Nr.4ZZ>. 36.Iahrg. lvezagSpret»» Mrrt�iyrl. SÄL. matmfl. �<—1 frei tu£>iras. oocans zahlbar. bcjug; Monatlich 8__ Ml. ejfl. ga* stellungsgedülzr. Unter itreutbanb fSr Dentfchlanb and Oeiierrrich- Ungar» »LS Ml. Mr da» llkrtg, Aueianb l» ZS Ml. bei täglich einmal. gufteOtm g »LS Ml Postdestellungen nehme» an Dänemarl Holland euiembrog, Schweden a. die Schwei». Eingetragen in die Pofi-Zeiriing«-Dr«i»Iiit». Der„SonrSrts* mit»er Sonntag«» beilage»Boll n. gelt� erschewt Ivochen» täglich zweimal Sonntag» einmal. Telegramm-Adre?«: «Zozlaldemokra» Serlln". Morgen-Ausgabe. wv � � Derltnev DolKsblskt. ( 15 Pfennig} Auzelgeuprei«: vi» achtgelvaltene Nonpareillezell« l-liet Uda Ml„fllcine Mnjclgen". da» fettgedriiltte Wort« Pfg.(zuläfstg t iettgedrulkte Motte), jede» weiter» Wott«<> Pfg. Stellengesuche und Schlasllellenanzetgen da» erste Wott •0 Pfg. lebe« weitere Wott 30 Pfg. Worte über lS Buchstaben zählen fijr zwei Wotte. Teuerung»zufchlag SO»/». 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Er schilderte drastisch die Unverfrorenheit der bolschewistischen Truppen, die seil pinigen Tagen mit großer Macht unsere Truppen bedrängten und. so gut wie keinen Widerstand fänden. Er forderte dringend eine Einwirkung auf die Truppen durch Aufklärung über die Bolschewisten und vor ollem ausreichende Verstärkungen. Wir, die Leitung des Kongresses, wußten nicht recht, was wir mit diesen Klagen beginnen sollten. An einen Krieg mit den Bolschewisten dachte kein Mensch; die Nachricht von diesen Angriffen wirkte außerordentlich überraschend. Warum sollte man sich mit den Bolschewisten schlagen? Es bestand zwischen uns und ihnen kein Streitpunkt. Und nun gar Verstärkungen hinzusenden erschien ganz und gar umnöglich. Die Truppen verlangten ungestüm nach der Hcimbeförderung. Selbst wenn man gewollt hätte, wäre es unmöglich gewesen, Verstärkungen hinzusenden, weil einfach kein« Truppe dzm Marschbefehl«- folgt wäre. Man ließ daher diese Klagen zunächst auf sich de- ruhen. Der auf diesem Kongreß gewählte Zentralrat der Vnx Armee hatte sich dann aber in den nächsten Tagen mit der Angelegenheit zu befassen. � Die Klagen mehrten sich. An einigen Stellen der ssiront hatten unsepe Soldaten mit. den Bolschewisten fraternisiert und ihre Vorräte mit ihnen geteilt. Große Mengen Heeresgut, Geschütze, Maschinengewehre und Munition war den Bolschewisten auf diese Weise in die Hönde gefallen. An anderen Stellen der Front, sp insbesondere nörd- lich des Peipussees, war e§ zu ernsten Kampfhand. lungen gekommen. Unser« Truppen hatten den vorgehenden Bolschewisten Widerstand geleistet. Etwa Ende November war die ganze Fron s der VIII. Armee in Bewegung. Von Tag zu Tag heizte es sich deutlicher, daß dem Vorgehen der Noten Armee ein einheitlicher Plan zugrunde lag, und daß unsere Truppen nicht mehr in der Lage waren, den Vormarsch aufzuhalten. Die VHI. Armee, zum größten Teile aus den ältesten Jahrgängen und aus Invaliden bestehend, war vollständig de- moralisiert. Manche Verbände lösten sich von selber auf und erzwangen ihre Abbeförderung. Ungeheure Mengen an Heeres� gilt wurden von ihnen veruntreut oder der einheimischen Be» völkerung oder den Bolschewisten überlassen. In einigen Fällen erzeugten die bolschewistischen Angriffe eine panikartige Flucht. Auch die Front nördlich des Peipussees hielt nicht mehr stand. Sie brach zusammen und die Massen der Roten Armee srgossen sich vom Norden her über Estland. Ende No- vember hatten sie bereits die Nordgrenze LivIandZ erreicht. Ach besprach die Lage fast täglich mit dem Zentralrat der VTIX Armee und mit den Kommandobehörden. Die Kommandobehörden standen der Lage ebenfalls rat- und hilfs- los gegenüber. Ich schlug die Bildung einer Nachhut- ormee vor, die durch Aufrufe zur freiwilligen Meldimg er- folgen sollte. Die Kommondobehörden gingen auf den Plan ein. ohne aber etwas zu erreichen. Die Lage wurde von Tag zu Tag bedrohlicher. An dieser Not ging ich am 23. November mit dem Verwaltungschef Herrn von Goßlcr zu dem Führer der VIII. Armee. General von Kathen, und ersuchte ihn, die Bildung der Nachhutarmee mit größerem Eifer zu betreiben. Er erklärte uns, daß er bei dem demoralisierten Zustande der Armee an keinen Erfolg glaube.Ach gab mich zwei Tage mit dem Bescheid zufrieden. Als aber die Katastrophe immer ernster wurde, bewog ich den Zentralrat der VTII. Armee zu einer gemeinsamen Vorstellung beim Chef des Stabes. Am Morgen des 30. November hatten wir eine Besprechung mit dem Ober- befehlshaber und dem Chef des Generalstabes, Major Franz. Die Unterhaltung mit dem Armeeoberkommando war außer- ordentlich bewegt. Diese alten Soldaten waren ganz nieder- gebrochen, glaubten an nichts mehr als an den völligen Zu- sammenbruch und waren zu keinem Entschluß fähig. Ich zwang sie- zu der Zusage, an Stelle des unausführbaren Planes, eine Nachhutarmee zu bilden, alle erforderlichen Schritte zu tun, um eine Division von etwa 6000 Mann aufzustellen, die den Abzug unserer Truppen decken sollte. DieS bedeutete eine Re- diizierung unserer Absichten. Es wurde beschloffen. Mit- glieder der Soldatenräte auf Werbung zu den Truppenteilen*u senden. Das geschah: die Soldatenräte Siemens und Plottke aus Riga. Robert Albert aus Mitou be- reiffen den Armeebezir? und brachten stattliche Zahlen Frei- williger zu�mmen. Diese Division sollte den Namen „EiserlU Division" erhalten. Geheime öeutsth-üänisthe Verhandlungen. EigenerDrahtbertchtdrS„Z o r w ö r t S". Dar dänisch« Reichstag hat zur Klärung und zur et- ««igen Einschränkung der bestehenden SerteidigungSeinrichtunge« einen Ausschuß eingesetzt, dessen Borfitzender, der BerteidigungS- minister Münch, unter anderem de« Antrag stellte, die Festung Kotze»ha gen baldmöglichst zn schleifen, obwohl nach dem Wehrgesetz von 190!» die Schleifung für 1922 bereit« beschlossen ist. Dies« Absicht wurde von der Otzposttion angegriffen. Da« Regie- rungsblatt„Politiken" kritifiertr entgegen de« Willen der Kom- Mission den Beschlnß. Jetzt hat fich herausgestellt, daß der Wunsch der S»«»issi»n, der Oefsentlichkeit seinerzeit keinen Bericht über die VerHand- lungen zn geben, tiefer liegende Gründe hat. Bei diesen Berhandlungen haben sich nämlich überraschend« Dinge über die früher« Außen- und Rilitärtzolitik der fetzigen Optzo- sition, nämlich de» Führers der gemäßigten linken Partei, I. C. Christensen, der von 1995 bis 1998 Ministerpräsident und Krirgsminister war, herausgestellt. Unser Kopenhagener Parreiblatt..Soeialdemokraten" gibt jetzt darüber«inen ausführlichen Bericht. Christensen soll al» Minister- tzräfident und Verteidigungsminister durch den danurligen dänischen Hauptmann Lvrtkrn in ttnterftandlnngen mit de« damaligen dentschen GenerasstabSches Moltk« wegen Ab» schlnsse« einer M i l i t ä r k« n v e n t i,» mit Deutschland gestanden haben, die gegen„Deutschland» Feinde", wie au»- drücklich deutscherseits betont tourife, gerichtet sein sollte. AlS E n t- fchädigung dafür s» l lte- D ä n e m a r k R o r d s ch l e S w i g zurückerhalten. Dänemark sollte.Kopenhagen-und Seeland selbst verteidigen, während Deutschland die Berteidigung von Schvenen und Jütland übernehmen sollt«. Diese ganz« Politik de» früheren Ministerpräsidenten Christen- sen nahm jedoch ein jähe» Ende durch den Sturz des betrügerischen Justizministers Albert im Jahre 1998. ES wurde der Ovtantenvertrag zwischen Deutschland und Dänemark ab» geschlossen, der jedoch kein dauerndes Freundschaftsverhältnis zwi- fifecn Teutschland und Dänemark schaffen konnte, sondern ein immer stärker werdendes Mißtranen de» damaligen a m t- lichen Deutschland« gegen Dänemark zurückließ. Gerade der Umstand, daß Deutschland von den Christenfen-Verhandlungen ent- täuscht wurde, da man ein größere» positives Ergebnis erwartet hotte, brachte e» mit sich, daß man Dänemark» Politik von 1908 bis zum Kriegsausbruch mit der größten Wachsamkeit ver» folgte und deshalb war die Stellung für Dänemark in den ersten Agusttagen 1914 sehr kritisch. DaS Interessante an dieser Mitteilung de»„Soeiakdemokraten" ist für dir Dänen, daß der sogenannte außenpolitische Deutschen- kurs, den die jetzige Opposition dem jetzigen Außenminister Seave- mn» vorwirft, gerade von der Opposition selbst seinerzeit geführt worden ist.> Die Beröffentltchmtg unseres Kopenhagener Parteiblatts hat sofort de« ehemaligen Ministerpräsidenten und' jetzigen Oppositionsführer Christensen den Mund geöffnet. Er erklärt: „Ich habe im vollen Einverständnis mit de« König Hauptmann Lnetken nach Berlin geschickt, wozu Moltke Veranlassvng gegeben hatte. Luetken lehnte eine Militärkonvention oder irgendein« militärisch« Vereinbarung ab, weil er ein« solche als für Dänemark gefährlich erklärt». Seine Ausgabe war, Moltke davon zu überzeugen, daß Dänemark nicht aus der Lauer liegen würde, n« Deutschland, während e» in einen europäischen Krieg verwickelt war, in den Rücken zu fallen, nnd daß wir unser ver- �rcidigungSwesen so einrichten würden, daß eS von einer der krieg- führenden Mächte nicht gegen die andere benutzt werben könnte." Nunmehr«erden auch die deutsche« Akten über den Fall ge- öffnet«erde« müssen. Besonder» wird e» Interesse erregen, zu erfahren, ob die Rückgab« von NordfchleSwig wirklich in Aussicht gestellt worden ist und wenn ja, in welcher Form und unter welchen Bedingungen. Der Eifer der Soldatenräte Enr vergeblich. Das Armee- oberkommando oersagte bei der Organisation. Zehn Tage nach diesem Entschluß war im Armeeoberkommando noch kein Offizier mit der Organisation der Eisemen Division be- austragt worden. Um den Zusammenbruch aufzuhalten, ent- schloß fich der Zsntralsoldatenrat zu Ver Hand- lungen mit den Bolschewisten. Diese fanden unter Teilnahme von Vertretem des Armeeoberkommandos und meiner Behörde vom 5. bis 7. Dezember in D ü na b u r g statt. Sie hatten ein befriedigendes Ergebnis. ES wurde' vereinbart, daß die Bolschewisten unsere Truppen nicht be- drängen sollten. Unseren Truppen sollte Zeit gelassen werden. ihre Stellungen in Ordnung zu räumen und alles Heeresgut mitzunehmen. Erst noch vollzöge»« Räumung sollte« die Bolschewisten nachfolgen und dos von uns freigegebene Land besetzen. Diese Vereinbarungen wurden von den Bolschewisten nicht gehalten. Ihre Bekanntgabe an die Truppen erregte große Freude, verleitete ober die Truppen zu einer Unachtsam- keii, die sich östlich. Dorpat und bei Wenden blutig rächte. Es war infolge der Unachtsamkeit unserer Gruppen den Bolsche- wisten möglich, die d e u t s ch e n S t e l l u n g c n zu um- zingeln und die Soldaten zu bedingungslosen Kapitulationen zu zwingen. In den meisten Fällen haben sich die Soldaten wider st andslos unterworfen, nur wenige Truppen- teile, so z. B. die Mecklenburgischen Dragoner, machten eine rühmliche Ausnahme und schickten die Vertragsbrüchigen Bolsche- wisten mit blutigen Köpfen zurück. Diese Entwicklung war naturgemäß auch der Regierung der am 19. November errichteten l et tl ä n d is ch en N e- Publik unangenehm. Kamen die Bolschewisten ins Land, so war es um die Republik Latwija geschehen. Fast täglich waren die Minister Ullmann. und Walter bei mir und beschwaren mich, für einen besseren Schutz des Landes zu s o r- gen. Ich konnte nicht niehr tun, als ich getän batte und Weiter tat. Auch die lettischen Sozialisten(Richtung Haase-Loukant-Mergcs) waren fast täglich bei mir und be> arbeiteten mich im gleichen Sinne. Tie Lage wurde dadurch noch komplizierter, daß im Lande selbst der Bolschewismus immer dreister fein Haupt erhob. Ich hatte gleich in den ersten Zsagen meiner am 11 Novencher aufgenommenen Amtstätigkeit die Borzensur und.die Versammlungsverbote aufgehoben und die politischen Gefangenen aus der Hast enttäffen.. Ansolge- deffen hatten auch die Bolschewisten Versammlungen. abhalten -und eine lebhafte Propagandatätigkeit entfalten können. Es war mir vollständig klar, daß an eine Abwehr'der Roten Armee nicht mehr zu denken sei. Ich trachtete daher nur noch danach, unsere Truppen heil aus dem Lande zu schaffen und soviel wie möglich von dem wertvollen Heeresgut mitzunehmen. Daneben mußte ich freilich die Berechtigung der lettischen Forderungen nach weiterem Schutz des Landes anerkennen. Wir hatten dem Lande seine Vorwaltung und seinen Selbstschutz ge- nommen und hatten nun die moralische Pflicht, das Land io lange zu schützen, bis es einen neuen Selbstschutz organisiert hatte. Da sich täglich mehr herausstellte, daß auch die Eiserne Division ein frommer Wunsch bleiben würde, fuhr ich am 8. De- zember nach Berlin und versuchte die Reichsregierung zu veranlassen, kampffähige Truppen nach dem Bql- t e n l a n d e zu senden. Bei diesen Vorstellungen unter» stützte mich der damalige Soldatenrat Plottke, der jetzt, soweit ich weiß, bei den Leipziger Unabhängigen eine führende Rolle spielt. Die Vertreter der Reichsregierung ver» sprachen uns Hilfe, insbesondere gab uns der damalige Kriegs- minister SdSeuch die bindendsten Versicherungen. Hilfe kam j e d o ch n i ch t. Aus der Eisernen Division war allmählich ein kleines Häuflein von etwa 600 jungen Soldaten