Nr. 4SI ♦ Z7. Jahrgang Ausgabe B Nr. 103 .Bez«qSpretS: V ettellähtLSO,—!UiU,monotl.lO,— 2tL tiei tns öaua, oottme>ahlb«. Dow bezuy Monatlich 10,- Mt. ei�N. �u- stellungsgeoithr. Unier Kreiudand fü> Demlchiand und Oesterreich 16,';0 ML. für da« adrige Ausland d«l täglich einmal. Zuitelluno 2l.S0 w. Dolide- stellungen nekmen an Oesterreichs Unzarn, Tschecho-EIowalei, Dane- mal':, Holland, �uremourg, Schweden und sie Schweis— eingetragen m die Dost-'leitungs-Dreisliste. Der.Vorwärts' mit der Sonntag» beilage.Boll u. Zeit' erscheint wachen- täglich zweimal, Sonntags und Montag« einmal, Tele gramm-Adreffe: .Sozial domotral Sorlia- Abend-Ausgabe berliner Oolksblatt (20 Pfennig*) AnzcillenpretS, Die achtgelpaltene RonvareWezeile lostetZ.— M., Teuerungszuschlag .iileia« Anzeigr«-. da« tett- gedruckte Won h— M. lzuläistg zwei ettged nickte Wone). ledes welter« Won SV Dfg. Stellengesuche und Schlafstellenanzeigen das erst» Wort S5 Pfg., iede« weitere Won 40 Pfg. WoNe über Ist Buchstaben zählen siir :wei Wone. Teuerunaszuschloa S<>°/» ffamilien-Anzeigen für Abonnenten geile 2,— M. politische und ge-- werlschaftliche Verein»- Anzeigen Z,— Ml. die geile ohne Aufschlag. Anzeige» für die nächste Nummer müssen bi»» Ahr nachmittag« im Öauvtgeschäst. Berlin SW Z, Lindenstraße 3, abgegeben werden. Deäffnet oon S Uhr früh dt» 3 Uhr abends. Zcntralorgan der rozialdcmokratirchen parte» Deutrchlanda Neöaktion und Expedition: SM. 6$, Lindenstr. Z. Fernsprecher: Amt iviorlttpla«, Nr. ti»!«0— läl«7. Dienstag, den Ä8. September Iv-Lv vorwärts-verlag G.m.d. h., SW. bS, Lindenstr.Z. «reruivrecher: Amt Moristplav� Nr. 1l7Sa— Das Urteil im Kommuniftenprozeß. In dem Prozetz gegen die Weißenseer Kommunisten ist heute vormittag um 1V Uhr das Urteil verkündet worden. Bon de» 24 Ausklagten wurden 17 freigesprochen, 7 zu Gefängnisstrafen von 1 Jahr 9 Monaten bis zu 6 Monaten verurteilt; nur ein Angeklagter bleibt noch weiter in Hast. Freigesprochen wurden die Angeklagten Kaatz, Schulze, Melherg, Götze, Stern, Winter, Bnrkcrt, Pfeifer, Wedow, Dochow, Jakob, Ernst Franz und Eoall gemäß dem Antrage des Staats- anwaltS, und ferner die Angeklagten Zilinski und General infolge Zweifels an ihrer Zurechnungöfähigkeit, sowie schließlich Drögcr und Wrba. Zicrurteilt wurden: Michaelis zu einer Gefängnis- strafe von 1 Jahr 9 Monaten, Falk zu 1 Jahr Gefängnis, Liebs und Paul Franz zu je 9 Monaten Gefängnis, Dolny, Boß und 5krüger zu je 6 Monaten Gefängnis. Bei der Straffcstsetzung für Michaelis ging das Gericht davon auS, daß er unMoifelhaft als Führer anzusehen ist, daß er ins- besondere das Unternehmen am Abend des 19. August angeregt und die Einteilung der Beteiligtem vorgenommen hatte. DaS Ge- richt ist der Anficht, daß Michaelis zwar nicht gerade ein voll- kommener Idealist ist, daß er andererseits aber kein schlechter Cha- rakter sei und aus selbstlosen Motiven gehandelt habe. Daher konnte sich das Gericht nicht entschließen, den Angeklagten, der noch nicht bestraft ist, ins Zuchthaus zu schickem. Andererseits mußte aber in Betracht gezogen werden, welche Folgen die Handlungsweise des Michaelis Halle, ddtz er die Verantwortung für den Tod des Polizeibeamten trage, daß er insofern ganz unverant- wörtlich gehandelt habe, als er einem Menschen wie General eine Waffe in Sie Hand gab. Allen oerurteilten Angeklagten wurde je 1 Monat auf die Untersuchungshaft angerechnet, mit Ausnahme von Michaelis, dem nur zwei Wochem angerechnet werden. In der Begründting, die Landgerichtsdirektor Dr. Ernst dem Urteilstenor vorausschickte, wies er zunächst auf die als besonders ungewöhnlich in diesem Verfahren bemerkten häufigen Angriffe gegen daS Gericht hin. Selbstverständlich habe sich der Gerichtshof weder von diesen Angriffen noch von irgendwelchen politischen Er- wägungen leiten lassen. Die ZuständigkeitSstage habe der Gerichtshof erneut geprüft, sei aber bei seinem früheren Beschluß ver- blieben. Was den Tatbestand angehe, so habe das Gericht ange- nommen, daß eine Zentralisation der Organisation, mit der man es im diesem Prozeß zu tum habe, n i ch t nachg e- wiesen sei, und daß ebensowenig der Nachweis dafür erbracht sei, daß zwischen dieser Organisation und der K. A. P. D. ein organischer Zusammenhang bestanden habe. Aber eS sei zweifelos, daß es sich um einen wilden Verband handelte, und zwar um einen Verband militärischer Art. Für die militä- rische Natur dieser Organisation spricht die militärische Einteilung, die einheitliche Führung, die Vornahme militärischer Uebungen und Märsche, und schließlich das Auftreten der Leute im Drögerschem Lokal. Das Gericht hat als Tatbestand lediglich die Teilnahme, nicht den Zusammen sch l u ß zu einem militärischen Verband ange- nommen. Bezüglich der Strafzumessung hat sich das Gericht einerseits von dem Gesichtspunkte leiten lassen, daß die Bewaffnung junger Leute im Frieden eine große Gefahr darstelle, auf der anderen Seite von der Erwägung, daß es sich um junge Leute von einem gewissen Fanatismus handele. Der Haftbefehl wurde gegen alle Angeklagten, mit Awdmahme von Michaelis,' aufgehoben. Getioflm Eschholz ermorüet. Die Lycker Zeitung meldet: Montag früh wurde auf ihrer kleinen Besitzung in Schikorren bei Lyck die sozialdemo- kratische Reichstagsabgeordnete und Stadtoer- ordnete Frau Therese Esch holz im Bette ermordet auf- gefunden. Ihr Schädel war mit einem Beilhieb gespalten, daß Bett mit Petroleum übergössen und angezündet. Gesicht und Oberkörper waren bereits verkohlt. Als Täterin wurde die frühere Oberlehrerin des Lyzeums aus Lyck, Fräulein Thiele, die in einem Zimmer neben der Getöteten wohnte, er- mittest. Die Thiele bestreitet die Tat und gibt an, daß eine Lampenexplosion vorliege. Nachträglich wurde hinter einem Holzklotz ein blutbeflecktes Beil aufgefunden. Die Thiele ist als eine nicht ganz zurechnungsfähige Person bekannt. Frau Eschholz hat sich besonder« anf dem Gebiete der sozialen Für- sorge betätigt. Die aus so tragische Weise ums Leben gekommene Genossin. die von WTB. als Reichstagsabgeordnete bezeichnet wird, hat dem Reichstag nicht angehört. Sie stand wohl auf der Lifte und sollte aus Anlaß der Doppelwahl der Genossen Steinkopf und Heinrich Schulz nachrücken, hat jedoch auf das Niandat verzichtet. Strefemanns Sorgen. Für einen sozialdemokratischen Leser der bürgerlichen Presse ist es interessant, mit welcher Heftigkeit in dieser der Kampf— um die Sozialdemokratie ausgefochten wird. Zwischen der deutsch-nationalen„Kreuz-Zeitung" und den „Deutschen Stimmen", in denen Herr Stresemann seine Ansichten vertritt, wogt der„Kampf der Geister" hin und�her, während die Sozialdemokratie bei dem ganzen Spiel lächelnder Zuschauer ist. Dr. Stresemann macht die merk- würdige Feststellung, daß sein kürzlich erfolgter Aufsatz in den „Deutschen Stimmen", auf den wir bereits eingingen, und in dem bekanntlich um den Eintritt der Sozialdemokratie in die Regierung geworben wurde—„nur als eine A b- sage an den Machtdllnkel der Sozialdemokratie" angesehen werden konnte. Besonders wird die Verwirrung im Volks- parteilichen Lager durch die Behauptung charakterisiert, die sozialdemokratische Presse sei„voll von dem Schrei nach der Regierungsteilnahme" gewesen. Wir gestchen, von diesem Schrei nichts gehört zu haben... Wenn zwei sich zanken, erfährt der Dritte die Wahrheit, und wirklich erfahren wir bei dem Rededuell zwischen„Kreuz- Zeitung" und Stresemann, aus welchen Gründen dieser in- brünstig um den Eintritt der Sozialdemokratie in die Regie- rung wirbt. Stresemann schreibt: Wenn die„Kreuzzeitung" die Rettung aus!oer gegenwärtigen Lage nur von einer Politik kommen sieht, die die völlige Abkehr von der Sozialdemokratie bedeutet, so unterschätzt sie doch vielleicht die Tatsache, daß man kaum zwei Jahre nach einem verlorenen Weltkrieg und nach einer der größten geschichtlichen R e v o l u- t i o n e n kaum gut daran tuk. die st ä r k st e sozialistische Partei in verantwortungsloser Opposition herumlaufen zu lassen und sie damit dem Radikalismus in die Arm« zu treiben. Es ist«irMch nicht Augeubstckspolitik, sondern wohlüber- legte ZnkunstSpolitik, wenn man die Situation dahin auffaßt, daß uns nicht der Kampfruf„gezrn die Sozialdemokratie", sondern nur der Kampfruf Wahrung der bürgerlichen Interessen innerhalb der Gesamtinteressen helfen kann. Klarer kann nicht zum Ausdruck gebracht werden, was die Teilnahme der Sozialdemokratie an der Regierung er- reichen soll: nämlich die Festigungder bürgerlichen Interesse n! �Hiervon schwächen auch nichts die weiteren Ausführungen Strefemanns ab, die von einer Gleich- berechtigung der Arbeiterschaft mit dem B ü r- g e r t u m sprechen. Daß der Vorsitzende der Deutschen Volkspartei schleunigst Neuwahlen in Preußen for- dert, nach denen„die bürgerliche Mehrheit des Volkes auch die F ll h r u n g der Regierung mit in Händen hat und versuchen muß, in zäher allmählicher Arbeit aus dem Elend dieser Tage herauszukonnnen", nimmt hiernach nicht mehr Wunder. AbbauderRevolution! — so lautet der Kampfruf der Deutschen Volkspartei wie im Reich, so auch in Preußen. Die Sozialdemokratie aber muß es nach wie vor ablehnen, sich zur Schleppen- trägerin einer bürgerliche Interessen wahrnehmen- den Politik zu machen. Sie wird ihre Ausgäbe als F ü h r e r i n der Arbeiterschaft nicht erfüllt sehen, wenn sie einige Ministerposten.von Strefemanns Gnaden erhielte. die örüsseler Tagung. Brüssel, 28. September.