♦ ZS.�akrgang Ausgabe A Nr. 162 Bezugspreis i Vi ert«ljäh:l. zo,— M.. monatl. I«.— ZR, srei in» Hau», vorcu» zahlbar. Post» bezug: Monatlich 10.— M. einschl. Zu- steUun�sgebühr. Unier Kreuzband siir Deutschland. Dan�ig. da» Laar- und Memelgebiet. sowie die eheinal» beut- schon Gebiete Polen». Oesterreich, Ungarn und Luremdura 20,— 3R, für da» übrige Ausland 27,— M. Postbestellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Tschecho- Slowakei, Däne- rnarl. Holland, Luxemburg, Schwede» und die Schweiz. Der.Borwär»»� mit der Sonntag»- beilage„Volt und Zeir', der Unter- Haltungsbeilage„Helmwelt' und der Beilage»Siedlung und Klewgarten� erscheint wochentäglich zweimal, So»»» tag» und Montags einmal. Morgen-Ausgabe Teleo »Sozio« ramm-Adresse: icmotrol Bettln" Devlinev Volksblstt (�30 Pfennig� AuzeigenpreiS, Sit achtgespaltene Ztonpar-tltqetl, kostet bchv M.»Sletne«nzeigo»" da» settgedruckt» Wo« IM M.(zu- lässig zwel fettgedruckte Wotteh jede» weiter« Wo« l.— M. Stellengesuch, und Schlasstellenanzetgen da» erst, .Wo« iy— M, jedes wettere Wo« M Pfg, Worte über lb Buchstaben zählen für zwei Wo««. ffanetlten-An- zeigen für Abonnenten geil» 8,— M Sit Preist oerstehen sich elnschliehlich Teuerungszuschlag. Anzeigen für die nächste Nummer «üsseu dt»» Ahe nachmittag» im Hanptgeschäst, Berlin SW SS. Lind«- straße z. abgegeben werde». Deoffn« oon v Uhr früh bi» S Uhr abend». Zcntr&lorgzn der rozialdemokratifdjen parte» Deutfchtands Redaktion und Expedition: SW öS, Lindenstr. Z Nedaktio» Morttzplatz»K»ÄS— S7 »yernsprANicr. Mnriyplatz 11753—54 Sonnabend, den 9» Juli 1921 vorwarts-verlag G.m.b.H., Slv HS, Lindenstr. 3 - Verlag, Expedition und Inseraten» ♦ Abteilung Moritzplatz 11753-54 Frankreich gegen Leipzig. Leipzig, S. Zull.(WXTS.) heule nachmittag gegen%4 Uhr verließ die sranzöflsche Delegation den Sihungssaal des Reichs- gerichts. Sie wird noch heute aus Leipzig abreiien. Zm Prozeß Schack-Krusta teilte der Präsident Dr. Schmidt gegen 4 Uhr nachmittags mit. daß die sämtlichen sranzäsi- schen Zeugen, anch die noch nicht vernommenen, unter Führung der französischen Delegation das Gerichtsgebäude ver- lassen haben, so daß heule, da die deutschen Zeugen erst für morgen geladen sind, die Verhandlung nicht weiter fortgeführt wer- den kann. Die Verhandlung wird darauf auf morgen vormittag 9 Uhr vertagt. » Die Krise, die in den Leipziger Reichsgerichtsverhandlun- gen eingetreten ist, war vorauszusehen, denn das Problem, dessen Lösung dort versucht wurde, ist überhaupt unlösbar. Einen Gerichtshof, der imstande wäre, über wirkliche oder ver- meintliche Urheber von Kriegsgreueln gerecht zu urteilen. gibt es in der ganzen Welt nicht. In dem gegenwärtigen Fall würden Ententegerichte ebenso der Gefahr ausgesetzt sein. Justizmorde zu begehen, wie deutsche Gerichte der Gefahr aus- gesetzt sind, über die Angeklagten zu günstig zu urteilen. Und wären die Richter nicht Menschen von Fleisch und Blut, son- dern Automaten der Gerechtigkeit, so würden ihre Urteile auch noch lange nicht den Beifall einer au'„eregten öffentlichen Meinung des Auslands finden, die von der Schuld der Ange» klagten von vornherein überzeugt ist und ollerschwerste Ver- urteilungen verlangt. Dem Ausland ist hinreichend bekannt, daß die deutsche Sozialdemokratie Mißstände der Justiz aufs schärfste bekämpft. Aber wenn jetzt Urteile des Reichsgerichts, über die man zweierlei Meinung sein kann, von der P a r i s e r N a t i o n a» l i st e n p r e s s e offensichtlich dazu benützt werden, die Lei- denschaften aufs Reue zur Weißglut anzublasen, so kann weder ein deutscher noch, nach unserer Meinung, ein anderer Sozia- list sich an diesem Spiel beteiligen wollen. Jenen Hetzern sind die Leipziger Urteile und die Unzufriedenheit mit ihnen gerade gut genug, um damit die völkerrechtswidrigen Sanktionen zu rechtfertigen» gerade als ob die Bevölke- rung des deutschen Westens mit auf den Stühlen des Reichs- gerichts gesessen hätte! Wenn solche Leute behaupten, daß ihr Gerechtigkeitssinn verletzt sei, so ist ihnen zu antworten: „Was nicht cristiert, das kann man nicht verletzen!" An der Äufgabe, das Recht herzustellen, würden wir deutschen Sozialdemokraten uns gerne beteiligen. Aber diese Aufgabe wird in diesem Fall dadurch kompliziert, daß erstens einmal in der Verfolgung der Kriegsverbrecher G e g e n s e i- t i g k e i t nicht gegeben ist, und daß zum zweiten ein unpar- teiisches Gericht, das gänzlich über Haß und Liebe erhaben ist, weder hier noch in dem— zum Teil leider noch immer feindlichen— Ausland zu finden ist. P r o t e st i e r e n müssen wir dagegen, daß die Gefühle, mit denen Frankreich das Leip- ziger Gerichtsverfahren begleitet, zur Förderung machtpoliti- scher Pläne gegen einen geschlagenen Gegner mißbraucht werden. Wir haben nichts zu tun mit Leuten, die Rechtsgefühl heucheln, indes sie nichts anderes wollen als Gewalt. Scharfe Sprache der Presse. Paris, 8. Juli.(WTB.) Zur Freisprechung des Generals Stenger und der Verurteilung des Majors Crusius zu 2 Iahren Gefängnis vor dem Reichsgericht in Leipzig sagt„Temps": Der Urteilsspruch werde in Frankreich eine schmerzliche Bewegung und eine berechtigte Entrüstung hervorrufen, aber keine Ueber- r a s ch u n g. Nach den voraufgegangenen Urteilen hätte der Erb- feind Frankreich sich nicht schmeicheln dürfen, von den beut- schen Gerichten eine Gerechtigkeit zu erlangen, die sie England und Belgien verweigert hätten. Vor langer Zeit habe es in Berlin Richter gegeben, heute sehe man, daß es in Leipzig keine gebe. Das Blatt ist der Ansicht, daß man sich immer noch dem behelmten, ge- stiefelten und gespornten, bissigen und rachsüchtigen Deutschland gegenüber befinde, das den anderen Nationen zwischen dem Angriff, über den es nachsinne und der Revanche, die es vorbereite, sein ver- härtetes Gesicht zukehre. Deutschland mache denjenigen, die es zur Nachdenklichkeit zurückführen wollten, ihre Ausgabe schwer: Seine demokratische Regierung habe die erniedrigende Wahl, als gefoppt zu gelten oder als Mitschuldiger von Akten, die seine Versprechungen desavouieren. Zum Schluß sagt„Tcmps", Deutschland verlange von den Alliierten in diesem Augenblick die Aufhebung der Sanktionen, aber seine Handlungen gestatten das nicht. Das„Journal des Debats" meint, es fei gewiß, daß wegen der Aburteilung der Kriegsbeschuldigten der O b e r st e Rot Maßnahmen ergreisen müsse. Was bei dieser Angelegenheit am ernstesten sei, das sei, daß in dem Augenblick, in dem die Al- liierten eine Entspannungspolitik beabsichtigten, und in dem die Ber- liner Regierung Beweise guten Willens zu geben scheine, ein Teil der öffentlichen Meinung in Deutschland alles tue, um den Schiff- bruch dieser Politik herbeizuführen. Die nationalistische Agitation in Deutschland zeige, daß es neben einem Deutschland, das die Lage zu begreifen und sich ihr anzupasien suche, auch ein anderes Deutsch- land gebe, das nichts gelernt habe und das sich noch sehr wider- spenftig und lärmend gebärde. Der„Intransigeant" schreibt, wenn die französische Regierung in dieser Stunde ihrer öffentlichen Meinung die Genug- tuung verschaffen wollte, die sie ihr schuldig sei, so könne sie von ihren Verbündeten das sofortige Einverständnis dazu erlangen, daß die Delegierten des Verbandes beim Reichsgericht a u f der Stelle zurückberufen würden. Der Reichskanzler in Breslau. Breslau. 8. Juli.(WTB.) Beim heutigen Empfang schlestscher Parteiführer und Presieoertreter durch den Reichskanzler, der in den Räumen des Oberpräsidiums stattfand, wurden die schwebenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen eingehend erörtert. Daneben nahm der Reichskanzler die Gelegenheit wahr, mit zahl- reichen Einzelabordnungen, insbesondere Vertretern der Flüchtlings- fürsorge, der Gewerkschaften, der Beamten- und Angestelltenorgani- sationen und anderen Vertretungen die Wünsche und Klagen der Bevölkerung und insbesondere der vertriebenen Deutschen aus Ober- schlesien zu besprechen. In den Verhandlungen betonte der Reichs- kanzler den festen Willen der Reichsregierung, zur Linderung der Not der oberschlefischen Bevölkerung mit allen verfügbaren Mitteln beizutragen. Die Besprechung von Einzelfragen wird im Laufe des morgigen Tages mit dem preußischen Minister des Innern, Dominicus, fortgesetzt werden. Am Nachmittag stattete der Reichskanzler dem Kardinal Fürst- bischof Dr. Bertram einen Besuch ab. Den Abschluß bildete eine öffentliche Versammlung in der Iahrhunderthalle. « In seiner Rede in der Iahrhunderthalle führte der Reichskanzler u. a. aus: Wenn ich von dem einheitlichen Willen Deutschlands spreche, für das Schicksal Oberschlesiens tätig zu sein, so müssen Sie, sehr geehrte Volksgenossen, sich darüber klar zu sein, daß das Deutschland oon heute nicht in der Welt hinter sein Recht auch die Kraft zu setzen vermag, wie einst in den alten Tagen.(Zuruf: Leiderl) Gewiß! Lesen Sie die Eingangsworte der deutschen Reichsverfassung: Das deutsche Volt, geeint in seinen Stämmen, vom Willen beseelt, das Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern, hat sich diese Ver- fassung gegeben! Einst der Bund der Fürsten, heute der entschlosiene Wille der deutschen Stämme, ihr Reich auf der neuen Grundlage der soziale« und politische« Freiheil. des demokratischenLeben», in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern.