Nr.349.36.Iahrg. Bezugspreis: Bikrteljijhrl. 9,— ML, monatl. 8,— ML frei ins Haus, voraus zahlbar. Post» bezug- Monatlich ML, ejtL Zu- ftellungsgebühr. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn «LZ ML, für da» übrige Ausland 10 25 ML, bei täglich einmal. Zustellung 8.25 ML Postbestellungen nehmen an DänemarL Holland, Luxemburg, Schweden u. die Schweiz. Eingetragen in die Post-Zeitungs-Preisliste. Der„Vorwärts" mit der Sonntag«- beilage.Volk u. geU" erscheiiu wochen» täglich zweimal. Sonntag» einmal, Telegramm-Adresse: „Sozialdemokrat Berlin-. Morgen-Ausgabe. HP-f> Nerlinev Volksblatt. (iSpksnnis) SwzeigenpretS: Sil achtgespaUene NonvariMezell» tostet ILO ML„kleine Unzolgea-, da» fettgedruckte Wort 50 Psg.(zulässtg 2 fettgedruckte Worte), jede» weiter« Wort 25 Psg. Stellengesuche und Echlasstellenanzelgen das erste Wort 40 Pfg. jedes weitere Wort 20 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Wort«. Teuerungszuschlag SW» Familien- Anzeigen, politische und gewerkschaftliche Vereins« Anzeigen ILO ML die gelle. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin EW 68, Lindenstrahe 8, abgegeben werden. Deöffnet von 9 Uhr früh bi» S Uhr abends. �eutrslorgan der rozialdcmokratifcbcti parte» Deutfcblands. Redaktion und Expedition: SW. bS, lliudenstr. Z. Zhcrnfvrecher: Amt Morivplah, Nr.»aiUO— Freitag, den 11. Juli ISIS. Vonvärts-Verlag G.m.b. H., SV. dS,)!indenstr. Z. Fernsprecher: Amt Moritsplatt, Nr. 117 o'A— 51. Milderungen für Oeutsth-Gefterreich. St. Germain, Kl. Juli.(Wiener Korr. Bureau.) Staatskanzlcr Renner hat heute vom Präsidenten der Frie- dcnskvnferenz Clemenceau eine Note erhalten, in der die vom Staatslnnzler Renner am 23. Juni angeführten Momente nls berücksichtigungswert erklärt werden, weshalb A r- tikcl 4? gestrichen»nd durch folarnde Bestimmungen er- setzt wurde: Tie Güter, Rechte und Interessen der österreichi- schcn Staatsbürger und der von ihnen kontrollierten Gesellschaf- tcn unterliegen in den Gebieten, welche Teile der österreichisch- ungarischen Monarchie gebildet haben, nicht der Beschlagnahme oder Liquidation. Tie Bestimmung bezieht sich nicht auf Güter, von denen in den Finanzklauscln die Rede sein wird. Sie bezieht sich auch nicht auf Schisse, über die in den Wiedergutmachungen Besitmmuugcn enthalten sind. In der Note der Entente wird ferner die handelspolitische Note der ö'trrreichischcn Tclcgation beantwortet. Tie Vcrweige- rung der Meistbegünstigung sei für das Wirtschaftsleben Tester- reichö nicht gefährlich, weil eS ihm gestattet sei, mit der Tschecho- slowakci und mit Ungarn auch von der Meistbegünstigung aus- gcnommcne Verträge abzuschlicsien. D ie alliierten Staaten wünschen nicht, daß die österreichische Ausfuhr feindseligen Beschränkungen unter» siege, sind aber nicht in der Lage, ihr sofort Meistbegünstigung einzuräumen. Sie sind nur bereit, folgenden Artikel hinzuzu- fügen: Tie Oesterreich in Artikel 1 bis 4 auferlegte Meist- begünstigung wird nach drei Jahren von keinem alliierten oder assoziierten Staat in Anspruch genommen werden, ohne die Gegen'eitigkcit zu gewähren, locnn nicht der Völkerbund ander? entscheidet.■ der ßneöensvertrag vor dem amerikanischen Senat. Amsterdam, 10. Juli. Da? Prehbureau Radio meldet aus Washington, dah der Senat gestern beschlossen hat, Wilsons Milteilungen über den Friedensverlrag und die begleitende Bot- schaft morgen in öffentlicher Sitzung entgegenzunehmen- Wilson wird um 12.15 Uhr vor dem Senat erscheinen. Amsterdam, 10. Juli. Nach einer Radiomeldung aqS Washington brachle Lodge im Senat eine Resolution ein. worin der Präsident auigcsordert wird, dem Senat den angeblich zwischen Deutsch- land und Japan im letzten Oktober abgeschlossenen Bertrag vorzulegen, in dem die Berlragschliehenden sich verpflichten, Ruh- land bei der Wiedergewinnung seiner internationalen Stellung zu helfen. Die Resolution stützt sich aus einen Bericht der Preß Association über ein derartiges Abkommen. die Natifizierungsurkunöe abgegangen. Berlin, Ist. Juli. Die Ratifiziernngs- «rkunde ist gestern Nacht, vom Reichspräsidenten unterschrieben, abgegangen. Uaterstaatssekretär L e w a l d hat sich gestern mit einer Kommission nach Paris begeben, um dort über das Ab- kommen betreffend die Besetzung der Rheinlande zn verhandeln. Gleichzeitig ist die Kommisssou für den Wiederaus» bau der besetzt gewesenen französischen Gebiete abgereist. An der Spitze dieser Kommission steht NuterftaatSsekretür Sch röd er vom Rcichsfinanzministcrium. Beide Kommissionen werden ge- trennt von einander arbeiten�_ Verschlechterung öer Beziehungen zwischen Frankreich und Italien. B er sail> c s. 10. Jnli. Die Zwischenfälle in Fiume«erden in einer Note der französischen Regierung wir folgt dargestellt: Zivilpersonen hätte» am K. Juli den französischen Posten, der die Magazine für die französische OprraliousbasiS bewachte, ange- griffen. Die Angreifer hätten aus den Posten geschossen, der von der Waffe Gebrauch gemacht hätte. Der Angriff habe sich sodann verall- gcmcincrt, italienische Mariuesoldntcn hätten daran teil- genommen. Die italienische Polizei habe sich bemüht, die Ruhe wieder herzustellen, waS auch gelungen fei. Der 7. Juli fei vollkommen ruhig verlaufen.„Pays" stellt fest, dasi die französischen Truppen Tote und Verwundete gehabt haben. Blätter, wie„Jdea Nazionale", von d' A n u» z i o inspiriert, betrieben ein schlechtes Handwerk gegenüber Frankreich, und wenn die Regierung nicht sofort strenge Maßregeln ergreife, müsse das für die Beziehungen Frankreichs zuJtalien die schwersten Folgen haben. Wenn die Italiener nicht mehr Freunde Frankreichs sein wollten, müßten sie das sagen, dann wisse man wenigstens, woran mau sei. Inzwischen ist bestimmt worden daß die eingesetzte interalliierte Untersuchuugskommissiou abends«ach Fiume abreisen soll. die deutsche Ratifikation in der franzofischen prefie. Skeptische Aufnahme. Versailles, Ist. Juli. Zur Ratifizierung deS Friedensvertrages schreibt„Petit Journal", die Nationalversammlung habe sich vvr dem Unvermeidlichen gebeugt. Um die Aufhebung der Blockade zu erlangen, habe man die Erledigung brichleuuigt. Saint Brice meint im„Journal", die Franzosen seien genügend aufgeklärt, um zu wissen, welche Berechnung der raschen Unterwerfung zugrunde tiege.„Ejjelfior" glaubt, eS wäre unklug und gefährlich, hinsichtlich der Frage der Durchführung des Friedensvertrags nicht einige Reserven zu machen, sie seien schon durch die Tatsache berechtigt, daß 115 Mitglieder der Nationalversammlung gegen die Ratifikation gestimmt hätten, daß sei eine beträchtliche Minderheit, mit der man in Zukunft rechne« müsse. Die Alliierten hätten auch daran gedacht, der Beweis hierfür sei die e n g l i s ch- f r a» z ö s i s ch- amerikanische Militärkonvcntion.„Gaulois" ist der Anficht, dir Deutschen betrachteten ihre Niederlage alS verfehltes Geschäft und wunschten die Vergangenheit so schnell wie möglich zu liquidieren, um die Arbeit raschesteus wieder auszunehmen. Clcmenccaus „Homme libre" ironisiert Hermann Müllers Erklärung, die beste Politik des deutsche« Reiches' sei iu diesem Augenblick Ehrlichkeit. » Haag, 10. Juli.(H. N.) AuS Paris wird gemeldet: Der Oberste Alliiertenrat- ernannte zum Chef der Kommission, die die .Ausführung der. militärischen Bedingungen durch Deutschland zu überwachen hat, einen französischen General. Zu Vorsitzenden der Komytission für die Ueberwachung der Ausführung der mar»- timen und Luftfahrtbedingungen wurde ein britischer Admiral und ein Brigadegcneral bestinimt. Die drei Kommissionen sollen den Sitz in Berlin haben und in anderen großen Zentren Unter- kommissionen einsetzen. Im ganzen sind für die Ueberwachung der Bestimmungen etwa 200 alliierte Offiziere angewiesen. Grganifation des Angriffs auf Petersburg. Beschluß der Entente. Amsterdam, 10. Juli. Laut qregbureau Radio hat der Rat der Fünf den Plan eines gemeinsamen Angriffs der finni- scheu Truppen und der Truppen KoltschakS auf Petersburg gebilligt. Eine gleichlautende Note ist den MilitärattacheeS der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frank- reich« und Italien« zugegangen, in der sie angewiesen werden, die finnische Regierung zu unterstützen, wenn diese beschließen sollte. dem Ersuchen KoltschakS um Hilseleistung stattzugeben.—.TimeS' melden miS HelsingforS Einzelheiten über die Organisation der vorläufigen Verwaltung, die in Petersburg nach der erwarteten Eroberung errichtet werden soll. General I u d e n i t s ch hat sich dem Oberbefehl KoltschakS unterstellt und wird daher keine unabhängige vorläufige russische Regierung, sondern nur eine örtliche Verwaltung für Petersburg und die umliegen- den Gouvernements auf der Grundlage der von der allrussischen Regierung in Omsk festgelegten Politik bilden Kopenhagen, 10. Juli.(Eigener Drahtbericht des„Vorwärts".) „Morning Post" erörtert den amerikanischen Plan, der Regierung Kol tschak militärische und wirtschaftliche Hilfe in großem Umfange zu senden, da man nur von Koltschak-? An» hängern eine Wiederherstellung Rußlands erhofft. Der russische Botschafter in Paris beabsichtigt, baldigst in diesem Sinne in Washington zu verHandel».„Daily News" dagegen fordert in einem Leitartikel die Regierung auf, die Räumung Nuß- lands zu beschleunigen» wenn sie neue Arbeiterschwicrig- leiten vermelden wolle. Der englische«rbeiterstand sei fest rnt- schlössen, die Anwendung englischer Truppen oder englischen Geldes gegen die Sowjetregierung nicht zu gestatten. Man müsse darauf achten, daß Mannerheim und die weißen Finnen keine Unter- stützung zur Bekämpfung Rußlands erhielten. Um Alalmedp. Amsterdam, 10. Juli. Laut„Algemeen HandelZblad" ist in den letzten Tagen eine Reibung zwischen den englischen und belgi- schen Truppen von Malmedy zu verspüren.