Nr.4ZS ♦ 3?. Jahrgang flusgabe B Nr.$0 BezngKprrtS t B srt»liäl)cL30,— äRu,monntLl#�-9tt frei ms 5oua, voraus zahlbar. Poft- dem? Monatlich 1»,— Mb, i?N. Au- ftellungsgebühr. Unrer Kreuzdand für Deutschland und Oesterreich 16,f0 El!» für das übrige Ausland dei täglich »mmal. Zuktelluna 2150 Valtoe- liellungen nedmen an Oesterreich, Ungarn, Tfchecho- Slowakei, Däne- mar!, öoüand.-uremdurg, Schweden und die Schweiz.— �Eingetragen w die Tost- leitungS'PreisIiste. Der.Vorwärts� mit»er Sonntagsbeilage»Voll u. steif ericheint wachen- täglich zweimal Sonntags und Man- tags-inmol. Teiegrarnm-Adreffe- �Sozialdeniokrar VsrNef. Abend-Ansgabe f'�> berliner Dolkölilafl (20 Pfennig) SbtjttgciitnleiS t Die achtgefpaltene NonPareillezeil« kvst-iZ.— M., Tenerungszufchlag ä0°/> »Slein>> Aazsigan», das fett- gedruckte Wort 1/— M. fzuläffig zwei fettgedruckte Worte), jedes weiter« Wort 50 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenanzeigen das erste Wort sä Pfg. jede« weitere Wort 40 Pfg. Worte über 15 Buchstaden zählen für zwei Worte. Teuerunqszufchlag 50%. Fantillen-Anz eigen für Abonnenten geile 2.— M» polttifche und ge- werkfchaftliche Berems- Anzeigen 5,— Mb die stelle ohne Aufschlag. Anzeige» für die» ä ch st e Älnmmer Müssen bis» Ahr nachmittags im Hauptgefchätt. Berlw EW KS. Linden- ftraße ü, abgegeben werden. Seöffnet von S Uhr früh bis 5 Uhr abends. Zentralorgan der Cozialdemokrat» f Acn partci Deutf�landa Neüaktion und Expedition: EW. 68, Lindenstr. 3. �erNtttreruec: Amt Morluptah- Ar. UV— läl it7. Mittwoch, den I. September IVÄO Vonvärts»verlag G.m.b.£>., EW. 68, �indenstr. 3. Frrnfvrechrr: Amt ÄNorittPiat«, Nr.!l7SZ— 54. pilfuösti über öen Zrieöen. Warschau, 31. August.(TU.) Laut„Gazetta Warzawski" erklärte Staatspräsident Pilsudski auf die Frage nach den strategischen Zielen des polnischen Vormarsches, daß d i e Curzon-Linie für Pole» strategisch wertlos sei, da sie im Ernstfalle von der kleine« polnische« Armee nicht schalten werden könne. „Kurjer Polski" weist darauf hin, daß bei der Festsetzung der Grenze der strategische Wert in erster Linie anSschlaggebend fein müsse. Nun entspreche aber die Bnglinie keinesfalls den Anforde- rungen, die im Interesse der Verteidigung des Landes erhoben werden müht»». Die beste Lösung sei eine Grenz« längs der ehemaligen deutschen Schützengräben, die von Baranowitschi über Pinsk längs des Styr und Stochod verlanfen und bei Dubno in die Zbroczlinie übergehen. Diese Grenze habe «m Weltkriege ihre» BcrteidigungSwert erwiesen und scheide im übrigen die überwiegend katholische von der orthodoxen Bevölke- rung, wir sie auch die Scheidewand zweier Kulturen und zweier politischer und wirtschaftlicher Weltanschauungen bilde. D i e F r a g e W i l n a s sei nach den Worren Pilsudskis eine p o l i- tische Frage, und könne nur unter Zugrundelegung des Willens der Bevölkerung gelöst werden. Das Organ der Sozialdemokraten,„Nobotnik", vertritt die Ansicht, daß die Frage Wilnas durch eine Verständigung mit Litauen zu lösen sei. Gerade weil die polnische Regierung den litouisch-rufsischen Friede» nicht anerkenne, müsse sie versuchen, sich mit Litauen über Wilna in gütlicher Weise zu ver. ständigen. Jldcr Gedanke an eine gewaltsame Besetzung dieses Ge- bietes sei um so undiskutabler, als es keinem Zweifel unterliege, daß rm Falle einer Abstimmung oie Bewohner des Gouvernements Wilna sich für Polen erklären würden. DaS Oberste Komitee der Polnischen Sozialistischen Partei hat in der Frage der polnischen Friedensbedingungen fol. gende Forderungen aufgestellt: 1. Freundschaftliches Einvernehmen mit dem russischen Volke. 2. Ethnographische Grenze nntcr Bor- behalt etwaiger Abweichungen im Wege der Vereinbarung. 3. Selbstbestimmungsrecht aller zwischen Rußland und Polen liegenden Völker und ihre Teilnahme an der gemeinsamen Frie, dcnskonferenz. 4. Die P. P. S. erklärt den zwischen Sowjet- rußland und Litauen geschlossenen Frieden vom 12. Jjuli 1920 als Gewaltfrieden und erkennt ihn demgemäß nicht an. Demzufolge sind die Fragen Wilnas und Grodnos im Wege des Einvernehmens zwischen der polnischen und litauischen Regierung unter Berücksichtigung des Willens der Bevölkerung zu lösen. Etigland unzufrieden. Rotterdam, 1. September. Die Aeußerungen des Mar- schalls Pilsudski in Warschau haben dem„Nionewe Rottcrdamfchc Conrant" zufolge in London einen unangenehmen Eiadrnck gemacht. De« Blättern zufolge liegen in amtlichen Kreisen außer dem Bericht über Pilsudski« Aeußerungen noch andere Anzeichen vor, die darauf hindeuten, daß die polnischen Militaristen geneigt sind, den nachdrücklichen Rat der Alliierten, daß die in Versailles festgesetzte Grenze nicht überschritten werde» soll,»»- beachtet z« lassen. Die Verhandlunstsbafis. Warschau, 1. September.(TU.) Wie MlS unierricKeict Quelle verlautot, findet zurzeit zwischen der polnischen und der Sowejt- rogierung ein Gedankenattstausch statt über die Erweite- rung der polnisch-russischen Verhandlungen zu einer Konferenz sämtlicher Randstaaten, deren Unabhängigkeit die Sowjet- regierung anerkannt hat. Aus diesem Grunde vürften bis zur Wiederaufnahme der polnisch-russischen Verhandlungen noch einige Tage vergeben. Alle Meldungsn über Ort und Zeitpunkt der neuen Verhandlungen sind daher auch als zu mindestens verfrüht anzu- sehen. Amsterdam, 1. September. AuS Warschau meldet die.Times", daß die l e t t l ä n o i s ch e Regierung der Verlegung der pol- nisch- russischen Verhandlungen nach Riga zugestimmt habe. Paris, 31. August..Chicag» Tribüne" berichtet aus Warschau, daß dre polnischen und die rustischen Delegierten Mitte S e p- tember M Riga die Verhandlungen fortsetzen wenden. Neue Kämpfe. Warschau, 1. September, sb-ll.) Amtlicher Heeresbericht vom 31. August. Auf dem Nordflügel rücken unsere Truppen ohne feindlichen Widerstand vor. In den Kämpfen, die durch die Er- oberung von Grodno gekrönt wurden, haben unsere Ab- teilungen rund 1000 Gefangene und beträchtliche Beute gemacht. Am 31. August besetzten wer Hajnowka. Oestlich von C h o l m wurden feindliche Truppen konzentriert, die die Angriffe Budjennvs unterstützen sollten. Sie griffen unsere Stellungen in den Abschnitten von Dubrelka und Moniatycza an. Alle Angriffe wurden mit großen Verlusten für den Feind abgeschlagen. Der Angriff Budjennhs im Räume von Zamosc stößt weiterhin auf entschiedenen Widerstand unserer Abteilungen. Zamosc wurde zwar eingekreist, doch verteidigte die heldenmütige Besatzung die Stadt und brachte dem Feind schwer« Verluste bei. Feindliche Ab- teilungen, die gegen Grabowice marschierten, wurden nach blutigem Kampfe von zwei Legionärdivisionen nach Süden abgedrängt. Durch unsere Hilfstruppen, die im Rücken der Arme« Budjennys operieren, wird dieser in seiner Initiative stark behindert. Diesen Truppen gelang eS, einen bedeutenden Teil des feindlichen Terrains abzuschneiden. Die französischen Sühneforöerungen. Wie wir hören, hat sich das Reichskabinctt um die Mittagsstunde versammelt, um zu der französischen Note Stellung zu nehmen. Das Ergebnis der Beratung wird t der heute nachmittag endlich stattfindenden Sitzung Ncichstagsansschusses für auswärtige Angelegenheiten mitgc- teilt werden. * Wir haben bereits in unserer Morgenausgabe von vorn- herein gegen den zu erwartenden Protöststurm jener deutsch- nationalen Blätter Front gemacht, die durch ihre monatelange Setze eine so schwere moralische Mitschuld an den Breslauer Exzessen tragen. Inzwischen hat dieser Sturm eingesetzt. Allerdings nicht einheitlich, denn Blätter, wie die„Kreuz- Zeitung", der„Reichs böte" und— man staune I— sogar die„Deut s ch e Z e i t u n g" drucken den Wortlaut der Note kommentarlos ab und auch in der Ueberschrift lassen sie ihre Gefühle nicht erkennen. Das Blatt des Herrn Wulle bringt die französische Note sehr schlicht und unaus- fällig auf der zweiten Seite. Eine Besprechung fehlt auch in der„Deutschen Tageszeitun g", die allerdings ihre Gefühle in einem Ouerbalken:„Schmachvolle franzö fische Forde- rungen" deutlich genug zum Ausdruck bringt. Aehnlich verfährt die„Tägliche Rundschau"(„Ein Höchstmatz an tiefsten Demütigungen"). Nur die„P o sfi' und der„Lokal-Anzeiger" speien Gift und Galle aus. Wir möchten diese ehrenwerten Blätter — denn sie sind alle, alle ehrenwert— nur fragen: welche Forderungen hättet Ihr gestellt, wenn ein deutsches Konsulat im Ausland von nationalistischem Pöbel zerstört worden wäre? Zur französischen Breslannote. Der in der Note erwähnte Hauptmann v. Arnim hat sich als Kommandeur der Reichswehrkompagnie. die nach dem Fkaggendieb- stahl durch den Schlosser KrzeminSky die Ehrenbezeugung vor der französischen Botschaft in so ausgezeichneter Haltung verüble, die besondere Aufmerksamkeit der französischen Regierung erworben. Wir hören, daß Dienstagabend nach 10 Uhr zwar noch jemand außer dem Pförtner in der Pressestelle der Nieichsregscrung an- wesend war, daß aber die Telephonzentrale den Betrieb schon eingestellt hatte, infolgedessen unser Anruf zum Pfört- !er kam, der uns erklärte, er sei nur noch allein im Hause. Irr- tümlich ist unsere Angabe, daß im Auslvärtigen Amt um 10 Uhr kein Beamter mehr anwesend gewesen sei. Wir haben nach dieser Richtung Feststellungen zu rreffen keinen Anlaß gehabt, wohl aber haben wir sie für die Reichskanzlei getroffen und daraus den Schluß gezogen, daß das Deutsche Reich normalerweise um 10 Uhr abends nicht mehr regiert wird. Deutsche Entschuldigung in Warschau. Warschau, 1. September.