Nr.S274 38.�ahrgaag Ausgabe A Nr. IIb Bezugspreis: Bi-rteliahrl. SO,— 3K., mono«. 10,- 9R. frei ins Saus, voraus zahlbar. Post- beza gl Monatlich einschl. gu- ftellungsgebühr. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, das Saar- und Memelgebiet, towie die ehemals deut- ,cheu Gebiete Polens, Oesterreich. Ungarn und Luxemburg 20,— M„ für das übrige Ausland 27,— M. Postbestellungen nehmen an Oesterreich. Ungarn. Tschecho- Slowakei, Däne- wart. Solland, Luxemburg, Schweden und die Schweiz. Der.Vorwärts-- mit der Sonntags- beilage„Polt und Zeit-, der Unter- haltungsbeilage �>eimw-It- und der Beilage.Siedlung und Kleinzarten- erscheint wochentäglich zweimal, Sonn- iags und Montags einmal. Telegramm- Adresse! „Suzialvemotrat Lerlio- Morgen-Ausgabe berliner Volksblatt (Z0pk«ku»ig) Anzeigenpreis, Dt» achigespalten- NvnoareMezeit, kostet 5,50 M.Nietn» Anzeiger,- das letlgedrurtte Wort l.ätl M. a»- lässig zwei kettgedru-k» Wortex leb»-, weitere Wort I.— Dl«»I>,W-su», und Schiasstcvenan»ci,«»a, rtfy Won l— M> sede,«euere Wo« 50 Psg. Wort. Über tki Buchstaben zählen für zwei Wort» Ninnllien-Ab. zeige» füi Abonnenten Heile M. Die Prrtp verstehen stch einschließlich T»ueru»gsz«schl st ö t i g e formell, daß die Vertreter Frankreichs in Ober» schlesicn niemals eine Politik der vollendeten Tat» fachen ermutigt, auch keinen Waffen still st and mit den Aufrührern unter Festsetzung einer Demarkationslinie abge» schlosten hätten. Endlich leugne man sranzösischerseits, jemals die Absicht gehabt zu haben, das gesamte o b c r s ch l e s i s ch e Becken nötigenfalls mit Gewalt Polen zuzuspre. ch en. Die französische Regierung erkläre schNeßlich, daß, wenn Deutschland in Obcrschlcflen mit Waffengewalt eingreife, Frankreich auf keinen Fall dem passiv zusehen könne.„Petit Parisien" fügt hinzu, ein bewaffneter Eingriff Deutschlands in Oberschlesien würde notwendigerweise als Verletzung des Friedensoertrages von Versailles, also als casus belli (Kriegsfall) angesehen werden. England hinter Llo�S George. London, 1 einträchtigung der sozialistischen Wahlvorbereitungen durch den weißen Terror gerade in den sozialistisch stärksten Provinzen,� in Reggio Emilia, Bologna, Ferrara und Perugia am weitesten gegangen ist. In der Tat haben die Provinzen Reggio Emilia und Perugia die W a h l e n t h a l» tung dekretieren müssen wegen der materiellen Un- Möglichkeit, den Kampf ohne Blutvergießen aufzunehmen. Was die anderen Parteien betrifft, so sieht man für die K o m m u n i st e n ein sehr kümmerliches Ergebnis voraus, 5 bis 7 Mandate. Die Reformisten dürften kaum ihre 20 Mandate behaupten. Die Republikaner dagegen, die in der letzten Kammer nur 6 Abgeordnete hatten, werden wahrscheinlich bedeutende Vorteile davontragen. Den Klerikalen stellt man ollgemein eine sehr ungünstige Prognose, die wir nicht teilen; wir glauben, daß sie an- nähernd die bisherige Fraktwnsstärke von 100 Mandaten beibehalten werden. Was übrig bleibt, heimst der Block ein, die große un- gegliederte politische Masse, die sich im Zeichen der Reaktion zusammengefunden und verschmolzen hat. Er wird seine zahlenmäßige Macht dem Fascismus verdanken und auch ihm seine politische Schwäche als Regierungsmehrheit. Wenn diesmal der Wahlkampf mit Methoden geführt worden ist, die eine Negation des Parlamentarismus dar- stellen, so wird man an dem aus ihm hervorgehenden Parla- ment die Folgen dieser Methoden spüren. Nicht der Sozia- lismus und Kommunismus, nein, die Bourgeoisie selbst hat den Parlamentarismus feines Prestiges entkleidet und hat den politischen und sozialen Kampf außerhalb des Parka- ments verlegt.' * Rom. 15. Mai.(WTB.) Die Wahlen zur Deputier- tenkammer sind heute im ganzen Lande einschließlich der neuen Provinzen vorgenommen worden. Die Wahlbeteiligung be- trug 50 bis 70 Prozent: in manchen Wahlkreisen war sie stärker als im Jahre 1819. Namentlich in R o m war die Wahlbeteiligung stark. Zu R u h e st ö run gen ist es nur in der Provinz Neapel gekommen In Ponticelli wurde bei einem Zusammenstoß zwischen F a s c i st e n und Kommuni st en eine Person getötet. Auch aus R e f i n a wird ein Toter gemeldet. Geborene Führer öer Republik. Die„Kreuzzeitung" fühlt sich bemüßigt, von einem söge- nannten„A d e l s t a g" Notiz zu nehmen, der am 12. Mai in Berlin getagt hat. Die dort angenommene Entschließung,' ein Sammelsurium abgedroschener nationalistischer Redens- arten, zeugt von der Geistesarmut der Versammlung, und ein kräftiger antisemitischer Einschlag läßt darauf schließen, daß auch das Geschlecht des berühmten Dreschgrafen Pückler noch nicht ausgestorben ist. Das ganze Geschwätz wäre nicht der Erwähnung wert, wenn sich nicht darin folgender Satz fände: Mehr als bisher müssen die nationalen Parteien geborene Ffihrernalurcn aus unseren Reihen in führende Stellungen und besonders auch in die Parlamente bringen. Das zwingt zu der Frage, wo und wie sich der