ITt.314 ♦ ZS.�ahrgaag Ausgabe B Nr. ISS Bezugspreis» SiftteI)(U)rLSO,— Sl» mmtatt»(V— Sit frei in» Laus, ootou» zahlbar. Postbezug I Monatlich 10� M. einfchttzu- slellungsgebuhr. Unter itreuzdand flir Deutfchwnd. Danzig, da» Saar- und Mcmelgebiet, sowie die ehemal» dem- schen Gebiete Polen», vesterreich. Ungarn und Suxernbura Ah— Sit. für da» übrige Ausland 27,— St Poir» bestellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Zschccho. Elowalet. Däne- marh Holland, Luremburg, Schweden und die Schweiz, Der.Porwärts" mit der Sonntag»- beilage.Volk und Fett�, der Unter- Haltung, deilage �ermwelt� und der Beilag«.Siedlung und Kleingarten' erscheint wochentäglich zweimal, Sonn- tag» und Montag» einmal. Del egramm- Adresse: .Zozlakdemotrat Verl Verl»«» Abend Ausgabe Vevlinev Volksblstt �Zvpksnnig� AuzeigeupretS, Di, achtgelpallene»onparelllezeil, koket WV St �Ulatn» WnzrtgcD' da» fettgebnnft» Wo« IchO St(zu- lässig zwei settgedruckte Wort-I. lebe« weitere Wort t— St Elellengeluch. and Schlasstellenanzelgen da« erst, Wo« ly— SU sede, wettere Won »0 Pfg. W°«e üb« l» Buchstaben zählen für zwei Wort«. ffamilien-An. zeigen für Abonnenten geile S.— M »U Preis« verstehen sich-inschllehli-t Teuerungszuschlag, »nzetgen Mr die nächst» Nummei müssen bi» S Ahr nachmittag» lm hauptgeschält. Berlin SW«S. Linden. ltraste S, abgegeben werden. Deöffne, von» Uhr jrllh bi» 6 Uhr abend». Zentralorgan der rozlaldemokratifcben Partei Deutfchlands Reüaktion und Expedition: SV b8, Lindenstr. Z Qr+rnttomltor' Rcdattw» Mortbplat» XSlHö— 97 lycmiyrgozcr- Expedition Moritzvlat, 11753—54 Mittwoch, de« 6. Juli 19�1 vorwärts-verlag G.m.b.H., SV HS, Lindenstr. 3 S(cmflirceEiev ♦ Verlag, lkxpeditivn und Inseraten. nimiyrcofn. Aptetlung Moriqplatz 11753-54 Groß-Serlin un« Der drohende Konflikt zwischen dem Magistrat von Groß- Berlin und den städtischen Arbeitern und Angestellten muß in letzter Stunde noch beigelegt werden, wenn nicht der Stadt- gemeinde und der Arbeiterschaft schwerer Schaden entstehen soll. Kämpfe dieser Art stehen schon jenseits der Klassenkämpfe, denn sie werden nicht ausgetragen zwischen Arbeit und Kapital, sondern zwischen Arbeit und Arbeit. Auf der einen Seite steht die Vertretung der Ge- samtbevälkeruna von Groß-Berlin, auf der anderen die ge- werkschaftliche Organisation der städtischen Arbeiter und An- gestellten. Diese beiden sollen sich nicht miteinander schlagen, sondern miteinander vertragen. Von den Arbeitern und Angestellten ist Verständnis dafür zu verlangen, daß der Magistrat nicht jede Forderung un- besehen bewilligen kann. Das würde den Ruin der Gemeinde zur Folge haben und das System einer sozialistischen Stadt- Verwaltung auf demokratischer Grundlage ad absurdum führen. Der Magistrat aber muß die Kunst erlernen, mit seinen Arbeitern und Angestellten in einer Art und Weise zu ver- kehren, die nicht an die Gepflogenheiten kapitalistischer Macht- Haber erinnert. Ein Einlenken gegenüber begründeten Forde- rungen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft, die Be- kundung des ehrlichen Willens, einen Weg der Berstän- d i g u n g zu beschreiten, ist seinem Ansehen und der Aufrecht- erhaltung einer gesunden Gemeindewirtschaft nicht abträglich, was auch anderes von anderer Seite gesagt werden mag. W?nn sich tue gesamte organisierte Arbeiterschaft mit den streikenden Gutsarbeitern solidarisch erklärt, so ist das ein Vor- gaNg, der von feiten des Magistrats volle Beachtung und Wür- digung verdient: es ist damit eine Warnung gegeben, die er nicht in den Wind schlagen darf. Die besinnungslosen Scharfmacher'von rechts und links möchten freilich am liebsten den Kampf in voller Schärfe ent- brennen sehen., Die Reaktion erhofft von einem Streit der städtischen Arbeiter eine erhebliche Verbesserung ihrer Aus- sichten bei den bevor st ehenden Gemeindewahlen. Die Kommunisten aber glauben gleichfalls ihre Parteigeschäste besorgen zu können, indem sie die städtischen Arbeiter in schärf- sten Gegensatz zur demokratisch verwalteten Stadtgemeinde Verlin und ihrer sozialistischen Mehrheit Hetzen. Der Magistrat !> i ,1�1 IV— Die neuen Steuern. Zm Zteparaklonsausschuß de« Reichswirtschaflsrats leMe heute Reichskanzler Dr. wirth über den Gejamtdeckungsplan der Reich«. regierung mit: Die direkten und indirekten Steuern halten sich etwa die Wage. Als wesentliche neue direkte Steuer ist eine Veredelung des Reich»votopfer» vorgesehen, die etwa einer Umwandlung in eine ständige Vermögenssteuer entspräche. Der Reichskanzler erwartet vom Reichswirtjchafisrat einen Ausbau und eine Erweite- rnng diese» Rahmen», insbesondere eine Klärung der Frage einer Beteiligung de» Reiche» an den R e a l werten und der Gestaltung der Sohlensteuer, ohne welche Maßnahmen da» Deckungsproblem nicht restlos gelöst werden kann. Zn der anschließenden Erörterung wurde die Mitarbeit de» Reichsrvirtschastsrate» bereitwillig zur Verfügung gestellt. Wirth über üie Sanktionen. vüstekdorf. 6. Juli.(WTB.) Dem Berliner Vertreter der .Düsseldorfer Nachrichten* sagte Reichskanzler Wirth zu den Aus- lasiungen der französischen Presse über eine nur stückweise AufhebuiP der Sanktionen:„Ich habe seit der Uebernahme meines Amtes immer und immer wieder betont, daß nach meiner Auffassung heute Politik machen heißt, praktische Arbeit leisten, um zu einer Verständigung zu kommen. Bei dieser Arbeit aber stößt man ständig auf die Schwierigkeiten, die einzig und allein durch die Sanktionen hervorgerufen werden. Das ist um so schmerzlicher, als wir mit dem Ultimatum finanzielle Berpstichtungen übernommen haben, die wir nur dann erfüllen können, wenn wir wirtschaftlich freie Bahn haben. Bon der ersten Milliarde Goldmark ist auf den 31. August ein großer Teil noch zu decken. Wie sollen wir diese Summe ausbringen, wenn uns gerade in den wichtigsten deutschen Wirtschaftsgebieten derartige Fesseln angelegt werden? Das Loch im Westen ist wieder offen. Auslandswaren kommen herein, die doch auch wieder mit den von uns selbst so sehr benötigten Devisen bezahlt werden müssen. Die Banken im besetzten Gebiet sind für unsere Kontrolle nicht erreich- bar usw. Als wir die Berpflichtung übernahmen, das Ultimatum zu erfüllen, da hätte man uns freie chand geben müssen. Dies wäre ein machwoller Impuls für da» deutsche Bolk gewesen, seine Leistungsfähigkeit auf das äußerste zu steigern. Di« Zurückziehung der Sankkiouen hätte die deutsche Demokratie gestützt, statt dessen drohen sich die Sanktionen auch heute noch wie ein Mehltau über alles zu legen, was an neuen Trieben des deut» schen Wiederaufbaues vorhanden ist. Die Sanktionen erschweren ) seine Arbeiter. ist aber nicht dazu da, die Geschäfte dieser Extremisten von rechts und links zu besorgen. Darum sei hier die Hoffnung ausgesprochen, daß die Ein- ficht siegen und der offene Kampf vermieden werden wird. « Die Streiklage hat bis jetzt keine wesentliche Aenderuna er- ahren. Entgegen der gestrigen Mitteilung des Berliner Magistrats ei festgestellt, daß auf allen Gütern die wichtigsten Not- tandsarbeiten durchgeführt werden. Die Streikenden hiellen heute morgen überall Betriebsver- s a m m l u n g e n ab, in denen sie zu dem Ultimatum des Magistrats Stellung nahmen. Irgendwelchen Einfluß auf die Kampfstimmung der Güterarbeiter hat die für heute angedrohte Kündigung nicht ausgeübt. Die Streikenden sind nach wie vor entschlossen, sich durch nichts einschüchtern zu lassen und den Kampf um ihre Forderungen durchzuführen. In den übrigen städtischen Betrieben ist die gestern abend be- schlossene Urabstimmung im Gange. Das Resultat der Ab- stimmung selbst ist nicht vor morgen mittag zu erwarten, da die Nachtarbeiter erst in der kommenden Nncht abstimmen werden. Die Auffassungen über das Ergebnis der Abstimmung sind sehr geteilt. Man glaubt, daß die notwendige Zweidrittelmehrheit nicht erreicht wird und hofft im übrigen, daß es möglich wird, zu einer Eini- gung zu kommen. In der morgigen Stadtverordnetenversammlung wird man sich abermals mit dein Güterarbeiterstreik zu beschäftigen haben, da die Kommunisten beabsichtigen, eine neue Intervcl- lation einzubringen, die die Stadtverordnetenevrsammlung veranlassen soll, entgegen den Beschlüssen des Ausschusses die materiellen Forde- rungen der Streikenden zu bewilligen. Der Magistrat bereitet einen Aufruf vor, in dem er kurz die Situation schildert, um auf die G e f a hr e n aufmerksam zu machen, die durch einen Streik der städtischen Arbeiterfchaft der Allgemein- heit entstehen. Bei Redaktionsschluß lag dieser Magistratsauftus noch nicht vor. Der Magistrat hat soeben eine kommlsfion gewählt, die beauftragt ist. wegen der Lieferung von Deputaten auf den slädischen Gütern an die höhere« und mittleren Beamten, Angestellten und Arbeitern genaue Erhebungen anzustellen, die Beschwerden über ungleiche Lieferung von Deputaten zu prüfen und wegen der Rege- lung verhaudlungea mit den Beteiligten anzuknüpfen. >>......."■ ii i-iJ- jj—- jede Arbeit der Regierung, sie sind geradezu eine Sabotage von außen her. Die Rheinzollinie ist ein wirtschaftlicher Unsinn. Wir haben/' so schloß Wirth,„entwaffnet, wir setzen unsere äußerste Kraft an die Bezahlung unserer Reparationsoerpflichtungen; gibt es einen einzigen vernünftigen Grund, die Sanktionen, und zwar nicht nur in ihrem handelspolitischen Teil, sondern vor allem die Besetzung Düsseldorfs und Duisburg-Ruhrorts aufrechtzuerhalten?" Die Grientkrife. So einfach, wie man es sich gedacht hat: Frankreich pfeift seine Polen und England die Griechen zurück, geht es scheinbar nicht. Die türkische Sache ist im Rollen, England ist schwer besorgt um Kon- stantinopel und man versucht, Rumänien aufzubieten, wozu auch die angebliche bolschewistische Mobilisierung, an die wir nicht glauben, dienen soll. Pari». 8. Juli.