„Nation Belge" fragt. was die Briten in Malmedy eigentlich noch zu suchen haben, nachdem dieses Gebiet durch den Friedensvec- trag Belgien zugewiesen worden ist. Die flämischen Blätter stellen fest, daß die Belgier in Malmedy noch immer nichts zu sagen hätten, und daß der deutsche Landrat noch immer Herr und Meister sei, und zwar mit Unterstützung der britischen Behörden. Zwischen dem britischen Befehlshaber und dem deutschen Landrat besteht zum Aerger der Belgier ein freundschaftlicher Verkehr. Die belgische>i Blätter dringe» darauf, daß die belgischen Truppen , sofort Malmedy besetzen, wie dies bereits mit Eupen geschehen ist. Eine politische Notwendigkeit. Voii H e i n r i ch S ch u l z. In demokratischen Blättern, besonders im„Berliner Tage- blatt", wird seit einigen Tagen mit heißem Benüihen ein Kultur« kampsfeucrchen geschürt. Als ob sich daS deutsche Volk zu allem Unglück, durch das es in diesen schweren Zeiten hindurch muß. auch noch den Luxus eines solchen erbitternden und aufreizenden inneren Krieges gestatten könnte! Tie sozialdemokratische Irak- tion der Nationalversammlung wird, beschuldigt, sie verschachere die geistige Freiheit des deutschen Volkes an das Zentrum um den Preis, mit dieser Partei zusammen in der Regierung zu verbleiben. Der Vorwurf ist gehässig und unwahr. Unter den vielen Schwierigkeiten, die das Zustandekommen des Verfassungswerkes bei der komplizierten Lagerung der poli- tischen Stärkeverhältnisse bietet, steht die Schulfrage mit an erster Stelle. Nicht erst seit dem Austritt der Demokraten aus der Regierung! Auch vorher schon sind die Religions- und Schulartikcl der Verfassungsvorlage nur mit wechselnden Mehr- heilen mühsam zustande gebracht worden. Tie Demokraten lehnten die sozialdemokratische Forderung auf Beseitigung des Religionsunterrichts zur Herbeiführung der rein weltlichen Schule ab; mit dem Zentrum und den rechtsstehenden. Parteien legten sie den Religionsunterricht als ordentlichen Lehrgegegstand in der Verfassung fest. Allerdings wollten sie anfangs keinen konfessionellen' Religionsunterricht,' sovberv einen-unklaren iiberkonfesfionellen,'den keine Re'ligionsgzstll- schaft anerkannt hätte. Als ihnen dos- im VerfassungSausschuß von den'Vertretern der Konsessionen gesagt wurde, beantragten sie, daß der Religionsunterricht in Ilebereinstimtnung mit den Satzungen der Religionsgesellschasten erteilt werden sollte. Die Demokraten wollten auch anfangs und grundsätzlich� keine Kon- fessionsschule. Sie ließen sich aber auch in dieser Frage gegen die Sozialdemokraten weiter nach rechts treiben, indem sie be- antragten und bei der Abstimmung durchsetzten, daß die Frage der Konfessionsschule der einzelstaatlichen Gesetzgebung über- tragen wurde: Diese wechselvolle Haltung zeigt zum mindesten, daß die strittigen Fragen große Schwierigkeiten in sich tragen. und daß es die Demokraten des Verfassungsausschusses und nicht die Sozialdemokraten gewesen sind, die eine gesetzliche Möglichkeit für die Konfessionsschule in der Reichsverfassung geschossen haben. 'Inzwischen vollzogen sich die wichtigen Ereignisse, die mit der Zustimmung zum Friedensvertrag zusammenhingen. Die Demokraten wollten die Ablehnung, wodurch sie, wenn ihrem Wunsche gemäß beschlossen worden wäre, die schlimmsten i n n e r e n Z u st ä n d e für Teutschland herbeigeführt hätten. Der Verlauf der Tinge seit der Unterzeichnung hat über die Folgen, die eine NichtUnterzeichnung heraufbeschworen hätte, keinen Zweifel gelassen. Nur durch das feste Zusammenhalten der Sozialdemokratie und des Zentrums gegen links und rechts und gegen die neue Geguerschast der Demokraten ist unendliches Unglück für Deutschland verhütet worden. Für die nächste abseh- bare Zukunft ist eine einigermaßen ruhige und zur inneren Selbstbesinnung und wirtschaftlichen Konsolidierung führende Entwicklung Deutschlands auch nur durch eine feste gemeinsame Politik von Zentrum und Sozialdemokratie zu erwarten. Teutschland braucht Lebensmittel! Deutschland braucht Rohstoffe für sein wirtschaftliches Leben; Deutschland braucht eine sozial orientierte, rücksichtslos und schart zupackende-Steuerpolitik; Deutschland braucht verständige Sozialgesetzgebung und Soziali- sierung, wo immer sie nur durchzuführen ist. In ollen diesen Fragen herrscht eine weitgehende Ucbereinstimmung zwischen den beiden Regierungsparteien. Diese Uebereinstimmung ist zurzeit viel fester und geschlossener, als sie gerade in diesen Fragen bei der früheren Koalition war, da die Demokraten von den drei Parteien immer am meisten geneigt waren, allzu kräftige Zugriffe auf den Profit und allzu fühlbare Bindungen des kapitalistischen„freien Spiels der Kräfte" zu verhindern. Wenn es den beiden Mehrhcitsparteien gelingt, die zahlreichen Steuervorlagen und einige weitere wichtige Gesetze zu verabschieden, so wird das zwar den kapitalistischen Kressen weh tun. aber die große Masse des Volkes wird einigen Grund haben. damit zufrieden zu sein. Es scheint, gls ob gewissen Kreisen diese entschlossene Ar- beitsfrendigkcit der gegenwärtigen beiden Mehrheitsparteien sehr unbeguem ist. Sic versuchen deshalb, einen Keil zwischen beide zu treiben, indem sie plötzlich die Schulfrage zur wichtigsten politischen Frage der Gegenwart zu machen suchen. Den seei- heitlich gesinnten Volksmassen soll eingeredet werden, das Zu- sammenarbeiten der beiden Parteien sei lediglich ein schlauer Schachzug des Zentrums, das die Notlage der Sozialdemokratie ausbeute, um sich die Schule und damit die geistige Zukunft des deutschen Volkes zu sichern. Das ist ein Roßtäuscherkniff, durch den sich die sozialdemokratische Fraktion nicht beirren läßt und den auch die denkenden Arbeiter durchschauen werden. Ich darf vielleicht für mich in Anspruch nehmen, daß ich die Bedeutung der Schulirage zu würdigen weiß; in dem Kampf für die freie und weltliche Schule auf sozialistischer Erziehungsbasis sah und sehe ich meine eigent- lichc Lebensaufgabe. Ich hätte nichts freudiger begrüßt, als wenn die Novemberrevolution und die Januarwahlen der Sozialdemokratie so viel Macht gegeben hätten, daß sie ihre Ziele, besonders ihre Schulideale, aus eigener Kraft zu �verwirk- lichen imstande gewesen wäre. Infolge der Uneinigkeit der Ar- beitcrklasfe haben wir diese Macht nicht erreicht. Wir sind�zu Bündnissen mit anderen politischen Parteien und damit zu Zu- geständnissen an sie g e n ö t i g t. In der Schulfrage, soweit sie der Religionsunterricht betrifft, stehen sich die Weltanschauungen des Zentrums und der Sozialdemokratie grundsätzlich gegenüber. Wir wollen die rein weltliche, das Zentrum will die konfessionelle Schule; die weder das eine noch das andere wollenden Demo- kraten sind für die Regierungspolitik ausgeschieden. Das ist für die beiden Parteien, die wie keine dritte Partei Weltanschau- ungsparteien sind, eine außerordentlich schwierige Lage. Von beiden Seiten sucht man ihrer unter Anerkennung des anderen und Wahrung des eigenen Standpunktes Herr zu werden, wobei für beide Parteien über die eigenen Wünsche hinaus das Wohl der Gesamtheit, die dringenden Bedürfnisse unseres armen, aus tausend Wunden blutenden, niedergetretenen und durch innere Kämpfe zerrissenen deutschen Volkes von entscheidender Beden- tung sein muß. In welcher Weise die Lösung der schwierigen Frage gefunden werden wird, kann zurzeit noch nicht gesagt werden. Dar- über wird unter den beiden Parteien noch verhandelt. Soviel aber steht jetzt schon unverrückbar fest, daß die Reichsverfassung jedweden Zwang in der Frage des Religionsunterrichts m Zukunft unmöglich macht. Kein Lehrer kann zur Ertei- lungvouReligionsunterrichtgezwungenwer- den, von seiner freien Willenserklärung hängtesab.oberReligionsunterrichterteilen will oder nickt; kein Kind braucht in Zukunft am Religionsunterricht teilzunehmen, wenn seine Eltern es nicht wollen. Auch darüber hinaus wird sich die sozialdemokratische Fraktion ihrer kulturpolitischen Pflichten in vollem Maße bewußt sein. Sie weiß, daß sie die Zukunft für den freien Kampf der Geister offen hallen muß. Aber ebenso ist sie von der unbedingten Noft- wendig keit durchdrungen, daß das deutsche Volk in der Gegenwart nichts dringender braucht als inneren Frieden. Brot und Arbeit. Die Aburteilung öes früheren Kaisers. Ei« moralischer Tadel. Versailles, 10. Juli. Der Londoner Berichterstatter des„Jour- nal' stellt fest, daß die Frage der Aburteilung des Kaisers in politischen englischen Kreise lebhaft diskutiert werde. Selbst gute Patrioten seien der Ansicht, die in Aussicht genommenen Lord Reading und Lord Summer könnten nicht in Frage kommen, weil sie während des Krieges Missionen erfüllt hätten, direkt mit dem Krieg in Beziehung standen. Auch der Tower könne als Unterkunft für den Kaiser nicht in Frage kommen. Der Bericht« erftatter faßt sein Urteil über die Stimmung dahin zusammen, daß man offenbar eine Lösung auf der mittleren Linie gerne sehen würde, durch welche der Prozeß vermieden werden könne und dem früheren Kaiser nur ein moralischer Tadel ausgesprochen werde, und er glaubt, eine derartige Lösung werde auch von der englischen Regierung gut aufgenommen werden. Versailles, 10. Juli. Der Amsterdamer Korrespondent des #Petit Journal" berichtet, im Falle die Entente von Holland die .Auslieferung des früheren