Ur. 198. 38. Jahrg. Bezugspreis: Sierteljührl. 430 MI. monutl, l.BOSU. frei ins Haus, vorauZjahlbar, Einzelne Nummern l0 Pfennig, Postbezug: Monaluch, vom PostschaUer abzuholen ILO Mb, vom Briefträger ins Haus ge> bracht 1,64 Ml. linier Kreuzband für Deuilchlard und Oeslerreich»Ungarn 3,— Ml. für das übrige Ausland <60 Mi. monatlich. Persand ins Felh beidicelier Bestellung monail. IMMI. Postdeslellungen nehmen an Däne» marl. Holland. Luxemburg, Schweden und die Schweiz. Eingetragen in die Poft-Zeitungs-Brcisltste. Erschein» täglich. Telegramm. Adresse:. »Sozialdemokrat Berlin�. Verlinev Volksblakk. Zcntvalorgaxy der Ibzialdcmokrati fchen Partei Deutfchlands. ( 10 Pfennig) AuzeigeupreiS: Diess-beng-spalleneKolonelzetlekosset 80 Big.„Kleine Anzeigen", das fettgedruckte Wort 30 Pfg.(zulässig S settgedruckie Worte), zedes weitere Wort lS Pfg. �Stellengesuche und Schlafstellenanzcigen das erste Wort 20 Pfg., jed-S weitere Wort 10 Pfg. Worte über 1B Buchstaben zählen für zwei Worte. Teuerungszufchliig 20°/» Familien-ilnzeigen, politische und gewerkschaftlich c Bereins- Anzeigen 60 Pfg die geile. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags im Hauptgeschäft Berlm SW.68, Lindenstratze 3. ablegeben werden. Sleöstnet von S Uhr jrub bis 7 Uhr abends. Neöaktion: Sw. Linüeostraße Z. Uernsvrechrr: Amt Mortttlila«,. Str. ISI SV— 151 97. Sonntag, den 21. Juli ExpiüIN»,»: Siv. 48, iilnöenftraße 3. Sfernivrecher: Amt Morihplatz, Str. 1K1 SV— 151 97. 'IS'* fortdaucr der Qurckbruebskampfe. Der neue frauzöfische Durchbruchsbersuch an der Oureqfrout— Das Südufer der Marne aufgegeben— Die Engländer in Meteren— In Albanien neue Kämpfe bei Berat. Berlin, 2a. Jali 1918, abends. Amtlich. Auf dem Sdilachtfelde zwischen Aisue und Marne find nach erfolgreicher Abwehr französischer Angriffe neue Kämpfe im Gange. Auch südwestlich von Reims sind An- griffe des Feindes gescheitert. Amtlich. Große s Hau»tquartier, 80. Juli 1918. fW. i. B.) Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht. Die Tätigkeit der Engländer nahm in einzelnen Abschnitten zu. Gegen Meteren, nördlich von Merris und südlich von Bieux Bcrquin griff der Feind am Bormittag an. In Meieren faßte er Fuß. Im übrigen wurde er abgrwiesc» und ließ Gefangene in unserer Hand. Heeresgruppe Deutscher Kroupriu». Zwischen Aisue und Marne nimmt die Schlacht ihren Fortgang. Bon neuem setzte der Feind zum Durch- bruch aus der ganze» Kampffrout an. Panzerwagen dran- gen am frühen Morgen in Teile unserer vorderen Linien ein. Nach erbittertem Kampf war gegen Mittag der erste Stoß des Feindes auf den Höhen südwestlich von Soissons — westlich von Hartennes— östlich von N e u i l l y, nordwestlich von Chasean-Thierry znm Scheitern gebracht. Tie von Fliegern im Anmarsch tzuf das Schlachtfeld gemeldeten und von ihnen wirksam bekämpfte« feindlichen Kolonnen kündeten Fortführung der Augriffe' an. Sie erfolgten gegen Abend nach stärkster Feuer- steigerung. Zwischen Aisne und Ourcq brachen sie au unseren Gegenstöße«, südlich des Onrcq meist schon im Feuer zusammen. Nördlich von Hartennes warfen wir den Feind über seine Ausgangslinien hinaus zurück. Die Truppe meldet schwerste Verluste des Feindes. Eine große Anzahl Panzerwagen liegt zevschosse» vor unserer Front. Südlich de�r Marne tagsüber mäßige Feuertätig- keit, südöstlich von Mareuil wurden erneute Teilangrifse des Frindes abgewiesen. Während der Nacht nahmen wir unsere südlich der Marne stehenden Truppen vom Feinde unbemerkt auf das uördlicheFlußufer zurück. Oertliche Kämpfe südwestlich und östlich von Reims. Nordwestlich von Souaiu wurden französische Vorstöße blutig abgewiesen._ Gestern wurden wiederum 39 feindliche Flugzeuge und 7 Fesselballone abgeschosseo. Leutnant Loewenhardt errang seinen 40. und 41., Leutnant Menkhoff seinen 39., Hauptmann Berthold seinen 38., Oberleutnant Loerzer seinen 27., Lrntnant Jacobs seinen 24. und Leutnant Koenncke seinen 22. Luftsieg. Der Erste Generalquartiermeister. Ludendorff. ** '* Der Uferwechsel an öer Marne. WolfsS Bureau derbreitet folgende« Kommentar zu der an dsr Marne vollzogenen Bewegung: Die glänzende Ausführung des Abermaligen Ilferwechsels über den breiten Strom, der unbe- merkt vom Fein de vor sich ging, stellt eine neue hervorragende Leistung der deutschen Führung und Truppe dar. Mit dem Vorstoß auf das südliche Marne-Ufer waren verschiedene Absichten der deutschen obersten Führung verbunden, die in vollem Umfang erreicht wurden. Zunächst galt eS, durch den Uferwechsel, der trotz zähester feindlicher Gegenwehr in glänzender Weise gelang, eine Verbreiterung der Angriffsbasis für den beut- schen"Borstoß beiderseits NeimS zu schaffen und swrke feindliche Kräfte anzuziehen und zu fesseln. Die feindliche Führung setzte denn auch sofort an dieser Stelle starke Re- s e r v e n ein und unternahm bereits am ersten Tage äußerst blutige, jedoch völlig ergebnislose Gegenangriffe. Während sich hier an der neuen Marnefront der Feind verblutete, mußte er den Deutschen den großen taktischen Erfolg östlich ReimS lassen, wo di« beherrschenden, in den Champagneschlachten' der Jahre 191b und 1917 von den Franzosen viel umstrittenen Höhen südlich der Linie Nauroy— MoronvillerS von uns genom- men wurden. Der Borstoß aus daS südliche Marne-Ufer in seiner ganzen Bedrohlichkeit für den Feind löste ferner endlich die langersehnte französische Gegenoffensive auS, die Foch zwischen der Aisne und nordwestlich Chateau-Thierry ansetzte. Sie endete trotz zweier Kampftage voll rücksichtslosester Kraftanstrengung und Blutvergießen mit einem Mißerfolg für den Ententegeneralissimus, der den erstrebten Durchbruch vereitelt sah. Damit war die Aufgabe der auf dem Süd-Marneufer kämpfenden Truppen voll gelöst, ein weiteres Festhalten der dort gewonnenen Linien unnötig. Die deutsche Führung konnte nunmehr die über- gegangenen Truppen wieder auf das Nordufer zu neuen wichtigeren Aufgaben zurücknehmen. Weiter teilt Wolffs Bureau über die vorgenommene Rückver- legung der südlichen Marnefront auf das Nordufer mit, daß die Deutschen ihr gesamtes Kampfmaterial über den Fluß zurück- führten. Die seinerzeit von uns erstürmten zahlreichen feindlichen Batterien wurden dem Feinde in völlig gesprengtem Zustande überlassen. Der österreichische Bericht. Wien, 29. Juli 1918. Amtlich wird verlautbart: An der Tiroler W e stf r o n t lebte gestern die Kampf- tätigkeit erheblich auf. Im Adamellogebiet wurden mehrere italienische Borstöße abgewiesen. Auf dem Monte Pavento mußte dem Feind ein vorgeschobener Stützpunkt überlassen werden. In Albanien kam es heute früh nördlich von Berat zu neuen Kämpfen, die noch fortdauern. Der Chef deS GeneralswbeS. die französische Gegenoffensive. Telegramm unseres Kriegsberichterstatters. W e st f r o n t, den 19. Juli. Seit vier Monaten unter dem Joch der deutschen Initiative fast rtgungslos verharrend, Haide Berbandgestcrnden großangelegten und kühnen Versuch unter- nommen, die Freiheit des Handelns wieder zu erkämpfen. Mitten in der Abwehrschlacht gegen den deut- scheu Angriff auf den Reimser Bergwald, sowie gestützt auf die durch die Räumungstaktik gehaltene neue Champagnelinie hat General Foch sich mit Franzosen, Amerikanern und Schwarzen, sowie mit zahllose» Flugzeug- und Tankgcschwadern aus dielst Kilometer breite deutsche Verteidigung s- linie zwischen der Aisne und der Marne gestürzt. Mit artilleristischen und infanteristischcn Angriffsmethoden, die stark an das deutsche Vorbild erinnern, ist dieser Stoß zunächst vier bis fünf Kilometer tief in die deutsche Front cingednin- gen. Da er seit langem erwartet wurde, war, wie in früheren Abwehrschlachten das deutsche Vorfeld stark vergrößert, die Ar- tillerie tief gestaffelt worden. WirhabcnindrnMorgrn- stunden des ersten Anpralles dem Gegner Ge- lande und Menschen überlassen müssen. Aber schon am Mittag war dem feindlichen Unternehmen durch unsere Stellungsdivisioncn das Rückgrat gebrochen. Wer gestern Abend die Täler der Vesle und Aisne passierte, sah massenhaft deutsche Reserven nach Westen eilen. Das vorläufige Ziel des Fochschen Angriffs war die Entlastung vpn Paris— die Zertrümmerung der deutschen Zange, die zwischen der Matz und Marne die französischen Auf- marschwülder von Compi�gnc und Villers Eottercts einschließt — die Durchkreuzung der deutschen Absichten aus Reims— dir Rückgewinmmg von Soissons— und wenn möglich die Ab- schneidlmg jenes ganzen stoischen Soissons und Reims nach Süden hängenden deutschen Sackes, dessen äußerste Wölbung schwer jenseits über die Marne neigte. Von diesem Ziel hat der französische Generalissimus auch am zwcften Tage, wo er die Angriffe mit stärksten Kräften auf der Straße von Soissons nach Chateau Thierry fortsetzte, nur zum klein st rn Teile er- reicht. Sein mit den mächtigen Mitteln des gesamten Ver- bandes geführter Schlag ist bisher im rein Taktischen hängen geblieben. Auf der anderen Seite besteht keinZweifel,daßwir neuen energischen Versuchen des Verbandes auf Rückgewinnung der Initiative, vielleicht auch an anderen Fronten entgegengehen. Fochs letztes Ziel war schon diesmal nicht der Gcländegewinn, sondern die Störung der deutschen Gesamtpläne. Daraus resultiert Art und Tempo der deutschen Gegenmaßnahmen. Das Hauptziel kann für uns nur bleiben: sich die Initiative nicht entreißen lassen— die Truppen nicht nutzlos opfern— nervcnstark das einmal als richtig erkannte militärische Ziel im Auge behalten. Wenn nicht alles täuscht, beginnt die entscheidende Phase des Weltkrieges, die von beiden Gegnern als solche mit allen Mitteln gesucht wird. Die bisherigen Siege im Angriff und Abwehr berechtigen das deutsche Volk zu weiteren starken Hoffnungen. Dagegen sind die Tage und Wochen, die die Wcstftont augenblicklich durchlebt, wohl geeignet, diejenigen zur Besinnung zu bringen, die den deutschen Sonnllerfeldzug von 1918 sich als einen grandiosen militärischen Spaziergang vorgestellt haben, an dessen Ende die restlose Ver- nichtung des Gegners winkt. Trotz aller Siege kämpft Deutsch- land noch immer gegen materielle und numcri- scheUebermacht. Auch die militärische Initiativ« muß tag- lich neu errungen— der Hhdrakopf der Verbandsreservcn täglich neu abgeschlagen werden. Alle unsere Siege sind Siege eines Verteidigers. Nur dievölligeErsassungdesErnstes per bevorstehenden Entscheidung wird dem gerecht, was das Millionenheer des Westens geleistet hat und noch leisten muß. Dr. A. Köster, Kriegsberichterstatter. Die schwarz-gelbe Sphinx. Oesterreich als ehrlicher Makler. Der österreichische Ministerpräsident v. Seidler hat seine von der Mehrheit des Abgeordnetenhauses bedrohte Stellung mit dem rückhaltlosen Bekenntnis zu den politischen Zielen der deutsch-biirgerlichen Parteien zu stützen versucht in der offen- baren Absicht, sich fü�alle Fälle, auch für den der Vertagung des Reichsrats, eine Kerntruppe zu sichern. Der Versuch ist nicht sonderlich geglückt. Wohl haben ihm die deutsckpbürgerlichen Abgeordneten begeisterten Beifall ge- klatscht, aber die deutschen Parteien des Herrenhauses haben sich von der enthusiastischen Jubelstinimung ferngehalten. Sie wissen wohl, daß der Ministerpräsident mit seinem Bekennt- nis nur einen Winkelzug zur Befestigung feiner persönlichen Stellung getan hat, und daß der Mann, der die berühmte Amnestie der tschechischen und südslawischen„Hochverräter" verantwortlich gezeichnet hat, der noch vor einigen Monaten an. die Bildung einer Mehrheit unter Hinzuziehung der Tschechen und Südslawen gedacht hat. daß dieser Mann ein sehr unsicherer Kauto.nist ist. Graf Czernin hat den Finger in diese Wunde gelegt. Mit bitterer Ironie sagte er, daß der Ministerpräsident„seit einiger Zeit bestrebt ist, einen klareren Kurs einzuschlagen". Aber an dieses bedingte Lob knüpft sich sofort ein herber Tadel:„Im Innern war die� Politik ein planloses Herumlavieren. Eine innere Politik, welche sich im Einklang mit der äußeren Politik befindet, kann sich nur auf eine Mehrheit stützen, die ihrem Wesen nach deutsch ist." Jeder Reichsdeutsche kann nur den Wunsch hegen, daß in Oesterreich die Erkenntnis der großen wirtschaftlichen und politischen Vorteile lebendig bleibt, dje sich aus der engen Verbindung mit Deiltschland ergibt, und daß solche Einsicht nicht durch Beschwerden über diese oder jene Aenßerlichkeit deutschen Wesens und Auftretens getrübt wird. Aber darum kann die laute Betonung einer deutschen inneren Politik in Oesterreich hier nicht mit ungemischter Freude auf- genommen werden. Deutschland ist nicht mit den De ittsch-Oe st erreichern, sondörn mit Oesterreick)- Ungarn-schlechtweg verbündet. Sein stärkstes Jnckercssc ist, daß das Donaureich das Höchswlaß an Leistungsfähigkeit er- reicht und damit einen gesteigerten Bündniswert gewinnt— ein Ziel, das nur in der verständnisvollen Mitarbeit aller österreichischen Nationen erreicht werden kann. Ein Krieg von solcher Ausdehnung und solchen Wirkungen, ein Krieg, der jeden einzelnen durch viele Jahre aufs tiefste berührt und den trägsten Menschen vor radikale Entscheidungen stellt, ein sol- ches Ereignis erlaubt nicht die Proklamation der Vorherr- schaft- einer Nation und die tatsächliche Ausschließung von großen Völkern, die kulturell und wirtschaftlich jeder anderen Nation ebenbürtig sind. Die Tschechen und Südslawen werden in diesen Tagen, da die tschecho-slowakischen Divisionen»in Rußland eine Haupt- stütze der Entente sind und tschecho-slowakische Truppen an allen feindlichen Fronten stehen, sich sicher nicht mit stürmischer Begeisterung Deutschland an den Hals werfen. Aber die deutsche Politik darf auch nichts tun, um diesen Völkern die Rückkehr aus der Sackgasse zu erschweren, wenn ihre utopische Politik endgültig gescheitert ist. Kein vernünftiger Mensch will, daß die Deutsch-Oesterreicher auch nur ein Jota vor, ihren berechtigten Ansprüchen opfern. Sie wie alle öfter- reichischen Nationen leiden schwer darunter, daß Oesterreich, dieser typische Nationalitätenstaat, in seiner Verfassung von den Nationen nichts weiß, sie nicht anerkennt, ihren Lebens- forderungen nicht entspricht. Aber nicht das soll das Ziel sein, daß die Deutsch-Oesterreicher in Oesterreich herrschen, sondern daß sie neben allen anderen Völkern ihre Kräfte frei entfalten können. Es ist ein Unglück, daß imsere Volks- genossen jenseits der schwarzgelben Pfähle ihre Aufgabe für das G e s a m t d e n t s ch t n m nie erkannt haben, nicht ein Damm gegen die slawische Flut zu sein, sondern eine B r ü ck e zu diesen Völkern, deren große Lebensenergie sie als wertvolle Verbündete des Deutschen Reiches erscheinen läßt. Graf Czernin hat die volle Bllndnisfähigkeit Oesterreich- Ungarns für Deutschland gefordert, nicht um Oesterreich- Ungarn in das Kielwasser der deutschen Politik zu führen, sondern um es zu dem- Ansprüche zu berechtigen, als ehrlicher Makler zwischen Deutschland und der Entente aufzutreten. Er läßt keinen Zweifel, daß eine solche Vermittlerrolle nur dann möglich ist, wenn Deutschland auf alle Annexionen ver- X zichtet und an dem Charakter des Verteidigungskrieges nicht rüttelt:„Niemals würden es die Deutsch-Oesterreicher der- stehen, daß wir diesen schrecklichen Krieg für Eroberungs- wünsche eines fremden Staates führen sollen." Deutlich wird der Wunsch ausgesprochen, der neue Staatssekretär v. Hintze möge seine Absichten dem Wiener Kabinett in�teilen und sich bei der Aufstellung seiner Kriegsziele weiseMäßi- gung auferlegen:„Ich hoffe nur von ganzem Herzen, daß der Minister des Aeußern die Kriegsziele Deutschlands kennt, daß sie nach wie vor rein defensiver Natur sind, und daß der Cha- � rakter des Verteidigungskrieges unversehrt aufrechterhalten geblieben ist." Immer wird ein ehrlicher Vermittler in dem furchtbaren Völkcrmorden hoch willkommen sein. Leider muß an der Fähig. keit