(Lebh. Bravorufe!) Der Reichskanzler sprach dann über die Sanktionen: er sei überezeugt, daß diese Wunde am Rhein sich bald schließen müsie. Eine noch schmerzlichere Wunde aber sei Oberschlcsien, das nach dem Recht der freien Selb st- bestimmung ungeteilt bei Deutschland bleiben muß. Er sprach oon der Knechtung der Deutschen in Oberschlesien. Wärmsten Dank sprach er denen aus, die im Selbstschutz die oberschlesische Heimat verteidigt haben. Aber nicht an den Gräbern wollen wir endlos trauern, sondern weiter arbeiten, um wieder aufzubauen. Das Schicksal Oberschlesiens ist das Schicksal Deutschlands. Das Ergeb- nis der Abstimmung, das überwältigend für Deutschland lautete, kann nicht aus der Welt geschafft werden, solange der Gedanke der Freiheit in Schlesien lebt, und er wird immer leben. Die I. K. ist der Treuhänder Oberschlesiens und die Geschichte wird einst fragen, ob sie diese Pflicht erfüllt habe. Wir rufen den Alliierten zu: Gerechtigkeit auch für ein besiegtes Volk! Oberschlesier, das deutsche Vaterland hofft aus euch und bietet euch die Händel Die Aussprache mit den Parteien. In den Besprechungen, die der Kanzler mit den Vertretern der polttischen Organisationen ganz Schlesiens hatte, wurde oon deutschnationaler Seite eine Erklärung abgegeben, daß die verantwortlichen Stellen der Deutschnationalen Volkspartei Mittel- schlesiens den Gedanken einer Ausnützung der Auflösung des Selbst- schutzes zu Putschzwecken weit von sich wiesen. Von s o z i a l d e m o- k r a t i s ch er Seite wurde in der Aussprache betont, daß die Der- ordnung des Reichskanzlers über die Auflösung der Selbstschutz- organisationen auf die schlesische Orgesch bisher keine An- wendung finde, weil diese der preußischen Ausführungsoerord- nung durch Austritt aus der Organisation Escherich zu entgehen, erfolgreich bestrebt sei. Der Kanzler erklärte, daß diese Frage durch den preußischen Innenminister genau nachgeprüft werde und auf keinen Fall eine Ungehung des Sinnes seiner Verordnung möglich sein werde. Auf der anderen Seite bat er, die Befürch- tungen nicht zu übertreiben, die von sozialdemokratischer Seite auch dadurch unterstrichen wurden, daß auf die Stärke der sozialistischen Arbeiterschaft in Mittelschlesien hingewiesen wurde, die eine ernst- hafte Erschütterung der Republik nicht dulden würde. Die oberschlesische» Parteien bezeichneten einmütig als ihren Vertrauensmann, der wahrscheinlich jetzt auch die Leitung des Aus- fchusies der deutschen Parteien und Gewerkschaften in Kattowitz über- nehmen soll, den Landrat, Lukascheck, den früheren Leiter der beut- schen Propaganda. Dr. Wirths Besuch hat in Schlesien der Reichsregierung großes Vertrauen erworben: dieses ist allerdings daran gebunden, daß man hier der festen Hoffnung ist. Beuchen und Kattowitz auf keinen Fall zu varsteren. Das Erwerbslosenproblem. Von Hermann Krätzig. Eine, von unserer Partei und den Unabhängigen gemem» sam eingeleitete und durchgeführte Aktion zur Bekämpfung der, Erwerbslosennot hat noch kurz vor dem Auseinandergehen des Reichstags einen vorläufigen Abschluß gefunden. Der Reichstag hat einen Bericht seines volkswirtschaftlichen Aus- fchusies entgegengenommen, der eine große Anzahl Vorschläge enthält, zur Bekämpfung der ErwerbslosennotK Vorschläge, die der Reichstag der Regierung zur Durchfiihrung überwies. Wenn gesagt wird, daß die Aktion zu einem v o r l S u f i» gen Abschluß gekommen sei, so wird damit angedeutet, daß das Erwerbslosenproblem von uns weiter fest im Auge be- halten wird, daß wir nicht ruhen werden in unseren Be- mühungen, bis das Erwerbslosenelend gebannt ist. So leicht ist das jedoch nicht, wie es die k o m m u n i st i» f ch c n Worthelden den armen Erwerbslosen immer vorreden; es sind große Hindernisse inner- und außenpolitischer Art zu überwinden, und von dem Erfolge der Ueberwindung dieser: Hindernisse hängt es ab, bis zu welchem Grade das Erwerbs» losenelend beseitigt werden kann. Noch nie ist wohl dieses Problem so eingehend behandelt worden, wie jetzt in den zahl- reichen Sitzungen des-volkswirtschaftlichen Ausschusses. Das Re i ch s w i r t s ch a f t s- und das Reichsarbeits- Ministerium, beide waren aufgefordert worden, dem Ausschuß eingehend Bericht zu erstatten, einmal über den Um- fang der Erwerbslosigkeit und zum anderen über die vorhan- dene Möglichkeit, innerhalb unserer Volkswirtschaft Erwerbs- beschäftigung zu schaffen. Und wenn die kommunistischen Reichstagsabgeordneten ihre Pflicht als Arbeitervertreter nicht geradezu sträflich vernachlässigt hätten, wenn sie nicht von den Ausschußverhandlungen ferngeblieben wären, so würden sie in der mehrtägigen Aussprache Gelegenheit gehabt haben, zu hören, daß durch Putsche, bei denen man dio Arbeitslosen als Stoßtruppen benutzt, jene inner» und außenpolitischen Hindernisse nicht aus dem Wege geräumt werden. Es ist eben für die kommunistischen Reichstagsabgeordne» ten viel leichter, vor den hungernden Erwerbslosen heftige Brandreden gegen die Gewerkschaftsbonzerr und Sozialdemokraten zu halten, als sich, wie die letzteren, im volkswirtschaftlichen Ausschuß hinzusetzen, um mit den Klassengegnern des Proletariats im kontradiktatori- schen Verfahren um die Beseitigung der Notlage der Erwerbs-. losen zu ringen. Zu diesem Ringen in Rede und Gegenrede mit Syndicis der Kapitalisten gehört allerdings erheblich mehr wie hohle Phrasen über die Weltrevolution am St. Nimmerleinstag. Es gehört dazu volkswirtschaftliches Ver, ständnis und praktische Gestaltungskraft, um das Ergebnis der! Verhandlungen zu Vorteilen für die Erwerbslosen zu formen» Aber solcher Sinn zu praktischer Arbeit im Parlament ist bei den Kommunisten nicht vorhanden: sie lassen sich ja nicht wählen, um sich positiv an der Arbeit des Reichstags zu be- teiligen, sondern um diese Arbeit zu erschweren und, wenn sie es könnten, ganz unmöglich zu machen. Natürlich ist über solche Trottelkrankheit niemand mehr ersteut, wie die Klassengegner der Arbeiter. Wie würde sich wohl der stockreaktionäre, deutschnationale Jnnungskrauter H a m m e r mit seinen ihm durchaus würdig zur Seite stehen, den Herren Dr. R e i ch a r d t und S e m l e r gestellt haben. wenn auch die Abgeordneten der beiden sozialdemokratischen Parteien in den Ausschußsitzungen nicht erschienen wären. Als der Abg. Hammer hörte, daß die Regierung vom 1. August ab eine Erhöhung der Barunter st ützung von 20 bis 23 Proz., und ebenso eine Erhöhung der Unterstützung für Kurzarbeiter eintreten lassen werde, erging er sich in den heftigsten Angrissen gegen diese„Förderung der Simula» tion". Und als wir auf die Zuwendungen an die Landwirt, schaft verwiesen— Maisverbilligung und Getreidepreiserhöhung—, da rief Herr Semler, diese Zuwendungen dienten der Werterzeugung innerhalb der Volkswirtschaft, das Geld aber, das für die Arbeitslosen verwandt werde, sei u n p r o» duktiv ausgegeben. Wir haben Herrn Semler und denen, die so denken wie er, gesagt, daß zur Werterzeugung vor allem Arbeitskräfte nötig seien, die Erwerbslosenunterstützung also nicht unproduktiv ausgegeben sei. Pflicht der Bolksgemein, schaft sei es, zeitweilig brach liegende Arbeitskräfte nicht ver- kommen zu lassen, sondern im arbeitsfähigen Zustand zu er- halten: ganz abgesehen davon, daß es unsere Pflicht sei, vom rein menschlichen Standpunkt aus für diejenigen Menschen zu sorgen, die durch Ursachen, die aus dem gesellschaftlichen Zu, sammenleben entstehen, in Lebensnot geraten feien. Gegen eine so engherzige Auslegung des Begriffes Existenzminimum haben wir uns scharf gewandt, weil unsere Volkswirtschaft jede Arbeitskraft braucht, um die kolossalen finanziellen Forderungen des Ultimatums zu er- füllen. Die Erwerbslosenstage ist die Kernfrage des Wiederaufbaues. Deshalb verlangt der Reichstag in erster Linie eine planmäßige Umschichtung den Bevölkerung, um AxbeU« und Ermerbsmöglichkest ch» m M 'v-k größerem Umfange wie seither zusammenzuführen. Wo die Erwerbsmöglichkeiten gebracht werden können, muß alles gc- tan werden, um Erwerbsmöglichkeit an den Ort der Erwerbs- losen zu bringen. Arbeitsbeschaffung und Arbeitsvermittelung müssen Hand in Hand arbeiten, und den Gewerkschaften wird dabei die wichtige Aufgabe zufallen, in den Fällen öf- fentlicher Auftragsvergebung regelnd mit- zu wirken. Hierbei muß gesagt werden, daß es ganz er- heblich von der besonderen Mitwirkung der Gewerkschaften abhängen wird, was aus den. Vorschlägen praktisch wird, die nun der Negierung zur Bekämpfung der Erwerbslosennot vom Reichstag zugewiesen worden sind. Die Vorschläge befriedigen uns natürlich nur teilweise. Insbesondere ist uns die Barunterstützung auch mit der zugestandenen Erhöhung nicht ausreichend. Aber wer die stundenlangen Verhandlun- gen mit der Regierung mitgeführt hat. der weiß, was für Schwierigkeiten finanzieller Art zu überwinden waren, um zunächst einmal, neben der einmaligen größeren Zu- wendung an die langfristig Erwerbslosen— 6 Monate und länger— eine Erhöhung der Unterstützung f ü r alle Erwerbslosen und Kurzorbeiter zu erreichen. Wir werden, wie schon gesagt, das ganze Erwerbslosen- Problem nicht aus den Augen lassen. Wir werden auch auf die Unterstützungsfrage zurückkommen. Aber das fei noch einmal hervorgehoben: Das Erwerbslosenelend kann nur beseitigt werden durch ra st loses und planvolles Bemühen in der Beschaffung von