geworden, die zmn Teil noch niemals im Feuer gestanden hatten. Sie haben sich als Nachhut manchmal gut nnd manchmal schlecht geschlagen. DaS Schicksal Lettlands konnten sie nicht wenden. Es fiel den Bolschewisten wie eine reife Pflaume in den Schoß. Um die Weihnachtstage war es mir klar, daß es sich nur noch um ganz wenige Tage handeln könne, dann würden wir Riga aufgeben müssen. Die Bolschewisten- standen um diese Zeit etwa 40 Kilometer vor der Stadt. In Riga: selbst hatte inzwischen die letttändische Regierung mit deuffcher. Hilfe einige Kompagnien aufgestellt. Diese Kompagnien waren sehr unzuverlässig', zwei von ihnen meuterten am 26. De- zember: sie wurden durch die Schisfsgeschütze der inzwischen vor Riga eingetroffenen Engländer zur Raison gebracht. Unabhängig von der lettländischen Regierung, aber in eng- stem Einvernehmen mit ihr, war eine d e u t sch- ba lt i sch c Freiwilligentruppe gebildet worden, die den Namen „Baltische Landeswehi:" erhielt und ebenso wie die lettischen Kompagnien von uns mit Waffen und Munition aus- gerüstet wurde. Die Engländer waren am 21. Dezember.aus der Düna vor Riga erschienen. Am 23. sandte der englische Befehlshaber einen Ordonnanzoffizier zu mir und ersuchte mich um eine Besprechung, die noch am gleichen Tage an Bord des englischen Hilfskreuzers stattfand. Hier erklärten die Engländer, wir hätten nach dem Wasienstillstandsverttage die Pflicht, i m Lande zu bleiben, solange sie es verlangten. Sie verboten uns jeden weiteren Abtransport von Truppen und Heeresgerät. Ich erklärte ihnen, daß das ganz unmöglich sei. die Einstellung des Abttansportes würde einfach die Meuterei der Truppen zur Folge haben und das Chaos im Baltenlande noch vergrößern. In diesen Tagen der höchsten Not, al? ich der lettischen Regierung sagen mußte, daß alles verloren sei und Riga nicht ttte&i gehallen iöerden forme, erklärte fttfi die lettische R e- gierung bereit, allen deutschen Soldaten, die noch weiter für den Schutz des Landes kämpfen würden, das Einbürgerungsrecht zu verleihen. Die sofort aufgenommenen Verhandlungen führten am 29. Dezember zu einem Vertrage, der dies Zugeständnis der lettischen Re- gierung feschielt. Der Vertrags ist von mir und von den Mint- stern Ullmann, Walter und Salith unterschrieben und jetzt oer- öffentlicht worden. Ich dachte nicht, daß er jemals eme besondere Bedeutung erlangen würde, denn ich mußte nach allem. was ich an den wenigen Tagen meines Berliner Aufenthalts gesehen hatte, daran zweifeln, daß aus Deutschland Hilfe für daS Baltikum zu erwarten sei. In. der Nacht vom 2. zum 3. Januar verließen die letzten deutschen Soldaten das an einigen Stellen brennende Riga und am nächsten Morgen trabte die bolsche- wistische Vorhut in die Stadt. Ich ging mit der lettischen Regierung zunächst nach Mitau und einige Tage darauf, nachdem sich herausstellte, daß wir auch Mitau nicht würden halten können, am 8. Januar, nach L i b a u. Wiederum bedrängten mich Deutschs und Letten, Konservative, Demokraten und Sozi.alrsten, noch einmal einen Versuch bei der Reichs- regietung zu unternehmen und Hilfe für Lettland heranzu- schaffen. Jetzt war die lettische Regierung sogar bereit, ernsthaft über die Ansiedlung deutscher Soldaten mit mir zu verhandeln. Diese Verhandlungen fanden in Mitau statt, haben aber nie zu einem Ergebnis geführt. Ich fuhr noch einmal zur Berliner Regierung, und man- riet mir, Freiwillige zu werben, die dann von der Reichsregierung ausgerüstet und gelöhnt werden sollten. Auf dieser Reise begleitete mich der lettische Sozialist Dr. M e n d e, der mit mir zusammen die Regierung um Unter- stützung durch Truppen bat. Ich richtete die„Anwerbe- st e l l e B a l t e n l a n d" ein, die im Einvernehmen mit dem Kriegsministerium arbeitete und nach einigen Wochen die ersten Freiwilligen nach Kurland senden konnte. Die Anwerbestelle hatte von mir die strikteste Weisung, den Truppen k e i n e V e r- sprechungen zu machen, die nicht gehalten werden konnten. Man bedrängte mich wiederholt, in den Werbe- aufrufen die spätere Ansiedlung in Kurland i 1 Aussicht zu stellen. Ich habe olle solche Anträge a b- gelehnt und immer wieder gesagt, daß man den Truppen nur das in Aussicht stellen dürfe, was vertraglich vereinbart sei. Me würden sicherlich von der lettländischen Regierung das Bürgerrecht erhalten und damit auch, wie jeder andere Bürger, das Recht, Land zu erwerben; aber eine Landzuweisung dürfe inan ihnen nicht versprechen, denn die lettländische Regierung habe sich dazu noch nicht bereiterklärt. Die einzelnen Anwerbestellen und noch mehr die einzelnen Werber haben sich nicht streng an diese Anweisung gehalten; verschiedentlich ist den Truppen die Ansiedlung versprochen worden. Da man nicht jeden Werber dauernd beaufsichtigen konnte, war das nicht zu verhindern. Ich hielt es übrigens nicht für ausgeschlossen, daß die lettländische Re- gierung auch in diesem Punkte zu einem Entgegenkommen bereit sein würde, wenn sie erst einmal einen tatsachlichen Er- folg sähe. Die Erfolge kamen. Libau, das Ende Januar auf das Aeußerste gefährdet erschien, konnte gehalten werden. Von hier aus ging dann die Befreiung Kurlands u n d L i t a u e n s vor sich. Ich habe seit Ende J"vmr die Entwicklung der Dinge im Baltenlande nur noch aus ziem- licher Entfernung verfolgen können. Nach meiner Ernennung zum Reichskommissar für den Osten fand ich keine Zeit mehr. mit der lettischen Regierung persönlich zu verhandeln. ES ist möglich, daß es mir gelungen wäre, daS bis dahin leidv liche Verhältnis mit ihr aufrecht zu erhalten. Die Entwick- lung nahm leider einen anderen Lauf. Für uns wurde die anfänglich als Hilfe für Lettland eingeleitete militärische Aktion im Baltenlande mehr und mehr eine für den Schutz unserer eigenen Grenze notwendige Maßnahme. Als solche habe ich sie nachher in der Hauptsache angesehen; Die Gründe für die Verschlechterung unseres Verhältnisses zur lettländischen Regie- r u n g liegen noch nicht klar. Deutschenfreunde waren die Letten nie, aber immerhin habe ich, solange ich persönlich mit ihnen verkehrte, stets den Eindurck gehabt, daß mit ihnen ein friedliches Nebeneinanderwohnen möglich sein würde. Ich habe mich sehr viel darum bemüht, Deutsche und Letten miteinander auszusöhnen und zu gemsinsamer Arbeit zu bewegen. Unter dem Drucke der großen Not war daS vorüber gehend gelungen. Als aber Kurland wieder frei war, fing auch der alte Hader wieder an. Der deutsch-let- tische Gegensatz ist überhaupt nicht mit wenigen War ten zu erklären, er ist selbstverständlich durch die sozialen Verhältnisse mit verschuldet. An der gegenwärtigen Zuspitzung haben die Ententekommissionen sicherlich eine große Schuld. Es kommt mir hier nur darauf an, einmal darzustellen, wie die neue Front im Baltenlande überhaupt entstanden ist und was es mit dem Vertragsbuch der Letten auf sich hat. Unsere Soldaten fühlen sich mit Recht betro- gen. Daß auch die lettische Regierung Gründe für ihren Vertragsbruch vorbringen kann, ist mir bekannt. Sie wur zeln in dem uns aufgezwungenen Friedensvertrag. Aber dieses Machtgebot der Entente kann aus dem Recht der beut schen Soldaten niemals ein Unrecht machchi. Wir haben leider keine anwendbaren Machtmittel, um die. Anerkennung des Vertrages durchzusetzen. Es wäre ein großes Unheil. wenn die betrogenen Soldaten ihre militärische Macht einsetzen würden, um sich ihr Recht zu erzwingen. Sie müssen jetzt aus Lettland heraus. Das deutsche Interesse verlangt jetzt die schleunig st e Zurück- ziehung auch des letzten deutschen Soldaten von fremdem Boden. Offiziöse Fälschung. In der vorstehenden Darlegung hat Genosse W i n n i g ausdrücklich betont, daß ein Siedlungsvertrag mit der lettischen Regierung nicht abgeschlossen worden ist, daß die deutschen Soldaten daher kein Recht auf Siedlung von den Letten beanspruchen können. Genau dasselbe hat der deutsche Außenmini st er Genosse Hermann Müller in seiner von uns schon ange- zogenen Weimarer Rede erwähnt. Gleichwohl wird dem jetzr veröffentlichten E i n b ü r g e- r n n g s vertrag— siehe das letzte Abendblatt des„Vor- wärts"— von offiziöser Seite die Bemerkung eingefügt, daß nach diesem Vertrag„die deutschen Kurlandkämpfer das lettische Bürgerrecht und damit das Recht auf Sied- lung erworben haben". Das Recht auf Einbürgerung wird also mit dieser Einschiebung dem Recht auf Siedlung gleichgestellt. Der offiziöse Kommentator des Vertrags macht sich des- selben Vergehens schuldig, das Winnig den einzelnen Werbern vorwerfen muß. Was bei den letzteren schließlich noch erklär- lich, wenn auch nicht entschuldbar erscheint, wird in der offiziösen Leistung zu einem Skandal. Damit wird abermals der Beweis geliefert, daß die untergebenen Stellen ganz offen die Politik der leitenden Zentralbehörden durchkreuzen, eine Politik auf eigene Faust betreiben, die der Politik der Leitung entgegengesetzt ist. Da ist es allerdings kein Wunder, wenn der klettische Knoten sich nicht lösen will. «» * Die Stellung der Regierung. Im Reichskabinett ist erneut die Lage iu Aurlund besprochen worden. Das Ergebnis der Erörterungen ist folgendes. Es bleibt bei dem Beschluß betreffend schlruuige RS«- mung Kurlands.' Den Osttrnppe» können andere Zufiche- runge» als dei> Soldaten der Reichswehr nicht gemacht werken. Die von den Truppen im Baltilnm aufgestellten Forderungen find zum größte» Teil unerfüllbar. Bon Offizieren wie Mannschaften ist unbedingter Gehorsam gegenüber den Befehlen der Reichs- regierung zn fordern. Ein Beharren in der Auflehnung würde de« Mbrnch der Lerbindimg, das heißt Sperrung d c r L Z h> » u u g und der Berstegung zur Folge habe», sowie strafrechtliche Irr- folgung der Schuldigen. /lrbeitsbesthaffung für Sie Kriegs- gefangenen. Die lang ersehnte Rückkehr unserer Kriegsgefangenen hat dem Reichsarbeilsministerium Veranlassung gegeben, die seinerzeit vom DemobilmachungsMinisterium erlassenen Be- stimmungen über die Einstellung, Entlassung und Entlohnung der gewerblichen� Arbeiter und der AngestMen einer durch die Zeitverhältnisse bedingten Nachprüfung zu unterziehen. Die genannten Verordnungen des Temobilmachungsministe- riums vom 4. und 24. Januar 1919 werden außer Kraft ge- setzt und an ihre Stelle tritt eine einheitliche neue V e r o r d- nung des Reichsarbeitsministers über die Einstellung und Entlassung von Arbeitern und Angestellten während der Zeit der wirtschaftlichen Demobilmachung vom 3. September 1919, die im Reichs- Gesetzbl. S. 1499 veröffentlicht ist. Das Ziel der neuen Verordnung geht auch hier wieder dahin, den Kriegsgefangenen denWiederaufbauihrer wirtschaftlichen Existenzzu erleichtern, indem der Gesetzgeber den Arbeitgebern die Verpflichtung auferlegt, die früher von ihnen beschäftigten Kriegsgefangenen wiedereinzustellen. Grundsätzlich und in erster Linle kann der Kriegsgefangene das Einstellungsverlangen an oen Arbeitgeber richten, der ihn beim Ausbruch des Kriege? be- schäftigte; doch sind in den neuen Vorschriften auch andere Möglichkeiten vorgesehen. Dießieuen Vorpchriften machen keinen Unterschied zwischen gewerblichen und sonstigen Arbeitern, z. B. in der Landwirt- oft, sie sind auch nicht auf eine bestimmte Betriebsgröße be- ränkt. Bei besonders ungünstigen Verhältnissen des Arbeitgebers, die eine Wiedereinstellung verbieten, steht im Streitfalle die Entsche'dung über die Einstellung dem Schlichtungsausschuß und Demobilmach u na s- k o m m i s s a r zu. Die Frist für die Meldung beim Arbett- geber ist für die Kriegsgefangenen und Aivilinternierten auf 6 Wochen festgesetzt worden. Die Kriefflgefongenen können sich also zunächst der Ruhe und Erholung hingeben, ehe sie sich bei ihren alten Arbeitgebern zur Aufnahme der Arbeit zu melden brauchen. Abgesehen von den Sondervorschriften für die Kriegs- gefangenen enthält die neue Verordnung allgemeine grund- legende Vorschriften über die Entlassung aller be- schäftigten Arbeiter und Angestellten, über das Verfahren bei Arbeitsstreitigkeiten und dergleichen, die wohl als Uebergangsvorschriften zu dem Betriebsratsgesetz, das der verfassungaebenden Nationalversammlung zurzeit vorliegt, anzusehen sind. -Der Verlag von Carl Heymann. Berlin. Mauerstr. 43/44, wird Erläuterungen zu der neuen Verordnung herausgeben. Er hat'S nicht so gemeint. Wir zitierten in der gestrigen Morgennummer einen Artikel d:r„Freiheit", der da« bezeichnende Geständnis enthielt, daß ganz Rußland sich in einem ähnlichen Zustand befindet, wie der vom Krieg verheerte Gebietsteil von Frankreich. Der Verfasser d«S Artikels, Georg Engelbert Graf, ist begreiflicherweise sehr mißmutig darüber, uns solches Material geliefert zu haben und betont in einer längeren Zuschrift an uns, oaß er die Sache so nicht gemeint habe. Die Zerrüttung des russi- schen Wirtschaftslebens und Verkehr« habe bereits vor der Revo- lution bestanden und beruhe auf der zaristischen Mißwirtschaft und dem Krieg.