ttr.f76 ♦ ZS.�ahegakg Musgabe B ttc.136 Bezugspreis» BkrirkZSHrl. SO,— M., monotl TO,— M. frei ins Haus, voraus zahlbar. Dost- bezug: Monatlich 10,— M. einschl. Zu- ftellungsgebuhr. Unter Ztreuzband liir Deutschland, Danzig, das Saar- und Memelaebiet, sowie die ehemals beut- lchen Gebiete Polens, Oesterreich, Ungarn und Luzemdu« 20,— M, fift das übrige Ausland 27,— M. Postbestellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Tschecho-Slowalet, Däne- Marl, Holland, Luxemburg, Schwede» und die Schweiz, Der»Vorwärts" mit der Sonntags- beilage.Voll und Zeit", der Unter- halwngsdkilage �etmwelt" und der Beilage.Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal, Sons» tags und Montags einmal. Telegramm- Adresse! «Sozialoemottal BetOo" Abend Ausgabe Devlinev Volksblstt ( Lv Pfennig) AnzrtgenpretS» Die achlgespalren, Aonpareillezen, kostet biß M.kleine Anzeigen" das leugedruckte Wort tchii M. lzu. lässig zwei sellgedrurtte Worte) lede« weitere Wort t- M Stellengesuch, und Schlafstellenanzetgen da« erst, Wort U- M. iede« weitere Wort SO Dsg, Worte Oder ld«uchstaber zählen litt zwei Worte ffainilien-An zeigen für Abonnenten Zeile 8,- M Die Preise verstehen sich einschließliä Teuerungszuschlag Anzeigen Mr die nächste«ununei müssen bis b Uhr nachmittag« im Hauptgeschäft. Berlin SW«8. Linden ltratz» S, abgegeben werden Geoffne- von 9 Uhr frsld bis S Uhr abends ZentraXovgan der fozialdcniokratl feben Partei Deutfdjlands Reüektisn und Expedition: SW bS, Lindsnstr. Z Redaktio» Moritzplast 151»5— 97 �erilfpretll' r. Expedition Moritzplatz 11753—51 Dienstag, den 14» Juni 1931 vorwärts-verlag G.m.b.H., SW 6$, Lindenstr. 3 - Verlag, Expedition und Inseraten- Abteilung Moritzpla« 11753-�51 Der öeutfth-rujfifthe Vertrag. Erklärungen Vlgüor Kopps. Riga. 14. 3nnl(DA) Bei feiner Durchreise nach Berlin fagie lvigdor Kopp dem Korrespondeuicu der»Dena": Die deuksche Regierung Hai dadurch, dah sie den verkrag tnii der Sorojeitegie- rung abschloß, diese als die einzige legale Vertretung des rnffifcheu Volkes anerkannt. Diese Anerkennung ist zwar keine neue Tatsache, sondern bedeutet vielmehr die Anknüpfung an eine früher bereits belriebene Politik. Der Vertrag räumt Ruhland alle Rechte ein, die nötig waren, um feine Beziehungen zu Industrie und Handel Deutschlands auf feste rechtliche Grundlagen zu stellen. Andererseits stellt der Vertrag für alle deutschen Bürger, die mit Ruhland Handel treiben, hinreichende Garantien sicher. Freilich muh man beachten, dah der vorliegende vertrag nur den Rahmen abgibt für Verträge mehr untergeordneter Ratur, die Fragen des Erbschasts- und des Handelsrechts regein. Krassins Ausspruch: »Ein handelsverlrag ist noch kein Handel", galt umgekehrt von Deutschland, da schon vor dem Abjchlnh des Handelsvertrages die wirlfchastliche Anziehungskraft beider Länder ihre eigenen Kanäle suchte und Ruhland der deutscheu Industrie für viele Millionen Mark Aufträge erteilte. Englanös Gberfchlesien-Volitik. London, 13. Juni.(MTB.) Kennworkhy fragte im Unter- Hause, ob die von Lloyd George öffentlich verkündete Politik bezüglich Oberschlesicus unverändert fortbestehe. Chambcrlcla er- widerte: Ja. Aus die Frage Keunworlhys, ob die Regierung mit- teilen könne, welches die augenblickliche Lage in Oberschlesien sei, und ob der Vorschlag gemacht worden sei, dah eine gewisse Zone in Oberschleflen durch eine Reihe von Jahren von alliierten Truppen besetzt werden sollke, erwiderte Chamberlain. die Lage in Ober- schlesieu habe sich im allgemeinen nicht geändert. Mau hasse seht. wo Verstärkungen eingetroffen seien, dah die der Kommission zur Verfügung stehenden Streitkräfte genügen, um diese in die Lage zu versetzen, zu einem baldigen Zeilpunkte die Ordnung wiederherzu- stellen. Chamberlain erklärte, die Auiwsrl aus die zweite Frage tanke verneinend. Der Arbeilerparleiler Wedgwood fragte: Ist es nicht eine Talsache, daß die gesamte militärische Leitung der Truppen in Ober- schlesieu sich in den Händen der Franzosen befindet, und wie können wir irgendeine Besserung erwarten, solange die französischen Sympathien mit den polnischen Insurgenten...(hier griff der Sprecher ein und verbot das Weiterreden.) Der Sonderberichterstatter des»Manchester Guardian" in Oppeln macht die Franzosen für all das Unheil verantwortlich und beruft sich auf ilalienisches Zeugnis dafür. London, 14. Juni.(WTB.)»Daily Telegraph" zufolge sieht man in englischen Kreisen die Lage in Oberschlesien keineswegs zuversichtlich an. Von mancher Seite wird sogar vermutet, dah die augenblickliche Stille in Oberschlesien die Ruhe vor dem Sturm sei. Genosse Sias verschleppt. Der Reichstagsabgeordnete Genosse Blas ist von den polni- schen Insurgenten gesangen genommen und an einen unbekannten Ort oerschleppt worden. Die Regierung hat durch ihren Gesandten in Oppeln, den bekannten Zentrumsabgeordneten Graf Praschma, sofort Schritte unternommen, um Blas' Freilassung zu erreichen. Der Minister des Auswärtigen Dr. Rosen hat an den Reichstags» Präsidenten L ö b e einen Brief gerichtet, in dem er ihm von den ein- geleiteten Schritten Kenntnis gibt. Die Räumung. London, 14. Juni.(MTB.)»Daily Chronicle" meldet aus Groh-Strehlitz: Die Berlegung des britischen Hauptquartiers von Oppeln nach Groh-Strehlitz und die Zusammenziehung der Truppen bildeten den ersten Teil des neuen- Programms. Den Re» bellen ist mitgeteilt worden, daß sie sich bis heute, Dienstag, auf eine bestimmte Linie zurückziehen müssen, bjs zu der die alliierten Truppen dann später vorrücken. Durch solche Bewegungen hofft man die Provinz von den Insurgenten zu säubern. Der Bericht» erstatter des„Daily Chronicle" erklärt jedoch, wenn die Polen das Lndustriegebiet, über das sie augenblicklich herrschen, kampflos oder ohne Rache sowie Zerstörung aufgeben sollten, müßten sie eine Zurückhaltung und eine Disziplin an den Tag legen, die sie bisher wenig bewiesen haben.o Die GarantiekommWon. Pari», 13. Juni.(MTB.) Die nach dem Londoner Abkommen gebildete Garantielommissiön begibt sich morgen nachmittag nach Berlin. Das vorläufige Statut der Garantiekommission bestimmt u. a., daß sie aus einem Ber> treter von jeder der in der Reparationskommission vertretenen Mächte bestehen wird, einschließlich der Bereinigten Staaten von Amerika, falls diese einen Vertreter bezeichnen. In keinem Falle werden die Vertreter von mehr als fünf der oben bezeichneten Mächte an den Beratungen der Kommission teil- nehmen und ihre Stimme abgeben. Die Vertreter der Bereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs und Italiens werden hier- zu immer das Recht haben. Vorläufige Mitglieder sind: Sir hugh Levick, Großbri» tannien; Manclere, Frankreich: d'21m eil o, Italien: B e- melmans, Belgien: Sekiba, Japan: Di»ritsch, Süd- slawien und ihre Vertreter: L e i t h R o u s, Großbritannien: M i n o st, Frankreich: Graziadei, Italien: F r e d r i ch s, Belgien. Die Garantiekommission hat folgende Aufgabe: 1. Die Anwendung der Artikel 241 und 248 von Versailles sicherzustellen: 2. darüber zu wachen, daß die Fonds zur Sicherstellung der von Deutschland zu leistenden Zahlungen für den Dienst der Schuld- verschreibssmgen verwendet werden, nämlich a) der Erlrag aller See- und Laudzölle, insbesondere der Abgaben auf Einfuhr und Ausfuhr: b) der Ertrag der 20 prozenttgen Ausfuhr-Abgabe mit Aus- nähme derjenigen Ausfuhr, welche mit einer Abgabe von min- bestens 25 Proz. belastet ist: c) der Ertrag der direkten oder indirekten Abgaben oder Steuern oder aller anderen Einnahmequellen, die von der beut- schen Regierung vorgeschlagen und von der Garanttekommission an- genommen werden, um die unter a) und b) einzeln erwähnten Beträge zu ergänzen oder zu ersetzen: 3. darüber zu wachen, daß die deutsche Regierung die für den Dienst der Schuldverschreibungen bestimmten Fonds aus Konten überweist, die auf den Namen der Garantiekommission lauten und von ihr überwacht werden: 4. darüber zu wachen, daß keine Mahnahme getroffen wird, die geeignet wäre, den Ertrag der für den erwähnten Zweck bestimm- ten Einnahmequellen herabzumindern: falls irgend ein Vorschlag die cherabminderung des Ertrages zur Folge haben könne, müßte die deutsche Regierung diesen Borschlag der Garanttekommission de» kanntgeben, und diese würde verlangen können, daß sie andere der Kommission genehme Einnahmequellen vorschlägt: 5. den Betrag der für den Dienst der Schuldverschreibungen bestimmten Einnahmen zu bestätigen und nöttgenfalls richtig- zustellen: 6. die Prüfung des deuischen Sleuersystems vorzunehmen: 7. den Betrag zu bestätigen und nötigenfalls richtigzustellen, der von der deutschen Regierung als Wert der deutschen Ausfuhr erklärt wird, welche der Berechnung der 26 Proz. zügrunde zu legen ist: 8. alle anderen für notwendig erachteten Maßnahmen zu treffen, um die regelmäßige Erfüllung ihrer Aufgabe sicherzustellen, ohne sich jedoch in die deutsche Verwaltung einzumischen. Variieren wir Napoleons Worte vor den Pyramiden: Von hier und heute geht die Epoche der deutschen Schuldtnechtschaft an und ihr könnt— dankerfüllt für Wilhelm, Ludendorff und Tirpitz— sagen, ihr seid dabeigewesen! Loucheur unS Rathenau. Durch WTB. wird mitgeteilt: Die Verhandlungen zwischen Rathenau und Loucheur wurden gestern vormittag und nachmittag in Wiesbaden fortgesetzt, ohne Hinzuziehung von Sachverständigen. Der Zweck der, Besprechung war, ein Arbeitsprogramm aufzustellen, das die verschiedenen Fragen der Sachlieferungen, Ar» beitsleistungen und Finanzierungen grundsätzlicher Vereinbarung entgegenführen soll. Die Einzelverhandlungen wer- den deutscherseits von der Kriegslastenkommission in Paris(Berg- mann?) geführt werden Beiderseits ergaben die Verhandlungen die entschiedene Absicht, ein beschleunigtes Tempo der Arbeiten her- beizuführen und Deutschland an den Wiederaufbauarbeiten in er- heblichem Ausmaße zu beteiligen. Beide Minister haben gestern abend Wiesbaden verlasien. « Beide Minister haben es abgelehnt, Ausfragern Rede zu stehen. Verschiedene Meldungen aus Paris wollen von voller Einmütig- kett und großer Zufriedenheit Loucheurs wissen. Wie die Dinge liegen, kommt es ja zunächst auch nur hierauf an und dann darauf, daß uns diese Zufriedenheit weiterhin erhalten bleibt. Englischer Mm? nach Leipzig. London, 13. Juni.