Ar. 346. Bezugspreis: V'.ert?liährI.S,— Mi., monatl. Mi. frei ins Saus, voraus zahlbar. Post- bezug: illiouatlich S,— ivli, exkl. Zu- ftellungsgebühr. Unter Kreuzband flit Deutllbland und Oesterreich» Ungarn Mi., für das übrige Ausland w 25 Mi., bei tätlich eimual. Zustellung S,2ä Mi. Polibestellungen nehmen au Dänemark, Holland. Luxemburg, Echueden u. die Echmeiz. Eingetragen in die Post-Zeimngs-Preisliste. Der„Vorwärts" mit der Eonntazs- beilege«Voll iL Zeit" erscheint wochen- tägliaj zweimal. Sonntag» einmal. AbendAnsgabe. Telegramm-Adreffe: „Sojialdetnofcol Berlin". Devlinev Volksblakt. ( 15 Pfennig} AuzcigenpretS: Di» achtgespoltene NonpareMezeil» löste! U2l> Mi. Kleine An zoigan", das fettgedruckte Wort Sil Pfg. lzuläistg 2 fettgedruckle Worte), jedes weiler« Won W Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenanzeigen das erste Wort «0 Pfg. fedes weitere Wort 20 Pfg. Watte Uber 15 Buchstaben zählen für zwei Motte. Teuerungszuschlag 50«/� Familien- Anzeigen, politische und gewerkschaftlich» Vereins- Anzeigen 1�0 Mi. die geile. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin SW KS, Lindenstrasse S, abgegeben werden. Geäffnet von 9 Uhr früh bis S Uhr abends. Zcntralorgan der rozialdemokrat» fehen Partei Deutfchlands. Neöaktion and Expedition; SW. 6$, Lindenstr. 3. Fernsprecher: Amt Morwplast, Nr. IZt SO— 13197. vorwärts-verlag G.m.b.H., SW. 08, Lindenstr.Z. Ferniprecher: Amt Moriiiplay. Nr. 117 SS— 31. Ratifizierung öes Friedens. V Heute berät und besMeßt die Nationalbersammlung über die Ratifikation des Friedensvertrages. Mög- licherweise ist die Ratifikation bereits erfolgt, wenn diese Zeilen den Lesern zu Gesicht kommen. Bei der gegenwärtigen Situation hat der Akt, der die Zustimmung der Volksvertretung zur Unterschrift der Regierung ausdrückt, nur formale Bedeutung, und es besteht kein Zweifel, daß diese Zu- stimimlng erteilt werden wird. Denn die Unterzeichnung des Friedensvertrages durch die Regierung ist bereits im aus» d r ü ck l i ck) e n E i n v e r n e h n: e n mit der Mehrheit der Nationalversammlung erfolgt, die gegenwärtige Regierung ist zum Zweck der Unterzeichnung eingesetzt und mit entsprechender Bollmacht versehen worden. Sachlich bedeutet die Ratifikation, ebenso wie die Unter- Zeichnung, nur die Unterwerfung unter äußerem Zwang, keine innere Zustimmung zu dem In- halt des Vertrages. Dem wird die Nationalversammlung noch einmal besonderen Ausdruck geben. Der Kampf gegen diesen Friedensvertrag muß gerade nach Abschluß des Friedens mit aller Energie aufgenoinmen werden, natür- lich, wie wir gegen Mißdeutungsvers nche der feindlichen Presse immer wiederholen, als ein Kampf mit geistigen und moralischen Waffen, mst Unterstützung der gesamten internationalen sozialistischen Arbeiterschaft. * 51. Sitzung, Mittwoch, den 9. Juli, 19 Uhr. Haus und Tribünen stark besetzt. Am Regierungsttsch Bauer, Müller, Erzberger, Noske, Bell, Schmidt, David, die preußischen Minister Hirsch und.�eive, der bayerische Gesandte und Dr. Ludo M. Hartmann. Die Eröffnung der Sitzung verzögert sich um% Stunden. Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung des Geseftentwurfes über die Ratifikation des Friedensvertrages. Präsident Fehrenbach teilt mit, daß von der Deutschnativnalen Volkspartei folgende Entschließung vorgelegt wird:—»»-<«» Die gesetzgebende Nationalversammlung wolle beschließen, die Ratifikation vorzunehmen unter dem ausdrücklichen Vorbehalt: 1. daß bor dem Inkrafttreten der Artikel LA7 bis 239 von Lehrern des Völkerrechts von Ruf ein Gutachten darüber eingeholt wird, ob es nach den anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts zu- lässig oder üblich und gerechtfertigt erscheint, mit rückwirkender Kraft einen Gerichtshof zur Aburteilung vorhergegangener angev- licher Verstöße gegen das Völkerrecht einzusetzen und auf vorher noch nicht angedroht gewesene Strafen zu erkennen. 2. daß im Interesse der Gerechtigkeit zur Untersuchung der Frage von der Schuld am Kriege ein neutraler Gerichtshof ein- .gesetzt tpird. Zu dieser Entschließung wird in der zweiten Lesung iStellung genommen werden. _ M*A0m Müllers Rede. I Wir wollen aber diese Deutschen versichern, daß wir sie nie ver- . gessen, wie wir auch fest glauben, daß sie niemals unsere ge- in einsame Geschichte vergessen und'unser gemeinsames j Leben nie verleugnen werden. Im übrigen werden wir unser ; deutsches Haus mit all den Kräften, die uns verbleiben in der � schweren Leide ns zeit, so ausstatten, daß in unseren Schwestern und ! Brüdern, die uns entrissen werden, das Bewußtsein nationaler Zu- sammengchörigleit wach bleibt, bis auf sriedlichew Wege in hoffent- � lich nicht zu serner Zeit in einem wahren Bund der Völker alle strittigen nationalen Probleme eine gerechte, das heißt den Willen der Völker achtende Lösung findet.(Lebhafter Beifall.) (Bei Redaktionsschluß spricht der Redner weiter.) Reichsminister der auswärtigen Angelegenheiten Müller: Zu Friedensvertrag selbst haben Sie und wir bereits Stellung ge. nommen. Aufrecht erhalten bleibt heute und immer unser eia- stimmizer Protest gegen diese Bertrag gewordene Vergewaltigung. (Lebhaster Beifall.) Aufrecht erhallen bleibt aber ebenso unsere Zusicherung der Vertragserfüllung bis zum äußersten. Wir müssen ohne Vorbehalt, ohne Hinterhältigkeit in die neuen Pfiichten hineingehen. Inwieweit wir sie für«nerfüllbar halten, haben wir ausgeführt, als unsere Unterschrift erzwungen wucve. Aber für die Grenze der Erfüllbarkeit darf uns keine Schuld und kein Vorwurf treffen. Wir alle, unser ganzes Votk steht heute vor dem Ausbruch zu einem vierzigjährige»Marsch durch die Wüste. Der erste Schrill auf dem Leidenswege ist die R a t i f i k a- t i o». Wir haben sie zufolge der letzten Note Clemenceaus be- schlcunigt, da uns die Aufhebung der Plocknde in Aussicht gestellt ist. Neben der Gewißheit der Aufhebung der Blockade haben wir noch die Hoffnung aus Rückkehr unserer Kriegsgefangenen. Wenn das Wort„Frieden" nicht jeden Sin« verlieren joll, muß hie Rück- gäbe der Gefangenen jetzt erfolgen.(Lebhafter Beifall.) Es sind in weitestgehendem Maße Vorkehrungen gciroffen, die Rückkehr der Kriegsgefangenen in ibre Heimat auf raschestem Wege zu ermög- licht» und es sind darüber hinaus auch alle Vorbereitungen ge- troffen, ihnen mit der Rückkehr auch Arbeit, Beruf und Verdienst zu sichern.(Lebhafter Beifall.) Wir danken für die Fürsorge der neutralen Staaten, bei denen unftre Kriegsgefangenen Heilung und Erholung gefunden haben. Wir danken diesen VA- kern und dem Papst von ganzem Herzen.(Lebhafter Beifall.) Wir danken dem Roten Kreuz für die Sorgfall und Obhut, die unsere Kriegsgefangenen durch das Rote Kreuz erfahren haben.(Leb- hafte- Beifall.) Wir wollen unser- Dankesschutd lln Werken de? Frieden? abtragen.