(TU.) In Vertretung deS deutschen Geschäftsträgers sprach Botschaftsrat v. D i r k s e n der polnischen Regierung gestern das Bedauern der deutschen Regierung über vi« Breslauer Vorfälle aus. Die polnische Regierung hat die polnische Gesandtschaft in Berlin beauftragt, sich mit der deutschen Regierung wegen der Entschädigung für die Zerstörung d'es polnischen Konsulats ins Einvernehmen zu setzen. volles Versagen üer Polizei. Die Franzosen fordern die Bestrafung der an der Zerstörung des Konsulats schuldigen Personen innerhalb einer achttägigen Frist. Diese Bestrafung wird nicht erfolgen können, denn bis jetzt ist nicht ein einziger der Leute festgestellt worden. Die Breslauer Sicherheitspolizei hat in einem Maße versagt, die kaum zu fassen ist. Trotzdem die öffentliche Kundgebung vorher angekündigt war, war nichts geschehen, um Ausschrei- tungen zu verhindern, und nichts, um die Konsulate zu sichern. AlS endlich die Sicherheitspolizei eingriff, um die Be- lästigungcn der Hotels zu verhindern, hat sie es auch noch unter- lassen, irgendeinen der Tumultuanteu festzuhalten oder zu ver- haften. Es ist selbstverständlich, daß gegen die säumigen Beamten wenigstens mit aller Schärfe vorgegangen wird. Von Oberschlesie«. Die„Oberschlesische Morgen-} z e i t u n g" in Katrowitz ist nach einmaligem Erscheinen erneut, verboten worden. Schlachtenjubiläen. Von Willy Meyer, Hauptmann a. D. Viele Schlachten haben wir gewonnen. Den Krieg verloren wir. Restlos. Doch wisien's viele scheinbar noch immer nicht. Sie seiern die Wiederkehr der Jahrestage sieg- | reicher Gefechte. Auf die Lüttich-Feicr folgt die von Tannenberg. Doch manchen reichtS noch nicht. Sie greifen auf den siebziger Krieg zurück.(St. Privat, Beaumont, Sedan usw.) Es ist an der Zeit, mit den Schlachrenjubiläen radikal Schluß zu machen. Denn das, was die Feiern sein könnten, nämlich: lediglich der Ausdruck der Pietät vor den Ge- fallenen und Verstümmelten, vor den Witwen und Waisen, das Verbeugen vor dem Opfermut und der Tapferkeit der Kämpfer, das sind sie bei uns wohl nie gewesen und werden es wohl nie sein. Wo ist je in Europa ein Schlachtengedenktag so gefeiert worden, wie 1911 in Manassas(Virginia) das fünfzigjährige Jubiläum der ersten Schlacht im Sezessionskrieg? Hunderte von Veteranen beider Kriegsparteien standen sich in langer Front gegen- über. Die Veteranen der Nordpartei mit dem Blick nach Süden, die der Südpartei mit dem Blick nach Norden. Dann schritten die Reihen aufeinander zu. Die ehemaligen„Feinde" reichten sich die Hände und blieben mit verschlungenen Händen ein paar feierliche Augenblicke stehen zum Zeichen dauernder Freundschaft. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Taft, tvohnte der Feier bei. Er trat in seiner Rede für Ausrottung des Kriegs ein und erwartete von den ehemaligen Kämpfern, die die Greuel des Krieges kennen gelernt hatten, die wirkungsvollste Unterstützung seiner pazifistischen Bestrebungen. Als er zum Schluß mitteilte, daß Amerika mit Frankreich einen eben solchen einschränkungs losen Schieds- vertrag geschlossen Hube wie mit England, brachen die Ver- sammelten in stürmische Zustimmungsrufe aus. Dies war einmal ein Schlachtenjubiläum, das eine Förde- rung der Friedensbewegung darstellte. Aber fast alle anderen Siegesfeiern waren und werden sein: eine Belebung des Chauvinismus hüben und drüben(denn die Chauvinisten aller Länder arbeiten sich stramm in die Hände), eine Romanisierung des Gemetzels, eine Vergottung des Kriegs. Und das ist in unseren Tagen eine ganz besonders starke Frivolität. Es ist eigenartig, daß die Geschmacklosigkeit derartiger Feiern selbst solchen Menschen wenig zum Bewußtsein kommt, denen man sonst den guten Geschmack nicht absprechen kann, und die von jedem entrüstet abrücken würden, der den Tag der Wiederkehr laut und fröhlich(mit Musik und Sekt) feiern würde, wo er im Duell seinen Gegner erschoß. Es wäre besser gewesen, wenn wir unsere Siegesfeiern lange vor 1914 eingestellt hätten. Lichnowsky erwähnt in seinen Aufzeichnungen die Aeußerung eines österreichischen Diplomaten:„Wenn die Franzosen anfingen, die Revanche zu vergessen, dann habt Ihr sie regelmäßig durch kräffige Tritte daran erinnert". Dieser Diplomat mag bei seinem Aus- spruch wohl auch an unsere zahlreichen Siegesfeiern gedacht haben. Gegen die Sedanfeier nahmen 1895 die Sozial- demokratcn sehr entschieden Stellung. Sie gingen von dem Standpunkt aus. daß der siebziger Krieg bis zur Schlacht von Sedan, wo Napoleon Hl. mit großen Teilen seines Heeres gefangen genommen wurde, vielleicht noch eine Art Verteidigungskrieg für uns gewesen sei. Nach Sedan wurde die französische Republik ausgerufen und das französische Volk erklärte sich zu einem annexionslosen Frieden bereit. Trotzdem ging der Krieg zum Zwecke der Eroberungen weiter. Sedan wurde zum unheilvollen Wendepunkt. Der Frank- furter Frieden folgte. Er trug(wie jetzt der Versailler Frieden) den Keim zu neuen Kriegen in sich. Dies alles und noch mehr betonten die Sozialdemokraten 1895, aber sie riefen den Zorn der Mächtigen auf den Plan. In seiner Rede beim Paradediner im weißen Saale deS Berliner Schlosses anläßlich der Sedanfeier wetterte der Kaiser Wilhelm II. gegen diese„Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutscher zu tragen" und stellte in Aussicht, unter Umständen seine Soldaten marschieren zu lassen,„um der hochverräterischen Schar zu wehren, um einen Kampf zu führen, der uns befreit von solchen Elementen". Da das Sozialistengesetz aufgehoben war, wurde auf dem Wege der Majestätsbeleidigungsprozcsse vorgegangen. Viele wurden verurteilt. Und im Reichstag wandte sich der Kriegs- minister Bronsart v. Schellendorf protzig gegen die„Schmutz- sinken", die die Sedanfeiern verweigerten. Anläßlich der Feier der 4l) jährigen Wiederkehr des Tages von Sedan trat„die deutsche Friedensgesellschast" dafür ein, daß mit den offiziellen Siegesfeiern nun Schluß gemacht werde oder daß man sie wenigstens jedes beleidigenden Charakters für den ehemaligen Gegner entkleide. Welchen Erfolg dieser Schritt hatte, ist ebenso bekannt, ivie die wüsten Beschimpfungen der alldeutschen Presse, denen sich die Ver- einigung infolge ihrer Anregung aussetzte. Unsere Zeit ist weniger zum feiern, als zur Arbeit geeignet. Aber wenn wir dennoch durchaus Feste begehen wollen, so könnte man z. B. als stille« Gedenktag den 16. Mai imr Frieden, sondern auch Land rn beträchMchem Umfang« brachte, das La-nid der Gutsherren. Der russische Bauer hat setzt mehr Land, zahlt jetzt weder Steuern an den Gutsbe- sitzer noch an den Staat, braucht deshalb Getreide, Vieh, Milch, Butter usw. nich. mehr wie früher zu verkaufen, um das Geld für die Steuern aufzubringen. Er kann diese Produkte teils selbst verzehren, teils im Schleichhandel verkaufen und den Erlös behakten, chweit er sie nicht bei Requisitionen zu den staatlich fest- gesetzten Preisen abtreten mutz. Ist es da ein Wunder, datz die „an.ikollektivistischen" Bauern die bolschewistische Regierung, die ihnen diese gewaltige Verbesserung ihrer materiellen Lage beschert hat, verteidigen, aus Angst, daß ihnen ein anderes Regime Land und Steuerfreiheit wieder nehmen könnte? Nebenbei: Wo haben wir in Deutschland einen solchen materiellen Kitt, der drei Viertel der Gesamtbevölkerung so fest an eine sozialistische Regierung bindet, wie die Landfrage die russische Bauernmasse an die Bolschewistenherrschaft fesselt? Allerdings nur solange fesselt, als der Eigentumstclufel im Bauern nicht durch ernstliche Versuche, den Kommunismus auf dem Lande in die Praxis umzusetzen, zur Gegenwehr aufge- stachelt wird. Mr„Vorwärts"-Leser und besonders fozialdemo?ratische Versammlungen werden Wohl diese Gedankengänge nicht allzuviel neues enthalten— für unabhängige Leser bedeutet dies geradezu eine VerkÄhrung sämtlicher falschen Ansckjauun- gen, die von der U. S. P. jahrelang geflissentlich gelehrt und genährt worden sind. Aber auch in den Städten ist von Sozialismus und Kommunismus in dem von der deutschen Sozialdemokratie seit Jahrzehnten hochgehaltenen Sinne nicht die Rede: .Wie auf dem Laude, so konnte deshalb auch in der Stadt und in den Industriezentren Lenins zündende, auf die primitive Geistesverfassung der Bauern und Arbeiter einge« stellte Parole: Enteignet die Enteigner! Plündert die Plünderer! Raubt das Geraubt«!' ohne große Widerstände wörtlich befolgt! werden. Wie die Dauern das Land der Gutsherren, so nahmen die Industriearbeiter die Wecke und Betriebe der Kapitalisten im» mittelbar an sich. Das war jene Zeit der bolschewistischen Revolution, in der da? Wort:»Alle Macht den Arbeiter-, Bauer ri» und Soldaten-Rätenl' alles beherrschte. Diese Zeit ist heute längst vorbei! Sie hat kaum ein Jahr gedauert. In ihr kamen die bolschewistischen Führer zu der niederdrückenden Erkenntnis, daß weder die stupide