Kaisers verlange, werde Einfluß öer Staötkultur auf öle Sevölkerungsvermehrung. Bon H. F e h l i n g e r. Mit fortschreitender Kultur haben die Menschen mehr und mehr die Oberhand über die blindwaltenden Kräfte der Natur erlangt; sie find von diesen unabhängiger geworden und haben sie sogar in weitem Umsange in ihren Dienst gezwungen. Das größte Maß der Un- abhängigkeit von der Natur haben die Menscheninden modernen großen Städten erlangt, und man hat sogar gesagt, daß sie fich in diesen Städten förmlich künstliche Lebensbedingungen geschaffen haben. In der Stadt hat der Menschengeist am meisten über die Natur trium- phiert, und doch meinen manche Autoren, daß die Stadtkultur in biologischer Bsziehung der Menschheit verderblich werden wird. Als eine der übelsten Folgen der Stadtkultur wird die in den Städten im Vergleich mit dem Lande geringere Geburtenhäufigkeit betrachtet. Bornträger gibt z. B. für Preußen an, daß die Ge» burtenzahl, aus 1000 Personen berechnet, 1V01 bis 1905 in den Städten durchschnittlich schon um 50 geringer war, als auf dem Lande, während der Unterschied 1870—1880 erst 22 betragen hatte. Auf Grund solcher Tatsachen wird gewöhnlich die geringer städtische Geburtenhäufigkeit als eine EntartungSerschernung betrachtet. Diese Annahme ist falsch, denn es sind rein äußere Nr- fachen, die den Unterschied m den Geburtenziffern von Stadt und Land bewirken. Vor allem kommt der sogenante Neo-MaIthusianiSir»s, die gewollte Beschränkung der Kinderzahl, in den Städten viel mehr in Betracht, als auf dem Lande. Ferner muß bedacht werden, daß fich in den Städten viele Tausende von jungen Leuten beiderlei Geschlechts anhäufen, deren wlrlschaftliche Berhältniffe ihnen die Eheschließung und Fortpflanzung nicht gestatten. In Preußen heirateten im Durchschnitt der Jahre 1910 und 1911 von je 1000 mindestens 18 jährigen ledigen Männern in den Städten 57, auf dem Lande aber S4, von je 1000 ledigen weiblichen Personen in den Städten Kö und auf dem Lande 77. Man weiß nicht, wie sich die Geburtenhäufigkeit aus dem Lande stellen würde, wenn alle diese jungen Leute dortblieben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß fie dann wegen mangelnder ErwerbSgnellen noch viel später zum Hei- raten gelangen würden als in der Stadt. DaS städtische Geburtendefizit ist nicht überall so groß wie in Preußen, ja es besteht nicht einmal in allen Ländern. Vollends einwandfreie Vergleichszahlen haben wir aus den Nieder« landen. Die Geburtenhäufigkeik ist bei der ärmsten Klaffe und dem unteren Mittelstand in den Städten größer als auf dem Lande: bei den besser fituierten Volksschichten ist das Verhältnis umgelehrt. Im ganzen, ohne Unterscheidung von Klassen, kamen in den Städten 530 und auf dem Lande 507 Kinder auf je 100 Ehen. Doch das fünfte Lebensjahr erreichten in den Städten nur 386 Kinder auf 100 Ehen, verglichen mit 408 auf dem Lande. Durch übergroße Kindersterblichkeit ist der Nachwuchs in den Städten stark vermindert worden. Auch von 36 preußischen Regierungsbezirken wiesen im Jahre 1910 nur 6 in den Städten eine geringere Sterblichkeit auf als auf dem Lande, und in un- gefähr ebenso vielen Bezirken war die Sterblichkeit in Stadt und die holländische Regiemng bis Angelegenheit dem Völkerbund zur Entscheidung unterbreiten und fich dessen Entschließung fügen._ MeHenhinrichtungen in Ungarn. Ter„Freiheit" zur Kritik überwiesen. Budapest, 19. Juli. Bon dem Standgericht wurden von 492 wegen des gegenrcvolutionären Putsche? vom 22. Juni Angeklagte« 11 zum Tode durch Erschießen, einer zu drei Jahrcn schweren Kerker verurteilt. Zu Zwangsarbeit wur- den verurteilt: 6 lebenslänglich, 8 zu 15 Jahren, 19 zu 19 Jahrcn, 6 zu 5 Jahre«, 5 zu 3 Jahren, 9 zu 2 Jahren, einer zu anderthalb Jahrcn. Die sozialistische Räterepublik Ungarn, bas politische Vorbild der Anhänger der„F r e i h c i t", hat also die Todes- strafe nicht aufgehoben. Wenn aber in Deutschland jemand zum Tode verurteilt wird, dann schreit dieses Blatt die Bluthunde durch alle Gassen. Außergewöhnliche Um- stände zwingen eben mitunter zu außergewöhnlichen, auch unerfreulichen Maßnahmen. Das allerdings will die„Frei- heit" nicht wahr haben— solange sie in der Opposition ist... Die ßinanzsthwierigkeiten Frankreichs. 4« Milliarde« Papiergeld.— 12 Milliarden Defizit. Versailles, 19. Juli. Die französische Kammer hat in ihrer gestrigen Sitzung mit 335 gegen 164 Stimmen ein Gesetz ange- nommen, das der Bank von Frankreich gestattet, den N o- tenumlauf um weitere 4 Milliarden auf 49 Milliar- den zu erhöhen. Die Vorschüsse, die die Bank an den Staat ge- währen kann, werden um 3 Milliarden auf 27 Milliarden erhöht. Der Berichterstatter der Budgetkommission P e r e t bezifferte die Ausgaben für 1919 auf 44 bis 45 Milliarden, was einem ungedeckten Defizit von 12 Milliarden gleichkomme. Er verlangte die Unterstützung der Alliierten, da in dem Friedensvertrag die Frage der Gemeinsamkeit der Kriegskosten nicht genügend betont worden sei.' Finanzminister Klotz erklärte, Verhandlungen unter den Alliierten über eine gemeinsame Finanzpolitik seien eingeleitet. Die öeutschen wirtschastsstellen im /luslanö. Unser Amsterdamer Parteiblatt„ H e t Volk" hat in der letzten Zeit wiederholt Interviews mit einem holländischen Parteigenossen gebracht, der sich längere Zeit hier aufgehalten hat und mit guter Sachkenntnis gerecht über Deutschlands Lage urteilt. In dem letzten dieser Interviews, das am 3. Juli erschienen ist und nachdrücklich eine milde Hand- habung des Versailler Friedens verlangt, da er sonst uner- träglich wäre, findet sich auch der folgende Absatz: .Die Frage der Ernährung Deutschlands sowie der Herbei- schaffung von Rohstoffen dreht sich nicht allein darum, daß wieder Borräte aufgestapelt werden, sondern ist in erster Reihe eine Sache des Kredits. Deutschland hat keinen nennenswerten Goldvorrat mehr, mit dem es die nötigen Waren bezahlen könnte. Der Mangel an Zahlungsmitteln ist die Ursache nicht allein von unsäglichem Elend, sondern auib von politischer Auflösung, die bis in die Regierung selbst hineinreicht. Der Konflikt zwischen dem ReichSernährungSmimster Schmidt und dem Reichswirtschaflsmmister Wissel! hat keine andere Ursache als G e l d m a n g e l. Der Ernährungsminister verfügt nicht über die nötigen Barmittel, um im Auslande die notwendigen Aufkäufe zu machen, mit denen er den Hunger im Lande bekämpfen könnte. Er ist außerstande, seine Unterabteilung für Kattoffeln, Mehl usw. usw. mit Geldmitteln zu versehen, und diese Unterabteilungen, durch die Zenttalregierung gar nicht oder nur zur Hälfte gestützt, versuchen allerlei bedenkliche finanzielle Manöver, fichselbst zu helfen. Welche Verwirrung dadurch entsteht, kann man fich leicht vorstellen, und daS Resultat von allen diesen kleinen Ret- tungSbersuchen auS den vorhandenen Schwierigkeiten ist: die Schä- digung der Valuta und demzufolge die Verschärfung des Notzustandes." Diese Aeußerungen deuten crnf eine Wunde, die von Kennern der gegenwärtigen deutschen Zustände schon seit langem erkannt ist. Man findet in den holländischen Blättern, z. B. im„Amsterdamer Handelsblatt" vom vottgen Sonntag, ganz ungeniert folgende Anzeige: „Einfuhrgenehmigungen nach Deutschland für Käse, Zucker, Wachs, Harz, Linoleum, Terpentin, Kopal, Leine» und Kattun zum taufen angeboten durch A. Mendels, Deu Textftraat 31, Amsterdam." Man weiß, daß ehrlichen Lieferanten die schwierigsten Zahlungsbedingungen auferlegt, daß von ihnen langfristige Kredite gefordert werden, während die ungeheure Menge der Schieber bar in Gulden bezahlt. Und an diesen Schiebungen sind Vertrauensleute aller möglichen Reichs st eilen beteiligtl Soll irgend eine staatliche Wittschastsleitung weiterhin möglich sein, dann muß in diese Augiasställe hell hin- eingeleuchtet werden._ vor einer Kohlenkatastrophe! Berlin, 9. Juli. Beim Reichswirtschaftsmi- n i st e r i u m hat mit Vertretern der Reichs- und Landes- behörden eine Besprechung über die Kohlenlage stattgefunden, in der von berufener Seite ein Bild der äugen- blicklichen Verhältnisse jind der für den Winter zu erwarten- den Versorgung gegeben wurde. Danach ist die Lage ä u ß e r st e r n st. Die Eisenbahnen und die Gaswerke haben bisher in diesem Jahre im Gegensatz zum Vorjahr keiner- lei Bestände für den Winter ansammeln können, und auch für den Hausbrand ist die Heranschasfung von Wintervorräten bisher nicht möglich gewesen. Die Folgen des gewaltigen Rückganges der Förderung und der Streiks in den Kohlenrevieren und im Verkehrswesen werden darum erst im kommenden Winter in ihrer vollen Schwere auf dem deutschen Volke lasten, zumal die Aussichten auf eine demnächstige erhebliche Steigerung der Förderung ge- ring find. Hinz« kommt, daß bekanntlich der Friedens- vertrag die Lieferung riesiger Kohlenmengen an die Entente vorsieht. Wir haben also für den Winter zu erwarten: in Stadt und Land eine bedeutend schlechtere Hausbrandbeliese- rung als im Vorjahre, bedeutend schlechtere und ungleich- mäßige Versorgung der Gaswerke und der Elektri- zitätswerke, Verringerung der Zufuhren an die In- dustrie in einem Maße, das einschneidendeArbeits- l o s i g k e i t und Verringerung der Erzeugung selbst wich- tiger Industrien unvermeidlich erscheinen läßt. Es ist dringend nötig, daß auch die Oeffentlichkeft über den Ernst der Lage sich klar wird. Neue Ausammenstöße in Hannover. Wie die P. P. R. erfahren, kam es in Hannover spät abends abermals zu Zusammenstößen der Truppem mit einer Menge, die sich vor dem Bahnhof angesammelt hatte. Die