(CEE.) Aus Konstantinopel wird gemeldet: Die Kemalisten haben fast die ganz« Halbinsel Ismid besetzt und mehrere Truppenabteilunaen sind in die neutrale Zone eingedrungen und nähern sich Konstantinopel. Die Züge können nicht mehr von Konstantinopel nach Pendik gehen. In Konstantinopel wird lebhaft der Plan erörtert, daß Rumänien zur Verteidigung der türtischen Hauptstadt Truppen stellen solle. Die Angoravertreter in Paris wurden von Briand empfangen. Im französischen Hauptausschuh hat eine geringe Mehrheit durch Ab- striche an den Kosten gegen eine ewige Fortdauer der französischen Okkupation in Zilizien und Syrien demonstriert. London. 8. Juli.(EE.)„Daily Mail" meldet: Die offizielle Ansicht geht dahin, daß Konstantinopel in den Händen der Alliierten bleiben müsse, um, gemäß den Bestimmungen von Sevres, die freie Schiffahrt in den Meerengen zu garantieren und zu verhindern, daß sich die Türken mit Bulgarien oerbinden, das selbst Absichten auf Thrazien hat. Um jeder möglichen Aktion der Bulgaren entgegentreten zu können, haben, wie eine offizielle englische Mitteilung besagt, Italien, Rumänien, die Tschechoslowakei und Jugoslawien einen Bündnisvertrag(die kleine Entente, die in erster Linie gegen eine Wiederkehr der Habsburger gerichtet sein sollte) unterzeichnet. Die alliierten Streitkräfte in Konstantinopel betragen 10 000 Engländer und 5000 Franzosen. Rumänien soll 15 000 Mann angeboten haben. Aufruhr iu Nordperfien. London, 8. Juli.(EE.) Die„Daily Mail" meldet aus Teheran: Der Aufruhr in Nordpersien breitet sich immer weiter aus. Der Leiter de» Aufruhrs ist Prinz Mazendarau. Er wünscht, daß die türtenfteundlllhen Elemente mit den Revolutionären zusammen arbeiten, die Astrabad bedrohen. Der ganze Aufruhr steht zweifellos in Zusammenhang mit der Agitation des Sowjetgesandten Rotstein. Auch in R ordindien hat es wieder Scharmützel gegeben. Ein Ankläger seiner Partei. In der„Tägl. Rundschau" veröffentlicht der Führer der preußischen Landtagsfraktion der Deutschen Volkspartei, Herr Dr. v. Campe, einen Artikel, der in Ton und Tendenz sehr weit von dem abweicht, was man sonst in den Spalten dieses Blattes zu lesen gewohnt ist. Wer Dr. v. Campe per- sönlich kennt, weiß, daß er kein Dutzendpolitiker, sondern ein Mann von feinerer geistiger Struktur ist. Eben daraus wird es erklärlich, daß feine Ausführungen ihn in scharfen Gegensatz zu der gewohnten groben Agitationsmethode der Deutschen Volkspartei bringen. Herr v. Campe sucht sich mit Demokratie und Parlamentarismus abzu- finden und auszusöhnen. Freilich übt er zunächst Kritik an beiden, indem er schreibt: Demokratie und Parlamentarismus sollten die Allheilmittel sein. In beiden liegen Kräfte. Wir wissen sie nicht zu nutzen. Wir sind einmal ein unpolitisches Volk— selbst für eine Revolution zu dumm. So sagte ein Russe 1848. 1918 gab ihm recht. Wir schufen eine Demokratie.... Innerlich haben wir uns sie nichtangeeignet.... Freie Hingabe des freien Mannes— diese vornehmste Frucht der Demokratie, sie blieb aus. Der begeistertste Demokrat wird das anerkennen. Wir erkennen an. daß dies eine Art Kritik ist, mit der man sich vernünftig auseinandersetzen kann, wir erkennen auch an, daß sie einen berechtigten Kern enthält. Es ist in der Tat bis heute nicht gelungen, der Form der Demokratie ihren vollen Inhalt zu geben. Das hat zwei Gründe: einmal, weil der linke Flügel der A r b e i t e r s ch a f t die Demokratie alsbald nach ihrer Errichtung im Stiche ließ. Sodann aber, weil gerade dem deutschen Bürgertum der von Herrn v. Campe gepriesene Gedanke der Demokratie„freie Hingabe des freien Mannes." nach seiner jahrzehntelangen politischen Erziehung meilenfern liegt. Das deutsche Bürgertum ist seit den Tagen der Konfliktszeit politisch in die tieffte Knechtseligkeit versunken und kann auch heute im wesentlichen keine andere Politik treiben, als sich dem an den Hals werfen, den es gerade für den stärksten hält. Aber auch Herrn v. Campe reichen die sicher bestehenden heutigen Mängel nicht aus, um die jetzige Staatsjorm zu verwerfen. Er betont vielmehr: Warum ich das sage? Wahrlich nicht um zu mäteln. Demo- kratte wird die Grundlage vnseres Staates fein— oder wir werden nicht mehr sein. Und im Rahmen des Parlamentarismus wird sich unser politische» Leben abspielen oder wir werden uns bis zur völligen Ohnmacht zerfleischen. Rur wer sich aus diesen Boden stellt, kann heute aufbauen. Realpolitik fordert das. Ideologen gehören nicht in» polltische Leben. Loyal gilt es diesen Standpunkt zu ver- treten. Ob Herr v. Campe sich bewußt ist, daß er damit 9 0 P r o- zent seiner eigenen Parteigenossen die Be- rechtigung abspricht, sich ins politische Leben zu stellen? Denn die erdrückende Mehrheit der Deutschen Volkspartei gehört zu jenen„Ideologen", die den klaren Standpunkt des Herrn v. Campe nicht erfassen, sie jubelte seinerzeit mit stürmischer Begeisterung einem Kapp zu, der Demo- kratie und Parlamentarismus auslöschen und damit die „völlige Zerfleischung bis zur Ohnmacht" anbahnen wollte. Herr v. Campe verschärft den Tadel noch: Kritik vorwärt-treibende Arbeit zu leisten. Rückschauende K r i i k vorwärtstreibende Arbei zu leisten. Rück schauende Beschuldigungen hüben und drüben zersetzen. Vorwärts- schauender Zusannnenschluß tut not, bitter not. Ich nehme nie- wanden aus. Fort mit allem Pharisäertum! Wir sind allzumal Sünder. Hierzu möchten wir bemerken: Gewiß üben wir Sozial- demokraten häufig und heftig Kritik an den Sünden des alten Systems. Aber wir sind dazu gezwungen, weil es zahlreiche Leute gibt— und nicht zuletzt in der D e u t s ch e n Volks- Partei— die uns immer wieder mit der R ü ck k e h r dieses Systems bedrohen. Wir könnten längst darüber hinaus sein, wenn es nicht eine üble Gewohnheit der Rechtsparteien— einschließlich der Deutschen Volks- Partei— geworden wäre, Republik und Demokratie mit allen Folgen des Zusammenbruchs zu belasten. Wer ver- breitet denn geflissentlich die verlogene Dolchstoß- legende? Wer klagt die republikanischen Regierungen unausgesetzt des Verrats am Vaterlande an, weil sie die unvermeidlichen Konsequenzen der Niederlage ziehen? Wer gefällt sich alltäglich in vergifteten Anschuldigungen, in niedri- gen Verleumdungen gegen die führenden Männer der repu- blikanischen Parteien? Wer erfindet jede Woche einen neuen Korruptionsschwindel? Wer inszeniert einen schwarz-weiß- roten Rummel nach dem anderen? Wer fördert das unter- irdische Treiben von Waffendieben und Waffenschiebern engros, von Selbstschutzoerschwörern und frondierenden Ossi- zierscliquen?— Diese Fragen ließen sich noch verzehnfachen, aber die hier aufgeworfenen genügen, um zu zeigen, daß gerade die Parteifreunde des Herrn v. Campe es sind, die zu 90 Proz. die von ihm beklagten Zustände her- beiführen helfen. Am Schlüsse seiner Ausführugnen empfiehlt Herr v. Campe die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie: Wir können keine Kraft entbehren, die aufbauen will. Wer die ehrliche Mitarbeit der Sozialdemokratie ablehnt, lebt nicht in der neuen Zeit. Aber wer alles, was nicht sozialdemokratisch ist, mit der Phrase reaktionär abtut, kennt die neue Zeit ebensowenig. Die Sozialdemokratie hat durch ihre vergangene Politik deutlich genug bewiesen, daß sie nicht in der bequemen Phrase des letzten Satzes denkt. Aber ebensowenig können wir unsere Augen davor verschließen, daß die sehr beachtenswerten An- schauungen des Herrn v. Campe nicht die allgemeine und. typische Denkart der Deutschen Volks- partei darstellen. Herr v. Campe braucht nur Tag für Tag die„Tägl. Rundschau" selber zu lesen, um uns ohne weiteres recht geben zu müssen. Wir wissen, daß auch Herr o. Campe Anbänger seiner Denkweise in den Reihen seiner Partei zählt. Aber selbst bei günstigster Betrachtung sind diese Herren nur erfreuliche Einzelerscheinungen. Solange es ihnen nicht gelingt, der Politik und der Agitation ihrer Partei den Stempel Ihrer Denkart aufzudrücken, solange kann die von ihnen gewünschte Gesundung des politischen Lebens nicht eintreten. Wir würden es gewiß begrüßen, wenn man in der Deutschen Volkspartei allgemein wie Herr v. Campe denken würde. Aber wir sind nicht optimistisch genug— zumal nach den Erfahrungen in der Krise aus Anlaß des Ultimatums— an einen solchen Wechsel der Ge» sinnung von heute auf morgen zu glauben. Das Echo von Seuchen. Es ist gewiß sehr wahrscheinlich, daß der franzosische Bataillonskommandeur in Beuthen von einem einzelnen ver- antwortungslofen Fanatiker erschossen worden ist. Ob dies erst geschah, als das französische Militär bereits mit unsag» barer Brutalität auf die Menge, die die Engländer als Be- freier begrüßte, losgegangen war, oder ob dieses Vorgehen. das man bisher nur gegen die bedauernswerten Kolonial- Völker gewohnt war, die Folge der Schüsse gegen Franzosen war, ist noch nicht klar. Sicher ist aber schon, daß der Tod dieses einen französischen Offiziers, dem so viele andere Morde polnischer Insurgenten an wehrlosen Deutschen gegenüber- stehen, zu einer neuen Hetze gegen Deutschland mißbraucht wird. Paris, 6. Juli.(MTB.) Nach dem„Matin" beabsichtigt der Abg. Lef�ore, wegen der Zwischenfälle in Beuthen zu inler- pellieren. Paris. 6. Juki.(C?) Der neue oberschlesische Zwischenfall ist einigen Blättern, oeson'ccrs„Echo de Paris",„Figaro",„Eclair" und „Action frangaise Anlast zu energischen Ausführungen, wobei auch behauptet wird, daß die Schuld an dem tragischen Ende des frarize. sifchen Majors das Kabinett Wirth treffe. Namentlich dem Kanzler wird der Borwurf gemacht, daß er in seinen letzten Reden cm ungeteiltes Oberfchlesien forderte. Derartige Ausführungen feien nur geeignet, wie„Figoro" bemerkt, die Stimmung in Oberfchlesien zu oergiften. Der Kanzler treibe nur das Spiel der A l l d e u t s ch c n. —„Echo de Paris" fordert strengste Ahndung dieser Tat, welche es als eine Kundgebung des wütendsten Hasses der oberfchlefifchen Be- oölkerung Frankreich gegenüber bezeichnet. Die Umstände, unter denen sich dos tragische Ereignis vollzogen, beweisen nur von neuem, daß die Deutschen die Gegensätze zwischen Franzosen und Engländern auszubeuten suchen. Man müsse ihnen zeigen, daß sie sich täuschen und daß die Alliierten in ihrem Willen, die Ordnung aufreckt- z'icrhalten, einig seien und jedes Attentat unterdrücken werde».