(H. N. B.) Auf l«c Brüsseler Finanzkonferenz haben nun Schweben, Norwegen und die Schweiz gleichfalls ihren Standpunkt dargelegt. Darauf wurde dann die Erörternng der allgemeinen Finanzen geschlossen. Ein Sonder- a u s s ch u ß wird versuchen, die Ergebnisse dieser Mitteilungen in einem Antrage festzulegen, der de? Versammlung zur Abstim- mung vorgelegt werden wird. Wahrscheinlich wird in diesem An- trage auf die Herabsetzung der öffentliche« Ausgaben und die Be- fugni? der Staaten, gewisse Unternehmungen an sich zu ziehen, ferner auf die Herabsetzung der diretten Stauern gedrängt werden. Vielleicht wird auch den Staaten empfohlen werden, alle in- ländischen Anleihen zusammenzulegen und alle auswärtigen Schulden zu konsolidieren, so daß statt einer Reihe verschiedener Anleihen innerhalb jeden Staates nur eine einzige inländische und ausländische Schuld übrig bleibt. Weiter wird vielleicht angeregt werde«, alle Beschränkungen des in- und ausländischen Handels aufzuheben. Die irische Rebellion. Pari?, 28. September. Nach einer„Matin"mel!dung aus London werden die Nachrichten aus Irland immer ernster und bedrohlicher. In Cork fand heute nacht eine sehr starke Explosion statt, die das ganz« Zentrum der Stadt schwer erschütterte. Kurz darauf hörte man lebhafte weitere Dero. Nationen und schweres Maschinengewehrfeuer. Ein ganzes HauS ist in die Luft geflogen. Die Ursache der Explosion ist noch nicht bekannt. Rücktritt des belgischen Kriegsministers. Wie aus Brüssel gemeldet wird, hat KriegSmutijttr Jansou Sestepn feine Dearissto» cutoccBicoL die Gleichberechtigung in Gefahr Vom Genossen W. Reinhold, dem Sekretär des All- gemeinen Deutschen Gärtnerverbandes, wird uns geschrieben: Der Gesetzentwurf über die preußischen Land- wirtschaftskammern erregt die schwersten Bedenken bei den landwirtschaftlichen und gärtnerischen Arbeitnehmern. Bekanntlich waren bis jetzt alle Landwirtschasts-, Gewerbe- und Handelskammern r ei»ie Unternehmerkörperschaften. Erst während des Krieges tauchte der Plan zur Umgestaltung der preußischen Landwirtschasts- kammern auf, weil es sich als nötig herausstellte, der Forst- Wirtschaft, dem Gartenbau usw. darin eine bessere Vertretung ihrer Interessen zu sichern als bisher. Beim Gartenbau hafte mon schon im Jahre 1918 in- sofern einen schüchternen Versuch gemacht, als man ihm, ge- wissermaßen zum Trost für angeblich undurchführbare Gartenbaukommern, sogenannte Gartenbau aus- schüsse zubilligte, bei denen aber die Arbeitnehmer, ent- sprechend der damaligen Auffassung von Demokratie� nur als nebensächliches Dekorationsstück iu Prüfungsausschüssen für Lehrlinge und dergl. figurierten. Mit der Annahme der neuen Reichsverfassung treten nun auf dem Gebiet der öffentlich-rechtlichen Berufsvertretung völlig neue Probleme auf, weil der Artikel 165 besagt, daß die Arbeiter und Angestellten dazu berufen sind, g le i ch- berechtigt mit den Unternehmern an der Entwicklung der produktiven Kräfte mitzuwirken, zu welchem Zwecke u. a. Be- zivkswirtschaftsräte und schließlich eine Reichswirtschast ins Leben zu rufen seien, die naturgemäß paritätisch zusammen- gesetzt sein müßten. Die Durchführung dieser Vorschriften ist erst teilweise gelungen, denn wir besitzen von dem allem nur das unterste und oberste Glied, die Betriebsräte und den Reichswirt- schastsrat, der noch dazu auch nur ein vorläufiger ist. In der Zwischenzeit drängten im preußischen Landwirt- schaftsministerium die verschiedensten Gründe dazu, die R e- form der Land wirtschaftskammern ernstlich ins Auge zu fassen und plötzlich wurden die Berufsorganisationen vor einigen Monaten mit dem hier zur Besprechung stehenden Entwurf überrascht, an dessen Zustandekommen sie nicht den geringsten Anteil hatten. Er war so recht ein Produkt ddktri- närer Beratungen am grünen Tisch und atmete infolgedessen unverfälschten Geheimratsgeist, sogar das Wort„Taler" kam in dem Paragraph über die Beitragserhöhung noch vor. Es bedarf wohl keines besonderen Hinweises, daß diese Vorlage allseitig mit sehr gemischten Gefühlen betrachtet wurde. Die Agrarierkreise konnten über die ihnen bisher noch nie'widerfahrene Zurücksetzung nicht hinweg- finden und tobten längere Zeit in ihrer Presse unter ver- steckten Drohungen gegen den Minister, der ihnen ja ein Dorn im Auge ist. Die Arbeitneh merschaft war erstaunt, daß dieser Entwurf die sogenannte Drittelung vorsah, d. h. die Kammer zerfällt in je eine Abteilung für Groß- und Kleinagrarier und eine solche für die Arbeiter. Also Mei Drittel Unternehmer gegen ein Drittel Arbeitnehmer und das aliestrotzArtikel 165derReichsverfassllng. Ihre Ueberraschung wuchs aber noch, als man hören mußte, daß sich die in einer Besprechung deswegen heftig angegrisfe- nen Regierungsvertreter mit Behagen auf den Minister selbst beriefen, der gleichfalls der Anschauung sei, daß im Hin- blick auf die vielen kleinen Grundbesitzer, die keine Leute be- schästigen, diesen eine besondere Zwischenklasse zugestanden werden müßte, also von Parität keine Rede sein könne. Man ließ sogar durchblicken, daß der Entwurf schon ein Entgegen- kommen bedeute, denn man habe ursprünglich die Fünftelung als Grundlage ins Auge gefaßt und auf Grund der Gleichberechtigung hätten die Kleinagrarier An- spruch auf Berücksichtigung. Naturgemäß � erlebt infolge dieser Einteilung das alte preußische Dreiklassenwahlrccht eine fröhliche Auferstehung und söhnte schließlich die Agrarier im allgemeinen mit dem Enttvurf aus. Mr Arbcttnehmewertreter erklärten in der schon er- wähnten Besprechung, daß die Vorlage in dieser Form für uns unannehmbar wäre, die Kleinbesitzer müßten auf Grund der VerMtniswahl bei ihrem großen Bruder untergebracht werden und verlangten unbedingt Paritat wie sie die Ver- fassung gewährleistete, cckser unsere Einwände wurden mit dem Hinweis abgetan, daß die Landesversammlung das letzte Wort zu sprechen'habe! Das veranlaßt mich, die Flucht in die Oeffent- lichkeit zu ergreifen, denn gelingt diese Belastungsprobe erst bei uns, wird man sie bei der„Reform" der anderen Kammer auch anf diese ausdehnen. Denn man kann zweifellos z. B. im Gewerbe die Kleinmeister ebenfalls als Zwischenstufe bezeichnen und ihnen dieselben Sonderrechte gewähren. Dann ist die Gleichberechtigung für i0U»££ iaÄin. obgleich ke av und für sich schon«in Zu- [ ein Grund dafür nirgendwo erkenntlich. Es wird diesseits nun ! darauf aufmerksam gemacht, daß bei dem bevorstehenden Aufbau ! der Arbeiter- und Wirtschaftsrate die heutigen Unter- nehmerkammern, also auch die Landwirtschaftskammern, als die Unterstufe dieses Aufbaus benutzt werden sollen. Auch daraus i ergibt sich die Notwendigkeit, die Landwirtschaftskammern von i Grund auf paritätisch ku organisieren, d. h. die Arbeit- !nehmer zahlenmäßig zu gleichberechtigter Teil- �nahme heranzuziehen. Jede Kammer sowie deren Ab- ! teilungen und Ausschüsse sind jeweils zur Halste aus Unternehmern und Arbeitnehmern zusammenzusetzen. Durch das vorgesehene ! Verhältniswahlderfahren wird im allgemeinen die Gewähr ge- leistet, dag die einzelnen Gruppen und Richtungen sich nach Gebühr Geltung verschaffen können. Die Äollparität zwischen Unternehmern und Arbeitneh- mern in den Landwirtschaftskammern ist um so dringlicher zu fordern, als zu den Arbeitnehmern im Sinne des Gesetzes ja nicht bloß die eigentlichen Lohn- ubnd Gehaltsempfänger, sondern auch die Familienangehörigen der Unternehmer ge- rechnet werden. Was die Vertretung der Unternehmer anbetrifft, so enthalten wir uns dazu einer besonderen Stellungnahme. Wir müssen es diesen selbst überlassen., sich dazu zu äußern, ob sie mit den Grundgedanken, wie sie in der Vorlage enthalten, einverstanden sind oder nichr. Jedenfalls schließt die Vollparität die Berücksichtigung aller Unternehmergruppen und ihrer Sonderbedürfnisse in keiner Weise aus. Das Wahlalter ist in diesem Sinne wie im Betriebsräte- gefetz festzulegen, nämlich für das aktive Wahlrecht daS 18., für das passive'Sas 20. Lsbensjahr." Moskaus Grunüirrtum. In dsr„Freiheit"'' untersucht Ledebour— reichlich spät—, worin denn eigentlich bei allen Meinungsver- schiedenheiten über die Gestaltung des Verhälwisses der Un- abhängigen zur Dritten Internationale Einigkeit herrsche. Trotz allen Bemühens jedoch mutz er, wie jeder unbefangene Beobachter, zu dem Ergebnis kommen, datz von irgendwelcher Einigkeit bezüglich der Fragen von Revo- lution, Diktatur, Autonomie usw. nicht mehr die m i n d e st e Einigkeit herrscht. Die Forderung nach einer Aufgabe der Selbständigkeit der deutschen Unabhängigen und ihre Ab- hängigmachung von Moskau bezeichnet Ledebour als den Grundirrtum der Dritten Internationale und fährt fort: Die wirtschaftlichen, kulturellen unis polt ti- s che n Verhältnisse in den einzelnen Ländern sind trotz der gegen- wärtigen Vorherrschaft des Kapitalismus und trotz der gleichartigen Verelendungstendenz, die der Krieg ihnen überall ein- geimpft hat, doch so weit voneinander verschieden, daß die zentralistische Leitung der proletarischen Aftionen aller Länder von einem Mittelpunkt aus, gleichgültig, ob das nun Moskau oder Ber- lin, Paris oder London ist, unausbleiblich zu einer Fehler- quelle werden würde, die jeden Versuch, auf solche Weise die Weltrevolution durchzuführen, zum Scheitern bringen mützte. Diese„Fehlerquelle" wird von Ledebour reichlich spät erkannt. Ledebour spricht weiter von der Gefahr, die Verhältnisse lediglich durch die russische Brille anzusehen, und schreibt warnend: Wie groß die Gefahr ist, das tritt jetzt schon zutage in den Moskauer Richtlinien, die den übrigen Landesparteien die aus russischen Verhältnissen entstandenen Methoden