Truppen waren durch tätliche Angriffe gezwun- gen, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Es gab zwei Tote und eine Anzahl Verwundete. Die Stimmung in der Bevölkerung, zumal in der Arbeiterschaft, ist sehr e r- regt. Die Unabhängigen und die Kommunisten betreiben eine starke Wühltätigkeft._ Der„Reichsbote" hat an die Königin der Niederlande ein Telegramm gerichtet, das dem ekelhaftesten Byzantinismus der hinter dem„Reichsboten" stehenden Deutschensorte ein für Deutschland peinliches Zeugnis ausstellt. Land gleich. Doch bat sich der Unterschied in der Sterblich'eitS- Häufigkeit zwischen Stadt und Land in den letzten Jahrzehnlen, dank der besseren städtischen Gesundheitspflege und Kranlheits- bekämpfung erheblich vermindert. Die Ursachen der Ueberstcrblichkeit in den Städten find wohl in erster Linie sozialer Natur. ES ist bekannt, daß die Sterblichkeit bei der städtischen Arbeiterbevölkerung weitaus am größten ist und daß diese am meisten nnter widerwärtigen Verhält- nissen zu leiden hat. Es ist fraglich, ob die Landkinder kräftiger zur Welt kommen als die Stadtkinder. Gesagt wird das zwar ollgemein, bewiesen ist es jedoch damit noch lange nicht. S. Peller fand bei einer Unter» suchung des körperlichen EntwicklungszustandeS der Neugeborenen nur geringe Unterschiede nach der Herkunst der Mutter vom Lande oder von der Stadt; durchweg erwies sich der Einfluß der sozialen Verhältnisse der Mütter viel bedeutender als jener der Herkunst. Die häufig gehörte Behauptung, daß Städte ihre Einwohner- zahl ohne Zuzug von auswärts nicht auf gleicher Höhe halten, ge- schweige denn vermehren könnten, ist in ihrer Allgemeinheit nicht richtig. So betrug in Berlin der Wanderungsverlust zwischen den Volkszählungen von 1905 und 1910 53 347 Personen, der Gebutten- Überschuß dagegen 82 352, so daß die Bevölkerungszunahme einzig dem Geburtenüberschuß zu verdanken war. Einen Beweis, daß daS Vorwiegen städtischer Kultur in einem Lande nicht an sich aus die BevöllerungSvermehrung hemmend einwirkt. bietet ein Vergleich der Geburtenhäufigkeit in Frankreich und Deutschland. Auf 1000 Ehefrauen im Alter von 15—45 Jahren kamen im Jahresdurchschnitt Geburten: 1880-32 1900-02 in Frankreich.... 196 158 in Deutschland,.. 310 284 Der Unterschied zwischen beiden Ländern ist sehr groß und doch ist in Frankreich die städtische Bevölkerung prozentual weit schwächer vertreten, als in Deutschland. Auch in dem fast rein ländlichen Irland ist die Geburtenhäufigkeit geringer als im industriellen England. Eine entartende Wirkung der Stadtkultur kann man nicht an« nehmen. Selbst wenn äußere Einflüsse Keimschädigungen bewirken. ist es ganz unwahrscheinlich, daß die wirtschaftlichen Wandlungen der letzten Jahrzehnte zu einer merkbaren Schädigung der Art» eigenschaften speziell der Städter geführt hätten. Die Lebens- Haltung der Volksmassen ist besonders in den Städten erheblich verbessert worden; Schädigungen durch gewerbliche Gifte werden mehr und mehr vermieden; der Alkoholkonsunr geht zurück; die Seuchen- bekämpfung, namentlich auch die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. hat Fortschritte gemacht usw. Wereine Schädigung des KeimplaSmaS durch solche Einflüsse annimmt, der muß zugeben, daß die Gefahren der- ringert wurden. Dagegen wirkt die Stadtkultur in biologischer Hinficht vorteilhast, weil sie eine Steigerung der geschlechtlichen Auslese begünstigt. Von den Eltern diktierte Heiraten sind in der Stadt viel seltener als aus dem Lande, wo auch der Kreis der Personen, die für die Gattenwahl in Betracht kommen, ein der- hältniSmäßig sehr beschränkter ist. Allerdings bleibt die Tatsache bestehen, daß in den Städten in der Regel der Kampf umS Dasein schärfer ist als auf dem Lande, und daß deshalb in den Städten angeborene Defekte leichter und früher zum Borschein treten und dem Individuum zum Verhängnis werden können. Nottzen. — Zur Kritik der N a tion alv ersa m mlu ng s" Briefmarke. Vom Reichspostamt ging folgende Zuschrift ein: Die vom Reichsposiministerium herausgegebenen Briefmarken zur Erinnerung an die Nationalversammlung werden vielfach einer abfälligen Kritik unterzogen, die mit Vorwürfen gegen das Reichs- Postministerium verbunden sind, das diese.ge'chmacklosen Marken" herausgegeben habe. Ueber den Geschmack läßt sich bekanntlich streiten. Ob diese Marken geschmacklos und nicht zweckenliprechen� sind, darüber soll kein Urteil abgegeben werden. Nur insofern vr- dürfen die Kritiken einer Richtigstellung, als man das N-ichs« Postministerium hierfür zu Unrecht verantwortlich macht. In dem Preisausschreiben für Entwürfe zu diesen Marken sind alle Künstler und Kunstrichtungen zur Mitarbeit aufgefordert worden. Trotz des kurzen Zeitraumes, der mit Rücksicht aus die vorgeschrittene Zeit angesetzt werden mußte, gingen über 4000 Entwürfe ein. Mit der Prüfung der Entwürfe wurde ein Preisgericht betraut, dem in der Mehrzahl namhafte Künstler und Sachverständige der ver- schiedenen Kunstrichtungen angehörten; außerdem wurden einige Mitglieder der Nationalversammlung hinzugezogen. Daö Preisgericht war vollständig frei und unbeeinflußt in seinem Urteil, ins- besondere hat das Reichspostministerium nach keiner Richtung hin irgendeinen Einfluß ausgeübt. Das Preisgettcht hat sich die Ent- scheidung darüber ausbedungen,� welche Marken zur Einführung ge- langen sollten, und fich energisch verbeten, daß etwa der Reichs» postminister ihm ins Handwerk pfusche. Dementsprechend ist ver« fahren worden. — Aufruf an erwerbslose Künstler? Die Arbeiter- Kunstausstellung der Genossenschast sozialistischer Künstler in der Baugewerkschule, Berlin, Kursürstenstr. 141, schließt am 12. Juli in diesen Räumen, um in einem anderen Bezirk Groß-LerlinS weitergeführt zu werden. Die Ausstellung hat vor allem gezeigt, daß trotz der stark- politischen Erregung, in der fich die Arbeiterschaft zurzeit befindet, doch ein lebhaftes Interesse für alle lünstlerischen Fragen vorhanden ist; es sollen darum bei der nächsten Veranstaltung die von Ver« tretern der Arbeiterschaft geäußerten Wünsche, soweit sich diese er- füllen lassen, weitgehendst berücksichtigt werden. Gemäß dem Pro- gramm richtet die'G- s- K. an alle erwerbslosen Künstler die Auf- sorderung, sich an den Wanderausstellungen zu beteiligen. Die Be- leiligung geschieht kostenlos und ohne Verbindlichkeit ihrerseits. Ein ielbstgewählter Ausschuß der erwerbslosen Künstler soll in Ge- meinschaft mit den Obleuten der G. s. K. über die Qualität der auszustellenden Werke entscheiden. Es ergeht an alle erwerbslosen Künstler die Aussorderungj Montag, den 14. Juli, vormittags 11 Uhr. im Ausstellungsraum der G. f. K., Berlin, Kurfürstenstt. 141, ihre Arbeiten persönlich abzugeben. Eine Millionen st iftung für Musik. Fünf Millionen Dollar hat der verstorbene amerikanische Multimillionär Augustus Julliard in seinem Testament für eine Stillung aus« gesetzt, die die Aufgabe erhält, Konzerte und Aufführungen„für den Genuß des ollgemeinen Publikums' zu fördern, Mittel zur Unterstützung der Metropolilan-Oper-Gesellschaft auszuwerfen und „würdige Musikstudenten" auszubilden. Heilage öes Vorwärts Nr. 24H � 36. Jahrgang Preußische Lanöesversammlung. 43. Sitzung. Donnerstag, den 10. Juli 1SI9, mittags 1 Uhr. Am Regierungstisch: Kommissare. Präsident Leinert eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 16 Minuten. Ministerium öes Innern. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Haus- hallplans des Ministeriums des Innern. Dazu liegen Anträge des Ausschusses und weitere 41 Anträge aus dem Hause vor. Der Ausschuß beantragt u. a., den Fond.Geheime Ausgaben" von »un an umzuändern in einen Dispositionsfond zur Be- kämpfung des Verbrechertums. Die Regierung wird, ersucht, dafür zur sorgen, dost die Fürsorge für die aus Elsast-Lothringen vertriebenen Deutschen wirksam durchgeführt wird und datz der Zu- ström von Fliichllmgen aus den Östlichen Provinzen möglichst qlctchmästig verteilt wird. Abg. Dr. Rcinecke(Ztr.) ersucht die Regierung, die Berufs- beralung auf staatlicher Grundlage zu organisieren. Abg. Schubert(Soz) fordert einen Gesetzentwurf, durch den alle geheimen Personalakten der im Staats- oder Gemeindedienst stehenden Beamten, Angestellten und Arbeiter abgeschafft werden. Abg. Hammer(Dt. natl.) bittet, den Gendarmen sofort den Rang der mittleren Beamten zu verleihen. Abg. Negenborn(Dt. natl.) ersucht die Regierung um Auskunft, ob und in welchem Umfange seit dem Ausbruche der Revolution die für die Herstellung und Verbreitung von Flugblättern und Schriften, die ihrem Inhalt nach parteipolitisch sind, sowie für parleipolitische Propaganda anderer Art Mittel des preustischen Siaatcs verwendet worden sind. Eine ganze Reihe von Streit- iichnfteir beschäftigt sich mit der Frage der Urheberschaft der Revo- Lnion. Wenn die Herren sich darüber streiten wollen, so sollen sie es auf eigene Kosten tun, und nicht auf Reichskosten.(Sehr richtig I rechts.)— Unter andauerndem Lärm und sortgesetzten Zwischenrufen der äuhersten Linken, die von der Rechten linuntcrbrochen erwidert werden, verliest Redner noch eine lange Reihe von Auszügen aus diesen Flugschriften. Nach einer Er« klärung der Regierung habe dieser Werbedienst schon im Februar Angestellt werden sollen, das sei aber nicht geschehen. Abg. Dr. Bollert(Dem.): berichtet über die Ansschuhberaiung der Anträge der Deutsch- nationalen, der Deutschen Lolkspartei und der U. Soz. wegen Ent- schädigung der durch die Unruhen der letzten Monate Geschädigten. Der Ausschutz beantragt, die Regierung zu ersuchen, 1. dafür zu sorgen, datz die bei den Unruhen der letzten Monate Ge- schädigten mit möglichster Beschle unigung angemessene Ent» schädigung erhalten. 