Oesterreichs zu dieser schönen Rolle gezweifelt werden. So- lange Oesterreich eine Hoffnung der Entente ist, solange seine inneren Wirren zu dem Schlüsse zu berechtigen scheinen, daß es unbedingt Frieden hpben müsse, auch einen Frieden a uj Koste n Deutschlands, solange wird bei allen Verhandlungen der Wunsch der Entente im Hintergründe stehen, Oesterreich-llngcnn durch einen Sonderfrieden von Deutschland abwendig zu machen. In der deutschen Presse ist gelegentlich die Czerninsche Rede als eine Kandidatenrcde aufgefaßt worden, die dein Grafen den Weg zum P o st e n des ö st c r r e i ch i s ch e n Minister- Präsidenten bahnen soll. In der Tat weisen einige Um- stände, so eine ausfällige Audienz bei Kaiser Karl, auf einen ge- steigerten Einfluß hin. Allein es besteht kein Zweifel, datz�wie heute die Tinge liegen, Graf Czernin von dem größeren Teile der Ocstcrreicher init noch heftigerem Hasse beehrt würde als Herr v. Seidler. Der tschechische Sozialdemokrat Tusar hat ihn — und er sprach für sein ganzes Volk— einen nichtsnutzigen Aristokraten genannt, der das politische Leben Oesterreichs ver- giftet tMbe. Tic Polen zürnen ihm wegen des Brester Friedens, in dem das von ihnen beanspruchte Cbolmer Land an die Ukraine abgetreten wurde, und wegen des gleichzeitig einge- leiteten Gehennvertrags mit der Ukraine, in welchem die Tei- lung Galiziens in ein polnisches und ukrainisches Sprachgebiet versprochest wird. Graf Czernin hat diese Politik in seiner Rede zu rechtfertigen versucht und gesagt, es sei nicht verständlich, weshalb die Teilung Galiziens unmöglich sein solle, wenn die Teilung Böhmens durch die Kreisverordnungcn möglich� gewesen sei. Mit diesem Ausspruch wird er Herrn v. Seidler einen schlechten Dienst erwiesen und die Polen in ihrerOpposition nur bestärkt haben. Denn bisher suchte sich die österreichische Re- giernng aus ihren Nöten zu retten, indem sie den Polen ver- sicherte, daß das, was in Böhmen geschehen ist, nicht notwendig auch in Galizicn geschehen müsse, Graf Czernin hat das in der formellsten Weise denientiert. Die Tschechen haben in? Abgeordnetenhause beantragt, den Mini st erPräsidenten wegen des verfassungs- widrigen Erlasses der Kreisverordnungen in den Anklageznstand zu versetze- n. Der Antrag wird arn Montag behandelt und wahrscheinlich am Dienstag zur Ab- stimmung gebracht werden. Tann kommen die Nöte des Vud- getprovisoriums und der Kriegskredite, für die einstweilen noch keine Mehrheit zu sehen ist. Und wenn Seidler fällt, was dann? Japans Intervention bejchlosien! Amsterdam, 20. Juli. Reuter meldet aus Tokio: F a p a n hat b e s ch l o s s e n, in Sibirien zu intervenieren. Die notwendigen Maßnahmen sind getroffen. Dieser sehr bestimmt gefaßte Reuterbericht wird durch fol- gende amerikanische Meldung modifiziert: New Jork, 20. Juli.„Associated Preß" meldet aus Washington: Tic Verhandlungen zwischen dm Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Japan über den Charakter der Intervention in Rußland werden fortgesetzt. Eine Urb crcin st immung wurde bisher nicht erzielt. Durch diese Meldung wird das, was Reuter über Japans Beschlüsse mitteilt, insofern aufgehoben, als gesagt wird, daß noch gar nicht feststeht, zu welchem Ziele und in welchem Um- fang Japan intervenieren wird. Tie Opposition, die der Jnter- bcntion in Japan widerstreitet, bat allem Anschein nach formell nachgegeben, um bei der Ausführung erneut wirksam einzu- setzet Nach einer gestrigen Londoner Meldung erfährt die „Times" ans Tokio vom 15.; Heute trat der Rat der alten Staatsmänner zu einer vierstündigen Sitzung zusammen, auf die ein außerordentlicher zweistündiger Ministerrat folgte. Der Vertreter der Zeitung„Nsaki", der über verläßliche Nach- richten verfügt, glaubt, daß der Rat und die Regierung fest entschlossen sind, ihren Jnterventionsplan trotz der Opposition durchzuführen. Da die O p P o s i t i o n m ä ch t i g ist, kann man einen starken politischen Kampf erwarten, Nach der Meldung der„Associated Preß" wäre also zu schließen, baß die japanische Opposition noch keineswegs end- gültig geworfen ist. Wie es in einer gestern cnis Tokio einlangenden Mitteilung hieß, wird Japan jede Behinderung seiner Bewegungsfreiheit in der Verwendung seiner Truppen ablehnen. Es will bei der Haltung bleiben, die es bisher während des Weltkriegs innerhalb der Entente als vorteilhaft erprobt" hat.__ Der ZVeite Tag öer Hegenoffenfive. Berlin, 2l>. Juli. Der 19. Juli, der zweite Dag der verlustreichen Fochschen Gegenoffensive, brachte den deutschen Truppen wiederum einen großen Abwchrcrfolg. Unter Aufbietung aller Kräfte versuchte der Feind erneut, den am Bortage nach schweren Blntopfern mißlungenen Durchbruch zu erzwingen. Bereits um 5 Ubr vormittags kündete heftiges Trommelfeuer die Wiederholung der feindlichen Durchbruchsversuche an. Tief- gegliedert, mit frischen Kräften und zahlreichen Tankgefch wadern rannte der Gegner gegen unsere Linien zwischen Aisne und nordwestlich Chateau Thierrv von neuem an. Mit einer Verschwendung von Menschenmaterial wie seinerzeit Nicolai Nicolajcwitsch und Brussilow, trieb Foch immer wieder seine Sturmtruppen in das mörderische deutsche Feuer hinein. Galt es doch für den Ententegeneralissimus aus innerpolitischcn und persönlichen Prestigegründen, hier unter allen Umständen einen Erfolg großen Stils zn erringen. Unser zusam- mengefaßteS Artillerieseuer schlug verheerend in die Reihen des an- stürmenden Feindes, sie oft mit ausgezeichneter Flankenwirtung treffend. Auf allen rückwärtigen Straßen führte Foch ständig neue Reserven heran. Auch diese faßte Vernich- tcnd unser gut liegendes Fernfeuer. Unter den feindlichen Trupppnansammlungen, Bereitstellungen und Kolonnen räumten unsere Schlachtflieger durch fortgesetzte Bomben- abwürfe entsetzlich auf. Hierbei wurden zahlreiche in Ge- schwadern versammelte Tanks außer Gefecht gesetzt. Feindliche Marschkolonnen stoben fluchtartig auseinander. Der Morgenanfturm des Feindes war um die Mittagszeit, teils im Feuer vor unseren Linien, teil« nach heftigem Ringen im Gegenstoß, zu« Scheiter» gebracht. Bor der ganzen Front liegen zahlreiche zerschossene Tanks umher. Im Verlauf der ersten Nachmittagsstunden folgte ein von frischen Kräften geführter Angriff, der vor unseren Linien vollständig zusammenbrach. Um 6 U h r AI Min. abends lag wiederum Trommelfeuer auf unseren südlich der Aisne gehaltenen Linien. Ter von uns recht- zeitig erkannte Angriff brach gleichfalls unter schwersten Feindver- lüften zusammen. Auch aus der Front weiter südlich bis nordwestlich Chateau Thierrp setzten sich am Nach- mittag die Anstrengungen des Feindes, unsere Linie zu durch- brechen, fort. Hier richtete sich nachhaltigster feindlicher Drück vor allem gegen unsere Linien südlich Zpi l l e m o n t o i r e.' Durch kraftvollen Gegenangriff wurde der Feind über seine Ausgangsstellungen zurückgejagt. Auch südlich des O u r c q, wie ebenfalls südlich der(ilignon-Baches waren alle Angriffs- bewcgungen des FeindcS umsonst. Das Ergebnis des gestrigen Kampftages, an dem der Feind andauernde, von stets frisch nachgezogenen Kräften genährte Angriffe auf der etwa 40 Kilometer langen Kampffront z» immer neuen Turchbruchsversuchen ansetzte, waren für ihn schwerste Verluste an Menschen und Material, ohne daß er- im entferntesten seinen beabsichtigten Turchbruchsziclen nalstkaw. Tic Größe des Ziels, das sich Foch gesteckt hatte, geht aus der Bereitstellung starker berittener 5tavallerickräftc hervor. Der 19. Juli, als einer der blutigsten Tage selbst dieses für die Entente so verlustreichen Jahres brachte den Feind»m all seine Hoffnungen und versagte dem Ententc-Gencralissimiis den scbnlichst erwarteten Erfolg. Französischer Heeresbericht vom 19. Juli nachmittags. Zwischen Aisne und Marne brachen die französischen Truppen den Widerstand der Deutschen, die neue Reserven heran- führten, machten gestern gegen Tagesende merkliche Fortschritte und erhöhten die Gefangenenzahl. Die Schlacht geht mit Erbitterung tpeitcr. Auf der ganzen Front lvestlich Reims machten die Fran- zoscn gestern lebhafte Angriffe. Südlich der Marne nahmen die Franzosen Monvoisin wieder und verjagten den Feind aus den Waldrändern östlich von Ncuillh. Nördlich desJlusscs rückten die Franzosen im Königswald und im Courton-Wald vor und schoben die französische Linie zwischen Lapoterne und Pourch einen Kilometer nach Westen vor. Weiter nördlich nahmen Italiener die Ardre-Mühle und gewannen Gelände in der Gegend vonJBouilly. Im Verlauf ihres Vorgehens nahmen die Franzosen vier Ge- schütze und 30 Maschinengewehre und machten 400 Gefangene. Zwischen Montdidier und Noyon sowie in der Woevre brachten Hvndstreiche gegen die deutschen Linien ungefähr 100 Gefangene ein. Die Gegenrevolution in Rußland. Tic Ententevertreter. an die Sowjetregierung. Abo, 20. Jnli. Die diplomatischen Entente- Vertreter haben durch den amerikanische» Gesandten dem Kommissariat für Answärtige Angelegenheiten erklären lassen, daß sie die U e b e r si e d l n n g nach Moskau ab- leßnen, da sie sich in W o l o g d a sicher genug fühlten und Moskau eher von den Deutscheu bedroht erscheine. Man könnte in dieser, zunächst noch nicht verbürgten Erklärung eine Art Antwort auf die Proteste sehen, die die Sowjetregierung an die Vertreter der Entente, zuletzt auch an den Moskauer amerikanischen Konsul gerichtet hat. Die Mitteilung kennzeichnet sicherlich die Lage zwischen den Alliierten und der Moskauer Regierung. ♦ Moskau, 17. Juli. Die Presse meldet: Birks, im uralischen Osten nördlich von Ufa gelegen, ist von den Tschechen eingenommen. Die Rätelruppen ziehen sich zurück. Die Kommission der mohammedanischen Politiker zur Berufung eines Verfassungsgebenden Kongresses der tartarobas- tirischen Republik hat die Einberufung desselben nach Ufa beschlossen. Schanghai sundadiert).(Reuter.) Alcxejew hat eine neue Re- gierung zwischen Toms! und Nischni UdinSk gebildet, um mit Horvat zusammenzuwirken. Die Bildung dieser neuen Regierung besagt, daß das den Bolschewiki verloren gegangene sibirische Ge- biet sich über Omsk nach Osten jetzt bis an die Grenze des Jrkutsker Gebietes ausdehnt. » Kiew, 10. Juli. Laut Melduyg des Stabes der Don-Kosaken dauert.der Vormarsch der Bolschewiki im Norddongebiet an. Gegen- angriffe bei Urjupinsk blieben erfolglos. Die Rote Garde besetzt: im Bezirk Chober Stanitza Ledininskaja und im Bezirk Ujtmed- weditskoje Stanitza Lasanowskaja, Skurmianskaja, ANdinskaja, Njepenskaja.# Moskau, 19. Juli. Die hiesige Presse meldet: In der Gegend von Omsk gehen die Sowjettruppen von der Station Jalutosowsk auf Station Baganlink(südöstlich Tschinenj) zurück. In Perm, Nishni-Nowgorod und Jagrojewsk ist der Aufstand der Weiß- gardisten unterdrückt. In Archangel Tt werden täglich 20 Ch o l e r a e rk r a n k u n g c n gemeldet; in Saratow 120. Der Mumansowjet hat im Einvernehmen mit den englischen und französischen Kommandierenden beschlossen, dgß alle r u s s i- schen Formationen dem Sowjet unterstehen. Die Ententetruppen sollen lediglich den Sowjettruppen behilflich sein. Die Entente verpflichtet sich, Instrukteure, Ausrüstungs- und Fort- bewegungsmittel zu schaffen, die Bevölkerung, Beamten und Ar- heiter zu verpflegen und mit allem Notwendigen zu versorgen. Ententetruppen dringen an der M u r m a n b a h n vor und scheinen Archangelsk von Wologda abschneiden zu wollen. Die unter englischem und französischem Protektorat in Archangels stehenden serbischen und italienischen Abteilungen werden entwaffnet. « Am 14. Juli haben im Gouvernement Saratow bei Birsl die Kämpfe zwischen Tschecho-Slowaken und Kosaken einerseits und Sowjettruppen andererseits von neuem begonnen, desgleichen leben die Kämpfe an der Ural bahn bei Volsk auf. Die Verbindung zwischen B o l o g o j e und R h b i n s k sind noch unter. brachen. Baku, Poti, Gagry und Karkur sind von Sowjettruppen besetzt worden. Anmerkung des.W. T. B.: Bei den dauernden Verkehrsstörun- gen und lokalen Kämpfen in Rußland ist es fast unmöglich, die Nachrichten auf ihre Zuberlässigkeit zu prüfen. Das Mirtßhastliche Kriegsziel öer Alliierten. London, 20. Juli. Lord Robert C e c i l erklärte in einem Ge- sprach über die Wirtschaftspolitik der Alliierten: Als die Reso- lutionen der P a r i f e r Wirtschaftskonferenz nieder- gelegt wurden, hatten wir ein Bündnis von acht Nationen. Die Welt außerhalb dieses Bündnisses einschließlich der Vereinig- ten Staaten würde nach Friedensschluß ihre Waren an den, per am meisten bezahlte, verkauft haben. Tie Pariser Wirrschafts- konferenz war ein reines DefensiSabkommen von denen, die damals am Kriege beteiligt waren, um die eigenen Völker zu sichern und Sorge zu tragen für die Wiederherstellung der im Kriege verwüsteten Gebiete Serbiens, Polens, Belgiens, Frankreichs und Italiens. Ter Bund der acht Staaten hat sich zu einer Ver- einigung von 24 erweitert. Jetzl handelt es sich nicht mehr darum, ein enges Verteidigungsbündnis zu schließen, sondern die wirtschaftlichen Grundsätze der Vereinigung der Nationen, die bereits besteht, sestzustellen. Diese wirtschaftlichen Grundsätze sind am 8. Januar von Wilson näher umschrieben wor- den: Möglichst weitgehende Niederlegung aller wirtschaftlichen Schranken und HaVidelssreiheiten zwischen allen Nationen, die für den Frieden eintreten und sich vereinigen, um ihn aufrecht zu erhalten. Dieser Erklärung stimmen wir zu, aber sie bedeutet nicht,'daß die vereinigten Nationen keine Schutzzölle, keine internationale Konferenz haben werden. Um es in den Worten der interalliierten Arbeiter zu sagen:„Das Recht jeder Nation auf die Bertcidignng ihrer eigenen wirtschaftlichen Interessen, sowie angesichts der Knappheit in der Welt auf die Sichern ii g ausreichender Lebensmittel und Roh- sto ffe kann nicht in Abrede gestellt werden." Aber ein Ziel muß die umfassende Regelung des einheitlichen Verkehrs mit allen Gliedern der Vereinigung haben in der Weise, daß jeder, ohne der nationalen Sicherheit Ab- bruch zu tun, den Bedarf der übrigen Beteiligten decken und zu ihrer Entwicklung beitragen hilft. Das einzige Hindernis dieser wirtschaftlichen Vereinigung der Nationen ist Teutschland. Es hat die schwächeren Nationen sich wirtschaftlich tributpflichtig gemacht. Außer der Ostsee und den Tarda- n e I l e n hat Teutschland jetzt' auch die Donau unter seine Kontrolle gebracht, indem es die internationale Kommission be- fertigte. Solange der Krieg dauert, müssen wir alles tun, um die wirtschaftlichen Grundlagen der deutschen Militärmacht zu zerstören. Eine völlige Sinnesänderung der deutschen Regierung ist notwendig, damit Teutschland als Teil- haber dieser wirtschaftlichen Gemeinschaft zugelassen werden kann. - Tie Auslassungen Lord Cecils laufen darauf hinaus, daß Deutschland, um ein Mitglied des Völkerbundes werden zu könney, durch Zerstörung der wirtschaftlichen.Grundlagen seiner Weltstellung(nicht nur seiner Militärmacht) in den Kreis der schwachen Nationen heräbgcdrückt werden muß. Was England diesen bedeutet, liegt in etlichen Jahrhunderten der Weltgeschichte mit Blut und Wunden tragisch gebucht, und die letzten Blätter hat der Weltkrieg gefüllt. Lord Cecil hat jetzt das Amt eines Blockadeministers aufgegeben. In diesem Amte aber ist er schonungslos tätig ge» Wesen, die alten Bräuche des britischen Seeabsolutismus gegen die Reiche des europäischen Festlandes zu üben und als verbriefte Rechte zu festigen. Es liefert zu seiner Rede eine pikante Illustration, daß er, wie gesagt wird, das Blockadeamt deshalb habe aufgeben müssen, weil er in seiner Auffassung von den Rechten der Neutralen noch nicht durchaus als ein waschechter Sachwalter der Politik der schärfsten Richtung sich-erwiesen habe. Aber diese schärfste Richtung ist dock immer für ihn oberste Instanz getvesen, und so wird er auch in seinem neuen Amt als U n t e r st a a t s s e k r e t ä r d e s A u s w ä r t i g e n keineswegs ihr Widersacher sein. Denn diese Richtung ist obenauf und würde Lord Cecil nicht mehr auf irgendeinen Platz in der Regierung dulden, wenn er anders wollte als sie. Daß er nicht anders will, läßt eben seine Rede erkennen. � Lord Cecil feiert den Völkerbund und tut das in einer Form, die deutlich genug zutage treten läßt, daß diese einst von Wilson proklamierte und alsbald von Grey aufgegriffene Idee das neue Mittel sein soll, um zu verhüllen, daß die europäischen Festlandstaaten deshalb niedergeworfen werden sollen, damit es ihnen nicht, wie in der O st s e e, an den Dardanellen und an der Donau geschehen, gelingt, von den englischen Hinde- rungen einer freien wirtschaftlichen Entwicklung loszukommen. Bern, 20. Juli...Manchester Guardian" verlangt, daß die Ver- bündeten eine Verständigung mit Bulgarien suchen, um auf diesem Wege an das Schwarze Meer zu gelangen, um so Deutschlands gefährlichen Plan im Osten zu vereiteln. Hier lägen nähere Möglichkeiten vor, als in dem sibirischen Unterpehmen. Die Vereinigten Staaten könnten dabei wertvolle Hilfe leisten, da sie noch im Friedenszustand mit Bulgarien lebten, aber Eile tue not. Das neue englische Ruslänöergesetz. Naturalisationssperre gegen feindliche Ausländer. London, 19. Juli.