•. Nr. 72S 43S.Fahrga«g Busgöbc kü Nr. 63 Bezugspreis t S!-rt-I>Shr>.Z0.-M.. mvnatl. frei ws Sau«, voraus zahldar. Post» bezug: Monatlich 1«,— M» ewlchl. flu- ftelungsgedahr. Unter Kreuzband fiir Deullchland und Oesterreich lSLV M- füt das übrige Ausland bei täglich einmal. Zustellung 2l.b0 M Postbe. fiellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn Tlchecho- Slowakei, Däne- wart. Solland, Luxemburg, Schweden und die Schweiz.- Eingetragen in '�te Dost-Zeitungs-Preislift«. Der'�Borwärts" mü der Sonntags- beilage.Volt und ZeiN und der Unter- Haltung sdeilage Jpeimweil" erschein« «ochentäglich zweimal. Sonntags und Montag» einmal. Telegramm- Abreget «Kozioldemotrat vecll«", Abend Ausgabe Vevlinev Volksblstt �20 Pfennig) Anzeigenpreis: Sie achtgespaltene NonpareMezeile tostet b/ist M„Nteine Anzeigen� da» settgcdruite Wort I.bll M. l»u- lässig zwei fettgedruckte Worte), sedes weitere Wort M. Elellengcsuche und Schlafstellenanzeigen das erste WoN U— M> ledes weitere Wort KU Dkg. Worte über 12 Buchstaben zählen für zwei Motte. ffamilien-An- zeigen für Abonnenten Zeile 3,- SDL Die Preis« verstellen sich einschließlich Teuerungszuschla», Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis 6 Ahr nachmittags im pauplxeschäft. Berlin SW S8, Linden» stratze 3. abgegeben werden Geössiiet von S Uhr früh bis S Uhr abends. Zcntmiorgan der rozialdemokratifdien Partei Deutfchlands Neüaktisn und Expedition: SW öS, Linüenstr. Z Fernsprecher: Amt Mortvplap, Nr. ISI SV— t.?l S7 Mittwoch, den 1i>. März 19�1 Vonvärts-Verlag G.m.b.H., SW öS, Llnüenstr.Z Fernsprecher, Amt Morihpla». Nr. ll7SZ— S4 Vorarbeit für ö London. M. März. sReotkr.) Verantwortliche britisch« Geschästsleute in Düsseldorf sehen die Errichtung der neuen Zoll- grenze al» zwecklos und kostspielig an und erinnern an die Er- sahnmgcni der Engländer am Kölner vrückeukops vor der Rati- sizierung des Ariedensvertrages, wo trotz Skacheldrahtes. Infanterie- Patrouillen und Kontrolle an den Eisenbabtn'ia'ionen der Schmuggel in riesigem ZNahe weiterging Man dürfe auch nicht vergessen, dasz es die Alliierten jetzt mit einen, Gebiet zu tun haben, das eine Bevölkerung von b Millionen umfasse, darunter einige der widerspenstigsten Elemente(!) in Deutschland.— Im Unkerhause keilte Lloyd George mit, daß dle.Deutsche Reparalionsbill" in keiner Weife die in Ausstchl gestellte Gesetzgebung, betreffend Dumping, tiefen Balnkastand und Schlüsselindustrien, in Mitleidenschosi ziehen werde. London, 16. März,(TU.) Das glatte Passieren der Reparations- Hill in der z w e i t en Lesung des Unterhauses(nach der„Voss. Ztg." soll die Arbeiterpartei dafür gestimmt haben! Red.) beweist, daß das Parlament der Regierung in der Reparationsfrage freie Hand läßt. Die.Dolly News' vermißt den moralischen Mut der Abgeordneten.„Daily Herald" greift die Arbeiterpartei an. Die Meldung der„Franks. Ztg." über Repressalien deutscher Banken erregt Aufsehen und veranlaßt die„Times" festzustellen, daß eine Sabotierung der Prozentabgabe zu einer umfassenden Blockierung führen müsse. . London, 16, März.(MTB.) Laut„Morningpost" sind lange Listen von Abänderungsanträgen zu der Reporationsbill von Mitgliedern des Parlaments, die Asquith und der Arbeiter- parte, nahestehen, eingebracht worden. Der Schatzkanzler ist von den Koaliiionsparteien darauf hingewiesen worden, daß auf die vauer England der Einsammler der Reparationen für die A l l i> e r» t e n sein und dabei zu Schaden kommen würde. Dem„Dolly Herald" zufolge werde nach Ansicht der englischen Geschäftswelt der Entschädigungsvlan Lloyd Georges zum Ruin des englischen Handels führen. Der Widerstand der Geschäftswelt gegen die Bill betreffend der Svprozentigen Einfuhrabgabe nimmt dem Blatt zufolge dauernd zu.„Dailn Herald" veröffentlicht eine Zuschrift, in der es heißt: es würde für England lohnender sein, den Deutschen 11 Milliarden Pfund in Gold zu geben und sie zu bitten, uns Aufträge zu erteilen, als„die Deutschen zahlen zu lassen". Der Protest Ses Nheinlanöes. Düfs-tdorf. 16. März.(WTB.) In der Schlußsitzung des Rheinischen Provinziollandtages gab Justizrat Mönnig-Köln namens der bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokraten folgende Er- klärung ab: Die Besetzung weiteren deutschen Bodens auf dem rechten Rhein- „fer, die angekündigte unerträgliche Belastung der deutschen Aus- fuhr und insbesondere die Androhung der Errichtung einer Zoll- grenze am Rhein haben neues Leid, neue Rot und Sorge über das deutsche Volk und vor ollem über unsere rheinische Heimat gebracht. Keine dieser Maßnahmen ist auf dem Boden des Rechts gegründet. Insbesondere darf die Errichtung einer Zollgrenze für da» besetzte Gebiet nach Artikel 270 des Friedensvertrages nur in Erwägung kommen, wenn sie erforderlich erscheint, um die wirt- schaftlichen Interessen der Bevölkerung zu wahren. Der Rheinische Prooinziallandtag, die auf Grund des freiestcn Wahlrechts gewählte Vertretung der gesamten Rheinpravinz, erbebt Einspruch gegen diese Maßnahmen. Die durch die Zollarenze eintretende Ab- schnürung vom deutschen Mi'ttcrlande würde Wirtschaft und Handel in den Rheinlanden der Vernichtung entgegenführen, die Wirt- schaftskrast in dem leistungsfähigsten Teile Deutschlands zur dauern- en Schmuggel. den llnfruchtbarkett mid die arbeitsfreudige werktötig« Bevölke- rung zur Arbeits- und Vroklosigkeil verurtellen. Die Errichtung der Zollgrenze würde die wirtschaftlichen Interessen der Bevölkerung der besetzten Gebiete nicht wahren. sondern ihnen im Gegenteil einen Vernich! enden Schlag versetzen. Wir können nicht glauben, daß das Rechtsgefühl de? Völker solches Un» recht dulden wird. Komme, was kommen mag. Die Rhein- länder fühlen sich in Treue ein» mit allen deutschen Volksgenossen. Kein Zwang und kein« Rat, sie mögen noch so schwer und bitter sein, können uns trennen. Oberpräsident G r o o t e schloß den Provmziallandtag, indem er zum Ausdruck brachte, daß das Rheinland in treuer Vaterlandsliebe mit dem gesamten deutschen Vaterland untrennbar verbunden sei. Tie belgischen Sozialisten. Brüssel, 16. März.(WTB.) Laut„Soir" fordert eine Eni- schließung des Generalrats der sozialistischen Partei die sozialistischen Abgeordneten auf, von der Regierung Ausklärungen über die Lage, die sich aus dem Abbrull, der Verhandlungen in London ergibt, zu verlangen, ebenso über die wirkliche militärische Stärke Deutschlands. Der Generalrat hofft, daß man die erste Gelegenheit ergreisen wird, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, und erklärt sich gegen jedes politisch-milttärische Abenteuer. Schier unvereinbar damit klingt folgende WTB.-Meldung: Roch lebhafter Debatte billigle der Generolrot der sozialistischen Partei mit starker Mehrheit die Haltung der belgischen Delegierten bei der Londoner Konserenz. Kein Heöanke an Abrüstung. London, 16. März.(WTB.) Im Unterhouse sprach der Kriegs- Minister, sein Bedauern darüber aus, daß zur Ersparung von 400 000 Pfund Sterling 4 Kavallerieregimenter gestrichen worden seien. Im Augenblick sei man weit davon entfernt, ein Heer zu besitzen, welches gleichwertig mit dem vor dem Kriege fei. Man müsse 24 Divisionen organisieren, von den nötigen 2ZOOOO Mann seien bereits 100 000 rekrutiert. Für die Vervollkommnung der Tanks seien 660 000 Pfund bestimmt. In Irland befänden sich gegen- wärtig 61 Bataillone Infanterie, 7 Kavallerieregimenter, 32 Batte- rien, sowie die nötigen technischen Truppen.(Und der Slbrüstungs- plan des Völkerbundes? Red.) In Erwiderung auf eine Anfrage erklärte die Regierung, man hoffe in absehabrer Zeit, den Be- lagerungszustand in Aegypten aufheben zu können. Im Augen- blick sei dies aber noch nicht möglich. Der Kriegsminister führte weiter aus: Am Rhein haben wir 8 Bataillone Infanterie, ein Regiment Kavallerie, etwas Artillerie und andere Truppen. Das Kontingent der Alliierten wurde durch ein Abkommen mit unseren Verbündeten festgesetzt. Nie- mand kann sagen, wann die Truppen zurückkehren werden und ob sie nicht sogar verstärkt werden müsien. Er bat hierauf das Parlament, sich davon zu überzeugen, daß bei Auf- stellung des Heeresetat die Notwendigkeit, Ersparnisse zu machen, bereits berücksichtigt worden sei. Es fei aber auch zu bedenken, daß es Grenzen gäbe, die man nicht überschreiten dürfe. Das Unter- haus verwarf darauf mit 168 gegen 76 Stimmen den Antrag auf Verringerung des Militäretats. Wahlsteg in Kopenhagen. Kopenhagen. 16. ZUSrz.(MTV.) Bel den Wahlen zur Swdtverordnelenoerlammlung wurden 33 Sozialdemokra- teb. 16 Sonscrv vive. 2 Liberale und 4 Radikale gewählt. Die Sostalisten gewannen Z Mandate, die konservativen verloren 1 Mandat. Die Liberalen hatten be! den letzten Wahlen 1317 keinen Kandidaten aufgestellt. Die Radikalen verloren 2 Mandate. Dle Ehristllch- Sozialen, die bisher 2 Sitze halten, verloren diese. Abkommen Llopö George- Krastm. London. 16. März.(WTB.) Das Lloyd George nahe- stehende Blatt„Daily Chronicle" und der mit den Angelegenheiken der russischen Handelsdelegation vertraute„Daily herald" melden übereinstimmend, daß das englisch-russische Handelsabkommen heoi« unierzeichnel wird. Laut„Dailn herald" hat Sir Roberl hörne den Zusah Krassins, wonach Rußland die freie S ch i s s- fahrt auf der hohen See. in Kanälen und fahrbaren Wasserwegen «Zerbürgt wird, angenommen. Während jedoch„Chronicle" und .herald" übereinstimmend melden, daß nur noch ein mit der Elnsuhr russischer waren und russischen Goldes nach England zusammen- hängender Punkt geregelt werden wüste, berichtet Reuter, daß die Unterzeichnung des Abkommens bedingt fei durch die Veseiti- gung der«on Srassin bei seiner Rückkehr ans Moskau eingeführten Klauset, die eine britiiche wohlwollende Neutralität zur Folge haben würde. Diese Klausel ist Reuter zufolge für die britische Regierung unannehmbar. „Chronicle" erwartet keinerlei Hmdernisie davon, daß das Unterhaus das Abkommen erst erörtern muß. ehe es in Krast treten kann. Der für Rußland in nahe Zukunft in Aussicht stehende Handel sei gering und werde ohne großen Einfluß aus die äugen- blickliche Geschäftskrise in England sein. „Times" schreibt: Obgleich die baldige Unterzeichnung in Aus» ficht gestellt sei wie bei zahlreichen früheeen Gelegenheiten, so sei« nicht ratsam, den Vertrag als vollendete Tatsache anzunehmen, be- vor er ratifiziert sei.