Bauernmasse in den Dörfern, noch die Mehrheit des Jndustrieproletariats für die demokratische Selb st Verwaltung der Wirtschaft und des Staates in sozialistischem Sinne reif und fähig war.' Und nun lasten wir noch einige Feststellungen Dittmanns folgen: »Nur auf dem Fundament der Passivität und Knlturlossgkeit der russischen Volksmasse in Stadt und Land konnte die bolschewistische Diktatur errichtet werden.... Nach dem offiziellen Bericht bcs Revolutionären Tribunals sind vom 15. Juni bis 1ö. Juli dieses Jahres, also innerhalb eines Monats, noch 883 Personen auf Geheitz der Außer- ordentlichen Kommissionen erschossen worden, außer den»ad- ministrativen' Erschießungen. Pretzfreiheit, Vereins- und Versammlungsfreiheit und persönliche Freiheit sind für andere alz Kommunisten so gut wie aufgehoben, die Wahlen zu den Smvjetkörpcrfchaften er- folgen öffentlich in Versammlungen, geheime Wahl ist der- boten. Die Wahlen sind meist indirekte und erfolgen unter terroristischem Druck, so datz eine Opposition schwer auf- kommen kann, unbequeme Wahlen werden kassiert. Darüber habe ich in Moskau aus absolut zuverlässiger Quelle allerlei Beweis- material erhalten. Die allgemeine Wehrpflicht ist wieder einge- führt, Deserteure werden erschossen. Ebenso ist das Wirtschafts- leben militarisiert, Arbeiter und Angestellte dürfen nicht streiken, sonst werden sie als„Deserteure der Arbeitsfront' in Konzentrationslagern zur Arbeit gezwungen. Für Frauen besteht die Arbeitspflicht vom 18. bis zum 40., für Männer vom 18. bis zum 50. Lebensjahre. In den Betrieben ist die Herrschaft der Betriebsräte längst beseitigt. Der Betrieb unter- steht einer Verwaltung, die von oben eingesetzt wird.' Da das Mitgliedsbuch der Kommunistischen Partei als Anwartschaft auf irgendein Amt in der Sowjetbureaukratie ange- sehen wird, drängen sich unausgesetzi zweifelhaste Ele- mente in die Partei, die man durch summarisch« Reinigungen in periodischen Abständen wieder auszuscheiden sucht, wobei rein willkürlich verfahren wird. Ein Teil der alten Beamten und der Intellektuellen. Angestellten, Kaufleute usw. sucht, vom Hunger getrieben, in den vielen Bureaus der Sowjeteinrichtungen Unter- schlupf und treibt dort vielfach Sabotage. Von den Mitgliedern der.Lommunfftischen Partei" ist der größte Teil in irgendeiner Sowjeteinrichtung angestellt. Nach der lebten offiziellen Statistik des Zentralkomitees der Partei waren von den 604 000 Mitgliedern, die sie in ganz Rußland zählt, nur noch 70 000, d. h. 11 Proz., als Arbeiter tätig! Damit ist der R i e s e n b e t r u g, der am deutschen Proletariat seit bald zwei Jahren mit der Sowjet-Herrlichkeit systematisch versucht wird— versucht nicht zuletzt durch die Führer der Unabhängigen Sozial- demokratie— restlos aufgedeckt. die Neichskonferenz üer U. S« p. In einem kleinen Konferenzsaal deS ReichStagSgebäud.'s hat am heutigen Mrltwoch die von der ll.S.P. einberufene Reichs- ionferenz begonnen, die sich mit der infolge der Beschlüsse des zweiten Kongresses der Tritten International« entstandenen tief- gehenden Differenzen m der Partei befassen wird. Die Besprechungen, die unverbindlichen Charakier haben und nicht zu Beschlüssen fübren werden, begannen um 10M Uhr. Fast alle Mitglieder der ReichstagSfraktion der U.S.P. waren er- schienen, so n. a. L« d e b o u r, Adolf Hoffmann, Frau Z i e tz, Geher. Die Konferenz war von 100 Delegierten der Partei besucht, Abgeordneten, Schriftleitern der Partcizeitungen, Partei- sekretären und je einem Delegierten eines jeden Bezirks. Das Referat über den Kongreß in Moskau übernimmt E r i s p i e n und als 5korreferent ist D ä u m i g vorgesehen. Die Verhandlungen dürsten aller Voraussicht nach sich bis zum Donnerstag hinziehen. Di« Beratungen werden im Stenogramm von der unabhängigen Presse veröffentlicht werden. Innerhalb der U.S.P. soll dann von den Mitgliedern sowohl in der Presse als auch in Zusammenkünften Stellung für oder gegen den An- schlutz an Moskau genommen werden. Ein« endgültige Entscheidung über die Haltung der Partei wird jedoch nicht vor dem Zusammen- tritt deS Parteitages der U.S.P., der im November oder Dezember abgehalten werden soll, gefaßt werden. die verhanölungen in Württemberg Standpunkt von Negierung und Arbeiterschaft. Stuttgart, 1. September.(Eigener Drahtbericht des „Vorwärts'.) Dienstag vormittag begannen die V e r- Handlungen zwischen Aktionsausschuß, Negierung und Vertretern 5er aussperrenden Firmen. Die Negierung vcr- trat folgenden Standpunkt: Sie verlangt die unverzügliche Anerkennung des Steuerabzuges durch jeden ein- zelnen Arbeiter und Angestellten. Die Zurückziehung der Truppen könne erst nach vollständiger Beilegung des Streiks erfolgen. Zur Behandlung der Frage der Wieder- einstellung der Streikenden und Ausgesperrten erachtet die Negierung den Stuttgarter Aktionsausschuß als nicht kompetent, es seien Vertreter der Betriebe und G e- werkschaften hinzuzuziehen. Die Unternehmervertreter verlangten außerdem die Hinzuziehung der christlichen und Hirsch- Dunckerschen Gewerkschaften zu den Verhandlungen. Es erfolgte auf Antrag des Aktionsaus- feiern. An diesem Tage trat im Jahre 1899 die in ihrer Be- deutung so wenig bekannte erste Haager Konferenz zusammen, der am 15. Juli 1907 die zweite folgte. Wäre man diesen verständigen, mit beachtlichem Erfolg bereits beschrittenen Weg weiter gegangen, so wären wir wahrscheinlich schneller und sicherer zur Organisation der Welt, zum wahren(noch immer fehlenden) Völkerbund gelangt, als auf dem blutigen Umweg über den Weltkrieg. Der Tag der Gründung des tatsächlichen Völkerbundes, zu dem bisher erst kümmerliche, wenig brauchbare Ansätze da sind, das wäre ein Tag zum Feiern und Frohlockan. Dasselbe wird man von dem Tag sagen können, der uns eine Revision der Fundamente des Versailler Vertrags bringt. Denn wird dieser ZwanaSvcrtrag nicht demnächst auf eine andere Grundlage gestellt, oann werden wir zu unserem und Europas Schaden in den Abgrund, an dessen Rand wir stehen, hineinstürzen. Möchte bald Grund zum Feiern sein. Sedan- und Lüttich-Tage sind es nicht. Dis rujsifthe Täuschung. In einem zweiten Artikel der„Freiheit" gibt Wilhelm D i t t m a n n einen allgemeinen Ueberblick über die Zustände in Rußland, während er gestern nur von den trauri- gen Erfahrungen der nach der Maschinenfabrik von Kolomna vevschlagenen 120 deutschen Industriearbeiter schrieb. Ditt- mann hebt einleitend die Tatsache hervor, daß Rußland sich seit 1914 im Kriegszustand und seit 1917 im Bürgerkriegs- zustand befindet, serner, daß es von West-Europa ziemlich abgeschnitten ist, und fragt schließlich, wie sich unter diesen Ilmständen denn idyllische Verhältnisse hätten entwickeln können. Auch wir, die im Gegensatz zur unabhängigen Presse; stets die Zustände in Sowset-Nußland als sehr schlimm be- zeichnet hatten, haben niemals versäumt zu betonen, daß die Entente durch die Fortsetzung des Kriegszustandes und der Blockade einen großen Teil der Schuld an den traurigen Verhältnissen in Sowjet-Rußland trägt. Aber es ist eine Tadsache, die durch zahlreiche neutrale Beobachter bestätigt worden ist, daß das innere Rußland, namentlich die großen Hauptstädte Petersburg und Moskau, während der ersten seriegsjahre und selbst nach der Kerenfki-Nsvolution ziemlich unverändert fortlebten, was ja bei den ungeheuren Ent- fernungen dieser Zentren von den Fronten und bei den natürlichen Reichtümern Rußlands nur sehr erklärlich ist. Der Niedergang Sowjet-Nußlands, das materielle Aus st erben der russischen Städte datiert er st von der bolschewistischen Revo- l u t i o n. Dieser materielle Niederbruch wird übrigens von den Bolschewiki offen zugegeben, dafür soll aber ja in g e i st i g e r Hinsicht Außerordentliches geleistet worden sein für die Per- wirklichung des Sozialismus. Der neue Dittmannsche Ar- tikel zerstört aber auch diese Illusion. Dittmann schreibt: Der Hauptvepräsentant der ruffischen Rückständigkeit ist der Bauer. Und in diesem Lande sind 75 Prozent der Geiamtbevölke- imng Bauern! Aber nicht Bauern im westeuropäischen Sinne. Bauern, die noch bis zur Revolution unter der Knute des Zaren- regiments in Rechtlosigkeit und schwarzer Unwissenheit hinveg-e- tierten. Die Revolution hat diese primitiven Menschen nicht ändern können. Sie sind auch heute weder Sozialisten noch Kommunisten, haben von Politik, Staat und Gesellschaft über- Haupt kaum rechte Vorstellungen. Sic können meist nicht lesen und nicht schreiben, ihr allgemeiner Horizont reicht kaum über ihre eigene Scholle hinaus, wie es etwa beim deutschen Bauern i m Mittelalter der Fall gewesen sein mag. Diese träge Bauernmasse, dieser gewallige Block von 75 Prozent der Gesamtbevölrerung, wurde trotz setner Indifferenz, ja Anri- pathie gegenüber Sozialismus und Komimunismus zum Fundament der bolschewistischen Herrschaft. Das materielle Interesse kettete die Bauern an das revolutionäre Regiment, das ihnen nicht Neue Musik. Von Kurt Singer. Von dem neuen Geist, der seit Jahren die Dichtkunst und Malere' fördernd anregt und anregend föidert, hält sich auch die Musil nicht mehr frei. Die Scheu vor dem Urleil der Nachwelt, der Respekt vor dem in