2. dabin zu wirken, datz die Entschädigungen grundsätzlich vom Reiche, nötigenfalls unter Beteiligung des Staates und der Gemeinden geleistet werden. Abg. Schräder(Soz.) tritt für die Errichtung von MietseinigungSämtern auch in den Ge- meinden mit weniger als 10 000 Einwohnern ein. Die üblen Folgen der Wohnungsnot, des WobnungSwucherS und des Schleichhandel« mit Wohnungen machten sich auch besonders in der Peripherie der Grotzstädte be- merlbar. Die entsprechende Abänderung der bezüglichen Verord- nungen habe mit aller Beschleunigung zu erfolgen. Mit dem Amts» g e r i ch l könne der kleine Mann in dieser Beziehung gar nichts an- fange»; der Amtsrichter stehe im allgemeinen dem Grundgedanken der Mierseinigungsämter viel zu fern. Abg. Meiitzel-Stetiin(Dnat. Bp.) fordert die Wiedereinführung der Zensur gegen den zunehmenden Schmutz in Wort und Bild. Es sit unglaublich, was jetzt unbeanstandet öffentlich angepriesen werden darf. Das Mittel der Auiklärungsfilms hat gänzlich versagt, denn diese Ausklärung ist schlimmer als der Schmutz selbst. Abg. Mchrhof Proz. festgesetzt. Es folgt ein dringlicher Antrag des Stf. Walter und Genossen betreffend die kriegsbeschädigten Anwälte Berlins. Diese wollen berücksichtigt werden he: der Vertretung der Stadt Berbin in deren Prozcyen. Antragsteller weist aus die Not der Betreffen- den bin und empfiehlt sie der Versammlung zur Führung der Prozesse. Stadtrat Hirschkorn äußert einige Bedenken. Die jetzt mit den Prozessen betrauten Anwälte seien gerade dafür besonders ge- eignet. Dr. Weinberg(U. S.) trist für den Antrag ein. Tove ist der Ansicht, daß die Prozesse nicht von einer möglichst großen Zahl von Anwälten, sondern von den Tüchtigsten anter ihnen geführt werden müßten. Walter vermißt den guten Willen des Magistrats. Ter Antrag wird angenommen. Schluß 9)< Uhr. GroMerlln Die Juristische Sprechstunde findet heute von 3—5 Uhr statt._ Der Abbau der Vorschule« und untersten Lyzealllaffen. Die Konserenz der Groß- Berliner S. P. D.- Gemeinde- Vertreter hat eine Kommission für Schul- und E- ziehungSfragen eingesetzt. Diese hat zunächst folgende Leitsätze den sozialdemokratischen Gemeindevertretern zur An- nähme und Danachacktung vorgeschlagen: 1. Mit dem Abbau der Vorschulen ist bei Michaelisabteilungen am 1. Oktober d. IS., bei Osterklassen am 1. April 1929 zu be- ginnen, soiern damit nicht schon am 1. April d. Js. angefangrii worden ist. 2. Die unteren drei Lhzealklassen sind den Borschulklassen gleich- zustellen. 3. Soweit durch den Abbau der Vorschulen neue VolkSschul- klassen nöna werden und die Volkzschulgebäude für deren Aufnahme nicht den nötigen Raum bieten, sind die neuen Klassen in den bis- herigen Vorschulräumen der Höberen Schulen provisorisch unierzu- bringen, aber als TeUe der Volksschulen zu behandeln 4. Gesuche um Genehmigung von Privatvorschulen find abzu- lehnen. 6. Die Leiter von Privatlyzeen und privaten höheren Mädchen- schulen sind dadurch zum Abbau der untersten drei Klassen zu ver- anlassen, daß an ibre Anstalten in bezug auf Schnlräume, Hygiene. Einrichtung neuer Klassen, Lehrerbesolvung usw. dir strengsten ge- setzlick zulässigen Anforderungen gestellt werden. Die Gewährung von Zuschüssen darf nur erfolgen, wenn die vorhandenen Voischulevx abgebaut werden. öa. Landerziehungsheime und Versuchsschulen anderer Art. dia- sür Unterricht und Erziehung vorbildlich wirken, find als AuSnohrneti zu behandeln. 6 Die durch den Abbau der Vorschulklassen und der untersten Lhiealklassen frei weidenden kesian:estell:en Lehrer und Lehrerinnen nnd. soweit sie nickt während der UcbergangSz-tt bei T-'l-m� ü! er- 'üllter Klassen oder in noch bestehenden Mi telldiufen fte4ch:"ifl::t werden können, den Gemeindeichulen zu überweiien. 7. Mit dem Abbau der Vorschulen ist die Umar staltung der Lehrplöne so zu verbinden, daß die drei ersten Volk, chuliakrc die vollständige Vorbereuung auf den Be'uch der gegenwäri- en regeren Schule» gewährleisten, oder es find durch Sonderunteirich! d:e de- gabten Volksichüler im drilieu Schuljahre für den Euitrttt u: die untersten Klassen der höheren Schulen reif zu machen. 8. All? diele Nebergangsbestimmuneen dü'.n rn'tvi■ E- den.'cildjgen Aufbau de: Hütber.s'chnle gerr- n. C-Werae auf dem Gel'stci«.bedenti». für jc'.evmr.N' dst TJfck«. de? AuSglcii'.n? und BtttibruS? Vaffevsache m Vit y et! statte. Donnerst r vorm ttag-'>— und dt« Ar ,ienetnti«'rimf d r Ban nten n»''?. ftz m Voll-n'.Srar und'e t: n mit•itj-■& v. g«st i l ateN von d'r 2 st/'' iHi zft u.. F rung S Haupt mann•• J>'» d- H �» und nack W.ff.n uichiucht.-- t. Im>■■-:•* M, ü uen'« veire �kp-rrt eine 7. Vi.,.-■ r 0.. aenemmen. webe auch Iis B it»--r Kr.: nkr." r' ober nicht- ge'unven w> de. Der CfNr.-m»? A?ßf: errate» wurde unter nnliläf scher Bewachung zu dem Vrr.vtt«»'. Stielte gerührt, der ihm tölgendeS Schieiben aushändiaie: „Sie haben bei den Kundgebungen der Pfleglinge am 25. Juni d. I. gegen den von uns zum ärztlichen Direktor der Heil- stätten bestellten Sanitätsrat Dr. v. Äolz diesen unter B e- drohung mit Gewalt dazu genötigt, eine Verzicht- erUärung auf seine Stellung als ärztlicher Direktor zu unier- fdBretßett. Durch dieses Verhalten haben Sie sich in schwerster Weise gegen Ihre Pflicht als Angestellter der Landes-Ver- iicherungsanstalt Berlin vergangen und eS find damit die Voraus- letzungcn für Ihre sofortige Enllagung gegebeiu die wir hiermit aussprechen. Ilm Sie jedoch nicht in wirtschaftliche Notlage zu bringen, werden Ihnen Ihre Bezüge für den Monat Juli aus- gezahlt werden." gez. Dr. Freund. Danach wurde der Obmann unter Bewachung nach dem Bahn- bof gebracht und nach Berlin abgeschoben. Die Patienwn und Angestellten sind empört über diese Vorgänge. Die beiden sozial- demokratischen Parteien der Stadt Beelitz haben eine Protist- Versammlung abgehalten, in der die scharfe Mißbilligung gegen die>e Vorkommnisse ausgesprochen wurde. In der Resolution wird gesagt:„Die Insassen der Heilstätte sind, da die Mehrzahl hoch- gradig nervenkrank ist, auf das schwerste gereizt und es konnten, ialls das Militär nicht unverzüglich zurückgezogen wird. Aus- schrcitungen vorkommen, für welche wir die Verantwortung allein der die Besetzung verfügenden Behörde zuschreiben müßten. Außerdem verlangen wir die Feststellung, wer die Besetzung veranlaßt hat, da aus unser ausdrückliches Verlangen ein Befehl zu dieser Aktion nicht herbeigeschafft werden konnte. Ferner verlangen wir die Einsetzung des von den Heilstätten widerrechtlich entfernten Ob- manne? des Arbeiterrates, welcher daselbst die Stelle eines Revisions- beamteu bekleidete." Das Vorgehen des Obmannes beruht auf einem Vorkommnis vom 26. Juni. Damals sollte der SanitätSrat Dr. v. Golz die leitende Stelle als Direktor erhalten. Die Angestellten und auch die Patienten erhoben dagegen scharfen Protest, da Dr. v. Golz von den N a h r u n g S m i t t e l n. die den Lungenkranken zur Ver« fügunq standen, größere V e r s ch i e b u n g en für seinen Privat- bedarf vorgenommen haben soll. Zur schärferen Bekämpfung deS Schleichhandels mit Schuhwaren bat der Hauptverteilungsausschuß des Schuhhandels angeordnet, daß die Vertrauensleute der Schuhhandelsgescllschaften in allen Fällen, in denen bekannt wird, daß nicht zugelassene Schuhhändler mit neuen bedarssicheinpflichtigen Schuhwaren Handel treiben, ohne besondere Anweisung abzuwarten oder vorherige Meldung zu er- stalten, sotort mit Hilfe eines Polize'ibcamten«ine Prüfung des Geschäftes vorzunehmen, die Herkunft der von dem Betreffenden bezogenen Schubwaren feststellen und das im Lager befindliche neue bedarfsscheinpflichtige Schuhwerk polizeilich sicher« stellen lassen sollen. Der Hauptverteilungsausschuß hat auf Grund der ihm vorzulegenden Verzeichnisse Gelegenheit, die Beschlagnahme auszusprechen und die E n t e i g n u n g des Schuhwerks herbeizu- führen. Dcutsch-franzöfischc Prügelei unter den Linden. In der Nacht zum Donnerstag machten sich sieben französische Soldaten an der Krauzlerecke, Unter den Linden, über einen ältere» Herrn lustig— ausgerechnet, weil er lange Haare hatte, also doch ein„poliu" war! Als dieser sich die Belästigungen verbat, nahrn-das Publikum Partei für ihn und geriet mit den Franzosen in einen heftigen Wort- Wechsel, in dessen Verlauf der französische Ouartiermeister Thomas in französischer Sprache die Aeußerung getan haben soll:„Wir sind Sieger, Ihr seid Schweine 1" Die hierüber erbitterte Menge drang auf die Franzosen ein, io daß diese flüchteten. Zu ihrer eigenen Sicherheit wurden sie von Polizeibeamten festge- nommen und nach der Wache des dritten PolizeireuierS gebracht. Zwei von ihnen waren leicht verletzt.— Wir meinen, die Leute hätten besser getan, sich um die Bemerkungen der Fremden nicht zu kümmern und weiterzuziehen. Wer läßt fich z. B. mit jedem Bengel ein, der einem was nachruft! Der Eierwucher wird besonder» gern bestritten und man be- hanplet auch an amtlichen Stellen, daß der Preis von 1,40 M. gar nicht wucherisch sei! Dazu schreibt uns ein beneidenswerter Leser. daß er in seinem Heimatskreis Sückau für 60— 70" Pf. soviel Eier kauft, als er mag... Die Mieteinigungsämter 4(umfassend den Bezirk der 8., 4. und 5. Wohnungs-Jnspektion) und 10(umfassend den Bezirk der 2. und 10. Wohnungs-Jnspektion)— bisher Zimmerstr. Otystl— find nach Potsdamer Straße 40 verlegt worden. Eine neue Säuglingsfürsorgestellr für die nordöstlichen Stadt- bezirke ist Longenbeckstr. 