Beruf des Adels zur Führung der Nation erwiesen hat. Eigentlich sollte man annehmen, daß aus einer Gesellschaftsschicht, der nichts fehlt, um ihren Angehörigen mühelos alle Früchte der Bil- dung und Kultur zu vermitteln, eine erhebliche Zahl beson- ders leistungsfähiger Persönlichkeiten hervorgehen müßte. In Wirklichkeit sind adelig Geborene, die sich frei- gemacht haben von Standesdünkel und agrarischen Klassen- interessen, seltener als weiße Raben, und das geistige U n- v e r m ö g e n ist in jenen Kreisen greadezu erschreckend. Seit Bismarck, der in gründlicher Verachtung seiner Standesge- nassen und im Kampf gegen sie lebte, hat der deutsche Adel keine Gestalt von mehr als Normalwuchs hervorgebracht. Der Durchschnittsaristokrat— es gibt auch gern gesehene Aus- nahmen— ist ganz einfach ein politischer Trottel. Seinem Niveau entspricht die Entschließung des sogenannten „Adelstags"._ Strahlenpunkte öeutschen Geistes. Die Pfingstfeiertage benutzt der Chefredakteur der deutsch- völkischen„Deutschen Zeitung", Max Maurenbrecher, zu einem historischen Rückblick über die Entwicklung des deutschen Geistes, aus dem wir folgenden Absatz nicht ganz unerwähnt lassen wollen: Seine vergleichsweise breiteste Wirkung hat der deutsche Geist in den fünfzig Jahren erlebt, die zwischen 1781 und 1832 liegen. Im ersten dieser beiden Strahlenpunkte erschienen gleichzeitig Lessings„Nathan". Kants„Kritik der reinen Vernunft" und Schillers„Räuber". Das zweite war das llohr von Goethes und Hegels Tod. Jeder Kenner der deutschen Geschichte weiß, welch verschwenderisch reich ausbrechendes Leben zwischen diesen beiden Polen liegt. Gin neuer Zlnanzplan. Interview mit Schieberski. Vorgestern nachts um 3 Uhr wurde ich durch rasendes Klingeln des Telephons aus dem Schlaf gerissen.„Hier Schieberski! Ich bin in der Aschanti-Bar und habe mich entschlossen, Ihnen für den„Vor- wärts" ein Interview zu gewähren. Mein Auto holt Sie m fünfzehn Minuten ab. Auf Wiedersehen." Fünfzehn Minuten später saß ich im Auto. Schieberski ist in Geld- und Anleihefragen eine Autorität ersten Ranges, feine Erfolge auf diesem Gebiet sind geradezu rätselhast. Er er- weckt den Neid seiner Bewunderer und stets minder erfolgreichen Nachahmer. Ich wußte, ein Interview mit ihm für den„Vorwärts" würde eine Sensation sein. Echieberski warf bei meinem Kommen die eben angezündete Zigarette weg, reichte mir die Rechte, deren Zeigefinger ein kirsch- großer Brillant schmückte, und sagte: „Lieber Freund! Vaterländische Sorge hat mich oeranlaßt, Sie in so früher Stunde zu mir zu bitten. Ich fürchte, wir werden den Frieden verlieren, wie wir den Krieg verloren haben, well man bei uns das einfachste nicht sieht und den Rat von Männern, die in Geld- und Kreditfragen erfahren sind, nicht beachtet." Er schlug mit der Faust auf den Tisch, der Brillant blitzte und das Whiskyglas schwankte:„Hätte man meinen Rat beachtet, so wäre der Krieg glänzend gewonnen worden." „Darf ich fragen.,." sagte ich. indem ich Ohren und Bleistift spitzte. „Man fleht bei uns das einfachste nicht," fuhr Schieberski fort. „Man hat nicht begriffen, daß ein Krieg weder eine diplomatische noch eine militärische, sondern einfach eine Valutaange- legen heit ist." „Am 4. August 1914 war ich bei Bethmann. Ich sagte ihm: „Exzellenz, man sieht bei uns das einfachste nicht. Führen Sie den Krieg bis zur Vernichtung des Feindes, aber führen Sie ihn mit den modernen Waffen der Humanität. Sagen Sie den feindlichen Völkern, daß wir nichts wollen als i h r G l ü ck. Geben Sie unserer Industrie den Auftrag. Pfundnoten. Rubelnoten. Zehn-, Hundert-, Tausendfrankscheine zu fabrizieren. Lassen Sie in Gottes Namen schießen, aber nicht mit Granaten, sondern mit Pfundnoten. Rubelnoten, Frankscheinen. Schicken Sie über olle Städte Frankreichs, Englands. Rußlands Flieger, aber lassen Sie um Gotteswillen keine Giftgas- und Brandbomben werfen, sondern Pfundnaren. Rubelnoten, Frankscheine. Vergelten Sie als echter Christ Böses mit Gutem, überschütten Sie den Feind mit Blüten." Er schlug auf den Tisch, daß der Brillant zu springen drohte und das Whiskyglas umfiel.(Er bestellte sofort ein neues.) „Bethmann hat mich nicht verstanden. Dieser Idiot sah das ein- fachste nicht. Er begriff nicht, daß wir mit dieser Methode den Krieg zu führen, statt den Haß die Lieb: der Feinde erworben hätten. Stellen Sie sich vor: Fliegeralarm in Paris. Statt sich er- schreckt in Keller zu drängen, wäre eine freudig erregte Menge aus die Straße gestürzt, man hätte sich geschlagen und die Hüte geschwenkt, man hätte gerufen:„Viva ItAJicmagiiel" „Und—" fragte ich erstaunt. „Und," antwortete Schieberski,„Sie sehen das einfachste nicht. In vierzehn Tagen waren die Banken von Frankreich, England und Rußland pleite. Haben Sie schon etwas von Inflation gehört? Sie waren einfach pleite, sie hätten sich selber aufgeftessen, sie mußten ganz einfach um Einstellung der Feindseligkeiten bitten." Ich schwieg überwältigt. Aber mich meiner Iournalistenpflicht erinnernd, fragte ich:„Meinen Sie also, daß wir den Krieg wieder aufnehmen sollen?" „Krieg?" sckirie Schieberski und fchlua auf den Tisch, daß der Brillant krachte und das Whiskyglas in weitem Bogen wegflog.