— ..Petit Parisien" schiebt die Schuld an dem Attentat deutschen Offizieren in die Schuhe, die Gewaltstreiche hervorzurufen ver- üchen und sich in der Zahl von mehreren Tausend in den Reihen der Freiwilligen in Lberschlesien befinden. Wer ist schuld'{ Im Gegensatz zu diesen nationalistischen Blättern schreibt Gustave H e r v � in der„Victoire", daß das Kabinett Wirth keinerlei Ver- anlwortung an diesen Ereignissen treffe, sondern daß diese nur den polen zur Last falle, die den Aufruhr In Oberschlesien herbeigeführt und infolgedessen die deutschen Abwehrmahnahmen heraufbeschworen haben. Das Kabinett Wirth erweise seinen guten Willen. Die Wirt- schaftsverhandlungen dauerten fort, und die deutsch« Regierung zeige, daß sie die Versailler Bestimmungen durchführen will. Wenn es eine Schuld gebe, so treffe diese nur die polen. Das beste Mittel, solche Attentat« zu verhindern und die Nerven der aufgeregten ober- schlesischen Bevölkerung zu beruhigen und sie nicht mehr zu reizen, sei, endlich über das Schicksal Oberschlesiens zu entscheiden. Aber schon wird wieder gemeldet, daß der Oberste Ententerat erst Mitte August zusammentrete. Oppeln, V. Juli.(DA.) Sobald die Ententetruppen die Ge- biete besetzt haben, entstehen allerorts hinter ihrem Rücken neue Insurgentengruppen, die das Land weiter beunruhigen. Myslowitz und Schoppinitz sind entgegen den Abmachungen noch nicht ge- räumt. Man befürchtet ganz allgemein eine Verzögerung der Räumung. Eine Beuthener Deputation, die beim Kreiskontrolleur wegen Freilassung der Franzosen-Geiseln vorsprechen sollte, ist verhaslet worden. Der Mißbrauch öes Selbstschutzes. Breslau, 6. Juli.(Eig. Drahtbcricht des»Vorwärts".) Die Breslau«„Volksmacht" richtet heute im Anschluß an ihre gestrigen Mitteilungen folgende Fragen an die zuständigen Stellen: 1. Wie steht es mit der Rechtslage für die O r g e s ch in Schle- sien? Wird die preußische Aussührungsbestimmung zur Auflösungs- Verordnung des Reichskanzlers dahin verstanden, daß der nachträgliche Austritt des Heimatschutzverbandcs verfassungstreuer Schlcsier aus der Organisation Cscherich diesen Verband vor der Anwendung der Auflösungsbcstimmunzen schützt? 2. Was geschieht, um die deutschen Oberschlesier über die Gründe aufzuklären, aus denen der Selbstschutz zurückgezogen werden mußte, und um vor allein auch die Angehörigen de» Selbst- schutzes ins Bild zu setzen, aus welchen Gründen sie in Oberschlesien der deutschen Sache nicht mehr dienen können? Hat insbesondere das A ue w ä r t i g e Amt sich darum bemüht, an den entscheiden- den Stellen in Schlesien die Tatsache bekannt zu machen, daß«ine nochmalige Verwendung von Selbstschutz, und zwar gegenüber einem vierten Polenaufstanö nach den Erfahrungen de« dritten Auf- standcs ausgeschlossen ist, daß sie die denkbar schwerste Ge- fährdung der deutschen Sache darstellt? Hat das Auswärtige Amt schon über irgendwelche Bemühungen berichten können, für den Fall des vierten Aufftandes einen Schutz der deutschen Be- völkerung in anderer Form zu sichern? S. Sind Maßnahmen zur Verstärkung der Schutz- polizei in Mittelschiesien getroffen worden, die gegenwärtig, soweit sie zur Durchführung der Entwaffnung verwandt wird, außerordentlich dünn verteilt ist? 4. Ist den zuständigen Stellen bekannt, daß ein großer Teil der schlesischen Behörden der Auffassung ist, daß jede strafrechtlich ver- düchtige Tat, soweit sich die Täter als Selbstschutzangle- hö-rige auch nur ausgeben, nachlässig behandelt werden darf? 5. Ist von amtlicher Seite Sorge dafür getragen worden, daß die Selbsischutzleute wissen, daß die Gewerkschaften kroß der Herr- schenden Arbeitslosigkeit die Selbstschutzaagehörigen in ihrer Heimat in Brot und Arbeit bringen wollen? Daperistbe Zlugblottrickter! Alünchen, S. Juli.(Eigener Drahtbericht des„Vorwärts".) ver Kampf der bayerischen Regierungskoalition gegen die sozialistische Flugblattpropaganda hat seinen besonderen Ausdruck in der Be- stellung eines Richters für die Bestrasung der„Flugblattoerbrecher" gefunden. Die Vergehen gegen den Ausnahmezustand, worunter die Flugblattvcrteilwtg fällt, wurden bis jetzt im Ordnungs- staat Bayern von Schöffenrichtern, denen die UebeUäter nach ihren Anfangsbuchstaben zugeteilt waren, abgeurteilt. Sie setzten die be- antragte Gefängnisstrafe meist auf geringe Geldbußen herab. Dieses freie richterliche Ermessen scheint aber den heutigen Macht- habern in Bayern nicht mehr Gewähr zu bieten, daß die verbreche- rischen Flugblattverteiler der SPD. auch mit der entsprechenden Schärfe abgeurteilt werden. Infolgedessen wurde ein neues Ausnahmeverfohren angeordnet, Straffälle aus den Ab- teilungen, denen sie ordnungsmäßig zugeteilt werden mutzten, heraus- gezogen und einem eigenen Richter, einem bekannten Amts- Eine noröisthe Lpststeata. In einer deutschnationalen Versammlung in Vorpommern forderte eine Diskussionsrednerin in flammenden Worten alle Frauen auf, ihren Männern die eheliche Gemeinschaft zu versagen, wenn sie nicht gelobten, sich nach Kräften für die Rückkehr der Hohen- z o l l e r n auf den Thron einzusetzen. Diese Dettstreikparole soll nicht ungehört verhallt sein und der Erfolg ist angeblich ungeheuer. Nur ganz wenige Ehemänner, ent- artete Glieder dieses germanssch biderben Volksjchlagee, lehnten es ob, das verlangte Versprechen zu geben, froh darüber, daß ihnen die Nichterfüllung ehelicher Pflichten einen triftigen Grund zur Scheidung liefert. Die meisten fallen nächtens um wie Kräuter im Maien. Be- währte Republikaner schwören auf dem Altar der Liebe feierlich zum Hause Doorn. Die demokratischen und sozialistischen Parteigruppen schrumpfen überall auf«in paar Hagestolze zusammen. In den nächsten Reichstag schickt Vorpommern nur noch stramm« Man- archisten, und au» dem Schoß« seiner Heldenmütter ersteht schon im kommenden Frühjahr die junge Garde, mit der Wilhelm das Kind dereinst die große Rcvancheschlacht im Westen schlägt. Am Schluß ihrer Red« passiert« der nordischen Lysistrata übrt- gens ein kleines Malheur. Nachdem sie weidlich über die»Juden und Judengenossen" geschimpft, die uns unserer edlen Fürsten be- raubt hätten, rief sie mit feierlichem Ton:»Wir aber wollen immer eingedenk sein des Wortes unseres großen vaterländischen Dichter»: Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!"— Auf dem Montmartre zu Paris glaubte ein französischer Fried- Hosswächter um dieselbe Stunde aus dem Grabe eines gewissen H- n r i H e i n e ein diabolisches Gelächter zu hören. _ Peter Michel. Dle Ueberpflanzung von Otogen. Aus Wien kommt di« aufsehenerregende Nachricht, daß es einem Studenten der Biologie, Th. Koppanyi, gelungen sei, die Augen eines Versuchstieres auf ein anderes zu übertragen. Koppanni, ein Schüler oe« Professors Przibram, habe solche Versuche mit Fischen, Fröschen und Ratten angestellt und es habe sich gezeigt, daß die eingesetzten Augen in der Augenhöhle fest gewachsen seien. Auch habe die mikroskopische Ueberprüfung ergeben, daß die neuen Augen normal und funktionsfähig seien« denn der neue Sehnero sei in den alten hineingewachsen. Ssweit die Wiener Meldung. Wenn sie das hält, was sie zu versprechen scheint, so hätten wir in der Augenheilkunde allerdings einen ungeheuren Fortschritt zu verzeichnen. Aber was versp-icht sie tatsächlich? Es heißt: die Augen sind„sestgcwachsen" und sie sind, saweii das mikroskopisch zu kontrollieren ist,„normal" und .junttionsjähig", Da» Feftwachsea bedeuettt an sich noch wenig, denn die Ueberpflanzung von Organen, z. B. Nieren, ist schon öfter«xperi- mentell mir Erfolg vorgenommen worden. Es heißt dann weiter: in der mikroskopischen Untersuchung hätten sich die«ingeletzen Augen als normal und funktionsfähig erwiesen. Normal— gewiß: denn e« bandelt sich eben um gesunde Augen, die ihren normalen Cbarakter dem äußeren Anschein nach auch an der neuen Stelle eine Zeitlang bewahren können. Es fragt sich nur, auf wie lange. Denn nach den bisher gemachten Erfahrungen pflegen überpflanzte Organ«, auch wenn sie gut eingeheilt sind, nach Ablauf einiger Zeit entweder doch abzu st erben, oder, wenn sie lebendig bleiben, ihre Besonderheit zu verlieren und sich in ein N a r b« n g e w« b e zu verwandeln, das die Funktionen des Organs natürlich nicht auszuüben imstande ist. Die mikroskopische Untersuchung kann dabei etwas Ausschlaggebendes überhaupt nicht feststellen. Sie kann in diesem Fall höchstens ergeben haben, daß die Sehneroenenden miteinander ver- wachsen und verheilt sind. Nun besteht aber jeder Nerv sozusagen aus einem Bündel von Leitungsdrähten, von denen jeder einzeln« seine besondere Funktion bat. Beim Sehnerv ist jeder Leitungsdraht mit einer bestimmten Stelle der Netz- haut verbunden und von dieser Stelle der Netzhaut gehen wieder Leitungsdrähte nach bestimmten Gehirnzellen. Erst wenn zwischen allen einzelnen Leitungsdrähten des Sehnerve, den dazu gehörenden Stellen der Netzbaut und den entsprechenden Gehirnzellen der»An- schluß" hergestellt Ist, kann ein richtiges Sehbild entstehen. Da nun ober die Wissenschaft nrch gar nicht imstande ist, die einzelnen Leitungsdrähte voneinander zu unterscheiden, so kann auch durch eine mikroskopische Untersuchung unmöglich festgestellt werden, ob die richtigen Leitungsdrähte mit einander verwachsen sind. Das könnte erst durch den prakttschen Erfolg erwiesen werden. Erst wenn es sich ergibt, daß die Versuchstiere mit den eingesetzten Augen tatsächlich wirtlich und richtig sehen, wäre das neu« Ver- fahren für die Augenheilkunde von Bedeutung. Zwei Fachärzte, Prof. Maller, der Direktor der Ersten Wiener Augenklinik, und Dr. Guist, sind mit den nötigen Nachprüfungen nach dieser Richtung hin betraut und man wird das Resultat ihrer Untersuchungen ab- warten müssen. »Englische Autoren und cln deutscher Verleger"— unter diesem Titel widmet I. C. Sergue dem Berlagshau» Tauchnttz einen Artikel in den„Daily News" und teilt interessante Briefstellen aus dem Archin mit. in dem die zahlreichen Zeugnisse über eine lang- jährige Zusammenarbeit der berühmtesten englischen Dichter mit der deutschen Firma aufbewahrt werden. Dickens scheint nach dem Umfang und dem Ton seiner Briefe in einem besonders nahen Der- hältnis zu dem Gründer der Firma gestanden zu haben.