Nr.348. 36.Iahrg. Bezugspreis t ??icrteIiBl)rL9� SDlt, uumatl. 3,— SH. tcel ins Haus, voraus zahlbar. Post- bszug: Monatlich 8,— MC. exll. Zu- ircllungsgebilhr. Unter Areuzbaud ftir Deutschland und Oesterreich-Ungarn SL5 MC. sstr da» llbrtg, Ausland ld 2ö MC. bei täglich einmal. Zustellung S25 MC. Pastbestellungen nehmen an Dänemark Holland, Luxemburg, Schweden u. die Schweiz. Eingetragen in die Post-Zeinrngs-Preisliste. Der„Porwäris" mit der Sonntag»- beilage„Voll u. grit� erscheint Wochen» täglich zweimal. Sanntag» einmal. Telegramm-Adresse: „Soziaidetnakral verlin». Abend-Ansgabe. Ilcrlitier Volltsblstl. c m MnzelgeuprctS: Sie achtgelvalten» jionparetllezeii» Castei lLdMC.Ulein» Unzeigsa» da» iettgedruchte Wart 00 Pig.(zulüstm 2 leNgedmclte Wones sedes weiter, Wort 2l> P!g Stellengewche an» Schlalstellenanzeigen da» erst, Wort «0 Pfg.>edes wettere Ron 20 Pfg Won» Uber tb Buchstaben zählen für zwei Wort«. Teueruugozuschlag bd»» Familien- Anzeigen, politische und gewerCschaitliche Vereins- Anzeigen CL0 MC. die geile. Anzeigen für di, nächste Nummer mstlseit bi»»»he nachmittag» im Hauptgeschäft. Berlin SW W. Lindenstraße S. abgegeben werden. Deoffnei von S Uhr sriih bi» S Uhr abends- Zcntrzlovgan der rozialdemokratlfcben Partei Deutfcblands. NeüakLisn und Expedition: SW. d$, Lindenstr. 3. aeruivrecher- Amt Morinvlah, Nr.»Zl SO— läl S7. Donnerstag, den 10. Jnli 1V19. Vonvärts-Verlag G.m.b. h., SW. b8, Lindenstr.3. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Nr. 117 55—54. eneralstreit in Rom. Lugano, 10. FuN 1919.(T. K.) Bor Begmn der gestrigen Kammertagung wurden in Rom umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen, da infolge der Un- ruhen mit Ausschreitungen gegen das Paria- ment gerechnet werden mußte. Der Monte Cittorio war durch einen starken Militarkordon abgesperrt worden. Die politische Atmosphäre in Rom ist mit Hochspannung geladen. Jn� parlamentarischen Kreisen herrscht eine tiefgehende Erregung, die zum Teil in der gestrigen Sitzung zum Ausdruck kam. Bern, 10. Juli. Aus mehreren Städten Oberitaliens wird ein Wiederaufflackern der Teuerungstumulte gemeldet. Nach Mailänder Nachrichten sind die Verhand- l n n g e n bei den römischen Arbeitskammern mit den Be- Hörden und Geschäflsleuten gestern gescheitert. Für Rom ist der sofortige Generalstreik beschlossen worden. Ganz A p u I i e n ist von der Bewegung ergriffen, wo laut „ A v a n t i* bereits Truppen zusammengezogen werden. Auch in Sizilien mehren sich die Aus- stände._ Eine progrommreöe ttittis. Die italienische« Unruhen. Rom, 9. Juli. sStefani.) R i t t i erklärte in der Summer im Namen der Regierung, daß fich das durch die Ereignisse auf- erlegte Programm in folgende vier Punkte zusammenfassen lasse. 1. Die Frirdensverhandlnngen beenden unter überzeugter Per« teidigung de? Programms der nationalen Ansprüche, 2. so rasch als möglich den Uebergang vom Kriegszustand zum FrirdenSznstand durchführen, 3. die Existenzbedingungen des Volkes erleichter«, 4. rasch die durch die neue Lage notwendig gewordene» wirt- schaftlichen und finanziellen Maßnahmen vorbereiten. Um dieses Programm zu verwirklichen, müsse die öffent» liche Ordnung aufrechterhalten werden. Die Regierung werde sie fest und ohne Schwäche aufrechterhalte». Hinsichtlich der finanziellen Frage« sagte Nitti, daß die auswärtige Schuld sich auf 2 0 Milliarden und die innere auf 58 Milliarden belaufe. Man müsse weniger verbrauchen, mehr produzieren und intensiver arbeiten. Eine besondere Steuer müsse auf die während des Krieges gemachte« Vermögen ge- legt werden. 2»/, Milliarden feien ausgesetzt, um den BrotpreiS niedrig zu halten. Er erklärte zur auswärtige» Politik, daß in diesem Augenblick die wesentlichen Frage» für Italien»och nicht entschieden seien, und daß man inbezng auf die A d r i a noch nicht auf dem Wege einer befriedigenden Lösung der nationale«, gerechten Forderungen sei. Nitti wiederholte die von Tittoni im Senat ab.iegebeue Erklärung und fügte hinzu: Unsere Delegierten habe« die Verhandlungen in Paris wieder auf« genommen nutrr de» fchwirrigsten Bedingungen, aber im Bewußtsein der Gerechtigkeit unserer Sache, die wir mit Zähigkeit verteidigen müssen. / Die Presse hat die Bedeutung einzelner«a- angenehmer Zwischenfälle übertrieben, die in Fiume und in anderen Städten des Königreichs vorgefallen sind. Diese Vorfälle können unsere Haltung keineswegs dreinflussen. Die Presse muß aufklärend und mäßigend wirken. französische Beruhignngsversuche. Bern, 10. Juli. Die französische Presse hält im all« gemeinen die italienischen Meldungen über die Zwischenfälle in Fiume für übertrieben..Journal deS DebatZ� sagt, man dürfe die augenblickliche Ungewißheit über die Adria- frage nicht andauern lassen, wenn man nicht großen Gefahren entgegengehen wolle._ Wie öer Kaiserprozeß entstand. Amsterdam, 10. Juli.. lelegraaf� berichtet auS Paris: .New Dort Herald'' erzähtt, wie der Dreierrat zu dem B e» f ch l u ß kam. den Kaiser inLondon vor ein Gericht zu stellen. Danach bat Lloyd George während einer Pause in den Beratungen plötzlich gefragt: Sind Sie dagegen, daß der Prozeß in London stattfindet? Wilson und Clemenceau warfen einander Blicke zu und sahen dann Lloyd George an. Clemenceau, der. wie in Paris vorlaute», dem Prozeß step tisch gegenübersteht, zuckte die Achseln, als ob er sagen wollte: Nun, meinet- w e g e n I Und Wilson sagte dasselbe. Hieraus wurden die unterbrochenen Verhandlungen fortgesetzt. Es wurde» keiner- l ei s christliche Abmachungen getroffen. Unruhen in Serbien. Blutige Znsammeiistösie in Sarajewo. W i c n, 19. I uli. Aus Bukarest wird berichtet: Die Agentur Daria meldet aus Belgrad: Die Lage in Serbien wird i mm er kritischer. In Belgrad und j anderen Städten finden fortgesetzt Umzüge gegen die von der Regeerung verfügten M a s s e n v e r- haftungcnvonSozlalisten statt. In Sarajewo kam es anläßlich eines solchen Umzuges zu blutigen Zu- sammenstöhen zwischen Militär und dem Publikum» wo- bei es auf beiden Seiten Tote und Verwundete gab. Ueber Sarajewo wurde der verschärfte Belagerungszu- stand verhängt. Auch aus anderen Orten des besetzten Gr- bietes werden ähnliche Vorkommnisse gemeldet. Ein Teil der in Ungarn stehenden serbischen Truppen wurde von dort abberufen, um aus alle Möglich- k e i t c u v o r b e r e i t e t z u s e i u. Auch die aus Bosnien und der H c r z c o o w i n a eintreffenden Nachrichten bcsogcn, daß dort die Lage sehr gespannt ist. Die bosnische Provinzialregierung erkennt die Anweisungen der Belgrader Regierung nicht an. Dänemark und die Aufhebung der Blockade. Kopenhagen, 10. Juli.(Eigener Drahtbericht de».Vorwärts'.) Auf Aufrage der hiesigen amerikanischen Gesandtschaft auch namens der übrigen Entente- Gesandt- s ch a f t e» beim Autzenministerium. ob es mit Aufhebung der Handelsabkommen mit den kriegführenden Ländern, sobald Deutschland die Ratifizierung deS Friedens der Entente offiziell bekannt gegeben hat, einverstanden wäre, hat die dänische Regierung bejahend geantwortet. Damit kann also Däne« mark seine sämtlichen Waren frei einführen und ausführen und hat keine Rückficht mehr auf die einschränkenden Klauseln zu nehmen, die auf fast allen vom Westen eingeführten Waren ruhten- Da die Bestimmung bereits heute in Kraft treten dürfte, ist damit ein wesentlicher Teil der Blockade Deutschlands aufgehoben, wenn auch natürlich gewisse Ein» und Ausfuhr- verböte, die Dänemark im eigenen Interesse erlassen mußte, noch bestehen bleiben._ Notschreie aus dem Gsten. Jetzt ist Besonnenheit Pflicht. AuS den vor der Gefahr der Fremdherrschaft stehenden Ost- gebiete« gehen unS fortgesetzt Briefe zu, in denen leidenschaftliche Kuwdegbungen für die Treue zu Deutschland und die Stimnmng höchster Verzweiflung gegenüber der brutalen Gewalttat deutlich wenden, die durch die Unterwerfung ganzer