|tr.543.36.!l«l)rg. BezngSvreiS< WtcttltaftrL 9/— M!» monofL VH fiet ins vou». oocau« zahlbar Post» bejug: Monatlich V- Mi. nü- Ru* ÜeUunqogf bül)t- Unier Rrnubanb für Deutsch land und Oesterreich» Ungarn SJi ML, für da* übrige Ausland 10 23 ML. bei Icigltch einmaL Zustellung •i.i") ML Poltbeltellungen nehmen an DiinemarL Holland lluremburg, Schweben u. die Schwei» Eingetragen in die Poli-Reituiigs-PreioliR«, Der.Vorwärts" mit der Sonntag» beiiage.Volk u. geil" erscheint Wochen» täglich iweimaL Sonntag» einmaL Abend-Ausgabe. Telegramm-Adreff«! «Sozlaldamotroi verlla». Verlinev VolKsblstt. (iZpksnnio) ««,eigen»ret» t Dt, achtgelpaltene NonparelllejeN» kostet lchll ML.Kleine llin,-Igen-, da» tetlgedruckie Wo« SS Psg,(zulässig » leNgebruchie Worte), lebe» weitere Wo« Ul Big. Stellengesuche und SchlaMellenanzetgen das erste Wort' SS Big. lebe» weitere Wo« 80 Psg. Worte übet lb Buchstaben zählen fUt zw et Borte. Teuerungszulchlag 00«/� Familien- Anzeigen, politische und gewerkschaftliche Berein»» Anzeigen Ich» Mi die geile. Anzeigen kur die nächste Nummer müssen bt« 8 Ufer aachmlllag» im Hauptgeschäft, Berlin SD W. Llnbenftraße S. abgegeben werde», Eeüffnei von 9 Uhr srüh di, t Uhr abend». Zcntralorqan der fozialdemokrat» fchen Partei Deutfcblands. ReSaktion und Expedition: EW. öS, Ändenste. Z. Zzernivrecher: Amt Morivplav, Nr. I.ZIS0— ISIS?. vorwärts-verlag G.m.b. H., EW. bS, Lindenstr.Z. Fernsprecher: Am» Morinplat». Nr. 1!7 SZ— St. Der Sturz in öen Elbgrund. Morgenröte. Ein frischer Oktobermorgen. Im Tiergarten tropft der Nachttau von den Aesten und Blättern. Die Kuppel des Reichstagsgebäudes leuchtet weithin. Die Wege zum Parlament sind von eiligen Menschen belebt. Je näher, desto dichter. Um das Portal 2 stehen Haufen von Neugierigen. Photographen haben ihre Apparate zurecht gestellt. Bekannte Mitglieder der Nationalversammlung werden aufs Korn ge- nomnien und geknipst. Einmal, noch einmal, dreimal. Auto- mobile sausen heran und ehe noch die Wagentllren zuge- schlagen, find die Insassen im Gebäude verschwunden. Z e hn U h rl Die Fahrstühle steigen unaufhörlich Hinang und hinab. Schwarze Rockschöße von Unterstaatssekretären fliegen eilig hinter ihren Besitzern. Bekannte ZeitungSIeute steigen mit Ledermappen die Treppe hinauf. Vor dem Saal 1 deS Obergeschosses ist eine Garderobe errichtet. Drei Saaldiener haben nicht genug Hände, um Hüte und Mäntel aufzubewahren. Schärfste Kartenkontrolle I Erst dann ist der Eintritt frei zum Sitzungszimmer, in dem seit drei Tagen zum erstenmal in Deutschland ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß öffentlich tagt. Allmählich füllt sich der Raum, der viel zu klein ist. Ganz Deutschland und die Welt möchten zuhören. Bethmann Holl- wegs lange Gestalt ragt über alle Köpfe. Der ehemalige Kanzler gibt sich alle Mühe, sorglos zu scheinen. Wer genau hinsieht, merkt jedoch, wie nervös seine Mundwinkel zucken. Ueber den Dächern schwebt das Licht. Die Siegessäule ragt hoch auf und erinnert an-vergangene Zeiten. Deutsch- land hat sich über unD geworfen. Die furchtbare Katastrophe. in die ein blühendes Volk blindlings hineingeschleudert wurde. Man möchte aufbrausen, rückgängig machen, die Verantwortlichen auf den rechten Weg stoßen— ruhig— was wir hören, ist vergangen, ist Schicksal, nein, Dummheit und Verbrechen. Dunkle Ouellen seben wir plötzlich, unterirdische Flüsse und Ströme. Geheime Kräfte, die die Magnetnadel ablenken. Sachlich und ruhig erklingen die Stimmen. Es hört sich fast wie eine belanglose Gerichtsverhandlung an oder wie ein Geschichtsunterricht für Staatsmänner, Politiker und Völker. Nein! Wir sind es selbst, siebzig Millionen Menschen, um deren'Sein es gilt: 12. Dezember 1916, 21. Dezember 1916. 9. Januar 1917, 31. Januar 1917. Der gewesene Kaiser, Wil- son, Berlin, Washington, Belgien, Entente. Amerika. Frieden oder Krieg, Leben oder Tod? Keine Zahlen eines GeschichtS- buches. Gegenwart ist es. 6. Mai 19171' Zerriß nicht in der Nachmittagsstunde die Granate den besten Freund, der Mutter einzigen Sohn? Und all die folgenden Tage bis zum 9. No- vembcr 1918, alle die tausend Stunden bis zum Waffenstjll- stand, ja starb nicht jede Minute ein Freund, ein Sohn, ein Gatte oder Vater! Und der Hunger, die Seuchen, die Witwen, die Waisen, die Verlassenen, die Qual, die Tränen, die Schmer- zen, die brennenden Städte, die verkohlten Dörfer, die Wim- den. die Schreie, die Heimatlosen, die Vertriebenen, die Vcr- folgten, die Entehrten, die Ermordeten, der vergiftete Erdboden. die unfruchtbar gemachten Felder, der Einsturz Europas: das ist die Schuld, die Last, die sich in den Saal gesenkt hat. Das ist es, was die Mundwinkel eines Bethmann oder Helfferich zittern läßt, was die Stimme des Zeugen umichleiert, was seine Augen unruhig flackern läßt, ehe er die Fragen beant- wartet. Da? Sonnenlicht strahlt immer noch, wenn heute auch hinter Wolken. ES verkündet den siegreichen Morgen. Morgen- röte, Völkcrmorgett, Götterdämmerung. Vom Thron gestürzt sind die Götzen. Vor dem