— Northcliffes„Morning Post" greift das Ab- kommen heftig an und fragt, ob Lloyd George vielleicht Geld von Rußland nehmen wolle, das Frankreich, dem größten Gläubi- ger dieses Landes, gehöre. Die Ehre Großbritannietts solle gekauft und verkauft werden. Russisch-polnischer Vorfrieden? London, IS. März.(TU.) Die„Times" melden nnker dem 16. März ans Riga: heule wurde der Präliminarftiedensverlrag zwischen Rußland und Polen nalerzeichnet. Der endgültige Vertrag wird am Freilag unterzeichnet werden. Der sanktionierte Tanzboöen. Ausgewiesen auS dem besetzten Gebiet wurden der Präsident der NeichSvermögentverwaltuug, Kett, und noch drei weirere Beamte. Anlaß zu dieser Ausweisung gab lediglich die Weigerung, einen Tanzboden wiederherzustellen, den die Besatzung in Koblenz gefordert hatte._ Neue Aufregung in Italien. Noch einer Meldung des„Lokal-Anzeigers" aus Lugano wurde bei Pizzo(Kalabrien) in einem Eisenbahntunnel der arg ver- stümmelte Leichnam des sozialistischen Abg. Domenico P i c c o l o gefunden. Die Nachricht traf in Rom während der Kommersttzung ein und verursachte sofort eine außerordentliche Erregung, da der erste GeÄmke stch vielfach und namentlich bei den Sozialisten auf die Annahme eines politischen Mordes richtete. Die Sitzung wurde unterbrochen. Die Regierung hat eine Untersuchung ange- ordnet. Die sozialistische Parlamentsgruppe sandte zwei Vertreter zur Untersuchung nach Kalabrien. Eine Pflicht des Reiches. Eine der schweren Wunden, die dem deutschen Wirtschafts- kdrper geschlagen wurde, ist die Abtrewng von Landesteilen, die zu deutschem Gebiet gehörten, und die aus ihr refultiersnds Pslicht der Entschädigung der aus diesen Landesteilen ver- tnebenen Reichsdeutschen. Hierzu gehört E l s a ß- L o t h- r i n ge n und es erwuchs dem Reich anläßlich der V e r t r e i- bung von rund 12000(1 Menschen nicht nur die Er- füllung einer Rechts pslicht, sondern auch die Erfüllung einer moralischen Pflicht, dafür einzutreten, daß diejenigen, auf deren Kosten der Frieden für Deutschland mit erkauft wurde, so entschädigt werden, wie es im Bereich der Möglichkeit für Deutschland liegt. Wider jedes Recht hat der französische Machthaber nach Abschluß des Waffcnstillstandsvertrages eine der darin gegebe- nen Garantien verletzt, indem er die Ausweisung von Taufen- den verfügte, die in der Mehrzahl innerhalb 24 Stun- d e n das elsoß-lothringische Landesgebiet verlassen mußten, ohne auch nur mehr mitnehmen zu dürfen als das, was sie auf dem Leibe trugen. Das Reick) hat wohl die moralische Pflicht anerkannt, für diese in Not und Elend geratenen Volksgenossen zu sorgen, aber es hat lange gewährt, bis sich diese Pflicht auch zur Rechtsform verdichtete. Was hier fiir die vertriebenen Elsaß-Lothringer gesogt ist, gilt auch für die Ost- deutschen, gilt weiter für die aus deutschen Kolonien bzw. aus dem Auslande Verdrängten und Geschädigten. Seit Ende Iamrar verhandelt nunmehr der 24. Ausschuß des Reichstags über das erste der vor kurzem dem Reichstag vorgelegte drei Entschädigungsgesetze: das Ent- fchädigungsgefetz für die durch die Abtretung deutscher Reichs- gebiete entstandenen Schäden, das Kolonialschädengesetz und das Gesetz über die Entschädigung von Ausländsdeutschen. Als erstes und wohl auch als wichtigstes hat de? 24. Aus- schuß die Beratung des Verdrängungsschädenge- setzentwurfes in Angriff genommen. Der Regierungs- cntwurf sieht eine Entschädigung für die zurückgelassenen oder verschleuderten Sachen vor, und zwar mit der Maßgabe, daß der Wert vom 25. Juli 1914(Friedenswert) bei Berechnung des Schadens zugrunde zu legen ist. Dazu soll bei solchen Gegenständen ein Zuschlag gegeben werden, deren Ersatzbe- schaffung unbedingt notwendig ist. Es soll ferner der Schaden zum Ersatz gelangen, der dem Verdrängten infolge des Ver- lustes seiner Erwerbstätigkeit entstanden ist, wenn auch dieser Schadenersatz nur in bescheidenem Maße gegeben werden kann. Als dritte in den Komfflex dieser Fragen hineingehörige Ent- schädigung ist die für den Verlust der Grundlage der Existenz der Angehörigen des Gewerbcstandes oder eines freien Draifes. Obwohl der Regierungsentwurf in seiner Begründung an- erkomit, daß es unbillig wäre, diejenigen, welche a l l es durch die Verdrängung erloren haben, mit dem entstandenen Schaden allein zu belasten, es vielmehr Aufgabe der Gesamtheit des Volkes sei, diese Lasten mitzutragen, will die Reichs- regierung(lies Rsichsfinanzministerium) trotzdem nicht die daraus sich ergebenden Schlußfolgerungen ziehen. Der H i l f s- b u n d für d i e Elsaß-Lothringer im Reich, die amtlich anerkannte Organisation der Vertriebenen, hat dein Reichstag Abänderungsanträge unterbreitet, die nicht nur eine wertvolle Ergänzung des Regienmgsentrvurfes bilden, sondern das Mindestmaß an Forderungen darstellen, die die Vertriebe- nen mit Recht beanspruchen'können. Als Schwerpunkt der Entschädigung ist in den Vordergrund zu stellen die volle Ent- schädigung fiir den verlorengegangenen Hausrat, für H a n'd w e r k s g e r ä t sowie andere zur Berufsausübung dienende Gegenstände, ferner für den erlittenen Erwerbs- v e r l ust und weiter die Entschädigung für die Grundlage der Wiederaufrichtung eines gewerblichen Betriebes(Geschäfts- fonds). Für die'Arbeiterschaft wird beantragt: Ersatz der durch die Verdrängung verlorengegangenen Ansprüche an Ruhegehalt, Alters-, Invaliden- oder Hinterbliebcnenbezüge, die durch ein Arbeits- oder Dienstverhältnis begründet waren, soweit der Ersatz diese Verluste sich nicht aus der Sozialgesetz- gebung ergibt.' Man sollte annehmen, daß alle Parteien die Notwendigkeit anerkennen, den Vertriebenen die Möglichkeit zu geben, durch ihren Wiederaufbau produktiv im Rahmen des Wirtschafts- lebens Deutschlands tätig zu sein. Unsere Genossen im Reichs- tag haben in wirksamer Weise und in voller Würdigung der gegebenen Verhältnisse mit warmem Herzen und freudigem Willen tatkräftig an dem Gesetzentwurf mitgearbeitet. Im Gegensatz zum Verhalten unserer Genossen glaubte indessen das Zentrum, das sonst immer von Mittelstondsfreundlich- keit trieft und seine angeblich so hohe soziale Mission in den Vordergrund zu schieben bestrebt ist. die Berbesserungsanträge, die eingebracht wurden, nieder st immen zu müssen. Diese eigenartige Haltung, welche nur durch die zentrümlich« Ressortpolitik ihre Erklärung findet, zeigt, daß das Zentrum nicht gewillt ist, den tatsächtichen wirtschaftlichen Erfordernissen des Tages gerecht zu werden. Es ist vielmehr darauf angelegt, den Ressortbeamten des Reichsfinanzmimste- riums keine UngelegenheUeo zu bereiten, Aber auf der aude- r«n Seite hatten dieselben Zentmmsleute nicht» dagegen, daß der früheren elsaß-lothringischen Schwerindustrie Milliarden bewilligt wurden, abgesehe-n von den unge- Heuren Summen, die in den letzten Tagen wieder dem Reederkapital zugeführt werden. Das Zentrum beweist auch in der Frage der Entschädigung der mindcrbemittellen Vertriebenen, daß es zu gerne nur kapitalistischen Interessen dient und den berechtigten Wünschen der vertriebenen A r- beiterschast, der kleinen Gewerbetreibenden und des Mittelstandes kein Interesse entgegenbringt. Die Vertriebenen werden sich gelegentlich der„sreundlichen" Haltung des Zentrums erinnern, die im schroffsten Widerspruch steht mit den durch seine Fraktionsrednerin Schmitz in der Nationalversammlung abgegebenen Erklärungen. Hapern unö üie Entwaffnung. Der R e i ch s t a a s a u s s ch u ß zur Vorberatung des Gesetz- eiuwurfes betreffend Durchführung der Artikel 177 und 178 des Friedensvertrages(Verbot der Selbstfchutzorganl- sakionen) begann heute seine Beratungen mit einer ausgedehnten Debatte über die Stellung Bayerns zum Reich und über den Noten- bzw. Briefwechsel, der zwischen der bayerischen und der Reichsregierung geführt worden ist. Auf Antrag des Abg. Hofsmann-Kaiserelautern(Soz.) wurde nach einer entgegenkommenden Erklärung des Reichsminister» des Innern Koch vom Ausschuß die VeröffenMchung des Briefwechsels verlangt. Abg. hoffmann-Kaiserslautern(Soz.) wünscht« die o« fl« Er- f üllung der Bestimmungen des Dersailler Vertrages in bezng die Entwaffnung und kritisierte den Gesetzentwurf sowie die"letue Rede des bayerischen Mini st erpräsidenten. der in allen Nachbarländern Feinde Bayerns sieht. In seinen Aeutze- rungen im Landtage über die Einwohnerwehren erblickte er eine Aufforderung zur Mißachtung der Reichsgesetze. Ein Vertreter des Auswärtigen Amtes begründete die Vorlage mit dem Hinweis auf den Friedensvertrag, den zu erfüllen die deuffche Regierung bestrebt sei. Das Pariser Diktat gehe viel» fach über den Friedensvertrag hinaus, so die Bestimmungen über die Luftschiffahrt, die Aufsicht über die Industrie usw., Bedingungen. die nicht erfüllt werden könnien. Dagegen würde Deutschland die Sympathien der Welt verlieren, wollte es den militärischen Bestimmungen des Berfailler Vertrages nicht nachkommen. Die Abgg. v. Graefe und Edler o. Dran»(Dnai.) griffen die Regierung wegen der Art des Vorgehens in dieser Frage scharf an. Wenn außenpolitische Gründe für die Vorlegung des Gesetzes in Frage kämen, so muffe doch gesagt werden, daß der Gesetzentwurf weit über das hinausgehe, was der Versailler Vertrag verlange. Agrarische Sünüer. Aus Pommern wird uns geschrieben: Eine der wichtigsten Fragen, mit denen sich der Wirffchasts- Politiker auseinanderzusetzen hat, ist die, ob und wie wir unsere B«° volkerung ernähren können. Zu einer vollständigen Ernährung unter Verzicht auf ausländische Unterstützung find wir gegenwärtig nicht in der Lage. Zwar hat man ausgerechnet, daß bei intensivster Bodenbearbeitung wir sogar noch einen Ueberschuß heraus- wirtschaften könnten. Da uns jedoch zurzeit die Mittel fehlen, um derartige Betriebsweisen zu finanzieren, so müssen wir versuchen, mit den vorhandenen Mitteln die denkbar größte Menge heraus- zuholen. Notwendig ist allerdings, daß dann jedes Fleckchen Erde bebaut wird. Wie sieht es jedoch da in der Wirtlichkeit aus? Allein im Kreise B u b l i tz liegen mindestens 6000 Morgen Land brach. Die Provinz Pommern hat rund 36 Kreise. Rechnet man durchschnittlich in jedem Kreise 400Ö Morgen Brache, so ergibt das für eine Provinz allein 140 000 Morgen Land, die nicht de- baut werden. Im Durchschnitt ergibt 1 Morgen Land 4 Zentner Roggen. Es könnten somit allein in Pommern 630000 Zentner Roggen mehr geerntet werden, als tatsächlich ge- wonncn sind. Von dieser Menge können 280 000 Menschen gut er- nährt werden. Würde man das Land mit Kartoffeln bestellen, so ergäbe eg bei SO Zentner Durchschnittsertrag rund 7 Millionen Zentner Kartoffeln. Hier könnte selbst mit den vorhandenen Mitteln Großes ge- leistet werden, aber hier versagt alles. Es gibt kaum ein« Be- Hörde, die hier tatkräftig eingreift, verfiigungen find zwar«klaffen, in Hülle und Fülle, aber eine Derfügung, die einen Anbau- zwang vorschreibt, ist bis heute noch nicht ergangen. Glaubt etwa die Regierung, daß sie die dickhäutigen Agrarier dadurch zum Anbau bringt, daß sie ihnen höhere Preise bewilligt? Diese Sorte Gewaltmenschen wird nur dann zum Gehorsam und zur tätigen Mitarbeit zu gewinnen sein, wenn man Gewalt an- wendet. Mag die Regierung doch für jeden Morgen Brach« eine Sonder st euer einziehen, die dem Werte von 4 Zentner Roggen entspricht. Zwar beteuern diese Musterpatrioten dauernd, daß sie wegen Mangel an Leuten und Spannoieh die Bebauung nicht«st- los durchführen könnten. Doch das trifft nicht zu. Leute sind in überreich er Zahl vorhanden, aber man scheut sich, die aus der Industrie kommenden Arbeiter aufzunehmen. Auch die Frag« des l Spannviehs könnte leicht gelöst werden. Zum Teil könnte man die Militärpferde gebrauchen und dann könnten Dampf-, Motor- usw. Maschinen in überreicher Zahl verwandt werden. An- statt der Luxusautomobile sollte man lieber landwirtschaftliche Maschinen kaufen. Es ist ein Jammer, wenn man feststellen muß, daß die Anbauflächen dauernd ab» nehmen, der Hunger und die Rot dagegen ständig steigen. Ein noch größerer Jammer ist es allerdings, daß man von Re- gierungsseite nichts tut, um hier Remedur zu schaffen. Es ist immer das gleiche Bild: Wenn es gegen die A r b e i t e r- s ch a f t geht, weih man sofort Rat: gilt es jedoch, die agrarischen Sünder vorzunehmen, so hat man keinen Mut und schließt lieber die Augen. Etat ües Reichstags. Bei Erörteniug des Reicheiagsctats im Hauptausschuß des Reichstages teilte Abg. Dr. Pachnicke(Dem.) mit, daß Verhandlungen darüber schweben, ob der Reichstag selbständig seinen Etat festsetzen darf oder an die Zustimmung des Reichsrats und der Finanzver- waltung gebunden ist. Bis zum Abschluß dieser Verhandlungen Sllen keine Aenderungen vorgenommen werden.— Zum Etat des uswärtigen Amts regte bezüglich der Unterstützung von Veröffentlichungen über Völkerrecht und internationales Recht Abg. Schreiber(Zentr.) an, daß der vom Minister Dr. Simons in Aus- ficht gestellte kulturelle Beirat bei der Verteilung der Unterstützungs- gelder mitwirken solle. Die Regierung sagte die» zu.— Abg. Dr. Pachnicke(Dem.s berichtete über die Tätigkeit des Unterousschuffes, der zur Nachprüfung der Tätigkeit der Reichszentrale für Heimat- dienst eingesetzt war. und befürwortete die Einsetzung eines Bei- rates mit der Aufgab«, Vorschläge über Abänderung der Reichs» zentrale für Heimatdienst auszuarbeiten.— Der Hauptausschuß be- schloß demgemäß und nahm auch noch eine Resolution an, wonach lede Regelung in Frage der Rcichszenirale für Heimatdienst solange ausgesetzt werden soll, bis der für diese Angelegenheit eingesetzte Unterausschuß Bericht erstattet hat. Gberscklesiee aus Deutstböfterreich. Wien, 18. März.(MTB.) Dienstag nachmittag traten in Zwei mit Blumen und Fahnen geschmückten Sonderzügen etwa 14 0 0 Oberschlesier aus Oesterreich und Ungarn die Absiimmungsreise an. Zum Abschied hatten sich auf dem Bahnhofe eingefunden der deuffche Gesandte von Rosenberg mit Herren der Gesandtschaft und des Konsulats,«ine Anzahl österreichischer Staatsmänner, Abge- ordnete und zahlreiche Mitglieder der reichsdeuffchen Vereine. Nach- dem Abg. Straffner(Großdeuffche Bp.) in herzlichen Worten den treuen Wünschen der Deutschen Oesterreichs Ausdruck gegeben hatte, richtete Gesandter von Rosenberg kurz vor der Abfahrt eine markige Ansprach« an sie. Bach dem begeistert aufgenommenen Hoch aus das deuffche Obsrschlesicn überbrachte Stadtrat Richter(Soz.) oie Grüße des Bürgermeisters von Wien für Oberschlesien. Am Morgen hatten die in Graz lebenden Oberschlesier die Fahrt angetreten. Bor der Abreise hielten der deutsche Konsul Müller ttttd Vertreter der deutschen Verbände herzliche Ansprachen. Paris, 18. März.(TU.) In der Kammer waren acht Mitglieder der sozialistischen Partei ausgewählt worden, die nach Oberschlesien fahren sollten, um die dortige Abstimmung zu beobachten. Die De- legation sollte gestern früh abreisen, erhielt aber von der Regierung die Mitteilung, daß man in Uebereinstimmung mit der britischen Regierung beschlossen habe, dieser Delegation die Päffe zu ver- weigern.(Bürgerliche französische Abgeordnete sollen von Le Rond eingeladen sein!) Park». 18. März.(ET.) Dem Dertreter der„Thikago Tribüne' sagte General Le Rond: Hunderte von Maschinengewehren, Hand- granaten, Revolvern und große Mengen Munition, mehr als 40 00O Gewehre wurden von uns beschlagnahmt, seitdem wir die Kontrolle in Oberschlesien ausüben. Dieses Gebiet war von den Deuffche« für die Depots von allerlei Waffen bevorzugt, die es an die Jnter« alliierte Militärkonimission hätte abliefern sollen. Wir konnten nur die örtlichen Führer gefangen setzen, aber die eigentlichen Draht- zieher befinden sich im llnu rn Deutschlands. Wir konfiszieren weiterhin täglich große Mengen Massen und Kriegsmaterial, die meistens in Eisenbahnwaggons und Lokomotiven verborgen sind. Andere werden als Nahrungsmittel oder Bücher geschmuggelt. Wir haben zahlreiche Noten an die Regierung gerichtet, aber diese scheint unfähig zu sein, die militärischen Abenteurer zu beseitigen. Der Prozeß gegen tziller. Nach Eröffnung der heutigen Sitzung wird die Beweisaufnahme fortgesetzt. Zunächst wird der frühere Vizeseldwebel von der 10. Kompagnie vernommen, der Hiller als strengen Borge- setzten schilderte.— Auf Befragen erklärt der Zeuge weiter, daß nach seiner Ansicht die Gefangenen Kaiser und Helmhake vom Bataillon hätten verpflegt werden muffen. Leutnant d. R. Schlange war Anfang April Zugführer in Hillers Kompagnie. Die Zustände dort bezüglich der Berpflegung usw. waren haarsträubend. Als ich, so fuhr der Zeuge fort. die kranken und erschöpften Mannschaften sah, faßte mich ein Grauen, denn das leiseste Versagen bei einem Angriff hätte die Gefangennahme des Regiments bedeutet. Morgens waren die Leute frisch und munter, abends waren sie t o t. Dr. Müller bezeichnete die Suppe als gesundheitsgefährlich. Ich hörte viele Klagen über Hiller und wußte, daß er streng strafte. Der folgende Zeuge Schlächter Bauer wird aus dem Ge- fängnis Plötzensee vorgeführt, der wegen schweren Diebstahls eine längere Strafe verbüßt. Er sagt aus, er habe von einem Kameraden Schöner gehört, daß Hiller den Helmhake mißhandelt habe. 1917 kam der Zeuge in das Ersatzbataillon, wo Hiller war. Dort sei hiller betrunken zum Dienst gekommen. Kurdirektor Häver aus Bad Oeynhausen war beim 8. Garde- Jnfanterie-Regiment mit Hiller zusammen. Hiller nahm dort als Jurist Vernehmungen als Gerichtsoffizier vor. Hiller genoß hohe Achtung im Regiment. Oberstleutnant v. L e o s e n war Bataillonskommandeur des Gardefüsilierregiments. Er ichildert Hiller als tüchtigen und Pflicht- eifrigen Offizier. Der Angeklagte legte dann den Geschworenen seine Aufzetch- nungen über Mannschaften, Schießübungen im Februar vor, um zu beweisen, daß er sich um jeden einzelnen Mann gekümmert habe. Staatsanwalt Sauer, der die Zettel durchliest, bemerkt, daß er in den Zetteln Hillers folgende Angabe findet:„Kompagniestärke 293 Mann. Im Arrest ein Unteroffizier, 38 Mann.'— Staats- anmalt: Das scheint ein sehr starker Prozentsatz von Bestrafungen zu sein. Der Arbeiter Reinhold Müller, der als nächster Zeuge gehört wird, erzählt, daß er beim Essenholen sich einmal verirrt habe. Hiller zog sein Seitengewehr und sagte:„Gestehen Sie, Sie sind ein U e b e r l S u f e r!' Als ich verneinte, rief er einen Burschen, der ihm das Gewehr bringen sollte, da er mich, wie«r rief, erschießen wolle. Ich fiel auf die Knie und bat ihn, mich zu schonen. Dann wurde ich aus dem Rande der Stellung angebunden. H i l l e r erklärt, es sei ein albernes Märchen, daß er den Zeugen an den Grabenrand angebunden habe. Fleischer Ernst Taß bekundet folgendes: Als wir aus den Karpathen kamen und Gewehre reinigten, ging mein Gewehr ms Unvorsichtigkeit los. Hiller schlug mich mit dem Gewehr über den Kopf und lieh mich anbinden.