deutscher Ortschaften unter die polnische Wirtschaft für sie droh,. In vielen Orten ist die Bevölkerung trost- und fassungS- l o S. Säe wollen auf keinen Preis einem kulturell rückständigen Staatswesen und einer fremden, ihnen unfreundlich gesinnten Ober- Herrschaft verfallen. AuS all diesen Aeußerungen geht die Absicht' hervor, sich dem Unglück mit aller Kraft und selbst mit Gewaltanwendung zu widersetzen. Wenn eS im Osten an- läßlich der Besetzung durch die Polen zu J&lutigen Zusammenstößen und zu Verlusten an Menschenleben kommt, so trägt daran einzig die Entente die Schuld, die mit Heuchleeischen, gerechtigkeitstricfen- den Redensarten den nationalen Minderheiten Schutz und Selbst- bestimmungSrecht verheißen hat und ihr Wort nun nicht einlöst. Die Stimmung im Osten ist aufS höchste erregt. Dennoch möchten wir nicht unterlassen, zu mahnen, in dieser Stunde der Ohnmacht Deutschlands sich nicht zu hoffnungslosen Aufftänden hinreißen zu lassen. Jetzt ist ein ausreichend starker Schutz unserer Volksbrüder im Osten unmöglich Aber derTag wirdkommen, an dem das Werk der Gewalt zusammensinkt und die Stunde der Freiheit und nationalen Selbständigkeit auch für die bedrohten Ost. gebiet« wiederkommt. Wir werden euch nicht vergessen, Brüder, die ihr auf ferne» Grenzposten steht und euch vorübergehend der Macht unterwerfen müßt! Wir bleiben trotz aller Vergewaltigung national eins und werden uickit aufhören, die Kräfte zu sammeln, die eines Tages auch für den Osten die Ketten brechen werden. D a« z i g» 10. Juli. Der Aktionsausschuß der werktätigen Bevölkerung in Danzig hat folgendes Telegramm an die Entente abgesandt: Die Tanziger Arbeiterschaft steht vor ihrer Existenz- frage. Die hiesigen Bcbörden könne» keine Arbeitsmöglichkeit für die Zukunft schaffe«. Die Betriebe werden und sind zum Teil schon auS Mangel au Arbeit geschlossen worden. Die Arbeiter mühten entlassen werden. Tie Arbeiterschaft wird in kürzester Zeit brotlos. ES sind Arbeiterunruhen zu befürchten, die nicht im Interesse de» Freistaates liege«. Die Zeit dr.ngt. Die Arbeiterschaft wendet fich daher andenRatdervierum Siche- rnng der Arbeiterinteresse«. produktive Erwerbslosen- sürsorge. Man schreibt unS: Die Erwerbslosenfürsorge in ihrer heutigen Gestalt be> schrätckt sich im wesentlichen auf Gewährung von Almosen aus öffentlichen Mitteln. Daraus erwächst die erbitterte Kritik, der sie von allen Seiten ausgesetzt ist. Die Arbeitslosen, gegen ihren Willen zu einem Leben des Müßigganges verurteilt, zu Almosenempfängern erniedrigt und argwöhnischer Kontrolle unterworfen, leiden Not und werden moralisch zu Grunde gerichtet. Die Gesamtheit gewinnt mit dem geivaltigsten Millionenaufwande — allein für Berlin bisher über 130 Millionen Markl— keinerlei Werte, sondern nur fortschreitenden ethischen und ökonomischen Versall.„Ein großer Aufwand schmählich ist vertan". Hier setzt der schon vor Monaten von Frankfurt a. M. propagierte— Gedanke der produktiven(werteschaffenden) Erwerbslosenfürsorge ein. Sie erstrebt Fürsorge für die Erwerbslosen nicht durch Almosen, sondern in weitestem Umsange durch Beschaffung von Arbeit. Es ist viel Arbeitsgelegenheit vorlianLen: die Arbeits- bedingungen sind jedoch oft so ungünstig, daß man den Er- wcrbslosen die Aufnahme der Arbeit nicht zuniuten kann. Zahlreiche Erwerbslose würden nun die schlechtcntlohnte Arbeit dennoch gern freiwillig übernehmen, nur um der Arbeitslosigkeit zu entrinnen, wenn ihnen die Erwerbslosen- sürsorge einen geringfügigen Zuschuß geben würde. Das darf sie jedoch nach der heutigen Rechtslage nicht. Sie muß alle diese Arbeitslosen, die freiwillig arbeiten möchten, nebst ihren Familien auf Wochen, Monate, halbe Jahre mit der vollen Unterstützung versorgen und sie zu weiterem Müßiggänge zwingen. Ihr härtester-Fluch trifft die Arbeitswilligsten und Bestgesinnten, die eine schlecht entlohnte Stelle annehmen oder beibehalten, nur um zu arbei- ten und nicht auf öffentliche Kosten zu schmarotzen: von ihnen zieht die Erwerbslosenfürsorge sofort ihre freigibige Hand ab und läßt sie hungern und verderben. Diesem unleidlichen Zustande will die vroduktive Er- wevbsloseinürsorge abhelfen. Sie will dem Schlcchtentlobn» ten unter Umständen einen Teil der Unterstützung zukommen lassen, damit er sich zusammen mit seinem Lohne etwas besser steht als der Voll-Ettverbslose. Der Nutzen dieser Maßnahme liegt klar zutage: Verringerung der Zahl der Erwerbslosen, Verminderung der zu gewährenden Unterstützung, Leistung von Arbeit— also Schaffung von wirtschaftlichen und sittlichen Werten mit verringerten Auf- Wendungen. Aber die? ist nur ein— wenn auch besonder? nahe- liegender Anwendungsfall der produktiven Erwerbslosen- sürsorge. Ein Arbeitsloser will aufs Land gehen. Aber er besitzt nicht die derben Kleider und Schübe, wie sie der Land- arbeite? braucht. Er hat nicht die Mittel, sich draußen Vieh anzuschaffen, dessen er zur Ergänzung der Ernährung uner- läßlich bedarf: denn mit der Selbstversorgerratton kann kein Landarbeiter auskommen, besonders nicht, wenn er ein ans- gehungerter Städter ist. Da will ibm die produktive Er- werbslosenfürsorge nach und nach die Mittel für Kleidung und Viehanschaffiing geben. Der ländliche Arbeitgeber tvill städtische Arbeitslose aus- nebinen, die von Landarbeit noch nichts versieben. Oder d.'r Schuhfabrikant will Arbeitskräfte aus anderm Branchen für die Schuhfabrikation anlernen. Für die ersten Anlernlings- Wochen kann nicht der volle Lohn bezahlt werden. Die Differenz soll die Erwerbslosenfürsorge tragen. Ueberschuldete Hausbesitzer können an ihren Häusern die dringendsten Reparaturarbeiten, bei denen Hunderte von Erwerbslosen Arbeit fänden, nicht ausführen lasten. Die Erwerbslosenfürsorge soll die Arbeiten durch Beteiligung-cn den Unkosten ermöglichen. Oder: Auf dem Gute 3£. können keine deutschen Arbeite?> familien eingestellt werden, weil es an ausreichender Unter- kunft fehlt. Die Erwerbslosenfürsorge gibt dem Gutsbesitz?'. der bei der heutigen Teuerung den Bau nicht aus eigene- Tasche bezahlen kann, einen Baukostenzuschuß für Neu- und Umbauten, wenn er sich verpflichtet, beim Bau Berliner Er- werbslose zu beschästigen und für die Dauer eines Jabres Berliner Erwerbslose als Arbeiter aufzunehmen. Damit ist schon ein weitere? Gebiet der produktiven ErtverbSlosenfürsorge berührt: sie will nicht nur vor- handene Arbeitsgelegenheit für Erwerbslose zugänglich machen, indem sie die Arbeitsverhältnisse erträglich gestattet, ständigkeit der deutschen Wirtschaft Ke erste ShmmSfcfimg ja einer Entwicklung nach dem Sozialismus hin sahen, so be- weist das nur. wie sehr sie selbst in das Fahrwasser der Frei- Händler hineingeraten sind. Nachdem Herr Ballod vor einigen Tagen es ihnen vorposaunt bat. daß die Valuta etwa auf einem Drittel ihres früheren Standes stabilifiart werden könnte, machen sie sich jetzt über das Benrühen, die Kaufkraft des Geldes im Ausland zu heben, lustig. Das ist ein Ver- gnügen. das wir ihnen gern gönnen. Vielleicht gibt uns aber die„Freiheit" auch das Rezept, wie man bei einem niedrigen Stand der Valuta dem Volke billige Auslandslebensmittel ohne Zuschüsse mis der geschwächten Reichskasse beschaffen.soll. Die Jnternationalisierung der Wirtschaft könnte heute nur durchgeführt werden auf Kosten des Umstandes, daß die kapi- talist-schen Ententemächte einen steigenden Einfluß auf die deutsche Wirtschaft gewinnen. Das bekümmert die unab- hängigen Sonialisten keineswegs. Es genügt ihnen vielmehr die Tatsachen und Anschauungen, auf denen Wissell gebaut hat. für ihre Propagandazwecke zu mißdeuten, nachdem sie sich schon vorher das zweifelhafte Verdienst erworben haben, durch ihren Widerstand gegen ein praktisches Wirtfchaftsprogramm dem nationalen Kapitalismus den Rücken zu stärken. Und wenn es dem Kapitalismus wirklich gelingen sollte, aus