Richterstuble sitzen die ehemals Un- vera»two etlichen. Das Volk wird sprechen und rich- t e n. Seine.Geschicke lenkt es»jetzt selbst. Entsetzlich war die Lehrzeit: das Blut seiner Kinder das Lehrgeld. Von der rechten Saolwand leuchtet ein großes Bild auS vergangenen Zeiten: Buügetsitzung des Hauptausschusses. Be- kannte Köpfe aus dem früheren Reichstag. Präsident Graf Stolbcrg, neben ihm stehend Kriegsministcr von Einem. Der Minister in blauer Uniform mit roten Aufschlägen. Die Brust gewölbt, das Auge blitzend, so spricht er'in die linke Ecke, wohin alle Gesichter gewandt sind. Tort steht sprungbereit, mit wei- ßen. wallenden Locken: August Bebel. Halb erhoben vom Sitz, als hätte ihn ein Signal aufhorchen lassen, das Auge feuersvrllhcnd. zornigen Mutes und schlagbereit, sehen wir den Vertreter des Volkes, der Mühseligen und Beladenen, wie ein Löwe, der seine Jungen verteidigt. Wir wisien, was der Gene- rol gesagt hat. Wir ahnen aus dem Hauch, der über dcnz Ge- niälde siegt, was dex glühende Hasser des Krieges, der große Künder des Völkerfriedens antworten will. Seine Mahnung, seine Antwort ist verklungen, wurde hon den Göttern verlacht. ..Minister und Fürsten kommen und gehen; die Sozialdemo- kratie bleibt; das Volk wird leben und herrschen; eS wird Friede sein in allen Landen I Unser die Welt trotz alledem!" Wilhelm der Zweite ist erledigt. Das deutsche Volk lebt. ES regiert in Demokratie, klagt an und richtet. Das Tageslicht vergoldet das Bild an der rechten'Saal- wand. Schuld und Sühne in der Geschichte und Gegenwart. Morgenröte I �# » Der dritte Tag. Mit der heutigen dritten Sitzung des zweiten Untersuchungsausschusses der parlamentarischen Unter- suchungskommission wurde die Vernehmung des Bot- schasters Grafen Bernstorff beendet. Am 31. Oktober findet die nächste Sitzung statt, in der der frühere Reichs- kanzler v. Bethmann Holl weg vernommen wer- den soll. Bei Beginn der heutigen Sitzmtg hält man beim 22. Ja- nuar 1917 und bemüht sich, den tieferen Sinn der Wilson- Botschaft von jenem Tage zü ergründen. Wilson hat schon damals von einem wiederhergestellten unabhängigen Polen mit einem neutralen Zugang ziM Meer gesprochen.' Es wird sehr gründlich erörtert, ob jene Botschaft als ein wirkliches „Programm" oder als eine bloße Sammlung von„Grund- sätzen" zu betrachten ist, serner ob ein selbständiges unab- hängigeS Polen geschaffen werden könnte, ohne daß zugleich die Integrität Deutschlands davon berührt werde. Dem Abg. Warmuth(k.) und dem alldeutschen Sachverständigen Dietrich Schäfer, die mit Zwischenfragcn eingreifen kommt es darauf an, die Position Bernstorfss zu erschüttern, der da- bei bleibt, daß Wilson im hinter 1916/17. aufrichtig neutral und aufrichtig bestrebt gewesen ist, einen Frie- den ohne Siege rund Besiegte zu vermitteln. B e r n st o r f f wird durch diese Aktion etwas erregt und beginnt viel weniger„diplomatisch" und viel deutlicher deutsch zu reden als bisher. Eine Friedensvermittlung Amerikas herbeizuführen, sei ja gar nicht die Hauptsache ge- Wesen. Hauptsache war es, Amerika aus dem Kriege zu halten. Geschah das, so konnte die Entente uns nie besiegen. Griff Amerika ein. waren wir fertig. Darum und weil Amerika mehr oder weniger neutral, mehr oder weniger aufrichtig friedensvermittlungSfreudig war. mußte Deutschland auf die amerikanischen Vermittlungs- versuche eingehen. So Graf Bernstorff klar und bestimmt..Da sagte der konservative Vorsitzende Landgerichtsdirektor Warmuth in strengstem Tone: es werde ja noch nähet unterssicht werden, ob es überhaupt mpglich gewesen sei, den Eintritt Amerikas in den Krieg zu verhindern. Die Abmachungen Wilsons im Dezember-Januar 1916/17. Mcs, was darüber gesprochen wird, belvegt sich in der Form, die man in der Grammatik als den irrevalen Fall der hypo- thetischen Periode bezeichnet. Man spricht darüber, was ge- Wesen wäre, wenn geschehen wäre, was nicht geschehen ist. All das ist ein qualvolles Bemühen-, in die letzten Winkel der Gehirnwindungen eines fremden Menschen, Wilsons, einzu- dringen. Qualvoll und unfruchtbar. Das ermattende Interesse wird neu belebt, als sich die Erörterung den kritischen letzten Januartagcn zuwendet, in denen die Drometen des U-Bootkrieges die Klänge der Friedensschalmeien gewaltig übertönen. Eine Note Bernstorfss wird verlesen, in der mit mathematischer Genauigkeit vorausgesagt wird, was die Folgen der Erklä- rung des unbeschränkten U-Bootkrieges sein müßten. Dann stellt sich heraus, daß man schon am 18. Ja- nuar mit dem Bruch rechnete und bei Bernstorff in Washing» ton anfragte, welche Macht im Falle des Abbruches der diplo- matischcn Beziehungen die Vertretung deutscher Interessen wahrnehmen könnte. Man will es riskieren und mißachtet alle Mahnungen der Vernunft. Im März kommt Bernstorff nach Berlin zurück. Am 15. März hatte er eine Unterredung mit Bethmann, der ihm sagte, auf Wilsons Vermittlungsvorschlag habe er nicht eingehen können, weil Wilson in Teutschland zu u n v o p u- lär sei. Wenn die Regierung sich mit Wilson