< Nr. 4$5 ♦ Z7.�ahrgang Ausgabe L Nr. 105 Bezugspreis: S•rtelfät)tu30,—®!>monatL10,— SDH. frei ins öaus. voraus uchfkar. Poft- oezng Monatlich 10.— Ml» exkl. stu- flellungsgeouhr. Unter Sftnabanft für Demfchland und Oesterreich lK-lO Ml» für das übrige Ausland bei täglich einmal, gnstelluno 2150 M. Boftve- stellunqen nebmen an Oesterreich. Ungarn, Tfchecho- Ciowaiei, Däne- marl, Holland,»uremdurg. Schweden and die Schtoeia.— Sinaetraaen m die Post-?eitunqs- Preislifte. �et.Vorwärts� mü der Sonntags» deilage»Polt u. Stif enchemi wochen- aqlich ,a>eimal Sonntag- und Man- tags-inmai. Telegramm-Adresse .Sotialdemotrat V»r»n- Abend-Ansgabo berliner VolksblAti �20pkenma� Anzeigenpreis: Die achtgelvaltene Ronvareistezeile lostetS.— M.,TeuerungszilfchIag 50°/«. »kiloine Anzeigen". das fett- gedruckte Wort I,— M. iznläfstg zwei rttgedruckte Worte), ledes weitere Tori 60 Pfg. Stellengesuche und Echlafftellenanzeigen das erste Wort 65 Pfg» lebcs weitere Wort 40 Pfg. Worte über 15 Buchstaden zählen für iwei Worte. Teuerunqsznfchlag 50°/» zamilien-Anzeigen für Abonnenten Zeile 2,— M., politische und ge- werllchaftliche Bereins- Anzeigen 3.- DIL die Zeile ohne Aufschlag. Anzeigen Mr die nächste Nummer muffen bis 5 Ahr naä mittags im bauotgefchäft. Berlin SW Z. Linden- ftrahe 3, abgegeben werben. Deöffne! von 0 Uhr früh bis ö Uhr abtnds. Zentralorgan der rozialdemokrati leben Partei Deutfcblands lieüaktion und Expedition: ctD. d$, Lindenstr. Z. «erninrerfier: Amt■JJJoriBUlott. Rr. 15190—15197. Milleranö über den Wiederaufbau. BariS, 30. September. Beim Empsan g des diplo- matischen Korps durch Präsident Millerand sprach der Tohcn in seiner Ansprache die Neberzengung aus, daß der Präst- bcnt wie biSlser dem Wiederaufbau der internatio- nalen Ordnung seine, tatkräftige Mitarbeit leihen werde. In seiner Antwort betonte Millerand, daß seine Arbeit am Werke des Wiederaufbaues von der Mitarbeit und Solidarität aller zivili- fierten Bälker abhänge. Ter Friede beruhe auf natürlichen Rechten. Frankreich werde mit allen Kräften am Wiederaufbau der Welt teilnehmen, im Bmnuien auf die Mitarbeit aller, um seinen eigenen Wiederaufbau zu erleichtern, der unerläßlich sei zur Wiederherstellung der Ordnung in der Welt. Millerand schloß mit dem Ansdrutk der lleberzeugung, daß das diplomatische Korps seine Mitarbeit im allgemeinrn Interesse sichern und dieselbe auch zu gutem Ende führen werde., Kongreß üer C. G. T. Orleans, 30. September.(HavaS.) Der BundeSkongresi d er C. G. T. wurde am Mittwoch morgen unter dem Vorsitz von Loridan eröffnet. Der Kongreß berät von neuem den Rechen- schaftsbericht. Der Generalsekretär der Eisenbahner erklärte, daß der Ausstand vom Mai nicht eine Folge des Februar- auSstandes gewesen sei, sondern eine Folg« des VerleumdungS- feldzugez gegen den Verband. Weiter führte er aus, daß er sein Möglichstes tun werde, um die abberufenen Beamten wieder einzusetzen. Hierauf erhob der Vertreter der Eisenbahner.der Paris— Lyon-Mittelmcerbahn schwere Anklagen gegen daS Bureau des Bundes und schloß, die Mehrheit müßte«ine Entschließung auf Klasscnzusammenarbeit und die Minderheit eine Eni- schließung auf Klassenkampf«inbringen. Rußland friedensbereit. Paris, 30. September. Havas berichtet aus Warschau: Nach Auskunft an glaubwürdiger Stelle soll Joffe aus Moskau Instruktionen erhalten haben, alle von Polen gestellten B e. dingungen, so hart sie auch seien, anzunehmen, doch mit der Ausnahme, daß Sowjrtrußland vöst Polen verpflichtet werden soll, die gänzliche oder teilweise Entwaffnung der Roten Armee durchzuführen. U « Kopenhagen, 30. September. Nach einem Telegramm auS Warschau meldet der polnische Heeresbericht vom LS., daß an der Südfront die veltündete ukrainische Armee Minkowce öst- lich Kamieniec erreicht hat. Weiter nördlich ist die polnisch« Kavallerie nordöstlich von Rowno vorgedrungen. Das polnische Heer nähert sich Drohiczyn. Auf der Front nördlich vom P r i p j e t dauerr die Verfolgung des Feindes auf der ganzen Linie fort. Nordöstlich von Grodno haben wir tausend Ge- fangen e und große Kriegsbeute gemacht. Eine unferer Kavallerie- abteilungen ist bis hinter die bolschewistische Front vorgedrungen und operiert nordöstlich von L:da, wobei sie dem Feinde schwere Verluste zufügt. Ruhlands Schulden an Ensilanb. London, 30. September..Times" meldet, daß die führen« den Londoner Bankiers und Finan�leute an Lloyd George schriftlich das dringende Ersuchen gerichtet haben, die An- erkennung aller russis.chen Schulden zur unerläß- lichen Bedingung für die Wiederaufnahme des Handels mit Ruß- land zu machen. Wranqels Bericht. Konstantinopel, 80. September.(HavaS.) Bericht der Armee Wrangel vom 24. d. M.: Wir haben Aurielka in der Richtung von Wolnowakha besetzt, wo wir IS Schiffe weggenommen haben. Der Bericht vom 27. September meldet: Im Norden von Aliexandrowsk haben wir die Verfolgung des Feindes fortgesetzt. Wir haben 33 Lokomotiven, 1000 Eisenbahnwagen, 10 Maschinengewehre erbeutet und 1000 Gefangene gemacht. Offiziere deS russischen GeneralswbS verbreiten eine Pro- klamation, in welcher sie ihre Waffengenossen, die sich gegenwärtig bei den bolschowistischen Truppen befinden, auffordern, zu General Wrangel zurückzukehren. tzorthps Million. Wien, 30. September(Eig. Drahtbericht de?.Vorwärts".) Ter Pressechef der ungarischen Gesandtschaft Arpad Reich hat im Mittwochabcndblatt der»Neueg freien Presse" zugegeben, daß er der christlichsozialen.ReichSpost" eine Million Kronen angeboten hat; er bestreitet» nur, daß die.Reiche post" die Million auch er- halten habe. Natürlich erklärt Sie„Reichspost" das gleiche und sie läßt sich zum Ucberfluß von irren Betriebsräten bescheinigen, daß ihre Bücher nichts von dieser Million berichten. Die ungarische Regierung hat wiederholt etwas von einer Auflösung deS Pogrombundes der.Erwachenden Mab- jäten" gefaselt. An der letzten Hauptversammlung dieses Bun» des nahm»er KultuSmin.ster offiziell teil und hielt dort eine Hetzrede gegen die Juden und jeden Fortschritt; der Minister- Präsident Graf T e l e k i versicherte einer Abordnung des Bunde? nicht nur. daß fein Programm möglichst verwickelt, sondern daß auch die großen Kräfte des Bundes für daS Vaterland nützlich gemacht werden sollen. Tie Enthüllungen der.Arbeiterzeitung" und des.Pravo Lidu' über Ungarns Kriegsrüstungen sollen nun auch den Boischafterrat stutzig gemacht haben. Die französischen Sozialisten wollen über den ungarisch französischen Geheimvertrag interpellieren. yelst üen Yorchp-Gpfern! DaZ deuffchösterreichische Komitee der Wohlfohrtsaktion für Flüchtlinge aus Ungarn sendet unS folgenden Aufruf: Proletarier aller Länder, helft uns! Seit August 1019 retten sich die vom weißen Terror in Ungarn erbarmungslos verfolgten Scharen von Männern, Frauen(die Mit- glieder proletarischer Organisationen waren), Kindern, Greisen und Säuglingen, die irgendwie mit d:r proletarischen Revolution in Verbindung gebracht werden können, ununterbrochen nach Wien als der ersten Hilfsstation in Europa. Die Hieb-, Stech- und Brandwunden auf ihren per- hungerten, und entkräfteten Körpern, die Knochenbrüche usw. zeugen dafür, daß die Leiden, von denen sie berichten» gr.nzenloS und unbeschreiblich sind. Mit Aufhebung des Weltbohkotts hat ein noch stärkeres Zu- strömen der politisch Verfolgten nach Wien eingesetzt. Zumeist ohne Ausweispapier«, ohne Geld, ohne Lebensmittel, ohne Kleider, Wäsdv, Schuhe, seelisch-körperlich gebrochen von der Schmach, de man ihnen in Kasernen, Kerkern und Jnter- nierungSlagern angetan, langen sie an und— nur minimale Hilfe kann ihnen geboten wevden. Ihre Zahl ist so groß und wird immer größer, so daß trotz der größten Aufopferimg tzeS deutschösterre-ichifchen Proletariats die Mittel der Wiener WohlfahrtSaktion in zwei Wochen gänz- lich erschöpft soin werden. Die Wohlfahrtsaition hat bisher fast eine halbe Mllion Kronen an Sozialisten und Kommunisten ohne Unterschied der Aich- tung ausgezahlt. Hilft das internationale Proletariat nicht rasch und ausgiebig, so verfallen dje Flüchtlinge dun größten Elenio, denn die WohlfahrtSaktion müßte sich— ohne Mittel— auflösen. ES , gilt den Flüchtlingen auf allen Gebieten zu helfen. Ernährung, Bekleidung, Arbeitsmöglichkeit, Weiterreise, Geldunterstützung, Ge- sundung und moralische Hilfe, dessen bedürfen die Flüchtlinge schnellstens. Ein strenger Winter naht, und Taufende Flüchtlinge frieren schon im kühlen Herbst in zerrissenen Sommerkleidern, sinio ohne Schuhe. Fast allen Berufszweigen angehörend, sind die Flüchtling« be- reit, überallhin zu reifen, wo sie, im Einverständnis mit den ge- werkschaftlichen ArbeitsvermittlungSäottern, Arbeit welcher Art immer bekommen können. Deshalb bitten wir alle Arbeitenden, alle politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der Welt und alle Zeitungen des Proletariats, gleichviel welcher Richtung sie au- gehören, sowie alle gewerkschaftlichen Arbeitsvermittlungen, der unterfertigten Wohfahrt Saktien, die zwischen hungernden und be- dürftigen Genossen' aller Richtungen keinen Unterschied macht, überall purch Sammlungen ihre schwere Arbeit zu erleichtern und sowohl Geld und LebenSmittelpakete als auch entbehrliche Wäsche, Kleider, Schuhe usw., endlich Nachrichten über Arbeitsmög« lichkeiten an untenstehende Adresse gelangen zu lassen. Wien, im September 1020.' Für daS Teutschösterreichische Komitee der WohlfahrtSaktion für Flüchtlinge aus Ungarn. Ferdinand Skaret, Parteisekretär. Therese Schlesinger. Vorsitzende. Anton Jenschik, Kassierer. Richard Schwartz, Sekretär. Alle Sendungen sind an die„Wohlfahrtsaktion für Flüchtlinge aus Ungarn", Wien V, Rechte Wienzeile 07, zu richten. Um Nachdruck in allen Partei- uno Eewtrkschastsblättern wird dringend ersucht. • Postanweisungen nach Teutschösterrvich sind nur bis zu 100 Kr. wöchentlich zugelassen; sie sind in Kronen auszufüllen. Bei größeren Befragen ist Banküberweisung vorteilhafter. die dtrteilung üer deutschen Zlotte. Paris, 30. September. Die Botschaftertonferenz trat gestern unter dem Vorsitz von E a m b o n zusammen. Sie na km sollen F r a n t r e �ch erhält 4 große Unterseeboote, 3 kleine Untersee- boote, einen großen und einen kleinen Minenleger. 