dem sozialistischen Bruderkrieg als einziger Sieger hervor- zugehen, woran übrigens die liberalen Blätter nach ihrem ersten Triumphgehenl schon ein wenig Zweifel hegen, so wird es der unbestrittene Ruhm der Unabhängigen sein, durch Quertreibereien gegen die Ansätze einer sozialisttschen Wirt- schaftspolitik diese Entwicklung tatkräftig gefördert zu haben. Ein Gegenstück zum Prozeß Klüber in yalle. Prozeß gegen die Mörder des ffriegsministerS Neuring in Dresden. «uS Dresden wirb nni geschrieben: Als Ergänzung Ihres Artikels in Nr. 343 vom 8. Juli unter der Uebecschrift.Die.Frei- heit" und der Prozeß Klüver" dürfte die Leser des»Vorwärts" das Folgende interessieren: Am Montag, den 31. FuK, beginnt vor dem Schwurgericht Dresden der Prozeß gegen die 11 Mörder, die am 12. April«den Kriegsminister Neuttmg mißhandelten, in die Elbe warfen und hinterher meuchlings erschossen. Genau wie im Falle Klüver zeigt sich auch im Fall« Neu ring bei den An- abhängigen eine auffallende Vorliebe für d-ie Mörder und genau wie im Falle Klüver haben auch im Falle Neuring die llnabhäigegen von Anfang an die bestiaksche Tat der Mörder nach jeder Richtung hin zu verteidigen gefuchtl Zunächst ist festzustellen, daß die sächsischen unabhängigen Blätter nicht ein einziges Wort des Abschcus gegen die Meuchelmörder aufgebracht haben. Die bestia» lisch« Mortat wurde lediglich als.Gewaltakt" hingestellt, die man heuchlerisch bedauerte. W>rr in der nächsten Zeile erklärt« man, daß die Meuchslmörder gute Gründe für ihre Schurkentat ge- habt hätten. So in der.Leipziger VolkSzaiwng", so in der un- abhängigen„Volkszeitung" i-u Dresden und Pirna. Mit geradezu widerlichem Eifer spürte man in diesen Blättern für die Mörder mlidernde Umstände auf und erklärte milde, die.Lyncher" hätten sich zu dem Gewaltakt in der größten Erregung hinreißen lassen. Um die Mörder zu verteidigen, stellte die unabhängige Presse den Ermordeten Neuring Wider besseres Wissen als Gewaltmenschen hin und log ihrem Lesern vor. daß auch am d« Schießerei vom g. Januar(als die Spartakisten die„Dresdner Volkszeitung" stürmten) Neuring die Schuld getragen hätte. Sie wüßt« aber ge- nau. daß Nsuring damals als Vorsitzender des Arbeiter- und Sol- datenrateS an dem Putsch überhaupt nicht beteiligt gewesen ist. Die unabhängige Presse hatte damals die Genugtuung, zu sehen, daß die alldeulsche �Deutsche Zeitung" mit in ihr Horn stieß. Drei Tage nach dem Morde erklärte in ihre? Nummer vom 15. April die unabhängige.Volkszeitung" im Pirna die Ermordung NeuringS als „notwendige Folge" von NeuringS.Gewaltregiment". Not» wendige Folge! Das war also eine glatte Verteidigung der Mörder. Denn nichts Besseres konnten die sich wünschen ÄS den Bei weis, daß ihre Tat notwendig war. In derselben Nummer log dies unabhängige Blatt seinen Lesern vor, daß Neuring nur„ein Opfer de-r Volkswut" geworden sei. Der VolkSwutI DaS Volk hat Neuring gemeuchelt. Daher keine Ursache. Mörder auch Mörder zu nennen. Gekröni wurde Kefe erhebende unabhängige Mora! dadurch, daß das Blatt m diesem Zusammenhange von.Lynch- justiz" sprach und ausdrücklich„mildernde Umstände für die Lynch er" pvedigie! Im Laufe der Wochen find nun 176 Personen wegen Teil- nähme an der scheußlichen Bluttat vom 12. April verhaftet worden. Darübe« schreit urun die unabhängige„VolkSzeitung" in Dresden andauernd Zeter und Mord. In de: Nacht nach dem Morde, als die wildgewordene Meute vorübergehend das Ministerium besetzt hatte und die Regierung sich im einer Zwangslage befand, hatte sie sich auf Drängen der Spartakisten bereit erklärt, ein« Amnestie für diejenigen zu erlassen, die an der Demonstration gegen den Münster teilgenommen hatten. Ausgeschlossen von der Amnestie wurden aber die. die gemeine Verbrechen und Bergehen begangen hatten. Das ist für die unabhängige Presse ein Anlaß, fortwährend Me Freilassung fast sämtlicher Verhaftete» zu fordern. Die Re» gierung hat längst mitgeteilt, daß über 50 der Verhafteten auf Grund der Amnestte bereits freigelassen worden sind, daß aber ein großer Teil der noch in Haft Befindlichen gemeiner Verbrechen schuldig sind.(Sie haben sich an der Plünderung de? Ministeriums beteiligt, haben schweren HauSfredensbnjch, schwere Mißhandlung:» von Beamten usw. begangen usw.). Trotzdem fordert die unab» hängige.Volkszeiwng" vom 9. Juli nochmals die sofortige Eni» lassung sämtlicher Verhafteten. ES fehlt« nur noch, daß das Blatt auch die Freilassung der direkt des Mordes Bezichtigten forderte. ES ist also so: Di eunabhängige Presse will auch hie wie in Halle, daß die irregeleiteten Bestien, die am 12. April in so abicheulicker Weise die gesamte Revolution besudelten, straffroi aus» gehen. Eine erhebende Moral, von der sich hoffentlich weite Kreise der Arbeiterschaft aus Gründen der Reinlichkeit und guten Sitten abwenden werden!/_ Urteil im Prozeß Schneppenhorst. München, 9. Juli. In dem seit vergangenen Sonnabend vor dem hiesigen Schwurgericht währenden Prozeß des bayc- rischen Militärministers Schneppenhorst gegen den verani» wortlichen Schriftleiter der„Neuen Zeitung", Friedrich N u t t< wegen Beleidigung wurde heute folgendes Urteil gefällt: Die Geschworenen bejahen folgende Schuldftagen: Der An- geklagte ist schuldig, einen-Beamten in bezug auf seinen Beruf beleidigt zu haben und zweitens: in bezug auf eine» anderen und zwar in bezug auf seinen Beruf Tatsachen behauptet und verbreitet zu haben, die nicht nachweislich wahr und ge» eignet sind, ihn verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Das Urteil lautete auf 8 6 9 Mark Geldstrafe. Die Veröffentlickung des Urteils erfolgt in der „Neuen Zeitung" und im„Kampf". keine Entschulöungszulage an Seamte. Berlin, 9. Juli. W.T.B. Die.B.Z.' am Mittag' vom 9. d. M. verbreitet eine Mitteilung, in der eS heißt, daß den Beamten im September eine erneute Entschuldungszulage bewilligt werden solle. Diese Mitteilung widerspricht, wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, den Tatsachen. Die preußische StaatSregierung hat wiederbolt erklärt, daß sie eine erhebliche und nachhaltige Verbilligung�der Lebens- mittel und Bedarfsgegenstände durch wirksame Maßnahmen und Aufwendungen großer Mittel durlbzinetzen bemüht ist. Dieser Politik hat sich die Reichsregierung angeschlossen. Auch in der Beamtenschaft wird ihre Richtigkeit und Zweckmäßigkeit nicht bestritten. Hegtza eluea Eisenbahaerstreik in Sraimschweiz. Eine Kundgebung. Braunschweig, 19. Juli. Eine gestern abend hier abgehalten« .Sisenbahnerversammlung, die von Beamten und anderen Eisenbahnern zahlreich besucht war, erklärte sich fast einstimmig gegen einen von linksradikalen Werkstättenarbertern geforderten neuen Eisenbahnerstreik. Falls«S doch zu einem solchen in Braunschweig kommen sollte, werden die Angestellten ihren Dienst weiter versehen und mti aller Kraft den Per» sonen» und Güterverkehr fortsetzen. sondern sin will auch neue Arbeltsgelegenheii schaffen. Eine chemische Fabrik wiß z. B. ihren Betrieb erweitern,- sie wird dann eine gewisse Anzahl Arbeitsloser einstellen können. Tie Erwerbslosenfürsorge ermöglicht die BetriebSerweitcrung durch Gewährung von Zuschüssen. Auf Einzelheiten soll hier nicht weiter eingegangen werden. Ueberall der leitende Gedanke: den Millionenauf. wand der Erwerostosenftirforge— es Handeft sich um die kostbaren Nffffonen eines verarmten Volkes— zum Segen zu kehren: dieselben Summen, die morgen als Almofen per» schleudert werden müssen, oder auch nur einen Teil von ihnen weitblickend so anzulegen, daß sie wirtschaftlich und sittlich Gewinn bringen. Die Aufgabe ist so groß und so lohnend, daß bei vernünf- tiger Abwägung alle Bedenken— an denen es freilich nicht fehlt—, gegenüber den Vorteilen federleicht wiegen und daß die Wege zur Ueberwindung der Schwierigkeiten gefunden «erden müssen. Immer wieder wird der Einwand