einließe, so würde sie nur die Sozialdemokraten hinter sich haben, aber nicht die bürgerlichen Parteien. Ein lauer Friede könne auch nicht geschlossen werden, solange nicht die Waffe angewendet worden sei, die man im deutschen Voll für die beste und schärfste balte: da? U-Boot. So hat sich Bethmann gegen die bessere eigene Mei- nung. für die er nur bei der Sozialdemokratie eine S t ü tz'e fand, höheren Mächten unterworfen. Diese höheren Mächte waren nun freilich nicht, wie sich Bethmann vorredet, daZ deutsche Volk, sondem es waren die Tirpltz und L u d e n d o r f f.,'- Erst am ,4. Mai 1918 bekommt Bernstorff Gelegenheit, das Angesicht des„A l l e r h ö ch st e n" zu sehen. Einige Wochen hat man ihn in ZhiHe schmoren lassen. Leute, die an dem unbedingten Erfolg des U-Boot-Krieges zweifelten, waren damals bei Hofe herzlich unbeliebt. Nach dem Kaiser kommt Ludendorff. Er versichert, in d r e i M o n a- ten werde der Krieg durch den U-Boot-Krieg siegreich beeizdet sein. Er habe bestimmte Nachrichten auS Eng- land. daß man es dort nicht länger aushalte. Ludendorss fragt Bernstorff, wie lange Amerika brauche, um als Macht auf dem Kriegsschauplatz austreten zu können. Bern- st o r f f antwortet: etwa ein Jahr. Darauf Ludendorff: Ein Jahr brauchen wir nicht mehr. Allerdings, ein Jahr brauchten wir nicht mehr, um— besiegt zu sein, um den Sturz in den Abgrund zu erleiden... Der Sitzungsbericht. Der Vorsitzende Abg. Warmuth eröffnet« die Sitzung um WA Uhr und stellte fest, um irrtümlichen Auffassungen zu bc- gcgnen, daß jedes Mitglied des Untercrusschusses ein selb- ständige« Fragerecht besitzt. Es wird darauf in die Verhandlungen eingetreten und die Vernehinung des Trafen Bernstorff fortgesetzt._ Vors. Warmuth: Exzellenz haben uns erklärt, daß, solange die FriedenSvermittlu-ngsaktio, mit Wilson schwebte, niemals davon dte Rede gewesen ist, daß Deutschlands In t« g r i t ä t durch den Friedensvertrag irgendwie angegriffen werden sollte. Das ist wohl richtig? Graf Bernstorff: Jawohl! Vovs. Warmuth: Nun hat in der S e n a t S d o t s ch a f t vom 22. Januar Wilson erklärt, daß es ein einiges u n a b h ä n g i- ges selbständiges Polen geben> solle. So weit als mög-- lich solle auch diesem Volke ein direkter Ausgang zu den großen Heeres st ratzen der See gegeben worden. Wo da« durch GebietSabtvotungen nicht erreicht werden könne, solle es durch Neutralisierung der ZugangSwcgc erzielt werden. Mir scheint, daß hier ein Widerspruch besteht. Denn wc«in ein einziges Polen verwirklicht werden sollte mit einem Korridor zum Meere oder durch Noutral-isierung bestimmter Gebiete Deutschlands, dann konnte die Integrität Deutschlands unmöglich.unversehrt bleiben. Es liegt also ein Widerspruch vor. Ich bemerk«, daß diese Botschaft vom 22. Januar' zu einer Aeft erging, als die d i p l o m a-t i sch e n Beziehungen mit Amerika noch völlig bestanden und als Sie noch in Washington waren. Darf ich um einige Worte der Auftlärung bitten? Graf Bernstorff: Daß Wilson die Wiederherstellung Polens wollte, bezweifle ich keinesfalls. Aber ob diese Wieder- Herstellung so weit gehen sollte, daß Preußen bzw. Deutschland Ge- biete abtreten sollten, würde nach meiner Ansicht erst aus den Vcr- Handtungen hervorgegangen sein. Es würde sich dabei sicherlich um Kompensationen ge!)ant>elt haben. Denn der Frieden ohne Sieg war nicht unbedingt so aufzufassen, daß genau dieselben Gebiete bestehen bleiben sollten, sondern daß auch Aenderungen mit entsprechenden Kompensationen vorkommen sollten. Vors. Warmuth: Ist das Ihre persönliche Auffasiung oder der Medevschlag Ihrer Unterredungen? GraftBernstorfs: Das ist meine aus den damaligen VerHand- lungcn hervorgegangene Ueberzcugung. Vors. Warmuth: ES sind also vom Obersten House Aeuße- rungen getan worden, daß nicht genau der oUtus quo ante wiederhergestellt werden sollte, sondern daß im Kompensations- wcge das eine ÄKwandere Stück abgetreten werden sollte. Und daß in der Tat ein u n g e s ch w ä ch t e S Deutschland erhalten wer- den sollte.. Graf Bernstorff: TaS ergab sich von selbst aus dem Pro- gramm: Frieden ohne Sieg, denn wenn Deutschland Gebiete ohne Kompensationen hätte abtreten follen, so wäre das kein Frieden ohne Sieg gewesen..._ Vors. Warmuth: Hat Oberst House sich zw Ihnen in dem sinne geäußert? Graf Bernstorff: Es ist mit mir mündlich in dem Sinne ve» handelt worden, daß gegenseitige Kompensationen nicht ausgeschlossen seien.'/ Abg. Gothein(Dem.): Es wird in den Jnstvuktionen nur von __( für sich daß Polen auch durch Litauen einen siugang zum Meere be- kommen könnte. �Jst diese Frage bei den Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten zur Erörterung gelangt? � Graf Bernstorff: Auf solche Einzelheiten- sind wir nicbt ein» gegangen. Die Botschaft des Präsiden ton erfolgte am 22. Ja- nuar. bald darauf habe ich mit Oberst House eine Unterredung gehabt, in der mir die � FriedcuSvcrmittlung Wilsons auf der Basis seiner letzten Botschaft «mgeVoten teür?"