Arbeit._ LVirth oder Stinnes? Im sozialdemokratischen Brüsseler„P e u p l e" stellt P i e r a r d bei der Beurteilung der interalliierten Politik die Frage, was mit den Sanktionen bezweckt werde. Er betont dabei, daß Deutschland seit der Regierung Wirth nach dem Zugeständnis des Generals Rollet sowohl in der Ent- waffnung wie in der Wiedergutmachung tatsächliche Leistungen vollbracht und guten Willen gezeigt habe. Daher habe man ein Interesse daran, diese Regierung zu erhalten. Durch Ungeschicklichkeiten und Mangel an gutem Glauben würde man Helfferich, der von den Höllen- Hunden der Stinnes-Presse gestützt werde, im Kampfe gegen diese Regierung unterstützen. Das täte man auch durch die Aufrechterhaltung der Sanktionen. Nachdem die Re- gierung Wirth den Ententeforderungen nachgegeben hätte, müsse das Zwangsmittel der Sanktionen verschwinden. Pierard bezieht sich auf die Broschüre des Genossen Heinig: «Stinnes und seine 600 000 Arbeiter", die bekanntlich im Vorwärtsverlag erschienen und in mehreren zehntausend Exemplaren bei den Parteigenossen des In- und Auslandes verbreitet ist, und fragt, ob man wolle, daß Stinnes, dessen Macht heute schon die größten amerikanischen Trusts über- steige, zum allmächtigenHerrscherDeutschlands werde. Wenn man das wünsche, brauche man zunächst nur seine Freunde im Reichstag zu unterstützen, die Dr. Wirth stürzen wollen. Der Brüsseler„Peuple" erkennt richtig die Gefahr, -.die der Westpolitik von der Sabotage des Reparationeab- kommens durch die Rechtsparteien droht. Es wäre nur zu wünschen, daß die Einsicht von der U n h a l t b a r k e i t d e r Sanktionspolitik auch bei den bürgerlichen Blättern Frankreichs und Belgiens Platz greift. Der �uftiZfkanüa� der �DDZ/ Es dämmert in Deutschland! Die„Deutsche Allgemein« Zei- tung" des Herrn Stinnes entrüstet sich über I u st i z f k a n d a l. Sie spricht von einer„schweren Verletzung des Rechts- empfinde n s aller deutschen Bevölkerungskreise". Sie klagt Richter und Staatsanwalt an. Sie lädt einem deutschen Gerichtshof die Schuld an vergossenem Blut auf und spricht von„unfaßbarer Hilflosigkeit der Berufsrichter". Was ist geschehen? Was hat das wackere Stinnesorgan so in Harnisch gebracht? Der Fall Jagow? Die Schreckensurteile der Sondergerichte? O nein, nichts von alledem! Der Freispruch des Armeniers Teilirian, der den Armenierschlächter Talaat tötete, beginnt jetzt plötzlich nach monatelanger verschwiegener Gärung im Magen der„DAZ." Revolten zu erzeugen. Plötzlich entdeckt sie, daß dieser Freispruch„ein schwarzes Blatt" in der deutschen Rechtspflege sei, und daß ganz Deutschland„durch das unglaubliche, die deutsche Rechtspflege herabsetzende Prozeßverfahren" ge- schädigt sei. Gottlob, daß kein sozialdemokratisches Blatt diese Ausdrücke gebraucht hat. Welche Entrüstungsstürme würden sonst die„DAZ." ob dieser„Diskreditierung der deutschen Rechts- pflege" durchsausen! Vielleicht gäbe es sogar einen Prozeß wegen Richterbeleidigung. Der Grurtfi des Geschreis? Die„DAZ." behauptet, daß der ehemalige bulgarische Ministerpräsident Radoslawow unmittel- bar nach dem Freispruch Teilirians Deutschland verlassen habe, weil er sich nicht mehr genügend sicher fühlte und daß auch eine größere Anzahl anderer politischer Flüchtlinge aus diesem Grund zur Abreise rüsteten. Anstatt sich nun zu freuen, daß auf diese Weise endlich einmal Wohnungen für die zahlreichen noch obdachlosen Auslandsdeutschen, Deutschen aus den vertriebenen Gebieten usw. frei werden, sieht die „DAZ." in der Auswanderung fremdländischer Imperialisten, russi- scher monarchistischer Verschwörer usw. das größte Unglück Deutsch lands. Zwei lange Spalten opfert sie der Kritik des Teilirian Prozesses. Alles, was über die Armeniergreuel in diesem Prozeß festgestellt worden sei, sei unbewiesene Phantasie und un- kontrollierbarer Schwindel. Die„DAZ." liefert freilich den bün- digen Beweis, daß nie einem Armenier in der Türkei ein Haar gekrümmt worden ist. Gegen Schluß ihres Artikels stellt sie nämlich unter Krokodilstränen fest, daß auf die Kunde vom Freispruch Teilirians in der Provinz Wan(Hocharmenien) eine neue Armenier- mehelel ausgebrochen ist, wobei— nach den Worten der„DAZ."— „das Blut Talaats jetzt schon an vielen Schuldlosen gerächt worden ist". Trefflicher kann allerdings nicht dargetan werden, daß alle Armeniergreuel ins Gebiet der Phantasie gehören, daß Professor Lepsius und die übrigen Zeugen der Verteidigung das Gericht glatt angeschwindelt haben! Wenn die„DAZ." behauptet, daß der Freispruch Teilirians vom ganzen deutschen Volk mißbilligt worden sei, so genügt ein Blick in die Presse jener Tage, um das Gegenteil zu beweisen. Es zeugt von der Dreistigkeit der Kriegsoerbrecher, daß das größte aller Kriegsverbrechen, nachdem es endlich gerichtlich einwandfrei festgestellt worden ist, jetzt einfach wieder ins Gebiet der Phantasie oerwiesen wird! Die deutsche Justiz ist faul, kernfaul. Aber dos Urteil im Teilirian-Prozeß war gerade eins der wenigen, die vom Volk o e r- standen worden sind. Geiselentlasiung in Reuthen. Beukhen, 8. Juli.(WTB.) Die aus Anlaß der Vorgänge in der neuen Kaserne, in deren Verlauf der französische Offizier Monta- legre zu Tode gekommen ist, seit einigen Tagen in Haft gehaltenen Geiseln sind gestern abend bzw. heute vormittag von den Engländern aus der Haft entlassen worden, bis auf den Ersten Bürger- meister, Dr. Stephan, dem mitgeteilt wurde, daß er aus dem Ab- stimmungsgebiet ausgewiesen werde. Es ist bezeichnend, daß man von den Geiseln vor der Entlassung die Unterzeichnung einer Er- klär un g verlangt hat, daß sie während der Hast human be- handelt worden seien. Ein Teil der Geiseln hat die Unterzeich- nung dieser Erklärung grundsätzlich abgelehnt. Der Magistrat der Stadt B-uthen hat auf die Ergreifung des Täters, der am 4. Juli den französifchen Bataillonskommandeur er- schoß oder auf die Beibringung von Angaben, die geeignet sind, eine restlose Aufklärung des bedauerlichen Norfalles herbeizuführen, eine Belohnung von 15l) Mk. ausgesetzt. Der ehemalige Kommandant von Beuthen General L e C o m t e D e n i s, der zu jenen Kriegserscheinungen gehört, die in den Augen der Franzosen vom Leipziger Kriegsgericht zu milde bestraft werden, hat das Kommando über die Mittelgruppe der alliierten Streitkräfte übernommen und seinen Standort in Hindenburg aufgeschlagen. Die Vertreter des� Kreises Hindenburg haben sich nämlich über den auch heute noch fortdauernden Terror der Polen und die offenstchchi liche Duldung dieses Terrors durch die Franzosen beschwert! Der Schnellzugverkehr ist über Beuthen hinaus bis Kattowitz ausgedehnt worden. Seit gestern verkehren sämtliche Schnellzüge des bisherigen Fahrplanes wieder bis Kattowitz, auch die in der Richtung nach Ratibor. So ist der Schnellbahnverkehr zwi- schen dem Reiche und Oberschlesien zum ersten Male nach neun Wochen wieder erreicht worden. Die„O p p e l n e r Z e i t u n g" ist von der Interalliierten Kom- Mission auf die Dauer von vier Wochen ohne Angabe von Gründen verboten worden. Es ist dies das fünfte Verbot, das dieses Blatt betrifft. Kermes für freie Getreidewirtsthast. Auf der Stuttgarter Konferenz der Ernährungsminister erklärte der Reichsernährungsminister Dr. Hermes, die Getreideumlage solle nach seiner„persönlichen Auffassung" ein Uebergangs- f ch r i t t für die freie Wirtschaft sein, zu der man, wenn nicht ganz unerwartete Verhältnisse eintreten, im nächsteu Jahre komme« werde. Ferner teilte er mit, daß die Konferenz mit überwiegender Mehr- heit beschlossen habe, mit Rücksicht auf die in diesem Jahre zu ver- zeichnende Vermehrung des Rübenbaues, mit der bisher rund 77 Proz. der Friedensanbaufläche von 1913/14 erreicht worden sind, und mit Rücksicht darauf, daß mit der Deckung des Inlandsbedarfs aus der neuen Ernte gerechnet werden kann, die Zuckerzwangs- Wirtschaft mit Beginn des neuen Erntejahres, also mit dem 1. Oktober, aufgehoben werden soll. Die persönliche Ansicht des Ministers über die Aufhebung jeg- licher Getreidebewirtschaftung dürfte von den weitesten Kreisen der Verbraucher nicht geteilt werden. Die Stadtverordnetenwahlen ungültig. Die Einzelheiten des Urteils werden immer eingehender bekannt, obwohl es die Parteien voraussichtlich erst Mitte nächster Woche zugestellt bekommen werden. So teilt man mit, daß das Urteil hervorhebt, im besonderen die Anweisungen über die Bildung und Besetzung der Wahlvorstände seien nicht der Städteordnung ent- sprechend ergangen. Gleichzeitig mit der Ungültigkeitserklärung der Mandate der Stadtverordnetenversammlung und der Bezirksverord- netenoersammlungen werden auch sämtliche Wahlen der unbesoldeten Stadträte, sowohl der Berliner Zentralver- waltung als die der Bezirksämter ausgehoben. Die besoldeten Ma- gistratsmitglicder, die auf 12 Jahre gewählt sind, bleiben im Amt. Die Bestätigung dieser Mitteilungen bleibt abzuwarten. polnische �wangsanleihe. Warschau, 8. Juli. Der Oberste Finanzrat hat die Ausschrei- bung einer Zwangsanleihe beschlossen. Diese wird in einem Monat zur Durchführung gelangen. Der Finanzminister wird demnächst der Budgetkommission die näheren Durchführungsbestimmungen unterbreiten. Die Unruhen in Polen. Nach Berichten aus Posen gehen die Deutschen Verfolgungen in Polen weiter. Dieser Tage | wurden Flugblätter in verschiedenen Orten Polens oerbreitet, in denen die Deutschen aufgefordert wurden, Polen zu verlassen. Würden sie nicht gehen, so mühten sie das mit dem Tode bezahlen. In den Grenzorten sollen mehrere Arbeiteraufstände durch Militär und Gendarmerie unterdrückt worden sein.