hervor- gekehrt, man zahle damit den Unternehmern die Löhne und fördere die Lohndrückerei. Selbstverständlich soll aber in jedem Falle geprüft werden, ob der Unternehmer nicht selbst die Kosten der vollen Entlohnung tragen kann, und kein Unternehmer wird sich mit Erfolg darauf berufen können. daß einem anderen Zuschüsse gewährt worden seien, die ihm versagt werden; denn nicht die Förderung des Unternehmers, sondern ausschließlich die Unterbringung der Erwerbslosen da, wo es nötig und möglich erscheint, ist der leitende Ge- sichtspunkt der produktiven Erwerbslosenfürforge. Wenn dann einmal ein Arbeitgeber aus den Maßnahmen der pro- duktiven Erwerbslosenfürsorge Gewinn zieht, so ist das eine ebenso unbeachtliche Nebenwirkung, wie es für den Arzt, der einem Totkranken eine Medizin verschreibt, unbeachtlich ist, daß der Apotheker hierdurch Geld verdient. Auch derHauptausschuß der Erwerbslosenfürforge Groß-Berlin hat sich unter Billigung von Sachverständigen aus allen Wirtschaftsgebieten dem Ge- danken der produktiven Erwerbslosenfürforge angeschlossen und bei der Reichsvegierung die Genehmigung nachgesucht, zunächst zwei Millionen Mark für produktive Zwecke aus Mitteln der.Erwerbslosenfürsorae verwenden zu dürfen. Er hat beretts eine Spezialkommission zur Prüfung und Ent- scheidung der praktischen Fälle dieser Art eingesetzt. Ja, er hat sogar schon in einem Einzelfalle für hundert Berliner Arbeiterinnen, die nach auswärts vermittelt waren, auf die Tauer von drei Monaten einen Lohnzuschuß von zehn Pfen- nigen für die Arbeitsstunde bewilligt, weil die Arbeiterinnen sonst wieder auf unabsehbare Zeit erwerbslos geworden wären. Seid«? hat das ReichsarbeitSministerium bisher unter .Hinweis a»ff die geltende Rechtslage in offenbarer Berken- nung der Bedeutung der Frage alle Anträge dieser Art rund- lveg abgelehnt. Möge wenigstens die bevorstehende Novelle zur Reichs- Verordnung über Erwerbslosenfürsorge die allgemeine gesetz- liche Ermächtigung für die Gemeinden bringen, soweit als irgend angängig produktive Erwerbslosenfürforge zu treiben. Der Triumph üer»Ireiheit�. Fortgesetzt triumphiert die„Freiheit" über den noch gar nicht erfolgten Rücktritt Wi s s el l s, den sie als einen Sieg des Kapitalismus auslegt. Sie verschweigt dabei, daß sie selbst Wisiells Ideen bekämpft hat. ohne Woge anzugeben, auf denen man unter Wahrung der Demokratie zu einem sozia- listtschen Wirtschaftsprogramm gelangen soll. Sie beruft sich auf die Arbeit der Sozialisierungskvmmission, die bekanntlich nur deswegen aus dem Amt geschieden ist, weil sie sich Befug- nisse augemaßt hat, die als Akte der Ncbenregierung angesehen werden mußten. Die Unabhängigen haben ja gut reden. Ihnen kam es nicht daraus an, die Diktatur des Prole- tariats zu einem Zeitpunkt zu fordern und zu unterstützen, wo die Einführung einer Minderheitsregierung einen Frieden unmöglich gemacht und die Versorgung des Volkes auf Jahre hinaus gefährdet hätte. Wenn sie jetzt noch beflissen sind, Wissell und seinen Mitarbeiter v. Moellendorff den Vor- wurf des Merkantilismus zu machen, weil diese in der Selb- Straßenreöner. , Bon Emil Petrich. Die meisten Menschen haben ihren Beruf verfehlt. Wer es nicht glaubt? Nach dem 9. November konnte ein jeder beobachten, daß die meisten Menschen Rhetoriker And. Nur eines fehlte dabei zumeist: zu einer guten Rede(mehr noch zu einer schlechten) gehört eine gute Akustik; und da des Himmels Bläue zu hoch bängt über unserm geweihten Häuptlein, als daß in diesem großen Raum das Gesetz der Akustik in Kraft treten könnte, so klaffl hier, bei allen unfern technischen und kulturpolitischen Errungenschaften, noch immer eine große Lücke... Doch wie dem auch sei, wir haben schon so genug des Guten, Oratorischen von. unfern Straßenrednern. Stentorstimmen. die ein ganzes Orchester verstummen lassen können, gibt- es noch übergenug trotz Unterernährung und Belagerungszustand. Alle Propheten der Vergangenheit erblassen in ihrem rednerischen Ruhm und können nicht an gegen unsere großen Kanonen der Gegenwart; all' ihre Worte, all' ihre Begabung ist Schall und Rauch, gemessen an den rednerischen Leistungen unserer Straßen- redner. Großer Plato, du bist ein Weisenknabe gegen deine GegenwarlSgenossen, ganz andere Verteidigungsreden wtrden heule gehalten, als wie du sie für Sokrates hieltest. Sprach Buddha und Jesu«, so erzitterten die Zweige der Oelbäume, standen still die tosenden Fluten der Meere und erwachten die Toten; reden aber unsere modernen Priester heute, so schmilzt der Asphalt, platzen die Fensterscheiben, fallen umer Umständen Granaten oder Minen vom vierten Stock durch bis zum Parterre, stöhnen und sterben Menschen.... Man maß in bewegten Tagen Studien treiben. Irgendwo trifft man immer einen debattierenden Knäuel Menschen an, der erregt, als wärS ein einziger Mann, gestenreicht und verzerrt, mit vielen Händen fuchtelt, schimpft und flucht: denn die ganze deutsche Welt ist fast ein Diskutierklub geworden. Ich sage: die deutsche Welt! Denn in den westlichen Demokratien liegt die Hand noch an der Hosennaht oder in bestimmten Ellenbogenaraden am Mützcnichirm, und in der östlichen Räterepublik wird erst recht nicht diskutiert. sondern im umgekehrten Sinne zaristisch dekretiert... Darum wollen wir uns und die Welt begeistern an unseren Freiheiten l Nur die Verworrenheit! Ich habe in einer Stunde zehn verschiedene Redner dozieren hören über zwanzig verschiedene Themata. Der Weg fängt ge- wihnlich bei der Nationalökonomie an führt auf holperigem Pflaster über Literatur, Kunst, Wissenschaft, Lohn- und Fachfragen und verläuft sich im Sande trister MeinungSversöbiedenheiten und Rechthabereien. Und ein Webe dem, der eine abweichende Meinung bekundet, die nicht in die Schablone der Fanatiker paßt l Es hat schwüle Stunden gegeben in den Straßen Berlins und zuckende Blitze haben die diskutierenden Menschenhaufen entzündet und zur Explosion gebracht. Den.Kampf der Geister" hat dann mancher Ahnungslose mit»schlagenden Beweisen' zu spüren be- kommen. Die Leidenschaft kann die feinsten Gefühle und die hehrsten Kräfte der Seele auslösen— aber sie kann auch saugrob werden.... Alle politischen Parteien haben ihre meist vngerufen be- rufenen Apostel. Wohl in den wenigsten Fällen operieren diese Dilettanten im Auftrage einer Partei. Aber weil sich diese Redner selbstherrlich zur Partei erheben, kommt e», daß die konfusesten Sachen serviert werden. Nichts weiter als Stimmungen, Per« stimmungen, die Ruhepunkte suchen im SolidaritätSgefühl Gleich- gesinnter und deshalb so unduldsam wie nur möglich sind.... Hier kämpft ein.Unabhängiger' gegen einen.NoSkeanhänger", dort ein grimmer.Kommunist' gegen einen.Geldsackdemokraten'. Hie Scheidemann I Hie Rätesystem I Am seltensten treten nationa- listische Elemente auf, wenn, dann nur dort, wo sie ihrer Sache sicher sind. Leider ist das viele Reden kein Zeichen der Aufgeklärtheit, sondern der Aufgeregtheit des Volkes. ES sind GaSblasen, die brodelnd auS dem vulkanischen Kessel der Meinungen emporgueJQen. Wie dem auch sei: wir find nicht nur ein Boll der Denker und Dichter, sondern seit dem 9. November auch ein Volk der Redner geworden... Leider?