— Hille r; Der Zeuge hatte bodenlos leichtsinnig gehandelt und mußte bestraft werden. Zn Sachen des Prinzen Friedrich Leopold erhalten wir eine' Zuschrift des Iustizrats Dr. L u s z y n s k i, des prinzlichen Rechtsbeistandes. Herr Lubszynski verwahrt sich in dem Schreiben sehr energisch gegen den— von uns nicht erhobenen— Vorwurf, daß er direkt oder indirekt an der Fortschaffung irgendwelcher G e g e n st ä.n d e aus dem prinzlichen Besitz gewesen sei oder eine solch« auch nur stillschweigend geduldet hätte. Iustizrat L u b- szynsli erklärt solche Behauptungen für Verleumdung. Dem Finanzministerium sei bekannt, mit welcher Strenge er stets auf das Gegenteil bedacht gewesen sei. Auf den zweiten Teil des Schreibens einzugehen, in dem Herr Lubszynski sein öffentliche'- Vorgehen in der Sache rechtfertigt, liegt kein besonderes Intet, est pot. Sorgen. Von Edmund Göhring. Sorgen haben uns schon als Schuljungen begleitet, und sie werden uns erst im Grabe verlassen. Das ist Menschenlos. Doch nicht das schlimmste. Die Sorgen sind unser Fluch und— unser Segen. Klagt nicht über eure Sorgen! Sorgt aber, daß sie euch kluger und tapferer machen. Denn das soll die Sorge. Das ist ihr Eeelengeheimnis. Deshalb fliehet sie nicht, es wäre feige. Dann wäre Sorge nur Angst vor dem Mut, den ihr nicht aufbringen könnt, dem drohenden Uebel zu begegnen. Ja, in Mut muß sich die Sorg« wandeln, wenn das Schicksal an unsere Pforte klopft. Dann habt ihr die Sorge recht oerstanden, dann stählt sie euren Willen. Und ein Bollwerk gibt es. das vor vielen Sorgen des Alltag» wie auch vor denen der großen Verantwortung schützt. Wenn du sagen darfst: Ich kann etwas. Von den kleinlichen und dummen Sorgen rede ich nicht, die waren immer überflüssig und lächerlich, und sind es heute erst recht. Immer blinzelt die Sorg« in die Zukunft, stets Trübes erwartend, oft sieht sie Gespenster, darum täuscht sie auch zuweilen und ver- anlaßt uns zu törichten Maßregeln, die wir später be«uen. Sie hatte ihre frohe und lieblichere Schwester, die Hoffnung, verscheucht. Aber— das Wunderbare! Wir Menschen brauchen die Sorg«. Leben heißt schaffen, dulden, kämpfen. Wer keine Sorgen hat, macht sich welche. Da» Grauenhafteste für uns wäre das Paradies, und(£oo handelte— unter uns ge- sagt— eigentlich sehr klug, als sie durch die Apfelgeschicht« diesem enffetzlich langweiligen Zustande für alle Zukunft ein Ende be- rettete.- Viele Sorgen sind so alt wie das Menschengeschlecht. Wir sollen sie haben, und werden sie uns genommen, dann vermissen wir sie. Die Mutter, die ihr krankes Kind verliert, hat immer ge» weint— um ihre verlorene Sorge. Andere Sorgen aber wechseln mit den Zeiten, auch unser« Stel- lung zu ihnen. Das alte, schöne Mahlmannsche Lied:„Weg mit den Grillen und Sorgen'— es will heute nicht mehr anklingen. Für den Leichtsinn, der auf morgen vertröstet, ist— auch für die Jugend— keine Zeit mehr. Denn über all den Einzelsorgen schwebt heut« wie ein Riesenschatten die eine große Sorg«, die wir alle kennen. Ja. sie will Großes erreichen. Sie will uns wieder Härten und ve«d«ln und wieder vereinigen. Gelingt es ihr» dann hat sie uns unermeßlichen Segen gebracht. Die Festvorstellung in der Slaatvoper. die der Verband der Deutschen Modeindustrie anläßlich der Berliner Frühjahr»« modemvoch« gestern veranstaltete, war für gewiß« Kr Ks«(die Herren im Frack, die Damen in Gesellschaststoilette) zweifellos ein Ereignis. Erst zeigte man auf der Bühne die dramatische Tanzhandlung, früher „Ballett" genannt,„Iosephs-Legende' mit der Musik von Richard Strauß. Dann erlebte man die Uraufführung eines von Albert Günther zu Ehren der Modenwoche erdachten und von Heinz Kröller in Szene gesetzten Balletts, jetzt„Tanzreihe' genannt. Es hieß„Tomofa" und bestand aus einer Serie von Tänzen in ver- schieden«» historischen Kostümen: Renaissance, Barock, Rokoko, Direc- toire, Biedermeier, Alt-Wien, Gegenwart, Zukunft. Mit Musik- begleitung im jeweiligen Zeitkolorit. Getanzt wurde brillant und namentlich die humoristischen Szenen, Directoir« und All»Wien, fanden vielen Beifall. Die Kostüme waren luxuriöser, aber kaum geschmack- und phantasievoller, als man sie heutzutage auf unseren öffentlichen Künstlerbällen zu sehen bekommt. Indessen war das olles auch nur der Vorwand und die Um- rohmung für den eigentlichen Mittel-, Glanz- und Höhepunkt der Veranstaltung, für die große Pause. Diese daueret« 30 Minuten und bot Gelegenheit, im Foyer alle männlichen und weiblichen Kost- borkeiten aus den vornehmen Logen und Rängen in der Nähe zu genießen. Ein Bild unserer Zeit in einem absonderlichen, aber immerhin kennzeichnenden Spiegel. Würdevoll gepflegte Männer- erscheinungen, auf deren Brust Kreuze und Sterne funkellen. Ich bin in Ordenssachen leider ganz unbewandert, aber da es sich um Häupter der Modenindustrie und Konfekttonsbranche handelle, so vermute ich, daß es in der Mehrzahl Hosenbandorden gewesen sind. Dazwischen«in üppiger, von Brillanten und Perlen überfluteter Damenilor mit Nackenausschnitten, die oft bis zu dem Punkt gingen, wo auch die edelste Rückenlinie nicht umhin kann,«inen Volkstum- lichen Namen anzunehmen. Ein Anblick lehrreich und herzerfrilchend. Hoffentlich befanden sich unter den Festgenossen keine Ententespion«. I. S. Museen frei! Die Direktoren aller Berliner Museumsabtellungen haben sich gegen die geplante Bildungssteuer, die die Eintrittsgelder darstellen, ausgesprochen. Vom Standpunkt der Besucher ist diese Stellungnahme nur zur billigen. Die Sammlungen sind doch nicht nur für Fremde da, die auch einmal durch die Museumssäle wandern. und dafür bei den übrigen Reisekosten auch zwei Mark Ein- trittsgeld verschmerzen werden. Wer aber zu seinem Beruf oder Studium oder zu semer Bildung die Museen öfter oufsucht, sieht sich von der beabsichtiaten, höchst unsozialen Maßregel schwer geschädigt. E i n Tag in der Woche außer Sonntaq ohne Eintrittsaeld nützt auch nichts. Nicht jeder ist so Herr seiner Zeit, daß er gerode diesen Tag benutzen könnte. Und am Sonntag sind die Sammlungen, zumal vormittags, schon so überfüllt, daß an aufmerksame Betrachtung kaum zu denken ist. Die Folge wird zunächst sein, daß viele vor der Tür umkehren und ihre freie Zeit lieber an gastfreieren Stätten ver- bringen werden. Dann aber wird ein Sturm von Ersuchen um freie Eintrittskarten einsetzen. Und wie soll es mit Massenbesuch gehalten werden? Wenn z. V. Lehrer ihre Klassen zur Ergänzung des Unterrichts vor die Originale führen, wenn Prwatgelehrte ihre Privatkurse veranstalten, wenn Volkshochschulturse abgehallen wer» den. Gewerkschaften und Dereine sich von Fachleuten unterrichten lassen. Auch da wird man um Freikarten nicht herum kommen, vor» ausgesetzt, daß die Beschaffung solch« Karten nicht manchen Lehr« abschreckt. Für wen werden dann schließlich die Museen noch da sein? Die Betrachtung durch Eintrittsgelder versperren, heißt doch die Museen ihrer eigentlichen Bestimmung entziehen. Leb« Forschungen an Menschenaffen sprach in der Urania d« ehemalige Leiter der Menschenaffenstatton in Teneriffa, Dr. W Köhler. Heber seine Beobachtungen und Forschungen ist hier bereits anläßlich seines Vortrags im Museum für Völkerkunde ausführlich referiert worden. Trotzdem soll nochmals darauf hingewiesen wer- den, weil ja nun weitere Kreise Gelegenheit haben, sei es in der Urania, sei es im Zoo, diese Dinge selber nachzuprüfen. He« Köhler führte uns zunächst sein« schwarzen Klienten, es waren zumeist Schimpansen, die im Klima von Teneriffa natürlich besser gediehen als bei uns. im Bilde vor: beim Reigen und dem belustigenden Spiel mit Spiegeln. Der Affe greift(wie dos Kind) hinter den Spiegel, um das Ebenbild zu packen. Er ging dann über zu den planmäßig angestellten Intelligenzprüsungen. die so Überraschende Resullate ergaben. Dem Affen kann man mit den langweiligen Ans- gaben, die niedere Tiere durch sinnlose Gewöhnung lösen, nicht kommen. Er reagiert im allgemeinen nicht daraus. Man muß ihm mit anderen, besseren Methoden zusetzen. Man stellt ihm Aufgaben, die ihn interessieren(das Ziel ist immer: etwas Eßbares), die« an- schaulich begreift und durch eigenes Experimentieren lösen lernt. Der Affe„äfft' nicht in dem Sinne den Menschen nach, wie es ihm gewöhnlich unterstellt wird. Er macht von Haus aus schon Sachen, die menschlichen Handlungen gleichen. Bei diesen Versuchen aber erfindet er. Um zu der begehrten Banane zu kommen, lernt er(aus sich) Stöcke zu benutzen, sie in einander zu stecken, mit dem Sprungstock springen. Kisten aufeinander zu türmen, Türen zu öffnen, davor liegende Steine wegzuwälzen u. a. Also der Affe wird «in Werkzeug benutzendes Tier. Die Grenzen seiner Einsicht sind freilich enge: er kombiniert meist nur unmittelbar anschaulich Ge- gebenes. Die vorgeführten K i n o b i l d e r geben über diese Ver- suche sehr anregende, erschöpfende Auskunst. Auch über das soziale Leben und die Gefühlswelt der menschen- ähnlichen Affen teilte der Vortragende allerlei Interessantes mit. Der Affe ist ein durchaus soziales Tier, das sein Leben aufs Spiel setzt, nm wieder zu seiner Gruppe zu kommen.. Er hat auch soziale Empfindungen, er hilft, wenn ihm die Not des Genossen anschaulich wird,« hat starke» Gruppengefühl(in Verteidigung und Angriff). Freundschaften und Feindschaften, Freuden- und Dankgefühle er- füllen ihn. Ueber das Stadium der nackten materiellen Bedürfnisbefriedigung ist er bereits weit hinausgeschritten. Es wäre wünschenswert, wenn auch von der Arbeiterschaft solche Vorträge besser besucht würden..» h. d. Brilegung des Hamburg« yochschulkrachs. Nach Annahme de» Hochschusae'etzes für die hamburglsche Universität hatte in der Ham- burger Bürgerschaft eine Aktion reaktionär« Studenten gegen die darin enthaltene Hochschulbehörde eingesetzt, die von reaktionären Professoren unterstützt wurde. Sie gipfelte darin, daß die deuffch- völkischen Studenten einen Beschluß der deutschen Studentenschast (Döttingen) herbeiführten, wonach die Hamburger Universität als nicht gleichberechtigt zu gelte» habe. So gedachten die alldeuffcheu Kessel hastentlassen! ou Jegknn der heutigen Verhandlung appelliert der Vorsitzende Landgerichtdirektor Weigert nochmals an die Objektivität der Presse. (Streichungen, die er bemängelt, sind ausschließlich aus den Raum- Mangel zurückzuführen. Red.) Weiter führte der Vorsitzende aus, das Gericht habe mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand des An- geklagten in Erwägung gezogen, ihn gegen Hinterlegung einer Kaution in Höhe 00.1 200 000 M. aus der Untersuchungshaft zu entlassen.