„Times" behauptet, die Unruhen seien durch die Rückwanderung von 22 000 arbeitslosen Polen aus Deutschland hervorgerufen worden. Diese Meldung ist durch die polnische Untersuchungskommission selbst widerlegt worden. Das Ministerium für Posen warnt in einem öffentlichen Aufruf vor weiteren Ausschreitungen. Das Schicksal der Domänenpöchler in Neupolen. Die Pariser Botschafterkonserenz teilte der Deutschen Botschaft zu der beabsich- tigten Vertreibung der Pächter der früher deutschen Domänen in Neupolen mit, die Konferenz habe die polnische Regierung aus eigener Initiative aufgefordert, dieVertreibungenzu unter- lassen. Die Konferenz behalte sich eine endgültige Entscheidung auf Grund der verlangten Informationen vor. Das Trinkgeld. Eine wahre Begebenheit. Mein Freund ist Bankbeamter. Nicht daß er Briefmarken fein säuberlich aufzukleben hat oder zahlenstrotzende Formulare vom Schalterbcamten I zum Prokuristen P zwecks Leistung der Unter- fchrift tragen muß, nein, zur Zeit, da das folgende Erlebnis spielt, leistete er selbst schon Unterschriften, hatte als zweitwichtigste Persön- lichkeit seiner Filiale ein eigenes„Prioatkontor" und durfte sich auf seinem bequemen Bureausessel wie ein kleiner Fürst fühlen. Er durfte es bis zum Herbst 1915. Dann nicht mehr. Da wurde er nämlich eingezogen, trotz seiner kranken Leber, trotz seiner pazifistischen Weltanschauung. Er trug es mit Würde. Er trug mit Würde Kommißstiefel, Krätzchen und die Kosenamen, die ihm sein Feldwebel täglich zubrüllte. Zwar reichte seine Hilfe nicht aus, den Krieg zu gewinnen, aber dem Offizierskorps schien er doch unentbehrlich zu sein: eines Tages übergab man ihm das wichtige Amt einer Ordonnanz im Offiziers- kasino einer ruhmreichen Etappe. Mein Freund tat alles. Er servierte Bratenplatten, er reichte Zigarren, er spülte Teller, er ent- korkte Sektflaschen, er reichte französischen Kokotten Feuer, er hielt schwankenden Vorgesetzten das schwere Haupt, wenn sie ihren Magen auf zwar nicht ganz korrekte, aber dafür gebräuchlichere Art ent- leerten, brachte nach Hause, was vom Alkohol der eigenen Willens- bestinimung beraubt war, kehrte Stuben, führte Buch, schrieb Rech- nungcn und— nahm angebotene Trinkgelder. Niemals kümmerte sich einer der Menschen, die er tagaus tagein bediente, um ihn anders, als daß er ihm Befehle gab. Nur einmal geschah es, daß sich ein Ofsizier dazu herabließ, ihn etwas Persön- liches zu fragen:„Caan Sie mal, Sie sehen doch nicht dumm aus, was sind Sie denn in Zivil?" „Bankbeamter, Prokurist der D. Bank in E." „Aeh, saan Sie mal, Sh, Sie nehmen doch Trinkgeld, äh... wie..." „Iawoll, Herr Leutnant, damit bezahle ich den Wein, mit dessen Bezahlung die Herren des Abends durchgehen." Mein Freund ist nie wieder außerdienstlich angesprochen worden. Alexander Seidel. Der akademische Zopf und das Architekturstudium.„Der Worte sind genug gewechselt!" erklären die Studierenden der Architektur- abteilung an unserer Technischen Hochlchule, und fordern den Kultus- minister in einer dringlichen Eingabe auf, nun endlich die R e- formen des Architektur Unterrichts praktisch durchzu- führen, über deren Notwendigkeit seit Iahren diskutiert wird und über deren Hauptziele alle Urteilsfähigen sich einig sind. Diese Ziele sind: 1. Fachschulmäßige Gestaltung des Unterrichts bis zum Vor- examen unter Betonung des Handwerklichen, und daher freie Wahl, ob man bis zum Dorexamen die Hochschule besuchen oder die Baugewerkschule absolvieren will. 2. Freierer Charakter des Stu- diums nach dem Vorexamen unter Betonung des K ü n st l e- r i s ch e n. Die Studierenden haben mit ihrer Forderung vollkommen recht. Aber es gibt noch Kunstgeheimräte. Wallner-Theater:„Eavalleria rusticana".—„Der Bajazzo". Das uralte, ewig junge Lied der Liebe, der Leidenschaft, der Un- treue, in beiden Stücken wird's gesungen, gespielt. Vom Wirbel bis zur Zehe muß es den Zuschauer packen, wenn alles stimmt im Spiel. Das war im Wallner-Theater nicht der Fall. Margarete S ch l e m ü l l e r, als junge, von Turiddu verführte Bäuerin, wirkte zu alt und Anneliese M a d s e n als gealterte Lucia zu jung. Her- mann Kant sang trotz etwas belegter Stimme den Fuhrmann Alfio recht trefflich. Adolf L u ß in a n n war die rechte Figur für den hübschen, die Herzen aller Frauen bezaubernden jungen Landmann. Bei Eva Haupt als Lola suchte man vergebens nach verführe- rischen Reizen; neben den anderen verblaßte sie vollkommen. Die Musik sollte stets daran denken, daß ein Uebertönen der Stimmen durch das Orchester auch denen unangenehm ist, die den Text aus- wendig können.. Im„Baja,zzo" zeigte Lußmann als Canio und Kant als Tonio vortreffliches Können im Gesang wie im Spiel. Angela S a x als Nedda hätte man gern einen anderen Partner Silvio gc- gönnt, als Fritz C a p i tz e r, der, wenn schon nicht durch sein Aeußeres, so gewiß nicht durch seine Stimme für die Rolle eines berufenen Verführers schöner Frauen geeignet ist. Der Beifall d'es Publikums war endlos. Mutterliebe— eine Drüfenabsonderung. Steinachs Forschungen über Geschlechtsverwandlung finden ihre erste Ausdeutung Hinsicht- lich unserer modernen Weltanschauung in einem kleinen Buche „Vom Sinn des Eros" von Harry Schumann(Verlag Karl Rcißner in Dresden). Wir entnehmen dem Buch, das der Worps- weder Künstler Heinrich Vageler mit Zeichnungen versehen hat, fol- gende Ausführungen, die den Kern des Problems zusammenfassen: Steinachs Entdeckungen zeigen, wie innig alles Seelische vom Körper- lichen abhängt. Denn im Verjünaungsproblem gewahren wir ja eine Umwandlung des Seelischen durch Erneuerung körperlicher Drüsen. Jahrhundertelang nahm der Glaube die Menschheit gesangen, daß der Körper etwas Niederes sei, im Kamps stünde mit der ewigen göttlichen Seele und den höchsten Menschenempfindungen, zu denen vor allem das Madonnenhafte der reinen Mütterlichkeit ge- höre, ja, daß alle? Körperliche überwunden werden müßte. Noch heute spukt dieser Wahn in manchen Köpfen. Da kam Steinach und setzte jungen kastrierten Rattenmännchen weibliche Geschlechtsdrüsen ein. Die Wirkung übertraf alle Erwartungen. Das männliche Aus- sehen schwand, das Fell glich sich dem des Weibchens an, der Knochenbau wnrde zarter, und vor allem wurden die Empfindungen weiblich: das Männchen verlor völlig feine männliche derbe Art und gewann alle Eigenschaften der Mütterlichkeit, trotzdem es natürlich nie Mutter wcxden konnte. Es bemühte sich um die Jungen anderer Ratten und widmete diesen alle aufopfernde Hingabe, Liebe und Fürsorge, deren nur ein mütterliches Wesen fähig ist, und der Der- gleich mit den Menschen trllgte nicht. Eins der größten Wunder ist diese Erscheinung: Die Mütterlichkeit» das Höchste der Menschenseele, das immer wieder an die Menschheit glauben läßt, entsteht unmittel- bar aus den stofflichen Absonderungen gewisser Drüsen. Es gibt wohl kaum einen deutlicheren Beweis' dafür, wie der Körper die Seele gebiert. So wird heute die Zeit für eine neue Erkenntnis reif: die Heiligkeit des Körpers wird gewiß, wenn wir sehen, wie Drüsen den Inhalt unseres geistigen und seelischen Lebens bestimmen können. Die Ludwigsburger Werkstätte. Das Weimarer Staatliche Bau- haus, die Schöpfung von Walter Gropius, erhält jetzt ein württem� bergisches Gegenstück in der Ludwigsburger Wertstätte, die dort der junge E. T. Bälz, Architekt und Bildhauer, ins Leben ruft. Es werden selbständige Abteilungen geschaffen für Holz-, Leder-, Stoff-, Färberei-, Malerei- und Lackiererarbeiten, jede als eigene GmbH., an deren Gewinn auch die tünftterischen Mitarbeiter beteiligt sind. Wie bei Gropius steht auch hier die Grundlage des Werkmäßigen als unerläßlich für jedes künstlerische Schaffen vor Augen. Die Ab- teilungen erhalten in ihrer Vereinigung demnächst auch eine Werk- stattschule angegliedert. Dem Ludwigsburger Unternehmen, das den kunstgewerblich altberühmten Namen der Heimat des württember- gischen Porzellans wieder zu Ehren bringen will, wird hoffentlich ein voller künstlerischer und wirtschaftlicher Erfolg zuteil werden. Bis zum„h". Warum sagt man, wenn man das äußerste End? von etwas bezeichnen will, nicht bis zum„z", dem letzten Buchstaben des Alphabets, sondern bis zum„tz"? Diese Redensart erklärt sich aus den alten Fibeln, in denen das Alphabet nicht mit„z". sondern mit„tz" schloß. Erst der ABC-Schütze, der bis zum„tz" gekommen war, war bis zum Ende seiner Wissenschaft gelangt, über das hinaus es nun wirklich nichts weiter mehr gab. „Verborgene Kunftt'. Der Schntzverband Deutscher Schrift st eller nimmt leine der verborgenen Kunst und den fremden Nemden Kulturen gewidmeten Veranstaltungen wieder auf und gibt am 13., abends T/a Uhr, im Brüder vercinShauS, Kurfürsten- sl ratze IIS, einen Abend mit dem Thema:„Entwicklung des Indischen Theaters Zu den mitwirkenden Künstlern gehören Mitglieder dcS Jüdischen Theaters in Wilna. Karte» im Vorverlaus in den Buchhandlungen Ewer, Kncsebcckstr. S1/55, Schildberger, Schillslr. 3, Jurwicz, Monbijouplatz, Kedem, Dahlmannstr. 