— Wer weiß eS i Jugenöpflege oder Jugendfürsorge! Dringender als je steht vor im« die NotwMdigkeit, unsere Jugend in Bahnen, ihr und dem Staat gedeihlich, zu leiten. Die Kriegszeit hat auf die Seelen unserer Kinder und Augendlichen ver. heereno geioirki. Nicht nur die Jugendkriminalität ist erschreckend gestiegen, sondern auch die Zahl derjenigen vergehen, die durch die Justiz nicht faßbar sind, ist so groß, daß man schleunigst Mittel und Wege suchen muß, zu bessern, was noch zu bessern ist. Von der Tatsache ausgehend, daß die Gerichte nur eingreifen, wenn.das Kind schon in den Brunnen gefallen ist", fordert Dr. Hoffmcmn in einer kehr nüchternen und scharf beobachtende» Bio- schüre„Psychologie der straffälligen Jugend' für die Jugend da? Recht der Jugendpflege durch den Staat. Die Schrift(im Verlag der Rvßbergschen Buchhandlung in Leipzig erschienen, Preis 2,35 Mark) kommt»ach eingehenden psychologische» Betrachtungen zu dem Schluß, daß nicht die Fürsorgecmstalt. die die Jugendlichen aus- nimmt, die sich emweder mit den Gesetzen in Konflikt gebracht haben oder offensichtlich an der äußersten Grenze der BesserungZ- Möglichkeit stehen, der Weg ist, die Gesamtheit unseres vernach- läfstgten Nachwuchses zu bessern. Der Weg ist eine weitgreifende. mit keinem verächtlichen Beigeschmack behaftete Jugendpflege. Der Staat soll für die schulentlassene Jugend Gelegenheit schassen, ihre freie Zell in gesunden und befriedigenden Vergnügungen zu ver- bringen. Besonders für uneheliche Kinder soll da» Recht auf Er- ziehung und Jugendpflege in der kritischen Zeit von der Schul- eutlassung bis zum 29. Lebensjahre gesetzmäßig festgelegt werden. Die Forderung ist nur zu beArußen; bei der unumgänglichen Reform unseres R«his wird man sie berücksichtigen müssen. Das Jubiläum einer wisfenschastlicheu Großtat. Dreihundert Jahre find dahingegangen, seit»ine umwälzende Entdeckung der Erkenntnis des menschlichen Körperbaues ganz neue Bahnen wies: seit William Harvey den Blutumlauf in dem lebenden tierischen Körper nachwies. Der englisch« Arzt, der dadurch der Begründer der modernen Physiologie wurde, war im Jahre 1613 zum Lehrer der Anatomie und Chirurgie bei dem Lon- ner College of physicians gewählt worden, und hier trug er im Jahre 1619 zum erstenmal feine Entdeckung vor. dj« das größre Aufsehen erregte. Harvey ist der erste gewesen, der den systematisch durchgeführten physiologischen Veisuch bei der Erforschung der Lebenstäligkeilen zur Anwendung bracht«. Nachdem er durch wiederHolle Versuche da? so einlach« und doch bis dahin wunderlich verkannte Gesetz des Bluttreislaufes seftgeslellk hatte, trug er die neue Lehre seit 1619 zuerst nur in seinen Borleiungen vor, zögerte aber mit der Veröffentlichung, weil er voraussah, daß er deswegen heftigen Angriffen ausgesetzt sein würde. Erst neun Jahre, nachdem er zum erstenmal seine Sätze öffentlich vorgetragen halte, entschloß er sich auf die dringenden Zureden seiner Freunde zur Veröffentlichung,»damit jedermann sich ein Urteil darüber bilden könne'. In den einleitenden Worren des 8. Kapitels dieses Werke? spricht er sich über das Wagnis dieser Mitteilung so aus: ,WaS ich aber jetzt zu sagen habe, ist etwa? so Neues und Unerhörtes, daß ich nicht nur befürchte. eS könne mir daraus durch einige Bosheit eiwaS UebleS erwachsen, sondern auch die Sorg«, mir dadurch alle Menschen zu Feinden zu machen. Sei eS, wie es will s Der Würfel ist gefallen! Meine Hoffnung steht auf der redlichen Gesinnung der Freunde der Wahrheit und der denken- den Gelehrten.' Harvey batte richtig geahnt. Sobald sein Werk i» den Händen der Fachgenossen war, wurden wüste Angriffe gegen ihn erboben und er.Marklschreier oder Ouack'alber" beschimpft. Diese Erleb- nisse machten einen so großen Eindruck auf ihn, daß er seine «eiteren grundlegenden Arbeiten über die Entwicklung der Tiere MmMtlvg Ker elsäj?l)chen �rbekterjchast. Bericht frauzöfischer Sozialisten. Bern, 9. Juli. C a ch i n, der zusammen mit 2 o n g u e t und F r o s s a r d eine Vortragsreise durch Elsaß gemacht hat. äußerte sich über die gewonnenen Eindrücke. Frank- reich habe seit dem Waffenstillstand in Elsaß-Lothringen nicht an Ansehen gewonnen. Das herrschende Gefühl in der Ar- deiterklasse sei ein tiefgehendes allgemeines Mißbehagen. Man beklagte sich hauptsächlich über die Verhängung des Belagerungszustandes durch die Behörden. So seien zum Beispiel die gewerkschaftlichen Zu» sammenkünfte nur unter polizeilicher Auf- ficht gestattet. Die Arbeiterpresse sei der schärfsten Zensur unterworfen. Sehr häufig würden Auf- lagen beschlagnahmt. Auch die„Humanite" erfahre sehr oft dieses Schicksal, weil dieses Blatt von Soldaten und Ar- beitern viel gelesen werde. Die städtischen Arbeiter von Mülhausen seien seit drei Wochen im Aus stände. Die Einfiihrung des französischen Schulunterricht? habe die Bevölkerung in große Verwirrung gebracht, weil die Proletarierkinder diese Sprache nicht beherrschten. Bei den Ausweisungen seien viele Ungerechtig- leiten vorgekommen. Lediglich auf Angeberei hin seien viele Unschuldige ausgewiesen worden, während die Klerikalen b e g ü n st i g t würden. Unterdessen mache der S o z i a l i s- nc u s Fortschritte. Die sozialistischen Zeitungen von Straßburg, Mülhausen und Meß hätten ihre Auflage- Ziffern vergrößert. Die Gewerkschaften umfaßten 125 000 Mitglieder. Den Vers ailler Vertrag würden die elsaß-lothringischen Genoffen ebenso einschätzen wie die französischen, nämlich dahin, daß der Sozialismus die Be- dingungen des Viercrrats nicht anerkennen könne. Selb st Peirotes und Martin, die seinerzeit unter der deutschen Herrschaft viel zu leiden gehabt hätten, unter- stützten den von den französischen sozialistischen Abgeordneten angenommenen Grundsatz der Verweigerung der Ratifizierung des Vertrages. Schkeßere! ln Hannover. Hannover, g. Juli. In der Bahnhofstraße kam eS heute nachmillag entgegen dem Verbot zu einer größeren Ansammlung. Als daraufhin eine Feswabme erfolgte, nahm die Menge eine drohende Hallung ein und wollte den Verhastete» befreien. ES kam zu einer Schi-eßerei, bei der zwei Personen getötet wurden. Sfenbahnerftreik ia Gbersthlesien. Kattdw'ch, 10. Juli. Die Pressestelle teilt mit: Der Eisenbahner st reikin Tarnowitz dauert an. Die Verhandlungen gehen noch weiter, jedoch ist eine Einigung noch nicht erzielt. Der Z log v e r k e h r hat noch weitere Einschränkungen erfahren. Die Stveiklage im Ryb- niker Bezirk ist unverändert. Dem Direktor der Donnersmarkgrube wurde diese Nacht eine Dynamitpatrone vor das Wohnhaus gelegt und zur Explofion gebracht. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Eichhorn vor öem Untersuchungsausschuß. Bertin, S. Juli. Der Untersuchungsausschuß der Preußischen LandeSversammIung fetzte in seiner Bbendsitzung vom Mittwoch die Fragestellung an den Zeugen Eichhorn fort. ES wurden eingehend erörtert Eich» Horns Slellungnahme zu den bewaffneten Umzügen, sein Ver« dältiliS zur lliosta, seine grundsätzliche Stellung zur Revolution und zu Putschen. Zum Schluß verwahrte sich Eichhorn energisch gegen die in eurem früheren Regierungsberichl erhobenen Angriffe auf seine persönliche Ehre. Damit wurde die Vernehmung dei Zeugen Eichhorn vorläufig beendet. Der Ausschuß war ernmülig der Ueberzeugung, daß nach Anhörmig anderer Zeugen es noch einmal notwendig sein wird, Eichhorn diesen gegenüber- zustellen. nicht mehr veröffentlichen wollte. Aber er erlebte noch den voll- ständigen Sieg seiner Lehre und den Ansaug jenes Ruhmes, der auf immer mit seinem Namen verknüpir ist..Harveh sab noch zu seinen Lebzeiten," sagt hundert Jahre später der berühmte Schweizer Arzt und Dichier Albrecht von Hakler,.daß die Wahrheit seiner Enldeckung von dem gesamten Europa anerkannt und ge- rühmt wurde." Notize». — Theaterchronik. Dr. PönSgen-Alberti wurde zum Intendanten der von der Stadt Kiel in eigene Regte über- nommenen vereinigten städtischen Theater bestellp — Eine llebersicht über Literatur des Sport? gibt die Buchhaublung August Reher, Berlin, Dorotheenstr. 