Be« 33 ♦ 38.?ahrgat,g Ausgabe A Nr. 17 BeMgSpretS- — aiL.mottatUO,— SRC frei m£ Hau», voraus zahlbar. Post» dezug Monatlich Ist,- Ml. exll. An- ftellungsgeollhr. Unier ttinntxmii fstt Demschland und Oesterreich lk�st Ml. für oa» übrige Aueland bei idglich einmal. Anstellung 2tS0 M. Postde- ftellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Tschecho-Tlowatei. Dane» mar!, Holland,.uremdurg. Schweden und die Schwerz.— Eingetragen tn die Post-- eitung«. Preisliste. ?er.Porwgrt«" mit der Sonntag» beilage.Poll tt-Aeif enchewt wachen- täglich zweimal. Eonmag« und Mo» tag» einmal. Teiegramm-Adreffe: .Sojlaldrmelcai Berit«*. Morgen Ansgabe Verlinev Volksblstt (sopksnnig) N»,ei«em»reiS: Br« ochigespalten» Äonrxtreiüet.eil» leftttS.— M. Tenerutigszuschlag»st«g> «»leine vn, eigen*, das ien- gedrnikte Wort U-- M. kzuISfjtg zwei teitgedrnckie«ortrl, jedes weitete Bort w Pig. Etellengeiuche uns Echlafstevenameigen da» erste Dort «s Big.. lede« weitere Wort«o Pig Worte über lb Buchstaben zäblen für zwei Worte. Teneruttgszuichlag Sstv» thatnilten-Anzeigen für Abonnenten steile ty— M. poliiliche und ge» wer!fchostliche Betern»- A«-eigen 8.— Ml. die stelle ohne Aufschlag. Anzeigen für die nächste lilumtner wüsten in, 8 Ahr nachntiilag» un HauotgeschSli, Berlin EW.3. Linden- Kratze Z. adgegeaen werden,«eüstnel »on 0 Uhr früh dt» S Uhr abend». ZcntraXorgan der fozialdcmokratl feben parte! Deutschlands r RedoPtien nnd Expedition: SW. 68.£indenfh. Z aertttlirerfict:«m» Morinpla«.«r. 15190—13197 Freitag, den 21. Januar 1921 vorwartseverlag H.m.b. h.» SA). 68.£tnüenftr. Z aernivrrcher: Amt Moritzvl««. Nr. 117 33—31 Srianös auswärtige Politik. Paris. 20. Januar.(WTL.) In der Negierungserklä- rung. die heute nachmittag vom Ministerpräsidenten B r i a n d in der Kammer und vom Minister des Innern M a r r a u d im Senat verlesen wurde, heißt es Havas zufolge u. o.: Die Regierung erkennt die Größe und die Schwierig» leiten ihrer Aufgabe und erklärt sich bereit, ihnen die Stirn zu bieten. Aber sie weih, daß diese Schwierigkeiten unüber- windlich wären, wenn sie nicht dos vollste Vertrauen und die engste Zusammenarbeit der beiden Kammern genießt. Wir haben einen Friedensvertrag mit Deutschland, aber wir haben noch nicht den Frieden, den wahren Frieden, den einzigen, der dauerhaft und von Bestand sein kann, den Frieden der Herzlichkeit und der Moral, der die wirtschaftlichen Rechte Frankreichs bestätigt und die Sicher- heit Frankreichs befestigen wird. Wir werden diese Sicherheit nur erlangen, wenn Deutschland entwaffnet ist. Da» ist für unser Land eine Lebensfrage, die der Regierung die erst« und fei er- lich' e ihrer Wichten vorschreibt. Wir werden uns dieser Pflicht nicht entziehen. Der Wiederaufbau unsere» verwüfleteu Vöde«», unserer zerstörten Industrien und das Gleichgewicht unserer Fi- nanzcn ist nur möglich, wenn Deutschland die Reparation leistet, die der Friedensvertrag ihm auferlegte. In dieser Hinsicht werden die Alliierten uns ihr« Unterstützung gewähren. Wir ver- langen das im Namen des Recht» und der Gerechtigkeit, für die wir gekämpft und für die wir gesiegt haben. Die Völker sehnen sich nach der Wiederaufnahme de» Warenaustausche». Aber die Rück- kehr zu normalen Beziehungen ist nur dann möglich, und das Un» behagen, das auf der Welt las' et, kann nur dann zerstreut werden, wenn die fürchterliche Ungerechtigkeit von gestern wieder glltgemacht wird. Deutschland ist besiegt, keine seiner Fabriken ist zer. stört: seine produktiven Kräfte sind ganz geblieben, und selbst die Bewegung des Wechselkurses, wie sie ihm die Niederlage auferlegt hat, öffnet ihm im weitesten» Maße die Hoffnung auf wirtschaftliche Ausdehnung. Es ist nötig, Deutschlands schnelle wiedererhebuag voraus- zusehen. Fern liegt un» der Gedanke, ihm Hindernisse zu bereiten, aber der Widerspruch zwischen dem Wohlergehen des Volkes, das der Angreifer war, nach setner Niederlage und dem Ruin des Volkes, das den Steg davongetragen hat, das ist eine Her- ousforderung der elementarsten Gefühle, die Frankreich nicht an- nehmen kann. Wir haben die Gewalt. Wir könnten und wir würden es verstehen, uns ihrer zu bedienen, wenu es nötig wäre, ihm den Respekt vor allen unterschriebenen Verpflichtungen aufzuzwingen. Aber das repubstkauifche Frankreich ist seinem Wesen nach stledllch, —'d in Frieden wollen wir Deutschland zur Erfüllung der ein- gegangenen Verpflichtungen bringen. Frankreich verlangt alle», wa» ihm zusteht. Es ist vernünftig: esoerlangtnichts.wasunmSglich i st, aber was jetzt geschehen muß. da» ist, daß alle Möglich. leiten der Bezahlung seitens des Schuldners in Geld, tn Natura und in Beteiligungen aller Art zum Dorteile des Gläubigere durchgeführt werden. Das ist nur Gerechtigkeit. Es ist unsere Ansicht, daß dieses Ziel nur durch eine enge Eintracht zwischen den Verbündeten erreicht werden kann. Diese Eintracht ist die grundlegende Bedin- gunq für die Regelung aller Fragen, die die tatsächliche Wieder» Herstellung des Friedens aufhalten. Wir werden alles tun, um diese Freundschaft aufrechtzuerhalten und weiter zu entwickeln, und haben die feste Zuversicht, daß unser großer Freund und verbündeter. England, uns darin mit allen Kräften Unterl ützen wird. In der Tat kann nichts mehr die Beziehungen der beiden großen Länder trüben, die gelernt haben, sich besser zu verstehen und sich zu schätzen in den schweren Kämpfen, wo sie gemeinsam ihr Blut vergossen haben. Ihre herzliche Verbindung ist es, die den Frieden der Welt sichert. Mag es sich handeln um die Ausführung des verfailler Friedens. Vertrages, um die Regelung der Orlentstage, um die Aufrechterhal- tung des durch die Verträge mit Mitteleuropa geschlossenen Friedens oder um die Beziehungen, die mit den Völkern im Osten Europas zu unterhalten sind. Das enge Bündnis mit England ist die Srundtage unserer an». wärligen VoNlik. Was I tollen betrifft, so werden unsere Interessen dahin gehen. die Bande, die der Krieg zwischen den beiden lateinischen Böllern so glücklich begründete, noch fester zu gestalten. Wir haben da» Vertrauen, daß wir für die Lösung der Fragen, die uns interessieren, in Rom dieselbe freundschaftliche Stimmung finden, die Italien für die Regelung der Adriafrage in Rom gesunden hat. Die Jahrhunderte alte Freundschaft zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten, die unvergänglichen Erinnerungen unserer gemeinsamen Geschichte, die dazu geführt haben, daß unsere Soldaten auf den Schlachtfeldern der Freiheit gemeinsam ihr Blut vergossen haben, und die dazu füh- ren werden, daß sie es auch in Zukunft tun werden, wenn es nötig werden sollte, sind eine Bürgschaft unserer Einigkeit im Irie- den wie im Kriege. Wir sind dessen sicher, daß unsere ameri» konischen Freunde uns bei der Wiedergutmachung unserer Schäden dieselbe unschätzbare Unterstützung werden angedethen lassen wie in dem großen Kriege, in dem wir zusammen die Sache der Zivilisation verteidigt haben, und die den Sieg entschieden hat. Wir respektieren die Ansichten, welche die vereinigten Staaten zu Bedenken geführt Hobe» gegenüber der unsprünglichen Form, die dem Völkerbund gegeben werden sollte, deren edelmütige und wohlwollende Grundsätze wir übrigen» niemals in Zweifel gezogen haben. Die unbestreitbaren Interessen, die uns dazu geführt haben, un» mit den edlen Belgiern zu einer gemeinsamen Verteidigung durch ein Militärabtommen zu verbünden, haben trotz der Verschiedenartigkeit der beiderseitigen Systeme den Abschluß einer wirtschaftlichen Bereinbarung vorbereitet. Die Einig- teit zwischen Franzosen und Belgiern, die durch ihre Opfer fest de- gründet ist, ist ebenso wünschenswert für die wirtschaslliche Rot- wendigkeit der beiden Länder wie für ihre gemeinsame Sicherheit. Unsere Beziehungen zu unseren Freunden und Verbündeten in Mitteleuropa werden weiter beseelt sein von den Gefühlen wahren Vertrauens, wie sie während des Krieges entstanden sind. Wir wer- den auch nicht die strikte Durchführung der Friedensverträge zwischen all den Staaten, die aus dem Zerfall de» österreichlsch-ungorischea Reiche» entstanden sind, vernachlässigen und die Abmachungen durchsühren, die es jedem dieser Länder ermöglichen, seinen wirtschaftlichen Wie- deraufbau zu beleben. Die Lage im Orient nimmt in immer steigendem Maße unsere Aufmerksamkeit in An» spruch, und es ist dringend nötig, daß der Friede mit der Türkei verwirklicht werde. Die Opfer, die die große russische ' Ration zu Beginn de» Krieges für die Freiheit der Welt gebracht hat, haben wir nicht vergessen. Wir werden ihr dafür unwandelbar« Dankbarkeit bewahren. Aber unter den gegenwärtigen Umständen werden wir ebensowenig wie unsere vargkknger die Sowjet regierung anerkennen, so lange in Moskau kein Regime besteht, das in Wirklichkeit das russische Bolk darstellt, und das bereit ist, die Verpflichtungen zu halten, die die frühere Regierung dieses Landes übernommen hat. Der Bolschewismus in Rußland muß auf feine Grenzen beschränkt bleiben. wir haben nicht da» Recht, in Ruhland zu intervenieren, aber es Ist an» unmöglich, zuzulassen, daß die Sowjetarmee unsere verbündeten angreift. Schließlich liegt der Regierung der Republik die Verpflichtung ob, überall da, wo die großen internationalen Interessen in Frage kam- men, für die Interessen unseres Landes Vorsorge zu tressen. Das ist das Programm der auswärtigen Politik, das wir ihrer Billigung unterbreiten. Um auch gegenüber den Regierungen, mit denen der Fried« noch nicht wiederhergestellt ist, uns stark zu halten, und um unsere Interessen zu verteidigen, und sie zum Siege zu führen, ist es nötig, daß wir stark find und stark bleiben. Mr werden uns hüten, unser« mMtärlsche Macht zo schwachen, aber das ist eine schwer« Last für das Land, und sie muß deshalb aus das streng notwendige Maß beschränkt werden. Wir werden darangehen, sobald als möglich die der Kammer vorliegenden Gesetz» entwürfe zur Abstimmung zu bringen, durch die eine Herobsetzung der MiUtärdienstbarkeit und eine Organisation unserer Armee bcab- sichtigt ist, die dem modernen Gedanken des nationalen Lebens besser angepaßt ist. Um stark zu sein, genügt für Frankreich nicht, eine starke Armee zu haben, es muß auch gesunde Finanzen habend Das erfordert von den Bürgern eine beträchtliche Anstrengung: aber wenn sie nicht den Gang des Leben» beeinträchtigen sollen, müsse« sie aus da» Rotwendigste beschränkt bleiben. Es ist infolgedessen dringend nötig, fi« in Schranken zu hatten. « Die ErNSrung der?tegieruna Driand läßt als Zu- kunftsideal den„Frieden der Herzlichkeit und der M o r a 1* erscheinen, den auch nach unserer Ueberzeugung alle verständigen Deutschen und Franzosen mit aller Kraft er- streben müssen. Die Wärme des Wortes„Herzlichkeit" klingt angenebm überraschend, wahrscheinlich handelt es sich um eine Verdeutschung des Ausdrucks„eordialitö", der im Französischen allerdings einen etwas kühleren Klang hat. Wir wollen nichts lieber als einen„Frieden der Herzlich» keit und der Moral", dazu ist aber notwendig, daß auf bei- den Seiten auf iedes Pharisäertum verzichtet wird. Das deutsche Volk hat seine Mitschuld an dem allgemeinen Un- glück des Weltkriegs anerkannt und die Pflicht der Wiedergut» machung auf sich genommen. Es wird aber nie aufhören, Hoch zum Oberbürgermeister gewählt In der gestrigen Berliner Stadtverordnetenversammlung wurde der bisherige Stadtkämmerer B o e ß mit 109 gegen SS Stimmen, die auf Dr Weyl entfielen, zum O b e r b ü r- germeist er von Berlin gewählt. Ihrer bisherigen Stellungnahme entsprechend haben unsere Genossen für B o e ß gestimmt. Die Unabhängigen hätten einen solchen Wahlausgang verhindern können, wenn sie unserer Fraktion einen an- deren Kandidaten präsentiert hätten. Anstatt jedoch sich über die Person ihres Oberbürgermeistertandidaten mit unseren Genossen zu verständigen, zwangen sie den letzteren Dr. Wey! auf. Sie bandelten damit gegen ein vor einigen Mo- ! naten getroffenes Uebereinkommen, wonach die Kandidaten des ersten und zweiten Bürgermeisters nur im gegenseitigen Einverständnis nominiert werden können. Die Unabhängigen wurden auch bereits vor einigen Wochen nicht im unklaren gelassen, daß die sozialdemokratische . Fraktion unter keinen Umständen für Dr. Wer»! , stimmen werde. Sie hält diesen Kandidaten schon wegen sei- jNer mangelnden fachlichen Qualitäten nicht für geeignet, ein solches verantwortungsvolles Amt zu überneh- men. Außerdem dürfte hinreichend bekannt fein, daß Dr. Weyl unsere Partei wiederholt in der gehässigsten Weise be- kämpft hat. Noch in Erinnerung ist sein in der Wahlagitation zum Neichstag gemachter Ausspruch, daß di« M e h r h e i t s- soztaldemokraten„den Sozidlismus ge- schändet" hätten und daß man sich mit diesen Leuten„nicht an einen Tisch setzen" dürfe. Einen Mann, der sich in so gehässiger Weise gegen unsere Partei benommen hat, tonnten unsere Genossen unmöglich für ein so wichtiges Amt wählen, Die unabhängige und kommunistische Presse wird wieder wie auf Kommando über den„Verrat der Rechtssozialisten" schreien. Das kann uns nicht hindern, so zu entscheiden, wie wir es nach Lage der Verhältnisse für erforderlich halten. Wie wenig namentlich die Zdommunijten die schwere Stellung des s o z i a l i st i f ch en Magistrats in ihren Maßnahmen berück- sichtigen, geht aus ihrer politischen Tätigkeit im Roten Hause zur Genüge hervor. Und die Unabhängigen sind wahrlich nicht von dieser lächerlichen Politik abgerückt, sondern haben aus Angst, unpopulär zu werden, die Dummheiten ihrer Brn- der von links mitgemacht. Durch eine solche Politik gerät der Magisttat in eine immer schwierigere Stellung. Man wird daher das Geschrei aus dem unabhängigen und kommunisti- scheu Lager über die Haltung unserer Genossen bei der Ober- bürgermeisterwahl sehr kühl und nüchtern zu bewerten haben, Stadtkämmerer und Stadttat Gustav P o» ß wurde an» 11. April 1873 in Gießen geboren. Er studierte in Gieße« Rechts- Wissenschaft, Finanzwirtschaft und Dolkswirtschaft, und bestand 1898 sein Assessorexamen, trat in» hessische Finanzministerium ein und wurde später Verwalter eine» Rentamtes in Gießen. Eine ähnliche Tätigkeit übte er in Mainz aus und wurde mit 32 Iahren Regie- rungsrat. Boeh kam dann nach Berlin, war hier längere Zeit in der Eisenbahndirektion Berlin tätig, von wo aus man ihn einige Jahre darauf als Lorstand eines Eisenbahnverkehrsamte« nach Al° tvna und später nach Westfalen beorderte. ISVö kehrte er nach Berlin zurück und wurde 1919 zum Etadttat in Schöneberg gewählt, wo er sich in der Hauptsach« mit Berkehrsangclegenkeiten befchäf- tigi«. 