1 JnjtruktionS» Unterseeboot. 6 leichte Kreuzer und 0 Zerstörer. vorwärts-verlag G.m.b.H.. SW.bS» Llndenftr.?. Fernsprecher: Amt Moritipla«, Nr. 117 53—54. I oder II! Von Heinrich E trö bei. Zu den Vorschlägen der Sozialisierungskommission, wie sie jetzt in Buchform vorliegen, ist zunächst eine nicht unwichtige Feststellung nötig: Bisher sprach man immer von einem Mehr- heits- und einem Minderheitsbericht. Nach dem offiziellen Bericht aber gab es keine Mehrheit und Minderheit, sondern zwei genau gleich st arke Gruppen, die je einen be- sonderen Vorschlag unterbreiteten, einen, der die„Vollsoziali- sterung des Bergbaus empfiehlt, und einen, der für die Ueber- gangszeit von einem Menschenalter das Eigentumsrecht der Bergwerkbesitzer bechehalten wissen will. Die Differenz zwischen beiden Vorschlägen erscheint so g r o ß, daß es be- fremdet, daß fünf von den elf Anhängern der Vollsozialisierung erklärten, sie würden �m Falle der Nichtannahme ihres Vor» schlages auch dem Vorschlag der anderen Gruppe beitreten. Man könnte freilich einwenden, daß die beiden Vorschläge im Grunde gar nicht so sehr voneinander abwichen, in der Hauptsache, der Form der gemeinwirtschaftlichen Organisation, stimmten sie ja überein. Beide gingen von der Ueberzeugung aus, daß die bisherige gemeinwirt- schaftliche Regelung des Bergbaus sich n i ch t bewährt habe und daß dem Privatkapital in der Montanindustrie das freie Ver- fügungsrecht entzogen werden müsse. Sowohl der Entwurf für Vollsozialisierung(Antrag I), wie der Antrag II, der die Eni- eignung der Besitzer erst für eine spätere Zeit vorsehe, wollten ja die technische und wirtschaftliche Oberlei- tung des Bergbaus' einer ganz gleichartigen Instanz über- tragen, dem Reichskohlenrat, einer IlVköpsigen Körperschaft, die sich aus Betriebsleitern, Angestellten und Ar- beitern der zu scksaffendcn Kollcgengemeinschaft sowie aus Ver- tretern der Konsumenten und des Reiches zusammensetzen sollten. Auch nach dem Vorschlag II werde jede selbständige Betriebs- und Preispolitik der— im Grunde nur noch nomi- nellen— Besitzer aufhören. Denn der Rcichskohlenrat über- nehme die Funktionen eines Zentralsyndikates, an das die ge- samte Kohlenerzeugung zum Selbstkostenpreis abzu- führen sei. Die Bilanzen und Kostenberechnungen aber würden der peinlichsten Nachprüfung unterworfen. Vetriebserweite- rungen und Betriebsverbesserungen seien von der Zustimmung des Reichskohlenrates abhängig, und Stillsetzungen und Zu- sammen legungen einzelner Betriebe könnten nur von ihm an- geordnet werden oder bedürften doch seiner Einwilligung. Der Reichskohlenrat sei dergestalt der faktische Träger der gesamten Kohlenwirtschaft, dem die Einzelunternehmungen als reine Verkaufsstellen angegliedert seien, die lediglich die Giiterbewe- gung und den Verkehr mit den Verbrauchern nach Weisung des Reilbskohlenmts zu besorgen hätten. Ter Gewinn werde aber gleichfalls vom Reichskohlenrat festgesetzt werden und für die Unternehmer außer einer angemessenen Verzinsung des im Betrieb investierten Kapitals nur Prämienvergütun- gen für Mehrerzeugung und Erzeugungsverbilligung enthalten. Der Unterschied gegenüber dem Vorschlag I bestehe nur darin, daß dieser sofort auch dos formale Eigentumsreckt der Unternehmer ausschalten und auf einen einheitlichen Wirtschaftskörper, die d e u t s ch e K o h l c n- gemeinschaft übertragen wolle, der dann durch seine Or- gane, den anffichtführenden Reichskohlenrat und das den eigentlichen Betrieb leitende Reich sdirektorium, die Verwaltung des deutschen.Bergbaus durchführen solle. Die Organisationsform erleide dadurch in ihrem Unterbau gewisse Zlbwcichungen, der soziale N u tz e f f e k t sei in beiden Fällen der gleiche: den Bergwerksbcsitzern sei jede Bereiche- rungsmöglichkeit auf Kosten der Allgemeinheit vereitelt, sowohl die Ausbeutung der Arbeiter und Angestellten, wie die Aus- Wucherung der Konsumenten durch eine gemeinschädliche Preis- Politik. Auch die Verwirklichung des Vorschlags II sei ein gewaltiger Fortschritt auf dem Wege zur Vollsozialisierung. Wir ziehen den guten Glauben derer, die so argumen- tieren, nicht einen Augenblick in Zweifel, glauben jedoch, daß sie das Opfer einer verhängnisvollen T ä u s ch u ng wenden würden. Denn die Frage der Aus- schalhing oder Beibehaltung des privaten Eigentums im sozialisierten Bergbau ist keineswegs eine minder wichtige organisatorische Divergenz, sondern der Angelpunkt der ganzen Frage. Man muß fürchten, daß der ganze Som- tisierungsver'uch mit einem vollen Mißerfolg enden wird, wenn die Jndustrieleiter durch Konservierung des Besitzrechts von vornherein in eine ganz unmögliche Zwitterstellung ge- bracht werben. Denn wie könnte man erwarten, daß die Unternehmer sich willig und mft völliger Hingabe in den Dienst der Gemeinwirtschaft stellen werden, solange ihnen die Rückkehr in den Hgfen der Priva/twirt- l ch a f t winkt, eine Rückkehr, die um so w a h r s ch e i n- würde, je schlechter sich die Tätigkeit des skohlenrats bewährte? Wenn es einen Anreiz zur Sabotage gäbe, hier müßte er sich aus zwingenden psycho- logischen Gründen auswirken! . Nicht erst die Bolschewiki haben, nach ihren Mißerfolgen mrt dem wirtschaftlichen Rätesystem, entdeckt, daß die private Initiative und persönliche Verantwortlichkeit auch für die Leitung sozialisierter Betriebs unentbehrlich ist. Aus diesen Erwägungen forderte schon die erste deutsche Sozialisierungs- kommission in ihrem Bericht vom 15. Februar 1919„Demo- kratie in den Betrieben mit einheitlicher Leitung der ganzen Industrie",„Aufbau der Unternehmungs- und Wirt- schaftstätigkeit auf den schaffenden Persönlich- leite n". Und nicht nur der von Rathenau formulierte Vor- schlag II verlangt jetzt für die zu sozialisierende Kohlcnwirt- schuft,»daß die stärksten und initiativreichsten Wirtschaftsleiter ihr erhalten bleiben", sondern auch der Vorschlag I betont wiederholt, daß dem Direktorium„möglichst freie Initiative der Tüchtigsten nicht nur durch eine Verfemung aller Bureaukratie, nicht nur durch.Prämiengewährung von den untersten bis zu den obersten Organen auslö'en, sondern vor allen Dingen auch durch eine wirklich sozialisierte, ein- heitlichdurchgeführte Organisationsform. Es handle sich dabei um„Vollsozialisierung", aber keineswegs um eine „Ueberorganisation":„Der Gegensatz ist nickst: Freie oder Zwangswirtschaft, sondern: Sozialistische öder sozialisierte Wirtschaft. Wir wollen die Sozialisierung nicht als eine nur kontrollierende und darum unfruchtbare Or- ganisation schaffen, sondern wir wollen den im Kapitalismus ausgebauten Wirtschaftskörpcr durch Enteignung auf den gemeinwirtschaftlichen Gedanken ein- st e l l e n, so daß alle Triebkräfte der initiativen Persönlich- keiten im genieinwirtschaftlichen Rahmen gefördert werden, und die innere Anteilnahme und lebendige Mitwirkung aller im Betriebs Tätigen als neuer entscheidender psychologischer Antrieb und sozialer Wert erzielt wird." Der innerste Gegensatz zwischen den beiden Vorschlägen ist hier scharf und klar herausgearbeitet. Nach dem Vor- schlag II, der das Eigentumsrecht der Grubenbesitzer einst- weilen unangetastet lassen will, soll der Reichskohlenrat mit seinen Fachausschüssen ganz überwiegend ein k o n t r o l- lierendes Organ sein, das den in Privat Hand der- bleibenden Betriebsleitungen die eigentliche Tätigkeit über- läßt(mn ihnen dann freilich durch Preis- und Gewinnfest» setzungen usw. die Gewinne beträchtlich zu beschneiden!), während der Vorschlag I dem Reichskohlenrat durch ein fünf- .köpfiges Direktorium zugleich ein aktionskräf- tiges Instrument geben will, um den ganzen Bergbau in der technisch rationellsten und gemeinnützigsten Weise zu betreiben. Während also beim System II Privatbetrieb