(WTB.) Im Unterhaus fragte ein Ab- aeordueier an. wieviel Deutsche angeklagt seien. Lazareitschifse ver- senkt zu haben. Ferner, ob man m Anbetracht der Freisprechung des U-Bbok-Sapiläns Reumann, der die Dover Eoskle versenkt habe, weil diese Tal auf höheren Befehl ausgeführt worden fei, die Liste der»Kriegsverbrecher" abändern werde, um diejenigen Per- fönen anzuklagen, die derartige Befehle erlassen hätten. Ver Generalstaatsanwaii ankworlrte, dah einige Anklagen wegen Ver- fenkung von Lazareilschiffeu vorlägen. Die Entscheidungen des Leipziger Gerichtshofes zögen nicht den Verlust der Rechte der Alliierten nach sich, die ihnen der Friedensvertrag gäbe. Sobald die Prozesse vor dem Leipziger Gericht beendet seien, würden die Alli- ierten beschließen müssen, was zu tun sei. Nach Neumann Ramdohr und nach der belgischen die brittsche Eventualdrohung. Die Presse der Ententeländer hat kräftig vor- gearbeitet._ Ausgelieferter Zeppelin. Das deutfcke Luftschiff Nordstern ist Montag mit slanzösiicher Besatzung am Quai St. Ehr bei Paris eingetroffen. Die auferstehende Lex Keinze. Bon Wolfgang Heine. Verbissene Vureaukraten alten Stils und natlonalistische Schwärmer für eine politische Reaktion entfalten eine fieber- haste Tätigkeit, um dem deutschen Volke einen neuen geistigen Zaum und Maulkorb umzulegen: weil sie dies aber unter der � Maske einer Bekämpfung der Unsittlichkeit und des Schutzes der Jugend tun, sind manche Kreise— ' darunter euch Sozialdemokraten— leider geneigt, das Ziel dieser Anschläge zu verkennen, ja sie in bester Absicht zu ttnterstützen. Zweck und Mittel sind immer dieselben geblie- den seit Wilhelms II. Reden gegen die Rinnsteinkunst und der Lex Heinze von ILVO. Nach der Revolution brachte eine Verordnung der Volks- beauftragten dem deutschen Volke die Aufhebung jeder Ze n s u r: das bedeutete praktijck) vornehmlich die Beseitigung der Theater- und Filmzensur. So wurde einer Reihe wert- voller dramatischer Werke der Weg auf die Bühnen eröffnet: namentlich dem toten Wedekind wurde nun zuteil, was dem Lebenden hartnäckig verschlossen geblieben war. Selbstverständlich, daß den geistig Engen und Aengst- lichen, die vor dem Fleisch und dem Geist gleichermaßen Abscheu empfinden, diese Neuerung unbehaglich war. Als- bald begann das Gezeter über die Zerrüttung der Sitten und die Verderbnis der Jugend. In der Reichsverfassung Art. 118 wird die Aufhebung der Zensur bestätigt, doch wird schon für Lichtspiele eine Ausnahme gemacht. Auch werden für die Bekämpfung der Schund- und Schmutzliteratur sowie zum Schutze der Jugend bei öffentlichen Schaustellungen und Darbietungen gesetzliche Maßnahmen zugelassen. Das klingt harmlos, ist aber doch im Prinzip die Zu- lassung einer Präventivzensur im Verwaltungswege. Denn daß gegen strafbare Druckschriften und öffentliche Dar- bietungen gerichtlich eingeschritten werden kann, ist sclbstver- ständlich. Solche Gesetze bestehen bereits, namentlich in den §Z 184 Und lS4a StGB. Auch gestattet die Gewerbeordnung eine scharfe Kontrolle des Kolportagebuchhandels. Diese Be- stimmungen gehen so weit, daß sie sich unter Umständen schon zu ernsthasten Gefahren für die Freiheit von Kunst und Wissenschaft ausgewachsen haben und auch politisch gemiß- braucht worden sind. So war die Durchlöcherung der Zensurfreihest völlig überflüssig. Jetzt wird die Reichsregierung fortgesetzt gedrängt, nun auch mit einem Gesetz zur Bekämpfung der Schmutz- und. Schundllteratur herauszukommen. Der bekannte Professor B r u n n e r in Berlin, der die Aufspürung„unsittlicher" Schriften und Bildwerke berufsmäßig betreibt, macht eine rührige Propaganda in Vorträgen und Zeitungsaufsätzen für ein von ihm ausgehecktes Projekt. Die Erundzügs eines an- deren Entwurfs find von pädagogischen und Volksbildungs- Vereinigungen aufgestellt worden. Bei den Plänen sind trotz gewisser Unterschiede im einzelnen als Hauptgedanken geme'n- sam: Die Schaffung einer„V e r b o t s l i st e", in welche die als„Schmutz und Schund" gebrandmarkten Bücher und Bild- werke aufgenommen werden sollen, und der Aufbau neuer Prüfungsbehärden, die im Verwaltungswege zu entscheiden haben, was als„Schmutz und Schund" den Beschrän- kungen des Gesetzes unterworfen werden fall. Endlich lau�: in beiden Entwürfen die Folgen der Ausnahme in die Liste auf dasselbe hinaus, die Beschränkung des Verkaufs an Jngendliche, des Feilbietens und Ausstellens ähnlich wie in der. alten Gewerbeordnung und in§§ 184 und 184a des Strafgesetzbuchs und die Heraufsetzung des„Schutzalters" von 16 auf 18 Jahre. Vrunner wünscht weiter noch eine Ein- schränkung der Reklame, wenn sie„geeignet ist, die Jugend in sittlicher Weise zu gefährden", eine jede Willkür ge- stattende und ins Grenzenlose ausdehnbare Bestimmung, und das Verbot der Ausstellung von Druckschriften mit Titeln,„die auf einen geschlechtlichen Inhalt hinweisen", worunter also jedes Buch fallen würde, in ! dessen Titel etwas von Liebe vorkommt, z. B. Völsches „Liebesleben in der Natur". Die Gefahr dieser gesetzgeberischen Vorschläge und ihre grundsätzliche Berwerflichkeit liegt darin, daß hier tatsächlich eine neue Buchzensur, wenn auch mit beschränkten Wirkungen, und ein Verzeichnis der verbotenen Bücher ganz im Stil des kirchlichen I n de x und- für diesen Zweck eine Jndexkongregration geschaffen werden soll. Praktisch würde dies auch wieder zur Theatsr zensur i führen, denn kein Direktor könnte es wagen, ein Stück auf» ' zuführen, das von einer Spruchkammer oder gar der Ober» spruchkammer für das Reich als„Schmutz- und Schundlste- ratur" abgestempelt wäre. In der Begrifssbestimmung dessen, was„Schmutz und Schund" genannt werden soll, gehen die Entwürfe nicht un- erheblich auseinander. Die Volksbildungsvereinigungen, unter denen offensichtlich viele weit von bewußt reaktionären Bestrebungen entfernt sind, geben sich redliche Müh«, durch Häufung von Prädikaten den Kreis sachgemäß zu umgrenzen. während B r u n n e r alles als„Schmutz und Schund" be» zeichnen will, von dem Leute seines Schlages eine„Gefähr- dung der Jugend""behaupten und dem sie einen künstlerischen oder wissenschaftlichen Wert nicht zuerkennen wollen. Aber diese Unterschiede haben keine groß.; Bedeutung. Keine Formulierung des Begriffes„Schmutz und Schund", wenn sie auch noch so vorsichtig gefaßt würde, könnte davor schützen, daß gedankenlos oder böswillig Werke vcn wissenschaftlicher und künstlerischer Bedeutung auf diese Berbotsliste gesetzt und dadurch als„Schmutz und Schund" gekennzeichnet würden. Wie sehr dies alles von den subjektiven Borurtellen abhängt, und welchem Geiste diese Bestrebungen entstammen. darauf wirft ein bezeichnendes Licht die beharrliche Hetze, die gegen die Aufführungen von Lautensacks„Pfarrhaus- komüdie" und von S ch n i tz l e r s„Reigen" getrieben wird, obgleich beide Werke unzweifelhaft hohen künstlerischen Wert besitzen. Bei der Drängelei auf Unterdrückung des„Reigen" ist Stimmführer derselbe Herr Brunner, oer öffentlich so tut, als wollte er der Freiheit der Kunst kein Wässerlein trüben. Aeußerlich rückt er von den antisemitischen Heldenjünglingen und Stinkbombcnwerfern ab; im Ziel wirkt er mit ihnen zusammen. Ebenso verkehrt wie das Prinzip der Präventivzensur ist der Gedanke, wieder eine neue Behördenhierarchie für diesen Zweck zu schassen. Ihre Zusammensetzung bietet so wenig eine- Gewähr wie die der Filmprüfungsftellen. Bon den her- anzuziehenden Jugendwohlfahrtspflegern würde wohl der größte Teil, wie es bei solchen Spezialisten meist eintritt, Bücher und Bildwerke vorwiegend vom Standpunkt der Schul- oder Kinder st übe aus ansehen. Aber auch die Berufung von Beisitzern aus Literatur, Kunst und Buchge- werbe schließt nicht die Gefahr aus, daß sie einer neuen noch befremdenden Richtung oder Form den künstlerischen oder wissenschaftlichen Wert absprächen. Der wichtigste Teil aller wirklich die Jugend gefährden- den Schriften fällt schon unter das Strafgesetzbuch und kann der Entscheidung durch die ordentlichen Gerichte nicht entzogen werden. Das Rebeneinhsrgehen zweier Be» Hörden muß zu Reibungen und zu Verwirrungen der Rechts- ficherheit führen, ganz abgesehen von dem unverantwortlichen Luxus, der darin läge, für eine verhältnismäßig geringe Zahl von Fällen wieder neue Aemter und Beamte einzurichten. Diese Neigung zu Spezialgesetzen und Spezialbehörden für jeden einzelnen Komplex von Angelegenheiten ist ein Relikt der Kriegszeit, womit energisch aufgeräumt werden muß. Hält man es für notwendig, die Jugend vor einer Lektüre zu schützen, die nicht unter die Unzuchtbestimmungen des Straf» gefetzbuches fällt, aber durch verlogene Sentimentalität oder durch Erweckung der Instinkte der Roheit und Gewalttätigkeit sie in falsche Bahnen treiben könnte, so wäre die bevorstehende Revision des Strafgesetzbuches der Platz, um diesen Aufgaben näherzutreten. Ich halte auch dies für ein vergebliches und gefährliches Beginnen. J_ Die Scharfmacher haben üas wort. Die reaktionären Telographenbureaus überstürzen sich, der bürgerlichen Presse die erfreuliche Tatsache mitzuteilen, daß seit"heute früh in München wieder die bürgerlichen Zeitungen erscheinen. WTB. fügt sogar mit schlecht verhehlter Schaden- freude hinzu, daß das Setzerpersonal in den einzelnen Blättern die Arbeit schon gestern abend wieder aufgenommen habe. Es soll durch diese tendenziöse Berichterstattung unzweifelhaft aufs Neue der— von MTB., TU. usw. in den letzten Tagen stark unterstützte— Eindruck erweckt werden, als fei der Streik in Bayern in sich zusammengefallen. Demgegenüber muß noch- mals, wie wir es schon heute ftüh taten, mit allem Nachdruck betont werden, daß die Wiederaufnahme der Arbeit von vorn» herein für den gestrigen Abend geplant war; wenn die bürger- liche Presse die Innehattung des von den sozialistischen Parteien vorgesehenen Termins für so überraschend hält, so ist dies ein- Ein Sefuch im Geburtshause tzerm.Sangs Neben I. P. Iacobsen hat kein anderer moderner vichter Dänemarks eine so riefe Wirkung in Deutschland ausgeübt, wie der »or neun Iahren verstorbene. Herman Bang, der Dichter von „Tine",„Am Wege".