Nr.461. 3�.Iahrg. Bezugspreis: Vietteljährl. 9,— OTL, monatl 8�- Mi. frei ins Haus, voraus zahlbar. Post- bezug: Monatlich S,— Mi. ez�l. Zu- stellnngsgedühr. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn KL') ML, für da« übrige Ausland l() Sä ML, bei täglich einmal. Zustellung S.2ö ML Postbestellungen nehmen an Dänemark. Holland. Luxemburg. Schweden u. die Schweiz. Eingetragen in die Post-Zeitungs-Preisliste. Der„Vorwärts� mlt der Sonntag»- deilag?„Volk u. Zelt" erscheint wochen- täglich zweimal. Sonntags einmal. Telegramm-Adresse: �Sozialdemokrat Bctfln", Abend-Ansgabe. Vevlinev VolksblAtt. (iSPfennig) Anzeigenpreis: SH« achtgewaltene NonpanUlqeN» loste, lLll MI.„klewe Unjeta-o". da» lengedruckie Wort so Pfg. tzulälsig U ttttflcbtudte Worte). ,edes weitere Wort«0 Pig. Stellengesuche und Schiafstellenanzetgen da» erste Wo« •0 Pfg. jede« wettere Wort so Pfg. Worte llder lb Buchstaben zählen für zwei Worte. Teuerungszuschlag aoo/g. Familien• Anzeigen, politische und gewerkschaftliche Berein»- Anzeigen I.S0 MI. die Feile. Anzeigen Ntr die Nächste Nummer mllffen bi» 5 vh» nachmittags tm Hauptgeschäft. Berlin SW W, Lindenstraße 3. abgegeben »mden. Geöffnet von 9 Uhr früh Ms h Uhr abends. �entralorgan Äer kosialäemokratiscken Partei Veutfcblanäs. Nsüaktion unü Expedition: SW. SS, Uinüenstr. Z. izernivrecher: Amt Morinvia«, Nr. täli)7. Dienstag, den 9. September 1919. Vonvärts-Verlag G.m.b. h., SW. HS, Linüenstr. 3. Fernsprecher: Amt Moriftplatz, Nr. 117 SZ->S1. Das Kattowitzer verhanölungsergebms. Laut Meldung der Prcsiestelle des Re i ch s- und Staatskommissariats für Schlesien und West- Posen ist bei den Kattowitzer Einig nngsverhand- l u n g e n zwischen Arbeitgebern des Oberschlesischen Zen- tralindustricreviers eine Entschließung angenommen ivorden, in der erklärt wird, daß der Arbeitswille und die Ar- bcitsleistnngen unbedingt gel>oben und die den gesetzlichen Be- stimmungen entsprechende Ordnung im Betriebe der Gruben und Hütten schleunigst hergestellt werden mufl, wenn nicht das Wirtschaftsleben völlig zerstört und damit auch die Existenz- Möglichkeit der Arbeitnehmer schließlich vernichtet werden soll. Ta der Pflicht zur Arbeit dasRechtaufArbrit gegen- übersteht, verpflichten sich die Arbeitgeber, diejenigen männlichen Arbeiter, die seit dem 15. Juli 1919 entlassen worden sind, und seitdem keine andere Beschäftigung in ihrem Hauptberufe gefunden haben, baldigst wiedereinzustellen, sosern sie nicht nach den gesetzlichen Bestimmungen die sofortige Ent- lassung verwirkt haben. Bon der Belegschaft gemaßrcgelte Angestellte, soweit über diese nicht bereits endgültig entschieden wurde, frühere Grenz schutzangehörige, sowie alle von Arbeitern gemaßrcgelte und terrorisierte Mitglieder der Beleg- schastcn sollen die Arbeit. sofort auf ihren alten Stellen wieder aufnehmen. Denjenigen, die sie au der Arbeit verhindern, ist von der Verwaltung zu kündigen. Ten Arbeitern wird das Recht zugestanden, berechtigte B e- s ch w c r d c ii über grobe Verfehlungen ihrer Vorgesetzten durch die Organisation bei den B e r g v e r w n l t n n g e n, in zwei- tcr Reihe beim Arbeitgeberverband, betreiben zu können. Betriebs- oder sonstige Versammlungen während der vertragsmäßigen oder der gesetzlichen Arbeitszeit haben zu unterbleiben. Verabsäumt der Arbeiter durch etwaige Ver- sammlungen die Arbeitszeit, so hat er dafür keinen Anspruch auf Lohn. Maßregelungen wegen politischer oder g e- w c r k s ch a f t l i ch e r Zugehörigkeit dürfen nicht stattfinden. Die Entschließung wurde von dem Arbeitgeberverband der Berg- und Hüttenindustrie Oberschlesirns und sämtlichen in Betracht kommenden Arbeitnehmcrorganisationcn gegen die Stimme des Vertreters des polnischen Zen- tralverbandcs angenommen. Das Ergebnis der Verhandlungen ist außerordentlich zu begrüßen. Beide Parteien haben erkannt, daß die Hebung der Arbeitsfreudigkeit die Hauptaufgabe ist' der Arbeitswille kann aber nur dann in der Arbeiterschaft wirk- sam werden, wenn sie sich nicht nur vor dem Terror der kam- in u n i st i s ch e n Elemente, sondern ebenso vor jeglicher Willkür der Arbeitgeber geschützt weiß. Erfreulich ist die Wiedereinstellung der ehemaligen Mitglieder des Grenzschutzes, den Boykott eigenen Klassenge- nossen gegenüber— und um solche handelt es sich bei dem überwiegenden Teil der Grenzschutzangehörigen— zu for- dern. blieb den Unabhängigen und Kommunisten vorbehal- ten. Man sieht, wohin sich der„rote Terror" gegebenenfalls wendet. Daß allein der Vertreter der Polen die Zustimmung zu dem Verbandlungsergebnis ablehnt, darf nicht wunder- nehmen, weiß man doch längst, daß den polnischen impe- rialistischen Interessen nichts mehr zuwider ist, als ein geordneter Aufbau des deutschen Wirtschaftslöbens. Die Unruhen in Dreslau. lEigener Drahtbericht deS„Vorwärt S'.) Zu den bereits in der Morgenausgabe gemeldeten Unruhen in Breslau teilt uns unser Berichterstatter noch mit: I« Breslau hatte« die Wucherpreise, namentlich für Obst und Gemüse, eine unerhörte Höhe erreicht. Das sozialdemokratische Blatt, der Magistrat nnd die BerteilniigSstellc für Obst und Gemüse haben in Wort und Schrift die Klein- und Großhändler sowie.die Erzeuger auf die drohende« Gefahren hingewiesen, die entstehen können, wenn die Obstprcise nicht bald herabgesetzt werden. Das fruchtete nichts. Deshalb schritten die Breslauer Arbeiter am Freitag morgen zur Selb st Hilfe»nd nahmen Zwangs- Verkäufe auf dem Frühmarkt vor. Die Polizei verhielt sich dabei passiv. Am Freitag ging noch alles in Ordnung und verhältnismäßiger Ruhe vonstatten. Am Sonnabend morgen erschienen noch größere Trupps BreSlaner Arbeiter und nahmen wiederum Zwangs- Verkäufe vor. Dabei wurde festgestellt, daß Landleute auS der llmgclmng von Breslau unter ihrem Gemüse Speckseiten, Butter, lfier und Weißbrot versteckt hatten. Das erregte natürlich die Ar- heiter und es kam infolgedessen zu an sich ncch belanglosen Zwischenfällen zwischen Erzeugern und Konsumenten. Im Anschluß daran erschienen im Laufe des Tages unlautere Elemente, um verschiedene Geschäfte in der Stadt zu plündern. Ein Z i- garrcngeschäft in der Gartcnstraße wurde vollständig ausge- räumt. Einige der Plünderer konnten bereits verhaftet und ihnen ein Teil der geraubten Waren abgenommen werden. Der Sonn- tag verlies noch verhältnismäßig ruhig. Am Montag machte sich der Janhagel die Sache wieder zunutze und versuchte verschiedene Geschäfte zu plündern. Darauf zogen RegiernngStruppcn ein, die das Rathaus und verschiedene andere Gebäude sowie den Markt besetzten Der Aufforderung, auseinanderzugehen, wurde nicht Folge geleistet, worauf die Tnippen wiederholt Schreck- f ch ü f f e in die Luft abgaben. Verletzungen wurden nicht gemeldet. Am TienStag ist der Markt sehr schwach beschickt. Einige Geschäfte sind schon wieder geöffnet. Patrouillen durchziehen die Stadt; sonst ist alles ruhig. hinter verschlojjenen Türen. Die am heutigen Dienstacp beginnende Reichskonfe- renz der Unabhängigen tagt unter strengstem Aus- schluß der Oeffentlickkeit. Nicht nur die Presse bat keinen Zutritt zu den Verhandlungen, sondern auch Arbeiter- rate und sonstige Funktionäre der Unab- b ä n g j g e n sind, soweit sie nicht Delegierte sind, von der Konferenz ausgeschlossen. Die prinzipiellen und taktischen wie praktischen Gegen- sähe— man braucht nur an die letzte Generalversammlung der Graß-Berliner Organisation der Unabhängigen zu denken— haben in der Partei einen so hohen Grad erreicht, daß die Kontrolle nicht nur der Oeffentlichkeit, sondern sogar vor den eigenen Parteigenossen vermieden werden muß. Un- abhängige Theorie und' kommunistische Praxis lassen sich eben nickt zusammenkuppeln. M a r l o h. Die„Freiheit" veröffentlicht eine Meldung über eine angebliche Flucht des ObcNrntnantS Marloh. Wtze wir von zuständiger Stelle erfahren, befindet sich Marloh in sicherem Gpwahrsam in Berlin. Tie Nachricht von seiner Flucht ist erfunden. Der englische Gewerkschaftskongreß. tEigener Drahtbericht des„Vorwärt S'.) Auf dem am Montag eröffneten Kongreß stehen drei Fragen im Vordergrund» nämlich die Frage der direkten Aktion, die Nationalisierung der Industrie, in erster Linie der Bergwerke, sowie die Stellung der Arbeiter zur Produktion. Man ist sehr gespannt, wie weit es den gc- mäßigten Gruppen gelingen wird, die extreme Richtung auf dem Kongreß zurückzudrängen. Jedoch rechnet man als sicher damit, daß der Vorschlag der direkten Aktion fallen wird. Dieöeutsch-üänischenGeheimverhanülungen (Eigener Drahtbericht des„Vorwärt s".) AuS Kopenhagen wird dem„vorwärts" gemeldet: Der Ausschuß des dänischen Reichstages zur künftigen Regelung des Heeres und der Flotte beschloß in seiner gestrigen Sitzung, die Akten über die