Gedanken und Form übermächtig stabilisierten klassischen und vorklasstschcn Zeitalter, die krasse Abwegigkeit und Bewußtheit mancher Neutöner, deren sinnliche Kunstleistungen gar zu oft mit der verführerischen Schönheit ihrer Theorien im Widerspruch stehen, all diese starken Empfindungen hemmen heute noch ein freies, be- weisendes und- bejahendes Urteil über die neue Musik. Das aber ist schon heute zu sagen: Der Geist, der zu einem Weiterschreiten zwingt, der Wille, der aus der Schablone heraustreibt, ist schon darum zu begrüßen, weil eine in ihren gefühlsbetonten Erlebnissen so gänzlich ander? gearteten Zeit wie die heutige, auch einen anderen künstlerischen Niederschlag, einen anders spezifizierten Stil verlangt. als etwa das Jahrhundert Bachs oder Schuberts. Musik ist eine besondere AuSdrucksform des GekühlS; fie bleibt nur wahr und lebendig, wenn sie alle Empfindungsskalen der Gegenwart sich zu eigen macht und zum Erklingen bringt. Aber weder die Natur noch die wahre Kunst macht exzentrische Sprünge. Und das Außergewöhnliche wird noch nicht dadurch zur Kunstleistung, datz eS die aus Können Gewissen und Verantwor« tungsgefühl geformten Gesetze unserer Großmeister einfach sprengt und die wirkliche Freiheit der Form durch eine ungebundene Aus- gelassenheit der Grenzen, der psychologischen und Geschmacks- Hemmungen zu ersetzen versucht. In der Musik ist mehr noch als in allen anderen Künsten der Einfall, das Motiv, die sinnliche Erfindung, das MeloS maßgebend für die Wirkung auf den künst- lerisch klar Empfindenden. Der Weg zum Herzen soll ohne den weitesten Umweg über das Gehirn frei sein. Das soll beileibe nicht zu einer Berflachung der Melodie führen, aber es soll von einer Ueberschätzung der harmonischen, der koloristischen, der in- strumsntal-tschnischen Nebendinge abhalten. Form und Linie, Grunsriß und Aufbau, Skelett und Nerv sollen im musikalischen Kunstwerk an der ersten Stelle, mit- und ineinander verschmolzen, ihren Platz behaupten. So sucht die neue Muflker-Generation ihren Anschluß an alte Meister und versucht, die Ausdrucksmöglichkeilen der Kunst zu steigern. Die Zwischentöne(Bichromatik), das Ganztonsystem, die Verwendung aller Kirchentonarten und exotischer Tonreihen kenn- zeichnen diese Bestrebungen. Hier ist nicht koloristische Spielerei und Neuernng-ssuchr, sondern ernstes Bemühen, von der äußeren Verbrämung fort zu einer neuen Art melodischer Etfindung, ja neuer Einstellung auf die Melodie als Leilprinzip des musikalischen Schaffens hinzuleiten. Und das bedeutet, einen Weg zu studeu zur Erweiterung unseres MufttempfindenS überhaupt. In den Anregungen, die da von Reger, Debuffy. Schönberg, Schreker, Busoni ausgingen, steckt heute noch recht viel Spekulalion. Aber es ist möglich, daß der Musik aus solchen Impulsen und Ideen heraus eine spezifisch-impressionistische Sprache kommt. Letzten Endes hieße das vielleicht, aus der konventionellen harmonischen Denkweise heraus zu einem Stil gelangen, den die einzelne melodische Linie bestimmt und regiert. Wenn hier ein GemuS von formaler und melodischer Gestaltungskraft das Zepter führt, so ist der zeitgemäße, vom Geist unseres Jahrhunderts geweckte Anschluß an die größten vorklaisischen Muster erreicht. Dann be- rühren sich Bachsche und impressionistische Kunst. Der Schrei nach dem kindlichen Zerbrechen der Form und der Abscheu vor jeder straffen Gliederung, jeder rhythmischen Einzwän- gung allein führen sicher nicht zum Ziel; und ebensowenig die Kulmination dynamischer und stinimung-förternder Effekte. Im Ronde einer Mozartschen Sonate steckt doch noch wohl mehr Kunst- sertigkeit und Kunsterlebnis, als im freien Bau, in der sogenannten Atektonik und harmonisch unerlennbaren Aufmachung«ineS Schön« bergschen OuarteNsotzcS. Aber der Wille zur Prägung neuer Kunst- gesetze ist da, und schon die nächsten Jahre werden zeigen, ob ihm die entsprechenden Taten folgen. Diese Tat wäre— mit Paul Belkers(.Neue Muflk", Verlag Erich Reiß) Worten zu sprechen —.der neue melodische Stil aus dem Geist der alten Polyvbonie'. Und es bleibt schon heute ein Verdienst von Männern wie Reger und Dcbusiy, aus dem Schema des erstarrenden und sterilen KomposilionS« betriebs der Konservatoristen Austrieb und Schwungkraft zu freierer Entfallung wirklicher lünstlerischer Begabung erzeugt zu haben. Ich bekenne: noch überzeugt mich kein modernes Musikwerk, daß wir ioitle- schritten sind. Aber wir werden mit eifernden Sinnen und in- brünstigem Suchen der Seele alles Neutönendcn nachspüren. Aus scheinbarer Gaukelei ist schon mehr als einmal die Tat des Genius auferstanden. Die Kampsansage des Laien und auch des Musikers hat Bach Jahrhunderte, Beethoven, Wagner Jahrzehnte ertragen müssen; und manches Hochland musikali'cher alter Kultur liegt dem Blick der Heutigen nur aus einer Zufälligkeit des Geschmackes her- aus verschlossen da. Die Eroika war einem Spohr einst unverständlicher melodieloser Quark, der Wagner des Tristan einer ganzen Welt Gipfel der Langeweile und Oede. Seien wir ausmerklam dem Neuen gegenüber, aber nicht feig im Urteil; geben wir uns auch neuen Gesetzen hin und versuchen, ihren Erzeugnissen Sinn und Wert abzugewinnen. Denn— so läßt Pfitzner seinen Palestrina sagen—.wer kann es wissen, ob jetzt die Welt nichr ungeahnte Wege geht, und was uns ewig schien, nicht wie im Wind der- weht?' Friedrich-WilhelmstädtischeS Theater:„Der blonde Traum." Die Winterspielzcit setzt ein. Was wird sie bringen? Die Wiederkehr d«S ewig Gleichen oder neues Streben und neue Ziele? Die Vergnügung? instllute der leichten Unterhaltung halten am er- Probien Genre fest. Ihr Angebot wird immer noch nachgeftagt. Gibt'S in der Operette oder in den Schwankarten überhaupt noch erhebliche Möglichkeiten? Es scheint nicht. Da wird denn auch der bereits in Berlin gespielte„blonde Tvcmm" des Ungarn F ö l d e s, eine pikante Unerheblichkeit von allzu großer Ausdehnung, aber mit ein paar hübschen Situationen und spannenden Ucbcrraschungen (die man nur das erstemal genießt), wieder seinen Zweck erfüllen. Der Einfall, daß die nur per Telephon Geliebte und Gekannte in Wirklichkeit enttäuscht und erst nach mancherlei Irrungen und Vec- Wechselungen, Intrigen und Enttäuschungen in ihrem wahren Werte erkannt und geküßt wiro. ist ganz nett. Aber das Drum- herum des Offiziersmilieus ist zu banal. Direktor M ö I l e n d o r f gab dem verliebten Leutnant alles mit: Humor, Frilchc, Senti- malität und guten Stimmungswechsel. Diskret und anmutig war Ilse G h i b e r t i in der Rolle der verkannten Geliebten. Eine Tanzeinlage Ilona von Montaghs bot ein entzückenocs Jnter- mezzo.— r Wilhelm Wundt t- Der Altmeister der deutschen Psychologie, der Begründer der nalurwiflenschaktlichen, auf Experimente und exakter Beobachtung beruhenden Seelenfvrschung, ist im 89. Lebens- jähre in Groß-Bolhen gestorben. Seine Bedeutung, die von seinem engeren Fachgebiet aus größere philosophische Zusammenhänge er- strebte(Völkerpsychologie, Logik), bedarf ausführlicher Würdigung. Der Berliner Volks- Chor(Dirig-nt i Dr. Ernst Z indcri vcr- anflaltct am Sonntag, den lZ. Sept., II1/, Nhr mittags, und am Kontag, den 13. Sept., 8 Nhr abends, in der Neuen Welt ein Nichaid-Swauti- Konzert. Das Philbarmomschc Orckelter ist aus llt) Musiker versiärkt. Zum SonnianSkonzert ist noch eine kleine Anzahl Einlaßkarle, an der Tageskasie zu baben. Im Leistnq-Ninseum spricht Donnerstag, den S.. 7'/, Nbr, Professor F. J. Scl'widt über„Heg-l und seine wellgclchichlliche Bedcutung'. Kunstchronik. Das K i! n st I e r b a u s bringt vom 5. September an ewe graphische und gcschichtlicke Ausstellung.Beiliner Straßennamen im Bildnis" und eine Kollektion des Karlsruher Ralers August stumm Dao Berliner Zrugbaus, das bisher der M'Iilärverwoitiing unter- stand, ist nunmcbr dem Gcncraldircklor der prcußi'cheii Kunstsammlungen unterstell! und den Kunstmuseen angegliedert worden. Der Neubau der Itagtltchen Kunstschule, der seit vielen Jahren an der Ecke der Potsdamer« und(Srunnvaldstralie, aus dem Gelände deS Alten Botanischen Gartens empormächst, gehl seiner Vollendung enlgegcn. Die Kuiistschulc wird zu Beginn deS Wintersemesters aus ihren alten Räumen in der Klosterstraßc in den Neubau übersiedeln. Der Leiter der Anstalt, der Nusbildungsslelle der Zeichenlehrer Preußens, ist der Professor Philipp Franck. Hinter den Kulissen. Die Tänzerin Anita Berber hatte sich im Rahmen des Echönbeits-Bassetts Celly de Rbcidl gleich zwei Unternehmern verpflichtet und ist dem eisten Untcrnebmcr vertragsbrüchig geworden, well ihr der zweite 1000 Mark Gage pro Abend mehr geboten hat. In olge- dessen ist beim Gericht ein Aui ritlsverbot gegen Anita Berber erzielt worden. (Die Tänzerei scheint um so mehr einzubiingen, je weniger Kostüm dabei erforderlich ist.) Der neueste Tanz. Die Tage des Foxtrott und deS Jazz sind ge- zäblt, wenn wir der Vorhersage der ameiikanbchen Tanzmeister glauben wollen, die auf ibrer letzten Versammlung in New Jork einen neuen Tanz, den Katzenschritl", unter allgemeinem Jubel aus der Taufe hoben. Der „Cattslev" wird zu einer krästigen Polonäicn-Musik in würdiger und lang» iamer Form getanzt und soll w moralischer wie in lünillertscher Hinsicht völlig emwandsrei sein. schusses barHSuftge Aussetzung der Verhandlungen bis 8 Mr abends. Eine Dienstag nachmittag �tattgefundene Versammlung der Betriebsräte stimmte nach Kenntnisnahme vom Stand der Verhandlungen folgendem Antrag des Kommu- nisten H ö r n l e zu: 1. Nachdem die Betriebsrätevollversomm- lang sich dem Steuerabzug unterworfen hat, muß von der Regierung sofortige Zurückziehrmg des Militärs aus den Betrieben und die Einstellung provokatorischer Maßnahmen der bewaffneten Macht gefordert werden. 