(Lebhafte Zustimmung.) Sobald der Friedensvertrag auch von den drei der gegnerischen Hauptmächte unterzeichnet ist, was in wenigen Wochen der Fall sein wird, dann haben wir ein zerstückelte! Teutschland, von. dem«in Teil abgerissen ist, der unserem Volke nach Sllle und Sprache zugehört, ohne daß die BevAkerung vorher das Recht er- hielt, nach freiem Willen über ihre StaatSzugehörigkeit zu be. stimmen. Wir haben nicht die Macht, dieses Unglück zu verhindern. Wifiell vor dem Rücktritt. Die Millisterkrise. Wie bereits bekannt, Hot sich das Kabinett gestern, äugen- scheiulich aus politischen Gründen, mit großer Mehrheit . gegen das Wissellschc Planwirtschaftsprogramm gewandt. Die Demission des Reichswirtschastsministers ist noch nicht erfolgt, dürfte aber morgen oder übermorgen zu erwarten sei«. Vorher wird eine Besprechung Wissclls mit der Fraktion stattfinden, der heutigen Sitzung der Nationalversammlung war Mnister Wissest nicht mehr am Rc- gierungetisch. Man rechnet in politischen Kreisen damit, daß das Reichswirtschaftsmivistcrium nach seinem Abgang von dem Reichsernährnngsminister Schmidt übernommen werden wird._ Ministerrat in Weimar. Die Schul- und Kulturpolitik. Heute mittag um 12 Uhr findet in Weimar eine Ka- binettssitzung statt, in der außer den Rctchsm in istern die preußischen Minister Hirsch� H a e n i s ch und Heine teilnehmen. Außerdem sind die Reichskommissare W i n n r g pnd H ö r s i n g sowie zahlreiche Vertreter aus Breslau und ilcsicn in Weimar anwesend. Die Verhandlungen be- essen zunächst die oberschlesische Frag« in Verbindung nrit 18 der Verfassung. Außerdem werden die Fragen der Kultur- und Schul- wlitik geklärt werden. Zwischen unseren Vertretern in der eichsregierung und der preußischen Regierung hatten sich sssse Meinungsverschiedenheiten entwickelt, ihren Ursprung in der veränderten Zusammen- e tz u n g der Roichsregierung hatten. Nach dem Ausscheiden er Demokraten stellte das Zentrum als einzige bürgerliche Partei in der Regierung erhöhteAnsprüchel über das Maß des Entgegenkommens waren imsere Genossen in der eichsregierung und der preußischen Regierung geteilter insicht. Wie wir hören, sind jedoch diese Meinurrgsver- � chiedenheiten auf dem besten Wege, überbrückt zu werden. 'Die Frage wird erschwert durch die hier schon gekennzeich- nete Erpresserpolitik des Zentrums, das namentlich auch mit einem schlechten Ausfall der Volks- abstimmung in Oberschlesien droht, wenn seine Wünsche nicht verwirklicht werden. Kein Reichsverrat in tzefien. Eine bedauerliche Falschmeldung. Eine sonst besser informierte Berliner Nachrichtenquelle hat am gestrigen?ibend eine Meldung herausgebracht, die der „Deutschen Zeitung" Anlaß gibt, den Genossen Ulrich, den hessischen Ministerpräsidenten, des Hochverrats und der Kor- ruption zu beschuldigen. Es handelt sich uni die angebliche Gründung einer großhessischen Republik, die Genosse Ulrich mit Hilfe der Franzosen und des Generals Mangin betreiben soll. Diese Meldung stellt die Tatsachen auf den 5lopf. Bei den vom Genossen Ulrich unternommenen Schritten handelt es sich gerade umgekehrt um einen Kampf gegen die französischen Aspirationen auf die rheinischen Gebiete. Alle von Genossen Ulrich unternommenen Schritte sind in engster Fühlung und völligem Ein ver- nehmen mit der Reichsregler ung geschehen. Es bestehen keine Losreiß ungsabsichten, sondern im Gegenteil bestrebte Genosse Ulrich die Erhiltung sämtlicher hessischen Gebiete beim Deutschen Reich. Bei der ganzen Po- litik der Sozialdemokratie ist das s e l b st v e r st ä n d l l ch. Das Getobe der„Deutschen Zeitung", wonach die Sozialdemokratie jetzt ihre wahren reichsverrätcrischen Pläne enthülle, ist völlig gegen st andslos. Bisher warm die sozialdemokratischen Arbeiter im Rheinkmd die besten Hüter des deut- sche n Ernheitsgedankens und werden es auch blei- ben, während gerade die Verrätsr verkrachte Alldeutsche waren. die Arbeit des Nürnberger Gewerkschaftskongresses. Von A. G rigor ja uz. Der Sozialismus, das Ringen um die Beseitigung der privatkapitalistischen Wirtschasts- und Gesellschaftsordnung, das ist es, was im Mittelpunkte aller Meinung»- kämpfe auf der eben geschlossenen Nürnberger Tagung stand. Nicht nur formell in der auf dem Kongreß angenommenen Satzung des Allgemeinen Deutschen Gewerk- schaftsbundes bekennen sich nunmehr die freien Gewerkschaften Deutschlands zum Sozialismus, sondern man wohnte fortwährend einem leidenschaftlich ausgctragenen Kampfe bei, in dem der Unterschied der Auffassungen über den Weg, die Mittel und das Tempo der Bewegung bei Un- kundigen oder Voreingenommenen den Eindruck einer un- überbrückbaren grundsätzlichen Differenz hervorrufen könnte. Diese Schlußfolgerung ist falsch. Wie im Einführungs- artikel zum 10. Gewerkschaftskongreß im„Vorwärts" vom 29. Juni bereits hervorgehoben wurde, ist bei den Gewerk- schaffen, als den Vertretern der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterklasse, das Verständnis für die Probleme der Sozialisiorung und der Drang zu ihrer praktischen Lösung zum Teil kräftiger ausgeprägt, als bei viel Nur-Politikcrn in der Sozialdemokratie. Ueber die Sozialisierung referierte Paul U m b r e i t, der Hauptredakteur des„Correspondenzblattes der General- kommission". Korreferate hatten Rudolf Hilferding, der Chefredakteur der„Freiheit", und H e ck e r t- Chemnitz von den Kommunisten. Leider war der kommunistische Re- ferent frühzeitig abgereist, so daß der Kongreß des Genusses des Aufeinanderprallens der Ansichten beraubt wurde. Denn was die beiden Referenten zur Sache selbst gesagt haben, ist genau dasselbe. Das wundert nicht, denn in der Soziali- sicrungskommission gehörten sie beide, wie bekannt, dem linken Flügel an. Hilferding Kehrte mehr, was verständlich ist, die politische Seite des Sozialisierungsproblems hervor und kennzeichnete in durchaus maßvollen und fach- lichen Redewendungen, daß der Sozialismus niemals auf dem Wege des Kompromisses mit dem Kapitalismus zu erreichen ist. Die Wisscllsche.�gebundene Planwirtschaft" ist nach Hilferding nichts anderes als ein Verstich mit untauglichen Mitteln, die alte Lehre von der Harmonie zwischen Kapital und Arbeit wieder zu Ehren zu bringen. Bemerkenswerterweise berührte Paul Umbreit die Frage der„gebundenen Planwirtschast" mit keinem Wort. Dos kann nach Lage der Dinge nicht anders verstanden werden, als daß in den leitenden Gewerkschaftskreisen der Plan Wissolls mit großer Skepsis betrachtet wird. Umbreit ent- wickelte in seinem ausgezeichneten Referat einen großzügigen Plan des Aufbaues der zerrütteten Volkswirtschaft, der nur im Zeichen des Sozialismus allein möglich ist. Er be- trachtete die Lage Deutschlands nach innen und nach außen und, trotzdem das Bestehen einer sozialistischen Wirtschast in- mitten der sie umringenden privatkapitalistischen Staaten unmöglich ist, forderte er, daß Deutschland sofort mit der energischen Soziaftsierung den Anfang macht. Noch mehr: Es gibt für Deuffchland, sagt Umbreit, keinen anderen Aus- weg aus der schrecklichen Not, keine andere Rettung als die energische Inangriffnahme der Sozialifierung. Kein Zögern, kein schwächliches Fragen, sondern Entschlossenheit und fester Wille! Im weiteren enthielt das Referat ein ins einzelne ausgearbeitetes Programm der Sozialifterungsmaßnahmen, das die ernsteste Beachtung und weiteste Verbreitung verdient.