(Reuter.) Unterhaus. Im Laufe der De- batte über das Gesetz betr. die britische StaatHangehörigkeit und die Stellung der Ausländer hat sich die Regierung mit einer neuen B e st i m m u n g einverstanden erklärt, wonach während eintzr Zeit von fünf Jahren nach Kriegsende keinem feindlichen Untertan eine Naturalisationsurkunde ausgestellt werden soll, außer wenn es sich um eine Person handelt, die in einem der alliierten Hcere gedient hat oder Angehöriger einer Rasse oder einer Gemein- Jchaft ist, die dafür bekannt ist, daß sie gegen den jetzigen Feind in Opposition steht oder endlich eine Person, die als britischer Untertan geboren wurde. Das Gesetz wurde dann in dritter Lesung angenommen. Das Glatt öer vierzig. Das Organ' des rechten Flügels der sozialistischen Partei Frankreichs, die„France L i b r e", die mit dem 1. Juli erscheint. ist mit anerkennenswerter Offenheit bemüht, schwarz auf weiß dar- zutun, daß die Gruppe der Vierzig, als deren Organ«S fungiert. zur Garde Clemenceaus gehören will. Dies Ziel trennt sie von der sozialistischen Mitte um Renaudels„Humanite" und von der sozialistischen Linken, deren Blatt LonguetS„Populaire" ist. Sie will unbedingt den Sieg für Frankreich, also den Krieg bis in' Ewigkeit, den die Vcrsailler Parole der Alliierten in wildem Trotz gegen alle Friedensarbeit proklamiert hat, und sie umkleidet dies Ziel mit den Worten:„Frieden des Rechts durch'den'Sieg, die Rückgabe Elsaß-Lothringens und die Errichtung eines Völker- bundes." Wie es in der ersten Nummer der„France Libre" zu lesen stand. Dieser Gruppe, zu deren Häuptern die Abgeordneten Vavenne, Compere-Morel, Lefevre, Albert Thomas gehören, scheint indessen das Odium ein Produkt der Clemenceau-Epoche zu fem, unbe- quem aufzuliegen. In einem Artikel ihres Blattes vom 6. Juli geht sie aus ihren Ursprung ein, für den sie als ältestes Datum einen Zeitpunkt kennt,- der beträchtlich vor Clemenceaus Regie- rungsantritt gelegen ist. Interessant aber ist dieser Urkeim der Vierzig deshalb, weil er ein Stück Geschichte der Stockholmer Hon- ferenz bedeutet, nämlich der Gegenbetvegung, die diesen starken Friedensakt zu vereiteln einsetzte. Das Blatt der Vierzig bekundet: „Tie Gründung der„France Libre" datiert nicht von gestern: sie datiert vom 29. Mai 1017, als mehrere Sozialisten, . Deputierre, Schriftsteller usw. sich zusammentaten, um Ein- spruch zu erheben gegen den Beschluß des Par- teiausschusses, sich an der Stockholmer Kon- jerenz zu beteiligen. Die Einsprucherhebuvg war tzinq entscheidende und heilsame Aktion. Ohne sie wäre der französische Sozialismus unterflegan(fsn in Verzichtleistung und Schande. Er Hatte sich auf die schiefe Ebene des Bolschewismus begeben. Durch eine eigenartige Verbindung von Erleuchtung und Macchiavellis- mus. von Verhöhnung und Schmeicheleien wurde der PartciauS- schuß vom 27. und 28. Mai dazu gebracht, auf seine Fahne den Namen Stockholm zu schreiben,— einen Namen, den man verhöhnen und bekämpfen müszte. Stockholm! Ein deutsches Manöver, eine deutsche Falle,— die ganze Doppelzüngigkeit der deutschen Sozialdemokratie, vereinigt mit den Betrügereien der deutschen Regierung. Stockholm! Das ist die ganze Verlogenheit und Perfidie des neutralistischen Sozialismus, der Borgbjerg und T r o e l st r a, den kniesälli- gen Knechten des alldeutschen Imperialismus. Stockholm! Das wäre der Verkehr mit den Verrätern der Menschheit und des Sozialismus, die Freisprechung der schlimmsten Verbrecher der Weltgeschichte. Stockholm! Das hieße die Auslieferung der Internationale der Gerechtigkeit an die Internatio- nale der Gewalttätigkeit und Boshaftigkeit...." Daß dieses kriegshysterisch« Bekenntnis jetzt herausgcspien wird, hat einen sehr aktuellen Grund, den die weiteren Zeilen nennen. Zum Glück, so heißt cS da, fei Stockholm nur noch eine „tr'aurige Erinnerung". Im nächsten Satze wird jedoch gesagt: „Aber die Konferenz ist noch nicht tot." Wie ein bös- artiges Tier, das verschiedene Formen und Namen annimmt, schleiche sie„um uns herum" und es sei die Pflicht der„France Libre", dies Tier zu töten. Mit wildem Kriegsschrei gegen jeden Versuch, nach Wegen der Verständigung hinzuarbeiten, schließt dieser Ausbruch eines kriegsverranten Patriotsmus, der mit Sozialis- mus nichts mehr zu tun hat.„Keine Konferenzen, sondern An- schläge gegen die deutsche Sozialdemokratie! Keine Konfererlzcn, sondern Vernichtung des Bolschewismus." Mit diesem Ansturm gegen das Werk, das die sozialistisch« Internationale trotz aller Gegenströme zu leisten hat, stellt das Blatt der. Vierzig die Einheit, die bisher die französische Partei trotz aller Meinungsverschiedenheiten sich zu erhalten wußte, in ärgster Weise in Frage. Aber die neue Gruppe ktnnt ihren Tgdfeind. „Tie Konferenz ist noch nicht tot." In diesem Zeichen wird schließ- lich um die Einheit der französischen /Partei gerungen werden. Der Zar erschossen. Abermals kommt die Nachricht, daß der Zar gewaltsam ge- tötet worden ist. Das Ende Juni, als die Wogen der Gegen- revolution plötzlich stark aufbrandeten, in Umlauf gesetzte Ge- rücht bewahrheitete sich nicht. Es war allem Anschein nach als ein Mittel angewandt, die Erregung in Rußland noch mehr auf- zupeitschcn und gegen die Bolschewiki zu lenken. Die jetzt kom- wende Meldung wird für wahrscheinlicher gehalten, und wieder wird den Bolschewikis die Tat zugeschoben. Wolffs Bureau teilt mit: Nach einer aus Moskau hier eingegangenen Meldung ist der frühere Zar von Rußland am 1(5. d. M. in Jekatcrinen- bürg erschossen worden. Anlaß dazu war daS Heran- rücken tschechoslowakischer Banden, denen die Rote Uralregierung den ftüheren Zaren nicht lebendig überlassen wollte. Wie das„Berliner Tageblatt" meldet, hat die russische Bot- schaft auf alle Anfragen erklärt, das Gerücht dürfte jeder Grund- läge entbehren. Es ist aber diesmal nicht mehr zu bezweifeln. Eine weitere Meldung aus Moskäu sagt, daß der Exzar laut Urteil des Ural.- Sowjets in Jekaterinenburg erschossen worden ist. Die„Djedneta" meldet die Hinrich- tung angeblich in folgender Form'„Durch den Willen des revo- lutionären Volkes ist der blutige Zar aufs glücklichste in Jekate- rinburg verschieden. Es lebe der Rote Terror." Ein Dekret vom 19. Juli erklärt das gesamte Eigentum des Erzaren sowie der Exzarinnen Alexandra und Maria und sämtlicher Mitglieder des ehemaligen Kaiserhauses als Besitz der russischen Republik. Einbegriffen in die Konfiskation sind sämt- liche Einlagen der Exzarenfamilie in russischen und ausländischen Banken._ Zum Kampf um üie Staatsform in Zinnlanü. Genosse Dr. Eduard David schreibt uns: Tie„Korrespondenz Osteuropa" verbreitet eine Zuschrift aus HelsinckforS, die sich gegen meine neulich im Reichstag gemachten Ausführungen über Finnland und den Präsidenten Svin- hufvud wendet. Ich hatte Bezug genommen auf ein Gespräch, das ich mit Herrn Svinhufvud gelegentlich seiner Anwesenheit in Berlin hatte und in dessen Verlauf der jetzige Vorkämpfer für die finnische Monarchie um hoch und heilig der- sicherte, niemand in Finnland denke an die Ein- führung dieser StaatSform, die Finnen seien all« miteinander Demokraten, Republikaner, einer wie der andere.« Tie Zuschrift auS Hslsingfors behauptet nun, meine Mit- teilungen. entsprächen nicht den Acußerungen d'eS Herrn Svinhufvud. Dieser habe nur auf eine Aeußerung meinerseits,„eine der Ursachen des finnischen Aufruhrs sei darin zu suchen, daß die bürgerlichen Kreise ein Königreich planten, während die Arbeiterklasse die re- publikanische Staatsform vertrat", daraus hingewiesen, daß ja der finnische'Senat selbst schon im Dezember 1917 dem Landtage eine Vorloge auf Einführung der Republik gemacht habe. Der Landtag und insbesondere seine sozialdemokratischen Mit- g l i e d e r hätten es also damals in der Hand gehabt, die Vorläge anzunehmen; statt dessen hätten sie es vorgezogen, drn Aufruhr zu macken. Bis dahin habe tatsächlich niemand in Finnland an eine Monarchie gedacht. Erst die Erfahrungen in den Monaten Januar bis April hätten die Regierung zu der Ueberzeugung gebracht, daß die mcnarchische Staatsform allein iin Stande sei, Finnlands Zu- kunft zu sichern. Diese Ausführungen entkräften das, was ich gesagt habe, in keiner Weise. Sie suchen nur von der Hauptsache abzulenken. Ich habe in jenem Gespräch, das sich an chne Auseinandersetzung in einem größeren KreiZ von Abgeordneten anschloß, mit keinem Wort behauptet, daß die Furcht vor einem vom Bürgertum geplanten Königtum die Sozialdemokratie in den Bürgerkrieg getrieben habe. Um einen solchen nämlich und nicht einen„Aufruhr" gegen eine legitime Gewalt handelt eS sich. Ten Anlaß zu der zitierten Aeußerung des Herrn Svinhufvud gab vielmehr eine Andeutung meinerseits über gewisse unterirdische Zusammenhänge zwischen der finnischen Expedition und der Frage einer Thronkandidatur. Das löste eine heftige Verwahrung von feiten des Herrn Svinhufvud aus. deren Kern war, daß niemand und am wenigsten ein so über- zeugter Republikaner wie er selbst einen solchen Plan hege. Dieses Gespräch fand am 16. März statt.„Die Erfahrungen vom Januar bis April", die nach der Zuschrift Herrn Svinhufvud und seine Freunde aus Republikanern in Monarchisten umgewandelt haben sollen, waren also damals schon gemacht. Sie lassen sich darum nachträglich unmöglich als Erklärung für den Gesinnungswechsel des finnischen Reichsverwesers in unsere Unterhaltung hinein- konstruiren. Auf daS psychologische Problem dieses Gesinnungswechsels, oder was es sonst sein mag, will ich nicht eingehen. Ich begnüge mich, festzustellen, daß der Tat- bestand meiner Mitteilung unerschüttert bleibt. Weiter habe ich in meiner Reichstagsrede jedem Anwärter aus den finnischen Königsthron den guten' Rat gegeben, bevor er sich auf das Experiment einläßt, seine Berufung durch den Beschluß einer wirklich demokratisch gewählten Landesversammlung be- stätigcn zu lassen. Die Zuschrift aus HelsingforS meint nun, wenn ich gewußt hätte, daß die finnische Vollsvertretung nach dem dcmo- kratischsten Systim der Welt gewählt werde, so hätte ich mich sicher vor der Behauptung gehütet, daß der Beschluß des Landtags noch durch eine nationale Versammlung bestätigt werden müsse.— Der Arlikelschrciber au§ HelsingforS darf schon annehmen, daß mir das finnische Wahlrecht, das unter 299 Abgeordneten 193 Sozialdemo- traten in den letzten legalen Landtag brachte, nicht ucbekannt ist. Was aber den jetzigen, durch den Machteingriff der Kerenski- Regierung entstandene» Landtag anbetrifft, so kann er schon des- halb keinen Anspruch darauf erheben, ein getreuer Ausdruck des Willens des sinnischen Volkes zu sein, tveil von den 91 sozialdemokratischen Mitgliedern nur noch etwa 29 in der Lage sind, ihre Stimme dort abzugeben. Die Mandate der übrigen sind von der obsiegenden Partei kassier! worden und ihre Träger sehen sich, soweit sie nicht geflohen sind, der Blut- und Rachejustiz ihrer bürgerlichen Gegner ausgeliefert. Aber selbst in dem so verstümmelten Rumpfparlament scheint Herr Svinhufvud das monarchische Projekt nur mit Ach und Krach durch- setzen zu können. Einer Pressemeldung zufolge soll der Ausschutz deS' Landtags sich dem Vorschlage auf Einführung der Monarchie mit 16 gegen 15 Stimmen angeschlossen haben. Danach kann man sich vorstellen, wie das Votum des vollbesetzten Landtags in dieser Sache, die Herr Svinhufvud unter dem Druck der Kabincttfrage gestellt hat. ausfallen würde. Tie»Zeit für Minderheitsregierungen und Parteimonarchien läuft ab. Die vom Machtrausch umfangenen neuen Herren arbeiten dabei nach berühmten Mustern. Neben der Blutjustiz gegen die„Rädels- sichrer" sollen die Zertrümmerung der Arbeiterorganisationen, Knebelung der Presse und sonstige ausnahmerechtkiche Matznahmen der finnischen Arbeiterbewegung das Lebenslicht ausblasen. Aber so wenig wie Bismarck mit der deutschen Sozialdemokratie, so wenig wird Herr Svinhufvud mit der finnischen auf die Dauer fertig werden. Die Frucht, die aus dieser Saat des Hasses hervorgeht, wird dem Säemann wenig Freude bereiten. »« Nach einer Meldung des„Hamburger Fremdcnblattes" soll sich der finnische Landtag mit 57 gegen 53 Stimmen für die Monarchie ausgesprochen haben. Zur Beschlußfassung ist aber Zweidrittelmehrheit notwendig, während sich in Wirklichkeit nur etwas niehr als ein Viertel des normalerweise 2lX) Abgeordnete zählenden Landtages zur Mon- archie bekannt haben. Wie der Beschluß ausgefallen wäre, wenn die M„verhinderten" Abgeordneten hätten mitstimmen können, ist nicht zweifelhaft. » Stockholm, 20. Juli. Wie„Npa Dagligt Allehanda" aus zuiverlässiger finnischer Quelle erfahren, hat der finnische Ge- sandte in Berlin, Staatsrat Hjelt, bei seinem letzten Besuch in der Heimat dem dortigen Senat den Bescheid über- bracht, daß Kaiser Wilhelm keinen seiner Söhne als Kandidaten für den finnischen Thron auf- gestellt wissen wolle. Die Wahlreform in Ungarn. Budapest, 19. Juli. Die Gesetzvorlage über die Wahl- rcform wurde vom Abgeordnetenhaus mit großer Mehrheit a u- genommen. Große Mehrheit bedeutet nicht große Vortrefflichkeit des Gesetzes. Was im gegenwärtigen ungarischen Parlament eine große Mehrheit erzielt, hat zwar die Billigung eines Autokraten wie Tisza, nicht aber die der breiten Volksmassen. Daß diese die jetzt beliebte Kompromißreform ablehnen, ist im Abgeord- netenhastse vom Grafen Andrassy und außerhalb von der So- zialdemokratie in aller Deutlichkeit ausgesprochen worden. .-- Tie englischen Flieger gegen Tondcrn. Kopenhagen, 19. Juli.