„Mein ältester Sohn," schreibt er im Dezember 1SS2, der setzt 18 Jahr« ist, Ist von mir aus Eton— der großen öffentlichen Unterrichtsanstalt. die Sie gewiß dem Namen nach kennen— herausgenommen war- den, weil ich ihn nach Deutschland schicken möchte, damit er dort nach meinem Wunsch die deutsche Sprache vollkommen bshcrrschsn lernt. Nun möchte ich ihn gern bei einem deutschen Herrn unterbringen, in dessen Familie er angenehm leben und wissenschaftlichen Unter- richt im Deutschen und Französischeu erhalten könnt«, sowie auch so gerichtsrat und Spezialisten für bayerische Innenpolitik, übertragen. Die Bestellung dieses Ausnahmerichters, dessen bisherig« Täiig- keit ihn hierfür besonders geeignet erscheinen läßt, bedeutet den An- fang vom Ende der Unabhängigkeit der Richter Bayerns. Der Sozial- demokratische Verein München beabsichtigt, gegen die Strafbesehle schleunigst Einspruch zu erheben und gegen die Züchtung von antisozialistischen Richtern in Bayern mit aller Schärfe vorzugehen. * Die Versammlungen des Deutschen Landarbeiterverbandes werden von den Bezirksämtern des Freistaates Bayern nach Möglichkeit beschränkt und verboten. Ein Amt gab auf das Gesuch um Dersammlungszenehmigung überhaupt keine Antwort, ein anderes verbot die Dasammlung mit der„Begründung", daß der Verband auf kommunistischer Grundlage aufgebaut seil Weiter wurde erklärt, Versammlungen könnten nicht mehr ge- n e h m i g t werden, da die Ernte vor der Tür stehe und die Land- arbeiter zu Ernte st reiks aufgefordert werden könnten! So sieht es mit dem Bersammlungs- und Koalitionsrecht der frei- gewerkschaftlich organisierten Arbeiter in Bayern aus. Paul Müller geht! Wie uns aus Hamburg gedrahtet wird, hatte der Vor- stand unserer dortigen Parteiorganisation an Paul Müller wegen seiner Rede gegen die Handelsflagge ein Schreiben ge- richtet, in dem er ihm mitteilte, daß gegen ihn das Aus- l ch l u ß v e r f a h r e n aus der Partei eingeleitet worden sei. im Schreiben wird dieser Schritt damit begründet, daß sich Paul Müller durch die B e s ch i m p f u n gder F a r b e n der R e p u b l i k und durch Artikel in seinem„Mitteilungsblatt des Aktionsausschusses seemännischer Berussoerbände" einer parteigenossischenEhrlosigkeit schuldig gemacht habe. Müller wurde aufgefordert, sich zu dem Ausschlußantrag zu äußern oder in einer Parteivorstandssitzung seine Hand- lungsweise zu verteidigen. Darauf hat Müller an die Partei ein Schreiben gerichtet, in dem er seinen Austritt aus der Partei erklärt. Er schreibt dazu: „Ich kann und will einer Partei nicht angehören, die das Recht der freien Meinungs- und Willensäußerung nicht respektiert. Nach- dem ich festgestellt habe, daß dies«„demokratische" Partei mit ihren führenden Kreisen und mit ihrer Presse drauf und dran ist. nicht nur das freie Wort zu unterdrücken, sondern auch den Geist zu töten, würde ich es als Heuchelei betrachten, wenn ich dieser Partei noch ferner angehören würde." Die sinnlosen Verleumdungen zu widerlegen, mit denen Müller seinen schweren Disziplinbruch zu entschuldigen sucht. lohnt nicht der Mühe. Un ere Genossen werden in weitesten Kreisen außerordentlich erfreut sein, diesen Mann, dessen anti- republikanisches Treiben schon längst eine schwere Schädigung für das Ansehen der Sozialdemokratie bedeutete, nicht mehr zu den Ihren zählen zu müssen. Der �allzuftrenge" Zinanzamtsöirektor. Sieg der Steuerdruckeberger? Au» Salzwedel(Altmark) schreibt man uns: Das Finanzamt Salzwedel war der Schrecken der Steuerdrücke- berger. Es war ihm gelungen, weiteste Kreise der Steuerscheuen zur Rechenschaft zu ziehen. Allein bei IS Drückebergern(darunter 16 Landwirten), deren Namen da» Finanzamt in öffentlicher De- kanntmachung anprangerte, waren 1 Z21 818 Al. hlnlcrzogene Steuern festgestellt worden. Weiter« Entlarvungen wurden vom Finanzamt in Aussicht gestellt. Da bringt auf einmal dl« bürgerliche Presse folgende Notiz: Salzwedel. Der Leiter de» hiesigen Finanzamt», Regierung?- rat Groth, hat vom Reichsfinanzmtnister einen Ruf nach Berlin erhalten. Was bedeutet da»? Die Frag- erscheint um so dringlicher, als dt« in Oster bürg bei Salzwedel erscheinende„Allmärtische Zei- tung" mit fühlbarem Seufzer der Erleichterung folgende weitere Nottz bringt: Reaieningsassessor Hamann verläßt heute Osterburg, um den allzu scharfen Herrn vom Finanzamt Salzwedel abzulösen. beobachtet würde, wie es ein Junge seines Alters werden muß." T h a ck e r a y schreibt 13ö6:„Ihr Brief vom 26. Mai hat mich ge- rade bei meiner Rücklehr aus Amerika erreicht, wo ich eine sehr gewinnbringende Tournee gemacht habe, wenn ich auch nicht ganz die Summe von 500 000 Dollar erreichte, von denen die»Allgemeine Zeitung" als meinen Einnahmen berichtet. Beunruhigen Sie sich nicht wegen Ihres Englisch. Ein Brief, der eine Anzahl Pfund Sterling enthüll, ist immer in einem schönen Stil geschrieben, on den Briefen von M e r e d i t h kehrt die Klage darüber wieder, daß das englische Publikum ihn so langsam verstehe.»Jedes Werk von mir." schreibt er bitter, hat lange darauf zu warten, bevor es in England Käufer findet. Sie kaufen jetzt ein Werk, das vor 37 Jahren entstanden ist!" D i s r a e l i schreibt am 23. September 1870:„Die Bücher, die sich mit mir beschäftigen, sind im allgemeinen infame Streitschriften, die ich stets mit äußerster Gleichgültigkeit be- handelt habe. Ich frage mich manchmal, was man wohl nach meinem Fortgang machen wird: wer wird dann da fein, um miß- braucht und karikiert zu werden?" Unter den vielen hundert Brie- fen, die sich in den Tauchnitz-Archwen befinden, sind solche von Macaulay. Milh R. L. Stephenson, Longfellow und anderen. Feuerschaum, ein neues Löschmittel. Man schreibt uns: Ein eigenartiges Feuerlöschsystem gelangt gegenwärtig in den Bereinig� ten Staaten zur Anwendung. Unter dem Namen„Foamite (von loem— Schaum) bedient man sich einer flüssigen chemischen Masse, die wie Wasser aus Schläuchen verspritzt wird, sich dann aber an der Luft in einen lockeren Schaum verwandell. Dieser besitzt fcuerlöschende Eigenschaften und legt sich über alle brennenden Gegenständ« wie«ine Decke. Mit dem neuen Verfahren, heißt es. könne jede Art von Feuer, auch brennende Flüssigkeit, schneller als mit anderen Mitteln gelöscht werden. Jede Wiederentzündung sei ausgeschlossen, und durch das Löschen werde»einerlei Wasserschaden angerichtet. Das System beruht offenbar auf dem Prinzip der Er- stickung de» Feuers durch Abschluß von der Lust. Der Feuerschaum- apparat wird als Handspritze, al» tragbarer oder fahrbarer Lösch- apparat, als fahrbare Spritz« usw., geliefert: besondere Systeme werden für große industrielle Anlagen und für außergewöhnlich gefährliche Oel- und Petroleumrisiken angefertigt. Das neue Mittel, dessen chemische Zusammensetzung die her- stellende Firma geheim hält, wird von dieser in der Propaganda als die Lösung des Feuerproblems in den Vereinigten Staaten be- zeichnet und soll sich bereits in der Stahl-, Automobil-, Farben- und chemischen Industrie bewährt haben. 3n Schönheit gelebt und in Schönheit begraben. Gabriel d'Annunzio hat sich zwischen den Hügeln im Ouellgebiet des Pescara ein prächtiges Mausoleum erbauen lassen, in dem er einst das jüngste Gericht zu erwarten gedenkt. Wir erinnern uns, daß d'Annunzio nach seinem Fiume-Fiaska den Entschluß verkündete, den Staub Italiens von seinen Füßen zu schütteln. Merkwürdig, daß dos undankbare Land, das nicht einmal wert erscheint, als Staub ouf Lackstiefel zu haften, später den ganzen Staub des unsterblichen Sängers und Helden besitzen soll. Das heißt doch auf Deutsch: Rezierungsrot Groth ist wegen dllzu großer Schärfe gegen die Steuerscheuen abgelöst worden und darob großer Jubel der„nationalen" und„patriotischen" altmärki- schen Landwirtschaft. Der Herr Finanzminister wird nicht umhin können, sich zu dieser Sache zu erklären, insbesondere uns zu sagen, ob die Dar- stellung der„Altmärkischen Zeitung" wirklich zutrifft, wonach Re- gierungsrat Groth wegen seines Einschreitens gegen— die Drückeberger von feinem Platze entfernt zu sein scheint? VKpd.