\ War so das Sozialisierungsproblem an sich kein Gegen- stand tiefgehender Meinungsverschiedenhekten zwischen rechts und links auf dem Kongreß, gelangte man in rein gewerk- schaftlichen Fragen oftmals zu einstinmiigen Beschlüssen, so tat sich in der Beurteilung der Täftgkeit der Generalkom- Mission während des Krieges und ferner in der Stellung- nähme zum Rätesystem ein klaffender Gegensatz mif. Aus eigenem Antrieb schlug die Generalkommission vor, daß ihre Kritiker das Recht auf ein Korreferat zum Bericht über ihre Tätigkeit erhalten. Als es sich entpuppte, daß die llnzu- friebenen sich zu einer regelrecht geschlossenen Opposition zu- sammengeichweißt hatten und als solche auftraten, zeigte der Kongreß eine erstaunliche Toleranz und Mäßigung. Von vornherein war klar, daß die vorherrschende gewerkschaftliche Richtung in der großen Mehrheit war, sie konnte angesichts der reichhaltigen Tagesordnung, die zu bewältigen war, ein anderes Verfahren wählen. Sie hat aber ohne viel Aus- einander setztmgen von der Tatfache einer geschlofjenen Qp- Position Kenntnis genommen und' ihr zn den vre? Mchtigfken programmatischen Puirtten der Tagesordnung ohne weiteres das Recht auf Korreferate zugestanden. Noch weiter ist man gegangen und zur Frage der Sozialisierung, wie erwähnt, den beiden oppositionellen Grundanjchcmungen je ein Kor- referat zugebilligt. Die Gegensähe platzten tmsderholt auf das heftigste auf- «nander. Dißmann, der Sprecher der Opposition, war in seinem Auftreten wenig glücklich. Leider keinen einzigen frischen Gedanken konnte er vorbringen, und er las mit großer Ausdauer aus einem mitgebrachten großen Haufen von Schriften allerhand Zitate, um die Kriegssüuden der Generalkommission zu brandmarken. Carl Legten stellte in seinem Schlußworte fest, daß es nicht die gewerkschaftliche Tätigkeit der Generalkommission, sondern die abweichende politische Auffassung war, die den Gegenstand der Angriffe bildete. Es wurde von keinem der Oppositionsredner— und die Debatte ergoß sich beinahe zwei volle Tage—-mit einem einzigen Worte erwähnt, wie die Generalkommission zur Wahrnehmung der wirtschaftlichen Interessen der Gewerkschaftsmitglieder im Rahmen der jeweilig gegebenen Verhältnisse anders handeln sollte und mußte. Die Debatte über die zwei anderen programmatischen Beratungspimkte:„Richtlinien für die künftige Wirksamkeit der Gewerkschaften" und„Die Arbeitsgemeinschaft dev in- dustriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer" wurde nach beiden Referaten und nachdem Richard Müller zu beiden Punkten gesondert je ein Korreferat ge- halten hatte, verbunden Auch hier wurden weniger die Richtlinien, die Selbstverständliches enthalten, als die Grün- düng der Arbeitsgemeinschaft angegriffen. Der Arbeitsge- meinschaft wurde das Rätesystem gegenübergestellt. Es fehlte nicht an Vorwürfen, wie Verrat und dergleichen mehr. Das wesentliche aber ist, daß nach Richard Müller nicht nur dem Sozialismus eine auf viele, viele Jahre berechnete Ueber- gangsperiode nnt privatkapitalistischen Wirtschaftsformen vorangehen werde, sondern daß sich das Rätesystem eist ent- ' wickeln müsse. Das Rätesystem ist das große Unbekannte, dessen Umrisse auch seinen Befürwortern wenig klar er- scheinen. Wenigstens ist auf dem Kongreß kein die Dunkel- heit erhellendes Wort gefsllen, und Richard Müller, der an einem Tage(am Donnerstag) außer zwei Korreferaten noch ein Schlußwort, also im ganzen etwa 4 Stunden gesprochen hat, wurde förmlich durch Zurufe bestürmt, doch endlich die positive Seite mal zu entwickeln. Da diese aber in Dunkel- heit gehüllt ist, da die privatkapitalistische Wirtschaftsweise nicht von heute auf morgen verschwinden kann und wird, be- darf es Einrichtungen zur Schlichtung der Gegensätze und Herbeiführimg einer befriedigenden Zusammenarbeit. Diese Einrichtungen sind eben die Arbeitsgemeinschaften, die stehen imd fallen mit dem Grundsatz völliger uneingeschränkter Gleichberechtigung der Arbeiter und der Arbeitgeber. Die Gewerkschaften Leben hierbei nicht ein Tipfelchen von ihrem Charakter, ihren Bestrebungen und ihren Zielen auf. Der Kongreß beschloß, die freien Gewerkschaften Deutsch- lands, die bis Herste in der Generalkommission ihre geistige und führende Spitze hatten, in einen Bund mit dem Namen Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund zusammenzufassen. Von nun an gibt es keine Generalkom- Mission mehr, sondern— Bundesvorstand, keine Vorstände- konfsrenz— sondern Bundesausschuß. Der neue Bund um- faßt gegenwärtig 5 400 000 Mitgliederl Eine Ri esen- organisation, der es beschieden sein möge, bei aller Ver- ichredenheit der Ausfassungen innerhalb ihrer Reihen,, die Einheit des Handelns zu bewahren! Welch gewaltige Hoff- nun gen dieses riesige Anwachsen der deutschen Gewerkschaften erweckt, kann nur der ermessen, dem die Bedentrmg der ge- werkschaftlichen Arbeit für die Befreiung der Arbeiterklasse und ihre wirkliche Macht klar vor Augen liegen. Jedenfalls den Gegnern der Arbeiterklasse ist diese Bedeutung nicht zweifelhaft. Daher muß innerhalb der klassenbewußten Ar- beiterschaft olles darangesetzt werden, damit die Einheit der Gewerkschaftsbewegung erhalten bleibt.— Mich friert. Bon Artur Zickler. ES war eine Sommernacht. Ich war im blauen Tay durch Württemberg gefahren, nun verlieh ich in Nürnberg das dunstige Abteil. Der breite Bahnhofsplatz lag unbelebt im weihen Licht der Bogenlampen. Müdigkeit lieh mich taumeln, ich stieh den beißenden Rauch schlechten ShagS durch die Nase, um mich wach zu halten. Im Schatten der Stadmcruer und des dicken Turm? ging ich hinab in den Stadtgraben und suchte mir eine Bank zum Ausruhen. Dabei fröstelt« ich in der Kühle, schwerer nächtiger Fliederduft schlug durch die Büsche. Beklemmendes Gcfühl der Verlassenheit scheuchte den Schlaf. Die Sterne blinkten geruhsam, unendlich fremd und fern. Ich hörte meinen Atem neben den Geräuschen der Nacht; mir war, als stände ich auher mir und gewänne überleyen-misteidigeS In« tevesie an der trostlosen Torheit meines Seins. Langsame Schritte wurden hörbar im Sande. Ein Schatten fiel voraus über den mondlichten Weg. Der Fremde setzte sich zu mir auf die Bank. Wir hockten lange Zeit schweigend nebeneinander, den Kopf in die Hände gelegt, Turmuhren reihten verhallend die Viertel- stunden auf. Schließlich bat der Fremde mich heiser um Feuer, zum Dank gab er mir eine Zigarette. Im Aufleuchten des Streichholzes sah ich für eine Sekunde sein Gesicht, scharsgeschnittene Züge unter tiefen Augenhöhlen. Die Zigarette schien ihn anzuregen, er wandte den Kops und sagte:„Bist du fremd?" „Ja— und du?" „Obdachlos. Aus dem Krankenhaus entlassen. Ins Asyl mochte ich nicht gehen, heute wenigstens nicht. ES ekelt« mich an." „Es wird sich doch Arbeit finden lassen," meinte ich. Eine Pause folgte. Heftig antwortet« er dann: „Ja doch, ja... natürlich, das wird sie. Aber ich kann mich nicht hineinfinden. Ich habe nicht mehr lange zu leben, und i>ie Quälerei gibt mir den Rest. ES bleibt sich alles gleich, weil ich an nichts mehr Freude und zu nichts mehr Kraft habe. Früher bm ich in den Dingen aufgegangen, in der Liebe, in der Arbeit. in hohen Zielen; das ist jetzt vorbei, weil ich an nichts mehr glauben kann." „Nein," sagte ich bestimmt,„daS ist fälscht Man darf auS der eigenen Schwäche nicht auf die Nichtigkeit der Umwelt schließen." Er achtete des Einwurfs nicht und sprach nur leiser, wie für sich, weiter.