere Abteilungen erreichten das Mittelländische Meer und dehnten ihre Streifzüge über Nordafrika aus, ja. sie gelangten an der Ostküste deS Schwarzen Erdteils bis weit in den Süden. Schliesslich waren sie unumschränkte Herren vom Kaspischen Meer bis zur Südipitze Arabiens, und von der indischen Grenze bis ans Mittelländische Meer. Zur Zeit ihrer grössten Machtentfaltung gehörten fast alle Küsten des Milielländischen Meeres den Osmanen, und nur Venedig und andere GebtetStetle der apenninischen Halbinsel vermochten sich der westlichen Eindringling« zu erwehren. Eine ganz besondere Blütezeit vermochten dic Mauren in Spanien zu entfalten, und auch in Ungarn regierten die OSmanen nicht zum Nachteil der damaligen Bevölkerung. E§ ward ihnen seit jeher grosse Rücksichtnahme auf die eroberten Ge« biete und deren Völkerschaften nachgerühmt. Der Islam schrieb die Nächstenliebe und Hilseleistung für die Bedrängten vor, und nur den. Umstand, dass die Sieger sich streng an die Vorschriften ihrer Religion hielten, hatten sie es zu verdanken, dass sie die von ihnen eroberten Gebiete durch Jahrhunderte halten konnten. Wenn mit der Zeit Teile solcher abbröckelten, so war das nicht einer sort- sckreitenden Degeneration des OSmanentumS zuzuschreiben, wie man oft irrtümlich annimmt, sondern die Eroberer muhten einer stärkeren Gewalt weichen. 75 Jahre elektrische Telegraphie in deutschlanö. ES hatten zwar schon Sömmering 1300 und Gauss und Weber 1833 mit schwersälligen Apparaten bei uns zu telegraphieren versucht, aber in die Praxis waren dies« Systeme nicht gedrungen. Da lietz sich ein unternehmender Berliner Kaufmann, der Hosrat Soltmann, von England die ersten dort praktisch erprobten Zeigertelegraphen schicken, um diese hier beim Staat einzu- führen. Das ivar für die unternchmungSarme vormnrzliche Zeit wahrlich kühn. Soltmann hatte in früheren Jahren die Bedeutung der Strnveschen Erfindung zur Herstellung künstlicher Mineralwässer erkannt, sich mit Struve geschäftlich verbunden und aus den gemeinsamen Mineralwasierfabriken in verschiedenen grossen Städten hohen Gewinn gezogen. So konnte er sich schon einen kostspieligen Telegraphcnversuch leisten. Als daS englische Apparatenpaar angekommen war, kam Soltmann für diese Erfindung um ein prcuhischcS Patent ein. Die königliche Gewerbedeputation stand damals dem technischen Fortschritt recht bureaukratisch gegenüber, und so lehnte sie mehr Patentgesuche ab, als sie besürwortete. DaS Eoltmanniche Gesuch ging aber sogleich durch und so erhielt der.Bettler Soltmann' vor 7S Jahren— am 10. Mai 1842— aus die englischen Telegraphen das preuhtsche Patent. Aber— die Apparate funktionierten nicht. Der einzige Berliner Mechaniker, der etwas von Telegraphie verstand, der Uhrmacher Lconhardt, brachte die Apparate bei Soltmann nicht in Gang, ob- wohl zu der Vorsührung in dem schönen Soltmannschen Park, den die Berliner damals' den künstlichen Mineralbrunnen nannten, viele Gäste geladen waren. Unter diesen befand sich auch der Regimentskamerad von dem Sohn des Hofrats Soltmann, der arme Leutnant Werner Siemens. Dieser suchte, um seine und seiner dielen Geschwister Existenz zu gründen, nach neuen Er- findungen. Im Augenblick erkannte Siemens die Mängel der englischen Telegraphen. Er konstruierte aus den Soltmannschen Apparaten ein neues System, führte c» in Verbindung mit Leon- Hardt aus, legte cS der Verwaltung der optischen StaatStelegraphen vor und wurde sogleich zu grösseren Versuchen abkommandiert. ES ist ja bekannt, daß Siemens sich bald mit dem Mechaniker HalSke vereinigen konnte, noch als aktiver Leutnant baute und grosse Tele- graphenlinten anlegte. In jenem schattigen Soltmannschen Park erhielt die englische Telegraphie durch den genialen Siemens eine Förderung von unschätzbarer kultureller und materieller Bedeutung. _ F. M. F. Notizen. — Ein.Deutscher Ausschuß zur Kunst' hat sich tn Berlin gebildet. Er verfolgt da? Ziel, eine Vertretung der gesamten bisher arg zersplitterten deutschen Kunst— der bildenden, redenden und spielenden— zu schaffen. Seine Aufgaben erblickt er u. a. in der Jnleressenvertreiung der Berufsanaehöriaen, Organisation des SammelwesenS, Förderung der Kunstgesetzgebung usw. Al« Organ gilt das.Zentralblatt für die deutsche Kunst'. Die Amtsstelle ist Schöneberg, Hauptstr. 