«. Tatsache �abe ick nack Berlin telegraphiert. Taö war meine ietzle politische Unterredung mit House. Ich habe nur nach später ihm die Erklärung des U-Boot-Krieges überreicht, woraus der Abbruch sofort erfolgte. Abg. Tr. Zchucting: Es ist nicht von einem neutralen Kor- utor, sondern von einem neutralen Weg geredet worden. Haben Sie es so verstanden, datz damit ein völkerrechtliches Servitut gemeint war? Gras Bernstorfs: Damals hieß e» nur, ein Zugang zum Meer durch Eisenbahnen oder dergleichen sollte erreicht werden. Vorsitzender Warmuth: Das Gebiet sollte also rächt der deut- scheu Staatshoheit entzogen werden? Graf Bernstorff: Nein../ Professor Hoetzfch: Haben Sie den Eindruck gewonnen, daß auf amerikanischer Seite Klarheit darüber bestand, wie Polen wieder hergc st ellt werden sollte? Gras Bernstorff: Ein klares Programm war in Amerika hier- für nicht vorhanden, das sollte den Verhandlungen unter den Kriegführsnde» vorbehalten bleiben. Aus eine Frage des sachverständigen Professor Bonn erklärt Graf Bernstorff: Ich stehe auf dem Standpunkt, daß die Frie- denSaktjon Wilsons von 1918 mit derjenigen von 1917 gar nichts zu tun hat. Auch damit, daß\ Wilson in Versailles versagt hat, hat dieS nichts zu tun. DaS sind vollkommen gelrennte Aktionen gewesen, ein Rückschluß von der«iinen zur anderen ist ausgeschlossen. Professor Bonn: Zunächst hat also Wilson nach langem Zögern einen Friedensschritt getan und sich dabei nur ganz all- geinein ausgesprochen, das war am 21. Dezember. Tann erhielt er eine Antwort der Entente mit deren Friedensbcdingungen, un- ser: wurden ihm nicht bekannt. Taraufhin hat er versucht, etwas zu schaffen, was als Diskussionsgrundlage bezeichnet werden könne? Graf Bernstorff: Die Botschaft vom 21. Januar sollte meiner Auffassung nach ein Programm sein für eine Besprechung, weiter nichts. Professor Bonn: Da? Wort„Programm" deutet auf etwas PFsitivcZ hin, eS handelt sich hier, wohl nur um allgemeine Grund- fätze. Ein Programm finden wir nachher in den 14 Punkten Wilsons. Graf Bernstorff: Ich bin damit einv�standen, daß man es nicht als Basis, sondern als allgemeine Grundsätze bezeichnet. Auf eine Frage de» Sachverständigen Professor Dr. Schüfer, wie Amerika sich eine Kompensation aus terrirorialem Gebiete ohne Annexion habe denken können, führt Graf Bernstorff auS: Dem Präsidenten Wilson hat nur vor- geschwebt eine Besprechung zwischen den Kriegführenden her- Veizuführen. WaS dabei Heranskommen würde, war natürlich nicht vorauszusehen. Ich habe immer den Wunsch vertreten, daß Wilson die FriedenSvcrmittlung übernehme, damit der Eintritt der» Ber- einigten Staaten in den Krieg verhindert würde. Ich war immer der Ansicht, daß der U-Boot-Krieg automatisch den Abbruch der dcutsch-amcrikanischen Beziehungen herbeifithren wiirdr, deren automatische Folge wiederum der Krieg Amerikas mit Teutschland sein mußte. Der Zutritt Amerikas in den Krieg muhte meiner An- T nach unbedingt vermieden werden. zum Siegender Entente ft. n. Infolgedessen blieb nichts übrig, als eine V e r rn i i: l u n g Wilsons anzunehmen. Ohne die Hilfe Amerikas konnte die Entente uns überhaupt nicht besiegen. Wäre es uns gelungen, den Krieg mit Amerika zu verbintern, so wäre unter allen Umständill min- destcns ein Verständigungsfriedc zustande gekommen. Vorsitzender Wir nuth: Wilson bat es also abgelehnt, sich in eine Berständßaung über, territoriale Fragen einzumischen. �Abg. Gothcin iDcm.lt Ist die veränderte Stellungnahme Wil- kons darauf zurückzuführen, daß ihm unsererseits die Mittel- lung der Friede nsbedingungen verweigert wurde, War das Wort„einiges Polen" so zu verstehen, daß zu Polen sämtliche Gebiete mit polnischer Bevölkerung gehören sollten? Wir sprechen auch von einem„einigen Deutschland", obgleich weite deutschsprachige Gebiete außerhalb Deutschlands liegen. Meint Exzellenz, daß Präsident Wilson der Ansicht war, daß die gemischt- sv rachigen Gebiete in unser» Oftmarken unbedingt zu einem einigen Polen gehören müßten? Graf Bernstorff: Ich glaube nicht, daß Wilson sich über die Grenzen damals genauer informiert hat, eine bestimmte Vorstellung von der Abgrenzung Polens nicht baue. i Professor Hrebsch: Ist da nicht ein Widerspruch vorhanden?! Zern- unö Nahkrastwerky. ftie Tage, die den Sireil der Elektrizitätsarveiter in Berlin und Bitterictd brachten, haben den Berlinern so recht vor Augen gerückt, was es heißt, von einem Ueberlandwerk abbängiq zu sein. Dein Bewohner der großen Städte ist das vielfach etwa» Unge- wohntes, sein Schickial, die wichtige Frage, ob er Licht be- kommen soll oder nickt, in einem weit entfernten Ort bestimmen zu sehen, während der Bewobner des flachen Landes schon ganz daran gewöhnt ist. Allmählich, mit dem Fortschreiten der Technik wird auch der Bewobner der größten Städte in Abhängigkeit von solchen Fcrnkraftivcrlen geraten, denn die Entwicklung gebt ganz tinzweifelhast darauf bin, die Nahkrastwerke, soweit sie nickt auf Wasserkräften oder ähnlichen Naturschätzen beruhen, auszuschalten. Die außerordentliche Kohlen- und Transportmittel- knapvbcit, in