8, und an der Abendkasse. Im Graphischen Kabinett Neumann, Kursürstendamm 232, findet am 11. die Eröfsnung des 1. Teils der Sommer-(Verkaufs-» A u s st c l l u n g statt. Es werden Gemälde, Plastiken, Aquarelle und Graphiken von Heckel, Jäckel, Lchmbruck, O. Müller, Pascin, Pechstcin, Zlohlss, Schmidt-Roltluff u. a. gezeigt. Georg Wecrths, des leider fast vergesienen Dichters beS Vormärz (geb. zu Detmold 1820, gest. aus Havanna t8SK), Werke sind bisher nicht gesammelt worden. DaS Versäumte soll jetzt nachgeholt werden. Wer Briefe, Mitteilungen. Porträts und Schriften von, an und über Georg Becrlh besitzt oder nachweisen kann, gebe Nachricht an Ernst Drahn, Steglitz, Forftstr. 5. Die Talzburger Festspiele sollen nun doch, trotz aller Hindernisse. in der Zelt vom 2. bis 30, August stattfinden. Vom 2. bis 14. August ocr- anslal!:t das Mozarteum eine Mozartwoche. Äui dem Domplatz finden steiiausführiingrn von.Jcdclmmm'. Regie Max Reinhardt, statt. Autzcr diese» Kestausführungen oeranuattet die Festsptelhausgemeindc im Natur. ibeater des MirabellgartenS Freilichtipicle von Mozarts.Bauien und Bastienne*. Im Stadtlheatcr werden Mitglied« des ehem. tais, rutziptzea Ballette gastieren. ITr. 319 ♦ ZS.Iahrgcwg Heilage öes Vorwärts Sonnabenö, 9. Juli 1921 GroßSerlln Gericht über Sie Etappen'yLk''Ln. Heinrich Vandi. der Verfasser der �.Elspre Ge:.l". unier Anklage. Der Verfcffcr bcs Buches Ctoppc Gent, der Redakteur Heinrich Wandt, hatte in seinem Buch unerhörte Zustände üder dos Schlemmer- und Liebcsleben mancher Osfiziere hinter der Front aufgedeckt. Er hatte sich deswegen vor der Strafkammer wegen Beleidigung dreier Offiziere, des Heere-anwalts Dr. Autenrieih, Ulm, Kriegsgcrichtsrat Dickmonn und General d. Inf. E. v. Schick- fuß und Uleudcrf, die als Nebenkläger zugelassen waren, zu ver- antworten. Die Beleidigungen sollen, wie die„Freiheit" berichtet, in Artikeln mit der Spitzmarke„Etappe Gent", die in der„Freien Presse" veröfsentlichl wmdsn, enthalten sein. Nach den Darstellungen Wandts soll der Heeresanwalt Dr. Autenrieih gegen Soldaten außerordentlich sirenge gewesen sein und sie in unflätigster Weue beschimpft haben. Zu gleicher Zeit habe er aber in den Arme« belgischer Madchen, zum Teil unter Abgabe von Eheversprcchen, trotzdem er verheiratet ist, seiner Sinn- lichkeit voll die Zügel schießen lassen. Dr. Autenrieih habe des weiteren die Untersuchung gegen einen Schieber-Feldwebel nicht einwandfrei geführt, weil sonst schiebende Offiziere der Etappe Gent bloßgestellt worden wären. Während Unteroffizieren und Mann- fchaften der Briefoerkehr mit Belgiern wegen Spionagegefahr ver- boten war, korrespondierte Herr Autenrieih in zärtlichster Weise mit seinen Kriegsehefrauen. Im sogenannten„Eafe Autenrieths*, einem Bordell in Kortrijk, hätten den Herrn Kriegsgerichtsrat des öfteren ganz gewöhnliche„Kerls" im trauten tetc-ä-tete mit seiner nackten Kriegsfrau Claire oder ihrer Schwester auf dem Sofa sitzen sehen, wobei er mit seinen gepflegten Händen allerlei diskrete Manipulationen und Massagen ausgeführt habe. Bon dem Kriegsgerichtsrat D I ck m a n n behauptet der Ange- klagte, daß er ein Menschenschinder remften Wassers gewesen sei. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte jeder Soldat, der eine schlechte Ehrenbezeugung machte, erschossen werden müssen. Gegen- über dem Manncsmut vor dem Kriegsgerichte habe der Kriegs- gerichtsrat jedoch eine lächerliche Furcht vor Einbrechern und Fliegerangriffen an den Tag gelegt. Abends vor dem Schlafen- gehen habe er mit entsicherter Pistole und Degen olle Winkel des Hauses durchsucht und bei Fliegerangriffen habe er zitternd und bebend sich stundenlang im Keller verkrochen. Dem General v. S ch i ck s u s wirft der Angeklagte vor, daß er sich von Dickmann habe beeinflussen lassen und sich durch Nicht- anerkennung von Urteilen der Rechtsbeugung schuldig gemacht habe. In einem Falle, in dem einwandfrei nachgewiesen werden konnte — ein Feldwebel hatte einen ihn malträtierenden Leutnant im Affekt niedergeschossen—, daß Totschlag vorlag, habe er das Urteil solange nicht bestätigt, bis ein entsprechend zusammengesetztes Ge- richt das Todesurteil aussprach, das auch durch Erschießen des Feld- webels vollzogen wurde, nachdem der Kaiser das Bcgnadigungs- gesuch abgelehnt hatte. Nach Verlesung der die angebliche Beleidigung enthaltenden Artikel stellte der Angeklagte eine ganze Anzahl von Beweis- antragen. Durch Ladung von Zeugen und der belgischen Mädchen will der Angeklagte den Wahrheitsbeweis antreten. Der Staats- anwalt forderte die Ablehnung der Bewcisanträge. Das Gericht würde die ' Schilderung der Liebe sgenusfe-ch. des Heeresanwaltes Dr. Autenrieth als wahr unterstellen. Kriegsgerichtsrat D i ck m a n n führte aus. daß er nicht feige gewesen sei. Abends habe er nur fu von der Seite unter das Bett geschielt, ob niemand darunter läge. Vor Fliegerangriffen sei er nicht in den Keller gekrochen, sondern nur, um das Gas abzustellen. Auch Dr. Autenrieth will die Beweisanträge abgelehnt sehen, besonders die Ladung der belgischen Zeuginnen. Auf die Bemer- kung des Vorfitzenden, warum solche Jtimitäten veröffentlicht wür- den. erwiderte der Angeklagte, daß es ihm darauf angekommen fei, die ungeheuren Schlemmereien und die Lotterwirtschaft hinter der Front aufzuzeigen, während zu gleicher Zeit Tausende von Soldaten zerfetzt wurden und die in der Heimat Verbliebenen Rot und Eni- behrung zu tragen hatten. Nach längerer Beratung erkennt das Gericht sämtliche Beweisanträge an. Die Verhandlung wurde hierauf bis nach den Ferien vertagt._ Millionenfälschungen. ~ Bor dem Schwurgericht unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Gerstel begann gestern die umfangreiche Verhandlung in der Strafsache Stiller und Genosien, die wegen Millionenfälschungen und Beihilfe sich zu verantworten haben. Angeklagt sind die Kauf- leute Erich Stiller und Otto Kruse, der Gerichtsassessor a. D. Dr. Henning Böhmer und der Kaufmann Richard H ä h n. Die Anklage vertritt Staatsanwaltfchaftsrat Berliner, den Angeklagten stehen die Rechtsanwälte Leopold Meyer, ferner für Böhmer die Rechtsanwälte Nübell, Neumond, Dr. Ludwig Meyer, sowie die Rechtsanwälte Sack, Flügge, Karl Löwen- t h a l und S ch m o l l e r den übrigen Angeklagten zur Seite. Es sind über 20 Zeugen geladen. Als Sachverständiger fungiert Mi- nifterialkanzleifekretär beim Reichskommissar für Ein- und Ausfuhr Deter, der schon ein schriftliches Gutachten abgegeben hat. Es handelt sich um die von den Angeklagten vermittelte Besor- gung gefälschter Ein- und Ausfuhrbewilligungen an Interessenten. Während nun die mit den Scheinen belieferten Firmen recht trau- rige Erfahrungen gemacht hatten, haben die Lieferanten Millionen in die Tasche gesteckt. Es wird den Angeklagten nicht zum Vorwurf gemacht, daß sie die Fälschungen selbst vorgenommen, aber daß sie von den gefälschten Urkunden Gebrauch gemacht haben. Die beiden interessantesten Persönlichkeiten sind die Angeklagten Böhmer und Hahn. Böhmer war die letzten Jahre Syndikus der Deutschen Paläslinabank, lernte in Berlin den Hähn kennen und gründete mit diesem im Herbst 1920 die Niederdeutsche Handels- gesellschoft, die sich mit Konjunkturgeschästen aller Art, vorzugsweise mit Textilsachen, beschäftigte. Er bestreitet, daß ihm bekannt gewesen sei, daß es sich bei den Ein- und Aussuhrbewilligungen um Fäl- schungen handelte.— Der Angeklagte Höhn ist einer der Mitbegrün- der der Leopold-Akademie für Versorgung kriegsbeschädigter Offiziere in Detmold. Im Austrage des Generalquartiermeisters kam er noch Holland, wo er Heu aufkaufte. Nach der Revolution hatte er viel mit Auslandstransaktionen zu tun. Da er sich solchen Ge- schäften nicht gewachsen fühlte, sei es ihm sehr angenehm gewesen, als der Assessor Böhmer ihm den Dorschlag mackte, eine Gesellschaft zu gründen, welche ihm die Ausführung der Aufträge abnehmen sollte. Die Verhandlung geht sofort ins einzelne, ohne daß alle Einzel- heiten ein sonderliches Iiteresse zu erwecken vermögen. Man nimmt an, daß der Prozeß erst in der nächsten Woche zu Ende geht. Wir werden über den Ausgang berichten und das Urteil mitteilen. wegen Raummangel muß die heutige Fortsetzung des Komaus aussallen, Entdeckung e.nes großen Waffen- u. Munitionslagers 750 Siielhandgranalea, 4CD0 S-Palronen gefunden. Gestern nachmittag bemerkten Passanten vor dem Hause Prinz- 5�cnd!erys raße 66,67 in Neukölln einen Lastwagen, von welchem schwere Kistrn und Säcke abaeladen wurden, die dann in dem Keller des dort wohnenden Produktenhändlers Karl Müller ver- schwanden Do die Zeugen vermuteten, daß es sich um Diebesgut Hendeln könne, benachrichtigten sie die Sclchowcr Wache der Schutz- Polizei, die auch sofort mehrere Bcamie entsandte. Inzwischen war der Keller geschlessen worden, so daß die Tür gewaltsam geöffnet werden mußte. Bc: der Durchsuchung der Räume fanden die Be- amten zu ihrer Ucbcrraschung folgende Mengen Munition und Waffen: S Kisten mit je 2Z Stück Stielhandgranaten, 22 Maschinen- Pistolen, 1 Mauserpistole, 1 Signoltrompete, 1 Gasmaske, 1 Sack mit Pulver, 1 Wagenplan, 97 Vlechkisten mit Maschinengewehrmunition, 1666 L-Pcktronen, 4 Sack Pisiolcnmunition und 2 Kisten Pistolen- munition�oller Kaliber, 55 Trommelmagazine für Maschinenpistolen, 1 Kiste Schlagstifte für Artilleriegcschosse. Frou Müller, die nur allein anwesend war, wurde vorläufig festgenommen, lieber die Herkunft der Waffen- und Munitionsmengcn fehlt noch jeder Anhalt. In einigen Kisten lagen Zettel mir der Aufschrift„Nachgeprüft Müller". Der Produktenhündler Müller ist flüchtig. Die beschlag- nahmten Waffen und die Munition wurden auf Fahrzeugen der Schutzpolizei weggeschafft, um der Vernichtung zugeführt zu werden. Keine Auflösung höherer Schnlen Neuköllns! Der-Amtliche Preußische Pressedienst schreibt: In weitere» Kreisen der Neuköllner Bevölkerung bar eine Pressemeldung über die angebliche Auflösung des Stantlichen Gymnasiums und des Staatlichen Rcolgymnasiums in Neulölln erhebliche Unrube ver- ursacht und bereits am Donnerstag abend z» einer Protest» Versammlung fer Elternbeiräte geführt. Hierzu ist zu erllärcn. daß im Preußischen Kultusministerium zurzeit die Auflösung dieser beiden böseren Schulen nicht beaösichriat wiid. Em gewisser Borbebalt ist nur insofern zu machen, als die bevorstehende allgemeine Neuordnung des höheren SchulweienS in Preußen Veränderuiigen bringen wird, daß aber auch im Rahmen dieser viojekiienen Maßnahmen über die Zukunft der beiden staatlichen Gymnasien in Neu- kölln»och keinerlei Beschlüsse gefaßt sind. Iunosozlalistca. Kruppe Lichtenberg. Beteiligung am Eommcrfest der SPD. Um S Uhr Treffpunkt am Trapcplag.