1912 wurde Bocß zum Nachfolger des Kammerers Dr. Stei- niger in Berlin gewählt., igugen die Legende zu protestieren, daß es an dem Ausbruch des Krieges und an feiner langen Dauer die Allein schuld trage und darum seinen früheren Gegnern zur Hingabe der Produkte seines Arbeitsfleißes bis zur Unendlichkeit und zum allgemeinen Untergang verpflichtet sei. Wenn das deuüche Polt um eine angemessene Begrenzung seiner Ver- pslichtungen känipst, so kämpft es für sein Recht, für die Vcr- nuiift und für das Wohl ganz Europas. Die französische Regierringserklärung läßt nicht ohne Weiteres erkennen, wie weit dieser friedliche Kampf des deut- schen Volkes für einen„Frieden der Herzlichkeit und der Mora!" bisher von Erfolg gewesen ist. Spuren einer b c° ginnenden Verständigung haben sich schon oft ge- zeigt, sind aber ebenso oft wieder vom Uebereiser nicderge- hallen worden. Gelöst werden kann das Proben schließlich nur von zwei Regierungen, in Paris und in Berlin, die den Mut haben, sich u n p o p u l ä r zu machen. Diesen Mut, falls er vorhanden ist, gleich in der Antrittssrklärung einer neuen Regierung Ausdruck zu geben, das wäre aber vielleicht mehr, als man verlangen kann, wäre Tollkühnheit! Aus der Rede Briands spricht der starke Glaube an die rasche wirtschaftliche Wieder erhebung Deutschlands. Dieser Glaube ist, während wir im tief- sten Pessimismus befangen find, im ganzen Ausland ver- breitet: er tritt uns in der Unierhaltung mit den Auslandern immer wieder entgegen: kein Hinweis auf die gesunkene Pro- dukt onskraft, auf die erbärmlich niedrige Lebenshaltung der Massen, auf die Unterernährung der Kinder vermag ihn zu erschüttern. Er sitzt fest wie eine Religion. Man kann fast sagen: die ganze Welt glaubt an Deutschland, ausgenommen — Deutschland. Trotzdem muß gesagt werden, daß die Vision Briands, die auf der einen Seite ein aufblühendes Deutschland, auf der anderen ein zugrunde gehendes Frankreich sieht, sehr weit in die Zukunft vorauseilt und sehr wenig Wahrscheinlichkeit für sich hat. Auch logisch ist dieses Zukunftsbild nicht aufrechtzu- erhalten, denn es ist ganz gewiß, daß von den beiden Nachbar- ländern auch das zweite dem wirtschaftlichen Niedergang ge- weiht ist, wenn das erste dem Ruin oerfällt, mag das erste, das in den Abgrund gleitet, nun Frankreich oder Deutschland heißen. Von dieser Erkenntnis des deutschen Volkes und seiner daraus entspringenden ehrlichen Bereitschaft wiedergutzu- machen, darf sich Briand für den erhofften„Frieden der Herz- lichkeit und der Moral" mindestens ebensoviel oersprechen, wie von dem engen Verhältnis zwischen Frankreich und England. Diplomatische Freundschaften sind nicht von ewiger Dauer und naturgemäß nicht ohne Egoismus. Viel- leicht aber hat Briand die Enge dieses Verhältnisses nur dar- um so scharf betont, weil er gewissen Einsichtslosen zu ver- stehen geben wollte, daß Frankreich nicht allein gesiegt, nicht allein Frieden �es'siosscn hol und daher auch nicht allein be- rufen ist, den Frieden allein auszuführen. In diesem Zu- sammenhang gewinnt auch die Zurückhaltung, mit der Briand über Italien sprach, einiges Interesse. Räch Italien wird m weitem Abstand, aber mit wieder wachsender Wärme der Vereinigten Staaten gedacht in Worten, die auf ein Entgegenkommen in der Frage der Revision der Völkerbundakte schließen lassen. Die Sowjet regierung anzuerkennen, weigert sich Briand ebenso wie seine Vorgänger. Aber die Begründung dieser Weigerung init demokratischen Argumenten klingt etwas schwach aus dem Munde eines Ministerpräsi- denten, der das Bündnis mit dem zaristischen Ruß- land aufrechterhalten Hot. Die zaristische Regierung reprä- rentierte das russische Volk mindestens ebensowenig wie die Regierung Lenins. Der Verzicht auf eine Intervention in Rußland bleibt bei alledem bemerkenswert. Zum Schluß jenes Teils seiner Rede, der sich mit der auswärtigen Politik beschäftigt, kündigt der fran- .zösische Ministerpräsident die Fortsetzung jener Politik an, die auf eine gewisse vorsichtige Einschränkung der fran- z ö s i s ch e n R ü st n n g e n hinzielt. Zu Anfang hatte er um Agitation in Vorpommern. Von Kurt H e i n i g, Berlin. Wer die Arbeiterbewegung oerstehen will, muß zu ihr gehen. Wenn du Rheinland-Westfalen studiert hast, dann vergiß nicht, deine Rase ins sozialistische Neuland, in die großagrarischen preußi- schen Provinzen zu stecken: du wirst reich bepackt mit Erkenntnissen und gewonnenen Ersahrungen nach dem großen politischen Wurst- kessel Berlin zurückkehren. Diesmal ging e- nach Borpommern, ins gesegnete Land der Junker. (8 r e i s s w a l d, die alte Unioersitätsstadt, war die erste Sta- rion. Die Studenten sind aus der sozialistischen Bewegung längst wieder verschwunden, etliche Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei den Kommunisten Hausen auch noch einig«. An die Solidarität der Alma raatsr mit der zukunsts frohen Arbeiterbewegung erinnert nur noch ein Denkstein, unserem großen Agitator und Führer August Bebel von sozialistischen Arbeitern und Studenten in den Wallanlagen gesetzt. Er wurde feierlich enthüllt: die Stadt nahm ihn in ihre Obhut. Jetzt setzt man einen Hindenburgstein, er ist»inen Meter höher als der Bebels.— Die Unabhängige Partei gibt es im Kreise Greisswald kaum mehr. Sie wird von den hier herrschenden Moskowitern nur noch ills lächerlich« Leiche oerhöhnt und oerspottet. Die Greiswalder Kommuiüsten rückten auch diesmal mit Knüppeln in die Versamm- Ümg ein. Sie spielen Weltgericht, wie sie es auffasset!. Man hatte oor einiger Zeit nicht nur unsere Genossen, sondern auch Helfferich verprügelt. Diesmal ging es etwa» milder her. Man hatte sich damit begnügt, einen Kommunisten stinkbesoffen zu machen. Cr mußte vor Arbeitern und Bürgertum den Clown spielen. Das ge- lang ihm auch. Die Schluhpiece war, daß er das Rednerpult in den sich leerenden Saal warf. . Die Tage darauf redete ich mich durch den Kreis Franz- Surg. Wieder ist festzustellen, daß hier das politische Leben so stark flutet wie kaum in Berlin. Die Wahlbeteiligung war Juni lSM außerordentlich hoch; es ist dos Gebiet, dos damals sozialdemo- tratischen Stimmenzuwachs brachte! Versammlungen stellen große Ereignisse dar. zu denen die Landarbeiter stundenweit heran- rücken, auf der Brust stolz das rotgoldene Zeichen„D. L. 33."— Deutscher Landarbeiteroerband. In den Zusammenkünften sammelt sich Proletariat, dem die Umwälzung Erwachen und Meinungssrei- heil gab. Dos Land der Reaktion ist in sozialdemokratischer Be- wegung. Das Erscheinen unserer ortsoertrauten Genossen im klein- Pen Dorfe bedeutet nahezu regelmäßig die Gründung einer sozial- demokratischen Ortsgruppe von M. 40 und mehr Mitgliedern und zahlreiche Abonnenten für den„Vorpommer". Sicher ist es nicht einfach, in Pommern als„Berliner" zu sprechen, aber hier hat es sichtbarlichsten Zweck. Wen» doch unsere bedeutendsten Sprecher, wenn die Führer ntit bewährten Nan>en so energischer von der notwendigen Entwaffnung Deutschlands gesprochen, während er sich aus der an- deren Seite hüten will, die militärische Macht Frank- reichs zu schwächen. Diese Politik der höchsten Bereitschaft aus der einen Seite und der Wehrlosigkeit aus der andern kann bestenfalls auch nur als ein Uebergungsstadium auf dem Wege zum wirklichen Frieden betrachtet werden. Zusammenfassend kann man sagen, daß die Rede Briands eine der geschicktesten ist, die je in der französischen Kammer gehalten wurde. Die Redekunst des alten Meisters hat sich wieder bewährt. Aber der„Frieden der Herzlichkeit und der Moral" kann freilich durch Redekunst allein nicht her- gestellt werden. Dazu bedarf es kräftiger Taten, die wir von den arbeitenden Völkern aller beteiligten Länder er- hoffen und erwarten. * Nach einem Stimmungsbild, das von„Hollandsch Nieuws- lmreau" verbreitet wird, machte Briands Erklärung, daß der Frieden noch kein wirklicher sei, all, die Kammer einen tiefen Eindruck. Größten Jubel erweckte die Aeußerung, Frankreich habe die Macht und werde von ihr Gebrauch machen, falls Deutschland seinen Verpflichttingen nicht nachkomme. die Neparationsverhanölungen. Pari». 20. Januar, shollandsch Kieuwsbureau.) Die AllNerlen haben vorgeschlagen, daß Deukschlaad während fünf Jahren jährlicher Iahlungen in Ilaioraliea oder in Werten leistet, die aus dem Ueberfchuß der deutschen Ausfuhr refnMeren. Wenn Deutschland den Vorschlag annimmt, diese Jahrcssnmmen z» zahlen, die mindestens Z Milliarden Gotdmark betragen sollen, dann wird der hauptbetrag sestgeseht werden. Wen« Destschlar.d aus Guittd des versailler Vertrages fordert, den«irk- Nchen Betrag seiner Verpflichtungen zu erfahren, bevor e» sich bindet, so wird die ReparoNonskommission dann den llctrag feststellen. Italiens Sozialiftenkongreß. Livern». 19. Januar.(MTB.) Turati sprach gegen An- Wendung von Gewalt und Diktatur. Die Versammlung hörte Turati lehr aufmerksam zu und bereitete ihm eine großartige Huldigung. Auch der Führer der mittleren Richtung, Serrati. nahm an dieser teil. Der Sekretär der Parteileitung, Gennari, erklärte: Wenn der Kongreß die Moskauer Bedingungen nicht voll und ganz annimmt, so wirb die Parteileitung wissen, was sie z» tun hat. Kopenhagen, 20. Januar. sO.E.) Dem„Daily Herald' zuwlge hat der Vertreter der Dritten Internationale, der Bulgare K ab akti'chiew.»..a. ausgeführt:„Da? Exekutivkomitee wünscht, Ihr möchtet einsehen, daß Moskau der einzige Schutz gegen den Imperialismus von Versailles ist. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Moskau bald von setner gegenwärtigen Berte, digungspolitik zu einer Politik der Offensive übergehen wird." Die„Rote Rrmee" in tveft-deutschlanö. MTB. meldet amtlich: Gestern(19. Januar) vormittag wurden sieben Führer der kommunistischen illegalen Sampforgaaisatioa in West-Deutschland festgenomnien, unter ihnen der wegen seiner kommunistischen aus- hetzenden Tätigkeit wohlbekannte Bergmann Schröer. Bei den Durchsuchungen wurde reiches Materiol über die Bildung einer Roten Armee in West-Deutschland gesunden. Di« Organisation baute sich in Bezirks-, Unterbezirks- und Ortsstäben unter einer Oberleitung mit dem Sitz in Essen aus. Aus den vorgefundenen Papieren und aus dem Geständnis des Schröer ist festgestellt, daß der Plan auf den gewaltsamen Sturz der Regierung und der Ber- fasfung und die Aufrichtung der Diktatur des Proletariats abzielte. sowie daß die V-fi.P.D. als politische Partei den Aufbau nnmittel- bar unterstützt hat. Die sieben Festgenommenen, die größten- teils geständig sind, sind nach Soest gebracht und dem Staats- anwalt des Außerordentlichen Gerichts vorgeführt worden. Das Gericht selbst begibt sich heute noch nach Soest. hier herkommen könnten! Glaubt es, zu Fuß und mit dem Wagen kämen die Massen stundenweit. Sie haben mich gebeten, ich solle den Wunsch übermitteln. Hier draußen wollen unsere Anhänger sehen und hören, sie möchten lernen und kämpfen, sie sind in ihrer äußerlich ruhigen Art begeistert wie kaum je. Auch wochentags abends gibt es in den Städten dieses reaktionären Landes gut be- suchte Versammlungen. Der rechtsparteiliche Gegner erscheint, hin und wieder kommen Außenseiter, U S. P.-Leute und Kommunisten: sie sind in hoffnungsloser Minderheit. Ueber S t r a l s u nd geht's nach der Insel Rügen. In der Kreisstadt Bergen merkst du sofort, wie sehr hier das Land der Großjunker ist. Sie haben olle gute Pferde. Ihre Wagen bilden den Hauptverkehr. Ich gerate in den Ratskeller. Der Landwirt- schastliche Verein tagt heute. Thema: Maul- und Klauenseuche. Gemeint sind dabei doch nur wir. Es wird kaum von etwas an- derem geredet. Man hört die Unterhaltung mit ab und wundert sich: Guten Tag, Exzellenz: Guten Tag, Herr Hauptmann: Wie geht'», Herr Major?—— Es sind die Offiziere der alten kaiser- lichen Armee, die hier aus ihren Klitschen sitzen und Exerzieren und Anschnauzenkönnen entbehren. Deswegen schwärmt mancher für Orgesch, militärischen Drill, Schießen und Knüppel aus dem Sack. Der Boden ist heiß. Man hetzt und redet viel von Monarchie. In Wirklichkeit wird darunter die alte angenehme Herrschaft verstanden, die den Junkern freie Lust und da» Vergnügen ließ, dem Volt die Plage. Unter den Arbeitern scheint darüber Klarheit zu herrschen. Wenn bei einem reaktionären Versuch nicht das Parlament oder Berlin umtippt, dos Land hier draußen ist fest. Ein sozialtstischer Hilferuf und die pommerschen Grenadiere stellen alle in Reih und Glied. Jetzt stnd's aber Sozialdemokraten I Gegen wir etwas tiefer in die Insel hinein. P u t b u s. DI« Stadt gehört dem Fürsten, das Land gehört dem Fürsten, der Strand gehört dem Fürsten, die Seen gehören dem Fürsten, der Wold gehört dem Fürsten— alles, alles gehört ihm. Hier gibt es noch«inen Marstoll, Hofbedienstete, subaenttonterte«„Hof"theoter und fürstliche Verwaltung. Aber die Arbeiterbewegung am Ort« ist dennoch gut. Diesmal gab Sellin den Abschluß. Es war ein« gut gefüllte Versammlung. Biel Bürgertum, kleine Besitzer, auch einig« deutsch- nationale Nesterchen sammeln sich im Saale. Regstes Bedürfnis nach politischer Aussprach« treibt alle zusammen. Am Nachmittag hatte schon eine Bersaminlung de» Reichsbundes der Kriegsbeschs- digten und Kriegshinterbliebenen stattgefunden. Der Kriegeroerein wollte ihm dadurch den Hals abdrehen, daß er ihn spartakistisch nannte. Der Angriff wurde von den Frauen, Kriegerwitwen, glänzend abgeschlagen. Der Wortführer des Hurraklubs entschuldigt« sich eifrig. Pommern ist heute das agrarische Rheinland-Westfalen, in dem sich die Parteien für groß» Entscheidungen rüsten. Genosten, vergeht üb« den Städten nicht da» Land! Die„Tekegrapbemmion" weiß dazu noch zu melden, daß auch ein Volksschullehrer Z a i d e r aus Essen zu den Kom- promittterten gehört. Es wurden gefunden: sämtliche Sitzungsberichte, militärische Erkennungsmarken, Soldbücher. Verwendungspläne der Kampsorganisationen, Generalstabs- karten usw. Von Waffen, ohne die es doch nicht geht, ist allerdings nicht die Rede. Nach diesen Berichten scheint es sich diesmal wirklich um mehr als um Spitzelphantasien zu handeln, nämlich um ein orgeschartiges Unternehmen der Verrückten von der anderen Fakultät. Die stellen es natürlich nur dümmer an und laufen den Behörden geradewegs ins Netz. Möge den ganzen rot- wie weißgardistischen Spuk der Teufel holen! �astentlaffen? ?re» lau. Zll. Januar.(Eigener Drahtbericht des„Vorwärts".) Die in Waldenburg auf Grund der Enthüllungen unserer Partei- presse verhaslcten Rechtsputschi st en sind von der Staaksau- waltschost bis auf einen sämtlich wieder aus der Hast entlassen worden. Diese erstaunliche Maßnahme Hude! ihre Begründung tn der Aussage eines Beteiligten, wonach die militärischen Pläne nicht ossensiven, sondern defensiven Charakter getragen hätten. Im völligen Widerspruch hierzu meldet WTB. amtlich: In denn ErmitLungsversahren, das gegen die Führer der in Waldenburg au?- gedeckten Orgesch eingeleitet worden ist, haben sich inzwischen Ui Hautpbeschuldigren, nämlich: der Kreis-Geichäststührer Lt. d. R. a. D. Müller und dessen Stelloertteter, Lt. d. R. M a e i o n g a, ebenso der Fabrikant Krull dem Gericht gestellt, so daß nunmehr alle neun Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen ist, in H a s t s i n d. Die Sannmeile unö öie Parteien. Am Donnerstag nachmittag versamme'kn sich beim Polizei- Präsidenten R i ch t« r die Bertteter der politischen Parteien. Genosse Richter führte aus, daß ihm von verschiedenen Seiten nahegelegt worden sei, den Lustgarten in die Bannmeile mit einzubeziehen, daß er jedoch den Wunsch habe, diesen zemrol gelegenen Platz der Be- völkerung für Zlersammlungszweck« zu erhalten. Es handle sich jetzt darum, ob die Parteien Zusagen machen könnten, daß sie durch eigene Ordner für die Respektierung des Bannkreises sargen würden. Genosse Richter lügt« hinzu, daß der traurige Vorfall am 15. Januar der erste dieser Art während seiner Amtszeit gewesen sei. Die gewünschte Zusage wurde von allen Parteien gegeben mit Ausnahme der Kommunisten, deren Vertreter erklärte, er könne das Gesetz über die Bannmeile nicht anerkennen, seine Partei werde Demonstrationen so durchführen, wie es ihr Interesse als einer„revolutionären Partei" oerlange. Offenbar hielt er dte?« Erklärung für erstaunlich„heldenhaft", während sie nur erstaunlich kindisch ist._ Hutjahr-Sklarz. In dem Prozeß gegen den Kaufmann Heinrick Sklarz verkündete der Borsitzende am Donnerstag dos Urteil: „Der Angeklagte wird auf Grund des 8 114 R.St.G.B. zu einer Geldstrafe von 2000 M. oder je einen Tag Gefängnis für 10 M. Geldstroje verurteilt. Die Kosten des Verfahrens werden d:m Angeklagten auferlegt." In der Begründung heißt es unter anderem: Mit Rücksicht daraus, daß der Angeklagte infolge der HA n« sti e eine Einstellung des Verfahrens verlangen konnte, sind chm mildernde Umstände zugebilligt worden, und aus diesem Grunde hat das Gericht anstatt der Mindeststrafe von drei Monaten Gesängnis aus Geldstrafe erkannt.____ Mißtrauensvotum abgelehnt! Im mecklenburgischen Landtage gab Ministerpräsident Stelling die angekündigte programmatische Regierungserklärung ab, in der er sich u. a. scharf für ci-t Verbot der Selbstschutzorganisationen aussprach. Hierauf stellte Abgeordneter Kniebusch(Dnat.) den Antrag auf A u s- l ö s u ng de» Landtages� der von den Kommunisten unterstützt wurde! Der Landtag vertagte sich sodann. Ein von der Rechten beantragtes Mißtrauensvotum wurde abgelehnt. Der Oberste Saargerichkshos besteht aus 2 Schweizern. 