(Er bestellte sofort ein neues.)„Ich hasse den Krieg, ich bin überzeugter Pazifist. Wir haben den Krieg verloren und müssen das uns Auf- erlegte nach besten Kräften erfüllen. Und das eben ist es, weshalb ich Sie in fo früher Stunde zu mir gebeten habe." „Merken Sie auf"— er rückte näher und sprach mit gedämpfter Stimme—,„wir sollen zunächst einmal 50 Milliarden ver- Zinsen und tilgen. Nach meinen Begriffen eben nicht übermäßig viel. Na— ich will Ihnen sagen, wie man das in vierzehn Tagen er- ledigt." „Bei uns sieht man eben das einfachste nicht. Wir geben also für 59 Milliarden Schuldverschreibungen aus, nicht wahr, die werden unter die Leute gebracht. Sie verstehen soweit. Nun aber kommt dos Entscheidende. Man läßt sich sodann H ö l l e i n kommen und sagt ihm:„Lieber Höllein, Gott hat Sie zu Großem bestimmt. Besetzen Sie heute Nacht mit zehn handfesten Leuten die Reichskanzlei. Man wird keinen Widerstand leisten. Setzen Sie Wirth als Verräter des Proletariats in den Kohlenkeller. Proklamieren Sie die Räte- republik, erklären Sie alles Privawermögen für beschlagnahmt, alle Staatsschulden für annulliert. Die Schuldverschrei- bungen werden sodann auf 15 Proz. des Nominalwertes fallen. Das genügt aber noch nicht. Ernennen Sie Koenen zum Reichsfinanzminister. Die Schuldverschreibungen werden dann auf 1 Proz. fallen. Ist die Sache soweit, kommt eine Hundert- schaft Schupo und stellt die Ordnung wieder her. Wirth steigt aus dem Kohlenkeller. Sie erhalten Amnestie und ein Promille des Umsatzes." .Und?" fragte ich erstaunt. Wir glauben, daß der mouaichkstlfch�ulllsemikifche Lefertreis ftOJ „Deutschen Zeitung" nicht ohne Befremden lesen wird, mit welchen. Momenten hier der Höhepunkt deutschen Geistes umgrenzt wird. Lessmgs„Nathan" hat als Grundgedanken die religiöse Tole- ranz, zum Helden einen geistig hochstehenden Juden, enthält in der Person des Patriarchen eine bitt erböse Satyre auf den Antisemitismus! Kants„Kritik der reinen Vernunft" leitet eine rein logische Betrachtungsweise der Dinge unter Ausschaltung der Religion und des Glaubens an Gott und Unerheblichkeit ein, Schillers revolutio- näres Drama„Die Räuber" trägt das Motto„in t�raimos" (Gegen die Tyrannen), Goethe war ausgesprochener Kosmopolit und in so starkem Maße Verehrer Napoleons, daß er selbst die Begeisterung der Freiheitskriege nicht zu teilen vermochte. Heg eis Philosophie, wenn sie auch in eine Verherrlichung des preußischen Absolutismus ausmündete, lieferte doch auch eine starke geistige Wurzel für das Schaffen von Karl Marx. „Nationale" Männer im Sinne der �Deutschen Zeitung" sind weder Schiller, noch Lessing, noch Kant, noch Hegel gewesen. Und wenn Max Maurenbrecher auch die Verantwortung für den Niedergang auf den Einfluß der Juden Börne und Heine zurückführt, so werden die Leser der„Deuffchen Zeitung" doch wohl kaum den Eindruck los werden, daß hier der e h r l i ch e.Verfasier der„Hohenzollernlegende" dem weniger ehrlichen Chef- redakteur der„Deutschen Zeitung"(ehrlich im letzten geistigen Sinne) ein Schnippchen geschlagen hat._ tzolz' Vernehmung. Die Untersuchung gegen Hölz ist in den letzten Tagen mit aller Beschleunigung fortgesetzt worden, um ein möglichst geschlosse- »es Bild über das Treiben des oogtländischen Räuberhauptmanns zu gewinnen. Unter den vielen Zeugen, die vernommen wurden, befand sich auch der jetzige Bürgermeister von Falkenstein. Jnter- essant ist seine Feststellung, daß die kommunistische Bewegung in Falkcnstein sehr viele Anhänger verloren hat und daß man von Hölz so gut wie gar nicht mehr spricht. Hölz selbst behauptet, daß auch er das Bestreben gehabt habe, geordnete Verhällniffe in Falkenstein herbeizuführen, daß aber die Fabrikanten mit dem früheren Bürgermeister an der Spitze sich energisch dagegen g e- wehrt und vor allem verhindert hätten, daß an Stelle der Spitzen- und Gardinenindustrie, für die es nicht genug Arbeit gebe, in Falkenftein eine andere Industrie heimisch gemacht werde. So habe man geplant, ein großes chemisches Werk in Falkenstein zu er- richten. Das sei aber von den Fabrikanten mit allen Mitteln hintertrieben worden. Hölz versicherte dem untersuchungs- führenden Staatsanwalt Dr. Jäger wiederholt, daß er prinzipiell ablehne, überhaupt eine Auskunft zu geben. Im übrigen steht Hölz auf dem Standpunkt, daß er seine strafbaren Handlungen nur aus„militärischen" Gründen begangen habe, daß er als Revolu- iionär gewissermaßen ein Recht zu diesen Taten gehabt habe. Einen der Zeugen, der ihn gelegentlich fragte, warum er denn die Häuser der gänzlich unbetelligten Falkensteiner Villenbesitzer niedergebrannt