der russischen Revolution schablonenhaft aus zwingen wollen, so in der Regelung der agrarischen Verhältnisse und in der terroristischen Ausübung der Diktatur sogar über des Proletariat und die eigenen Parteigenossen. Die russische Ztgrarpolitik aus Deutschland übertragen, würde durch Zerschlagungen und Aufteilung des Großgrundbesitzes einen wirtschaftlichen Rück- schritt herbeiführen und die Sozialisierung auf das äußerste erschweren. Die terroristische Diktatur irgendeines Zentralkomitees würde sich aber das Proletariat Deutsch- lands ebensowenig gefallen lassen wie das England? ♦p'r irgendeines anderen wirtschaftlich bochentwickel>en Landes. Das sind ja sehr vernünftige Erkenntnisse, die Georg Ledebour da zur Veröffentlichung bringt. Aber ha: er. um solche Erkenntnisse zu gewinnen, erst über 70 Jahre alt werden und die Reise durch die unabhängige Wüste machen müssen? &mins Lannbutte. Ueber Riga sind hier zwei ausführliche Telegramme eingetroffen, von denen das erstere den Inhalt eines Briefes des Moskauer Exekutivkomitees an die U. S. P.' D.. das zweite einen Artikel Lenins aus der„Prawda" voiu 24. September enthält. In dem Schreiben des Exekutiv- komitees, das von der„Freiheit" als„bestellte Arbeit" be- zeichnet wird, wird zunächst gegen die V o r v e r l e g u n g des Unabhängigen- Parteitages auf den 12. Oktober Protest erhoben— eine Einmischung in die i n n e r p o l i t i s ch e n und organisatorischen Matznahmen einer Partei, wie sie in der Geschichte der Internationale allerdings noch nicht vorgekommen ist. Das Schreiben fordert die „Beseitigung von Renegaten vom Schlage K a u t s k y s und Hilferdings" und fährt fort: Die Kommunistische Internationale verlangt nicht die Ueber- gäbe der Zeitungen an Spartakisten, sondern lediglich die Redaktionsführung der Zeitungen durch ehrliche Revolu- tionäTre, die jetzt überzeugte Kommunisten find, obwohl sie bis- her»och Mitglieder der ll. S. P. sein mögen. Gleichfalls hat die Kommunistische Internationale weder verfaßt noch wiro sie verfassen Liften von Personen, die auszuschließen sind. Für die Kommunistische Internationale handelt es sich um den Kamps gegen die opportunistische Richtung, die sich selbstver. ständlich i» den lebendigen, die Revolution verratenden Menschen personifiziert. Die Resolution läßt ausdrücklich Ausnahmen zu, bezüglich der rvchisstehenoen Genossen, die jetzt ihre Fehler ein- gestehen. Die Drohnote des Exekutivkomitees— anders kann das Moskauer Schreiben nicht bezeichnet werden— ist in schöner Anlehnung an militari stische Vorbilder ans dem Weltkriege in einzelne Punkte eingeteilt, die in ihrem strengen militärischen Ton stark an Regiments- erlasse und Verfügungen ehemaliger Generale erinnern. So heißt es: 6. Bezeugt das ganze Gebaren Tittmanns und Cris piens die Unmöglichkeit, in einer Partei mit solchen kleinbürgerlichen Elementen zu bleiben. Durch ihre Schwankun- gen im entscheidenden Augenblick verraten sie die prolet a- rische Revolution, gleich wie sie jetzt in Italien von Daradona, Modigliani, Turati und Genossen der- raten wird. Falls die U. S. P. derartige Verräter aus ihren Reihen nicht vertreiben wird, kann sie nicht als revolutionäre Par- tri existieren. Nicht weniger deutlicher wird Lenin in seinem in der „Prawda" veröffentlichten Schreiben, in dem er die„Trennung von den rechten opportunistischen Elementen für notwendig" erklärt. Immerhin ist er so gütig, den deujschen Unabhängigen bestimmte Ausnahmen zuzugestehen» die wohl für solche gelten sollen, die schleunigst Besserung geloben. Als „kleinbürgerliche Elemente" haben jedoch„die H i l f e r ö i n g, Dittmann, Crispien, viele Mitglieder der Paria- mentsfraktionen in Deutschland und Frankreich usw." sich alle Gunst Lenins verscherzt. Der Ruf nach Trennung durch- zieht sein ganzes Schreiben, das mit der Aufforderung schließt: Es ist höchste Zeit, daß die revolutionären Arbeiter die Reihen ihrer Partei von diesen Elementen reinigen und wirklich einheitliche Parteien des Proletariats bilden. In ihrer Schlutzbetrachtung gibt die„Freiheit" der Meinung Ausdruck, datz es sich bei den meisten Grugp n innerhalb der Moskauer Exekutive, die nicht direkt zum Bolschewismus gehören,„einfach um Stipendiaten von geständnis cm das zahlenmäßig viel geringere Unternehmer- tum ist. Außerdem enthält der Entwurf natürlich noch mehrere auf dieser merkwürdigen Einteilung beruhende Unzulänglich- leiten in bezug auf die Beitragsleistung usw., die aber mehr interner Art sind. Eins muß aber unbedingt noch umgestaltet werden und das ist die Sonderoertretung des Gartenbaues, der Forstwirtschaft und Fischerei. Sollen diese wirklich ihrer Bedeutung gemäß vertreten sein, dann dürfen die dafür vorgesehenen Fachkammern nicht der Landwirtschastskammer als Nebensächlichkeiten lose angegliedert werden, sondern es mutz Nipp und klar heißen: Die Landwirtschaftskammer besteht aus sowenden Fach- rammern usw. Man denke nur an die überragende technische Entwicklung der Gärtnerei, die ihr direkt gewerblichen Charakter verleiht und sie zu einem Pionier der heute so be- deutsamen Siedlungspolitik stempelt. Sic ist, trotzdem die Gärtnereiberufsgenossenschaft, die sich noch nicht einmal über alle deutschen Staaten erstreckt, bereits im letzten Friedens- jähre 92 Millionen Mark Löhne verzeichnete, im Reichswirt- schaftsrat nur durch zwei Angehörige vertreten und kann also mit Recht Anspruch auf eine selbständigere Stellung erheben. Ebenso mutz deutlich zum Ausdruck gebracht werden, datz auch Vertreter der betreffenden Organisationen das aktive und passive Wahlrecht haben müssen. Außer diesen grundsätzlichen Bedenken tauchen aber auch noch solche organisatorischer Art aus, die es uns, wie gesagt, nahelegen, mit der Verabschiedung des Gesetzes mindestens so lange zu warten, bis das in Aussicht stehende Reichs- rahmengesetz erledigt ist. denn auch bei diesem finden sich die hier skizzierten preußischen Gedankengänge. Ferner sollte man doch erst reiflich prüfen, ob man diese Kammern wirklich zu gemischten Vertretungen machen will oder ob es nicht besser ist, sie als reine Unternehmer- körperschaften bestehen zu lassen. Dabei mutz man auch wieder von der Reichsverssffung ausgehen und lediglich die Zweckmätzigkeitsfroge entscheiden lassen. 9 » Landarbeiter und Landwirtschastskammern. Die Hauptverwaltung des Deutschen Landarbeiter- Verbandes ersucht uns, ihre Stellungnahme zu dem Lanv- Wirtschaftskammergesetzentwurf gleichfalls öffentlich bekanntzugeben. Sie schreibt: .Ter Deutsche Landarbeiterverband begrüßt die Vorlage eines Gesetzentwurfs, der dem Zwecke dienen soll, den alten Landwirtschaftskammern eine neue Verfassung zu geben und sie mit neuzertlichem Wesen sinyalt zu erfüllen. Der heute leider immer noch rechtsgültige Zustand, daß nur eine Handvoll Grohgrundbesttzer sowie einiße sonst bevorzugte Persönlichkeiten das Vorrecht besitzen, die Landwirt- schaftskammern zu besetzen und damit alle Beschlüsse und Maß- nahmen dieser Körperschaften ihren einseitigen Anschauungen ".ntertänig zu machen, wurde bereits in der Vorkriegszeit als Wirt- i chaftlich und sozial ungerecht und schädlich empfunden. Seit .-em politischen Umsturz jedoch ist ei zu restloser Beseitigung vollretf. Der neue Gesetzentwurs läßt mit erfreulicher Deutlichkeit er- kennen, daß ein ernstliches Bestreben obwaltet, den Anforderungen der neuen Zeit Rechnung zu tragen. Einspruch ist aber gegen die Dreigruppen ivahl des Entwurfs, die unter allen Umstän- den beseitigt werden muß, zu erheben. Die Absicht, auch die Ar- b e i t n e y m e r an allen Verhandlungen der Lanlswirtschaftskam- mern teilnehmen zu lassen, wird anerkannt. Daß diese Teilnahme aber nur in einer Eindrittelbeteilcgung bestehen soll, erscheint uns mit dem Geiste der heutigen Zeit sowie mit dem Wortlaut der neuen deutsücn Reichsverfassung unvereinbar. Die in der neuen ReichSvcrfassung ausgesprochene Gleichberechti- g u n g wird im Landwirtschafskammergesetzentwurf den Arbeit- nehm er n versagt. Aus der Begründung des Entwurfs geht mit keinem Wort hervor, warum dies geschieht. Auch sonst ist ?n England Selsen smö yollanö. Reise eindrücke von Adolf Braun. I. Vor dem Kriege machte man Reiseschilderern oft den scherzhaften Vorwurf, daß sie Fraukreick oder Jialren eiftdeckl zu haben meinen Damals wußte man so viel über die europäischen Länder, daß eine gewisse Kühnheir dazu gehörte, über sie in einigen Feuilletonspolten rNvas Neues über ein europäisches Land oder Volk lägen zu wollen. Heute ist eS anders. Hinter der chinesischen Mauer, die zwischen den Völkern Europas der unseligste aller Kriege erstellt bat, hal sich gar vieles geändert, seitdem die freundschaftlichen Beziehungen .wischen den Nationen gar vi'teren Gefühlen der Entfremdung und der Enttänichung gewichen sind. Ging vor einem Jahrzehnt in jedem Sommer ein Strom von Menichen aus Westeuropa nach Mittel- und Südeuropa und von Miticleuropa nach Süd- und Nordsrankreich, nach Belgien und nach England, so ist dieser Verkehr beute auf ganz wenige Menschen und aus engbeqrenzte Fristen beschränkt. Abgesehen von einer mehr formellen Zollkontrolle, war der Verkehr zwischen den Ländern gänzlich unv-hindert. kein Paß. keine Ausweispapiere, in England keine polizeiliche Anmeldung wurden gefordert,-um von Deulsch- land.einzureisen". Heute sind alle möglichen Paßformalitäten not- wendig, die Drinß'ichkeit der Reise, dre Harmlosiglcit des Reisenden müssen den heimatlichen und den fremden Paßbehörden erwiesen werden. Zahlreiche Paßbegehrer werden �abgewiesen, weil