2. Die VerHand- lungen über die restlose Einsrellung aller Streikenden und Ausgesperrten führt der Aktionsausschuß der Betriebsräte generell über das Land. 3. Wenn diese Forderungen von der Regierung und den Unternehniern abgelehnt werden, sind die Verhandlimgen abzubrechen und der Streik in schärfster Form weiterzuführen. 4. Die christlichen und Hirsch-Tunckerschen Gewerkschaften können zu den Ver- Handlungen zugezogen werden, wenn sie am Streik teil- nahmen. Die abends 8 Uhr wieder aufgenommenen Derhand- lungen führten zu keinem abschließenden Ergebnis. Die Unternehmer hatten keine Vertreter gesandt, infolge- dessen wurde die Weiterverhandlung auf Mittwoch, vor- mittags 11 Uhr, vertagt. Die Streiklage. Stuttgart, 31. August.(WTB.) Die Streiklage war am Dienstag unverändert. Versuche der Streikenden, die Eisenbahner auf ihre Seite zu bringcm, blieben erfolglos. Anschläge gegen die Eisenibahnen an verschiedenen Orten des Landes wurden noch rechtzeitig vereitelt, ebenso Versuche der Streikenden, Reisende am Betreten von Bahnhöfen zu verhindern. In Ulm hat eine geheime Abstimmung in sämtSichen Betrieben cm« große Mehrheit gegen den Streik ergeben. Die Regie- runz wird die Polizeiwehr erst dann aus dan besetzten Betrieben zurückziehen, wenn die Verhandlungen zwischen Arbeit- gebern und Arbeitnehmern über die strittigen Fragen zu einem Ergebnis geftihrt haben, und d-i« Gewähr vorhanden ist, daß d:e öffentliche Ruhe nicht mehr gestört wird. Die Antwort öer Eisenbahner. Tie am Dienstag im Berliner GewerkschaftShanS tagenden Äetriebsriite der Eiscnbahndirsktion Berlin, der Werkstätten und der BetriebSwerkmeistereien des Deutschen Eisenbahnrrverbandes legten schärfsten P r o t e st ein gegen die Erlasse des Reich? Verkehrsministeriums, wonach die Kom- Missionen zur Neberwachung der Truppentransporte auf. gehoben werden sollen. Tie Betriebsräte werden sich auch durch Drohungen mit Entlassung nicht einschüchtern lassen, sondern die Truppentransporte, Waffen, Munition und Kriegsgerär nach wie vor anhalten, bis die N e i ch s k o m m i s s i o n die Transporte erlaubt. Em Aufruf öer Reichsregierung. Durch WTB. wird ein Aufruf der Reichsregierung ver» öffuntlicht, den diese schon vor einiger Zeit verfaßt und den Landes- finanzäuctern mitgeteilt hatte, damit er nach Bedarf von den ein- zelnen Remtern veröffentlicht werden könne. Der Aufruf hat folgenden Wortlaut: „Der Steuerabzug vom Lohn und Gehalt findet in einigen Betrieben Widerstand bei den Arbeitnehurern. Diese über- sehen, daß der von der Nationalversammlung beschlossene und vom R e i ch Z t'a g e fast einhellig bestätigte Steuerabzug eine LebcnZ Notwendigkeit des Reiches wie auch der Länder und Gemeinden ist. Die Arbeitgeber sind durch das Gesetz ge- zwangen, den Abzug bei der Lohnzahlung vorzunehmen, und nur auf diesem Wege ist es möglich, die Besteuerung des Einkommens zu sichern, ohne durch zwangsweise Beitreibung rückständiger Steuerschulden die Existenz des Arbeiters zu gefährden. Wer sich dem Steuerabzug widersetzt, schädigt das Interesse der Arbeiter und gefährdet zugleich die Durchführung der S t e u e r- g e s e tz e, von denen der Wiederaufbau abhängt. Denn eine erfolgreiche Verweigerung dieser Steuer würde von anderen Steuer- Pflichtigen nachgeahmt werden. Die Rcichsregierung muß das Gesetz ebenso durchführen, wie sie die Erhebung der zehnprozentigen Kapitalertrag- st euer durchgeführt hat und die weiteren Gesetze zur Besteuerung des Vermögens durchführen wird. Tie Reichsregierung ist entschlossen, jedem Versuche zu gesetzwidriger Ablehnung des Steuerabzuges mit allen Kräften entgegenzutreten und die zu seiner Durchführung verpflichteten Arbeitgeber und Beamten zu schützen; sie vertraut auf die Einsicht und Mäßigungder Arbeiterschaft, die sich fast überall im Reiche bereits bewährt hat." �ur Hebung öer sachsistben Inöustm. Dresdev, 1. September.(TU.) Wie die„Dressen er Volks- zeitung" erfährt, hat b:c sächsische Regierung Maßnahmen in Aus- sich: gestellt, um die Notlage, in der sich die sächsische In» d u st r i e infolge der allgemeinen Stockung befindet, zu mildern. Wenn irgend möglich sollen Notstanosoufträge für die sächsische Industrie vergeben werden. Zu diesem Zweck hat die sächsische Regierung sich mit den maßgebenden Fachverbänden der Textilindustrie� m Verbindung gesetzt. Die Handels- k a m m e r hat das sächsische Minr'erium ersucht, dahin zu wirken, daß ourch die Bcschaffungsstellen des Reichs und der Länder die Aufträge zur Deckung des Bcdarss an Stoffen für Post- und Eisen- bahnbramte, sowie fiir das Militär sofort, und zwar nicht nur für das laufende Jahr, sondern darüber hinaus auch für das Jahr 1921 zur Vergebung gebracht werocn. Die sächsische Regierung hat diesem Ersuchen entsprochen, und die maßgebenden Stellen haben zugesagt, dem gen. unten Antrag nach Möglichkeit nachzukommen. fsommunistLNverhaftungen in tzalle. Auf Veranlassung der Stadtverordnetenversammlung wurden in Halle, wie die„Dena" meldet, 7 Führer der K.A.P.D. ver- haftet. Sie sind dringend verdächtigt, die treibenden Elemente bei den Waffentran- Porten in Halle und Umgebung gewesen zu sein. Sie haben die Waffen in den Ortschaften der umliegenden Kreise gesammelt und die Transporte noch Halle in die Wege geleile:. Die Waffen sollten zur Ausführung einer, großzügigen Aktion verwendet werden. Die bisherigen Ermittlungen lassen ver- muten, daß außer der K.A.P.D. noch weitere Kreise in die Ange- legen beil verwickelt werden. Die Verhafteten haften bis ietzt jede Auskunft verweigert. die St?s?kf?KFe in London, 31. August. Der Vollzugsausschuß der Berg- a r b e i l e r gib: das endgültige Ergebnis der Abstimmung be- tannt. Danach haben für den Streik 396 782 und gegen den Streik 238 895 Arbeiter gestimmt. „Dailh Mail" meldet über die heutigen Beratungen de» Arbeiter-Dreibundes, daß man wahrscheinlich keinen end- gültigen Beschluß fassen werde, sondern daß man die Eni- scheidung im Kohlenarbeiterstreik dem Kongreß der Trade- Unions, der am nächsten Montag in Portsmouth beginnen wird, überlassen werde. Amsterdam, 1. September. Der„Telegraaf" meldet ans Lon- don: Der„Dreibund", die Vereinigung der drei größten eng- lischen Gewerkschaften, hat einen Beschluß gefaßt, der dahin geht, daß die Forderungen der Bergarbeiter recht und billig seien, und daß sie zugestanden werden sollten. DeutftbZanös Vo?kriegsAiu!ö. Amsterdam, 1. September. Nach einer Londoner Meldung bat die Bezahlung der deutschen Porkriegsschulden an englische Gläu- biger begonnen. Das Ausgleichsamt in London hat die erste Teil- Zahlung im Betrage von einigen hunderttausend Pfund Sterling erhalten. Eine Anzahl Gläubiger sind bereits bezahlt worden. Prügelstrafe für Ungarn» Wien, 1. September.(Frankfurter Zeitung.) Die ungarische Nationalversammlung hat dir Anwendung der Prügelstrafe mit einigen Einschränkungen gegenüber dem ursprünglichen Entwurf mit einer Mehrheit von 25 Stim- m e n angenommen, nachdem der Handelsminister Kubnek in Ber- trewng des erkrankten Ministerpräsidenten die Abstimmung frei- gegeben hatte. Die alten Führer der ungarischen Politik A p V o n y i und Andrassy stimmten dagegen. Norwegen unö öie Dritte internationale. Kristiania, 1. September.(Tll.) Eine Sprengung der norwegischen Arfteiterpartei erscheint mimnehr unvermeidlich. Die Ursache ist die Stellung eines Teils der Arbeiterpartei zur Dritten Internationale und zu der Moskauer Resolution. Die parlamentarische Fraktion der Sozialdemokratie ist entschieden abgerückt von denjenigen, die die Moskauer Resolution befürworten Das bolschewistische Tendenzen ver- tretende Organ„Sozialdemokraten" fordert dagegen, die Moskauer Beschlüsse unbedingt zu refpektiererr. Gro�erün vieUmgeftaltunZ üerpark- unSGartenoertvaUungen. Wünsche der Groß-Berlinex Gartenüeamten. Die Garienbautechniker,, Gärtner und Gartenarbeit«:, der Garten- und Friedhossverwaltuingen der Groß-Berliner Gemeinden und die Arbcijnehmierorganisationen haben ihr Besauern ausge- sprachen, daß bei der Schaffung von Groß-Berlin die Einrichtung eines Haubkoezernats für Grün- und Erholungsflächen, Friedhofsund Freislächenioesen nicht zustande kommen soll. Sie laben den zuständigen Stellen folgenden Vorschlag unterbveitet: Unter einem Hauptdezernat für Siedlung und Verkehr wird ein selbständiges Unterdezernat für Grün- und Er- holungSflächen, Friedhofs- und Freifläche nwefen geschaffen. Der Aufgabenkreis dieses Unterdczernats soll sich erstrecken aus: 1, Anlegung und Verwaltung aller städtischen Park- und Gartenan lagen,>er Baumschulen, Anzuchtgärtnereion, Schul- gärten, Obst- und Gemüseanlagen, der Anpflanzungen auf Plätzen, Straßen und Alleen und auf allen städtischen Grund- stücken. 