9. — Vorträge. Im Monist enb und spricht Freitag, den 8. Juni, abends 8>/, Uhr, im.Hunibserbräu', Tauentzienstr. 7, Dr. Magnus Hirschfeld:.Vom Wesen der menschlichen Persön- lichkeil". — Die e r st e staatliche O p t i k e r s ch u l e, die die fach- wissenschaftliche Ausbildung der deutschen Optiker verbessern und in neue Bahnen lenken will, ist mit Hilfe der Karl-Zcitz-Stiftung in Jena begründet worden. Zum Direktor ist der Optiker Gerhard Kloth aus Strassburg gewählt worden. Der Lehrgang wird sich voraussichtlich auf zwei Semester erstrecken; den Abschlutz deS Unterricht» bildet eine Prüfung. Der starte Mann. Eine schweizerische Offziersges chichte von Paul Jlg. Einer auL dem Kreise forderte den Verwirrten heraus, Indem er spöttisch bemerkte, dem Löwen des Tages scheine es in seiner Haut doch nicht recht behaglich zu sein. Lenggen- bager raffte sich auf, wobei der Zorn über sich selbst schnell eine andere Gestalt annahm.„Versteht sich, die Fällst im Sack zusehen müssen, wie diese Aufwiegler unS ihre Prügel zwischen die Beine werfen, ist nicht ergötzlich. Da vergeht einem der Humor!" sagte er mit mehr Widerstandskraft. Natürlich waren alle für einen zünftigen Putsch, der die politische Krise vielleicht mit einem Schlag beenden konnte. Sic sprachen verächtlich von den Volksführern mit aus- gestanzten Hosen und Schlapphüten, die daS Stimmvieh ungestraft gegen das Wchrwesen stößig machten. Verstanden sie auch wenig von dem sozialen Bau und Zusammenhang der Eidgenossenschaft, so erkannten sie im Heere doch ein mächtiges Gegengewicht gegen die wachsende Gleichmacherei im Staate. Waren sie sonst laue Bürger, die der herrschenden politischen Richtung machtlos, gleichgültig den Rücken kehrten und eine Stammverwandtschast nur unter ihresgleichen gelten ließen, so erfüllten sie im Militärdienst ihre Aufgaben mit Freuden, stets bedacht, dem unvergleichlichen Instrument der Volksbcherrschung einen möglichst scharfen Schliff zu geben. Zu diesem Zweck und in diesem Punkt hielten sie sich geschlossen an das preußische Vorbild. In Lenggenhager ehrten sie mit Recht einen trefflichen Schrittmacher für ihre Bestrebungen. „Gott sei Dank, ich komme nächstens nach Berlin auf die Kriegsakademie. Da sieht man wieder mal anständige Verhält- nisse. Ich habe diese Krakeelerrepublik gründlich satt l" be- kündete der Sohn des Obersten Steiger mit Genugtuung. Er sagte das freilig nicht, um Lenggenhager beizustehen. Seine Sympathie für den unternehmenden Kameraden hatte er- heblich nachgelassen, seit dieser ihm mit einer„regelrechten' Schtvagerschaft drohte. Mit Unbehagen erinnerte er sich jetzt an dessen Abkunft, sich wundernd, daß die hochmütige Schwester daran keinen Anstoß zu nehmen schien. Da er diese mit ihrem Wagen am Kai erwartete, war ihm Lenggenhagers An- Wesenheit ohnehin lästig. Er hätte eine Beaegnung der beiden m diesem Kreise heute lieber verhindert. Run ivar eS aber zu spät. Bei einem Blick auf die Seestraße entdeckte er den an seinen roten Riesenrädern leicht erkennbaren Dogcart der sportfreudigsten Treustädterin. Das weiße Windspiel sprang dem gemütlich nahenden Gefährt, von Sonne und Be- wegung begeistert, ungeduldig voran, und der kugel- runde, guteingefahrene Cob, ein leuchtender Apfelschimmel, schien dem Bruder Leichtfuß vor Vergnügen zuzunicken, weil durch dessen verrückte Sprünge nur noch mehr Aufsehen