„Hoffnungslos« Geschlechter",„Michael" und „Die ohne Vaterland". Beiden, I. P. Iacobsen und Herman Bang, soll jetzt in Dänemark ein Denkmal errichtet werden, das Denkmal, dessen es für die, die die beiden Dichter lieben, nicht bedarf. In„Politiken" schilderte Anker Kirkeby kürzlich einen Besuch im Daterhause Bangs, dem Pfarrhof von Atzerballig(Asierballe), auf der im vorigen Jahre dänisch gewordenen Insel Alfen, wo Bang 18S7 geboren wurde. Die üppige Lieblichkeit der in Grün und Blumen gebetteten olsenschen Landschaft beschreibt Bang in seinem Roman„Tine", dessen Handlung 1864 spielt: Hügel und Täler— so grün und so sanft. In der Ferne entschwinden die Wälder wie in bläulichen Wolken-, wahrend die Häuser hervorlächeln zwischen dem mannig- fachen Grün. Und der Himmel ist grundlos tief. Kirkeby erzählt über ein« Alsenfahrt: Eine Pappelallee führt zum Pfarrhofe, der mit seinem Garten zwischen niedrigen Wiesen dallegt. Diese Allee ist's, mit der die Schilderung in„Tine" beginnt, wo die Försterfrau in Wind und Regen beim Kriegsaus- bruch nach Kopenhagen fährt. In diesem Roman.ist aus dem Pfarrhause ein Forsthof geworden. Dort liegen die weißen, stroh- gedeckten Hofslügel. das„weiße Hau s", von dem Herman Bang sagt: Es war ein weißes Haus, und drinnen waren die Tapeten hell. Alle Türen standen offen, auch im Winter, wenn mit Holz geheizt wurde. Zwischen Mahagonimöbeln standen Marmortische und weiße Konsolen, die vom Schlosse in Augustenburg kamen, von den Auktionen. Um die alten Porträts Edelweiß gewunden, und viel Efeu mar da: denn die Mutter liebte es, wenn er ssch an einer hellen Wand emporrankte. Das Gartenzimmer war leuch- tend weih. Von diesem Kindhcitsheim, das Bang uns in dem Buche„Das weiße Haus", eine seiner schönsten Dichtungen, anschaulich macht, und das sein Hauptgepräge von der Lichtgestall der Mutter Bangs empfing, berichtet Kirkeby: Aeußerlich ist das Haus ganz unver- ändert Es besteht aus vier Flügeln, dem einstöckigen Haupt- gebäude mit Mansarde, einem Stall, einem Wagenraum und einer Scheune. Fast der ganze kleine Hofplatz wird von dem großen Lindenbaum ausgefüllt, wie er seit Bolksliederzetten das Zentrum solcher Gehöfte bildet. Nach dem Garten führt immer noch die alte steinerne Treppe vom Gartenzimmer cns, die von blauen Klematis umschlungen ist. An die weißen Mauern schmiegt ssch eine Wildnis von Weinreben und gelben Rajen, mal ein Beweis für die irrige Einschätzung der Disztpliu in der Arbeiterbewegung, darüber hinaus aber oerrät es das schlechte Gewissen der bürgerlichen Presse und ihre geheime Auffassung, daß eine Fortsetzung des Streiks bis zur Niederringung der Regierung Kohr doch nicht so ganz unverständlich und landesverräterisch gewesen wäre, wie es die gleiche Presse in ihren Sonderausgaben darzustellen beliebte. Die heute morgen in München erschienenen Tageszeittin- gen beschäftigen sich fast ausschließlich mit dem Generalstreik. Der„Bayerische Kurier" überschreibt seinen Artikel:„Das Ende eines unsinnigen Streiks" und spricht von einer schweren taktischen Niederlage der sozial- demokratischen Führer. Das Blatt unternimmt auch nicht einmal den Versuch, den Beweis für dies« kühne De- hauptung anzutreten. Weiter tritt es für die Schaffung einer Organisation ein, die ganz automatisch den Bürger st reik einschalte, wenn wieder„in so mutwMger. Weise aus rein polittschen Gründen Generalstreik ausgerufen" werde. Es lohnt nicht, auf die scharfmacherischen Ausführungen dieses Organs einzugehen oder sie.gar zu widerlegen; erwähnt sei nur, daß der„Bayerische Kurier" das Organ der b a y e r i- scheu Volkspartei ist, also eine von dem Reichszentrmn völlig abweichende Stellung einnimmt. Die scheindemokratischen„Münchener Neuesten Nachrichten" bezeichnen den Generälstreik als einen Kampf um d i e M a ch t, der dieses Mal„die Sehnsucht des Herrn Auer und anderer Berufsdemagogen nach einem Ministersessel noch nicht befriedigen" konnte. Auch diese Ausführungen der bürgerlichen Demokratie stehen auf einem Niveau, auf das herabzusteigen niemand von uns verlangen wird. Weit bemerkenswerter als diese Hetz- und Lügennach- richten der bürgerlichen Presse ist die durchaus glaubwürdige Mitteilung, daß das Verbrechen an Eareis noch wie vor völlig unaufgeklärt ist. Ebenso glaubwürdig ist die Mittellung, daß die Beteiligung des P u b li k u m s an der Auf. findung des Mörders außerordentlich schwach sei. Ein« andere Stellungnahme war von den Trägern der baye- rischen Ordnung von vornherein nicht zu erwarten, und wir gehen wohl in der Annahm- nicht fehl, daß Herrn Polizei- direktor P ö h n e r die mangelnde Teilnahme der Oeffemlich- keit nicht ganz unerwünscht kommt, Ein Bekenntnis öes NörÜees? München, 14. Juni.(Eigener Drahtbericht des„Lorwärts".) Der Münchener„Post" wurde ein„Bekenntnis des Mörders von Gareis" zugesandt, welches, ganz gleich ob es eine Mystifikation ist oder nicht, kennzeichnend ist für die Geistesverfassung gewisser Kreise in Bayern. Der angebliche Mörder sagt:„Meine Tat er» hebt Anspruch auf Mut, ich beging sie, weil ich mein Vaterland von einer Pestbeule befreien wollte, von einem der gefährlichsten Hetzer, die unseren Feinden Borschub geleistet haben. Ich bin ge- flohen, um mir mein Leben für weitere befreiende Taten zu er- hallen. Ich werde fernerhin jeden mit Gewalt zu entfernen suchen, der sein Vaterland oerrät. Möge es mir gelingen, den einen oder anderen bald dem gellebteu Genossen Gareis nachzuschicken. Gott möge mir verzeihen." Die bayerische Regierung hat während der Streiktage eine öfferttliche Erklärung abgegeben, dle vom„B o r w ä r t s" aus München verbreitete Nachricht, es seien Zettel zur Verteilung an Einwohnerwehrleute gekommen mit der Aufforderung, die Waffen zurückzubehallen und aus den Depots zurückzuholen, wäre erfunden. Demgegenüber stellen wir fest, daß Jick) ein derartiger Zettel im Besitze eines führenden Parteigenossen befindet. Kahe-Saperns vorbilöer. Mailand, 14. Juni.(EP.) Eine Gruppe von Fas eisten drang am Montag nachmltkag in das Lokal des Elfenbahnerverftns von Venedig ein, wo etwa 10 Eisenbahner zusammen waren. E» kam zu einer wüsten Schlägerei. Die Fascisten zertrümmerten alles und trugen eine erbeutete rote Fahne im Triumph durch die Stadt. Ein Zugführer wurde getötet, und ein zweites Opfer des Zu- sammenstoßes ist seinen Verletzungen erlegen. Die Eisenbahner von Venedig haben als Protest den örtlichen Streik beschlossen. Der Pfarrer, der das Haus jetzt bewohnt, so erzählt Kirkeby weller, ist ein junger, bleicher Mann, dem das Leben in den Schützengräben den Stempel aufgedrückt hat. Er nahm mich freundlich auf, aber er kannte die Bücher Bangs nicht, und in den mit modernen deutschen Ledermöbeln und Bildern ausgestatte- ten Stuben war keine Spur aus der Amtszeit des Pastors Bang zurückgeblieben. Als er fünfzig Jahre wurde, erhiett er einen Be- burtstagsbrief, der unterzeichnet war„Ein Bauer von Asierballe", und kein Glückwunsch rührte den Dichter so wie dieser. In einem schiefen, hellroten Häuschen wohnt eine 8Sjährige Frau, Katrine Biig, die im Pfarrhofe von Asierballe dient«, als Herman Bang ein kleiner Knabe war. In Kissen sitzt die gicht- kranke Alle und plaudert: Ich kam in das Haus, als er vier Jahre alt war. Als er sechs wurde, verzog die Familie nach Horsens. Er war das dritte von sechs Kindern. Seltsame Kinder waren sie alle, aber Herman war der sonderbarste. Er wollte immer Komödie spielen. Dann kletterte er auf eine Tonne in der Waschküche und deklamierte mit großen Gebärden. Und er erzählte immer Ge- schichten, seine Phantasie ging mll ihm durch. Einmal behauptete er ganz bestimmt, eine Leiter gesehen zu haben, die bis in den Himmel hinaufragte. Er hatte sie ganz bestimmt gesehen. Und dann weinte er. Das tat er so oft. Wir hatten ihn alle lieb. Der Dater litt an starken Kopfschmerzen, er wurde immer erst im Laufe des Tages zum Nachmlltagsgottesdienst richtig Mensch.(Bangs Vater starb in einer Irrenanstalt.) Wie aus der Darstellung Kirkebys hervorgeht, gibt es in Herman Bangs Heimatort nicht viele Erinnerungszeichen cm ihn. Erwähnt zu werden verdient, daß im vorigen Jahre auf dem Grabe Bangs in Kopenhagen, auf dem nach dem Wunsche de« Dichters kein Stein errichtet worden ist, ein Kranz aus Laub und Vergiß- meinnicht niedergelegt wurde, an den eine Karte geheftet war mtt der Inschrift:„Dem Dichter der„Tine" von einer Mutter auf Alfen!" So schreibt eine dänische Nordschleswigerin. Aber auch wir Deuffchen huldigen dem unvergänglichen Geist« des dänischen Poeten. H. K. Das Steglitzer Schloßpark Theater spielt eine„unwahrscheinliche Schieberkomödie" von Hans Müller-Schlösser,„Der Rangierbahn- Hof". Dem Berstande des Spießers wird fteigebig geopfert. Die Theaterfiguren stehen nur schwarz und weiß auf der Bühne. Der Mann, der das Stück erdachte, sah einen braven Kerl vor sich, der bankerott macht und von Frau und Freunden dazu gestoßen wird, die Welt zu betrügen. Er ist ein Esel beim Hochstapel, aber gerade die Eselei hilft weiter. Die Situation wurde ganz geschickt ausge- heckt, doch das Wort versagte fast überall. Trotzdem war es sehr lustig, als ein richtiger Eistnbohnwaggnn auf die Steglitzer Zwergen- bühne geschoben wurde. Psiffigkell im Gebrauch alter Schwank- motwe, Meggendorsser« mit den Spchbub« po» 1321, dos ist des Am», 14. Sunt.