man deutsches Geld nicht ins Ausland tragen lasten will, weil die Aus- länder die Deutschen nichr be> sich sehen wollen. Die ausländischen Paßstellen bei uns wagen oft auch dann nicht, die Reiseerlaubnis zu erteilen, wenn für sie kein Grund für die Ablehnung vorliegt. sie lassen sie erst in ihrer Heimat gewähren. Sind olle Paß- schwierigkeilett überwunden, so kann man berechnen, daß einem der Paß schon mehr Mark gelostet bat, als vor dem Kriege als ge- samte Reisekosten notwendig waren. So verlangt Belgien von einem Deutschen ledigvch für daS Recht auf Durchreift, obne� da? Recht auf die Rückreise, ohne das Recht, in Belgien die Reise zu imterbrechen, 300 M. DaS Recht auf den Aufenrhalt wird zeillich ganz genau begrenzt: langt man im fremden Lande an, wird die Dauer des Aufenlha.tes, die die auSwärlige Paßstelle, sei es selbst die Bolschaft des Landes, gewahrt hat. bei der Ankunft auf fremdem Boden noch auf ganz kurz? Frist eingeengt. Dazu kommen Ver- pflichtungen zur Anmeldung und Abmeldung, es geschieht oli'o alles, um dem Deutschen das Reifen in: Ausland abzugewöhnen und um keine Sehnftickt nach einer Wiederholung aufkommen zu lassen. Der Friede ist zwar geschlossen, aber man erschwert das qegensertige Verständnis der Völker, man babnr nicht dei� wirklichen Frieden zwischen den Nationeu an, man erschwert gegenseitig, das Mensch- liche zu empfinden und an sich empfinden zu lassen. Hat man endlich alle Formalitäten erledigt und fitzt man im Eisenbahnwagen, io mutz man mit Geduld und' Gemütsruhe die vielen Paßkontrollen ertragen, deren Nutzlosigkeit fast so groß wie ihre Peinlichkeit ist. Der Schreiber dieser Reiseeindrücke hat sechs Paßkontrollen auf dem Weg von Ostende bis Bentheim durchzu- machen gehabt. Doch sprechen wir nun von den Eindrücken! Natürlich will ich nicht erzählen, daß der Tower und daß die Pauluskirche noch sieben. Ich könnte freilich erzählen, daß an dem gewaltigsten Par- lamentspalast der Welt, am Westminster in London, große Gerüste stehen, daß manche Lücken in dem überdicht gebauten Gebiete in der Cily bei der Bank von England, nabe ben Ministerien, auch an anderen Stellen Londons zu beobachten sind, über die das englische Voll nichts erfahren ließ, wohl gerade, weil sie von Zeppelins herrühren dürfien. Als Deutscher in London nach diesen Ursachen zu forschen. empfiehlt sich nicht. Zurückhaltung in Gesprächen über den Krieg schien mir auch auf englischem Boden sehr noiwcndig. Aber das erfuhr ich wohl, daß jeder Anariff der Zeppeline zwar nicht die Kraft Englands, aber den Einfluß der Friedensfreunde, ihre Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, überaus erschwert bat. Ein ganz entschiedener Deutschenfreund, mit dem mich sreundschaftliche Beziehungen verknüpfen, sagte mir, daß er nicht fassen konnte, daß die Deutschen irgendeinen Nutzen durch die Zeppelinangriffe zu erreichen hofften. Wie wenig die Deutschen daS englische Volk verstanden, habe man erst erkannt, als die Oberste Heeresleitung meinte, mit dein Zeppelin in England irgendeine andere Wirkung ausüben zu können als die der äußersten Ver- schärfiina des englischen Kriegswillens. Zwölf Tage verbrachte ich in England. Die Zeit war viel zu kurz, um sich ein Urleil über England, auch nur über die mich be- sonders iiileresfierenden Fragen und Personenkreise zu bilden, so über die Tiefe der Verfeindung der Engländer gegen die Deutsche» und über daS Problem, wie man diese beiden doch zueinander gehörenden Nationen wieder einander näherbringen könnte. Leicht könnte man aus meinen Erfahrungen viel zu günstige Antworten auf diese Fragen erhalten. Ich will bloß erzählen, was ich selbst im Kreise von Sozialdemokraten erfahren habe. Diese gebörlen fast ausnahmslos dem Kreise der Intellektuellen an. Es waren leitende Männer der Fabian Society und der Labour Party, dann auch ver- einzelte Angehörige anderer Parteien. Indem sehr iniensiven Ver« kehr habe ich niemals eine auch nur entfernt als Unfreundlichkeit zu deutende Haltung oder Geste bemerkt. Man kam mir stets ans das Liebenswürdigste enigegen, man zeigte das lebhafteste Jnleresie an den deutschen Verhältnissen, das sich in einer Fülle fast aus- nahmslos ausgezeichnet formulierter Fragen äußerte. Der Glaube an dre Kraft und Leistungsiähigkeit des deutschen Volles, an seine geistigen Fähigkeiten, an seinen kraftvollen Willen war ganz all- gemein. Für olle Erörterungen über Mittel und Wege, Deutsch- landS Lage zu verbessern, die Last des Versailler Friedensvertrages zu erleichtern, war viel Aiismerkiämkeil vorhanden. Das Urteil aller Engländer, mit denen ich in Berührung kam, über Lloyd George war absprechend und unfreundlich. Man war erstaunt, von mir zu hören, daß man in Deutschland über lerne Fähigkeiten, über seine staatsmännische Begabung vielfach sehr günstig urteile. Von Produkten, die man als deutsche erkennen konnte oder die das Nocks in Gennany aufgedruckt hatten, sah ich, abgesehen von einigen ganz alteü elektrischen Maschinen, nicht das Mindl>!?. Erst in Holland sah ich wieder in Deulschland hergestellte AnnchlSkmten. Doch find die Leistungen der Engländer ans diesem Gebiete sehr respektabel geworden. Die englischen Produkte: Wagen. Maschinell:c.. was man in de» Auslagen sieht, baben mir einen iehr guten Eindruck hinter lasten. Die Wettbewerbsschwierigkeilen für Deulschland scheinen stark gestiegen zu sein. Ein aus Deutschland stammender Kaufmann aus der Cily, dessen persönlich- Beziehungen zu Deutichland, trotz seiner englischen Siaalsangehön ikeil, sehr intim sind, sagle mir auf die Frage nach Japans Stellung im Handel, daß sich die Jap«, er durch ihre Uniolidirät das Geschäft gründlich verderben. Niemand wolle japanische Waren kause», und mir Japan mache man am liebslen nur reine Bargeschäne. Die japanischen Kisten enthalren in der Regel nicht so viele Waren als man im Vertrauen für die Vcr- sicherung des Lieftranlen bezahlte. Weit lieber als mir Japan würde der englische Kauiinann auch jetzt mir Deimäiland Geschäfte machen. Aber die Preise der deutschen Waren seien heute so hoch, daß der Engländer, rein kausmänii'ich betrachrer, nicht mehr kaufen könne. Dazu komme die Un- sicherheil des Kursstandes der Mark, der in bestimmten Zeitpunkten günstige Geschäflsabschlüss? mit Deutschland machen lasse, die aber oft lehr ungünstig ausschlagen, weil beim Einirelen der Zahlungsverpflichlung ein gan, anderer Preis in, englischen Gelde z» zahlen sei, der dann die Ware unverkäuflich machl. Nicht die Abneigung gegen deutsche Waren, die zwar vorhanden ist, aber z» überwinden jei, und die sich abschwäche, aber die Unsicherheit riiiiercs Geldwesens erschwere die Wiederau-nabme des Handelsverkehrs. Auch von gelehrt- nationalökoiromischer Seile wurde mir versichert, daß iür die englisch- deutschen Geschäklsbeziehungen von ausschlaggebender Bedeutung wäre, daß man'»ril emer Stabilität des deutschen Geldwesens rechnen Ivirne. Ein Universi- rärsprosessor beschwerte sich bei mir über die ihm unverständlichen Maßnabmen der deutschen Regierung, die den Kau' deutscher wissenschaftlicher Werke in England den Gclehrienlreisen unerschwinglich machen. Und doch sei nichts wichtiger für die Gesundung der englisch-deutschen Beziehungen, als wenn die des Deulschcn mächtigen Schichien der englischen Bevölkeiung, die ibrer ganzen Stellung nach eine besonders starke Einwirkung aus die Bildung der öffentlichen Meinung haben, nichr gehindert werden, dculiche Bücher zu kaufen, und die Möglichkeit erhallen, sich aus deutschen Zeitschriften über die Entwicklung Deutichlands und über die geistigen Sirömungen im deuischen Volke aufzuklären. Es war mir nicht möglich, auf englischem Boden eine deutsche Zeitung zu kaufen. Ich sab sie nur in den Bureau« der Labour Party(der Arbeiterpariei). die weit besser eingerichtet find, als die Räume riirftres PcirleivorstandeS. Auch die Zahl der dorr räiigen Personen ist erbeblich größer. Die Ausgaben iür das Bureau sind. in Mark umgerechnet, ein Vielfaches unserer Auslagen. Neben dem Hause, das der Arbeiierpartei gehört, steht das Haus, in dem die Bureaus deS Lavour Reicarch Departement eingerichtet sind. Dicie Einrichtung, die der Erforschung der Arbeiterverhältnisse dieni. wird erhalten doir der Arbeiterpariei, den Gewerkschaften, den Genossen- schasten, auch zahlreiche Parteimitglieder zahlen besondere Beiträge Moskau handelt, um Vertreter, deren Bewegungen ohne russisches Geld zusammenbrechen wurden, also umWerkzeugeder russischen Kommuni st ischen Partei". Auch die„Freiheit" schließt ihre Ausführungen. wie Ledebo.ur, mit einem Hinweis auf den„unduld- sa m e n, s e kt i e r e r i s ch e n G e i st und die U n a n n e h m- barkeit der Moskauer Bedingungen". Der Kampf um Sie Freiheit". Die„Freiheit" sieht sich heute genötigt, einen Beschluß der Preßkomniission abzudrucken, der ihrer Redaktion„das schärfste Mißtrauen" ausspricht. Da eine Verbandsgeneralvensamm- lung vor dem Parteitag nicht mehr einberufen werden soll, sollen die Distrikte zu diesem Beschluß Stellung nehmen, worauf die Preß- kommission erneut zusammentreten will. Die Redaktion teilt mit, daß die Mißtrauenserklärung nur von 15- der 28 Kornmifsionsmnglieder(also doch der Mehrheit!) unter- zeichnet ist. Sie errlärt, der Beschluß der Kommission bezwecke,„die Parte: vor bestimmte Tatsachen zu stellen". Die Redaktion klebe nicht an ihren Posten, müsse aber verlangen, daß in der Partei das Selbstbeftimmungsrecht der Mitglieder gewahrt werde, solange die Instanzen noch keine diktatorischen Befugnisse