er- regt wurde. Auf dem Bock des schaukelnden Korbwagens saß Reuse Stetger im hellen englischen Kleid, wie ein Rennfahrer vorgebeugt, mit ausgestreckten Armen die Zügel führend. Ein blütenwcißer Fuchs rahmte den zierlichen Blondkopf ein und die buschigen Reiher auf dem grauen Samtkäppchen wippten lustig auf und nieder. Der kleine Groom, der mit ver- schränkten Armen auf dem schmalen Rücksitz thronte, wars seinen LauSbubenkopf mit braunem Zylinder nach allen Seiten, um die bewundernden Blicke der Fußgänger ein- zuheimsen, während die Wagenlenkertn selber streng geradeaus blickte, als wüßte sie nicht, daß die vielen Spazier- gängcr in den Anlagen bei ihrem Erscheinen die herrlichsten Naturgenüsse leichtfertig preisgaben und eine Weile wieder zu blöde gaffenden Kindern wurden. Renöe Steiger war so sehr das Ereignis der Straße, daß neben ihr kaum noch eine andere Treustädterin noch in Betracht kam. Deshalb wurde sie von ihresgleichen mehr gescholten als anerkannt. Man fand ihr Auftreten gar zu Prinzessinnenhaft und aufteizend für eine bescheidene Stadt, in der die Beteiligung im savost vivre naturgemäß gering und die Geldsacke noch viel zu sehr strapaziert, zu wenig ausgeruht waren. Vor- zugsiveise wußte hingegen die goldene Jungmannschaft ihre Verdienste um die Hebung des sportlichen LcbenS zu schätzen. Als sie vor dem Bootshause Halt machte, wurde sie denn auch gleich von den Kameraden der Reitbahn und des Tennis- Platzes umringt. Adolf Lenggenhager hielt sich absichtlich im Hintergrund, obwohl er von der Erscheinung seiner Verlobten hingerissen war. Im Grunde wußte er nicht, wie er sich benehmen solle. Tat er besser daran, eine kühle Zurückhaltung zu be- obachten oder war es geboten, seine Errungenschaft frisch- fröhlich durchblicken zu lassen? Renöe Steiger toarf die Zügel dem Stalljungen zu und sprang an der Hand ihres Bruders zu Boden. Sie hatte im Umgang eine den jungen Männern abgelauschte Keckheit, ein scheinbar unbefangenes, selbstsicheres Auftreten, ohne eine Spar von weiblicher Zurückhaltung. Daß dies eine erworbene. keine angeborene Eigenschaft war, konnte sie jedoch ans dic Dauer nicht verbergen. Die innere Gebundenheit verriet sich in ihren Bewegungen, die viel zu burschikos herausfordernd waren, um echt zu sein. Ihrer Seele habhaft zu werden, schien hingegen unmöglich; sie hüpfte und schlüpfte wie ein Zaunkönig durch das Dickicht der Alltäglichkeit. Indem sie dem Nächsten die Hand drückte, sah sie sich schnell nach Lenggen- hager um, der zuerst militärisch grüßte und dann dunkelrot im Gesicht vor Verlegenheit die dargebotene Rechte küßte. „Sie auch? Es ist ja ein wahres Wunder, daß Sie noch nicht gelyncht wurden!" sagte sie mit der gleichen un> verbindlichen Munterkeit, die sie den andern gegenüber an den Tag legte. Der schärfste Beobachter hätte bei dieser Bc- grüßung mit dem ihr nahestehenden Offizier kaum eine leise Veränderung in ihrem Wesen feststellen können. Weder ein helmlicher Augenwink noch ein wärmerer Händedruck wurde dem bange Harrenden zuteil, der durch daS reizvolle Ge- wand der Dame von Welt ein Streifchen Innigkeit zu er- haschen hoffte. Er hatte vor innerer Not noch keine Entgegnung gefunden, alS sie sich schon wieder von ihm ab nach der Treppe wandte, die zu dem neuen BootShauS führte. Vom Witz eines Begleiters entzückt, sprang sie lachend die Stufen hinab auf da« Schwimmdock, gefolgt von den andern, die erst recht keine Ahnung von der Enttäuschung des zurück- bleibenden Offiziers hatten. Lenggenhager mußte sich am Geländer halten. Er stand neben einer Reihe zufälliger Gaffer, die vielleicht darauf warteten, daß eine der in der Bucht verstreuten tvinterlich abgetakelten Jachten seetüchtig gemacht werde. Als die elegante Gesellschaft im Klubhaus verschwand, ging er langsam der Straße zu, gleichsam um das Gefährt der Verlobten in