Wr.SSI. 34. Jahrg. Be,»gSpreiSi S.S0 Ml., moriatl. l�l>«i, wichentlich SO Vfg. frei ins Hau«. vorauszahibar. Einzelne Wochentag«» Nummern b Pfz. EonnlagSnummei mit Muslrierler Beilage.Tie Neue Welt* 10 Via. Postbezug: Monatlich 1,30 Ml Unter Kreuzband für Deutichland und Oesterreich-Ungarn 250 SRI., für das übrige Ausland 4 Ml. nionatlich. Postbestellungen nebmeii an Dänemarl, Holland, Luxemburg, Schilde» u die Schweiz. Eingetragen in die Post-Zeitungs-Vreisliste. Erschein» täglich. Telegramm- Adresse: »Sozialdemokrat Bcrli»*', Vevlinev Vollisblstt. ( S pfsnnig) Der Anzeigenpreis beträgt s. die stebengeipaltene Kolon«!» jcile 60 Pfg.„Kleine Anzeigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.ic>cl:-out'(Niederboxungs-)Jnterview".... Je größer die Ernüchterung, desto geschäftiger wird die Kriegshetze. Die Bewohner der Rinnsteine der Zivilisation werden wieder aufgehetzt. die Ehre des«bristlickien Englands zu retten durch Zerstörungen von Kirchen und Angriffe gegen Frauen.(Macdonald meint die Angriffe des Pöbels auf die Brotberhood-Kircbe in Southgate, London-Nordoft, wo am Sst. Juli eine Friedensversammlung statt- finden sollte.) Die Zeitungen reizen den Mob auf; sie bedrohen die Behörden, wenn sie nicht olle Redefreiheit unterdrückten. Stockholm ist der rote Lappen für die„Times",„Morning Post" und den „Evening Standard". Diese Zeitungen und ihre Geldgeber find jetzt bemüht, die russische Revolution zu vernichten und den Ar- heitern während der Friedensverhandlungen den Maulkorb anzu- legen. Wenn wir nicht auf dcr Stockholmer Konferenz erscheinen, oder wenn diese gar unmöglich gemacht wird, so ist es um die russische Revolution geschehen: Kerenski wird gestürzt oder gezwungen werden, sich einer Militärdikia- t u r zu unterwerfen. Vor einigen Wochen fand in der Schweiz eine internationale Finanzkonferenz statt. Jene Zeitungen wußten davon, aber der Internationalismus der Finanzwelt störte sie nicht, denn ein Pro- grammpunkt dieser Zusammenkunft loar, Mittel und Wege zu finde», dem Vormarsch des Sozialismus Einhalt zu gebieten. Nur wenn die Arbeiter ihre Interessen durch internationale Verständi- gung sichern wollen, schlagen jene Zeitungen mächtigen Lärm." Stockholm. Der Lügenfelüzug gegen Stockholm. Es ist hier schon bei mehreren Gelegenheiten darauf hingewieseit worden, wie die westlichen Enlenteregierungen durch einen s y st e- matisch geführten Lügenfeldzug die Stockholmer Kon- ferenz zu iabotieren versucht haben. Die Fälschung des Kerenski- Briefes durch Lloyd George, die irreführenden Reuter-Berichte über die Abstimmung der englischen Arbeiterpartei waren die Höhepunkte dieser Kampagne. Auf eine Anzahl weiterer Irreführungen der öffentlichen Meinung haben wir in unserer Freitagnummer hingewiesen. Neue« Material bringt der»Nieuwe Rolterdamsche Courant", dessen Stockholmer Korrespondent seinem Blatte schreibt: „Man klagt hier sehr über die Art und Weis«, wie das französische Publikum von der Tätigkeit der Stocka bolmer Konferenz unterrichtet wird. Die Nachrichten au« Stockholm erscheinen vor den Augen der französischen Leier verstümmelt und sogar gefälscht, sosern man sie über- Haupt berücksichtigt. Ein paar Beispiele: Der H a v a S- Vertreter in Stockholm meldet das Memorandum der deutschen MehrheitSsozialisten nach Pari«. Es wird einfach nicht veröffentlicht." „Wenn HavaS da« polnische Memorandum verschickt, in dem die Vereinigung von Deutsch-, Oesterreichisch- und Russisch-Polen in einem vereinten volniichen Staat gefordert wird, druckt die Pariser Prcffe da« direkte Gegenteil ab.— Am 24. August d. I. erschien in den französischen Blättern, sogar in der.Humanits", ein Telegramm aus Stockholm, daß B r a n t i n g der Meinung sei. die Stockholmer Konferenz müsse aufgegeben werden und daß auf keinen Fall„die Schuldsrage besprochen werden solle". Darüber befragt, erklärte Branting, nie etwa« Derartige« gesagt zn haben. Die Konkerenz selbst hat sich niemals gegen die Be- Handlung der Schuldfrage ausgesprochen." „Schließlich eiithielten die französischen Blätter vom 28. August lausenden Jahres ein Telegramm au« Stockholm, wonach die »Daily News" gemeldet haben sollen, das vorbereitende Komitee hätte eine Huldigungsadresse an die russischen M a x i m a l t st e n gesandt. Nun hat aber der Korrespondent der»Daily News" nie etwas Derartiges telegraphiert und da« Komitee hat auch nie etwas Derartiges an die Maximalisten verschickt. Man wollte einfach die Auffassung hervorrufen, daß ein gewisser Zusammenhang zlvischen Lenin und Stockholm bestehe, die doch gar nichts miteinander gemein haben. Im Geg�keil! Die Vertreter von HavaS und»Daily News" waren zum Schätz gern bereit, zu erkläre», daß sie nie derartige Tele- g r a m m e verschickt hätten: woraus sich ergibt, daß diese Jnformalionen einfach in Poris fabriziert werden." „Andererseits war auch das Telegramm des Korrespondenten der„Kölnischen Zeitung" in Stockbolm, wonach Branting erklärt hat. daß eS für die Konferenz nötig sei, sich nach der Seite der Zentralmächte zu wenden, unrichtig. Branling chat mir persönlich versichert, daß er so etwas nicht geäußert habe." Soweit der Korrespondent de«.Nieuwe Rotterdamsche Eourant". ES ist richtig, daß auch bisweilen in der deutschen Presse irreführende Meldungen übereifriger Korrespondenten aufgetaucht sind und daß gewisse alldeutsche Blätter ähnliche Manöver versucht haben, wie die englische und französische imperialistische Presse. Immerhin kamt gerade die Meldung der»Kölnischen Ztg." nicht als Beweis für eine systematische Stimmungsmache gegen Stockholm herangezogen werden, da sie ihrem Inhalt nach geeignet war. das deutsche Bürgertum jür Stockholm einzunehmen. Ter englisch-französischc Lügenfeldzug erhielt sein besonderes Gepräge und seine besondere Gefährlichkeit dadurch, daß die paßverweigernden westlichen Ententeregierungen ihn selber nach Kräften förderten und unterstützten, während die deutsche Regierung, die die Pässe nach Stockholm dewilligte, sich durchaus neutral verhielt. die Neuorganijierung öes ungar. Heeres. Budapest, 14. September. Im Abgeordnetenhaus erklärte Ministerpräsident Wekerle ans eine Anfrage von oppositio- neller �eite, daß bei einer nach dem Krieg vorzunehinenden N e u o r g a n i s i c r u n g des Heeres die nationalen im- garijchcn Wünsche volle Berücksichtigung finden tverden. die Gefährdung der englischen Ernte. Uever die schwere Schädigung der englischen Ernic durch Stürm« und Regen berichten die„Financial Timeö" vom Ag. August: Das Mvere Wetter der beiden letzten Tage hat den Saaten in den..Honre Counties" erheblichen Schaden getan. Landwirte und Gärtnereibesitzer, die trotz der Ungunst der Saison binsichtlich der Srnte optimistisch waren, sind jetzt p e s s i m i st i s ch. Wenn sich das Wetter nicht in den nächsten Tagen bessert, werden die Saaten ruiniert sein," sagte mir ein führender Landwirt in Nordwest-Surrey.