3 El- sässern, 1 Saarländer und je 1 Luxemburger, Belgier, Holländer und Tschechen. Bruch-Feicr. Das zweite Konzert des Hochschulchors unter Leitung von Siegsried Ochs verdient in doppelter Weise Er- wähnung. Einmal war es eine Totenfeier für Max Bruch, dessen unsterbliche drei Messensätze in wirklich imposanter Klangfülle und wahrhaft schöner Inbrunst auferstanden. Dann aber war der Fort- schritt des Schülerorchesters, seine Einstellung auf den Dirigier- und Ausdruckswillen seines Lehrers unverkennbar. Selbst bei sehr schwierigen Partien, wie den Rezitativen und Arien zweier Bach- Kontaten, und trotz dem selbstverständlichen Versagen mancher so- listischen Kräfte der Hauptprobe zeigte sich die jugendlich- beherzt« und auf'Kommando frisch zupackende Schar sehr verstandig und geistesgegenwärtig. Kein Zweifel: In den Chor- und Orchester- tlasfen der Hochschule wird gearbeitet, und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Die gätlliche Stimme des Heiligen Geistes in der Kan- täte Nummer 60 ließen einst Meschaett und von Kraus so er- greifend von der Orgel herklingen, daß wir in Tränen erschauerten. Helge L i n d b e r g war hall wie Eis: schöne Stimme und langer Atem allein machen aus einem Erdgebundenen noch keinen(Soll. Da» Tenors olo sang in der Generalprobe der kühne und sichere Va- l entin Ludwig in letzter Minute vorn Blatt. Fräulein"Arndt, eine Schülerin der Hochschule, wurde stilistisch und gesanglich ihrer schweren Partie durchaus gerecht: wenn fi« den leichten gaumigen Beiklang ihrer Tiefe überwindet, wird sie eine perfekte Bach-Säiigeri» fein. Weniger gut schnitten die beiden, mit schöner Stimme be- schenkten, aber sehr unruhigen Sopranstimmen ab, die in der Auf- führung dotm durch bewährte Kräfte ersetzt wurden. Trotz dieses teilroeifen Mißerfolges ist das Experiment zu begrüßen. Nur in der praktischen Betätigung an exponierter Stell« lernt sich die Frei- heit des Singens, die Unmittelbarkeit des Ausdrucks, die Sicherheit des Stilempfindens. Ochs ist der rechte Mann dazu, die Stllbil- dungsfchule zu verwirklichen K. S. Ohrhörer. Bei längerem Telephonbören ist das Halten des Hörers lästig: auch der übliche Kopfhörer ist nicht immer praktikabel. Da greift ein neuer Zwergapparat ein: er ist so klein, daß et bequem in's Ohr eingeführt und gehalten werden kann. Er ist ein technisches Wunder, von einer erstaunlichen Kleinheit und Leichtig- keit, ober ttotzdem tut es feine volle Schuldigkeit. Freilich, mot' wird nick? gern von andern benutzt« Hörer in sein eigenes Obr stecken, und so wird wohl seder seinen eigenen Hörer mit sich führen..., Inzwischen ist aber der neue Apparat, den die Firma Siemens u. Halske herstellt, ein erfreuliches Hilfsmittel für Schwerhörige. In Verbindung mit den künstlichen Hörapparaten bedeutet er ein« erhebliche Erleichterung und ist so unauffällig, daß er auch deswegen von manchem bevorzugt werden wird. Tdenter._ An den Bühnen des Deutschen TdeaterS werden folgende Premieren für die nächste Zeit vordere tet: Schillers„Iuttzjra.i von OllcanS-, Ntigufl Stramm»„Kräfte-, Haieueleoers„Jenseits" und Tag ore s„Der König der dunllen Kammer". Ttaatsoper. In der Frage d« lünfileritchen Nebenlätigkit der Kapell« der Staalöoper wird erklärt, dag eine völlige U e b e r e i n- st i m m u» g zwischen der Intendanz und dem Orcheslerperional erzielt ist. Gin wiflenschaftliches Institut der Tttah-Lothringer im Reich mit dem Sitz in München ist begründet worden. Es soll Träger der kulturellen Interessen werden, welche die aus Elsah-Lothringen Vertriebenen mit ibrer alten Heimat geistig und leelisch verbindet:. Antragen und Be- trittserllSrimze» a» bat Sener-Ijettetär Pros. Wotjram, Odettuch. Sadta. Nr. ZZ« 58. Jahrgang Heilage öes vorwärts Ireitag, 21. Januar 1921 GroßGerllu Ein Sieülerfilm. Der Wunsch, durch eigene Arbeit zum eigenen Heim zu gelangen, hat seinerzeit ein kleines Häuflein tatkräitiger Siedler in das preußisch-braunschweigische Braunkohlenrevier geführt, und das Werk dieser Siedler ist vorbildlich geworden für andere Siedlungen, wie auch für die Unterbringung der entlassenen Heeresangehörigen auf dem Land«, im Moor, im Kali- und Kohlenbergbau. Wir hoben seinerzeit über die Bestrebungen des Hauptmanns Sch m u d e und über feine Erfolg« ausführlich berichtet. Gestern trat er vor ein geladenes Publikum mit einem Rechenschaftsbericht über fein« bis- berige Arbeit, dem er die Borführung eines Films anschloß. Der Film gibt Kunde von den ungeheuren Schwierigkeiten, unter denen die Pioniere der Arbeits» und Siedlungsgemeinschaft ihr Werk begonnen haben. In seinen erläuternden Ausführungen betonte Haupt- mann Schmude, daß es fein Plan gewesen sei, die durch die Ent- lasfung aus dem Heeresdienst freiwerdenden Arbeitskräfte durch Ansiedlung an den Quellen der Urproduktion volkswirtschaftlich wert- voller Arbeit zuzuführen Und ihnen die Errichtung eines eigenen Heimes durch Gemeinschaftsarbeit zu ermöglichen. Der Film zeigt, wie tatsächlich alles, was an der Siedlung beteiligt war, unter Auf- wendung der ganzen Kraft neben der Berufstätigkeit mithelfen mußte, die Häuser entstehen zu lassen. Man sieht Frauen und Kinder beim Graben, beim Heranschleppen, Behauen und Säubern der Steine, die aus einer alten Ziegelei für die Dölpkerssedlung ent- nommen sind. Man sieht in anderen Bildern die neu entstehenden Kolonien— heute sind es bereits an 25 Ortsgruppen, die im braun- schweigisch-preußischen Braunkohlen- und Kalirevier nach dem Bei- spiel von Völpk« siedeln. Mehrfach hob Haupmann Schmude wie auch sein Siedlungsmeister Schäfer hervor, daß das Werk nur durch die Hilfe und Förderung des Preußischen Land- wirtschaftsministers zu diesem Erfolg gebracht werden konnte. Andere Bilder zeigen, wie Soldatensiedlungen auf dem Lock- stedter Truppenlager und am Uchter Moor entstehen. Man ist diesen Soldatensiediungen vielfach mit großen Zweifeln begegnet, weil man hinter ihnen reaktionäre Pläne witterte. Demgegenüber betonte Hauptmann Schmude, daß die Siedlung ganz und gar unpolitisch sei und daß gegen Siedler, die ander« Absichten verfolgten, rücksichts- los eingeschritten worden ist. Wie dem auch sei, das Werk dieser Soldatensiedler fordert in jedem Falle die Achtung vor der zähen, unermüdlichen Arbeit und der gegenseitigen Hilfeleistung der Heeres- entlassenen heraus. Hier wie in den Zivilsiedlungen dieser Art kann man kein« Leute gebrauchen, die hoffen, sich ins warme Nest setzen und vergnüglich Gartenkultur treiben zu können: hierher gehören Leute, die vor den größten Hindernissen und den schwersten Ent- sagungen nicht zurückschrecken. Auch hier zeigt der Film dl« Siedler bei ihrem Tagewerk und bei ihren Bauarbeiten, andere Bilder beleuchten die großen landwirtschaftlichen Erfolge, die aus einer planmäßigen Moor- und Oedlandkultur in kurzer Frist zu erwarten sind. Alles in allem: ein Lehrfilm, de? obne viel Aufwand nach dem Leben hergestellt w»rde. Wenn er den Zweck erfüllt, zähe Siedler zu Gemeinschaftsarbeit anzuregen und schwärmerische Romantiker durch Darlegung der Hindernisse von unglücklichen Experimenten ab- zuhalten, so hat er immerhin seinen Wert. Singt er doch das hohe Lied der Arbeit, die ihren eigenen Lohn in sich trägt. Tumulte be! einem IilmbranS. „Menschenleben in Gefahr". Die Kochstraße stand gestern in später Mittagsstunde in hellem Aufruhr. Im Haufe Nr. 55 war(angeblich durch Entzündung von Benzin) beim Polieren in einer Betriebswerkstatt von„R ö h r s Film- Erneuerung" Feuer ausgekommen. Die Flammen hatten in der im 3. Stock des Quergebäudes liegenden Wert- stelle schnell reiche Nährung gefunden, die angrenzenden Räum« und den darüberliegenden Boden ergriffen. Rauch, Hitze und Flammen versperrten dem dort beschäftigten Per» sonal den Weg zu den Treppen. Einige aufgeregte Mädchen schrien aus den Fenstern laut um Hilfe. Als die Feuerwehr unter Lettung des Branddirektors Reichel mit 30 Fahrzeugen an der Brandstelle erschien, war die Lage schon recht bedrohlich. Mädchen und Frauen versuchten aus den Fenstern zu springen. Es gelang, auf dem engen und mit Wagen besetzten Hof ein Sprungtuch auszubreiten und gleichzeitig die Unbesonnenen vor übereilten Schritten zu warnen. Mit Hilfe der Feuerwehrmänner gelang es dann auch, die vor Schreck fast besin- nungslosen Personen sämtlich in Sicherheit zu bringen. Die Löschung erfolgte mit allen Kräften schnell. Die Räume sind total ausgebrannt, nichts als die kahlen Wände blieben übrig. Der Schaden ist erheblich und nur zum Teil gedeckt. Die Rettungs- gesellfchaft hatte Wagen entsandt, die aber nicht benutzt wurden. Nach einstündiger Tätigkeit war jede Gefahr beseitigt. Die Auf- räumungsarbeiten nahmen längere Zeit in Anspruch. Äußer kleinen Verletzungen einiger Personen sind nur Nervenschocks zu verzeichnen. heule abend 7 Uhr spricht Genosse Abg. Ankon Uemec-Prog in den Prachlsälen„Alt-Berlin" über das Thema: Die Sozialöemokratle in üer Tschechoslowakei. Die Landsleule des Genossen Jtcraec sind zu dieser Versammlung besonders eingeladen. Der Dezirksvorstand. Tlfllgnatenlchwinöel. Bor kurzem berichteten wir von einer ungarischen Hochstapler- gesellschaft, die ausländische und deutsche Großstädte mit wertlosen amerikanischen Schecks heimsuchte. Gestern wurden wieder drei Ungarn o er Haft et. die es mit Assignaten versuchten, die im Briefmarkenhandel verkaust werden, aber nur noch einen geringen Sammelwert haben. In einem Berliner Hotel stiegen vor einiger Zeit zwei Ungarn ab, die sich für Großhändler ausgaben und erzählten, daß sie ganze Eisenbahnladungen Nüsse nach Berlin gebracht hätten. Die Gäste, die sehr gut gekleidet gingen, kamen eines Tages in „augenblickliche Verlegenheit". Der Hotelwirt half ihnen um so lieber, als sie ihm mit Assignaten Sicherheit boten. Er sah diese allen Scheine aus der französischen Revolution für voll- wertiges französisches Papiergew an und gab ihnen auf einen No. minalwert von 250 Franken zunächst 1 5 0 0 M a r k. Die Gäste steckten die Assignaten, die die Briefmarkenhändler etwa mit 2,50 M. den ganzen Satz bezahlen, in einen Umschlag, klebten diesen mit einer Hotelreklamemarke der Rwiera zu und schrieben darauf: In- hall 250 Fr., dafür erhalten als Darlehen 1500 M. Die Verlegenheit dauerte an, die Gäste erhielten nach und nach 10 000 Mark und der Wirt bekam dafür eine entsprechende Anzahl Briefumschläge mit Assignaten. Endlich erfuhr der Wirt, daß seine Sicherheits- scheine keineswegs noch französisches Geld, sondern ziemlich wert- lose Papiere seien. Jetzt wandte er sich an die Kriminalpolizei. Den Beamten gelang es noch, einen der Gäste, einen gewissen Emil Tauber, festzunehmen, während der zweite sich im Hotel nicht mehr sehen ließ und einstweilen verschwunden war. Die Nachforschungen ergaben, daß er in Berbmdung stand, mit einem„Baron Komey", dessen Persönlichkett noch nicht feststeht, und einem Manne namens R o s e n b e r g, der als Privatsekretär des Barons auf- trat. Der zweite Gast, ein gewisser Roßteucher, wurde ebenfalls er- mittelt und festgenommen: nach ihm mich noch Rosenberger. Die vier„arbeiteten", wie weiter festgestellt wurde, gemeinsam nicht nur in Deutschland, sondern, wie aus bei den Verhafteten ge» fundenen Hotelzetteln hervorgeht, auch in Innsbruck» Verona, im T r e n t i n o usw. Der„Baron" spielle den ungarischen Magnaten und bot Leuten, die Güter suchten, seine Rittergüter in Ungarn an, obwohl er keine besitzt, lediglich um die Bekanntschaft vermögender Leute zu finden und in ihre Kreise Eingang zu bekommen. Er gab sich den Anschein eines schwerreichen Mannes und fuhr überall nur im Auto vor. Bei geselligen Zusammenkünften wußte er es dann geschickt dahin zu bringen, daß man ein Spielchen auflegte, und da- bei rupfte er die vertrauensseligen Spieler. Polizeiliche Ueberwachung der Wartesäle. Die scharfe Kontrolle, die die Sicherheitspolizei neuerdings in der Neuen Schönhauser und den umliegenden Straßen ausübt, bat eine ungeahnte Folge gehabt. Die von dort vertriebenen Schieber haben sich verschiedene Wartesäle der Fernbahnhöfe als neuen Zu- fluchtsort ausgesucht und belästigen dort die Reisenden so stark, daß die UeberwachungSabteilung der Eisenbahndireklion verschiedene Streiten und Patrouillen eigens dazu eingerichtet hat, um den Verkehr in den Wartesälen in den Nachtstunden besonders zu überwachen. Besonders schlimm sind die Wartesäle des Stettiner Bahnhofs, des Bahnhos» Charlottenburg und des Bahnhofs Zoologischer Garten heimgesucht, in denen sich ein regelrechter Hehlerveriehr in den Nachistunden abwickelt. Die Schutzpolizei hat nunmehr ebenfalls sich zur ständigen Ueberwachung der einzelnen Wartesäle entschlossen, so daß zu hoffen ist, daß die Aufsichtsbehörde bald des Uebels Herr werden wird und die Reisenden, ohne Belästigungen fürchten zu müssen, die Ab» fahrtszeit der Züge abwarten können. Tie Briefbestellung in den Vororte». Im Anschluß an die von der Oberpostdirettion Berlin verfügten Einschränkungen der Briesbestellung in den Vor- orten hat die Handelskammer Berlin mit der Postoerwaltung Verhandlungen geführt, um die Bestellgänge in den Vororten mit stärkerem geschäftlichen Charakter zu vermehren. Das Ergebnis dieser wiederholten mündlichen und schriftlichen Vorstellungen ist in einem Bescheide der Oberpostdirektion endgültig festgelegt. Hiernach werden in Schöneberg seit 1. Oktober und in Charlotten. bürg seit 15. November werktäglich 4 Bestellungen, und zwar zwei vormittags und zwei nachmittags, ausgeführt. In Lichtenberg finden in dem sogenannten Industrieviertel seit dem 1. Oktober werk- täglich drei um 7% und 10% vormittags sowie 12% nachmittags beginnende Bestellungen statt. Die Einrichtung einer vierten (Abend-) Bestellung liegt nicht im Bedürfnis, weil die Geschäftsräume der.Industriewerke zu der in Betracht kommenden Zeit bereits ge» schlössen sind. In dem übrigen Teil des Ortes werden drei Be- stellungen— um 7% vormittags sowie 3� und 0% nachmittags beginnend— ausgeführt. In Neukölln finden bereits seit 1015 vier Bestellungen statt. Eine Aenderung der Vestelleinrichtungen ist neuerdings nicht vorgenommen worden. In den übrigen Bor- orten ist an einer werktäglichen dreimaligen Be» st e l l u n g festgehalten worden, da auch eine erneut« Prüfung das bereits früher gewonnene Ergebnis gezeitigt hat, daß die Einrichtung einer vierten Bestellung nicht im dringenden allgemeinen Bedürfnis liegt. Die zweite Bestellung beginnt indessen, um den Wünschen der gewerbetreibenden Bevölkerung zu entsprechen, in L i ch t e r s e l d e, Friedenau und Steglitz bereits im Anschluß an die erste Be- stellung zwischen 10 und lOV� vormittags. Von weiteren Aenderun- gen hat die Oberpostdirektion abgejehen. „Eine rote Kirchentnuhlliste" ist vom Bund religiöser Sozialisten auck, in Lickterfelde auf- gestellt worden, wo vie Berhälmisse für die Sozialisten nicht entfernt so günstig liegen wie in Neukölln. Den Auflakt zum Wahlkamps brackte kürzlich ein Vortrag de? Genossen Alfred D r e t e r i ch-Liivterfelde über„Arbeiter- religion", in dem der Begriff Religion auf seine uriprünglitSe Bedeutung, nämlich den natürlicken menscdlicken Gememscbails- und Solidaritätstrieb zu gegenfeiüyem Swutz und.Hilfe zurückgeführt und bewiesen wurde, daß Religion rn diesem Sinne beim Arbeiter in geradezu idealer Weise vorhanden und ausgebildet sei. So seien die Arbeiter die ridbtigen Erben der Reformation und einer Religionsgemeinschaft, deren einziaer Grundsatz Liebe und Tuldnng ist. Am 2t. Januar, alio zwei Tage vor der Kirchenwahl. spricht Genosse Pfarrer Lic. Dr. Auer über die Frage:„Wie siebt der moderne Mensch zur Kirche?" Gen. Aner wird im Augenblick, wie viele noch nicht wissen, angeblich„wegen Jnlehre" der Prozeß gemacht, ratsächlich aber, weil er Sozialdemokrat ist. Alle Lichter» selber Genossen und Genossinnen, welche iür diese Frage Interesse bekunden, werden u», tatkräftige Unterstützung der freien Volks- kirchlichen Liste gebeten._ Entziehung der Erwerbslosenunterstützung. Vom Arbeitsloienrat Schöneberg erhalten wir folgende Zu- schrist: In K 10 des Statut» der Erwerbslofenfürsorg« Groß» Berlins findet sich die Bestimmung, daß bei unentschuldigter Ber» fäumni» des ForlbildungsunterrichtS sowie bei.iinangemesfenein Verhalten" während der Unterrichtsstunden den Foribildungsichülein die Unterstützung ganz oder teilweise entzogen werden kann. Dieie Bestimmung wurde im Februar 1910 getrosten. Der HauviauS» schuß für Erwerbslosenfüriorge machie aus ihr bald eine Muß- Vorschrift, indem er die einzelnen Fürsorgestellen anwies, in ent» sprechenden Fällen den jugendlichen Sündern die Unicrsiützung zu entziehen, und zwar aus fecks Tage. Eine besondere Illustration erfuhr diele Praxis in Schö-ieberg in folgendem Fall: Ein Fort- Schweres Vlut. 17) Roman von ZuHanl Aha. Der Propst wich aus, sagte etwas anderes, als er beab- sichtigt hatte: „Nachdem— ja. nachdem sich Marja gesteift hat." „Da müßten sich auch andere steifen, nicht bloß Marja." Immer verstand ihn der Propst noch nicht, er sagte nur: „Was meinst du, Iuha?" Da kam es fast überstürzt aus Iuhas Munde: „Ob die Männer des Kirchspiels zulassen wollen, daß sie hier so was verüben?" „Du meinst—?" „Das muß einen Krieg geben!"" Iuha sah sofort aus den Mienen des Propstes, daß nichts mehr zu machen war. „Einen Krieg kann das nun doch wohl nicht geben." „Nein, gewiß nicht, gewiß nicht..." „Nein, lieber Mann, doch keinen Krieg— bist du des- wegen gekommen?" „Zuerst war mir der blödsinnige Gedanke durch den Kopf geschossen, daß der Herr Propst den Botenstab herumschicken möchte, damit die Männer herbeikämen— wi— wie zu einer Wo— Wolfsjagd." Iuha versuchte zu lachen, aber das Kinn zuckte ihm, und in den Augenwinkeln riß es. „Nein, lieber Mann, das kann ich ja nicht, das geht durch- aus nicht, zumal, da vom König der Befehl gekommen ist, daß Grenzstreitigkeiten vermieden werden sollen, weil Friede zwi- schen"den Reichen herrscht." „Ja gewiß... „Darum ist es nicht möglich... gar nicht möglich von meiner Seite." „Nein, gewiß nicht... also nicht?" Also war auch hier keine Hilfe. Dann kam sie auch anders- woher nicht. Iuha fühlte, wie ihn eine unsägliche, schmerzende Trauer erfüllte, als hätte er ohnmächtig umsinken müssen. Es mochte so kommen, daß er Marja in seinem Leben nicht wiedersah. Sollte es so kommen? Deswegen, weil zwischen den Reichen Frieden gehalten werden sollte? Wann ist früher nach so etwa�esragt worden? Und fragte wohl der karelische Räuber „Ich dachte, dies wäre eine gemeinschaftliche Sache, eine. die das ganze Kirchspiel anginge. „Das schon, das schon, aber—" Iuha saß noch da, obgleich er wohl schon hätte gehen sollen. Es wurde nichts mehr gesprochen. Der Propst schaukelte sich in seinem Stuhl und blickte hinaus. „Dann muß ick wohl allein hingehen," sagte Iuha. „Aber wenn dir unterwegs etwas zustößt?" „Wenn auch, aber versucht werden muß es." „Es lohnt sich nun doch nicht, das Leben dabei aufs Spiel zu setzen." „Wenn ich Marja nicht zurückbekomme... dann mag es hingehen." „Ist sie dir so lieb?" „Gar so lieb, Herr Propst." Die Augen brannten ihm; der tiefe blaue, weiche Grund des Auges brannte glühend unter den buschigen Brauen. „Der Herr Propst wüßte es... wenn es ihm selbst einmal so ergangen wäre. Der Propst war gerührt. «Ja gewiß, ich... gewiß, ja... und ich hätte ja geholfen, Iuha, kannst es glauben, daß ich geholfen hätte, wenn ich es könnte. Aber du wirst verstehen, daß man sich dem Befehl der Obrigkeit nicht widersetzen darf." „Nein, gewiß nicht.. Es trieb Iuha fort, vor seiner eigenen Rührung fort, um das Zittern seines Kinns zu verbergen.