(SP.) In den Wandelgänge« der S omni er ereignete sich am Montag ein ernster Zwischenfall. Als der Kommunisten führ er und frühere Deserteur Misiano im Parlament aus- tauchte, wurde er von den Fascistenabgeordneten sofort tätlich angegriffen. Misiano zog, als er sich so angegriffen sah, den Revolver und die Fascisten taten dasselbe. Keiner aber wagte zu schießen, Misiano wurde dann auf die Sttaße hinausgeschoben, wo ihn die Polizei in Schutz nahm. Das Vorgehen der Fascisten wurde in der Kammersitzung von verschiedenen Parteien, namentlich von den Sozialisten und Kommunisten, verdammt. Die Fascisten erklärte» jedoch, daß st« auchtn Zukunft gegen den kommunistischen Ab, geordneten in der gleichen Weise vorgehen würden. wofür Sie vKpd. öemonftrierte! Die„Rote Fahne" ist über die gestrige Demonstration sehr mißgelaunt, weil die Züge der SPD.-Mitglieder, deren imposante Länge die„Rote Fahne" selber anerkennen muß, erst im Lust- garten erschienen, als die Demonstration der Kommunisten schon vor- bei war. Sie schimpften deswegen auf die SPD.-Führer, weil diese „ihre Partei von den übrigen Klassengenossen isoliert" hätten. Der Aerger der„Roten Fahne" ist uns sehr begreiflich, wenn wir die schadenftohe Genugtuung des Kommunistenblattes darüber lesen, daß es den kommunistischen Rednern gelungen sei, in die De» monstratton der Unabhängigen einzudringen und statt der vor- gesehenen unabhängigen Redner zu den Massen der USP. zu sprechen. Ueber Crispien, der von der USP. redete, berichtet die „Rote Fahne" hähmisch, er sei„sichtlich enttäuscht" gewesen über die geringe Zahl der Hörer, die sich um ihn scharte, er habe„in weiner- lichem Ton deklamiert" usw. Run wissen wir wenigstens, für w e l ch e Z w e ck e die BKPD. am Montag demonstriert hat. N i ch t um gegen die Münchener Mörder, nicht um gegen die bayerische Reaktion zu protestteren, nicht um die einige Kampffront des Proletariats gegenüber reaktionären Exzessen zu beweisen,— sondern um eine schöne Gelegenheit zu haben, in den Reihen der SPD. und USP. Agitation für ihre Parteirichtung zu treiben! Und diese Leills� die mit solchen niedrigen Zwecken cm eine Protestdemonstration .gegen ein furchtbares Verbrechen herangehen, wagen uns vorzu» werfen, daß wir die Einigkeit und Gssthlossenhell gestört hätten, Die SPD. hat nur recht getan, ihre imposante Demonstration nicht zu dem engstirnigen parteipolitischen Mißbrauch der Kommunisten herzugeben. Der unverhohlene Aerger der„Roteu Fahne", daß der saubere Plan der BKPD. bei der Sozialdemokratie mißlungen ist, erfüllt uns daher nur mit Genugtuung. tzoch Eitel Schieberich! Wie uns aus Spandau mitgeteill wird, erfolgte in der Kaserne des S. Garde-Grenadier-Regiments am Askanierring heute vor» mittag eine militärische Feier anläßlich der 200. Wiederkehr des Gründungstages des Regiments. Ep war gewissermaßen eine Leichenfeier, da das Regiment längst aufgelöst ist. Zur Erhöhung der Feierlichkeit durfte selbstverständlich der Zollern- schieberprinz Eitel Friedrich nicht fehlen. Das äußere Bild gemahnte an die schönen Zeiten, in denen sein Herr Papa noch den Ton angab. Willkommensschilder mit schwarz-weiß-roten Fahnen waren errichtet, Orden und Ehrenzeichen blitzten, der Parademarsch W erdröhnte und sogar Ehrengäste warm geladen, unter denen be- sonders der Orgefch-Häuptling Dr. Moll aufsiel. Ein schönes Bild, das an die gute alte Zeit erinncrtel Franz Zugg verhastet. In der holländischen Stadt B'r e d a wurde der deutsche kommunistische Schriftsteller Franz Jung aus Berlin verhaftet, der bekanntlich von der Staatsanwaltschaft wegen der abenteuerlichen Verschleppung eines Dampfers aus Rußland verfolgt wird. Die Derhaftung erfolgte jedoch der EP.-Korrefpon- denz zufolge nicht aus diesem Äwnde, sondern es wird Jung der Vorwurf gemacht, sich bei einer Molkerei in einem Internierten- lager bereichert zu haben.(?) Amerikas Friedensschluß. Das Repräsentantenhaus hat mtt 808 gegen 61 Stimmen die Entschließung Parter angenommen, die den Kriegszustand mit Deutschland und Oesterreich beendet, obne� wie die Entschließung Knox, die Kriegserklärung zu widerrufen. Die Angelegenheit geht nun an den VerhandlungsauSfchutz de» beiden Häuser. Berfassers Talent. Auch nicht zu verachten, wenn es nicht allzu. dickflüssig bleibt. Müller-Schlössers Zähigkeit wurde von den Schloßparktünstlcrn kaum beweglicher gemacht. Herr Keßler zeigte als unfreiwilliger Spitzbube versprechende Spuren von Charakterisierungskraft. Dle übrigen blieben in der Schablone stecken. M. H. Eine Leuchte der Wissenschast? Geheimrat Dulsberg, der Generaldirektor der Beyerschen Farbenfabrik in Leverkusen, ist von der Berliner Landwirtschaftlichen Hochschule zum „Ehrmdoktor der Landwirtschaft" ernannt worden. Damit ist er siebenfach im Besitz der Doktorwürde. Bon überragenden wissenschaftlichen Berdiensten des Herrn Dulsberg ist der Ocffentlich» keit bisher nichts rechtes bekannt geworden. Was er insbesondere für die Landwirtschaft und ihre Lehre geleistet hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Auf dem Misthaufen, allerdings dem polittschen, hat er sich als Führer der Baterlandspartei uno Anbeter Ludendorffs ftellich sehr produktto betätigt, und bei dem Geiste, der auf den hohen Schulen der deutschen Republik gegenwärtig herrscht. darf man schon annehmen, daß diese Betätigung zur Berleihung siebenfacher Ehren und Würden vollauf genügt. Filmschusschwindsl. Seit Iahren führt die Filmindustrie einen Bjl Kampf gegen die zahlreichen Kinolehranstalten, in denen jungen Frauen und Männern hohe Geldsummen für einen angeblichen Filmschauspielunterricht abgenommen werden. Bor einiger Zeit hat das Berliner Polizewrästdium auf Grund einer gesetzlichen Verord- nung die Konzessionierung dieser Lehranstalten verfügt. Bisher wurde aber ausnahmslos allen Antragstellern die Konzession zur Weiterführung ihrer Anstalten oerweigert. Drei besonders gefährliche„Kinolehranstallen" mußten gewaltsam g e- schlössen werden. Daraufhin haben die Direktoren einen neuen Weg gefunden, um unkundigen, silmlustiqen Schülern das Honorar abzunehmen, sie gründen eine Filmgesellschaft m. b. H. und„enga- gieren" Eleven gegen Zahlung einer bestimmten„Beteiligung". Be- sonders gefährlich ist das Treiben völlig unbekannter Filmregisseure geworden, die im Reiche durch phantasievolle Bersprechinigen Schüler für ihre„Lehrgänge zur Erlernung der Kinomimik" suchen und in Massen finden. � Außerhalb Berlins ist unseres Wissens noch kein Erlaubniszwang für diese Kinoschulen vorgeschrieben. Ein Himmeisriese. Das Vorhandensein eines unbegreiflich großen Gegenstandes im Himmelsraum ist„von dem holländischen Gelehrten A. Pannetoek nachgewiesen women. Sein- Masse ist nach den Berechnungen des Holländers 20 000 Millionen mal größer als die Sonne und wird als eine„Gas- oder Staub- wölke" beschrieben. Der Direktor der Greenwicher Sternwarte, der sich mit dieser Entdeckung in der„Nature" beschäfttgt, glaubt, daß dadurch unsere ganze Anschauung von- den Kräften des Sternen- systems verändert werde. Der gemalttge Körper liegt in der Kon- stellation des Stieres und zeigt sich als eine dunkle Flüche rechts vom Gürtel des Orion. Bon der Erde aus gesehen umfaßt er ein Drittel einer Lir:?, die vom Polarstern bis zum Horizont gezogen werden kann. Kammerfptete. Die nächste Erstaufführung wird das Lustiptoi ,8»»t Tage« von SchSvcha» und Kadewmg fem. GroßSerlw Hochstapler von unü zu. Nach der neuen deutschen Reichsverfassung sind Dorrechte der Geburt aufgehoben und Adelsverleihungen abgeschafft. Einem großen Teile der einst Bevorrechteten, soweit sie nicht noch mif ihren agrarischen Klitschen sitzen und nach modernisierter Raubritterart mit landwirtschaftlichem Wucher das Volk auspowern, geht es herz- lich schlecht. Man könnte darüber menschliches Mitleid empfinden, wenn nicht alle Schuld auf Erden sich rächt. Die Betroffenen mögen sich für ihr Los bei dem cholzsöger im Haus Doorn bedanken. Ehr- liche Handarbeit, die in keiner Fasson schändet, wiesen sie entrüstet zurück. Selbst die gutbezahlte Stellung bei einem.Koofmich" galt als nicht standesgemäß. Nur der Offiziersrock oder in Zivil die machterweiternde Regierungskarriere war erstrebenswert. Nom verkrachten Militarismus auf die Straße gesetzt, sind sie heute froh, im Bureau oder Kontor gutmütige Verwendung zu finden. Manchem glückt es, auch wenn er nicht ein Lot brauchbarer Kenntnisse besitzt. Onkel Stinnes hat einen ganzen Haufen aus dem Waffenhandwerk hinausgeworfener Offiziere mit mindestens 30M M. Monatsgehalt eingestellt. Für sein Geld kann er sich das Frondieren leisten. Der alte bürgerliche Kotau vor dem Adelstitel ist mit dem sozialen Niedergang der Bevorrechteten leider noch lange nicht ab- geschafft. Schon in Friedenszeiten war es für Hochstapler kinder- leicht, mit borniertem Auftreten und fünf- oder siebenzackiger Visitenkartenkrone alle möglichen Geschäftsleute kräftig hineinzulegen. Der Ehrliche mit bürgerlichem Namen mußte durch tausend Spieß- ruten laufen, ehe