Gespräche zwischen dem dänischen Hauptmann Luetkrn und dem deutschen Gcneralstabschef Moltke über eine dcutsch-dänische Militärkonvention gegen Abtretung von Nordschleswig aus den Jahre,, 1902/03 und 1906/07 in ihrer Gesamtheit zu veröffentlichen, ferner die Erklärungen, die der damalige Ministerprästdent und jetzige Oppositionsführer E h r i st e n s e n in der Sache gegeben, sowie den stenographi- f ch c n Bericht der Kommisfionsverhandlungen darüber. Außerdem wurde beschlossen, einen Ausschuß einzusetzen, der darüber Klarheit schaff.'» soll, wie die Mitteilungen über die Ver- Handlungen der Kommission in die Oeffentlichkeit gekommen sind. Unser Kopenhagncr Parteiblatt„Socialdcmokratcn" nennt in diesem Zusammenhang die konservative„Nationaltidende", die tat- sächlich den Anstoß zu den anöftihrlichen Beröffcntlichungen in d:r Regiernngsprcsse gegeben habe. Jedenfalls dürften nnnmehr die von sämtlichen dänischen Par- teicn und auch von gewisser deutscher Seite geforderte» Bcröffent- lichungen beginnen Dann müssen natürlich auch die deutschen Aktenschränke ge- öffnet werden. Zranzöftsch-englisthe Spannung in Klein- aften. (Eigener Drahtbericht deS„V o r w ä r t 8".) Kopenhagen, 9. September. Die französisch-englische Spannung im westlichen Asien scheint immer merkwürdi- geren Komplikationen entgegenzugehen, und der Ver- dacht ist nicht mehr von der Hand zu weisen, daß England sogar die I u n g t ü r k e n in gewisser Beziehung zu unterstützen be- reit ist, falls siz gegen Frankreich zu benutzen sind. Wie der„Matin" aus Konstantinopel meldet, sendet das jungtür- tische Komitee in Kleinasien unter Mustafa Kemal täglich Drohtelegramme an den Sultan und fordert den R ü ck- tritt der Regierung. Mit Munition und Geschützen wohlorganisierte Banden, von unaebildcten Offizieren geleitet, beherrschen Kleinasien. E nv e r Pascha soll sich in Erzerum aufhalten, wo er die Verbindung mit Mustafa Kemal und der örtlichen aufrührischen Regierung der innersten Gebiete Klein- asi�l? aufrechterhält. Eine Anzahl englischer Agenten soll Kleinasien durchstreifen, dort antifranzösische Propaganda treiben und die Bevölkerung davon über- zeugen, daß ausschließlich Frankreich Griechenlands klein- asiatische Forderungen unterstützt. die /ingeftelltenbewegung am Scheiöeweg. Die Angestelltenbewegung als Sonderbetvegnng be- trachtet, ist des jüngsten Datums in der Arbeiterbewegung. Sie hat mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands zu Friddenszeiten nicht gleichen Schritt halten können, und als sie endlich ins Leben trat, einen Weg beschritten, der sie teils zur Untätigkeit, teils aber zum Nachhinken verdammte. In ihrer Entwicklung wurde sie gehemmt, da sie sich der Er- kenntnis des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit per- schloß. Zum willenlosen Unternehmerspielzcug wurde sie zum Teil dadurch, daß ihre Wortführer den Anschluß an die freigewerkschastliche Arbeitnehmerbewegung zu verhindern wußten. Man wollte eine besondere Standespoli- t i k. Die Angestelltenbewegung sollte der Grundstein eines „neuen" Mfttelftandes werden, aber man erreichte eine Zwitterstellung, von der der Unternehmer Vorteil, der Ange- stellte nur schwer wieder gutzumachenden Schaden hatte. An- statt zielbewußte Arbeit zu leisten, mißbrauchte man die Be> wegung zu wirtschaftlichen und parteipolitischen Experimen- ten. Anstatt rücksichtslos Angestellteninteressen zu fördern, wurden Anbiederungsversuche bei dem Unternehmern in, selbst auf Kosten anderer Arbeitnehmerkreise gemacht. So- Wohl Reattionären als auch angcstelltenfeindlichen Regierun- gen leistete man Gefolgschaft, um sich in der Gunst jener zu sonnen, die kaltblütig Angestellteninteressen mit Füßen traten. Ja, wurde doch der' Aufbau und Ausbau der a n t i- semitischen Vereine überhaupt nur ermöglicht, daß ganze Teile der Angestelltcnbewegnng bewußt nnd lediglich auf den Antisemitismus eingestellt wurden. Durch Wirt- schaftlich Rückständige, politisch Unorientierte war die Möi)- lichkeit gegeben, eine Masse der Angestelltenschaft in ein antl- semitisch-nationalistisch-mittelständlerifches Fahrwasser zu lenken. Die'Folgen dieses Jrrganges waren eine fast völlige Lahmlegung und eine grobe Vernachlässigung der Wirtschaft- lichen und sozialen Interessen der Angestelltenschaft. Tie Jahrzehntelang mit vielem Geschrei verfolgte Mittelstands- Politik in der Angestelltenbewegimg hat elendiglich Schiff- bruch gelitten und weite Kreise der Kopfarbeiter in nnfag- bares Elend geführt. Jahrelange, unermüdliche Aufklärungsatbeit brachte wenig Aenderung in.der Richtung der Angestelltenbewegung. Man wollte nicht Proletarier sein und die sich daraus er- gebenden Konsequenzen ziehen. Die Persönlichkeit, die Eigen- akt wollte man bewahren und erhielt sie krampfhaft, jeder natürlichen Entwicklung zum Trotz auf Kosten der Gehalts- und Arbeitsbedingungen und einer gesunden Sozialpolitik. Erst die Keulenschläge, die die Revolutton auch gegen dje Köpfe der Angestellten führte, haben es fertig gebracht, daß in der- Angestelltenschaft ein neuer Geist Einzug hielt. Aber diese Revolution in der Angestelltenbewegimg ist noch im- beendet und ihr entstehen bereits Gefahren, die der ernst- haftesten Beachtung auch seitens der getverkschastlich und Po- litisch organisierten Arbeitnehmcrschaft bedürfen. Die An- gestelltenbewegung steht heute am Scheideweg. Sie tastet noch und prüft, ob sie den Weg der reinen Arbeitnehmerpoli- tik beschreiten soll oder ob sie wieder eine neue Stan- d e s P o l i t i k betreiben soll. Rufe, warnende wie lockende, tönen von allen Seiten und die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Angestelltenbewegimg endlich reif zur posi- tiven, fruchtbringenden Arbeit geworden ist. Es wird Sache auch der organisierten Arbeiter sein, mit dafür zu sorgen, daß die Angestelltenbewegimg den geraden, zum Ziel siih- renden Weg beschreitet und sich nicht auf Seitenpfade begibt, die sie aufs Neue in einen Irrgarten führen. Auf wirtschaftlichem Gebiet hat die Bewegung der An- gestellten seit den Novembertagen eine Richtimg eingeschla- gen, die unbedingt zu vielen Augenblickserfolgen geführt hat. Aber gerade diese verhältnismäßig leichten, für Kenner der Arbeiterbewegung nar nicht überraschenden'Ei folge haben die Angestellten allzu zuversichtlich gemacht. Diese Sie- geszilbersicht läßt die bedenkliche Vermutung aufkommen, daß ohne genügende Schulung und innere Stärkung sie etwaigen Rückschlägen nicht standhalten wird. Diese Siegeszuversicht birgt auch die große Gefahr der Unterschätzung des Gegners, des Unternehmertums, in sich, die zur Folge haben kann, daß die Front der Angestellten ins Wan- ken gerät, wenn das Unternehmertilm von der Verteidigung zum scharfen Angrtff übergeht. Der verlorene Bankange- stelltenstreik in Hamburg und der harte Widerstand, den die Unternehmer den streikenden Versicherungsangestellten lei- sten, sprechen ein beredtes Wort zu diesem Thema. Eine andere Gefahr liegt in der Ueberschätznng der Kraft der An- gestelltenbewegung. Man schmeichelt den Angestellten mit der Behauptung, sie seien stark und mächtig genug, ent- scheidende wirtschaftliche Kämpfe ohne die Unter- stlltzung det Gesamtarbeiterschaft durchführen zu können. Diese Meinung versucht man srstcmatisch den Angestellten einzuimpfen, um eine neue Kluft zivischen Kovf- und Hand- arbeitern herbeizuführen. Nichts wäre gefährlicher, nicht nur für die Angestellten, sondern für die Arbeitnehmerschast überhaupt, wenn Sic T»cTicn, unS" Socfi nur leiftoetfe Sergestellte Einheitsfront der Kopf- und Handarbeiter durch eine durch Nichts gerechtfertigte Selbstüberschätzung eines Teiles der Beteiligten wieder gestört würde. Den Vorteil hätte das Unternehmertum, kein anderer! Eine weitere Gefahr liegt für die Angestelltenfchaft dariiu daß sie dazu neigt, in der von ihr jetzt eifrigst betriebenen Tarifpolitik das Mittel zur endgültigen Lösung a l l e r wirtschaftlichen und sozialen Fragen zu sehen und sich der Tatsache zu verschließen, daß durch die Tarifpolitik zwar die Bedürfnisse' des Tages, nicht aber die der zukünftigen Zeiten gelöst werden können. Es muß hinein in die Schädel, auch in die härtestn der Angestellten daß die kapitalistische Wirtschaft nur Konzessionen macht, daß im übrigen die end- gültige Lösung aller wirtschaftlichen und sozialen Forderun- hon der Angestellten nicht von der kapitalistischen, sondern von der s o z i a l i s ch e n Wirtschaft zu erwarten ist und daß um ihrer selbst willen die Angestelltenschaft im Sinne des Sozialismus mitzuwirken Hot. Die Zahl der An- gestellten ist so groß, und ihre Stellung in der Wirtschaft von solcher Wichtigkeit, daß die gewerkschaftlich organisierte Ar- beiterschaft alle Ursache hat, auch Erziehungsarbeit bei den Angestellten zu leisten und mit dafür zu sorgen, daß konse- guente Arbeitnehmerpolitik auch von der Angestelltenbcwe- gstnZ betrieben wird. Darüber mag sich auch die Handarbei- terschaft klar fein; daß bei der endgültigen Auseinander- setzung zwischen Kapital und Arbeit im Interesse der Ar- beiterbewegung die Angestelltenbewegung auf der Seite der freien Gewerkschaften stehen muß. Wo die Angestelltenschaft zu zag und schwäch ist, muß die kräftige, steuergewohnte Hand der Arbeitnehmerschaft das Ruder mitpacken, damit die An- gestelltenbewegung nicht wie ein irrgeleitetes Schiff zlvischen kapitalistischen und proletarischen Interessen hin und her schwankt.