— ES ließe sich sehr wohl mit Graf darüber streiten. ob die russische Zerrüttung im Jahre 1317 auch nur an- nähernd den Grad erreicht hatte, den sie heute hat. Jeden- falls sollte doch aber der Bolschewismus, der nun schon zwei volle Jahre Rußland regiert, das Mittel sein, um das Land wieder in die Höh« zu bringen. Wenn aber selbst der Unabbängig« Gras der Ansicht ist. daß ganz Rußland heut« noch sich in dem Zustand befindet wie der vom Kriege verwüstete Teil Frankreichs, so hat er der ausbauenden Kraft des Bolschewismus damit das Urteil gesprochen, wenn er auch dieses Ziel bei seinen Ausführungen nicht im Auge hatte. Luöenüorffs letzter Sieg. Ludendorff, im Deutschen Reich nicht mehr mit schöner Bewun. derung angeblickt, gewinnt dafür im Ausland immer mehr an Schätzung. Ein so lange zur Entente geneigt-S und den Deutschen kühl gegenüberstehendes Blatt wie die Kopenhagener.Politiken" hat sich dieser Tage bewundernd für Ludendorff ausgesprochen. Ja- wohl, bewundernd! Und bei keinem anderen Anlasse als beim Er- scheinen der dänischen Auflage seines Kriegsbuche«. Es ist der erste unbestreitbare Sieg, den Ludendorff in Dänemark errungen hat. noch dazu ein Sieg ohne Opfer. Der Redakteur, der Ludendorffs Loblieb singt, mußte das Buch nicht einmal lesen. Und begann doch von ihm zu schwärmen:.Ludendorffs Worte", so las man dieser Tage in.Politiken",.bedeutet einen Rekord im Weltbuchhandel. Ludendorff, der ein Mann von außerordentlicher GeichäftSgewandtheit ist. hat selbst alle Kontrakte aufgesetzt und mit Hilfe von Dolmetschern mit den Vertretern der Ententebuchhändler verhandelt. Sine« der Länder. daS am meisten für da» Manuskript bezahlte, ist Japan. Die Buchhändler find all- gemein der Ansicht, daß Ludendo�ff für die erste Auflag« einen Reingewinn von einer Million Dollar(—20 Millionen Mark) erzielte. In keinem Falle kann der Betrag geringer sein."''/ Soweit da« Kopenhagener Blatt, dem wir die Berantworiung für die Richtigkeit seiner Behauptungen überlassen müssen. Unwahr- schein lich find sie nicht. Ludendorff ist jedenfalls in Skandinavien gewesen, als er sein Werk vollendete, ebenso wie Tirpitz seine Memoiren in Holland unterbrachte. Tin Stratege wie Ludendorff kann einen so wichtigen Borstotz nur ganz planmäßig unternehmen, und eS ist ihm zuzutrauen, daß ihm diese letzte Offensiv« gegen da« feindliche und neutrale Ausland glatt gelungen ist. Da Fach und Haig bisher geschwiegen haben, kam Ludendorff» im Stillen emsig vorbereiteter Vorstoß dem der Gegenseite überraschend. Als aber die dänischen, holländischen, englischen, sranzöfischen und japaniscken Verleger fich von Memoirenschreibern umzingelt sahen und zu ihrer Bestürzung wahrnahmen, daß der Gegner sogar schon die fertigen Uebersetzungen auffahren ließ, da fühlten die aufgescheuchten Feinde die Wucht der Ludendorff'schen Zange und e« blieb ihnen nicht» übrig, al« ihre Parlamentäre zu schicken und mit Ludendorff über die Be- dingungen zur Uebergabe seine« Manuskripte» zu verhandeln. Al« die Delegierten der Engländer. Amerikaner und Japaner hörten, daß ihnen «ine Entschädigung von 20 Millionen Mark auferlegt werden solle, da wollten fie anfänglich die Verhandlungen abbrechen, da sie an dem BerstSndigungSwillen der Gegenpartei zweifelten. Doch Ludendorfi «mtz«» die diplomatischen Verhandlungen mit den Dolmetschern der tzUteaMsche» verleg« selbst au»; ob« nach du Brest-Litow«t»r Methode mit Hvffmannschem Schwertschlag auf den Tisch gearbeitet hat oder ob er die konzilianteren Methoden der zivilen Diplomatie angewendet hat, ist noch nicht festgestellt. Jedenfalls haben die Verhandlungen mit einem der größran Siege geendet, den je ein Autor über eine kompolte Vcrlegermasse errungen hat. die Beute, die noch nicht genau gezählt werden konnte, dürfte über 20 Millionen Mark betragen. Auch steht noch nicht fest, ob die Beute in die deutsche Heimat transportiert wurde oder ob fie der Sicherheit halber vürläufig im neutraten Ausland deponiert blieb. Dieser schöne, unzweifelhafte Sieg, mit dem Ludendorff seine militärische Laufbahn vorläufig beendigt, beweist weiter, die große Ueberlegenheit des schlichten altpreußischen Geistes, den Ludendorff auf jeder Seite seines Werkes mit so beredten Worten preist. Unser Volk war vor dem Weltkrieg vom Geiste de« AmerikaniSmu« be- droht, der öde Geist idealloser Geschäftemacherei drohte da« in Gott- vertrauen und Einfachheit großgewordene deutsche Wesen zu der- fälschen, da bracht« unS der Krieg und seine schlichten Führer wieder du Erinnerung an die Einfachheit und Bedürfnislosigkeit unserer tzfltvorderen. Ludendorffs Wert knüpft an die Traditionen der Blücher, Gneisenau, Scharnhorst an, die leider keine Memoiren hinterlaflen haben. Der schöne Satz.Am deutschen Wesen wird die Welt genesen" wird durch die englische, sranzösische, japanische, italienische, rumänische, chinesische und sogar tschechische Ausgabe des Ludendorffichen Werkes erst verwirklicht. Di« Verträge mit den Verlegern der einzelnen Staaten finp rechtzeitig fertiggestellt worden. Deutschland selbst hat vor den feindlichen und neutralen Staaten seinen Borrang zu bewahren gewußt, denn hier ist dan! der Umsicht de« Verfasser« und des Verleger« Ludendorffs Werk auch in einer Luxusausgabe, in Kalbsleder gebunden, auf� Bülten« Papier gedruckt, um 400 M. zu haben. Jeder, der noch Sinn für altpreußische Schlichtheit, wird nach Ludendorffs Werk in der Pracht- ausgab« greifen. Michael Kohlhaas. Schwarz-rot-golü im Sturmjahre. An Adolf P i ch l e r, den Tiroler Dichter, der seine Heimat in di« deutsche Literatur eingeführ tchat, erinnern wir uns tn diesen Tagen, anläßlich seines 100. Geburtstages, mit schmerzlichem Ge- die deutsche Literatur eingeführt hat,«rinnern wir unS in diesen an Italien ausgeliefert. Pichler war ein wackerer 18er. In seinem auwdiographischen Buch„DaS Sturmjahr" hat er ergreisend di« Gefühle beschrieben, die ihn erfüllten, al« zuerst die schwarz-rot- goldene Fahne vom ItephanSturm in die Morgenlust wehte. ES war ihm und den gleichgesinnten Studenten wie ein Märchentraum. „Mr beschlossen sogleich unter Absingung des Liedes:„WaS ist des Deutschen Baterlandl" auf den StephanSplatz zu ziehen Der blgur Lenzhimmel strahlte auf un» nieder, die Fahnen wogten und fiatdkrtes tn Zuge» Glockengeläut« Lang uns entgege», Mit welch ergreifender Gewalt stiegen die Töne deS deutschen Liedeö empor! Von da auf den Buraplatz. Auch hier pflanzten wir die Fahne auf. Die deutsche Fahne auf der Kaiserburg zu Wien! Wir breiteten unsere Arme, di« Bewegung erstickte jeden Laut, nur ein Gefühl, ein Gedanke: Deutschland, Deutschland!" Zu dieser schwarz-rot-goldenen Fahne, die in den Zeiten der Reaktion dann für hochverräterisch galt, hat Pichler sein ganzes Lehen hindurch unentwegt gestanden. Schwer drückte den aufrechten Mann die Reaktion nieder; wo es noch für die Freiheit zu kämpfen galt, wollte er dabei fein und fuhr 184g nach Kiel, um für SchleSwig-Holstein zu kämpfen. Traurig mutzt« er umkehren, und nun steht er als ein verdächtiger Verschwörer unter Polizeiaufsicht, wird als Lehrer am Jnnsbrucker Gymnasium angefeindet und erlangt erst nach vielen Schwierigkeiten das Amt als Professor der Geologie an der Jnnsbrucker Universität, das ihm seiner wissenschaftlichen Bedeutung nach seit langem gebührte. Durch ferne Dichtuneg ist Pichler untrennbar mst dem ganzen Tirol verbunden. Kaan man von üer Lost leben! Der Gewohnheitsmensch wird die Frage voreilig mit nein be- antworten. Und doch leben wir eigentlich nur von Lust. Wir wollen vom Sauerstoff, den wir zum Atmen unbedingt nötig Heren, einmal ganz absehen, dann bleibt Stickstoff und der Kohlensäure- gehalt der Luft ührig. Den Stickstoff verwandeln wir heute bereit» auf die verschiedensten Weisen in Verbindungen wie Salze der Salpetersäure, die wir als Düngemittel der Mutter Erde zuführen und dadurch den Pflanzen die Möglichken geben in ihrem Körper daS Eiweißmolekül aufzubauen. Nun sind aber die Pflanzen die einzigen tatsächlichen produktiven Eiweißquellen, über die wir ver- fügen, denn alles übrige Eiweiß, also das tierische Eiweiß, da» wir glS Fleisch genießen, geht auf diese» pflanzliche Eiweiß zurück. Die Kohlensaure der Lust saugen die Blätter der Pflanzen unter der Einwirkung des Lichtes und unter Mithilfe des Blattgrüns oder Chlorophylls auf und bilden daraus Stärke. Zucker, Fett. So- mit hgten wir tatsächlich alles, was wir zum Leben brauchen, der Luft entnommeil. Aus Stickstoff, Kohlensäure und Wasser baut sich die Pflanze auf und liefert dabei mittelbar oder unmittelbar Nahrung und Kleidung. Denn auch die Kleidung, die der Mensch braucht, entstammt letzten EttdeS der Luft, denn entweder besteht fie unmittelbar, wie beim Lein, Flachs, bei der Baumwolle und auch bei dem neuesten Spinnstoff, dem Papierstoff, aus Pflanzen- fasern oder fie ist unmittelbar auf die Pflanze zurückzuführen. Denn die Wolle, die das Schaf liefert, ist genau so wie die Seide, di« die Raupe liefert, au« pflanzlichen RahrungSstoffen aufgebaut. Essen und Kleidung allein genügen aber dem modernen Menschen nicht, er iraucht noch eine Kraftquelle, um die vielen Umwandlungen de» täglichen Leben» vornehmen zu können. Die hauptsächlichst« Kraftquelle ist aber die Kohl«, und auch dies«.Kohle ist wiederum nichts anderes al« die Ueberxeste der Kohlensäure der Luft, die vor Violen tausend Jahren Pflanzen in sich aufgespeichert haben. Man law» also sicher jage», der Mensch jabt pou der Lust.....____ €mfö»enten gegenüber Rumänien. Svt Verfügungvi des Obersten Rotes der Alliierten bezüglich RmnänienS wurden auf eine Mitteilung der rumänischen Unter- dändler in Boris. d>iß die rumänische Regierung die Koten de? Obersten RatrS nur aus Zeitungen kenne(!), gründlich abgeändert. ■ In einer Zusa»n««nkunft am Donnerstagmorgen nahmen die Berrreter der Grc'f-.lachle Kenntnis von einer Note des Vorsitzenden der rumänischen Delegation, mit der«r den Obersten Rat benach- richtigt, daß er Mittwochnachmittag ein Telegramm BratianuZ er- balten Hab«, in dem dieser erklärt, daß er biL zum 31. August keine der vom Obersten Rat au Rumänien gerichteten Noten erhalten habe, deren Inhalt er nur aus durch Funkspruch übermittelten Ze> rungSauSzügen kenn«. Bratianu erklärte: Die rumänisch« Regierung ist davon über- zeugt, daß sie der Sache der Alliierten einen außerordentlichen Dienst leistete, indem sie den Bolschewismus in Ungarn niederkämpfte. Die Rumänien auferlegten Bedingungen, die keine Rück- sich auf seine Opfer an Menschen und Material nehmen, haben zur Folge, daß die rumänische Regierung die Vorteile in Betracht ziehen muß, d« sie hätte, wenn sie ihr« Truppen hinter den Dnjester zurück- ziehen und jegliche Verantwortung ablehnen würde für den Zustand von Verwirrung, in dyn dieser Teil Europas durch die �Mitzhellig- leiten zwischen Reaktionären, Bolschewisten und Rohalisten geraten würde. Nach einer Reutermeldung wird der englische Abgesandte in Bukarest sowohl eine Abschrift der an ihrem Bestimmungsort nicht eingetroffenen Note als auch eine neue Note überreichen, die, obwohl sie der Form nach kein Ultimatum bedeutet, nichtsdestoweniger der rumänischen Regierung eine ernste Warnung erteilt. Tie Angabe, daß Rumänien die Noten der Alliierten nicht be- kommen hat, klingt sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, daß die Entente es nicht auf einen Zwist mit Rumänien ankommen lassen will und Grund zur Milderung ihrer Forderungen sucht. Sembat über üen Lrieöensvertrag. Zu der Erörterung des Friedensvertrages nahm am Freitag Sembat das Wort. Er sagte: Er sei der Ansicht, daß die 14 Punkte Wilsons das ganze Ideal Frankreichs enthielten. Es sei genügend, aus Danzig einen Freihafen zu machen, um den Polen einen Zugang zum Meere zu geben, ohne Preußen entzwei- zuschneiden. Der Redner sagte, daß neben militärisches Ga- rannen auch moralische Garantien notwendig seien. Frank- reich müsse Deutschland daran hindern, auf die Alldeutschen zu höre«. Er begrüßte unter dem Beifall der ganzen Kammer die Union der beiden großen Demokratien Frankreich und England. Er bedauerte, daß der Vertrag keine allgemeine Abrüstung fordere und fügte hinzu, daß sich alle Nationen — ob befreundete oder feindliche— vereinigen sollten, um die dura, den Krieg entstandene Finanzkatastrophe wieder qutzumachen. Er forderte, daß ein Urteil über die Verantwortung am Kriege ijn Namen aller Völker gefällt werde.(Beifall auf der äußersten Linken.) der Zrleöensvertrag im Senat. Bersailles, 6. September. Fm Friedensausschuß des Je n a t S verlas der Generalberichterstatter Leon Bourgeois seinen Bericht über das Statut des Völkerbundes sowie über die finanziellen und die Wiedergutmachungsklauseln. Der Fne- denSauSschuß wird vom Präsidenten des Senats verlangen, eine Sitzung am Montag anzuberaumen, um den Gesetzentwurf be. treffend die Ratifizierung entgegenzunehmen. der Termin für Gefterreich. Kvrrdnreau meldet: Der Oberste Rat hat dir Frist für die An- »ahme oder Ablehnung de« deutschösterreichischen Friedensvertrages um zwei Tage bis zum 9. d. Mts. verläogert. H Notizen. — Theater. In her Volksbühne wird Georg Kaiser? Svbnenspiel„Die Bürger von Calais" die erste Erstaufführung dieser Spielzeit sein.