er etwas geborgt bekam. Dem adligen Hoch- stapler fast unbeschränkten Kredit zu gewähren, rechnete man sich zur Ehre an. Was auf diese Weise verloren ging, zählt nach Mil» lionen. Heute ist es noch nicht viel anders geworden. Die Zeitungen haben gar nicht genug Platz, um zu berichten über alle die Prozeß- Verhandlungen, mit denen irgendein gerissener Schultze oder Müller, der als Graf oder Baron hochstapelte, hinter schwedische Gardinen gebracht wird. Wie die betrübten Lohgerber sitzen Geschäftsleute, Pensionsinhabcrinnen, heiratslustige Jungfrauen und Witwen auf der Zeugenbank, aber tausend andere lasten sich immer wieder über* Ohr hauen. Gewitzigt durch die Revolution hat sogar diese gefähr- liche Sorte Hochstapler den Betrieb eingestellt. Zugkräftiger als der vegetierende deuffche Adel ist der.baltische Baron" oder die .russische Gräfin". Gefästchte Papiere, die große Liegenschaften und Einküfte vorgaukeln, sind in jeder Kaschemme unschwer aufzutreiben, tmd die Dummen, die auf die berühmte augenblickliche Verlegenheit und ähnlichen faulen Zauber hopsen, werden gar nicht alle. Auch der Kitsch-Film zeigt leider nur zu deutlich, ohne Phantasie, wie man e« deichseln muß, um die Lcbenskunst der Hochstapelei mit gepumpten Fürstentiteln zu verstehen und Leichtgläubige ms Garn zu treiben. Beschämend ist es, gleichwohl reichlich verdient der Reinfall. Dem Arbeiter, der schon immer in den.Hochgeborenen" nur die Drohnen gesehen hat, kann ja der Adelstitel nicht imponieren. Wann werden auch die Bürgerlichen helläugig werden und sich für zu gut halten, vor dem.von" und„zu" auf dem Bauche zu ruffchen? Diese Einsicht wäre für sie und für das Ansehen des Landes nur von Dorteil. Der öerlkner Staöthaushatt km Gleichgewicht. Vor«inigen Tagen teilten wir bereits die Ziffer von rund sechs Milliarden des Berliner Stadthaushaltsplanes mit. Der Magistrat gibt jetzt dazu folgende nähere Darlegung: Der Haushaltsplan der Stadtgemeinde Berlin für 1S21 ist vom Magistrat in Einnahme und Ausgabe auf 6 102 624 70l> M. festgesetzt worden. Damit ist die Herstellung des Gleichge- wichts für das lausende Rechnungsjahr gelungen. Die Erreichung dieses Zieles ist nur dadurch möglich geworden, daß einmal bei den Ausgaben größere Sparsamkeit durchgeführt wurde, und den Bezirken und Zentralverwaltunaen starte Beschränkun-- gen auferlegt wurden. Auf der anderen Seite war es nötig, die der Gemeinde verbliebenen Einnahmequellen bis an die Grenze des Erträglichen auszunützen. Die Real steuern sollen bei bebauten Grundstücken mit S v. T„ bei unbebauten mit 8. o. T. des gemeinen Wertes erhoben werden. Es sind dieselben Sätze wie im Vorjahre. Eine Steigerung an. dieser Stelle würde nur möglich sein, bei gleichzeitiger erneuter Erhöhung des Mietzuschlages. Bei der Gewerbesteuer ist ein Prozentsatz von durchschnittlich 630 vorgesehen, wobei Klasse IV mit 230, Klasse III mit 400, Klaste II mit 610 und Klaste I mit 730 Proz. belastet werden.� Leider war für die Herstellung des Gleichgewichts auch die Erhöhung der W e r k s t a r i f e nicht zu vermeiden. Der Haushaltsplan sieht vor, daß durch eine Steigerung des Gaspreises auf 1,50 M. »md des Lichtpreises auf 3 M. ein Mehrertrag von 75 Millionen Mark sich ergibt. Der Haushalt wird am Donnerstag der Stadt- verordnetenverfammlung vorgelegt werden. Lakenreöen am Grabe finö gestattet. Eine wichtige Entscheidung des Kammergerichts. Der unhaltbare Zustand, daß es einem Angehörigen oder einem Freunde nicht gestattet fein sollte, auf einem konfestionellen Friedhof dem Toten eine Grabrede zu halten, ist nunmehr durch eine Entscheidung des Kammergerichts beseitigt worden. Wie erinnerNch. war der stellvertretende Gemeindevorsteher in Falkenberg, Max Peters, auf Grund des Reichsvereinszesetzes angeklagt worden, weil er am 3. Februar 1920 auf dem in Eigen- tum der evangelischen Kirchengemeinde stehenden Begräbnisplatze dadurch ein ungewöhnliches Leichenbegängnis veranstaltet habe, daß er als Laie bei der Beerdigung eines Dissidenten eine Grabrede ge- halten habe, ohne hierzu die Genehmigung der Ortspollzeibehörde eingeholt zu haben. Wöhrend das Schöffengericht Peters verurteilte, fvrach ihn die Strafkammer ftei und betonte u. a.. der Angeklagte vertrete mit Recht den Standpunkt, durch den Aufruf des Rates der Volksbeauftragten von: 1�. November 1918 und Artikel 123 der neuen Neichsverfastung sei jede Beschränkung öffentlicher Dersamm- lungen aufgehoben: Laienreden am Grabe seien durch die neuere Zeit in Berlin und feinen Vororten alltäglich geworden. Der Z 9 des Reichsoereinsgesetzes van 1908 und seine� Strafbestimmung in § 19 stehen der Veranstaltung von Leichenbegängnisten, selbst wenn es sich um ungewöhnliche handle, nicht mehr entgegen. Es b e- dürfe dazu weder der Genehmigung noch der An- zeige. Das Verbot von Laienreden, das durch die Friedhofsord- nung für den fraglichen Begräbnisplatz ausgesprochen fei, sei ohne Belang. * Gegen diese Entscheidung legte die Staatsanwalffchaft Revision beim Kammergericht ein und behauptete, daß vorliegend die Vor- fchriften des Reichsoereinsgesetzes zur Anwendung gelangen müßten. Das Kammergericht wies die Revision der Staatsanwaltschaft jedoch zurück. In der Begründung heißt es u. o.: Nach Artikel 123 der Neichsverfastung haben alle Deutschen das Recht, sich friedlich und unbewaffnet ohne Anmeldung und ohne besondere Erlaubnis zu versammeln. Diese Versammlungsfreiheit beziehe sich nicht nur auf Versammlungen, die zum Zwecke von Erörterungen stattfinden, sondern auch auf die im 8 7 des alten Reichsoereinsgesetzes aufgeführten besonderen Arten von Versammlungen, wie z. B. Leichenbegäng- viste.__ Schwindel mit wertlosen Schecks. Ein Schwindlerkonjortioin, an dessen Spitze ein Rittmeister o. D. Hans von Luck steht, vcchbt in Berlin und anders-yo große Be» 4 Uta pu Rundilüge über dem Waunjee und dem Havelgebior aus- irÜgemw mit werLofea Schecks Zu dar S-fÄychatt«st*»nöereQe-misft 6w S-yßerv-Rord- M�OstseebadeM ist Zortschung üer Seweisaufnahme. Im Prozeß gegen H ö l z wurde in der heutigen Vormittags- sitzunz die Beweisaufnahme ein tüchtiges Stück gefördert. Vernommen wurden über ein Dutzend Zeugen, die hauptsächlich über die in E i s l e d e n und Heldra durch Hölz verübten E r- Pressungen, Brandstiftungen und Todesdrohun- gen aussagten. Hölz trug meist eine äußere Gleichgültigkeit zur Schau und verzichtete fast bei allen Zeugen darauf, selber oder durch seine Anwälte noch Fragen an sie zu richten. Die Aussagen waren in der Regel so bestimmt, daß er begriff: Da ist nichts zu machen! Nur bei einem der Zeugen, einem Landjäger, war er mit merklichem Eifer bemüht, festzustellen, daß er an der Entwaffnung dieses Zeugen sich nicht beteiligt hatte. Daß er aber einen Hilfsprediger als Geisel festgenommen und mit Erschießen bedroht hat, daß er auf einen hinter einem Fenster stehenden Geschäftsreisenden geschossen und ihn verwundet hat, daß er eigenhändig Feuer an eine Wohnung gelegt hat— alles das ließ er vorbeiziehen, wie wenn es ihm ganz- lich„Wurscht" wäre. Doch seine Gleichgültigkeit ist nicht echt. Echt war nur die Schnoddrigkeit, mit der er gegen einen Zeugen, auf besten Kopf er 30 000 Mark ausgesetzt haben sollte, bemerkte:„So viel ist mir der Kopf des Mannes gar nicht wertl" « Am heutigen zweiten Tage des Hölz-Prozestes, oerliest Rechtsanwalt Hegewisch den Wortlaut der amtlichen Bekanntmachung über di« Festnahme von Hölz und die Austobung von 50 000 M. als Prämie für diejenigen, die Angaben über Hölz zu machen im- stände waren. Der Verteidiger folgert hieraus, daß die Polizei durch diese Auslobung Leute angeregt habe, mehr zu sagen, als sie verantworten tonnten, um sich seinen Anspruch auf Belohnung zu sichern. Staatsanwalt Dr. Jäger trat diesen Ausführungen ent- gegen. Er macht den Vorschlag, auf die Vernehmung derjenigen Zeugen, welch« noch über den Einbruch in die Kreissparkasse zu Helmstedt gehört werden sollen, zu verzichten, da er als Ver- treter der Anklage anerkenne, Hölz sei bestrebt gewesen, un- nötiges und unkluges Dluwergießen nach Möglichkeit zu ver- meiden. Weiter beantragt der Staatsanwalt die Vereidigung des gestern verhörten Zeugen K ö n n i ck e, der Hölz bekanntlich sehr schwer belastet hat, besten Glaubwürdigkeit von der Verteidigung aber angezweifelt wird. Rechtsanwalt H e g e w i f ch stellte dagegen den Antrag, den Zeugen Könnicke unbeeidigt zu lasten oder aber die diesbezüglichen Strafakten aus Halle und Witten- b erg heranzuziehen, aus denen hervorgehe, daß dieser Zeuge sich aktiv an einem Teil der Hölz zur Last gelegten Derbrechen b e t e i- ligt habe. Das Gericht beschloß, den Zeugen unbeeidet zu lassen, es beschloß ferner den Antrag der Verteidigung auf Ladung der drei von Hölz bei Eisleben gefangenen Sipo-Beamten ab- zulehnen, da das Gericht es als wahr unterstelle, daß Hölz unnötiges Blutvergießen habe vermeiden wollen. Hölz bittet trotzdem um Ladung dieser Beamten, da ihm vorgeworfen werde, er habe die Sipo-Leute mißhandelt und mit dem Tode bedroht, mäh- rend er umgekehrt alles getan habe, um die Gefangenen vor Miß- Handlungen und dem Tode zu schützen. Rechtsanwalt Hegewisch beantragt sodann eine Ergänzung des Gerichtsbeschlusses dahin- gehend, auch als wahr zu unterstellen, daß Hölz die drei Sipo-Veamken vor Mßhandlungen geschützt habe. Ferner beantragt er, den betreffenden Sipo-Beamten als Zeugen darüber zu vernehmen, daß er die Behauptung aufgestellt habe, Hölz habe einen Mord begangen. Rechtscmw. H e g e w i s ch: Ich möchte hierbei die Behauptung aufstellen, daß durch amtliche Stellen eingewirkt worden ist, auszusagen, daß Hölz sich des versuchten Mordes schuldig gemacht hat. Ich behaupte, daß diese Beschuldigung wider besseres Wissen gemacht worden ist. Staatsanw. Dr. Jäger: Ich bitte, diesem Antrage stattzugeben, damit die Sache aufgeklärt wird. Es handelt sich um den Wacht- meister Franke, der ganz bestimmte Angaben über den Mord gemacht hat. Mit allseitig«?» Einverständnis behält sich da« Gericht die Ve- fchlußfassung über diesen Antrag vor. Hierauf wird in der Zeugenvernehmung fortgefahren und der Landjäger Schipper vernommen. Cr schildert den Besuch einer Hölzschen Bande in der Nebenstelle der Kreissparkasse in Heldra, über den bereits gestern der Zeuge Wittkowski berichtete. Als die Leute den Zeugen im Gebäude sahen, fragten sie, wer er sei. Als sie hörten, er sei Landjäger, hieß es:„D a n n h a st d u d o ch W a f f e n. h e r damit." Der Zeuge gab darauf den Leuten auch seine Dienst- waffen. Ob Hölz sich unter den Leuten befand, weiß der Zeuge nicht. Der-Hilfsprediger Schröder ist von Hölz am 23. März in CIskeben verhaftet worden, als er dort von Magdeburg zum Besuch erschien. Zeuge: Auf der Straße rief plötzlich ein Mann hinter mir her:„Halt!" Als ich stehen blieb und der Mann an mich herantrat, ftagte er mich:„Wie heißt du?" Ich antwortete „Schröder".