habe, fertigte Hölz kurzerhand mit den Worten ab:„D a s v e r- stehen Sie nicht!" Die Staatsanwaltschaft ist bemüht, zu er- Mitteln, wohin die riesigen Beträge gekommen sind, die Hölz in Plauen und in anderen Orten des Vogtlandes erpreßt hat. Es ist zwar erwiesen, daß Hölz für die Arbeitslosen in Falkenstein und auch zum Unterhalt seiner„Roten Garde" große Beträge ge- braucht hat, ober man hätte Gründe zu der Annahme, daß er noch erhebliche Summen irgendwo versteckt hätte. Hölz lehnt natürlich jede Auskunft darüber ab mit der Begründung, daß das Urteil über ihn ja doch längst gefällt sei und daß man jetzt mit ihm nur noch„Formalitäten" erledige. Der arme INanni Um ihren Lesern über zwei lange Psingst- feiertage hinwegzuhelfen, bringt die„Post" eine ellenlange Schil- derung des Hauses Doorn durch einen Herrn v. Trotha. Die Ge- nauigkeit, mit der dieser Mann jedes einzelne Apartement beschreibt, läßt"den Wunsch auskommen, ihn als I n n e n d e k o r a t e u r zu beschästigen. Gleich zu Anfang stößt man auf die erschütternoe Tatsache, daß die„kaiserliche" Haushaltung nur über zwei Autos verfugt(wo doch jeder Deutsche mindestens drei hat)! Fer- ner erfährt man, daß Wilhelm sich ein sehr umfangreiches Bureau einzig zu dem Zweck halten muß, um den bei Geburts- tagen usw. einsetzenden Brief- und Telegramm stürm zu bewältigen. Die deutschen Monarchisten, die so beweglich über die „Enge" in Haus Doorn jammern(jeder Arbeiter hat es besser als dieser Mann mit seinem nur 9 2 Hektar großen Befitz!), hätten es also selbst in der Hand, für Wilhelm ein paa? Räume zur ander- weiten Benutzung freizubekommkn. „Lieber Freund, Sie sehen das einfachste nicht. Natürlich haben wir inzwischen Aufkäufer ausgeschickt und die Schuldver- schreibungen aufgekauft. 1 Proz. von 59 Milliarden sind 599 Millionen, wir haben in der Reichsbank 1979 Millionen Gold. Wir lassen uns nicht lumpen, wir zahlen in Gold und haben in vierzehn Tagen die ganze Affäre glatt erledigt." Ich schwieg überwältigt. Aber mich meiner Iournalistenpflicht erinnernd, fragte ich: „Wie aber, wenn dann die Entente die 82 Milliarden auflegt, die noch übriggeblieben sind?" „Ganz einfach," antwortete Schieberski mit dem Ausdruck ernster Entschlossenheit,„die Operation wird eben so oft wiederholt, b i s alles ehrlich bezahl: ist." Es war inzwischen 5 Uhr geworden. Schieberski brachte mich in seinem Auto nach Hause, und auch in den Gesprächen, die wir unterwegs führten, stand ich ganz unter dem Eindruck seiner genialen Persönlichkeit. Er ist wie gesagt, eine Autorität ersten Ranges in allen Geld- und Kreditfragen. Da ich aber leider nicht das mindeste davon verstehe, sondern mir mein Geld mit Feuilletons sauer ver- dienen muß, gebe ich seine Aeußerungen, deren wellgeschichtliche Be- deutung ich nur ahnen kann, ohne weitere Bemerkungen wieder. Morgen aber will ich Häven st ein interviewen und ihn fragen, wie e r darüber denkt. S z a n d o r. Die junge Bühne veranstaltete im Lvzeumffub eine Aufführung von„Frühlings Erwachen". Dieses Spiel Wedekinds zeigte ver- hallene Glut und erwachendes Leben, Ahnung nur, von der ein Hauch und eine Stimme bleiben darf. Gedämpfte Leidenschaft, auf- schreiende Anklage der Gesellschaft sind sein Signum. Drei der jun- gen Künstler trafen es: Martin Brandt(Moritz Stiefel), Hugo Schräder(Melchi Csabor), Rosy L i e p m a n n(Wendla Borgmann). Hier erklang die Schicksalsfrage ans halbgeöffneten Lip- pen, und der Sehnsuchtsschrei:„Mutter, warum hast du mir nicht alles gesagt?" erschütterte uns, ohne laut zu gellen. Drei Darfteller, die durch Takt und Begabung der Aufführung den Charakter eines Kammerspiels gaben. Erwähnt seien nach Fräulein K a t s ch als Frau Bergmann, Herr Wagner als fremder Herr. Erwähnt auch Lore S t e! l e r in der Hoffnung, sie nie wieder zu sehen, desg'ei- chen Emile Carre, den jeder Landarzt aus Neutomischel oder Schrimm wegen Beleidigung oerklagen dürfte. Maria M e n o n i lerne ihre Rolle! Schwer war die Aufgabe, mit mangelnden sze- nischen Mitteln Illusion zu schassen; doch sie gelang fast restlos. Nur meide man künftig die endlosen Pausen, die die Stimmung zerreißen._ wp. KomStiienljiniS. Wegen technischer Schwierigkeiten wurde die Erstausführung von„Ter blonde Engel' aus MitUvoch verschoben. Tie gelösten slarten behalten ihre Gülugkert. (?ine Ausstellung moderner deutscher Bühnenkuutt wird im Monat Juni im Landesgewerbemuseum von Stuttgart stattsinden, die Pros. Dr. G. E. Pazauret gemeinsam mit dem Ausstattunzsdireltor H ans i» g vom Landestheater veranstaltet. fw öie Kulturnatkonen öer Welt! Kaktowitz, 15. Mai.