und Unternehmerinteresse unausgesetzt mit der Gemeinschafts- kontrolle und dem Gemeininteresse kollidieren müssen, ist das System I organisatorisch und psochologisch aus einem Gusse.' Gewiß, das muß der Gruppe II zugestanden werden: die radikale Umgestaltung lies Bergbaus ins Sozialistische wäre„ein Sprung ins Dunkle", enthielte ein Risiko. Es fragt sich nur, ob dies Risiko nicht unvermeidlich ist und ob nicht der Vorschlag der Gruppe-II gleichfalls ein Risiko enthielte, das noch bedenklicher sein könnte, als das der so- fortigen Vollsozialisierung. Denn bei einer unzulänglichen und unzweckmäßigen Sozialisierung des Bergbaus könnte nur zu leicht diese gemeinwirtschaftliche Organisation zu einem a b s ch re ck e n de n Z e r r b i hd werden, das zur v ö l l i g e n Rückbildung in jene Privq.t wirtschaftliche Organisation verleitete, deren Verwerflichkeit und Gemeinschädlichkeit heute doch alle Mitglieder der Scgialisierungskommission zugeben! Die Halbheit und Unfruchtbarkeit des Vorschlags II kennzeichnen die Vertreter des Vorschlags I sehr zutreffend mit den Worten:„Die Soziolisierung kann nur von Erfolg begleitet sein, wenn sie �den Gegensatz des privaten zum A l lg e m e i n i n t e r e s s e aufhebt, nicht indem sie die Vertreter beider Jntercsien zwingt, zusammenzuarbeiten. Wenn man das privatkavitalistische System erhalten und es lediglich einer scharfen Kontrolle unterwerfen will, so würde man die PrivateiFn i t i a tiv e a n ihrem Nerv treffen, ohne gleichzeitig die Vorteile des gemeinwirtschaftlichen Gedankens zu er- reichen." Die Richtigkeit dieser Ansicht liegt für jeden auf der Hand, der sich einmal in den Zwitterzustand der Organi- sationsform II hineindenkt. Unten Privatbetrieb, oben Reichskohlenrat: unten Profitbestreben, oben Profit- beschneidungstendenz: unten die Betriebsleiter und Beamten als Vertrauensorgane des Unternehmertums und oben eine Kontrollinstanz, die erwartet, daß die Leitung sich den Ve- diirfnissen des Gemeinwohls anpaßt! Was kann bei solchem Widerstreit der Interessen und Pflichten herauskommen, als Systemlosigkeit, Mißmut, Zähneknirschen, als heimliche Sabo- tage! Und der Reichskohlen rat selb st wäre ja durch den Jnteressenwiderstreit gelähmt und zerrissen. Denn während in ihm bei einer Vollsozialisierung als Vertreter der Industrie nur für die Gesamtheit amtierenden und in ihrem Interesse wirkenden Betriebsleiter säßen, wären im Falle II ja die für ihr P r i v a t i n t e r e s s e kämpfenden Unternehmer und ihre Angestellten die Jndustrievertreter! Ich glaube, daß eine gründliche Beschäftigung mit den beiden Vorschlägen die Partei zu derselben Ueberzeugung bringen muß. Die energische Betonung dieser Ueberzeugung aber ist von größter Wichtigkeit, da von ihr g a n z w e s e n t- lich die Gestalt des von der Regierung in Aussicht ge- stellten Gesetzentwurfs und sein späteres Schicksal abhängen wird! Die Noskau-Stipenüien. Die„Freiheit" erklärt: „Wie schon Genosse Haast in feiner Antwort an Joffe am 13. Dezember 1318 feststellte, hat die U.S.P. keine finanziellen Bei- Hilfen für den Verlag von Druckschriften erhalten. Der Partei- vorstand hat es wiederholt abgelehnt, russische Gelder an. zunehmen, weil es sich bei diesen Summen um Staatsgeldcr hau- delte. Unsere Ovganisadionen sind aus eigener Kraft stark geworden; sie haben sich nicht, wie die Kommunisten, von Rußland auf- päppeln und aushalten lassen. Wer dr: mvrnsische Zersetzung und Fäulnis in der K.P.D. kennt, die zu einem großen Teil auf das russische„Stipendiatentum" zurückgeht, wird diesen Standpunkt unserer Partei zu würdigen wissen." Nun hat wieder die ,L!otze Fahne" das Wort. Sie hat behauptet, daß Organisationen und Zeitungen der U. S. P. russisches Geld bekommen hätten. Will sie nicht mitteilen, welche Organisationen und Zeitungen das gewesen sind? Vielleicht diejenigen, in denen sich ein besonderer Eifer für Moskau kundgetan hat?_ Seüenkliche Selbsthilfe. Wie wir aus Mainz erfahren, verließen am vorgestrigen Dienstag etwa 13 900 Arbeiter ihre Arbeitsstelle, um nach ver- schiedenen Richtungen in die Umgebung zu ziehen und dort von der Landbevölkerung die Herausgabe von Kartoffeln zu angemessenen Preisen zu erzwingen. Bisher konnte nicht festgestellt werden, ob ein« Organi- sa t i o n hinter dieser Bewegung steht. Scheinbar handelt es sich um eine aus spontaner Erregung entstanden« Hilfsaktion der Arbeiterschaft. So begreiflich die Erregung auch scheint. so ist doch diese Art der Selbsthilfe gerade im Interesse der Arbeiterschaft bedenklich. Die Bauern, insbeiopdere die Großgrundbesitzer, sollten sich diesen Vorgang zur Warnung dienen lassen und schleunigst alles aufbieten, um die Bevölke- rung ausreichend zu ernähren. Eingewickelt— aber wer? München, 30. September.(Eigener Drahtbericht deS„Vorwärts".) Die Begegnung des Reichskanzlers mit dem bayerischen Ministerpräsidenten behandelt die bürgerliche Presse ganz im Stil der vorher aufgegebenen ofsiziösen Notiz. Die„Münchener Neuesten Nachrichten" sagen:„An dem Verhältnis Bayerns zum Reich hat sich in der letzten Zeit nichts geändert. Bayern steht nach wie vor in seiner Gesamtheit treu zum Reich." Die.Münchener Post" nennt die offiziöse Notiz ein Beruhigungspulver, das die „�nekKoten". Von Ludwig Hermann Borgwardt. Ich blätterte in einem alten Kalender und fand einen Ab- schnitt: Anekdoten aus dem letzten Kriege. Es waren die üblichen Geschichten mit huldvollst, leutselig usw. Anekdoten sind kleine Geschichten, die zu schön ssnd, um wahr zu sein. Ich will auch Anekdoten aus dem letzten Kriege erzählen. Der Stumme. Ein Soldat hatte durch Verschüttung die Sprache verloren. Er verständigte sich mit Arzt und Krankenwärter durch eine Schreib- tafel. Eines Morgens während der Visite schrieb er auf:„Ich kann wieder sprechen."—„So reden Sie doch, in Trefteufelsnamen!"— Er schrieb:„Ich werde nie wieder sprechen. Durch die Sprache ist die Mitteilung unüberlegter Gedanken in die Welt gekommen. Taraus wurde der Krieg geboren. Wenn ich gezwungen bin, jeden Gedanken aufzuschreiben, denke ich ihn erst richtig durch. Das ist ein Gewinn, den ich der ganzen Menschheit wünsche." Der Stabsarzt drückte ihm verstehend die Hand, konnte aber nicht verhindern, daß der Soldat, von dessen Lippen nie wieder ein Wort kam, in eine Nervenheilanstalt überführt wurde. Die Wärter zeigen dort den Besuchern sein blasses, zufriedenes Gesicht und sagen:„Ungefährlich, aber unheilbar!" Der Händedruck. Nach viertägiger, bartnäckiger. Gegenwehr ergab sich daS Sperrfort, da siebzig Prozent der Besatzung gefallen und sämtliche Ver- teidigungSmittel vernichtet waren. Sein Kommandant und der Führer der Mngrifistruppen trafen sich auf einem Hügel vor dem Fort und wechselten einen Händedruck, der gegenseitige Achtung aussprach. Da blitzte in einem der beiden ein Erkennen auf:„Wenn wir diesen Händedruck vor vier Tagen gewechselt hätten——"— „-- lebten achtzehnhnndert Menschen noch!" vollendete der andere. Beide schwiegen. In der Ferne schrie ein Sterbender. Die Parade. Ein Oberst hatte mit seinem Regiment eine für uneinnehmbar gehaltene Stellung unter großen Verlusten gestürmt. Als die Truppe aus der Feuerstellung Herausgezogen wurde, befahl sein Landesfürst das Regiment zur Parade. Ter Oberst tobte, weigerte sich, wollte seinen Truppen die wohlverdiente Ruhe nicht durch Paradedrill verkürzen. Korpsbefehl jagte Korpsbefehl. Man ihm das Regiment zu nehmen, ihn zur Disposition zu stellen. Um sein Regiment-zu behalten, führte der Oberst es zur Parade. Die Regimentsfahne war schwarz umflort. Die Kapelle spielte den Trauermarsch von Beethoven. Jedem der stark gelich- teten Züge folgten vier Wagen mit je vier Särgen: Die Toten des Regiment? nahmen an der Parade teil. Ohne Kommando, ohne Gruß zog der Trauerzug in den nebeltrüben Novembermorgen. Der LandeSfürjt wandte sich ab, erblassend.--- Mir fällt noch eine Anekdote aus dem letzten(?) Frieden ein. Ehrlichkeit. Die Familie eine? kleinen Beamten war zu Besuch bei einem Verwandten gewesen, dessen Beruf Kaufmann(lies Schieber) war. Sie hatte sich alles gut schmecken lassen und ging nun nach Hause. Unterwegs fand folgende? Gespräch statt: „Die Leute Habens gut!"— „Unsereiner mutz sich abrackern und hat nichts davon!"--- „Wenigstens behält man seinen ehrlichen Namen."