hätten. Schließlich beklagt sie sich, daß man in den Distrikten Miß- trauensresolutionen gegen sie annehmen lassen wolle, ohne daß sie Gelegenheit gehabt hätte, sich vor den Parteigenossen zu äußern. Allem Anschein nach kämpft die Redaktion auf einem verlorenen Posten. Sie wird alsbald, entsprechend dem Moskauer Diktat, über- zeugten Kommunisten Platz machen müssen. LanSarbeiternot in Gftelbien. Zu unseren ausführlichen Mitteilungen über die trost- lose Lage der L a n d a r b e i te r s ch a st auf zahlreichen ö st l i ch e n Rittergütern, die wir in Nr. 463 unseren Lesern zur Kenntnis brachten, ist uns von unerwarteter Seite eine Bestätigung zugegangen, nämlich von dem Besitzer des Rittergutes Borkendors selbst. Zwar nennt er die Zuschrift,«die er an uns richtet, in gänzlicher Verkennung des Preßgesetzes eine Berichtigung, doch geben wir gern unse- ren Lesern Punkt 1 seiner Ausführungen ink Wortlaut zur Kenntnis. Er schreibt: Es ist richtig, daß im den Stuben sehr vieles in Unordnung ist, richtig ist, daß in alten Häusern R e p a r a- turen Notwendig werden, die bei mir, nachdem ich davon unterrichtet bin, sobald als. möglich ausgeführt werden. Aus diesen Worten des Herrn Rittergutsbesitzers hört man ordentlich die Dankbarkeit heraus, daß wir ihn endlich über die Zustände auf seinem Gute unterrichtet haben. Im Punkt 2 seines Schreibens an uns bestätigt der Guts- bssitzer weiter, daß die Schulkinder in den Ferien sich an den Landarbeiten beteiligt haben, b e st r e i t e t aber, daß dies gezwungenermaßen erfolgte. Wir glauben gern, daß der Herr Rittergutsbesitzer die Kinder nicht mit der Peitsche in der Hand an die Arbeit gedrängt hat: aber die N o t ist auch eine Peitsche, und wer unter ihrem Joch schon als Kind arbeiten muß, dessen Arbeit kann nicht mehr als freiwillig bezeichnet werden. Noske über Deutschlanüs Lage. Der Oberpräsiden k der Provinz Hannover, der frühere Reichs- wehrminister Nosk«, stattete den Ü n t e r w eseror ten einen Besuch ab. Vor ün>f,eren dortigen Genossen hielt er eine Rede über die politische Lage, in der er u. a.. einem Bericht der TU. zufolge, hervorhob: Im Augenblick in die jetzt rein bürgerliche Regierung einzutreten, liegt für die Mehrheitssozialdemokratie kein Anlaß vor. Die Unabhängigen haben auf die gegenwärtige Re- gierung lange nicht so geschimpft, wie auf diejenige, in der die Mehrheitssozialdemokraten vertreten waren. Wenn die gegenwärtige Regierung g e st ü r z t wird, entsteht die Frage, was dann kommt. Eine Regierungsübsrnahme durch die Sozial- demokratie ist bei dem Verfall der unabhängigen für dieses Bureau, in dem sehr viel gearbeitet wird, und auS dem wubtige Verössentlilhungen stammen. Ueber das, was ich sonst in London und Südengland gesehen habe, will ich im Interesse des sehr engen Raumes nicht mehr berichten. Das gefährliche Scewasser. Kürzlich erlitt ein junger Lon- doner Arbeiter beim Reinigen eines Essiggefäßes durch die dem Faß entst'igenden Gase den Tod, und ein gleiches Schicksal ereilte mehrere Bootsführer, die beim Entladen eines Schiffes durch die Gase getötet, wurden, die einer Maisladung entströmten. Wie einem Mitarbeiter der„Daily News" anläßlich dieser aufsehen- erregenden Todesfälle von sachverständiger Srite erklärt wurde, ent- wickeln Erdbeeren. Datteln, Zucker, Kartosfeln und Getreide, die unter normalen Umständen völlig barmlos sind, tödlich wirkende Gase, wenn sie dem Seewasser zugänglich sind. Talvarsandenkschrift des Wobliahrtsministerlums. Ter bekannte Polizeiarzt a. D. Dr. D r e u n>. Mitglied des BeiratS zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten im Wohlsahrtsministerium, wurde! vom Wohlsahrts- mmiitcr amtlich beauftragt eine Denkschrift über die Saivaifansrage auf Staatsko'ten zu verfassen unter der Bedingung der redaktionellen Prüfung durch das Ministeriuln. Theater. Die Operette dcS Theaters am Nollendorfplatz.Wenn L i e b e c r w a ch t die aus der Linie zur Komischen Oper aewachien ist. loniilc gestern beifallölaut die 26. Wiederholung begeben. Die feidenichönen Farben ibrer tzennchcn Bilder, gelchowt aus der Lebenslust der Euqenien- Zeit, reizen da- Buge ungemein. Fhr Wille zur Anmut, ihre frische saubere Musik, der Geschmack auch des burlesken Humors, der gul verteilt und prächtig getragen(vor allem durch Cläre Waidoffs oollsaftig-rassige Natur) in die Handlung geflochten ist, machen ihre Stunden zur angenehmsten Unteroa.lung. Das Kleine Schaufpielhaus bereitet als nächste Nduheit für Ansang Oltodcr Karl Schönherrs»Kindertragödie� vor. Eine antarttiicho Expedition bat am Montag London verlassen Sie besteht aus fünf Mitgliedern und wird von Corc geführt, der bereits an der Crrcd lion Sdalilclous teilgenommen hat. Die Dauer der Expedi- lion ioll sieben Hahrc betragen. Es soll versucht werden, den Südpol a u s d e»r Luftwege zu erreichen. Karl Ludwig Schleich. Wer Karl Schleich als Ctz'sahisten liebt und' feine reictie.«ulturperjönlichtcit schätzt wird als Ergebnis feines Vortrags- abends eigener Dichtungen im Bechileimaal am Sonnabend offen aussprechen das! weder der Vorvu'cnde noch die Dichtungen sich für diese Art der Pub.ilaUon eignen. Schleich ist kein guter Interpret seiner Schöpfungen, und diese müssen vom cmzelnen gelesen, nicht aber vor einem VorUagspubiiliim zur Kenntnis gebracht werden. Dann verhallen sie wirlungsios und Ichcmen mitunter sogar trivial. Schleich sprach in einem stark militärischen Tone, der auch die letzten lyrischen Wirkungen untergehen lictz. Fast haue man den Eindruck, er wolle das geben, was sein wenigst Wertvolles r>. FedeufallS hörten wir nichts von dem, was wir an Schleich lieben. vx NeinliardtS Pläne. Max Reinhardt wird seine Interessen zunächst der Vorbereitung des salzbnrger Festspielhauses zuwenden, dessen Bau nach den Plänen Alired Rollers bereils im nächsten Monat beginnt. Die Erössnung unter Reinhardls Leitung ist für den lö. Jult 1921 in Aussicht genourrsen. Sozrakdemokratie ebenso ausgeschkossen, wie mit dem Z e n t r um. und den D.e m o k r a t e n zusammen. Eine Ueber- nähme mit den Nationalen ist gleichfalls ausgeschlossen; in- folgedessen müssen, wir die Zeit reifer werden lassen, um dann an Neuwahlen zu denken. Weiter berührte Genosse Noske die augenblickliche w i r t- schaftliche Lage Deutschlands. Er wies aus die Bedrückungen durch die Entente hin und erklärte, wenn alle Forderungen, die die Feinde an Deutschand stellten, durchgeführt werden sollten, müßte jeder Familienvater im Jahre 4500 M. Steuern ausbringen. Das sei unmöglich. Kommunistenumtriebe in Amerika. Paris, 28. September. Die„Chicago Tribüne" meldet: Der frühere russische Sekretär S ch e ch b a ch wurde gestern in Chicago vor Gericht vernommen. Es wurde aus den bei ihm beschlag- nahmten Papieren festgestellt, daß die Moskauer Regierung m i t etwa 50000 ameriknischen Radikalen Beziehun- gen unterhalten hat und daß von Moskau aus riesige Geld- summen zu Propaganbazwecken nach Amerika geschickt worden sind. Wie aus den Papieren hervorgeht, sind allein 50 000 Dollars nach Chicago geschickt worden. Reichsverkehrskonferenz in Würzburg. Laut„München-Augs- burger Abendzeitung" ist für Ende dieser Woche eine Reichsver- kebrskonserenz durch den Reichsverkehrsmini st er nach Würzburg einberufen wovden, die sich mit der allgemeinen Verkehrslage im Reiche beschäftigen wird. �roMZrün Hausrat. Im Schöneberger Rathaus veranstalten Frau Dr. Müller- O estreich, die Dezernentin des Reichswirtschaftsministeriums, und der Architekt Raibach eine Ausstellung der Gemeinnützigen Gesell- schaft„Hausrat". Es werden mehrere Zimmereinrichtungen gezeigt, die durch gefällige Formen und zum Teil durch ihren farbigen Lackanstrich ausfallen. Da ist z. B. ein leuchtend ultramarineblaues Schlaf- zimmer und eine feuerrot lackierte 5iüche, die übrigen Möbel sind hell und dunkel, gebeizt. Die Einrichtungen stammen aus den Werkstätten der Architekten Heinrich Tessenow, Riemermidt, Radach, Spannagel, Kunstgewerbeschule Kiel, Kikoler. Zum Teil ist Kiefern- holz, Kirschholz, Eiche verwendet worden, auch ein Papie rstosf t epp i ch von Heidrich ist zu sehen. Papierstoff in lila ist einmal in einem Herrenzimmer von Rodach für Möbelbezüge verarbeitet worden. Auch sonst finidet man noch Papierswsf, z. B. für Bettdecken, in hellen Farben. Wie sich diese Papierstoffe im täglichen Gebrauch bewähren, läßt sich aus der Ausstellung nicht ersehen. Vielleicht sind sie brauchbar, vielleicht auch nicht, es ist damit, wie mit den farbig gelackten Einrichtungen, die im neuen Zuftanid cmsge- zeichnet wirken. Vielleicht wäre es im Interesse der Aussteller dieser Arbeiten empsehlenswert, derartige Versuchsobjekte in ge- brauchtem Zustande dem Publikum vorzuführen. Es würde be- stimmt die weitesten Kreise interessieren, wenn einmal eine Haus- rat-Ausstellung veranstaltet werden würde, zu der nur Arbeiten zugelassen werden dürfen, die mindestens ein Jahr in einem Haus- halt, für den die Stücke geschaffen wurden, nachweislich gebraucht worden sind. Außer Zimmer- und K'ücheneinricbtungen sind einfache Wirt- schaftskeramik ausgestellt. Sehr gute Tonwaren sandte die Majolika- Manufaktur Karlsruhe, Bunzlau, und die Keramische Handwerks- kunst Velten Aus Hellerau kamen ausgezeichnete Messingarbeiten. Der Botanische Garten, Dahlem, zeigt geschmackvolle Anordnungen von Zimmerpflanzen. Brauchbares hübsches Glaszeug fehlt. Dagegen ist die Abteilung Hauskleider sehr reich, aber, wie schon an anderer Stelle erwähnt, wenig glücklich beschickt. Die Betriebs- Werkstatt Berlin hat warme Wintevhauskle.ider zu billigen Preisen ausgestellt, Fkauschsachcn, für unseren kohlenarmen Winter be- stimmt. Eine Schürze fällt auf, aus der Peswlozzi-Fröbel-Schule, praktisch in Schnitt und Stoff, hübsch verziert mit einfachster, wasch- echter Häkelspitze. Bon solchen Arbeiten sollte man verschiedene Dutzende ausstellen. Ganz kleiner Hausrat, geflochtene Nähkörbchen, Teewärmer und andere Handarbeiten sind reichlich vertreten, die einfachen farbigen Kissen von Radach fallen angenehm auf. Eine Schieber-Exlstenz. Vom Chauffeur zum Milliouär. Eine treffende Illustration für das Zustandekommen einer Schieberexistenz, wie sie der Krieg in Massen großgezogen hat, bildet der folgende Polizeibericht über das Leben eines solchen Schma- rotzers, der es vom Chauffeur zum Schlagsahnenfabrikanten brachte und dann hintereinander Spielklubunternehmer, Bordellbesitzer und schließlich Millionär wurde. _ In Hamburg wurde auf Veranlassung der Berliner Kriminal- Polizei ein gewisser Edmund P r e i! verhaftet, der wegen großer Teppichdiebstäble seit Mai d. I. eifrig gesucht wurde. Preil war im Jahre 1315 im Kriegsdienst Kraftwagenführer in Hamburg. Von dort wurde er dann nach Berlin versetzt. In Kerlin wurde Preil bald Chauffeur dos Vizepräsidenten von Paher, kam so aus der Kaserne heraus in eine Privatwohnung und gewann viel freie Zeit. Diese benutzte er dazu, in der Wilhelmstr. 