(MTB.) Die deutschen Parteien und Gewerkschaften richten an die Kulturnationen der Welt folgenden Funkspruch: Am 20. Marz 1921 hat die überwältigende Mehrheit des oberschlesischen Volkes sich für den Verbleib bei Deutschland entschieden. Diese Mehrheit sah in vollem Vertrauen der Entscheidung des Ober st en Rates entgegen. Am Z. Mai 1921 hat ein Teil der polnischen Minderheit, unterstützt durch landfeinde Schoren. zu den Massen gegriffen, um durch Gewalt der Entscheidung über das Schicksal Oberschlesiens vorzugreifen. Seit diesem Tage ist die friedliche Bevölkerung Oberschlesiens allen Schrecken und Grau- samt eilen des bis aufs kleinste vorbereiteten bewaff- nelen Aufruhrs ausgesetzt, der durch Mord, Raub. Plünde- rung und Verschleppungen gekennzeichnet ist. Die Interalliierte Kommission hol stets Mittel gefunden. die freie Millensäuherung der deutfchgesinnteu Bevölkerung Oberschlesiens zu zügeln. Den bewaffneten Rebellen gegenüber findet sie nur papierne Bekanntmachuugen. während 2 t a l i e u e r und Engländer in treuer Pslichtersullung ihr Leben eingesetzt haben, steht die starke französische Truppe taten- l o s dem Aufstand gegenüber, französische Soldaten haben den Znsurgenten Gewehre überlassen, französische Soldaten verbrüdern sich offen mit den Rebellen. Unter den Augen des französischen Militärs werden Deutsche verschleppt, getötet, mißhandelt, beraubt und ausgeplündert. Die deutsche Presse wird mit schärfster Zensur an wahrheitstreuer Berichterstattung verhindert. Die polnische Presse hetzt unter derselben Zensur tagtäglich gegen olles Deutsche, bringt täglich neue blutrünstige Aufrufe und darf ungehindert die der Autorität der Interalliierten Kommission hohnsprechenden Verordnungen der Aufständigen verösfentlichen. Obwohl in der Stadt Kattowitz das Slandrecht verhängt ist, plündern bewaffnete Znsurgenten unter Gebrauch von Schuhwaffen und Handgranaten. Trotzdem oersuchen französische maßgebende Stellen in kattowitz dieses verbrecherische Treiben der polnischen Rebellen den Deutschen zuzuschieben. Der französische Mini st erpräsident fälscht die Mahr- heil, indem er die von der„Oberschlesischen Grenzzeitung", dem offiziellen Organ Ass Rebcllensührers korfanty. veröffentlichten aufreizenden Rdgrichten als aus deutscher Quelle stammend be- zeichnet. französischer und polnischer Chauvinismus und Imperialismus haben sich in Oberschlesien vereinigt, um das Recht zu beugen. Rie ist eine hohe Mission schnöder mißbraucht worden, nie ist stärker der versuch in Erscheinung getreten, der Gewalt zum Sieg über das Recht zu verhelfen. wiederholt haben wir die Hilfe der Interalliierten Kommission angerufen. Am Z. Mai hat sie öffenllich feierlich versichert, sie werde vor keinem Mittel zurückschrecken, die gesetzmäßigen Zustände wiederherzustellen. Von dieser Zusage ist nichts eingelöst worden. Der. Aufstand hat weiter bis dahin unberührt gebliebene Gebiete erfaßt. Ohne jeden Schutz sind wir von der durch den friedensver- krag damit beauftragten Interalliierten Kommission der Gewalt der Rebellen ausgeliefert. In dieler höchsten Stunde der Rot und Verzweiflung wenden wir uns mit dem ganzen sittlichen Ernst eines vergewaltigten Volkes an die Kulturnatio nen des Erdballes mit dem Rufe: Tretet ein für unseren sofortigen Schutz, helft uns zu unserem Rechte! Der Aufruf ist von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wie von den bürgerlichen Parteien unterzeichnet, ferner trägt er die Unterschrift des A l l- gemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, des Deutschen Gewerkfchafssbundes(Christliche), sowie des Ge- werkschaflsringes(Hirfch-Duuckerfche Gewerkschaften). * Einlenken Korfantps? Paris, 1K. Mai.(MTB.) Zu einer Unterredung mit dem Berichterstatter des„Daily Rems" erklärte Korfanty. er werde sich keinem Beschlnste zu widersehen versuchen, den die Alliierten mit bezug ans die Zukunft Oberschlesieus träfen. Korfanty sagte, er Hobe immer noch Vertrauen zu dem Gerechtigkeitsgefühl der Alliierten. Wenn jedoch fein Vertrauen nicht angebracht und die wünsche der Oberschlesier außer Acht gelösten und das gesamte Gebiet mit Ausnahme der Bezirke von Pleß und Rybnit an Deutschland gegeben würde, so werde er von seinem Posten zurücktreten, seine Koffer packen und nach Hanse gehen. Dem Berichterstatter des englischen Blattes zufolge sah Korfanty niedergeschlagen aus. wie der Korrespondent weiterhin meldet, fahren die Trvppen Sorsantys mit der Terrorlsierung eines großen Teiles Ober- schlesiens fort. Briands Versprechungen an Sapieha. Paris, 16. Mai.(EE.) Der polnische Außenminister Fürst S a p i e h a hat gestern Paris verlassen, nachdem er mit Briand eine länger« Unterredung hatte, in der ihm der Minister das Versprechen gab, keinesfalls einen Ein- marsch Deutschlands in Oberschlesien zu dulden. Briand gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß die polnische Regierung auch weiterhin(!!) ihre Neutralität beobachten werde. Am kom» wenden Donnerstag wird Sapieha in dem W or f ch a u e r Porla- ment die Rede Lloyd Georges beantworten. Platonisches Bedauern. Rom. 14. Mai.(WTB.) Der Präsident der polnischen Republik hat dem König den Ausdruck seines Bedauerns für die in Oberschlesien gefallenen und verwundeten italienischen Soldaten übermittelt. Generalstreikvorbereitungen in Gelgien. Brüssel, 14. Blai.