2. Die Anlage und Unterhaltung aller mit Anpflanzungen versehenen Spielplätze. 3. Das Friedhois- und BestattnngSwefen. 4. Das Kleingartenwesen, soweit die gärtnerische Gestaltung und Anlage in Betracht kommt, ferner die Mitwirkung bei der Planung von Siedlungen und die Verwaltung von Freiflächen. 5. Tie Ausgestaltung und Unterhaltung der Wälder, sofern sie als Erholungsstätten dienen und in der Hauptsache nicht nur zu forstivirtschastlichen Zwecks,, Venvcndung finden. Zur einheitlichen und wirtschaftlichen Durchführung der verwal- tungs. und gartentechnischen Angelegenheiten in den Gartenämtevn der Verwaltungsbezirke soll der Hauptgartendeputation als Be- scbließungKbehövoe das Hauptargument als Bearbeitungs- und Uebertvachungsstelle angegliedert werden. Zur fachmännischen Be- ratung steht der HailptKarlendopmation ein Gartenbeirat zur Seite. Diesem liegt ob: 1. Die Beurteilung der Entwürfe für Neuanlage-n und die Umgestaltung bestehender Anlagen. 2. Die©tellungnahm« zu allen wichtigen Fragen, welche die Allgemeinheit oder einzeln-e Gartenämter betreffen. 3. Aus sich heraus der Gartendaputalicm Vorschläge zu unter. breiten. Zur Unterhaltung und Verwaltung sämtlicher gärtnerischen Anlagen besteht in jedem VerivaltungSbezi.k ein Gartenami, daS dem Haupt garten amt und auch der Bezirksdeputation untersteht. Die Hau p tgarten de puia tion besteht aus Magistratsmitgliedern, Stadtverordneten, den beiden Leitern des Hauptgartenamts, ferner aus drei Mitgliedern des Gartenbeirats und drei Mitgliedern des Betriebsrats als stiinrnbe rede igte Beisitzer. Das Hauptgartenamt soll zwei Obergartendirektoven, dem Obcrleiter der technischen Abteilung und dem Oberleiter der Verwaltungsabteilung unterstehen. Leiter ver Garlenämter sckllen in größeren Verwaltungsbezirken Gartendivektoren, sonst Garteninspek- wren sein, mit Sitz und Stimme in der Bezirksdeputation. Tpphuserkrankungen öurch Milchinfektion. 50 Krankhcitsfölle in Potsdam. Seil ungefähr 1> z Wochen haben stib in Potsdam, wie uns von dort berickiiel wird, in bedeiillichrr Weise TyvhuSerkrcnkungen gehäuft. Die Ermiitlungen der ziisländigen Bebörden ergaben die I ii s e k t i o n durw Milch, die von bestimmten Lieferanten kam Hauplinchlich erlraiiktcn Frauen und Mädchen, n»r verein« cell Kinder. Als UrspnmgSort der infisterien Milch wurde Beelitz festgestellt. Tw Zahl der Erlrankien beträgt etwa 59, die bis auf drei alle in Krankenhäusern untergebracht sind. Es ist gelungen, die Et krankungen aus ihren Herd einzudämmen. Die Milch darf Beelitz nur in baktcrieiifreiein Zustande verlassen. Man nimmt an, daß der Höhepunkt der Typhuserkrankiingen in Potsdam erreicht ist, obgleich auch in Beelitz und Nachbarorten ähnliche Erkrankungen typhöser Art sestgestellr sind. In allen Milchverkaufsstelleii und an Milchwagen, die in Poisdam hallen, sind auf Anirag der zuständigen Medizinalbehäiden große Plakate angebracht, die vor ungekochter Milch strengstens warne»._ Älkchr Nückficht auf Schwerkriegsbcfchädigte. Zur Erleichterung de? schweren Loses der Kriegsbeschädigten hat bekanntlich die Eisenbahnverivaltung in nunmehr fast allen Zügen, unter anderem in sämil.chen Zügen des Berliner Stadt-, Ring- und Vorortverkehr», besondere Abteile für die Kriegsbeschädigten eingerichtet. Die Benutzung dieser Ab- teil« ist vor allem für die Kri e-gSbe schAngten, denen die Fahrt von und zur Arbeitsstätte, müßten sie sie stehend zurücklegen, äußerst schwer fallen würde. In der Benutzung dieser Kriegsbeschädigten- abteile bat sich im Laufe der Zeit ein schwerer M i ß st a n d herausgebildet. Die Abteile sind in der RegÄ von solchen Personen besetzt, die dem Augenschein nach völlig gesund sind und wahrschein- licb auch niemals Kriegsteilnehmer waren. Daher hat die Eisen- bahnverwaltung die Begriffe Kriegsbeschädigte im Sinne der Be- förderungSvorschriften in besonderen Abteilen genau umrissen und hat ein Merkblatt über die Fürsorge bei Eisewbahnsahrten heraus- gegeben, welches den KriegSbeschädigtenorgauisationen unentgeltlich zur Verteilung an ihre Mitglieder zur Verfügung gestellt wird. Als schwerbeschädigte Kriegsteilnehmer gölten solche Kriegs» beschädigte mit äußeren Schäden oder inneren Leiden, denen längeres Stehen schadet, sowie sämtliche Kriegsblinden. Schwer- beschädigte Kriegsteilnehmer dürfen nach dem Merkblatt an Fahr- karten- und Gepäckschaltern sowie an der Bahnsteigsperre bevor- zugte Abfertigung in Anspruch nehmen. Das Eiseubahnpersonal muß sich die Unterftvingung der schwerbeschädigten Teilnehmer aus Sitzplätzen'besonders angelegen sein lassen. Die Abteile der Kriegs- beschädigten sollen nach Möglichkeit gegen den Zudrang der anderen Reisenden geschützt werden.' Bei nicht voller Ausnutzung dürfen die Abteile für Schwerkriegsbeschädigte mit der Maßnahme auch für andere Reisende fteigegeben werdon> daß diese Reisende ihre Plätze bei Bedarf für schwerbeschädigte Kriegsteilnehmer wieder zu räumen haben. Auch die Beförderung gelähmter Kriegs- tetlnehmer, die ihren Fahrstuhl nicht verlassen können, ist im Packwagen zulässig, sosern dies der Gepäckv erkehr gestattet. Endlich ist auch noch ein Ausweis für Schwerbe- schädigte vorgesehen, der von den amtlichen Fürsorgestcllen der Kommunalverwaltungen an solche Kriegsbeschädigte ausgegeben wird, die das Zeugnis des beamteten Arzte» über die Schwere ihrer Verletzung beibringen können. Der Ausweis, welcher von roter Farbe ist, gilt nur für ein Jahr. Er trägt neben der eigen- händigen Unterschrift des Inhabers noch dessen Bild und den Stempel der Kriegsbeschädigtensürsorge. Diese Ausweise werden nicht mehr von der Eisenbahndirekbion ausgestellt, sondern nur noch von der amtlichen F ü r sorgestelle der Ko m Munal v e i' a l- t u n g e n._ Diebstähle a» Reisenden. Die Ausplünderung der Berlin besuchenden Fremden ist von jeher eine Spezialität der Berliner Verbrecherwell gewesen. Neuer» dingS häufen sich diese Fälle: so wurde ein großer Diebstahl gestern in einem Hotel der Friedrich st raße verübt. Einem Gaste wurde dori eine braunlederne Reisetasche gestohlen, die 1 16999 Mark deutsche« und 139999 Mark polnisches Geld enthielt, außerdem noch zwei Brillanten im Werte von 26 300 und eine Brillaninadel im Werte von 12 099 Marl.— Aus einem Diebstahl rühren ohne Zweifel elf neue Leder- k o f f e r mit Patentverichluß her, die von der Kriminal« Polizei in einer Schankwirtschaft im Osten der Stadt cnt» deck! und beschlagnahmt wurden. ES war beobachtet worden, daß in der Wirtichast ungewöhnlich viel Sachen untergestellt wurden. Bei einem Besuch fanden Kriminalbeamte die Koffer, von denen der Wirt ebenfalls bekauptet, daß ein unbekannter Gast sie zurückgelassen habe mit dem Bemerken, daß er sie bald abbaten werde. Die Koffer können vom Besioblenen im Zimmer 93 des Berliner Polizei« Präsidium besichtigt werden._ „Wozu brauchen Sie eine Wohnnnst?" Was in Berlin bei den Wohnungsinspektionen mög.« sich ist, lehren die Erfahrungen, die ein Parteigenosse mit ihnen gemaehi hat. Seit September 1919 sucht er eine Wohnung, weil er heiraten will, doch bisher hat er keine Wohnung bekommen können. Da- mcrls lieh er sich bei der Inspektion II eintragen, und er mußte dann bis März 1929 warten, wo ihm endlich eine Wohnung in der «chützenstraße nachgewiesen wurde. Sobald er den Mietvertrag Haft«, ging er zum StantdeSamt. um den Tag der Eheschließung fest- zusetzen, und auch Möbel wurden nun schleunigst gekaust. Als aber die Braut ein paar Tage darauf die Wohnung besichtigen wollte. fand sie zu ihrer Ueberraschung sie von anderen Leuten be- wohnt. Es stellte sich heraus, daß die Inspektion einem Fes" er gemacht und die Wohnung zweimal zugeteilt hatte. Das Wohnungsgcsuch des Brautpaares wurde jetzt von der Inspektion II als dringend vermerkt, hinzugefügt wurde aber dir vielsagend« Rat:„Hören Sie selber umHerl Vielle.il! glückt es Ihnen, zu erfahren', wo ein« Wohnung frei wird." Dieses Glück widerfuhr dem lange umherhorchenldcn Bräutigam im August 1929, wo er erfuhr, daß in der KopernikuSstvaße bald eine Wohnung frei werden sollte. Mit dem Wohnungsinhaber wie mit dem Haus- wirt wurde er einig, aber die Wohnung gehört zu der In- spektion Vltl, bei der er nicht eingetragen war. Durch Dringlich« kettsschein ließ er sich von Inspektion II noch Inspektion VM überweisen, und er glaubte, jetzt endlich am Ziel seiner Wünsche zu sein. Doch bei der Inspektion VIII sagte man dem Drängenden kühl:„Wozu brauchen Sie eine Wohnung? Sie können ja da wohnen; wo Sie bisher gehaust haben." Bisher hat er als Gast bei seinen Schwiegereltern gewohnt, die m drei Zimmetn außer dem jungen Paurr noch fünf Personen unterzubringen hatten. Er erklärte, daß er heiraten wolle und müsse. Ihm wurde ge. amtworte!;„Dafür kann i ch nicht— ich halte den Fall nicht für dringend und lebne dieBetvilligtMg ab." Di« Antwort sieht ja fast so aus, wie wenn man sich noch über ihn lustig machen wolltel Wir begreifen die Erbitte- rung des Mannes, der sich selber ein« Wobnung besorgen mußte, um nachher zuzusehen, wie die Inspektion sie anderen Leuten zu- weist. In diesem Monat