— Im Lessing-Theater geht Mqntag, den Sept., in Abänderung de» Spielplanes. Anton Wildzans Tragödie„Liebe" in Szene.— In den Kammer- 'vielen geht Montag Hebbels a r i a Magdalena" neu- einstüd:«rt in Szene. Maria Fein spielt zum ersten Male die Klara. — Das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater er- öffnet seine Winterspielzeü aal Sonnabend, den 6. September, mit der Operette.W«inende Erben*.' — Ein.Reichsbund tür Volksbühnen spiele", der vgn den Delegierten des Verbandes der Privat-ZHeatervereine Deutschlands gegründet worden ist, soll am 1. Januar 192l> ins Leben treten. Er will die dramatischen Laienvereine heben. — Die Rückkehr des Genter Altars. Die Teile des Genter Altars der Brüder van Eyck, die beim Einrücken der Deur- scheu vom Altar der St. Marc-Kirche in Gent verschwunden waren, sind jetzt wieder an ihren Platz zurückgekehrt. Und in nicht zu serner Zeit dürften auch diejenigen Teile d«S altniederländischen Wunderwerkes, die heute noch im Berliner Kaiser-Frisdrich-Museum hängen, gemäß der Forderung der Belgier an ihren Platz zurück- kehren müssen, wo sie seit Jahrzehnten durch Kovieu ersetzt sind. — Erotische Privatdrucke sind die jüngste Errungen- schaft spekulativen VerlegertumS. In luxuriöser Ausstattung, zum Teil mit Originalgrophik. werden sie angeboten. Der„Privat"- druck besteht einzig und allein in einer Hochschraubung der Preise. Wer sich an diesen Genüssen beteiligen will, muß hübsche Summen aufwenden(was für Erotomanen und exklusive Büchernarren natürlich ein neuer Reiz ist). Ein Verlag kündigt ganze Serien an. 'die den lockenden Namen„Der Venuswagen" führen. Das einzelne Buch kostet nur lW M. lBorzugSdruck 650 M.). Das Prospektbuch, das man sonst doch gratis bekommt, wird mit 50 M. berechnet. Künstler von Nomen liefern Text und Bilder. Die Frage ist: sind diese Veranstaltungen von künstlerischem und sonstigem Wert. Wenn ja. warum werden sie zum Gegenstande solcher Spekulativ- nqn(materieller wie erotischer Art) gemacht? Ein anderer Verlag liefert«m Buch, dessen Helden geradezu in erotischen Vorstellungen schwelgen, wenigsten? ohne das Brimborium des Privatdruckes uno zu erträglichem Preise. — De x„Fra nzösi sche Fried e".„Ich möchte wissen." schiebt Clement Vautel im �Journal",„was in aller Welt die großen Reden sollen, die jetzt unsere Abgeordneten üher den Friedensvertrag halten. Zugegeben: der Vertrag ist nicht voll- kommen. Der vollkommen? Vertrag müßte so aussehen: 1. Ave Franzosen erhalten ein« jährliche Rente von 21000 Fr. 2. Die Franzosen brauchen nicht mehr zu arbeiten. Sie verbringen ihre Zeit im Kino und subeln hier unaufhörlich dem Einmarsch der sieg- reichen Truppen zu. 3. Deutschland, dessen Nähe ein wenig peinlich ist. wird obne Waffen und Gepäch nach Ztemtschatka abtranSpert'' Leider haben unsere Diplomaten, die nun einmal die einfachst. Sachen in Verwirrung bringen, dtesen Friedensvertrag mchi abge» schlössen, llnd sind unsere Abgeordneten jetzt so redselig..." Sowjet-Ruß!anö an Persien. � (Eigener D r ah t b e i i ch t des.Vorwärts �' Koyeuhagc», 5. September.„Politiken" meldet aus Hel- singsors: Der bolschewistische Kommissar des Aeußern Tichilicherin über- miltelte Pelsien eine Note, die besagt, dag die Räleregierung das »bkommen zwischen England und der Regierung des Schahs nuhl anerkeni e. Gleichzeilig annulliert die Rätcregierung alle früheren von Pcrfte« au? der Zeit der Zarenherrschaft getätigten Verträge. Die Räleregicrung erklärl terner das Ka'psiche Meer für neutral und überläß: die persi'chen Haien. Wege. Eisenbahnen und Postan- stallen, die früher England gehörten, dem petsischeit Volke. Kiew von denikin eingenommen. Hollimdich RteuwSburean meldet au? London: Die Einnahme von Kiew durch die Truppen DenikinS wird bestätigt. Der Fall der Stadl wurde zweifellos durch die Zusammen« Wirkung DenilinS mit Pellura erleichtert. K leichzeitig fand ein Angriff gegen die Bolschewiki nordöstlich von Charkow statt, der erfolgreich ausfiel. Ein zweiter Angriff erfolgte aus dem rechten Flügel von Wolschensl. Die Bedrohung Charkows durch die Bolschewiki ist dadurch beseitigt worden und der linke Flügel des Heeres Deniktns wieder gesichert. Oer estnische Hewerksckastskongreß aufgelöst. (Eigener Drahtbericht des„Vorwärt S".) Kopenhagen, 5. September. Wie das hiesige estnische Presse» bureau miiteilt, begann vor einigen Tage« in Reval der Kon« greß der estbnlschen Gewerkschaften. Mit Hilfe der Sozialrevolutionären glückte es den bolschewistischen Elementen, den- ielven zu iprengen, so daß die sozialistischen Abgeordneten den Kon- greß unter Protest verließen. Da die Versammlung alle gegen die remokraitiche Regierungsform des Landes gerichteten kommunistischen Rewluiionen annahm, wurde der Kongreß von der Regierung ans- gelöst und 102 Deputierte, alles Mitglieder der ungesetzlichen Kom« munistiichen Partei, verhaftet und des Landes verwiesen. Sie wurden über die Grenze nach Sowjet-Rußland geführt. Kurz nach Eröffnung des Bergarbeiter- Kongresses wurde eine den estnischen Bolschewisten gehörende Gehetmdruckeret aufgehoben. Die Kämpfe üer englischen Arbeiter. Aus London wird gemeldet: In der Versammlung der Lon- doner Bergarbeiter, Eisenbahner und Transporiarbeiter, der etwa 300 Vertreter beiwohnten, wurde Freitag vormittag über die Frage des Streiks beraten. Bekanntlich hat der BollzugSrat dieser drei Verbände den Gedanken abgelehnt, aber die Berg- arbeiter bleiben auf ihrer Forderung nach einem Streik besteben. In der Beratung wurde vorgeschlagen, die Besprechungen öffentlich zu führen. Dei Antrag wurde jedoch mit großer Mehrheit ab- gelebnt. Das Ergebnis der Beratungen ist unsicher, da die Berg- arbeiter, wie erwävnt. das direkte Verfahren verlangen, während die Transportarbeiter dagegen sind. �Die Entscheidung- muß daher von den Etsenbahnangestellten kommen, deren Ansichten geteilt find. Streik im Oubliner Hafen. AuS Dublin kommen Nachrickien. daß durch einen Streik der Hafenarbeiter in Dublin eine ernste Lage hervorgerufen worden sei, da sich jetzt auch die Arbeiter der sechs großen Werk«, die sich mit der Schiffahrt zwischen England und Irland befassen, dem Streit angeschlossen haben. Wenn nicht bald eine Lösung gefunden wird, muß der ganze Hafen von Dublin geschlossen werden. Auch die TranSozeandampser, die jetzt in Dublin liegen, werden wahrjchein- ltch nicht ausfahren können._ Auflösung der italienischen Kammer. Bern, 5. September. Wie„Tccolo" aus Rom erfährt, plant Ministerpräsident Nitti, die Kammer am 24. September anszu- löse». Vis zu diesem Tage müsse der Versailler Vertrag von der Kammer ratifiziert werde«. Um üen fichtftunüentag. Passive Resistenz der römischen Postbeamtem. (Eigener Drahtbericht des„Vorwärts".) Rom, 5. September. Seit dem 4. September betätige» die Post-, Telegraphen- uud Telephonbeamten passive Resisteoz, d. h. sie gehen wohl zur Arbeit, weigern sich jedoch, ihren Dienst zu tun. Die Neaplrr Postbeamten haben sich ihnen angeschlossen. Sie fordern den Achtstundentag statt der bisherige« zehnstündigen Dienstzeit. verbot sozialistischer Jugenütagungen. (Eigener Drahtbericht des„Vorwärt S".) Lern, L. September. Die KantonSregierungen Zürich, Aargau. Turgau, Zug haben die Abhaltung des für die nächste Zeit in Aussicht genommenen Jugendtages verboten. Die Züricher Arbeiterschaft will versuchen, ihn trotzdem abzuhalten. Generalaussperrung der Uhreuarbeiter. AlS Gegenmaßregel zum Bieler Nhrenarbeitcrstreik habe« die Westschweizer Uhrensitbritanten dir Geaeralaussperrung auf Montag beschlossen. Bon ihr werden 23 000 Arbeiter betroffen. Internationale Buchdruckerkonfcrenz. Die internationale Buchdruckerkonscrenz ist aus den 24. Gep- tcmber nach Luzern einberusen. Der Schweizer Typpgraphenbund hat die Borberettungsarbeiten zu ihr übernommen. Gegen Wilson. Hollandsch Nieuwsburcau meldet aus Washington: Der Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten hat die vier bekannten Beschränkungen des Völker- bundsplanes angenommen und das gesamte Ab- kommen dem Senat überwiesen. Der Bericht der Majorität tvird am Montag, der der Minorität später veröffentlicht werden. Damit hat sich der Senatsausschuß in Gegensatz zu Wilson gestellt, der unveränderte Annahme des Friedetrsver- träges mit den Völkerbundsporagraphen verlangt. wenig Getreide aus Amerika. Bern, 5. September. Nach der„Pcrseveranza" sollen die Bereinigten Staaten dem interalliierten WirtschaftSrat mitgeteilt haben, daß die Getreidelieferungen päd) Europa eingeschränkt werden müßten. Es könne nur dir Hälfte der ge- planten Menge, und zwar bereits zu Mehl vorarbeitet, ausge- führt werden. Der Eid auf die Verfassung. Die Vereidigung der Beamten i» den»ichs z e u:' werden ist bislang fast allgemein dvrcV:••v; vm...dneten Stellen ist die wizigi......•i:j er.Vv' Weitete Ver- >•■■j"■'•: stp" D.•; d- Tr.dl v. � Kommende Gesetze. Da? RetchSmtnisteriumdes Innern hat sernen Wir- kungskretS im Zusammenhang mit dem Inkrafttreten der neue» Reicksverfassung außerordentlich erweitert. Folgende Besetzesvor- lagen sind, wie die„Deutsche Allgemeine Zeitung" erfährt, dem zurzeit in Bearbeitung:. 1. Ein Reichsgesetz zum Vollzug des Art. 13. Ms. 3 über ö\t Konkurrenz von Reicb�esetzen mit LandeSgesetzen. 2. Das Reichßgesetz über den S t a a t s g e r ich.t» h o f. 3. Der Entwurf des Reichs wa h l g e s e tz e s in Verbindung mit dem Gesetz über die Wahl des Reichspräsidenten und über die Volksabstimmungen zur Biltv--!»euer Einzelitaaten. 4. Das Gesetz über das RetchSoerwaltungSgericht. gemäß Art. 81. 5. Das Gesetz über die Diäten und die freie Fahrt der Abgeordneten, Art. 40. 6. Das RsichSbeamtenzesetz. 7. Das Gesetz über daS Recht der öffentlichen Beamten, die nicht Reichsbeamte sind. 8. Das Gesetz über daS Einschreiten de: bewaff- n e t e n Macht(im Einvernehmen mit dem Retchslrehrministerium und ReichS-Justizministerium). 9. Bestimmungen über die Reichs- und Staatsan- gehörigkeit. 10. Aenderungen der bestehenden Verordnungen über die F rnr. zü g i gke t t. 11. Das neu« Reichsgesetz über das AuSwandcrungs- 'l2. Regelung der Lichtspielzensur gemäß Art. IIS Abs. 2 durch Reichsgesetz oder Landesgesetz. IS. Ein Gesetz zur Bekämpfung der Schund- und Schmu tzltt zratur, sowie über den Jugendschutz bei öf-N sentlichen Schaustellungen. 14. Reichs- oder landesgesetzliche Matznahmen gegen die Verwahrlosung der Jugend. 15. Ein Gesetz über die Anmeldung öffentlich:rVer» sammlungen unter freiem Himmel. 13. DaS Gesetz über die StelluUg des Religionsunter- r i ch t s in den Volksschulen. Zur Bewältigung dieses großen Programms ist im Reich»- Ministerium des Innern eine eigene Abteilung III für kulturpolitische Maßnahmen unter Leitung des Unter- staatSsekretärS Schulz gebildet worden. Mecklenburg voran! Es ist keine Ironie, sondern Wahrheit. Durch die branden- burgische Reichswehrbrigade wurde vor kurzem der Major Lange gematzregelt, weil er in die Leitung deS Repu- blikanischen Führerbundes eingetreten war. Trotz öffentlicher Beschwerde ist von einer Wiedergutmachung dieses un- erhörten Mißgriffes bisher nichts zu hören gewesen. Jetzt ist Major Lange von der mecklenburgischen Regierung zum Leiter der gesamten Sicherheitspolizei des Freistaates be- rufen worden. N Mecklenburg gibt hier ein für Preußen beschämende? Beispiel. Aber damit ist der Fall Lange für uns nicht erledigt: Wir der- langen zu wissen, welche Schritte vom Reichswehrminist«- r i u m unternommen sind, daß derartige Maßregelungen sich nicht wiederholen und in welcher Weise die Urheber dieser Matzregelung für ihr Vorgehen zur Verantwortung gezogen worden sind. Diese ' Frage erscheint um so notwendiger, als auch in dem Fall der Maß- regelung des gleichfalls dem Republikanischen Führerbund ange« hörenden Hauptmanns Etscheidt bisher noch keine Remedur eingetreten ist. Hauptmann Etscheidt mußte gehen, weil er sich offen als Republikaner bekannt«, sein vorgesetzter Major aber, der .es liebt, von der Regierung in den kräftigsten Schimpfausdrücken zu reden, ist nach wie vor aus seinem Posten. Die deutsche Rheinpfatz. Mauuheim, 3. September. Die Pfalz-Zentral« meldet:«m 4. September fand in Frankenthal die erste große öffentliche politische Versammlung statt, zn der s ä m t l i ch e P a r t e i e n eingeladen hatten und die eine» gewaltige« Besuch zu verzeichne» hatte. Der mehrheitssozialistische Abgeordnete Profit sprach scharf gegen die Loslösungsbestrebungen der Haas und Genvffen. Möglicherweise bedeutet diese erste geuchmigte politisch« Secsamm- lvng eine Abkehr der Franzosen von ihrer bisherigen Politik. Alle Redner endeten damit: Gebt de» Psülzern Rede, und Bersamm- lungSfreiheit. Eine Resolution in diesem Sinne wurde von den Tausenden von Versammlungsteilnehmern einstimmig angenommen. Am Sonntag finden ebensolche Versammlungen in S v e 0 e r und Neustadt an der Haardt statt, denen sich solch« in Zweibrücken, Kaiserslautern, Pirmasens und Landau anschließen werden. Warnung! Polnisch« Behörden haben aus den Beständen der ReickSbank- Nebenstelle Hoheniaiza RetchSbanlnoten zu 50 M. vom 20. Ottober 1918 widerrechtlich beicklagnabmt. Die Roten waren von der Nebenstelle durch Aufdruck des DicuststempelS besonders kenntlich ge- wacht. Mit Rücksicht, hierauf sind die sämtlichen Reichsbonkanstalten angewiesen worden, bei Vorkommen solcher Noten den Ein- l i eff e r e r s e st z u st e l l e n und den Betrag einstweilen nicht aus- zuzahlen, sondern die Noten zur weiteren Entscheidung an da« Re'chsbanldtrektorium in Berlin einzusenden. Dem Pnbliknm kann deshalb nur empfohlen werden, die Annahme derartiger,«it dm Dieuststewpel gekennzeichneter Noten zu verweigern. Der Glaube an die Kuechtsnatur. Dia reaktionäre.Post" gibt mit Begeisterung Zitate aus den Kriegsbetrachtungen, die der frühere Generalquartiermeister und Kriegsministar v. Stein hat erscheinen lassen. Ein Zitat besonder« gefällt ihr so gut. daß sie es als Abschluß an das Ende des Artikels setzt, EL lautet: „Der Deutsche kommt nicht zur Ordnung und erst recht nicht zur Größe außer durch de« Zwang einer überlegenen und ziel- bewußten Macht, die ihn destimmt nnd führt und seine Eigen- b r ö d e l e i und Starrköpsigkeit zur Einheit zwingt" Dieser Satz zeigt, daß die Grundlage der alldeutschen Politik immer noch der Glaube an die deutsche Knechtsnatur ist,«in Glaube, der allerdings feit dem 9. November l9l8 den Herren vergangen sein sollt«. Aber es ist da« geschichtliche Pech gewisser Herrscherkasten, daß sie nichts lernen. Neuseeland ratifiziert.