— Nein, gewiß nicht, gewiß nicht! Er glaubte, was der Propst gesagt hatte. Es war ja doch nichts zu machen, wo es der Befehl des Königs war. Der war wohl da, der war wohl da. Was hätte er es sonst gesagt, wenn er nicht dagewesen wäre. Iuha saß wieder in seinem Boot, mit der Spitze nach seinem Gehöft zu. mit der Kirche und der Pfarre achteraus. ... Das trifft sich doch seltsam, daß das Verbot der Obrig- keit gerade kommen mußte, wo sie mir Marja weggeholt haben. So etwas hat es früher nicht gegeben. Der Pfarrhof war nicht mehr zu sehen, das Kirchdorf war hinter dem Wald verschwunden. Ein starker Gegenwind wehte von der großen Seestäche in den Eingang des Sundes. Die Dullen knarrten, die Spitze des Bootes' platschte von einer Welle auf die andere. Vergebliche Mühe, vergebliche Fahrt, verlorene Zeit. Das ist es nicht, es gibt keine solchen Befehle und Berbote. Es ist ihnen gleichgültig, wenn sie es auch nicht sagen mögen. Was liegt ihnen an Marja? Höhnen in ihrem Sinn, daß es so ge- kommen ist.„Das ist das Ende vom Lied!" Wäre es die Frau des Propstes oder auch nur irgendeine reiche Bäuerin, dann wäre schon die Hälfte des Kirchspiels hinter dem Wosse her. Was liegt irgend jemand an Marza— der Fremden, Dunkeln. Gehörte sie einem anderen und nicht dem Rajakorpi-Iuha, dem krummbeinigen, mürrischen, der nicht zu schwänzeln und zu scharwenzeln versteht... Aber ich brauche ihre Hilfe nicht, ich hole sie mit eigenen Händen zurück, ich schlage den Schemeikka tot, ich drehe ihm den Hals um wie einem Schaf, daß er die Zunge aus dem Maule speit, ich zerbreche ihm die Beine, mit einem Knacks...! Und die Spitze des Bootes sagte dazu, in die Wellen stoßend? tu das, tu das!— Einer von uns, er oder ich! Und einerlei, wenn auch beide— wenn ich Marja nicht lebendig finde... wenn er ihr etwas angetan hat... Und während Iuha ruderte, wurde es ihm allmählich klar, was er zu tun hatte. Man ist früber in den Kriegsfahren auch den Spuren der gefangen Weggeschleppten gefolgt, nach Zeichen, die sie am Wege hinterließen. Auch Marja konnte solche hinterlassen baben, auch andere Zeichen, da sie schon ihr Tuch am Ufer gelassen hatte. Am Ziele angelangt, spürte man früher wochenlang nach— das kann ich ja auch tun. Gehöfte wurden in Brand gesteckt, ich kann sie auch anstecken. Da wird Marja schon erraten, wer sie angezündet hat...' Als Iuha heim kam, sah er, daß ftch seine Mutter da schon als Wirtin eingericbtet hatte, daß sie Marjas Arbeiten besorgte wie ihre eigenen. Sie bemühte sich auch nicht, ibre Zufrieden» heit zu verbergen. Die Magd trippelte in ihrer Angst hin und her, die Augen voll Tränen. Nachdem Iuha ein wenig gegessen hatte, holte er seine Büchse und sein übriges Jagdzeug aus dem Speicher in die Stube und begann es zurecht zu machen. Danach suchte er seine Dachs?elltasche hervor und reichte sie seiner Mutter: �„Fllll sie— so viel, wie hineingeht— Renntierzunge und gedörrtes Hafermehl." „Gehst du auf die Jagd?" „Nein." „Ich dachte, wsil du dich so rüstest." Als die Mutter die gefüllte Tasche gebracht hatte, sagte Iuha: (Forts, solpt.) Die Gberbürgermeisterwahl. Mit großer Spannung sah die S t a d t v e r o r d n e t e n- Versammlung dem Ausgang der gestern zu vollziehenden Oberbürgermeisterwahl entgegen. B o e ß oder W e y l? Von wenigen Stimmen, von einem Zufall vielleicht, konnte das Ergebnis abhängen. Das Haus war nahezu vollbesetzt: von 225 Stadtverordneten waren 215 erschienen. Der Demokrat Cassel, ein schwerleidender Mann, ließ sich in den Saal tragen, um gleichfalls an der Wahl teilzunehmen. Bis zum Beginn der Wahlhandlung schien ungewiß, wie die Deutsch- nationalen sich verhalten würden. Würden sie aus Bosheit?- Politik für den bitter von ihnen gehaßten Weyl stimmen? Sie gaben eine Erklärung zu Protokoll, die beide Kandidaten ab- lehnte. Das Ergebnis der Wahl zeigt aber, daß nicht alle von ihnen diese Parole befolgt haben können. In den 95 für Weyl abgegebenen Stimmen dürften neben den Stimmen der Unabhängigen und der K o m m u n i st e n noch etwa 19 von denen der Deutschnationalen stecken. Die Verkündung, daß mit 199 Stimmen Boeß gewählt war, wurde von der äußersten Linken mit wütendem Lärm aufgenommen. Eine Nut von Schimpfworten wurde gegen die Sozialdemokraten geschleudert, die für Boeß ge- stimmt hatten. Am lautesten tobten aber nicht die Unabhängi- gen, sondern die Kommunisten. Es dauerte lange, bis die Erregung sich legte. Hinterher versuchten die Kommunisten, das Wahlergebnis wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten zu bemängeln. Im Verlauf der Sitzung wurde der Sachverhalt aufgeklärt, und die Unabhängigen erklärten dann, daß s i e das Ergebnis nicht mehr anzweifelten. Sitzungsbericht. Auch heut«, wo«in Teil der neuen Steuern bewilligt und um 6 Uhr die Oberbürgermeisterwahl vorgenommen werden soll, ist die Tribüne überfüllt uHd sind die Tribünenkarten vergriffen. Vor Eintritt in die Tagesordnung gibt auf eine dringliche An- frage der U. Soz. Bürgermeister Ritter die Erklärung ab, daß das Ortsstatut über die Zusammensetzung der Be» z i r k s ä m t e r vielleicht vor Ablauf einer Woche genehmigt werden dürfte: der Oberpräsident wolle über die Normierung der Gehälter noch den Verband höherer Kommunalbeamten hören. Die heute eingegangene Vorlage, Ortsgesetz über Ersatz barer Auslagen und entgangenen Arbeitsverdienst für ehrenamtliche tätige Bürger, geht an einen Ausschuß. Ein Dringlichkeitsantrog der Kommunisten wegen sofortiger Uebernahme sämtlicher Kohlen- und Hvlzplätze in städtische Regie usw. stößt bei der Rechten aus Widerspruch und kommt erst in der nächsten Woche zur Verhandlung. Der Antrag der Wirtschaftlichen Vereinigung, wegen der Befiefe- rung der Kleinhändler mit Zucker soll mit dem Antrag derselben Fraktion wegen Ueberweisung der zwangsbewirtschasteten Lebens- »Nittel an die Kleinhändler zusammen beraten werden. Die Vor- wegnähme der Beratung lehnt die Mehrheit ab. Die Erhöhung der Kur- und Verpflegungskosten in den städtischen Krankenhäusern fuhrt zu einer längeren Debatte. Der Ausschuh hat sich im wesentlichen der Magistratsvorlag« ange- schlössen. Kurz vor 6 Uhr wird der Gtadtv. Eassel(Dem.) auf einer Tragbahre sitzend in den Saal getragen, um an der vberbürger- meifterwahl teilzunehmen. Der Vorsteher Dr. Weyl spricht dem Ehrenbürger von Berlin den Dank für sein Erscheinen nach langem Siechtum aus. Cassel dankt seinerseits für dies« Begrüßung und wünscht der Entwicklung des Groß-Berliner Gemeinwesens alles Gute. Um 6 Uhr schreitet die Versammlung zur Wahl öes Gberbürgermeisters. Die Veulschnationolen haben zu der Wahl eine Erklärung ein- gereicht, die das Bureau zu den Akten nimmt. Es werden 215 Stimmzettel abgegeben. g5 Stimmen entfallen aus den Vorsteher Dr. weyl, lklg auf den Kämmerer Boeß: 5 Stimmen zersplittern. 6 Zettel sind ungültig. Kämmerer Bo e ß Ist somit auf 12 Zahre zum Oberbürgermeister der Sladtgemeinde Berlin gewählt. Bon den Unabhängigen wird die Verkündung des Crgebnisies mit einem Ausbruch der Entrüstung gegen die Soziakdeinokraten aufgenommen, denen sie in andauernden Zurufen die Schuld an diesem Ausgang der Wahl beimesien. Der Lärm, aus dem sich Pfui- rufe, der Ruf: Reaktionäre! und der Zuruf: Beim nächsten Kapp. Putsch seid Ihr zusammen! herausheben, dauert eine Weile an und läßt nur sehr allmählich nach. Auch aus der Tribüne wird die Wahl von Boeß teils mit Beifallsrufen, teils mit lärmenden Gegen kundgebungen aufgenommen. In der Erklärung der Deutschnationalen heißt es, daß die rote Mehrheit der Versammlung zur sachgemäßen Lösung der gewaltigen Gemeindcaufgaben unfähig und dadurch Berlin dem Zusammenbruch nahe gebracht sei. Für diese Zustände mögen die- jenigen die Verantwortung tragen, die sie herbeigeführt haben. Beide Bewerber seien gleich wenig geeignet, Berlin zu retten. Die Deutschnationalen hoffen aus die Zukunft und überlassen die Gegenwart denen, die sie verschuldeten. , Die krankenhauskosten. Thurm(U. Soz.), der als nächster Redner zur Kranken- bauskostenfrage das Wort erhält, erklärt zunächst, daß seine j Fraktion die eben vollzogene Wahl anfechten werde, ■ da mebr Zettel abgegeben seien, als in der Liste Wstimmungsver- 1 merke sich finden.(Borsteher-Siellvertreter Schwarz verweist auf den geschäftsordnungsmäßigen Weg.) Dann plädiert er für Herab- fegung des Satzes der 3. Klaffe von 18 auf 16 M. Dittmer(Soz.) steht im wesentlichen auf dem Boden der Magtstratsvorloge und lehnt die von rechts und links gestellten An- träge ab Koch(Dnat.): Ob 16 oder 18 M. sollte keine große Parteiftage sein. Daß Unbemittelte nur 9 M. zahlen sollen, wie ein Antrag Weyl will, ist«ne chalbheit, für die wir nicht zu haben sind. Auch der Beseitigung der 2. Klaffe können wir nicht zustimmen. In der Abstimmung wird der tägliche Kostensatz für die 3., 2. und 1. Klaffe auf 18, 50, 70 M. festgesetzt. Die 1. und 2. Klaffe sollen noch im Laufe dieses Jahres abgeschafft werden. Dia neuen Sätze sollen ab 1. Februar gelten. Auswärtige sollen da? Doppelte. Äusländer 60, 120, 180 M. zahlen. Die Aufnahme soll nicht von der Zahlung eines Vorschusses abhängig gemacht werden. wenn der behandelnde Arzt die Dringlichkeit bescheinigt.(Die hin- zugefügte Bedingung ist von Dittmer sSoz.! beantragt.) Bei den Borarbeiten zur Reform des Krankenhauswesens fall der soziale Gesichtspunkt besonders berücksichtigt werden. Hierauf geht die Dersammlung zur Beratung der Steuer- vorlagen auf Grund der Ausschußoorschläge über. Gegen die B i e r st e u e r o r d n u n g, die die Berliner Bier- steuer von 65 Pf. pro Hektoliter auf alle Groß-Berliner Gemein- den ausdehnen will, spricht Röder(W. Agg.). Auch Meyer (Dem.) hat Bedenken, besonders gegen die Heranziehung des bis- her freien Haustrunks. Die Kommunisten lehnen durch P s e i s f e r diese indirekte Steuer ab, die lediglich auf die Konsumenten abge- wälzt werden würde, und deren Beseitigung ein Programmpunkt der Sozialdemokratischen Partei sei. Dom Magistratstische aus wird die Berechtigung der Kommune, den Haustrunk zu besteuern, vertreten. Vom Vorsteherstelloertreter Fa b i a n wird mitgeteilt, daß tat- sächlich nur 207 Abstimmungsvermerke in der Wahlliste stehen: es hätten aber 8 in der Liste nicht angestrichene Mitglieder erklärt, sich durch Zettelabgabe beteiligt zu haben.— Stodtv. Leid(11. ttaz.) zieht hiernach den vorhin von seiner Fraktion erhobenen Einspruch zurück. Hertz lU. Soz.) tritt den Kommunisten entgegen. Es handle sich hier nicht darum,«ine neue indirekte Steuer einzuführen, fon- dern ein« bestehende beizubehalten. Man habe gar keine Ursache, den Großbrauereien eine Million in den Schoß zu werfen, was ge- schehen würde, wenn man die Ablehnung votiere. Ein Antrag auf Zurückverweisung wird abgelehnt, die Vorloge angenommen. Hiernach soll die Wohnungsluxussteuer zur Beratung kommen. Aus Antrag H e i m a n n(Soz.) wird diese Steuer, da deren� Erörterung heute doch nicht zu beenden sein würde, aus die nächste Sitzung oerschoben. Man wendet sich zur Beratung der Wohnfleuerordnung bei vorübergehendem Aufenthalt in der Stadtgememde Berlin(Bs- herbergungssteuerordnung). Röder(W. Agg.) bekämpft die Borlage sowohl aus zurist!» fchen als auch aus wirtfchastspolitischen Rücksichten, da sie den Frem» denverkehr belaste und so der Stadt zum Nachteil gereichen muffe. Dörr(Kam.) stimmt der Steuer zu. Mit den Luxushotels brauche man wegen der 10 Proz. kein Mitleid zu haben, eher follie man sie alle, soweit sie lediglich der Schiebergesellschast dienen, gründlich ausräuchern. Die Steuerordnung wird angenommen, ebenso die Vorlage wegen Errichtung eines Ausgleichs st ocks. ' Zur Besprechung gelangen jetzt die Anträge der Wirtschaftlichen Bereinigung, 1. die Zuckertleinhändler in Groß-Berlin ohne Aus« nähme mit Zucker zu beliefern, 2. die Nährmittelabteilung anzu- weisen, die zwangsweise bewirtschafteten Lebens- mittel den Kleinhändlern ohne Ausnahme zur Verteilung zu überweisen. Der erster« Antrag stammt schon vom 30. Dezember 1920. Der Vertreter der Anträge wendet sich mit großer Leb, haftigkeit gegen die Erdroffelung des Kleinhandels und gegen alle Kommunalisierungsbestrebungen auf dem Gebiete des Kleinhandels mit Lebensmitteln. Er polemisiert gegen die Gemeinden, die, wie Adlershof und Oberfchöneweide, dem Kleinhandel das Leben er- schweren. Die Kommunalläden lieferten nur teure und minder- wertige Ware, das Schiebertum sei erst eine Folge der Zwangs- Wirtschaft Ein Magistratsvertreter sagt zu, daß demnächst in der Abteilung geprüft werden wird, ob diesen Wünschen entgegen- gekommen werden soll. Nach 9 Uhr wird die Beratung abgebrochen. Das Verlangen der Kommunisten, ihren Antrag auf Gewäh- rung von Beihilfen an Erwerbslose noch zu beraten, wird abgelehnt. Nachdem noch der Annahme der Schenkung von 250 000 M, die Herr Juan Winkelhaaen aus Balparaifo der Stadt zuwenden will, zugestimmt ist, schließt die Sitzung um 9% Uhr. bildungSschüler versäumte Kestimmte Anmekdeformalitäten zum Unterricht, erschien aus diesem Grund beim Unterricht zwei Stunden zu Ipät und wurde vom Lehrer zur Strafe aus einen Tag der Schule verwieien. Sorort machte die Fürsorgestelle Schöneberg aus dieier vom Lehrer verhängten Strafe ein ichuldhaftes Ver- fäumiilS des Schülers und enrzog dem Jungen aur sechs Tage die ErwerbSloicniintersrüyung. Der jugendliche Arberrer war buch- stäblich dem Hunger preisgegeben. Am vierten Tage der Hunger- stra'zeit nahmen sich mitleidige Arbeiter seiner an. Diese Praxis der Hungerstrafe wird sehr ausgiebig angewandt. Sind die Leute, die die Veranrwortung für diese Dinge tragen, sich nicht bewußt. welches Unheil sie anrichlen, wenn einem im Wachstum stehenden Jugendlichen die nötigste Nahrung strafweise entzogen wird? Arbeiterrückfahrkarten auf der Fernbahn. Nach einem soeben erschienenen Nachtrag zum Personen- und Tarifanzeiger treten aur den ReichSeiienbahnen. mit Ausnahme des Berliner Stadt-, Ring- und Boiorlverkehrs sowie des Hamburger Stadt- und Vorortverkehrs, in bezug auf die Ausgabe von Arbeiierrückiahrkarten folgende Neuerungen mit Wirkung vom 1. März d. I ab«n Kraft. Znr Fahrt zwischen Arbeits- und Wobnort werden Arbeirerrückrahrkarren zur Hin- und Rückfahrt bis zu Entfernungen von hundert Kilometern ausgegeben an alle gegen Gehalt oder Lohn beichärrrgten Personen(Beamte, Angestellte und Arbeiter) an Beamten- anwärter, Lehrlinge und andere zur Berufsausbildung bei'chäilrgte Personen Die Mindestentfernung beträgt 21 Kilomeicr, wofür der einfache Fahrpreis der 4. Klasie(1.90 M) zu zahlen ist. Weiterhin steigt der Preis der Karte um je 9 Ps. für den Kilomeier, so daß eine Arbeiicrrückiahrkarte für 30 Kilometer 2,70 M., für 50 Kilometer 4,50 M., für 80 Kilometer 7,20 M. und für 100 Kilometer Entfernung 9 M. beträgt. Die Rückfahrkarlen werden nur gegen Vorlage eines besonderen Ausweises ansgeaeben. aus dern der Arbeitgeber die Beschästigung und die Geinerntebehörde den Wohn- ort des Arbeitnehmers bestätigen muß. Der Ausweis wird ber jeder Löi'ung einer Karte abgestempelt und verliert seine Gültigkeit nach sechs Monaten, bei Aendernng deS Arbeitsverhältnisses. oder wenn er unleserlich geworden ist. Berechtigt e Beschwerden aus Buch. Im Anschluß an die von Infaffen der Heimstätten Buch erhobenen Beschwerde über angeb. liche Urlaubsverweigerung wegen einer Teilnahm« an einer Bersommlung der Lungen- und Tuberkulosekranken hat das Heimstättenamt eine eingehende Untersuchung der Angelegen- heit vorgenommen. Hierbei hat sich herausgestellt, daß allerdings in gewisser Weise die Beschwerden nicht als unbegrülidet anzusehen sind. Es ist demgemäß das Erforderliche veranlaßt, um eine Wiederholung solcher Anstände auszuschließen, und Anweisung ergangen, daß insbesondere auch Uebergriffe der Aerzte nicht mehr stattfinden. Tie'/,.Ltter-Ldronkcumilchkarten«erden heute nur mit Liter Friickrmlch bedient. Die> übrige Beliescrung bleibt wie bisher. Die an- gegebene Belicserung bezieh! sich nicht aus die seit dem LCltoBcr 1920 neu zu Berlin' binxigekominenen Gemeinden. Aus den Abichnilt ,85* der Groß-Berliner Lebensmittelkarte«ntiallen 125 Gramm Teigwaren zum Preis« von 2 M><8 M. je Piund) Tic Ai meldeabschnitte sind von heule Freilag, den 21, bis Montag, den 24. Januar, bei den Kleinhändlern abzugeben. Bezirkebildungsaussctiuh. Am Sonntag, den 27. Februar, vorm. 11 llhr, in der Neuen Welt, Haienheide:«Lustige M u s i!