„Die Menschen sind schlecht, nur auf sich bsdacht, und daS, was sie gut und heilig nennen, sind nur Selbstsüchtigkeiten da» bajoader« Auiterlesucheet. Für Feinschmecker, die da» harte Zaule Witze statt ftntwsrten. DaS-" Verlegenheitsgestammel der„Freiheit". Vor ein paar Tagen haben wir an die„Freiheit" verschiedene Anfragen gerichtet, die ihre eigene Spitzelorgantsation betraf. Nach dem Prinzip:„Tu muht es dreimal sagen", wartete die„Freiheit" erst die dreimalige Wiederholung unserer Anfrage ab und erst als sie sah, daß wir durch ihr verlegenes Schweigen uns nicht von dem Gegenstand würden abbringen lassen, entschließt sie sich zu einer Antwort. Zunächst sucht sie de« Spieß umzukehren, indem sie behauptet, wir schwiegen hartnäckig über die Tatsache, daß die Regierung seit Januar„eine ausgezeichnete Dpitzslorganisatton" besitze, wie sich der berufene Vertreter der Reichsregierung in einer Pressesitzung gerühmt habe. Unsere Antwort darauf ist sehr ein- fach: die Behauptung der„Freiheit" ist eine glatte Lüge. Wie von maßgebender Seite mitgeteilt wird, ist eine derartige Aeußerung in einer Pressesitzuug niemals gefallen. Daß die verantwort- lichen Stellen im übrigen den verbrecherischen Absiebten wilder Putschisten vorbeugen müssen, versteht sich von selbst, und gerade auf dt« Existenz solcher Verschwörungen mtt dem Ziel bswaffneter Erhebung bezogen sich ja unsere Anfragen an die „Freiheit". Aber waS hat die„Freiheit" darauf zu antworten? Faule Witze und verlegenes Gestammel. Hier ihr« Antwort im Wortlaut: Frage t: Ob wir erklären wollten, haß nirgends in Deutsch- land, wenn auch nicht von bestimmten Parteien ausgehend, ge- Heime Verschwörungen mit dem Ziel bewaffneter Erhebung be- stünden,— Verschwörungen bestehen zweifellos, doch kann der „Vorwärts" die genauen Pläne dieser Verschwörung viel leichter als wir vorn Korps Lüttwitz oder von irgendeiner anderen Zentrale der putschlüsternen Offizierskamarilla erhalten. Frage S: Ob wir erkläven wollten, daß eS keine nnab- büngigen und kommunistischen Spitzel in Regierungsstellen und bei Truppenteilen gibt?— Da bekanntlich die Regierung mit Vor- liebe ihre Beamten und Offiziere den Reihen der Unabhängigen und Kommunistischen Partei entnimmt, ist ihre Zahl riesengroß und wächst mit jedem Tage. Frage 3: Ob wir erklären wollten, daß für Informationen au? dem Edenbotel dem Ueberbringer nicht gezahlt worden sei?— Das ganze Eden botet, d. h. die Zentral« der Garde-Kavallerie- Schntzen-Diviston, wird bekanntlich aus den Mitteln der Unab- hängigen Sozialdemokratie unterhalten, die diese Truppe zu ibrem Schutz ins Leben gerufen hat und dauernd au? den zu ihrer Ver- fügung stehenden Milliarden unterhält. Mithin siebt auch der ganze Spitzelapparat der' Garde-Kavallerie-Scbützen-Diviston im Dienst der Unabhängigen Partei und der„Freiheit"! An diesem Gerede ist nur einS festzustellen, daß die„Freiheit" keine MSglichkeit bat,»nseo: klaren Fragen mit einem ebenso klaren „Nein" zu beantworten. Und dazu hat sie ihre guten Gründe. denn sie weiß sehr wohl, daß bei dreistem Ableugnen ihr mit einem erdrückenden Material gedient werden könnte. Die sachliche Be- deutiing dieses verlegenen Geredes ist folgende: �ie„Freiheit" gesteht zn, das geheime Verschwörungen mit dem Ziel bewaffneter Erhebung bestcben, die„Freiheit" gesteht zn, dal, Nnabhängtgr und Kommunisten ihre Spitzel in Regierungsstellen und Truppenteile stecken, die„Freiheit" gesteht zn, bah diese Spitzel für ihre Dienste mit klingender Münze belohnt werden.— Mehr wollten wir nicht wissen. : Erzbergers Steuerpro gtamm. Die Rede des Reichs n n anz min' ster S Erzbergec vor der Nationalversammlung hat uns die Richtlinien d e�r künftigen Steuerpolitk deS Reiches gebracht. Die Einzelaufzählung der Steuern ist bereits an dieser Stelle erfolgt. Wir verzichten daher darauf, sie aus diesem Anlaß Noch einmal kritisch zu beleuchten. Wichtiger ist das Grund- sätzliche. Erzberger hat sich zu dem Gedanken bekannt, daß Gerechtigkeit, Arbeit' und Vaterland die Parole sein soll, die auch für die Steuerpolitik und für die Erholung des Reiches aus seinem wirtschaftlichen Tiefstand gilt. Und er ist offenbar davon überzeugt, daß diese Grundsätze bereits in den ersten Steuerentwürfen. der Hinterlassenschaft von Schiffer und Dernbnrg, so weit als möglich durchgeführt worden sind. Daran ist freilich noch vieles zu bemängeln. Brot des Lebens mit Illusionen und erhabenen Selbsttäuschungen belegen." Er holt« Luft; Hüften schüttelt« ihn. Dann zog er die Jacke fester an sich. „Mich friert... Die Menschen gehen aneinander vorüber, sahen und denken aneinander vorbei. Was sie bindet, ist die Sucht, sich gegenfeittg zu mißbrauchen. Sie suchen da? durch Lügen zu verschleiern, aber es ist so. DaS arme Luder aber ist immer ver» lassen und allein, solange«S die Bessergestellten nicht mtt ihrem Mitleid belästigen. Mit den Almosen, mit denen man die dummen Teufel erniedrigt, die es annehmen. ES ist so entsetzlich kalt aus der Welt, erbarmungswürdig ist nur, daß eS die meiston nicht ein- mal merken wollen. Ich hasse die Unterdrücker nicht so sehr— denn sie wissen, was sie wollen— als die naseweisen Fröhlich- wer, die mit ihrem Eiapopeia daS traurige Dasein zum Schaukel- stuhl machen wollen. Im Gegensatz zu den ErnsthaftigkeitS- mimikern, so die bittere Freude an der schlechte» Komödie mit ihrem Sermon verderben." Die Jugend straffte sich in mir hoch.' „Bin alles von allem," sagte ich spöttisch,„wenn auch anders, als du es zu nennen beliebst. Und bin dabei ein Stück von dir, willst du eS auch nicht wahr haben. Laß doch die Menschheit über den Planeten kugeln, wenn st« nur vernünftig genug ist, sich nicht selbst weh zu wn. Freilich, da ist der Haken. Zugleich aber ein Ziel für den Kamps. Ich fühle die Kraft dazu!" Wir reichten unS die Hände. Ich lief durch die Straßen und lieh es Morgen werden, das Reformwerk öer Sühnenleute. Die vier großen Organisationen der Bühnenleute haben so» eben getagt und folgende Entschließung gefaßt: Die in Wildbad Rothenburg o. T. zu einer Tagung versammelten Vertreter deS Deutschen Bühnen-BereinS, der Genossenschaft Deutscher Bühnen- angehörigen, des Verbandes Deutscher Bühnenschrifkstcller und Bühnenkonwonisten und der Vereinigung der Bühnenverleger halten an dem von ihnen unternommenen Reformwerk fest und bilden zu dessen Durchführung und Ausgestaltung eine Tarif- und Arbeitsgemeinschaft. Sie erblicken in dem festen Zusammenschluß aller am Theater Mitschaffenden den sichersten Weg zu einer ge- deihlichen Fortentwicklung ver deutschen Bühne auf künstlerischem wie auf sozialem Gebiet. Von dem Willen beseelt, allen bewährten und allen aufstreben den Gräften den weitesten Spielraum zu ihrer Entfaltung zu bieten und namentlick der Persönlichkeit keinerlei Hammende Schranken zu ziehen, glauben sie doch, daß die künstlerische Frechmt nur dann gesichert ist, wenn die wirtschaftlichen Jnteressengegen- sätze durch die Beseitigung individueller Willkür, durch die Auf- Kellung von bmdeudeu Regeln für den Geschäftsverkehr und durch Die Kritik aöer 5arf nicht zu einer weiteren Verzögerung der Durchführung des Steuerprogramms verleiten. Ge- nosse Keil hat richtig hervorgehoben, daß der größte Fehler dieser Rede der sei, daß sie zu spät gehalten wurde. In der Tat können wir den frohen Optimismus, mit dem Herr Erzberger trotz der drückenden Sorgen um Deutschlands Finoutzmisere an sein neues Arbeitsfeld herantritt, nicht teilen. Es kommt aber jetzt vor allem daraus cm, daß die Steuervorlageu, wie man im Parlament zu sagen pflegt, unter Dach und Fach gebracht werden und daß selbst eine Regelung, die nicht bis zum letzten Ende den sozialistischen Anforderungen entspricht, endlich einmal zur Tat wird, ehe der PermögenSabfluß ins Ausland noch größere Dimensionen