„Ribc Stiststidende" teilt mit: Morgens 4 Uhr flogen drei englische Flieger, vermutlich Grope-Doppeldecker, nordwestlich von- Vester-Vedstedt kommend in südöstlicher Richtung gegen Tündern. Etwas später kehrte ein Flugzeug zurück. Zwei englische Flug- zeuge stürzten hei Guldager und auf Skallinge ab. Ter Insasse deS bei Guldager herabgefallenen Flugzeuges ver- brannte den Atzparat, er wurde nach Esbjerg übergeführt. Di« Frauensiimmrechtsfrage in Ungarn. Der Regierungsantrag bctresfti'd die Einführung des Stimmrechts für Frauen, welche höhere/ Schulbildung genossen haben oder auf Grund selbständigen Erwerbs hundert Kronen Steuer zahlen, wurde abgelehnt. tzinhes Ankunft. Offiziös wird gemeldet, daß der bisherige Gesandte in Kristiania, Admiral v. H i n tz e, sein neues Amt als Staats- sekretär des Auswärtigen angetreten hat. Wenn Graf Hert> ling zur Verteidigung dieses nun nicht mehr überraschenden Wechsels ausgeführt hat. daß er selbst der einzige dem Reichstag verantwortliche Beamte sei, so ist er damit formal im Recht, sachlich aber lvird das Verhältnis zwischen Kanzler und Reichstag sehr wesentlich davon beeinflußt, mit welchen Mitarbeitern sich der oberste Reichsbeamte umgibt. Daß die Ersetzung des Herrn v. Kühlmann durch Herrn v. Hintze den Wünschen der Reichstagsmehrheit keineswegs entsprach, ist genug bekannt, und dieser Umstqnd muß auch auf das Ver- hältnis zwischen Kanzler und Reichstag zurückwirken. Das Vertrauen, das die Alldeutschen dem neuen Mann entgegenbrachten, ist nun stark gedämpft durch die E r k l ä- rung des Kanzlers über Belgien. Herr v. Kühl- mann hat sich seinerzeit darüber beklagt, daß er mit starken „Bindungen" in sein» Amt eingetreten sei, die hätten ihn be- hindert, die Politik im Osten so zu treiben, wie er es für richtig gehalten hätte. Herr v. Kühlmann hat diese Bindungen nicht abgeschüttelt, er hat sich ihnen, willig oder nicht, gefügt. Ob die Wortfessel, die der Reichskanzler dem neuen Staats- iekretär geschmiedet hat, stark genug sein wird, ihn zu halten, muß dahingestellt bleiben. Aber an sich ist es schon ein be- klagenswerter Zustand, wenn ein neuer Mann sein Amt an- tritt nicht in dem frohen Gedanken, nach seiner Ueberzeugung wirken zu können, sondern mit dem Gefühl, unter dem Druck von Vorgängern und Vorgesetzten zu stehen und mit dem heimlichen Wunsch, sich von diesem Druck irgendwie zu be- 'reien. Die„Frankfurter Zeitung" hat' dieser Tage sehr be- msrkenSwerte, auf intimer Sachkenntnis beruhende Be- merkungen über daS„Tohuwabohu unserer auswärtigen Politik" gemacht, die wir auszugsweise wiedergaben. Wäre es wahr, daß Herr v. Hintze, wie behauptet wird, die Abgabe einer neuen Erklärung über Belgien für inopportun gehalten hat, daß sie aber dennoch erfolgte, so wäre das ein neues Beispiel für dieses unerjrculiche Durcheinander. Aber wie dem immer sei, jedenfalls steht das Thermometer des Ver- trauens auf Null, und Herrn v. Hintze bleibt noch alles zu tun übrig, um zu beweisen, daß er der richtige Mann an der richtigen Stelle ist. * Der neue Staatssekretär sandte dem Grafen Burian ein Tele- gramm, das mit den Worten schließt:„Als schönstes Glück aber würde ich es'betrachten, wenn es Gottes gnädiger Hilfe in nicht zu ferner Zeit gelänge, die Erfolge unseres treubewährten Bünd- nisses durch einen siegreichen, ehrenvollen Frieden zu krönen."— Der k. u. k. Minister des Auswärtigen antwortete: „Einen ehrenvollen gerechten Frieden, welchen wir alle zum Wohle der gesamten Menschheit herbeisehnen, werden wir am raschesten und sichersten erreichen, indem wir in unbeugsamer und kraftvoller Einigkeit ausharren." Die Wahrheit über öas neue Zentrums- „Programm*. Die von dem Reichsausschutz der Zentrumspartei oeröffentlich- ten 25„Punkte", die„Richtlinien für die Parteiarbeit", sind von den bedeutendsten klerikalen Blättern als das Programm des Zentrums bezeichnet worden. Tie„Germania" behauptete, dies Programm beantworte„klar und einwandfrei die Frage: Was will das Zentrum?"; es nehme„zu allen Problemen unseres politischen Lebens Stellung". Nun aber kommt das Organ der katholischen Arbeitervereine, die„Westdeutsche Arbeiterzeitung"(Nr. 29), und schreibt: „Wie wir sehen, handelt es sich bei diesen Richtlinien»ich t um ein regelrechtes Programm. Der Reichsausichuß hält die jetzige Stunde, da noch alles in Bewegung ist, nidst fstx die richtige, um mit einem klaren, auf die aktuellen Zeitfragcn zugespitzten und alle strittigen Punkte umfassenden Programm herauszutreten. In diesen Richtlinien ist eigentlich nur festge- halten, was gemeinsame Ausfassung aller Zentrumsmitglieder genannt werden kany: bewußt ausgeschaltet sind die Fragen, in denen innerhalb der Partei selber noch keine Einigkeit herrscht. Gegenüber dem his- hcrigcn Zustande, da keinerlei Zusammenfassung von Grundsätzen bestand, bedeuten diese Richtlinien einen erfreulichen Fortschritt,. wenn sie auch naturgemäß ein aktuelles Parteiprogramm nicht ersetzen können. Ans ihnen kann und wird sich einmal ein solches' Programm herausentwickcln." ' Tic„Westdeutsche Arbcitcrzeituch" weiß, daß der letzte Satz nicht in Erfüllung gehen wird. Aus den Richtlinien wird und kann sich kein Programm entwickeln, weil die Zentrumspartei kein Programm haben lvill und keins gebrauchen kann. Wie sollte ein wirkliches Programm aussehen, das all den iw der Zentrumspartei vereinigten auseinänderstrebenden Elementen gerecht würde: den Verbrauchern und den Produzenten, den Ar- beitern und den Unternehmern, den Industriellen und den Zünft- lern, den Großtapitalisten und dem Mittelstand, den Großagrariern und den Kleinbauern, den Proletariern und den Grafen? Die unbestimmten Formeln und breiigen Wortgebilde der „Richtlinien" werden es dem Zentrum nach wie vor ermöglichen. den schlichten Mann aus dem Volke, zu belckwichtigen und ihn dar- über hinwegzutäuschen, daß das Zentrum eine im wesentlichen konservativ gerichtete Partei ist. die der Zeit nur dort Zugestand- nisse macht, wo das eherne Mutz der Selbsterhaltung sie dazu zwingt._■ v.. Zum Solinger Skandal. Zu dem Skandal, den sie am letzten Donnerstag ver- übten, müssen sich die Solinger llnabhängigen von einem bürgerlichen Blatt, dem„Generalanzeiger für Solingen", folgendes sagen lassen: So wirkt der gestrige Abend auf jeden Besonnenem, der ihn miterlebte, tief beschämend und niederschmetternd. Während wir mühsam ein wenig Freiheit deS Gedankens und des WoMs zu erkämpfen streben und»nS freuen, daß jetzt wenig- stens eine Scheide mann- Versammlung nicht m e h r /durch die Zensur unmöglich gemacht wird, müssen wir tatloS zusehen, wie diese Freiheit mit Keulen erschlagen wird, und gerade von denen, die sich der Welt anpreisen als Bringer der besseren, freiereu Zukunft. Daß gerade Solingen der Ort sein mußte, den sich die Unabhängige Sozialdemokratie mit ihrem � von fern und nah herangeschleppten Anhang zu dieser Erdrosse- lungstat ausgesucht hat, wixd wohl nicht allein von uns, son- dein von einem großen, ja dem überwiegenden Teil auch der Solinger Arbeiterschaft als eine Demütigung und ein Schimpf empfunden werden. Wie die Arbeiterschaft über diesen organisierten Radau einer Handvoll Leute denkt, hat mittlerweile die Essener Gegendemonstration bewiesen, über die wir gestern berichteten. Verleihung des Ranges einer Zentralbehörde an den Großen Gencralstab. Folgende kaiserliche Verfügung ist ergangen:„Ich bestimme, daß der Große Gcneralstad in Würdigung seiner Aufgaben and Verdienste in der Rangordnung den Zentralbehörden gleich- gestellt wird."— Es handelt sich um eine Ehrung des GeneralstabeS, die natürlich am Gcfüge der Verfassung nichts ändert. Lekte Nachrichten. Verständigung zwischen Dänemark und Island.- Kopenhagen, 29. Juli. Nach einer amtlichen Meldung aus Reykjavik haben die Verhandlungen, die wegen der gegenseitigen staatsrechtlichen Beziehungen zwischen Dänemark und Island in Reykjavik geführt wurden, zu völliger Verständigung ge- führt, wodurch den langjährigen Zwistigkeiten ein Ende bereitet wurde. Das Abkommen ist gestern unterzeichnet worden und hat iöländischerseitS fast einstimmige Bewilligung ge- ünden. Der isländische A l t i n g ist gestern geschlossen worden und wird im September wieder zusammentreten, um über das Abkommen zu beraten. Wenn die Annahme durch den Alling erfolgt, wird über das Abkommen unter den isländischen Wählern eine öffentliche Abstimmung vorgenommen werden.' Kämpfe in Jrkutsk.— Verschwörung in Orenburg. Moskau, 19. Juli. Die hiesige Presse meldet: Laut Meldung des Divisionsführers schlugen die Rätetruppen eine die Station Filonowo mit 5 Geschützen angreisende 3599 Mann starke Abteilung Kosaken zurück; 159 Kosaekn, darunter 29 Offiziere wurden ge- fangen, ein Geschütz und 8 Maschinengewehre erbeutet. In Jrkutsk schlugen örtliche Bergarbeiter Angriffe Weißer Garde zurück. In Orenburg ist eine Verschwörung von Offizieren und Intellektuellen unter Teilnahme von S o z i a I r e- volutionären aufgedeckt worden. Die Waffen wurden den Verschwörern aus den Depots der Roten Armee geliefert, SewerffchoflsbeoMung Die Gewerkschaftskartelle im Jahre 1917. Das„Correspondenzblatt" dir Generalkommrssion veröffentlicht die St-rtistik der deutschen Gewerkschaftskartelle und bemerkt dazu unter anderm: Die Gewerkschaftskartclle haben unter dem Kriegs- zustand stark zu leidetu Wie schwer sie betroffen wurden, läßt sich ermessen an dem starken Rückgang der Zahl der berichtenden Kar- telle seit Krvegsbeginn. Im Jahre 1313 berichteten 771 Kartelle. An der Statistik des Jahres 1S14 sind dagegen nur 573 Kartelle be- teiligt. Die BeteUigungsziffer sinkt dann weiter im.Jahre 1315 auf 524, im Jahre 1316 auf 463 und im Jahre 1317 auf 453 Kar- telle. Es scheint, daß mit dieser niedrigsten Ziffer der tiefste Stand erreicht ist, denn seit dem Vorjahre ist der Rückgang der Zahl nur sehr gering. Eine erhebliche Aufwärtsbewegung dürfte allerdings zunächst nicht zu erwarten sein. Da nicht alle Kartelle Berichte ein- gesandt haben, so ist die Zahl der bestehenden Kartelle übrigens er- heblich höher, als die in der Statistik zum Ausdruck kommende. Den 453 an der Statistik beteiligten Kartellen waren am Schlüsse des Jahres 1317 zusammen 5433 Gewerkschaften mit der Gesamtzahl von 1 353 432 Mitgliedern angeschlossen. Davon kom- men 14 Zweigvereine mit 3632 Mitgliedern auf den Verband der süddeutschen Eisenbahner und 5413 Zweigvereine mit 1 343 833 Mit- gliedern auf die der Generalkcmmission angeschlossenen Zentralver- bände. Das Vorjahr wies 837 432 Mitglieder auf, es ist also ein Mehr von 215 313 Mitgliedern zu verzeichnen, obwohl von der Statistik weniger Kartelle ersaht wurden und einige größere Orte fehlen. In dieser Vermehrung der Mitglieder kommt die im Jahre 1317 eingetretene Aufwärtsbewegung der Gewerkschaften zum Ausdruck. De Art der Tätigkeit der Kartelle hat sich unter dem Kriegszustand stark geändert. Der öffentlichen agitatorischen Tätig- keit der Gewerkschaften sind so enge Grenzen gezogen, daß sie fast als ausgehoben angesehen werden kann. Die Förderung der Bil- dungsbestrebungen, zu deren Pflege besonders die Kartelle berufen sind, ist unterbunden. Die Werwollsten Einrichtungen der Kartelle sind die Arbeitersekretariate und Recht saus- k u n f t s st e l l e n. Der Wert der unentgeltlichen Rechtsberatuug für das werktätige Volk ist während des Krieges unzweifelhaft noch gestiegen, es ist deshalb recht erfreulich, wenn die Gewerkschaften die größten Anstrengungen machen, diese Rechtsberatungseinrich- tungen über die schwere Kriegszeit hinweg zu erhalten. Im Jahre 1317 unterhielten die Kcrrtzlle III Arbeitersekretariate, die gleiche Zahl wie im Vorjahre. 123} Kartelle haben Rechtsauskunftsstellen. Die Zahl dieser Einrichtungen wird jedoch größer sein, da viele Kartelle nicht berichteten. Gewerkschaftsbureaus mit angestellten Beamten waren, wie im Vorjahre, in 21 Orten vorhanden. Von den 543 Kartellen besitzen 342 gemeinsame Bibliotheken� und 82 Kartelle unterhalten L e s e z i m m er. Bildungsausschüsse be- stehen in 214, Jugendkommiffionen in 214 Orten. De eingetretene Erjtariuug der Gewerkschaftsbewegung— so wird in den Schlußbe trachtungen des„Correshondenzblatt" bemerkt — kann wohl als ein Beweis dafür angesehen werden, daß die Arbeiterschaft wieder mehr von dem Gefühl des gemeinsamen Handelns erfaßt wird und im Zusammenschluß mit den Klassen- genossen, in dem Eintritt sin die Berussorganifation die sicherste Wahrung ihrer Lobensintevessen erblickt. Teueriingszulageu der Steinseher. Dar Vorstand des Verbandes der Steinsetzer, Pflasterer und Berufsgenossen hat beim Reichsverband der Unternbmer eine Er- höhung der Teuerungszulagen beantragt. Da die bisherige Behand- long der Frage der Teuerungszulagen durch zentrale Verhandlungen und zentrale Vereinbarungen eine befriedigende Lösung nicht herbeiführen kann, so beantragt der Vorstand des Steinsetzerverbandes, die zentrale Regelung der Teuerungszulagen aufzuheben und diese nach den örtlichen Verhältnissen zu bemessen. Für den Fall, daß die Unternehmerorganisation mit dieser Regelung nicht einver- standen sein sollte, wird beantragt, vom 13. August ab dio Stunden- löhne bis 63 Pf. um 33 Proz., bis 75 Pf. um 20 Proz., über 75 Pf. bis 23 Proz. zu erhöhen und aus die so erhöhten Löhne«ine Mindest- teuerungszulage von 53 Proz. zu gewähren. Falls bis zum 1. Fe- bruar 1313 der Friedensschluß mit England noch nicht eingetreten ist, soll sich die Teuerungszulage von Halbjahr zu Halbjahr in den angegebenen drei Lohnklassen um 15, 12% und 13 Proz. erhöhen. — Sollte auch dieser Antrag keine Annahm« finden, so wird be- antragt, vom 13. August ab eine Teuerungszulage(die als Mindest- zulage zu gelten bat) zu bewilligen, di« bei einem Stundenlohn bis zu 63 Pf. 133 Proz., über 63 bis 75 Pf. 93 Proz., über 75 Pf. 83 Proz. beträgt, y'_ Der Verband der Brauerei- und Mühlenarbeiter hatte— wie sein soeben erschienenes Jahrbuch angibt— am Schluß des Jahres 1317 einen Mitgliederbestand von 17 332 gegenüber 51 464 am Ende des zweiten Onartals 1914. Im vergangenen Jahr führte der Per- band 434 Lohnbewegungen in 1333 Betrieben mit 27 436 Beteiligten. Die Zahl der Bewegungen und der an ihnen beteiligten Personen ist geringer als im Vorjahre, was nicht zuletzt auf den Rückgang der Betriebe und der Zahl der Beschäftigten zurückzuführen ist. Das materielle Ergebnis der Bewegungen ist, daß für 27 436 Per- sonen das wöchentliche Einkommen um 134 715,53 M. aufgebessert wurde. Das ergibt eine durchschnittliche Erhöhung des Wochen- lohnes von 7,13 M. für den einzelnen. 163 Bewegungen erfolgten zur Abwehr. Sie erstreckten sich auf 73 Orte, 174 Betriebe mit 3177 Beschäftigten. An den Abwehrbewegungen waren 8359 Per- sonen beteiligt. 