*. Orchester, Gesang, Zouz. Milwirtendc: Frau Stesfi Hartmann, Ballettmcislerin des Deutschen OMvvbauscS. Frau Gertrud Lais, Opernlöngerin, Herr Dr. Ernst Ieckl. da? Blülhnerorchester. Karten bei allen AbleilungSkasiierenr und beim Bildungsausjchutz. Am Borverteuf 3 M, an der Kasse 3,50 M. Br«ul>eni«rgikcher Maschiuensctzeroerein. Um-»«ntuelle Irrtümer zu»er- wilden, sei darauf hingewiesen, daß die Bertrauensmänner-Bersauunlung Sonntag, den 23, Januar, 10 Uhr vormittags im Klubhause, Ohmstraße, statt- findet. Nowarpe». Gemeindevertrelunq. Mit dem 1. Januar ist No- wawes nach Klasse L verfetzt. Zu den Baukosten der von der Heimstöttengesellschast ausgeführten Häuser im Betrage von anderthalb Millionen Mark erhält die Gemeinde einen Zuschuß von einer halben Million Mark.— Dem Ankauf des Geländes östlich der Böckmannstroße bis zur Post von 1,83 Hektar Größe zum Preise von 10— 11 M. pro Quadratmeter wird zugestimmt unter der Be- dingung, daß dieser Teil Nowawes eingemeindet wird.— Eine Vorlage, die für die Beamten, Lehrer und Dauerangestellten die Be- freiung von der Angestellten- und Jnoalidenversieberungspflicht vorsieht. wird angenommen.— Ein« Anregung des Gemeindevertreters Nathan betr Errichtung einer Sparkasse wird dem Finanz- ausichuß empfohlen.— Für die neu zu erbauenden Siedlungshauser werden 100000 M. nachbewilligt.— Das Grundstück gegenüber dem Inoalidenheim ist der Gemeinde zur Pocht ohne Pachtzins gegen Instandhaltung des Zaunes und Reinigung des Bürgersteiges an- geboten. Es soll als Spiel- und Sportplatz für die Kinder des Alters- und Kinderheims hergerichtet wei'den.— Die Gemeindewiese jenseits der Nute soll in Parzellen von höchstens 800 Quadratmetern verpachtet werden. Für Kleintierhaiter beträgt die Pacht 5 Pf. pro Quadratmeter. Niedxrschöneweide. Mit der ersten gut besuchten Wählerver- sammlung in der Schulaula eröffneten unsere Genossen am Diens- tag im Ort den Wahlkampf zu den preußischen Landtagswahlen. Das Referat über das Thema:„Die preußische Landtagswahl" hielt der Genosse Gustav Heller, M. d. L. Für jeden Hand- und Kops- arbeiter sei es eine Pflicht der Selbsterhaltung, mir 20. Februar seine Stimme der sozialdemokratischen Mehrheitspartei zu geben. Eine Diskussion fand nicht statt. Der Vorsitzende tonnte somit kon- statieren, daß die Anwesenden mtt den Ausführungen des Genoffen Heller einverstanden seien. Mit der Mahnung, bis zum 20. Fe- bruar noch fleißige Arbeit zu leisten und den letzten Mann und die letzte Frau für unsere Ziele zu begeistern, schloß er die prächtige Versammlung._____ Hroß-öerlmer parteinachrichtea. heute, Freilag. den 21. Januar: 1. Abt. 8 Uhr Zrmktioniuwersammlnng bei Schißrowfly, Sophlenstr. S4. Heyer mitbringen. «. Kreil2. Kreil tStrgliß)«rdeitlgemclnfchast der so», elternbeiräte. Die« Vor- trage des Srnosse» Dr. Kris»- über„Entstehung und Entwicklung der Reli- olunen" beginnen am 21, 1. 1921, abends s Uhr, im Sesangsaal des Li>,»"n,s IN Steglitz, Rothrnkurger Str. Karten zu 3 M. für 0 Wende an der Abendkasse. lt. Ärctl iSicutölln). Zur Theatervorstellung am Montag, 2->. l., im sliole» Theater, 7'a> Uhr, Er. yrantfurter Str. lllä, sind noch Btllotte bei den Zunklia- Nitren und an der Adendtasi« zu haben. Gegeben wirb„Hoffnung auf Segen* von Henermans. .74. Abt. 7 Uhr Sitzung der Bezirksfllhrer und Betriebsocrtrauenslcute be! Goldsihmidt, Stolpische Str. 36. 187. Abt. 1 iS Uhr erweiterte Vorstandssitzuno bei Klingenberg, Srllnaucr Str. 28. Genossen, die sich an der Wahlarbeii beteil!- gen wollen, sind eingeladen. Steglitz. 7;� Uhr Öffentliche WShlerverfaminluna im Paulsrn-Realgymnastum, Avndtstraße. Thema:..Soztaldemoreati« und Land- tagswohl*. Referent: Ainanzmtnister Genosse Llldemann. ArbeitogemctasSast s-zi-ld-m-kraiisil'-, Lehrer und Lehrerinnen. Sitzung fallt morgen aus. Die Mitqyedcr werden aufgefordert, IUN s Uhr in der vom „Bund entschiedener Schulreform er* und, dem„Berliner Lehreroerein* nach dem Gymnasium, ftochitr. 13. eiarberufencn Versammlung vollzShlig!U erscheinen. Thema:„Sofortige Einfllhrüng der tolleaialrn Schulverfaflung und Erlaß einer zeltaemLsien 7Iensiann>eisung< 3.; A.: Bahcke. Zuagfozialisten. Ernyxe Süden?r>, im Saal der jurisiischen Sprechltund«, Lindensir. 3, 1. Vortrag über„Weltgeld*. Ref. Genosse Herrmann. smd. jur. 2. Einteilung der Bahlwanderung. Gruppe Norden Ik Gemeindeschulc, Put- buser Str. 6/8. 1. Bortrag über„Preußen und das Reich". Ref. Referendar Joachim nom Reichsarbritsmintf'.erium. Z. Einteilung der Wahlwanderung. Gruppe Lichterfelde 7/4 im Jugendheim, Albrechtsir. lila, Einteilung der Wahl- Wanderung. Morgen, Sonnabend, den 22. Januar: 17. Krei,(Lichtenberg) 7 Uhr Konteren» aller KreisfunktionZre bei Kur- kruvfli, Pfarrstr. 74. Di» Abteilungsleiter, Kreisvorsianhsmitglieber und Be- »irksverordnete lchon um 6 llhr. iZ. Abt. 7 Uhr fZuiUtionärsißnnz bei Pose, Kolonlestr. 1Z. Treifrunft zur DorwSrtsazrtatto» am Somrtag ebenda. IM. Abt.(Treptow) iith Uhr Sitzung(Znitlichcr Funktionäre und Betriebs- Vertrauensleute, Schule, Wildenbruchstr. S4. Erdgeschoß. 171. Abt.(RiederjchSnhausen) 7rg Uhr Funktionarkonferen» bei Stolle, Trcslow-, Ecke BlUchcrstr Treffpunkt zur Vorwärtsagitation am Sonntag bei Schliebener. Trestowstr. IS. Uebcrmorgen. Sonntag, den 23. Januar: S. Krell(Tiergarten). 3. u. 4. Abt., 87.— iO. Abt. Treffpunkt zur Vorwärts- agitation am Sonntag, g llhr vormittags, in den bekannten Lokalen. Die Be- -irksftlhrer der 11. Abt. holen die Zeitungen um 7 Uhr früh von drr Spedition Joseph ab._ vorträte. Vereine unö Versammlunaen. Srbelter.Rabfahrer'Bund„Solidarität*. Touren für Sonntag, oen 23. Jan.: l. Ad!. Tonr wirb am Start Bülowstr. 33 betanntgegebe». 2. A b I. Achtung E.P.D..Mitgliedrr Lairbtaaowahlaairation' noch Zossen. Start früh 7 Uhr, Neukölln, Leinestratze. 3. Abt. nach Spandau„Tiooti". Start IS)* Uhr Lausitzer Platz, Kirche, bei schlechtem Wetter per Dahn. 1. A b t. Tour wirb bei Krumbach. Warschauer Str. M, bekanntgegeben. 5. Abt. Familientour noch Hirschaarten„Wilhelmshof". Start 1 Uhr Komturetplatz. 6. Abt. Tour wird am Start Kopenbagener Str. 26 bekanntgegeben. 7. Abt. nach Picheis- werder,„Alten Freund". Start l Uhr Schulstr.. Eck« Prinz-Eugen-Str. 8. Abt. Tour wirb am Start Walbstr. 8 bekanntgegeben. 8. Abt. Tour wird am Start Brandenburgstr. 22 bekanntgegeben.— Sonntag, den 23.. vormittag, 8 Uhr, Zusammenkunft der Ortsgruppenvorftände der Ortschaften zn Groß-Verlln bei Krumdach, Warschauer Str. 61. Reorganisation. Referent Genosse Deinert.— Donnerstag, den 27., Zentralfahrwartsitzung, Rungestr. 7, abends 7 Uhr. Erscheinen der Fahrwarte ist Pflicht.— Freitag, den 28., Gene- ralver-ammlung abends 7 Uhr Schwedter Straße. Auskunsl über Touren erteilt Otto Hankel, Zentralsahrwart, Neukölln, Lichtenraber Str. VI. fim aller Welt. Salvorfan- Schmuggel. Die Ludwi-ishafener KrimincllpoFzei verhaftete einen Gastwirt und einen Agenten in Alirix wegen Schmuggele vim Saloors anmengen im Werte von 40 000 M. Unwetter in Frankreich. Wie die Pariser Blätter melden, nird ein Teil von Frankreich, darunter Parte, seit vorgestern van außerordeiitltchhestigenSlürmen heimgesucht� Paris ist vom Telephon- und Telegraphenverkehr, besonder» mit dem Norden und mit dem Osten, völlig abgeschnitten. In Ost-Frantreich, besonders in der Gegend von Nancy, hält das schlechte Wetter und der Sturm an. Es hat gestern nachmittag auch geschneit. Das Thermometer zeigt 10 Grad unter Null. hochwaffer und Ueberschwemmtrngen in Holland. Am Mittwoch morgen ist das Wasser der Zu i der-See infolge des außerordrnt» lich hohen Wasserstandes und des starken Nordweststurmes an verschiedenen Stellen über die Deiche getreten. Die Umgegend bis Zaarn steht unter Wafler. Die Stadt Zwelle Ist überschwemmt. Die Bewohner können ihr« Häuser nicht verlassen. Zahlreiche Schulen mußien geschlossen und einige Fabriken stillgelegt werden. Wogen des hoben Wasserstandes und des starken Nordweststuxmes ist der Dampf schissverkehr Enchuisten— Staoeren eingestellt worden. Das Woffer steigt noch. Der Nordweststurm hält an. Die spanischen Allentole. In Barcelona wurde ein Arbeit» geber getätet und der Ordonnanzoffizier des Direktors de? ökfent- lichen Sicherheit von Unbekannten durch Revvlverschüff« tödlich verletzt. Zweierlei Meß In Amcrkka. Die„Federated Preß" meldet aus New Port: Die Vereinigten Staaten sind mit Deutschland noch im Kriege— offiziell. Soeben wurden in Chicago zwei Arbeiter nach dem während des Krieges erlaffenen„S p i o n a g e g e f e tz" zu Gefängnis verurteilt. Doch gilt dieser Kriegszustand zwischen Amerika und Deutschland nuw für die Arbeiter, nicht für Kapitalisten, denn mit offenbarem Vera rügen teilt die„New Dort Times", das Blatt des amerikanischen Finanzkapi» tols mit, daß im Oktober 1920 der Wert nach Deutschland ex» pcrticrter Waren 32 449 235 Dollars betrug mrd i. ährend des» selben Monats für 8 021 701 Dollar deutsche Waren in Arne» r i k a cwgcsührt wurden Aurchkbar« Ueberschwemmungen hoben Mexiko heimgesucht. In Pachuco sind 100 Personen ertrunken, 200 verletzt, etwa 1006 jino oödochlos. Wie Strauß Verbrecher warb. vsr Mordprozeß gegen die„Cinbrecherkönige", die Brüder Emil und Erich Strauß, hat in Moabit begonnen. Sie sind, wie schon im letzten Abendblatt kurz gemeldet, angeklagt des Mordes, der Gefangenenbefreiung und des versuchten Mordes; neben ihnen sitzen noch auf der Anklagebank die Arbeiterin Anna Behrendt, geb. Priegnitz, wegen Begünstigung des Emil Strauß, der Händler Kurt H e r r m a n n, der Kellner Alfred E n d e r s und die Schnei- derin Luise Lehmann, geb. Afchenbach, wegen Beihilfe. Der 33jnhrige Emil Strauß ist zwölfmal vorbestraft, u. a. im Jahre 1907 wegen schweren Diebstahls zu 3'A Iahren Gefängnis, dann im Jahre 1910 wegen schweren Diebstahls mit 3 Iahren Zucht- Haus, 1913 wieder zu 3 Jahren Zuchthaus, 1917 abermals zu 3 Jahren Zuchthaus. Der Vollstreckung dieser Strafe entzog er sich dadurch, daß er aus dem Polizeipräsidium ausbrach. Er beging dann wieder 4 schwere Diebstähle, wurde wieder ergriffen und zu einer Gesamtstrafe von 12 Iahren Zuchthaus verurteilt. In der Nacht zum 7. Juli 1919 brach er aus der Strafanstalt Naugard aus und hielt sich seitdem in Berlin verborgen. Auch sein 2Sjähnger Bruder Erich ist schon in jungen Iahren wiederholt vorbestraft. Als er zu eineth Tapezierer in Küftrin in die Lehre gebracht worden war, entlief er, wurde in eine Erziehunas- anstalt gebracht, entlief aber auch dort und lebte dann von Dieb- stählen. Er wurde bestrait, kam in die Fürsorgeanstalt Lichtenberg, wurde dann bei einem Bauern untergebracht, dem er aber nach kurzer Zeit davonlief. In Berlin beging er dann Diebstähle, faß bald im Gefängnis, entzog sich der geregelten Strafoerbüßung da- durch, daß er allerlei unverdauliche Gegenstände verschluckte, mußte operiert und in die Irrenanstalt E b e r s w a l d e überführt werden. Aus dieser wurde er nach zwei Monaten entlasten und als geistig Minderwertiger in das Strafgeföngnis Tegel zurückgeschickt. Nach Verbüßung seiner Strafe im Jahre 1916 wurde er zum Miiltär eingezogen und ins Feld geschickt. Dort ist er angeblich mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und einmal verschüttet worden. Als er sich 1917 auf Heimaturlaub besand, kehrte er nicht wieder ins Feld zurück, wurde hier in Berlin wegen Einbruchsdiebstahls festgenommen, entwich aber aus der Militärhaft. Nach seiner Wiederergreifung wurde er zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt, entfloh aber auf dem Transport abermals. Er beteiligte sich an den Einbrecherfahrten seines Bruders und wurde zu10IahrenZuchthaus verurteilt. Er kam in dieselbe Strafanstalt Naugard, aus der fein Bruder aus- gebrochen war. Er ist dann am 27. November 1919 von feinem Bruder Emil ln geradezu tollkühner Weise befreit worden. Dieser hatte sich von einem kurz vorher aus Naugard aus- gebrochenen Gefangenen die Zelle seines Bruders genau beschreiben losten.. Er fuhr mit zwei nicht ermittelten Personen am 27. Novem- der nach Naugard und nahm Einbrecherwerkzeug und Zivilkleidung für seinen Bruder mit. In der Nacht schlichen sie sich an die Mauer des Zuchthauses. Emil Strauß kletterre auf einer Strickleiter hin- über in den Hos, öffnete die Tür des Hauses, in dem fein Bruder lag, mit einem Dietrich und schlich sich zur Zelle seines Bruders, die er gleichfalls mit Dietrich öffnete. Als Erich erwachte, sprang er aus dem Bett, beide stiegen unbemerkt wieder über die Mauer und Erich zog die von seinem Bruder mitgebrachte Zivilkleidung an. Dann fuhren die nächtlichen Besucher Naugards mit dem in so verwegener Art befreiten Erich nach Berlin zurück. Die Gebrüder Strauß haben dann in der Nacht zum 3. Dezcm- der 1919 gemeinschaftlich einen durch Kletterkünst« aller Art ermög- lichten Einbruch m das Konfektionsgeschäft von Wilhelm Dresel, Niederwallstr. 