„Schon jetzt ist sehr viel Schaden durch Niederwerfung des Korns infolge von Wind und Regen angerichtet. Sehr vieles ist so zugerichtet, daß es mit der Hand geschnitten werden muß, und es fragt sich, ob g e> lernte Arbeiter dafür zu haben sein werden. Soldaten sind genug zur Erntearbeit da, aber sie versieben nichts da- von." Die Landwirte, die so Gutes geleistet haben, indem sie vielfach ihre Anbaufläche vergrößerten, sind besonders stark durch diesen Mißstand ent tauscht, nachdem sie mit ihrem neuum- gebrochenen Land beträchtliche Schwierigkeiten gehabt haben. Das Nahrungsmittelerzeugungsamt erwartet vom Publikum, daß es jene strikte Sparsamkeit üben wird, die es gelernt hat, als sich zuerst die Gefährdung unserer zukünftigen Ernährung herausstellte. Es ist notwendig, mit Nachdruck auf die Tatsache hinzuweisen, daß die Mehrerzeugung in erheblichem Maße durch den am 27. August auf den Feldern angerichteien Schaden weit- gemacht worden ist. Potpourri. Tie deutsche Presse im französischen Spiegel. Dal Marseiller Blatt„Gsmaphore" berichtet am 25, August: Die radikale.N o r d d. A l l g. Ztg." geht so weit, außzu- rufen, daß der Sturz des Reichskanzlers Dr. Michaeli» eine Not- wendigkeit sei, und daß nur ein Mann, der einen genau um- ichriebenen Plan besitze, imstande sei, Frieden zu schließen und eine neue Ordnung der Dinge herbeizuführen. Am selben Tage ineldct der Pariser„TempS": Der„Vorwärts" schreibt jeden Tag mehr und mehr als offiziöse» Organ der Reichskanzlei. Er bchandell die Affäre als ei» vorübergehendes Mißverständnis... Zu gleicher Zeit läßt sich«Petit Parisien" telegraphieren: Der„Bor wärt»' fordert die Demission de« Reichs- kanzler». Die Sitzung des Hauptansschusses habe gezeigt, daß ein Reichskanzler, der nicht mehr da» Vertrauen des Reichstag» besitze, nicht in seinem Amt bleiben könne. Was ist Wahrheit? fragt Pilatus. Otto Sauer in Oesterreich. Di«.Arbeiterzeitung" teilt mit, daß Genosse Dr. Otto Bauer, der Ende 1Sl4 in russische Kriegsgefangenschost geriet, nach Oester- reich zurückkehrt. Er ist ol» Austauschgefangener bereits in Brüx angelangt und distfie nächste Woche in Wieg eintreffen. Der Krieg auf öen Meeren. Berlin, IS. September. Am Mittelmeer wurde» 43000 Srutto-Register-Tonnen neu versenkt. Darunter befände» sich die französischen Truppentransportdampfer Parana(624# To.), mit Truppe» für die Salonitiarmee und Admiral OIrq>5567 To.), auf dem Wege nach Alexandrien, sowie ein tief- beladcner Transporter mit Kur» nach Saloniki. Diese drei Dampfer wurden von demselben U-Boot, Kommandant Kapitönleutnant Marschall, im Aegäischen Meer an« starker Sicherung herausgeschossen, zwei davon im Nachtangriff auS einem Gctcitzug; damit hat der Kommandant in letzter Zeit vier feindliche Truppentransporter vernichtet. Der Chef de» AdmiralstabeS der Marine. versenkte Geschütze. Berlin, 14. September. J» der Zeit vom 1. Januar bi» St. August 1317 wurden im Mittelmeer mit den von unseren U-Booten vernichteten bewaffneten Dampfern insgesamt nicht weniger als 22S Geschütze versenkt. Nicht eingerechnet sind in diese Zahl die Geschütze, die sich auf ver- senkten Kriegsschiffen befanden, sowie solche an Bord von bewaffneten Schiffen, die durch Auflaufen auf Minen untergegangen sind. Unter den Geschützen befanden sich: 3 zu 12 ow, je 1 zu 11.8 cm, 13.5 cm, 3 cm, 5,7 ow, 2 zu 5,7 cm, 5 cm, 2 zu 13,2 cm, 5 zu 13 cm, 42 zu 7,S cm, 169 unbekannten Kaliber».______ die nächste Sitzung Oes Reichstags. Die nächste Sitzung des Reichstags ist auf Mittwoch, den 2 6. September, nachmittags 3 Uhr, angesetzt worden. Auf der Tagesordnung stehen zunächst nur Rech- u u n g s s a ch e n, doch ist es dem Präsidenten vorbehalten, weitere Gegenstände auf die Tagesordnung zu setzen. Wahlrechtsbewegung in Sachsen. Der Landesvorstand der Sozialdemokratischen Partei Sachsens und die sozialdemokratische Landtagsfraktion haben an das arbeitende Volk Sachsens nachstehenden Aufruf ge- richtet: Der Verfassungsausschuß der Zweiten Kammer des Landtage» bat alle Anträge abgelehnt, die eine Reform des Wahlrecht» für die Boltsvertretung erstreben. Die Regierung und die Parteien, die die Mehrheit bilden, verweigern die Neuordnung der politischen Verhältnisse, die schon in früherer Zeit erforderlich war, die aber nach den gewaltigen Erlebnissen de-! Weltkriege» zur unerläßlichen Notwendigkeit geworden ist. Drei Jahre lang stehen unsere Väter, unsere Brüder, unsere Söhne draußen im Felde, um die Existenz de» Landes zu sichern. Drei Jahre lang hat unser Volt daheim die schwersten Entbehrungen getragen, weil eö weiß, daß die Erhaltung der staatlichen Gemein- 'chast die Grundlage für die zukünftige Entwicklung unseres Volkes ist. Wer ist vermesse» genug, diesem Volk, das so Großes geleistet bat nnd in so unübertrefflicher Art seine Pflichten für das Wohl der Gesamtheit erfüllt, auch weiterhin die staatsbürgerliche Glcichberrchti- gung vorenthalten z»»ollen. Der Deutsche Kaiser und König von Preußen hat sich vor den Forderungen einer neuen Zeit nicht verschloffen und in zwei Erlassen für die politische Neuordnung im Reiche und in Preußen, insbesondere die Beseitigung de» preußischen Klassen- Wahlrecht» und die Herbeiführung de» gleichen Wahlrecht» sein Wort verpfändet. Wie will es die sächsische Regierung, wie Ivollen es die Parteien verantworten, daß die Bevölkerung Sachsens, die wahrlich hinter keinein anderen Teile des deutschen Volkes an Tüchtigkeit und Leistungen zurücksteht, noch weiterhin mit der Bürde eines freiheitSwidrigen Klassenwahl- s y st« m S belastet bleiben soll? Diejenigen, die an den Vorrechten für den Besitz und an der Entrechtung der Volksmasse sesthallcn, vergeben sich schwer an den höchsten Interessen des Staates und des Volkes, Angesicht? der ebenso unverständlichen wie unverständigen Haltung der bevorrechteten Kreise ertlären wir: In der Frage des gleichen Wahlrechts kann und wird es in Sachsen keine Ruhe geben. Die Ausrechierhaltung de» KlassenwahlrechlS in das zukünftige Deutschland hinein, das ein erneuerte» Deutschland sein soll, ist unerträglich und unmöglich. Die Sozialdemokratische Partei wird ohne Unterlast und übceall dcn Kampf für das allgemeine gleiche Wahlrecht zu führen auf dem Posten sein. Wir fordern da« Volk Sachsen» auf, seine Stimme zu erheben und mit un« zu kämpfen für da» gleiche Wahlrecht zu allen öffentlichen Körperschaften bis zu« vollen Sieg« der Ge- rcchtigkeit. So der Porstand der Sozialdemokratie Sachsens! Kein politisch Denkender wird sich der Erkenntnis verschließen, daß es sich hier um eine Angelegenheit handelt, welche die Interessen des Reiches aufs tiefste berührt. Innere Kämpfe während des Krieges sind gefährlich, die sächsische Regierung, die an Einsicht hinter der preußischen zurücksteht, fordert aber durch ihr kurzsichtiges Verhalten das sächsische Volk zu solchen Kämpfen heraus. Es liegt im Reichsinteresse, daß die sächsische Regierung zur Räson ge- bracht wird! Wie sie öas vaterlanö retten! Die„Danzigor Neuesten Nachrichten" berichten über die Gründung eines Landesvercins der neuen alldeutschen Radau- Partei für Wcstpreußen in folgender Weise: Die Gründung wurde in Danzig vorgenommen. Der Leiter der Versammlung sprach zuuächst die Hoffnung au», daß e» der deutswen Vaterlandspartei geling«» möge, der Regierung für die dereinstigen Friedensverhandlungen den Rücken zu stärken. Dann hielt der Landeshauptmann Frhr. S« n f f t v. P i I s a ch einen Vortrag. Nach diesem folgte eine Aussprache, in der alZ erster Redner der Generalis nd schaftSdirektorMeyer- RottmannSdorf sagte, ihm sei ein Stein von der Seele gefallen, al« er den KönigZberger Aufruf gelesen. Ai« er damals die Friedenskundgebung des Reichstag» gelesen habe, hätte er nicht geglaubt, im Deutschen Reiche zu sein, sondern in einer A d i o t e» a» st a l t. Den amerikanischen Präst- Kenten Wilson nannte er einen Lumpen, und hinsichtlich de« Burgfriedens sagte er gegenüber einer Bemerkung der liberalen Blätter: der Burgfrieden sei verkündet in der ersten Kriegszeit, als e» da» Heil des Vaterlandes galt, in einer Zeit, als von Friedensbedingungen nicht die Rede war. Hier still schwelgen wäre Landesverrat. Die feine Gesellschaft demaskirt sich. Titel haben sie so lang wie Bandwürmer und schimpfen tun sie wie die