23 heraus, die uneittgcltlich zur Versendung kommen soll. — Ein Jubiläum des PhoSphorS. Seit der Eni- deckung des Phosphors ist jetzt, wie die.Chemiscb-Technische Wochen- schrifl" in Er nnerung bringt, ein Piooteksahr tausend vergangen. ES war im Jahre 166«), also vor 250 Jahren, als der Alchimist Brand in Hamburg bei der Destillation heä Urins den Phosphor entdeckte. Eine ertragreiche Gewninung des Phosphors wurde erst 100 Jahre später gefunden, als Scheele ihn in der Knochenfubstanz entdeckte. Seine hauptflickkiche Anwendung findet der Phosphor heutzutage in der roten Modisilation bei der Zündholzsabrikation und in Form von Äulziumverbmdungcn als w-rtvolleS Düngemittel. — Der Bau des zweiten SiinvlonrunnelS.der 1913 begonnen, aber beleiis 1914 vorübergehend eingestellt war, fft nun auf besiere Zeilen verschoben worden. Im Juni 1918 war die Mauerung ans der Nordseite vollendet, aus der Südseite wurde je» doch wegen Mangels an Arbeitern der weitere Ausbruch dann ganz emgestelll und bei« noch vorhandene Personal Ende 1913 entlassen. ES find noch 1863 Meier des Tunnels, der IS WS Weier lang fein wird, auszubauen. — Waldwolle wird ein Erzeugnis genannt, daS auS den Nadsl» verschiedener Bäume, namentlich von Kiefernarten ze- Wonnen wird, während die Nadeln von Fichten, Lärchen und Edet» tan neu sich weniger dazu eignen. Zunächst werden die Nadeln unter hohem Druck ausgekocht, um das in ihnen enthaltene Harz und Sei zu gewinnen, das als Waldwollöl in der Heilkunde od« im Parfümerie�ewerb« verwendet wird. D«r Rückstand wtrd getrocknet und mit Maschinen derart bearbeitet, daß nur die zug- festen, also für Spinnzwecke oesigneten wertvollen Zellen erhatten bleiben. Diese Waldwolle läßt sich niin versvinnsn, meist in Mischung mit echter Wolle oder auch mn Kunstwolle, oder sie wird zu Filz verarbeitet. Auch gibt eine Mischung der Waldwolle mit Hanf, Flachs od« anderem Absallen brauchbare Taue od« Bind- faden. Eine lange Debatte darüber, ob nicht doch eine Nachtfitzung bester gewesen wäre, um einen erste» Teil der Zeugen in Gegenwart Eichhorns zu vernehmen, führt« zu heftigen Angriffen von unabbhängiger Seite gegen die Ausichußmehrheit, die das abgelehnt hat. Demgegenüber wiesen die Vertreter der Mehr- heit de» AuSschuste» darauf hin, daß eine Rachlfiyung nach vor- angegangener zwölfftündiger SitzungSdauer das ungeeignetste Mittel wäre, die Wahrheit festzustellen. Der Ausschuß habe die zweifellos gegen ihn in Ausficht stehenden Angriffe nicht zu scheuen Unnütze? ZMischenhanKel. Man schreibt uns: Täglich redet man davon, der Privat- verdienst soll auf alle mögliche Weise zu Gunsten der Allgemein- heit ausgeschaltet bzw. eingeschränkt werden. Aber während man große Gesetzentwürfe darüber macht, wie das wohl am besten geschehen könne, wird in der Praxis ruhig in entgegen- gesetztem Sinne weitergearbeitet. Gerade dort, wo sich die Geist« gar nicht über den Streitpunkt„freie Wrrtschcrft" oder„Planwirtschaft" zu entscheiden habe», werden heute noch Einrichtungen geschaffen, die offensichtlich auf Kosten der Allge- meinheit wirtschaften. So bietet jetzt eine Ackerbaugesellschaff m. b. H., Berlin W. 35, eine größere Anzahl von Wohnküchen zum Verkauf an, wobei sie mitteilt, daß sie in ihrer Eigenschaft als Zentral-DewirtschaftungSstelle des ReichSvcrwertnmgSamteS von diesem damit beauftragt sei. Was für einen Zweck dieses neue Zwischenglied zwischen Verkäufer und Käufer hat, ist völlig unersichtlich. ES bedeutet nur eine weitere Verteuerung der be- treffenden Gegenstände für den Verbraucher. Warum wendet sich daS ReichSverwertnngSamt nicht an die SiedlnngS- oder WohnungSfürsorge-Gesellschaften im Lande? Diese wären doch zweifellos geeigneter, die jetzt überall dringend benötigten Wohnungseinrichtungen dorthin zu verteilen, wo sie gebraucht werden. In solchen Fällen gilt es einen Anfang zu machen mtt wahrer Sozialisierung. P. H. FröhlichS Erfindung. Räch ZeiiungSmeldungen hat in dem Prozeß gegen den Roten Soldatenbund d« Angeklagt« Fröhlich behauptet, d« Kultusminister Haenisch sei häuffg in daS Bureau des Roten SoldatcnbnndeZ gekommen und habe sich bis zur Kampfwoche die Zeitung persönlich abgeholt. Der KuliuSrninistcr Haenisch ermächtigt uns zu der Erklärung, daß dies« Behauptung von Anfang bis zu Ende frei er- f u n d e n ist. Er hat niemals jenes Bureau betreten und weiß heute noch nicht, wo eS sich befindet. j�iis üer Zlftt öer auszuliefernden Heerführer. Versailles, 9. Juli. Die Liste der an die Alliierten auszuliefernden Deutschen wird heute in eimgen Blättern vervollständigt. Man findet darunter auch den Herzog Albrecht von Württemberg(Blutbad in Somme-Py, Niedermetzelnng in Namur), Generaloberst von Kluck, der Frauen und Kinder vor seinem Heer hergetrieben habe, General Liman von Sanders(Nied ermetze lungen in Armenien und Syrien), Generalmajor Stenger, der am LS. August 1914 den Armeebefehl erlassen habe, von diesem Tage an dürften keiire Gefangenen mehr gemacht werden, General von Ostrowsty (Plünderung von Dehnze und Erschießung von 103 Zivilisten), General von Fesnh(Erschießung von III Einwohnern von Arlon), sowie die folgenden Gefanaeneulagerkommandanten: Gensoal O l tz e n(Kassel und Döberitz), Leutnant Rüdiger (Ruhleben), Major von Gosrtz(Magdeburg), die Gebrüder Niemeher(Holzmwden und ElauSthak). Industrie und Handel. Börse. Die Börse war angesichts der bevorstehenden Aufhebung der Blockade auf einen zuversichtlichen Ton gestimmt und eröffnete in fester Tendenz. KurSbesserungen waren namentlich am Montanmarkt zu verzeichnen, wo z. B. Gelsenlirchener bis 9 Proz. gewannen. Von SchiffahriSaktten waren Hansa und Hamkurg-Südamerikanische Paketfahrt bevorzugt. F a v b- werte waren erholt, auch Elektro, und Rüstungspapiere gebessert. Mäßige KnrSeinbußen erlitten Pctrolenmwerte. Kali- Papiere waren behauptet. Valutawerte weiter erholt. Heimische Anleihen wiesen geringfügige Veränderungen auf. Kriegsanleihen stellten sich auf 79,70. GrOßlBerlw Heute noch keine Sinigungsverhandlungeu. Der ReichSarbeitSminister Schlicke hat bei d« Bereitwilligkeit, die Vermittlung übernehmen zu wollen, erklärt, daß er ohne Zu. ftimmung des Transport arbeiterverbandeS, eine solche nicht über- nehmen würde. Jnfolgedeffsn haben zwischen dieser Organisation, Streikleitung und Funttionäre Verhandlungen stattgefunden, deren Abschluß erst heute nachmittag erwartet wwd. Infolgedessen können Einigungsverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Ar» beitnehmern heute noch nicht stattfinden. Der Berkehrsstreik. Die gestern angeknüpften Verhandlungen dritter Personen, die eine Einigung zwischen den Verkehrsgesellschaften und den Streiken- den bezwecken, haben bis zur Stunde noch keinen voll«, Erfolg ge- habt. Heute fanden wieder zwischen der Streikleitung und Mtt- gliedern der Stadtverordnetenversammlung Besprechungen statt in Sachen de? Streiks der städtischen Straßenbahnen. Ern Ergebnis dieser Verhandlungen wird erst für die Nachmittagsstunden erwartet. Wie wir hören, sind de« Verhandlungen bisher ergebnislos verlaufen. Tie Wiederaufnahme des TtadtbahnverkehrS ließ sich heute vormittag ohne jede besondere Schwirngkefi durchführen. Ter ugvsrkchr war in den Vormittagsstunden ein bis auf die Minute geregelter. Auch die Ueberfüllung der üge war nicht so außerordentlich, wie dies zunächst erwartet worden war. Im allgemeinen schienen die zum Schutze der Reisenden getrofenen Vorsichtsmaßregeln, die Ueberwachung der Bahnsteige durch Sicher- hettsposten der Reichswehr nicht notwendig zu fein, da es nur an wenigen Stellen zu einer wirklichen Ucberfüllung der Züge kam. Zurückgehende Schlsichhaudelspreise. Die letzten Tage haben erfreulicherwetse ein nicht unerhebliche» Sinken der Lebensmittelpreise auf den verschiedensten Gebieten ge- bracht. Zu diesem Preisrückgang, der bezeichnenderweise noch keinen Tttllstand zeigt, tragen vor allem die a?enkung der Lebensmittel» preise durch die Regierung, die Einfuhr von draußen und die bevor- stehende Erhöhung der Rationen bei. Besonder» rapid ist in den letzten Tagen die w begehrte Butter im Preise gesunken. Nachdem noch vor kaum 14 Taaen in Berkin 32 bis 34 M. verlangt wurden, wird Butter heule unter der Hand mit 18 bis 2V M. angeboten. Bemerkenswert ist ferner, daß plötzlich große Mengen von Butter