<- Parteipolitisch bewegen sich viele Angestellten teils im Kreise, teils fallen sie von einen: Extrem ins andere. Die Ursacheir sind darin zu suchen, daß die Angestellten, die von der politischen Umwälzung einfach' überrascht worden sind. sin allgemeinen auf die politische Tätigkeit nicht eingestellt waren und daher.in der Lage sind, die Konsequenzen der politischen Umwälzung zu übersehen.. Gar nichts Seltenes ist seit den Tagen der Revolution, daß sich Angestellte Partei- politisch bei den Sozialisten, wirtschaftlich bei den Wirtschafts- friedlichen,' im Fahrwasser reaktionärer, bürgerlicher Parteien segelnden Verbände organisiert haben, und bei beiden trotz der vorhandenen Gegensätze wichtige Funktionen übernehmen. Das Gefühl, nicht die Erkenntnis bringt in vielen Fällen bei der Angestelltenschaft die Entscheidung in der parteipoliti- scheu Orieiftm'vng. Diese Gxsllhlspolitik.birgt den Keim der Unzuverlässig- kcit in sich/ mfd nimmt die Möglichkeit, im politischen Streit ernsthaft mit dieser Anhängerschaft zu rechnen. Ein starkes Liebeswerhen der bürgerlichen Parteien um die Gunst der Angestelltenschaft hat erneut eingesetzt und der Mangel an politischer Schulung läßt es möglich erscheinen, daß dieses LiebeSwerben nicht vergebliche Liebesmüh sein wird, wenn nicht rechtzeitig vorbeugend gewirkt wird. Die parteipoli- tische Schulung der vielen für die sozialdemokratische Partei g«vonner»sir. Angestellten-muß schleimigst' und durchgreifend in Angriff genommen werden. Zahllos sind die Angestell- ten, die parteipolitisch„neutral", aber für die Ziele und Far- derungen der soziärdrmokrätischen Pattei" außerordentlich --emIfgnlllich' Md. Hier ist-fr»cht bring en de s'N e u- l a n d, auf dem auch andere Parteien- ernsthaft und eifrig ftgen und bald ernten möchten.' Auch in parteipolitische:.Beziehung steht die Angestell- tenschaft am Scheideweg. Es ist Sache unserer Partei, im Allgemeininteresse dafür zi: sorgen, daß auch hier die Angestellten den richtigen Weg, und das ist der von uns ein- geschlagene, gehen. John Ehrenteit- Hanitmrg. Ankunft beschädigter Gefangener. Gestern,nochmittng ist der zweite französische Lazarettzug mit ISO kranken und ver- wunderen deutschen Kriegsgefangenen ans dem französischen Sammel- iazarett Etaples in Köln-Deuv eingetroffen. Ein„Mentat". Auf Lcttow-Vorbcck sollte ein Nevolvcrschuß abgefeuert worden sein. In Stargord in Pommern am letzten Sonnabend. Zum Glück hotte man den Burschen erwischt und eingesperrt. Un- tersuchnng, Gerichtsverhandlung, große Sensation in Aussicht. Denn bei Lcttow-Porbeck handelt es sich um einen Man«, der nach der„Deutschen Tageszeitung"„unsterblichen Ruhm für den dem- scheu Namen erkämpft hat". Da kommt die Meldung, daß der Bösewicht. aus der Haft entlassen worden ist. Und einen Tag später die Aufklärung für das Unbegreifliche: der Täter war�nur im Besitz einer Kinder- p i st 0 l e gewesen, die er zur höheren Ehre des Mannes, der„nn- sterblichen Ruhm für den deutschen Namen erkämpft hat", abge- knallt hatte. Die„Deutsche Tageszeitung" hatte auf die erste Meldung hin aus dem Knaben schon einen„unabhängigen Meuchelmörder" gemacht, wiewohl sofort telegraphiert worden war, daß Lettow- Porbeck unverletzt davongekommen. Nun muß das alldeutsche Zentralorgan der Agrarier zugeben, daß eS sich um einen Dummenjungenstreich gehandelt hat. Alle politischen Spekulatio- ncn zerplatzen wie Seifenblasen. Woraus- zu entnehmen wäre, daß man heute bei in- wie ans- ländischen AttentatSmeldungcn vorsichtig sein müßte. Aber die Lehre von Stargard wird fo schnell vergessen sein, wie der„Re- volverscbnß" von Stargard verhallt ist. Die nächste Stunde wird einen neuen Aufsitzer bringen und prompt werden die Blätter darauf hineinfallen. Nicht nur die alldeutschen. der Münchener Geiselmord vor Gericht. M ü n ch c n, 9. September. Im Verlauf der heutigen Zeugenvernehmung wird ein- gehend.über das Leben und Treiben in der Thule-Gesell- s ch a f t und deren politischen Einschlag verhandelt. Unter den vorgeführten Leuten der Thule-Gcscllschaft seien Neuhaus, Deike, v. Scydlitz, Gräfin Westarp und außerdem der Hotelbesitzer Aumüller gewesen. Das ganze Verhör habe darin de- standen, daß die Namen aufgeschrieben wurden. Auf EglhoferS Platz habe sehr viel schriftliches Velastungsinatcrial und die gefälschten Stempel gelegen. Eglhofer hace die Leute ausgefragt, die jedoch sämtlich erklärten, daß sie von den angeblichen Stempelfälschnngen absolut nichts wüßten. Bei dem ganzen Vcrbör habe sich durchaus kein Belastungsmaterial gegen die Thnle-Leute ergeben. Die Geiseln seien zunächst gut behandelt worden, aber schließlich wurde Eglhofer erregt und lwl>e sie dann angebrüllt, woraus der Zeuge das Bureau verließ, weil die Unterhaltung in ein zu radikales Fahrwasser ge- riet. Als einziges, ctirm belastendes Moment hätte man nur die Tatsache anführen können, daß die gefälschten Stempel im Bureau der Gräfin Westarp lagen. Eglhofer habe zum Schluß gesagt: ..Ich werde euch so lange einsperren, bis ihr die Wahrheit sagt." In dem Bureau der Thule-Geselllschaft wurde ferner ein Zettel antifemitsschen Inhalts gefunden, auf dem auch die Rainen aller derjenigen Regie- r u ng s m i t g l ie d c r deutscher Einzelstaaten gestanden hätten, die jüdischen Glaubens waren.• Der Zeuge Otto Wenzel gibt an, daß Seidl am 27. oder 28. mit.- etwa'löü Mann und einem Panzerauto vor der Polizei- dircktion vorgsfechren.war, um- die.. Militärpolizei. zu-entwafsucn. Seidl.habe dabei immer den Revolver in der. Hand gehabt. Das .war aber ganz unnötig, denn als es ans der Pplizeidircktion ge- heißen habe:„Seidl kommt," hätte sich schon alles geflüchtet. Um die Bekundungen dieses Zeugen zu entkräften, erklärt der Angc- klagte Seidl, er kenne Wenzel überhaupt nicht und habe ihn nie ge- sehen.— Bor f.:. Erkennen Sie Seidl wieder?— Zeuge: Mit voller Bestimmtheit'.— Zeuge Schutzmann Schmidt bekundet, Seidl sei mit dem Revolver in der Hand in der Polizeidirektion erschienen und habe erklärt: „Wer nicht gleich die Waffen abgibt, wird erschossen." Die verhafteten Schutzleute seien dann im Zuge nach dem Luit- p o l- G y ni n a s i u m gebracht worden. Dort babc ihnen H a u ß- mann erklärt, er müsse mit dem Verhör warten, bis Seidl komme. Im Zimmer sei-der Eisenbahnsekretär Daumenlang gewesen und habe über seine Behandlung gejammert. Als. man ihm darauf vorgeworfen habe, er sei ein Plünderer, babe Daumenlang er- klär::„Das ist. ja Unsinn. Ich babc 29 999 M. Vermögen aus der Bank." Hau ß mann schien sich durch diese Aussage beeinflussen zu lassen. Die Gräfin Westarp sagte zu Haußmann. sie sei wohl von Geburt eine Gräfin, habe aber ibrcn Adelstitel abgelegt und müsse sich mit ibrer Hönde Arbeit ihr Brot verdienen. Der folgende Zeuge S ch u tz'm nun Schöll erweitert die Angaben des Vorzeugen dahin, daß Daumenlang wiederholt furchtbar geschlagen worden sei. Er habe viele Beulen und blutige Stellen an der Stirn gelmbi. Er sei mst den Worten:„Schauen Sie nur, so har man mich behandelt," ganz gebrochen zu Haußmann ins Zimmer gekommen. Haußmann babe darauf gerufen:„Ja, das ist ja einer der Plünderer," worauf Daumenlang erwiderte:„Um Gottes Willen, erst hat man mich als Judcnbetzer verhaftet, jetzt soll ich gar noch ein Plünderer sein." Zu der Gräfin Westarp habe Ha�ßmang gesagt:„Ich habe vier gar nichts zu sagen. Kominan- dant ist der Seidl." Schicklhofer habe zu den Schutzleuten gei-rnt: „Ihr seid Reaktionäre, Ihr gehört eigentlich alle erschossen. Wir brauchen keine Schutzleute mehr. Wir machen die Sache selber. Im übrigen geht zur Roten Armee, dann werdet Ihr Männer sein."— Der Arrestwärter Joseph Mulzer sagt aus: Bei der Abholung der Tbulc-Leute aus dem Polizeiarrest hätten Seidl und Haußmann auf die Frage, wohin die Gefangenen kämen, zur Antwort gegeben:„Seid nur ruhig. Ihr werdet schon sehen, wohin Ihr kommt." Die Geiseln seien dann ms Anfnahmezimmer geführt worden. Gräfin Westarp habe gefragt:„Wohin kommen wir denn eigentlich? Wir sind doch ganz unschuldig." Seidl habe ihr dann die Pistole vor das Gesicht gehalten und gesagt, sie solle ruhig sein, sonst schieße er sie nieder. Ter Zeuge bat gehört, wie in dem Zimmer davon gesprochen wurde, daß die Gefangenen ins Gymnasium kämen und dort erschossen würden. Rechtsanwalt L i e b k-n cch t fragt den Zeugen: Hat Seidl nun gesagt, die Gräfin Westarp solle ruhig sein, oder sie solle das Maul halten?