— Kruppe Schöneberg.Friedenau. Wanderung nach Potsdam-Lichendorf. Treffpunlt Slh Uhr morgens Haupt-, Ecke Innedrucker Straße._ )ugenüveransta!tungen. Sonnabend, den 9. Juli: Ein« SLitchrnk-uscreuz findet um Uhr im Zentroljugendheim, Linden» straße S. statt. Vortrag:„Kemeinschaslscrzichung", Referent Senosse Studien» asfeffor Erwin Marquardt. Sonnlag, den 10. Juli: NSpeuick. Wanderung Strausberg. Treffpunkt?45 Uhr Schloßplatz.— Saukwitz. Wanderung Erossinlee. Treffpunkt t'/j Uhr am Bahnhof.— Nie» dcrschSnhause». Wanderung Strausberg. Treffpunkt S Uhr Friedensplatz. Zum Akiigsiod des Rdchsraks hat der Magistrat in seiner Sitzung vom 26. Juni den Bürgermeister Genossen Adolf Ritter und zum stellvertretenden Mitglied Stadtrat Genossen Otto Frank gewählt. Fcrionsondcrrüge. Die Nechsrage der Reiselustigen nach den Fahr- karten zu den Feriensvnderzügcn ist im allgemeinen nicht so groß gewesen, wie man es ursprünglich erwartet hat. Die Schuld hieran wird möglicherweise das unsichere Wetter der letzten Tage trogen. Es sind deshalb noch zu gewissen Fcriensonderzügen Fahrkarten zu ermäßigten Preisen bei den besonderen Schaltern auf den Abgangs- bahnhöfcn vorhanden. Man tut deshalb gut, Erkundigungen auf den betreffenden Abfahrtsbahnhöfen einzuziehen. Kinder aufs Land. Durch die Organisation„Landaufenthalt für Stadtkinder" ist es, wie der Gemeindevorstand No» w a w e s mitteilt, möglich, noch einer Anzahl von Nowawefer Kin- dern, die zu Verwandten oder sonst auf Grund von Familienbe- Ziehungen aufs Land eingeladen sind, besondere Veraünstigung zu gewähren. Liegen gewisse Voraussetzungen vor, über die das Jugendamt, Zimmer 2 des Nathaufes, Auskunft gibt, so erhalten die Kinder Fahrpreisermäßigung und Anspruch auf Unfall-Hast. Pflichtversicherung. Der Fahrpreis beträgt ein Drittel der üblichen Preise 3. Klasse. Zu den Kosten der Haftpflicht und Unfallversicherung sind von den Eltern für jedes Kind 2 M. zu entrichten. Linienumleitungen wegen Bauarbeilen. Die Kreuzungsanlage in der Potsdamer Straße an der Ecke der Bülowstraße muß ausgewechselt werden; es werden deshalb in der Nacht vom 11. zum 12. Juli die Linien 40 und 74 in beiden Richtungen durch die Lützow-, Genthiner-, Ziethenstraße, Nollendorfplatz, Maaßen-, Goltz-, Akazien-, Hauptstraße, die Linien 57 und 69 in beiden Richtungen durch die Lützow-, Genthiner-, Ziethen-, Bülowstraße, Nollendorfplatz umgeleitet. Der Sonfilürenladen als Gehelmbrennerei. In dem Konfitüren. gefchäft Alexander Szubasitz, Frankfurter Allee 70, hob gestern die Polizei eine Gehcimbrenncrei aus. Die Beamten fanden in einem Hinteren Räume 3S0 Liter Sprit, Brennmateriol, einen Glasballon zum Brennen, einen Ofen und einen Kühler. Der Sprit und die übrigen Gegenstände wurden beschlagnahmt. Wintergarten. Es war einmal ein armer Ccllotünstler. der hatte kein Künftlerglück. Sein Cello wurde ihm gepfändet. Da ging er hin und machte aus einem Besenstiel, einer Ziqarrenkiste und einem Draht ein Instrument und spielte, daß die Leute vor Rüh- rung weinten. Er nennt sich Pescatore und spielt alle Abende im Wintergarten seine Wundergeige.— Zaza Christiansen tanzt uns wunderbar das Iugendglück eines unbesorgten Knaben vor. Auch Fritz Wolf-Ferrari, der geschmeidige Tänzer, ist mit Hilda Garden wieder eingekehrt. In Angelos lebenden Porzellanen bewundert man die ebenmäßige Schönheit des weiblichen Körpers. Robert Nonnenbruch bringt gemüt- und humorvolle Plaudereien, dann aber eine neue unerwartete Note, die bis vor kurzem auf dem Variete unmöglich war:� die ethische. Der brausende nicht endenwollende Beifall bewies ihm, der sich mit scharfer Satire gegen alles Unechte, Unwahre und Ver- logene dieser Zeit wandte, wie sehr er die Stimmung der Menschen traf. Auch der übrige Varieteteil ist erstklassig. Groß-Serlmer parteinachrichten. heule, Sonnabend, den 9. Juli: 7. Xrci» Ebarlottcnburq.«onzert des Miinnerckors„Harmonie" auf dem Span. dauer Bock mit ansckließendcm Eommcrnachtsball. Beginn e Uhr. Partel- genossen sind freunolichst eingeladen. 140. Abt. Borsigwalde-Wittenan. 6 Uhr Vorstandssitzung bei Heyder. ZRorgen. Sonniaz. den 10. Juli: 4.«reis Pre», lauer Tor. Eommeriest im„Alten Steuerhaus", Landsberger Allee(neben dem Aingbahnhof), Ansang Z Uhr: Konzert, Gesang, Turne. rische Aufführungen,«olksb-lustißunyen ufw. Eintritt 2 N. lntl. Steuern und Programm. Kinder frei. Eintrittskarten sind bei allen Bezirtsfithrern 12. lät�Eeineinsamer Familicnausssug mit„Männerchor Hallesche» Tor" und Arbeiterjugend nach Kaulsdors-Ssid, Rest. Sanssouci. Tresspunkt Bahnhof Sadawa um 8-4 Uhr morgens: Abmarsch um 9 Uhr. Für Nachzügler Treff. puntt Lokal Sanssouci. Um zahlreiche Beteiligung bittet der Borstand. 14. Abt. Gartenfest mit Belustigung für Kinder, humoristische Vorträge und Tanz im Lotal Wilte, Sebaslianstr. 39. Anfang um 3 Uhr. Kaffee kochen, das Liter 2 M...~„ 52. Abt. Sharlotteaburg. Besichtigung de» Botanischen Garten» Dahlem. Treff» puntt vorm. um 10 Uhr Wirtschastshof, Unter den Eichen. 37. Abt. Srunewald. Nachm. um 5 Uhr im Wäldchen Auausta-Viktoria-Stratze, Ecke Warmbrunner Straße. Waldanbacht! Genosse Pfarrer Bleier spricht über„Sozialismus". Gäste willkommen! Reukälln, 13. Abt. Genossen und Genossinnen auf zum Woldfest! Treffpunkt mittag» 12 Uhr bei Grieaer, Lessingstr. g. Ecke Kopfstratze. Abmarsch um hilt Uhr mit Musiki— 98. Abt. Waldfesi in der Konigsheide mit Konzert und Belustigungen. Abmarsch um 12ZH Uhr vom Kranoldplatz mit Musik. Alle Parteigenossen mit ihren AngrhSrigen werden hiermit nochmals«in» geladen. 117. Abt. Lichtenberg. Bolkslest in Kaulsdorf-Süd. Abmarsch pünktlich um 714 Uhr morgens vom Biktoriaplatz. 121.»bt. Karlshorst. Beteiligung am«reisfommerfest In Kaulsdorf-Süd. Treff. »unkt am Bahnhof Karlshorst. Abmarsch pünktlich%1Q Uhr. Zahlreich« B»t«>ligung erwartet her Btidung-ausschutz. WirtslHast Reichswirtslhaftsrek gegen Zuckerzwenzsivirtschafl. Der Unterausschuß des Reichswirtschaftsrots für Landwirtschaft und Ernährung gab zu der Gestaltung der Z-u ckcrwirtschaft bei einer Stimmenthaltung einstimmig folgendes Gutachten ab: „Der Ausschuß für Ernährung und Landwirtschaft spricht sich für Aufhebung der Zuckerzwangs Wirtschaft zum 1. Oktober 1921 aus. Da eine Zuckerrübenernte in Aussicht steht, mit deren Ergebnis der deutsche Zuckerbedarf gedeckt werden kann, ist durch Fortdauer des Zuckercinfuhrverbots eine überflüssige Zuckereinfuhr zu verhindern. Das Verbot der Ausfuhr von Zucker ist bis auf weiteres aufrecht zu erhalten." Das kommende Fahrzengsteuergefeh. Der finanzpolitische Ausschuß des Reichswirtschaftsrats befchäf- tigte sich in einer gemeinsamen Sitzung mit dem Verichrsausfchuß am 7. Juli mit dem Entwurf eines Fahrzeug st euergefetzes. Tiefer ist aus der Notwendigkeit entstanden, den öffentlich-rechtlichen Trägern der Unterhaltungslast für Kunststraßen und befestigte öffentliche Wege die Aufbringung der Mittel zu ermöglichen, die zur Wiederherstellung geordneter Wegeverhältnisse erforderlich sind, und die sich teilweise in einem trostlos verwahrlosten Zustande befinden. Der Grund dafür ist, daß die ungeheuren K o K e n der Wegeunterhaltung von den Gemeindcverbänden, Provinzen, Kreisen und Ge- mcinden, die zur Wegeunterholtung verpflichtet sind, nicht mehr auf- gebracht werden können, seitdem ihnen durch die Rcichssinanzreform ein großer Teil ihrer Einnahmen sortgenommen worden ist. Die geplante Fahrzeugstcuer soll sich erstrecken auf alle Fahrzeuge, mit Ausnahme von Handfohrzeugen, Krau kenwagen, Personenfahrrädern und ähnliche Verkehrsmittel. Die Höhe der Steuer richtet sich nach dem Maße, in dem die Wege durch Schnelligkeit und Gewicht der Fahrzeuge abgenutzt werden. Die Steuer ist eine Jahres st euer und wird bei der Anmeldung des Fahrzeuges erstmalig erhoben. Ein Vertreter des Reichsfinanzministeriums machte ferner dar- auf aufmerksam, daß die Reichsregierung in allernächster Zeit dem Reichswirtschaftsrat den Entwurf einer Reichskraftfahrzeug- st e u e r zur Begutachtung vorlegen würde. Die Erörterung beschränkte sich daraufhin auf das Reichsmantel- gefetz. In dem Entwurf wurde ein Zusatz über