Augenschein zu � nehmen. Jeder, der ihn ansah, konnte seine Bestürzung spüren; er ivar nicht sähig und dachte überhaupt nicht daran, seinen Zustand zu verberge». Mit offenem Munde atmend, starren Blicks näherte er sich dem Dogcart, um den sich eine ansehnliche Jnteressentengruppe gebildet hatte. Der gedrungene Traber mit den geschnürten Fesseln scharrte den iveichen Boden auf und schäumte ungeduldig ins Gebiß, indes der komische kleine Lakai die Anzüglichkeiten der Beschauer mit vorgeschriebenem Gleichmut über sich ergehen ließ. (Fort,, solgtl Dcnfsches Theater. Heute u. folgende Tage T'/. Ulir: Max Pallenberg in Fumilie!!ichimek. Kam merspicle. Heute T1/« Uhr zum 1. Male: Die TJInzerin. Morgen und folgende Tage: Die Tlinxeriu (mit Leopoltline Konstantin). Volksbühne. Theat. a.Bülowplatz. Untergrundb. Schönhauser Tor' Heute n. folgende Tage 71/« Uhr; Ein Sommernachtstraum. £essmg-7heater. Heute u. folg. Tage 71/.. Uhr: Marie Ottmann u. Hans Walmann in ÜSiobe. Dir. C. Meinhard— R. Bernauer. Theater i. d, Königgrätzer Str. 7l(,jUlir: Kivljjelst. Komödienhaus 781,; Die verlorene Tochter BerBiner Theater 7'' Uhr: Die tolle Komteß. fleutseliJünstler-Theater. Direktion: Viktor Bamowsky. VI, Uhr: Der Probepfeil. Lustspiel von Oskar Blumenthal. Theater für Donnerstag, den 7. Juni. Dentsehes Opernhans| fteUZS OperCttenhaUS SchLSbd. 4a. Kassentel. Nord. 281 tuü.: Der Soldat der Marie, Residenas-Theater -v, mrr: DeF LeibgaFdist. Schiller-Theater O u/.uhr: KammeFmusik. Schiller-Th. Charlottenb. 7,/2uhr: Der ßibliolliekaF. Thalia-Theater 7'/, uhr; Sonnwendzauber. 7 uhr: Die loten Äugen. Frledrich-Wilhelmsfädf, Theater. 7',. Uhr: Das Dreimäderlhaus. Kehr. Herrnfeld-Theater. tu u.: Das Pensionsschwein. Kleines Theater 7i/j u.: Bans im SehDakenloeli. Komische Oper 20 Mm.: Die Dose Sr. Majestät. Lustspielhaus 7°/, Uhr: Die blonden lUSdels vom Kindenhof. Hctropol-Theater 7.'/luhr: Die Czardasförstin. URANIA 8 Uhr: Tirol einst lind jetzt. Theater am IVolIendortpl, 31;,: Oer Barbier von Sevilla. 7v: u.; Die Gulaschkanone. Theater des Westens u/. u.: stolze Thea. Trlanon Theater 7'/. Uhr: flCF SlaF. NATIONAL-THEATER. Köpenicker Str. 68 3/<8 Übt Größter Snrfierfolp! III n ö junge Miiddituträumkn Posse mit Gesang it. Tanz in 3 Akt. Musik von Waller Bramme. Sonntag 3'/,: Sebmetteriingssebiaebt von Hermann Sudcrmann. T-igl. 7V« Sonnt, li'l, u. Vj, Triumph((.Schöntieit und das große, neue Variele-PFogFamm. BeFlineF PFaler-TliealeF Kastanicnallee 7— 9. Heute: Aha— famos! Groge Ausstattungs- Operetlenposse in 3 Akten mit Gesang und Tanz. Vorher das grobe Varietöprogramm. Ansang 4'/t Uhr. + ABTEI+ Insel-Restaurant Zirkus A. Schumann Am Bahnhof Friedrichstraße. Rauchen gestattet. Kühler Aufenthalt. Täglich abends 8 Uhr Das neue Zirkus-Variete- Programm. U. a. Bayerisch. 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Kaushaus des Westens, G. m. b. H., Berlin IV 50, Tauentzienstraste 21/24. 206iD Gärtnergcbilse», ancli Garten- ardeiter, welche Gras ichuciden lönneii, verlangt Wcigcll, Sianibcrgcr/lr. 7.1 Lvsvnbbsuvn« j�u* Tvblossvn aui Protzkasten, Blechspanner, Hofarbeiter verlangt PANZER Aktiengeseiisctioft) Hi»dGtv»Se SS. Automaten-Einrichter Revolver-Einrichter Werkzeugdreher Spellen solort ein für Ueeresarbeit 4739D* Spezlalkonstpubtlonen, Steglitz, Blrkbascbstr. 37-39, sür die Zigarettenindustrie wird eingestellt. 129Ü* Zigarettenfabrik Garbaty Pankow, HadUchstraszc. Antogen-Schweiher und Schweißerinnen auf leichte Blecharbeiten stellen sofort ein BSeifi n. Samek, Berti»- BLilmersdorf. Babelsberger Stt. 41. Eabrpersenal sucht SchalthelB' Brauerei. Lichterfelder Straße 11— 17.* Werkzeugmacher auf Schnitte und Stanzen verlangt Stahlwarcnfabrik Scbaftianstr. 7.* 3 in töcht. ält. Werkitugmacher gesucht.(?. Lorenz A. G., Abt. 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