1a eine Schlag- s a h n e s a b r i k zu gründen. Im Betrieb stand ihm seine Ge- liebte, die er dann heiratete, zur Seit«. Seine„Schlagsahne" be- stand aus Quilariasaft. Gelatine und Wasser. Ütte Fabrik begann mit einem Betriebskapital von 300 M., und Preil besaß nach IV2 Jahren bereits 400 000 M. Aber trotz der Billigkeit seiner Rohstoffe stammte dieses Vermögen doch wohl nicht allein aus der Schlagsahncfabrik. Es verlautete vielmehr, daß Preil den größten Teil durch H e h l e r 0 e s ch ä f t e erworben habe. So geriet er auch in den dringenden Verdacht, die schweren Orientteppiche, die am 18. Juni 1318 bei Ouantincher u. Eycke in der Wilhelmstraße gestohlen wurden und damals schon über 200 000 M. wert waren. von den Einbrechern erworben zu haben. Als man ihn festnebmen wollte, ergab sich, daß er aus seiner luxuriös eingerichteten Sechs- zimmerwohnung in der W Ihelmstr. 14(5/47 ausgezogen war und in Düsseldorf für eine Viertelmillion die Vill" des Ersten Staatsanwalts gekauft hatte. Hier hatte er einen Spielklub betrieben. Nach dem Verkauf der Villa war er jedoch wieder ver- scbwunden. Der Verkauf allein batte ihm wieder 100 000 M. eingebracht. In der Villa iand man zwar nicht d'e Teppiche von Ouantmeycr u. Eycke, wobl aber andere Orientteppiche, im ganzen 91, die zum Teil als gntohlen erkannt llri/d. Preil wurde jetzt in Hamburg ermittelt und verhaftet. Hier hatte er m der Ulrikusstr. 40 ein Bordell erworben, dessen Verrieb ihm nach Bekunduna von Zeuacn täglich eine Reineinnahme von 15000 M. einbrachte. Die Einricknung selbst bat einen sehr hohen Wert. Für die Spieaek der nach Pe'-sa'llcr Muster eingerich- teten Galerie allein wurde ihm eine Viertelmillion Mark geboten. Der Verbastew wurde nach B'rstn oebrackit und von der Kriminalpolizei eingehend verhört. Er bestreitet die Hehlerei und behauptet, daß er alles, was man bei ihm fand, auf redlichem Wege erworben habe._ Ein ungufgcklartcr?i»desfall. beschäftigt die Berliner Kriminalpolizei. Wst�der Prinzenstr. 80 wohnt die Familie des Schankwirts Schröde?, bei der als Mamsell eine 63 Jabre alte Helene Borsch aus der Seestr. 55 zu Rein-cken- dorf beschäftigt war. Gestern nachmittag klagte die Frau über heftiges Unwohlsein. Heute früh fand die Wirtin die 65jährige unter eigenartigen Umständen tot auf. Sie lag,- nur mit dem Hemde bekleidet, mit dem Kops in einem � Eimer, der neben der Wasserleitung stand. An der Stirn batte sie eine fingerlange, k l a f f e n d e W u n d e, die die Schädeldccke freigelegt hat. Es muß angenommen werden, daß die Kranke plötzlich heftiges Unwohlsein verspürt hat, aufgestanden ist, um zur Leitung zu gehen und dabei umgefallen und mit dem Kops aufgeschlagen ist. Sonderbarerweise aber findet sich keine Stelle, die Blutspuren infolge des AufichlagenS aufweist. Vollständigen Aufschluß über diesen Todessall dürfte erst die Obduktion ergeben. Die Leiche wurde deshalb, nachdem sie photographiert worden war, nach dem Schauhause überwiesen. • Zu dem Mord an dem Kaufmann Engelmann in der Linienstraße wird mitgeteilt, daß die Frau des E r.m 0 r- d e t e n von Schneidemühl hierhergebracht und von Kriminalkom- r.'ssar Tegtmeyer eingehend verhört worden ist. Sic weist jeden Verdacht, mit dem Verbrechen irgendwie zu tun gehabt zu baben, entschieden von sich. Angehalten wurde in der vergangenen Nackt am Weidenweg ein Mann, auf den die Beschreibung des Mannes paßt, der gleich nach dem Morde gesehen wurde, als er das Haus verließ. Er bestreitet die Tat. Vorläufig wurde er in Ge- wahrsam behalten, um Zeugen gegenübergestellt zu werden. Was soll man gegen die Gassperre tun? Unsere Hausfrauen wissen ein Liad davon zu singen, welche Unbequemlichte i:e.n ihnen die immer noch bestehende Gassperre auferlegt. Nur zu oft ist es unmöglich, sich in der Haus- Wirtschaft so einzurichten, daß man in den Sperrstunden nicht zu kochen braucht. Unter der Gassperre haben aber a>c den dunkle n Tagen des vorigen Winters auch Geschäfte und Behörden gelitte::, die für ihre Kontors und Bureaus auf Gaslicht angewiesen waren. Für die Bureaus des Waisenhauses der Stadt Berlin hat daS Waisenamt auf Abhilfe gesonnen, und es ist auf den naheliegenden Gedanken verfallen, die Gasbeleuchtung durch, elektrische Beleuchtung zu ersetzen. Der Mo- gisttat hat diesen Vorschlag gebilligt und ersucht nun die Stadwcr- ordneten um Bewilligung der erforderlichen Mittel zur Umände-� vung der Beleuchtungsanlagen. In der Begründung seines An- träges weist er ausdrücklich auf die Gassperre und die im letzten Winter aus ihr entstandenen Schwierigkeiten hin und sagt:„Da auch in diesem Winter die Kohlennot und die Gassperre anhalten wird/ so würden sich diese Unzuträglichkeiten wieder- holen." Daß auch elektrisches Licht nicht ohne Kohle» hergestellt werden kann, davon schweigt der Magisttat. Man sieht, wie Behörden sich zu helfen wissen. Ach, wenn es doch den Hausfrauen ebenso leicht wäre, sich den durch die Gassperre verursacksten Unbequemliclzkeiten und Erfchwcrungen zu entziehen! Wohlhobende Leure können es sich leisten, das Beispiel des Magistrats nachzuahmen und die Gasbeleuchtung durch elektrische Beleuchtung zu ersetzen. Wer's aber nicht dazu hat. der muß sich weiter mit Gas begnügen und unter der Gassperre leiden. Die Auflösung beS Wrhnungsverbandez. Das Inkrafttreten der neuen Stadtgemeimde Berlin mußte die Auflösung des Woh-- nungsverbandes als kommunalpoltttschc Notwendigkeit zur Foige haben. Ein Erlaß des preußischen Wohlfahrtsministers ordnet nun- mehr an, wie sich die Auflösung des Verbandes und die lieber» führung seiner Geschäfte aus die neue Stadtgemeiude und dtt beiden Restkreise Teltow und Niederbarnim in schnellster Weise praktisch zu vollziehen hat. Danach gehen sämtliche Geschäfte betreffend den Mieterschutz, die Höchstmicteregelung, di« öffentliche Wohnung?- bewirtschastung. das Flüchtlingswesen nnd dergleichen bereits am 1. Oktober auf Berlin und die Restkrelsc über. An der Ver- teilun« neuer Reichszuschüsse zu neuen Bauten wirkt der Wohiiungs- verband nicht mehr mit. Die begonnenen übrigen Geschäfte werden dagegen beschleunigt und von den bisherigen Organen des Verbandes abgewickelt und am 1. Dezember d. I. auf Berlin und die Restkreffe übertragen. Mit diesem Tage gehen die Bureaus des Verbandes aus Berlin über, während gleichzeitig die Restkreise aus- scheiden. Die Lestung des Verbandes liegt auch während der Ab- Wicklungszeit in den Händen des bisherigen Geschäftsführers des Wohnungsverbandes, Äadtbaurats a. D. Beuster, der am 1- De- zember, am Tage der Auilösung des Wohnungsverbandes, aus dem Groß-Berliner Kommunaldienst ausscheidet. Bürgermeister Dr. Marrvki beurlaubt. Durch Beschluß des Bezirksausschusses zu Potsdam ist bekanntlich das durch Verfügung des Regiernngspräsidenten zu Potsdam gegen den Reichstagsabge- ordneten Bürgermeister Dr. Maretzki mit dem Ziele � aus Eni- fernung aus dem Amte eröffnete Disziplinarverfahren mit Rücksicht auf das Ergebnis der Voruntersuchung eingestellt worden. Eine Mitteilung des Lichtenberger Magistrats an die Stadtverordnetenversammlung besagt, daß Dr. Maretzki auf Beschluß des Magistrais- kollegiums bis zu seiner eventuellen Beschäftigung durch den Ma- gistrat Berlin beurlaubt worden ist, da die Stimmung sehr vieler Mitglieder der städtischen Körperschaften gegen Dr. Maretzki eine sehr erregte ist, die ein gedeihliches Zusammenarbeiten nach Ansicht des Magistrats unmöglich macht. Die Rordostgrnppe Heimatstreuer Oberkchlefier Krvst-Bcrlin veranstaltet am 30. Sept., präzise 7 Uhr, in dcn Räumen der Braueret Bötzow, Prenzlauer Allee 242/247, einen Bunten Abend. Ueber die Weltmiision der LmSker spricht Pfarrer B le i e r heute 7ft, Uhr in der Aula, Cauerslr. 36. Schvneberg. Stadtbaurat Dr. Wagner will zum 1. Oktober 1920 aus dem Dienst der Stadt ohne Anspruch auf Ruhegehalt entlassen werden, um da? Amt des GeschäftsftlhrerS des von ihm gegründeten„Verbandes sozialer B a übe t ri e b e" zu übernehmen. Stadtv. Prof. Lassen soll gegen Diäten weiter die teillveise Leitung des Bauamtes haben, mit der er schon seit einiger Zeit als Dezernent betraut ist. Die Stadtverordnetenversammlung hat zugestimmt._ Grsß-Se?l!ner partLinochrichten» Heute, September. Buch. Die Irrtümlich für heut- angezeigte Versammlung findet morgen Mittwoch statt. Juiigsoztalislischc Vereinigung. Ortsgruppe T e m v e I b 0 f. Die in dcr heutige» Morgenausgabe angesagte Veranstaltung bei Busie findet nicht statt. Die Mitglieder dcr J. V. besuchen den vo» dcr Gewcr!