Erleichterungen für den Grenzverkehr hineingearbeitet. Bon einer Höherbesteuerung ausländischer Fahrzeuge, die vorgeschlagen wurde, wurde Abstand genommen._ Sport. Ringkampf. Turnier. Im Film-Barietö in der Koppenstraße 99 findet ein großer Ringtamplii'ettstrcit um das Karl-Ab s-Meniorial 1321 statt, zu dem bereits 2S ersttlaisige Ringlämpier angemeldet sind. Bei den Kämpfen am Donnerstag abend standen sich«ls erstes Paar U r b a ch (Köln) und Winzer(Hamburg) gegenüber. Nach 15 Minuten Kamps- tauer erwischte Urbach einen Untergriff von binten, durch den er feinen Megner zu Boden brackte und durch nachsassenden Nelson auf beide Schullern drehte. Als zweites Paar betraten Hamacher und Scholz- Pielio die Matte. Aber trotz aller Gereiztheit gelang es Hamacher nicht, den ihm technilch weit überlegenen und durchaus fair kämpfenden Scholz- Pictro in der vorgeschriebene» Erstkampsdauer von 20 Minuten zu besiegen. Der Kamps endete somit uncntlchiedcn. Als drittes und letztes Paar traten Schwarzbauer(Hamburg) und Schachschneider(Berlin) zum Entscheidungskampfe an. Beide Kämpser erwielen sich als ziemlich gleichwellige Ringer. In technisch schönem Kampsc, obne Püffe und Stöße, ging Schwarzbauer nach einer Kampjdouer von 83 Minuten in die Brücke. aus der er sich nicht wieder herauswinden konnte, so daß er nach insgesamt 53 Minuten dlirch Eindriickcn derselben seinem Gegner unterlag Den Ringkämpfen gebt allabendlich ein gut aewähllcS und slotteS Variets-Pro. gramm voraus, das reichen Betsall deS Publikums findet. Olympiade 1924 in Paris. Laut telegraphifcher Meldung hat in Paris die Regierung in der Kammer eine Vorlage eingebracht, in der ein Kredit von 40 Millionen Franks beantragt wird, die zur Vorbereitung der olympischen Spiele dienen sollen, welche im Jahre 1924 in Paris stattfind m werden. Arbeitersport. Arbeiter-Athlcten-Bnpd Deutschlaub». Sonntag, den 10. Juki, 3 Uhr nachm. Gr. Ringermatch Stcttin-Berlin. Treptow, Konkordia-Fesisäle, Am Treptower Park 09. Sportkartell 7. Krel« Eharlottenbnrg. Sitzung am Montag, den 11. Juli, bei Porsche!,«oiier.Fri-drich.Straß- 80. Tagesordnung.-� Ingendfragem Es müssen alle Kartellvertretcr und auch Vertreter von den Jugendorganisationen erscheinen. Ärbeitee-Radfahrer-Bind„Solidarität". Touren s ü r S o n n t a g, b« n r* mittag 9.(fUll, iL'CJCK 1�)1, 1.»I, V1U..„.*1,. w...., Start 5 Uhr früh Planufer«3, Ecke Wilmsstraße. 3. Abt.! Sonntag nach Tiescnsee(Gamengrund), Start 5 Uhr Lausißer Platz(Kirche). 4. Abt.! Wald- sist in Hirschgarten(Kellers), Start 8 Uhr Weberwiese, Ecke Frankfurter Allee. 5. Abt.: Früh 3 Uhr Storkow, s und 10 Uhr Müggelsee, Prinzcngartcn, Start Eomtureiplatz. 3. Abt.: Caputh, Start 5 Uhr; 12 Uhr Pichelswcrdcr(Freund), Start Kopcnhagener Str. 23. 7. Abt.: Prendcn(Bauersec), Start 5 Uhr nach- mittag»! Bernau(Ealzmann), Star! 12 Uhr Schul-, Ecke Prinz-Eugen-Straße. «. Abk.! Uetzdorf, Start 4 Uhr früh Arminiusplatz: nachmittags nach ebenda, Start 12 Uhr Waldstr. 8. 9. Abt.: Gorinsee, Start 0 Uhr Brandcnburgstraßc. 1». Abt.: Brieselang, Start 4 Uhr früh. 11. Abt.: Blumenthal, Langer See, Start 5 Uhr- nachmittags Seeseld, Start 12 Uhr Seesir. 101. 12. Abt. Motor- sahrer: Märkische Schweiz, Start 3 Uhr früh Maoerniehhof. OrUge. Charlotten- bürg: Ncu-Gladow, Start 3 Uhr früh. vrt»gr. Reinickendorf: Kartellsest, Start I Uhr bei Muster. Ortsgr. Britzens««: Sporttartcllfest in Weitzenfec, Start 1214 Uhr Prenzlauer Allee. Ecke Gustav-Adolt-Stratze. vrtaxr. Pankow: Kärbiskrug, Start 0 Uhr: mittags 12 Uhr Hirfchgarten, Start» Florasir. 24. vrtog«. Martendorf- Tempelhos: Badetour Pätzer-Bordersee, Start 0 Uhr Chausseestr. 27. Orl-gr. Renkilln: Sonnabend abend 8 Uhr Garzien: Sonntag Alt-Landoberg, Start I Uhr Richardplatz. Ortsgr. vberschsnrweide: Sonnabend Rachttour Kloster Ehorin, Start 8 Uhr abend» Eiemensstraße. Ortsgr. Lichten- bergt Rüdrrsdorf«Kalksee), Start 7 Uhr: nachmittags Rüdersdorf, Lokal Mühlenbcck, Start 1 Uhr Traveplatz. Ortsgr. Rathenow: Schnitzeljagd, Start 1 Uhr Paradeplotz. Ortsgr. Spaadan- Rübersdorfer Kalkberge, Start 3 Uhr früh Schlltzenhau«: jeden Mittwoch abend 3 Uhr Tour. Ortsgr. Zohannisthalt Falkenberg, Start 1 Uhr Lustverkchr.— Fericnfahrt nach der Sächsischen Schweiz und Tschechoslowakei vom 9.— 13. Juli, Start Sonnabend pünktlich i Uhr nachmittag« am Bahnhof Hermannsiratze, möglichst die Spiritustocher mitbringen. Touristen-Bereia„Die Raturfreunde", Ortsgr. Köpenick, Abt. Ostbahnvor. ort«, s.— 10. Juli: Durch die Schorfheide, Pinnow-See, Lotzen. Abs. Sonn- abend nachm. Reinickendors-Rosenthol bis Grotz-Echönebeck 3.25 Uhr: ab Stett. Borortbhf. 8.50 Uhr.— Bernau— Hillsc«— Bernau, Abf. Stett. Borortbhf. 3.40 Uhr.— Iugendabteilung: Nachtfahrt Tiescnsee— Röthsee, Abs. Sonnabend Schiel. Bbt.(Wriez. Babnsteig) 8.11 Uhr.— Kinderabteilung: Michendorf— Lienewitz-See, Treffen 3 Uhr Bbf. Eharlbg. mit Badeanzug. Geschäftliche Mitteilungen. Der Schluß der zehn billige« Zag« der Firma M. Schulmeister, Kottbuser Tor, erfolgt am Montag, ben 11. Juli, abend« 7 Uhr. 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In ihrem Vertrag spielt nicht die Pacht die Hauptrolle, sondern die Pflicht, � u arbeiten. Wir wollen aber auch die kleinen und mittleren Pächter schützen. Der Fürst Salm wirft jetzt Erbpächter auf die Straße, die schon seit Generationen auf dem Hof gesessen haben. Die Regierung ist nicht richtig und nicht genügend informiert. Di« Kündigung erfolgt in überaus vielen Fällen tatsächlich aus politischen Gründen. Es ist dringend nötig, daß ein neues Pachtschutzgesetz Ordnung schafft und die kleinen Leute vor der Willtür der Hofbesitzer schützt. Bisher war hier nur vom Recht der Verpächter und nur sehr wenig oder gar nicht vom Recht der Heuerlinge die Rede. Die Juristen und Syndikusse, die die gutsituierten Bauern bei ihrem Vorgehen gegen die Heuerlinge unterstützen, machen dabei ein gutes Geschäft. Die Dinge liegen schlimm genug, und man sollte wenigstens von den Vertretern der Zentrumspartei erwarten, daß'sie uns unter- stützen, wenn wir den Heuerlingen helfen wollen. Wenn sie es ernst meinen mit der Hilf« für die Kleinpächter, dann stimmen Sie unserem Antrag zu, die Große Anfrage an den landwirtschaftlichen Ausschuß zu überweisen, damit Abhilfe geschaffen werden kann. Abg. Schulz-Reukölln(Komm.): Die Gesindeordnung aus dem Jahr« 1838 enthält dos reine Sklavenverhältnis für das Gesinde, und für diese Sklaverei begeistern sich die Herren auf der Rechten. Die Regierungserklärung ist geradezu eine Unverschämtheit. So was bietet man dem Landtage au! Den Heuerlingen muß das von ihnen urbar gemachte Land zu Eigentum gegeben werden. ?'■ Abg. Duberk(Soz.): Wir wollen die Pachtschutzordnung deshalb ausdehnen, weil zum 1. Oktober eine Menge kleiner Pächter nicht mehr aus noch ein weiß. Der Abg. Kaufhold hat eine Broschüre von Georg Schmidt so ent- stellt und verdreht zitiert, daß er wirklich nicht mehr das Recht hat, sich als den Hüter gesitteten Anstandes aufzuspielen. Das soziale Gefühl des F ü r st e n v. Bentheim, das von der Rechten so ge- priesen wird, zeigt sich vor allem darin, daß«r eine Menge alter, lange bei chm onsäfsiger Leute entlasten bat. well er für die drei Wochen, wo es für sie nichts zu kun gibt, keinen Lohn ausgeben will. Man will die kleinen Pächter gänzlich existenzlos machen zugunsten jener, die schon genug haben. Die Bauern gehen systematisch darauf aus, die Pächter hinauszudrängen, um allein wirtschaften� zu können. Rot und Elend der Heuerlinge auf dem Lande sind teilweise größer wie die der Proletarier in den Städten. Ein mir persönlich be- kannter Heuerling war so ausgebeutet, daß er sich nicht einmal ein Paar Stiefel taufen konnte: er mußte mit seinem Sohne das ganze Jahr für den Bauer arbeiten, der bei einem Viehstande von neun Pferden und vielen Rindern sich weder Magd noch Knecht hält. Ich babe den Eindruck, als wenn mir die Herrschaften von rechts den Vorwurf der Verhetzung machen wollten. Ich habe dieses Jahr noch keine einzige Heuerlingsoersammlung abgehalten. Der Heuersingsverband ist als rot verschrien. In Wirklichkeit ist er weder der Gewerkschaft angeschlossen, noch steht er auf dem Boden der freien Gewerkschaft, sondern die Führung liegt in der Hauvtsache in den Händen von Zentrumsleuten. Bei den vorjährigen Reichstaaswahlen begann der Aufruf an die Mitglieder mit den Worten: Wählt Zentrum! Außerdem hat der Verband bei den letzten Reichstagswablen eine eigene Liste aufgestellt, in der er uns bekämpft hat. Das kann uns aber nicht hindern, für die Interessen der Heuersinge einzu- treten und sie vor Ausbeutung zu schützen. Die Pachtschutzordnung muß mit rückwirkender Kraft in dem von uns vorgeschlagenen Sinne abgeändert werden, und zwar noch in dieser Landtags- s e s s i o n. Man kann die Heuerlinge vor ihren deutschnationalen Ausbeutern nur durch eine andere Zusammensetzung der Pacht- einigungsämter schützen. Als Beisitzer zu diesen Aemtern müssen Vertreter aller Parteien und vor allem Männer, die das wirtliche Vertrauen der Heuerlinge besitzen, gewählt werden. Eines steht fest: Wir haben keinen Pachtschutz für Pächter, sondern nur für Vervächter. Dir werden alles kun, um die Sleinvächter vor der wucherischen Ausbeutung der Großagrarier zu schützen. Deshalb ersuche ick um Zustimmung zu dem Antrag Meyer.