der wir uns nun schon seit Jahren befinden, und die vorauSsichlick auch noch Jabre anhalten wird, dürste diese Eni- Wicklung noch ganz besonder? beschleunigen. ES sind nun zwei Eesichtspnnste, von denen ans man diese Frage beurteilen kann, zu unterscheiden. Der wichtigst« ist das Bestreben. Brennstoffe zu ersparen. Es ist nicht nötig, darüber etwas Besonderes zu tagen, die Schwierigkeit der Kohlenversorgung ist ja genügend bekannt. Wenn man Wasserkräsle zur Verfügung hat, so ist es natürlich am vcsten, sie haben keinerlei Brennstoffverbrauch und das Wasser strömt ihnen. ohne haß dazu irgends welche Arbeit zu leisten ist, von selber zu. Die hohen Kosten des Ausbaue? von Wasierkrästen sind zwar zu beachten, werden aber kein entscheidende« Hindernis bilden. Fast noch günstiger sind Braunkohlen, weil sie nicht von der Gunst der Jahreszeit abbängen und bei den geringen Förderkosten den Strom ebenso billig erzeugen lassen, als es bei Wasserlräflcn der Fall ist.. Man wird nun einwenden, das seien dock auch Brennstoffe, die in den Städten unter Umständen nützlicher verwandt werden könnten, aber das ist ein Fehlschluß. Man muß eben berücksichtigen, daß die Eisenbahn soviel Kohle befördert, als es ihr nur irgend möglich ist, daß die Braunkohle, die in elektrischen Strom verwandelt wild, eben als Braunkohle nicht abbesördert werden kann, und die elel« Irische Leitung somit einen Transportweg darstellt, der die Eisen- bahn unterstützt, ihr— elektrotechnisch ausgedrückt— parallel ge- schaltet ist. Wenn daher Berlin ganz von dem Ueberlandwerk in Golpa-Zschorncwitz aus veriorgt würde, braucht man sich über ein biScken mehr an Stromverbrauch nicht au'zuregen. weil damit der deutschen Bollswiitichafl nicht? verloren ginge. Soweit ist»S aber noch nicht, und wahrscheinlich wird eS auch nicht soweit kommen denn die wirtschaftlichen Bedingungen sprechen.durchaus nicht dafür, dje Nabktaslwerke ganz stillzulegen. Das ist eine Frage der sogen. Spitzenbelastung. Gestern hat Graf Bernstorff gesagt, WiTstm habe un? rnemal? zugemutet, auch nur das geringste Gebiet abzutreten, heute heißt es. daß ein einiges Polen geschaffen werden sollte. Die logische Folgerung hiervon ist doch, daß von einer Abtretung ge- sprachen wurde. Graf Bernstorff: Ich wiederhole, daß mir gegenüber in allen Verhandlungen niemals eine Gebietsabtretung zuge- mute: worden ist. Ueber die polnische Frage habe ich nicht mehr verhandelt, weil es zu Verhandlungen über die Botschaft vom 22. Januar überhaupt nicht mebr gekommen isr. Was ich bei den Verhandlungen gesagt habe, beruhte immer auf der festen Basis von Instruktionen anb Berlin. Zur Botschaft vom 22. Januar habe ich niemals Instruktionen ge- habt, wie ich auch nie darüber verhandelt habe, lieber die preußisch- polmsöhc Frage ist nur in allgemeinen Wendungen gesprochen worden. Abg. Tr. Cohn: Wann erhielten Sie Kenntnis von der Pro- klämation Polen» durch die Mittelmächte? Gras Bernstorff: Zunächst durch die gewöhnlichen Transozean- telegramme, ob sie mir später auch amtlich mitgeteilt worden ist, weiß ich nicht mebr. Jedenfalls hat die Proklamation bei den Ver- Handlungen mir Wilson keine Rolle gespielt. Wohl aber wurde sie in der amerikanischen Presse lebbait besprochen. Die deutsch- feindliche Presse hielt sie nicht für ehrlich, die andere Presse sah in ihr die Verwirklichung des S e l b st b e st i m m u n g S r e ch t s der Völker. Prof. Bonn: ES ist genau zu unterscheiden, wa? Wilson bis zum 31. Januar und was er nachher wollte. Sonst kommt man zu falschen Schlüssen. Bis zum 31. Januar ist Wilson auf einer Linie geblieben. Am.18. Dezember richtete er. eine allgemeine Einladung at alle Kriegfübrenden, am 22. Januar stellte er in seiner Bötichlft-bestimmte Grundsätze auf und am 23. oder 24. Januar gin würde Wilson da irgendwelche schwierig- leiten gemacht haben? Graf Bernstorff: Das glaube ich nicht., Vorf. Wormnth: In der Botschaft vom 22. Januar sind doch aber genaue Forderungen hinsichtlich Polens enthalten. Sollten diese Forderungen für den Frieden nicht eine conditic» sine qua non sein? Gras�Bernstorffu Ich glaube, daß Wilson auch in der pol- nischen Frage�sich nur ein ga�rz allgemeine? Bild gemacht hat. Abg. Dr. Schücking: Glauben Sie, daß Wilson, als er seine Votschaft vom 22. Januar aufsetzte, er oder seine näheren Mit- arbciter die eigenartigen gemischtsprachigen Verhältnisse dec prcutzisch-polnischen Provinzen auch nur gekannt hat? Graf Bernstorff: Ich hin überzeugt, daß er sie nickst ge- t a n n t hat.