„Was bist du?" hieß es weiter,„Hilfsprediger", ant- wartete ich. Darauf der Mann: »Du bleibst jetzt hier als Geisel. Für den ersten erschossenen Arbeiter fliegst du über den Haufen. Er beorderte dann zwei bewaffnete Leute, die sich neben mir postier- ten. Auf meine Worte:„Ich bin doch unschuldig", erklärte er: „Schuldig oder nicht schuldig, du gehörst zur Bourgeoisie, die wir jetzt vernichten. Voriges Lahr haben wir geblutet, jetzt müßt ihr bluten." Nach einer Weile fragte er mich:„Weißt du wer ich bin?" Als ich antwortete:„Nein," sagte er:„I ch b i n M a x Hölz. Hast du von ihm schon gehört?"„Jawohl," sagte ich, worauf Hölz meinte:„Eine nette Bekanntschaft, nicht wahr?" Trotzdem glaubte ich nicht, daß es in Wirklichkeit Max Hölz war. Plötzlich sagte einer der umstehenden Leute:„Dort oben steht jemand am Fenster, der will spionleren." hieraus zog Hölz seinen Revolver und gab kaltblütig drei bis vier Schüsse auf das Fenster ab. Hieraus entfernte ich mich langsam und kam bis zur Straßenecke. Da rief es dreimal:„Halt!" und zw ei Schüsse trachten hinter mir her, ohne mich zu treffen. Als ich eben in das Haus meines Schwiegervaters flüchten wollte, packten mich meine Verfolger wieder mit den Worten:„Du Aas, jetzt kratzt du uns nicht wieder aus." Ich wurde in ein Haus in der Samariterstraße gebracht, und kam erst nach langen Vsrhand- lungen wieder frei. Staatsanwalt Jäger: Haben Sie gesehen, wie Hölz auf den Kaufmann Hildebrandt schoß? Zeuge: Jawohl. Irgend jemand aus der Menge sagte zu Hölz:„Du, da steht einer am Fenster." Hölz zog einen Revolver und feuerte drei Schüsse ab, von denen einer durch die Scheibe, zwei in den Sims gingen. Der höchste Zeuge, der Kaufmann Gustav Hildebrandt aus Verlin, der sich zur Zeit der Unruhen in Eisleben aufhielt, schildert, wie er von Hölz verwundet wurde.„Auf dem Marttplatz stand ein Haufen Menschen und Hölz hielt eine Ansprache. Ich wollte sehen, was kommen würde, und ging vor- sichtig an das geschlossene Fenster. Da hörte ich Hölz unten die Worte sägen:„Geht mal einen Augenblick bei Seite." Im nächsten Augenblick krachten zwei Schüsse, von denen mich einer in den Oberarm traf. Vors.: Waren. Sie der Ansicht, daß Hölz auf S i e zielte? Zeuge: Ja. Ein Beisitzer: Weshalb glauben Sie wohl, hat man auf Sie geschossen? Zeuge: Weil ich mich häufig sehr abfällig über die Kommunisten geäußert habe. Hierauf wurde der Schlächtermeister Otto Goethe aus Eis- leben vernommen, der ähnliche Angaben wie der frühere Zeuge macht. Ingenieur Paul Hildebrandt, der Bruder des von Hölz angeschossenen Kaufmanns, war Zeuge, wie Hölz am Breiten Weg eine Ansprache hielt und dabei sagte:„Genossen, es geht aufs Ganze. Frauen und Kinder sind nicht zu schonen. Nehmt, was Ihr kriegen könnt." Der Zeuge erklärt dann weiter, daß Hölz auf seinen, des Zeugen, Kopf 30 000 Mark ausgesetzt habe, weil Hildebrandt bei der Sipo tätig war. Angeklagter Hölz: So viel ist mir der Kopf des Zeugen wahrhaftig nicht wert. Im übrigen habe ich prinzipiell niemals auf die Köpfe meiner Gegner Prämie« ausgesetzt. Oberstadffekrekär August Nehls aus Eisleben gab dann eine ausführliche Schilderung, wie Hölz mit mehreren Männern in seine Wohnung eingedrungen, dort Feuer angelegt und Möbel und Betten zerstört habe. Im ganzen sei ihm ein Schaden von über 26 000 M. entstanden, der ihm nicht ersetzt worden sei. Die Tochter dieses Zeugen schildert den gleichen Norfall. Hölz habe, nachdem er sich gewaltsam Eingang oerschafft habe, gerufen: „Alles raus! Hier wird gebrannt!" Hölz selbst zündete die Gardinen und die Tischdecke an. Als Zeugin mit einem Eimer Wasser kam, um zu löschen, kam Hölz aus dem Schlafzimmer, hielt ihr den Revolver vor die Brust und rief:„Weg hier. Gs- löscht wird nicht, sonst schieße ich!" Später fand die Zeugin beim Saubermachen auch Zündschnüre, mit denen Hölz den Brand angelegt hatte. Inspektor Ost ermann vom Gut Helbra wurde von zwei Bewaffneten festgenommen und dem Aktionsausschutz vorgeführt, wie es hieß auf Anordnung von Hölz. Diesem wurde der Zeuge auch vorgeführt. Hölz erklarte, er, Zeuge, habe binnen zwei Stun» den für den Bcfcher des Gutes von Spielberg 500 000 M. zu be- schaffen. Er stellte Hölz vor, daß das unmöglich fei, da er gar keine Verfügung über die Gelder habe. Auch der Sekretär erklärte sich dazu außerstande. Hölz verlängerte die Frist bis 10 Uhr und er- klärte: das feien alles faule Ausreden, das Geld müsse bis 1 Uhr beschafft sein, sonst würde • das Gulsgebäude gesprengt Als das Geld natürlich um diese Zeit nicht da war, fuhr Hölz in einem Lastauto und einem Personenauto mit einem Trupp Leuten nach Helbra zum Gutsgebäude. Dort wurde geplündert, und Hölz hielt aufreizende Reden an die Menge, er sprach, als die Weinvorräte, Speck und Wurstwaren sowie Kleidungsstücke des Herrn Spielberg aufgeladen wurden, von dem„Schlemmerleben" der Veichen. Die Sachen wurden zur„Sonne" geschafft, das Guts-- gebäude wurde gesprengt und angezündet. Bors.: Hölz, haben Sie selbst di6 Sprengungen gemacht? A n g e k l.: Nein, aber ich habe sie angeordnet. Zeuge Rittergutspächter S p i e l b e r g erhielt schon am Nach- mittag des 23. März eine Warnung, daß er und seine Familie von Hölz verhaftet werden sollte. Cr hat sich deshalb mit seiner Familie in eines der umliegenden Dörfer begeben und dort gehört, daß Hölz am nächsten Tage mit seinen Leuten das Guts- haus durch Sprengung völlig in Trümmer gelegt habe. Vor der Sprengung wurde die Wohnung geplündert. Anzüge, Wäsche usw. geraubt. Durch die Sprengung ist ein Schaden von über eine Million Mark entstanden. Zeuge Pastor Schmidt aus Helbra hörte am Abend des 23. März ein lautes Poltern an der Hoftür und sah als er öffnete zirka 12 schwer bewaffnete Männer stehen. Einer von ihnen sagte: „Wir leben im Kriegszustände. Sie sind ein reicher Mann, wir brauchen eine Million. Wenn Sie uns nicht das Geld.oerschaffen, werden Sie' erschossen." Ich mußte mich sofort anziehen und wurde nach dem Gasthof ge- bracht, wo Hölz jene Drohungen wiederhotte. Am nächsten Morgen wurde ich nach einem anderen Gasthofe gebracht, wo die Verhand- lungen mit meinen Angehörigen, die stets Zutritt hatten, stattfanden. Diese hatten versucht, das Geld inzwischen im Dorfe bei der Volks- dank und Privatpersonen aufzutteiben. Hölz ermäßigte nun seine Forderung auf 200 000 M. Meine Frau erhielt die Erlaubnis, nach E i s l e b e n zu fahren, um dort das Geld aufzutreiben. Als auch dies nicht gelang, wurde ich im Auto nach Hettstedt ge- bracht. Unterwegs mußte ich die 46 000 M. abliefern und wurde später entlassen, nachdem man mir noch gedroht hatte, daß das Pfarrhaus in die Luft gesprengt werden solle. Auf weitere Fragen des Angeklagten erklärt Zeuge noch, daß ihm Hölz mit einem gewissen Triumph von den Sprengungen i» Hettstedt erzählt, dann in großer Erregung etwas über angebliche Mißhandlungen verwundeter Arbeiter gesagt habe. Schließlich sei Hölz auf seine Eltern, seine Jugend und seine frühere Auffassung zu sprechen gekommen und Z�uge hat dabei den Eindruck gewonnen. daß Hölz das was er tue, innerlich wider st redend tue, der aber, wenn, er Blutvergießen für nötig halte, auch dies tun würde. Hierauf folgt die Mittagspause. von Luck, einem Mann von 44 Jahren, der aus Charlottenburg stammt, noch ein 37 Jahre alter Julius S ö n n t ch s e n aus Ton- dern, der sich auch Hans Jäger und Karsten nennt, ein Pferde- Händler Bäck« und ein Kaufmann Adolf M a r k u s s e n, der zuletzt in der Zehringerstratze zu Berlin-Wilmersdorf wohnte. Die Schwindler besitzen Scheckbücher der Hamburger Filiale der Deut- schen Bank mit den Schecks 553 826— 553 250 und der Mitteldeutschen Kredit-Bank in Berlin mit den Nummern 101 676 bis 101 700. Mit einem Teil dieser Schecks haben sie auch in K o p e n- Hägen größere Betrügereien unternommen, die ihnen zum Teil auch gelungen sind. Markussen, der wahrscheinlich auch unter den Namen Dr. Stürmer und Eugen Meschede auftritt, steht auch mit einem gewissen Loengreen in Verbindung, mit dem zu- sammen er einen Berliner Bildhauer um 5000 M. Vorschuß auf den Verkauf eines Kunstwerkes betrogen hat. Da» Kreiskrankenhaus in Reinickendorf ist in den Besitz der Stadtgemeind« Berlin übergegangen. Es können dort nunmehr Berliner Einwohner aus sämtlichen 20 Bezirken ausgenommen und zu den üblichen Sätzen oerpflegt werden. Ein Wasserflugzeug auf dem Wannsee. Seit«inigen Tagen ist auf dem Wannsee in der Nähe des Nordflnahanfts ein Wasserflug- zeug der Deutschen Lust-Neederei staiioimrt, das van nachmittag also für den Zahlungskräftigen nicht mehr notwendig, um die Vor- züge eines Fluges im Wasserflugzeug kennenzulernen. Revolverattentat eines Gemeindedieners. Gestern abend geriet der Schlächtermeister Hermann I e s ch k e aus Neukölln, Donau- straße 19, in Buckow bei Britz mit dem Gemeindediener Pilot aus Buckow in Streitigkeiten. Pilot ging nach Hause, holte sich einen Revolver und feuerte von hinten auf Jeschke, der schwer verletzt zusammenbrach und nach dem Buckower Krankenhaus gebracht wurde. Er verstarb nach einigen Stunden. Der Re- volverheld wurde heute verhaftet und dem Amtsgericht Neu- kölln zugeführt. Protest gegen die Verschleppung der Schulreform. Der Bund entschiedener Schulreformer beruft für Mittwoch, 15. Juni, abcnd-Z VI, Uhr in die Aula des Werncr-Siemens-NealgymnafiumS, Hobenftanfenftr. 