(havas.) Die Elsenbahner find der Ansicht, daß die Regierung nicht genügend Eutgegenkommen gegenüber ihren forderungen gezeigt habe. Sie bereiten Maßnahmen für einen Generalstreik vor. der sehr nahe bevorzustehen scheint. Mo!, glaubt, daß die Befehle heute noch an das Personal in der Provinz gegeben werden. Gesindel— wer? In der„Deutschen Zeitung" finden-wir ein kleines satirisches Feuilleton. Eine Dame gerät darin in helle Wut, weil sie von den Behörden als„T sch e ch o slo w a ki n" bezeichnet wird auf Grund der Tatsache, daß sie aus Karlsbad in Böhmen stammt. Der Verfasser teilt ihre Entrüstung. Soweit schön. Als ober vor kurzem d a s W. T. B. die Nachricht brachte, daß der Vor- sitzentze der VKPD. B r a n d l e r aus Warnsdorf(in Deutsch- Böhmen) stammle, und ihn deswegen„T s ch e ch o fl o w a k e n" nannte und von„ausländischem Gesindel schrieb, hat die ganze olldeutsche Presse inklusive der.Deutschen Zeitung" das jubelnd nachgedruckt. Wer ist Gesindel? GroßGerlln Zwei Feiertage. In der Zeit der französischen Sanktionen und der polnischen Be. sessenheit war es erfreulich, festzustellen, daß der Mann, der das Wetter macht, noch immer loyal seine Pflicht erfüllt und uns zwei herrliche PpngsUage schenkte, die sozusagen konkurrenzlos selbst in den Augen der erinncrungssrohen ältesten Leute dastanden. Besagtes herrliches Wetter. hotte Berlins Bewohner zu Masscnausflügen in die Umgebung gelockt. Der Andrang zu den Verkehrsmitteln nach den Vororten und iltochborstädten war«in so ungeheurer, wie schon lange nicht zu Pfingsten. Auf den Bahnhöfen war der Andrang so stark, daß selbst die vielen«ingelegten Sonderzüge die Scharen der Ausflügler nicht nach ihren Zielen zu befördern vermochten. Auf dem Stettiner und den Potsdamer Bahnhof mußt« die Zugfolge der Vorortzüge, die so wie so schon Feiertagsvertehr eingerichtet hatten, noch mehr verstärkt werden. Namentlich war dies am zweiten Feier- tag der Fall. Schätzungsweise wird angegeben, daß auf dem Stettiner und Nordbahnhof« etwa 300 000 Personen in den beiden Feiertagen befördert wurden. Sonst oerliefen die beiden sonnenhellen Feiertage ohne jedes nennenswerte Lokalereignis. Trotz des starken Verkehrs sind nur leichtere Unfälle zu verzeichnen gewesen. Die Einbrecher hatten ebenfalls Feiertag gemacht und die vielen unbewachten Wohnungen der Ausflügler in Anbetracht des„lieblichen Festes" respektiert. « Im Freibad ertrank der 20jöhrige Fleischer Walter B la t t i aus Wilmersdorf. Der Tote konnte nach 6 Stunden ge» borgen werden und wurde noch der Leichenhalle in Schildhorn gebracht. Um das pfingstkleiS. Raubüberfall zweier junger Mädchen. Die Sehnsucht nach neuen Pfingstkleidern verführte zwei junge Mädchen zu einem Raubübersall unter Anwendung eines Betäu- bungsmittels. Ihr Opfer war die 68 Jahre alle Kohlenhändlerin G ü l b n e r aus her Czarnikouer Straße 21. Die alte Frau betreibt ihr Geschäft allein. Nachbarn fanden sie bewußtlos im Bette liegen. Das Durcheinander in der Behausung ließ gleich erken- nen, daß Frau Güldner überfallen und beraubt worden war. Die Ermittelungen der Polizei lenkten den Verdacht auf ein junges Mädchen, das abends vorher bei der alten Frau gewesen war. Diese Besucherin wurde festgestellt als eine Arbeiterin El- friede Schulze aus der Dristener Straße, die mit Frau Güld- ner bekannt war. Sie leugnete auch nicht, schob aber die chanpl- schuld auf einen Mann, den sie Hermann Lobahn nannte. Dieser sei, als sie der Kohlenhändlerin auf deren Wunsch Bier geholt habe, an sie herangetreten, und sie habe dulden müssen, daß er ein Pul- ver in das Bier geschüttet habe. Nach dem Genüsse sei Frau Güldner ohnmächtig geworden, und Labahn habe die Wohnung durchsucht und alles bare Geld und die Schmucksachen mitgenom- men. Kriminalbeamte der Dienststelle B I, 4, denen die Verhaftete vorgeführt wurde, forschten weiter nach mit dem überraschenden Ergebnis, daß Hermann-Labahn ebenfalls ein Mädchen war, eine Frieda R e g e n w a l d aus der Dristener Straße. Beide Mädchen bemächtigten sich des Geldes und der Schmucksachen und gingen davon. Frieda Regcnwald hatte für ihre kranke Mutter, die an Schlaflosigkeit leidet, ein ihr vom Arzt verschriebenes Narkoti- kum geholt und die ganze Menge in dos Bier geschüttet. Mit der Beute besuchten die Räuberinnen gleich ein Geschäft, in dem sie sich neu einkleideten. Dann begaben sie sich auf einen Ball, auf dem sie die Nacht durchtanzten und durchzechten. Nach Auf- klärung des zunächst nicht ungeschickt verschleierten Ueberfallcs wurde auch die Regenwald verhaftet. Erleichterte Bauordnungsvorschriften. Zur Förderung des Wohnungsbaues und zur Bekämpfung der Wohnungsnot hat der Minister für Dolkswohlfohrt nach erneuter technischer Prüfung unter Heranziehung von Vertretern bausach- verstandiger Berufsocrbände die Einführung weiterer E r l e i ch- terungen in den Bauordnungsvorschriften angeord- net. Vor allem soll danach die Forderung nach Ausführung einer zweiten Treppe und nach Hochführung der Brandmauern über das Doch nachgelassen werden. Es sollen weiter gemeinschaftliche Brandmauern auch für mehrgeschossige Häuser zuge- lassen, die Mindesthöhe der Geschosse herabgesetzt und von der För- derung Abstand genommen werden, Scheidewände zwischen den ein- zelnen Wohnungen einen Stein stark herzustellen. Ein Neuabdruck des abgeänderten Bauordnungsentwurfs wird demnächst in Carl Heymanns Verlag, Berlin W. 8, Mauerstr. 