auf den Markt kommen. Der Eisenbahnerstrei! in de» letzten Wochen. der die Hamstersahrten last ganz unterbunden hatte, dernrsacht« eine so gründliche Senkung der Preise auf dem Lande, daß die Bauern heute geräucherten Speck zu 10 M. pro Pfund anbieten. Gute? weißes Jnlandtnehl ist von 5 M. auf 8,70 bis 8 M. zurückgegangeiv Schmalz kostet heute 14 bis 13 M. Ferner ist ein Preisrückgang in Fleisch� daS aus Geheimschlachtungen stamwi, zu erkennen. Frisches Schweinefleisch, daS noch vor kurzem mit 19 und 20 M. pro Pfund bezahlt wurde, ist ietzt auf 14 und 1b M. zurückgegangen. Kalb- fleisch ist von 12 K. auf 6.30 und 7 M. zurückgegangen. Backwerk ist um rund 100 Proz. gefallen. So kostet die Berliner Schrippe, die als Seltenheit noch vor kurzem mit 1 M. verkauft wurde, 40 bis SO Pf. in den Gastwirtschaften. Die belegte Butterschrippe kostet heute überall 75 Ps. Schokolade wird in den Geschäften, noch mehr aber im Straßenverkaus mtt 26 M. pro Pfund gehandelt, gegen 60 M. vor noeh einigen Wochen. Der Preis von.26 M. ist r'doch als Wuchervrers anzusprechen, da eS sich um geschmuggelte Ware aus dem besetzten Gebiet handelt, die dort an Ort und Stelle mit 6 bis 7 M. pro Pfund gehandelt wird. Mißstände in den städtischen Badeanstalten. Zu dieser Notiz wird uns ergänzend geschrieben: Die auffällige Erscheinung, daß für die Anstalten kern Bedienungspersonal zu bekommen ist, wurde uns von Angestellten daraus erklärt, daß sich keine Leute für diese Arbeit melden. Ich kann mir nicht denken, daß es auf dem Arbeits- Nachweis in der Gorma tmsttaße für anständigen Lohn keine Leure geben soll!«. In der Abteilung firr Männer, Brausebäder, sind zwei Frauen tätig, die dem Unfug, den speziell Jugendliche verüben, machtlos gegenüberstehen. Gejohle und Pfeifen m den Badezellen fft so eingerissen, daß oft von feiten des Publikums einbegriffen werden mußte. Bei starkem Andrang sollte doch jeder die ihm vor. geschriebene Badezeit innehalten; ein Hinweis von feiten der weih- lichen Aufsicht verpufft, offne Besserung herbeizuffthren. Das Rauchen ist verboten trotzdem richtet sich niemand danach; die Zellen sind beschmutzt, Schinierfinken und Vandalen können nur durch energische männliche Angestellte in die Schranken gewiesen werden. ES wäre demnach zu wünschen, daß sich der betr. Dezernent an- gelegentlich die Frage vorlegt, wie er die gerügten Uebelstände so schnell wie möglich besettigt.* Vergesst die Dreizehn- bis Vierzehnjährigen nicht. Eine besorgte Mutter schreibt uns: Heute lese ich in der Zeitung, daß die von 1914—1918 Geborenen.Kakao und Schokolade bekommen sollen. Während diese Kirider täglich ein halbes Liter Milch erhalten, be- kommen dagegen die Dreizehn, bis Vierzehniährigen alle fünf bis sechs Wochen ein paar Gramm Haferflocken. Man sollte auch daran denken, den größeren Kindern solche Lebensmittel zukommen zu lassen, denn von den mit Wasser gekochten Haferflocken sind sie nicht zu erhalten. Der Brand de» Kaufhauses v»« Max Laserstei« in der Wörther Straße 29 verursachte, in der letzten Nacht im Norden eine große Menschenansammlung und zeitigte allerhand dunkle Gerüchte. Um 1114 Uffr stand dort daZ Konter des Kaufhauses mit feinem ge- samten Inhalt in Flaninien. Dies? erfaßten in wenigen Minuten den anstoßenden Laden mit Vorräten von Textilwaren usw. Die Feuerwehr ging sofort mit mehreren Schkailchlettnngen vor und eS aelang, das erste Geschoß wirffam«t schützen. Das Kontor ist voll- ständig, der Laden zum Teil ausgebrannt. Ob Einbruch und Brano- stifkung vorliegt, war noch nicht aufzuklären. Eine Explosion von pyrotechnischen Fabrikaten alarmierte Mitt- woch abend die Feuerwehren von Malchoto, Weißcnsee. HelnerSdor;. Die Erplosion war in der Fabrik von Deichmann u. Kornvaznie in Malchow ans noch nicht ermittelter Ursach? erfolgt. DaS Dach über dem ExplosionSraum war in die Lust geflogen und ein gegen- überliegendeS Gebäude in Brand geraten. Ein Arbeiter stürzte ui,. brennenden Kleidern cmS dem ExplosionSraum. Schwer verbrannt konnte er noch lebend einem Kranke-nbauS zugeführt werden. Ter Malchower Feuerwehr und den städtischen GntZarbeitern gelang e?, die Gefahr in kurzer Zeit zu beseitigen und weitere Explosionen zu verhüten. Getötet wurde niemand. Tragödie in der HochreitSnacht. Eine traurige Ueberraschung erlebte eine Frau aus der Neanderstraße, alz sie in der vergangenen Nacht von einer HschHeitSieler zurückkehrte. Wabrenv sie sich aus der Feier vergnügte, gebar ihr« unverheiratete Tochter, die allem MrückgeKieben war. ein Mädchen. In der Bcwzweifluna durm- schnitt die junge Matter dem Kinde die Kehle und össtrete NÄ selbst die BükSadern, um efieiffalfS anS dem Leben zu scheiden. AIS nun die Mutter von der Hoch�ettSfeier heimkehrte, fand sie Tochter und Enkelkind in einer graßen Mutlache besinnungslos auf. Dw Tochter gab noch schwache Lebenszeichen von sich und wurde na» dem Krankenhans am Urban gebracht. DaS Kind war wü� Die Leiche Wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Die Boxkämpfe im ZirknS Busch fanden gestern abend zum ersten Male statt. Da? HauS war außerordentlich stark besuchst auch die besseren Pla�e waren meist besetzt.— Di< Kampfe fcIo\t verliefen ruhig und wurden schon meist in der ersten und zweiten. Runde auSgefochten. Für sämtliche Kämpfe wurden 16 Runden a 2 Mimiken angesetzt. Der Direktion gelang es, noch im letzten' Augenblick die bekannten MrffterschaftSborer Nauiok und Müller zu gewinnen, Müller mußte etbe� schließlich den Kampf aufgeben, da er sich an der Hand verletzte. Nene Pbtlbarmonic. Kövcntcker Str. 96/97. Vom Frettaz ad da« 4aNige Sitt-ndr-ma:.Sklaven der Leiden!(hast", außerdem der ungarische Kunitfilm.Die Zaubert» am Stein". Grosi-Berliner Lebensmittel. Buchbolz. Von Freitag bis Mittwoch Eemeind-verkaiifSftell« ans Levenslmtieirartc Nr. 42 je 500 Dr. inländisches W-izenmeM. Da noch eine Au�abl Bezugscheine für Zwieback und Keks im Umlauf, me lhre Guurgrelt verlieren, werden Jnbaber amgcfordert, fte umgehend w der Brotkutte!,- auSgabestell« gegen Brotmarken vinzutnuichen. Einwohner, welche am Wonkag kein« Kattosseln erhalten hoben, können diese Freitag vormittag im «mtshaul- abholen. Weiß« Lebensmittelkarte mitbringen. Bom Donner«. tag ab K-memdevertautSstell- pro Kovf 200 Sw. S ch m t e r I e t s e ßir 60 Pj. Weiße Lebensmittelkarte und Packmatcrtal mitbringen.— An«. gegebenes graues amerikanisches Mehl kann Freitag in der Gemeinde- verkaiffSstelle umgetauscht werden. Groß-Serlmer Parteinachrichten. Lankwitz. Donnerstag, den 10. Ju», abend»« Uhr,(ebenso jeden 2. Donnerstag Im Monat) Zablabend in allen Bezirken. 1. Bezirk: Dorf. Rest. Schulz, ParadteSgatteu, Mühlensir. St. L. Bezttl: Süd. Rest. Schulz, Kursrtrstenstr. 37. 3. Bezirk: Mille, Rest. Herrm.mn, Kaiscr-Wilhelin�Ir. 43. 