7 eröffnet. Leiter Dr. Kamnitzer. Sprech- stunde 1—2 Uhr. Der wahre Jakob ist erschienen und gelangt von heute od in der Buchhandlung Vorwärts zur Ausgabe. Ehemalige Angehörige der Repwblikavisch-en Soldatenwehr, wclchc insolgc Auflösung dieser Formation im Mai auSgeffchwde» find und noch glauben, RückstondSfordenmgen an Familieuunterfttchnng zu haben, können ab Mittwoch die ihnen noch zustehenden Beträge unter Vorlegung ihrer Entlassungsscheine(von der R. S. 23. und vom Feldheer) bei den zliständigen llntcrstützilngskaffen in Empfang nehmen. Die seinerzeit im' März infolge der Unruhen aus der R. S. W. Ausgeschiedene» und bis zu« 17. März gelöhnten Mannschaften erfahren äbenfallS in kürze die Bekannt. gäbe des Zluszahlungstermins. Das Kapitalverbrechen in der Reichenberger Straße. Die Roch- forschlmgen der Kriminalpolizei haben zur Verhaftung eines Verdächtigen geführt. Der Verdächtige ist ein übel beleumun- detcr, mehrfach vorbestrafter Mensch. Man fand in seioer Wohnnug ein blutbeflecktes Beil, eine Pistole, die gleichfalls Blutspritzer auf- weist und einen dunkelblauen Anzug mit verschiedenen Blutflecken. Der Verhaftete behauptet, daß die Flecke von einer Schlägerei her- rühren, das Blut an dem Beil und an der Pistole TierbTut sei. Die Sachen wurden beschlagnahmt und dem GerichtSchemiier Dr. Brüning zur Untersuchung übergeben. Die Pistole, die frisch gereinigt ist. so daß sich nicht feststellen läßt, wann der ldtzte Schuß daraus abgegeben worden ist, kann wohl zu dem Verbrechen ver- wandt worden sein, da die Kugeln, ebenso wie die in der Günther- schen Wohnung aufgefundenen, 7,6 Kaliber haben. Die Hülsen find andere als die am Tatort zurückgebliebenen. Die Kriminalpolizei ist damit beschäftigt, den Alibibeweis des Verhafteten nachzuprüfen. Toppelraubmord bei Wriezen. In Akt-Reetz bei Wriezen fand man die beiden bejahrten Schwestern Frau Regenberg und Auguste Hoffstedt.mit Stricken erwürgt in ihren Bethen auf. Der Körper der Frau Regenberg wies außerdem mehrere Stichwunden auf. Augenscheinlich liegt ein Raubmord vor. Vom dem Täter fehlt noch jede Spur. Wegen Straßenraubes verhaftet wurden die beiden junge« Bnrfchen, die den Kafienboten Boldin von der Firma Simon Böhm in der Jägerstraße beraubten. Die lg- und 20jäbrigen Räuber Alois Buchholz, der sich auch HanS Schulz nenrn, und Stanislaus WilkowSkh bauen schon vor längerer Zeit den Plan gefaßt, irgend einen Kafienboten. der Geld von der Reichsbmik abgehoben hatte. zu überfallen und zu berauben. Bereits am 8. Juli waren sie einem Boten nachgesckilichen. jedoch verlor WilkowSky plötzlich den Mut. Am folgenden Tage überfielen fie den Boten der Finna Böhm, der eine Geldtasche mir 60 000 M. bei sich trug. Der Ueiberfallene er« hob sich jedoch sofort, eilte den Räubern nach und so gelang eS, diese zu verhaften und ihm das geraubte Geld wieder aus- zuhändigen. Ein Zusammenstoß zweier Feuerwehrwagen ereignete fich am Donnerstag vormittag gegen 11'/, Uhr in der A l e x a n d rin e n- st r a ß e. Feldwebel Müller erlitt eine Kopsverletzung, die Feuer- wehrmänner Tosch und Fickert anscheinend Ouetichunge», die ihre Ueberführung iu das Krankenhaus am Urban notwendig machten. Tosch ist am schwersten verletzt. Beraubung cineö der wertvollsten nationalen Kunstwerke. Die berühmte„Historische Weltuhr" ist auf dem TicanSport von Thale nach Berlin ihrer unersetzlichen neun Ziffernblätter mit land- schaftlichen Miniaturmalereien der verschiedenen Weltteile beraubt worden. Dir Räuber hatten den plombierten Güterwagen unter- wegs erbrochen. Für die Wiedererlangung der Teile, deren Verlust das Ganze gefährdet, hohe Belohnung. Der Schtwllzugverkchr mit dem Westen wird geändert, vergl. i�nferat. Groff-Bcrliuer Lebensmittel. VeNlin. Bis DienStag im 140. bis 146., 143., 160., 155., 15«.. 184.. 1S7.. 224.,*231., 232., 283. und 234., und bis Mittwoch im 147., 148., 151. bis 154., 157. bis 164., 173., 183., 185., 186., 188., 189., 198., 199,, 206., 215., 236. und 287, Arotkommiffionsbezirk 125 Gramm Käse. Friedrichsseide.'I, Pfund Auslands- oder Jnlandsmehl(C 9), 750 Gramm Brot(50) bis Sonntag. Lichtenberg. Vom 7.— 18. Juli Rind- und Hammclgesrierfleisch oder o» Ersatz Nährmittel in doppelter Menge. An Arbeits! che und Almosen- empsöngrr ans Karte und Ausweis vom Arbeitslosenrat oder der slädtischru Armenv erwaltung Speck und Büchsensie isch« den ftädtischeu Derkaufö- ftrllen. Nowawes. Bon nächster Woche ab hört die zieischbeliesermig an den Schlächtermeister' Straßburg auf. Die dort emgetragenen Kunden müife» sich bei anderen Fleifchverläusern rürtrazen.— Herstellung von Zwieback und Weißbrot(Schrippen und Salzkuchen) ist verboten. Weizen- m«hl ist ausschließlich zur Herstellung von Brot zu verwenden.— Die Aus- gäbe neuer Rährmitlelkarten an Kriegsbeschädigte mit 50 Proz. und med r Erwerbsunfähigkeit für 4 Wochen gegen Vorlage der blauen AusweiSkart e Priesterstr. 81, morgen Sonnabend 6—1. Groß-Serlmer Parteiaachrichten. 8?., 88., ttS., 40. nnd 41. Abteilung. Sonntag: Familien- «itSflug. Siehe Inserat. HkoePS-NachrichtenPark-Garde. Sämtliche Angehörige, die auf dem Boden der S. P. D. stehe», versammeln sich morgen, Sommbend, 4 Uhr, bei Sehr, Stralauer Allee 47, zwecks Stellungnahme zur Arbettcrratswahl.— Eifenbahner-Werbenusschnh k Die Sitzung am Montag f ällt ans. Jugenöveranstaltungen. Parteigenosien und Vorwärtsleser, macht Eure Kinder auf unsere Bernnftaltunge» aufmerksam. Dresttow-vaumschuleuweg. Heut«, Freitag, abends 8 Uhr: Vortrag und Diskussion über:.Was trennt uns von der bürgellichen Jugend- bewegnug?" Ilm zahlreichen Besuch ersucht Der Vorstand. Westen. Sonntag: Spiel- und vadepartie nach dem Langen See. Trestpunktr'/,? Uhr an der Lutherkirche(Deimewitzplatz). Musikinstrumente unbetstngt mitbringen. vereine unö Versammlungen. Arbeiter-Radsnhrer-Vuud„Solidarität-, Letsgmippe»erlin, 2. AR. Sonntag, 13. Infi, 1 Uhr, nach Hirsch garten(Rest. Wilhelmshoi). Start: Fontanepromenade 18. Bon 10 bis 4 Uhr Wadl der Delegierten zum Bundestag im StarAolal.— Arbeitertonristenverri»»Die Naturfreunde-, neutrale Gruppe. Sonntag, Wandelung: Tirsenfee— Gameniee— Baisiee— Lauenbcrg. Abfahrt: Sommbeud al'end: 6.11 Uhr, S chles. vahnh.(Wriezener Babnfteig).— Arbeiter Stenogra phcnv ere»a »Jntersystemat". UrbungSabend jeden Freitag 7—3 im„Patzerihofev, Fruchtstr. 71, Scke Müncheberger Str. Fortfchrittskmflis beginnt am 11. Juli.- Ansängerkursus am 23. Aozust. Beide Shstem Stolze-t>chreh.— Film- Vorträge der Treptow. Sternwarte. Morgen, Sonnabend, 5 Uhr: „An den Ufern de» Rheins'. Sonntag 3 Uhr:„Aus fernen Landen". 5 Uhr:„Eine Reffe zum Südpol und ein Blick mS Weltall" 7 Uhr:„Im Lande der Schwarzen". Dienstag 7 Uhr:.vewohnbarfeii der Selten". Mit dem großen Fernrohr wird jetzt am Tage die Venus, am Abend Mond, Fixsterne»nd Sternhaufen im Herkules gezeigt. Kleinere Fer»-- röhre steh«! kostenlos zur Verfügung. Smskasten der Reüaktioa. W. 47. Wende« Sie sich au Herrn F. Rottebohm, Bochum. Hagen- st raste 60.— NeichSwehrmann. Daraus können wir uns nicht einlasieu Ls?lzsil?niol!r»tsl»ck tüllhlvekein lleußSIIn Z. P. D. Don Mitgliedern die traarige Nachricht, dag plötzlich und unerwartet an den Folgen einer Operation unser langjähriger Funktionär, der Bezirkfilhrer Paul l'escZie Bez. S«. lV. Abt. im 48. Lebensjahre ort- sterbe» ist. 238/3 Shre feinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 12. Juli, »nttag« 12-« Uhr. von der öalle de» slüdtstchen Zrledrlchstrahe. gestattet. FneWskr'Zßegg___ SL Belb Anstalt„Löser" JL a Mimzstraße 9, Harn-». Blutnntersuchx. 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Paul Schwedler, c£eesÄnÄ Terlftngert! AfJ&X UUSTDA in JÜ* Apachen Ji/ihvzrAcrtcfa Nann/H&sfeL /teuihjc/tiimei Direktion Siegbert Goldschmidt Kurfürstendamm 236 Wegen des Riesenerfolges eine Woche verlängert! IKARUS Der Roman einer Geheim-Agentin in 6 Akten mit Emst Hofmanii Esther Carena AuBerdemt Krause als-Detektiv Film-Lustspiel in 2 Akten. Hauptdarsteller: Karl Neifier Richard Senios Potsdamer Str. 38 Die Finsternis und ihr Eigentum. Turmstr. II Henny Porten im Drama Die Schuld. Friedenau, Rhelnstr. 14 Anders als die Andern. Alexanderplatz-Passage. Eva May in: Stürme— Ein Mädchen- yhicksal. Dr. Grütering Spezialarzt. Invalidenstraße 35 Ecke Chausseestraße am Stettiner Bahnhof.* z->/,7. Sonnt. 11-12. UEXAMDER5TR55| Fritz Berger und Minna Reverelly im Duett Dr. Altos Paul Coradlnt Ernst Warlitz Eva Warlitz Conf.: Willi Horwitz Am Flügel: Savrade r o, Alexanderplafz Wembergsweg 8. 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Kirchbach liailUyclItlllarul pers. z. sprechen Potsdamer Str. US. i Liltzowstr.) Langjähr. Erfahr. Zuverläss. Rechtsbeistand In Jhe-, Alimenten- u. Vertrauenssach, Gcsuche,Verträge, Ermittelungen.— Beobachtungen. Tel Lützow 2491. Ziehung üer 1. Riasse ais 13. ond 16. Juli 1919 noch abzugeben '/,-'/, Vi Lose 5.35 10.50«1.— 48.— Mark und Porto Dischlatis, Praß. Lotterie- Einnehiner Berlin C 2, KSnlgstraCe 39, Ecke Klosterstraße. �Hkunsi OJ4.B.H. Beplin.Wilhelmatp.dOS [flniicyuitqtenj Möbel- Porzellane Oemälde-öobelina. Sei Rotolin-IPilleii in lahtefangct praxi»— norzügliche Erfeige. Ehre ist Ehre, und jede Sonderehrc ist keinen Schuß Pulver wert.