145 Wwehrbewegungen hatten vollen Erfolg. Im Berichtsjahr wurden 11 Streiks mit 246 Betcilrgten gesichrt. De Streiks waren von sehr kurzer Dauer. Sie erzielten für 164 Per- sonen eine wöchentliche Lohnerhöhung von 722 M. oder im Durch- schnitt 4,43 M. pro Person und Woche. Iktoröabzüge in öen königlichen Setrieben in Spandau. Dem schlechten Beispiele einiger Privatbetriebe sind nunmehr auch die Königlichen technischen Institute in Spandau gefolgt und haben einen Teil der Akkordsätze nicht unwesentlich herabgesetzt. Als Ausgleich für die ständig steigende Teuerung der Lebens- mittel und Bedarfsartikel ist den Arbeiterausschüssen der Entwurf einer neuen Lohnordnung überreicht worden, der für einen erheb- lichen Teil der Arbeiter und Arbeiterinnen eine wesentliche Per- dienstkürzung vorsieht. Die alte Lohnordnung, die feit dem Jahre 1934 bestand, ist während des Krieges gegenstandslos geworden. Diese Lohnord- nuug mit ihren strengen Grundsätzen ließ sich nicht ausrecht er- halten. Die rasende Verteuerung der Lebenshaltung bedingte auch eine nicht unwesentliche Steigerung der Löhne. Die Lei- tungen der einzelnen Institute erhielten freie Hand, um den Be- dürfnissen des Tages Rechnung zu tragen. Die Verdienste paßten sich im wesentlichen der Privatindustrie cm, und es lag deshalb kein Anlaß für die Arbeiter vor, Klage zu führen. Im Jahre 1317 wurde dann eine Kriegs-Lohnordnung heraus- gegeben, deren Sätze an sich ungenügend waren, die jedoch den Vor- zug hatte, eine möglichst einfach gehaltene Grundlage darzustellen. Nun wird nicht bestritten, daß auch in den Spandauer Be- trieben ein Teil der Arbeiter ganz nennenswerte Verdienste erzielt hatte. Aber diese Verdienste sind meist nicht das Ergebnis von Akkorderhöhungen, sondern sind auf das Konto intensiverer Ausnutzung der Arbeitskraft zu setzen. Der Krieg hat diese Betriebe bedeutend vergrößert. Der größte Teil der gegenwärtig beschäftig- ten Arbeiter und Arbeiterinnen, es dürften jetzt ungefähr 62 333 sein, sind erst während des Krieges eingetreten. Diese Arbeiter haben die Erfahrungen, die sie früher in Privatbetrieben gesammelt haben, auch in den Königlichen Betrieben angewandt. Durch viel« Verbesserungen, die die Arbeiter in der Produktion' vornahmen, trat eine wesentlich rationellere Arbeitstätigkeit ein. Hinzu kommt, daß ein nicht unerheblicher Teil der in Spandau bestehen- den Akkordsätze noch heute die gleichen wie im Frieden sind. Die Verdiensterhöhung ist also lediglich auf Konto der Arbeiter zu setzen. Anfang dieses Jahres machten die Arbeiterausschüsse gemem- sam den Versuch, für die am schlechiest gestellten ungelernten Arbeiter eine Erhöhung des Verdienstes zu erzielen, leider ohne Erfolg. Die Wünsche dieser Arbeitergruppen, die unter der Not des Krieges und der ungeheuren Teuerung am schwersten zu leiden haben, fanden keine Berücksichtigung. Nun> ist vom Wumba eine neue Lohnordnung ausgearbeitet worden, und man hätte erwarten dürfen, daß nunmehr die längst fälligen Aufbesserungen der unie- ren Lohnklassen erfolgen würden. Dies ist leider nicht geschehen, denn die paar Pfennige, die diese Gruppen mehr erhalten sollen, können unmöglich als eine Aufbesserung angesprochen werden. Aber etwas anderes brachte die neue Lohnordnung. Tie Ber- dicnste der gelernten und angelernten Arbeiter und Arbeiterinnen wurde« erheblich herabgesetzt. Diese Vorschläge haben zu einer wesentlichen Beunruhigung der Arbeiterschaft der Königlichen B�- triebe geführt.. Ist nun schon die Absicht der Lohnreduzierung für die Ar- beiierschaft Unverständlich, so noch viel mehr die Ursache, die dazu geführt hat. Dese Maßnahmen sind nämlich auf Veranlassung des Verbandes Berliner Metallindustrieller, ob direkt oder indirekt ist nebensächlich,' zurückzuführen. Dem Verband Berliner Metallindustrieller waren schon seit längerer Zeit die Verdienste in Spandau ein Dorn im Auge. Diese Arbeitgeberorganisation bemüht sich eifrig, die Löhne der Arbeiter möglichst niedrig zu halten, und um ständig eine Uebersicht zu haben, wieviel in den einzelnen Betrieben den Arbeitern an Lohn gezahlt wird, erfolgen in ganz bestimmten' Zeiträumen statistische Erhebungen. Der Verband Berliner Metallindustrieller hat nun auf die De- Hörde eingewirkt, sich auch für die Spandauer Betriebe an dieser Statistik zu beteiligen. Diesem Ersuchen hat die Behörde ent- sprachen, und dadurch bekam der Verband Berliner Metckllindu- strieller endlich genauen Einblick in die Lohnverhältnisse der königlichen technischen.Betriebe in Spandau. Die Folge bleibt nicht aus, denn die neue Lohnordnung ist die Folge dieser Maßnahme. Schon in der Begründung der neuen Lohnordnung wird ge- sagt, daß das Kriegsamt die Absicht hat, sich künftig nach den Turchschnfttsverdiensten der Privatindustrie zu richte», und dem- gemäß überall da Kürzungen eintreten zu lassen, wo der Verdienst den Durchschnitt übersteigt.'' Es mag dahingestellt sein, ob es Pflicht der Staatsbetriebe ist. sich jeweils nach den Verdiensten der Privatindustrie zu richten. Aber auch wenn man sich wirklich auf diesen Standpunkt stelle.-. w�ll, mutz man das auch konsequent durchführen. Der Verband Berliner Metallindustrieller umfaßt lange nicht alle Arbeitgeber. Einige Großbetriebe, ein großer Teil mittlerer und klemerer Be- triebe sind dem Arbeitgeberverband nicht angeschlossen. Dese kommen in der Statistik auch nicht zum Ausdruck. Es ist nun eigen- tümlich, daß gerade in den vorgenannten Betrieben wesentlich höhere Verdienste als in den meisten Betrieben des Verbandes Ber- liner Metallindustrieller bestehen. Es ist aber weiter in der Ber- liner Industrie üblich, dgß die Betriebe, die etwas weiter von Berliin entfernt liegen, höhere Löhne gewähren, und zwar als Aus- gleich für die erhöhte Auswendung von Fahrzeit und Fahrgeld beim Erlangen der Arbeitsstelle. Alle diese Umstände werdcm in der Statistik nicht berücksichtigt und sinden auch keine Berücksichtigung in der neuen Lohnordnung des Wumba. Dazu kommt weiter, daß die Statistik des Verbandes Berliner Dietall industrieller unter Ausschluß der Oessentlichkeit erscheint, was an sich zu bedauern ist, denn wenn diese Zahlen irgendwie hekannt würden, dann müßte mit einem Schlage das dumme Gerede von den ungeheuren Der- diensten der Berliner Munitionsarbeiter verstummen. Zum an- deren besteht nicht die geringste Kontrolle bei der Aufftellung der Statistik. Die.Unternehmer stellen die ermittelten Zahlen völlig einseitig auf. Die Arberterausschüsse haben weder Einsicht noch Kontrolle darüber, und die Zusammenstellung erfolgt ebenso ein- seit ig von dem Arbeitgeberverband. Mehr wie einmal konnte schon feftgestllt werden, daß die Ermittlungen der Arbeiterorganisa- tionen ein anderes Resultat gezeigt haben, als die Statistik des Verbandes Berliner Metallmdnstrieller, und diese Statistik ist nun die Grundlage der neuen Arbeitsordnung für die königlichen Be- triebe. Mit diesen Vorschlägen konnten die Arbeiter nicht"einverstanden sein, und nach einer Aussprache im Kriegsamt, die zwischen Ver- tretern desselben und den Obleuten der Arbeiterausschüsse statt- fand, haben die Obleute einen eigenen Vorschlag für eine neue Lohnprdmmg ausgearbeitet, der den Wünschen der ungelernten Ar- beiter in etwas Rechnung trägt und zum anderen auch die höheren Verdienste beschneidet. Dieser Vorschlag, der mit kleinen Aenderun- gen dt« Zustimmung der gesamten Mitglieder aller Arbciteraus- schösse gefunden hat, ist darauf den Betriebsleitungen eingereicht worden. Darüber sind bereits einige Woche» ins Land gegangen und die Arbeiterausschüsse haben nichts mehr von der Sache gehört. In- zwischen nehmen die Abzüge in Spandau lustig ihre» Fortgang. Trotzdem etz in der neue» Lohnordnung des Wumba ausdrücklich heißt, daß es nur ein Entwurf sein soll, wird dieser Entwurf, soweit Einschränkungen in Frage- kommen, sofort in die Tat umgesetzt. Die Arbeiisfreudigkeit der Arbeiter wird dadurch sicher nicht ge- fördert und den Schaden hat der Staat. Die Arbeiter haben doch gar kein Interesse daran, die Produktion zu fördern, wenn sie wissen, daß ihnen Abzüge drohen. Das Verhalten der Betriebsleitungen steht aber auch in dtrek- tem Widerspruch mit der Spruchpraxis des Kriegsausschufles für die Metallbetriebe Groß-Berlins. Erst kürzlich hat der Kriegsaus- schuh bei einem größeren Privatbetrieb, der seine Arbeiterschaft ebenfalls mit Abzügen beglücken wollte, in einem Schiedsspruch erklärt, daß Abzüge in der gegenwärtigen Kriegszeit nicht gerecht- fertigt sind und daß, wenn die Firma trotz alledem in einzelnen Fällen aus eine Reduzierung bestehen sollte, diese Herabsetzung der Akkordpreise nur mit Zustimmung der ArbeiterauSschsisse eintreten kann. Dieser Schiedsspruch ist die einmütige Ansicht des Kriegsuns- fchussrs. Auch die Spandauer Betriebe unterstehen diesem Kriegs» ausjchuß Der Spruch hat deshalb auch für die königlichen Be- triebe Geltung. Wenn auf der einen Seite das KriegSamt, wie es seine P�icht ist, aus die privaten Arbeitgeber einwirkt, die Schieds- sprüche des Krkgsausschusscs zu beachten, darf man wohl auch hoffen, daß das Kriegsamt bei feige» eigenen Betrieben diese Selbst- Verständlichkeit erfüllt. Will das Kriegsamt Veränderungen in der Entlohnung der Staatsbetriebe einführen, so muß doch vorher eine Verständigung mit den Arbeiterausschüssen vorausgehen, und erst nach erfolgter Verständigung kann dann die Veränderung vor sich gehen. Solange die Verständigung nicht erfolgt ist, mutz der bis- herige Zustand unseres Erachiens bestehen bleiben. Bei allen Forderungen der Arbeiter auf Verbesserung der Löhne ist dieser Grundsatz immer beachtet worden. Warum nicht jetzt, wo ein nicht unerheblicher Teil der Arbeiter Verschlechterungen erfahren soll? Nun haben aber die Arbeitsrausschüsse Vorschläge zu einer Ver- ständigung gemacht, die für einen Teil der Arbeiter Lohnkürzungen mit sich bringen. Allerdings wünschen sie auch, daß die Löhne der Aermsten der Armen wenigstens in etwas aufgebessert werden. DeseS Verlangen erscheint durchaus berechtigt und findet auch bei den Arbeitern, die dadurch ein« Verschlechterung ihrer Lohnver- Hältnisse erfahren, durchaus Verständnis. Aber die einseitige Lphn- kürzung führt zur Verbitterung, und das hat schon ein« ständig steigende Unzufriedenheit ausgelöst. De Arbeiter verlangen des- halb eine Zurücknahme der Abzüge und wünschen vorerst Ver- ständigung mit den Arbeiterausschüssen. Wenn aber da? Kriegs- amt bei den Abzügen beharren bleibt, dürfte eine steigende Unzu-- friedenheit die Folg« sein. Im Interesse der so notwendigen Heeres- arbeiten scheint es erforderlich, die Arbeiterschaft nicht zu beun- ruhigen, denn dies Interesse muß den Wünschen der Arbeitgeber dex Privatindustrie sicher vorangestellt werden. Berantwortl. f. Politik: Dr. Frau» Tiederich, Berlin- Friedenau: für d. übrigen Teil des DlaHeS: Alfred Scholj, Neukölln: für Anzeigen: Theodor Glocke, Berlin. Berlag: VorwärtS-Verlag G. m. b. H., Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerei und Berlagsanstalt Paul Singer u. Co. w Berlin, Lindenstratze 3. Hierzu S Beilagen. O. IPertßeim Reisegepäck- Versicherung gegen Diebstahl onck Feuerschaden Veniclienings-PoliceD werden in allen 4 Geichäften ausgefertigt Waschstoffe Batist weiß, bestickt, 70 cm breit. Mtr. 1 1 ,00 weiß, reich bestickt, 110 cm i»7 r-A BatlSt breit................ Mtr. 1/.ÖU Mull weiß, mit farbiger Stickerei. Mtr. 1 2.00 11* ,11 bedruckt, türkische Muster, 110 cm»71- Mull breit........;....... Mtr. Z4./ O V Ollß kariert, 1 10 cm breit..... 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Offener Brief an Henderso«. Der unermüdliche Vorkämpfer der interneitionalen Ver° ständigung, Genosse Troelstra, dem die englische Regierung den Paß zur Londoner Konferenz der Arbeiterpartei vertyei- aerte, hat von Amsterdam aus einen Brief an den Führer der ArbeiterpMei,. Henderson, gerichtet, den„Het Volk" vor- öfssntlicht. Im ersten Teil des Brieses weist Troelstra die Not- v? e n d i g? e i t einer internationalen Z u s a m- m e n k u n f t nach. Er führt darin u. a. aus: Die Hofswung der Völker, den immer drirngKrher ersehnten Frieden durch erneute militärische Anstren-gungen zu erreichen, hat sich als eitel erwiesen. Selbst die Regierungen, die herrschenden Klassen und die militÄrkscheu Führer auf beiden Seiten werden zu- geben müssen, daß der Krieg, im Lichte der durch sie ausgestellten Ziele betrachtet, bis heute ein Fiasko war. Die Verwüstung, die ökonomische und finanzielle Erschöp- sung haben Europa inzwischen dem Abgrund immer näher gebracht. Eine niederländische Finanzautsrität fchähte unlängst die Gesamt- kosten und den durch diesen Krieg verursachten Schaben aus eine Summe, die derjenigen des Nationalvermögens von England und Deutschland gleichkommt. Je länger die gegenwärtige Erschöpfung andauert, desto mehr ist zu fürchten, daß schließlich eine direkte Notlage es sein wird, die den Frieden gebietet und diktiert. Der Friede von Brest-Litowsk zeigt uns, was dabei herauskommt, wenn eine der beiden Parteien in eine solche Notlage kommt. Die Folge wäre ein Frieden, der höchstens den Charakter eines Waffenstillstandes hätte, und eine allgemeine Erschöp- sung, die wahrscheinlich auch nicht zu einer revolutionären Aktion führen würde. Eine solche sei nur dann möglich, wenn sie international beschlossen und durchgeführt'verde. Die Hilfe Amerikas sei gewiß ein Faktor von großer Bedeutung, Amerika habe aber die. Pflicht, im geeigneten Augenblick zu helfen, daß es zu einem Kerständigungsfrieden komme, bei den: die Grundlage für einen Völkerbund und für das Ausmerzen des Weltmilitarismus geschaffen werden könnte: In dieser Hinsicht ist Mischeidend die Erkenntnis, daß nicht der Sieg des Militarismus der einen Partei über den der andern die Grundlage sein kann für die internationale Abrüstung, für das Ersetzen der imperialistischen Methode durch die Methode der inter- nationalen Organisation, des Rechts und der gegenseitigen Ver- stänidigiung. Nur aus der Ueberzeug.ung— in allem Ländern und bei der großen Mehrheit aller Völker—, daß der Krieg als Mittel zur Entscheidung von Differenzen sich selber- überlebt hat und daß das Beschveiten des Wegs der internationalen Orgcmi- sation und Verständigung nicht mehr ein frommer Wunsch, son- dern dringende politische Notwendigkeit, Lebensbedingung für das Fortbestshen der zivilisierten Menschheit ist, kann ein guter Friede erstehen. -- Indessen lauert hinter sodem Versuch, zur Vernichtung hcs. einen Militarismus durch den andern bewußt oder unbewußt der Imperialismus der kriegstreiberisch e n K räft e. Worauf cs also ankommt, ist, daß ein Berständigungsfriedc. geschlossen wird, bevor eine solche durch völlige Erschöpfung ent- stand ene Notlage eintritt; daß er zustandekommt, solange beide Parteien noch über ihren freien Willen verfügen. Es gilt, einen Frieden, der getragen wird von der Ueberzsuguug beider Parteien, daß ihre eigenen Kriegsziele— soweit sie die Grenzen der Verteidigung des Landes, der Freiheit und Ehre überschreiten — geopfert werden müssen der historischen Notwendigkeit, für die Zukunft den Krieg als Werkzeug der internationalen Politik ans- zuschalten. Gerade in der Unsntschiedenheit, die Amerikas Hilfe setzt noch dem Kriege, verleiht, gerade jetzt, wo weder die von der Enteute mit Bestimmtheit erhofften militärischen Erfolge noch die von den Mittelmächten bis heute erreichten strategischen Resultate als dauernd feststehen,, gerade in dieser Unentschieden- heit liegt die sachliche Möglichkeit für einen Bcrständi- gu ngS fri e-d e n, der gestattet, daß die Bedingungen eines bau- ernden Friedens genügend zur Geltung kommen können. Die militärischen und diplomatischen Führer der Völker zeigen bei dem Fehlen genügender-internationaler und historischer Einsicht, und getrieben durch die egoistischen Motive der herrschenden Klassen, stets die Neigung, ihre Änssassung von den Friedensbkdi-ngungen je nach der»ngenblicklichen Kriegslage zu präzisieren und aus die Verwirklichung rein imperialistischer Ziele zuzuschneiden. Die einzige Macht, die die großen welthistorischen Gesichts- punkte gebührend in den Vordergrund zu rücken vermag, ist die Arbeiterklasse, welche bis heute in der sozialistischen Internationale ihren poli- tischen Ausdruck fand. Die Notwendigkeit, den moralischen und politischen Einfluß, über den sie verfügt, zugunsten eines gerechten Verständigrings- fvieidenS so schnell als möglich in die Schale der Ereignisse zu werfen, ist hiermit gegeben.