angenommen hat als bisher. Hat man doch bereits versucht, die Vermögens- abgäbe mit Rücksicht auf etwaige Eingriffe der Entente� in unsere Steuerpolitik so lange hinauszuschieben, bis die Wiedergutmachungssummen festgelegt find. Davon kann unseres Erachtens gar keine Rede sein. Wir haben keine Veranlassung, aus hinterhältiger Angst der Entente unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten zu vechtzimlichen. Will sie uns erdrosseln, so gelingt es ihr auch ohne dieses Mittel. Will sie uns aber wirklich entgegenkommen, so mutz eine Vogel- Strauß- Politik den übelsten Eindruck gerade auf diejenigen Führer der Entente machen, die für unsere Notlage auch nur eine Spur von Verständnis haben. So tritt nun auch der Zentrumsoffiziosus in einer anscheinend vom Reichsftnanzministerium beeinflußten Notiz der Auf- fassung entgegen, daß die Vermögensabgabe noch hinaus- geschoben werden kann. Erzbergers Bekenntnis zur Steuer souverän:- t ä t des Reiches und zu einer Verbindung der Steuer- Politik mit dem Sozialisierungsgedauken muß uns als Sozialdemokraten sympathisch berühren. Die Last, die zu tragen ist, und die sowohl die Finanzierung des Reiches wie die Wiedergutmachungskosten in sich schließt, ist ungeheuer groß. Und es ist keine rosige Aussicht, daß eine in ihren Grundfesten erschütterte Volkswirffchoft und eine durch den Krieg bis zum äußersten zermürbte Arbeiterschaft jährlich Beträge aufbringen soll, die sich insgesamt auf ein Viertel hundert Milliarden beziffern. Sparsamkeit und Ar- beit sind die ersten Voraussetzungen dafür, daß dies über- hastpt möglich wird. Sie durch eine von allen Interessenten- tmbereien unbeirrt« Gerechtigkeit zu einer erhabenen Pflicht des ganzen Volkes zu machen, das ist eine Ausgabe, die des größten Staatsmannes aller Zeiten würdig wäre. Ob das heute möglich ist, muß man bezweifeln. Doch dürfen diese noch so begründeten Zweifel keinesfalls einer unverantwort- lichen Bankerottpolitik Vorschub leisten. Diese hat auch Erzberger von sich gewiesen. So bleibt uns in der Tat nur die Möglichkeit, durch zähe Arbeit hereinzuholen, was durch jahrelange Mißwirtschaft in der deutschen Finanz- gebarung vernachlässigt worden ist. lind auch hier werden manche gutgemeinten Sonderwünsche zurückzustellen sein im Interesse einer raschen Erfüllung der wichtigsten und uner- läßlichen Forderungen, die das Reich zu stellen hat. » Das Gesamtergebnis der neuen Vermögens- abgab« wirb, wie die„Germania" nach zuverlässiger Quelle i mitteilt, schätzungsweise aus drei Milliarden jährlich. somit auf die Dauer der Vermögensabgabe auf ein Gesain. ergednis von etwa SO Milliarde« geschätzt. Der Ertrag der Kriegsgewinnsteuer wird für S Monate auf 10 Milliarden geschätzt. IortSaoer See französischen Sergarbektersirekks. Bern, 8. Jufi. Die GrubenarbeitervonSt. Etienne haben einen Schiedsspruch der Regierung angenommen. Die Streikenden in Calais haben sich bereit erklärt, die Be- wachungSabteilungen in den Gruben wieder einzusetzen. wenn feie Truppen zurückgezogen würden. De« Streik selbst wird fortgesetzt. die Einsetzung von obligatorischen Schiedsgerichten ausgeglichen werden. Luch nach außen hin wollen sie künstig bei großen entscheiden- den Fragen des deutschen TheaterlebenS ihr Votum gemeinsam m die Wagschale werfen, insbesondere zur Mitbesttmmung bei behördlichen und gesetzgeberischen Maßnahmen. Sie sind davon überzeugt, daß eine auf solcher Ordnung beruhende Bühnenkunst befähigt und berufen ist, den Wiederaufbau Deutschlands durch geistige Kräfte zu fördern und die hohen volksbildnerischen Aus-' gaben zu erfüllen, die eine neue Zeit ihr in gesteigertein Grade stellt. � Aottzen. — Zum hundertsten Geburtstag Gottfried Kellers veröffentlicht Max Hochdorf zwei Bücher, die sich mit allen Problemen der modernen Kellerforschung auseinander- setzen. Die erst« Schrift„Zum geistigen Bilde Gottfried Kellers" (Amalthea-Verlag, Wien) zeigt den genialen Schweizer besonders als einen Anreger.aller modernen Wirklichkeiisdichtung. In dem Zweiten Werke„Gottfried Keller im europäischen Gedanken" (Rascher u. Co., Zürich) werden alle geistigen Verwandten d'S Schweizers herangezogen, und diese Brüderschaft reicht von dem Berliner Maler Adolf Menzel bis zu dem Franzosen Anatme France. — Gedanken zur Hochschulreform. Unterstaat?- sefeetär Dr. C. H. Becker entwickelt in einer soeben im Verlag von Quelle u. Meyer, Leipzig, erschienenen Schrift seine Äusfafsimg von den Wegen, die bei der Umgestaltung unseres Hochfchulbe- trieb es eingeschlagen werden müssen, um von den mittelalterlichen Organisationsformen und dem ebendort wurzelnden Lehrbetriebe loszukommen. Die Schrift geht aufdie einzelnen Fragen mtt voller SachkemctniS ein; sie kost« 2,50 M. — Di« Münchener F e st i v i e l e werden vom 25. Juli bis zum 6. September danern. Das Programm ist erweitert. Neben Festspielen auS dem Gesamtgebiete der deutschen Oper werden Schauspieloufführungen erfolgen, die außer dem klasfiicben auch das zeitgenössische Drama zu Worte kommen lassen. Die Gesamtleitung hat Viktor ESwanneke, der Intendant des MünKener Nationaltheaters, die Opernleitung Bruno Walter, die Schauspielleitung Albert Steinbrilck. — Lehrgang i m Schulschvimmen. Der sächsische Turnlehrer-Derein veranstaltet in der Zeit vom 12.— 15. Juli in Dresden einen Lehrgang für Lehrer und Lehrerinnen zur Wnfüh» rung in das Schulschwimmen. Meldungen an Lehrer Georg Thiele, DreSden-U. 23, Platanensträß« 221. — Hohe Löhne für Baklbesucher. In den Londoner Klubs und Hotels, wo regelmäßig Bälle abgehalten werden, fehlt «S außerordentlich an Tönzern; deshalb haben die Veranstalter dieser Bälle eine Organisation ins Leben gerufen, die den tqnz- lustigen Damen Tänzer herbeischafft. Diesen Tänzern werden für den Abend 5 Guineen, daS sind über 100 M. nach Friedenswert. bezahlt. Bor allem lassen sich dvn«bisi«te Offiziere für diese »Arbeit" gewinnen» Marx verhastet tmd wieüer freigelasten. Wegen Verdachts der Begünstigung. Der Führer deS Allgemeinen Verbandes der deutschen Bank. beamien, Marx, ist. wie eine Lokalkorrespondenz meldet, am gestrigen TienSragabxnd verhaftet, nach kurzem Verhör aber frei- gelassen worden. Die Behörde hatte kurz nach dem Sustauchen EmontS Kenntnis davon erhalten, daß der Gesuchte sich in Berlin befinde und in der Versammlung der Bankbeamten gesprocheu habe. Da Marx die Anwesenden nun aufgefordert hatte, den Saal nicht zu der lassen, nachdem EmontS seine Rede beendet hatte,»ahm die Polizei an, datz Marx die Flucht Emont« verschleiern und feinem Kollegen behilflich sein wollte. Aus diesem Grunde wurden Beamte entsandt, welch« den Auftrag hatten, Marx sofort vorzuführen. In dem Augenblick, als der Bankbeamterrführer den Berlin«* VollzugSrat in den Zelten verließ, wohin er sich noch nacbtZ begeben hatte, wurde er verhaftet und nach Moabit gebracht, wo er über den Aufenthaltsort und das Erscheinen EmontS der- nomn�n wurde. Da Marx in Abrede stellte, von dem Aufenthalt des Geflüchteten in Berlin etwas gewußt zu haben. wurde er kurz nach Mitternacht Wied er entkasfeu. Oesterreichs �bäköerungsvorsthläge zum Iriedensvertrag. St. Gennain, S. Juli. Der Staatskanzler Renner ließ dem Ministerpräsidenten Clemenceau eine Rote mit einer auS- fuhrlichen Denkschrift zu de» wirtschaftlichen Klauseln des Friedensvertrag«» mit Ausnahme der handelZpolltifchen