-Zentrale imö Reichstagsfraeelon. Die„Rote Fahne" veröffentlicht einen Brief der Reichstags- fraktion an die Zentrale der DKPD. wegen der Unterzeichnung der „kleinen Anfrage" Paul Levis durch vier Mitglieder der Fraktion. Die Fraktion erklärt, daß die vier Sünder durch ihre Unterschrift keineswegs sich in„provokatorischer" Weise mit Levi identifizieren, fondern nur dafür sorgen wollten, daß die sachlich berechtigte An- frage Levis auch im Falle feiner Verhinderung zur Verlesung ge- langte. Für die Zukunft hat aber die Fraktion beschlossen, daß jede „kleine Anfrage", die ein Mitglied der Fraktion stellen will, vorerst der Fraktion zur Genehmigung vorgelegt werde. Die Zentrale nimmt diesen Kotau mit gnädiger Handbewegung zur Kenntnis und verweist auf das gute Beispiel der kommunistischen Musterknaben in der preußischen Landtagsfraktion, die jede Anfrage erst der Fraktion zur Genehmigung vorlegen. Der RIß zwischen Zentrale und Leviten ist damit noch einmal überkleistert— auf wie lange? Der„rein sachliche� Kultusminister. In der Stegerwaldfchen Tageszeitung„Der Deutsche" stand vor einiger Zeit ein Artikel„Partcipolitik und Unterrichtsoerwal- tung", der offensichtlich aus dem Unterrichtsministerium des Herrn Becker herrührte. Der Artikel rühmt die„Stetigkeit, Ruhe und Sachlichkeit" der jetzigen Staatsverwaltung, gegen deren Grundsätze der VVorgänger des Herrn Becker, Genosse Haenisch, fortgesetzt ver- stoßen haben soll. Notabene, während Herr Becker fein Staats- fetretär wart lieber die„Sachlichkeit" der neuen Unterrichtsverwaltung belehrt die neuerliche Entscheidung des Ministers Becker im Falle Burg, der hier schon behandelt worden ist. Minister Haenisch hatte schließ- lich getan, was zu tun nötig war und unter Verzicht aus diszipli- narische Bestrafung die Versetzung des Direktors und dreier Lehrerinnen im Interesse des Dienstes verfügt. Sofort setzte jenes schamlose, durch und durch verlogene Treiben in der reaktionären Presse und in Elternversammlungen ein, wobei ohne einen Schatten von Beweis behauptet wurde, es sei aus parteipolitischen Motiven gegen Herrn Burg vorgegangen worden. Die Deutfchnationale und die Demokratische Partei brachten„große Anfragen" im Landtag, in denen aber weniger gefragt als geurteill wird. Ohne jemals die Hauptbeteiligten gehört oder von dem amtlich festgestellten Tatbe» stand Notiz genommen zu haben, erklärt man den Direktor und die betreffenden Lehrerinnen für völlig unschuldig und verlangt sogar „Genugtuung" für die angeblich verletzte Gerechtigkeit. Merkwürdigerweise sind diese„großen Anfragen" bis heute nicht behandelt worden. Herr Minister Becker hat das inzwischen stillschweigend besorgt und ohne weiteres die Dersüguug seines Dorgäugers außer Kraft gefetzt. Direktor Burg soll also an der von ihm heruntergewirtschafteten Schule verbleiben. Da» ist die„kalte, tüchtige Sachlichkeit"! Hier haben wir an einem Musterbeispiel die Freiheit von parteipolitischer Orientierung, die unter Preußens gegenwärtiger Regierung sich jetzt auch aus dem Schulgebiete etabliert. Freiheit für alle reaktronären Elemente und ihr lichtscheues Treibe nl Herr Burg hat ja offen für Äaiserbilder, B i s m a r ck h u l d i g u n g und dergleichen die Schülerinnen beeinflußt oder zu beeinflussen gesucht, hat Lehrer, die das pflichtgemäß verhindern wollten, unter Anwendung bedenklich- ster Mittel drangsaliert. Mögen auch dem Minister noch so starke Beweise für die Unmöglichkeit dieses Herrn als Schulleiter vor- liegen, die„kalte, tüchtige Sachlichkeit" des jetzigen Kultusministers weiß darüber hinwegzukommen. Herr Minister Becker wird Gelegenheit erhalten, sein„fach- liches" und„von parteipolitischen Gesichtspunkten freies" Verhalten im Landtag zu rechtfertigen. Di« sozialdemokratisch« Landtags- fraktion hat wegen de» Falles Burg«ine Größe Anfrage eingebracht, die zur öffentlichen Aufrollung des Skandal» an der Fürstin-Bismarck-Schul« in Charlottenburg führen wird. JnvaliÜenverstcherung vor öem Reichstag. Das deutsch-belgische Abkommen zu Artikel 812 des Friedensvertrages(Regelung der Sozialoersicherung in den Kreisen Eupen und Malmedy) wird ohne Aussprache in allen drei Lesungen angenommen. Angenommen wird ebenfalls ohne Aussprache der Gesetzentwurf zur Abänderung des Reichsbeamten» g e s e tz e s(Erhöhung der Zahl der Mitglieder de» Disziplinarhofs auf 18).— Der Gesetzentwurf über Beamtenoertretungen wird auf Antrag de» Abg. Stesnkopf(Soz.) dem Sozialpolitischen Ausschuß überwiesen. Es folgt die zweite Beratung des Gesetzentwurfs zur Neurege. lung der im 8 68 Abs. 1. im ß 74» Abs. 2 und im§ 75 d Satz 2 des Handelsgesetzbuches, sowie im§ 188 a, b Abs. 1 der Gewerbeordnung vorgesehenen Gehaltsgrenzen. Die Gehaltsarenze wird danach bezüglich der Schutzvor- fchriften von SllOÜ M. auf 80 000 M. heraufgesetzt.(§ 68 Handelsgesetzbuch und§ 138a, b Gewerbeordnung.) Beim§ 74a des Handelsgesetzbuches erfolgt eine Heraufsetzung auf 12 000 M. und beim Z 7Sb aus 40 000 M. Der Ausschuß hat den Gesetzentwurf un» veräadert angenommen, ebenso eine Ausschußentschließung, die eine rechtzeitige Vorlegung eine« Gesetzes über die vorläufige Regelung des Wettbewcrbverbotes für die technischen Angestellten fordert.— Die Vorlage wird mit der Entschließung in zweiter und dritter Lesung angenommen. Es folgt die zweite Leiung de« Gesetzentwurfes über die ander- weitige Festsetzung der Leistungen und der Beträge in der I n v a- lidenversicherung. Bis zum 81. Dezember 1S2S werden als Wochenbeitrag in den Lohnklassen erhoben 3,50, 4,50, 5,50, 6,50, 7,50, 9,—, 10,50 und 12 M. 2Ibß. Giebel(Soz.) berichtet über dl« Aueschußverhandlungen. Er begründet einen ÄdLnderungeantrag der Koalitionsparteien. « Zu unserer Notiz in der Abendausgabe vom 5. Juli über die Verzögerung in der Beratung der Aussührungsbestimmungen zum Reichsbesoldungsgesetz erfahren wir, daß zwischen dem 22. Aueschuß des Reichstags und der Reichsregierung ein K o m. promiß zustande gekommen ist. so daß der sofortigen Ge- nehmtaung der Bcsoldungsvorschriften durch das Plenum nicht» mehr im Wege steht. Die Parteien haben ferner vereinbart, im Plenum weder neue Anträge zu stellen noch zur Sache zu reden. Der Gegenstand dürfte also ganz glatt erledigt werden. Ein Grund zur Beunruhigung ist für die Beamtenschaft nicht vorhanden. Boraus- sichtlich wird der Reichstag seine Zustimmung zu den BesolVungsvor- fchriften in die Form eines Antrages kleiden, in dem die Ge- nehmigung der Besoldungsvorschriften für den Fäll erteilt wird, daß der R c i ch« s i n anz m i n i st e r sich mit den getroffenen Abände- rungen einverstanden erklärt. Andernfalls bleibt dem Reichs- log die erneut« veschlußfaffung vorbehält«, Die 10 Punktl Zum zweiten Punkt der Tagesordnung der gestrigen Funktionär- Versammlung:„Die wirtschaftliche Lage und das Arbeitslosen- Problem" referierte der 2. Vorsitzende des ADGB., Genosse Graß- mann. Das Arbeitelosenproblcm sei eine internationale Erscheinung: alle Staaten leiden in mehr oder weniger erschreckendem Maße darunter. Amerika zählt nach den letzten Schätzungen 4 Millionen Arbeitslose, England 1 400 000— 1 600 000, Holland, Skandinavien und Dänemark haben eine Arbeitslosenziffer von 24 Proz. Das sind die Folgen des Krieges, bei dem die Bölter gegenseitig sich ihre besten Kunden totgeschlagen haben.(Zustimmung. i Es ist verbrecherisch, Ihnen einreden zu wollen, der ADGB. ginge an diese Frage nicht mit genügender Energie heran. Die Reparackionspslichten lasten schwer auf Deutschland und seiner Industrie und niemand kann sagen, wie sich die Umstellung unserer Wirtschaft, die Normalisierung und Typi- sierung vollziehen wird.(Zustimmung.) Genosse Graßmann schildert nun die drückenden Lasten durch die Ententeforderungen und zeigt, wie lähmend dies« aus die Industrie wirken. Die Entente behindert uns am wirtschaftlichen Aufbau. Beweis: Kohlenreparation, Diesel- und Kieler Flugzeug- motoren und anderes. Wir haben zur Durchführung der 10 Punkte eine ganze Reihe von Verhandlungen mit den verschiedensten Be- Hörden gepflogen und erreicht, daß eine Viertelmillion Arbeiter in den Betrieben untergekommen sind. In Berlin ballen sich die Arbeits- losen außerordentlich zusammen und wir richten unser Hauptaugen- merk darauf, hier Wandel zu schaffen. Der Referent geht dann des näheren auf die so heiß umstrittenen 10 Punkte ein. Von 416 000 unierstlltzten Erwerbslosen erhalten angeblich nur 895 000 Voll Unterstützung: im Mai ist diese Ziffer zurückgegangen auf 858 000, davon 282 000 männliche, 75 000 weib- liche: serner ist die Zahl der Zuschlagsempfänger von 440 000 zurückgegangen auf 884 000.(Hört, hört!) Wir haben nichts unver- sucht gelassen, die Behörden zur Hergabe von Mitteln zu zwingen. Wir haben eine Kommission«ingesetzt, die durch Verbindung mit allen in Frage kommenden Instanzen dieses Problem unter Hinzu- ziehung der beteiligten Verbände der Arbeitnebmerschaft zu lösen bemüht ist. Bei 32 Eisenbahndirektionen sind diese Kommissionen zum Teil in Verhandlungen, zum Teil in der Bildung begriffen. Durch die produktive Erwerbslosenfürsorg« war es möglich, 850 000 Mann mit einem Aufwand von 500 Millionen Mark zu beichäftigen. 35 Proz. der deutschen und 53 Proz. der preußischen unterstützten Erwerbslosen entfallen allein aus Berlin. Hier fehlt es besonders an einem Ausgleich zwischen Crwerbslosenfürsorge und den Arbeits- nachweisen. Für Notstandsarbeiten hat Berlin in 623 Fällen einen Zuschuß von 105 Millionen Mark ausgegeben; ferner 9,6 Millionen für 23 o h n u n g l a u s b« s s er u n ge n. Großzügig« Aufträge sind ganz unzulänglich verteilt worden: viele Instanzen klagen über zu geringe Mittel. Die Behebung der Bautätigtei, Sied- lungsbauten, Bahnbauten, Wegearbeiten, Meliorationen, alle» ver- suchen wir, um hier produktiv im Interesse der Erwerbslosen zu wirken. Der Zentralausschuß wird dem Verkehrsministerium An- Weisung aus diesem Gebiet« geben. Wir verlangen kostenloses Hin- ausschasfen der Jüngeren und Beschasfung von Arbeitskleidung: wir verlangen von der Regierung und auch von unseren Arbeitskameraden eine Verkürzung der Arbeitsstunden und dafür Einstellung von Arbeitslosen. Aufreizend wirkt der hohe Dividendensegen, der in diesem Stadium der wirtschaftlichen Krise noch ausgeschüttet wird. Graßmonn teilt mit, daß den Er- werbslosen eine Verlängerung der Winterbeihils« auf weitere 3 Monate zugesagt wurde. GrofrBerlw das kalte Wetter. An der Ecke der Lützow- und Potsdamer Straße wurde ich von einem Kerl angerannt, der zwei lange spitz« Hölzer über der Schul- ter trug, mit denen er mir beinahe die Augen ausbohrte. „Hallo!" sagte er und wallte sich mit dieser äußerst höflichen Entschuldigung entfernen. „Quatsch, Hallo!" sagt« ich entrüstet, saßt« den Kerl Ins