(Beifall bei den Soz.) Im Vertrauen darauf, daß das Gesetz über die Auf- Hebung der Mvlitärjustiz mit größter Beschleunigung kommen wird, ziehen wir unseren Antrag zurück- Abg. Dr. Delbrück(Dnat.) Diese Reform kann durch ge- wohnliches Gesetz gemacht werden, aber nicht durch die Verfassung. Ich manne namentlich vor dar Beseitigung der militärischen Ehren-- gerichte. Das wäre ein Ausnahmegesetz gegen de« Osfizirrbstand. Abg. Dr. Cohn(U. Soz.): Gerade die Wirksamkeit der Militär- gerichte seit dem Abschluß des Waffenstillstandes beweist die Not- wendigkeit ihrer Aufhebung. Die Erklärung des Reichswehr- Ministers genügt nicht. Die militärischen Ehrengerichte haben bei Plünderungen der Offiziere im Kriege vollständig versagt, In der Abstimmung wird Art. 103 mit dem Antrag Groeber auf Aufhebung der militärischen Ehrengerichte angenommen. Der Slntrag Groeber wegen Aufrechterhaltung der Militärgerichtsbarkeit an Bord wird durch Auszählung mit- 124 gegen 100 Stimmen angenommen. Mit dieser Aenderung wird Art. 10 4 angenommen. Ebenso die Entschließung des Ausschusses. Preußischer Kriegsminister Reinhard: Herr Dr. Cohn hat er- klärt, die alten Ehrengerichte hätten besonders deshalb ihren Da- scinSzweck verwirkt, weil sie nicht zu verhindern vermochten, daß Offiziere im Kriege Verfehlungen aller Art begangen hätten, und er hat da? erweitert zu ganz allgemeinen Vorwürfen gegen die Otfizierc, Ich muß das in dieser Verallge me i ne- r u n g(!) auf das schärfste zurückweisen. Abg. Dr. Eoh»(U. Sozi): Ich habe nicht allgemeine Berdäch- tigungen gegen die Offiziere ausgesprochen, sondern ich habe gesagt: in den zahlreichen nachweisbaren und nachgewiesenen Fällen, in denen Offiziere ehrlose Handlungen während des Krieges begangen haben, haben die Ehrengerichte ver- sagt und das halte ich aufrecht. Preußischer Kriegsminister Reinhard: Dann kann ich den Herrn Abgeordneten nur bitten, einen dieser sehr zahlreichen Fälle mir namhaft zu machen, damit wir der Sache nachgehen können. Hiemsi vertagt sich das Hau». GeweryiWzbewWmg Tarifverhanölungen zwischen öen Gemeinden Groß Seriins unö öen Vertretern öer städtischen Arbeiter. Gestern, Mittwoch, vormiitags 9 Ubr, traten im Berliner Rat- Hause die Vertreter der Gemeinden Grob-Berlins mit den Ver- tretern der städhiihen Arbeiter zusammen, um über die Anträge der Arbeiter auf Erhöhung der Löhne und Verlängerung des Tarif- Vertrages zu beraten. Aurzeil bestehen für die städtischen Arbeiter 8 Lohngrupven. deren jede wiederum in 7 bis l2 Lohnklassen gegliedert ist. Der Antrag der Arberter, in Zukunft nur noch erne Lohngruppe, die aus etwa 10 bis 12 Lohnklassen besteheg soll, zu führen, wurde nach längerer Beratung angenommen. Es werden demnach in allen Betrieben, also auch in den Kranken- und Pflegeanstalten, die gleichen Lohnsätze gewährt, allerdings werden dann die in diesen Betrieben für Kost, Kleidung. Wohnung uiw. in Anrechnung kommende» Beträge eine Erhöhung erfahren. Des weiteren fand Annahme eine Anzahl von den Arbeitern gestellten Anträgen, die eine Verbesserung bezw, Vereinfachung der tariflichen Bestimmungen herbeiführen werden. Keine Einigung wurde erzielt über die allgemeine Erhöhung der Lohnsätze. Herr Stadtrat Dr. Seckt gab vielmehr im Namen der Gemeinde- Verwaltungen die Erklärung ab, dah die Gemeinden sich außerstande sähen, die gestellten Forderungen zu bewilligen, die allein für die Gaswerke der Stadt Berlin eine neue Belastung von 18 Millionen Mark und demnach für sämtliche städtische Arbeiter Berlins nahezu den dreifachen Betrag erfordern müßte. Die Gemeinden stehen auf dem Standpunkt, daß jetzt mit weiteren Lohnerhöhungen Halt gemacht werden müsse: sie er- klärten sich bereit, die jetzigen Lohnmtze noch bis zum 1. Oktober weiter gewähren zu wollen, obwohl eine Senkung der Warenpreise jetzt ernstlich herbeigeführt werden würde. Der Vorsitzende des Gemeindearbeiter- Verbandes. Genosse Fritz Müntner, richtete an die Gemeindevertreter die Frage, ob das ihr letztes Wort in dieser Angelegenheit seil Werde diese Frage bejaht, dann haben weitere Verhandlungen an dieser Stelle keinen Zweck, da der Abstand zu groß sei, um ,u öiner Ver- ständigung zu gelangen. Müntner beantragte zugleich im Namen der Arbeiter, die Angelegenheit sofort dem Zentralausschuß zu unterbreiten, der in kürzester Zeit zusammenzutreten und zu ent- scheiden haben werde. Die Gemeindevertreter erklärten nunmehr auch ihrerseits, den Zentralausschuß behufs Schlichtung anzurufen. Wie uns mitgeteilt wird, ist die Anrufung dieser Instanz sofort erfolgt und dürften die Verhandlungen dortselbst baldigst be- ginnen. Einige Anträge, die nicht von den Organisationsinstanzen, sondern nur von einigen Arbeitergruppen bezw. Versammlungen gestellt wurden, kamen nicht zur Verhandlung, weil die Vertreter der Gemeinden erklärten, nur über Anträge und Forderungen zu verhandeln, die von der Gesamtheit der Organisation gestellt und gedeckt werden. Wir hoffen, daß durch beiderseitiges Entgegenkommen eine Ver- ständigung erzielt werden wird. Erste Sitzung öes Ausschusses öes Allgemeinen Deutschen Gewerkschostsbunües. Die am 6. Juli in Nürnberg tagende Sitzung wurde von Legten eröffnet und zunächst als Revisoren die Genossen B l u m � Haß und Urban gewählt. Sodann wurde eingehend die Rege- lung der GcwerkjchaftSverhältnisse in den besetzten östlichen Gebieten beraten. Auf Antrag des Vorsitzenden deS Deutschen Buchbinderverbandes wurde beschlossen, daß Angestellte des Bundesvorstandes künftig politische Mandate nur mit Zustimmung des BundeSauSschuffes an- nehmen dürfen. Für die Regelung der Gehälter der Angestellten deS Allgemeinen Deutschen GewerkichastSbundes wurde eine Gehaltskommission ein- gesetzt, die zugleich die Fragen der Pensionierung und der Bereini- gung der bestehenden Unlerstützungskassen prüfen und Vorschläge machen soll. Weiterhin wurde die Einsetzung einer Kommission gewählt, um eine Neuordnung für die gesetzliche Regelung der Arbeitszeit zu prüfen und geeignete Vorschläge dafür zu machen, die dem Reichs- arbeiisministerium zu unterbreiten sind. Ueber den Erlaß eines AuswanderungSgesetzeS machte Janssen einige Mitteilungen, die die Berücksichtigung gewerkschaftlicher Forderungen und die Bekämpfung gemeinschädlicher Unternehmungen auf diesem Gebiete betrafen. Es ist ein Reichs- Wanderungsamt eingesetzt und die gewerbsmäßige Stellenvermitt- lung für das Ausland soll verboten, jede andere Stellenvermittlung und Auskunftserteilung behördlich konzessioniert werden. Es wurde in der Aussprache hierüber gewünscht, die Ein- und Aus- wanderungsiragen auf der bevorstehenden internationalen Gewerkschastsionferenz in Amsterdam zur Erörterung zu bringen. Die deutschen Gewerkschaften sollen auf diese wichtigen Dinge auf- merksam gemacht und zur Uebernahme der AuSkunstSerteilung angeregt werden. Auch soll für eine stärkere Vertretung der Gewerk- schasten gesorgt werden. Ferner legte die Redaktion deS Gewerkschaftlichen Nachrichtendienstes den Gewerkschaftsvorständen eine regelmäßige und aktuelle Berichterstattung nahe. Es wurde angeregt, die Referate deS Gewerkschaftskongresses über die Sozialisierungsfrage im Sonderdruck herauszugeben. Das Bedürfnis hierfür soll durch Rückfrage bei den Berbandsvor- ständen festgestellt werden. Der Schiedsspruch im Bsnkgewerbe. Die Angestellten der Dresdner Bank, die Donnerstag abend eine Versammlung im großen Saale der.Philharmonie" abhielten, lehnten den Schiedsspruch fast einstimmig ab und beauf- tragten ihren Ausschuß, bei der Direktion die Gewährung einer Wirtichaftsbeihilfe von M. IbOO für Verheiratete und M. 1009 für Ledige zu beantragen. Ein Heihsporn. .Die Bundeswarte", das Organ der Sozialen Arbeitsgemein- schafr der unteren Beamten im Reichs-, Staats- und Kommunal- dienst, enthält in ihrer Nummer vom 5. Juli eine längere Abhandlung, in der der verantwortliche Redakteur, des Blattes, Heir Kamosia, dem.Vorwärts' zu unterstellen sucht, er verteidige die Regierung, anstatt sie, die unteren Beamten, zu unterstützen. Herr Kamosia glaubt diesen Vorwurf gegen uns aus der Tatsache herleiten zu sollen, daß wir ein uns übersandles Rundschreiben der Sozialen Arbeitsgemeinscliaft nicht veröffentlicht, dagegen einer gegen dieses Rundschreiben gerichteten Zuschrift Raum gegeben haben. Das Schlimmste aber scheint zu lein, daß der.Vorwärts" eine längere Erklärung der Sozialen Arbeirsgememschafl gegen den Einsender der verüffentltchten Zuschrift nur im Auszug wiedergegeben habe. Herr Kanossa, der betont, selbst Kandidat der Rechtssozialisten zur Nationalversammlung gewesen zu sein, droht nun. indem er meint, es sei hohe Zeit, daß die Kollegen ausgefordert würden, sich ernst- Haft zu überlegen, ob ihr Beitritt zu den Rechtssozialisten, der jetzt !o massenweise erfolge, wirklich ihrem Interesse entspreche. Wir können im Augenbtick nicht beurteilen, inwieweit Herr Kainossa legitimiert ist, die Rechtssozialisten und den.Vorwärts" politisch zu verdächtigen. Es wenden sich heute viele Zeitgenossen gegen den.Vorwärts", auch solche, die noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit im bürgerlichen Lager standen, und unser Blatt bis heute noch nicht kennen. Wir können auf solche Urteile natürlich nicht unsere politische Haltung einstellen, sondern müssen uns stets fragen. wie nützen wir heute dem Gesamtwohl und damit dem Sozialismus am meisten. Dem Urteil des Herrn Kamosia über den.Vorwärts" könnten wir ebenso gut zahlreiche Anerkennungen gerade aus den Kreisen der unteren Beamten entgegenstellen, in denen die Tat- fache, daß der.Vorwärts" sich stets mit Nachdruck ihrer Interessen angenommen hat, lobende Anerkennung findet. Wenn Herr Kamosia nach dem 9. November auf den falschen Weg abgeirrt zu sein glaubt— nun, wir können ihm nicht helfen. Vielleicht