47/18 am Unter(intndbahnhos Mktoria-Lulsc-Platz eine öffentliche Versammlung ein. Paul O e st r e i ch und Siegsried K a w e r a u sprechen über das Ne! chsschulgesetz und die Reformpläne sür die höheren Schulen. Jedermann ist. eingeladen. Groß-Serliner parteinachrichten. 44. Abt. Mittwoch, abd» 82. Abt. Steglitz. Mittwi lammlung, sondern Mitgt_____ straf, e 13. Thema: Die Neubisdung der Siering. M.d.L. Soziatdemokrarischer Männerchor Berlin- Mitte. Die n! msßm&xm'. Kerfin, Pankfir. 69. ferne öffentliche Berber Realschule, Flora- Regierung. Referent: Genosse >ste Gesaugsimnde Cchdithtmiec Str. A ?7. Generalversammlung öer Naler. Frankfurt a. M., 13. Juni. Die Generalversammlung wurde heute vormittag vom Verbands- Vorsitzenden S t r e i n e- Hamburg im Volksbildungsheim mit einer längeren Ansprache errsfnet. Von den ausländischen Bruderorgoni- sationen sind Vertreter anwesend aus Dänemark, Schweden, Holland und der Schweiz. Den Allgemeinen Deutschen Ge- werksckiaftsbund vertritt Abg. Wissel!- Berlin, und die Sozialpoli- tische Abteilung des Bundes H e i n k e- Berlin. Die verwandten Berufsorganisationen, Bauarbeiter, Steinsetzer und Dachdecker, haben ebenfalls Vertreter entsandt. Streine bedauerte lebhaft, daß es den oberschlesischen Kollegen unmöglich gemocht worden fei, an dem Vcrbandstag teilzunehmen, und sprach ihnen die Sympathie des Verbandstages aus. Die Grütze der ausländischen Organisationen überbrachte namens der Vertreter des Auslandes D e c i j e s» Amsterdam in herzlichen Worten. Er mahnte dringend zur Einigkeit der Gewerkschafken. M i e s b a ch- Frankfurt a. M. begrüßte den Vcrbandstag namens der Frankfurter Gewerkschaften. Der Verbandstag konstituierte sich sodann. Ms Vorsitzende wur- den Streine und A u t h- Frankfurt a. M. bestimmt. Den Bericht des Verbands vor st andes für die beiden letzten Jahre erstattete Streine. Bei Beurteilung der Tätigkeit des Verbandes, sagte Streine, müsse man sich darüber klar sein, dah diese beeinflußt werde von den jeweilig herrschenden Wirtschaft- l i ch e n Verhältnissen. Die Hauptaufgabe des Verbandes wäre es gewesen, die Löhne in Einklang mit den gesteigerten Lebensverhält- nisten zu bringen. Durch die auf zentraler'Grundlage gcführ'en Lohnbewegungen sei es gelungen, die �Löhne der Kollegen ganz wesentlich zu verbessern. Di? Entwicklung des Verbandes sei eine erfreuliche. Er zählte Ende 1320 54 181 Mitglieder. Sobald die Konjunktur wieder anzieht, ist mit einem weiteren Fortschritt zu rechnen. Die Bestrebungen auf S o z i a l i s i e r u n g im Bau- gewerbe hat der Vorstand unterstützt: die Organisation ist an dem Verband der sozialen Baubetriebe beteiligt..Zum Schluß seiner Aus- führungen ging Streine auch auf die verschiedenen Strömungen in der Arbeiterbewegung ein, von denen der Malerverband ebenfalls nicht verschont worden sei. Der Beirat habe gegen 3 Stimmen derartige Bestrebungen, die ayf eine Zersplitterung der Ge- werklchäften hinausgehen, verurteilt. Den Kastenbericht gab H e i r i ch- Homburg. Cr besprach ein- gehend die Mügliederbewegung und die Finanzverhältnisse des Vcr- bandes.'die als gut bezeichnet werden können. Für die Schrift- leitung des„Verein s-Anzeigers" berichtete Redakteur Mark- Hamburg. Die Schriftleitung fei bemüht gewesen, das Ver- bandsorgan in dem Sinne zu redigieren, wie es der letzte Verbands- tag beschlosten habe. Er betonte, an der unbedingten Rot- wendigkeit der Geschlossenheit der Gewerkschaf- t e n dürfe kein Arbeiter mehr zweifeln. Es fei das Gebot der Stunde, für dieses Ziel einzutreten und alle Bestrebungen zu bekämpfe», die ihm entgegenarbeiten. R e m m a- Hannover gab den Bericht des Verbandsausschusses, der die gegen den Vorstand erHobe- nen Beschwerden besprach. An die Berichte schloß sich eine längere eingehende Diskussionn, über die wir zusammenfassend berichten werden. . 1 Z.GeneralversammlungserGlKsarbeite? Weihwasser O.-B.. 12. Juni 1921. Erster Verhaadlungstag. Im festlich geschmückten Saal des Schützenhauses wurde die Tagung um 11 Uhr mit herzlichen Begrüßungsworten pom Gau- leiter W u ß m a n n eröffnet. Er streifte kurz den Werdegang Weihwassers vom kleinen Heidedorf zum größten Glasinduftr.ieort der Welt. Im weiteren zeichnete er den Entwicklungsgang der Zahlstelle aus kleinsten Anfängen zur größten Zahlstelle Deutschlands. Ferner teilte er mit, daß in Weißwoster alle in der Industrie beschäftigten Kollegen und Kolleginnen restlos- im Zentralverband organisiert sind. Er begrüßte die erschienenen Delegierten im Namen der Zahlstelle aufs herzlichste und hieh ganz besonders die zahlreich er- schienenen ausländischen Vertreter aufs herzlichste willkommen. Im Namen des Haupworstandes begrüßte der Vorsitzende Girbig die Erschienenen. Zu Vorsitzenden des Verbandstagcs wurden mit gleichen Rechten Girbig-Berlin und Lehmann-Weihwasser gewählt. Nach kurzer Geschäftsordnungsdebatte wurden die Schriftführer, die Mondatprüfungstommission und die Statutcnberatungskommission gewählt. Eine längere Aussprache setzte bei Beratung der Tages- ö Innung ein. Deantragt war, den Punkt 8: Moskau oder Amster- dam, von der Tagesordnung abzusetzen. Gauleiter D i r s ch e l er- klärte, dah die Besprechung dieses Punktes im Interesse der Organi- sation sei: darauf wurde gegen wenige Stimmen beschlossen, dieses Thema mit zur Verhandlung zuzulassen. Von den auswärkigen Vertretern sprach der internationale Sekretär Delzant-Paris. Er überbrachte die brüderlichen Grüße der ausländischen Kollegen. Sie seien zur Tagung gekommen, um vergessen zu machen, dah der Kopitalismus Grenzpfähle zwischen den einzelnen Völkern gefetzt habe. Alsdann sprach im Nomen der deutschen Glasarbeiterorgani- sation der Tschechoslowakei H. Neuman n-Tannwald. Redner erinnerte an das einige Zusammenarbeiten der deutschen mit der deutschösterreichischen Organisation. Im weiteren wies Redner dar- aus hin, daß die ganz« internationale Glasarbeiterschaft auf die Be- schlösse dieses Verbandstages blicke, da dieselben auch für sie Gel- tung haben werden. Der Vertreter der tschechischen Glasarbeiter- organisation Kollege Viktoria- Töplitz wünscht ebenfalls der Tagung besten Erfolg. Die Delegierten mühten den Weg zur Einigkeit der Arbeiterschaft finden, um die Gewerkschaftsbewegung fest und geschlosten zu erhalten. Der Vorsitzende Girbig weist. auf die immer frecher austretende Reaktion hin und kennzeichnet in schärfsten Worten deren Anschläge. Die von einem Münchsner Delegierten begründete Resolution über die Ermordung des Genossen Gar eis wurde einstimmig ange- nommen und der Münchener Arbeiterschaft ein Beileidstelegramm übersandt. Die Entschließung lautet: „Die Konterrevolution, die Organisation des weißen Schreckens, tritt mit jedem Tage offener uns brutaler hervor. Zu all den ungesühnten Morden an den Bcraetern der Ardesterklasse reiht sich ein neuer. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag ist in Mün. chen der unabhängige Landll.gsabgeordnete Gareis von einem An- Hänger der Kahr-Rcgierung niedergeknallt worden. Immer offener und" bewußter geht dieses Mordgesindel zum Kampfe gegen die Arbeiterklasse vor. Diesem osfcncn Kampf der organisierten Mörderbande muß buTch die klassenbewußte Arbeiterschaft be- gegnet werden. Die Gencrnloersammlung der Glasarbeiter Deutschlands spricht den Angehörigen des Ermordeten ihr tiefstes Beileid aus und gelobt, der Arbeiterklasse in ihrem Kampfe gegen den weißen Schrecken die vollste Unterstützung zu gewähren." Nach der Mittagspause gab Girbig einen Bericht über die Forderungen der Taselglasmacher und über den gefällten Schicds- sprach. Redner empfiehlt, wenn in Zukunft Lohnkämpfe geführt werden müssen, dann mit kühler, ruhiger Ueberlegung den Kampf mit dem Unternehmertum dieser Branche zu führen. Nur dann werden die Taselglasmacher erreichen, daß sie ihrer schweren Ar- best entsprechend bezahlt werden.