13/14, ausgeführt und sind dabei von mehreren Kom- plizen unterstützt worden. Hier wurden große Posten Seidenstoffe im Gesamtwerte von 300 000 bis 400 000 M. gestohlen. Die Gebrüder Strauß erhielten aus dem Verkaufserlös einen Anteil von 17 000 M. Sie hatten bei der Angeklagten Frau Behrendt Unter- schlupf gefunden, und als sie dort am 9.' Dezember von der Polizei entdeckt wurden, kam es zu der verhängnisvollen Schießerei, bei der der krimlnalwachlmeisier Erdmann erschosten und die Wachtmeister Krumpholz und Treichel verwundet wurden. Die Angeklagte Behrendt hatte den Emil Sttauß, mit dem sie ein Verhältnis eingeangen war. in ihrer Wohnung versteckt ge- halten, sobald die Luft nicht ganz rein zu fein schien, sie hatte auch eine große Geldsumme, die aus dem Diebstahl berrührte, versteckt und die Kriminalpolizei zu täuschen versticht. Emil Strauß hielt sich bei ihr unter dem lltamen Vogel aus. Nach dem Zusammenstoß mtt den Polizeibeamten sind die Brüder Strauß dann von den Angeklagten Herrmann und Enders zu der Angeklagten Frau Lehmann gebracht worden, die ihnen Unterschlupf gewährte, bis sie dort fest- genommen wurden. Als Emil Strauß nach seinen persönlichen Verhältnissen be- fragt wird, beginn! er eine lange, blumenreiche, mit reichlichem Pathos ausgestattete Rede, in welcher er, weit ausholend, seinen Werdegang schildern will. Der Vorsitzende will den Redefluß einigermaßen eindämmen, es gelingt ihm aber nicht, denn der An- geklagte läßt sich nicht aus dem Text bringen, sondern fährt, ohne je zu stocken, in seiner wohloorbereiteten Rede fort, die— von allen Ausschmückungen abgesehen— ein furchtbares Bild von der sozialen Nok eines Prolelarierkindes entrollt und deshalb verdient, hier aus- führlicher verzeichnet zu werden. Die man Verbrecher wird. Zu den Geschworenen gewandt, erklärt Emil Strauß: Hier soll nach Recht und Gerechtigkeit über Tod und Leben eines Menschen entschieden werden. Da ist es doch wohl notwendig, daß man die P e r f o n d e s A n g e k l a g t e n und die ausschlaggebenden Momente feines Werdegangs kennen lernt, um so mehr, als es sich um einen Menschen handelt, der seit Zahren in der öfseniUchen Meinung in dem Geruch steht, der schwerste der Schwerverbrecher zu sein. Äese traurige Berühmtheit— im wahrsten Sinne des Wortes traurig— verdanke ich nicht meinen Taten, sondern der Geschäftstätigkeit gewisser Sensationsartikel-Fabrikanten. Ich habe diesen traurige» Nimbus, mit dem mich ge° dantenlose Zeilungsleser umgeben haben, nicht verdient, man sieht daraus nur wieder die suggestive Macht der Druckerschwärze. Es ist spstematifch den Zeitungslesern ein Hohlspiegelbild von mir vorge- führt worden, das mich als Abschaum des Abschaums der Menschheit darstellen soll. Aber wer mich näher kennt, hat eine bessere Meinung' von mir, als jene im Rick-Corter-Stil fabrizierten Fabrikate, die den Zeitungslesern vorgesetzt wurden. Ich will, wenn ich hier mein Curriculum vitae vortrage, nicht im einzelnen dos ganze kraste Elend meiner Jugend schildern, nicht in den Verdacht kommen. Porträtmalerei und Snul- mungsmache zu betreiben, sondern ich will die goldene Mittelstraße innehalten und nur meinen Werdegang schildern. Mein Dater, heute ein würdiger Greis von 70 Iahren, war in mittleren Iahren ein notorischer Trinker gewesen. Cr trägt ein großes Teil Schuld daran, daß wein Lebenspfad so dornenvoll gewesen ist. Es ist ein Unterschied, ob ein sorgsam gehütetes Kind geistig und sittlich hochstehender Eltern seine ihm von der Natur verliehenen schönen Gaben in der Schule richtig verwerten kann oder ob es in Verhält- nisfen groß wird, wie sie mir beschert worden waren. Von meinem ?. Lebensjahre an habe ich bei wind und Wetter, bei Sturm und Eis meiner Mutter beim Zeitungsaustragen helfen müssen. Vom zehnten Lebensjahre an war ich Laufbursche und kam des Abends tot- müde nach Haufe. Meine Mutter, eine kreuzbrave, stets ehrliche Frau, schuftete vom Morgengrauen bis in die späte Nacht, um die zahlreiche„Straußenbrut" satt zu bekommen. Aber es war ein unbeschreibliches Martyrium, welches meine arme Mutter und damit auch ich durchmachen mußte. Eines Tages war meine geliebte Mutter am Ende ihrer Kraft ange- langt, wir hatten buchstäblich seit Tagen nichts gegessen, und in ihrer höchsten Not ließ sich die sonst grundehrliche Frau verletten, von den einkassierten Zeitungsgeldern einige Mark zu verwenden, um Brotzu kaufen. Als sie die paar Mark nicht zurückgeben konnte und ihr die Polizei drohte, nahm sie einen Strick und erhängte sich. Wir verwaisten Kinder wurden nun auf Kosten der Gemeinde Weißensee zu fremden Leuten in Pflege gegeben. Ich kam zu einer Frau mit einem engen Herzen, dafür aber um so weiteren Ge- wissen. Diese edle Dame beschäftigte sich damit, den Zöglingen des Magdalenenheims zur Flucht zu verhelfen, sie dann bei Kupple- rinnen unterzubringen und sich von dem Ertrag ihres Gewerbes Tantiemen zahlen zu lasien. Der Mann war ein richtiger versoffener Kuhknecht, der nur nach Hause kam, um Krakeel zu machen und seinen Rausch auszuschlafen. Meine sogenannte Pflegemutter sah ihre erzieherische Aufgabe darin, daß sie mich zu Diebstählen anhielt. Ich mußte auf den Friedhöfen Wachsrosen stehlen, die dann in der Kranzbinderei, in der ich als Laufbursche angestellt war, verkauft wurden. Bei einem dieser Friedshofsbesuche, bei dem auch die Tochter meiner Pflegemutter zugegen war, zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem frischen Kindergrab stehendes, nied- lick geschmücktes Weihnachtsbäumchen völlig zu plündern. Die 20jähriae Tochter klärte mich damals als elfjährigen Jungen auch theoretisch und praktisch sexuell aus. Mein Pater heiratete dann zum zweiten Male, und zwar eine Frau, die zwar weder lesen noch schreiben konnte, dafür aber uns Kinder desto mehr zum Lügen und Stehlen anhielt. Als ISjähriger Zunge wurde ich aus die Straße gesetzt, und zu jener Zeit bekam ich Gedanken, die denen eines Karl Moor oerzwetfelt ähnlich sahen. Tatsächlich habe ich damals mehrere Monate lang ein wahres Räuber- und Zigeuner- leben geführt. Ich lernte dann einen Schlosser kennen, der mit Einbrüchen Bescheid wußte, und mit diesem verband ich mich zu lob- lichem Tum Don diesem Augenblick an begann meine eigentliche Berbrecherlaufbahn. Ich bin stets nur kurze Zeit auf freiem Fuße gewesen und habe fast stets in Einzelhaft gesessen. Diese Einzelhaft wirkt lähmend wie ein Rarkottkum, wie Opium, Kokain, Morphium, und damit möchte ich die Gefängnisstrafen überhaupt vergleichen. Diese Narkotika müssen, ebenso wie die Freiheitsstrafe, in geringen und nicht zu freigebig gegebenen Dosen verabreicht werden, so wirken sie entnervend, zerrüttend. Kleine Dosen wirken heilend, bessernd zum Heike der ganzen Menschheit. Große Doien aber erzeugen das Gegenteil.(Zu den Geschworenen): Wenn Ihr'« nicht fühlt. Ihr werdei's nicht erjagen." Wer dann einmal so tief in den Sumpf hineingestoßen ist. der kommt nicht von allein wieder heraus, wenn er nicht gerade ein Münchhausen ist, der sich an seinem eigenen. Zopf wieder herauszieht. Damit lege ich vorläufig Pinsel und Palette zur Seite, denn mein Lebensbild ist entworfen, und ich bitte Sie, meine Herren, in der Stille Ihres Herzenskämmerleins zu prüfen, auf«elcher Seite wohl am schwersten gesündigt worden ist. Der Vorfitzende erörtert sodann den Befreiungsakt aus dem Zuchthause in Naugard. Emil Strauß erklärt hierzu, daß es nicht seine Art sei, das, was er getan, abzuschwächen. Er wolle deshalb ohne Umschweife erzählen, wie sich die Befreiung des Bruders ab- gespielt habe. Cr sei zu dieser Befreiung des Bruders, den er lehr liebe, dadurch bewogen worden, daß ihm gemeldet worden war, daß es dem Bruder in der Strafanstalt sehr schlecht gehe, serner dadurch, daß die Strafe, die sein Bruder erlitten hatte, ganz exorbiant hoch und ihm barbarisch erschien. Schließlich handle es sich doch um nichts weiter, als daß er mit seinem Bruder einige millionenschwere Kapilalisten von einem Teil ihres lleberftustes befreit habe. Der Angeklagte schildert dann die Vorbereitungen zu der Befreiunqstat und die Einzelheiten. Ihm sei genau bekannt gewesen, daß in Naugard die Kontrollrunde der Wächter allstündlich stattfinde, und so habe er das Eindringen in die Strafanstalt und die Be- freiung des Bruders ungestört ausführen können. Nach dem Ge- lingen der Tat habe er mit dem Bruder und den Komplizen, deren Namen er unter keinen Umständen nennen wolle, den Rückweg über Stargard— Stettin nach Berlin angetteten. Den hier in Berlin begange- nen Einbrnchsdiebstahl bei Wilhelm Dresel in der Niederwallstr. 13/14 gibt der Angeklagte unumwunden zu. Zu der Erschießung des Wachtmeisters Erdmann erklärt er u. a.: Die Kriminalbeamten seien bei der Behrendt eingedrungen, als dort gerade eine Geburtstags- seier im Gange war. Erdmann habe nach Geld gesucht und wissen wollen, woher die vielen Ausgaben stammten. Richttg sei es. daß, als auf dem Ofen das Paket mit dem Gelde gefunden worden fei, er zunächst gesagt habe, das Geld gehöre der Frau Behrendt: ihr Vater sei vor zwei Jahren gestorben und das Geld stamme aus der Erb- Ichaft. Er sei bei der ganzen Begegnung mit den Beamten infolge des Genusses von Rotwein und Kümmel sehr aufgeregt und bestürzt gewesen, wie er überhaupt durch den langen Ausenthalt im Zucht- Hause sehr nervös sei. Der Angeklagte bekundet dann weiter, daß er, als er loh, daß es kein Entrinnen mehr gab, die Absicht gehabt habe, sich selbst zu erschießen. Er sei zu diesem Zwecke hinter eine Porttere getreten, habe seine Pistole hervorgeholt und gesehen, daß sich kein Patronen- rahmen darin befand. Als das Hineinschieben des Rahmens ein knackendes Geräusch verursachte, sei Kriminaloberwachtmeister Erd« mann aus ihn zugesprungen und habe gerufen: Was machen Sie da? Hände hoch? In diesem Moment habe er, ohne recht zu wissen, was er tat, die Hand hochgerissen und geschossen. Irgendwelche Ueberlegung habe er in diesem Augenblick bestimmt nicht gehabt. In diesem Augenblick habe auch sein Bruder geschossen.— Strauß schildert dann, wie er nach der Tat mit seinem verwundeten Bruder von Wohnung zu Wohnung geirrt sei, bis ihm schließlich der Kriminaloberwachtmeister Dettmann eines Tages auf die Bude gerückt fei. Er habe auch hier sofort den Gedanken gefaßt, Schluß zu machen, d. h. sich das Leben zu nehmen. Der Gedanke aber, daß die gereizten Beamten seinem Bruder Erich übel mitspielen würden, habe ihn davon abgehalten. Hinter der verschlosienen Tür hob? plötzlich jemand gerufen:„Emil. mach auf, es hat reinen Zweck mehr! Hier Dettmann." Cr habe darauf den Beamten zugerufen! Wenn Ihr vernünftig seid, sind wir auch vernünftig. Wir gaben deshalb, so erklärt Sttauß weiter, jeden Widerstand auf, da uns auch schon mitgeteilt worden war, daß die Beamten mtt Handgranaten versehen waren. Geheimer Medizinalrat Dr. L e p p m a n n hak sich über den Geisteszustand des Angeklagten Erich Sttauß ZU äußern. Nach seinen Untersuchungen ist Erich Sttauß, der seinen Bruder schwärmerisch liebt und durch dessen Sprachkenntniss« zur Bewunderung und durch seine Rettung aus dem Zuchthause zur Dankbarkeit getrieben wird, ein mit geistigen Mängelnbe- hafteter Mensch, doch liege ein Ausschluß der freien Willens- bestimmung im Sinne des Z 51 St.G.B. nicht vor.(£r sei aber anzusprechen als ein Minderwertiger, der nicht so zu beurteilen sei. wie ein Gesunder.— Medizinalrat Dr. S t ö r m e r hat den Angeklagten Enders, der schon 9 Jahre in Zuchthäusern zugebracht hat und wäh- rend der Strafvollzüge wiederholt in Geisteskrankheit verfallen ist, auf seinen Geisteszustand untersucht. Der§ 51 treffe nicht zu, doch sei Enders erheblich minderwertig. Diesem Gutachten schließt sich der Sachverständige Dr. Bürger an: er hat den Angeklagten bei Gelegenheit einer anderen Strafsache zu untersuchen gehabt. Der erste Zeuge Wachtmeister Krumpholz bekundet u. a.: Die drei Polizeibeamten hätten, als sie zur Durchsuchung der Woh- nung der Frau Behrendt dort erschienen, nicht gewußt, daß hier die Gebrüder Strauß hausten, sie glaubten, es handle sich um Teil- nehmer an dem Posttaub auf dem Schlesischen Bahnhof. Nach setner Darstellung Hot der ganze Vorfall sich in der Zeit von ungefähr 10 Minuten abgespielt. Als er auf den Ofen hinausgriss, um das Geld von dort herabzuholen, fei plötzlich die Schießerei losgegangen. Emil Strauß habe auf ihn und Erdmann geschossen, nachdem er sich an der Gardine vor der Kabuse etwas verdächtig gemacht hatte und deshalb von dem Zeugen scharf ins Flugs gefaßt wurde. Bei der Schießerei habe Emil Sttauß nach jedem Beamten der Reihe nach direkt auf den Kopf gezielt. Der Zeuge selbst hat bei dem Feuergesecht zwei Kopsschüsse erhalten und das linke Auge ein- gebüßt. Er hat nicht den Eindruck gehabt, daß Emil Emil Strauß be- ttunken oder angeheitert war.— Emil Strauß behauptet, daß der Zeuge aus tiefem Haß eine Darstellung gegeben habe, die von der Wahrheit stark abweiche. Als er gefesselt und völlig wehrlos zur Vernehmung vorgeführt wurde, habe ihn der Zeuge heftig ins Auge geschlagen. Er fühle dem Zeugen nach, daß er durch den Berlust seines Auges ausgebracht gegen ihn sein mußte.— Auf Vorhalt des Rechtsanwalts Dr. L ä w e n st e i n gibt der Zeuge unumwunden zu, daß er in seiner furchtbaren Erregung dem Angeklagten einen Schlag ins Gesicht gegeben habe. Die Schwester der Angeklagten Behrendt, Arbeiterin Gerttud Priegnitz sagt aus Befragen des Rechtsanwalts E i s e n st a e d t aus, daß Emil Sttauß den Eindruck eines vertrauenswürdigen Kavaliers gemacht habe. Die Zeugin ist bei der Schießaifäre beinahe selbst verwundet worden: eine Kugel ist ihr dicht am Körper durch die vom Arin gebildete Lücke hindurchgegangen. Kriminalkommissar Dr. A n n u s ch a t hat bei seinen Unter- suchungen in der Behrendtschen Wohnung nach der Tat 17 Hülsen von Pattonen zweier verschiedener Systeme vorgefunden. Spuren des Feuerkampfes haben sich an den verschiedensten Stellen gezeigt, es habe sich nicht feststellen lassen, welche Schnßspuren aus Schüsse. aus den Dienstwaffen zurückzuführen seien. Alle Zeugen tagen über einstimmend aus. daß Emil Strauß einen sehr a n st ä n d i g e n, g e- bildeten Eindruck gemacht habe. Nach Vernehmung des Zeugen Krey, der bei Frau Lehmann gewohnt hat und über die näheren Umstände, unter denen nachts um yA2 Uhr die beiden Brüder Strauß bei der Angeklagten Leh- mann aufgenommen wurden, wird der Kriminnloberwachttncister Dettmann vernommen. Er hat die beiden Sirauß bei Frau Lehmann verhaftet. Er ttopfte an die Tür, und da diese nichtige- öffnet wurde, drohte er, die Tür zu sprengen, woraus von drinnen die Stimme erscholl:„Nehistt die Frau weg, Pardon w!rd nicht gegeben!" Bald darauf drohten die Beamten, eventuell Handgranaten zu werfen, und nun wurde von drinnen geantwortet:„Wenn uns nichts passiert, kommen wir heraus." Dann tat sich die Tür auf und Erjch Sttausp'™ stand mit hochgehobenen Händen bei seinem Bruder im Zimmer.,,. Beide ließen sich ruhig festnehmen.— Auf die Frage de« Rechtsan-/' walts Dr. Löwenthal, was er von dem Charakter des Emil Strauß halte, erklärt Zeuge, daß die Brüder Strauß ihm die sympathischsten Verbrecher seien, die ihm je vorgekommen seien. Gegen ihre Zunftgenossen seien sie auch wohltätig, und bei Sammlungen für diejenigen, die gerade „Knast schieben", hätten sie oft Hunderte gegeben, wenn sie sie gerade hatten. Die Gefängnisbeamten hätten ihm aus Befragen nach dem Verhalten der beiden Brüder geantwortet:„Wenn wir nur lauter Straußens hätten, dann hätten wir Ruhe."— Vors.: Die Leute in Naugard sind doch wohl anderer Ansicht.— Dem Zeugen ist von Gewalttätigkeiten des Emil Strauß nichts be- k a n n t. Emil Strauß hat ihm später erzählt, daß er nicht die Ab- ficht gehabt hat, die Beamten zu erschießen, er habe sich vielmehr selbst erschießen wollen: wenn die Beamten aufgepaßt und ihm nicht zuviel Spielraum gelassen hätten, wäre er gar nicht zur Pistole gekommen. Er habe ihn auch unter Tränen ge- beten, zur Frau Erdmann zu gehen und ihr zu sagen, daß er ihren Mann nicht habe erschießen wollen: wenn er aus dem Gefängnis komme, wolle er für die Frau iminer arbeiten.— Auf eine Anregung des Rechtsanwalts L ö w e n t h a l bemerkt Zeuge noch, daß Emil Sttauß gebildet sei. Der Verteidiger ergänzt das dahin, daß Emil Strauß Englisch gelernt, Stenographie betrieben und sich mit Mathematik beschäftigt habe. Die Gedichte des Emil seien direkt klassisch und könnten ebensogut von Schiller sein.(Heiterkeit.) Di« Verhandlung wird hierauf aus Freitag 9 Uhr vertagt. j Jugenüveranftaltunsen. Heute, 21. Januar: «ord-vst: Aula, Schule PasteurgraS«. Bortrag:„eor«tischen" Prtisungen eine„praktische" Prllfung nicht mehr erforderlich. Bei Ihrer Aus- bildung werden Sic ja auch da» niitig« praktische Kiinnen«rworben haben. Niihcrc Buskunst wäre wohl beim Sewcrbesaal, Strahinannstr. 6, zu erhalten. — A. B. 100». Für Postdeamtinnen sind dl« Aussichten jetzt günstig. Nach acht Iahren Probedienstzeit(gegen«ehalt)«rfolgt Einstellung als Telegraphen- gebilfin. Dann rund 12 000 M.«ehalt(einschl. vrlsguschiag und Tcueranas- zutage nach den jetzigen Festsetzungen). Ausrucken in höher» Stellen mägttch, wenn die dazu erforderlichen Examina gemacht werden.— M. 8. 100. Uue nicht bekannt. Es kommt daraus aber auch gar nicht an. Wenn Ihnen der Betrag zu hoch erscheint, so müssen Sie da» Kind anderweit unterbringen.— G.>. 77. Ja.—». i. 3. 1. Ja. 2. Der Austritt muh beim Amtsgericht erklärt werden Die Austrittscrrlaiuna kann aber mich in iffentlich beglaubigter Form eingereicht werben.— 101. 1. Ja, sofern e» die bam>olizetlich«n Borschriften nicht verbieten. 2. Der Unterhall ist bi» zum Eintritt der Srwerbsfähigkeit des «indes zu gewähren. Ihr« Frau ist verpflichtet' ein»» Veitraa zu den Uirter» baltskosten zu leisten, lieber die Höhe müssen Sie sich mit ihr verstäubigeu. Eventuell muß da» Gericht entscheiden. 3. Nein.— Z. 13. 1. Nein. Fordern Sie die Prämie zurück. 2. Bis 31. 12. 1020.—«. H. SO. L». 2. Ja. -®. 8. Bi» 81 8. 1921.- fl. 2, 1920. 1. Da»«-fetz ist am 1. April 192» in Kraft getreten. 2. Hcildebcinblung wird nur gewährt, wenn der Anspruch auf Rente ancrtannt worden ist. 1 iCf'iIXDOiM SlMt neue Kräfte, neues gesundes Blut, lüC'tiB CKKIH neue Nervenkräfte, neue Lebenslust. Für GesciiwäcMe, Nervöse, Erschöpfte; sehr wohlschmeckend«im gut bekömmlich.- in Apotheken M«. 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Wagner, Plcba, Hassel, Stieda, Kiper Sonnt, nachm.: Herr Minister Berliner Theater 7t;, Uhr: Die spanische Nachtigall Operette von Leo Fall mit FritziMassary Hans Waaamann, Bmmy Sturm, Julius Brnadt, RctnboldPnacb, Olga Engl Stg. 3 Uhr: Der letzte Walzer. Cen tral-Th eater 71/,: FPSQ Bärbel(Operette) Deuter hra Opernhuna 7 uhr: Oberon Frledr.