— „Auch recht waSl"--- „Möchtest du wuchern und schieben, betrügen und belügen? Ich will ehrlich bleiben I"— „Red' nicht, wir sind zu feige und zu dumm, um unehrlich zu sein, sonst würden wir eS auch so machen." Ein Seufzer. Sie stiegen in ihre Wohnung, die die Wider- wärtigkeiten deS kleinen Leben» ihnen entgegenatmete. Deutsches Theater: Einsame Menschen. Gerhart Hauptmann kam, um zu danken, oa man ihn durch verlangenden, nicht ermüden- den Zuruf begrüßte. Erst nachdem er sich einigemal verbeugt hatte, beruhigten sich die Kehlen und die Hänve. Die Jugend, die�eintg« Schauspieler umschwärmte und den Namen in den Hauptmannschen auch hineintoben ließ, berauschte sich zusehends an der schönen. Ehr- furcht fordernden Gestalt des alterndes Mannes. Diese Kundgebung war das Ueberraschende und Trostvolle des Abends. Die Zeil hat auch von dem Trauerspiel der„Einiamen Menschen" einigen Schmelz genommen, der einstmals an dem Glanz zufälliger Dinge etwa von dem Nachgcllen religiöser stürme, von dem Kampf um Höckel und Darwin und dem bißchen Streit um das Frauenstudium herkam. Das Gefühl des Dichters und sein starker Sinn für gesunde dramatische Spannung sind aber noch kräftiger als die beschränkte Zeitlichkeit seiner Stellung zu öffentlichen An- gelegenheiten. Darum eiferte die Lrebe, die ihn noch keineswegs lassen will. Gerhart Hauptmann �war de? neue Regisseur seines Stückes. Man weiß nicht, ob die Schuld ihn gllein trifft, daß einiges um mehrere Schwingungen zu laut, fast zu theatralisch gebracht wurde. Bei Else Lehmann, der alten Frau Vockerat, ging diese Neigung zur heftigsten Betonung geradezu ins Lärmende. Eine prächtige Virtuosin spielte, die es bedauerte, daß sie auch manchmal den Mund schließen mußte. Und dann bettelte sie durch Bewegung und Blick noch ins Parkett hinunter. Sie zerrt« an sich, sie zerrte auch an Umrisse, dem Sohn«, dem Romantiker mit Darwinträumen. Die Umwege, auf denen Hauptmann diese gebrechliche Menschenkostbarkeit be- bürgerliche Presse zu einem Schlafpulver umwandelt. T:?. „Post" verlangt, im Landlag und im Reichstag sollen Fragen gestellt werden, wie Herr von Kah? sich zu den B a m- b e r g e r Beschlüssen stelle und was die Reichsregierung dazu sage. Die„Post" meint, einer der beiden Sra-Nsrnänner sei eingewickelt. Kahr ober sei es gewiß nicht. 5 müsse den 'Reichskanzler im Reichstag wieder auswickeln! Lojsalle unö üie Iuüen. Gen. Ed. Bernstein schreibt uns: Von verschiedenen Seiten kommen Anfragen an mich, wie es sich mit dem von annse- mitischer Seite auf Zetteln verbreiteten angeblichen Ausspruch Lossalles verhält, die Arbeiterbewegung habe sich fernzuhalten von Kapitalisten und Juden; wo diese als Leiter und Führer austreten, da verfolgen sie auch eigene jüdischeZwecke. Man will wissen, ob Lassalle sich irgendwann so oder ähnlich geäußert hat, und wo dies zu finden sei. Ich kann darauf erwidern, daß ich weder bei Gelegenheit der ersten Auflage meiner Gesamtausgabe der Reden und Schriften Lassalles noch bei der Arbeit für die nun in zwölf Ländern er- scheinende zweite Auflage jenes Sammelwerks auf irgendeine Aeußerung Lassalles gestoßen bin, die auch nur entfernt auf eine solche Sinn- und Geschmacklosigkeit hinausliefe. In keiner Rede oder Schrift, in keinem Erlaß oder Brief LassalleS, der so gedeutet werden könnte, Lassalle hat sich gelegentlich absprechend über die Juden geäußert— und welcher Angehörige eines Volks- stamms hätte sich nicht über diesen wirklich oder vermeintlich an- haftende Fehler aufgehalten—> aber nie hat er sich zu einer solchen Albernheit verstiegen, wie jenes angebliche Zitat ihm unterstellt. Wohl findet sich in den von Lassalle verfaßten Instruktionen an die Bevollmächtigten des Allgemeinen Deutschen Arbeiter- Vereins vom 17. Juni 1863 unter Ziffer 8 ein Aufsatz, der von Ausnahmen in bezug auf die Aufnahme in den Verein handelt. Es wird dort vorgeschrieben, daß allen Personen die Aufnahme zu versagen sei, von denen den Bevollmächtigten bekannt sei, daß ihnen„eine schlechte. Haltung in politischer oder sittlicher Hinsicht" zur Last falle, und daß, wo Bedenken gegen die Ausnahme von Personen vorzuliegen scheinen, man sich-unter Angabe der für und wider sprechenden Gründe an den Vorstand des Vereins zu wenden habe, worauf es in Sperrsatz heißt: „In die Klasse von Personen, in bezug auf d i« stetS zuvor beim Vor stände anzufragen ist, gehören der Regel nach alle Literaten". Hier kommt Lassalles auch sonst kundgegebene Verachtung der Literaten von Beruf zum Ausdruck. Wenn man aber sich er- innert. � daß zu den ersten Literaten, deren Ausnahme in den -Verein Lassalle betrieb, gerade die Juden Eduard Löwenthal und Moses Hetz gehörtey, während derjenige Literat, mit dem Lasialle damals in den heftigsten Streit geriet, Wilhelm Wackernagel, ein Urgermane war, daß der Kassierer des von ihm gegründeten Vereins und Vorstandsmitglied der jüdische Kaufmann Gustav L e w y war und daß, von besonderen jüdischen Zwecken zu reden, damals für Lassallö überhaupt ein Unding gewesen wäre, dann wird man stch ohne weiteres sagen können, was es mit seinem angeblichen Ausspruch für ein Bewenden hat: er ist eine ganz gemeine Fälschung. Waffenablieferung unü Reaktion. Nachdem die Ablieferungsbedingungen für die Waffen seit vier Wochen allgemein bekannt sind, hafte man denken sollen, daß sie keinen Grund zu besonderer Aufregung mehr bieten. Daß es Leute gibt, bei denen vi« Entrüstung sehr spät kemmt, ergibt sich aus einex Zuschrift, die die„Deutsche Tageszeitung" kürzlich brachte. Darin wird in beweglichen Worten über die Versibwendung von Reichs- g e l d e r n geklagt, die darin bestehe, daß man Prämien für die abgelieferten Waffen bezahle. Ter Einsender beruft sich dabei noch irrtümlicherweise auf das G e s e tz, indem er angibt, daß nur für rechtmäß-g erworbene Waffen Prämienzahlungen erfolgen dürften. Wir wollen uns nicht darüber streiten, wie man auf rechtmäßige Weis« überhaupt in den Besitz von Militärwaffen kommen kann. Aber niemand ist sich wohl darüber im unklaren, daß weitaus die meisten Ablieferungswaffen nicht gerade auf einem absolut seitigt, sind sehr wunderbar. Moissi machte das nicht sanft genug, ihm schienen Sie Sätze, diese kurzen, zerschnittenen, durch Halbton sehr beredten Sätze, zu kurz. Es entstano eine Rhetorik, die von einem Erstickenden stammle. Darm aber ging der Stil in eine Reife übeft die doch wieder von der erfreuenden, blühend entwickelten Jugend kam. Auguste Pünkösdy hat immer etwas seitwärts gestanden. Man hatte ihr immer halbe Lebensaufgaben und episodische Tragik oder Heiterkeit anvertraut. Sie spielte diesmal die klare, die in der düsteren Trauer noch schimmernde Gattin. Vockerats. Die Gefahr war sehr groß, daß sie sich zu einer hausbackenen Hysterie umformte, Sie entging jeder Gefahr. Sie war Natur selbst und im tragiscben Moment so eckt, daß jedes' Tbatcr Leben wurde. Hans Marr und Werner Krauß und Agnes Straub sinv drei Sckauspieler, deren Tugend wächst, wenn die Dichtung sich in menschlicher Sphäre be- hauptet. Sie brachten sich gehorsam und ohne Rücksicht aui besonderen Virtuosenehrgeiz dem Dichter dar. M. H. Eine Kriegs-Robinsonade. Eine eiaenartige Negergeschichte an? dem Wel'kriege hat uns Genosse H. T b u r o w in seinem le'cns- werien Buche„Butu S i m b a's Mission in E u r o v a" (Berlin, Buchhandluna Vorwärisi ae'chenlt. Tburow gibt den Ro- man eines französischen Kolonialsoldaten ons dem Herfen de? ichwarzen Erdteils. Butu Simba iolgt dem Rufe der fran-öii-chen Werber, iäbrt mit seinen Lands beulen nach Eurova. wird für den Schüyengraben gedrillt, kommt an die Front»nd verwundet in deut'che Gefangenschaft. Hier wird er als anthropologisch inter« eiiantes Wundertier bestaunr. Er macht einen Fluchtversuch, probiert es als landwirtichcfttlicher Arbeiter, geht in eine Fabrik und enl- kommt schließlich wieder zu den Franzosen. E>ne schwere Ver-' wundung bringt ihn ins Laiareit, aus dem er. als»'cht mehr kriegSverwendungssäbig. die Rflcklebr in die Heimai antritt. Noch langen Jiriabrien und Mißgeschicken findet er endlich den Weg in sein Heimatdorf. Er. der in der Bolltraft keiner besten Jabrc hier ausgezogen, ist als Kriegskrüppel wieder heimgekehrt. Mit taufend Fragen stürmen ieine Landsleute aift ihn ein. Aber alles KiieaS- erleben eiicheinl ihm nur wie ein Traum. Das Einzige, was ihm in der Fremde beinerkensweri erschienen, ist nicht die mordende Waffe, sondern der ftieistiche Pflug. Jbn in seiner Seimalgemenide einzuführen, gibt er sich alle erdenkliche Mühe. Wie eine ieine Ironie auf die wild zuckenden Krämpfe der Kriegsjabre im„Kultur- erdleil" Europa, klingt dieser Ab'chluß deS unterballenden Buche?, dem ein recht zahlreicher Leserkreis zu wünschen ist. I. Theater. Im Kleinen Theater gebt.Die PsarrhauSkomödie' am Sonnabend mm 200. Male in Szene. Jlfn(Brüning und Edgar Licho treten in dieier ftufmhrnng nach längerer Unterbrechung wieder auf. Die Kammerkuult Berlin veranüaltet in der Berliner Sezession am Sonnabend. 