Auge und erkannte in ihm meinen Freund Kunibert. Auch er erkannt« mich und blieb nun stehen. „Nanu, Kuno, wo willst du denn mit diesen Planken hin?" „Bitte, sieh doch richtig hin, das sind keine Planken, das sind Schneeschuhe. „Immer verrückter! Willst du damit zum Eispalast?" „Keine Ahnung! Ich habe die Hoffnung auf Sommerwetter aufgegeben. Aus dem Erzgebirge wird Schnee gemeldet, au» dem Riesengebirge auch. Wie da» meteorologische Institut mittellt, sind auch die Müggelberge vollkommen von Schnee eingehüllt, so daß die Hakenkreuzler zurzeit nicht an die Bismarckwarte herankönnen. Also kurz und gut, ich habe Sommerferien und werde Wintersport treiben. Auf Wiedersehen! Adio!" Weg war er. Ich werde mir nun doch auf all« Fäll« mein« Schlittschuhe n«u schleifen lassen._ Ter falsche Kamerad. Mit einem ganz neuen Trick hat der 27 Jahre alte Kaufmann Mar Schwarzin gearbeitet und dabei recht gute Erfolge erzielt. In der Uniform eines Oberwachtmetsters der Schutzpolizei sprach er auf dem Gtettiner Bahnhof ankommende Reichswehrsoldaten an und ließ sich von ihnen unter der Maske der kameradschaftlichen Hilf»- bereitschaft die Gepäckscheine aushändigen. Mit den daraus er- hobenen Sachen suchte er schleunigst da» Weite. Gestern endlich hat ihn sein Schicksal ereilt. Bei seinen bisherigen Vernehmungen verweigerte er jede Auskunft über die Herkunft der Uniform und über seine Perjänlichkeit._ Vachstuhlbrand In der Aüdersdorser Straße. Heute morgen 6� Uhr wurde die Feuerwehr nach der Rüdersdorfer� Straße 45 gerufen, wo der Dachstuhl des der katholischen St. Antoniusgcmeinde gehörenden Hauses in Flammen stand. Bald griff das Feuer auf den Nachbardachftuhl über und richtete auch dort großen Schaden an. Erst nach mehrstündiger Arbeit gelang es, das Weitergreifen zu verhindern und das Feuer zu löschen. Vom Sladtbahnzua überfahren. Gestern nacht fanden Strecken- beamte der Berliner Stadtbahn auf den Gleisen zwisechn Bahnhof Nikolassee und Wannsee die Leiche einer männlichen Person. Beide Beine waren vom Rumpfe getrennt. Der Kopf wies starke Ver- letzunaen auf. Ausweispapiere wurden bei dem Toten nicht gesun- den, so daß die Leiche dem Schauhause zugeführt werden mußte. Die Kindesleiche im Schilf. Im Schilf am Südufer des Kleinen Wannsee» fand man gestern die Leiche eines neugeborenen Mäd- chens, die in ein Tuch gehüllt und in zwei Kartons verpackt war. Da» tote Kind, das bereits mehrere Tage im Wasser gelegen hatte. wurde dem Schauhause übergeben. Betrieb, Snderungen bei der Straßenbahn. Am 7. Juli treten im Beiriede der Linien A, 76 und 79 die folgenden Änderungen ein: Die Wagen der Linie A verkehren nur zwischen Lintstraße und Halensee, Hobrecht st roß«. Die Linie 76 wird von Roseneck im Schleifenbetrieb über Hagen st raße.Hundekehls.KöuigSall«», M« Linie 79 / ' öes Cr bittet die Funktionäre, dem Vorstand des ADGB. mit praktischen Ratschlägen zur Seite zu gehen. Helfen Sie uns, die Atmosphäre zu entgiften und sagen Sie den arbeitslosen Kollegen, daß ein Land mit so erdrosselnden Bedingungen das ge- samt« Problem nicht so lösen kann, wie es politische Strauchdiebs löjen zu können vorgeben.(Zustimmung.) Versuchen wir die Zer- stückelung der Arbeiterbewegung einzudämmen, dann wird unsere heutige Aussprache nicht zwecklos gewesen sein.(Lebhafter Beifall.) In der Diskussion schildert ein arbeitsloser Metallarbeiter sein« Eriabrunaen beim Arbeitsuchen und wünscht dringende Abhilfe. Brolat will die einheitlich« Front gegen die Unternehmer: einzelne Industrien werden stillgelegt, andere zahlen 40 bis 70 Proz. Dividend«. Der Redner will ohne organisatorisches Zu- sammengehen gemeinsame parlamentarische Aktionen mit den Unabhängigen. Die Art, wie Brolat die Einigung propagiert, stößt auf lebhaften Widerspruch. H e r m s streift die halben Maßnahmen besonders der Führer und wünscht ganze Arbeit. Es sei schade. daß die G a r e i s- Demonstration nicht mit der UEP. zusammen stattfand. Darauf gibt Genosse Krüger eine Darstellung von der Einleitung dieser Demonstration und findet damit die Zustimmung der Funktionäre. Zu dem Widerspruch gegen die Red« Brokats übergehend, betont Krüger den Ernst der Einigung auf unserer Seite. Nach weiterer unwesentlicher Debatte gelangt folgende Resolution zur Annohme: Die am 5. Juli 1921 in den Germania-Sälen versammelten Parteifunktionäre und Betriebsvertrauensleute der SPD. erkennen die Tätigkeit der Vorstände des ADGB. und Afa-Bunde» zur Linderung der Arbeitslosigkeit voll an. Wenn eine befriedigende Lösung in der Arbeitslosenfrage noch nicht erreicht ist, so liegt es an den außerordentlich großen Schwierigkeiten auf wirtschaftlichem und politischem Gebiete, die zum größten Teil Folgen des Krieges sind. Die Funktionärkonferenz erwartet, daß die Vorstände des ADGB. und As«-Vundes ihre ganze Kraft zur Lösung des Arbeitslosenvroblcms weiter ein- setzen, um zu einem für die Arbeitnehmerschaft günstigen Ergebnis zu kommen. Die FunWionärkonferenz v e r u r t e i l t auf dos schärfste da» Verhalten eines Teils der Arbeitslosen, die sich vom Großstadt- gesindel mißbrauchen ließen bei den letzten vor dem G e w e r t- s ch a f t s h a u s stattgefundenen Demonstrationen. Sie ist der Auffassung, daß dieses Verhalten nur die Folge einer unverant- wortlichen demagogischen Hetze seitens der Kommunistischen Partei ist. Von den Gcwerkschaftsvorständcn wird erwartet, daß da« Eigentum der Gewerkschaften unter allen Umständen geschützt wird. In Anbetracht der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse der minderbemittelten Bevölkerung, die sich wahrscheinlich durch gesetz- geberische Maßnahmen, beeinflußt von den bürgerlichen Parteien oller Richtungen, noch verschlimmern werden, beauftragt die Funktionärkonserenz den Bezirksvorstand, in jeder geeigneten Weise, wenn möalich aemeinsam mit der USPD. so- wie dem ADGB. und Ma-Bund für die wirtschaftlichen und poli- tischen Forderungen der Arbeiterschaft parlamentarisch nnd auber- parlamentarisch weiter zu kämpfen und dem geschlossenen Vor- geben der bürgerlichen Parteien eine geschlossene Front der Ar- beitnehmerlchaft entgegenzusetzen. Die zerstörenden Kampfes- Methoden der Kommunisten lehnt die Konferenz mit aller Entschiedenheit ab. Nach begeistert aufgenommenem Schlußwort des Vorsitzinden fand die gutbefuchte Konferenz ihr Ende. wird unter der neuen Linienbezeichnung„176" von Hundekeble im Schleifenbetrieb über Hagenstraße, Roieneck, Hubertusallee. weitergeführt. Beide Linien mit kurzer Haltezeit an der Haltestelle Hundekehle. Die Linien 77 nnd 78 verkehren vom gleichen Tage an in Abständen von 30 Minuten so, daß die Züge beider Linien sich zu einem 15-Minuten-Betriebe er- ganzen. Englische Kriegsdienstverweigerer bereisen augenblicklich besuch»- weise Deutschland, um den Versuch zu machen, wieder freundschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Ländern herzustellen. Es handelt sich hierbei um Männer, die sich während des Krieges entschieden geweigert haben, Kriegsdienste zu tun, oder durch Hergab« von Geld- Mitteln und Arbeitskraft die Kriegsführung in irgendeiner Weif« zu fördern. Sie haben diesen Standpunkt auch trotz schwerer Gefängnis- strafen und härtester Verfolgungen nicht ausgegeben. Am Freitag. den 8. Juli, abends 7% Uhr, findet ihnen zu Ehren im Bürgersaal des Berliner Rathauses eine Begrüßungsfeier statt. ver Saalmannschaft des Arbeiler-Radfahrer-vundes„Solidarl- lttt". Ortsgruppe Reinickendorf, ist vor kurzem auf der Fahrt von Reinickendorf nach Oranienburg ein Karton mit 6 Käppi und 6 roten Schärpen verloren gegangen. Der Finder wird ersucht, die für Ihn wertlosen Sachen bei dem Borsitzenden Otto Sengbusch, Reinickendorf, Scharnweberstraße 122, abzugeben. TaS Wetter für morgen. Sin wenig wärmer, zellwelle heiter, aber noch überwiegend bewölkt. Lei mößigcn westlichen Winden keine erheblichen Niederschläge. Sport. Arbeitersport. Arbeiter-Turner.vmiv Srei« I. Provinz Brandenburg. Länder. wetrkampf Ftnnlanb-Teutschland. Zum ersten Male feit Bestehen der Arbritersportbewegung weilten flnnländische Leichtathleten in den Mauern Grok-Berlins. Sie zeigten durch ihre hervorragenden Leistungen, wie durch«In ernsthaftes und planmäßiges Training auch Arbettersportler de» bürgerlichen Verbänden gleichwertige Resultate entgegenzustellen in der Lag« stich. Das im Lichtenberger Stadion zahlreich erschienen« Publilum bedacht« all« von den Gästen gebotenen Leistungen, die durchweg aus- aezeichmt waren, neidlos mit herzlichem Beifall. Aber auch di« deutsche« lrbeitersportler werden aus diesem ersten Zusammentresfen erhebliche» Gewinn gezogen haben, der sich in der Verbesserung ihres Könnens sehr bald zeigen dürfte. Rachstehend die Resultate: Rcsullatc Ftmiland-Teutschland. 8. Juni 1921. Weitspringen, Männer: Rainw, Finnland, 6,60 Meter; Korrino, Finnland, 6,30 Nieter: Pfarr, Fr. Tschst., Schöneberg. 6,13 Meter.— Kugelstoßen. Jugend- liche: Schmidt. Fr. Tschst., Schöneberg, S.7S Meier: Plen« AST. 0,61 Meter; Lehmann, Ficht« 22, 9,15 Meter.— IvO-Meter-Lauf, Frauen: Skrowonski, Neukölln, 13,9 Sek.: R. Grund. Wilmersdorf, 14,6 Sek.; Heinrich, Neutölln, 1s.7 Sek.— gOO-Meter-Lauf, Männer: Sbbka, Finnland. 2 Min. 1,6 Sek.: Tallysem. Finnland, 2 Min. 11,1 Sek.; John, Lichtenberg, 2 Min. 14,3 Sek.— 100-Meter- 2 auf, Jugendliche: Plener. ACS.. Berlin, 12,5 Sek.:«otltnskt, ASC.. 12,8 Sek; Dräger, Lichtenberg, 13,1 Sek.— Diskuswerfen, Männer- Laiho, Finnland. 38.00 Meter;«orpi, Finnland. 84,94 Meter; Kalweit, Ficht«, Moabit, 32,60 Meter.— Weitsvringen. Frauen: Giese, Fichte 13, 4,71 Meter: Graf. Cöpenick. 4,18 Meter: Setuy, Chor- lottenburg, 4,11 Meter.— 8000-Meter-Gehen. Männer: Geriet«, 838., 15,06 Min.; Hakoninn, Finnland. 16 Min. 4,3 Sek.; Kostiatnen, Finnland. 16 MW. 5 Sek 10 0-M«t«r�Lauf, Männer: Slo. Finnland, 11,5 S«k.; Matiilan, Finnland, Handbr. zurück; Wirto, Ftnn- land, Handbr. zurück.