Ochsen- knechte. Der engere Vorstand de? Bundes der Landwirte, Frhr. v. Wangenheim und Dr. Roesicke, fordert die Bundesmit- glicder in einem Aufrufe auf. sich der ueuen Vatcrlandspartet anzuschließen. Es gelte in der Tat Deutschlands Rettung, Ehre und Zukunft. Daß diese Leute sich sogar der Ehre Deutschlands an- nehmen, wirkt grotesk. Im besten Fall kann man doch sagen, daß ihre besinnungslosen Schimpfereien gegen Deutschlands Ehre— die Bezeichnung Deutschlands oder des Deutschen Reichstags als„Jdiotenanstalt"— der Ehre Deutschlands nicht schaden, weil sie an sie nicht heranreichen. der kluge Gasiwirt von NMitsch. Man schreibt un» aus Schlesien: In Lieg nitz. Ohlau, Rotsürben, K o tz e n a u, Schmiedefeld sowie in Lüben fanden letzte Sonntage sehr gut besuchte Versammlungen für den VerständigungSsrieden statt. Obwohl in drei der Versammlungen alldeutsche DislussionSredner unseren Genossen entgegentraten, wurden die Entschließungen für die Resolution der ReichSlagSmehrheit und für die Demokratisierung überall einstimmig oder gegen ganz vereinzelte Stimmen ang«. nommen. Die Versammlungen sind als Anzeichen für die Volksstimmung von besonderem Interesse. An allen von den Alldeurschen mit großem Taintam in« Werk gesetzten Kundgebungen ist die Beteiligung sehr mäßig; unsere Gegenversammlunge», die von der Bevölkerung gewünscht wurde», wiesen doppelt bis viermal so viel Teilnehmer auf. Ein unbcabsichligte« Urteil über die Stellung der breiten Volksschichten gab der W i r t d e s G a st h a u s«» in M i I i t s ch ab, wo Herr v. Heydebrand seine neueste ProphezeiungSrede gehalten hatte. Al» er sein Lokal auch un» zu einer Versammlung geben sollte, ant- woriete er, für die Anhänger des VerftändigungS» frieden» sei sein Lokal viel zu kleinl . Die anrüchige Scheiöemann-Straße. Wie in Hersfeld daS Vaterland gerettet wird. Einen köstlichen, lvenn auch unfreiwilligen FastnachtSschcrz hat sich ein olldeutscher Mann im hessischen Städtchen Heesfeld geleistet. In Hcrsfeld ist seit dem 14. Jahrhundert«ine alte Patrizierfamilie namen» Scheide mann ansässig, aus deren Mitte einer namens Ludwig Scheidemann es sogar vor grauen Zeiten zum Bürgermeister von Hersfeld gebracht hat. Die Ver- dienste dieses sicher tüchtigen Manne» sind zwar in der großen Oeffentlichkeit nicht bekannt geworden, aber in seiner Heimatstadt hat man sie getvürdigt und dadurch geehrt, daß man eine Straße auf seinen Namen taufte. Jahrhundertelang hat es in Hcrsfeld eine Scheideniann-Straße gegeben, ohne daß jemand Anstoß dara» genommen hätte. Da kam der Weltkrieg und der Name Scheide- mann, freilich nicht Ludtvig, sondern Philipp Scheidemann, wurde für alle Anhänger d«ö Friedens und der Verständigung ein Pro- gramm, für die alldeutschen Läicherverschlucker aber ein schlim- meres Aergernis al» der de» leibhaftigen Gottseibeiuns. Und da es einige dieser letzteren Art auch in Hersfeld gab, so setzte sich einer von ihnen auf die Hosen und schrieb an sein Lokalblätt- chen ein„Eingesandt", in dem er darauf hinwies, daß die Scheide- mann-Stratze bei den Ortsfremden Gefahr liefe(Hcrsfeld ist Kur- ort),„anrüchig zu werden und HcrsfeldS Ruf nach außen hin zu schädige n". Zum Schluß fordert der diderbe Alldeutsche die städtischen Behörden auf, die Schcidcmann-Straße 'In—--- Hindenburg-Straße mnMkaufen, was er als „sinnige GeburtStagSehrung" betrachtet. Wir zweifeln nicht, daß die gräßliche Gefahr, die für Deutsch- land durch die Existenz einer Scheidemann-Straße besteht, auch die neugedründete De utsche Va t e rla nd s pa r t ei auf dcn Plan rufen wird. Die Ausrottung des„anrüchigen Siraßen- namens" eröffnet ihr ein breites Feld zu patriotischer Betätigung. Man könnte gleich noch weiter gehen und Nachforschungen darüber anstellen, ob es nicht noch mehr Straßen in Deutschland gibt, die an den Namen irgend eines Abgeordneten der Reichstagsmehrhcit erinnern. Da gibt es z. B. selbst iü Berlin eine Müllerstratze. Müllers sitzen in den Meihrheitsparteien sogar zwei oder drei. Sollte man die Müllerstraße nicht daher in Lehmann strahe umtaufen, zu Ehren von„Lehmann? Erneuerung"? Leid tut uns bei der ganzen Geschichte nur der arme, un- schuldige Ludwig Scheidemann, der auf dies« Weise um seinen sowieso nur auf HerSfeld beschränkten Ruhm gebracht wird. Doch im Grunde geschieht ihm recht. Der Mann ist ja vor dielen Jahren zum ewigen Frieden eingegangen und bat damit bewiesen, daß auch er ein Anhänger der verruchten Scheidemann- schen Friedensidecn ist., vom Kriegsgewinsel. Einen Beitrag zu der alldeutschen Hetzmethode liefert ein Ge- dicht— wenn dieser Name für ein klägliches Reimwsrk erlaubt ist— das ein alldeutscher Dichterling namenS Georg Heinrich in der.Deutschen Tageszeitung" vom Stapel läßt. Es über- titelt sich.Scheidemann- Erzberger» Klage" und läßt Scheidemann und Erzberger über die Einnahme von Riga jammern. Man braucht Herrn Heinrich über diesen Gedankengang nicht zu zürnen, denn er bezieht sein politische» Wissen offenbar nur aus der.Deutschen Tageszeitung", und diese lügt seit Wochen ihren Lesern vor, daß die Mehrheitsparteien de» Reichstage» die Erfolge der deutschen Waffen nicht wünschen. Die Schlußzeilen des Reimwerls lauten: .So rette ich Deutschland mit meinem Aewinsel Und danken soll'S mir der deutsche Pinsel." Mit diesen Schlußzeilen hat sich Herr Heinrich selber sehr treffend charakterisiert.__ die milde Sesirafung des Kriegswuchers. Im konservativen„Rcichsboten" äußert sich ein beamteter Richter über die auffällig niedrige Bestrafung der Kriegs Wucher er vor Gericht. Er stellt zunächst die Tatsache fest, daß die Polizei sehr wenig Anzeigen liefere. In den wenigen Preiswuchcrfällen, die aber schließlich vor die Straf- kammer gelangten, hat sich nach den eigenen Erfahrungen des Richterz und nach den Erzählungen seiner Kollegen niemals die erforderliche Mehrheit unter den 5 Richtern gefunden, um den Angeklagten streng unter Bc- rücksichtigung der jetzigen Verhältnisse zu bc» strafen, d. h. in dem Maße, daß die Strafen wenigstens cttvas auf andere hätten abschreckend wirken können. Der Richter hat regelmäßig gefunden, daß die Mehrheit der Richter nach allen möglichen M i Id erun g Sg r ün d en zur Recht- fertigung einer milden Strafe suchen, noch stärker tvar das Sträuben gegen Aberkennung der bürgerlichen Ehren- rechte oder Veröffentlichung des Urteils. Der Richter weist noch besonder» darauf hin, daß diese milden Urteile seines Orte» nicht etwa einem„Stamm" der Strafkammer von wenigen Richtern zuzuschreiben seien, sondern daß infolge der KriegSverhältnissc wechselnd fast all« Richter d«S Landgericht» und öfter auch aushilfsweise Richter in der Strafkammer tätig waren. Zur Abhilfe des Uedelstandes verlangt er Erhöhung der gefetz- lichen Minde st strafe. Wir glauben, daß«s sich in erster Linie um eine Folge der einseitigen Zusammensetzung unsere» Richter- Materials aus Angehörigen der besitzenden Klassen handelt, auf die wir schon jahrelang vor dem Kriege hingewiesen haben. Wenn heute unter den Richtern Leute säßen, die au» der Ar- beiterklasse stammen und mit ihr Fühlung haben, würden die Urteile gegen den KriegSwucher bedeutend strenger und wirksamerausfallen. Nädchenmord in der Zrobenstraße. Der Täter verhaftet. Einen schauerlichen Fund machte gestern nachmittag die Ver- käuferin Frau Schmidt in der Frobenstr. 