— Zeuge: Sie soll ruhig sein.— Vors.: Aber er hat doch auch gesagt:„sonst erschieße ich Sie". Das ist nämlich etwas anderes.— Arrestwärter Joseph W a l d m a n n sagt aus. Daumenlang habe am ganzen Körper gezittert. Haußmann habe gesagt:„Sie kommen jetzt ins Luitpold-Gymnasium. Wir müssen jevt ganze Arbeit machen, sonst können wir uns nicht mehr retten."— Zeuge Lehnet war mit bei dem Verhör im Zimmer Nr. 69. Als er herauskam, hörte er die Worte:„Gebt die Fabnen heraus. Auf geht's." Der erste der weggeführten Geiseln sei Daumenlang gewesen, die letzte Gräfin Westarp. Sämtliche Geiseln hätten die Hände auf dem Rücke:: ge» habt. Ob sie gefesselt waren, kann der Zeuge nicht sagen. Der nächste Zeuge, Matrose M e s s e r s ch m i d t, der au? der Haft vorgeführt werden sollte, ist entsprungen. Es wurde seine Vor- aussage verlesen, in der er angibt, er kenne Eglbofer aus der Zeit. da dieser noch Vorsitzender des Arbeitslosenansschusses gewesen sei. Er habe im Zimmer Eglhofcrs gehört, daß der bekannte Rofcr im Kriegsministcrium gerufen habe:„Ich werde die Schlappe wieder gutmachen, die wir bei Starnberg erlitten haben; aber auf eine Weise, daß ganz München staunen wird." Auf jeden Fall würden die Leute, die jetzt verhaftet seien, nicht mehr lebendig von den Truppen befreit werden. Im Notfalle würde er sie selbst nieder- knallen.— Ter Pedell des Gymnasiums Stadler schildert die Zustände im Gymnasium. Vor den Roten sei nichts sicher gewesen. Mit der Disziplin war es sehr schleckt bestellt, lieber die Erschießung selbst sagt der Zeuge aus, er habe gesehen, daß Schicklhofer den Versuch machte, im Hof eine Abteilung zusammenzustellen. Dann habe er einen schütz gehört, sei ans Fenster geeilt u»d habe ge- sehen, wie-braußen- einer zufammeubvach. An-tinerA Baum hätte eine Frau gelegen, wahrscheinlich die.Gräfin Westarp.� Erziutlastet Schicklhofer dgdurch. daß„ er angihr dgh. M die- ersten Schüsse bereits gefallen seieih Schicklhof/r'noch'Kit'der Zusammenstellung der Abteilung zu tun gehabt habe. Einmal Habe schicklhofer. als ein Offizier, anscheinend Freiherr v. Teuckert, erschossen wurde, gerufen:„Halt!" In diesem Augenblick krachten aber bereits die Schüsse. Der Zeuge W e! g a n d, der dritte, sogenannte„hinkende Schreiber", macht seine Aussagen außerordentlich zögernd und kann sich an nichts mehr erinnern. Er sucht anscheinend Seidl zu ent- fasten. Daß dieser die Husaren mit dem Revolver in der Hand verhört habe, stimme nicht. Später macht er«ine Einschränkung dabin, daß er Seidl nicht recht gesehen habe. Er belastet dagegen Hesselmann. Nach der Vernehmung des Zeugen fragt der Borsitzende den Angeklagten Hefselmann, was er zu diesen Aus- sagen Weigand� sage. Hesselmann erklärt:„Ich habe keine Worte ver Toü. Ein Märchen von Christian E n g e l st o f t. . In uralten Zeiten gab es den Tod überhaupt nicht. Alle Menschen wohnten in einem wunderschönen Garten mit lieblichen Sträncher», die so groß und dicht waren, daß man sich in ihnen behaglich fühlen konnte, fast wie in einem richtige» Hause. In dem Garten wuchsen hohe, schattige Bäume, die die wunderbarsten Blüten irugen, Auch alle möglichen Tiere lebten darin, aber sie alle waren ge- siitet und bissen weder einander noch die Menschen, und sie fraßen sich erst recht nich:, lind die Menschen lachten und spielten und empfanden ewige Freüde, Meistens schien die Sonne; regnete es einmal, so war das wie das angenehmste lauwarme Sturzbad. Hunger und Sorge, Not und Krankheit gab es ebenso wenig wie den Tod. D'arUm waren die Männer doch ebenso feierlich und toternst, wie heutzutage, sie wanderten täglich ein paar Stunden umher, mit den Händen auf dem Rücken, und redeten lange, mit liefen Stimmen und gerunzelter Stirn, so wie es nun einmal Männer» Spaß macht. Die Frauen waren schöner als alle Frauen später, sanft, heiter, jung und schlank. Sie tanzten fast stets und tanzten allerliebst. Tie ganz großen bekamen kleine Kinder. Richtig große, gute Fraiien lieben in der Welt niemanden so sehr wie ihre Kinder; und wenn sie keine haben, werden sie im Grunde nie glücklich. Den ganzen Tag beschäftigten sich die Mütter mit ihren Kinder- lein, spielten mit ihnen, wuschen sie, obne daß sie schrieen, putzten sie anfs allerbeste und jubelten über sie; denn sie liebten sie ja. Weder Gefahr noch Ltranlheit drohte den lieben Kleinen auch nur im. mindesten. Nichtsdestoweniger sagte jede einzige der Mütter gar oft im Laufe des Tages: „Wie große Angst ich doch habe, daß mein Bübchen sich den Magen' verdirbt, oder daß mein liebes Mädelcken sich erkältet." Es klingt nun einmal so nett und gemütlich, wenn Mütler so etwas sagen. Das Allerallernterkwürdigste damals war jedoch, daß weder die Männer noch 1>ie Frauen alterten und alt wurden, ihre Zähne verloren, krumme Knie und runde Rücken, Schmerzen in den Glied- maßen und garstige Runzein und Falten in der Haurbekamen, wie wir heutzutage, wenn wir älter werden. Das heißt, die Runzeln und das Alter stellten sich eigentlich doch ein, aber man brauchte bloß an einen kleinen, hübschen Bach mit warmem Wasser zu gehen, der durch den Garten lies, brauchte bloß hineinzusteigen, sich zn ducken und ein klein wenig abznsvlilen, :o konme man wie ein Nichts seine runzlige, häßliche Haut ab- streifen und war jung.und schön. Das taten alle. Es geichah jedoch, daß ein Weib, das zufälligerweise eine zeit- lang das Bad im Bache aufgeschoben hatte, einen kleinen Knaben gebar. Den lieblichsten Knaben, den je ein Menschenavge erblickt hatte. Die Mutter freute sich denn auch sehr darüber und hatte so viel zu tun, daß e§ ihr ganz unmöglich war, den Bach zu erreichen, der Runzeln und Aller wegnahm. Der Knabe wurde stärker, größer, klüger als alle anderen Knaben. Er lernte, als er heranwuchs, gehen und laufen und sprechen, und oft dachte die Mutter: Nun muß ich aber schnell in den Bach steigen und etwas an mir selber tun; niemand ist so häßlich wie ich. Und doch konnte sie es kein einziges Mal über sich gewinnen, ihren kleinen Angapfel zu verlassen. Endlich, in einer Morgenstunde, als er ungewöhnlich lange und fest schlief, nahm sie doch die Gelegenheil war. zu entschlüpfen, verließ ihre Lagerstätte im Busch und lief ordentlich so gut sie konnte, sie war ja recht alt geworden; sie lief an den Bach, watete hinein und badete und spülte sich. All ihre garstige alte Haut legte sie ab. Die floß mit der S'.römung bachabwärts und blieb an einem Zweige hänge», der weit über das Wasser hinausragte. Sie streckte sich: wie herrlich war es doch, davon befreit zu sein I Sie hüpfte und lief und wrang und tanzte wie ein junges Rehzicklein zurück zu den andern Menschen; und sie sang so fröhlich, fast wie damals, als sie selber noch Kind war. Ihre Wangen ivaren rot und weiß, ihre Augen strahlten, und sie war schlank und düun geworden wie ein Schilfrohr. Der erste, dem sie begegnete, war ihr kleiner Knabe. Sie nahm ihn auf ihre Arme und preßte ihn an ihr Herz. Aber der Knabe erkannte sie nicht. „Mein lieber, lleiner, süßer Junge." sagte sie. Er aber rief:„Geh wech! Kenn' dich nich!" Sie sagte die zärtlichsten, süßesten Worte zu ihm und streichelie und hätschelte ihn. „Geh wech I" fuhr er fort zu sogen. Zuletzt weinte er. Seine verjüngte Mutler weinte gleichsalls. Der Junge konnte und wollte sie nicku kennen. Ihr war, als müßte ihr das Herz vor Kummer brechen. Da ließ sie ihn loZ und hüpfte und lief schleunigst wieder zum Bache, watete hinaus und ging mil der Strömung. Da sah sie an einem Zweige, der aus dem Wasser hervorragte. ihre häßliche Hanl hängen. Garstig sah sie aus, noch schlimmer als vorher.