43/44, erscheinen. Im Ledigenheim am Vrunnenplah. das seit Oktober vorigen Jahres von der Stadt Berlin verwaltet wird, ist man u n- zufrieden mit dem Inspektor und einem Teil des P e r s o n a ls. Eine Versammlung der Heiminsassen hat in einer Resolution die sofortige Versetzung dieser Angestelltey gefordert. Mehrere uns zugegangene Berichte über die Versammlung sprechen von Unregelmäßigkeiten, die dort vorgekommen seien. Unter anderem werden Diebstähle von Wäsche und sonstigem Inventar sowie Unter- schlagungen von Geld behauptet, ohne daß bestimmte Personen als die vermutlichen Schuldigen genannt werden. Die Resolution for- dcrt die sofortige Einleitung einer Untersuchung, an der auch die Mieter durch ihre Vertreter teilnehmen wollen. Protestiert wird zugleich gegen die wiederholten Miete st eiger.ungen. Die Mieten sind in den letzten Iahren von 18, 21, 24. 27 Mk. usw. auf jetzt 50 bis 60 Mk. pro Monat erhöht worden, wofür ein kleines, bescheiden möbliertes Zimmer sowie Heizung, Beleuchtung und Koch- gclegenheit gewährt wird. Zur Beurteilung der Preise wäre er- wünscht, zu erfahren, mit welchen Beträgen die Zimmermiete allein und neben ihr die Kosten der Heizung, der Beleuchtung usw. betei- ligt sind. Die Berichte sagen hierüber nichts. Geklagt wird auch, daß Zimmer an solche Mieter abgegeben worden seien, die nicht bei der Wohnungsinspektion als Wohnungssuchende angemeldet waren. Das Bezirksamt 1 nahm als erstes Amt im alten Berlin am Freitag durch den Zusamm-ntntt seiner Deputation für Bau- und Wohnungswesen die praktische Arbeit auf. Den Vorsitz führte der Stadtrat Bösel, der gleichzeitig im Ausschuß für das Wohnungswesen präsidiert. Stadrrat Kühne leitet den Ausschuß für Hochbausachen, Stadtrat Dr. Voigt jenen für Tiefbauangelegen. heilen. Im Ausschuß für Straßenreinigung, Fuhrwesen usw. teilen sich die Stadträte Jüllich und Melzer die Geschäfte der Leitung. Die erste Sorge der Deputation soll die Beschaffung von Wohn- räumen durch Bebauung des alten Schcunenviertels sein. Ob dies durch Bau von Wohnhäusern geschehen soll oder dadurch, daß dort Geschäftshochhäuser aufgeführt werden, durch die zu Wohnzwecken geeignete bestehende Bauten frei werden, unterliegt noch der Prü- fung des Ausschustez für das Hochbauwesen, der seine Vorarbeiten energisch in Angriff nehmen wird Erwogen wurden ferner Maß- nahmen zur Beschlagnahme von Testen übergroßer Wohnungen, die der Bevölkerung nutzbar gemacht werden. Die Fahrpreise im Berliner Vorortverkehr. Die Sozialdemo. kratische Fraktion des preußischen Landtages hat solgenden Antrag eingebracht: Der Landtag wolle beschiießen, das Staatsmini'ierium zu ersuchen, auf die Reichsregierung einzuwirken, daß das Reichs- oerkehrsministerium umgehend ein« Nachprüfung der beabsichtigten Fahrpreiserhöhungen für den Personenverkehr auf den Berliner Lorortstreckcn vornimmt. Reichs-Klewgärtnertag. Dom Zentralverband der Kleingartenvereine Deuffchlands ein- berufen, tagte an beiden Pfingsttagen im Sitzungssaal der Stadt- verordneten Neuköllns der erste Deutsche Kleingärtnertag, zu dem aus allen Teilen des Reiches Delegierte erschienen waren. Auch Vertreter des Zentralverbandes Deutscher Arbeiter- und Schreber- gärten(Vorsitzender Geheimral Bielefeld) waren anwesend. Ins- gesamt waren etwa 250 000 Kleingärtner durch 76 Delegierte ver- treten. Vom Reichsarbeitsministerium war Ministerialrat Krüger, für das preußische Wohlfahrtsministerium Gehcimrat Pauli und seitens des Landwirffchaftsministeriums Gartenbauinspektor Heyden erschienen. Auch die Kommunalbchörden waren ver- treten. S t e i n w e g- Berlin eröffnete die Sitzung mit einer De- grüßungsansprache und wies dann auf die Gründe hin, die zur Kleingartenbewegung geführt haben. Die Politik habe in der Lauben- kolonie zu schweigen, denn es sei ganz gleich, ob ein Monarchist oder ein Kommunist seine Freude an der Gartenarbest in freier Luft finde. — Es folgten nun Ansprachen von den Vertretern der Behörden und Korporationen. G-oße Aufmerksamkeit fanden die Ausführungen des bekonnten Bodenrefarmers Damaschke, der forderte, daß Artikel 155 der Reichsvcrsossung über das Bodenrecht in die Praxis umgesetzt werden möge. Man müsse die Enteignung zu dem Wert vornehmen, der von den Grundbesitzern selbst angegeben worden sei, als