- IT Hb elnist.Tli v�uhr. Hoheit die Tänzerin Kleinen Theatep s uhr- Casanovas Sohn Kl. Sehanaplelhuna 7Vj Uhr: ReigCll Keminr.hr Oper 7>/.u.: fiaroneßchen Sarah Lnstaplelhsna TU Uhr: Arnold Rlcck in Die schwebende Jungfrau Ketropol-Thoater aJollandweibchen Denen Operettentheat. "/.u.: Yn-Shl tanzt STeneu Volkntbeater 7'/, Uhr: BeaQi&arehaisti.Sonnenlels MehlUer-Theat.Chnrl. v.] Die gutgeschnittene Ecke Thalia-Theater tu uhr: Mascottchen Th.amMolleiidorf|>lntu 7 uhr. Wenn Liebe erwacbl Thenter des Weatrns vir Sbd. 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Tor Kottbuser Str. 6 Tägl?Vz und Sonntag nachm. 3 Uhr Elite- Sänger Zum Schluß: MTaqnhSuser" (Parodie) Nachm.halb.Preise Vorv. l!-l>/» u. 4 6. i— Witte Well— Arnold Scholz Hasenheide 108.114 Täglich Bayer.Bierfest Jeden Vlenstax, Mittwoch, Donnerstag« Sonnabend, Sonntags GroSer Alpenball Anfang 6 Uhr POnf Kapellen 30 bayer. Kad'i Cooeorilia-Palast-Tlieater St Andreasstraße 64. Filmschau: Whltehapet Bühnenschau: Die grosjon Oatield-Sntratftoiiaa A. Böwer, Ott.Nlklta, Rublnl. 2 Cfaaverlat yldmirals-�alast ". Die roten Schuhe Morg. V/t! Die roten Schuhe Potsdamer Str. 38 Anna ßoleyn mit Henny Porten Emil Jannings Turmstr. 12 Die Lieblingsfrau des Maharadscha I. Teil II. u. III. Teil demnächst AlexanderpI.'Pass. Madame Recamier Friedenau, Kheinstr. 14 George Bully .mUFrisehab Fabrik;! Jeder Hausstand der Sorgen enthoben! Haferflocken Ä'" klassige Qualität für Kinder, Kranke und Gesunde, entbittert, entspelzt, süß wie Nuß, von feinem, bisquitartigem Wohlgeschmack. 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Thomas(Kom.) weist darauf hin, daß in Bayern Mörder und Räuber frei herum- liefen, während Politirer zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt würden. Die Volksgerichte feien nicht volksfreundlich, son- dern volksgefährlich. Die Zensur unterschlage Briese an Reichs- tagsabgeordnete. Abg. Simon(Soz.): Dem Kollegen Spahn gegenüber stelle ich fest, daß dos Ministerium H o s, m a n n sich darin einig war, der Belagerungszustand fei sofort auszuheben, sobald wieder Ruhe eingetreten sei. Ausnahmezustände können zu Zeiten notwendig werden, dürfen aber niemals Daurrzufläyde werden. Bayern hat damals das Recht des Reichspräsiden- t e n, den Belagerungszustand aufzuheben, ausdrücklich anerkannt. Herr Strathmann glaubte wohl gestern, sich hier in einem Theater zu befinden. Was soll man auch zu einem Politiker sagen, der gemeinen Meuchelmord nicht von dem politischen Attentat eines Adler unterscheiden kann. Ein so berüchtigter Hetzer wie er darf sich nicht über k o m m u n i st i s ch e Hetze beklagen. Er ist doch erledigt, seitdem er die bewußte Verbreitung schmutzigster Ver- leumdungen gegen die ozialdemokratie eingestehen mußte. Dieser wilde bayerische Partikularist ist ein guter Preuße, der seit«inigen Jahren in Erlangen als Professor doziert. Solche Urbayern sollten uns doch mir ihren Belehrungen verschonen. Dem Kollegen E m m i n g e r sollte das ungeheure Material an Rechtsdrüchen und Schikanen doch genügen, um das Unhaltbare dieses Zustande« ein- zusehen. Emminger hat wohl recht, daß die Erlebnisie zur Räte- zeit nicht angenehm waren. Aber die Dinge während des K r i e- g e s sind doch zumindesten ähnlich gewesen. Die M e h r h e i t s- s o z i a l i st e n haben im Rätekarneval olles getan, was mög- lich war, als es galt, seinen Mann zu stellen. Dagegen verkrochen die um Emminger wie bei der Revolution sich im Mauseloch und waren erst da, als die Reichswehr einrückte. An dem Zuge nach rechts in Bayern tragen die Kommunisten die Schuld, und die Folge der Rätezcit ist die Regierung Kohr. Die Beranwortung für die Zwischenfälle in Regensburg und Augsburg trägt nur der Ausnahmezustand, der es ermöglichte, daß die Sicherheitspolizei die Straßen versperrte und so die Arbeiterschaft zum Zusammenstoß trieb. Durch den Aus- nahmezustand wird nur Master auf die Mühle der Kommunisten getrieben. Jetzt haben wir die Möglichkeit, das Unrecht an der bayerischen Arbeiterschaft gut zu machen, das diese schon so long« erduldet. Abg. llnlerleikner(U. Soz.) weist darauf hin, daß die Aushebung des Ausnahmezustandes ein? Forderung auch der bürgerlichen Demokratie sein müßte. Die bayerische Regierung habe die Notwendigkeit des Ausnahmezustandes durch Lüge und Schwindel begründet. Die bayerischen Staatskommissare herrschen unumschränkt und setzen sich über alle Bestimmungen der Ver- fassung hinweg, sie sind für Bayern das, was die O b e r k o m m a n- dierenden während des Kr.eges waren. Studenten, ehemalige Offiziere und Hochschullehrer dürfen unbehindert Demonstrationen veranstalten, wenn es gilt, ein richterliches Urteil, das gegen einen der ihren in Schwebe ist, zu beeinflusten und patrio- tisch-monarchistische Ansprachen halten Wer von uns noch Bayern kommt, um zu sprechen, muß sich vorher in eine Lebensversicherung einschreiben lassen, wenn er nicht ganz im Sinne der Anlisemiten und Reaktionäre spricht. Mich selbst haben Studenten mit Totschlag bedroht. Den Wucherbeamten werden von den Bauern die größten Schlachten geliefert. Das ist die Sicherheit in Bayern unter dem Ausnahmezustand. Nach persönlichen Bemerkungen der Abgeordneten Simon (Soz.) und Emminger(Bayr. Dp.), in denen sich Emminger gegen den Borwurf, am Revolutionstage sich versteckt zu haben, verteidigt, findet die Abstimmung über den Antrag A d e r h o l d 58 Uhr. die neuen Steuern. Der Hauvtankschuß deS Reichstage» beschäftigte sich Donnerstag mit den Teuerungszulagen zu den B e a m t e n g e b ä l t e r n. Die Negieruug erklärt dazu, daß die allgemein berrfchenden Teuerung?- Verhältnisse eine ineitere Erhöhung der Teuerungszuschläge ge- boten ericheinen lassen. Mit Rücksicht auf die Vecichiedenbeit der Verhällnist« an den einzelnen Orlen veS Reich« wird vorgeschlagen, den Teuerungszuichlag zum Grundgehalt und zum Ortszuschlag räch Ortsklassen abzuschaffen. Einschließlich der Rückwirkungen, die sich daraus für Pensionäre. Angestellte. Reichsarbeiter usw. ergeben und einschl. der Ausgaben für Post und Eisenbahnen wftd die dem Reich erwachsende Mehrausgabe auf 3200 Will. M. jährlich zu schätzen sein. Zur Deckung dreier Summe reichen die ordentlichen Einnahmen des Reiches nicht aus, es mästen daher durch Erhöhung bestehender und Erschließung neuer Steuerquellen sowie durch loiisllge Enr- nahmen kErhöbung der Posi« und Eiienbahnlarife) unbedingt die erforderlichen Geldmittel beschafft werden. Die Aussprache befaßt sich eingehend mit dem Konflikt. der am Mittwoch zwischen Reichsrat und Reichssinanzminister in die Erscheinimg trat. �7 Reichssinan, minister Dr. Wirth: Die Reichsregierung ist nicht in der Lage, der vom ReickiSrat beschlossenen Aenderung des Entwur'S zuzustimmen. Ich erachte es aber nicht für angängig, die Verpflichtungen zum Ersatz der Mebrieistungei, von Ländern und Gemeinden im Geietz selbst festzulegen; denn die Länder werden daraus für alle Zukunft eme Berechtigung herleiten, vom Reich Ersatz zu verlangen, wenn sie durch irgendwelche Maß« rahmen des Reiche? zu Ausgaben veranlaßt werden oder veranlaßt werden zu sein glauben. Ebenso lehne ich eS ab, auch die etwa den Gemeinden entstehenden Mehrkoste» auf Reichsmittel m über» Hewerksthasten m Der Ausschuß des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts- Hundes halte in seiner Dezembertagung zur Prüfung der zahl- reich vorliegenden Vorschläge betr. die Sozialisiernng der Kohlenwr r tschaft einen Unterausschuß eingesetzt, der seine Arbellen in mehreren Sitzungen erledigte und auf der am 20. Januar geschlossenen Tagung des Gewerkschaftsaus- schufses Bericht erstattete. Er unterbreitete ein aus 20 Leit- sätzen bestehendes Sozialisierungsprogramm, das sich im wesentlichen an den Vorschlag Lederer-Hilser- d i ng der Sozialisierungkommisiion anlehm, ihn aber in eini- gen Punkten modifiziert, ferner eine Entschließung, die den Inhalt der Leitsätze in gedrängter Kürze wiedergibt und sich gegen die von der Reichsregierung beliebte Be- Handlung der Kohlenfozialisierung wendet, sowie endlich eine Protesterklärung gegen die Absicht des Reichs- w i r t f ch a f t s m i n i st e r s, die Sozialisierungskommission zu beseitigen. Sämtliche Vorlagen wurden vom" Bundesaus- schuß einstimmig angenommen.-Wir sind in der Lage, den Inhalt der Entschließung und der Protesterklärung des Bundesausschustes der Gewerkschaften schon heute im vollen Wortlaut mitteilen zu können. Die im Ausschuß des A.D.G.B. vertretenen Vorstände der beut- sehen Gewerkschaften fordern von der Reichsregierung die sofor- tige Sozialisierung des Kohlenbergbaues. Mit Befremden müssen die Gewerkschaftsvorstönde feststellen, daß die Reichsregierung die den Gewerkschaften am 20. März 1920 gegebene Zusage der sofortigen Inangriffnahme der Soziali- sierung der dazu reifen Wirtschaftszweige ebensowenig erfüllt hat, wie das den Bergarbeitern anläßlich der Durchführung des S p a- Abkommens gemachte Bersprechen, den Kohlenbergbau gemein- wirtschaftlich zu organisieren. Auch die Regierungserklärungen vom 5. August, vom 22. September und vom 8. Oktober 1920 sind bisher uneingelöst geblieben. Anstall den gesetzgebenden Körperschaf- ten einen Gesetzentwurf zur beschleunigten Erledigung zu unter- breiten, versäumt die Reichsregierung die Zeit damit, den vor- läufigen R e i ch s w i r t f ch a f t s r a t mit der Begutachtung" von Gutachten der Sozialisierungskommission zu beschäftigen, um eine wirkliche Sozialisierung zu verschleppen oder gänzlich zu ver- hindern. Die Sewerkschastsvorslünde erklären, daß kein irgend- wie geartetes Gnkachten des oorläusigen Reichswirtschaslsrals die Reichsregierung von der Erfüllung Ihrer gegenüber der Arbeiter- schaft eingegangenen Verpflichtungen entbinden kann. Die Gewerkschaften können eine Soziallsierung der Sohlenwlrtjchast nur von einem Gesetz erwarten, das folgenden Bedingungen ent- spricht: 1. Alle Erdschätze gehören der Nation. 2. Die A u s b e u t u n g der Kohlenvorkommen wird den bis- herigen Besitzern gänzlich entzogen und gemeinwirtschast- lich organisiert. 3. Das gesamte Eigentum an Bergwerken und zugehörigen Anlagen wird gegen Entschädigung der Besitzer aus einen Gemein- wirtschaftskörper übertrogen. 4. Die Kohtenbewirtschaftung soll einheitlich für dos ganze Reich geregell werden, ohne den Bezirken die wirtschaftliche Seme nehmen. Abg. Burlage stimmt dem Finanzminister zu.— Nach weiterer Aussprache nimmt der Haupiousscbuß den Gesetzentwurf an, wo- durch die Teyerungszuschiäge zum Grnndecholt und zum Orls- zuschlage mit Wirkung vom 1. Januar 1921 ab iolgendermaßen festgesetzt werde»: für dl? Orte der Ortsllasie A auf 70 Proz., B 67, C 66, 1) 60 und E 55 Proz.— Die vom Reich sr ar dem Gesetzentwurf hinzugeftägle Vestimmung. den Länder» an dem Er- trage neu einzuführender Sleuer» Anteile zu gewähren, wird bei Stimmenthaltung der Deuticknanonalen abgelehnt. Ein An- trag Dellus-Pachnicke, das Ortstlastengefty mit größter Veschteuni- gung vorzulegen und Orte mit gleichen Teiierunasverhättniiien in die gleiche Klasse einzureihen, wird vom Hauptausschuß a n g e- n 0 m m e n.— Weiterberaiung Freitag. Rote Werbe-Voche. Die nächste Woche soll eine Werbe-Woche für die Partei und ihre Presse werden. Die Parteigenossen rüsten bereits eifrig fiir diese wichtige Vorarbeit zu den Wahlen. Allen aber, die bisher von den Vorbereitungen nichts erfuhren, geben wir auf diesem Wege davon Kenntnis. Ts werden alte zur Hilfeleistung gebeten. 3t i e- wand darf sich ausschließen. Zeder melde sich sosort bei seinem Gruppenleiter, damit die.Rote Woche" werde zu einem großen Erfolg öer Sozialdemokratie! Das sabotierte Reichsnotopfer. Der Sleuerausichuß des Reichstages beschäftigte sich Donnerstag mit den Vewertungsgrilndsätzen für die Vcronlagnng der Grund« stücke usw. zum/Rcichsnolovier. Jlbg. Dr. Helffertch(DnlI.): D>« vom Reichsfinanzminiilerium erlasienen BewertungSgrundsätze stehen zu den abgegebenen RegierungSertlärimgen und zur Gesetzgebung >m Widerspruch.— Abg. Dr. Blunck(Dem.): Als ErtragSrest gilt allgemein das 25fache des Reinertrages, bei Grundstücken das Lviache.— In der weiteren Aussprache spricht sich Abg. Herold(Z.) doiiir aus, daß nicht der Ertrag von fünf unnormalen Kriegsjahren für eine. dauernde steuerliche Bewertung der landwirtschaftlichen Grundstücke maßgebend sein soll.— Abg. Keil(Soz.) unterstützt die Auffassung BlunckS. Bei den Anträgen der bürgerlichen Parteien handelt es sich um eine Fortsetzung ihrer Bestrebungen ani Abbau des Reichsnotopftrs. Die Landwirtichast soll nicht schärfer heran« gezogen, aber anderen Ständen gegenüber auch nicht begünstigt werden. Wenn man einen ehrlichen Durchscknilt des Ertragswertes der Landwirtschaft erzielen will,� so muß man den Vorschlägen der Regierung folgen. Meine Partei macht keinen Schritt mit, der zum Abbau der Besitzsteiier führen würde.— Ministerialdirektor».Lahr: Bei der Ausstellung der BewertnngSnormen sind landwirtschaftliche Sachverständige zugezogen worden. Es ist nicht richtig, daß die Verhältnisse der Kriegszeit so sehr in Betracht gezogen wurden.— Weiterberatung Freitag.__ Wirtschaft Der deutsche Außenhandel nach dem Kriege. Ohne Außenhandel ist Deutschland existenzuniähig. Da? hat nicht nur die Blockade der 4'/z KriegSjahre mit ihren furchtbaren Folgen für die VolkSernährung und die industrielle Produktion ge» zeigt, auch die schweren wirtschaftlichen Erschütterungen nach dem Krieg« gehe» wesentlich darauf znrüch daß Deutschland nicht ge« »ö Sozialisierung. gungskreihell zu verkümmern. Die Betrieb« sind zu wirtschaftlich vorteilhaften B e t r i e b s e i n h e i t e n zusammenzufassen. 5. Die Lohn- und Gehaltsregelung soll auf Grund von Reichstarifoerträgen mit den Gewerkschaften vereinbart werden. 6. Den Arbeiter- und Angestelltenvertretungen ist ein Mit bestimmungsrecht in den Betrieben sowie in der Wirtschafis- führung zu sichern. 7. Die Preisregelung soll noch gesunden volkswirtschaftlichen Grundsätzen unter Berücksichtigung der Verbraucherinter- essen erfolgen, so daß eine allmähliche Ablösung der aus der Eni eignung herrührenden Schuldverpflichtung, sowie Rücklagen für den notwendigen Ausbau der Kohlengewinnung sichergestellt werden. Abzulehnen ist jede Lösung, die das Eigentumsrecht an den Kohlenbergwerken privatrecktlich erweitert oder zer- splittert, anstall es gemeinwirtschaftlich zusammenzufassen, oder die die Kohlengewinnung privatwirtschaftlicher Ausbeutung weiterhin überläßt. Der Ausschuß des A.D.G.B. hat unter diesen Gesichtspunkten seine Leitsätze für die Sozialisierung des Kohlenbergbaues zu- jammenqestellt und fordert alle Arbeiter und Angestellten auf, für dieses Programm in möglichster Geschlossenheit einzutreten. Die deutschen Gewerkschaften sind entschlossen, die Durchführung dieser Forderung in der n«chhaltigsten Weise zu unterstützen. Sie erwarten indes, daß die Reichsregierung es nicht zu solchen folgenschweren Konflikten kommen läßt, sondern eingedenk ihrer Verheißungen und des einmütigen Willens weitester Bolkskreise die Sozialisierung des Kohlenbergbaues zur raschen Tat werden läßt. Erklärung. Der Reichswirsschastsminister hat im Reichstag wiederholt den Gedanken erörtert, die Sozialisierungskommission auszulösen und ihre Funktionen aus den Reichswirtschastsrat zu übertragen. Der Ausschuß des A.D.G.B. erachtet es gegenüber solch it Plänen für notwendig, daran zu erinnern, daß die Wiederein- setzung der Sozialisierungskommission erfolgt ist auf Grund der Vereinbarung vom 20. März 1920 zwischen der Reichsregierung und den Gewerkschastsverbönden zum Zwecke der sofortigen Inangriffnahme der Sozialisierung der dazu reifen Wirtschafts- zweige. Die Kommission hat die Aufgaben der wissenschaftlichen Prüfung der Möglichkeiten, Wege lind Ziele der Sozialisierung. Der Reichswirtschaftsrai kann diese Ausgaben infolge selncr Zu- sammensetzung nicht lösen, wie seine Behandlung der Frage der Kohlenwirtschaft zeigt. Die Sozialisierungskommission har ihre Arbeiten auch bei weitem noch nicht erledigt, da sie Untersuchun- gen über den Kalibergbau, über dos Vau- und W 0 h n u n g s- wesen, über die E i f e n w i r t s ch a f t tmd über die Energiewirtschaft teils in Durchführung, teils vorbereitet hat. Dia Reichsregierung selber hat ihr obendrein die Prüfung der Frage des Verkehrswesens übertragen. Unter diesen Umständen wäre die Auflösung der Sozialisierungskommission einer S a b 0 t i e. rung des in der Verfassung festgelegten Gedankens der Soziali- sierung gleichznachten. Die Gewerkschaften legen gegen derlei Absichte?, des Reichswirt- schastsministeriums die entschiedenste Verwahrung ein und er- klaren, daß sie gewillt sind, eine solche Verletzung des Abkommens vom März 1920 mit alker Entschiedenheit abzuwehren. 