(!!) Staatsanwaltschaftsrat Gerlach erklärte sich im Prinzip gegen eine Haftentlassung, da er nicht glaube, daß dadurch die Gesundheit des Angeklagten günstig beeinflußt werde. Rechtsanwalt Dr. Alsberg legte dem Gericht ein ärztliches Attest vor, in dem bekundet wird, daß v. Steffel an Nerven- schwöchung leidet, die durch eme Verhaftung sich steigern würde. Der Angeklagte bedürfe eines längeren Landaufenthalts. Zur Stellung ciner.Kaution erklärt Dr. Alsberg, daß der Angeklagte nicht in der jage sei, in so kurzer Zeit eine so erhebliche Summe flüssig zu machen. Er schlage deshalb eine Kaution von 30 000 M. vor und übernehme im übrigen die persönliche Bürgschaft dafür, daß v. Kessel nicht fliehe. Das Gericht beschloß, den Angeklagten mgen Hinterlegung einer Kaution von 150 0C0 ZN. aus der Haft zu entlassen.(!) Dann ergriff Staatsanwaltschaftsrat G e r l a ch das Wort zu folgender Erklärung: Der Angeklagte hat in der gestrigen Verhandlung gegen zwei Beamte in höherer Stellung, gegen Geh.-Rat Dr. W e i s m a n n, und den früheren Polizeipräsi- deuten Ernst, schwere Vorwürfe erhoben. Er hat behauptet, daß diese beiden Herren auf ihn georückt hätten, M a r l 0 h zur Flucht zu rsranlassen. Diese Vorwürfe sind besonders deshalb ungeheuer- I i ch, weil sie gegen einen früheren ersten Staatsanwalt und einen früheren Polizeipräsidenten gerichtet sind. Ich muß diese Behauptungen mit oller Entrüstung zurückweisen und be- nenne die beiden genannten Herren, daß die Unterredungen, von denen der Angeklagte gestern sprach, nicht stattgefunden haben. Der Angeklagte wird in dieser Verhandlung versuchen iinglaub Würdigkeit eines Belastungszeugen nachzuweisen. Aus der Vernehmung der obengenannten Zeugen wird sich ergeben, daß der Angeklagte nicht der Mann ist, anderen Leuten ihre Un- giaubwürdigkeit vorzuhalten, fondern daß er selbst unglaubwürdig ist und es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.— Rechtsanwalt Dr. Alsberg widerspricht den Ausführungen des Staatsanwalts. Hierauf wurde in der Vernehmung des Angeklagten fort- aefabrsn. v. Kessel kommt ausführlich auf Vorgänge zu sprechen, die sich am 4. Juni ISIS, einem Sonntage, abspielten, dem Tage, an dem M a r l 0 h durch den Kriegsgerichtsrat Dr. Meyer ver- haftet werden sollte. Nach seiner Schilderung der Vorgänge wollte v. Steffel am genannten Tage gegen M2 Uhr aus seinen, Bu- reau zum Essen fortgehen. In diesem Moment klingelte Exzellenz v. Oven bei ihm an und sagte ihm, er möge auf seinem Bureau bleiben, es käme gleich ein Bote mit einem wichtigen Befehl. Er sollt? diesen Boten mit einem Auto abholen lassen, v. Kessel will an einen Gefechtsbefehl gedacht und sich deshalb angeschickt haben, seine Staffel zu alarmieren. Als er zum Zwecke der Alar» mierung durch die Korridore ging, stieß er auf M a r l 0 h. Ich sagte zu ihm:„Was wollen Sie denn schon wieder von mir? Ich habe keine Zeit." Wenn ich wirtlich gewußt hätte, daß Marloh fliehen wollte und ich ihn deshalb vielleicht das ganze Leben nicht mehr sehen' würde, dann wäre es doch sehr natürlich gewesen, daß ich u, einen Zlerger hinuntergeschluckt und ihm ein paar freundliche Worte mit auf den Weg gegeben hätte. Hauptmann v. Kessel will dann in sein Bureau gegangen sein, in das bald Kriegsgerichtsrat Meyer kam. Nach seiner Angabe sprach Kriegsgerichtsrat Meyer etwa ZV Minuten init ihm über die ganze Sache. Dann stand er auf uirt sagte: „3efjt will ich Warloh festnehmen.' Ich sagte darauf:„Nehmen Sie lieber zwei Osfiziere mit, was bei solchen Dingen schon im Frieden üblich war. Dr. Meyer nahm diesen Dorschlag auch an. und die drei gingen dann in das im Krimlnalgericht befindliche Zimmer von Marloh. Dr. Meyer kam tcrt) zurück und erklärte„Marloh ist nicht in der Wohnung. Cr soll bei Pfarrer Rump sein. Ich will sofort hingehen und ihn dort festnehmen." Ich tat darauf hin nichts, obwohl ich die beste Gelegenheit gehabt hätte, zu telephonieren. Pfarrer Rump sogt dagegen, in feiner Wohnung wäre jetzt ein yexensabbokh losgegangen. Inzwischen war Kriegsgerichtsrat Meyer zu Pfarrer Rump gegangen und hatte fragen lassen, ob Marloh dort fei, was nicht der Fall war.— De, Vorsitzende unterbricht hier den Angekloaien und macht ihm verfchiedeue Dorhaltungen zu den ein- zelnen Paukten, die in der Anklage anders dargestellt werden, v. Kessel bleibt demgegenüber bei seinen Bekundungen. Studenten das Hochschulgesetz zu sabotieren und darüber hinaus d i« Universität zu boykottieren. Der Plan ist schändlich mißlungen. Verhandlungen des Fortschrittlichen Hochfchulblocks in Hamburg, die in Göttingen und in Münster mit der Studentenschaft stattfanden, beben ergeben, daß die ganze Aktion eine Art studentischer Putsch war, der nur möglich wurde dadurch, daß einige der antisemitischen Studentenvertreter Hamburgs allzusehr vom Geiste ihres Ge- sinnungsgenossen Biertimpel berührt waren. Das. Ergebnis der Verhandlungen wird am besten durch folgende Notiz des amtlichen studentischen Pressedienstes gekennzeichnet. Es heißt da:„Ein Boy- kottplan, welcher anläßlich der Beratung des Hamburger Hochschul- gesetzes vertraulich im Vorstand der deutschen Studentenschaft er» wogen wurde, ist durch einen groben Vertrauensbruch Hamburger Vertreter gegen den Willen der deutschen Studentenschaft zur Aus- Wirkung gekommen. Daher wurden der Homburger Studentenschast die Rechte der Mitgliedschaft zur deutschen Studentenschaft entzogen. Der Vorsitzer der deutschen Studentenschaft erklärt nachdrücklichst, laß dieser Plan nicht durchgeführt werden loll, und daß die Ham- biirger Studentenschaft vollberechtigtes Mitglied der deutschen Studentenschaft ist. Die deutsche Studentenscbaft hat keinerlei Veranlassung, vom Besuch der Hamburger Uni- versität abzuraten." Das Verhalten gewisser Vertreter des Hochschulrinaes deutscher Art dürfte für sie ein„ehrengerichtliches Nachspiel" haben. Die Nähmaschine im Faust. Gretchen am Spinnrad ist eine so alimodische und ungewohnte Erscheinung, daß sie dem modernen Sinn der Amerikaner nicht entspricht. Man hat daher bei einer Aufsührung des„Faust", die kürzlich in Montreal In Kanada stattfand, den Spinnroggen durch eine ganz moderne hochelegante Nähmaschine ersetzt. Die kühne Regietat wurde folgendermaßen be- gründet:„Im zweiten Akt ist das Spinnrad durch eine Nähmaschine erseht, auf der in leuchtenden Buchstaben der Name des Verfertigers n" lesen ist. Die Maschine wird während der ganzen Szene voll- kommen geräuschlos arbeiten, so daß dag Publikum jedes Wort van der berühmten Ballade des Königs von Thüle verstehen wird." Hoffentlich sst durch das die Nähmaschine tretende Gretchen auch niemandem die Stimmung gestört worden. B. Tpiclplonänderuua. Im Lelltngtbeater muh infolge Er. ft-Qnlunfl von Säle Dorsch die Erltausillbrung von Hermann Essigs Komödie Der iirauenmul" auf Dienstag, den 22. Mörz, verschoben werden. Donners- tag. Sonnabend und Sonntag geht„Ein idealer Gatte", Freitag„Peer Gynt" tn Szene. Kunftabend. Da die Berliner Biibnen heute«ehr den Ausländern oebören ot» den ringenden deutschen Dramatikern, greis« die Arbeits. oemeinschast für vergleichende Literaturlvissenlchast an der Universität ein durch Borleiung von neuen deutschen Dramen. Ferdinand v. Alten. Tbeodor Laos, Dagnh Servacs lesen die neue Tragödie„Ardalio" von Hermann Reich in der Philharmonie am 19. März, 6'/, llhr. Abiaqnng des Bonner MnfikfefteS. Der Ausschuß für das große Bonner Musiksest, da» als Nachfeier von Beethoven» 150. Geburtstag dem- nächst veianstaitet werden sollte, beschloß einstimmig, weg« der politisch« Loge v« der PeranstalUmg abzusehen. GroßGerMl Der Nlorö an Talaat Pascha. Racheakk wegen des Todes der Eikern. Da die näheren Umstände bei der Ermordung des früheren türkischen Großveziers in der Hardenbergstraße klar zutage liegen, so erstrecken sich die Nachforschungen der Kriminalpolizei Hauptfach- lich auf die Beweggründe, die den Mörder zu der Tat getrieben haben. Dieser, der Student Salomon T e i l r i a n, konnte auf dem Polizeiamt in Charlottenburg auch heute vormittag nur kurz ver- nonrmen werden, well ein armenischer Dolmetsch noch nicht zu- gegen war. Es kommt hinzu, daß er durch starken Blutverlust sehr geschwächt ist. Der Mörder wurde bekanntlich von dem Publikum, das ihn ergriff, vor Eintreffen der Polizei sehr übel behandelt. Bei dem vorläufigen Verhör gestand der Verhaftete, Talaat Pascha mit Ueberzeugung und Vorbedacht aus Rache erschossen zu haben. Terlrian behauptet, Talaat Pascha sei schuld an dem gewaltsamen Tode seiner Eltern. Er selbst Hobe sich durch die Flucht gerettet und Talaat Pascha Rache geschworen. Wie die Charlottenburger Kriminalpolizei feststellte, hat sich Teilrian schon längere Zeit in Groß-Berlin in verschiedenen Woh- nunacn aufgehalten. Er ist ohne Zweifel lediglich zu dem Zweck hierhergekommen, um Talaat Pascha ausfindig zu machen, und hat auf der Suche nach ihm an verschiedenen Stellen, so auch in der Tauentzienstraße, Wohnung genommen. Als er die Wohnung des Berfolgten in der Hardenbergstrahe entdeckte, bezog er dieser gegenüber ein möbliertes Zimmer, um ihn ständig beob- achten zu können. Daß er nicht schon früher zur Ausführung seines Planes schritt, erklärt sich wohl daraus, daß es ihm bisher an Mitteln zu der beabsichtigten Flucht fehlte. Man fand