„Alaemeen Handeisblad" zufolge hat Neuseeland als erstes vr i t i sch es Dominion den Friedensvertrag mit Deutschland ratifiziert. Die Neuwahlen in Preußen. Eine Korrespondenz meldet, die Neuivahlen in Preußen sollen unter allen Umständen erst nach den Neuwahlen im Reich vorgenommen werden. Da die Berfassungs- debatten in der preußischen LandeSversammlung den ganzen Winter dauern lverden. ist an«ine Verabschiedung der Verfassung erst im Mär, zu rechnen, so daß frühestens nach Ostern"Meuwahlen statt- finden könnten. Viel früher werden die neuen Grenzen Preußens -n Schlesien, Ostpreußen und Schleswig-Holstein auch nicht seit- j.eh-u. SewerkschaflsbewMng Gegen die Grganisationszertrümmerer. Immer mehr dringt die Erkenntnis durch, daß das Hin- eintragen der politischen Streitigkeiten in die gewerkschaft- lichen Organisationen deren Stoßkraft lähmt und letzten Endes zur Zersplitterung der Organisation führen muß. Anzeichen dafür machen sich jetzt schon in eini- gen Organisationen bemerkbar. Der Vor st and des Deutschen Bauarbeiter- Verbandes veröffentlicht aus den oben skizzierten Grün- den m der neuesten Nummer des„Grundstein" einen Auf- ruf„Gegen die Umtriebe in unserem Verband", in dem er zunächst darauf hinweist, daß der Verband die Verbesierung der Lohn- und Arbeitsbedingungen und die Hebung der Lebenslage seiner Mitglieder sich zum Ziel gesetzt. habe. Der Verband war seinen Mitgliedern gegenüber neutral. Jedes politische oder religiöse Bekenntnis fand Raum, wenn nicht gegen die Statuten und die Beschlüsse der Verbandstage verstoßen wurde. Diese Stellung war not- wendig, da sonst die Zusammenfassung der deutschen Bau- arbeiter in einer Organisation unmöglich ist. Mer seit der politischen Zersplitterung in der politischen Arbeiterbewe- gung sei eine Aenderung eingetreten. Dann heißt eS in dem Aufruf: „©chon vor unserem Verbandstage in Weimar haben Ver- bandSmitglieder, die sich für politisch radikal halten, ihre Absicht kundgegeben, BerbanvSkollegen wegen ihrer politischen B e- t ä t i g u n g aus dem Verbände zu entfernen. Dem Verbands- tag selbst lagen Anträge auf Ausschluß einiger der verdiente- sten Führer und Organisatoren der deutschen Bauarbeiter wegen ihrer politischen Haltung im Kriege oder wegen Unterstützung der bürgerlich-sozialistischen Regierung bor. Ferner Anträge auf Ausschluß jener Kollegen, die als Soldaten im Dienste dieser Regierung stehen. Der Verbandstag ist über diese Anträge mit großer Mehr- he it ohne Diskussion zur Tagesordnung übergegan- gen.... Trotz dieser klaren Sachlage wird innerhalb des Ver- bandeS fortgesetzt gegen den Verbandsvorstand gearbeitet und gegen die Beschlüsse des BerbandstageS und des Gewerkschafts- tsngresseS verstoßen. Radikal� Agitatoren arbeiten auf einen Zusammenschluß der Opposition im Verbände und damit letzten Endes auf die Sprengung de? Verbandes hin. Man schließt Mitglieder, die sich gegen den Verband nichts haben zuschulden kommen lassen, wegen ihrer politischen Betätigung aus dem Verbände aus und weigert sich, der Aufforderung des Verbandsvorstandes nachzukomme», derartige Beschlüsse wieder aufzuheben. Man maßregelt ehemalige Angehörige der Reichs-, Sicherheits- oder Einwohner- wehren auf den Arbeitsstellen und schädigt damit den Verband, indem man ihn zwingt, den Gemaßregelten die statutarische lln- terstützuntz zu zahlen. Man beschließt MißtrauenZresolutionen gegen die vom Verbandstag mit übergroßer Mehrheit eingesetzte Verbandsleitung. Man droht ferner mit der Einstellung der Beitragszahlung, wenn der Verbandsvorstand nicht gegen Statut und Verbandstagsbeschlüsse handeln will, und ein Verein hat sogar schon den Rücktritt des Verbandsvor- stand« S gefordert, weil er in Nr. 81 des„Grundstein" «klärt hat. daß er auf Grund der Beschlüsse des VerbandStageS und des Gewerkschaftskongresses alle.Sollegen aus dem Verbände ausschließen müsse, die Berbandsmitglieder wegen ihrer poli- tischen Gesinnung oder Betätigung maßregeln. Der BerbandSvorstand kann diese gegen baS Statut und die BerbandStagSbeschlüsse sowie gegen die Beschlüsse des Gewerk- ichaftSkoagresses verstoßenden und auf die Zerrüttung deS Ber- band«» abzielend« Treibereien nicht lünger dulde«. Er«nß fordern, daß de« Beschlüsse« des BerbaudStage» und deS Gewerkschaftskongresses Folge geleistet»nd daß da» BerbandSstatut al» allgemein gültige» Gesetz de» Verbandes au- erkannt wird. Wer das Statut nicht als rechtsverbindlich für sich anerkennt, wer gegen die BerbaadStagsbefchlüfle verstößt und auch einer Aufforderung deS BerbaudSvorftaudeS. die Berbandstagsbefchlüsse einzuhalten, nicht nachkommt, stellt sich außerhalb des BerbaavcS und hat jedes Recht au den Verband verloren, ganz gleich, ob eS sich um ein einzelnes Mitglied, um Mitgliedergruppeu oder um ganze Bereine handelt. Im Falle sich ganze vereine durch ihr Handel« außerhalb des Verbandes stelle«, ist der Berbaudsvorstand gezwungen, sie aufzulösen und diejenige« Mitglieder, die das Statut und die Berbandstagsbefchlüsse als rechtsverbindlich für sich anerkennen, ia neue« Vereine« zusammenzufassen." In seinen weiteren Darlegungen betont der Verbands- vorstand, daß der Gewerkschaftskongreß in Nürnberg das frühere enge Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozial- demokratischen Partei Deutschlands g e l ö st und die v ö l- lige Neutralität der Gewerkschaften gegenüber den politischen Parteien erklärt hat, um ein friedliches Zu- sammenarbeiten der Anhänger aller politischen Rich- t u n g e n in den Gewerkschaften zu ermöglichen. Unter die- sen Grundsätzen könnten die Anhänger aller politischen Richtungen leben, wenn sie sich von gewerkschaftlichen Grundsätzen, nicht aber von parte politischer Le i d e n s ch a f t leften lassen. Wik wollen mit dem Verbandsvorstande der Bauarbeiter — ähnlich liegen die Dinge in einer ganzen Reihe anderer Gewerkschaften— hoffen, daß der notwendig gewordene Schritt bei den Mitgliedern das nötige Verständnis findet. Wer auch nur einigermaßen mit den Grundsätzen der gewerk- schaftlichen Organisation vertraut ist, wird anerkennen müssen, daß zu einer fruchtbringenden Arbeit die frei- willige demokratische Unterordnung unter die gefaßten Beschlüsse ist. Das wäre ein übles Geschenk der Revolution, wenn in der Zukunft das fressende Gift der inneren Zerfleischung die deutschen Arbeiterorganisationen heimsuchen würde: zum schweren Schaden der Arbefter, zur innigen Freude des Unternehmertums! S. verbanöstag der Gemeinde- und Staatsarbeiter. Nürnberg, 4. Sepiemb« 1910. Am Nackmittag des dritten VerhandlungStageS hielt Verbands- Vorsitzender Heck mann-Berlin sein Referat über:„Die tarifliche Reuordnung der Lohn- und ArbeitSverhäliiuffe in Gemeinde- und Staatsbetrieben". Den Ausführungen des Redners liegt eine Snt- schlietzung zugrunde, in der in dem Abschluß von Tarifverträgen mit den öffentlichen Behörden ein aee-gnetes Mittel erblickt wird, um die einseitige, diktatorische Festsetzung der Lohn, und Arbeits- bedingungen durch den Arbeitgeber und seine Org rne zu beseitigen und das Mitbestimmungsrecht de: Arbeiter zur Gelt rnq zu bringen. Weiter billigt die Einschließung die abgeschlossenen T rrifoerträze und fordert ihren Ausbau zu Reichstorifvcrträgen. In den«in- zelnen Orten werden Abschlüsse von Einheitsverträgen, die alle Betriebe der Gemeinde umfassen, gefordert. In der Debatte erklären sich die meisten Redner mit der Tarif politik einverstanden, auch damit, daß man einen ein- heitlichen Reichstarif anstrebe, nur dürfe dieser Reichstarif nicht die Errungenschaften bei den einzelnen größeren und fortschrittlicheren Gemeinden über den Haufen werfen. Ein anderer Redner wünschte bessere tarifliche Regelungen für die Staatsarbeiter. Di« vor- liegende Entschließung wurde gegen wenige Stimmen angenommen. Der vierte VerhandlungStag begann mit einem Referat D i t t. merS über:„Di? SozialisierungSbestrebungen in Staat und Ge- meinde". Elektrizitäts-, Gas- und Zlebenprodukte seien neben den einzelnen Industriezweigen für die Sozialisierung reis. In sozial:- reden Betrieben könne auch die Produktivität gesteigert werden, desbalb sei auch ein weitgehender Einfluß der Betriebsräte nötig. Diese Räte müßten aber unter dem Einfluß und der Kon- trolle der Gewerkschaften stehen. Die richtige Schulung dieser Betriebsräte sei eine der wichtigsten Aufgaben der Gewerk. ichaften. Die Einordnung in den Arbeitsprozeß, die Arbeits- disziplin, Arbeitspflicht und höchste Arbeitsleistung seien mit die ersten Erfordernisse für die volkswirtschaftliche Entwicklung im Sinne des Sozialismus. Während der kapitalistische Betrieb das Prinzip hat, Mehrwert« herauszuholen, müss« der. sozialisierte Be- � trieb die Bc darfSwirtschaft durchsetzen, lftn der Soziali- sierung die A-'ge zu ebnen, solle man weniger diskutieren, dafür mehr Taten und Willen zeigen und alle sozialistischen Kräfte sich für eine schnell« Soziakisierung einsetzen. Die Arbeiter eines sozia- lisierien Betriebs dienten der freien Volksgemeinschaft. W e i g l- München bespricht den Gesetzentwurf über die Be- triebsräte und unterwirft denselben einer scharfen Kritik. Derselbe soll jetzt durch den Staatenausschuß noch weiter verschlechtert. werden. Dagegen müsse sich die gesamte Arbeiterschaft ohne Unter- ichied der Ricktungen in gescklossener Abwehr zusammenfinden. Redner warnt aber vor der politischen Machtausgestaltung der Räte, die ein so schlimmes Beispiel in München gegeben hätten. Die Diskussion wird vertagt. Zum Streik im chemischen Großhandel. . Die Streikenden nahmen gestern Stellung zu den Ergebnissen der Verhmrdlungen vor dem SckftchtungSausschuß im Reichsministerium. Die Angestellten erklärten sich mit dem Ergebnis deS Schiedsspruchs einverstanden. Auch die Arbeiter stimmten den Vereinbarungen ihrer Gewerkschaftsleitung mit den Arbeitgebern und in den beiden stdttig gebliebenen Punkten dem Ergebnis des Schiedsspruches zu. Gemeinsam wurde dann der Be» schluß gefaßt, die Arbeit am Sonnabend früh wieder aufzu- nehmen, in der Voraussetzung, daß die Arbeitgeber auch den Schiedsspruch für die Angestellten anerkennen. Gegen 3 Stimmen wurde folgende Resolution angenommen: „Die am Freitag, den 5. September, im„Königstadt-Kafino" versammelten Angestellten stellen sich auf den Boden des gefällten Schiedsspruches und erwarten von den Arbeitgebern die Anerken- nung desselben. Sollt« da? nicht geschehen, �dann erwarten die Angestellten die Berbindlichkeitserklärung des Schiedsspruchs durch die Behörden. Unter dieser Voraussetzung erklären die streikenden An- gestellten, die Arbeit wieder auszunehmen. Die Arbeiter und Angestellten erklären, daß sie bereit sind, sofort den Streik wieder aufzunehmen, wenn die �Arbeitgeber den SchiZdSspruch für die Angestellten ablehnen sollten." Die Streikenden haben dankbar Kenntnis genommen von der Unterstützung, die ihnen seitens der am Streik nicht beteiligten Ar? beiter und Angestellten in moralischer und materieller Hinsicht zu- teil geworden ist. ES wird an die am Kampf nicht beteiligten Arbeitnehmer das Ersuchen gerichtet, in ihren Sammlungen fortzu- fahren, da infolge der langen Streikdauer das Bedürfnis besteht, die Streikenden trotz der Wiederaufnahme der Arbeit weiterhin zu unterstützen und vor allen Dingen einen Kampffonds anzusammeln, um gerüstet zu sein, falls die Arbeitgeber dem Schiedsspruch für dt« Angestellten nicht zustimmen. Die Streikenden sind fest entschlossen, den Kampf wieder aufleben zu lassen, falls die Arbeitgeber dem Ver- langen der Streikenden nickt stattgeben. Soll also der Friede im chemischen Großhandel von Dauer sein, dann ist es an den Arbeit- gebern, zu zeigen, daß auch sie Interesse am Frieden hoben. Wir boffen, daß die Arbeitgeber sich deS Ernstes der Sachlage bewußt sind und eS nicht zu einem neuen Konflikt' kommen lassen werden, der zweifellos dann schärfere Formen annehmen müßte als der so» eben abgeschlossene Kamps. Die Streifleftung. Zentralverband der Handlungsgehilfe,:. Deutscher TranSportarbeitervsrband. Mufi kerstreik im Cafä Kerkau. Im Hase Kerkau streiken seit gestern die Musiker. Die Lei- tung de« Verbandes hatte mehrfach mtt dem Inhaber. Herrn Könit}. verhandelt, um ihn' zur Anerkennung des mtt dem Cafätier-Verem abgeschlossenen Tarifvertrages zu bewegen. Leider vergebens. Nachdem alle VerhandlungSmöglichkeiten nunmehr erschöpft find, bat die Leitung de« Musiker- Verbandes die Musiker aus dem Betrieb herausgenommen und über das Lokal die Sperre verhängt._ Holzarbeiter: Montag, 8. September, abends 7 Uhr, im Gewerk- fchastshause, Sngelufer 15, AesamtvertrauenSmannerver» s a m m l u n g. Tagesordnung: Stellungnahme zum Reichstarif.