— Hochspringen, Männer: Korpi, Finnland. 1,68 Meter; Riemi, Finnland. 1.63 Meter; 1,ö7 Meter erreicht von 1 Finnen und 4 Deutschen.— Speerwerfen, Männer: Jlmonen. Finnland, 52.50 Meter; konino, Finnland. 45.38 M«ter; Hellen, Finn- land 44 67 Meter.— tXlOO-Stafette, Männer: Finnland l, 46.2 Sek.: Finnland n Vruftbrcite; AST. 47,3 Sek.— 5000-M,ter Lauf, Männer: Ecketa, Finnland, 16 Min. 12,2 Sek; Tiklomen, Flitn- laud, 16 Min. 44,8 Sek.; Arndt, Luckenwald«, 17 Mw. 11,5 Sek. Schlutzbericht au» der Morgenausgabe. GewerMastsbowegung -Die GeWerkschafisbeVegung im /luslanü". Der dritte Band und damit der Abschluß des umfangreichen Wertes von Dr. Siegfried Nestriepke über„Die Gewert- fchaftsbewegung'(Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Inhaber Franz Mittelbach in Stuttgart) liegt seit kurzer Zeit vor. Ihm ist ein umfangreiches Sach- und Personenregister für alle drei Bände beigegeben.(Der Preis des VII., 422 Seiten starten Bandes beträgt broschiert 30 M., in Halbleinen gebunden 36 M.) Der Drang nach Kenntnis der ausländischen Gewertschafts- bewegung war in Deutschland von jeher stark entwickelt. Diesem Wissensdrange kam zunächst der rührige Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart entgegen, durch Herausgabe einer Reihe geschichtlicher Darstellungen über die ausländische Gewerkschaftsbewegung. Nach dem Zusammenschluß der gewerkschaftlichen Landeszentrolen wurden wir während eines vollen Jahrzehnts mit dem Gang und Stand der ausländischen Gewerkschaftsbewegung näher oertraut gemacht durch die von Karl Legten für die Jahre 1963 bis 1912 herausgegebenen Jahresberichte, als internationalem Sekretär. In der Ueber- ficht von Nestriepke über die von ihm benützte Literatur sind diese Berichte merkwürdigerweise nicht enthalten. Auch die wertvollen Beiträge von Fritz Kummer fehlen darin. Im Jahre 1913 erschienen die drei letzten Bände des Werkes von K u l e m a n n über die Berufsvereine, die vollständig der Bewegung im Auslande gewidmet waren. Zwar wurden auch die Unternehmer- verbände im Auslande berührt, aber auch die internationale Beruks- organiiation. Leider verhinderte der Krieg die gehörige Verbreitung dieser Bände. Der Krieg übte wie auf das Wirtschaftsleben der einzelnen Länder, so auch auf ihre gewerkschaftlichen Organisationen total ver» schiedene Wirkungen aus. Stagnation, Rückgang hier, Belebung und Fortschritte dort. Nach dem Kriege aber trat überall ein gewaltiger Aufschwung zutage, wenn er nicht, wie in Spanien oder— nach Zusammenbruch der Räterepublik— in Ungarn gewaltsam nieder- gehallen wurde. Leider trat im Gefolge dieses Aufblühens der Ge- werkschaftsbewegung auch der Spaltpilz auf, der mehr oder minder große Berhecrungen innerhalb der einzelnen Organisationen und der Landesorganisationen anrichtete und auch die Gewerkschaftsinter- nationale nicht verschonte, die jetzt von den Amerikanern als zu radikal gemieden, von den Anhängern der neuen Moskauer Heilslehren aber als„konterrevolutionär" geschmäht wird. Um so mehr wäre es zu begrüßen, über die Zkriegswirkungen auf die Gewerkschaftsbewegung im Auslände und über die nachdem hervorgetretenen Veränderungen ein klares Bild zu gewinnen. Es war daher auch der Entschluß Nestriepkes erfreulich, seinen beiden Bänden über die deutsche Gewerkschaftsbewegung, deren erster un- geteilten Beifall fand, wogegen der zweite Band infolge seiner tri- tischen Betrachtungen der deutschen Gewerkschaftsoerhältnisse während der Kriegszeit gewissem Widerspruch begegnete, einen dritten Band über die ausländischen Gewerkschaften folgen zu lassen. Gelang es Nestriepke auch nicht, überall her das nötige Material zu beschaffen, reicht das acwonnene Material auch vielfach nur bis zur Vorkriegs- zeit, so darf doch sein Werk im großen ganzen als gelungen bezeichnet werden. Der Nahmen dieser Besprechung verbietet es, auf Einzelheiten näher einzugehen. Es wäre sonst einiges zu sagen über den„Bann einer rückständigen Bureaukratie, aus dem die eng- lischen Gewerkschaften befreit werden sollen(S. 65), wie auch über die Clique leitender Personen, die in Amerika stärker«als etwa in Deutschland" sei.(S. 367.)— Der flüssigen Darstellung würde auch eine etwas mehr chronologische Darstellung nicht schaden. „Es gibt im Augenblick keine andere Bewegung, die gleich der gewerkschaftlichen in allen wirtschaftlich emporstrebenden Ländern Fuß gefaßt und die Massen in ihren Bann gezogen hat.„Und welcher sozialen und kulturellen Bedeutung darf sich die Gewertschafts- bewegung rühmen!" sagt der Verfasser in dem internationalen Rück- blick am Schlüsse seines Werkes. Für die Masse der vielen Neuorganisierten zumal, der Arbeiter wie der Angestellten, ist daher recht empfehlenswert, sich außer mit der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland auch mit der des Aus- landes an Hand der umfangreichen flotten Darlegungen von Nestriepke vertraut zu machen._ Generalversammlung öer Ileischer. In der starkbesuchten Generalversammlung des Zentral- Verbandes der Fleischer(Ortsoerwaltung Berlin), die am Dienstag in Bökers Festsälen stattfand, wurde zunächst der Ge- schäfts- und Kassenbericht von Gabler erstattet. Der Bericht er- streckte sich auf fünf Monate, von Januar bis Juni. Redner schilderte die Verhältnisse im Gewerbe, welche sich aus der ziemlich restlosen Aufhebung der Zwangswirt schaft ergeben haben. Die Gelegenheit zur Beschäftigung sei jetzt eine etwas bessere geworden. Die Organisation sei bemüht, die Äeschästigungsmöglichkeiten zu er- weitcrn. Der Schichtwechsel solle zur Durchführung gebracht werden. Das Lehrlingswesen habe eine Steigerung erfahren. Treibende Kraft bilde hier die Erlangung billiger Arbeitskräfte. Die Ortsoerwaltung bemühe sich Wandel zu schaffen. Der Stillstand in der Lohnbewegung sei in den wirtschaftlichen Verhältnisien zu suchen. Die Einnahmen stellten sich in der Berichtszeit auf 115 684,87 M.. die Ausgaben auf III 320,88 M. Für Erwerbslosen- und Krankenzwecke sind 22 891,89 M., für die an sich geringen Lohn- bewegunaen 19 942,50 M. und für Unterstützungen in Sterbesällen sowie bei Umzügen 1987,59 M. ausgezahlt worden. Die Kasienlag« könne also als eine verhältnismäßig recht günstige an- gesprochen werden und auch die Mitgliederzahl habe in der Berichts- zeit eine Steigerung erfahren. Sie betrug 4944 und beträgt jetzt 4995. Am Schluß seiner Ausführungen mahnt« der Redner zur Einigkeit, da mit einer allgemeinen Lohnbewegung gerechnet werden müsse. Hierauf folgte die D I s k u s s l o n. Ein Antrag, den Rednern nur 19 Minuten Redezeit zu gewähren, damit die umfangreiche Tagesordnung erledigt werden könne, wurde mit großer Mehrheit angenommen. Zwefter Punkt der Tagesordnung war ein Bericht von der Beiratstonferenz. Referent war Laos, der die Ergeb- niffe dieser Konferenz eingehend darlegte. Die Einsetzung einer Preßkommission sei vom Beirat abgelehnt worden. An der Aussprache beteiligten sich mehrere Redner. Urban, der länger als 19 Minuten sprach, wurde vom Vorsitzenden gebeten, seine Ausführungen nicht in die Länge zu ziehen, da die vollständige Erledigung aller Punkte der Tagesordnung dringend notwendig sei. Hieraus entstanden Meinungsdifferenzen, die zu lär- Menden Auftritten und zum Schluß der bis dahin würdig verlaufenen Versammlung führten. Ein Moskowiter als Polizeispitzel entlarvt. Der Abgesandte der Moskowiter zu dem internationalen Transportarbeiterkongreß in Genf, Murphy, der Mann mit dem schönen und alten irischen Namen, von dem der Delegiert« Cotter- Liverpool sagte, daß er seinem Namen mehr Ehre machen würde, wenn er nach Irland zu seinen Landsleuten ginge, um mtt ihnen für ihr« Freiheit zu kämpfen, dieser Mann ist als Spitzel im Dienste von„Scott- land Dard", der berüchtigten englischen Polizeizentrale in London, entlarvt worden. Es ist einwandfrei festgestellt worden, daß dieser ultra-revolutionäre Moskowiter mtt dem irischen Namen, dieser Vertrauensmann des kommunistischen oorläufi» gen Rats der Fach- und Jndustrieverbänd« und Mitarbeiter des Berliner Mitteilungsblattes „Die rote Gewerkschaftsinternationale mit seinem Motto:„Gegen Amsterdam, für Moskau; gegen die Solidarität der Phrase, für die Solidarität der Tat" als Angehöriger der englischen Geheimpolizei mit Iudasgeld bezahlt worden ist. Es war schon immer so: Wo es am„radikalsten" hergeht, sind Spitzel dabei. Sie gebärden sich am tollsten,„feuern" an und.be» richten". Wie dieser Polizeispitzel-Kommunist nicht der erste war, wird er längst nicht der letzte unter den Kommunisten gewesen sein. Die Glasbläser der Studiengesellschaft de» Osram-Sonzern, stehen seit drei Wochen im Streik, weil fünf Kollegen denselben Lohn fordern, den die anderen drei schon haben. Die Bettiebs- leitung fordert die Annahme des Akkords und droht mit der Aus- sperrung der ganzen Belegschaft. Da durch die Presse Glasbläser gesucht werden, bitten die Streikenden alle ihre Kollegen nochmals, auch in Zukunft keine Sträikbrecherdienste zu leisten. candarbeiterstreik in Sachsen. Aus den Rittergütern um W e r d au und Crimmitschau ist wegen Tarif streitig. ketten ein Streit der Landarbeiter ausgebrochen. Franz Grundmann, einer der Mitbegründer der äst erreicht- schen Glasarbeiterorganisation und lanaläbriaer Kol- sierer dieses Verbandes, der sich jetzt nur auf die deutschen Gebiete der Tschechoslowakei erstreckt, ist w Tannwald in Nordböhmen an der Schleiferkrankheit gestorben. So entspricht sein Ende seinem Leben, das durch und durch verwachsen war mit dem Glasschleifer- völkchen des Jfergebirges, desien schnurrige Art Grundmann in köstlichen Dialektgeschichten festgehalten hat. Der ausgezeichnete Mann verdient das treue Anaedenken. das ihm ücker ist. Die streikenden Baumwollspinnereiarbeiker in Lille hoben den Generalstreik in der Baumwollspinnerei verkündet. Die Kom- Mission der Terttlindustri« wird sich mit der Frage beschäftigen, ob ein Generalstreik auch In der Flachsspinnerei und-Weberei an- gebracht ist. Sie Bfa-BelfiKer beim Schlichwrg»m»»schub Srog-Berlia werden ersucht, von «inzelabonnnnent» auf da» RUteiIuna»dlatt de» Schlichwng»ousfchusse» abzusehen, da wir ein Sammelabonnement bestellen und nach dem ib. Juli sedem ordnuna»» miistifl bei un« gemeldeten Ala-B'isther da» Mitteilungsblatt frei zustellen wollen. Afa-Bund, Ortilartell Droß-Berlin. Holzarbeiter I Freitag S Uhr, l0 Mitgliederversammlungen. Tag««ordnung: Berichterstattung der Delegierten vom Berbandstag. Naher«» Mitteilungeblatt vom 2. Zuli._ Wirtschaft Da« Sörperschaftssleuergesetz im Reichswirtschafisral. Der Reparationsausschuß des vorläufigen Reichswirtschafts- rats gab zu dem Entwurf eines Gesetzes zur Aenderung des Kärperschaftssteuergesetzes einstimmig folgende» Gut- achten ob: .1. Der Ausschuß hält die Mehrbesteuerung der Körperschaften In dem geforderten Umfange für erträglich. 