(Allgemeine Heiterkeit.) Abg. Dr. Spahn: Später, am 4. Juli 1918, hat Wilson hin- sichtlich Polens ganz bestimmte Leitsätze aufgestellt. Glau- ben Sie nicht, daß diese Leitsätze für Wilson die ganze Zeit hin- durch bestimmend waren? Graf Bernstorff: Man mutz stets beachten, daß am 31- Januar 1917 in dem Verhalten Wilsons eine völlige Wandlung eingetreten ist. Bis zum 31. Januar glaubte Wilson, daß wir einen Verstäüdi- gungsfrieden wollten. Nach dem 31. Januar aber war er der Ueberzeugung, daß wir nur den sogenannten deutschen Frieden annehmen würden, der die uns von der Entente unterstellte Weit- Herrschaft enthielt. So erklärt sich psychologisch diese Wandlung. �Fortsetzung in der Morgenausgabe.) Enthüllungen über üen Dreibunüvertrag. Ii: Wien erscheint demnächst ein Werk über. die p o li- tischen Geheimverträge Oesterrelch-Ungarns vgm scahre 1879 bis 1914. Turin wird auch Aufschluß über den Inhalt der Treibundverträge gegeben. Der erste Treibundvertrag mit einer fünfjährigen' Dauer wurd'e am 2V. Mai 1882 unterzeichnet. Er verpflickitete Oesterreich- Ungarn und D e u t s ch�l a n d, I t a l i e n mit ihrer g a n- zen Kriegsmacht zu Hilfe zu eilen, wenn es ohne Provokation seinerseits von Frankreich angegriffen würde. Bemerkenswert sind die Ansführungen, die auf die ein- setzende Spannung innerhalb des Dreibundes hinweisen. Hier wird gesagt: Die K r i s i S des Dreibundes begann mit dem ersten schweren Konflikt.zwischen England und Deutsch- l a n d. Bereits 1898 teilte Italien den Mittelmächten mit, daß es an einem Kriege, in welchem England und Frankreich gemein- sam als Gegner der Treibundstaatcn auftreten sollten, nicht teil- nehmen könnte, eina�Erklärung, Hie allerdings Deutschland und auch Oesterreich-Ungarn sich weigerten, zur Kenntnis zu nehmen. Ter Dreibundverttag wurde noch zweimal, 1992 und 1912, unverändert erneuert, desgleichen das Protokoll von 1891, obgleich es im' Hinblick auf die sich mehren- den Differenzen zwischen Deutschland und England Immer weniger den tatsächlichen Verhältnissen entsprach. Italien setzte dann auch durch, daß 1912 die Souveränität Italiens über Tripolis anerkannt und die Vere-inbärun- gen von 1991 und 1999 über Albanien bestätigt wurden: Alle übrigen Forderungen Italiens wurden von den Mittelmächten zurückgewiesen. Hier wird zum ersten Male mit aller Deutlichkeit ent- hüllt, was allerdings schon bisher nicht ganz fremd, wenn auch dokumentarisch nicht belegt war, daß Deutsch- l�and und Oesterreich seit dem Jahre 1896 auf. Jtaliens Hilfe nicht mehr zählen konnten. Wenn- nun die Mittelniächte sich weigerten, diese Erklärung Italiens anzuerkennen, so bedeutet dieser„diplomatische" Akt ffichts anderes als die Verhüllung der gänzlichen p o l i t i- s ch e n H i l f l o s i g k e i t der damaligen deutschen und öfter- reichischen Regierung. Tie Ereignisse haben denn auch zur Genüge bewiesen, welch geringen Eindruck diese Willensäußerung der Mittelmächte auf die italienische Regierung gemacht hat. Im übrigen behalten wir uns> vor, auf das Werk bei seinem Erscheinen näher einzugehen. Reaktionäre Methoden. In Nr. 514 der„Täglichen Rundschau"' beklagt«, sich ein Herr v. Gleichen/daß sein. Name unter einen Aufruf Romain Rollo nd's gesetzt sei. Hierauf sandte Herr Professor L. Nicolai an das Blatt eine Mitteilung, daß Herr V. G. tatsächlich niemals aufgefordert worden sei. seine Unterschrist zu geben; vielmehr fei der bekannte Schriftsteller A.V.Gleichen- Rußwurm um seine Unterschrift gebeten worden. Tie„Tägliche Rundschau" hielt es nicht für nötig, von dieser Mitteilung ihren Lesern Kenntnis zu geben; auf Grund dieser journalistischen Unanständigkeick des reaktionären Blattes teilen wir, einer Bitte der„Liga zur Beförderung der Humanität" folgend, den Sach- verhalt mit.\ Die Spitzenbelastung ist die höchste Leistung, die ein Kraftwerk abzugeben hat. Der Name rührt davon her, daß man sich die Be- lastung in Form �iner Kurve aufzuzeichnen pflegt, und die Höchst- belcistmig dann als Spitze aus dieser hervorragt. Eine solche Sp tze dauert nicht lange an., aber die Leitungen müssen immerhin so bemessen sein, daß sie diesen Höchststrom hindurchlassen, dadurch werden sie natürlich leuer und ganz besonders teuer, wenn sie lan� sind. Sollte Berlin also ganz von Golpa ans veriorgt werden, so müßte die Fernleitung für den in den Abendstunden austretenden Sp'tzenbedars.berechnet werden, anstatt für einen mittleren Tagesbedarf. Wenn aber am Orte selbKraftwerke vorhanden sind, so isteS wirtschaftlicher, sie mitarbeiten und den Spitzenstrom von ihnen erzeugen zu lassen Das kostet aber doch auck Kohle und sogar ailch solche, die mit der Eisenbahn besördert werden müßte, wird mir der nachdenkliche Leser einwenden und mit einem aewissen Recht. Der Unterschied ist eben nur. daß ein einziger Güterzug dem städtischen Kraftwerl die Kohle für eine ganze Reihe vo» Spitzenbelastungen zuiührt, so daß die Eiseirbahn selbst keine Spitzenbelastung dadurch ersährt. Da» macht es wirtschaftlicher, Kohle an Ort und Stelle zu bringen und da den Strom zu erzeugen, als die Leitungen zu verstärken und den Strom von außerhalb zuzuführen. So die rein wirtschaftliche Ueberlegung. Ander? wird es freilich, wenn man die große Transportmillelknappheit mit in Betracht zieht, dann dürste es doch zweckmäßiger, wenn auch nicht wittschaft- licker sein, mit Fernsirom zu arbeiten. Aber dieie Knappheit ist doch schließlich nur«ine vorübergehende Erscheinung, und vielleicht schon in 1—2 Jahren treten wieder die normalen wirtschaftlichen Ueberlegungen in Kraft.