> '.Ack. mein kleiner Junge hat mich nicht wiedererkannt," sagte sie zu sich selbst.. ,. Und sie watete b:s zu der Haut aus dem Zweige hin, nahm sie herunter und legte sie um. D>e Runzeln und Falten waren tiefer, nnd die Haut war auch kleiner geworden, sie war znsaminengcschrumpil. Die Mutter ivar 1 überzeugen davon, daß ihr Mund ganz schief saß. Obendrein war er ekelhast grau und bräunlich geworden. Sie tonnte eS nicht über sich bringen, sich in dem Bache zn spiegeln. lind sie machte sich auf den Rückweg, laufen konnte sie nicht. Viele von den anderen Müttern standen in einem Hausen zu- sammen, und ans der Mitte des Schwanns hörte man ein Kind weinen:„Mutter fort.' Mutter fort!" Sie drängte sich in die Schar hinein. Die anderen sahen sie erstaunt an, fast als ob sie sie nicht erkannten. Aber ibr kleiner Knabe streckte die Acrmchcn und Händchen nach ihr aus und rief: „Mutter! Mutter! Weg alle! Da, Mutter!" „Das ist ja auch wahr." sagten die anderen zueinander und starrte» die Mutter an in ihrer zusanimengeschrumpftcn Haut mit den Runzeln und tieien Falten. „Wie siehst Du denn aus!" sagten sie zu ihr und entfernten sich eilig. Daraus machte sie sich nichts. Sie blieb bei ibrem Knaben der vor Freude darüber jubelte, daß er sie wieder hatte. Der Knabe wuchs und gedieh. Seine Mutter aber wurde, wäbrend die Tage. Wochen, Monate. Jahre verstrichen, runzliger, älter und schwächer. Zuletzt starb sie. Von da an hörten auch andere Mütter ihrer Kinder wegen auf mit dem Baden im Bache, und auch sie wurden runzlig und alt. Auch sie starben. Seit der Zeit gibt eS einen Tod für die Menschen. �(Deutsch von Hermann Kiy.) Noiszeu. — Dekorative Kulturpolitik. Eine Kcrrespondenz verbreitet folgende Nachricht:„Das preußische fiitliusmimsicnum hat soeben K ä t e Kollwitz, die Berliner Meisterin der Radie- rung, zum Professor ernannt. Die Künstlerin, das erste weibliche Mitglied der Berliner Akademie der Künste, wird damit auch der erste weibliche Professor unter- ihren Kolleginnen. Künstlerinnen von anderen Fakultäten hat allerdings das Ministerium auch schon früher.den Professortitel verliehen." Das Kultusmiiristerium läßt also von der Geschmacklosigkeit des alten Regimes nichj ab. schöpferische Persönlichkeiten mit Titeln zu. behängen, die für die beamtete Hierarchie einst ziveckmäßig sein mochten. Sollte man in der sozialistischen Republik wirklich keine andere Kunstbewertung ausfindig, machen können. War die Ver- leihung des Professor tiiels an freie Ingenien früher der anmaßende Versuch des abfolutistisch-bureaukratifchen Systems, sie nachträglich noch abstempeln zu wolen, so ist dergleichen heute vollends ein antiquiert�.- Widersinn. — D i e soziale Bühne gibt am Sonntag, den 14.. in der Hochschule für Musik ihre erste Veranstaltung in Form einer Matinee. Besucher, die nachweislich- ein Jahreseinkommen umer -'>999 M. haben, zahlen halbe Eintrittspreise-(Die überaus vom» bastische Ankündigung dieses welterjchütterndeu Ereignisses mutet «mige maßen komisch an.) ntcljr nach dem, waZ ich bier gedöri Wekqand weiß den nicht?.' Er mutz aber alles gehört haben. Ich sitze hier auf der An- klagebant under läuft frei umher!" Nunmehr schnellen einige Angeklagte in die Bähe und schuldigen den Jeugen ebenfalls an. Sa erklär: der rase Rittmeyer:„Der Zeuge ist dabei gewesen, wie, Thür« und Taris verhört wurde."— Zeuge: Ich weiß nichts, ich tann nicht ja und nicht nein sagen. Auch der An- geklagte S ck�m i t t e l e sagt aus, datz Weigand bei jedem Verhör anwcsrud war. Vorsitzender: Herr Weigand, es wird behauptet, d.v> Sw am Nachmittag bei der Geiselerschietzung dabei gewesen sind.— Zeuge streitet dies ab. Er sei bereits um 2% Uhr aus dem Gymnasium gegangen. Der Angeklagte Fehner steht auf und erklärt, Riedl habe gesagt, er babe den Weigand auch auf dem Hof bei der Geiselerschietzung gesehen, was der Zeuge erneut bestreitet. Auch der Angeklagte Gsell glaubt Weigand auf dem Hos gesehen zu haben. Der Vor- sitzende rät dem Zeugen, sich zu erklären, und fragt, ob er etwa von dritter Seite beeinflußt worden sei. Ter Zeuge streitet alles ab. Der Angeklagte Schmittelc sagt ihm auf den Kopf zu, er habe ihn sogar noch nach 5 Uhr im Gymnasium gesehen. Er habe kurz vorher die Löhnung in Empfang genommen, und das sei gerade um 5 Uhr gewesen. Nunmehr entsteht dem Bedrängten in Seid! eine Hilf«. Dieser erklärt, er habe die Ordonnanzen und Schreiber bereits um Uhr gelöhnt. Schmittele weist dies zurück und bc- hauptct, Scidl sei durch die Forderung der Mannschaft daran gc- bindert worden, daß die Löhnung bis zur Erschießung ausgesetzt werden solle. Der Zeuge Weigand sei nach 5 Ilhr vom Posten am Eingang durchsucht worden. Vors.: Was haben Sic zu alledem zu sagen, Herr Weigand? Ihr Name ist schon öfter auf der An- klagcbank mit Sehnsucht genannt worden. Nun erhebt sich der. An- geklagte F c h n e r abermals und teilt unter allgemeiner Bewegung mit. daß die Angeklagten sich untereinander inzwischen be- sprachen und jetzt alles sagen wallten, was sie wützte«. Nur Seidl sei damit nicht einverstanden getvcsen. Er habe gesagt: „Es braucht nicht alles hier auf der Anklage- bank zu sitzen. Wir müssen auch noch einige draußen behalten." sGrotze Bewegung.) Nunmehr erklärt der erste Staatsanivalt Hoffmann dem Zeugen Weigand:„Ich möchte Ihnen nicht raten, heute noch aus Ihrer Wohnung herauszugehen. Sonst werde ich Sie sofort per- hatten lasserw" Hieraus wird mitgeteilt, datz Weigand voraus- sichtlich in einem Nachprozetz wegen Beteiligung an der Geiselerschietzung angeklagt werden wird, ebenso der Zeuge B e u t e l s b a ch e r, der hierauf zur Vernehmung gelangt. Beu- telsbacher wird hierauf unvereidigt vernommen. Er hat r-oeidl wiederholt im Automobil gefahren und sagt aus, Seidl habe sich immer gegen Plünderungen gesträubt. In den anderen Sektionen der K. P. D. sei das ander? gewesen und Seidl habe inimer mit dem Revolver in der Hand für Ordnung gesorgt. Zu ihm, dem Zeugen, habe Seidl gesagt: „Die verhafteten, Thule-Leute würden dem Revolutionstribunal zugeführt werden." In der Nacht vom 29. zum 30. April, spät abends, sei er mit Seidl weggefahren. Zunächst zur Martins- schule, dann zu den.„Münchener Neuesten Nachrichten", wo sie ein Plakat jn Druck gaben, von dort nach Milbertshofen, um die Gefechtslage festzustellen. Aber man sei nur die eine Straße hinaus, die andere hineingefahren, ohne sich um die Gefechtslage zu kümmern. Um 2% Uhr sei er ins Luitpold-Gymna- si.um zurückgekehrt. Seidl sei dort geblieben. Um S Uhr habe er die Plakate geholt und in der Stadt verteilt. Um 7 Uhr sei «r ins Gymnasium zurückgekehrt. Hesselmann habe ihn, den Zeugen, auf die Seite genommen und erklärt:„Du, schau her, was die da machen." Er habe ins Zimmer gesehen. Dort habe Prinz Thurn und Taxis und ein ganz junger Mann das Zimmer au,sgekeh'rt. Als er sich schlafen gelegt Hab-, feien zwei Leute hereingestürmt und hätten gesagt: 'T„Jetzt habe« wir die beide» Weitzgardisteit erschollen." Auf� seine Frage, wer das befohlen, hätten sie gesagt, die Mann- schaften hätten es eigenmächtig getan, weil sie erbittert waren über die Starnberger Vorgänge. Ich schickte einen Mann in Seidls Wohnung, er solle sofort herüberkommen. Unterwegs habe ich Seidl gestellt und ihm gesagt:„Was ist das für eine Schwei- nerei, die Mannschaften erschießen Weißgardisten?" Darauf er- widerte Seidl:„Jetzt ist es schon geschehen, ich kann sie nicht wieder lebendig machen." Der Zeuge will verlangt haben, daß die Schuldigen bestraft würden. Seidl antwortete:„Das kann ich nicht machen," Voll Abscheu ging der Zeuge auf das Bureau Seidls und legte ihm dort, zum Zeichen, daß er mit der Roten Armee nichts mehr zu tun haben wolle, den Revolver auf den Tisch, Seidl erklärte dazu: „Auch gut, den kann ich auch gebrauchen." Als der Zeuge fortging, schaute Hesselmann zum Fenster hinaus. Der Zeuge fragte ihn, was los sei.„Da liegen die Erschossenen," sagte Hesselmann.„Prinz Thurn und Taxis und diese Leute." Der Zeuge fragte, wer das befohlen hob.-, ob etwa Eglhofer? Er habe dann seine Löhnung in Empfang genommen, und als er an den Leichen vorüberging, hätte ihm gegraut. Der Zeuge fährt fort: Abends kam Hesselmann mit dem Monokel im Auge in meine Wohnung. Im Hause, in dem Hesselmann ja auch wohnte, war die Meinung verbreitet, Hesselmann sei früher Leutnant gewesen, weil er seine Achselklappen rot überzogen hatte. Hessel- mann erklärte, das Monokel hätte dem Prinzen Thurn und Taxis gehört. Dieser hätte es ihm vor seiner Erschießung gegeben. Ich fragte ihn dann, wie sich die Sache zugetragen habe. Hesselmann sagte, es sei zuerst telephonisch und dann der schriftliche Befehl von Eglhofer gekommen. Abends sei Eglhofer dann ins Luit- pold-Gymnasium gegangen und habe seinen schriftlichen Befehl dann in kleine Fetzen zerrissen. Hesselmann ist dann am 1. Mai außerordentlich nervös gewesen. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob der Zeuge glaube,"daß Hesselmann früher eine Uhr besessen habe, sagt der Zeuge, er glaube das nicht, denn Hesselmann habe ihn immer gefragt, wie spät es sei.