13. Di« Frau hatte in ihrer großen Wohnung mehrere Zimmer abvermietet, darunter eins an den 24 Jahre alten aus Lahr im Baden gebürtigen Koch Emil Haas, der vor längerer Zeit aus dem Felde zurückkehrte und stellungslos war. Die Reinemachefrau, die in Abwesenheit der Frau Schmidt jeden Tag aufräumte, wunderte sich gestern, daß Haas seiner Gewohnheit entgegen nicht da war, als sie sein Zimmer in Ordnung brachte. ES fiel ihr um so mehr auf, als ein g r o h« r R e i f e k o r b schwerbepackt dastand. Sie dachte, der Mieter könne wohl rücken wollen, ging deshalb auf dem Heimwege bei Frau Schmidt heran und machte sie aufmerksam. Diese suchte darauf in der Mittagszeit ihre Wohnung auf und fand den Reisekorb mit der Steppdecke vom Bett zugedeckt vor dem Ofen stehend. Neugierig schlug die Frau den Deckel auf. Entsetzt prallte sie zurück. als sie in dem Korb eingezwängt die Leiche eine» nur mit dem Hemd bekleideten Mädchen« fand. Ihr« Nachbari«, der sie den ungeheuerlichen Fund mitteilte, holte die Polizei des 2g. Revier». die zugleich die Kriminalpolizei benachrichtgt«. Haas kam nach einiger Zeit nach Haus«. Klopfte erst an, öffnete dann selbst und wurde sogleich festgenommen. Unter der Last des Bc- fundes g e st a n d er bald, daß«r das Mädchen am Abend vorher ermordet und in den Korb gepreßt habe. Er will das Mädchen unter dem Namen„Lucie" als Straßenmädchen kennen gelernt und im Streit erwürgt haben. Die Tote wurde aus Papieren, die man bei ihr in einem Täschchen fand, festgestellt als eine 24 Jahre alte aus Gera gebürtige Erna Spindler aus der Passauer Straße 27 zu Charlottenburg. Die Leiche wurde nach dem Schau- hause gebracht. Die Wert- und Schmucksachen hatte Haas noch bei sich. Ob er ihr auch Geld abgenommen hat, steht noch nicht fest. Lette Nachrichten. Graf Luxburg verläßt Argentinien. London, 14. September.„Daily Chronicle" erfährt au» Buenos Aires: Luxburg erhielt eine Frist von 24 Stunden, um das Land zu verlassen. Er geht nach Chile. Einstellung der Schiffahrt nach Archangelsk. Bern, 14. September.„Tempo" meldet, die englischen Schiff- fahrtskrcise seien benachrichtigt worden, daß die Schiffahrt nach Archangelsk bald eingestellt werden müsse und eine Aus- fuhrerlaubnis nach Archangelsk vom 15. September ab nicht mehr erteilt werden würde. GewerkschüflsbewEUng S erlin und Umgegend. Der Holzarbciterocrband sZahlstelle Berlin) hielt am DonnerStafl eine Gcneralvcisammlimg ab, welche die statutenmähige Nenwobl der Hälfte der OrtSvcrwaltung vorzunebmen hatte. Wiedergewählt wurden der zweite Bevollmächtigte G ü t h, der Obmann der Schlichtungskommission Mah. der Revisor Liebermann, die Angestellten Schttlz, Späths und Schade. Neugewäblt wurden die Beisitzer L ü t k e und R e i s e g. Der zweite Kassierer und der Mcite Schriftführer stehen beim Militär, ihre Aemter find durch Stellvertreter besetzt, Neuwahlen für diese wurden nicht vor- genommen. Eine mehrstündige Debatte rief eine von Meierhofer beantragte Resolution hervor, welche ein Misztrauensvotum gegen den Vorsitzenden der Gcneralkommission, L e g i e n, ausspricht und erklärt, dag die Holzarbeiter in der Unabhängigen Sozialdemokra- tischen Partei die Vertretung ihrer politischen Jnteresien erblicken. Der Antragsteller und einige andere Redner begründeten die Resolution mit dem Hinweis auf die ihrer Meinung nach den ge� werkschastlichen Interessen widersprechende Haltung Legiens zu den parteipolitischen Streitfragen und der Teilnahme Legiens an der Kundaebung am Tage des Beginns des vierten Kriegsfabres. Gegen die Resolution sprachen der Vorsitzende Glocke und der Verbandsredakteur K a i s e r. Besonders warnte Glocke vor der Annahme des Teils der Resolution, der sich für die Unab bängigcn erklärt. Der Verband habe noch nie nach der Partei richtung seiner Mitglieder gefragt. Mit diesem Brauch würde die Erklärung, die Unabhängigen seien als politische Interessenvertreter der Holzarbeiter anzusehen, brechen und dadurch Streit, Zwietracht und Zersplitterung in die Gewerkschaft tragen, welche die sozial- demokratischen Grundsätze stets zur Richtschnur ihres Handelns ge- macht habe. Die Fortsetzung der Debatte wurde bis zur nächsten General« Versammlung vertagt und der Wunsch ausgesprochen, daß Legien dazu eingeladen werde._ Teuerungszulagen bei der Z. E. G. In Nr. 250 unseres Blattes berichteten wir über die bei der Z. E. G. vorgenommenen Teuerungszulagen und hoben dabei her- vor, daß die Sätze für eine einmalige Teuerungszulage er- staunlich niedrig seien. In einer Zuschrift, die uns von der Z. E. G. zugeht, werden die von uns angegebenen Sätze nicht bestritten, es wird darin nur mitgeteilt, daß„wir uns in bezug auf die Festsetzung der Gebälter und Teuerungszulagen den Anweisungen der borge- setzten Zentralbehörde zu fügen haben, die bestimmte Richtlinien festgesetzt bat.'' Damit ist an der Sache nichts geändert, unsere tadelnde Bemerkung würde demnach die höhere Behörde treffen. Deutl&es Reieft. Zur Bewegung der Solinger Waffcnarbeiter. Die Solinger Waffenfabrikanten, die während des Krieges un- geheure Gewinne eingeheimst haben und denen jeder Tag die Kasscnschränke höher füllt, so daß manche Gesellschaften kaum mehr wkffen, wie sie hi fhre« HecheirfÄafWRetMrttn den Gsewlnnkegen verteilen sollen, wollen den Arbeitern an den Ergebnisien ihres Fleißes keinen höheren Anteil gewähren. Die Fabrikanten haben die in Anbetracht der schier unerschwinglichen Lebensmittelpreise bescheidenen Forderungen der Arbeiter abgelehnt. Sie haben sich geweigert, über die von den Arbeitern in der zweitteuersten Stadt Deutsch- lands geforderte Teuerungszulage mit den Vertretern der Arbeiter auch nur zu verhandeln! Eine Waffenarbeiterversammlung beschäftigte sich mit dieser Stellungnahme der Unternehmer.— Von verschiedenen Arbeitern wurden dann eine Anzahl Mißstände gerügt. Die in der Rüstungs- industrie arbeitenden Frauen müßten Zusatzkost erhalten, wenn sie die schwer? Arbeit aushalten sollen. Ueber die Gesamtheit der ge- rügten Zustände soll der Geschäftsführer der Zahlstelle Solingen des Melallarbeitcrverbnndes in allernächster Zeit persönlich beim Kriegsministerium Vorstellungen erheben.— In der Lobnfrage selbst wurde beschloffen, abzuwarten, in welcher Weise der Schlichtung?- ausschuß die beiden erwähnten, bei ihm anhängigen Sachen erledigen werde. Auf keinem Fall werden die Solinger Waffenarbeiter sich in der Weise abspeisen lassen, wie es die Fabritanten anscheinend beabsichtigen. Soziales. Die Lage der kranken Arbeiter. Als der verstorbene Sozialbygieniker S. Neumann die materielle Not als fruchtbare und furchtbare Ursache der Krankheiten bezeich- nete und zum Beweise dieser Bchanplung darauf hinwies, daß der größte Teil der Krankheilen, die den vollen Lebens- penuß stören oder gar einen beträchtlichen Teil der Menschen vor dem natürlichen Ziel dahinraffen, nicht auf natürlichen, sondern auf künstlich gezeugten gesell- schaftlichen Verhältnissen beruhen, hatte wohl noch niemand an eine Welikatastrophe gedacht, wie wir sie zurzeit er- leben. Wer aber beute mit offenem Blick die Lage der arbeitenden Bevölkerung und besonders die des erkrankten Ärbeiters betrachtet, dem werden die ernsten Tatsachen der Neumannschen Feststellungen zur Gewißheit. Reiche Ernte hält der Schnitter Tod nicht nur an den Fronten, zahlreich sind auch die Opfer, die in der Heimat dahin- sinken. Die monatelange unzureichende Ernährung hat die Wider- standskralt des Aibeiiers so erheblich geschwächt, daß er nur zu leicht ernst erkrankt. Nur zu oft führt diese Erkrankung zum Tode, worüber die Sterblichkeitsziffern der Ortskrankenkassen eine beredte Sprache führen. Mancher Krankheitsfall würde nicht den ernsten Verlauf nehmen, wenn der Patient sich die nötige Pffege und kräftige Ernährung beschaffen könnte. Bei der jetzigen Kranken- Unterstützung ist dies aber ganz unmöglich, da