September kann er das einjährige „Ju'iläum" seiner Wo-hnungsuche seiern, die mit Hilfe zweier Wob- nungsinspektionen bisher nur Mißerfolge gebracht hat. Eine geheime Privat-Funkanlage beschlagnahmt. Obwohl schon wiederholt auf die Bestimmungen des Telegraphengesetzes vom 6. Aprl 1392 hingewiesen worden ist. wonach die unbefugte Errich- tung von Funkanlagen unter«npfindlickte Strafen gestellt wird, wurde neuerdings von der Berliner Polizei wiederum eine ge- Heime Pridat-Fuukanlage im Zentrum Berlins entdeckt und beschlagnahm.. Die Anzeige ist von dem Volizeipräsidenten an die Staatsanwaltschaft zur Strafverfolgung weitergegeben worden. Es muß immer wieder davor geivarnt werden, Funkanlagen, auch wenn es sich nur um Empfangsanlagen handelt, ohne Genebrniguitg des Reichs zu errichten und zu be- treiben. Postsendungen nach Polen. Wie erst jetzt bekannt gewovoen ist, hat die polnische Postdirektion in Posen vor einiger Zeit ihre Postanstalten angewiesen, alle vom Ausland, also auch von Deutsch- land eingehenden Postsendungen, bei denen Bestimmungsort und Straße nicht polnisch angegeben ist, als unbestellbar zu be. bandeln. Seitdem gelangen zahlreiche nach Orten in der früheren Prvoinz Posen gerichtete Postsendungen mit dem polnischen Vor- merk, daß der Ort imbekannt sei, nach Deutschland zurück. Drieft nach Posen müssen demnach, wenn sie den Empfänger erreichen sollen, die Bezeichnung„Poznan" tragen. Wegen Aenderung der Anordnung sind sofort Schritte eingeleitet worden. Zunächst aber ist es aus Gründen der unaufgehaltenen Abwicklung de? Verkehrs»ich. zu umgehen, daß die Absender bei Postsendungen nach der früheren Provinz Posen den Ortsnamen und die Straf!« in der polnischen Bezeichnung angeben und als Be. stunmungsland die Angabe„Polen" beifügen. Die unentgeltliche Kartoffelbelieferung für Arbeitslose. Der Arbeiierrat der Arbeitslosen teilt mit: Diejenigen Erwerbslosen, die am Montag und Dienstag dieser Wocke auf ihrer Geichäftsstell« noch keinen Bezugsschein für die unentgeltliche Kartoffelbelieferung erhalten haben, werden ersucht, am Freitag und Sonnabend noch- malS auf ihrer Geschäftsstelle die Bescheinigung anzufordern. OewerMastsbowegung Vas Moskauer Iüeal. Di« Enthüllungen Wilhelms Dittmcmits über die Zustände, unter denen die Arbeiter im lommumstisch regierten Rußland ihre berufliche Tätigkeit ausüben müssen, um dabei eine wahrhafte Hungerexistenz zu führen, sind eine treffliche Illustration zu der unverschämten Anmaßung, mit der die Moskauer Generalgewaltigen über die tvesteuropäischen Gewerkschaftsorganisationen urteilen. Für jeden gewerkschaftlich geschulten Arbeiter geht aus den Enthüllungen deutlich hervor, daß die auch von unseren Unabhängigen in allen Tonarten gepriesenen„blühenden" Gewerkschaftsorganisationen Rußlands entweder nur aufdem Papier stehen, oder durch die diktatorische Gewalt der Oberkommunisten zu einem s ch e m e n- haften Scheindasein verurteilt sind. Stelle man sich nur einmal vor, was die durch gewerkschaftliche Schulung gegangenen deutschen Arbeiter tun würden, wenn sie duvch irgendeine Regierung auch nur in annähernd unverschämter Weise behandelt würden, wie es die deutschen Arbeiter durch den Vertreter deS Ministers erdulden mußten, der aus Ditt- mann? Beschwerde erklärte:„Wir können chinesische KnliS und deutsche Arbeiter nicht verschieden behandeln," nachdem er die Leute, die aus Idealismus für Sowjetrußland nach dort gegangen sind. als„W e i tz g a r d i st e n" und �Konterrevolutionäre" be- schirnpft hatte. Und der so austrat, war kein zaristischer Pristaw, es war ein kommunistischer Arbeiterl In unserem rMständigen Deutschland würde ein solcher Mann durch die Empörung der organisierten Aicheiter hinweggefegt werden. Dafür würden nicht zuletzt gerade die Kreise sorgen, die uns die jetzigen politischen und wirtschaMchen Verhältnisse Rußlands als erstrebenSweneS Ideal hinstellen. Die Veröfientlichungen DittmannS haben gerade noch gefehlt, den deutschen Arbeitern den klaffenden Widerspruch zwischen den kommunistischen Theorien und der kommunistischen Wirklichkeit auf. zuzeigen. Wenn da? das Ergebnis der kommunistischen Weltverbcsserung ist, so wird und muß sich jeder vernünftige Arbeiter sagen: Bleibt uns mit eurem Kommunismus vom Halse, wir werden auch in Zukunft bestrebt sein, unsere sozialistischen Ideal« durch w e st» europäische Methoden zu verwirklichen. Außerordentliche Generakversammsung der Metallarbeiter Am Montagabend tagte in den Germaniasälen eine außer- ordentliche Generalversammlung deS MetallarbeiterverbandeS, die den Bericht über die erweiterte BeiratSsitzung wegen der D i f f e- re n ze n zwischen Dißmann und Richard Müller ent. gegcnnehmen sollte. Da zurzeit die Berliner Leitung zu einer 'neuen Sitzung des erweiterten Beirats geladen ist und in Stuttgart weilt, wurde beschlossen, diesen Punkt von der Tagesordnung abzu- setzen und in einer Versammlung am Montag, den ö. September, zu behandeln. Scharf kritisiert wurde die Verschleppung der Ange. legenhcit Dißmann— Müller durch den Hauptvorsiand. Die erneut angesetzte Versammlung soll sich mit den Differenzen beschäftigen, wenn auch der Hauptvorstand keinen Vertreter nach Berlin entsendet. Hierauf gab Richard Müller den Bericht über den Jmter- nationalen Metallarbeitertongreß in Kopenhagen. In der DiS- kussion kam bei mehreren Rednern die Vorlieb« für Sowjet-Ruß- land zum Ausbruch Das ist verzeihlich, denn die Artikel Ditt- mann? über di« wirklichen Verhältnisse in Rußland waren den Rednern ja noch nicht bekannt. Trotzdem wurde die Resolution eines Kommunisten, die sich in diesem Sinne aussprach, mit 86 gegen 107 Stimmen abgelehnt._ In einer Mitgliederversammlung der Ortsverwaltung Berlin deS Deutschen Musikerverbandes wurde als Sekretär für die Sektion der Ensemblemusiker der Kollege Hartwig angestellt. Der von der Sektion der freistehenden Musiker der Mitgliederversammlung als Leiter der Sektion vorgeschlagene Kollege fand nicht die Bestätigung der Versammlung. Ein äußerst lebhafte Debatte rief ein Antrag der freistehenden Musiker hervor, der eine Aenderung der bestehen- den NachweiSordmiiig verlangte. Der Antrag wurde mit großer Majorität abgelehnt und das Bestreben des Vorstandes, mit allen Mitteln für den Anschluß an den städtischen Ar- beitSnachwei» zu wirken, gutgeheißen. Tiefste Entrüstung sprach aus allen Rednern über die durch Beamte, Reichs- und SicherheitSwehrmusiker und Dilettanten ausgeübte rücksichtslose Konkurrenz. Sie scheuen sich nicht, die untergeordneten Musiker- leistungen auszuführen, das heißt also, den geringsten Musikern die Arbeitsstätten streitig zu machen.— Ein Antrag der sich innerhalb der OrdSverwaltung gebildeten Jnstrumentalbünde, diese durch die Mitgliederversammlung anzuerkennen, farid, trotz des Widerstandes des Vorstandes gegen die Form deS eingereichten Antrages, Annahme._ Deutscher TranSPortarbeiterverbanb. Branche der Schwer- und LeichtsuhrwerkSkutscher auS sämtlichen Fuhrbetrieben Gros, Berlins. Freitag, den 3. September, abend» 7 Nhr, bei Boeker, Weberstr. 17, allgemeine Ver- sammlung. Deutscher Werkmeister. Verband, Fa-Hgruppe der Zuckerwaren- Industrie, BezirkSoerein 22. Donnerstag abends 7 Uhr MonatSoerjammlung Stralauer Strahe 3. Soziales. Die Aufhebitug der Militärgerichtsbarkeit. Bekanntlich ist durch das Gesetz vom 17. August 1920 vom Reichsiag endlich die Militärgerichtsbarkeit aufgehoben worden. Das Gesetz ist in der Nr. 176 des..Reichs-GesetzblaliS". die am 23. August ausgegeben wurde, veröffentlicht. Das Versahren wegen straibaier Handlungen, durch welche Leib oder Leben von nicht der Wehrmacht angebörigen Personen verletzt ist, wegen Hoch- und Landesverrals sowie wegen der damit zusammenhängenden straf- baren Handlungen richlet sich nunmehr nacv den Vorschrifren des neuen Gesetzes, das im übrigen am 1. O k t o b e r 1 9 20 in Kraft tritt. Die zur Zeit des Inkrafttretens vor Militärgerichten schwe- benden Verfahre» gehen in der Loge, in der sie sich in dieser Zeit befinden, auf die bürgerlichen Strafverfolgungs- behörden oder Gerichte über. Die Strafkammern, Schwurgerichte oder das Reichsgericht treten auch für den Fall der Anfechtung bereits ergangener militärgerichtlicher Urteile an die Stelle der Oberkrtegsgerichte und des Reichsmiiitärgerichts. Ueber Anlräge auf Wiederaufnahme eines durch ein recktkrästiges militärgerichtliches Urteil geschlossenen BerfabrenS hat das Landgericht(Siraikammer) zu entscheiden, in dessen Bezirk der Wohnsitz oder in Ermangelung eines solchen der Aufenthaltsort des Angeklagten sich zurzeit de§ des Antrages befindet. Das Gesetz über die Entschädigung der im Wiederaufnahmeversabren freigesprochenen Per- sonen vom 20. Mai 1898 findet auf die im militär- gerichtlichen Veriabren verurteilten Personen mit der Maßgabe entsprechende Anwendung, daß an die Stelle der Staats- lasse die Reichskasie tritt und a» die Stelle der obersten Behörde der Landesjustizverwaltung die oberste Miliiärverwaltungsbebörde. Der Anspruch auf Enischädigung ist bei der SraalSanwaltichaft des Landgerichts zu erheben, in dessen Bezirk der Antragsteller seinen Wohnsitz oder in Ermangelung eines