- Im zweiten Teil des Briefes erörtert bann Troelstra.die V o r a u s'setz nn ff en für die Z u s a m m en k u n.ft. Er spricht sich entschieden dafür aus, daß keine Mehr- heit s b€ s ch l ü s s e zulässig sein sollen. Dann richtet er nach beiden Seiten freundschaftliche Mahnungen: Seit der Einnahme Rigas war in den Mittelländer« ein wach- sendeS tl ober gewicht der.annexionistischen Strömung wahrzunehmen. Die Bedeutung des ReichstagsbeschluffeS vom 19. Juli 1917 wurde dadurch geschwächt. Die Bewegung für Demokratifierung und Par- lamentaristerung' in den Mittelländern war auf ein totes Gleise gekommen. Selbst in der Presse der offfiziellen deutschen Sozial- Demokratie begann man wegen der Ablehnung der Friede'nSversnche seitens der Entente ferne Hoffnung auf Frieden auf eine günstige militärische Entscheidung im Westen zu setzen. Ich stellte mit Be- dauern daS A'« S bleiben einer kräftigen Aktiv n von jener Seite gegen die Mächte fest, die durch Ausbeutung der Des- orgawisation der russischen Revolution aufs schärfste die Be- h a u p t u n g I ü g e n gestraft haben, daß dieser K r i e g s-ü r Dentschla n d ein Bertei d i g u ngskrieg sei. Wie ich auch stets bedauert habe, daß die französischen und die eng- lischen Arbeiterparteien nicht eine kräftigere Bewegung gegen die Pässeverweigerung und die fernere Kriegs- Politik ihrer Regierungen ins Werk gesetzt haben. Eingeladen seien im Londoner Memorandlmi alle, die sich für einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen auf Grund des Scwstbest-immungsrechtes der Völker einsetzten. Keine der sozialistischen Parteien sei demnach von vornherein äusgeschlossen. W? n naber ei neParteialsB e d i n- g» n g f ü r.e i n e A u s s p räche ford e r n w ü r de, daß i h i P r o g r am mvonöera n d e r e n ü b e r n o m m e n Werde, so würde n a t ii r l i ch jede Aussprache u n m ö g l i ch sein: Die österreichische Partei hat bereits dem Wunsche, sich über daS Londoner Memorandum zu äußern, entsprochen. Ich zweifle nicht, daß auch die deutsche Sozialdemokratie dies in offiziellerer Form und ausführlicher, als dies bis heute geschah, tun wird. Indessen begreife ich» daß man nach dem Frieden von Brest- LitowZk und von Bukarest von den sozialistischen Parteien der Mittelländer wissen will, ob sie mit diesem Friedensäbkommen die darin behandelten Probleme, die auf die beteiligten Länder und Völker Bezug haben, für erledigt halten oder nicht. Die deutsche sozialdemokratische Partei sMehrheit) hat die Verantwortung für den Vertrag von Brest-Litvwsk nicht übernehmen wollen und sich der Stimme enthalten, während die'österreichische Sozialdemokratie gegen diese. Friedcnsbcstim- nrungen protestierte. Man kann also ruhig annehmen, daß diese Parteien, wie alle anderen, das jämmerliche Resultat des bolsche- wistischen Separatfriedens nicht als ein definitives betrachten wollen und bereit sein würden, die damit zusammenhängenden Probleme auch jetzt noch im Licht des von der Internationale er- strebten allgemeinen Friedenis erneut zu behandeln. Das vom Londoner Memorandum gewünschte„energische' Auftreten gegen die cigeike Regierung" müsse international durchgeführt werden. Eine internationale Aktion könne nur aus einer freien und demokratischen internationalen Aussprache. erstehen. Dann wendet sich Troelstra nochmals zu der kitzligen Laßfrage: Hat die Konferenz der interalliierten Parteien, bevor sie die itiative ergriff, sich über die praktische Möglichkeit vergewissert, In Daß den Sozialisten der Entente die Möglichkeit gegeben wird, die .Konferenz zu besuchen? Und zwar in dem Sinne, daß den Wer- tretern aller teilnehmenden Organisationen Pässe erteilt werden? Nicht als Diplomaten, sondern als Sozialisten müßten die Teilnehmer zur Konferenz gehen, sonst würde der Krieg ans das Gebiet der Internationale verpflanzt werden.„Wir aber wollen nicht zum Begräbnis des internationalen Sozialismus gehen, sondern zum Auferstehungsfest der zu lange be- graben gewesene proletarische Solidarität." Das vornehmste Kriegsziel müsse sein, den Völkerbund zu begründen und für die Zukunft den Krieg unmöglich zu machen. N i cht zum zweiten Male dürfe eine internationale Kon- ferenz mißglücken. Wäre erst diese Einigkeit des sozialistischen Willens demonstriert, dann wäre das geistige Milieu geschaffen, in dem unvermeidliche'Gegensätze bezüglich befände- rer Kriegsfragen viel von ihrer Schärfe verlieren würden.' Troelstra schließt: Trachten wir. bevor wir uns auf dieser Grundlage für die nächste Zukunft vereinen, die speziellen Fragen zu lösen, die die Völker und auch uns jetzt entzweien, dann werden wir mit der Konferenz ein Fiasko erleben. Gerade die politischen Parteien sind es, die, die größte Mitverantwortlichkeit für das� Los ihres Landes auf sich ruhen fühlend, in Fragen wie Z. B. die e l> a ß- lothringische nicht übereinzukommen vermögen. Mit Recht versuchen Sic denn auch über diese Frage lieber eine Aussprache, ein Darlegen der gegenseitigen Auffassungen statt- ___ auch......, tausch über Entstehen und Ziel dieses Krieges viele Mißverstand- niste ausräumen könnte. Aber die Lösung dieser Probleme selber wird nur in der offiziellen Friedenskonferenz der Regierungen er- .folgen können. Unsere Aufgabe soll es sein, die Konferenz zu be- schleunigen und bei jeder Partei der Internationale den Willen und die' Kraft wachzurufen, die eigene Regierung zugunsten eine.? mSglichst gerechten, billigen»md dauerhafte» Friedens zu de- einflösse». Aus diesen Gründen fühle ich keinen Anlaß, anfdie speziellen Fragen in Ihrem Memorandum näher einzugehen. Ich kann mich dessen um so besser enthalten, iveil ich einen sehr wirksamen Anteil an der Zusammenstellung des neutralen Friedensvorschlags der Stockholmer Kommission gehabt habe und mich auch zetzt noch zu dem darin enthaltenen Programm bekenne. Um so lieber will ich zum Schluß nach die Frage behandeln. welcher Art die Aktion sein müßte, die die Kanferenz zu beschließen hatte. Es war zerade die Absicht von Stockholm, durch inter- nationale Nebereinknnst die Parteien der kriegführenden Länder zu veranlassen und instand zu setzen, in ihrem Lande eine Friedens» bewegung zu entfachen, ohne dabei den berechtigten Vorwurf auf sich zu ladsn. daß sie in die Karten des Feindes spielten. Diese. Aktion müßte anknüpfen an den Beschluß.der Konferenz, durch den das eigentliche proletarische Ziel des Krieges proklamiert werden muß: Gründung des Völkerbundes; Ersatz der imperialistischen Methode d t§ nationale n M- ilitari S m u s jd u r ch eine inter n ationale Organisation zur Sicherung friedlicher ökono- Mischer E n t!v i ck l n n g j ed e r tzt a t i o n; inrernatio- n a I e A b r ü st u n g. Auf daß dieses große Ziel geistiges Eigentum der Volksmassen in jedem einzelnen Lande werde, könnte die Konferenz beschließen, daß für dieses Ziel möglichst an ein und demselben Tage in alle n L ä ti d er n demonstriert werde. �, In Ihrem Memorandum»erweisen Sie ferner ans den � auch in Stockholm onsgesprochene» Wunsch, daß eine sozialistische Konfr- renz zusammentreten möge, sobald die offiziellen FriedenZverhand- lungen der Regierungen beginnen und daß diese Konferenz am Orte der FriedenSveruandknngen stattfinden müßte. Ich schließe, werter Henderson, mit dem Wunsche, daß Sie und Ihre Freunde eine Konferenz in dem Geiste, wie ich Sie hier skizzierte, für erwünscht und ausführbar halten möchten. In diesem Falle würde ich mich glücklich schätzen, der Durchführung Ihrer Ab- sichten auch meine besten Kräfte ttoidmen. 42s LoSz» Das gelsöte Zanb. Roman von W. St. R e y in o n t. Die Pfiffe, die knatternd über der Stadt erschollen und zur Arbeit riefen, rissen sie mit. Jeder kannte den Ton seiner Pfeife. Jeder warf alles hin, wenn er die verhaßte Stimme hörte, und lief, um ja nicht zu spät zu kommen. Bloß Borolviecki beachtete es nicht und Malmoivski, ein junger Techniker von Schaja, der stets schwieg, bedächtig aß und in den Pausen rasch etwas in sein Notizbuch schrieb. Auch die Frauen, die am Tisch saßen, begannen langsam sich zu erheben und hinauszugehen. Jede.von ihnen arbeitete ebenfalls in eineüc Geschäft. Heftig ertönte die Glocke im Vorzimmer. „Das ist mein Matthias, das Telegramm!" rief Karl, der seinen Diener am Klingeln erkannte. „Grad' ist das gekommen, und da bin ich auch gleich da," meldete Matthias. „Na, da wische er sich auch gleich die Füße im Vor- zimmer ab, wenn er schmutzige Schuhe'hat, befahl Kama energisch. Ohne, aus die neugierigen Blicke zu achten, zog sich Borowiecki ans Fenster zurück und las: „Gut. Knoll, Zucker, I. Mendelsohn— kaufen. Erste Partie heut früh abgeschickt. Bei mir abladen. Fünf- zehn Prozent höher. Vorräte gering. In einer Woche zurück." Eierig verschlang Karl das Telegramm und konnte seine Befriedigung nicht verhehlen. „Gute Nachrichten, Herr Karl?" fragte Stephanie und blickte mit ihren lila Augen in sein leuchtendes Gesicht. „Sehr gute!" „Von der Braut!" rief Kama. „Bloß von Moritz ans Hamburg. Eine schone Braut. Wenn Kama artig sein lvicd, dann werde ich sie mit Moritz zusammenbringen." Kama verschwand aus dem Zimmer. Borowiecki verabschiedete sich von den Anwesenden. „Die Pfeifen rufen Sie ja nicht mehr." sagte Frau Stephanie. „Trotzdem Hab' ich es eiliger heute wie irgendwann." „Ja, für unS haben Sie nie Zeit. Schot; drei Sonntage hintereinander waren Sie abends nicht hier." Ein leiser Vor- Wurf klang in ihrer Stimme. .,J'' . Fch wage es nicht einmal zu glauben, Frau Stephanie, daß man meine Abwesenheit� bemerkt hat, bin nicht so ein- gebildet, bin aber sicher, daß ich an diesen Abenden mehr verloren habe, als Sie, viel mehr." „Wer kann das wissen," � flüsterte sie leise und reichte ihm die Hand zum Abschied, die er sehr kräftig küßte. Erging hinaus. Im Vorzimmer vertrat ihm Kama den Weg. „Ich habe eine sehr große Bitte an Sie, Herr Karl, eine sehr große, eine sehr..." „Ich höre und verspreche Ihnen ohne weiteres, daß ich alles erfüllen werde, das Kind soll nur bitten." Kama blickte ihn nicht an, die kurzen, schivarzen, lockigen Haare bedeckten ihre ganze Stirn, sie schob sie nicht zurück; mit dem Rücken an die Tür gelehnt, mit zusammengeballten Fäusten, rang sie lange nach Mut. „Tun Sie Horn nichts an, helfen Sie ihm. Er ist es wert. Er ist so gut, so edel, und es geht ihm so schlecht in Lodz, so schlecht. Keiner mag ihn, und alle lachen ihn aus, und ich will das nicht, mich schmerzt das sehr, ich möchte ja so, Jesus Maria... Ich will das nicht!" schrie sie, brach in Schluchzen aus und lief in den Salon. Borolviecki eilte in das Kontor von Moritz, um die Lager zu prüfen, wo die Baumwolle abgeladen werden sollte. Auf dem Rückwege fiel cs ihm ein, der.Kolonie' eine Freude zu bereiten. Er kaufte ein ganzes Tablett mit Kuchen und eine Bonbonniere und schickte alles in die Promenaden- straße an Kama.' „Die sollen auch etwas bei meinem Geschäft verdienen," dachte er, auf die Straße tretend. Er war mit sich und der � ganzen Welt zufrieden, daß er nach rechts und nach links die vielen Bekannten grüßte, die nach dem Mittagessen in die Fabriken und die Kontors eilten. Die Bütgersteige waren direkt vollgestopft mit Arbeitern, die eiligst dem Rufe der unzählige«, die Lust zerreißenden Pfeifen in die Fabriken folgten: einige aßen' noch unterwegs im Laufen. Das Klopsen der hölzernen Sohlen erfüllte die ganze Straße mit einem Geklapper» das zusammen mit der Welle verrußter, schwarzer, abgezehrter und zerlumpter Urbeiter in den Toren der Fabriken und in den Seitengassen zerschellte. Ans einer Seite der Straße zog ein armseliges Begräbnis vorbei. Vier schwarz gekleidete Burschen trugen ein weißes Särglein, mit einem blauen Kreuz in der Mitte; sie schritten hinter dem Kirchendiener, der in einer blauen Pelerine, gebückt, mit schiefgeneigtem, kahlem Kopf das Kreuz vorantrug. schläfrig durch den furchtbaren Schmutz watend. Hinter dem Särglein schritten einige Kinder mit Schirmen, dicht am Bürgersteig, denn jeden Augenblick verjagten sie vorbeifahrende Droschken, Equipagen und riesige, mit Waren beladene Last- wagen von der Mitte der Straße und bespritzten mit dem schwarzen, schlüpfrigen Kot das Särglein, daS eine alte Frau immer wieder mit ihrer Schürze abwischte. Niemand hatte Zeit, auf das Begräbnis zu achten, ab und zu zog bloß ein Arbeiter die Mütze herunter oder eine Arbeiterin bekreuzte sich andächtig und seufzte— und alle liefen lveiter, von den Pfeifen mit sortgerissen, die lvie eine kalte Schneide die schwere, graue, von Rauch gesättigte Luft durchschnitten. Borowiecki blieb stehen, sich nach einer Droschke um- schauend, um schneller ins Kontor zu gelangen. Da bemerkte er, daß er van einer vorbeifahrenden Equipage auS gegrüßt wurde. Mada Müller war es mit ihrem Bruder, der i» einer roten Siudentenmütze, das grün-rote Band über der Brust und mit einem großen Pudel auf den Knien im Wagen hingegossen dasaß. Der Wagen hielt ein paar Schnitte weiter am Bürger- steig. Lächelnd wandte sich Mada zu Borowiecki. „Herr Borowiecki, und die versprochenen Büchertitel! Halten Sie so Ihr Wort?" begann sie, als sie sich begrüßt hatten. Borolviecki blickte in ihre goldschimmernden Augen. „Ich gestehe offen, ich habe es vergessen, aber ich werde mich bessern und schicke sie Ihnen heute noch. Ich verspreche es feierlich." „Ich glaub' Ihnen nicht, ich mutz eine mehr solide Ver- sicheruug haben," plapperte sie lustig. „Ich bin bereit, es zu unterschreiben." „Ist lvenig I Die Unterschrift kost't nicht diel," lachte sie. „Dann werde ich meine Unterschrift mit dem Giro irgend- einer großen Firma versehen." „Höchstens dem der Frau Lickert," rief sie rasch und ver- barg ihr Gesicht in dem Seidenmuff. Sie erschrak bei ihren eigenen Worten, die ihr unwillkürlich entschlüpft waren. „So oft wiederhole ich ihr, daß sie dumm ist, und sie will es� nicht glauben," brummte Wilhelm. „Wo gehen Sie hin?" begann sie zuerst, um den schlechten Eindruck zu verwischen, und erhob ihr Gesicht, das eine tief- dunkle Röte bedeckte. „Zur Arbeit," erlviderte er leichthin, obwohl ihm Frau Lickcrts Erwähnung sehr weh getan hatte,,(Forts, folgt), Das neue Dienststrafverfahren gegen Prsfeffsr Henkel. Oberstaatsanwalt Trautvetter legst in seinem Plädotzer dar, daß, wer das erste Urteil unbefangen lese, zu dem Schluß kommen müsse, daß nicht auf Strafversetzung, sondern auf Dienstentlassung erkannt werden mußte. Es kommt bei diesem Prozeß nicht die bü r g e r I i ch e Ehre in Frage, sondern die dienstliche Ach- t u n g. Wenn die tatsächlichen Feststellungen des ersten Urteils richtig sind, so ist die Berufung der Staatsanwaltschaft gerecht- fertigt. Die Anklage unterscheidet zwischen leichten und schwerereu Fällen. Zu den ersteren gehört der Vorwurf, daß Prof. Henkel sich an den Sektionen weder selbst beteiligt hat, noch seine Assi- üenten dazu angehalten hat. Tie Verhandlung hat nachgewiesen, daß die Ansicht des Geheimrats Bumm über diesen Punkt irrig ist Das Gutachten des Geheimrats Bumm bestreitet, daß Prof. Rößle berechtigt gewesen sei, wegen des Todes zweier Frauen infolge Lumbalanästhesie Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zu machen. Prof. Rößle stand mit dem Angeklagten zunächst auf freundlichem Fuß, Prof. Henkel ist ihm sogar freundschaftlich entgegengekommen und hat ihm Material gegeben. Aber er konnte sich die verschiede- nen Fälle nachher nicht erklären, die zahlreichen Schwan- gerschaftsunterbrechungen selb st bei leichten Fällen, und oft kamen die Ehemänner und klagten Uber den Tod ihrer Frau. Er und seine Assistenten wunderten sich über die zahlreichen Todes- -alle infolge Wundinfektion. Ter Staatsanwalt erörtert ferner die Frage der Vernachlässigung von Patientinnen und erachtet dieses Verschulden in einem Fall nachgewiesen, wo bei einer Nabelschnuroperation Prof. Henkel angeordnet habe, daß er sie selbst vornehmen würde, aber erst nach einer halben Stunde gekommen sei, so daß das Kind schon tot war. Im Fall Reichenbach ist der schwerste Punkt der Anklage, daß der Tod der Frau durch eine unvorbereitet« Operation herbeige- führt worden sei, nicht e-rwiesen und nicht ausrecht zu er- halten; jedoch ist erwiesen, daß diese Operation in Gegenwart des Prinzen zur Lippe erfolgt ist. Zur Operation von Frauen ist über- Haupt zu sagen, daß die Zulassung männlicher Laim als Zuschauer ungehörig ist. Die Frauen dürfen nicht den Blicken des Laien ausgesetzt werden, wenn es sich auch um einen medizinischen Ama- ieur handelt. Ob es ein Prinz war oder kein Prinz, hat mit der Sache nichts zu tun. Der Sachverständige Winter meinte, wenn der Prinz 10 900 M. für die Armen der Klinik gezahlt hätte, wäre das etlvas anderes. Eine solche Ansicht ist eines Gelehrten unwürdig. Entweder ist etwas erlaubt oder nicht. Der Sachverständige Winter sagte auch, das Sträuben der Kranken hätte ihn nicht gehindert, zu operieren. Er würde sich also ungeschcut eine schwere kör- p e r I i ch e Mißhandlung zuschulden kommen lassen. Was fwt nun den Angeschuldigten zu dieser großen Zahl so schwerer Operationen geführt? Gewiß nicht Gelderwerb, daran habe ich nie gedacht. Ich habe den Eindruck, daß er durch diese übergroße Zahl schwerer Operationen als glänzender Operateur dastehen und sich durch seine Erfolge einen Namen m Deutschland machen wollte. Vielleicht wollte er auch der Wissen- ichaft neue Bahnen weisen. Auf das Biotiv kommt es aber ebenso wenig an, wie auf die Frage des Mitleids. Seit Jahren ist der Rückgang der Geburten der Gegenstand ernster Besorgnisse. Es zeigt sich eine Unlust, zu gebären, eine Abneigung gegen den Kindersegen, die in den weitesten Kreisen in erschreckendstem Maße zugenommen hat. Diese Schtvcmgerschaftsunter- övechungen erwecken in weiteren Kreisen den Wunsch eine gleiche Erleichterung von Schmerzen und Sorgen zu erhalten. Da muß man doch die Frage auswerfen, ob es dem Angeschuldigten gestattet iein darf, ein Geschlecht jünger Aerzte heranzubilden, das von diesen Grundsätzen beseelt ist. Eine Ordnungs- oder Warnungs- iassung ist daher nicht aufrecht zu erhalten, ich bitte es, gemäß dem ersten Urteil, bei der Strafversetzung zu belassen. Verteidiger Rechtsanwalt L u etg e b r u n e- Götiingen: Ein verachtungswürdiger Vorwurf würde dein Angeklagten� mit Recht gemacht werden können, wenn er aus Gewinnsucht ge- handelt hätte, aber das nimmt ja der Oberstaatsanwalt auch nicht an. Der Verteidiger bestreitet in längeren rechtlichen Dar- legungen, daß Prof. Henkel seine Dienstpflichten verletzt habe. Tie ärztliche Tätigkeit sei nicht ein Ausfluß seiner Dienstpflichten. Ge- warnt muß davor werden, mit Zahlen über die Unterbrechungen als Beweismaterial gegen Henkel zu arbeiten. Der Verteidiger widerlegt dann in längeren Ausführungen über die Einzelfülle die Berechtigung der Anklage.