diese der Wirtschaft- lichen Verteuerung in gar keiner Weise Rechnung trägt. Während der Erwerbstätige durch Erhöhung seines Arbeitslohnes einen Aus- gleich gegenüber den bestehenden Tcuerungsverhölinissen anstreben kann, ist der erkrankte Arbeiter hierzu nicht rn der Lage. Die Barleistungen, die ein erwerbsunfähig Kranker als Kranken- geld beziehen kann, richten sich nach dem im Z 180 der R.V.O. geregelten Grundlohn. Dieser kann durch die Satzung nach dem durchschnittlichen Tagesentgelt, dem wirklicken Arbeitsverdienst oder dem OrtSlohn vemeffen werden, darf aver bei einer Einteilung nach Personenklassen höchstens 5 M. und bei einer Einteilung nach Lohnstufen höchstens 6 M. für den Arbeitstag betragen. Z 182 der R.V.O. setzt hiervon das als Regelleistung zu zahlende Krankengeld auf 50 Proz. des Grundlohnes fest, so daß in der höchsten Klaffe ein Krankengeld von 2,50 M. bezw. 3 M. für den Arbeitstag zu zahlen wäre. Die Begrenzung der Lohnstufen nach oben wurde schon früber als unzweckmäßig empfunden, muß aber jetzt als im höchsten Grade unsozial bezeichnet werden. Bei der so bedeutend gesunkenen Kaufkraft des Geldes sollte man es für eine Selbstverständlichkeit halten, daß durch Beseitigung der Höchst- grenze des Grundlohnes für eine soziale Besserstellung des er- krankten Arbeiters Sorge getragen würde. Sollte die gänzliche Beseitigung der Höchstgrenze nicht zu erreichen sein, so müßte eine Heranfictzuna der Grundlohngrenze von 5 bis 6 M. auf 10 bis 12 M. angestrebt werden. Auch die Neuregelung der Ortslöhne ist schon jetzt eine Not- wendigkeit. Da diese vor dem Kriege in den Wenaus meisten Fällen bedeutend unter den gezahlten Durchschnittslöhnen sich befanden, so könnte unter Berücksichtigung der jetzigen Verhältnisse ganz gut eine Verdoppelung derselben eintreten. Der Beschluß, die nach der R.V.O. für den 31. Dezember 1914 fest- geletzte Neuregelung der Ortslöhne bis nach dem Kriege zu ver- schieben, kann infolge der langen Dauer des Krieges unter keinen Ilmständen aufreckt erhalten werden, wenn nicht schwere Schädigungen für den erwerbsunfähigkranken Arbeiter eintreten sollen. Allerdings ist es den Krankenkaffen auch jetzt möglich, durch Aenderung ihrer Satzungen eine Erhöbung des Kranken« gelbes bis zu 75 Proz. deS Grundlohnes als Mehrleistung einzuführen. Doch werden hiervon nur ganz put fundierte Kassen Gebrauch machen können. Ob diese die beträcht- lichen Mehrausgaben hierfür bei dem durch das Notgesetz vom 4. August 1914 festgesetzten Beitrog von 4'/z Proz. auf die Dauer aber werden tragen können, ist sehr zu bezweifeln, da die bedeutend gestiegenen Ausgaben für Arznei, Bäder. Bandagen, Brillen und nicht zuleyt die Erhöhung der Verpflegungssätze in den Krankenhäusern alle Ueberschüffe der Kaffen auibrauchen werden. Treten nun bei den Ortskrankenkaffen in dieser Hinsicht Schwierig- leiten aus, dann sind die Regelleistungcn ivieder herzustellen, was natürlich eine Herabsetzung des Krankengeldes zur Folge hätte. Diese Hemmungen der sozialen Fürsorge sind nur zu über« winden, wenn in der R.V.O. die Höhe des Grundlohnes im§ 180 eine zeitgemäße Heraufsctzung erfährt. Hierzu bietet dem Bundes- rat das' Ermächtigungsgesetz vom 4. August 1914 eine Handhabe. Wir müssen daher verlangen, daß durch eine Bundesratsverordnung die bestehende Höchst- grenze des Grundlohnes beseitigt und die Orts- iöhne den Verhältnissen entsprechend fe st gesetzt werden. Tie kommende Jahresversammlung des Hauptverbandes der Krankenkassen in Dresden macht hoffentlich diese Sache der Kranken zu der ihrigen. Verantwortliii! für Politil- Erich Kutwcr, Berlin: tiir den übrigen Teil des Blattesi Zllired Scholz, Ncutölln: für Inserate: Th. Glocke, Berlin. Track u. Bcrlag: Borivärts Buchdruckerei u. Veriagsanftalt Paul Singer& Co., Berlin SW Hierzu 1 Beilage und Unierftaltungsblatt. llirelchion: Uax Eeinhnrdt OeutKcheK Tlienter. 7 Uhr; Onntons Tod. Sonnt. 7; Sommernachtstraum. Nachm. 3 U.(halbe Preise)r Die deutschen Kleinstädter. KanimerBpiele. 7I/a Uhr: Madame d'Ora. Sonntag: Madame d'Ora. Nachm. 3 U.(halbo Preise): Minna von Barnhelm. Volk«biihne. Thealer am Bülowplatr. Untergrundb. Sohönh. Tor. 71/.,Uhr: Was ihr wollt. Bonntag 7 Uhr: Hamlet. Dir. C. Meinhard— R. 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Sept.. nachmillags 3'/zUhr, von der LeichendaUed.St. sebostian- Kirchdoses in Remickendors aus statt._ Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Dreher Kugust Neumaim Grcissmalder Str. 163, gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 15. Sept., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Bar- tholamäus- Kirchhofes in Wcißcnjce aus statt. Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß unicr Kollege, der Nohrlegerhelfer Psut Riebe Neue Höchste 12, am 11. Sept. gestorben ist. _ Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 15. Sept., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Dankes- Kirchhoies in Reinickendorf aus statt._ Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daßl unlere Kollegin, dieMetallarbeitcrin Dora Schmidt Utrechter Str. 27, am 13. v�ept. gestorben ist. Die Einäscherung findet am Montag, den 17. September, mittags 12 Uhr, im Krematorium Gerichistraße statt._ Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß mrjet Kollege, der Mechaniker Richard Weis Neukölln, Leinestr. 51, am 12. Sept. gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 15. Sept., nachmittags 6 Ubr, von der Leichenhalle des neuen Luisen-Kirchhoses, Neulölln, Hermannstraße, auS statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 181/20 Die Drtsverwallung. DenHeldentod füickS Vater. land starb am 30. August mein lieber, guter Mann, Ireniorgender Vater seiner einzigen Tochter, der Land- sturmmann Max Thielemann im Feldlazarelt insoge eines Bauchsteckschusses. 430b In tiefer Trauer Die schivergeprüste Witwe Idn Thiclcmann geh Glöckner u. Tochter Edith. Wenn Liebe könnte Wunder tun und Tränen Tote wecken. dann würde Dich gewiß jetzt nicht die fremde Erde decken. »0 Heilte abend 6'/. Ubr ent- ichlief sonst und friedlich nach langem, mit großer Geduld ertragenem Leiden, mein herzinnigst geliebter Mann, mein guter Bater, lieber, Schwiegervater, guter Bru- der, Schwager und Cousin, der Gastwirt 426b Rani Abendroth Berlin, Köpenicker Str. 137 im 54. Lebensjahre. DieS zeigen liefbelrübt an als Frau Pauline Abendroth geb. Freier, als Tochter Berta Korn geb. Abendrath, Wilhelm Korn z, Zt. Garnison. Schwiegrrmulter: Karoline Freier geb. Gubrow. Die Beerdigung findet statt am Montag, den 17 Sept., i'l, Uhr, aus dem Tbamas- Kiechhos. Neukölln, Hermaml- strafte. Mauerstr. 82. Hente: Zimmerstr. 90/91. Rose-Theater. 7'/, Uhr: Der Weiberfeind. Walhalla-Theater. Tl, Uhr: Zigeuner. Großes Konzert des Berliner Konzerthaus-Orchesters Leiter Anfang 7 Uhr. Morgen Sonntag: Gl*. ECOllZePA. Anlang 4 Uhr. Komponist Franz von Blon. Eintritt UO Pf. Anfang 7 Uhr. Heute verschied ianft nach schwerem Leiden meine liebe Frau, unsere herzensgute Mutter, Frau Annz Neufeid g-b. John. Neukölln, d. 12. Sept. 1917. Paul Neufeld, Weichsel ftr. 6. Die Einäscherung sindel am 16. Sepleviber um 3 Uhr »achiniltagS imKrematorium Treptow statt Itinnn gebr.. zahIt bis600M., UlUIIU Schlafzimmer, gebr., bis 800 M., Speisezimmer, gebr., bis 1000 M., Möbel jed. Art lauft e»rerauSsiivten für das mittlere»iordveutichland vi« Sonntag mittag. Zeitweise heiter, jedoch kühl und sehr unbeständig, mit wiederholten Regensällen. Verkäufe Leihhaus Moritzplatz SS» bietet Niesenauswahl in Pelz- fachen, Skunks, Marder, Nerz, Alaskasiichsen, Pelerinen>no- dernster Ausführung, 10—200 Mark. Angebot m Herren-Geh- pelzen, Wagen-, Reisepelzen.