— Tischbranche. Dienstag, g. September, abends 7 llhr, VerlcoireaS- männerverfammlung bei Recklwg. KopernikuSstr. 23. Deutscher Metallarbeiterverbaud. Montag, S. September, abend» 61/, Uhr, Branchenveriammlung der gesamten Elsenkonstruktionsbranche» im Sophienlhzeum, Wewmeisterstr. 16/17. Tagesordnung: 1. Bericht üb« den Stand unserer Verhandlungen. 2. Diskussion und Verichiedenes. Derantw. für den red aktiv n. Seil:«lsred Scholl, ZteukSUn? für Anzeiaea: Theodor (blocke, Berlin. Berlag: BorwSrts-Berlag®. m. b. H., Berlin. Druck: BorwSrto- Buchdruckerei und Berlagoanstali Baut Singer u. To. in Berlin. Lindenstr. 3. vlclju 2 Beilagen. Bereits zum zweiten Male Innerhalb weniger Wochen wurde kurz vor Eröffnung der j ständigen Ausstellung unserer Zahnpaste Chlorodont Friedrichstraße 185, Ecke Mohrenstraße gegenüber der Untergrundbahn von ruchloser Hand, offenbar von Konkurrenzneid geleitet, eine der großen Spiegelsdieiben unseres Ausstellungslokales zertrümmert Für die Namhaftmadmng der Täter und Urheber derart, daß deren geriditlidte Bestrafung erfolgen kann, setzen wir, 3000 Mark Belohnung aus. Zwedtdienlldie Mitteilungen wolle man schrittlich oder mündlich an die Kriminalpolizei oder an unsere Adresse gelangen lassen. Dresden-N. 6 Laboratorium Leo Berlin Nr. 455 ❖ 36. Jahrgang 1. Seilage ües vorwärts Sonnabenü, 6. September 141 4 Ulbert Thomas' Rede. Die„Humanite" vom 30. August bringt ziemlich ausführlich die Rede des Genossen Albert Thomas in der französischen Deputiertenkammer, in der er zum Friedensvertrag Stellung genommen hat. Albert Thomas war lange Zeit Munitionsminister und vor und nach seiner Ministerschast sozusagen offiziöses Mit- glied der verschiedenen französischen Regierungen währxnd des Krieges. Sein geschmeidiges Talent, sein ehrlicher sozialisti- scher Wille ermöglichen ihm, seiner Partei auch in die Opposition zu folgen, in die sie durch die Gunst des Schicksals und den Willen des revolutionär gesinnten Teiles des französischen Proletariats gedrängt worden ist. Aber nur widerstrebend folgt er ihr und nur in der festen Absicht, sie wieder zur Regierungspolitik— zu einer Regierung mit den haltlosen Radikalen— zurückzuführen. Es wäre uns deshalb nicht eingefallen, die Rede des Ge- nassen Albert Thomas höher zu bewerten als die eines talent- vollen, im übrigen sympathischen Redners einer schwachen Minderheit der sozialistischen Partei Frankreichs— wir sagen „Minderheit der Partei" und nicht: der Parlamentsfraktion — wenn Roudnet. der nicht zur Parteiminderhcit ge- hört, in seinem Bericht in der„Humanitö" diese Rede nicht besonders herausgestrichen hätte. Nach Albert Thomas, sagt Rouanet, streikten alle eingezeichneten Redner; die bürger- lichen, weil sie nicht vor leeren Bänken sprechen wollten, die sozialistischen,„weil Thomas ihre allgemeinen Gedankengänge ausgedrückt hat." Die Formel der„allgemeinen Gedankengänge" ist zwar vorsichtig, es liegt aber genug darin, um Albert Thomas gleich- sam zum Generaire d'ner der Fraktion zu stempeln. Und deshalb— und weil ja auch bisher kein Redner der französischen Parteimehrheit das Wort ergriffen hat— müssen wir wohl die Rede Albert Thomas' einer besonderen Be- trachtung unterziehen. Zwei Dinge sind kritisch zu betrachten: die er gesagt hat und die er nicht gesagt hat. Er hat das ungeheure deutsch- französische P_r o b l c m, das auf die politische Entwicklung Europas seit 1789 wie ein Alpdrücken lastet, kaum mit einem Worte ge- streift. Oder glaubt Albert Thomas, daß der Frieden von Bersailles dieses Problem löst? Dieses Problem ist, in wenigen Worten zusamnrengefaßt, folgendes: Frankreich und Deutschland können einander nicht ignorieren. Als Nachbar- länder können sie nur in Feindschaft oder i» Freundschaft miteinander leben. Geographisch, wirtschaftlich und kulturell ergänzen Deutschland und Frankreich einander, sind auf- einander angewiesen. Die Geschichte aber— 1792, 1800, 1814, 1871, 1914— hat Abgründe aufgerissen zwischen Frankreich und Deutschland. Der Vertrag von Versailles hat einen wahren Alpenwall aufgeworfen. Albert Thomas hat auch mit kein e m Wort das elsaß I'o t h r in g i sch e Prob l e M gestreift. Die Elsäffer sind französisch empfindende Deutscher Sie sind die berufenen Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland. Der Vertrag 'von Versailles— und mehr noch die Politik, die.ihm voran gegangen und gefolgt ist— versucht Elsaß-Lothringen zum Stur ni bock gegen Deutschland zu benützen. Genau wie nach 1871 der gegenteilige Versuch gemacht worden ist. Albert Thomas sagt nnt keinem Wort, daß er diese Politik nicht mit macht, sie als verhängnisvoll betrachtet. Kein Wort widmet Albert Thomas der gewaltsamen Lostrennung großer Gebiete von Deutsch- l a n d ohne vorherige Befragung der Bevölkerung, kein Wort der Politik des Saargebietes. Ja, er scheint die„materiellen Garantien' des Vertrages noch für ungenügend zu betrachten.„Welches sind die Ga- rantien, vom materiellen Standpunkt, gegen eine Wiederkehr eines deutschen Angriffs?"— fragt Thomas. Und den reaktionären Abgeordneten Veno ist zitierend, sagt er mit diesem, daß Koblenz, Köln, Mainz als interfederale Festungen des Völkerbundes„in den Augen Teutschlands vielleicht das Recht der Macht hätten vorstellen können".„Ich frage nicht", fügt Albert Thomas hinzu,„ob das nicht die Lösung war, die von den Verbündeten(Frankreichs) hätten akzeptiert werden können? Hätte die Neutrali- s i e r u n g, unter der Autorität des Völkerbundes, nicht die Lösung sein können?" Diese Idee, die selbst Barrss aufgegeben hat, der vor Thomas sprach, wird heute nur noch von Hervo vertreten. Mit dem„Recht", geschweige denn mit der sozialisttschen Auf fassung von: Friede», steht sie im schärfsten Widerspruch. Nur nebenbei sei bemerkt, daß Thomas mit Barrvs für eine„lateinische und selbst germanische Propaganda am Rhein" ist. Vorausgesetzt, sie führt zu keiner Annexion. Eine Art..friedlicher Durchdringung". Thomas unterstreicht die Gefahr, die darin besteht, den gestürzten Feind, Wilhelm von H o h e n z o l l e r n, vor ein Tribunal der Entente zu bringen. Das könne zu einem„Aufbäumen der Eigenliebe und zu einer Revanche- Politik führen". Aber er hofft, das Gericht werde diese Klippe umschiffen. Ein billiger Trost. Schließlich wendet sich Albert Thomas gegen die Bündnis Politik und für eine Politik des Völkerbundes, in dem a u ch Deutschland vertreten sein müsse. Sehr schön. Zu unseren: Bedauern müssen wir jedoch sagen, daß diese Schluß folgerung im Widerspruch steht zu den Voraussetzungen, die Albert Thonias in seiner Rede aufgestellt hat. Schieber überall. Geaen Ende der Steuerdebatten in Weimar hat Genosie Keil einmal darauf aufmerksam gemacht, daß auch unter den neuen Verhältnissen alle Unsitten beliebt werden, so z. B. das bekannt« Verhökern von Regierungsvorlagen an Zei. t u n g e n, die mit den in Betracht kommenden Referenten und Dezernenten in den Ministerien gut Freund zu sein verstehen. Keil wies insbesondere darauf hin, daß eS der„Deutschen Tageszeitung" möglich gewesen ist, den Gesetzentwurf über die Offiziers- abfindung zu erlangen und in eingehenden Darlegungen kritisch zu würdigen, bevor er in den Händen der Parlaments- Mitglieder war! Mit bezug auf eine andere sehr merkwürdige Schiebung habe ich am 20. August d. I. an die Reichsregierung folgende bisher unbeantwortete„Kleine Anfrage" gerichtet: Am 1. August 1919 ist die Abteilung„Fremde Presse"(Leiter: Major Hesse) des Kriegspresse- a m t s aufgelöst worden. In dieser Abteilung ist im Verlauf des Krieges überaus wertvolles und reiches Zeitungsmaterial aus der internationalen Presse sehr geschickt gesammelt und geordnet worden. Dieses Material soll— so wird behauptet— nunmehr an einen Privatunternehmer vergeben werden. Entspricht diese Behauptung den Tatsachen? Will die Reichsregierung, wenn dies der Fall ist, Matznahmen treffen, das wertvolle Material aus dem Kriegspresseamt in den Besitz einer öffentlichen Forschungsanft alt zu über- führen? Ich bitte um schriftlichen Bescheid. Da das Material, um das eS sich hier handelt, für den Untersuchungsausschutz zur Feststellung der S ch u l d am Kriege, der Schuld an dessen Verlängerung und Verwilderung von ganz besonderer Bedeutung ist, so brachte ich die Angelegenheit in diesem Ausschutz zur Sprache, und das Verhalten der verant- wortlichen Amtsstellen erregte Aufsehen. Der Vorsitzende des Aus- schusies, Dr. Petersen aus Hamburg, versprach, sich um die Sache zu kümmern, und ich hoffe, daß er es inzwischen auch getan hat. Gehört habe ich davon einstweilen noch nichts, ebenso wenig eine Antwort von der Reichsregierung erhalten. Dagegen bekam ich am 3. September von der Geschäftsleitung der G. M. b. H. Die Fremde Presse'(Berlin NW 6. Luisensir. 81) einen Brief folgenden Inhalts: Uns liegt Ihre Anfrage Nr. 338 vom 20. August d. I. an die Reichsregierung(Nr. 989 der Drucksachen der National- Versammlung) vor. Wir erwidern Ihnen darauf ergebenst folgendes: Bis zum 1. August 19l9 war der Leiter der„Abteilung Fremde Presse" ein Major Paschen. Die„Abteilung Fremde Presse" unterstand dem Auswärtigen Amte. Das Material dieser Abteilung, das im Laufe des Krieges sehr geschickt gesammelt und geordnet worden ist, ist n i ch t an einen Privatunternehmer übergeben worden, vielmehr hat das Auswärtige Amt das gesamte Material beschlagnahmt. „Die Fremde Presse G. m. b. H." bat lediglich die Organisation, die Mitarbeiter und die objektive Berichterstattung übernommen. Da wir es im Interesse der politischen Erziehung unseres Volkes und des wirtschaftlichen Nachrichtendienstes für außerordentlich bedauerlich gehalten haben. datz die Regierung in ihrer Kurzsichtigkeit die Ab- teilung hat eingehen lassen, haben wir uns entschloffen, den ge- samten Betrieb in derselben Weise wie bisher fortzusetzen. Das Zeitungsmaterial müssen wir uns selbst erst mühselig neu be- schaffen, da, wie gesagt, das Auswärtige Amt das bisherige Material beschlagnahmt hat. Da unser Unternehmen zweifellos im Interesse unseres Landes liegt, wäre ein grötzereS Entgegen- kommen der Regierung keineswegs falsch. Wir empfehlen uns.... Der Brief mutz wohl bis auf weitere? als„Ersatz" für die noch ausstehende Regierungsantwort angesehen werden. Dia Herren von der G. m. b. H.