- ichaitsunlcrkoivmisiion veraustaltetcu Vortrage„Die Ardeitsschule" im Lvzeum Tempelbos, Mcrniania rane 5.— Nach Schluß des Vortragcs lrchen sich die M'ilqiicdir zwcsts Bekanntgabe wichtiger Jn>ornrationcn vordem Ausgange des Lyzeums. Morsten, 29. September! 28. Abt. 7'l, vhr: Auferordentbche Mitgliederversammlung in der Schulaula, Schönbauser Atce 166 e. Referent: Genosse Heilmann über „Tic potttiiche Loge-— Die Bezirtssührcr wollen an diescmTage mit dem Abteilungskassicrcr obiechucn Schwerliörigcli-Gri.PPc. 7 Ubr Versammlung bei Paul Reimer, Kommantontenslr 46. Vieihörer ausgestellt.— Ausiunst in Schwerhörige»- Angelegenheiien aller Ait erteilt Gustav Gotisch, Berlin, Oraniensir. 116, I liifts, von 5—6 Uor abends Auskunst über Hörapparate erteilt Julius Heppner, Berlin. Landsberger Allee l 49, abends nach 6 Uhr. Dreptow-Baumschulemveg. 7Uhr abends: Mitgliederversammlung bei Hansel. Am Treptower Part 67. Tagesordnung: 1.„Der Kamps um den Magistrar für das neue Gron-Berlm-. Referent: Stadtv. Gen. Ha». 2. Bericht von der Kreisocrlammlung deS 15. Kreises und vom Lezirkslaz Groß-Berlin. 3. Vereinsaugelcgcnbeiicn und Verschiedenes. Achtung, Pürteigcnossen! Nachm. 6 Uhr: Frauen Versammlungen im Lchrervcreins- baus, Alexanderstr. 41. Tagesordnung: Di« KK 218/219 des Strasgesetz. buches(Unterbrechung der Schwangerschast). Reserenten: Genossin Böhm- Schuck. M. d R, und Genosse Pros. Dr Radbruch. M. d. R.— Tempel- h 0 1 Fraucnabend Uhr bei Ganske, Ringbahnstratze. GeVerWastsbewegung Staatsbetriebe— Staatsaufträge. Die ehemaligen Heeres, und Marinewerkstätten sind laut Be- schlug der Nationalversammlung vom 22. Oktober 1919 umzuwan- dein. Diese R!esenaufgabe:st nach sachmännischem Urteil gelöst. Die Betriebe sind zu voll leistungsfähigen Werkstätten umgestellt und imstande, die verschiedensten Fabrikate in bester Qualität zu liefern. Jnbesondere eigne» sich diese im Staatsbesitz befindlichen Deutschen Werke 2b G. zur Herstellung alles dessen, was der Staat für Eisenbahn, Post usw gebraucht. Die bereits ausge- führten Lokomotiv- und Waggonreparaturc» und Anfertigung von Einzelteilen beweisen die Le>stungssätigkeit. Aber die von den einzelnen Ministerien, Eisenbahn wie Post gegebenen Aufträge sind so gering, daß nur ein Teil der Arbeiterschaft beschäftigt werden kann und das in großem Maße investierte Kapital für den Staat nicht nutzbar wird. Obgleich sich Direktion und Per» treter der Arbeiter bemühten, an den Reichsstellen Gehör zu finden, muß festgestellt werden, daß dort noch einige Leute mit maßgeben- dem Einfluß sitzen, die in systematischer Weise die Reichswerke bei der Vergebung von Arbeit boykottieren. Die Privatindustrie und Fachverbände haben Aufträge großen Stils erhalten, die Reichswerke müssen um Arbeit betteln. Dieser skandalöse Zustand führt jetzt dazu, daß einem erheblichen eTil der Arbeiterschaft des Reichswerks Span- d a u wegen Mangel an Arbeit gekündigt werden muß. Die Ar- beiterschaft hat dazu Stellung genommen und ist gewillt, mit den schärfsten Mitteln diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, welche in so skrupelloser Weise die Staatsinteressen schädigen. Die Arbeiterschaft hat ein großes Interesse am Wirtschaft- lichen Aufbau der Werke und des Reichs und ist gewillt, ihre Ar- beitskraft voll in den jDenst zu stellen. Dazu ist aber nötig, daß die Reichsstellon den Reichswerken sofort Aufträge erteilen. Die politischen Organe der Arbeiter haben die Pflicht, sich sofort dieser Sache anzunehmen. Der Beschluß der Nationaler- sammlung vom 22. Oktober 1919 muß dahin erweitert werden, daß die Aufträge vergebenden Ministerien die Staatsbetriebe in e r st e r Linie zu berücksichtigen haben. Die von allen Seiten gepredigte Sparsamkeit muß die Reichsstellen veranlassen, sich der Reichswerke mehr anzunehmen. Die Kriegswirtschaft hat mit aller Deutlichkeit gezeigt, wie der Staat und damit die Steuerzahler von der Privatindustrie g»- schröpft wurden. Es sei hier daran erinnert, daß bereits im„Vor- wärtS" Nr. 856 vom 18. Juli 1920 auf die Aufgaben hingewiesen wurde, welche die Staatsbehörden gegenüber den Reichswerken hoben. Bisher ist aber nicht das G e r i n g st e geschehen, was auf eine Besserung schließen läßt. Möge man sich an den maßgebenden Stellen endlich des Ernstes der Lage bewußt werden. mit den Massenentlassungen bei den Behörden. Im Referat des Reichstagsabgeordneten Giebel sowie in der Dis- kussion kam zum Ausdruck, daß die Angestellten nicht für die Be- schaftigung überflüssiger Arbeitskräfte eintreten, daß sie nichts ein- wenden gegen den Abbau der Kriezsgesellschaften und die dadurch notwendigen Entlassungen, aber sie fordern, daß unvermeidliche Entlassungen nach den Grundsätzen sozialer Gcrecktigkeit und unter strengster Beachtung der Demobilmachungsverordnungen vorge- nommcn werden. Wenn schon jeder Privatmann sich bei Eni- lassungen nach diesen Verordnungen zu richten habe, so müsse das von den Behörden erst recht verlangt werden. Nach einer in dem gleichen Sinne gehaltenen Aussprache wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Versammelten erheben auf das Entschiedenste Protest gegen die von der Regierung geplanten und zum Teil schon bewirk. en Massenentlassungen von Angestellten. Sie erheben Einspruch gegen die fortwährende Schaffung neuer Beamtenstellen, wodurch die An- gestellten von ihren Arbeitsplätzen verdrängt und die Behörden durch Schaffung eines geschlossenen Beamte napparats wieder zu Brutstätten der Reaktion gemacht werden sollen. Die Versammelten geben dem Zentralverband der Angestellten das Mandat, die Jnter- essen der Angestellten in jeder Weise der Regierung gegenüber zu vertreten, insbesondere hinsichtlich der Entlassungen." Tie Forderungen der Gemeindearbeiter. Eine außerordentliche Generalversammlung des Verbandes der Gemeinde» und StaatSarbeiter(Filiale Berlin), die stark besucht war, fand Montag im Lokal„KönigSbank" statt, um zu den An- trägen hum 6. Lohntarif Stellung zu nehmen. Vor Ein- tritt in die Tagesordnung begrüßte der Vorsitzende herzlich die allrussische Gewerkschaftsdelegation, die neun Köpfe stark erschienen war. Die Versammlung hörte dann einen einstündigen Vortrag des Vorsitzenden Lo s o w s k i vom allrussischen Gewerkschaftsverband. Der Redner entwickelte in seinem Vor- trage die gleichen Gedankengänge, die er in der von uns berichteten Versammlung in de:„Neuen Welt" vorgebracht hatte. Nach eimem eingehenden'Referat von Polenske über die Anträge zum 6. Lohntarif und einer lebhaften Debatte wurden folgende Forderungen beschlossen: Stundenlohn für ungelernte Ar. bei ter 6.80 M., für angelernte Arbeiter 5,70 M., für Handwerker 5,80 M., für Fugendliche von 14 Jahren 3,30 M., von 15 Jahren 8,80 M., von 16 Jahren 4,30 M., von 17 Jahren 4,80 M., für Mindererwerbsfähige 4,30 M. Stundenlohn für Arbeite- rinnen: ungelernte 4,70 M., angelernte 4,80 M., qualifizierte 4,90 M., jugendliche von 14 Jahren 2,80 M., von 15 Jahren 3,30 Mark, von 18 Jahren 3,80 M., von 17 Jahren 4,30 M. und Minder- evwerbsfähige 3,80 M.— Dazu find folgende monatliche Lohnst«) Hilfen zu gewähren: �Jugendliche unter 18 Jahren [.heiratete 150 M., für jede? 65 M., Ledige über 18 Jahre und Vers noch zu versorgende Kind unter 18 Jahren 75 M.— Das Personal der Müllabfuhr erhält zum Lohnsatz seiner Klasse einen Zuschlag von 20 Proz. Die in der Tabelle festgelegten Löhne gelten als Mindestlöhne. Zu den Sätzen der Klasse 1— 3 und 5— 7 tritt bei erschwerter Arbeit ein Zuschlag vou 25 Pf. pro Stunde. Ob solche vorliegt, wird durch die Betriebsleitung im Benehmen mit dem Betriebsrat festgesetzt. Die Arbeiter aller technischen Betriebe wer- den als Schwerarbeiter entlohnt.— Für Ueberstunden über die regelmäßige Arbeitszeit hinaus stsird i n der Zeit von 6 Uhr früh bis 8 Uhr abends ein Zuschlag von SSW, Proz. und in der Nach!zs-t von G6'A Proz. gezahlt. Für planmäßige Nachtarbeit von 6 Uhr abends bis 6 Uhr früh ist ein Zuschlag von 25 Proz. zu zahlen und für nicht planmäßige Sonntagsarbeit ein solcher von 66%! Proz., sowie für planmäßige Sonntagsarbeit ein solcher von 50 Proz. Sa- weit Frauen gleichwertige Arbeiten leisten, sollen sie den gleichen Lohn wie die Männer erhalten. Als solcbe Frauen gelten die Pflegerinnen in den städtischen Kranken- und Pslegeanstalten. Der Tarif soll für die zwei Monate November und Dezember geltem Protest gegen willkürliche Entlassung. Eine vom Zentralverband der Angestellten am Montag in der Bockbrauevei abgehaltene öffentliche Versammlung von Zlngcstellten bei ben Reichs-, Staats- und Gemeindebehörden beschäftigte sich WirtsthaK ' Die Arbeitsdienstpflicht. Um der steigenden Arbeitslosigkeit Herr zu werden, hat der Wirtschaftsminister den schon früher von bürgerlicher Seite stark propagierten Geoanken der Einführung einer Arbeits- dienstpflicht aufgegriffen. Man stellt sich diese Einrichtung im allgemeinen so vor, daß Arbeitsgruppen gebildet werden, Bau- j gruppen, technische Gruppen usw. Wenn man von den heutigen Unrtschaftlich freien und planlosen Verhältnissen ausgeht und glaubt, daß sie auch in Zukunft bestehen bleiben können, dann paßt sich dieser Gedanke der Aufgreifung aller Arbeitslosen