— Große Auswahl in Rockanzügen, Iatettanzügen, Paletots, Ul- s-ern, teils auf Seide, prima Verarbeitung. Ferner Damen- kostüme, Ulster, Mäntel in ein- sechster bis elegantester Aus- suhrung.— Extraangebot in Lombard gewesener Uhren, Ringe, Brillanten, silberner Taschen, Schmucksachen sehr billig. 1831!* Pelzgarnituren! Niesenauswahl! Allerbilligste Preis«! 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Nr.2SZ— 1�17 Unterhaltungsblatt ües vorwärts Sonnabend, 15. September Kilian vierthalers Glück. Von Kurt Moreck. Kilian Vierthaler stand vor den Geschirrböcken und überlegte, welches Zeug er heute seinen Braunen anlegen sollte, seine Frau deckie in der Stube den Kaffeetisch ab. Er hätte ihr Sohn sein können; ober er war nun einmal ihr Mann. Kilian hatte sich nie viel um die Welt gekümmert. So kam er ruhig durch die Jahre, in denen die Menschen ihre großen Dummheiten machen. Da starb eines Tages sein Fubrherr, und da Kilian doch nicht daran dachte, jemals von seinen Pserden fortzuwollen, und die Witwe sich sorgte, für ihren Besitz keinen andern so guten und treuen Sachwalter zu finden, heirateten also die beiden einander, obschon er sich die Frau eigentlich nie so genau angesehen hatte. Nicht jeder, der gut und tüchtig war, kam so plötzlich zu Besitz; also war da«, wo« ihm da zufiel, ein Glück. An die Frau Annemarie und daran, daß sie ihm vielleicht nicht so gefallen möchte wie Pferde und Wagen, Hau» und Hos, dachte er gar nicht. Es wurde mit der Heirat kaum etwas anders, nur schlief er in einem besseren Bett, saß Sonntags in der guten Stube und steckte das Geld in die eigene Tasche. Wenn er ausfuhr, sah er sich wenig um in der Welt, denn ein Wagenführer bat aus Tier und Weg zu achten. So kam es, daß er nie seine Fiau mit den anderen Frauen de« Städtchens verglich, daß er nie sah, wie sauber die jungen den Rock um die Hüsten gebunden trugen, während seine Alte den ihren achtlos auf die vertretenen Schübe zipfeln ließ. Kilian trieb seine zwei Braunen durch die morgenstillen Gaffen der kleinen Stadt. Die Pferdehufe hämmerten aus da« Morgen- gold, das in breiten Lichtgossen zwischen den Schattinbändern der Ulmen rann. Vor einer weißen Villa ließ er den Magen still- stehen. Er läutete und wartete an der Gittertür. Endlich ging die Tür am Hause auf; ein Herr mit schon etwas angegrautem Haar geleitete seine junge Frau die weiße Steintreppe herab. Kilian grüßte. Er stellte sich an den Wagenschlag, obschon da« sonst nicht seine Gewohnheit war. Sonst pflegte er auch die Leute nicht so genau anzusehen, al» er e§ heute tat. Aber diesmal machte er eine Ausnahme; denn erstens war die« das Ehepaar, da« vor einigen Tagen erst hierher gezogen, und zweitens— nun, zweiten« hatte noch keine Frau, bis auf diese, ihn zum Aufsehen gezwungen. Der Herr hielt noch immer ihre kleine Hand zwischen seinen Fingern und sprach mit der lächelnden Frau. Endlich stieg sie in den Wage». Der Herr wollte ihn offen, aber sie bat, ihn geschlossen zu lassen. Der Herr grüßte noch einmal in den Äagen und trat zurück. Kilian ließ die Pferde ausgrcifen. ES war Kilian ein fremdes, sonderbares Gefühl, die fremde Frau hinter sich im Wagen zu wissen, jedesmal, wenn sie in einem Hause verschwand, wartete er ungeduldig und war frob, wenn sie wieder in die Tür trat. Und dann ging�S weiter. Heute kam e« auch vor, daß er nach beiden Seite» hinüber sab, wo Leute in der Sonne gingen und jemanden grüßten. E» war schon mittagheiß, al« er d>e junge zurückbrachte und ihr die Wagentür sich an den Tieren zu schaffen, um KieSweg gehen und die Treppe Erst als die Tür hinter ihr zu- Pferde langsam nach Hause traben, Ivo Annemarie schon mit dein Effen wartete. Kilian hing seinen Rock an den Nagel und schaute von der Seite her nach seinem Weibe. Zum erstenmal sah er, wie runzelig und alt Annemaries Gesicht auf dem welken Halse stand, wie grau und aschig ihre Haut war. Sie hatte ihr Haar nicht geordnet, e« war dünn und ge- strähnt über den Scheitel gezogen und hing überall in» Gesicht her« unter. Ihr Rock war schmutzig und die Nähte waren ausgerissen, einen abgetretenen Zipfel schleppte ff« hinternach, wenn sie ging. Kilian wandt« sich ab. Er mußte jetzt an eine sehr schöne, junge Frau in Hellem Kleide denken. Da rief ihn Annemarie zum Essen. Eine Haarsträhne baumelte ihr über den Mund, daß sie sich beinah daran verschluckte. Während sie ihren Aerger über sein spätes Kommen auf Kilian entlud, führte sie einen förmlichen Kampf gegen diese Haarsträhne, der es in der Unordnung auf Annemaries Schädel nicht zu gefallen schien. Nach dem Effen schlich sich Kilian in die dunkle Remise. Behutsam stieg er in den gepolsterten Wagen und setzte sich still aus die Plüschbank. E« roch nach einem süßlichen Blumendufl und Kilian meinte, im Dunklen müsse noch ein Schimmer ihre« hellen Kleide« liegen. Er streichelte zart die Stelle, wo die fremde Frau gesessen, und der Kopf sank ihm gegen das Rückenpolster, und er schlief ein. Nachher macht« sich Kilian im Stall und an den Pferden zu schaffen. Er bürstete ihr Fell und wichste ihnen die Hufe, die Mähnen kämmte er und gab ihren Schweifen einen neuen Schnitt. In der Wohnung ging er Annemarie au« dem Weg«. Nur manch- Frau nach ihrer Villa ausklinkte. Er machte sie über den hellen hinaussteigen zu sehen. gefallen, ließ er die mal versicherte er sich mit einem Seitenblick, ob das wirklich sein Weib war, das da um ihn herum rumorte, schmutzig, zerrissen und nachlässig, mit dem Rucken der alternden Frauen und dem Gesicht, das wie ein verbrauchter Schwamm aussah. Aber so oft er sie be« trachtete, sie wurde nicht anders; also mußte sie doch wohl so sein, wie er sie sah. Nachts sah er mit Augen, die aus dem Traume kamen, die Stubendecke niedrig auf fein Bett hängen und neben sich Annemarie mit wüstem Haar schlafen. Da erhob er sich leise und ging in den Stall, setzte sich auf eine umgestülpte Kiste und lehnte sich gegen die Wand. Oben in der Stube war es ihm unerträglich gewesen. Am anderen Morgen aber fuhr er wieder die junge Frau aus, und auch noch manchmal an den später» Tagen. Eines Tages fiel es ihm ein, ein neues Pferd zu kaufen, einen feurigen Fuchs, den er für die schöne Frau vorspannen wollte. Sie sollte ein weißes Kleid anziehen, und so würde er sie durch die sonnigen Straßen kutschieren. Spät am Abend kam er wirklich mit einem Fuchs nach Hause. Annemarie fand den Preis zu hoch, aber er schalt das Weib, das sich in seine Sachen mischen wollte. War er nicht Mann genug. zu wissen, was er tat? Und was für ein Mann! Sie konnte froh sein, daß sie einen solchen hatte. Einer, wie er, fand auch noch eine andere Frau, al« siel— Die Frau merkte, daß bei dem Pserdekauf der Durst nicht ausgeblieben, und schwieg. Und er vertröstete seinen Aerger damit, daß er immer wieder über da» seidige, flammigrote Fell des Tieres strich und nur den Wunsch hatte, es möge fckion Morgen sein und er mit dem blanken, stolzen Pferde an der Villa vorfahren können. So weit wäre alle? gut gegangen, wenn Kilian» Gedanken die Dinge gelenkt; da aber nicht Kilian, sondern ein anderer die Weit eingerichtet hat und alles anders kommt, als es den Menschen lieb, wurde es aus Kilians Wünschen nichts. Am andern Morgen mußte die junge Frau lange bergeblich auf ihren Wagen warten, und als er endlich die Straße heraufkam, lenkte nicht Kilians ruhig-sichere Hand den feurigen Fuchs, sondern wie jeden Tag trabten die alten Braunen im Zeug und auf dem Kutschbock saß ein fremder Bursch. Wie jeden andern Tag fuhr die junge