„Fremde Preffe" haben außer den Mitarbeitern und der objektiven Berichterstattung also„lediglich" die behördliche Organisation„übernommen'I Was alles in diesem Falle unter„Organisation" zu verstehen ist, darüber schweigt sich die„Fremde Presse" aus, so datz man erst recht hoffen mutz, die„kurzsichtige" Regierung möchte ihrerseits alsbald mit der vollen Wahrheit herausrücken, nicht bloß mit der halben, die uns hier vorgesetzt ist. Welchen Umfang das Schieberwesen allmählich annimmt, mit welcher Dreistigkeit es nachgerade auftritt und wie es sich zum Teil sogar amtlicher Begünstigung zu versichern verstehen mutz, das geht aus folgender Mitteilung hervor, die aus voll« kommen zuverlässiger und unmittelbar weitergeleiteter Quelle stanunt:. Aufs ReichSwerwertungSamt(dem Reichsschatzministerium unterstellt) begibt sich ein höherer Beamter, um in seiner amtlichen Eigenschaft Rohstoffe für bestimmte Organisationen zu beschaffen. Antwort: Es ist nichts zu haben! Zwei Tage darauf erhält der Beamte den Besuch eine? Privatmanns, der ihm beliebige Ptengen genau derjenigen Rohstoffe zum Kauf anbietet, die jener auf dem regelrechten Wege übers Reichsverwertungsamt nicht hat bekommen können III Es erhebt sich die Frage: Wer war in der Lage, den betreffen- den„Privatmann" mit so zutreffender Information zu dienen, wenn nicht ein Beamter des Reichsverwertungsamts? Ferner: welches Interesse hat dieses Amt an der Vermittlung derartiger Schiebergeschäfte, und in wievielen Fällen, die ähnlich liegen wie der oben geschilderte, mögen die Schieber in gleicher Weise ihre Winke aus dem Reichsverwertungsamt bezogen haben und weiter bezieben, wenn nicht endlich einmal mit starker Faust zugegriffen und ausgeräumt wird, was eigent« lich längst hätte ausgeräumt werden müssen? Georg Davidsohn. Der Münchener Heiselmorö vor Gericht. Es wird der Zeuge Oberleutnant Baron Moser aus Nürnberg vernommen. Er erzählt über seine Erledniffe im Geisekkeller. Er wurde verhaftet unter der Beschuldigung, an einem Komplott der Konterrevolution beteiligt zu sein. Sei dl habe ihn bei der Vorführung in wenig schöner Weise empfangen und als Moser erklärte, er sei Offizier, sei Seidl in noch größere Wut�-gevaten. Auf die Drohung des- Zeugen, er � werde sich.'beim Reyolutiöns- lribunal befthwercn, erklärte) Se jd l: v „Auf das Revolutionstribunal.... ich." In dem Keller traf ich etwa 19 Leute, darunter den Kommu- nisten Wiedemaun und den Arbeiterrat Jung. Wiedemann erklärte mir entrüstet, er wolle mit dem Kommu- nismus nichts mehr zu tun hwben. Es sei ja geradezu haar- sträubend, was man alles hier erlebe. Der Zeuge erwähnt dann auch die Schlüsselgeschichte, die infolge der Betrunkenheit Schickl- hofers um ein Haar sämtlichen Geiseln, nicht bloß den Ermordeten, das Leben gekostet hätte. In der Nacht vom 28. zum 29. sah der Zeuge ebenfalls Levien, Levinö-Nissen, Axelrod und Schicklhofer in den Keller kommen. Schicklhofer leuchtete den Opfern ins Gesicht, an deren Qualen sich die Ruffen geradezu wei- deten. Schicklhofer sagte:„Zu essen gibt's nichts mehr; es hat doch keinen Zweck." Dem Zeugen treten die Tränen in die Augen, während er diese Einzelheiten erzählt. Er gibt dann weiter an, daß auch seine Kontoristin sich im Gymnasium nach seinem Ver- bleiben erkundigen und ihm etwas zu effen bringen wollte. Dabei sei sie von Seidl„dreckiges Frauenzimmer" geschimpft worden. Als sie aufbegehrte und sagte, er könne doch auch ruhiger mit ihr reden, schlug er sie mit ein paar Ohrfeigen zu Boden, so daß sie die Besinnung verlor. Es kommt zu einem interessanten Zwischenfall. Der Zeuge Baron Moser behauptet nämlich, daß draußen im Zeugenzimmer auch der Arbeiterrat Jung sich befinde und ihm sowie dem Vorzeugen, Oberleutnant Trnth, zugeflüstert habe: „Seien Sic vorsichtig in Ihren Aussagen, Ihr habt ja richtig Dusel gehabt, daß Ihr nicht auch erschossen worden seid. Verdient habt Ihr es mit. Ich will Euch aber aufmerksam machen, daß Ihr allen Anlaß habt zu schweigen. Es können doch auch wieder andere Zeiten kommen."(Große Bewegung im Saal.) Die Rechtsanwälte Lieb- knecht und Lauter erheben sich darauf und erklären, datz ihnen bereits von diesem Vorgang Kenntnis geworden sei. Es werde je- doch behauptet, datz die beiden Oberleutnants den Jung zuerst durch die wiederholte Erklärung gereizt hätten, datz Seidl und Genossen unbedingt erschossen werden müßten. Diese Aeußerung sei von verschiedenen Zeugen auf dem Korridor gehört worden. Rechts- amvalt Liebknecht bemerkt außerdem, daß beide Oberleutnants späterhin auch von den Regierungstruppcn als Geiseln festge- nommen worden seien, und daß es da auch, nach ihren eigenen Er- klärungen, nicht immer mit rechten Dingen zugegangen sei. So habe Oberleuwnat T r u t h auf«ine Denunziation der württem- bergffchen Truppen hin auf dem Städtischen Viehhof mit anderen Männern und Frauen zusammen auf dem Mist schlafen müssen. Baron Moser sei dem württembergischen Regiment irrtümlich als angeblicher Adjutant Jglhofers bezeichnet worden. Die Truppen haben daraufhin ganz offen davon gesprochen, daß sie ihn'bei seiner Abführung meuchlings niederknallen würben. Die beiden Zeugen hätten es deshalb nur dem Entgegenkommen ihrer Münchener Ka- meraden zu verdanken gehabt, datz sie in der fraglichen Nacht zurückgehalten wurden. Rechtsanwalt Liebknecht wünscht im Anschluß daran, von den Zeugen zu wissen, ob der Prinz zu Thurn und Taxis sich nicht doch politisch betätigt habe, was aber von beiden Zeugen verneint wird. Der nächste Zeuge, Unteroffizier der Reichswehr Lanthaler, hat zunächst der Republikanischen Schutz- truppe, späterhin dem Spartakusbund gedient. Als er sich aus dem Gymnasium vera/lschieden wollte und seine Pässe verlangte, er- klärte ihm Seidl:„Wenn Sie sich entfernen, lasse ich Sie er- schießen." Seidl erklärte auch einmal: „Für jeden Mann, der bei uns durch Reichswehrtruppen ver- wundet wird, gehören 19 Mann weg." Erschießen war überhaupt das dritte Wort bei Seidl. Eine dffzi- plinlosere Horde, als die im Luitpold-Gyoinasium, hat der Zeuge niemals kennen gelernt. JSr hält Seidl für den alleinigen Kom- 1 Mandanten. Im Fall Stan�pni wax ein'Schneider, oex mit der Frau des Rechtsanwalt Stanzoni«ine Differenz wegen einer Kleideranfertigung hatte, an Seidl mit der Behauptung heran» getreten, der Rechtsanwalt und seine Frau korrespon�dierten mit Wilhelm II. Darauf warwenige Minuten später der Haft- befehl für das Ehepaar und das dreijährige Kind ausgefertigt. Die Zeugin L e i t m e r bestätigt, daß Oberleutnant Moser mit„Hund"' und„Lump" angeschrien, sie sckbstl„'Weibsbild"/usw. tituliert und von'Seid! niedergeschlagen wurde, als sii sich einen andere« To« ausbat., l_ d. Im weiteren Verlauf der Verhandlung wird Rechtsrat Dr. K o n r a d, der Leiter des Städtischen Arbeitsnachweises zu München, vernommen. Auch er war infolge einer Denunziation als Geisel verhaftet und in das Gymnasium gebracht worden. Er er- zählt: Unter den Soldaten und Führern im Gymnasium bestmifo die Absicht, das Gebäude gegenüber den gegen ÄKünchen ziehenden preußischen Truppen bis aufs äußerste zu verteidigen. ES gingen allerlei unkontrollierbare Gerüchte herum. Man erzählte der Be- satzung»vahrhcitsividrig u. a., daß eine Anzahl der Roten Garde bei Dachau niedergemetzelt worden sei. Ferner hätten die Württem- berger und Preußen einen alten Mann von 62 Jahren an einen Baum gebunden, mißhandelt und erschossen. Auf jeden Rotgardisten seien 39 Mark, auf jeden Führer 59 Mark Prämie ausgesetzt worden. Diese Nachricht wurde von den Rotgardisten mit großer Wut auf- genommen und steigerte die Erregung auf das äußerste. Der seelische Zustand der Rotgardisten kam am stärksten zum Ausdruck in einem kleinen sächsischen Menschen, der nicht mit auf der An- klagebank sitzt, und der von einer wahren Tollwut befallen wurde. Er ging nachts in die Zelle, in der die beiden Husaren schliefen, schrie sie mit„Noskehunde" und„Bluthunde" an, riß sie hoch und traktierte sie mit Fußtritten, Schlägen ins Gesicht und beständigen Schimpf wortcn. Andere Rotgardisten kamen hinzu und mißhandelten sie gleichfalls aufs schwerste. Die beiden Leute waren schon ganz kraftlos. Sie wurden als „Sauprcußen, Hunde und Schweine" bezeichnet; ohne den Schatten eines Beweises wurden sie beschul- digt, an der Ermordung Liebknechts und der Luxemburg teilge- nommen zu haben. Dann wurden die zwei auf den Hof hinunter- gestoßen. Unmittelbar darauf fiel ein Schuß und gleich danach 9 oder 7 hinterher. Nach dem erste» Schuß fiel der jüngere Soldat um. Die anderen trafen alle beide. Es war ein schrecklicher An- blick. Ein Rotgardist, der an mir vorüberging, sagte ganz fröhlich: „Der ältere scheint etwas Angst gehabt zu haben, denn sein Gesicht sieht ganz rot aus." Wir wurden dann wieder zurückgeführt und allmählich beruhigte sich die Menge. Wir bekamen sogar Bier zu trinken und einzelne Soldaten ließen sich mit uns in Verhandlungen ein. Inzwischen war für ganz München der Generalstreik erklärt worden, und da ich am Tage zuvor einen Erlaß herausgegeben hatte, datz ich vor einer Schließung der städtischen Bureaus erst gefragt werden müsse, so hatte man bei mir zu Hause angefragt und erst so erfahren, daß ich überhaupt nicht daheim war. Die städtischen Arbeiter traten daraufhin zusammen, nahmen Partei für mich und erreichten, daß ich am anderen Mittag freigelassen wurde.— Der frühere Münchener Arbeiterratsvvrsitzende und jetzige Kommissionär Jung in Frankfurt a. M. bekundet, daß er am 27. April ebenfalls in den Gciselkellcr kam. Er wurde auf Befehl Jglhofers verhaftet. Im Gymnasium herrschte ein ewiges Kommen und Gehen. Ms in der Nacht Levien, Axelrod, Levine-Nissen und Scildl im Keller erschienen, nahm der Zeuge das Wort, um die Klagen der Gefangenen über diese unwürdige Be- Handlung borzubringen. Es wurde ihm jedoch vorgehalten, daß Erschießungen von Rotgardisten in Starnberg und Dachau borge- koinmen seien und daß die Geiseln deshalb daran glauben müßten. Am nächsten Vormittag ging der Zeuge in die Kantine, um sich Zigarren zu kaufen, und hatte das Glück, daß gerade während dieser Zeit die Liste der zu erschießenden Geiseln angefertigt wurde in welche er auf diese Weise nicht mit hineinkam. Als er zurückkam, sah er gerade, wie die ersten drei Geiseln auf den Hof geführt wurden.„Wir hatten alle," so erklärt der Zeuge mit bewegter Stimme,„den Eindruck, daß sie unbedingt dem Tod geweiht waren, da sich die meisten der Rotgardisten direkt auf die Erschießung freuten. Allerdings gab es auf der Treppe Meinungsverschieden- heilen zwischen den Soldaten, ob' die Erschießung vorzunehmen sei oder nicht. Wer da griff Hauß mann ein und erfetzte die Zögernden sofort dprch andere Soldaten. Während der Erschießung der Geisel« texte der Zeuge nicht daNei. Um 11 H Uhr nachts kamen Plötzlich Roltgardisten zu den überlebenden Geiseln hineingestürzt und riefen:„Alles anziehen!" Die Opfer ivaren halb geistesab- wesend,/,10 Uhr abends, Sonntags«All— 1 Uhr(im ver-| _ schlossenen Brief 1,25 Mk.)._ + Brate und älteste Hell»Anstalt LS»er Spezial.-Arzt1M,.?L-ÄBl„r_ u. Blatantersncbungen. Elektr. u. mediz. Bäder. Harn' nur Rosenthaler Str. 69-70, � sonne o-.. Ecke Linlenstraüe. Speziaiarzt Dr. Hascht Sprechstunden 10— L 5—8. Sneöridillta&e 90 Arlebrlchstr Sonnt 10— L — Teil <>»■»•»•••••••••••••••••••••••• Direkt»b meiner Fabrik. Da Aluminium enorm gestiegen ist, gebe ich nur noch bis zum 15. 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Als Wohnsitz der Sekretäre kommen Flensburg tader Schleswig) und«enbsbnrg IN Betracht. Bewerbungen sind bis zum 18. September an das soziaidemolratifch« Partctsekretartat in ttiel, ZSHrskr. 24 III, zu richten. Oer Vezirksvarstanb. Aeüüktsure gssueüt. Für eine ad 1. Oktober er. erscheinende sozialistische Tageszeitung werden ein politischer und einCokal- redatteur gesucht. Die-Bewerber müssen üb«r eine gewandte und vartstttmliche Schreibweise verfügen und einen kanseguenten mehrhettssazialbemokrattschen Stand- puntt vertreten. 21M* Bewerbuuben u. Angabe der Gehaltsansprüche Ist» 20. Sept. an B. Baach, planen i. Tl., Dobenauftt. 51 II. Die Stelle des Leiters des neueinzurichtenden Kreiswohnungs« und Siedlungisarntes für den* 693D Kreis Wltzcnhnusen ist zu besetzen. Bewerber müssen die Befähigung z. Richteramt oder zum höheren Verwaltungsdienst besitzen. Antangsgehalt 6000 M. einschl.\yohnungsgeld. Die Anstellung soll eine dauernde sein. Zunächst Verpflichtung auf ein Jahr. Bewerbungen unter Ein- reichung eines Lebenslaufs sind b, l.Oktbr. einzureichen. Der Vorsitzende des Krelsausschusses. I. V.: Esclistruth. | Wir suchen per sofort| 2* Böttcher, welche bereits in Oel- 1 fabrik. gearbeiL haben u. Stellmacherarbeiten| verstehen. Mürklsche Oel> und{ Farbenfabrik, Berlln-Wlttenau, Wittenauer Weg (zwischen Wittenau u. 1 Rosenthal). Tel.: Amt Reinicken- 1 • dort 146. Geprüfter 85/12* Heizer für Flammrohr- und Still- rohrkessel für westlichen Porort In Groß-Beriln sofort gesuchL Angebote mit Ledensiauf und gcugnts- abfdiriften unter Angabe b. Lolznanfprilche n. lt. 8954 L an Haafenstrin n. Vogler, A.-«., Berlin W 35, erbeten. hollünblsche Sabril von kleinen Mobein auf einem Dorfe bei Amsterdam 28/« sucht tinige Holsbtllrbttttr Briefe jrko. unter 1. U. 11290 an die Ann.-Gxp. D. V. Alts, Amsterdam. Grolles 692D| j i Berliner Bankinstitut i ! f sucht zum sofortigen 1 Eintritt einen jüngeren 1 Bureanboten.< Bewerbung, mit lücken-' losem Lebenslauf unt. 