jetzt bei ihm annähernd 12 000 M. Wie er angibt, hat er dieses Geld erst vorgestern durch Scheck überwiesen erhalten. Jetzt besah er die Mittel zur Flucht und führte seinen Racheplan aus. Das Einschreiten des Publikums durchkreuzt« jedoch seinen Flnchtplan und lieferte den Mörder der Polizei in die Hände. ZNikwisser der Tai? Die Ermstllungen der Kriminalpolizei, die Kriminalinspektor v. Manteuffel vom Polizeiamt Charlottenburg leitet, richten sich auch auf die Frage, ob Teilrian Mitwisser oder Mittäter gehabt habe. Die Angaben mehrerer Zeugen, die sich meldeten und vernommen wurden, schienen darauf hinzudeuten. Die Zeugen teilten mit, daß nach ihren Beobachtungen kurz nach der Tat mehrere Personen orientalischen Aussehens vom Bahnhof Zoologischer Garten in der Richtung nach der Friedrichstraße zu weggefahren seien. Das Zimmer des Verhafteten wurde vorläusig verschlossen und versiegelt. Seine Papiere werden beschlagnahmt und geprüft werden: auch daraufhin, ob etwa Mitschuldige vorhanden sind. Ueber die Gattin Talaat Paschas, die gestern n t ch t, wie zunächst irrtümlich gemeldet, durch Reoower» schüffe des fanatischen Persers verletzt wurde, wird uns von türki- schen Frauenrechtlerinnen nahestehender Seite folgendes mitgeteilt: Im Orient wird man keinem Mann etwas zuleide tun, wenn er in der Begleitung einer Frau geht. Die Gattin Talaats, eine hoch- begabte Frau, war politisch sehr interessiert. Sie«rahm den regsten Anteil an dem Schaffen ihres Gatten, wie er Beamter, Minister des Innern und Großvezrer war. Einige Eingeweihte redeten sogar von einer starten Beeinflussung. Sie selbst ist als glänzende Redne-- rin bekannt, die u. a. auch einmal in der Universität in Konstant!- nopel sprach. Diese geistreiche Frau hatte auch den Mut, ihre Mei- mmg zu vertreten. Sie wogte es auch, unverschleiert aus die Straße zu gehen zu einer Zeit, wo dieses Vorhaben sehr gefährlich war, well die reaktionäre Geistlichkeit gegen die fortschrittlichen Frauen hetzte. Die Geistlichkeit setzte späterhin das Schleiergebot ja auch wieder durch, obwohl Mohammed der Frau den Schleier gab zum Zeichen, daß sie keine Sklavin war. Mithin war dies zu Zeiten des Propheten ein Akt der Hochachtung. In den Kreisen, die sich um dos Xomitee Union et p-ogres(Einheit und Fortschritt) grup- pierten, wor Talaat Paschas Gattin wahrlich kein« Unbekannte. In diesen Kreisen, Talaat und Djavid fielen auf als Nichtmilitär, hatte man überhaupt allerlei Sinn für die Dildungsbestrebrrngen der Frauen. Gab es doch jungtürkische Offiziere, die mit ihrem Gelde ein Mädchengymnasium in Konstantinopel unterstützten.— Das Ehepaar lebte hier angeblich zurückgezogen.— Talaat, so sagte er kurz nach der Revolution gesprächsweise, wollte sich seinem Volke (das hieß damals seiner Verurteilung) zur Verfügung stellen, wenn die Züge wieder führen. Er hat sich offenbar im Kursbuch schlecht zurechtfinden können, aber die Kugel fand ihn auch hier. * Die Mittwoch-Morgennummer der„Roten Fahne" wirst dem„Vorwärts" schmutzige Hetze gegen die Kommunisten und be- wußte Fälschung" vor, well in der ersten kurzen Notiz in der Dienstag-Abendnummer über die Ermordung Talaat Paschas der Mörder als Russe bezeichnet wurde. Die Redaktion der„Roten Fahne" scheint der Meinung zu sein, daß ein Russe auch unbedingt Kommunist sein müsse, besonders aber dann, wenn er einen Mord begeht— woraus wieder einmal der Größenwahn und das Kombi- Nationsvermögen dieser sonderbaren„Politiker" zu erkennen ist. Oder sollten die„Enthüllungen" Ledebours über die„kommunistischen Mörderzentralen" diese geistige Verwirrung angerichtet haben? Stickereisn. Der Arbeitgeberverband der Stickereiindustrie hat eine große Ausstellung im Lichthof des Kunstgewerbemuseums in der Albrechtstraße eröffnet. Der Raum ist mit all den dustigen Stickerei. gebilden gleichzeitig festlich geschmückt, so daß sich das gesamte Material sehr vorteilhaft darbietet. In der Mitte des Lichthofs sieht man auf niederen und höheren Estraden die verschiedenen Hilfsmittel der Kunststickerei, Wolle und Seiden in auffallend bunten Farben, prächtige Auslagen, die mit ausgezeichnetem Geschmack hergestellt worden sind. In langen Strähnen fallen die schönen Stickseiden, sie sehen wie ein prächtiges Feuerwerk aus, hier bekommt man sofort die richtige Uebersicht, welche Farben in der Modenindustrie zurzeit verwendet werden. Diese prächtige Materialschau wirkt überzeugender als das beste gemalte Plakat.— Auf langen Tischen liegen die Ausstellungs- stücke ausgebreitet, Kleider, Blusen und Mäntel sind auf Puppen und Büsten gezogen, man übersieht ohne Schwierigketl sämtliche Arbeiten. Der Zusammenschluß zwischen der Großkonfektion und dem Stickereigewerbe ist deullich, beide sind aufeinander angewiesen, sie müssen mit einander auskommen, wenn sie beide bestehen wollen. Die rein kunstgewerbliche Stickerei kommt hier nicht in Betracht, die Konfektion muß mit großen Mengen, mit reicher Nachbestellung rechnen: davon zeugen die Meterwaren aus den Tischen, reich be- stickte Seiden, Bänder, Sammele, Tülle, Waschstoffe. Mit Metall- stickereien find starke Wirkungen erreicht worden. Bei diesen Meter- waren spielt die S ch i f f l i st i ck e r e i eine große Rolle, die Schiff- chenmaschine bestickt große Flächen, Storchschnabeltechnik, S bis 6 Meter Breite in steter Wiederholung, ein Rapport, wie bei den Tapetenmuftgrn. Sehr interessant sind die verschiedenen Muster, man findet eine erstaunlich« Farbigkeit, die Entwürfe entstammen den »erschtedmstei, Zeitaltern, den verschiedensten Länder». Aegypten. China, Japan hat seine seltsam« Ornamentik gestehen, römische Streifenmuster leuchten auf, dazwischen explodieren die neuesten Moderichtungen, zerrissene Streifen, halbierte Kugeln, Quadrate, Dreiecke, in wilden Tönen. Außer bekannten Firmen haben die Schule Reimann und die Städtische Webeschule ausgestellt; die Städtische Webe- schule zeigt Arbellen im expressionistischen Geschmack, die ungemein farbigen Muster kommen besonders gut bei den kleinen Stücken, bei den Beuteln, Westen, Knöpfen usw. zur Gellung. Einführung See ersten Bezirksämter. Nachdem der Oberpräsident für eine Reihe von Bezirksämtern die Bestätigung erteill hat. können die gewählten Bezirksbürger- meister und Bezirksstadträte in ihre Aenller eingeführt werden. Als die ersten Bezirksämter werden im Süden und Norden des neuen Berlin 13(T e m p e l h 0 f- Mariendorf) und 19(Pankow- Niederschönhausen) am Freitag nachmittag in öffentlicher Sitzung der Bezrrksversammlungen eingeführt werden. In Tempelhof wird in der Aula des Lyzeums Oberbürgermeister B ö ß und in Pankow im Sitzungssaal des Rathauses Bürgermeister Ritter die Ein- führung mit einer Ansprache vornehmen. Bezirksamt Hallesches Tor bestätigt. Zu den berells bestätigten Bezirksämtern fft gestern auch das Bezirksamt Hallesches Tor(Berlin K) getreten. Der Oberpräsident hat für diesen Verwaltungsbezirk die folgenden Wahlen bestätigt: ols Bürgermeister Dr. Kahle, als stellvertretenden Bürgermeister den Kaufmann Bernhard Bruns, als besoldete Stadträte den Ge- werkschaftsvorsitzenden Eugen Gottschalk, den Magistratsrat Dr. Grunow, den Krankenkassenbeamten Wilhelm Conrad, den Gewerk- schaftssekretär Karl Zachow und den Regierungsbaumerster Max Brandt: als unbesoldete Stadträte den Lehrer Franz Iänicke, den Zeitungsverleger Karl Sedlatzek, den Expedienten Friedrich Zubeil, den Gastwirt Hermann Schweickart, den Redakteur Emil Dittmer und den Gewerkschaftssekretär Karl Hetzschold. Die Untersuchungen über öen Fleischverbrauch. Der zur Prüfung der angeblichen Unterschlagungen auf dem Schlachthof eingesetzte Stadwerordnetenausschuß hat gestern seine Verhandlungen sortgesetzt und sich der Untersuchung über die so- genannte Liste der markenfreien Fleischlieferungen zugewandt. Von der Leitung des Schlachthofs gab Inspektor Lorenz nähere Auskunft über diese Angelegenheit, zu der übrigens ein Berg von über 100 Aktenstücken gehört. Nach diesen Bekundungen hat der Schlachthos an die Mitglieder der auswärtigen Gesandtschaften und sonstigen diplomatischen Vertretungen und deren Familien- angehörigen durch Vermittlung des Auswärtigen Amtes Fleisch ohne Rücksickt arif die Menge geliefert: für das Personal und die Bedien- steten der Votschaften wurde die doppelte Menge geliefert, wie sie die Zivilbevölkerung erhielt. Es kam dabei die Tatsache zur Sprache, daß unter den Gesandtschaften die russische bolschewistische Ver- tretung des Herrn Joffe den weitaus größten Fleisch- verbrauch hatte, weil das von Joffe angegebene Personal, dessen Verzeichnis über 5 Folioseiten ausfüllte, mehr als 100 Stopfe zählte. Zum Teil durch Vermittlung und auf Anweisung des Landesfleisch- amts wurde zur Repräsentation Fleisch ohne Marken an Staats- männer und Minister geliefert Auf jeden Foll hat d-e(Schladohof derartige markenlose Lieferungen nur auf amtliche Anweisung der vorgesetzten Dienststelle bewirkt, so daß von irgendwelchen Un- reg el Mäßigkeiten der Schlachthofbeamten nicht die Rede fern kann. Pilzkunde. Der vom BundezurFörderungderPilzkunde(Ge- schäftsstelle Berlin-Stcglitz, Albrechtstr. ISb) veranstaltete Vortrags- abend im pharmakologischen Institut hall« sich einer regen Teilnahme zu erfreuen. Der 1. Vorsitzende des Bundes. Dr. Herter, er- öffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in der er kurz die Vor- geschichte und die Ziele des Bundes darlegte. Dann folgte ein längerer Vortrag des Or. pirri. et rer. pol. Sabalitsiyta über die augenblickliche Bedeutung der Pilze für unsere Ernährung. Zwei Gründe müssen uns heute zur Ausnutzung der Pilze anhalten: einer- jells unsere empfindliche Not an den notwendigsten Nahrungsmitteln, andererseits der nicht geringe Nährwert der Pilze. Frische Pilze übertreffen das Gemüse an Nährwert, Pilzmehl