Frau durch den Morgen, durch die sonnigen Straßen, hielt hier an und dort und machte sich ganz müde mit allen Ge- schäften; aber Kilian Vierthaler hatte sie nicht gefahren. Denn er lag jetzt daheim flach und weiß und mit furchtbGren Schmerzen im Bett und dachte bei aller Oual an den schönen Morgen, an die junge Frau, an den Fuchs und die Spazierfahrt.. Früh war er in den Stall gegangen, da« Tier herzurichten, aber das war jehr ungebärdig und wild. Es schlug ein paarmal mit den Hufen in die Luft und das war schlimm; denn an der Stelle stand zufällig Kilians Bein, und eines Manne« Bein ist ein schlechter Prellbock. Annemarie und ein Knecht mußten Kilian i»S Hau« tragen und der Arzt das zerbrochene Bein eingipsen. Da wußte Kilian, daß es nun mit den Morgenfahrten auf lange Zeit hinaus ein Ende hatte. Kilian lag ein paar Wochen. Annemarie sorgte gut für ihn, aber schöner wurde sie darum doch nicht, und jünger und sorg- fältiger auch nicht. Aber Kilian gewöhnte sich langsam an sie. Die Hornbrill« der Gewohnheit wuchs ihm über die Augen, die so seit- sam plötzlich an einem Sommermorgen zum Sehen gekommen waren, und alle«, was ihn gekränkt hatte, war jetzt schon weniger schmerzlich. Al« er endlich wieder aufftehen durfte, fiel ihm da» Gehen schwer, auch war da« Bein so schlecht verheilt, daß er humpeln mußte. Er entschloß sich, den Burschen, der während seiner Krankheit gefahren hatte, zu behalten, und wenn nun von der weißen Villa nach dem Wagen gesandt wurde, schickte er den. Eines seiner ersten Geschäfte aber war, daß er den Fuchs verkaufte; er verlor ein tüchtig Stück Geld bei dem Verkauf, aber das Tier mochte er nicht behalten. Nun fand er selbst, daß die Braunen für das Geschäft genügten. Eines Tages sprach Annemarie davon, daß es doch im Grunde traurig sei. das mit seinem Bein. Da schüttelte Kilian den Kopf und wehrte mit der Hand ab; die Jugend sei eine eigene Sache, meinte er. ober sie sei wohl nicht für teden. Er habe darüber so feine Gedanken, und eS sei im übrigen doch wohl nicht« Rechtes daran. Man müsse schon zufrieden sein mit dem Leben, da» man habe. Spart am papler l Seitdem England uns Mitteleuropäern die Zufuhr der nn« fast unentbehrlichen Baumwolle unterbunden hat, sind Wissenschaft und Technil vor schwere Aufgaben gestellt. Sie sollen Ersatzstoffe schaffen, Ersatzstoffe für Baumwolle in größten Mengen! Der Bestand eines Volkes hängt ja nicht nur von dessen Ernährung, sondern auch von seiner Bekleidung und in Kriegszeiten von der Ausrüstung des Heere« ab. Die infolge des Siegeszuges der Baumwolle längst vernachlässigte einheimische Produktion von Rohstoffen für die Gewebeindustrie genügte den neuen Anforderungen nicht im entferntesten. Neue, ergiebige Quellen mußten erschlossen werden, eine neue Industrie würde geschaffen einzig und allein zu dem Zwecke, Ersatz für die fehlende Baumwollfaser zu stellen. Die Grundlagen dazu bot die schon in Friedenszeiten auf bedeutender Höhe stehende deutsche Z e l l st o f f i n d u st r i e, die durch chemische Erschließung der Pflanzenfaser die einheimische Papierfabrikation mit an die erste Stelle rückte. Aber aus der bislang zu Papier verarbeiteten Zellulose sollten jetzt Gespinste, Garne erzeugt werden, die auf dem Umwege über die Textilindustrie zum Gewebe, zum Kleide wurden. Ob dieser Tatsache mag mancher den Kopf geschüttelt haben, doch der Krieg machte sie möglich. Den ersten Versuchen folgten weitere, sie gelangen vollständiger, und heute sind Spinnerei und Weberei zum allergrößten Teile von der Zelluloseerzcugung abhängig. Das Abfluten der Rohstoffe zur Papierfabrikation in den neuen Kanal löste auf dem Papiermarkte freilich eine recht u n- angenehme Wirkung aus, zumal die Textilindustrie ein un« gleich besserer Zahler war, als die Papier verarbeitenden Gewerbe es sein konnten. Zunächst wurde mit den noch vorhandenen Papier- beständen ein einträglicher Schacher getrieben. Die Preise stiegen, der»freie Handel' nährte seinen Mann besser denn je. Noch eine kleine Weile, und die vaterlandsliebenden Papier- fabrikanten hätten durch ihre Preisforderungen der deutschen Presse, zu allererst natürlich der Arbeiterpresse, das Lebenslicht ausgeblasen. Die Regierung mußte eingreifen. Sie stellte wenigstens die Erzeugung des notwendigsten ZeitungSdruckpapiers sicher und zahlte dabei den notleidenden Erzeugern auf jede« Kilo noch einige Pfennige auS dem Staatssäckel. Aber mit der Dauer des Kriege« stieg auch der Bedarf an Ge- spinsten und die Roh st off« wurden rar. Was erst durch die Konjunktur künstlich hervorgerufene Knappheit war, wurde zur wirk« lichen Not. Dieser Not sich zu erwehren, ist gegenwärtig eine der wichtigsten Aufgaben des Volkes. Erste Bedingung zu ihrer Lösung ist Sparsamkeit im P a p i e r V e r b r a u ch. In diesem Sinne fördernd wirkt ohnedies der gegenwärtige hohe Preis für jeden Bogen Papier— einerlei, ob Zeitung«-, Schreib« oder Packpapier. Als zweites kommt in Betracht das Sammeln von Altpapier, aus dem wieder ein neues, wenn auch minder- wertigeres Produkt gewonnen werden kann. Der Preis sür Altpapier ist heute ein ganz annehmbarer. Wer alles„unnütze Papier' sorg- fältig sammelt und es zum Altpapicrhändlcr trägt, kann sich einen ganz netten Nebenverdienst schaffe». Unbedingt zu vcr- meiden aber ist das Verbrennen des Papieres. Das in ihm enthaltene wertvolle Rohmaterial wird dadurch vernichtet, der Volks- Wirtschaft werden Unsummen entzogen und der Mangel an einen, sehr wichtigen Artikel des täglichen Bedarfs wird leichtsertigerwcije vergrößert._ Der geteilte Hering. In einem schlesischen Anzeigenblatt konnte man dieser Tage folgende Anzeige lesen:„Einzelne Person sucht zwei Teilnehmer an einem Hering(Lebensmittelkarte 40)." Dieses Zeichen der Zeit erklärt sich dadurch, daß zurzeit in der fraglichen Stadt immer nur an drei Personen ein Hering ausgegeben wird. Keineswegs also so, daß eine Person notwendig zwei Mitesser zur Bewältigung eines so gewaltigen Fische« brauchte. Aber auch das ist da gewesen- Ein alte« Norderneyer Sprüchlein lautet: „Wenn Söndag ist! Wenn Söndag ist! Dann kakt mien Modder n' Hering, De Vadder kriegt dat Middclstück. De Kinner de kriegt n' Kopp un Steert, De Modder kriegt den Rücken." Da zehrte also die ganze Familie von einem Hering, und das auf Norderney, und da« am Sonntag l Nur daß um die Teilnehmer- schaff an einem jetzt so kostbaren Hering auch noch eine ZeitungS- anzeige gewagt wird, ist der Kriegszcit vorbehalten geblieben I Notizen. — RosenowS Nachfolger. Die köstliche Komödie unseres verstorbenen Genossen Emil Nosenow„Kater Lampe" ist bekanntlich trotz ihrer Anrüchigkeit bis in die Gefilde der kgl. Hos- theaterS vorgedrungen. Robert G r ö tz s ch, Redakteur an unserem Dresdener Bruderorgan, hat von vornherein seine Komödie „DyckerpottS Erben" am Kgl. Theater in Dresden zur Aufführung bringen können. Die Aufführung hatte einen starken Publikumserfolg. Ueber daS Stück selber werden wir ausführlich berichten, wenn eS demnächst in Berlin gegeben wird. K>j Inöers hjarmsteö. Von Jakob Knudsen. MS der Adjunkt am Abend von Stavn wegfuhr, sab Tjatrid bei ihm im Wagen.