__ Gottfried Kellers Trgticrivielfragment„Therese" wurde von der Meiningcr Literarischen Gesellschaft zur Uraufführung gebracht. Es ist die einzige dramattsche Arbeit des Dichters, die außer einem Schweizer Festspiel gedruckt wurde. Das Fragment behandelt die unglückliche Liebe einer begehrlichen reifen Frau zum Verlobten ihrer jugendfrischen Tochter. Die Mutter wird nach schweren inne- ren Kämpfen in den Tod getrieben. Der Eindruck der Aufführung wird gerühmt. Wie wir hören, ist auch in Berlin«ine Ausführung der Therese- Szenen geplant, die Dr. Max Hochdorf leften wird. Sie wird im„Kleinen Schauspielhaus" stattfinden. Bei Heine und Taudelaire. Neuerdings hat Ludwig Hardt einen Vortragsabend gestaltet, der eine Reihe der stärksten lyrischen Individualitäten zusammenfügt: Heinrich Heine, Wedekind, Poe, Baudelaire und den unvollendet in einem markischen See zugrunde gegangenen blutjungen Georg Heym, in dessen Dichtung der Ein- fluß deutlich ist, den vor dem Kriege eine Zeitlang jener Franzose auS dem dritten und letzten Viertel deS vorigen Jahrhunderts. Baudelaire, in Teutschland ausgeübt hat. Der wollte, wie er selbst gesagt,„die Schönheil aus dein Bösen heraussiltern", und er läßt sich fassen als ein geistige? Zeichen jener Genußgier, die während des zweiten Kaiserreichs die Pariser Gesellschaft durch- lechzte. Er war der Dichter einer imperialistisch ausartenden Zeit, und sein Werk stieg mit einer neuen imperialistischen Aera abermals empor. � Als ein Verächter der kleinbürgerlich-sortschrittlichen Massenideale achtundvierziger Abkunft baute er am individua- listischen Ziel der„Kunst für die Kunst"". Eine starke Künstler- persönlichkeit ohne Frage. Ganz auf sich gerichtet, um in sich selbst zu erstarken, mit aufgepeitschtester Wachheit der Sinne hinzuschreiten durch alle Stärken und Ungeheuerlichkeiten der Welt. Eine ekstatische Natur," die sich an Qualen be- rauschen mochte, in immer explosionsbereiler Konzentration. Von diesem wuchtigen Welterfasser aus suchte Hardt sein Pro- gramm zu gestalten. Eine Einheit der Form war da nicht für das Ganze zu erreichen, denn Heine nnd Wedekindfleben in der schlicht- starken Veröart deutscher Vergangenheit. Aber in der individu- ellen geistigen Stimmung ist, natürlich vom Politischen Heines ab- gesehen,«ine Annäherung gegeben. Die beiden deutschen Dichter sind ebenso frei wie Baudelaire von aller Wirklichkeitsscheu. einer philiströsen unwahren Bürgerlichkeit und wagen zu sagen, was um sie ist und sie erregt, empört, entzückt. Ein kühnes Programm, zu kühn vielleicht, wenn gemessen wird mit der Fähigkeit der Sinne, visionär fiebernde Dichtung von größter Fülle der Gesichte im Hören umspannen.) und durchdringend auszunehmen. Fenscit von Heine und Wedckind wuchs diese Schtoierigkeit, und vielleicht bat auch da» Programm noch nicht die endgültige Form. Nicht viele Vortragskünstler werden- wagen, das seltsam bannende Gedicht„Ter Rabe" von dem Amerikaner Poe (den Baudelaire pries), eins der erschütterndsten Gedichte der Welt. literatur, zr� sprechen, diese Elegie mutigsten schmerzbereiten Sichein gesteh ms der furchtbaren Wahrheit, daß auch die höchste Herrlichkeit menschlichen Lebens, mit dem Tode unwiederbringlich verloren ist. Hardt bewältigte den Koloß diwes Gedichtes, der sich schwer und dunkelnd inmitten des Abends erhob. Wie Hardt innerlich zu den Dichtern dieses Programms steht, kann man ihm fast von den Händen ablesen. Heine und Wedekind sind ihm Dichter größter Tatwillenssoaniumg: bei ihren GodWbten schließt seine Linke sich leicht- erhoben zur Faust, mit verhalten gespanntem Bewegen im Handgelenk, das aber doch ein Wirken ist aus gesammeltster Energie. Bei Poe, Heym, Baudelaire aber öffnen die Hände sich zu Bewegungen, die ein mächtiges Etwa» zu umtosten, zu feiern, magnetisch zu heben scheinen. Diese Sprache der Hände ist wesentlich Nie wird' sie störende Geste. immer ist sie nur estt gedämpftes Ausstrahlen, von dem die Arbeit der Stimme begleitet wird, dessen Schein aber doch im wortgeform» ten Bilde/- Gefühl und Gedanken mitwirkt. eck. «.stiie Gedächtnisfeier für Emil Fischer maiistaltet die Deutsche Cbemische Kcselllchajt am 24. Oktober 5 Ubr im Berliner Hoimannbause. Hermann WichelbauS wird über Fischers Verdienile um die Deutsche Chemische Keicllichalt. L. Knorr über seine wissenschaftlichen Bcrdienile und sein« Persönlichkeit, C. DuiSberg über Fischers Beziehungen zur Industrie sprechen. Staatssekretär Dr. Anauft Müller, der von der Reichsregierung zum Führer der für die Waibmgtoncr Arbeitcrtonicrcnz beitimmlen deutschen Delegation auSerwäblt ist, muß seine an der Leising-Hochschlile angclagle Vorlesung über dir neue Vcrsafsung auzsallen lassen, Theater. In der Volksbühne wird in Abänderung des Spielplans am 26. Oktober, abends„Paul Lang« und Doxa Parsberg" aufgeführt.