sie sich zur Wertsteuer eingeschätzt haben. Jede deuffche Familie habe ein Anrecht auf Grund und Boden. Ueber die Grundsatzforderungen für die Kleingarten- bewegung referierte A l b r c ch t- Berlin. Er trat im wcsenllichen für folgende Grundsätze ein: Das Kleingartenwesen sei in das Wohnungs- und Siedlungswesen einzugliedern. Auf Grund des ihnen gesetzlich zustehenden Pachtungsrechtes vom 31. Juli 1919 soll- ten die Gemeinden die Gelände zu Friedenspreisen in Zwangs- pacht nehmen, um die Anforderungen nach Pachtungen befriedigen zu können. Der Anspruch auf Kleingartenland müsse allen anderen Ansprüchen auf den Boden vorausgehen. Das LaubeugartcngelSnde muß seinem Zweck erhalten bleiben, es ist in den Be- bauungsplan der Gemeinden einzufügen. Für großstädtische Der- hältniste ist die Errichtung von Sommerlauben mit der Befugnis zur Nächtigung ein dringendes Bedürfnis. Bei Vergebung von Parzellen haben solche Bewerber den Vorzug, die sich binnen einer Frist zum Wohnungsbau verpflichten. Laubengelände ist in Zeit« pacht zu überlassen, Kleinhausgelände in Erbpacht oder als Renten- gut unter Recht des Rückkaufs durch den Staat oder die Gemeinde. Laubengartcn und Kleinhaussiedwngsgclände muß in das unver- äußerliche Eigentumsrecht der Gemeinde oder des Staates überge- führt werden. Parteipolitische und konfestionelle Bestrebungen sind der Kleingartenbcwegung fernzuhalten. Nach der Mittagspause regt Förster- Frankfurt a. M. den usammenschluß mit dem Z e n t r al v er b a n d deut- cher Arbeiter- und Schrebergärten an. Die Anregung fand Beifall und wurde von anderen Rednern unterstützt. Es wurde eine Kommission gewählt mit dem Auftrag, Vorschläge zur schriftlichen Festlegung der erforderlichen statutarischen Bestimmun- gen zu treffen, über die am zweiten Verhandlungstage Bericht er- stattet werden soll. Am zweiten Verhandlungstage sprach zunächst Stadtrat B r u m b y über die Spruchpraxis der Kleingarten-Schieds- gerichte. Er brachte verschiedene Fälle zur Sprache, aus denen her- vorgehe, daß Geist und Sinn dieses sozialen Gesetzes oft nicht richtig erfaßt worden seien. Die Aussprache führte zur einstimmigen An- nähme folgender Entschließung, die sich mit einer vom Stadtrat B r u m b y abgefaßten deckt: „Eine Verschmelzung des Kleingartenrechts mit dem landwirt- schaftlichen Pachffchutzrecht, wie überhaupt jede Uebcrtragung de? Gerichtsbarkeit der Kleingartenpocht-Einigungsämter an die ordent- lichen Gerichte, wird entschieden abgelehnt, weil daraus keine bestere Ausgestaltung, sondern eine Gefährdung der bisherigen Errungen- schaften zu befürchten ist." Ferner erstattete A l b r e ch t- Berlin namens der Kommission Bericht über die Satzungen für den Zusammenschluß mit dem Zentral- verband Deutscher Arbeiter- und Schrebergärten. Die endgültige Festlegung der Satzungen soll in einer Hauptversammlung am 14. August in Bremen erfolgen. Der Zusammenschluß wurde ein- müttg von den Delegierten freudig begrüßt. Der Verband soll den Namen Reichsverband führen. Bon einer Beratung des auf der Tagesordnung stehenden Eni- wurfs für ein R e i ch s n o t g e s etz zum Schutze der Haus- und Kleingärten wurde abgesehen, aber beschlossen, den vorliegenden Ent- wurf dem Reichstag und Reichswirtschaftsrat einzureichen. Ein An- trag, welcher für die zuständigen Stellen Beiräte für die Klein- görtner und ein Reichs-Kleingärtneramt fordert, wird angenommen. Schließlich fand ein Antrag einstimmige Zustimmung, die Beoölke- rung auszurufen, im Interesse der Voltswohlfahrt die Forderung zu erheben: „Seine Wohnung ohne Garten." Der Mrineckefäic Milnnrrchor hielt am 1. Pfinfffttag ein Fnihkonzert ab, das die gcsangliäxn Darbietungen des ChorS in voller Höhe zeigte. Dieser Chor ist einer der wenigen, der unter strenger Ausschaltung jedweder politischen Tendenz auch unsrren Veranstaltungen zur Verfügung steht. Die Leistungen unserer ZangeSsteunde können sich getrost an die Seite der besten Chöre stellen. Besonders das Lied KlingcrS:.Du. du liegst mir im Her. zen" und Styr'.Madchenlachen" sowie Zelters.Meister und Geselle" brachten der Sangerschar den ehrlich verdienten Beifall und zeugten van der steigenden Beliebtheit, deren sich der Cfior unter Lnnng seines um- stchiigcn Dirigenten Joseph unier der Arbeiterschasi des WcddingS und Gesundbrunnens erfreut. Sport. Die Berliner Psingstrennen konnten im Zeichen des außeror- deutlich schönen Wetters an beiden Feiertagen einen Mesienbefuch aufweisen. Besonders bei den Trabern auf der Ruhlebcner Bahn am Sonntag gab es interessante Entscheidungen. Ruhlcbcn. SonntagS-Preiz. 1. Film(Knöpnadel), 2. Mist Gregor c«t. Trcuhcrz), 3. Fiansi Cholfea(I. Mills). Tot.: 22: 10, Pl 12. 12. Ifi: IN.— P k i n g st- B r c i S. 1. Bett(3B. Freuvdt), 2. Prachtmädel lGrostmann). 3. Erbprinz(2. Weiß). Tot.: 19: 10. Pl.: 11. 11, 12:ll>. — Preis der schönen Linde. 1. 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