— Sie hatte ihre Muttrr an- gefleht, sie freizugeben, jedoch ohne Erfolg. Jetzt sollte sie von der früheren Wirtschafterin in die Hausarbeit ein- geführt werden, bevor diese in den ersten Tagen des Mai abreiste, und dann an deren Statt bei dem Adjunkten bleiben. Anders hielt in Harreby an der Schmiede an, als er am selben Abend von Fjordby kam. um sich nach einem Pflug zu erkundigen. Der Schmied erzählte ihm zu>n Abschied, daß Jungfer Gjatrid vom Hof drüben vor einer Stunde allein mit dem Adjunkten nach Hause gefahren wäre. »Nach Hause nach Stavn?" fragte Anders. „Nein, zum Adjunkten nach Haufe," sagte der Schmied. Von Stavn war der Ä Ochsen wegen nicht geschickt worden, als am nächsten Vormittag die Uhr halbzwölf zeigte. Auf der Stelle erhielt der Kirchspielvogt Meldung; und trotz dem gestrigen Gespräch mit Kristen Faurholt machte er durch Mitteilung an die Schulkinder und durch Anschlag an die Spritzenhäuser in Harreby und den angrenzenden Kirchspielen bekannt, daß am folgenden Nachmittag auf dem Bjerrchof um 4 Uhr Auktion stattfinden werde.— DaS ganze Kirchspiel Harreby geriet durch diese Bekanntmachung in fieber- haste Spannung. Niemals war man früher zu einer Auktion von solcher Art geladen worden. Und die große Frage, die alle auf- stellten und die niemand beantwortete, war diese: wer auf einer solchen Auktion Käufer sein würde, wenn Anders Hjarmsted nun keine Lust hätte,— so, daß die Aufnahme-, Futter-, Pflege- und Bekanntmachungsgelder einkommen könnten.— Man sagte, Kristen Faurholt wäre so in Wut geraten, als er die Bekanntmachung gesehn hätte, daß er mit gar niemandem hätte sprechen wollen, nicht einmal mit Paul Vinding, der ihn gerade fragen wollte, wie er sich das Verhalten feiner Freunde auf der Auktion wünschte.— Bereits um 3 Uhr am nächsten Nachmittag waren die meisten Erwachsenen des Harrebyer Kirchspiels im Bjerrehof versammelt.— ES wurde überaus lebhaft geredet, unter ander» darüber, daß es gerade ein Jahr her wäre, seit zuletzt hier auf dem Bjerrehof Zluktion stattgefunden hätte,— und das würde wohl keiner erwartet haben, daß das so bald wieder geschehen sollte.— Von Stavn war niemand erschienen, auch dann nicht, als der Kirchspiclvogt kurz nach 4 Uhr auf einen Tisch stieg, um mit der Auktion zu beginnen. Da- gegen sah man viele Mitglieder der alten Familie, so auch Paul Vinding. Es kam den Leuten gewiß ziemlich überraschend,— ob- wohl man es ja eigentlich gut im voraus wußte,— daß die ganze Auktion normalerweise in dem Verkauf eines einzelnen Stückes Vieh bestehen würde: des dreijährigen Ochsen, den der Vogt jetzt auLrief. Man pflegte ja sonst auf einer Auttion so viele Chancen und so langdauernde Gelegenheit zu haben. Und als nian sich dann nach Verlauf einiger Minuten auf dieses hier besonnen hatte, kam ja das andere und fiel den Leuten auf die Brust: daß es ein verhängnisvolles Unter- nehmen war, auf dieses Vieh da zu bieten; denn bekam man es einigermaßen billig— ja unter allen Umständen:— was würde dann auf Stavn von einem gesagt werden! Der Kirchspielvogt hatte, gleichzeitig mit dem Aufruf, den Wert des Ochsen auf etwa 50 Reichstaler angeschlagen. Als ein paar Minuten verstrichen waren, bot Anders Hjarmsted 5 Reichstaler.— Der Vogt mattete volle zehn Mi- nuten mit dem Hammerschlag, während deren unzählige, ein- ander»viderstreitende Gedanken diese vielen Menschirne durch- kreuzten.— Kristen Faurholt mußte späterhin verschiedene entschuldigende Erklärungen hierüber hören;— doch es wurde nichts gesagt, der Hammer fiel, und der Ochse gehörte Anders Hjarmsted für 5 Reichstaler! Man war so bestürzt über dieses Resultat, besonders Kristen FaurholtS Verivandte,— daß man völlig vergaß, daß 5 Reichstaler bei weitein nicht ausreichten, um damit die Ersatzsumme zu decken; sie belies sich im ganzen auf etwa 30 Reichstaler.— Doch plötzlich sah man, wie ein neuer Ochse herangezogen wurde, und der Kirchspielvogt bestieg wiederum seinen Tisch. Er rief das Tier aus und setzte seinen Preis auf etwa 40 Reichstalcr fest.— Paul Vinding war nun doch zur Besinnung gekommeil, bot sofort diese Summe, und damit war die Auttion zu Ende.— Er übernahm es auch, die übrigen 21 jungen Rinder wieder auf die Stavner Wiesen zu führen. ** Es verhielt sich in der Tat so. daß der Anblick der Be- kanntmachung dieser Auktion eine sehr starke Wirkung aus Kristen Faurholt gehabt hatte und doch eine noch stärkere auf seine Frau. Gestern nachmittag, ein paar Stunden, nachdem der Kirchspiclvogt an sichtbaren Stellen in Harreby ein paar geschriebene Plakate hatte anbringen lassen, gingen Kristen Faurholt und seine Frau gerade zu Schullchrers zun: Kaffeebesuch. Als sie drüben bei der Schmiede an der Pumpe der Stadt vorbeikamen, sahen sie dieses Stück Papier und glaubten, eS wäre ein Anschlag wegen irgend- welcher Narrensposscn im Krug,— und dann lasen sie: „OcffcntlichcAuktion auf demBjcrrehöf über aufgegriffenes Vieh, dem Proprietär Faurholt auf Stavn gehörig..." Sie sagten nichts zueinander und gingen weiter die Straße entlang. Erst als sie ganz nahe an der Schule waren, ergriff Madam Faurholt ihren Mann beim Arme und flüsterte:»ich wcrd umkehren müssen, lieber Kresten." Er verstand sofort den Grund zu ihren Worten und begriff, daß sie aussah, als könnte sie im selben Augenblick ohnmächtig werden. Sie kehrten um;— aber Schullehrers Kinder, die auf dem Ausguck nach den erwarteten Fremden standen, hatten sie gesehen, und nach mannigfachein Sich- bedenken lief der Lehrer zu ihnen hin und fragte, ob sie nicht wiederkämen. Hier machte Kristen Faurholt denn nun seinem Ingrimm Luft.— Er blieb an dem Tage zu Hause; doch als am nächsten Tage die Auktion abgehalten war und er des Abends das endlich überraschende Resultat erfuhr, daß zwei Ochsen verkauft worden wären, und daß Anders ctncu von seinen Ochsen für 5 Reichstaler bekommen hätte!-- da ließ er gleich auf der Stelle seinen Wagen anspannen und fuhr mit seiner Frau nach der Wohnung des Adjunkten beim Thinghof. Kristen Faurholt sprach sonst nie von seiner Ehre und von solchen Dingen wie Kränkung oder Beleidigung: heute abend jedoch erwähnte er das: er w o l l e die Beleidi- gung nicht dulden, die ihm hier angetan worden sei; wenn Adjunkt Fischer gegen dieses Aufgreisen deL Viehes kein rechtmäßiges Verbot erlassen tverde, so solle der Adjunkt Stavn nicht mehr betreten. Denn es sei Kristen Faurholt gleichgültig. wie es mit seinen Geld- fachen gehe, wenn seine Ehre eine so blutige Kränkung er- leiden solle, und zwar öffentlich, nicht bloß in den Augen des ganzen Kirchspiels, sondern der ganzen Harde, so könne man ja gut sagen.,(Forts, folgt.) I Flasche ' Birkenwasser S5 ' I Haffeeksnne wit Lluivsn- \ Verzierung, ver- ,»chied. Formen 10 Pakete Blitzblank 95 p/. Iii 1 Fl. Franz' brannlwein SZ pt [4 Pakete Edel- Waschpulver 95«. A. Dandorf&G Belie-fliiiüDce-SirDsse Gr. 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(568. I, Mit 17. II. Sing.) Berlin, den 15. September 1917. Ter Polizeipraffdent. mit u. ülme Platte, mit echtem Friedenskautschuk. Goldkronen, Brücken, Plomben. Umarbeitung schtechtsitzender Gebisse. Reparaturen sofort. Kalinzieheu in örtlicher Betäubung. Billige Preise, auch Teilzahlung. Teleph. Amt Nord. 10435. Zähne D.A.Löser Persönl. zu Sprech.- :RoseflthalerslrJ9Tonl,f,o®27 Bezugsqueiien-uerzeichnis Berlin-Süden B Fleleoh-u. Wuretwer. j gPaol Miller, FrieseDSlr.ZZ.! Süß u Ii 1 hdTu- ,Vo Fo nl a I«(7 1 M, Fletsch, GneisenaoslS? 1 iac Uhren, Goldwaren_ S. Fensko.Kottbas.BamaiMi [Streng r.o'.l, anerkannt bill.' Neukölln C. Dittmann Berlin©rstr, 43 Wild— Geflügel— Fische. öbcl, Nachlässe, >«»» Wirtschastru t«» Vi m ch. Neukölln, Anzevgrubcrftr. Z Bezugsqueiien-verzeicrinis _ Berlln-Wenten_ mm Gelegenheitskaufe es BBod. Fiatauer. ait-Moali.110.a Charlottenburg zacs Mehlhdl., Kolonw.j —■ m«» ii j jicWilmertd. Str.? Howawfl I\. Keeper Friedrichstr. 28 [Damen-, Klnd»r-Konfektion1 Spaiiiiau [PaoiGaegeSiS Breitestr. 67, Schömvalder-> str. 13 14, Pichelsdorf©rstr. 12. i Haus- und Küchengeräte Hermann Finck 'Eigenwar., Sehflnwalderat.87. |57Mark