2. Oll ober, ihren zweit-n Abend. Kurt Eiich M e u r er lieft aus eigenen Werlen. Voroerlauf: Bureau V 30. Eisenacher Str. 23. Abendlasse. „Dse Produktion als Lehrstoff der Produktionsschule- bebandelt ein Vortrag von Dr. Alexander R ü st o w. mit dem der zweite Tag der Oktoberkonseren de; Bunde» enlichiedener Schutttjotmer in der Gemeindt- sesthall« in Berlin-Lanlwi? beginnt. rechtsgültigen Wege in die Hände idrer Besitzer gelangten. Die bei � der Ablieferung ausgezahllen Gelder sind weiter nichts als eine Prämie für die Ablieferung, wie dies aus allen Bekanntmachungen hervorgeht. Wir können nicht finden, dasi diese Gelder schlecht angewendet sind. Sicher war ohne Prämienzahlung ein so schnÄIer Erfolg der Ablieferung, wie ihn die Entente forderte, nicht zu er- zielen. Auch wäre eine Wafsenerfasiung nur auf dem Polizeiwege und mit Anwendung von Getvalt in ihren Folgen unendlich viel teurer geworden. Tie Tränen» die die„Deutsche Tageszeitung" um die 13 MO M. weint, die angeblich einer Gemüsehändle- rin für 13 Maschin: ngewelre ausbezahlt worden sein sollen, scheinen uns Krokodilstränen zu sein. Nicht die Verschwen- dung der Reichsmittel betrübt unsere Putschisten, sondern vielmehr die Tatsache, daß das Ablieferungsgeschäft zu gut geht und daß loie Aussichten auf einen f r i f ch- f r ö h l> che n Bürgerkrieg zunichte zu werden drohen. Die Entrüstung der„Deutschen Tageszeitung" oder vielmehr ihres Briefschreibers ist wohl daraus zu erklären, daß infolge der Prämienzahlung auch in mehr als dort erwartetem Maße von bürgerlicher Seite Waffen abgegeben werden. Tarauf weist auch der Eimvand hin, daß die Einwohnerwehr- leute durch die Auffowerung zur Ablieferung der Waffen zur Unterschlagung ihrer Tienstwaffe angereizt werden. Wir waren immer der Auffassung, daß Leute mit so ausgeprägt„b ü r g e r- lichem" Ehrgefühl wie die Mitglieder der Einwohnerwehr von solchen Versuchen unberührt ble'ben müßten. Selbstverständlich ist es unzulässig, daß Einwohnerwehrwaffen gegen Prä- mien abgegeben werden, aber' die Möglichkeit,, daß dieser Fall ein- treten könnte, ist wahrhaft kein Grund, vie Wohltat der A n o- n y m i t ä t, die das Gesetz den Zlblieferern zusichert, aufzuheben. Der Termin öer Lanötagswahlen. Der Aeltestenrat der Preußischen Landesversammlung hat heute vormittag de» Antrag der Deutschaationalen, die Land- tagSwahlcn spätestens am 12. Dezember vorzunehmen, abgelehnt, dag.'gen den Antrag Tominicus angenommen, die Wahlen innerhalb 3 Monaten nach Verabschiedung der Verfassung vor- zunehmen. Die Dergarbeiterfrage in Englanü. London, 30. September. Die Konferenz der Bergwerksbesitzer und Bergarbeiter hat keine Uebereinkunft erzielt. Amsterdam, 30. September.„Telegraaf" meldet aus London: Der Sekretär des Bcrgarbeiterverbaiides H o d g e s hat bekannt gegeben, daß die Vertreter der Bergarbeiter Lloyd George milgeteilt ai n, die Besprechung mit den Bergwerksbesitzern über eine Lösung der Frage der Lohnstreiligkeiten hätten kein Er- gebnis gehabt. Lloyd George drückre sein Bedauern ldarüber aus und drang aus eine neue Zusammenkunst mit den Bergwerksbesitzern. Die Vertreter der Bergarbeiter antworteten, sie seien zu dem Schluß gekommen, daß ein weiteres Zusammen- treffen mit den Bergwcrksbesitzern keinen Nutzen haben könne, und daß sie morgen auf der Delegiertenkonferenz ihr Urteil zum Ausdruck bringen würden.— Wie das Blatt weiterhin meldet, sei der Streik unvermeidlich, wenn die Regie- rung. nicht schnell eii greife. Vor allem die Bergarbeiter von Süd- Wales verlangten hartnäckig sofortige Bewilligung der geforderten Lohnerhöhung. - Kein Boykott gegen entlasfcne Reichswchrsoldatcn. Von ge- wiiser Seite wird nöch immer Beschwerde darüber geführt,' daß die aus der ReichSiaehr. en'.lajsenen Soldaten boykottiert würden und iicholpodessen feine Arbeit finden könnten. Das trifft nicht zu. Wie die in Dresd-n erscheinende„Deutsche Soldaten- Zeitung" aus dem Neichswehrministcrium erfährt, werden alle gemeldeten Fälle dort genau untersucht. Diese Untersuchungen haben bisher in den weitaus meisten Fällen ergeben, daß ein wirklicher Boykott gar nieh! vorlag, sondern daß im Gegenteil häufig die früheren Reichs- wehrangehörigen selber durch ihr Verhalten den Anstoß zu ärger- lichen Vorfällen gegeben hatten, indem sie-für sich irgendwelche Sonderrecht« oder Sonderbe Handlung verlangten, sich der Fabrik- ordming oder den Anordnungen der gesetzlichen Betriebsräte nicht fügen wollten und dei gleichen. In anderen Fällen handelte es sich um mißverstandene oder aufgebauschte Aeußerungen einzelner. An diese Feststellungen knüpft die„Deutsche Soldaten-Zeitung" die Mahnung an die entlassenen Reichswehrangehörigen, jedes herausfordernde Auftreten zu Unterlasten. Wer den guten Willen zeigt, sich seiner neuen Umgebung anzupassen, der werde aarch keine Schwierigkeiten haben. Wir können das bestätigen. In Dirscha» verhaftet wurde von den Polen der Unabhängige H e r y. Freilassung erfolgt« erst nacki fast 80 Stunden. Hoffentliw tut die deutsche Regierung alles Erforderliche, um den polnischen Uedeiariffen auf deutsche Staatsangehörige baldigst ein Ende zu machen. Dark man fragen, wie die Eisenbahndirektion Han-� novcr, also eine republikanische Staatsbehörde, dazu kommt, reget- mäßig in einem regierungsfeindlichen Blatte, wie der „Kreuz-Zeitung", amtliche Bekanntmachungen zu erlassen?(Siehe Ankündigung einer Fahrplananderung in Nr. 469.) Was hätte man wohl zu Zeiten des alten Regimes dazu gesagt, wenn die- selbe Eisenbahndirektion zahlungspflichtige Anzeigen etwa dem „Vorwärts" ausgegeben hätte?! ES besteht nicht der geringste Anlaß für die Regierung, auf mittelbarem Wege ein sßlatt pekuniär zu unterstützen, das zu ibren gehässigsten Gegnern gehört, und man darf darum wohl der Erwartung Ausdruck geben, daß die„zu- ständige Stelle" der Eisenbahndirektion Hannover das Erfordec- liche alsbald zu verstehen gibt. Oder sollte es aus der„guten alten Zeit"� etwa noch irgendwelche bindende Bestimmungen geben, die den Eisenbahnbehörden das Inserieren in bestimmten Blättern zur Pflicht machen? Es erscheint uns doch notwendig, dahinter zu leuchten! Tuniultszencn in einer Polrnvcrsammlung. In einer gestern abend im LebrervereinsKau'e abgehaltenen Versammlung der„Ober- schlesischen Vollsptulei" kam es zu Schlägereien. Der Vorsitzende der Veriaminimig T o m a l l c, wieS auf lein Hausrecht bei etwaigen Störungen bin, was einen allgemeinen Tumult beivoiries. Tomalla selbst erhielt eine blutende Verlegung. Die Sicherheitspolizei räumte bald den Saal: acht Männer und eine Frau wurden ver- hafier Zu den Verhafteten gehört auch der aus dem Weißenseer Proiest bekannte Kommunist Ficktmann. Hermes soll sich verantworten. Der Hauptausschuß des Reichs- tages wird sich in seiner nächsten Sitzung am 18 Lklober mit den Borwürfen beschästigen, die gegen den Ernährungsminister Dr. Hermes wegen der Verwendung von Geldern aus der Preis- ausgleichskaste. für Siickstoff-Tüngemittel zur Anschaffung eines Lu.xusautomobils Und eines Zimmers erhoben worden sind. Herabsetzung der Polizeistunde in Bayern. Vom 1. November an wird in ganz Bayern die Polizeistunde auf 10 Uhr abends herabgesetzt werde». „Staat und Hochschule". Der preußische Kultusminister, Genosse H a e ii i s ch, veröffenlOchl unter dem Tit-l„Staat und Hochschule" ein Beiirag zur Nationalen Erziehungshage, in den nächsten Tagen ein Buch, das>n 16 Kapiielu die Erziebungsfrage und ihre staat- liche Neuregelung behandelt. DaS Buch erscheint im Verlag für Poltlil und Wirtschaft, Berlin. Ausschluß der Kommunisten aus der Labour Party. Ter Voll- zugSausschuß der e: glischen Arbeiterpartei hat die lokalen Ar- beilerparteien angewiesen, die Kommunisten auszuschließen. GroßSerün Ein Fugenöwohlfahrtshaus. Die Stadt Berlin hat im vorigen Jahre die gesamte Jugendwohlfahrt im Jugendamt zusamengefatzt. Hiermit wurde für die Arbeit an der Jugend die Einheitlichkeit erreicht, die bisher gefehlt hatte. In einer kleinen Denkschrift hat der bisherige Leiter des Jugendamts, Stadtrat Genosse Sassenbach, noch kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Magistrat eine Zu- sammensassung auch der Bureaus aller Zweige der Jugendwohl- fahrt gefordert. Zurzeit sind die Deputation des Jugendamis und die vier Abteilungen„Jugendpflegeamt",„Jugendfürsorgeamt",„Waisen- amt",„Vormundschaftsamt" in Räumen untergebracht die in den ver schieden st en Stadtteilen liegen. Die Deputation und das Waisenamt benutzen Räume des Waisen- Hauses Alte Jalobstr. 33/3S, das Jugendpflegeamt befindet sich Jüdenstr. 51/52 in einem Wohnhaus, das Vormundschaftsamt hat Unterkunft in dem Geschäftshaus Landsberger Str. 43/47 gefunden, �>ie Bureaus des Jugendfürsorgeamts verteilen sich auf das Wohn- Haus Oranienstr. 89(Fürsorgeerziehung), das Wohnhaus Mon- bijouplatz 3(Jugendgerichtshilfe, Anstalts- und Familienpflege), ' das Dienstgebäude des Polizeipräsidiums(Wohlfahrtsstelle), das Wohnhaus Jäidenstr. 51/52(Beratungsstelle). Die Klagen über die Unzulänglichkeit der Räume werden noch zunehmen, wenn in der neuen Stadkgemeinde Berlin auf allen Gebieten der Jugendwohl- fahrt die Arbeit sich mehrt. Auch können die einzelnen Abteilungen, führt die Denkschrift aus, nur dann ein einheitliches Ganze bilden und ersprießlich zusammenarbeiten, wenn sie fit ständiger Be- rührung miteinander sind. Die bisherigen Versuche, alle Abtei- lungen an einer Stelle unterzubringen, sind erfolglos geblieben. S. p. v.