— Verteidiger Dr. Alsberg führt in seinem Plädoyer aus: Prof. Rühle hat sich zu unrecht angemaßt, auf Grund der Sektionen die ärztliche Tätigkeit Prof. Henkels zu beurteilen. Das hat nicht nur ein völlig falsches Bild ergeben, sondern ist auch die Ursache schwerer persönlicher Mißhelligkeiten und Konflikte geworden. Zuzugeben ist, daß Prof. Henkel ein etwas sehr schroffes Wesen hat, und wohl auch stark s e I b st b e w u ß t ist. Dieses Selbstbewußtsein wurzelt aber in seiner Ueberzengung von seinem Können, und daß er auf seinem Gebiet etwas Tüchtiges, wenn nicht Geniales leiste.— Der Verteidiger kritisiert scharf die Aussage des Zeugen Dr. Teilhaber und bat am Schluß seines Plädoyers zu berücksichtigen, daß nur die edelsten Motive den Beschuldigten geleitet hätten. Oberstaatsanwalt Traut Vetter erwidert den Ver- ieidtgern, daß Prof. Henkel in seiner Privatklinik nie einen entblößten Frauenleib Laienblickeu ausgesetzt habe. Tie Kassenpatientinnen hätten dasselbe R e ch t a u f Schutz, ihrerweiblichen Ehre.— Verteidiger Rechtsanwalt Luetgebrune: Klinische Operationen sind ein staatlich anerkanntes Lehrmaterial, daher ist ein Unterschied «Tischen Privaikliniken und staatlichen Kliniken zu machen.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Alsberg erklärt, die Freisprechung Prof. Henkels zu erwarten.— Prof. Henkel führt im Schluß- wort äus, der Prozeß habe gezeigt, wie schwierig es sei, eine An- klage aufzubauen auf Krankengeschichten, die zum Teil acht Jahre und länger zurückliegen. Wem, ich eine Kranke nach meiner wissenschaftlich begründeten Weise behandele und meine Fach- kellegen mir Recht geben, kann man sich doch nicht, wie der Ober- staatsanwalt, auf den Standpunkt stellen, daß die Meinung-von Nichtfachkollegen vorzuziehen sei. Ich lege mein Schicksal beruhigt in die Hände des Gerichtshofs. Das Gericht beschließt, das Urteil am Mitttvoch, mittags 12 Uhr, zu verkünden._ GroMerlln Das Verfahren gegen Neukölln ist, soweit eine Anklage wegen Hoch st preisü her schreitung in Frage kommt, eingestellt. Es bleibt mithin nur da-? Verfahren wegen Vermahlung von Saatgetreide übrig worden. Der erste Staatsanwalt war schon vor mehreren Wochen in eine Prüfung der Frage eingetreten, ob die Vundesratsverordnung gegen die Preistreiberei vom 8. Mai auf dies Versahren von Einfluß ist und ist zu dem Schluß gekommen, daß dieser Verordnung rück- wirkende Kraft zuzuschreiben ist. Dieser Verordnung zufolge macht sich der Käufer unter gewissen Bedingungen bei der Ueberschreitüiig der Höchstpreise nicht strafbar. Da diese Bedingungen auf den Neuköllner Fall zutreffen, so mußte mit der Ueberzeugung von der rückwirkenden Kraft der Bundesratsverordnuug die Beschuldi- gung der Höchstpreisüberschreitung gegen Neukölln von selbst fortfallen. Zugleich ist der Neuköllner Magistrat aufgefordert worden, die seinerzeit bei ihm beschlagnahmten Akten von der Staatsanwaltschaft zurückholen zu lassen.__ Ein Schutzmann als Verwalter. � Ein krasser Fall von besonderer Art soll heute zu Nutz und Frommen unserer Leser mitgeteilt werden. Im Hause M arten- Bürger Str. 29 ist Herr Härtel, von Beruf Schutz m a n n, Verwalter. Im Hause wohnt ein Ehepaar Z. Infolge Zwistigkeiten beschlossen die Eheleute auseinander zu gehen. Die Ehefrau gab dem Verwalter hiervon Kenntnis, bat, sie zum 1. Juli ziehen zu lassen, erklärte sich bereit, einen neuen Mieter für die Wohnung zu stellen. Dieses geschah, derselbe fand aber wohl keine Gnade vor den Augen des Verwalters, denn dieser forderte nunmehr den Ehe- mann auf, die Miete für Juli noch zu zahlen. Damit der Brief mehr Beachtung fand, benutzte der Herr Verwalten einen amtlichen Bogen der Polizei, desgleichen ein schon einmal gebrauchtes, an das Polizeirevier gerichtetes Kuvert. Dach dieser Umstand ist nur nebensächlich, dient nur zur Beleuchtung, obwohl wir es nicht für einwandfrei halten, daß ein Beamter amtliches Material für seine privaten Zwecke benutzt. Anders jedoch der Inhalt des Brieses. Herr H. droht dem widerspenstigen Mieter mit der Denunziation bei der Militärbehörde. Er schreibt u. ct.:.. Sollten Sie diese Frist unbeachtet lassen— es kann nur Böswilligkeit vorliegen-—, werde ich m i ch a n die Militärbehörde wenden und mit Ihrer Reklamation wird es dann wohl zu Ende sein.... Sollten Sie an die Front kommen, so werde ich die Miete auf gerichtlichem Wege beitreibcu, und zwar vorläufig bis Oktober 1918.... Ich will Ihnen nur den guten Rat gestcu. die Miete zu«dem genannten Termin pünktlich zu zahlen,-denn ich l�asse nicht mit mir spaßen. Sie als reklamierter Soldat— der viel Geld verdient gegen diejenigen, die an der Front ihr Leben aufs Spiel setzen, sollten erst recht Ihrem Verpflichtungen nachkommen....Sie können nun wählen, welches von beid-en das Bessere ist, Soldat zu sein oder Geld zu ver- diene n." Dieser'Herr Verwalter, ob er selbst reklamiert ist, wissen wir nicht, scheut sich also nicht, klipp und klar auszusprechen, daß er, wenn er nicht zu seinem vermeintlichen Recht kommt, die Hilfe 5e!öpoft»/lbonkenten Wer öss Monnement a«f öen„vor- wärts� noch nicht erneuert hat, muß sofort 1,80 M. an öen vorwärts-veriag S. m. b. H., Serlin SW, Änöenstr. 3, oöer an öie bekannten Ausgabestellen einsenden, um sich öie pünktliche weiter- lieferung für Monat August zu sichern. O der Militärbehörde in Anspruch nehmen wevde. Er ist also der Meinung, daß die Einberufung als Strafe für private Handlungen -ausgeübt tverden kann, ja er ist fest davon überzeugt, daß die Militärbehörde wegen der angeblichen Mietsschuld jemanden zum Heeresdienst einberuft. Der davon Betroffene. kann sich dann schließlich nicht mal ver- teidigen, denn nur in den seltensten Fällen erfährt er den Grund der Einberufung. Auch wir stehen auf dem Standpunkt, einge- gangene Verpflichtungen müssen erfüllt werden, wenn nicht nnüber- windliche Notlage die Erfüllung unmöglich macht. Die Art aber, wie hier der Herr Schutzmann-Verwalter sein vermeintliches Recht zu wahren versucht, fordert die schärfste Mißbilligimg heraus. Was sagt im übrigen die vorgesetzte Behörde zu dem Porg-ehen des Schutzmanns? U. A. w g._ Schlcchic und teure Marmelade? Im vorigen Jahre hat die schleckte Marmelade mit Recht Er- bittcrung hervorgerufen. Die ganze Ernährung gerade der ärmsten Kreise hat damals durch die schlechte Marmelade arg gelitten. Da- her wurde in diesem Jahre alles getan, damit der Bevölkerung eine bessere Marmelade geliefert werden kodnte. Dies ist denn auch er- reicht worden. Dabei war es wertvoll, daß der Marmelade 60 Proz. Zucker zugesetzt werden konnte. Der Zucker verbessert so- wohl den Geschmack als auch den Nährwert der Marmelade.» Vor einiger Zeit wurde aber mitgeteilt, daß für das bevor- stehende Jahr nicht mehr so viel Zucker wie im letzten Jahre an die Marmelndeufabriken geliefert werden kann, und daß deshalb der Vi armelade nur noch 50 Proz. Zucker zugesetzt werden soll. Der verringerte Zuckerzusatz kann im bevor- stehenden Jahre sehr unliebsame Folgen für die Beschaffenheit der Marmelade haben. Die Aussichten für die diesjährige Obsternte sind leider ungünstig. Es fragt sich daher, ob für die gebrauchte Menge Marmelade die Früchte und die Streckmittel beschafft werden können, die notwendig sind, wenn eine Marmelade hergestellt werden soll, die der diesjährigen gleichwertig ist. Je mehr dann noch der Zuckerzusatz verringert wird, um so' mehr muß darunter überdies der Geschmack und der Nährwert der Marmelade zurückgehen. Dem muß unbedingt vorgebeugt werden. Die Aufgabe der Neichsleitung mutz es fein, beizeiten dasiir zu sorgen, daß eine schmackhafte und nahrhafte Marmelade hergestellt werden kann. Ferner ist bei dem Zucker preis ebenfalls Rücksicht darauf zu nehmen, daß gegenwärtig die Fabrikmarmelade ein unentbehrliches Lebensmittel selbst der Äermsten ist. Der Zucker, der uns jetzt beschert wird, kommt aus der Ukraine und ist sehr teuer. Um nicht damit den allgemeinen Zuckerverbrauch der Bevölkerung zu belasten, werden, wie die Reichsleitung ausdrücklich angibt, von bestimmten Gruppen von Znckerempfnngern, in erster Linie von der Süßigkeitsindustne, beträchtliche Zuschläge erhoben. Leider ist auch der Zucker für die Fabrikmarmelade mit solchen Zuschlägen bedacht worden. Das ist durchaus unangebracht und sollte beseitigt werden. Noch viel weniger darf aber der Zucker für die Fabrikmarmelade durch weitere Zu- schlage verteuert werden, weil selbstverständlich diese Verteuerung schließlich doch von den Verbrauchern der Marmelade bezahlt werden muß.__ Tie Gefährlichkeit ungekochter Milch. Der preußische Minister des Innern � hat die Regierungspräsidenten und den Berliner Polizeipräsidenten ersucht, darauf hinzuwirken, daß in den Molkereien alle Milch pasteurisiert wird. Wo das nicht möglich ist, wird für ratsam gehalten, die B e- völkerung vor dem Genutz un gelochter Milch zu warnen. E-Z soll erwogen werden, ob nicht allgemein eine solche Verwarnung angebracht erscheint. Veranlassung dazu gibt der Umstand, daß z. B. Typhus durch Milch verbreitet werden kann und schon verbreitet worden ist. Daß ungekochte Milch überhaupt bei der U ebertrag ung ansteckender Krankheiten eine verhängnisvolle Rolle spielt, ist längst hinreichend bekannt. Leider läßt sich aber in Berlin und seiner näheren Umgebung der Rat, die Milch nicht ungekocht zu genießen, zurzeit schwer befolgen. Durch den „Vorwärts" wurde festgestellt, daß jetzt die in Groß-Berlin zum Verkauf kommendeMilch großenteilsbereits angesäuert ist, wenn sie an die Verbraucher gelangt. Die FeUstelle Groß-Berlin versuchte, mit einer öffeutlichen Erklärung zu beschwichtigen, mußte aber unsere Angabe bestätigen. Das Medizinal- amt der Stadt Berlin soll begutachtet haben, angesäuerte Milch sei nicht gesundheitsschädlich. Man kann aber angesäuerte Milch nicht mehr kochen, weil sie dabei zusammenfällt. Muß sie daher ungekocht genossen werden, so setzt man sich der Gefahr einer Krankheitsübertragung aus. Auch das Mcdizinalamt und die Fett- stelle werden diese Gefahr, vor der das Ministerium warnt, zugeben müssen. Käsevcrtcilung. In der Zeit vom 22. bis 28. wird an die- jenigen Kunden, die in die Speisefettkundenlisten der in den Be- zirken der 1.— 10., 12.— 14., 16.— 21.. 129., 133.— 139., 149., 172., 175., 218., 224., 232., 235. und 242. Brotkommission— Gegend Nordwesten, Zentrum, Südwesten, Westen Berlins— eingetragen sind, pro Kopf 125 Gramm Käse verteilt. Die Löhne für Hccresnäharbeiten. Das KriegsbekleidungKamt des Gardekorps teilt folgendes mit: Für sämtliche von den Kriegs- bekleidlingsämtern des Gardekorps und des III. A.-K. in Spandau ausgegebenen Heeresnäharbeiteu sind die den Arbeitern zustehenden Arbeitslöhne der Höhe nach genau festgelegt. Es müssen für samt- liche Arbeiten Stücklöhne gezahlt werden, Zeitlöhne sind unzulässig. Die einzelnen Tarife, in denen die den Arbeitern zustehenden Löhne festgelegt sind, können jederzeit beim Kriegsbekleidungsamt des Gardekorps Berlin, Lehrter Str. 57, eingesehen werden,' auch sind die Tarife dort käuflich zu haben. Arbeitnehmer, welche nicht richtig entlohnt werden, sind jederzeit berechtigt, bei der Schlichtungs- kommission für Militärschneiderarbeiten in Berlin, Zimmerstr. 90/91, Klage zu erheben. Unterstützung notleidender BuchdruSer. Der Magistrat teilt mit: Ans der unter der Verwaltung der Stiftungsdeputation stehenden Ernst Kühnschen Stiftung sollen am 27. September jeden Jahres Unter- stützungen von wenigstens 100 M. an notleidende, in Berlin wohn- hafte, selbständige Schriftsetzer, Buchdrucker und Gehilfen und von wenigstens 50 M. an notleidende, in Berlin wohnhaste Witwen oder Töchier von verstorbenen, zuletzt in Berlin wohnhaft gewesenen Schriftsetzern oder Buchdruckern— ohne Unterschied des Neligions- bekenntnisses— vergeben werden. Gesuche mit Angabe über die Dauer des Ausenthalts in Berlin sind innerhalb 14 Tagen an die Städtische Stiftungsdeputation, Stralauer Str. 56 II, einzureichen. Zivilpersonen französischer Staatsangehörigkeit, die zu irgend- einem Zeitpunkt bei Beginn der Feindseligkeiten interniert waren und später ermächtigt worden find, frei in Deutschland zu leben. kann unter gewissen Bedingungen die Ausreise aus Deutschland ge- stattet werden. Die Zivilpersonen, die von der Ausreisemöglichkeit Gebrauch machen wollen, müssen ein schriftliches Gesuch an das für ihren Aufenthaltsort zuständige stellvertretende Generalkommando oder an die Königlich spanische Botschaft in Berlin richten. Die Frist, innerhalb welcher solche Gesuche einzureichen sind, ist bis zum 1. September 1918 verlängert worden. In dem Gesuch sind anzu- geben: 1. Name, Vorname, Geburtstag und Geburtsort; 2. Zeit und Ort der Jnternierung; 3. Zeitpunkt der Entlassung aus'der Jnternierunq; 4. Wohnort oder ständiger Aufenthaltsort vor dem Kriege; 5. Ort, wohin sich die Zivilperson zu begeben wünscht. Im Sportpark Treptow gelangt heute das große Rennen„Die Hundert" zur Entscheidung. Das Rennen führt über die lange Strecke von 100 Kilometern in einem Zuge. Die Rennen beginnen um 4 Uhr. Eine unheimliche Bekanntschaft machte kürzlich eine Wirtschafterin aus Steglitz. In einem Kinotheater in der Potsdamer Straße lernte sie einen Mann kennen, der sich„Jockei Kurt L e u s ch e r" nannte. Man verabredete ein Wiedersehen in der Wohnung der Wirtschafterin. Bei einem dortigen Besuche legte der unheimliche Liebhaber dem Mädchen plötzlich einen Arm um die Schultern, um- klammerte ihm nut einem raschen Griff beider Hände den Hals, drückte eS zu Boden, kniete auf ihm und versuchte es zu erwürgen. Die Ueberfallone setzte sich aber kräftig zur Wehr und rief um Hilfe. Jetzt ergriff der Unhold die Flucht und ließ seinen grauen Filzhut und einen Sportkneifer im Stich. Nach einigen Tagen forderte er in einem Briefe die Sachen zurück und bedrohte die Wirtschafterin mit dem Tode, wenn sie den Vorfall anzeige. Der Kneifer befand sich in einer Hülle von unechtenr Krokodilleder mit der Inschrift E. Baumgärtel— Delitzsch. Der unheimliche Mann ist etwa 28 Jahre alt und blond, hat ein längliches frisches Gesicht von gesunder Farbe und blaue Augen und