— Grünzel(Hauptoorstand) warf die Frage auf, wenn die Arbeitgeber aussperren, ob dann in den Betrieben, die nicht aussperren, die Arbeit weiter gestattet werden soll. In der weitere» Debatte wurde über Annahme oder Ablehnung des Schiedsspruches zum Teil heftig gekämpft, da in dem Schieds- spruch verschiedene Verschlechterungen gegen die heutigen Arbeits- bcdingungen enthalten sind. Ein Berliner Delegierter forderte, daß, wenn die Tafelglasmacher ausgesperrt werden, der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund mit seinem Millionenbestand all Mit- gliedern eingreifen solle. Auch die Forderung auf , Sozialisierung der Glashütten wurde gestellt und begründet. Nachdem 12 Delegierte zu der Sache gesprochen und Girbig im Schlußwort gegen die Ansicht auftrat, daß der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund zur Kostentragung für den Kampf der Glasarbeiter herangezogen werden könne, wurde die Debatte durch einstimmige Annahme folgender Ent- schließung beendet: „Der Verbandstag des Zentraloerbandes der Glasarbeiter Deutschlands spricht den Tafelglasmachern in dem ihnen drohenden aufgedrungenen Kampfe feine volle Sympathie aus. Der Ver- bandstag oerlangt von den Tofrlglasindustriellen, daß sie den Schiedsspruch des Reichsarbeitsministeriums vom 27. Mai d. I. anerkennen. Die Arbeiter und deren Organisation haben diesen Schiedsspruch nicht nur anerkannt, fondern von vornherein erklärt, daß sie dem Schiedsspruch zustimmen würden. Sollten die In- dustriellen trotz des Schiedsspruchs wagen, die Arbeiter in der Tafelglasindustrie auszusperren, so erklärt die Generalversamm« lung, die kämpfenden Taselglasmacher mit allen zu Gebote stehen- den Mitteln zu unterstützen" Darauf wurden die Verhandlungen auf Montag früh vertagt. GsWö�schostsbeWLgurlg Einigung der Bankbeamten. Im Lager der gewerkschaftlich organisierten Bankbeamtenbewe» gung hatte sich im Herbst 1920«ine Spaltung vollzogen, die weit über den Kreis der Bankbeamten' hinaus von allen organisierten Privatangestellten lebhast beklagt wird. Der Vorstand des Afa- Bundes hat sich deshalb bemüht, Einigungsverhandlungen zwischen dem Allgemeinen Verband der Deutschen Bänkangestellten und dem Reichsverband der Deutschen Bankangestellten in die Wege zu leiten. Am Sonntag, den 12. Juni, traten Vorstandsdele- gationen der beiden Bankbeamtenverbände zusammen, um unter dem Vorsitz Aufhäuser-Süß vom Afa-Bund die Vorgänge, die zur Spaltung geführt hatten, eingehend zu erörtern und die Möglich- leiten einer Einigung zu prüfen. Nach neunstündigen Beratungen unterbreiteten die Vorsitzenden den beiderseitigen Derbandsvertre- tungen einen Verschmelzungsvorschlag, zu dem nun- mehr die Zentralvorstände des Allgemeinen Verbandes und des Rcichsverbandes Stellung nehmen werden, um Ende Juni wiederum zu weiteren Beratungen zusammenzutreten und alsdann den betei- ligten Mitgliedschaften eine Vorlage zur Entscheidung zu unter- breiten._ Tarifv erhandlun g en in der Möbelbranche. Der Zentralverband der Angestellten schreibt uns: Nach dem Ablauf des alten Tarifverttages sür den Möbelhandel scheiterte das Zustandekommen eines neuen Tarifvertrages für die Branche an der LerfchleppUngstattit der Arbeitgeber. Wir haben deshalb anläßlich verschiedener Streitfälle mehrere obsiegende Urteil« des Echlichtungsousschusies erzielt, die die jeweils beklagten Möbelfirmen verpflichten, ihre Angestellten nach dem für den Ein- zelhandel Groß-Berlins geltenden Tarifvertrag zu enttohnen. Bei einer letzthin stattgefundenen Verhandlung vor dem D e m o b i l- machungskommiffar erschienen neben dem Vertreter der Geklagten Firma drei Vorstandsmitglieder des Deutschen Möbel- Fachoerbandes, welche vergeblich oersuchten, dem Demobilmachungs- kommissar einzureden, daß der Möbelhandel nicht zum Ein- zelhandel aehört. Sie gaben daraufhin die Erklärung ab, daß der Deutsche Möbelfachverband bereit sei, bis zum 2 5. Juni einen neuen Tarifvertrag mit uns zu tötigen, wobei unsererseits betont wurde, daß die Gehaltssätze nur unter Zugrunde- legunq des Einzelbandelstarifes festgelegt werden können. Wir bitten unsere Kollegenschaft, dafür zu sorgen, daß die von uns geführte Bewegung von sämtlichen Angestellten des Möbel- Handels unterstützt wird. Keine andere Organisation bat in der Zwischenzeit für die Angestellten des Möbekhandels auch nur einen Finger gerührt, sondern die Arbeit dem Zentraloerband der Angestellten überlassen. Deswegen ist es notwendig, daß die Angestellten des Möbekhandels klar erkennen, daßnurderZen- traloerband der Ange st eilten ihre Interessen vertritt. gentraloerdand bct«»gest-Men. Stifenllcinfianbel MitaNtberversammlung Mitiwoch 8 Uhr in Havellands Fellsälen, Neue Friebrichstraße 35. Deutsch« Fllmgewerkschaft. Donnerstag, den 18. Juni d. I, adds. 5>/, Uhr, Im Burea», Eharlolienstrabc 8. Versammlung der Fachgruppe Photographen und Fabriiatlonsardeiter. Mitgliedsbuch ist»ortuzeigen. not» Be» de» An- WLetstholfi kapitalistische Wirtfthastsanarchie. Die landwirtschaftlichen Anbauflächen hungern nach Kali. Die Landwirtschaft könnte unendlich mehr Lebensmittel erzeugen und die deutsche Republik viel unabhängiger von der belastenden Lebensmitteleinfuhr machen, wenn die Kali preise noch erschwing- lich wären. Nicht daß wir nicht genug Kali hätten— im Gegenteil, wir ersticken im Kaliüberfluß. Zehntausende von Kali- arbeitern machen Feierschichten, Zehntausende feiern ganz und ver- fallen der Arbeitslosenunterstützung. Der Auslandsabsatz an Kali stockt ganz, der Inlandsverbrauch ist stark zurückgegangen. Den ■ Arbeitern wurde durch Schiedsspruch im Herbst eine bescheiden« ! Lohnerhöhung zugebilligt, die bis heute noch nicht zur Aus- Zahlung kam, obwohl die Kalipreise inzwischen um 35 Proz, und als diese die Kaliinteressenten nicht befriedigte, um 59— 55 Proz. erhöht wurden, während die Werksbesstzer 79 Proz. forderten. Die 'Löhne sind also nicht schuld an den hohen Preisen, und die hohen Preise nützen den Unternehmern nichts, weil sie den Absatz unmöglich machen. Und was das Verrückteste ist, die hohen Preise und der Absatzmangel rühren daher, daß wir viel zu viel Kalischächte und Kaliwerke haben. Der vierte Teil der heute betriebenen Werke könnte viel mehr, und vor allem viel billigeres Kali liefern, als heute die Ge- samtheit der betriebenen Werke. Obwohl wir für die heute wendige Kalimcnge über 199 Schächte zu viel im trieb haben, sind noch 54 Schächte im Abteufen griffen und erhoffen eine Beteiligungsquote. Eine große zahl der betriebenen Werke könnte das Sechs- bis Acht- fache der ihnen zugewiesenen Beteiligungsquote produzieren. Sie müssen heute aber die kostspielige Betriebsmaschinerie fast leer laufen lassen, während zahlreiche neue Schächte abgeteuft werden. Und die Derbraucher zahlen die ungeheure Zeche eines an Wahn- sinn grenzenden Wirtschaftssystems, dessen Nutznießer jedoch jede gemeinwirtschaftliche Maßnohme als Sozialisierungsexperiment wütend befehden. Was zur Gesundung der Kaliindustrie notwendig ist, ist die unbarmherzige Stillegung überflüssiger, aus spekulativen Motiven erbauter Werke, und zwar die Stillegung ohne den Entschädigungshunger der Spekulanten zu befriedigen. Denn wir haben feit mehr als 29 Iahren viel zu viel Kaliwerke, aber di� Spekulanten ließen sich auch durch die Kaligesetze seit 1919 nicht abhalten, Voltsvermögen in nutzlosen Anlagen zu oerpuffen und Arbeiter an sich zu fesseln, die bei Ucber» Produktion auf die Straße gesetzt werden. Ihre Pläne liefen min- bestens im letzten Jahrzehnt auf die Schröpfung der Verbraucher hinaus. Darf man da erwarten, dah diese eine ungeheure Ent- schädigungslast auf sich nehmen sollen? Die Kaliinteressenten sehen selbst ein, daß es so wie bisher nicht weiter geht. Sie sind erbötig, 39 Werte frei- willig stillzulegen, um der notwendigen Zwangs- stillegung zuvorzukommen. Aber, nun kommt der Pferdefuß, den stillgelegten Werken soll das Recht gegeben werden, ihre Beteiligungsquote auf 39 Jahre abzutreten. Mit anderen Worten: die bankerotten Werke sollen das Recht haben, aus 39 Jahre denselben Nutzen aus dem Fettops der Volks- gemeinschaft zu ziehen, wie die produzierenden Werke. Als ob wir nicht schon hinreichend unproduktive Kostgänger hättenl Der durch eigene Schuld verkrachte Spekulant soll aus 39 Jahre hinaus ein erkleckliches Profitchen ziehen dürfen aus der Uebertragung der Beteiligungsquote. Dos wäre vollendeter Wahnsinn. Wenn auf irgendeinem wirtschaftspolstischen Gebiet, so wäre hier der gemeinsame Widerstaich der Landwirte und der Arbeiter» schaft geboten. Aber die Nutznießer sitzen in allen bürger- lichen Parteien und machen sie mobil gegen jeden vernünsti- gen Sozialisierungsgedanken. Zu den Rechtsparteien laufen viele Fäden aus dem Kalisyndikat, und das Zentrum wird von Herrn R e ch b e r g, die Demokraten von Herrn Gchcimrat K e m p n e r an der Strippe geHallen, dierdeit die sozialistischen Parteien ihre Kräfte verzehren im gegenseitigen Kampfe. Uebrigens: Das Geschrei im bürgerlichen Lager wollten wir hören, wenn ein sozialisierter Industriezweig in seinen Wirtschaftsergebnissen auch nur einen winzigen Bruchteil de» Fias» kos herbeigeführt hätte, wie hier ein hochkapitalistischer. Unbe- schadet des Geschreis der Spekulanten aber gibt es in der Kali- industrie kein anderes Heilmittel als die Sozia- lisierung. Selbst auf die Gefahr hin, daß sie ihre Drohung wahrmachen und nach dem Elsaß und stach Spanien auswandern, wenn die Sozialisierung kommt..— ist. Ms aller Velt. Sin Vatermörder. In Lippe bei Marl(Westfalens hat am Sonntag der 15 Jahre alte Hubert Schild seinen ööjäbrigen Vater mit einem Jagdgewehr erschossen. Der Sohn bat diese Tat mit voller Ueberlegung begangen: er war wegen seines Hange« zum Schlechten von seinem Vater streng überwacht und behandelt worden. lodessstirz eines englischen Flieger,. Der englische Flieger Drecnwood ist in Buenos- Aires mit zwei Passagieren abgestürzt. Alle drei Personen waren tot. Ria in die Ferienkolonie! Wie Hava« au« Washington meldet, hat H a r d i n g alle ameriianislben Bürger aufgefordert, während de« Sommer« ins militärische Bürgerlager zu geben, wenn e« ihnen möglich sei; er hoffe, daß ein ausgedehntes System zustande komme, durch da« mindesten» 199 099 Mann im Jahr ausgebildet werden. Nutxeisen Stabelsen, Bleche, T-Träger, U-tisen, Rehre, Ketten, lagerbdehe. Riemenecheiben, FuSsianzen usw. in versehied. Dimensionen haben abzugeben Nutzeisenabteiiung, Bln.-Neukölln Weserstr. U5,'3U— Tel. Ncult. 4170 cdhn& BORmmm Zentrale: Liicbtenburg, Rittergu'.str. 47/48 Telegr.-Adresse„Eucobor". Tel. 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