-Zunktionäre! Freitag, den 1. Oktober, abends 6 Uhr, im„Deutschen Hof", Luckauer Str. 15: Allgemeine Konferenz samtlicher Funktionäre der S. P. D. Tagesordnung: Unsere Stellung zur Berliner Kommunalpolitik. Referent: Genosse Adolf Ritter. Mitgliedsbuch und Ausweiskarte werden am Saaleingang kontrolliert. der Sezirksvorstanü. wohlfahrtShanS herzugeben. Darin wäre nicht nur die Depu- Geschäftshäuser, die in Aussicht genommen waren, wurden vom Wohnungsamt nicht freigegeben, und Anträge aus Ueberlassung von Kasernen lehnte das Reichsschatzministerium ab. Die Denkschrift schlägt jetzt vor, die von der Sicherheitspolizei benutzte Kaserne am Kupfer graben zu einem Ingen d- tation und die vier Abteilungen unterzubringen, sondern auch das Berufsamt, ferner ein Bczirksjugendamt und eine Säuglingsfürsorgestelle, weiter eiste Unterkunftsgelrgestheit für obdachlose oder sonst gefährdete Kinder, schließlich auch Bureaus der Jugend- wohgfahrisvereine. Im Waisenhaus würden dann.Räume frei, die dort dringend gebtaucht werden, weil eine erhebliche Steigerung des Zugangs von Waisenkindern zu erwarten ist. Das Recht öer 5rau. Regelung der Geburten. Der Bezirksverband Groß-Berlin der S. P. D. veranstaltete gcnern abend eine Frauenversammlung im LeHrervereinShause, in der Klara Bohm-Schuch über die Frage der Unterbrechung der Schwangerschaft sprach. Unter den heufigen Wirtschaft- lichen Verhältnissen wird auch von den ärgsten Gegnern die Not- wendigkeit einer Geburtenregelung anerkannt. Bislaarg ist diese aber noch durch» das Strafgef etzbuch unter schwere Strafe gestellt. Eine werdende Mutter, die ihre Schtvangerschaft unterbricht, wird mit Zuchthaus bis zu 4 Jahren, wer dazu Beihilfe leistet, mit Zuchthaus bis zu 10 Jahren bestraft. Demgegenüber steht die nackte Tatsache, Laß nach statistischen Feststellungen vor dem Kriege in Deutschland jährlich 300 000 Abtreibungen vor- genommen worden sind, diese in Wirklichkeit, aber etwa das Drei- fache dieser Zahl betragen haben. Daraus ergibt sich, daß die beiden 218 und 219 des' Strafgesetzbuches, die die Strasbesfim- inungen � enthalten, durch die Tatsachen überlebt sind. _ Es ist öffentliches Geheimnis, daß Frauen der wohlhabenden Stande die Schwangerschaft mit ärztlicher Beihilfe unterbrechen. Unfemifielte Frauen, die nicht in der Lage sind, die hohen ärzt- lichen Kosten dafür zu bezahlen, sind gezwüngen, sich an jene dunklen Existenzen zu wenden, oie eben aus der Not dieser Frauen sich einen lohnenden Erwerb schaffen, unter Außerachtlassung joz- liehet ärztlicher VorsichiSmaßnahmen den Eingriff vornehmen und so das Leben ihrer Patientinnen aufs Spiel setzen. Die Bestim- mungen des Strasges�tzbuches sind also ein Ausnahmegesetz gegen die nichibesitzenden Klassen. Ferner tritt die Sozialdemokratie für die Gleich- stellung der unehelichen Mutterschaft mit der ehe- lichen ein. Es sei eine Schande, daß es überhaupt eine Klassi» fiz.erung der Mutterschaft gebe Viele Frauen würden gern die uneheliche Mutterschaft auf sich nehmen, n.cht aber die moralisbe Aechtung. Es ist ein« ethische und volkswirtschaftliche Forderung, jedem jungen Mädchen Gelegenheit zu geben, zur Verhinderung der� unehelichen Mutterschaft zum Arzt zu gehen, ohne sich der Gefahr aussetzen zu müssen, dafür ins Zuchthaus zu kommen. Weiter würden dmdb Aufhebung der Strasbestimmungen Tausend« von unglücklichen Ehen unmöglich gemacht werden, die nur unter dem Zwange des kommenden Kindes geschlossen worden sind. Wir fordern freien Willen zur Mutterschaft, denn nur freie Mütter können freie Kinder gebären. �Tie Sozialdemoktaiischc NcichStagSfiakiion hat aus all diesen Gründen einen Antrag eingebracht, der die Aushebung der Sirafbestimmunaen der§§ 218 und 219 fordert, wenn die Unter- brechung der Scbwanaerichasi• von einem staatlich anerkannten Arzte innerhalb der ersten drei Monate vorgenommen worden ist. Kein Schülerftreit in Groh-Berlin. Ter Elternbeirat der Bertram- Realschul« in der Alexandrinenstraße hat gestern beschlossen, sich gegen einen S ch u l st r e i k anläßlich der Wahl Dr. Löwensteins auszusprechen. Es soll lediglich versucht werden, durch Vorstellungen bei der Auf- sichtsbehörde die Bestätigung des Gewählten zu verhindern. Es wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß es nicht angebracht sei, die Kinder zu schulpolitischcn Zwecken zu gebrauchen, sondern es Sache der Eltern sei, den Kampf"uszufechtcn. Einen ähnlichen Beschluß bat der Elternbeirat des U l r i ch- L h z e u m s in der Schönhauser Allee gefaßt. Ter Elternbeirat der 13. Realschule am Schleswiger Ufer, wo bekanntlich kürzlich ganz spontan ei« Streik ausgebrochen war, hat diesen Schritt entschieden gemißbilligt und beschlossen, eS bei einer Protestkundgebung bewenden zu lassen. Nach dieser Stellungnahme darf mit Sicherheit angenommen werden, daß es zu dem angekündigten Schulstreik als Protest gegen die Wahl Dr. Löwensteins zum Oberstadtschulrat nicht kommen wird. « Die katholischen Organisationen Groß-BerlitiS planen zum nächsten Sonntag eine Protestkundgebung gegen die Wabl Dr. Löwenstefils zum Oberstadtschulrat. Van den ein- zelnen Kirchen aus sollen Umzüge unter Vorantritt der Geistlichen stattfinden._ Schmnrksachenräuber auf der Eisenbahn. Eine Bande von Eisenbahndieben wurde bis auf den noch fehlenden Führer von der Eisenbahnüberwachungsstelle und der Kriminalpolizet hinter Schloß und Riegel gebracht. Auf ihre Spur kam man durch einen großen Diebstahl aus dem Anhalter Bahnhof, bei dem den Tätern aus einem erbrochenen Eilkurs- wagen für mehrere hunderttausend Mark Pforzheimer Schmucksachen aus Platin, Gold und Silber in die Hände sielen. Die Ucberwachungsstelle ermittelte, daß Hilfsarbeiter, die auf dem Bahnhof beschäftigt waren, ihre Hand im Spiel haben mußten. In Verbindung mit der Kriminalpolizei gelang es jetzt, neun Personen, darunter eine Frau, zu überführen und festzunehmen. Ter Anführer dagegen, ein Bahnuntsrhaltungs- arbeiter Gustav Kutzner, ist flüchtig und wird noch gesucht. Kutzner erbrach den Wagen, während die anderen, ebenfalls Bahn- unierhaltungSarbeiier, ihm Handreichungen leisteten oder die Aus- passer spielten. Er nahm auch den Hauptanteil der reichen Beule an sich. Bei mehreren Verhafteten förderte die Durchsuchung der Woh- nung noch Beutestücke zutage. In einer Wohnung erschien Kutzner noch nach der Verhaftung deS Inhabers und ließ sich von dessen Frau die verborgen gehaltenen Schmucksachen herausgeben, um sie ebenfalls noch auf die Seite zu bringen. Die Ermittlungen, für welche weitere BahnhofsSiebstahle die Verhaftdten und der flüchtige Kutzner noch in Betracht kommen, sind noch nicht abge- schlössen._ Christenerziehung mit Ohrfeigen und Stoikhieben. Die in Berlin am letzten Sonntag veranstaltete De mon- strution für die weltliche Schuleist, weil auch S ch u i- linder an ihr teilnahmen, in den Gemeindeschulen naturgemäß Gegenstand der Unterhaltung zwischen den Kindern. In der katho- fischen 16. Gemeindeschule(Mohrenstraße) erzählte ein Junge in der Pause nach der Rcligionsstunde feinen Mitschülern von dieser Demonstration und machte dabei die Bemerkung:„■£ o y i e l e Väter waren im Kriege, und ihre Kinder haben soviel geb- et— uno die Kugel hat sie doch zerrissenl" Ter or Majewski, dem der Klassenlehrer Balzer das meldete, lti dem Schüler rufen, stellte ihn zur Rede: „W as-�eSgibtkeinen Gott!?" und gab ihm eine kräftige O hrfeige. Dem Vater ließ der Rektor sagen, er solle zwecks Aus- schulung des Sohnes, der eine Gefahr für die anderen Kinder sei, zu efiier Besprechung kommen. Ter Vater tat das nicht, sondern schrieb dem Rektor, die Antwort könne nur sein, daß die ganze Familie auS der Kirche a u S i r i t t. Darauf ermahnte der Rektor die gani- Klasse, auf diesen Schüler zu achten, und drohte ihm, wenn er nach einmal etwas gegen die Religion sagen würde, ihn auf Beschluß des Lehrerkollegiums durch den Schul- diener verprügeln zu lassen. Van Ohrseigen, die er gibt, und von Stvckbicben. die er durch den Schuldiener verabreichen lassen will, verspricht der Rektor sich wohl die Wirkung, daß der Junge zu einem gläubigen E h r i st e n.wird uno die Famiii: der Kirche treu bleibt?_ Handhabung der Binipolizet in Verlin. Solange für die neue Stadtgcmeind: Berlin d'« in Vorbereitung befindliche einheitliche Organtfa'tiem der Verwaltung der Baupolizei noch nicht durchgeführt ist, wird fiir dm. Uebergang'zeit folgendes bestimmt: In den Ge- bieten 0.7 Si>Mgemeinde Charlottenburg, Berlin, Sich» tenberg und Neukölln oebt vom 1. Oktober ab die Handhabung der Baupolizei von den Polizeiprästdenlen von Charlottcnburg, Berlin, Lichtenberg und Neukölln auf den Polizeipräsidenten von Berlin über. In den übrigen Gebietsteilen der neuen Stadtgemeinde Berlin erfolgt vom 1. Oktober ab die Handhabung der Baupolizei durch den Ob erbürgermeister von Berlin, in dessen Auftrage die bisberigen kommunalen Beamten die Baupolizeigeschäfte in der- selben Weise und in demselben Umfange wie bisher weiterführen. Kursus über Edelsteinkunde. Die Handwerks kam wer zu Berlin beabsickügt demnächst unter Leitung von Professor Dr. Belowsky an sechs aufcinanderfolgennden Sonntagen einen Kursus über spezielle Edelsteinkimde zu veranstalten. Der Lehrgang findet vormittags von 9—12 Uhr im Mineralogisch-petrographischen Institut und Museum der Unwersitüt, Berlin N. 4. Jnvalidenstr. 