wäre es aber gut, wenn der Herr zunächst einmal Zeit gewänne, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, anstatt die Mit- weit vorschnell mit seinem Urteil über den„Vorwärts" und die Rechtssozialistische Partei zu behelligen. Lohnbewegung der Flaschenmacher. Unter den deutschen Glasarbeitern ist eine lebhafte Bewegung für die Beseitigung der Akkordarbeit entstanden. Die ungenügende Ernährung der Arbeiterschaft und die befonders im Sommer herrschende große Hitze in der Glashütte haben die Gesundheil der Arbeiler stark beeinträchtigt und die Sterblichkeit hat ungeheuer zu- genommen. War das Durchschnittsalter der Glasarbeiter bisher 41 Jahre, io wird eS durch die gegenwärtigen Verhältnisse stark berabgedrückt. und eS besieht alle Veranlassung, daß nicht nur die Arbeiter, sondern unsere Wirtschaftspolitiker, die Regierung und auch die Industriellen alles tun, um die Gesupdheitsverhältnisse der Glas- arbeiter zu bessern. Am 2. und 8. Juli fanden in Berlin zentrale Verhandlungen zwischen den Industriellen und Arbeitern statt, in denen zur B e- seitigung der Akkordarbeit und zur Arbeitszeit- Verkürzung Stellung genommen wurde. Der Berbandsvor- sitzende Girbig wies in wirkungsvoller Weise nach, daß die Lebens- Haftung der in der deutschen Glasindustrie beschäfligien Arbeiter- schaft überaus trostlos sei und die Akkordarbeit, die die Arbeiter zur höchsten Leistungsfähigkeit antreibt, beseitigt werden müsse. Ebenfalls müsse eine Verkürzung der Arbeitszeit ein- treten, um die Arbeiter bor dem Untergang zu retten, Den Industriellen könne der Gesundheitszustand der Ar- beiter nicht gleichgültig sein, denn nur eine gesunde Arbeiterschaft könne die Industrie zur höchsten Leistungsfähigkeit führen. Die Arbeiter verlangen eine Verbesserung im ganzen Arbeitsverhältnis und sie werden sich durch nichts abhalten lassen, diese Verbesserungen durchzuführen. Die Industriellen machten diesen Darlegungen gegenüber geltend, daß die Glasindustrie eine Exportindustrie sei und gegenüber anderen Industriezweigen durch die enorme Verteuerung der Rohstoffe, besonders der Kohle, stark beeinträchtigt sei. Durch die Beseitigung der Akkordarbeit werde die Produktion bedeutend sinken und damit eine Verteuerung der Produktion eintreten, so daß der Export gefährdet sei. Beharren die Arbeiter auf ihren hohen Forderungen, dann sei der Ruin der Flaschenindustrie besiegelt; die Arbeiter haben dann hohe Löhne und eine kurze Arbeitszeit, aber keine Beschäftigung, In der umfangreichen Diskussion wiesen die Arbeitervertreter alle Einwendungen der Industriellen zurück und erklärten überein- stimmend, daß. wenn sich die Industrie nur auf Kosten der Arbeiter und deren Gesundheit erhalten kann, sie dann ruhig zugrunde gehen kann; was nutze die Exportmöglichkeit, wenn die Arbeiter krank und arbeitsunfähig find. Die Akkordarbeit müsse fallen, Lohnerhöhungen müssen gewährt werden, und ferner müssen den Arbeitern auch in jedem Jahr 14 Tage Ferien unler Fortzahlung des Lohnes gewährt werden. Auch von einer Kleiderzulage können die Arbeiter nicht abstehen; denn sie selbst wie ihre Familien sind völlig heruntergerissen. Nachdem die Verhandlungen wiederholt vertagt wurden, Jndu- strielle und Arbeiterverlreler allein verhandelt hatten, kam am Schluß deS zweiten Verhandlungstages folgende Verständigung zu- stände: „Die Arbeitszeit wird einschließlich der Paulen auf 7ftz Stunden verkürzt. Ab 1. Juli tritt erne Lohnerhöhung von 20 Prozent ein und die Zuschläge für Flaschenmündungen werden um 200 Prozent erhöht, und für einzelne Flaschensorten werden weitere Lohner- höbungen gewährt." Die Dauer deS neuen Vertrages wird jedoch nur bis 1. September festgesetzt, da die Arbeitervertreter in der be« ftimmlesten Form erklärten, daß sie unter keinen Umständen für eine längere Vertragszeit zu haben sind und sie sprechen schon heute aus. daß die in der Industrie beichäftigten Arbeiter durch die Zugcständ- niste nicht besriedigt sind und nach wie vor die Beseitigung der Akkordarbeit fordern werden._ Wenns los geht! Von einem Arbeiter wird uns geichrieben: Wie allgemein bekannt sein dürfte, geben die U. S. P-Ob- männer laut Beschluß ihrer Räte in den Fabriken 10-Pf,-Maiten aus, die ongeblilb zur Deckung ihrer Ausgaben für die U. S, P.« Arbeiterräte dienen sollen. Eigentlich stützt doch durch die sogenannte Sechserkasie jede Fabrik bereits ihre Räte; es bedarf also einer noch- maligen Sammlung nicht. Trotzdem wird jeder verpflichtet, jede Woche mindestens eine Marke zu entnehmen. Nun sind wir Arbeiter politisch leider gespalten. Unter Obmann erklärt aber kategorisch: .Eine Marke muß jeder nehmen!" Ist es nicht ein starkes Stück, daß ich gezwungen werden soll, eine Partei finanziell zu unler- stütze», der ich gleichgüliig oder sogar feindlich gegenüberstehe? Wo- zu die Mittel in Wirklichkeit verwendet werden sollen, hören wir gleich. Sie machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube und gestehen offen: .'Das Geld wird verwendet... wenn's losgeht!" Auf Vor- Haltungen erklärte mein Klassengenosse und Obmann:.Ja, wenn's losgeht, dann wollen die Mehrheitsiozialisten auch was davon ab« haben, aber dann können sie meinetwegen verrecken". Das ist die neue U, S. P.-Arbeiter-Solidarität. Ganz allgemein werden die Arbeiter von Sammlungen überschwemmt. Alle möglichen Vor- sp'egelungen werden gemacht, nur um Geld zu erhalten. Leider geben die Kollegen aus Angst vor wirtt'chactlichen Schädigungen. Das ist völlig verkehrt. Einem so unverschämten Treiben muß jeder entschlossen entgegentreten. Deshalb möchte ich den Kollegen zurufen: Seid Männer, haltet fest zusammen, wenn Ihr zurzeit auch wenige im Betrieb seid die Zeit wird kommen, in der wir jene schamlose Unduldsamkeit Andersdenkenden gegenüber wieder ausrotten. Für die Angestellten der(fommerz- und Diskontobank findet heute, Freitag, abends 6 Uhr im K itbolifchen VereinShaus, Niederwallftr 1t, eine Betriebsversammlung der Angestellten der Commerz- und Diskonto- Hanl statt. Tagesordnung: 1. Der Tarifvertrag. 2. Abstimmung, Der Angestellten-Ausschutz, Bund technischer Angestellten und Beamten. Bezirk Nordwest- Berlin. Nächste Monatsversammlung am Montag, den 14, Just, im Nordwest. Kasino, Alt-Moabil 55/56, Die Versammlungen finden regelmäßig jeden 2. Montag im Monat in obigem Lokal statt und sind besonders als Zahlabend für Einzelmitglieder gedacht. Gerichtszeitung. Schleichhandel im Efplanade-Hotel. Wegen Vergehens gegen die Schleichhandels- und Preistreiberei- Verordnung standen gestern der Generaldireftor Franke des Hotels Eiplanade und der Küchenchef des Hotels Rotenburg vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte. Bei einer vom Kriegswucheramt im vorigen Jahre im Hotel E'planade vorgenommenen Revision wurden große Mengen von Nahrungsmitteln aller Art vorgefunden, die die rationierten Mengen weit überschritten und nur im Schleich- Handel erworben sein konnten. Die Borräte wurden beschlagnahmt und der Generaldirektor Franke wie der Küchenchef Rotenburg an- geklagt. Rotenburg bezieht als Einkäufer 1009 M. monatlich, hat freie Station lind ihm sollen noch 2 Proz. Provision zufallen. Das Gericht verurteilte Rotenburg zu 1 Monat Ge- fängnis und 19 999 M, Geldstrafe. Generaldirektor Franke zu 15 999 M. Geldstrafe. Die Angeklagten legten Be« rufung eiu. �_ Räuberische Erpressung, Am 21, Mai erschienen in der Wohnung.j eines Kaufmanns W. der Flugzeugsührer Görcke und der Kauf- mann Schnitzler, die sich als Kninmalwachtmeister vorstellten, und ein unermiitelt gebliebener Mann, der den Spitznamen.Theo" führte. Unter Todesdrohungen zwangen sie Frau W., einen ein- gemauerten Geldschrank zu öffnen, auS dem Görcke 195 999 M. entnahm. Das Gericht trennte die Sache gegen Schnitzler ab, weil er infolge Verschüttung im Felde und schon anderwärts als unzu- rechnungsfähig freigesprochen worden sei. Gegen Görcke, der seinen Anteil an dem Raube in Höhe von 49 999 M. in der nächsten Nacht indem Spielklub.Bühne und Film" inderHar« denbergstraße verspielt haben will, erkannte das Gericht auf 6 Jahre Zuchthaus, 19 Jahre Ehrverlust, Der verschwundene Bräutigam. Ein Reisender Otto W a r n i ck e hatte eine längere Gefängnisstrafe zu verbüßen. Tie Staats- anwaltschaft gewährte ihm einen viertägigen Urlaub zwecks standesamtlicher Trauung. Nachdem die Trauungs- zerenronie vorbei war, ließ sich der Transporteur durch die Birten des Schwiegerpapas und des in Tränen schwimmenden Scbwieger« iobnes verleiten, seine Zustimmung zu geben, im Ratskeller schnell einen kleinen Hochzeitsschmaus einzunehmen. Nachdem man einige Flaschen genehmigt harte, blieb der Kellner zufällig elwaS lange auS und mit den Worten:.Ich muß doch mal nach- iehcn, wo der Kerl steckt", ging W. nach dem Büfett und— i oll heute noch wiederkommen. Die Angelegenheit dürste noch eine Anklage wegen fahrlässigen EntweichentasjenS eines Gefangenen gegen den Transporteur nach sich ziehen. LSetterauSstchte« für das mittlere Norddeutfchland bis Sonnabend mittag: Ziemlich kühl, zeitweife beiter, aber lehr veräudcr- lich, mit öfter wiederhotlen, im allgemeinen geringen Regenfällen und mäßigen westlichen bis nordwestlichen Winden. Verantwortlich für Palit!!: Artnr Zickler, ebarlottcnburq, für den übrigen Teil des Blattes:«lfred Schatz, Neukölln; für Anzeigen: Theodar«block«, Berlin. Verlag: Borwärts-Berlag G. m. b. H., Berlin. Druck: Vorwärts- Buchdruckerei und Berlagsanstalt Paul Singer u. Co. in Berlin, Lindenstr. S. Hierzu 1 Betlage. �lvembmuö Cootwuc Markee f/i f /ftimj t y////yf y/y/