Bestimmungen sowie Gegenvorschläge für jedeeinzelnewirtfchaftlicheKlauselüberreichen. Die Note verweist darauf, daß die ehemalige österreichische Regie- rung in wirtschaftlichen Kriegsmaßnahmen sich weitestgehende Zu- rückhaltnng auferlegt« und mit größerer Mäßigung vorging, als irgendeine am Kriege beteiligte Regierung. Um so unerwarteter und härter trifft eS uns, daß nach den Bestimmungen des dritten und vierten ZtSschnitteS der wirtschaftlichen Klauseln der deutsch- österreichischen Volkswirtschaft alle Aktiva, die sich auf dem Gebieic der alliierten und assoziierten Staaten befinden, entzogen wer- den sollen. Di« Not« verweist auf die äußerst bedauerliche und kritische Situation Deutschösterreichs und bemerkt: Bei dem Zustande vollständiger Erschöpfung, in dem wir uns de- finden, müßte die Durchführung des in den erwähnten Abschnitten vorgesehenen System» Schwierigkeiten hervorrufen, die vom Standpunkte der LebenSmöglichkeite« des deutfchösterreichifchen Volkes geradezu verhängnisvoll wären. Wenn auch Deutsch- österreich die schweren Folgen des unglücklichen Krieges zu tragen haben wird, so werden doch die alliierten und assoziierten Mächte nicht die wirtschaftliche Vernichtung Deutschösterreichs wollen, die niemand nützen, das deutschöfterreichische Volk aber zur Verzweif- lung treiben und unser Land zum Mittelpunkt sozialer Unruhen machen würde. Die Note wiederholt schließlich den Antrag, die Verhandlungen über die Regelung der privaten und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Angehörigen der eh«. maligen L st e rr e i ch i s ch« un g ari schen Monarchie einer Kommission unter dem Vorsitz von Dele- gierten der alliierten und assoziierten Groß- mächt« zu übertragen und den Friedensschluß von dem Zeitpunkte unabhängig zu machen, an dem diese Kommission ihve Aufgaben aeköst haben wird. die Unruhen in Italien. Bern, 8. Juli. Die Verordnungen über die Herab- setzung der Lebensmittelpreise haben in Italien den erwarteten Erfelg nicht gehabt. Rnhe herrscht»nr i» de» Städten mit genügend starke» Besatzungen. An vielen Orten wnrde anfS aene der Generalstreik erklärt. Tie Unruhen führen überoll zu ausgedehnten PlÜnde- r u« g e« und Zusammenstlst en mit der bewaff- tteten Macht. In G e n n a stürmte die Menge ein P-lizeigcbäude, wobei eine Person getötet und dreißig verwundet wurde». Ja Neapel ruht der Hafenbetrieb. Hier wie in Catania, Bari und Tareat wurden viele Geschäfte geplündert und Schiffe am Ausfahre» gehindert. In Rom kam e» z»»ereinzalten Tnmnlten. Die Polizei will in Rom ein anarchistische» Komplott entdeckt habe», da? die Beschaffung von«äffen und Munition für einen Handstreich anf die öfseatliche« Gebäude bezweckte. die internationale �rbeitertonferenz. Die VorbereitungSarbeiten. Haag, S. Juli. lH. 91.) Die»Dirne«* erfährt, daß die Vor« bereitungen zur internationalen Arbeiter- konserenz in Washington große Fortschritte macht. Die Organisationskommission hat eine Reihe von Fragen bezüglich der Arbeitszeiten bereits in Erwägung gezogen und ihre Beschlüsse allen Staaten, die bereit« Mitglieder des Völker. bundeS find oder eS demnächst werden, unterbreitet. Es find sogar bereits Antworten eingetroffen, die in fünf verschiedenen Berichten zusammengestellt werden. Man hofft, daß diese Berichte vollständig fertig sein werden und den Delegierten zugestellt werden können, bevor sie der Konferenz zugestellt werden. Auch die deutsche» Gewerkschaften solle« zugelaffe« werden. Bern, 8. Juli. Dem Generalrat deS Allge- meinen Gewerkschaftsbundes wurde gestern vom Vorsitzenden mitgeteilt, daß sich der Verband gegen den Ausschluß der.feindlichen* Vertreter erklärte und daß sich Vertreter von der Washingtoner Gewerk- scbastSkonferenz inS Mittel legten und an die Verbände in Frankreich, England und der Schweiz mit dem Antrag wandten, bei den Vsrbandsregierungeu die Zulassung der„Feiizde* zu erwirken und andernfalls die Kon- ferenz zu boykottieren. Frankreich und die Schweiz erklärten sich e i n v e r st a n d e n, die englischen Gewerkschaften wollten bei ihrer Regierung vorstellig werden, falls diese auch noch nach dem Friedensschluß gegen die Zulassung der deutschen Gewerkschaften austreten wollte. Awilarbeiter gegen Kriegsgefangene. Bern. 9. Juli. Der Generalsekretär der Frie- d e n S k o ns« r e n z Dutasta hatte gestern in Versailles ein« längere Besprechung mit LegationSrat Freiherrn von L e r S n e r über die Heimsendung der deutschen Kriegsgefangenen. Nach einer Information des„TempS" werden die Kriegsgefangenen etappenweise heimbesördert, und zwar in der Weise, daß für z« tausend deutsch« Zivibarbeiter, die die zerstörten Gebiete wieder aufbau«! sollen, die gleiche Zahl von KriegSgesanganen in ihre Heimat entlassen wirb» Znöustrie und Handel. Börse. Die Börse zeigte über den bevorstehenden Rück- tritt WissellS eine gewisse Befriedigung, da sie mit dem Zusammenbruch der Planwirtschaft rechnet. Di« Ten- d e n z war zunächst wenig einheitlich, besserte sich aber im späteren Verlauf. Lebhafte Kausbewegung zeigt«-fich am Markte der auS» gesprochenen Valutapapiere, die meist kräftig anziehen konnten. Montanwerte waren dagegen teilweise sehivächer. auch Farbwerke waren überwiegend angeboten. Petroleum- papiere, die schwächer ansetzten, tonnten im späteren Verlauf eine merkliche Steigerung erfahren. Am Kassa. Industrie- markte überwogen KurSabschwächungen. Heimische An» leihen waren wenig verändert. Kriegsanleihen stellten sich auf etwa 79�. GroMerlln Passive Resistenz Grosi-Berliuer Gemeinden? Die befristete Stellungnahme zum Gesetzentwurf Grvß-Berlin. welche die Regierung fordert, stönt bei vielen Gemeinden auf entschiedenen Widerspruch. Sie erklären, daß es nicht möglich fei, ihre recht erheblichen Einwendungen gegen die drohende Bureau- kratisierung der Selbstverwaltung in so kurzer Zeit, also innerhalb vier Wochen, machen zu können. So hat der Wilmersdorfer Magistrat im Einvernehmen mit der SingemeindungSdeputation der Regierung mitgeteilt daß er erst bis September in der Lageseinwerd«, dem Ministermm deS Innern seine Stellung. nahm« zu dem Gesetzentwurf zu unterbreiten. In gleicher Weise hat sich die Stadt Köpenick geäußert, dievierWochenRach- f r i st erbeten hat. Wie wir hören, wollen die Gemeinden Groß- Berlins zusammentreten, um einen Beschluß zu fassen, nach welchem die Regierung ersucht wird, eine Nachfrist von mindesten« drei Monaten zu gewähren. Wir wollen hoffen, daß die Regierung diesem Ersuchen nicht nachgeben wird. Ebenso wie es dem Bürgevaus schütz, der Berliner Vorortgemeinschaft, den sozialdemokratischen Eemeindevertretern möglich war, zu dem Entwurf Stellung zu nehmen, muß ei auch den Stadtverwaltungen möglich sein. Diese ganze Taktik läuft wieder darauf hinaus, vorläufig Zeit zu gewinnen. Regierung, gib nicht nach? Ueber die kommunale Zerrisscuhett Grosi-BerlinS machte m einer Bürgerversammlwim in Köpenick der erste Bürger- meister Herr Behnke recht interessante Mitteilungen. An Hand verschiedener Lichtbilder gab er eine Schilderung des WirtschaftS- gebietes Grotz-Berlin. Er schickte einige Bemerkungen über den Zweckverband und die Forderung nach einer anderen Regelung, die in letzter Zeit in Form eines Lastenausgleichs versucht wurde, vor. aus. Ein solcher Ausgleich sei notwendig infolge deS Mihverhält» nisses des Steuersolls, das, 100 M. pro Kopf