43, Museum für Naturkunde, statt und bebandelt an reichlich vorgelegtem Material die chemischen, kristallographischen und physikalischen Eigenschaften der einzelnen Edelsteine, ihr Vorkommen in der Natur und ihre künstliche Darstellung sowie die Untersuchung geschliffener Steine. Tafeln, geologische Karten und optische Demonstrationen werden den Vorlrag in ausgiebiger Weise begleiten. Anmeldungen sind unter gebührenfreier Einsendung der Teilnehmergebübren von 18 M. an die Handwerkskammer, Berlin SW. 61, Teltowcr Straße 1— 4, zu richten.________ Sro�-Oerlmer partewachrlchten. Heute, Ztt. September. Mosenthal. 7 Uhr Vorstands htzung bei Petra»: die Bezirksführer sind dazu eingeladen. Morgen, 1. Oktober. 9. 9l6f. 5 Mr: Bezirkssührersitzung. Abholung und Verteilung der „Vorwä.ts-'ExcmpInre bei Fenz. Naunynstr. 69. Ii?. Abt. 7 Uhr: Sitzung der lfunft'vnäre und BctricbSvertraucnZ- leute bei Dobroblaw. Swinemüuder Str. 11. Britzer Abeiterefiern. Im Lokal von Maier, Chausseestr. 69, findet eine Versammlung des Vereins.Arbeiterjugend» statt. Thema:„Was der arbeitenden Fugend not tut». Reserent: Genosse Joseph- Berlin. An- schließend Aussprache. Macht Eure Kinder aus diese Veranstaltung aus- merksam l Beainn 7", Uhr. Kreis XI Schöneverg< Friedenau. 8 Uhr in der Schule Marlin- Luiber-Slr. 22 gl vi e össenllicke Vcrsonlmlung. Thema: Der 30jährige Todestag des SozlalifiengesetcS. Reserent Dr. Schütte. Freie Aussprache. Die Versammlung wiid durch Gesang des Schöncberger Arbeiter-Gelang- Vereins eröffnet.— D e Abteilungsvorstände holen sich die Agitations- nummern des.Vorwärts' bei Obst, Marlin-Lnther-Sfi. 69, ab. Sonntag srüb erfolgt Nachfrage bei den Belegten, ob sie den.Vorwärts' bestellen wollen. Die Genossen haben darum vollzählig sich an der Verbreitung und Nachsrage zu beteiligen. « Post- und DelegraphenbeamtenauKschüfle Groß-RerlinS. Erste Grnppenve-.iammlvngen: Gruppe Süden heute 8 Uhr bei Klude, Ritler- streijc 32, Ecke Fakobilirchstr. Gruppe Norden: 2. Oktober, 7 Ubr, Ncinmeiiterstr. 16/17, Sophienlchirle. Gruppe Telegraphen- und Fernsprechämter: 4. Lklober, 6 Uhr, Dcinmeisterstr. 16/17, Sophien- schule. Gruppe Zentrum: 6. Lllober, 8 Uhr, Postscheckamt, Dorothcen- stratze. Gruppe Lichtenberg: 7. Ottober, 8 Uhr, Fratanzani, Frank- surter Allee 230, Ecke Magdalenenstr. Tagesordnung: I.Bericht über die Verhandlungen zur Organisierung der Beamtenräte. 2. Ans- spräche über den Bericht. 3. Wahl der Gruppenleitung. 4. Wahl einer Kommission zur Ausstellung der Geschäftsordnung. S. Verschiedcues. Vorträge, Vereine unü Versammlungen. Arbeiter-Steiiographeiivrieiu.Arendo». Freitag, den 1. Oktober, abends 7 Uhr, in der städvschen Pftichtjortbildungsschule, Zimmer 1, Georgen- stratze 32/34: Beginn emss neuen AnsängerkursuS. späteste Anmeldung am Freitag, den 8. Ottober. ReichSbuud(Bezirk Friedrichsbaaen). Freitag, den 1. Ollober, abends T1/, Uhr, Mitgliederversammlung bei Otto, Ktrchstr. 26. OewerMastsbewegung -B! Streik der städtischen Güterarbeiter. Die Arbeiter der Güter der Stadt Berlin sind am gestrigen Mittwoch in den Streik getreten. Der Anlast zu dieser Maßnahme sind LohNdifferenzcn. In dem bisher geltenden Tarif war vor- gesehen, daß alle zwei Monate durch eine zu diesem Zweck«inge- L'etzte Kommission die Lohnsätze unter Berücksichtigung der Herr- senden Teuerungsverhkiltnisse nachgeprüft werden sollten. Zum letzten Nachprüsungstermin hatten die Gutsarbciter, die kein De- putat beziehen, eine Lohnerhöhung um 35 Prozent, die Arbeiter mit Deputat eine solche um 50 Prozent gefordert. Die Kommission hat aber lediglich eine Erhöhung der Kinderbeihilfe um wöchentlich 2 M. auf 8 M. zugebilligt. Während der Magistrat diesem Schicldsspruch zugestimmt hat, haben die Arbeiter ihn ab- gelehnt. Der Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiier als Organisation der Gütcrarbeiter hat sich bemüht, eine gütliche Bei- legung des Konflikts zu erreichen. Eine Urabstimmung unter den Gutsarbeitern hat jedoch ergeben, daß Sch Prozent für den Streif waren. Gegenwärtig finden wiederum Verhandlungen zwischen der Arbcitnehmerorganisalion und der zustänidigen Ma- gistratsdeputation statt, um eine möglichst schleunige Beilegung des Streiks herbeizuführen. 5kauipf gegen Gehaltsabbau im ZeitungSgewerbe. Der Arbeitgebsrverband jm Zcituugsgewerbe hat bei den gegen- wältigen Tarifvcrhandlungen das Verlangen gestellt, einen A b- bau der Gehälter um 20 Proz. vorzunehmen. Die Ange- stellten fordern dagegen Gehaltserhöhungen von 15 bis 20 Proz. Eine Verständigung über die Erneuerung des am 30. September ablaufenden Tarifs konnte nicht erzielt werden. Eine am Mittwochabend abgehaltene sehr stark besuchte Ver- sammlung der Angestellten im ZeitungSgewerbe wies das Verlangen der Unternehmer entschieden zurück und verlangte, daß an den Forderungen der Angestellten festgehalten werde. Tie Vertreter aller für diese Bewegung in Frage kommenden Gewcrkschaftsrich- tungen waren darin einig, daß ein Abbau der Gehälter ganz energisch abgewehrt werden müsse und dast in dieser Sin- ficht eine vollkommene Einheitsfront der Angestellten bestehe.— Mitgeteilt wurde, daß die Verlage des„Vorwärts" und der„Freiheit" schon vor einiger Zeit mit ihren Angestellten HauStarifc mit wesentlich höheren Gehaltssätzen abgeschlossen haben als im bisherigen Tarif vorgesehen sind. Einstimmig wurde eine Resolution angenommen, welche sagt, daß die Angestellten an ihren Forderungen festhalten, oa die jetzigen Gehälter zur Bestreitung des Lebensunterhalts nicht ausreichen. Jeder Lohnabzug wird mit Entrüstung abgelehnt. Die Afa wird beauftragt, den Kampf mit dem Arbeitgeberverband zum siegreichen Ende zu führen._ Zeitlohn oder Akkord? In einer austerordentlichen Mitgliederversammlung des Zentral- verbände? der Töpfer, die am Mittwoch in den Sophiensälen tagte, wurde der Bericht der Lohnkommission über die V e r h a n d- l u n g e n in der Tariffrage gegeben. Aus den Ausführungen von Kemnitz ging namentlich hervor, daß sich die Meister und ibre Vertreter aus den Unternehmerorganisationen gegen die all- gemeine Einführung des Zeitlohnes und gegen di« tarifliche Fest- legung der siebenstünhigen Arbeitszeit mit Händen und Füßen sträuben. Bei Aufrechterhaltung dieser Forderungen dürften die Verhandlungen als gescheitert angesehen werden. Die Sitzung mit den Arbeitgebern habe bewiesen,. dast die Tarisvorlage mit diesen Forderungen ohne Kampf nicht durchgeführt werden könnte. Redner verlas die Tarifvorlage der Lohnkommission. Als Stundenlohn sieht sie 8 M. vor. Die vorgesehene siebenstündige Arbeitszeit soll für die Monate November, Dezember, Januar und Februar auf sechs Stunden vermindert werden.— Nach einer sehr lebhaften Dis- kussion wurde geheim darüber abgestimmt, ob am 1. Oktober, wo der bisherige Tckvis abläuft, für di« Einführung der all- gemeinen Zettlöhu arbeit eventuell in den Streik«in- getreten werden soll. Dies, wurde abgelehnt. Di« nach dem Statut für Angriffsstreiks erforderliche Mehrheit von drei Vierteln der Anwesenden würbe nicht erreicht. Es wurden 3-15 gültige Stimmen abgegeben, wovon 234 mit Ja stimmten und III mit Nein.— Nachdem so die Lohnkommission weiteren Spielraum für die Verhandlungen erhalten hat, werden die Verhandlungen mit den Meistern fortgesetzt werden. Kemnitz gab noch folgende, auch für die Presse bestimmte Erklärung ab: Es sei in der Diskussion be- tont worden, dast auf den Siödlungen die anderen Bauhandwerker einen Druck aus die Kollegen für die Einführung der Zeitlohnarbcit ausübten. Nun, sind wir auch nicht in der Lage, die Lohnarbeit im allgemeinen durchzuorücken, so werden wir doch alle Hebcl in Bewegung setzen, auf den Siedlungen die Lohnarbeit durchzuführen. Wir wenden unS auf keinen Fall dahin binden bei den Vcnhand- lungen mit den Meistern, dast überall in Akkord gearbeitet werden müßte. Es folgt« noch die Berichterstattung vom Austerordentlichen Verbandstag in Meisten, über den wir berichtet haben. Die Disl kussion darüber wurde vertagt. Abbrnch der Tarifvcrhandlungen in der Afphaltinduftrie. Die Angestellten dieser Branche, und zwar SandlungSgehilfen, Techniker und Werkmeister, gehören mit zu den schlecht entlohntesten Angestellten Berlins. Der vor einigen Monaten abgeschlossene Tarifvertrag sieht in den untersten Gruppen für die drei Grrppen von Angestellten Gehaltssätze von 050 und 775 M. vor, während das Grundgehalt in den höchsten Gruppen 860 und SSY M. ssekrägk. Die weiblichen Angestellten erhalten außerdem nur 85 Proz. dieser Sätze. Angesichts der Verteuerung der Lebensverhältnisse und der rigorosen Handhabung der Steuerveranlagung gegenüber den An- gestellten haben diese an die Unternehmer der Branebe das Er- luchcn gerichtet, ab l. August 1920 eine 20prozenlige Teuerungszulage zu gewähren. Bei den