1 1 in■■ fiüSJBSBsaii■«ii.i 7�1 m»— mi k; nilgrnd Rohstosse und Lebensmittel einführen und zum Teil auch infolge de» Kohlenmangels nicht genug Ware für die Ausfuhr er- zeugen tonnte, um die wirtschaftlichen Verhältnisse der VorlriegS-eic auch nur annähernd wieder herzustellen, lieber die Entwicklung des deutschen Außenhandels nach dem Kriege sind biehcr mir wenige Angaben veröffentlicht worden. Nach einer neuen amt- lichen Zusommeitstcllnng betrug der Außenhandel 1911— ISIS und 1919 sowie Januar— Juni 1920; Mengen in 1000 Tonnen Einiubr AuSiubr Durchschnitt 1911— 13.... 706«» 66155 1919........... 9 924 12085 Januar— Juni 1020..... 8 408 18 018 Werte in Millionen Mark Einfuhr Ausfuhr Papier« Gold- Papier-'Gold- mart mark mark mark Durchschnitt 1911— IS.— 10389— y 053 1919....... 82 651 6 802* 9 974 2 078* Januar— Juni 1920. 60 000 4 ISSf 25 600 1 770t *) 1919: 1 Goldmark----- 4,8 Papiermarl. t) 1920: 1 Goldmark— 11,5 Papiermark. Dieie Ziffern sind zu einein wesentlichen Teile durch Schätzungen ermittelt. TaS liegt an den Mängeln unserer AuS- und Etnfubrstatistik. In den Ausfuhrziffern der Reichsstatistik ist nämlich ein Teil derjenigen Waren enthalten, die auf Grund de« Waffenstillstandes oder aus Grund der Wiedergutmachunaspflichten erfolgt sind. Auch die Zahlen für die Einfuhrwerte dieser Staitsttk stimmen nicht genau; ist dock der Wert der eingeführten Waren Kir das letzte Jahr nur zu zwei Dritteln nach den Preisen von 1920 b-- rechnet, während ftir den übrigen Teil noch die Einfuhrwerte aus Grund der niedrigeren Preise von 1919 ermittelt wurden. Man mußte also die Einfuhr tatsächlich als höher, die Aussuhr als geringer annehmen. So ist die obige Tabelle entstanden. Sie ergibt, daß der deutsche Einfuhrüberschuß im ersten Halbjahr 1920 volle 35 Milliarden Papiermart betrug._ Der Abtransport der KoKlen aus dem Ruhrrevier geht noch immer nur schleppend vor sich. Die werktägliche Woget:- oestellung ging von 20 187 auf 19 404 Wagen zwdick, wahrend die Fehlzifser von 3368 aus 4661 Wagen stieg. Die Halde n- bestände nahmen in der der letzten Woche von 903473 aus 976897 Tonnen zu. Konzentration der Züundholzindustrie. Die Stahl u. Nölke A, G.�n Kassel, die vor einiger Zeit die Zündholzsabrik Aken au- gekaust hatte, hat jetzt auch die Zündholzfabrilcn von H e i n tz u. Bischof in Koswig und die Zündholzsabrik Bad Schmiede- berg erworben. Sie ist, da st-e auch in Kassel, Mainz, Kostheini, Ahaus i. W. und Schwenningen Fabriken besitzt, das größte deutsche Zündholzunt ernehm en. Die Deutsche Vetroleum.A..G. stellt die Meldung in Abrede. daß sie und die Deutsche Bant an der Gründung einer Aktiengesell- lchast zwecks Ausbeutung oder Verwertung von Posi- vonienschiefer beteiligt ist. Es Handell sich, wie sie mittsilt, In Mößingen um eine S t u d i e n g e s e l l s ch a f t, der die beiden Unternehmungen angehören. Die Schulde» der Welt. Eine Statistik der National City Bank enthält folgende Ziffern: Die Schulden oller Staaten der Welt be- tragen 3 00 Milliarden Golddollar gegen 212 Milliarden bei Unterzeichnung des Waffenstillstands. Die Rückkehr des Fliedens hat, so schreibt die„Federated Preß" somit keineswegs dem Anwachsen der ollgemeinen Schuldenlast und der Inflation EinHall getan, veno betrug während des Krieges die jährliche Zunahme der Schulden 40 Milliarden Golddollar, so beziffert sie sich im ersten Jahre nach dem Waffenstillstand sogar aui 45 und in dorn seitdem verflogenen zweiten Jahr auf 42 Milliarden. Brandler..Heilert und B a S m a n n. Diel« Latten die Ab« ficht, auf Grund des lommunistiichen Aktionsprugrammes eine Reichsfraktion der Mitglieder der V. K. P. D. im Bauarbeiter-Berband zu gründen. Im Jnteresfe der Er« Haltung einer einheitlichen und geschlossenen GeweischaftSfront be- grüben wir diese Mahnahme des Vorstandes des Deutschen Bau« arbeiter-Verbandes und hoffen, dah die anderen Gewerkschaften ebenso energisch den Kampf gegen ihre Feinde von links ausnehmen. GewerMastsbewegung Die tschechoslowakischen Gewerkschaften. (Von unserem Proger Korrespondenten.) Di« Entwicklung der tschechoslowakischen Gewerkschoftsorganisa- tionen wurde durch die Gründung der tschechoslowakischen Republik sowie infolge der natürlichen Loslösung der Verbände von Wien resp. Budapest sehr beschleunigt und waren die Arbeiterfach- vereine bis zur Parteispaltung im fortwährenden Wach- s e n begriffen. Der Höhepunkt scheint bereits jetzt erreicht zu fein und dürste nun eine Stagnation in der Gewerkschaftsbewegung eintreten, da infolge des Zerwürfnisses die nationalsozialen Organisationen in bedeutendem Maße gestärkt wurden. Ein Ueberblick über das verflossene Gewerkschaftsjahr ist noch nicht gut möglich und erst jetzt ist eine Statistik über das Jahr 1319 erschienen. Während im Jahre 1913 in der Tschechoslowakischen Gewerkschaftsoereinigung 1S1 247 Mitglieder organisiert waren, beträgt die Mitgliederzahl dieser Gewerkschaftszentrale Ende 1319 bereits 727 035(hiervon 194 665 Frauen). Die stärk- sten Verbände im Jahre 1919 waren: der Landarbeiterver- band mit 179 650 Mitgliedern(gegen 433 Mitglieder im Jahre 1918), die Metallarbeiter 116897(48130), Chemische Industrie 77 887(16926), Bergorbeiter 65 197(25 004),»eranlaßte Str. zu einer direkten Eingabe für„seine Gruppe' Eisenbahner 65 470(17 667), Textilarbeiter 40616 an den Magistrat, von welcher der Betriebsrat keine Kenntnis Strohmeyers Glück und Ende. Einer Betriebsversammlung der Hilfskräfte des Magistrats Berlin-W ilmersdorf wurde ein treffendes Bild deutsch- nationaler Betriebsverirelung entrollt. Das im Laufe der Zeit deutschnational./gewordene" BemebsratSmitglied Stroh- in eher fühlte'sich— besonders als Hilfsarbeiter im Personal- dezernat des MagistraiSrats Dr. Franke— berufen,„seine Gruppe" zu vertreten.?lls der Obmann des Betriebsrats die ihm rechtlich zustehende Einsicht in Beschäftigungsvorgänge im Personalbureau nehmen wollte, verbat sich Strohmeyer dies für„se-ine Gruppe". Er verlangt ohne weiteres Zustimmung zur Einstellung auch solcher Personen, die im Arbeitsnachweis nicht gemeldet waren. Der fristlos entlassen«, bisher zwei Jahre als Obmann tätig ge- wasene Kollege T. steht dem neuen Angestelltenrar, zumal er auch in diesen wiederufti gewählt worden ist, mit Rat zur Seite. Gegen seine Entlassung ist Einspruch und Klage erhoben worden. Sein Aufenthalt im Geschäftszimmer des Betriebsrats (9220). Das Gesamtvermögen der Verbände ist in einem Jahr von 3 ans 12 Millionen Kronen gestiegen. Von den Ausgaben einfallen 14 Proz. auf Unter st ützun- gen und 24 Proz. auf kulturelle Zwecke. Von den- � seitens der Verbände herausgegebenen Zeitschriften waren 35 in 1 tschechischer, 4 in slowakischer, 8 in deutscher und eine in magyarischer Sprache. Die Tschechoslowakische Gewerkschaftsver- einigung gibt selbst außer einer tschechischen und einer slowakischen Zeitschrift ein deutsches Organ(„Gewerkschaftsblatt") und ein magyarisches Blatt heraus. Die Unternehmer rüsten sich zu einem gemeinsamen An» stürme aus die Arbeiterorganisationen und werden hierin auch von batie. In dieser Eingabe hat er den Magistrat unter anderem ge beten, bei weiterem Aufenthalt des entlassenen Kollegen den Schriftwechsel dem Betriebsrat nur im Personalbureau anglich zu machen usw. Magistratsrat Dr. Franke hat dies reiben dem Gesamtbeiriebsral sofort weitergegeben, dem Wunsche des Vertreters der Minderheitsgruppe schleunigst entsprochen, sich den längeren Aufenthalt des Kollegen T. im Ge- schäflszimmer des Betriebsrats streng verbeten und von evtl. zu ergreifenden„Maßnahmen" geschrieben. Der Gesamt- betriebsrat hat zu diesem.gefälligen" Schreiben sofort Stellung genommen und gegen Str. beschlossen, dem Magistrat die richtige Antwort zu geben. Dr. Franke will es auf einen Kampf darauf ankommen lassen, denn der Betriebsrat hat es sich verbitten macht, einen Tarifvertrag mit auskömmlich»« Löh» nen für diese Branche zu schaffen, scheiterten an dem„soziale» Verständnis" der Unternehmer, die alle Dcrhandlungen sabotier» t en. Die Angestellten werden in den nächsten Tagen zu diese« Vorgängen Stellung nehmen. Der Torisvertrag im Einzelhandel, der am 14. Juli 1920 zwischen der Einzelhandlsgemeinschaft Groß-Berlin und deni Zentralverband der Angestellten"abgeschlossen wurde, ist für dos Gebiet des bis» herigen Zweckvcrbandes Groß-Berlin für allgemein verbindlich erklärt worden. Tarifverträge sind lm Bureau des Zentraloerbandes der Angestellten, Bellealliancestr. 7/10, erhältlich. Achtung, Zimmeret! Da unsere Vertrauensmänner auf de« einzelnen Arbeitsstellen laut Betriebsrätegesetz die Rechte eines Betriebsobmanns haben, so ist es notwendig, daß sich ein jeder Vertrauensmann, um zu allen von der freigewerkscha st« l i ch e n Betriebsrätezentrale einberufenen Versammlungen der in Frage kommenden Körperschaften, Zutritt zu erhalten, sich vom Arbeitgeber eine schriftliche Bestätigung als Obmann des Be- triebes ausstellen läßt, der noch nicht im Besitz einer solchen ist. Weiter ersuchen wir unsere Vertrauensleute, die an den Unter- richtskursen zwecks Schulung der Betriebsräte teilnehmen wellen, sich im Laufe dieser und anfangs nächster Woche bei uns auf dem Bureau zu melden und einen Fragebogen auszufüllen. Das Unterrichtshonorar eines Kurses beträgt 6 M. Der Vorstand. Der Streik in den Berliner Dampfwäschereien ist nach einer Dauer von einer Woche beendet worden. Der Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses kam nicht zur Ausführung. Die Parteien erziellen«ine gegenseitige Verständigung. Die Arbeit wird heut wieder aufgenommen. Afa-Funktionäre, Betriebsräte»s«.? Heute 7 Uhr ün Schultheiß.Auss�kan� Hasenheide 2S/Ü1, Versammlung. Thema:„Die'Aufgaben des Asa-Dundes• Referent: Erich Flatau. Wegen wlchtiger Bescklußfassung mutz jeder A,a. ?funttionär anwesend sein. Auch Aollegen, die nicht Funktionäre sind, können ommen. Mus öer Partei. Eine neue Zeikschrifk der Arbeikerjugendbeweguug. Soeben ist die erste Nummer des„Führer", Monatsschrift für Führer und Helfer der Arbeiterjugendbeweguna, erschienen. Die technisch gut aus» gestattete Zesschrift bringt eine Menge Anregungen und Vorschläge „----------,------,...,.......... für die praktische Jugendarbeit. Daneben finden sich auch Beiträge, der Beamtenregierung unterstützt. Der Unternehmeroerband for- uiuyen, i-ch Vorschrfften� über leine� interne Geschäftsführung usw. djx den Mitarbeiter tiefer in das Wesen der Arbeiterjugend und ihrer <....'—-! Bewegung einführen. Die Arbeiterjugendbewegung hat mit dieser Zeitschrift ihre Literatur um ein wertvolles Stück bereichert. Wer in der Bewegung mitarbeitet oder der Jugend nahesteht, wer die auf» strebende Arbeiterjugend in ihrem innersten Wesen verstehen will, der muß diese Zeitschrift lesen. Sie erscheint regelmäßig am 15. eines jeden Monats und ist zu beziehen durch alle Postanstalten oder direkt von Verlag Aug. Alb recht, Berlin SW� 68, Lindenstr. 3. Der dert jetzt die Vorlage sämtlicher Arbeitsverträge behufs Revision und hat einen„Befehl" an seine Mitglieder erlassen, in welchem es heißt:„Mit den Vertreter» der Arbeiter- schaft ist erst nach gründlicher Vorbereitung, nie aber auf Grund der Anträge und Forderungen der Arbeiter zu verhandeln." Da die Unternehmer die Annullierung aller Kollektivverträge beab- sichtigen, liegt es im Lebensintcresse der Arbeiterschaft, daß die Gewerkschaften vom politischen Streit verschont bleiben. Interessant dabei ist, daß die Unternehmer national geeint vorgehen, da in dem Industrielleuverband sowohl tschechische als auch deutsche Fabrikanten organisiert sind. In letzterer Zeit hat sich auch das Finanzkapital ge- einigt. Die deutschen Banken sind in den tschechischen Banken- verband eingetreten. Es ist zu..wünschen, daß gegenüber dieser einheitlichen Kampffront des Kapitals auch eine proletarische Einheitsfront in der Tschichoslowofci geschaffen wird. _ R. I. Gewerksthastsfunktkonäre! Die Forksehung der Versammlung der Vorsitzenden der Be- kriebsräke, der Delcgierlen der Sewerkschafkskomniission und des Ortskartells der Zlsa findet Sonnabend vormittag Wi Uhr in der Bockbrauerei, Fidiciastraße, stakt Die Vorsitzenden der Betriebsräte müssen einen von der Firma gestempelten Auswels ihres Betriebsrats vorzeigen, die übrigen erhalten ihren Ausweis von den Organisationen. Ohne diese und ZNitgliedsbuch sowie Betriebsratokarte der sreigewerkschasllichen Betriebsräkezentrale kein Zutritt. Die Ausweise der Betriebsräte find am Eingang abzugeben. Betriebsräkezentrale. Berlins und Umgegend. Ortskartell der Asa. Areigeiverk'chaflllche Gewerkschaftskomm ssion Gegen die kommunistische Zersetzung. Unter dieier Ueberichrift konnten wir vor einigen Tagen über den Beicbluß deS erweiterten Beirates des Metallarbeiter- Verbandes berichten, der sick auf den Boden der Amsterdamer Internationale stellt und vom Borstand fordert, daß er gegen d i e O uerlreibereien derMoskauer mit allen staiiiiariscb zulässigen Mitteln vorgebt. Inzwischen hat der Deutsche Bau- arbeiter-Verband den Lkampi gegen die tommiliitstischen „Zellen" energisäi aufgenommen und drei der führenden„Zellen- bauer" ansgeskblofien. Es bandelt sich um die flonimunisten niachen zu lassen. In der Betriebsratsversammlung versuchte ein Amtsbruder des Str. eine E h r e n re t t u n g, die aber derart war, daß die Betriebsversammlung mit großer Mehrheit seinen Ausschluß aus dem Ange st eilten rat und Einlei- lung des Verfahrens beim Sch l ich tu ngsa u s schu ß I öe schlitz. Das Geschick ist wandelbar. Als Str. im März 1319 eintrat, war er der größte Hetzer gegen das Personalbureau. D i e K.PD. stand ihm noch z u weit rechts. Scheiben einschlagen war ihm die kleinst« revolutionärste Tat. Seit Anfang 1920 hat er sich zum deutschnarionalen Jüngling„aus eigener Ueb'r- zeugung" herausgeschält. Sehr richtig wurde in der Versainm- lung erwähnt, wie lau die Angestelltenschaft teilweise selbst ihrer eigenen Sache und ihrer Führerschaft gegenübersteht. Hoffent- lich haben die Wilmersdorfer Kollegen aus diesem Fall die Lehre gezogen, sich kampferprobte, gerade st ehende Führer zu wählen und nicht solche, die schon nach l4tägiger Tätigkeit an- sangen zu wackeln._ Oohubeweguug bei Hermann Akeyer u. Co. Für d'e Fl li a l- l e i t e r i n n« n der 6� Tochtergesellschaften der Firma Hermann Meyer u. Co. u.td für die Angestellten der Firma Hugo B e l i n g «»stand ein Haustarif der Ende Dezember abgelaufen ist. Diese Firmen erklären, daß sie die Gehälter nur unter der Voraussetzung um zirka 25 Mk. monatlich erhöhen können, daß von den bestehenden 500 Geschäften 50— 60 geschlossen werden. Man hat ' sogar den Angestellten diese Geschäfte zum Kauf angeboten. Als Grund für diese geringen Angebote wird natürlich der zurzeit schlechtere Geschäftsgong ins Feld geführt. Die Firmen find aber durchaus in der Lage, die Gehälter bedeutend zu erhöhen. Die Angestellten haben nunmehr den Zentralverband der Ange- stellten beauftragt, sofort den Schltchtungsausschuß anzu- rufen. Was von kleineren Firmen geleistet werden kann, dürfte auch bei einigermaßen gutem Willen den großen Firmen durchaus möglich sein. Aber an diesem guten Willen scheint es zu fehlen. Im 71-ihrungsmiklelgroßhandel werden immer noch wahrhaft „fürstliche" Gehälter gezahlt. Bilanzsichere Buchhalter werden noch mit einem Gehalt von 600 M. entlohnt. Kassiererinnen und perfekte Stenotypistinnen erhalten 5 00 M. Ganz besondei's feine Firmen sind Johannes Gerold, Lützowstr. 94 l, Köster- l i tz, Kraufftr. 4/5, Emil Tengelmann, Reinickendorfer Straße 113, Gebrüder Jakob, Dircksenstr. 28, und A. P e n n i tz, Gormonnstr. 32. Die letztgenannte Firma ist eine richtige Lehr- l i n g s z u ch t a n st a l t. Die Unternehmer haben Millionen. gewinne eingeheimst und die Angestellten wurden mit H u n g e r- löhnen nach Hai.se geschickt Allen Versuchen des Zentral- Verbandes der Angestellten, der uns diese Mitteilungen jährliche Bezugspreis beträgt 12 M. Bei Bestellung von mehreren Exemplaren durch die Organilationen ermäßigt sich der Preis für das Exemplar auf 10 M.. bei Abnahme von mindestens 50 Exemplaren auf 9,50 M. Lerantw. für den redall. Teil- Dr. Werner«etler, Ttartottenburg: für Anzeigen: ZH. Glocke. Berlin. Verlag 1 vorwirtS-verlag.«s,-45. 175 Oerrcn-Hoscn m n». so, öS acrrcn'Gammlmam. �4? 5,4-5, 375 /?Llesr unten Frezjsr. In«hverei\ Ct) Ware M 19V Herren-WlBierJoppen üflnöHnfis-msfer m ssv.-,5. 200 Knaben-StoU'Aiizflöc Äm 20.» Kiitköfiii-wascn-anzüöe",64«0 30 EinseQniings- Anyllge In blau, sdiwars und maren�o, au» haltbaren Stoffen, nach den neuesten Modellen gearbeivet «» xuerto mö Ii gnt»r is-n Gesellscha* s- A-nzlloe Catawayt j.WsMeu, smonins-, Selirwk- 12. 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