in den einzelnen Ge- meindsn zugrunde gelegt, in Grunewald 183 M., in Neukölln 6,14 Mark beträgt. Die Schullasten machen in Berlin 35,94 Proz. der Kommunalsteuern aus, in Charlottenburg 89,8, in Wilmersdorf 20,08, in Neutöllt 76,86, in Lichtenberg 83,05, in Weißensce 94,79 Prozent. Dabei können die westlichen Bororte 139 M., die östlichen nur 89 M. pro Kopf auswenden, ein Beweis dafür, daß der Osten Berlins den Ausgleich erstreben müsse und daß hier nur eine Finanzfrage vorliege. Die Zahl der kommunalen Gaswerk« für Groß-Äerlin betrage 28, davon in Berkin 6, die Elektrizitätswerke 15. davon in Berlin 4, die Wasserwerke 21, in Berlin 3; ferner 56 Friodhös« und die Rieselfelder, die ausschließlich in der 15- und 29-Kilometerzlone liegen. Da« Verwaltungögebiet des Zweckver- baudeS umfaßt 382 Gemeinden und Gutsbezirke, die völlig wahllos MfammengelWt, von Norden nach Süden 112 Kilometer lang, von Osts» nach Westen 68 Kilometer lang sind. Dagegen erstreckt sich die Protkarleugemeinfchaft auf 69 Gemeindev und Guts bezirk«, meist in der 15- Kilomet erzone. Stellungnahme zu« Gcsetzeutlvurf Grosi-Berlm.�- Die Berlin er Borortgemeinschaft im Kreise Töllow veramstaltote gestern abend im Bürgersaal de« Jriedenauer Rat- Hauses sme Versammlung von Vertretern der beteckkgten Gemeinden und kommunalen Vereinen, in der zu dem Gesetzentwurf de» Mini- sterium» deS Innern über den Stadl kreiz Groß-Berlin Stellung genommen wurde. Der Vorsitzende, Bürgermeister W alger, wie» auf die Bemühungen der BVG. zur Vereinheitlichung Groß- Berlins hin. Leider enthalte der Entwurf der Regierung trotz allen Versprechungen nichts von diesen Anregungen und Wünschen der überwiegenden Zahl der Troß-BerLner Gemeinden. Der Ge- schäftsführer der BVG.. Assessor Sturm, sprach über da» Schick. sal der Selbstverwaltung im Gesetzentwurf de» Ministerium» bei Innern. Er übte an diesem Entwurf, der erfreulicherweise erst ein Vorentwurf fei, schärffte Kritik. Der Entwurf stelle nicht« andere» dar als eine gewöhnliche Ein'gemeindungivor- lage, verbrämt mit einigen dekorativen Aeußerlichleiten. Die versprochen« Dezentralisation sei mehr als kümmerlich und könne ein reges kommunales Gggenlegen, wie e» jetzt in den Vororten blühe, unter keinen Umstanden gewährleisten. Da» Groß-Brrliner» Parlament würde überwiegend gesetzgeberisch, nicht verwaltend tätig sein, während die Ausführung der Grundsätze und Richtlinien den besoldeten Beamten verbleibe. Da» bedeute die vollkommene Büro- kratisierung Groß-Berlins und die Vernichtung der Selbst- Verwaltung. Auch dem Magistrat Groß-Berlin, der als Ministerium zu bezeichnen sei, ständen keine Verwaltungsbehörden gegenüber. Bei den Vorschlägen de» Gesetzentwurfs über die.Distvirte" fehlte jede» Verständnis und Eingehen auf die besonderen örtlichen Vsr- hältnisse. Gemeinden, die wirtschaftlich zusammengehören und de- reitS durch freiwillige Verträge verbunden seien, wie Lichtenberg und FriedrichSfelde und Neukölln und Britz, würden auseinander- gerissen; andere, die nichts gemein hätten, wie Lankwitz und Britz, in einem Distrikt gewaltsam usammengeschweßt. Geradezu kastro- phal sei e», daß für die einzelnen Gemeinden, in denen gegen- wärtig Hunderte von Bürgern ehrenamtlich tätig seien, nur ein einziger BezirtSvoysteher übrg blerben solle. Niemal» könne die heutige umfangreiche und schwierige Tätigkeit der Bürgerschaft ersetzt werden durch die.DistriktSversgmmlung" und ie Bezirks- vorstehe- Der im Gesetzentwurf zum Ausdruck gebrachte Gedanke der E gemeinde(Eingemeindung) sei undurchführbar. Erfolg verfp' cur die sowohl vom BürgerauSfchüß Groß-Berlin wie von de-. ÄB. befürwortete Gesamtgemeinde, die eine Ober» gemeinde mit bestimmten Zuständigkeiten schaffe und den Vororten. die zu leistungsfähigen Stadtgemeinben zusammengelegt werden sollen, ihre örtliche Selbstverwaltung lasse. Es müsse jetzt unter allen Umständen dahin gestrebt weiden, daß den Gemeinde» ihr kommunales Eigenleben gesetzlich gesichert werde. In der sehr.regen Aussprach? kruten lediglich die Vertreter der sozialdemokratischen Parteien für den Gedanken der ErnhaiiSge- meinde ein. Ihnen gegenüber wurde von mehreren Rednern, ins- besondere dem Schöffen Lenaner-Licht«fekde. betont, daß wie Berlin heute die schwerfälligste Gemeindeverwaltung sei, dies für da» I-Millionen-Groß-Borlin noch weit mehr zutreffen würde. Ohne weitestgehende Dezeruralffation und Erhaltung der Selbständig- ksit grosser Vorortgemeinden sei auch ein einheitliche» Groß-Berlin undenkbar. Bürgermeister Walger betont« zum Schluß, daß die Verwirklichung Groß-BerlftiS im Sinne des Gesetzentwurfs des Ministeriums eine Beqchlechterung und einen Abstieg von der jetzigen Höhe.kommunaler Arbeit und LsistungSfähigkert bedeuten würde. tz__ Zu de» Verbreche» i» der Rrichenberger Straße wird mitge- teilh daß die weiteren Nachforschungen der Kriminalpolizei immer. mehr dafür sprechen, daß eS sich um einen geplanten Raubmord Handel:, der nur durch die Anwesenheit der Verkäuferin, mit der der.Mörder nicht gerechnet hatte, vereitelt worden ist. Die Gegen- Überstellung eines ManneS, auf den die Beschreibung passen konnte, hat ergöten, daß dieser für die Tat nicht in Frage kommt. Weitere Zeugen, die den Flüchtigen mit der stark mit Blut befleckten Klei- dung gesehen haben, haben sich noch nicht gemeldet. Die Unter- suchung der Kleidungsstücke, die gestern vormittag einem Produkten� Händler in der Lausitzer S trage verkauft worden sind, hat ergeben, daß sie mit dem Verbrechen nicht in Zusammenhang stehen. Der Mörder wird jedoch irgendwie versuchen, die verrÄerischen Klei- dungsstücke zu säubern oder beiseite zu schaffen. Wahrnehmungen dieser Art sind für die Aufklärung der schwere» Bluttat dou be* sonderem Interesse. Auf eine» Sinderword läßt ein Fund schließen, der gestern nachmittag an der Bärwaldbrücke gemacht wurde. Ein Schulknabe landete dort aus dem Landwehrkanal die Leiche eines neugeborenen! Mädchens. Die Redierpolizei beschlagnahmte die kleine Leiche und ließ sie nach dem Schauhause bringen. Z» einer Schießerei, bei der ein Polizeiwachtmeister schwer verwundet wurde, kam es in der vergangenen Nacht am Gen- darmenmarkt. Kurz nach 2 Uhr wurde beobachtet, daß Einbrecher dort in da» Orientteppichhaus von M. Geihenberger und Söhne «ingedrungen waren. Von dem benachrichtigten 83. Pölizeiretner erschienen bald darauf mehrere Polizeibeamte, um die Verbrecher zu stellen. AIS sie jedoch das Grundstuck absuchten, waren die Ein» orecher bereits mit einem Teil d«r Beute verschwunden. Diese hatten sie, weil sie sie nicht mehr fortschaffen konnten, in dem Ge- büsch des GenßarmenmarkteS versteckt. Als nun die Beamten hier 6 Teppiche entdeckten, erhielten sie plötzlich mehrere Schüsse, die von versteckt stehenden Einbrechern auf sie abgefeuert wurden. Ein Schuß traf den 50 Jahre alten Polizeimachtmeister Plaumann in die linke Hüfte und berichte ihn schwer. Trchdem sich die anderen Beamten sofort auf die Suche nach den Schützen begaben, gelang eS ihnen nicht, dieft ausfindig zu machen. Die Verletzung des Wacht- meisterS ist sehr bedenklich. Eine Rücksichtslosigkeit von der LandeSversichcrung ist e». täglich Hunderte von Personen zur zahnärztlichen Klinik hinzubestellen, damit sie am Torweg die Erfahrung machen, daß infolg« des Ber- kehrSstreikS dieses Institut geschlossen ist. Gab eS denn gar kernen Weg, dies der Ocffentlichkei't vorher bekanntzugeben. Wettbewerb Potsdamer Platz. Hier ist nicht vom Wettbewerb der Fuhrwerker auf dem Potsdamer Jahrmarkt die Rede, sondern von dem alten Plan, den Platz künstlerisch zu gestalten. Entwürfe find bi» 1. Oktober einzureichen. Programme bei der Eisenbahn- direktion zu haben.