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Die bisherigen Maßnahmen der Regierung und der Gesetzgebung genügen aber nicht, den allerbescheidensten Ansprüchen auf den Ausbau der sozialen Gesetzgebung. Den besten Ruf hat immer noch die Krankenversicherung, obwohl die Barleistungen der Krankenkassen nicht derart gestiegen sind, daß sie mit der Entwertung des Geldes und mit der im wesentlichen hier- durch vergnlaßten Steigerung des Lohnes Schritt gehalten hätten. Viele Arbeiterfamilien geraten im Krankheitsfalle des Ernährers infolge der geringen Barleistungen der Kassen in Not. Daß Wirt- schaftliche Not aber auch den Gesundungsprozeß des Erkrankten erheblich hemmt, ist ein alter Erfahrungsgrundsatz. Früher kamen die Zahlungen der Krankenkassen dem wirklichen Lohnausfall er- heblich näher. Das Geheimnis, daß trotzdem die Krankendersiche- rung noch den besten Ruf genießt, wird erklärt durch das Ueber» gewicht, das die Arbeitnehmer in der Verwaltung der Kassen haben (die Fußangeln, di« die Reichsversicherungsordnung gelegt hatte, hat die Regierung auf dem Verordnungswege beseitigt) und daß die Verwaltung der Kassen beweglicher gestaltet, vor allem aber nicht, wie dies namentlich bei der Invalidenversicherung der Fall ist, an«in für allemal feststehende Beiträge gebunden ist, sondern in gewissen Schranken die Möglichkeit der Erhöhung ohne gesetz- geberischen Akt hat! Die Geldentwertung spielt aber eine zu Ungunsten der Be- troffenen noch viel einschneidendere Rolle bei den U ms a l l In- validen- und Altersrentnern, wie auch bei den M i- litärreätnern der Friedenszeit und den sogenannten Alt- Pensionären. Und'dabei handelt es sich bei all diesen nicht nur um vorübergehende Leistungen, wie bei den Krankenkassen, sondern um Bezüge, die als Ersatz für in der Regel endgültig ver- koren gegangene Arbeitsfähigkeit und damit verbundener Verdienst- Möglichkeit gedacht sind. Di« Unfallrenten sind Nach dem Verdienst vergangener Zeiten festgesetzt, die Invaliden- und Altersrenten unter Zugrundelegung deZ früheren Geldwertes, ebenfalls die Bezüge der sogenannten Friedensbeschädigten und der Altpenfionäre� Die Renten all dieser, meistens wirtschastlich am schwächsten Gestellten stellen heut kaum mehr als ein Taschengeld dar, und doch ist ein großer Teil Wirt- schaftlich auf die Renten ausschließlich angewiesen. Die schreiende Not dieser Volksgenossen ist schon ein zwingender Anlaß, schnell und wirksam einzugreifen. Die Versprechungen der Regierungs- Vertreter find so dürftig, daß eine Beruhigung nicht eingetreten ist, auch nicht eintreten konnte. Jeder Tag erfordert Opfer, ein Blick auf die Sterbetafeln der Versicherungsanstalten beweist das. Es darf nicht der Anschein erweckt werden, als hätte die brutale Theorie in unserem heutigen Staatswesen Bedeutung;, volkswirtschaftlich wäre ein Abgang alter und invalider Personen nicht unvorteilhaft. Ebenso muß dem Gedanken gesteuert werden, als sei die Säumnis ein« Folge der Tatsache, daß die Veteranen der Arbeit ihre be- rechtigten Ansprüche nicht durch Streiks durchsetzen können. Auch die finanziellen Schwierigkeiten oder die Kompliziertheit des Aus- baues des Beitragssystems und des VerwaltungSapparates ent- schuldigt die Verzögerung nicht ausreichend. Es handelt sich um absolute Dringlichkeit, und die Erfüllung ist ein Gebot der Stunde. Die soziale Vorsorge für Krankheit, Alter und Invalidität stellt aber auch eine Staatsnotwendigkeit dar, vom Gesichtspunkt.des wirtschaftlichen Aufbaues des Staates betrachtet. Eine gut ausgebaute, von den arbeitnehmenden Schichten selbst- verwaltete Arbeitslosenfürsorge, ausreichende Krankenfürsorge für liäb und die Familie und, was mit das Wichtigste ist, eine die Existenz gewährleistende Fürsorge für den Fall der Invalidität— gleichgültig, ob durch Unfall, durch Krankheit oder durch Alter ver- ursacht— sind Mittel, mit denen eine Beruhigung in den Schichten der Arbeitnehmer erzielt werden kann. Heute sind wir von einer ausreichenden sozialen Fürsorge entfernter denn j« infolge der um das mehrfache verminderten Kaufkraft des Geldes. Wenn im allgemeinen die Beamten von dem Streikfieber nicht befallen sind, so liegt das im wesentlichen an der immerhin gc- sicherten Lebenslage dieser Schichten. Nicht minder wichtig wie die Tätigkeit der Beamten ist aber die Arbeit der in der Privat- Wirtschaft beschäftigten. Also: auf schleunigstem Wege Ausgestaltung der Krankenversicherung, namentlich in der Richtung der Familenversicherung, Umgestaltung der Invaliden-, Alters-, Unfall- und Hinterbliebenenversicherung, sowohl bezüglich der Höhe der Bezüge— wobei natürlich die Beiträge eine wesent- liche Erhöhung werden erfahren müssen— und in bezug auf die Verwaltung. Die Selb st Verwaltung der Arbeit- nehmerschaft bei allen Versicherungszweigen wird endlich zur Wahrheit gemacht werden müssen. Dabei kann der heut so ver- zweigte Verwaltungsapparat wesentlich vereinfacht und auch der- billigt werben. Es muß gelingen, diese Arbeiten noch in der Herbsttagung der Nationalversammlung zu bewältigen. Damit wird die beste Grund- läge für den Bestand de? demokratischen Staatswesens und für deck' Sieg des sozialdemokratischen Gckdankens bei den nächsten Wahlen geschaffen. T. Freier. Diewahrhekt über öen3nhastiertenfonös. Von ehemaligen Mitgliedern der 19er-Kommission des Arbeiter- Unterstützungskomitees wird uns folgendes mitgeteilt l Parteigenossen! Wiederholt hat sich die Ocffentlichkeit mit den im Laufe des Jahres 1318 gesammelten Geldern für die Opfer des Januarstreiks 1918 beschäftigt. Aber immer wieder verstehen es die Kommunisten und Unabhängigen, durch beharrliche Ausstreuung falscher Gerüchte die Oeffentlichkeit über den wahren Sachverhalt hinwegzutäuschen. Wir unterzeichneten, ehemaligen Mitglieder der 19er-Kom- Mission des Arbeiter-Unterstützungskomitees sehen uns daher ver- anlaßt, auf Grund unserer Erlebnisse innerhalb dek Kommission noch einmal einwandfrei den Tatfachen entsprechend zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Der Januärstreik 1318 hatte sein« Opfer ge- fordert, die hinter GefängiriSmauern in Schutz- und Strafhaft schmachteten, soweit sie nicht zur Strafe in den Schützengraben ge schickt waren. Die notleidenden Familienangehörigen der Be troffenen mußten unterstützt werden und der dahingehende Appell an die Berliner Arbeiterschaft fand dieselbe in einmütiger Opfer- Willigkeit bereit, so daß schließlich ein Fonds von zirka 300on tot. Weitere Gasvergiftungen wurden u. a. aus der Lieben- waldcr Straße 23 sowie von sechs anderen Stellen gemeldet. Bom Regen unter die Traufe. Ein ungewöhnliches Pech hatte der 23 Jahre alte Seemann Paul Untersänger aus Hamburg, der wegen Heiratsschwindel« von der hiesig � festgenommen wurde. Er knüpfte, obwohl er verheiratet ist, im m e r neue Liebesverhältnisse an und schwindelte seinen Bräu- tcn ab, was cr nur bekommen konnte. Als er sich unter seinem Namen nich� mehr sicher fühlte, verschaffte er sieb in einer Herberge Papier« aus den Namen eines Posthilfsbeamten. Mit diesen wies cr sich auch bei seiner Festnahme aus, weil er glaubte, daß man einem Beamten solche Schwindeleien nicht zutraue und ihn wieder aus freien Fuß setzen werde. Zu seinem Unglück ergab sich jedoch, daß gerade der PosihilfSbeainte wegen einer größeren ttn- terschlagung steckbrieflich verfolgt wurde. Jetzt fürchtete er, wegen diese? AmtSverbrechenS noch weit schwerer bestraft zu Werden als wegen seiner Schwindeleien und gab sich zu erkennen. ß Ein toller Spitzbubenstreich. Durch die Wachabteilung der Kommandantur sind gestern fünf Diebe festgenommen worden, welche einen KleidertranSport, der für daS Kriegsgefangenen-DurchgangSlager Emden bestimmt war, ausgeräubert haben. Vor einigen Tagen lief auf dem Bahnhof Oranienburg ein Transport des Durchgangslagers Stettin ein, da? in einem Eisenbakrnwoggon 3000 Zioil- anzüge für die auS der Gefangenschaft Heimkehrenden nach Emden zu senden hatte. Der Führer des Transportes, Leutnant Schulz, fuhrnachBerlin. In Oranienburg blieb der Transport stehen, da kein passender Anschluß vorhanden war.— Die vier Wachmann- schasten verkauften mehrere Bündel Anzüge für 150 Mark das Stück. Mit dem Erlös fuhren sie nach Berlin und kamen, als das Geld zu Ende ging, nach Oranienburg zurück. In- zwischen hatte der BahnhofSsvorsteher Verdacht geschöpft, plombterre de» beraubte, Eiscnbohntvage» und benachrichtigte die Berliner Kommandantur, die die Spitzbuben verhaftete. Der Schaden ist ziemlich hoch, da sich die Anschaffungskosten eines Anzuges für die Militärbehörde auf etwa 350 Mark belaufen. Der Offizier, der seinen Transport so leichtfertig verlassen hat, konnte noch nicht ausgesunden werden. Beschlagnahmt wurden auf dem Bahnhos Lichterfeld- West zwei Waggons mit zirka 200 Zentner Kakao und Zucker, die verschoben werden sollten. Die Schieber sind sämt- lich ermittelt.' Die PilzauSstellung im Märkischen Museum kann wegen der andauernden Trockenheit erst im Oktober stattfinden. Die Be- ratungsstclle bleibt bis zum 23. September Dienstags und Frei- tags 12—5 Uhr geöffnet. Eine Groß-Berliner Ausgleichstelle für Krankenhansbclegung soll geschaffen werden. Sie würde eine gleichmäßigere Belegung und Ausnutzung der Krankenhäuser ermöglichen. Nach den vor- läufig aufgestellten Satzungen sollen Kranke in erster Reihe in ihren heimatlichen Krankenhäusern untergebracht werden. Erst wenn dort kein Platz ist, können sie in dem nächst gelegenen Kran» kenhaus einer anderen Gemeinde, wo Betten frei sind, unter- gebracht werden. Großtcuer ain Wedding. Im Hause Lindower Str. 24 kam gestern nachmittag ein umfangreicher Tachstuhlbrand zum Aus- bruch. Es gelang, ein Uebergreifen des Feuers auf die Nebenge- bäude zu verhindern, doch wurde der Dachstuhl mit dem Inhalt der Bodenräume ein Raub der Flammen. Pankow. Schöffrnwabl. Bei der auf Grund der Verhältnis- Wahl vorgenommenen Neuwahl der 5 unbesoldeten Schössen be- baupteten unsere Genossen ihre Sitze, während die U. S- P- von ihren zwei Sitzen einen an die Bürgerlichen verlor. Es wurden gewählt: Schmidt und V ö l k e l(S. P. D.), K u b i g(U. S. P.), Dr. Stein(Dem.) und Körte(Ärbettsgcmeinschaft der Rechts- Parteien.) Reinickendorf. Bei der Gemeindevorstandswahl wurden zu Schöffen gewählt: Bendt, Behnke, Neuhoff(II. S. P.), Zeising (S. P. D.), Bredereck(Bürgerlich). Grofi-Berliner Lebensmittel. Berlin. Aus Milchkarten ab heute wieder'I, Liter frische Vollmilch. Aus.O II'- Kindcrkarle heute abermals eine Büchse KondenZ- milch für die Zeit bis 9. ds. Mts. Stegliti. Für Kinder im 1. bis S. Lebensjahre vom 4. bis 6. d. Mts. 1. Lebensjahr 750 Gramm Haferflocken(18 K), 2. Lebensjahr 500 Gramm Haferflocken(18 K), 3. Lebensjahr 250 Gramm Reiz und 250 Gramm Zwieback(14 K), 4. Lebensjahr 250 Gramm Reis und 250 Gramm Zwieback(15 K), 5. Lcben-sabr 250 Gramm Reis und 250 Gramm Zwieback(14 K), 6, Lebensjahr 250 Gramm Reis und 250 Gramm Zwieback(13 Ki. Für werdende Mütter 1000 Gramm Reis, 500 Gramm Zwieback(21 K4. Amerilanssches Weizenmehl 250 Gramm(W 16). 250 Gramm Reis(13). Pankow. Wegen weiteren Rückganges der Mllchzuiuhren und mit Rücksicht ans die große Menge Milch, die tügtiw in dick saurem Zustande eingeht, müssen die 1 Liier-,'/.-Liier- und siz-Literkarten ab 6. September um je'/«-Liter gekürzt werden. Die'/.-Lilcr-Krankenkarten werden einen Tag um den anderen mit Frischmilch betiesert.— Die Kürzung erfolgt vorläufig nur in den Ladengeschästen der Fiama SpekowSki und bei den Kleinhändlern, die von dieser Firma beliefert werden. Groß-öerliner Parteinachrichten. Konzertveranstaltung. Heute, Sonnabend, nachm. 4 Uhr, im Sprcezelt, Hinter den Zelten. großes Garten-Doppelkoi�ert, Kabarett, Gciangsvorträge, Kino und an- ichließend- Sommcrnachtsball. EiniriitSkarten k 75 Pfi im Bureau, Belle- vueslr. 7, sowie bei- den AbteilungSsührein An der Kasse 1,— M. Der Zentralbildungsausschuft hat ein neues Mitteilungsblatt herausgegeben und an die Bildungsausschiisse versandt. Es enthält zahlreiche Anregungen für unsere sozialistische BildungSarbeik im kommenden Winter sowie eine Reihe von Dispositionen für VortragSkurfe mit Literatur- angaben und erörtert u. a. auch unsere Stellung zur VolkShoch- schule. BildungSausschüsse und Organisationen, die da? Mitteilungs- blatt nicht erhalten haben, wollen sich an den ZentralbildungS- auSschuß wenden. Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß der F e r n s p r e ch a n s ch l u ß deS ZentralbildungsauSschusseS jetzt wie folgt lautet: Amt Moritzplatz Nr. 10717. Unter der gleichen Nummer sind auch die Geschäftsstelle der Arbeits- gemeinschaft sozialdemokratischer� Lehrer und Lehrerinnen, die Redaktion des„Freien Lehrers" sowie der Hanptvorstand der Arbeiterjugendver- eine zu erreichen. Die Brief- und Telegrammadresse für diese Jnstilutionen bleibt wie bisher: Berlin SW 68, Lindenstr. 3. I. 915t. Sonntag Famitiengusflug nach Oranienburg. Absahrt 8.40 Uhr Stcttiner Borortbahnhos. Für Nachzügler Treffpunkt Restaurant zum Scclöwen am Lrhnitzsee; daselbst Kindersest. Gäste willkommen. Rege Beteiligung der Kenoffen aus Oranienburg und Umgebung wird er- wartet. 3Z. Abt. Heute 71/, Uhr bei Damme, Ramlerjtr. 5, Sihung der Funktionäre und BclriebsvertraucnSIeutc. Ausgabe der Funktionär- karten. Tempelhof. Heule, 7'/, Uhr. Kunst abend de» WahIverclnS in der Aula des RealghinnasiumS, Kaiserin-Augusta-Straßc. Eintrillskarten bei den Bezirkssührern und am Saalcingang. Nicdcrüliöneweide. Moraen. Sonntag, gemeinsamer AuSslug nach Bohnsdorf. Abfahrt Bahnhof Niederschöneweide vorm. 10 Uhr 03 Min. Tresipunlt sür Nachzügler im Ncstaurant Wirt, Bohnsdorf, Bahnhoisiraße. Hennigsdorf. Montag, 8 Uhr, Mitgliedervcriammtnng bei Kienzler Nachfolger. Angestellte des Eftarlottenburger und Glühlampenwerks der Siemens< Schlickert- Werke. Versammlung aller in der<3. P. D. Organisierten im Nordwest-Kasino, Alt-Moabit 55. Erscheinen dringend not- wendig. Mitgliedsbuchs legitimiert. Bezirksverband Groß-Berlin. Bereinigung sozialistischer Lehrer und Lehrerinneu Berlin«. Montag, 3. September, 71/, Uhr. Schute Hinter der Oiarnilontirchc 2. Bei- sammlung. Genosse Nydaht: Die Ausgestaltung der Einheitsschule im sozialistischen Sinne. Gäste willkommen. Jungsozialiftische Bereinigung(S. P. D.j. Morgen, Sonntag. Wanderung nach Potsdam. Tresspunkt'/27 Uhr Schlei. Bahn hos, Eingang Koppenstraße, Ecke Madaistraße. Abmarsch vom Bahnhos Potsdam 8 Uhr. Gäste willkommen. Fortbildungs- Schullehrer und-lebrerinnen