Tarisverhandlungen am 29. Sep- lember waren die Vertreter einer großen Firma auch durchaus geneigt, der Forderung der Angestellten voll zu entsprechen. Ein- zelne rückständige Arbeitgeber, darunter besonders der Vorsitzende der Vereinigung, brachten aber ein Verständnis für die Lage der Angestellten nicht auf und lehnten sogar einen noch unter die Forderungen der Angestellten hinuntergehenden Vergleichsvokcfchlag für die rückliegende Zeit kategorisch ab. Die Stadtgemeinden Grotz-Berlins zahlen den Unternehmern dieser Branche für die Instandhaltung des Straßenpflasters Unter- Haltungskosten, die in den nächsten Tagen wieder erheblich erhöht werden sollen. Trotzdem die Erhöhung rückwirkend geschehen soll und voraussichtlich in den nächsten Tagen perfekt wird, brachten es die Arbeitgeber fertig, die Forderungen der Angestellten mit formalen Gründen abzulehnen. Bei den Arbeitern Hot man dies nicht getan, weil man die Kampfkraft der Arbeiter eben höher ein- schätzt als die der Angestellten. Die Vertreter der Arheiterschaft in der Kommune Groß-Berlin werden bei Abschluß des Vertrages mit den Arbeitgebern der Aspbaltindustrie über die Erhöhung der Unterhaltungskosten darauf achten müssen, dast diese Arbeitgeber veranlaßt werden, den berechtigten Wünschen auch der Angestellten entgegenzukommen. § 19 des Betriebsrätcgesetzes. Bekanntlich besteht zwischen den freizewcrkschaftlichen Ver- bänden, besonders der Angestclllen, und dem ReichSarbeitsministecium ein lebhafter Streit über die Auslegung des Z 19 BRG. Tie Verbände nehmen an, daß die zur gcmeiniamcn Wahl des Betriebs- rales erforderliche Zweidrittelmehrheit erreicht ist, wenn zst�ei Drittel der Teilnehmer einer Versammlung der Gruppenangehörigeniflragt. ein Programur sür die Linderung der Arbeitslosigkeit zu entweifcn. Die Beraluugen sind noch nicht abgeschlossen, aber eines ist gewist: Deutsch- land wird an einer Umstellung seiner ge- samten Wirtschaft nicht vorbeikommen. Die Erzeugung von Nahrungsmitteln und von Rohstoffen mnst mir allen Mitteln gehoben werden. Die Judustrie must aber auch Fmig'abrllaie produzieren, die wir für unseren Exvort brauchen. Besonders notwendig ist eine Vereinfachung unfererWirlschaft. D i e Z a h l derZwifchengkieder z w i f ch e n Produzenten und Kouiumenten muß möglichst verringert werden. Nur so wird eine Senkung der Preise möglich sein, die der Bevölkerung die Mög- lichkeit schafft, das Notwendige zu kaufen. Die Schwierigkeit liegt darin, dast wir jetzt noch nicht imstande sind, die notwendigen Bedürfnisse zu befriedigen. Für das Reich bleibt die Auigabe. die nöllgen Kredite zur Versügung zu stellen, damit die Produktion wieder in Gang tonimi., E'ne Reihe von Maßnahmen zur Linderung der Not, wie be- fonderer Beihilfen für längere Erwerbslosigkeit und eine Winter- berhilfe, find in Aussicht genomme»." Dieses Bekenntnis des Ministers zu der Notwendigkeit einer wirtschaftlichen ll in si e l i u n g ist bemerleiiswert. Er er- kennt, dast in einer freien Wirtschaft innerbalb eine« in unna- t ü r l i ch e n Grenzen abgesteckten RckhmenS man wohl mit großen Opfern einzelne Löcher zustopfen, aber leinen' festen Boden ge- Winnen kann. Die Arbeitslosigkeit kann aber nur durch durch- greifende Kontrolle und planmätziges Zusammenarbeiten innerhalb der einzelnen Wivlschaftszweige überwunden werden. Der Zentralvcrbond der deutschen elektrotechnischen Industrie hat in seiner Septembeisiyung bcichiosien. dieTeuerungszuschtäge für eine Reihe wichtiger Erzenanlsse zu ermäßigen: insbesondere find gröstere Abschläge bei Maschinen. Tronsfarmaloren und»so- lierten Leitungen rinaetrcien. Bei einer Anzahl anderer Fabrikate konnte von der Preisslelle ein Abbau nicht vorgenommen werden, da die Matenalpreise und zum Teil noch gestiegene Löbne und Gehälter eine Preisermästigiing unmöglich machten. Ein Fest- halten an den jetzigen Preisen ist nur dann durchführbar, wenn Eisenpreise. Löhne und Gebälter sich nicht erhöhen und die ein- geführten Robstoffe durch eine Verschlechterung der deutschen Valirla leine weitere Verteuerung erfahren. Sclbstschäbigung durch ausländische Gummireifen. ES dürste besonders in Verbrancherkr-isen noch nicht allgemein bekannt s�in, daß jeder, der ausländisch« Kraft- und Lasiwagenrerfen ein- führt oder auch nur verwendet, sich cntschädigungsl ose r Beschlagnahme aussetzt. Tie Aufrechterhaltung der deutschen Voltswirtschaft erheischte diese strenge Maßnahme. Doch davon ab- gesehen sollte sich jeder Teu:s«che sagen, dast durch Gebrauch aus- ändischer Reifen die nach vielen Tausenden zählende Arbeiterschaft der deutschen Gummiindustrie geschädigt' wird; denn der Absatz der deutschen Fabriken, ohnehin unter dem gegen- Wärligen flauen Geschäftsgang leidend, wird dadurch noch mehr beeinträchtigt und die bereits eingeschränkte ArbeitSmöglickkeit noch mehr verringert.— Ein großer Teil der Reisenpreise besteht auS Lohn; diesen zu den teuren Rohstoffpreisen dem Auslände trotz unserer Geldentwertung auch noch zu bezahlen, würde unserer Volkswirtschaft nicht wieder einzubringende Verluste verursachen. Gerade diin Kraftwagen- und Lastwagcnbesitzer sollten dem übrigen Teil des Volkes mit gutem Beispiel vorangehen. Soziales. Vom Elend der Juvalidcnrentner. Die Klagen der Jnvalidenrentenempfänper wollen nicht ver- stummen; das ist verständlich. In einer Zeit wie der pegen- wältigen, in der es schwer ist. mit normalem Arbeit-tverdienst den Lebeiisunterhalt zu bestreiten, verhungern buckistäblich diejenigen, deren einziges Einkommen eine kärgliche Rente«st. Aus den vielen Zuichriften, die wir von Jnvalidementnern erhalten, wollen wir heuie die iolgende wiedergeben: Ich habe iünszig Jahre im Jiiteresie oet Industrie gearbeitet und vom Jnkrafllreien des Invaliden- geietzes 1390 bis zum Einintt meiner Jnvolidilät 1014 Peitiüge in der höchsten Stufe bezahlt. Als Gepenleislung erhielt ick' blS 1918 eine moziailiche Rente von 22 M. Wegen der enormen Steigerung sämtlicher Lebens- und Gebrauchsmittel wurde die Rente inner- halb 2 Jahren dreimal erhöht, so daß dieselbe vom 1. April 1920 monatlich 52 M. beträgt. Von dieser Summe'oll ick mit meiner f)8jäbrigeii Ehefrau sämtliche Bedürfnisse, Nahrung, Miete, Licht, Feuerung usw., bestreiten. Demgegenüber erhält ein 18— IOjäbriger Arbeitsloser eine wöchentliche Unterstützung von 48 M.. bei den beuliaen Preise« aewist nicht ru viel: außerdem eine Anschaffungs- beihilfe von 100 M. Eine solche Lebandluna der Rentenemptäiiger must im höchsten Maße Erbitierung hervorrufe». ES ist die höchste Zeit, daß sich der Reichstag der'Jnvalrdenrcntenempfänger eiwaS eneraifcher annimmt wie bisher. Man wird da? Gefühl nicht los, als ob aewisse Kreise wünschten, die Invaliden so schnell wie möglich wegen llnleiernäbrung verschwinden zu sehen, denn dann hätte der Staat Tausende unnütze Esser weniger. � Bus fl!kr Wett. Respekt vor dem Adel, selbst wo gar keiner haftet, bat— der K.- A.- P.- D.- V e r l a g. Er kündigt jn Inseraten eine Bro. schüre von Eugene von Tebs an. Ter im Zuchthius sitzende sozia- liftische Präsidentschaftskandidat schreibt sich Eugene V. Teds. Daß die K..N..P.-T.-Leute das„V" als„von" lesen. zKgt nur, wie deutsch diese Ablehner deS Nationalitätsbegriffs sind. Französische Sittlichkeitsvcrbrecher verurteilt. Wegen eines an einer deutschen Frau begangenen Sittlichkeiteverbrechens hat das französische Kriegsgericht in Mainz zwei Soldaten zu De- gradalion und Zuchthausstrafen von acht bzw. sechs Jahren, vier weitere angeklagte Soldaten zu drei bis fünf Jahren Zucht« hau? verurteilt. Die Juwelen des Zaren Nach einer.Matiii'-Meldnng aus London wurden 14 Kisten, die Juwelen enthielten und an den Moskauer Gel andren in Waihingion gerichtet waren, von den amerikanischen Zollbehörden beschlagnahmt. Mißernte in Südrußland.„Stockholms Tidningen" ist in der Lage, aus Grund von Berichten ibreS Vertreters in Helsingfors mitzuteilen, dast die Ernleaussichten in Südrustland nahezu gleich Null seien. Tie Felder sind von Unkraut überwuchert und die Saat geht nur einige Zoll hoch. Die Bauern weigern sich, unter dem b o l s ch e w i st i s ch e n R e g i m c ihr Land zu� bebauen. Ueberall beschwert man sich darüber, daß die Kommunisten alles Erdenkliche monopolisiert haben. A-rantw. Mr den redakt. T-ili Dr. Werner Peiler, Charloltenburg: für ilnzenien: Tb.(ittoite. Perlin Lerln»: Poriräriz-Pering«. m. 6.©., Perlin. Iruct: vor« würl»-Pudruckcrn u DerinnSonilalt Paul«inaer u. Perli.i Lindenltr. 8. Mölbel und koropL Wohnunoselnrictvunoen Hcrrca~ tx. Spclfczitaiaer Wohin«- u. Schlafzimmer Hervorragend sdiCn und preisten In allen Pr�Ulaoen U.S III arten Klubsessel und Sofas In Oobelln und Leder S)pez.-Al»te»lunq f.Vermle«uno kompletter Einrichtungen, daher stets viele Gelegenheitskäufe Kostenlose Lagerung(ür beliebige Zeit M. Marlslewicaj O.m.b:«.. Berlin ry SO, MlarKere*enstr.4l Suchen Sie gutgehende, hohen Verdienst bringende Artihel? 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