(Bekanntlich hat Hesselmann ausgesagt, die Uhr des erschossenen Daumenlang, die man bei ihm gefunden hat, sei schon länger in seinem Besitz gewesen.) Der Zeuge Beutel sbacher bekundet weiter, daß zu Seidl sehr hausig Frauen mit kleinen Anliegen gekommen spien. So z. B. hätten sie sick beschwert, daß ibnen die Milchfrau keine Milch mehr gäbe. Seidl habe daraufhin sofort den VerHaftbefehl aus- geschrieben. Als der Zeuge in der Nacht zum 30. April in die Kantine gegangen sei, um'sein Abendessen zu holen, habe man dort Pfannkuchen gebacken. Er fragte, für wen das sei. Darauf habe man ihm geantwortet: Für L c v i e n. Rechtsanwalt S a u t e r, der Verteidiger Hesselmanns und Seidls, beantragen die Vereidigung des Zeugen. Das Gericht erklärt darauf, daß ein Nachverfahren des Prozesses in Aussicht stehe, weil der Zeuge im Verdacht der Begünstigung stehe. Der Staatsanwalt sprach sich gegen. eine Vereidigung aus. Tas� Gericht beschloß, den Zeugen nicht zu vereidigen, da er der Begünstigung verdächtig erscheine. Ter Zeuge L e ch n c r. der ebenfalls als Geisel verhaftet war, schildert die Soldateska. Einer habe erklärt, er habe schon Pa- lronen, die die Gedärme richtig herausrissen Ein anderer habe gesagt: Wir müssen Rache nehmen, die Weißen tun es auch so. Die Behandlung der beiden Weißgardisten sei entsetzlich gewesen. Ein Rotgardist sei von Zeit zu Zeit aus dem Bett gesprungen und babe gerufen:„Habe ich dir deine Watschen jetzt schon wieder- gcgeb.m? Wenn ich es vergessen hätte, mutz ick eS gleich nachholen." Tann babc� er dem einen Husaren furchtbar ins Gesicht geschlagen. �Tieze szenc habe sich öfter wiederholt. Bei der Er- fchietzr-ng hätte einer der Husaren noch verhältnismäßig lange gestanden, che ihz eine Kugel umlegte. Sozialöemokratijcher Parteitag öer Provinz Ostpreußen. (Eigener Bericht des„Vorwärt s".) Königsberg, 7. September 1919. Ein überaus bedeutungsvoller außerordentlicher Parteitag�der sozialdemokratischen Partei Ostpreußens begann am 7. Scp- tember in Königsberg bei sehr zahlreicher Beteiligung. An den Verhandlungen nahmen Delegierte sämtlicher Stadt- und Land- kreise teil, neben ihnen als Gäste: Oberpräsident W i n n i g, Genosse Ritter vom Parteivorstand in Berlin sowie der Abg. S i ü ck l c n- Berlin. Als Vorsitzender eröffnete Parteisekretär Andersch den Parteitag und begrüßte die Erschienenen. Oberpräsident Winnig nahm das Wort zu einer Ansprache, der wir folgendes entnehmen: Wenn die Politik unter so schw-ierigen Verhältnissen, wie die heutigen, hindurchlavieren mutz, ist es unsäglich schwer, die V« r- antwortung hierfür zu übernehmen. Besonders schwer ist es für die sozialdemokratische Partei. Wir waren bis zu den No- vembertagcn eine Partei der ausgesprochenen Opposition. Als solcher kamen Hunderttausende neu zu uns. Wer regiert und die Regierung itützt, kann sich aber nicht mehr so frei auf dem Boden der Opposition bewegen, deshalb mutzte unsere Partei und ihre Haltung viele der neugewonnenen Anhänger enttäuschen. Darin erklärt sich auch ein Teil der außerordentlich schwierigen Situation, i» der sie jetzt steht. Die letzt« große Gefahr, der wir hier in Ost- Preußen gegenüberstanden und die zu überwinden uns sehr viel Arbeit und Mühe gekostet hat, war die des Landarbeitcrstreiks. Schwer war es, an ihr vorüber zu kommen; es ist dank der rast- losen Arbeit gelungen. Drei, Gefahren sehe ich, die für die Zu- kunft der Provinz von außerordentlicher Bedeutung sind und fest ins Auge gefaßt werden müssen: Es ist einmal die große Gefahr für uns, die sich durch den Abbau unserer Front im Osten ergibt. Damals zweifelte ich daran, daß der Schutz des Ostens es notwendig machen würde, hier im Osten eine Barriere zu ziehen, beute habe ich diese Zweifel als zu Unrecht ein. gesehen. Ich will nun hoffen, daß die jetzt eingeleiteten Maß- nahmen es erreick'en, daß die Regierung nichts unversucht lassen wird, Deutschland vor einer Invasion der Roten Armee zu schützen. Die zweite Gefahr sehe ich in der polnischen Propaganda. Zunächst wollen wir den Blick nach Oberschlesien lenken. Hier sind Unruhen ausgebrochen, die das Eingreifen der Regie- rungstruppcn notwendig machten. Der Wunsch der Polen geht dahin, sich jetzt schon dieser Gebiete zp bemächtigen; sie beginnen allmählich daran zu zweifeln, daß sie lemals noch in den Besitz der ihnen durch Abstimmung zufallenden Gebiete kommen werden. Es gehen heute über die ostpreußischen Grenzen politische Agenten der Polen, die hier ihre Beziehungen ausnutzen, um unter der Arbeiter- bevölkerung Mißbehagen zu erregen und Sturmstimmung zu er- zeugen, die Streiks entfesseln, die der Entente das ReM geben sollen, eine Kommission herzusenden und in Deutschlands'"Rechte einzugreifen. Die Schlutzfolge wäre eine frühere Besetzung deZ Abstimmungsgebietes. Eine solche Politik muß unter allen Um- ständen unterdrückt werden. Die dritte Gefahr sehe ich in den steigenden .virtschaftlichcn Schwierigkeiten, die der Provinz nickt erspart bleiben ivcrdcn und welche entstehen durch die Unmöglichkeit, das ganze Gebiet des Reiches aus eigener Förderung mit Kohlen zu versorgen, Ostpreußen wird von dieser Kohlennot am härtesten betroffen. Wir müssen einer Zukunft ent- gegcnsehen, die außerordentliche wirtschaftliche Notlagen für dir Provinz bringen wird,'und wir,'hie wir da? Vertrauen deS Volkes genießen, werden alle? tun, um die Not zu beheben. Ich habe die alten Pläne wieder aufgenommen, die dahin gehen, Ost- Preußens Wasserkräfte nuhbar zu machen. Gelingt es uns, diesen großen wirtschaftlicken Gedanken in die Tat umzusetzen, dann werden wir unserer Provinz die Grundlag: für ein neues unabhängiges Wirtschaftsleben gelegt haben, dann können wir Ostpreußen mit einem dichten Netz industrieller Anlagen überziehen, dann machen wir die Provinz zu einem Ausfuhrland, das nicht nur R o h st o f f e, sondern auch fertige Ware erzeugt. Mein Erscheinen heute ist nicht lediglich aus der Pflicht gegen die Partei entsprungen, es soll Ihnen zeigen, daß ich mein schweres Amt ausführen will in engster Gemeinschaft mit Ihnen.(Lebhafter Beifall.) Nach Begrüßungsworten des Genossen Ritter, der die Grüße des P a r t c i v o r st a n d e s in Berlin überbrachte, und geschäft- lichen Erledigungen wurde dann in die Tagesordnung ein- getreten und.zunächst ein Referat des Genossen Stadtrat Bo- r o w s k i-Königsberg entgegengenoinmen über:„Die Politik in Stadt und G e m e i n d c". Er betont die Notwendigkeit einer Verbindung mit den Parteien, die nicht auf dem Boden der Monarchie stehen, besonders mit den Demokraten. Zum Schluß warnt der Redner, sich von radikalen Forderungen drängen zu lassen, und weist auf das Parteiprogramm als Richtschnur hin. Jn der Diskussion wurde das Verhalten der L a n d r ä t e scharfer Kritik unterzogen. Zur Annahme gelangte ein Antrag, in dem das L a n d w i r t s ck a f t s in i n i st e r i u m zur Schaffung von bäuerlichen Ansiedlungen und Neuaufteilung von D o- mänenland aufgefordert wird. In einem weiteren Antrag wird bessere Lösung der Aufgaben der K o m m u na l i s i e r u n g und ein erweitertes E n t e i g n u n g s r e ch t der Gemeinden ge- fordert. Zum Schluß ttrnrde festgestellt, daß die Demokrat!- sierung der Verwaltung von Staat und Kommunen nicht den gewünschten Fortgang nimmt. Es wird deshalb zur Durch führung des Systcmwechsels ein gründlicher Personenwechsel gefordert sowie weitgehende Mitwirkung der Beamtenausschüsse bei den Beamtcnwahlcn. Industrie und Handel. Börse. Das spekulative Treiben in Auslandspapieren setzte sich heute iu unvermindertem Maße fort. Zum Teil waren die Ktlvsschwankungen in diesen Papieren recht bedeutend, Kanada, die gestern mit 525 geschlossen hatten, gingen heute bis aus 504 Proz. zurück, und waren späterhin steigend bis aus 560. Steaua Romana hatten heute mit 535 den niedrigsten und mit 545 den höchsten Kurs. Zurzeit uotiereu sie 541, Deutsche Petroleum gingen anfangs um 8 Proz. zurück auf 290 und stiegen späterhin wieder bis auf 303. Schwach lagen alle italienischen Bahnen, na- mcntlich Mittelmeerbahn. Deutsche Erdöl verloren 7 Proz., Tür- kische Tabak 5 Proz., Baltimore und Orientbahnen je 3 Proz. Fest lagen Deutsch-Uebersec, die 12 Proz. gewannen. Kriegsan- leihe steigend mit 7914. Größere Auslandskäufe in 3prozentiger Reichsa n leihe führten zu einer Steigerung dieses Papiers um über 1 Proz. Die 3proz. Reichsanleihe notierte schließlich mit 06'/, Proz., ebenso wie die 31hprozentige Reichsanleihe. Am Montanmarkt war die Haltung vorwiegend schwächer, aus Meldungen von neuen Streikunruhen in Schlesien. Schwach na- mcntlich Lothringer Hütten, ManneSmannröhren und Ober- schlesische Kokswerke. Dagegen Phönix 3 Proz, hoher. Anilin- papiere bis 4 Proz, gebessert. Rüstungswerte ruhig. Daim- ler erneut 7 Proz, nachgebend. Schiffahrtspapiere an- ziehend. Elcktrowerte ruhig, nur Felten u. Guillaume oVi Proz. niedriger. Groß�erün Der Wächtermord aufgeklärt. Der Kriminalpolizei ist es gelungen, den Mord aufzuklären. Zunächst wurde ein Händler Schall aus der Gesellschaftsstraße in illeinickendorf und ein Vermittler Sigalski