unter dem Kinn eine etwa zwei Zentimeter lange Narbe, die deutlich zu sehen ist. Er sprach Berliner Mundart und trug einen schwarzen mit Seide ge- fütterten Jakettanzug und schwarze Schnürstiefel. Ein Ranöübcrfall wurde gestern vormittag am Neuen Markt verübt. Die Obsthäudlerin Frau Klinkow, die in der Halle am Alexanderplatz einen Stand hat, und am?keuen Markt 3 im dritten Stock des Vorderhauses wohnt, ging gegen lOi/z Uhr von der Halle nach Hause. Sie trug einen großen Korb und eine Brieftasche mit der Tageslosung von 500 M. bei sich. Als sie den Hausflur betrat, fiel ein Mann, der dort am Eingang zu einem Papierladen stand, plötzlich über sie her und raubte ihr die Tasche mit dem Gelde. Die Ueberfallene rief um Hilfe und verfolgte sofort den Räuber, der mit der Beute die Flucht ergriff. Das Dienstmädchen, das sich schon auf der Treppe befand, um Frau Klinkow den großen Korb abzunehmen, eilte hinterher und auch noch andere Lenle schloffen sich den Verfolgern an. Trotzdem gelang es dem Räuber zu enr- kommen. Er eilte die Parochialstraße hinunter und entschlüpfte durch einen Durchgang nach der Klosierstraße. Er ist etwa 30 Jahre alt, 1,62 bis 1,70 Meter groß, hat dunkles Haar, einen Anflug von Schnurrbart und ein volles, gebräuntes Gesicht und trug einen kleinkarierten Jackettanzug und einen weißen Strohhut. Einbrecher suchten in der Nacht zum Mittwoch die Großschuh- Reparaturwerkstatt von Heinrich Bracke, Wilhelms- ha vener Str. 23. heim und entwendeten 40—60 Paar Schuhe und Stiefel. Es wird gebeten, etwaige Ermittelungen sofort dem nächsten Polizeirevier zu melden, denn die entwendeten Schuhe sind Eigentum armer Moabiter Arbeiter, die in große Stiefelnot ge- raten sind. Von einem Schutzmann erschossen. In der vergangenen Nacht sollte der 19 jährige Arbeiter Albert Peters in der Greifswalder Straße von einem Schutzmann festgenommen werden. Er griff den Beamten tätlich an, und der Beamte griff in der Notwehr zur Dienstpistole. Der Angreifer wurde so schwer verletzt, daß er auf dem Wege nach dem Krankenhause starb. Straßcnbahnznsammcnstoß. Vor dem Hause Petersburger Straße 87 stießen ein Triebwagen und ein Anhänger der Linie Stettiner Bahnhof— Hermannplatz mit poller Gewalt zusammen. Infolge des Anpralles wurde die Vorderplattform des Anhängers eingedrückt und die, Scheiben an beiden Wagen gingen in Trümmer. Durch die Glassplitter wurden insgesamt achtzehn Fahgäste verletzt. Einen schlechten Scherz machte sich ein unbekannter Mann in Postuniform � mit Frauen, die in großer Menge am Potsdamer Platz vor einem Schnhwarenladen anstanden. Im Vorbeigehen rief er ihnen zu, sie sollten doch nilbt mit unnützem Warten die Zeit vertrödeln, sondern sich, wn die Stelle wenden, von der auch er sein Schuhzeug bekomme, an Pohl in der Greifswalder Str. 86. Dort brauchten sie nur einen Brief mit ihren Wünschen und dem Bezugsschein in den Briefkasten zu stecken, dann käme alles Weitere von selbst. Viele Frauen eilten freudig überrascht nach der Greifs- walder Straße und taten, wie ihnen gesagt worden war. Als sie keine Antwort erhielten, wandten sie sich an die Polizei. Die Er- Mittelungen der Kriminalpolizei ergaben, daß Pohl an dem schlechten Scherz unschuldig ist und auch nicht weiß, wer sein Ur- Heber sein mag. Neukölln. Gemüseversorgung. Vom Magistrat wird uns mit- geteilt, baß nahezu die Hälfte der in Neukölln ansässigen Gemüse- kleinhändler ihren Gemüseoedarf nicht von der Gemüseversorguug der Stadt, sondern aus anderen Ouellen beziehen. Die Stadt hat Nr. ❖ 35. Jahrgang 2. Heilage öes Vorwärts Sonntag, 21.�uli 1H1S Der Reichstag und die Sozialpolitik» Wsnn jemals auf sozialpolitischem Gebiete viel zu leisten war, dann jetzt. Die'Stelle, von der derartige Leistungen vor allen Din- gen zu erwarten sind, ist der Deutsche Reichstag. Dieser ist sehr lange zusammen gewesen, aber es hat sich hier das Sprichwort, daß, was lange währt, gut wird, diesmal nicht bewährt. Denn die Lei- stungen des Reichstags auf dem Gebiete der Sozialpolitik sind außer- ordentlich geringfügiger Natur. ES ist eigentlich mir die Beseitigung des§ 153 der Gewerbeordnung, die die Arbeiterschaft mit ge- wisser Genugtuung erfüllen kann, zumal auch die Regierung in der Begründung ihrer Vorlage ausdrücklich zugegeben hat, daß damit ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter falle. Endgültig befriedigen kann aber auch diese Lösung die Arbeiter noch nicht. Denn ganz abgesehen davon, daß ein eigentliches Koalitionsrecht den deutschen Arbeitern noch immer fehlt, bleiben auch noch die Strafbestimmun- gen des Strafgesetzbuches über die Erpressung, die der§ 253 enthält, mit ihrer für die Lohnbewegungen so gefährlichen Wirkung bestehen. Noch immer liegt die Gefahr vor, daß Arbeiter, die dem Unternehmer, der bei einer Lohnbewegung ihre Forderungen nicht bewilligt, den Streik androhen, wegen Erpresiung bestraft werden können. DaS ist ein ganz unhaltbarer Iu stand, der dem Recht zu streiken so widerspricht, daß eine Aenderung unbedingt eintreten muß. DaS ist bei der Beratung der Aufhebung des 8 153 G.O. auch gefordert worden. Ueber die ArbeitSkmnmern, die die dazu eingesetzte Kommission des Reichstags beschäftigt hat, haben wir wiederholt im„Vorwärts" berichtet. Was aus diesem Gesetze noch werden wird, wer weiß es? Die Kommission hat ja recht wesentliche Verbesserungen des unzn- länglichen Entwurfs eingeführt, aber noch immer besteht in der Frage, auf die es recht sehr ankommt, nämlich in der, ob die Ar- beitskammern auf territorialer oder beruflicher Grundlage errichtet werden soll, das„Unannebmbar" der Regierung gegen den Kom- missionSbeschluß, der den Wünschen der Arbeiter entsprechend die terr??»riale Grundlag« für den Aufbau der Kammern nahm. Es wäre recht beschämend, wenn im Herbst der Reichstag chier vor der Erklärung der Regierung zurückweichen und ein Gesetz verabschieden würde, das, mit den beruflichen Arbeitskammern büastet, die Ar- beitSfächigkeit der neuen Einrichtungen ganz erheblich in Frage stellen würde. Zu den brennendsten TageSfragen gehört gegenwärtig auch die Wohnungsnot. Tausende von Familie» wissen schon jetzt nicht, wo sie unterkommen sollen, und wenn der Krieg erst einmal vorbei sein wird, wird diese Erscheinung ins Ungemeffen« sich steigern. Was der Reichstag hier getan hat, ist ja anerkennenswert, obgleich mehr auch viel besser gewesen wäre. Denn die 500 Millionen, die er zur Gewährung von Bauzuschüssen von der Regierung forderte, hat e? doch immerhin nur bedingungsweise dargeboten, nämlich wenn Bun- desstaaten und Gemeinde« mindestens im gleichen Umfange Bei- Hilfe leisten. Wenn diese nun versagen? WaS dann? Fällt dann die Unterstützung des Reiches fort? Das wäre eine recht jämmer- liche Reform auf einem Gebiete, ivo sie so dringend not tut. Was der Reichstag auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes erreicht hat, ist eigentlich gleich Null. Es fmd außerordentlich viel berechtigte Wünsche während der Debatten vorgetragen worden. Aber eS ist dabei nicht einmal erreicht worden, daß die beim Kriegseintritt außer Kraft gesetzten Arbeiterschutzvorschriften wieder Gesetzeskraft erlangt haben, obgleich doch gerade jetzt, wo so außerordentlich viele ungeübte Arbeiter in den Betrieben tätig sind, wo die Frauen in einem Maß«, wie es vorher niemals der Fall oder auch nur geahnt worden ist, in Betrieben eingezogen sind, in denen die Betriehs- gefahren.ganz außerordentlich groß sind, ist noch nicht einmal der Schutz der Frauen wiederhergestellt worden, den sie vor dem Kriege hatten. ES liegt das nicht am Reichstag, sondern an der Regierung. Aber es hätte doch auf diese ein viel größerer Druck und Zwang ausgeübt werden müssen, als es der Reichstag in seiner Gesamtheit für gut gehalten hat. Denn die Erklärung der Regierung, daß sie bemüht sei, die Gewcrbeauftichtsbeamten und die technischen Auf- skbtsbeamten der Berufsgenossenschaften vom Heeresdienst freizu- bekommen— das ist beinahe das Einzige/was die Regierung zu- gestanden hat—, ist nur recht geringfügiger Art. Auch bei anderen sozialpolitischen Fragen hat sich der Reichs- tag mit Resolutionen begnügt, deren Erfüllung wohl gute Weile baden wird. S« da? Verlangen eines paritätischen Beirats zur l Beratung sozialpolitischer Fragen aus dem Gebiete der Gesetz- gebung und Verwaltung und eines ständigen?lusschusses zur Vor- bereitung der Fragen der Sozialpolitik, die Arbeiter und die An- gestellten betreffend. Es mutz ganz offen gesagt werden, daß die Schaffung des Reichswirtschaftsamtes bis jetzt noch nicht die Früchte gezeitigt hat, die zu erwarten waren. Und auch die Arbeit des Reichstagsabge- ordneten Giesberts als sozialpolitischsn Beraters des Reichswirtschaftsamtes scheint auf ganz unüberwindliche Hindernisse zu stoßen. Es ist richtig, daß eine Schwalbe noch keinen Sommer machen kann, aber dann muß eben für frisches Blut im ReichSwirtschaftsamt gesorgt werden, denn lediglich dadurch, daß eine Anzahl von Be- amten, die früher, iu einem anderen Ressort die gleichen Fragen be- arbeitete, in neue Bureauräume gesetzt wird, kommt noch lange kein neuer Zug in die Verwaltung. Nicht einmal auf dem Gebiete der Fürsorge für die Kriegsteil- nchmer ist etwas Positives herausgekommen. Und das ist doch ein Gebiet, auf das sich das allgemeine Interesse konzentriert. Novellen zum Mannschaftsversorgungs- und Militärhinterbliebenengesetz sollen fertig sein, sie sollen zur Beratung in den einzelnen Abtei- lungen vorliegen, aber wann es endlich einmal auf diesem Gebiete vorwärts gehen wird, das ist immer noch sehr fraglich. Dieses klein- liche und zurückhaltende Verhalten der Regierung ermuntert ebenso wenig, wie ihre Tätigkeit auf anderem sozialpolitischen Gebiet, zu irgendwelchen Hoffnungen. Es scheint nach alledem, als habe es mit der Neuorientierung noch recht lange Wege. Das deutsche Volk hat während des Krieges Willst du nicht hungern mnü frieren'° wfe' l'ai � Ja"4, MIIW /UiaCII; Wirtschaft und kriegswichtige Industrie leistungsfähig bleibt. Die Männer der Arbeit benötigen Arbeitskleidung. Hebt Hure entbehrlichen Anzüge ab! außerordentlich viel tragen lernen und geduldig getragen in der Uebcrzeugung, daß der Frieden von unseren Gegnern nicht gewolll wird. Die Regierung darf aber nicht glauben, daß diese Geduld jede Belastungsprobe aushält. Sie muß— ganz abgesehen von der Neuorientierung ans politischem Gebiet— auch auf sozialpolitischem Gebiete den ernsten Willen zu energischen Maßnahmen durch die Tat beweisen. Wünsche hat der Reichstag der Regierung genügend unterbreitet. Sie hat jetzt das Wort. Und das Wort muß die Tat sein._ Industrie und Handel. Grippe und Kohlenförderung. Wie dem„Lokal-Anz." aus Essen telegraphiert wird, weist die Förderung der Ruhrzechen in den letzten Tagen infolge zahlreicher Grippeerkrankungen der Arbeiter einen Rückgang auf. Der Ausfall wird jedoch, wie gehofft wird, bis zum Herbst einzuholen sein, und werden wieder Lagerbestände geschaffen werden. Dekret der Volkskommissare über die Verstaatlichung der Handelsflotte. Der, Rat der Volkskommissare hat verordnet: Alle See- und Flußschiftahrtsunternehmungen werden zum gemeinstaatlichen un- teilbaren Eigentum der Söwjetregierung erklärt. In den Besitz der Sowjetregierung gehen nicht über: Schiffe, die dem Kleinhandel dienen, die. dem Besitzer die unumgänglich notwendigen Existenz- mittel geben(Minimum des Lebensunterhalts), die kleinen Unter- nehmüngen äuf der Grundlage von Arbeitsgenösscnschaften gehören und die Schiffe für Walfischfang, für den Fischfang, der Lotsen- gesellschaften und Genossenschaften. Ten örtlichen Behörder. des Rates, wie auch den beruflichen Schiffsarbeiterorganisationen, den Abteilungen des Allrussischen Rates, wie auch den beruflichen Schiffsarbeiterorganisationen, den Abteilungen des. Allrussischen Rates der See- und Flußhandelsflotte im Verein mit den wirtschaftlichen Organlsationen des Rates(Kreisräten für Volkswirt- schaft, volkswirtschaftlichen Komitees usw.) wird aufgetragen, un- verzüglich Maßnahmen zum Schutze der Schiffe und des ganzen in den Besitz der Sowjetregierung übergehenden Eigentums zu er- greifen. Die Arbeiten dürfen nicht unterbrochen werden, weder in den Kontoren noch in den Agenturen, und namentlich die Arbeiten für Reparatur der Schiffe. Von den Angestellten muß unter An- drohung der Uebergabe an das Revolutionsgericht die Mitarbeit ver- langt werden. Die Kommissare, die für die Kontore bestimmt sind, erhalten das Recht der Verfügung über alle Geldmittel der Schiff- fahrtsunternehmungcn. Sie sind verpflichtet, dafür zu sorgen, daß der Arbeitslohn in bisheriger Höhe den Arbeitern zur rechten Zeit ausbezahlt wird, desgleichen, daß die Mittel zu Reparaturen vor- handen sind usw._ Das Verfügungsmonopol der Sowjetrepublik über die landwirt- schaftlichen Maschinen und Geräte. Alle im Jnlande hergestellten sowie die aus dem Auslande ein- zufuhrenden landwirtschaftlichen Maschinen and Geräte werden, zwecks Versorgung der Landwirtschaft mit Produktionsmasch inZi:, als im Verfügungsmonopol des Staates stehend erklärt. Die Ver- teilung der Maschinen und Geräte erfolgt auf Grund besonders zu erlassender Vorschriften durch Organe der Rätegewalt, Agran- komitees und andere demokratische Organisationen. Eine Bilanz von Seltenheitswert. Das Stahlwerk Thyssen, A.-G. in Hagendinaen er- zielte 1S17 bei einem Aktienkapital von 1 Million Mark einen Bruttoüberschuß von 16103 252 st. V. 12 905 643) M. Der nach Absetzung der Unkosten verbleibende Restbetrag von 10 033 141 M. wird wieder zu Abschreibungen verwendet(8 047 857 M.), Eine Dividende wird nicht verteilt, was sich ebenso wie das Mißverhält- nis zwischen Aktienkapital und dem Gewinn aus dem Charakter der Gesellschaft als eines reinen Familienunternehmens erklärt. Netler Wettbewerb mit der Leipziger Messe In der württenrbergischen Zweiten Kainmer wurde ans der Mitts des.Hauses bekanntgegeben, daß in Stuttgart eine Aktiengesellschaft gcgrünet wurde, die für Württemberg eine große Verkaufs- und Ausstellungsgelegenheit schaffen soll, um die Zentralisierung in Leipzig zu durchbrechen. Im neuen Bahnhofsviertel soll eib eigenes Gebäude hergestellt werden. Es besteht die Aussicht, daß neben der Edelmetallindustrie auch die Uhrenindustrie und die Feinmechanik und wahrscheinlich auch die Konfektion sich in Stuttgart zu einer dauernden Messe vereinigen werden. Die Regierung wird, wenn die Sache spruchreich geworden ist, um eine Förderung der Ausstellung gebeten werden. Bekanntlich hat auch bereits Breslau eine eigene Messe zu begründen gesucht. Wiedereröffnung der deutsch-russischen Linienschiffahrt. Wie die„Voss. Ztg." meldet, werden zwei regelmäßige Dampferlinien zwischen den deutschen Ostseehäfen und L i b a u— R i g a— R e v a l eingerichtet. Eine Linie soll von Lübeck über Königsberg nach Libau— Riga— Reval fahren. Diese Linie wird ab Lübeck am 20. Juli durch den Dampfer Fernande eröffnet. Eine andere Linie fährt von Stettin über Danzig— Memel nach Riga— Reval und zurück; sie wird durch den Dampfer Torfreij ab Stettin am 24. Juli eröffnet. HlNßegangene Druckschriften. Die aufgeführten Bücher sind durch die Buchbandlung Vorwärts, Berlin SW. 68. Lindenstraße 3, zu beziehen. Was ich in Frankreich erlebte, von Viktor Auburtin, 1,60 M. Rudols Masse, Buchverlag, Berlin SW 68. Elsatz-Loibringen»nd die interuationale Lüge, von Dr. H. Nu- land, IM I. Bieleselds Verlag, Freiburg i. Br. Patrouille Schierstädt. 1,50 M. Otto Eisner Berlagsgesellschast m. b.£>., Berlin S 42, Oranienstr. 140/142. Krieg und neue Frauenmoral fordern Staatsprämie auf den Knaben I Von Friedrich Robert. 1 M. Linser-Verlag G. m. b. H., Berlin- Pankow. Berliner Str. 113. Deutschland und England. Von KermanuS Libcr. 1,30 M. 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