sogar das Roggen- mehl. Dem Vortrage schloß sich eine Aussprache an, in der Prof. L i n d n e r auf die Fetterzeugung gewisser mikroskopischer Pilze hinwies. Geheimrat Rost erinnerte an die geringe Verdaulichkeit frischer, schlecht gekauter Pilze, sowie die Giftigkeit der Lorcheln (Morcheln) selbst nach mehrmaligem Abbrühen. Rur durch Trocknen werden die Giftstoffe der Morcheln zerstört. Hierauf berichtete Dr. Wollenweber über Ehampignontreibereien. Witt(Torgau) zeigte frische Champignonbrut vor. Nach einer kurzen Mitteilung von E ch i k 0 r a über die Düngerfrage folgten zum Schluß einig? farbige Lichtbilder der wichtigsten Giftpilze, der Knollenblätterpilze und ihrer Doppelgänger, der Champignons. Die Erklärungen oazu gab Dr. H e r t e r. Demnächst findet eine Morchelwanderung statt. An- Meldungen bei der Geschäftsstelle erbeten. Gegen Elternbeirats-Arbeitsgemeinschaften zwischen höheren Schulen und Volksschulen regt sich Widerspruch in den Kreisen der Voltsschul-Elternbeiräte. Es wird geltend gemacht, daß bei den Elternbeiräten der höheren Schulen die Durchführung der für alle Kinder gemeinsamen Grundschule wenig Freunds hat. Im 13. Verwaltungsbezirk(Tempelhof, Mariendors usw.) haben die vereinigten sozialistischen Elternbeiräte sich grundsätzlich gegen eine die höheren Schulen mit den Volksschulen zusammenfassende Arbeitsgemeinschaft ausgesprochen. Sie sind der Ansicht, daß eine solche Arbeitsgemeinschaft den Kamps um die Reform des Schulwesens nur erschweren, wenn nicht ganz un- möglich machen würde. Zur Begründung weisen sie darauf hin, daß in Berlin die Elternbeiräte der höheren Schulen sich offen zur Erhaltung der höheren Schulen in ihrer jetzigen Form bekannt und sich für Sabotierung des Grundschulgesetzes durch privat«, die Vorschulen ersetzende Schulzirkel ausgesprochen haben. Erst wenn die der Einheitsschule bereiteten Hindernisse aus dem Wege geräumt sind, wollen sie einer Arbeitsgemeinschaft beitreten. „Gegen die Reaktion— für die Republik" veranstalten repubii- konische Verbände unter Leitung des Republikanischen Führer- Bundes am Donnerstag, den 17. März d. M., abends 7 Uhr, eine Kundgebung im großen Saal der„Neuen Welt", Hasenheide. Redner aller republikanischen Parteien— bekannte Parlamentarier — haben es übernommen, in dieser öffentlichen Versammlung auf den Ernst der Stunde hinzuweisen. Die Jnteregeugemeinschaft der Mieter Groft-Berli» veranäaltet Donnerstag, 17. März, 7 Mr. im Böriensaal deS Viebbos«. Eldenaer Strohe, eine ösfentliche Mieterversammlung. Referate: Der kommende Mieterstreik. Genosse I. Jabwkoff. Die Notwendigkeit der Oraanssatio». Genosse Kienert. Freie Aussprache(auch für den Hauswirt». Der Verein„Akademisch« ttuterrichtskiirse für Arbeiter C. wird von der Stadt lausend unterstützt. Die Kurse dienen dazu, den Bevölle- rungskreisen, die eine mangelhafte Schulbildung genossen haben, die fehlenden Elementarkenntnisse zu vermitteln. Sie ermöglichen diesen Kreise« gleichzeitig, später aus die Bolkshochschule überzugehen. Die Volkshoch- schule unterstützt die Kurse daher nach Kräften. Angesichts der in letzter Zeit sestzustellenden archerordentlichen Zunahme der Beteiligung an diesen Kursen und bei der Steigerung der Preise für all« Bedürfnisse hat der Magistrat beschlossen, dem Berein daher für lW0 eine auf MOV M. erhöhte Beihilfe zu gewahren. Der Stadtverordnetenversaurmlung ist eine enl- sprechende Vorlage zugegangen. OewerMofisbewegung Ge»»eralversammlung der Holzarbeiter. Die Verwaltungsstelle Berlin des Deutschen Holz- arbeiterverbandes nahm in einer auherordent- l! ch e n Generalversammlung am Dienstag zum Berka ndstog Stellung. Der Bevollmächtigte F r e i g a n g führte aus, daß vcr- lchiedene Punkte der provisorischen Tagesordnung des Verbands- tage? besonders beachtet werden mühten. Dazu gehöre besonders der Punkt 7:«Gewerkschaftliche Zeit- und Streit- fragen". Bei der Behandlmig der Gestaltung der Verhältnisse seit der Revolution würden die Arbeitsgemeinschaften und die Frage der Industrieverbände eine Rolle spielen. Die Berufsorganisationen seien nicht mehr so ausschlag- gebend wie früher. Andererseits sehe man, daß Regierung und Großindustrie daran seien, den A cy t st u n d e n t a q zu beseitigen. Die wirtfchasUichen Anforderungen, die sich in Auswirkung des Friedensvertrages ergäben, müßten auch die Organisationen ein- gehend beschäftigen. Die Frage der B e t r i e b s r ä t e, die ein wichtiger Faktor im Wirtschaftsleben werden sollen, stehe ebenfalls im Bordergrunde. Die übrigen Punkte ergäben sich aus den An- trägen. Leopold begründete den Antrqg, auf die Tagesordnung des Verbandstages noch zu setzen: Bekämpfung der Arbeits- l a f i g k e i t, Förderung der Bautätigkeit und Bekämpfung der Wohnungsnot und die Stellungnahme der Holzindustriellen dazu. — Lieste begründete eingehend verschiedene Anträge der k o m- m u n i st i s ch e n Fraktion, für die er von der Generalversammlung �'ne Einheitsfront von den Kommunisten bis zu den Mchrheits- sozialiften wünscht.— Meierhöser trat für Anträge der Preß- kommission ein, die die„Holzarbeiterzeitung" betreffen, und M e u s ch rechtfertigte Anträge über Aenderungen der Unterstützungs- einrichtungen.— Anträge der Ortsverwaltung über die � Finanzierung der Verwaltungen mit und ohne Angestellte und über die Beitragszahlung von Kurzarbeitern begründete Freigang.— Zu stürmischen Szenen kam es, als Exner einen kommunistischen Redner ironisch glossierte. Gegen den Protest der Kommunisten be- schloß die Versammlung mit großer Mehrheit, Exner weiterreden zu lassen.— Die Debatte entfernte fich dann etwas vom Verbands- tag. So stellte Leo den Antrag, den Allgemeinen Deutschen Ge- werkschaftsbund aufzufordern, für die von ihm ausgestellten Forde- rungen zur Arbeitslosenfrage eine Aktion der gesamten Arbeiterschaft einzuleiten.— Lieste beantragte, eine Deputation zu In- sormationszwecken zum Moskauer Gewerkschaftskongreß zu senden. — S i g f e l d trat dem letzten Antrage entgegen, weil Berlin kein Recht habe, dafür Verbandogelder auszugeben. Räch Schluß der Diskussion wurden die Anträge Leopolds, der kommunlflischen Fraktion, der Verwaltung, diesenigen, die Preß- kommission betressend und der über die Unterstützungsfragen an- genommen. Unter den angenommenen kommunistischen Anträgen befinden sich solche auf Ueberleitung der Vsrufsorgani- sationen in Industrieorganisationen und auf sofortigen Aus- tritt aus der Arbeitsgemeinschaft. Der Antrag auf Beschickung des Moskauer Gewerkschaftskon- g r e s f e s wurde in geheimer Abstimmung mit 3ö2 gegen 337 Stimmen angenommen. Danach sind zwei Delegierte zu entsenden, von denen einer ein Dertreter der Amsterdamer Internationale sein soll. Zur Aufbringung der Kosten soll eine Sammlung unter den Berliner Mitgliedern vorgenommen werden. Streik der Frieds, ofarbeitcr? Die Friedhofarbeiter Groß-Bsrlins tagten am Dienstag im Reichenberger Hof", um einen Bericht über den Stand ihrer Lghnbewegung entgegenzunehmen und weitere Schritt? zu be- schließen. Referent B e i e r führte im wescnUicheu folgendes aus: Man wird anerkennen müssen, baß unsere Forderungen g e- recht sind, denn wir verlangen für Handwerker(Gärtner) den Lohnsatz von 3,50 M. pro Stunde, für alle anderen noch etwas weniger, so für jugendliche Arbeiter nur 3,75 bis 4,75 M. und sugendliche Arbeiterinnen 3,50 bis 4 M. Für ältere männliche und weibliche Arbeitskräfte selbstverständlich entsprechend mehr. Un- gelernte Arbeiter sollen 5,75, angelernte 6,25 M. erhalten; unge- lernte Arbeiterinnen 5 M. und angelernte 5,25 M. Wir haben uns an das Reichsarbeitsmini st erium gewandt, das stch auch bereit erklärte, einen Termin für die Berhandlungen festzusetzen. Diese haben heute stattgesunden, sind aber r e s u l t a t l o s ver- lausen, weil die maßgebenden Kirche nbehörden und P a st o r e n nicht erschienen waren. Die Tarifkommission hat den Eindruck gewonnen, daß man nicht geneigt ist, eine friedliche Ver- ständigung mit uns zu suchen. Da aber geltend gemacht wurde, daß die Vorladungen zu spät erfolgt seien, haben wir uns mit dem Vorschlag der Spruchkammer einverstanden erklärt, daß zum Freitag nochmals ein Termin zur Verhandlung anberaumt werden fall. Dann soll die Entscheidung des Schlillitungsaus- fchusies erfolgen, wenn auch die geladenen Herren nicht erscheinen sollten. Morgen haben auch die Kirchenbehörden eine neue Kon- ferenz. Es fragt stch nun, ob die Versammlung damit einverstanden ist, das Ergebnis der Verhandlungeü am Freitag abzuwarten. Die Tarifiommifsion empfiehlt, bis dahin zu warten. Denn es ist noi- wendig, daß unsererseits alles geschieht, was zu einer friedlichen Verständigung führen kann. Dann werden wir auch die Sympathie der Behörden und der Bevölkerung für uns haben. Die folgende sehr lebhafte Diskussion hatte zum Ergebnis, daß der Vorschlag des Referenten angenommen wurde._ Am Freitagabend soll im Gewerkschaftshaus ein« versamm- lung der Vertrauensmänner stattfinden, in der die Tarif- kommission über den Schiedsspruch berichten wird. Eventuell wird dann am Sonnabend in allen Betrieben durch eine U r a b st i m- m u n g über den Streik entschieden werden. Rcichskonferenz der(HroszschiffSloerftcn. Der Zcntralverband der Maschinisten und Heizer hielt in Ham- bürg eine Reichskonserenz der Grotzschisfswerften ob. Dos ein- leitende Referat hielt der Reichssektionsleiter der Großschiffswerftcn, Kollege Schredingcr. Er führte u. o. aus: Für uns in Deutsch- land stehen außergewöhnliche Schwierigkeiten dem Wiederaus- bau der Handelsflotte entgegen. Die rund 12 Mit- liarden, welche von der deutschen Rcichsregierung zum Wiederaufbau der Handelsflotte bewilligt sind, müsien nun aber auch für den bestimmten Zweck verwandt werde». Hier dürfen die Reeder nicht allein über die Verwendung