festgenommen. Die Er- Mittelungen führten dann zur Verhaftung des 23 Jahre allen Ar- bciters Willy Reinke aus der Stettiner Straße, der sich durch Aeuße- rungen verdächtig gemacht Halle. Jn seiner Wohnung fand man eine mi ige raubte Manchesterjacke. Er gab zu, die Jack« bei dem Ueberfall geraubt zu haben. Nach seiner Darstellnng suchten Reinke. Langner und Müller in. der Nacht zum Sonntag das Gehöft auf, um Pferde und Wagen zu stehlen. Sie glaubten, daß der Wächter schliefe. Nach Verab- rcdung stürzten sie alle drei in die Bude hinein, fielen über den allen Mann her und versuchten ihn zu fesseln. Schulz wehrte sich heftig. Um ihn am Schreien zu verhindern, steckten sie ihm dann auch noch oin Taschentuch in den Hals. Weil Schulz immer noch laut stöhnte, versetzte ihm nun Langner mit einem Brecheisen drei wuchtige Hiebe auf den mit deni Jackett bedeckten Schädel. Jetzt gab der alte Mann keinen Laut mehr von sich. Daß sie Hafer gestohlen hätten, bestreitet Reinke ganz ent- schieden. Beide Gespanne brachten sie nach dem Laue engelände an der Hcnnigsdorser Straße. Hier trafen sie einen Mann namens Zepmeißel, der in früher Morgensllinde am Torsingang grub. Dieser erklärte sich bereit, die Pferde unterzustellen und verwies auf ihre Frage, ob er nicht einen Käufer wisse, an Schall, der dann die Pferde auch kaufte und durch Zepmeißel und Sigalski nach seinem Stall bringen ließ. Kriminalbeamte kamen dann ans die Spur der Räuber und verhafteten sie. Langner und Müller werden iv gesucht._ Wie Baumaterial gespart werden kann. Uns wird gesckrieben: Spaltenlange Berichte liest man täglich in den Tageszeitungen über den Mangel an Wohnungen, und Hunderte von Vorschlägen werden gemacht, wie demselben abzu- Helsen sei. Mangel an Baumaterial wird als einer der Haupt- gründe immer wieder angeführt, nur in Dahlem scheint darin kein Mangel zu sein. Täglich werden Tausende von Steinen zum Bau des Asiatischen Museums an der Fabeckstraße verwendet, und bis heute ist es noch nicht gelungen, dieser einstweiligen Verschwell- dung Einhalt zu gebieten. Hunderllausende von Steinen, die dort lagern, werden ans diese Weise dem dringenden Bedürfnis für Kleinwohnungen entzogen. Die Empörung darüber ist allgemetn. Ist es denn dem Reichswohnungskommissar nicht nröglich, dieser Verschwendung von Baumaterial Einhalt zu gebieten, denn an ein Fertigstellen dieses Riesenbaues ist in absehbarer Zeit doch nicht zu denken. Auch für Pracht- und Villenbauten scheinen immer noch ge- nügend Steine vorhanden zu sein. So fällt es auf. daß in der Podbielski-Allee für eine dort zu erbauende Villa tausende neuer Steine angefahren werden, auch Zement und Mörtel scheinen reichlich vorhanden zu sein. In der Rheinbaben-Allce sind zwei Villen im Bau, für welche ebenfalls genügend Material vorhau- däie ist eS nun möglich, daß für diese Zwecke Material vor- banden ist, für das dringende Bedürfnis an Kleinwohnungen aber nicht? Wäre es nicht Pflicht des Reichswohnungskommissars, diesem Unfug Einhalt zu gebieten? Auch für den Umbau zu Kinos steht bekanntlich stets Material zur Verfügung. Können denn die staatlichen Bauämter nicht veranlaßt werden, alle einstweilen nicht unbedingt notwendigen Bauten zu unterbinden? Von unserer Bildungsarbeit. Gestern begann im Königstädtischen Gymnasium der Kursus für befähigte Parteigenossen und-genossinnen der S. P. D. Ber- lins. W e i m a n n vom Bildungsausschutz begrüßte die Erschie- neuen und wies auf die Pflichten hin, die die Teilnehmer mit dem Besuch übernommen haben. Gelehrt werden in diesem Kursus folgende Gebiete: Volkswirtschaft. Vortragender Dr. K. Schmidt. Geschichte des Sozialismus, Lehrer Ed. Bernstein. Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie, ebenfalls E d. Bern- stein. Die politische Organisation, Vortragender Genosse Lü- d« m a n n. Bildungswescn, Genosse Heinrich Schulz. Ar- beitersilgendbewegung, Genosse Karl Korn. Frauenbctvegung, Frau I u ch a c z. Gewerkschaften, Hermann Müller. Ge- nossenschaften: A. M i r u s. Das lebhafte Interesse, das die Hörer dem Vortragenden ent- gegenbrachten, läßt hoffen, daß dieser Kursus seine Früchte recht bald zeitigen wird._ Neuerungen im Postverkehr. Vom I.Oktober ab wird daS Reichs- Postministerium»ichtamliich ausgegebene, also im Prwatwege hergestellte Poilkarten, die in Form und Papierstärke nicht wesentlich von den amtlich ausgegebenen abweichen, sürden inneren deutschen Verkehr bis zur Kröge der Paketkarten zulassen. Für die amtiiche» Postkarten werden die bisherigen Abmessungen beibehalten. Ferner dürsen vom I. Oktober ab gedruckte EinpsangSbeftätigungen über Aeldbelräge, wenn darin der Betrag der Postanweisung. Zahlkarte usw. haudschrlstlich eingerückt ist, gegen die Drucksachengebühr bcsördert werden. Achtung! Arbcitcrräte der Kriegsorganisationen! Donnerstag. vormittags 9 Uhr: Sitzung PotSvamer Str. 32 l. I.A.: Gürjchle. tilasttvirtsmcsse. Unter diesem Namen siudet vom 10. bis 12. September in den Kcsamtiänmen der„Philbarmonie", Bernburger Strasse, eine vielseitige Fachausstellung sür das Hotel-, ReslaurattonS- und Küchen- wejen statt. Schönebcrg. Sein Zuzug Auswärtiger. Nach der Bekannt- machung des Magistrats zum Schutze der Mieter vom 14. Juli 1919 kann ein Mietv rtrag mit einem neuen Mieter über Wohnräule in Schöneberg nur mit Zustimmung des Wohnungsamtes rcchtswirifam abgeschlosßen werden. Bei der großen Wohnungsnot in Schönebevg muß diese Zustimmung grundsätzlich bei Verträgen mit Personen, die zurzeit nicht ortsansässig sind, verweigert wer- den. Ausnahmen können im Rahmen des Möglichen nur für geflüchtete oder vertriebene Personen gemacht werden, die durch die Amtlichen Fürsorgcstellcn zugewiesen oder mit Rücksicht auf in ischöneberg wohnende nahe Verwandte ccker auS dringenden Gründen ihrer BerufSstellung zuziehen wollen. Bor dem Zu- zug nach Schöneberg toird daher dringend ge- warn t. Zeuthen. Zum Auszug der Unabhängigen. Auf die Berich. tigung des Führers der Unabhängigen im„Vorwärts" vom 1. Sep- tember 1919 abends erhalten wir nachstehende Zuschrift: Es ist nicht richtig, daß am Abend vor der fraglichen Ge- meindevertretersitzung in einer lombinierten Sitzung einstimmig ein Beschluß gefaßt worden ist, der eine Aenderung der Tages. ordnung festlegte. Als die Unabhängigen zu Beginn dieser kom- dinierten Sitzung unsere Stellungnahme zur Frage der Zukunft des ArbeiterrateS hörten, verließen sie schon damals die Sitzung mit dem Bemerken, daß dann ein weiteres Verhandeln gar keinen Zweck hätte. Die auf Stimmungsmache berechnete Redensart von der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für den Ar- beiterrat mutet seltsam an bei Betrachtung der Tatsache, daß dem Arbeiterrat als der anerkannten Vertretung einer bestimmten BevölkernngSklasse Sitz und Stimme in den Gemeindevertreter- sitzungen zugebilligt worden ist, die auf seine Veranlassung ein- berufen werden. Genommen wurde ihm lediglich seine Stellung als über der Gemeindevertretung sitzendes Herrenhaus. Gegen- über dem Antrag der Bürgerlichen, die den Arbeiterrat überhaupt abschaffen wollten, haben wir einen Mittelweg durchgesetzt, der einem Arbeiterrat, dem an positiver Mitarbeit liegt, reichen Spielraum zur Tätigkeit im Interesse der Allgemeinheit gibt. Groß-Serttner Partemachrichten. Charlottenburg. 0.«Yiuppe. Mittwoch, 7'/, Uhr. Zablabcnd im ncucn Lolai von klcber, Gueriikc- Ecke GowanistraKt, Vorlraq des Gc- nassen H o r l i h, Teinprlhoi. Mittwoch Zahlabend in allen Bezirken. U. a.: Auszabe der i�unfiionärfavten. Lbcrichöneweide Mittwoch, ♦/,« U6r, Zahlabend. Vortrag über das BetricbSrälegeictz: Verschiedenes. t.Bez. bei Gadcs, Watt- Ecke Helmholtz- slrad-: 2. Bez. bei Neumann, Ei mens,(hrtc Drülstrade! 