4. Bezirk: Desl, Res!, vorn. Kleine. Blkloria- und Siernensstvaßen Ecke. Freitag, den 11. Juli, in der G-meindeichul« II(SehdUtzilraße). abend« 8 Mr. im Zeichnen Saal: 6. Vorlesung des Gen. Herbe« B-rg er über die Geschichte des Sozialismus. Mus a'ier Welt. Zum Tode verurteilt. Haanover. Das Schwurgericht verurteilte die Ehefrau Sophie Buchmeier und deren Söhne, die Glasmacher Friedrich und Karl Buchmacheier, sämilich in Wolfshagen bei Oberntirchen im Schanm« burgichen, wegen Gatten- bezw. Vrttennordes, begangen im Mai dieses Jahres, zum Tode. GMerkschaflsbewVMg Tie Bankbeamten zum Schiedsspruch deö SchlickftnngSausschusseS. Die im LehrervereinShanS auf Einladung dos Allgemeinen Verbandes der Deuffchen Bankbeamten tagende Bankbeamtenver- sainmluwg bezeichnet in einer angenommenen Resolution den vom SchlichtungSauSschuß für daS Bankgewerbe gestillten EchiebSspruch akS«ine Proao-kaöio» der Angestelltenschaft. D-s Versammlung empfiehlt daher den in den nächsten Tagen stattfindenden Betrieibstiersammilungen der einzelnen Institute den Tarifvertrag, der in Wirklichkeit ein SchanÄpertrog ist, einmütig abzulehnen. Der ReichStarifvorschkag des A. V. d. D. B. und der Betriebs- räte bleibt nach wie vor das Ziel unserer Aktion, das wir zu ge- gebener Zeit mit den Machtmitteln der Solidarität erkämpfen wollen. Um aber der, dringendsten Not zu steuern, sollen sofort in allen Instituten für die Zeit vom 1. April bis 1. Oktober Eni- schuldungSsummen von 1500 M. für Verheiratete und 1000 M. für Ledige verlangt werden, bei deren Verweigerung in den Streik ein getreten werden soll. In einer zweiten Resolution verlangen die versammelten Bank angestellten, daß der Prozeß gegen E m o n t S in Berlin weiter- geführt wird und daß die Regierung die bindende Erklärung ab- gibt, daß Emonts nicht nach Köln, oder nach einem' anderen Orte, wo Gelegenheit zur Verhaftung gegeben ist, abtransportiert werden soll. Die Versammelten protestieren energisch gegen die Bespitze- lung ihres Führers Marx, besonders da Marx sich bereits im Ve- wußksein seines guten GewisienS zweimal der Staatsanwaltschaft gestellt hat. Die mittleren Postbeamten zum Jitreikrecht. Die Gewerkschaft der mittleren Postbeamten hatten einem Dele- giertenbcschluß entsprechend eine allgemeine Mitgliederversamm- lung nach dem Abgeordnetenhause einberufen, um zur Frage des Streikrechts der Beamten Stellung zu nehmen. Der bestellte Refe- rent kam in seinen, vielfach von leidenschaftlichem Widerspruch unterbrochenen Ausführungen zu dem Schluß, daß das Streikrecht ?cn Beamten im Interesse der Allgemeinheit nicht zugebilligt werden könne, und daß eS mit der Natur der Beamtenstellung nn- vereinbar sei. Durch rege Betätigung in den politischen Parteien könnten die Beamten am besj»n für ihr Wohl wirken. Di« nach- folgenden Redner standen auf dem Standpunkt, daß auch für die Beamten das Streikrecht als letzte? Abwehrmittel gegen un zuläng« iiche Entlohnung und ungerecht« Peesonalordnung unentbehrlich fisi. Wenn die Regierung ihre Pflicht aus dem Reichsbsamtengesetz, den Beamten einen standesgemäßen Unterhalt zu gewähren, nicht er- fülle, wie es beispielsweise jetzt der Fall sei, wenn andererseits die Allgemeinheit durch die Forderung immer niedrigerer Postgebühren auf Verringerung der Personalausgaben der Verwaltung und somit auf die Beamtengehälter drücke, wie eS früher die sehr einflußreiche und selbstsüchtige Geschäftswelt stets getan habe, so sei für die Be- amten diesem zweifachen Druck gegenüber letzten Endes kein anderes Mittel zur Selbstbehauptung ersichtlich, all die gemeinsame Arbeitseinstellung. Daß die Reichs, und Staatsbeamten im Bewußt- sein der Wichirgkeit chrer Arbeit für die Allgemeinheit von diesem letzten Akt der Notwehr trotz bitterster Sorgen keinen leichtfertigen Gebrauch machen, hätten sie in den Stürmen der letzten Monate wahrlich bewiesen. Bei dem gesunden Sinn der Beamten würde es auch künftig so bleiben. Große Entrüstung rief eine Mitteilung de? Referenten hervor, wonach auf eine kleine Anfrage eine« ihm politisch nahestehendem deutschnationaken Abgeordneten darüber, daß das Einkommen der verheirateten unteren und eines Teils der mittleren Postbeamten jetzt geringer sei als das eine» jungen Tele- graphenarbeiters, die Nationalversammlung durch unwahr« An- gaben eines die Regierung vertretenden Geheimrats irregeführt worden sei entweder aus Unkenntnis oder in der Absicht, die Tatsachen zu verschleiern. Vielseitig wurde betont, daß die Postbeamtenschast dem au? der Gewerkschaft hervorgegangenen, leider polittsch sehr in Anspruch genommenen neuen Postminister großes Vertrauen entgegen brächten, daß aber in den Geheimräten. Dtrek- toren und Unterstaatssekvetären noch der alte Geist der Mißgunst gegenüber einer Auttvärisentwickluna der Beamten und der Ge- ringschätzung der produktiven Arbeit des DeiviebSpersonalS herrsche. Hier Wandel zu schaffen sei Sache der Bcamtenbeiräte, die— nicht wie jetzt— personengleich mit den Organisationsführorn sein sollten, sondern von diesen getrennt, aber mit ihnen auf ein Ziel hinzuwirken hätten. Der Antrag des Referenten, das Streikrecht für die Beamten abzulehnen, wurde mit erdrückender Mehrheit der- warfen. In den Entschließungen wurde scharfer Protest erhöben gegen die Irreführung der Nationalversammlung durch die unrichtige Auskunft des geheimrätlichen Regierungsvertreters. Der Organifationsleitung wurde von neuem zur Pflicht gemacht, die Forderung einer einmaligen EntfchukdungSbeihiife und einer ge- rechten Personalreform weiter mit allem Nachdruck zu vertreten. TevernngSzulage der Mustkinstrumcntcnarberter. Die im H olzari eiterve rbcrnd organisierten Arberter der Musik- instrumenteninduftrie hatten eine vom 1. Juni ab zählbare Teu» «rngSzulage von 50 Pf. pro Stunde und die Bewilligung von Ferien gefordert. Was die Unternehmer bei den Verhandlungen anfangs boten, blieb sehr erheblich hinter der Forderung zurück. Jnfokgedeffen nahmen die Arbeiter in ihrey Versammlungen eine entschlossene, kampfbereite Haltung ein. Das blieb nicht ohne Ein- sluß auf die weiteren Verhandlungen, über deren Ergebnis der Branchenleiter Dorn in der sehr stark'besuchten Mitgliederversammlung, die am Mittwoch in KliemS Saal tagte. Bericht er- stattete. Die Unternehmer, die anfangs nur eme Zulage von 20 Pf. ab 1. Jull und 10 Pf. cS 1. August für Facharbeiter, und entsprechend weniger für Hilfsarbeiter boten, hafn-n sich schließlich nach langen und schwierigen Verhandlungen zu folgenden Bewilli- g ringen bereit erklärt: Alle Arbeiter und Arbeiterinnen erhalten vom 1. Juni ab ein« Zulage von 10 Pf. pro Stunde. Weiter� Zulagen werden gewährt am 1. Juli und am 1. August und zwar je 20 Pfennig für Facharbeiter, je 15 Pf. für HilfSar-reiter, 15 Pf. und 10 Pf. für Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter. Damit wird die ursprünglich geforderte Zulage am 1. August in vollem Um- fange erreicht. Hinsichtlich der Ferien ist das Zugeständnis erreicht worden, daß das. waS bei den gegenwärtig schwebenden Verhandlun- gen der Zentralverbände in der Holzindustrie vereinbart wird, für die Musikinstrumentenarbeiter schon in diesem Jabre in Kraft treten soll derart, daß die für daS ganze Jahr in Betracht kommenden Ferien auf den Rest des laufenden Jahres vetrechnet werden.— Die Unternehmer wollten an ihre Bewilligungen die Bedingung knüpfen, daß biS zum Schluß dieses Jahres keine neuen Forde- rungen gestellt werden. Schtteßlich einigten sich die Parteien in dieser Hinsicht auf den 1. Dezember. Durch einstimmig« Annahme einer Resolution erklärte die Ber- sammlung. daß sie durch die Zugeständnisse nicht voll befriedigt ist. daß eine Zulage von 50 Pf. ab 1. Juni berechtigt gewesen wäre und die Ferien schon durchgeführt sein müßten, daß sie aber im Interesse der Industrie den Abmachungen zustimmt. Zentralverband der Fleischer. Sektion für Darm-, Häute, und Fett-V?rorbcilung. Freitag, den 11. Juli, abends T/, Uhr, im Steuerhaus, Landsberger Allee Siiv2, öffenlliche Versammlung. VerantworMch für Politik:«rtnr gickl-r, Tbarlotteuburg. für den llbriaen Teil d«» Blattes: Alfred iicholz, Neukölln! für Anzeigen: Theodor SloSe. Berlin. Bering: Vorwiirts-Berlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Borwärta» Buchdruckcrei und Verlagsanstalt Paul Singer u. Co. in Berlin. Liiidenstr. S. PreuOiscIiG Klassenlotterie | Ziehung der I. Klasse: 15. und 16. Juli s 168 OOO I-otie rn.£14 ODO Gewinnen n. j 2 Prämien, verteilt i. 5 Klaas., i. Gesamtbetr. v. 1 7 2 Millionen 4-2S 000 Lose r.ur 1. Klasse und 3.25 10.50 21.— 42.— M.PostfiebUhr | Steinberg Preull. Lotterie- Einnehmer Berlin Rosenthaler Straße 40/41,"" sehen Markt Postscheck-Konto Berlin 31143. 8letetro-3ßotore Kupfcrdröhte und andere elertrtsche Materialien kauft* tlektromechanlk Zentrum urzeftr. 18. Set; At-r. 4782. Hautkrankheiten Ausschlag. 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