2. Der Ausschuß hält im Interesse des Bestandes und der Weiterentwicklung der Körperschaften eine Differenzierung der Besteuerung des ausgeschütteten und nicht ausgeschütteten Gewinns für wünschenswert. 8. Der Z 6 Nr. 8 des Körperschaftssteuergesetzes muß bestehen bleiben(Begünstigung der Echachtelgesellschaften). 4. In Artikel 3 des Entwurfs Zeile 7 sind an Stelle der Worte „drei Viertel" die Worte„ein Fünftel" zu setzen.(Aktienbeteiligung eines Unternehmens an einem anderen Unternehmen.) 5. Der Ausschuß hält die Besteuerung der Gesellschastsgewinne ausschließlich an der Quelle unter Anrechnung des durch die Körperschaftssteuer erhobenen Betrages auf die Einkommen- steuer der Gewinnbezieher für erstrebenswert. In diesem Falle ist im Hinblick auf die dadurch einttetenden Rückwirkungen auf die örtlichen Erträge der Einkommensteuer und die Zuweisungen daraus an die Gemeinden darauf zu achten, daß die Gemeinden, namentlich die kleineren, nicht geschädigt werden. Der Regierung wird empfohlen, unter Berücksichttgung dieser Grundsätze mit größter Beschleunigung einen neuen Entwurf auszuarbeiten." Der Entwurf des von der Regierung vorgelegen R e n n w e t t- g e f e tz e s wurde einem Unterausschuß zur Vorberatung über- wiesen. Dw verbotene Facbeneinsuhr. Zu Anfang dieses Jahres har das englische Parlament ein Gesetz über die Einschränkung der Farben- einfuhr angenommen, obwohl diese die englische Textilindustrie sehr schädigt. Das schlechte Beispiel hat bereits seine Nachahmer gefunden, die Vereinigten Staaten und nunmehr auch Italien sind daran, die Farbeneinfuhr in ähnlicher Weise zu unterbinden, diese in jedem einzelnen Falle von einer besonderen Genehmigung ab- hängig zu machen. Die italienische Farbenindustrie verlangt z. B. einen Zollsatz von 159 Proz. Die Farbenindustrie ist in Italien deren Markpreis gegenwärtig 6 Lire per Kilogramm bettägt, also einen Zollsatz von 19 Lire pro Kilogramm nach gewissen Teerfarben, gegenwärtig gering, demgegenüber hat die Textilindustrie sowohl im inneren Verbrauch wie im Export eine große Bedeutung. Ein Viertel der Gesamtausfuhr Italiens entfällt auf S e i d e n w a r e n; die Baumwollindustrie, welche 699 909 Arbeiter beschäftigt, führt 35 Proz. ihrer Gesamtproduktion aus. In der Textilindustrie bilden die Kosten der Farben einen sehr bedeutenden Teil der Gestehungskosten, durch- schnittlich 14 Proz. So wäre es angebracht die Beschaffung billiger Farben für diese zu ermöglichen. Ein Teil des Farbenbedarfs wird durch Deutschland dem Versailler Vertrag zufolge zu Vorkriegspreisen besorgt, nach dem„Economist" aber bieten deutsche Produzenten Waren bereits unter diesen Preisen nach Italien an, eine Behaup- tung, die wir nicht kontrollieren können. Immerhin ist es bedauerlich, wenn unter dem Dorwand, daß es sich hier um eine Schlüsselindustrie handle, der Weltverkehr und besonders die deutsche Farbenausfuhr unnötig und zum Schaden der eigenen Industrie erschwert wird. Eine neue Ost-Handelskammer. Für den Regierungsbezirk Marienwerder und das westliche Ost preußen hat der Minister für Handel und Gewerbe eine neue Handelskammer er» richtet. In ihr geht die Handelskammer zu E l b i n g auf. Sie umfaßt außerdem den östlich der Weichsel bei Deutschland verbliebenen Rest des Handelskammerbezirks Graudenz, der seit Inkrafttreten des Friedensvertrages ohne Handelsvertretung war. Die neue Han» delskammer richtet eine Zweiggeschäftsstelle in Marienweroer ein, deren Verwaltung einem we st preußischen Ausschuß obliegt. Genosienschaflen und Wirtschaftskrise. Die Wirtschaft»� krise in Großbritannien drückt ihren Stempel auch den Genossenschaften auf. Die schottische Großeinkaufsge» fellschaft hatte infolge der wirtschaftlichen Krise, die sich in Ar- beitslosigkeit und Streiks äußerte, im ersten Vierteljahre 1921 einen Minderumsatz von 484 392 Pfund Sterling(9 881 597 M.) oder 7 Proz. gegenüber dem gleichen Zeitraum« des Lorjahrs. Während die Lebensmittelabteilungen Zuwachs zeigten, ergaben die Ab- teilungen für Kleidung, Fußzeug und Möbel erhebliche Rückgänge. Soziales. Erwerbslosenunterstühung auch über vier Wochen. Die Dauer der Unterstützung von Erwerbslosen ist auf vier Wochen beschränkt. Nach einem Bescheid des ReichSarbeitSminifter« kommt aber auch eine längere Unterstützung in Betracht. Es ist dies dann der Fall, wenn ein Erwerbsloser in einer Gemeinde zum zweiten Male unterstützungsbedürftig wird. Der Reichsminister begründet dies damit, daß die Gemeinde nicht für die endgültige Fürsorge zuständig war. Bei der neu eintretenden Er- werbSlosigkeit ist der Bedürftige nicht der Beftistung auf vier Wochen unterworfen. Die Begründung hierfür wird darin ge- funden, daß der Betreffende mit seiner Familie«inen eigenen Hausstand begründet hat und ihn bei Eintritt der Unterstützung«- bedürftigkeit noch führte, bevor er von neuem unterstützungsbedürftig geworden ist._ Schwerbeschädigte auf Domänen und Forsten. Zum Reicksgesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter vom 6. April 1920 sind jetzt, nach mehr als einem Jahr, für den Bereich des Ministerium« für Landwirtschaft, Domänen und Forsten umfangreiche AuSiührungSbestimmungen erlasien. Die Einstellung der Schwerbeschädigten in staatliche Betriebe, Bureaus und Ver- waltungen erfolgt nach Anordnung der zuständigen Reffortminister. Von den Arbeitsplätzen sind wenigsten« 2 Proz« oder wenn deren Gesamtzahl 25, aber nicht 59 erreicht, mindesten« ein Arbeit«- platz mit einem Schwerbeschädigten zu besetzen. In sämt- lichen Bettieben, Bureau« und Verwaltungen find auf alle Fälle Schwerbeschädigte anderen Bewerbern vorzuziehen, soweit fie für den Arbeitsplay geeignet find. Die Einstellung hat in engster Fühlung mit den zuständigen Hauptfürsorgestellen zu erfolgen. Die Erhöhung der verstcherung»greuze. Die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte nimmt jetzt zu den Kritiken Stellung, die in den letzten Togen an dem ReichSratsbeschluß auf Erhöbung der versicherungSpflicktigen GehaltSgrenze auf 28 999 M. geübt worden find. Die Reichs« Versicherungsanstalt ist der Anficht, daß selbst eine GehaltSgrenze von 23 999 M. noch lange nicht die Angestellten erfaffen würde, die nack der Absicht des Gesetzgeber» im Jahre 1911 unter da» Gesetz fallen sollten. Im übrigen sei«S unrichtig, daß die Reichs- Versicherungsanstalt einer solchen Erhöhung der GehaltSgrenze und der damit verbundenen Beitragssätze lediglich bedürfe, um die Kosten ihre« VerwaliungSaufwandeS zudecken. Um der Invaliden- Versicherung nicht nachzustehen, sei die ReichSverficherungS- anstalt vielmehr gewillt, künftighin angemesiene Leistungen zu gewähren, die der Geldentwertung einigermaßen angepackt seien. In Betracht zu ziehen sei auch, daß die Kosten de« Heil« Verfahrens ganz bedeutend gestiegen seien. Sie würden sich im laufenden Jahre auf etwa 75 Millionen Mark stellen. Mit den alten Beitragssätzen und einer versicherungSpflichttgen GehaltSgrenze von 15 999 M. könne die ReichSverstcherungSanfialt den an fie ge« stellten Anforderungen nicht mehr genügen. Ber-nU». für den redalt. Till: Dr. Werner Briter, rdarlottenbnra: kflr«nzelaen! SS. Gl-»-. Berlin. L erlag: BorwSrIS-verlag».«.». H., Berlin. Drn»: Bor» «lirtS-BinSdruckerei«. BerlaaSanllalt Vau! Binare u. So., Berlin. Sindenttr. 8. \m-PMast Varlelt KoppenstraUe 29 KöniRstadt«II» Täglich ab 7 Uhr C» Der grofle Varl»t6- Spielolan Fischer& Berel— Wallis Georg Gau— ureie Dirkes 2 Bollingers Internationale Ring- kärnplc um d. 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Dazu gedSet aber, bah man reden kann.— Niemand hat es nötig, lnfotge eine» Sprachfehier» hinter anderen zurückjuftehen. Zeder, der stotterfr«! fingt, tann eine fließende, natürliche Sprache erhallen.— Angst- geküht und Atemnot ver dem Sprechen werden gründlich beseitigt bei Erwachsenen und Kindern, auch bei selchen, die mehrfach andere Kurse ohne Erfolg besuchten. Kein Apparat! Keine Hypnose! Kein langsames nunatürliches Sprechen. Sinflchtspplle Ellern. die mtt wachsender Sorge die seelisch« Einwirkung von Sprachstörungen an Ihren Kindern beobachtet haben, sollten sich nicht tituichen lasten durch den weiwerdreitelm Irrtum, daß ein Sprachfehler(ich von srlbst verliert.— Jeder Sprachlehler wird mtt den Jahre» schlimmer, die Beseiiigund enl prechenb Immer schwieriger.— E» lanu daher nicht dringend genug geraten werden, die erforderliche Behandlung so früh wie möglich vornehmen, die Sinder dadurch zu vollwertige» Menschen machen ju lasten. Die diesjährigen Ferienkurse dielen hierzu eine günlllge Gelegenheit. Anmeldungen schon ad heute Idglich nachmittag» 3-7 Uhr— Für Erwachiene Tage«- uud Abendkurse ohne Beruissiörung, aus Wunsch Einieidchanb- lung.— Bor Antaus wertloser Apparate sei rindringlich gewarnt. Dr. Schräders SpMM ÄJÄ