3. und 4. Bez. ßcmciniani bei Bake, Sllara» Ecke Wyhelininenhotilrasje »r.llsliorst. Mitlivoch,« Uhr: Zahlabend. S übt eil bei Belau, Prinz �Adalbert-Strane� im Ziordteil bei Poser, Dönhoff- Ecke der Henttgstrahe. Vortrag des Gen. Beer. Bericht von der Funliionärkonferenz. Gemeindeangelegenheiten. Hermsdn-s bei Berti». Mittwoch, 8 Uhr: Mitgliederversammlung bei Böttcher, Waldsee- Ecke Berliner Strage..Rätedillatur oder Demo- kratie. Neserent: Gen. Horlih. Ortrangelegenheiten. Mitteilungen. Bankow. Mittwoch: Zahlabend. In allen Abteilungen: Dorträge. Gaste willkommen. Stiedcrschöiibauscu. Mittwoch, 8 Uhr, im.Schwarzen Adler", Blankenburger Strohe i: Mitgliederversammlung sämtlicher Bezirke. Tagesordnung:„Zeit« und Streitfragen in der Arbeiter- bewegung". Beiträge werden von den Bezirkskassierern im Saal ent- gegengenommen. Fredersdorf, Ostbahn. Mittwoch, 8 Uhr, bei Gronostay: Zahlabend. Berichte, VcrlchtedcucS. Osten. Jugendheim, Ehrenbergstrahe. Heute 7'/,: UnterhaltungSabend. Grost-Berliner Lebensmittel. Johannisthal. Vom Zreitag ab auf Lcbcnsinilielkarl« des Kreises Tcliow: Abschnitt 7l SSV Gramm Mnimelade, Abschnitt 78 250 Gramm ausländische Hütsensrüchle, Abschnitt 77 250 Gramm MatSjlocke». Abschnitt 78 220 Gramm Grouven, Abschnitt 7« zwei Suppenwürfel, Abschnitt 82 zwei Päckchen Wilchsühlpeiic; aus Eintuhrzusatzkarte, Abschnitt 2 IS, Verkauf vvn 250 Gramm amcrit. Weizenmehl. GewerffchafisbewEUNg Ter Reichstarif der Holzarbeiter. In der am Montag abgehaltenen Vertrauensmännerbcr- sammlung der Berliner Holzarbeiter erstattete Siegle Bericht über die Reichstarisverhandlungen und die bekannten Ergebnisse derselben.. Unter anderem betonte der Rednr, der Passus, welcher vom Mitbestimmungsrecht der'Arbeiteraus- s eh ü s s e handelt, sei so auszulegen, daß Entlassungen nur im Einverständnis mit dem ArbeiterauSschuh erfolgen können. Tie Regelung der Ueberstundenbezahlung durch den Tarif habe für Berlin keine Bedeutung, denn hier werde der Grundsatz befolgt: Wenn einmal eine Ueberstunde unvermeidlich ist, dann wird am folgenden Tage eine Stunde weniger gearbeitet, so daß die 4f3stun- dige wöchentliche Arbeitszeit in keinem Falle überschritten wird. Bei den Tarifverhandlungen war cS nicht möglich, die Akkord- arbeit zu beseitigen. Die Abschaffung der Akkordarbeit scheiterte nicht nur an dem Widerstande der Unternehmer, sondern auch an der Tatsache, dafc ein grosser Teil der Kollegen die Akkordarbeit der Lohnarbeit vorzieht. Die Unter- nehmer konnten sich auch auf einen Artikel des„Vorwärts" be» rufen, der ausführte, dah unter den gegenwärtigen Verhältnissen und bei der allgemein herrschenden ArbeiiSunlust die Akkordarbeit geeignet sei, die Arbeitslust wieder zu beleben. Dieser Artikel habe die Stellung der Arbeiterbertreter, wclckze die Beseitigung der Akkordarbeit verlangten, sebr erschwert.(Durch einen Zwischen- ruf wurde dem Redner entgegengehalten, dass|a auch der Mitarbeiter der„Fr c i b e i t", der Unabhängige B a l I o d, der Akkord- arbeit das Wort rcde.l Weiter führte der Redner aus, dass die Städtekonferenz der Vertreter des Holzarbeiterverbandes dem Reichstaris mit allen gegen 17 Stimmen zugestimmt hat, wodurch der Tarif für die ge- samte Kollegenschaft als angenommen gilt. Die Berliner Vcr- bandsvertreier haben gegen den Reichstaris gestimmt, weil er bis zum 15. Februar 1LL1 gelten soll. Die Anerkennung des Tarifs auf so lange Zeit würde bedeuten, dass man die Herrschaft des Kapitalismus anerkenne, und die immer noch im Fluss befindliche soziale Revolution vertage. Dazu hätten sich die Berliner Kollegen natürlich nicht verstehen können. Am Montag, den 8. d. M., fanden, wie der Redner bemerkte, Verhandlungen mit den Berliner Arbeitgebern statt, um aur Grund der Tarifbestimmungen über die Mindest- und Durch- schnittslöhne die Berliner Lohnsätze zu regeln. Die Arbeiterver- treter schlugen vor, die Lohnsätze derart abzustufen, daß die quali- fizierten Jacharbeiter höhere Löhne erhalten als die minderquali- fizierten Facharbeiter. Die Unternehmer wollten auf diese Vor- schlage nicht eingehen, die Verhandlungen haben desha-b noch kein Resultat ergeben. Im Zusammenhang mit der Lohnfrage wollen die Arbeitcrvertreter auch die Ferienfrage regeln. Sollte eine Verständigung über die Lohnsätze nicht erzielt werden, dann kommt es auch nicht zu einer Vereinbarung über die Ferien, die nach den Bestimmungen deS Reichstarifs bis zum 13. d. M. erfolgen mutz. Erfolgt sie nicht, dann tritt die Bestimmung des Reichs- tarifs in Kraft, wonach noch in diesem Jahre den mindestens sechs.Monaten im Betrieb� beschäftigten Arbeitern drei Tage Ferien unter Fortzahlung des Lohnes zu gewähren sind. Die Diskussionsredner sprachen» im allgemeinen im Sinne des Referenten. Besonders wurde das grundsätzliche Festhalten an der Forderung aus Abschaffung der Akkordarbeit betont. Z i r- k e l führte aus, Ballod befürworte die Akkordarbeit in dem Sinne, dass sie nicht dem Kapitalismus zum Vorteil gereiche, während der Artikel des„Vorwärts" die Akkordarbeit empfehle, um den Kapi- talismus zu erhalten und zu festigen. DaS fei nichts weiter als die Fortsetzung der von den Mehrheitssozialisten während des Krieges betriebenen Durchhaltepolitik. Wenn im Interesse der Allgemeinheit gearbeitet werde, feien die Arbeiter bereit, ihre volle Arbeitskraft herzugeben, aber der Gesellschaft von Ausbeu- tern würden die Arbeiter ihre Kraft nicht zur Verfügung stellen. Diese Ausführungen fanden bei einem kleinen Teil der Vcr- sammlung lebhasten Beifall. Der grössere Teil, der sich schweigend verhielt, wird also doch wohl im Gegensatz zu Zirkel der Ansicht sein, dah wir mit der Wiederkehr der Arbeitslust nicht warten können, bis die Gesellschaft restlos sozialisiert ist, denn wenn kein Arbeiter mehr arbeiten wollte, solange der Kapitalismus noch nicht völlig beseitigt ist, dann würden wir elend zugrunde gehen, ehe wir den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft erleben könnten. Die Versammlung nahm zum Schluss eine Resolution an, welche die Haltung ihrer Vertreter aus der Städtekonferenz und bei den Verhandlungen mit den Berliner Arbeitgebern billigt. Ferner sagt die Resolution, dass kein Kollege gegen Lohnentschädi- gung auf seine Ferien verzichten b-rf, sondern jeder den ihm zu- stehenden Urlaub zu nehmen hat. Eine zweite ebenfalls angenommene Resolution bestätigt einen früheren Beschluß, der sich grundsätzlich für die Abschaffung der Akkordarbeit ausspricht. Tarifbctvegung der Angestellten der Ttädtisllicn Werke. Ter itarl besuchten Versammlung der städtischen Gas» und Eletlriniälswerke in HaverlandS Festsälen wurde ein Tauivemaev:- entwnrs vorgelegt. Es sind iolgende Gehalts säye ausaesielll worden: Gruppe I: KaiFmänn'sche und technische Angenellie im Alter von 14—25 Jahren 2100 M, steigend bis 5400 M. pvo Jabr. Gruppe II: Kasienbolen, Geldeiimehmer, Buchbinder OOO) M. AniangSgebalt, 7800 M. Endgehalt, Televhontttmnen. Bureandrcner, Portiers 6400 bis 7200 M. Gruppe III: Zeichner 6000 bis 9900 M.. Techniker 7300 bis 10800 M., Ingenieure, Chemiker 8400 bis 11400 M. Kruppe IV: Betriebsangeftellie 7800 bis 10800 M. Gruppe V: Kaukmänniiche Angestellte. Weibtiebe 0000 bis 7800 M., Kontoristen 6900 bis 0900 M.. Buchhalter 7800 6:3 10 800 M, ausserdem erhallen Bureauvort'teber 900 M., Kassierer und Buchhalter in leitender Stellung 600 M. Zulage. Gruppe VI: Expedienten der Gaswerke 9600 bis 12 600 M, Abteilungsleiter der St. B.-W. 12 000 bis 15 000 M. Das Endgebalt muss nach fünf- zehn Dienstjabreii erreicht lein. Die Dienst ,eit beginnt nach Boll- endung des 25. Lebensjahres. Bei Beschäktiaungen ausserhalb der ständigen Dienststelle innerhalb Gross-BerlinS ioll eine monatliche Aufwandsentschädigung von 75 M, bei Beschärtigung ausserhalb Gross-BerlinS 120 Mk. gezahlt werden: die Revierwerlmcister er- ballen eine Fabrgeldvergütung von 15 M. pro Monat. Allen Ange» stellten soll Mitte Dezember eine Gralifilation von lOProv deSJabres-- einkämmens gezahlt werden. Neberstunden sollen möalichlt vcrm-eden werden und sind mit des Monatsgebalis zu vergi'ncn: Sonn- tags- und Nachtarbeit mit'stjo des MonatSgebalis. Einstellungen und Entlassungen sollen nur im Einverständnis mit dem Angestellten- ausschuh erfolgen. Die Pensionierung soll nach den Ge-neiude- beslblüsien erfolgen. Bei den Anaesiellien der B E. W. lind A. E. 6!. soll die Regelung des Rubegebalts dinch ein besonderes Nachtrags- abkommen bestimmt werden. Für die Kriegsteilnebiner ioll die niebl- gezahlte Hälfte der Wirtschaftsbeihilfe nachiräalich alisgeznblt wndeu. Beim Ausscheiden aus einem der beiden Werke muss der Angesrellle ein Abkehrgeld erhalten. Der Vertrag gilt rückwirkend ab l. April und länft bis 3l. Dezember 1919. Die Versammlung stimmte in einer Resolution d'escm Entwiin'e zu und beauttragle die beteiligten Oraaniiationcn. io'ort in Vcr- Handlungen zu treten, an den aufgestellten Gebaltsfä�en unbedingt festzuhalten und die Anerkennung des Tarifvertrages mit allen ge- sctzlichen Mitteln zu erzwingen. Deutscher Transportarbciterverband, Sektion V,'Industrie- arbeiter: Donncrskag. II. September, abends 6 Uhr, Gewerkschasts- Haus, Engelufer 14/15, Vertrauensmänner-Konferenz: Branche I in Saal 5 und die Branchen II und III in Saal 3. Tagesordnung: Stellungnahme zur Einteilung in die Lohnklasscn. Zahlreiche? Er- scheinen dringend notwendig. Vertraucnsmännerkarte und Mit gliedsbuch legllimiert.__ Tie Teitionsleirung. Mrantw. fttv den redaltion. Teil: Alfred Scholz, Neickvlln: für Anzeiaen: Theodor Slocke, Berlin Verlag: Vorwitris-Verlag iS. m, b. H., Berlin. Druck: Vorwärw- Bulbdruckerei und Virlaasanltalt Paul Einaer'n. Dd. in Berlin. LIndengr.!>. 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