der Gelder zu bestimmen haben. Wir müssen unseren Einfluß auf alle Fälle bier zur Geltung brin- gen. Zu 90 Proz. muß die ausgeworfene Summe zum Bau von Schiffen auf deutschen Werften verwandt werden. Dos bedeutet, daß wir für die nächsten 4— 5 Jahre auf den deurschcn Wersten eine gute Konjunktur haben werden. Die südamerikanischen Staaten gehen nunmehr dazu über, sich eine eigene Handels- flotte zu beschoffen, so daß wir erwarten können, auch von ihnen mit größeren Aufträgen bedacht zu werden. Von der eigentlichen Tätigkeit des Reichssektionslciters entwirft Redner ein Bild der ungeheuren Arbeiten, die geleistet worden find. Erledigt konnten sie nur werden, weil die Zusammenarbeit gut funktionierte. Die Tarifbewegung ist an einer sehr gefährlichen Klippe angelangt. Die Unternehmer bieten olles auf, um die Löhne abzubauen und auch den 8-Stundentag zu durch- brechen. Don der Utopie des E i n h e i t s l o h n es sind die Werftarbeiter abgekommen. Wir unterscheiden jetzt 3 Gruppen in der Entlohnung: Gelernte, Angelernte und Ungelernte. Die Zu- sammenarbeit mit dem Metollarbetlerverband in Hamburg kann als gut bezeichnet werden, mährend es in anderen Werftorten nicht so gut funktionierte. Zln der recht regen Aussprache betelligten sich sämtliche Werft. orte. Zur Betriebsrätefrage wurde betont, daß wir bemüht Iein müsien, unsere Bertrauensleute anzueifern. daß sie sich las nötige Wissen aneignen, um im Interesie der Kollegen- schast immer mehr und mehr in das Problem der Wirtschaftsfragen einzudringen. Ferner wurde die Frage der Heizerschule gestreift. Einige Wcrksleitungen haben in ihrem Betriebe Werksprüfungen eingeführt. Hierzu ist zu sagen, daß den Staatsprüfungen der Porzug zu geben ist, da die Werksprüfungen nur für das betreffende Werk Geltung haben Die Entwicklung der Organisation auf den Werften ist eine gute zu nennen. Das zur Ausgabe gelangende Mitteilungsblatt kann leider der hohen Kosten wegen"nickt mehr im Druck erscheinen. Es wird aber trotzdem den Kollegen auf dem Vervielfältigungswege zugäng- lich gemacht. Di« Wahl des Rcichsscttionsleiters ergibt die einstimmige Wiederwahl des Kollegen Schredinger- Homburg._» Ter Kampf in Luxemburg dauert fort. Wie der Internationale Gewcrkfchaftsbund mitteilt, haben sich franzölilche Truppen in den Abwehrkampf der luxemburgischen Arbeiterschaft eingemischt und der französische und belgische Gesandte sich für Abschaffung des A r b ei t e r s ch u tz- gesetzes erklärt. Inzwischen bat das französische Militär die Be- triebe wieder geräumt. Am 7. März fanden Verhandlungen zwischen der Regierung und Arbeitervertrelern statt, bei denen General- direkter Pescatore erklärte, daß die Gesandten Frankreichs und Belgiens verlangt hätten, der Rsgierungsbeschluh über die Arbeiter- ausschüsse müsse solang« aufgehoben werden, bis der wirtschaftliche Anschluß Luxemburgs an Belgien vollzögen fei. Zurzeit sind 16 00 0 Arbeiter ausgesperrt. Der Zu- zug nach Luxemburg ist nach wie vor fernzuhalten. Bei den Gewerbegerichkswohlen ln Görlitz am letzten Sonntag siegte die Liste des Ortsausschusses der freien Ge- werkschaften mit 4743 gegen 336 Stimmen, die auf die Liste der Christlichen fielen. Die erhalten keinen Vertreter. Die H.D.- Gewerkvereine, die sich den freien Gewerkschaften angeschlosien hatten, bekommen einen Vertreter. Freigewerkschaftliche Bekriebsrätezenkcale. Der Kursus über Marxismus beginnt Freitag, den 1. April. Er findet um 10 Uhr vormittags im Sitzungssaal der Freigewerkschaftlichen Be- triebsrätezentrale, Engelufer 15. 2. Hof, 1 Tr. statt. Meldungen werden noch entgegengenommen. Die Möbellransportarbeiler stehen nicht, wie irrtümlich mitge- teilt wurde, feit dem 15. Oktober, sondern seit dem 15. März im Streik. Für Amsterdam sprach sich nach einer Havas-Meldung aus Toulouse dos Syndikat der Bergarbeiter de» Kohlen- gebiets von Aveyron in seiner Hauptversammlung aus. Der 10 Sommunistenkongreß in Moskau setzte die Beratungen über die Gewerkschaftsfrage fort. Für die Trotzki-Thefen stimmten 50, für die Schljapnikoff-Resolutionen 22, für die Thesen Lenins 569 Delegierte. Zevtraloerband der Angestellte». Mitgliederversammlungen für Dvnneretag. Chemlicher Klelnliandel. 3 Uhr, Haverlands Festsiile. Neue Friedtichstr. 33.— Nechleanwvlsbureaus. 71;, Uhr, Englischer Sof, Alexanderstr, Z7 c.—.granlen- kasse,� 4 Uhr, Lehrcr-Bereinshaus, Alexanderltr. 40 41. A.E.Ä. Brunnenstrobe. Donnerstag 2 Uhr im Ewlnsmllndcr Seielllchastshaus: Vetrietsversammlung aller auf dem Soden der E.P.D. stehenden Kollegen und Kolleginnen.__ Fraktionsvorstand. WLrtsiHast Der Fischwucher. In allen Tönen wird das vergangene Jahr als ein„Rekord« jähr der deutschen Hochseefischerei" gepriesen. Zuvörderst wegen der Größe der Fänge, die gemacht worden sind. So wird berichtet, daß während des Jahres 1920 in Hamburg 23 Millionen Pstmd Fische angeliefert wurden, in Cuxhaven 45'- Millionen Pfund. Aber noch begeisterter als über die Malle der gefangenen Fische ist man über die erzielten Preise. In Altona allein wurden aus dem Fischoerkauf 23534 Millionen Mark gelöst, an den drei Fischplätzen Hamburg, Cuxhaven und Altona zu- sammcn 35334 Millionen Mark. Für die Höhe der Fisch- preise ist es charakteristisch, daß in Hamburg im Jahre 1919 stir 25 Millionen Pfund Fische insgesamt nur 21 Millionen Mark ein- genommen wurden, im Jahre 1920 aber für 23 Millionen Pfund Fische 21 34 Millionen Mark mehr. Die Fischpreise waren also im letzten Jahre mehr als 10 0 Prozent höher als im Jahre 1919, und damals litten sie, wie man weiß, auch nicht an übergroßer Billigkeit. Forscht man den Gründen nach, die zu diestr Preis- fteigerung geführt haben, so werden von den„kundigen" Thebanern sofort die �enorm" hohen Löhne für die Fischer, Kapitäne und alle anderen bei der Fischerei beschäftigten Personen vorgebracht. Aber hier, wie in allen sonstigen gewerblichen Betrieben, machen die Löhne nur den geringsten Teil der Unkosten aus. Wesent- [ich schwerer fallen die M a t e r i a l p r e i s e ins Gewicht, Kohle» für die Fischdampfer, Garne für die Netze, Oel für die Maschinen und so fort. Die Hauptsache aber bleibt auch bei der Hochsee» fischerei: die Unternehmer begnügen sich nicht mit den Verhältnis- mäßig bescheidenen Gewinnen der Borkriegszeit, sondern es müssen Profite von Hunderten Prozenten erzielt werden. Und was das für den konsumierenden Teil des Volkes bedeutet, wenn der Grundpreis schon durch Materialpreise und Löhne gesteigert wird, das kann sich jedermann selbst ausrechnen. Dazu kommen für den binnenländischen Derbraucher ganz besonders noch die Profite, die beim Filchhondel von dem in dieser Branche be- sonders mächtigen Zwischenhandel verdient werden. In Berlin zum Beispiel diktiert der Ring der Grosiisten die Fischpreise, und die Kleinverkäufer sind ihnen auf Gnade und Ungnade überliefert. Daher die unerfreuliche Totsache, daß beute noch, trotz der Riesen- sänge der Hochseefischerei, die Preise für die gangbarsten Seefische im Einzelhandel das Zehn«, Fünfzehn-, ja Zwanzig- fache der Vorkrieaspreise betragen. Ein Preis von 3 bis 5 M. für das Pfund Schellfisch oder Kabeljau, von 4 bis 6 M. für das Pfund Schollen, wie er gegenwärtig noch immer gefordert wird, ist durch nichts gerechtfertigt. Was nutzen dem Volk also die Rekordfänge der Hochseefischerei, wenn sie nicht dazu dienen, die Preise für diese» wichtige Nahrungsmittel, das ehemals ein eigentliches Volks» Nahrungsmittel war, auf ein erträgliche» Maß herobzudrücken?! Die Zwangsbewirtschastung der Fiscke, wie wir sie bis zum Jahre 1919 hatten, war gewiß kein idealer Zustand. Aber der freie Handel hat auch bei den Fischen die Persprechungen nicht eingelöst, die er vor Aufhebung der Zwangswirtschaft immer und immer wieder gegeben I U. f.ue aller Welt. Mörderischer Eisenbahnanschlag. halle a. 5., 10. März.(Eigener Drohtberickt deS„l!?orwörts".> Gestern abend 11 Uhr 50 entgleiste auf der Strecke zwuckeu Merfc- burg und Annendon ein Gülerlonderzug. Durck die Entgleisung wurde auf dem Rebengleis ein Eilgkiterzug ebenfalls zur Ent» gleisung gebrockt. Durch den Unfall wurden getötet: Der Fug- führer de? GütersonderzugeS, E r d m a n n auS Halle, der Lokomöliv- führer deS Eilgüterzuges, Engelhardt, sowie ein im letzteren Zuge mitgefahrener Viebbegleiter. Verletzt wurden sechs Bahn- beamte, deren alsbaldige Ueberlührung in die Klinik zu Salle ver- anlaßt wurde. Der Materialschaden ist bedeulend. Beide Gleise der Strecke sind gesperrt. Ein Gleis wird voraussichtlich erst in nvanzig Slunden frei. Der Verkehr wird durck Umleitung der Züge au'recht erhalten. Der Unfall wurde durck Ausreißen der Schienen herbeigeführt. Von den Tätern fehlt bis jetzt uock jede Spur. Vermutet wird aber, daß e» sick um polnisch? Agenten Sandelt, die den Zustrom nach Oberschlefien für die Abstimmung verhindern wollen. Fahrkarteaschwiadel. Vor dem Schwurgericht in Duisburg hatten sich in zweitägiger Verhandlung dreizehn Eisenbahnbeamte und Eiienbahnangestellle des Duisburger Hauptbahnholes wegen Fabrkartenickwindeleien zu verantworten. Durch diese Unier» lckleifen sind ganz bedeutende Summen veruntreut worden. Räch Sckätzung eines Sachverständigen belaufen sick die Veruntreuungen auf zwei Millionen Mark. Der Hauptangeklagte Kautz erhielt vier Zahre Zuchthaus, zehn Angeklagte Gefängnisstrafen zwischen einem Jabr und drei Jahren, ein Angeilogter sechs Monate Ge- fängnis, ein anderer wurde freigesprochen und bei sieben Angeklagten wurde außerdem auf drei Jahre Ehrverlust erkannt. Die Handgranate al» Spielzeug. Spielende Kinder fanden am Deich in WilbelmSbaven eine Handgranate, welche explodierte. Fünf der Kinder wurden schwer verletzt. Aerantw. für d«n redokt. Teil: Dr. Werner Vetter, Thirlottenbura: für«nzeiseni T». Gluck c. Berlin. Berlag: vonvSrlS-Lerlog