solchen seinen Aufenthalt hat. Für das Verfahren in Kriegszeiten und gegen die an Bord von Kriegsschiffen eingeschifften Angehörigen der Reichsmarrne gelten bis zur anderweiten Regelung die bisherigen Bestinimungen. WLetfchast Deutschlands Kohlenförderung. Die amtlichen statistischen Erhebungen geben über die Ent- Wicklung der Kohlenförderung Deutschlands ohne die abgetretenen Gebiete und ohne das Saargebiet und die Pfalz, aber unter Einschluß Oberschlesiens im Vergleich zu früheren Jahren folgendes Bild: Im Monat Juli wurden gefördert in 1000 Tonnen: Fahr: Steinkohlen Braunkohlen nsoy.z 9 234.9 2 221,4 9 918,2 8 492,6 1988,5 12 976,9 9 126,1 2 913,3 18 448,6 8 235.1 2 908,2 15 603,8 7 508,5 2 579,3 Vergleich der gesamten Förderung während der Januar— Juli im Jahre 1920 mit den Vorjahren zeigt folgende Ergebnisse(in 1000 Tonnen): Jahr Steinkohlen Braunkohlen 61 439,5 1920 1919 1918 1917 1918 Ein Monate Onf* Preßkohlen auS Steinkohlen Braunkohlen 450,8 380,5 496,1 472,5 524,1 2 079,6 1 787,7 2 232,1 1 973,1 1 905,9 Koks, Preßkohlen aus Steinkohlen Brannkohlsn 1920 73 399,2 61 439,3 18 856,2 2680,5 13340,8 1919 68 261,8 52 035,8 11 412,0 2184,1 10 811,9 1918 90 666,5 60 220,5 19 697,0 8 248,0 14179,7 1917 86 967,3 63 466,8 18 749,8 2 958,4 12 218,9 1913 100 274,8 49 408,7 17 644,0 3 403,1 12 209,7 Aus der Gegenüberstellung, die auch für die früheren Jahre die Förderung Eliaß-Lotbringens, des EaargebieteS und der Pfalz nicht mehr enthält, ergibt sich, daß die Kohlenförderung im Monat Juli sowohl wie in der Gesamtheit der ersten sieben Monate diese? JahreS gegen das Vorjahr ganz erheblich zugenommen hat- Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Kohlenförderung im der» gangencn Jahre infolge der Streikwellen, die durch ganz Deutschland gingen, schwer betroffen war. Wie weit wir noch von der Friedensleistung entfernt sind, zeigt ein Vergleich der obersten Ziffern jeder Tabelle mit denen der letzten aus dem Jahre 1913. Wir haben zwar eine nicht unbeträchtliche Zunahme der Förderung an Braunkohlen, deren Heizwert hinter dem der Steinkohle weit zurück- bleibt, dagegen haben wir an Steinkohlen noch nicht drei Viertel der Friedensproduktion erreicht. Im Lichte dieser Zahlen sind die Kohlenlieferungen an die Entente mit 2 Millionen Tonnen monatlich geradezu drückend. Die Steigerung der Kohlenförderung bleibt also die Lebensfrage für die deutsche Wirtschaft. Die Schuhwarenindustrie, die zuerst und wohl mit am schwersten von der Wirtschaftskrise erfaßt wurde, belebt sich in letzter Zeit wieder. Aus den Sch>uhfabvikationsgegenden wird be. richtet, daß die Fabriken die Arbeit wieder aufnehmen. Insbesondere haben sich die Verhältmffe in Pirmasens sehr gebessert, und von den vor einigen Wochen noch stilliegenden Fa- briken haben bereits über 100 Betriebe mit annähernd 7000 Ar- beitern die Arbeit wieder voll aufgenommen. Di« Lager, die bis- her überfüllt waren, beginnen sich zu lichten. Man erhofft von dem Einsetzen des Herbst- und Wintergeschäfts eine weitere Besserung des Absatzes de-r Schuhwarenindustrie. Ein sinnentstellender Druckfehler hat sich in unserem Artikel „Konzentration oder UnwirtschaftlichkeitSprämie" eingeschlichen. So muß e« im 3. Absatz 6. Zeile nicht heißen Verschlechterung der Lieferungskontingente, sondern Verschacherung, wie übrigens aus dem Zusammenhang hervorgeht. Mus aller Welt. Rheinische Arbeiterhilfe für Wien. Am 6. Juni erhielt Gen. Hennes-Wien, ein gebürtiger Aachener, den Austrag, zur Durchführung einer proletarischen Kins-raktion die Rheinlande zu bereisen, um die dortigen Genossen dafür zu gewinnen. Er enifalteie in Trier, Köln, Äawen, Düsiel« dorf und Neuß samt Umgebung seine großangelegte Werbetätigkeit in Versammlungen. Die Schiiderunaen des Wiener Elends taten auf das warmsühlende Herz der Rheinländer Arbeiterkreise eine tiefgehende Wirkung, die soweit ging, daß sie sich nicht nur bereit erklärten, die Kinder bei sich aufzunehmen, sondern trotz ihrer gerade nicht glänzenden eigenen Lage die Aklion auch zu finanzieren. Sie brachten die für den ersten Zug nötigen Geldmittel auf, dazu spendete die Stadtverwaltung Aawen 20000 M. In der kurzen Zeil von sechs Wochen brockten drei Kinverzüge mehr als 1600 Kinder in die schönen Rheinlande und weitere 18 060 Kinder aus allen Gebieten Deutschösterretchs sind noch vorgemerkt. Was unsere rheinländischen Genossen für die ärmsten der Wiener Kinder tun, ist ein glänzendes und rührendes Zeugnis vrolelarischen Solidaritätsgefühls. Die Kinder sind vorzüglich verpflegt, reinlich gehalten und leben für Wiener Begriffe geradezu komfortabel. Es gibt wunderschöne Ausflüge, Freikonzerte, Thealer, Märchenavende für die Kleinen, die von ihren Pflegeeltern noch überdies vom Kopfe bis zu den Füßen neu gekleidet werden. Das Hochwasser der Traun hat besonders in der gleichnamigen Ortschaft Traun schwere Schäden zur Folge gehabt. Der Berkehr in den überschwemmten Straßen wird mittels Zillen aufrecht- erhalten. Wie die Tagespost meldet, laufen aus den Gebirgs- gegenden Nachrichten über vorzeitigen Kälteeinbruch und Schneefälle«in.— Das„Prager Tagblatr" meldet aus ganz Böhmen Anschwellen der Flüsse infolge des letzten Regenwetters. Der Elbe- und Moldauverkehr ist eingestellt. Millionenschieber. Der Ge-neraldirrftm der EnzeSfelder Muni- iioSfabrik in Wien Fomola, sowie die Direktoren Zinke und Bregand sind wegen Millionenschisbungen mit Munition unv Rohmaterial verhaftet worden. London— Lausanne. Montag ist ein Riesenflugzeug in Lausanne gelandet, daS den Weg von London nach Lausanne mit einer Zwischenlandung in Paris in acht Stunden zurückgelegt hat. Eisenbahnunglück. Am Dienstag entgleiste aus unbekannter Ursache auf der Strecke Göteborg— Saero««in mir Passagieren stark besetzter Wagen in einem Personenzuge. Der Wagen wurde vollständig zerstört. Bei dem Unglück wurden 3 junge Leute getötet, 8 andere schwer verletzt. Hroß-Serliner parteinachrichten. Heute, 1. September: Elternbeiräte Gruppe Friedrichshain. Di« für heute abend 7 Uhr stattfindende EUernbeiratsoertammlnng findet nicht in der Litauer Straße 18, Schulaula, londern tu der Aula der Handwerkerschule, Andreas- straße 1. statt. Referent: Dr. Lobmann. Schöneberg. Frauenabend 71/, Uhr in nachstehenden Lokalen: bei Gioß. Sedanlw. 17; bei Hemzer, Rembrandtstraße, Ecke RubcnSüraße, und Neues Rathaus, kl. Saal, Memtnger Str. 8. Referenten: Dr. Sommerfeld, Dr. Roeder und Tzlminiti. Mvrgen, 2. September: WadlkrriS Berlin-Mitte. 7 Uhr: Versammlung der Elternbeiräte in der Aula GypSftr. 28. Ref. Genosse Krentztger. K4. Abt. Di« für Donnerstag anberaumte Funktionärfitzung fällt auS und wird auf Montag, den 6. Sept., vertagt. Näheres wird noch be- larmtgegeben._ �ugenöveranftaltungen. Arbeitsgemeinschaft Schönhauser Borstadt. Heute 7 Ubr: Außerordentliche Mitgliederversammlung EberSwalder Straße 10(Schule). Sport. Ringkämpfe 1« der Schlostbrauerei Tchöneberg. Gestern aelangte der HerausiorderungSkamps Saft— Schwarz, der schon einmal des ungünstigen Wetter« wegen verlegt werden mußte, zum Austraq. Zwischen beiden Ringern entwickelte sich zuerst ein hartnäckiger Standkampf, bei dem Sa't als der Stärkere erschien. Nach 60 Minuten mußte Schwarz durch verfehlten Kopfgriff parterre, gelangte aber sofort durch Pirouette in den Stand zurück. Bei weiterem Verlaus des Kample« befand sich Schwarz meist in der Bodenlage. Nach wechselseitigem Kamps, bei welchem weder der eine noch der andere eine Uebcrlegenhert zeigte, war es t0 Uhr geworden, so daß der Kamps nach Punkten sortgcsetzt werden mußte. In der, Punktwertung schien Gast auch überlegen und dattc in den ersten S Minuten die doppelte Anzahl Punkt« wie Schwarz zu verzeichnen. In leincm Eiler seine Punktzahl möglichst zu vergrößern, schenkte er seinem Gegner nicht genügend Beachtung, welchen Moment Schwarz benutzte, um seinen starken Gegner durch Armsallgriff aus dem stand auf beide Schultern zu besördern. Der von Anfang bis Ende mit groger Krastentsaltung durch- geführte Kampf hatte zwei Stunden 7 Minuten in Anspruch genommen. Von der Prämie erhielt Schwarz IL 000 M. und Saft 6000 M. ausgezahlt. Heute wird die Konkurrenz tortgesctzt. Es finden zwei Enffcheidvngskämpje statt, und zwar Rttzler— De Souza und Weber— Schwarz. Lerantw. für den redakt. Teil: Dr. Werner Peiser, Ebarlottenbura: für Nnzeigen: Th. Glocke, Berlin. Verlag: VorwärtS-Verlag G.m.b.H., Berlin. Druck: Vor- wärts-Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Einser u. Co.. Berlin. Lindenslr. Z. Deutseber Schulverein Tnchel. Wpr.(Pornone). Die deutsche Unterrichtssprache ist unseren Kindern In den bisherigen höheren Schulen nicht bewilligt worden; wir mussten eine eigene deutsche Privatschule gründen. Die jährlich etwa 80 000 M.(ca. 20 000 M. deutscher Währung) betragenden Unterhaltungskosten können wir aus eigenen Mitteln nicht aufbringen. Liebe deutsche Brüder, helft uns! Bewahrt unserer Jugend das deutsche Volkstum I Schützt sie vor der Polonisierungl— Geldspenden erbitten wir an die Dresdner Bank, Berlin W56. Der Vorstand I P. Schlonski. R. Heppner, Pelzwaremvegner, Potsda- merstraße 43. 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