— Im neuen OperetteNbau? findet am Montag die 1ö9. Aussührung der ,Damg im Zirkus* statt. Zranzosische Militärherrschast in Elsaß-Lothringen. tU. Anschläge auf einen Eisenbahnzug. Auf den Nachtschnellzug Bremen— Osnabrück v 92 wur- ben in den beiden letzten Nächten Anschläge verübt. In der vorletzten Nacht ist an einer einsamen Stelle in der Nahe des Blocks Meyerhofen— Lemförde, zwischen Bohmte und Lemförde, eine Schiene gelöst und zur Seite geschoben. Anscheinend haben die Verbrecher die mehr als zwanzig Meter lange Schien« wicht über eine Erhöhung der Unterlage hinweg bewegen können, sonst wäre ein Unglück unvermeidbar gewesen.— In der verflossenen Nacht wurde eine schwere Eisenbahnschwelle über das Gleis gelegt. Das Zugpersonal bemerkte das.Hindernis, als bereits die Maschine und der Postwagen über die Schiene hinübergefahren waren und dies« sich zwischen den Rädern verfangen hatte. Der Zug konnte zum Stehen gebracht werden. Die Kriminalpolizei hat mehrere höhe« Beamte nach Bohmte zur Untersuchung des. Falles entsandt. Erdbeben bei Rom. Am Mittwoch ftüh ereignete sich, wie aus Italien gemeldet wird, ein starker E r d st o ß. Nachrichten aus Städten der haupk- sächlichsten Provinzen melden keinen Schaden. Es schein tz, daß das Beben in nächster Nähe von Rom stattfand. JugenöwohZfahrt unö?ugenörecht. In einer öffentlichen grmicnberfoauBlung, welche die Bezirksleitung Groh-Ber!in am Mittwoch in HaverlandS Saal veran- staltet«, hielt Tenoffe Dr. CaZp>ari einen Vortrag über Jugend. Wohlfahrt und Jugendrecht im neuen Deutschland. Der Redner zeigte zunächst, wieviel durch Vernachlässigung der Jugendfürsorge bisher an der Volkskraft gesündigt worden ist. Er vertrat dann die Forderung, daß für jeden unteren Verwaltungsbezirk von Reichs wegen ein Jugenderint«inzurlchten ist. Di« Jugendfürsorge mutz einsetzen mit einer»ußreichenden, rechtlich geregelten Fürsorge für die Schwangeren. Nicht darauf kommt«Z gn, daß möglichst viele Kinder erzeugt werden, sondern die Hauptsache ist, datz da» werbende Leven geschützt und erhalten wird. Zuni Zwcck des Mutterschutzes sind Mütterheime einzurichten. Die Säuglinge, die nicht in der Häuslichkeit der Mutter versorgt werden können, müssen in Säuglingsheimen untergebracht werden. Vor allem mutz für die heute in den meisten Fällen mögliche Heilung der mit Kränk- hcite»(namentlich Syphilis und Tuberkulose� erblich belasteten Säuglinge in Pflegeanstalten gesorgt werden. Krippen, Kinder- horte, Kindevgärten müssen geschaffen Werder?. Soweit handelt es sich um die Fürsorge für da» noch nicht schulpflichtige Alter. Für die Jugend im schulpflichtigen Alter mutz Landaufenthalt für er- holungsbedürftige Stadtkinder beschafft werden, Ferienkolonien fln? ednzurschsen, ffersenspseke, Wandern, Schwimmen sind zu de- treiben, Jugendheime muffen eingerichtet werde». Vor allem ist die Berufsberatung zu betreiben. Auch sie gehört zu den Auf- gaben der' Jugendämter. Sie muß ein Jahr vor der Entlassung aus der Schule beginnen. Nach der Schulentlassung hat die Jugend- fiirsorge vor allein die große Aufgabe zu erfüllen, die Charakter- bildung der Jugendlichen zu fördern. Ja der Vermiülung von Lehr- und Arbeitsstellen muffen die Jugendämter mit den be- treffenden Nachlveisestellen zusavimenarbeiten. Die Bildung mutz gefördert werden. Dem großen Dolksvergifter, genannt Kino, mutz man«n den Kragen geben. Das Jugendamt mutz, wenn eS seine Aufgaben erfüllen soll, die Geschäsre des Gemeindewaisenrats über- nehmen. Auch die Aufsicht über die Pflegekinder mutz dem Jugend. amt übertragen werden. Ebenso die Fürsorgeerziehung. Die Für- sorgezöglinge müssen in der Regel in Familien, aber so wenig wie möglich in Anstalten untergebracht werden. In der Anstalt werden die Zögling« durch ihre Umgebung nur zu oft erst recht verdorben. Es ist. die Frage, ob im Jugendfürsorgegesetz auch das Jugendsiraf- recht aufgenon�men werden soll. Von einem Jugendstrafrccht sollte man überhaupt nicht reden, sondern vom JugcndLefferungSrecht. Tie Jugend, die ja nicht durch ihre Schuld verroht und verwildert ist, soll man nicht bestrafen, sondern durch«rzieherische Matznahmen bessern. Jugendliche bis zum 1a. Otto Reichel, Berlin 43 Etieubchuitr.<■ SleHlrO'j�ofore Kupferdrähte und andere eleiirifche Materialien faufl' Blektromecbantit Zentrtim gurzritr Id Tel. Aler.«762 Lortimenttbllchlisiiälg. VSNt Srtk. Lindenslrahe 2. Zur Aussfihrnng im wuttner- Theater� siziier:>' Las Seietz Tragödie in drei Akten. Preis fart. ZL0 M. Buchhandlung Vorwärts Berlin EW. 68, Lindenstrasie 3 Soeben erschien: Protokoll über die Verhandlungen des Partei« tages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten in Weimar vom!<).— 15. Juni 1919. Au« dem Inhalt: Die Referate Scheid«. mann und Bernstein Uber.Die Aufgaben der Partei tn der Rupublit«. Zur flraa».Räte- softem und Reichsverfaffung". Die Reden von Dr. Swzhetmer„ns 3X Lei! Haus! Werschcerllralie 7. v:z:.na!WOgen. Teselwegen, ! Seivtchl« üesir! ab Bptrat. Paoner. Cö.orvickerstraftt 71. ffrirbenagaattttt, prima ckmailletack. weift, ffif« 55,—, �uftbt!>enbeinfleinlat( 25�-, Leinölfirnis 35,— gibt ab Stephan. 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