von einem organisierten Arbeitslosenheer für Notarbetten wohl ein. Die organisierte Arbeiterschaft dürfte diesem Plan jedoch kaum Sympathien entgegenbringen, der neben den Gewerkschaften ein besonderes Arbeitsheer entstehen lassen will, das sich der völligen Kontrolle durch die Gewerkschaften leicht entziehen und ein politisches Machtinstrument werden kann. Die Gewerkschaften begnügen sich heute nicht mehr mit der Behandlung der Lohnfragen und sozialen Probleme, sondern sie erstreben die entscheidende wirtschaftliche Machtstellung, sie wollen durch ihre Betriebsräte einen mitbestimmenden Einfluß auf. die Produktion ausüben, si« fordern heute, mitzuenr- scheiden, was und w i e produziert werden soll, denn hier liegt allein die Lösung de? Arbeitslosenproblems. Das dürfte auch dem neuen Wirtschaftsminister nicht unbekannt sein. Wir wissen, daß in der kapitalistischen Wirtsckaft M i l l i o- nen-, ja Milliardenaufträge abgelehnt werden, wenn auS ihnen ein ausreichender Gewinn für das Kapital nicht mit Sicherheit in der Vorkalkulation festgestellt werden kann. Auf die Arbeitslosen Rücksicht zu nehmen, gilt im kapitalistischen Wirtschaftssystem nicht als notwendig noch zwingend. Privatwirt- schaftliche und volkswirtschaftliche Interessen stehen sich hier hart gegenüber. ES ließe sich sehr ernstlich darüber diskutieren, wie die unge- lernten Arbeitslosen geschult werden sollen, um sie für b e- sondere Arbeitsgebiete besonders tüchtig zu machen, und es wäre sicher sehr wünschenswert, wenn das Reich die notwendigen Mittel und Einrichtungen dafür in größtem Ausmaß schaffen wollte. Aber auch diese Pläne könnten nur im engsten Einvet- nehmen mit den Gewerkschaften behandelt werden. Wenn der neu« WirtschaftSminister nicht sehr bald mit anderen durchgearbeiteten Plänen kommt, die nicht an dem Kern der Probleme vorübergehen, dann werden die Arbeiter, denen die Not sehr auf den Nägeln brennt, sich sicher etwas stärker bemerkbar machen. Die Unternehmer lehnen Aufträge ab, die sie haben können, sie schütten Dividenden in un- erhörter Höhe auS, statt sie den Betrieben nutzbar zu machen, sie verkaufen ihre Betriebe oder die Anteile an Ausländer zum Zweck der Kapitalflucht usw. Und allen diesen Vorgängen steht .der WirtschaftSminister hilflos gegenüber. Die Arbeiterschaft dürfte wohl berechtigt fem, den Minister zu fragen, wie er sich eigentlich die Lösung der KrisiS denkt, und ihn zu ersuchen, mit einem„Wiederaufbauprogram m", das doch dem Volk versprochen wurde, endlich einmal hervorzutreten. Welche Wege die sozialistische Arbeiterschaft gehen will, dürfte dem Mi- nister bekannt sein. ES wäre sicher für das deutsche Volk ein ungeheurer Gewinn, ja die Rettung, wenn dieser bürgerliche Mi- nister zu der Erkenntnis käme und ihr Ausdruck verleihen wollte, daß er von seinem Ministersitz aus doch erkannt habe, daß die deutsch- WirtschaftSkrisiS und mit ihr der Finanzzusammenbruch nicht zu überwinden sind ohne Uebevgang zu einer neuen Form der gesellschaftlichen Arbeit. Abbau der neuen Braunkohlenlager in Oberschlesien. Das vor einigen Monaten in Rothaus bei Oppeln gefundene ergiebig« Braunkohlenlager wird durch zwei Gewerkschaften im Taabau ab- gebaut. Neuerdings sind auch in Pomprachtschütz und Polnisch- Neudorf abbauwürdige Braunkohlenlager erschlossen worden, deren Abbau in kürzester Zeit ebenfalls in Angriff genommen werden soll. Soziales. Heilverfahreu i» der Angestelltenverficherung. AuS dem Bericht des Direkloriums der ReichSöcrsicherungs- anstalt für Angestellte über das Geschäftsjahr 1919 ist zu cnt- nehmen, daß im Berichttjohre gegenüber 1918 11165— 8p Proz. Anträge auf Heilveriabren cesiellt wurden. Tie Zahl der Anlräge betrug 1913 nur 10 464. Im folgenden Jabre war die Steigerung so groß, daß irotz des Rückgangs der Antragstellung in den Kriegsmonaten dock eine Erhöbung aui 20187 Anträge eintrat. 1916 waren nur 15 079 zu verzeichnen. Tann stieg die Zahl auf 24 184 in 1916, 30182 in 1917, 31 875 in 1918 und 43 040 in I9lS. Das Kriegsende hat auf die Stellung von Heilverfabrensaiilrägen siork steigend eingewirkt, wo? zu einem Teil auf die Temobilmachung, zu einem wefeni- licheu Teil aber auch auf die allgemeinen ichleckten gesundheitlichen Verhältnisse des deutschen Volkes zurückgeführt wird. Die eingegangenen Anträge betrafen im Berichtsjahr 1919 Gewährung von Zahnersatz und größeren Heilmitteln 8007, Lungen- Heilverfahren 11888, andere ständige Heilveriabren 22 271, Berufs- umlernung Kriegsbeschädigter 283, Behandlung von Geschlechts» tranlheiten 591. Von 43 947 zur Entscheidung stehenden Anträgen(einschl. der aus dem Borjahre unerledigt übernommenen und ausschl. der An- träge Kriegsbcschädigler auf Berufsumternung) wurden im Berichts- jähre 40 313 erledig:, davon: 26275— 65.18 Proz. durch Genehmigung des Heilverfahrens, 9943— 24,66 Proz. durch Ablehnung. 1347— 3,84 Proz. durch Zurücknahme des Antrags, 2653— 6.58 Proz. durch anderweitige Erledigung und 95— 0,24 Proz, durch Todesfall. Die 26 275 genehmigien Anträge berrafen: Zabnbeilveriahren in 6994, ständige Heilverfahren in 18 341 und Gewährung größerer Heilminel in 440 Fällen. Von den 18 841 genehmigren ständigen Heilverfahren wurden 5814— 28,2 Proz. in Lungenheilstälten, 4542— 24,11 Proz. in Sanatorien, 7290— 38,69 Proz. in Bädern, 620— 3,29 Proz. in speziatärzlticher Behandlung und l075 gleich 5.71 Proz. unter Zuschußgewährung der ReichSversicherungsanstalt durchgesührt. Die Gesamtzahl der Verpflegunastage bei den Heil- verfahren betrug in Lungenbeilstänen 516 735 Tage, in Sanatorien 251 833 Tage, in Badern 344 560 Tage, in Krankenhäusern, Privat- kliniken usw. 2732 Tage. An Anträgen kriegsbeschädigter Versicherter auf Erstattung der Kosten der Berufsumternung standen einschließlich 17 aus dem Vorjahre übernommenen 300 zur Entscheidung, von denen 240 endgültig erledigt wurden und zwar durch Bewilligung 129. durch Ablehnung 102, durch Zurücknahme 2 und in anderer Weise 7. Die Kosten für Heilverfahren betrugen 17 423 195 M., hiervon wurden für besondere Zwecke 131850 M. verausgabt, so daß für die Heilverfahren selbst 17 291 345 M. au'gewcndei worden sind. 1918 betrug die Gesamtausgabe für Heilver-abren lO 870 670 M. Die Kosten des einzelnen werden im Berich: aui rund 860 M be- rechnet 1918 auf 644 M.. 1917 aus 516 M. und 1916 auf 465 M. Die im Diensigebäude Lauenburger S:r. 16 in Berlin-Wil- merkdorf eingerichlete besondere A u s k u n f I st e l l e s ü r H e i l« verfabrensangelegenheilen erteilte 1919 insgesamt in 12 704 Fällen Auskunft. Mus aller Welt. Verhaftung eines Hallenser Mörders in Hamburg. Die Hantburger Kriminalpolizei verbaftele den Kupfenchmied Hugo H ä u ß I e r, der vou Halle an der Saale wegen Mordes und schweren Land- sriedensbruchs steckbrieflich verfolgt wurde. Ein Arzt als Radiumschieber. Der„Frankfurter Zeitung" wird in Verbindung mit den Radiumschiebungen und den Mitteilungen über die V e: f a- W e r k e in Frankkurt a. M. von dem Veifa- Radium-Jnstitut mitgeteilt: Ein Münchener Frauenarzt ist an das Veifa-Radium-Jnstitut, nicht an die Veifa-Werke, wie irr- tümlich mitgeteilt wurde, herar�etreten mit dem Ersuchen, ihm ein größeres Radiumquantum für Berufszwecke zu besorgen, Spä- ter hat sich herausgestellt, daß der betreffende Arzt das Radium nicht für Zwecke seiner Forschung, sondern an Händler weiter- leiten wollte. Das Radium-Jnstitut ist also im vorliegenden Falle durch das Dazwischentreten eines Arztes, der Berufszwccke angab, in unverantwortlicher Weise irregeleitet worden. Die Zukunft des Frankfurter Zoologischen Gartens. In maß- gebenden städtischen Kreiien ist die völlige Schließung des Frantfurter Zoologischen Gartens in Erwägung gezogen worden. Obgleich das Institut von erheblicher kulrureller Bedennrng ist, glaubt man doch, daß ein jährlicher Zuschuß von 500 000 M. das Maß dessen überschreite, das die Stadt zu leisten berechtigt sei. Vorerst. soll ein Versuch mit Einschräntung gemacht werden. Man will den Gesamtzuschuß zunächst in Höhe von 300 000 M. bewilligen. Kirchencinbruch in Wien. Montag nachmittag wurde die Petrus- k i r ch e im 1. Bezirk in Wien von Einbrechern heimgesucht, die sich in die Kirche einschließen ließen und am Morgen flückiiclen. Ge- stöhlen haben sie aus erbrochenen Opferstöcken den Inhalt, sowie von den Heiligenbildern Kelten und silberne Plättchen. Absturz auf der Raxalpe. Vier Touristen verunglückten auf dem„Akademikersteig" der Rax tödlich. Unsauberkeit englischer Schulen. In Llanellh in Eng- land weigerten sich 400 Kinder, in die Schule zu gehen, solange daS Schulgebäude nicht gründlich gereinigt wird. Sie haben einen Protestzug durch die Ptadt unter Zustimmung ihrer Eltern veranstaltet. Z?«rantw. für den redakt. Teil: Dr. Wcrner Pellcr, Charlottenburg: für Anzeigen: Zm, Glocke. Berlin. Berlag: BorwürtS-Berlag G, m. b, H.. Berlin, Druck: Bor- würts-Bulidruckerei u, VerlaaSanllalt Paul Singer u. Co, Berlin, Lindenttr, S, Stoffe ffle Yerren-Anzüae, Alster, pqr �--- r............... m iZalelota, Oamen-fioftürnc, Meter SO.—, 100.-. ISO.-, 200.- Mark. Nur langjährige Verbindungen mit altbewährten ffabrikanten bilraen iiir preiswerte, gute Qualitäten, Ik v c h � S v v I s n ci Segr-ISSZ. Oertraudtenstr, 20-21. Degr,189Z, .... Teilzahlung. 5 J.Oarant. KronenlSM. Plomb. /onnp l ISO. Dahnziehen m.Klnipr. höchst zctimerz- /.llllllv v. U an iin(j(jinarb. schlechtsitz. Gebisse. Rep. sof. Zahnarzt Wolf« PotsdamerStr. SS, Hochb. Sprechz. 0-7,. »ende, nmltige den»m ie« 80 be»lldtt> Mar! Ii tunerllck Kaltorit ed).4,