# Republikanischer FShrer-Bnnd. Der GründungSauSschuh deS Republilamichen Fübrer-BundeS hat belchlossen. die für den ö. d. MtS. an» gekündigte Versammlung infolg« de? VerlehrSstr-ikZ zu verschieben. Der Zeitpunkt, wann die Versammlung endgültig stattfinden(oll, wird rechtzeitig bekanntgegeben. Wilmrrsdarf. Die Kinderspiele werden In den Ferien tSgllch aus dem Spielplatz der Freien Turnerschast in der Württem- bergijchcn Strasse(zwischen Febrbell'mer und Olivaer Platzt weitergeführt. Jeden Donnerstag von 4—6 Uhr Frei-Kaffee. Vesperbrot mitbringen! — Außerdem weilen wir die Genossen daraus hin, daß sich die 19- bi» 14 j ä h r i g c n Kinder an den siins Tagen von Montag bi» Freitag jeder Woche an den HalbtagS-Fcrtenwandcrungcn de» städtischen Jugendamt» beteiligen können. Kinder erhalten ausser freier Fahtt nach- mittag» und abend» je eine bestrichene Stulle und Kaffee und abends •/, Liter Suppe. Löffel milbringen! Treffpunkt mittag» 1 Uhr aus dem Hos der Gemeindeschule VII. Babelsberger Straße. Nur für diese Gruppe find Sxtramittel berettgestelll I Groß-Serllner parteinachrichten. Bereinigung der sozialdemokrarischcn Beamten. Angestellten und HilfSkräfie der«emeindevehSrden Groß-Berlin». Die Ver- trauenSleute wollen die nunmehr serstggestellten Mitgliedskarten bei dem Genoffen S. Hermann, Spandauer Str. 19, S Treppen, Zimmer 9, abholen. Tag der Sitzung der Vertrauensmänner wird noch bekanntgegeben werde». GewerffchaflsbcweMng Tarifabschlntz im Teutschc« Portierverbaud. In der Generalversammlung der Portier». Fahrstuhliührer usw. berichtete S ck m a h l über die Tarisverhandlungen. Der Tarff- vertrag sei ein Werk, da» in der Geschickte deS Verbände« fortleben werde. Dir Verhandlungen seien unendlich schwierig gewesen, da die Grundbesitzer sich mrl aller Macht dagegen wehrten. Es sind folgende Löhne festgelegt worden: Geschäft»- Jndustriehäuser: Hauswarte 89 bis 85 M.. Fahr« stuhlsührer 75—89 M., Heizer 09—199 M., Fabrikportier» 05 bi» 125 M. wöchentlich, für Wächter 229-279 M. monatlich; Wohn- Häuser: HauSwart-EWeute im Hauptberuf 329— 860 M. monatlich, für HauSwarte in einfachen Häusern 49—69 M. monatlich. Für Heizen der Dampfheizung, Reinigung der Treppenhäuser mit Decken usw. werden entsprechende Vergütungen gezahlt. Urlaub werden im 1. Jahre 3 Tage gewährt, steigend auf 12 Tage nach 19 Jahren. Alle im Tarisverlrag genannten ArvettSkräsle dürfen nur vom paritätischen Arbettsnach- weil der Stadt Berlin entnommen werden. Bezeichnend sei eS, daß die Grundbesitzer versuchten, die Kriegsbeschädigten geringer zu entlohnen. Der Tarifvertrag gelte ad 1. Juli rückwirkend. In der Diskussion kam zum Ausdruck, daß der Vertrag zwar nicht in allen Punkten zusage, man denselben aber als Erstlingswerk annehmen könne. Der Vertrag könne nur eine Etappe auf dem Wege zur Erlangung besserer Arbeitsbedingungen fein. Besonders die Kollegen de» Westen» wandten sich gegen den Tarifverirar. da derselbe nicht den Wünichen entspreche. Hierauf gelangte der Tarifvertrag gegen zwei Stimmen zur Annahme. E« wurde dann nach längerer Debatte die bisherige Verhandlungskommission als Schlichtungskommisfion gewählt. Zum 1. Schriftführer wurde Engel, zum 2. Ko- sinSki und als Revisor Feuerschütz gewählt. Werkmeisterverband für daS dentfche Buchbindergewerve. ÄSnnabend, den 12. d. MtS., im.Echultheiss", Neue Jalobstr. 24/25: Generalversammlung. Zentralverband der»Um- und Kinoangehörige« Deutschland». Die für Sonntag, den 6. Juli, angesetzte und wegen de« LerkehrSstreik vertagte Versammlung findet nunmehr bestimmt vm Sonntag, den 13. di., vormittag» 9 Uhr, im großen Saal de» GewerkschastShause», Engtluser 15, statt.— Eintritt nur gegen MitgliedSzabllatte. BollzngSanöschnff»er Metalliodnstrle. Sitzung: Donnerstag, 9. Juli, abends 6 Uhr, in den gellen 23. Mus aller Welt. Der Kanaltunnel. Amflerbmn, 8. Juli..Tekegraaf* meldet an? London, daß in einer Versammlung von Mitglierdern deS englischen Parlament« beschlossen wurde, bei der Regierung daraus zu dringen, daß sie wegen de» Kastaltunnels zu einem Entschluß komme. ES heißt, daß 399 Abgeordnete und Lloyd George selbst für den Bau de» TunnelS find._ Bremer Dampfer Bachus gestrandet. Kopenhagen, ktz Juli.(Eigener Drahtbericht des.Borwäri»*.) Der Bremer Dampfer BachuS, auf der Reise von TönS- berg. strandet« gestern abend im Nebel westlich Ekagen. Motor« schiffe versuchten vergeblich, ihn wieder flott zu machen. Heute morgen kommt ein Bergungsdampfer zur Strandungsstelle. Genchtszeitlmg. Wie Heeresgut verschobcu Wörde« ist. Jjn Strafgefängnis Tegel bestand während des Krie- aes als Staatsbetrieb eine riesige Schneiderwertstatt, in welcher Arbeitcrschutztleidung für Artilleriej�pots und technische Truppen hetgestcllt und täglich etwa 10W Meter Stoff verarbeitet wurden. Der Angeklagte Plügge, der in Tegel eine mehrjährige Gefäng- niSstrafe verbüßte, war in diesem Betriebs als Maschineunäher und Schreiber beschäftigt gewesen. Insbesondere lag ihm die Führung des Postbuches ob. Im Frühjahr 1818 entdeckte die Ber- liner Kriminalpolizei, daß eine„Frau Lazar" in umfangreichster Weise Heercsgut, nämlich diese Arbeiterschutzkleidung verschob, und zwar durch Vermittlung eineö Kaufmanns O- und eines Haupt- manns a. D. B.(!)• Diese„Frau Lazar" entpuppte sich als die Frau des Tegeler Strafgefangenen Plügge, der es verstanden hatte- selbst im Geföngniskittel Heeresgut im Werte von vielen tausend Mark beiseite zu schaffen.— In den ersten Ber- nehmungen behauptete Plügge, daß er die Pakeiadressen lediglich auf Grund der ihm von dem Jnspektionsgehilfen Zkiklas übergebe- nen Bestellzettel ausgeschrieben habe, ohne zu wissen, daß die„Frau Lazar" seine eigene Frau gewesen sei. Frau Plügge behauptet, daß eines Tages zwei Herren zu ihr ge- kommen seien, welche sich als Gefängnisbeamte ausgegeben hätten und ihr die nach ihrer Behauptung aus Resten und Abfällen her- gestellten ArbeiterUeidungsstücke angeboten hätten. Bor Gericht bekundeten auch Zeuginnen, daß tatsächlich zwei Herren Stahl und Körner die Frau Plügge aufgesucht hätten.— Die Staatsanwaltschaft vertrat den Standpunkt, daß dies nur Ausflüchte seien und keine Gefängnisbeamten an der Sache beteiligt seien. Demgegenüber wurde von den Verteidigern darauf hingewiesen, daß"a n dieser Schiebung en gros unbedingt Beamte be- tetligt gewesen sein müßten. Jedenfalls sei es im Staatsinter- esse dringend notwendig, völlige Klarheit zu schassen lind die eigen!- lickien Schieber zu ermitteln. Da auch der Staatsanwakt beiome, daß er zu dem nächsten Termin sämtliche Gefängnisbeamten aus Tegel zwecks Gegenüberstellung laden werde, vertagte sich das Gericht. Verantwortlich sirr Politilr Artnr Sichler, Ebarlotteubnrg, für den übrigen Teil deo Blattes: Alfred Scholz, Neukölln; für Anzeigen: Theodor Slocke, Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlag S. m. b. H., Berlin. Druck: Vorwärts» Buchdruckerci uns BerlagsanftaU Peul Einger u. Co. in Berlin, Liudcnitr. S. 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