(Lebhafter Beifall bei den Soz.) Abg. Logemann(Dnat. Vp.) behauptet, die Heuerlinge in der Provinz Hannover fühlten sich sehr wohl, und erklärt, daß die Großagrarier und Adligen Ochsen seien, well sie die Kommunisten noch nicht aus dem Lande gejagt haben. Damit ist die Aussprache geschlosten. Der Gegenstand wird dem Landwirtschaftlichen Ausschuß überwiesen. Juristenreform! Es folgt die Große Anfrage des Abg. Braun(Soz.) über die sachliche Durchbildung der Anwärter des höheren Justiz- und Per- waltungsdienstes. Abg. Dr. Waentig(Soz.): Jahr um Jahr hoben die deutschen Rechtsfatultäten Konferenzen abgehalten über das heiß umstrittene Thema der Resorm des juristi- schen Studiums. Unter dem Iustizminister Beseler ist in Gegen- wart von praktischen Juristen tagelang darüber debattiert worden. Trotzdem ist alles beim alten geblieben. Man muß da- gegen protestieren, daß die Studien im Hinblick auf die Examens- anforderungen rein zivilrechtlich eingestellt sind, und daß das öffentliche Recht kaum gepflegt wird. Deshalb sind die Ver- waltungsbeamten infolge ihrer einseitigen Ausbildung den Aufgaben des öfsentlichen Rechtes in keiner Weise gewachsen. Die brennende Frage ist: Sollen wir überhaupt an der akademischen Vorbildung für die Justiz- und Derwaltunqsbeamten festhalten, oder soll eine mehr praktische Porbildung gefordert werden? Manches spricht für eine Teilung des Ausbildungsganges für die Beamten dar Justiz und die der Verwaltung. Auch die Frage des Schlußexamons muß gelöst werden. Wir verlangen, daß über alles dies in kurzer Zeit eine Entscheidung herbeigeführt wird. Es ist kein« Frage der Bureaukrati«, sondern eine eminent nationale. An ihrer Lösung haben besonders die ein brennendes Interesse, welche die Richtersprüche und Verwaltungsmaßnahmen über sich ergehen lasten müssen. Wir hoffen daher, daß der Landtag sich der Sache energisch annimmt. Kullusminister Dr. Decker: Auch die Regierung hält die Resorm des juristischen Studiums für dringend. Sie kann aber nicht allein von den Regierungen der Länder gelöst werden. Das Kultusministerium Hot sich durch«ine Rundfrage an die r e ch t s w i s s e n s ch af tl i ch e n Fa- kultäten gewandt und auch mit studentischen Organisa- t i o n e n Fühlung genommen. Auch auf den Konserenzen der Unterrichtsoerwaltungen ist das Problem erörtert worden und so weit gefördert, daß die einzelnen Staatsministerien jetzt in Erörte- runaen«intreten können. Wir glauben, die Frage einheitlich regeln zu können. Insbesondere muß die Reform durch Abbürdung entbehr. lichen Unterrichtsstoffes Raum schaffen für neue wichtige Rechts- gebiete. Auch im Unterricht muß auf die Zwecke der Verwaltungs- Praxis besonders Rücksicht genommen werden. Sobald endgültige Beschlüsse zwischen den Ressorts gefaßt sind, werden wir dem Hause Bericht erstatten. Auf Antrag Dr. Rosenseld(Soz.) wird die Besprechung der Großen Anfrage beschlossen. Abg. Leyer-Oberschlesien(Zentr.): Wir müssen die Ausnahme- stellung unserer Universitäten aufrechterhalten, um wistenschastlich konkurrenzfähig mit dem Auslande bleiben zu können. Abg. Dr. Kaehler-Greifswald(Dnat. Vp.): Di« Zulastung zur Staatsprüfung darf nur mit akademischer Vorbildung ermöglicht werden. Sonst wäre es schon bester, die Zulastung im Einzelfall von besonderen Persönlichkeits werten abhängig zu machen, wie es die S o z i a l i st e n fordern. Abg. Dr. Rosenseld(Svz.) weist auf eine Broschüre von Zittel. mann über die Reform des juriststchen Studiums hin. Wir ver langen, daß die Frage dem Unterrichtsausschuß überwiesen wird und wir wünschen, daß alle Parteien unseren Antrag annehmen, damit der Mangel der juristischen Ausbfldung, der für unser« Rechte pflege verhängnisvoll geworden ist, endlich verschwinde. Abg. Lichtenstein(USP.): Wir werden für den Antrag sttmmen, weil er ein Schritt, wenn auch nur ein sehr Neiner, zur Besserung ist. Abg. Eichhoff(D. Vp.): Sicher ist das juristische Studium reform, bedürftig. Dir haben nichts dagegen, daß der höhere Perwaltungs- dienst auch für juristsich nicht Porgebildete offensteht. Beim höheren Iustizdienst liegt die Sache anders. Der Parteisekretär, der in diesen eintreten soll, würde eines Tages in seinem Bureau vor einem Haufen Akten sitzen, den zu bewältigen ihm sehr schwer fallen dürfte. Abg. Waentiq(Soz.): Es ist ein« zwar traurig stimmende, aber unbestreitbare Tatsache, daß zu den Examina Leute kommen, die vom öffentlichen Recht, von Nationalökonomie und von Sozialpolitik keine Ahnung haben. Dieser Zustand spottet jeder Beschreibung. Samt- liche Studierenden müssen ein Mindestmaß allgemeiner Kenntnisse erhalten.(Beifall.) Heute ist es so, daß wir neben den Anstalten des Staates für die Ausbildung der Juristen noch Nebenorganisatio- nen haben, die den Leuten ein Heidengeld kosten. Die R e p i t i- torenwirtschaft ist skandalös. Die Universitäten leisten infolge der kranken Zustände nicht das, was sie leisten sollten.(Zuruf rechts: Dann leisten auch Sie nicht, was Sie sollten.— Gegenzuruf links: Quatsch!) Die Prüfungsordnung ist äußerst reformbedürftig. Auch muß man sich die Frage vorlegen, ob es genügt, daß das Examen an einem Tage erfolgt. Die Anfrage geht gegen die Stimmen der Rechtsparteien und des Zentrums an den Unterrichts-Ausschuß. Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr: Kleine Dorlagen, Volksschul- lehrerdiensteinkommensgesetz. Schluß 6 Uhr. Gefangenenlager Nieöerzwehren. Gestern begann vor dem Reichsgericht der' auf mehrere Tage berechnete Kriegsvrozeß gegen den Generalleutnant a. D. Hans v. S ch a ck und den Generalmajor Bruno K r u s k a. Erschienen sind 10 deutsche und 10 französische Zeugen. Als Sachverständige sind ge- laden: Geb. Medizinalrat Prof. Dr. D a u s ch- Göttingen, Geh. Ober- baurat B e n d a aus Kastel und General Hopf- Arnstadt. Als Dolmetscher fungiert der Leipziger Handelslehrer Müller-Bonjour. Die Anklage wird wieder vom Oberreichsanwalt vertreten. Die Ver- teidigung der beiden Generäle führen die Rechtsanwälte S e u f f e r aus Leipzig und Dr. L ü t g e b r u n e- Göttingen. Den Angeschul- digten wird in. der französischen Auslieferungsliste vorgeworfen, in dem Gefangenenlager Niederzwehren bei Kassel eine Typhusepidemie absichtlich und fahrlässig herbeigeführt und dadurch sowie durch Miß- Handlungen und Gewalttätigkeiten den Tod von etwa 3000 französischen Gefangenen verschuldet zu haben. Der Präsident bemerkt, daß eine förmlicheAnklage seitens des Oberreichsanwalts nicht erhoben worden ist,. weil die Beweiserhebungen keine genügenden Anhaltspunkte ergeben haben. Das Verfahren sei nur eingeleitet infolge der Anschuldigungen in der Auslieferungsliste auf Grund des neuen Reichsgesetzes von 1921. Das Lager von Niederzwehren stand vom 21. Januar 1915 unter Schacks Kommando. Die Epidemie ist erst im Februar eingetreten. Fleckfieber sei erst aufgetreten, als Ende Januar 1915 3 0 0 0 r u s s i- f ch e Gefangene aus dem Lager Langensalza eintrafen. In Langensalza war die Epidemie schon früher ausgebrochen als in Niederzwehren. Schock schildert, wie unter seiner Leitung in ganz kurzer Zeit eine Barackenstadt für 18 000 Menschen geschaffen wurde. Nach seiner Ansicht ist von allen Beteiligten mtt größter Pflichttreue bei der Aus- führung der Arbeiten verfahren worden. Als er das Lager abttat, war der Bau noch nicht ferttg. Es wurde keine Mühe gescheut, um die Uebelstände zu beseitigen. Die Zahl der Gefangenen betrug zuerst 4000. Für diese wurden sofort Zelte errichtet. Kein Ge- fangener brauchte in der Nacht im Freien zu schlafen. Die Erbauung der Barackenstadt wurde äußerst beschleunigt. Zu Ansang bestand das Auffichtspersonol nicht aus gedienten Soldaten, sondern aus| Zivilisten, die sich erst einarbetten mußten. Nach dem Bericht des Sanitätsamts waren die Gesundheitsverhältniste in dem Lager besser als in anderen Lagern. Ein Pumpbrunnen wurde eingebaut und auch eine zweite Wasterleitung errichtet. Auszemen- kierte Latrinen waren in genügender Anzahl vorhanden. Infolge Aerztemangels wurden auch gefangene ausländische Aerzte heran- gezogen, was große Schwierigkeiten verursachte, da namentlich die französischen Aerzte in unerträglicher Weise die Stimmung der Gefangenen beeinflußten. Im Lager war ein Lazaretttaum für mehrere hundert Personen geschaffen und es waren auch Isolier- barocken errichtet. Die Verpflegung der Gefangenen war genau so gut wie in anderen Lagern und besser als die Ernährung der deutschen Zivilbevölkerung. Als das Fleckfieber in seinen Anfängen aufttat, hatte der Generalleutnant Bedenken, die Kranken in das Refervelazarett Kastel bringen zu lasten. Für Desinfektion wurde sofort gesorgt. Es wurde auch eine Desinfektionsanstalt erbaut. Der Ausbruch des Fleckfiebers ist auf die stark v e r l a u st e n Russen, für deren gründliche Entlausung nicht ausreichend gesorgt werden konnte, zurückzuführen. Wenn er gewußt hätte, daß die Laus das Fleckfieber verursacht, so würde er selbstverständlich alles aufgeboten haben, was nach diefer Richtung hin erforderlich war. Von keiner Seite fei er aber gerade auf diese Gefahr hingewiesen worden. Am 18. Oktober hat das Kriegsministerium die Mischung der Nationalitä- ten bekohlen, und am 16. November ordnete das Ministerium an, daß die Mischung bis in die kleinste Lagerabteilung durchgeführt werden sollte. Dadurch wurde unbeabsichtigt die Verlausung ge- fördert. Sie trat ober nicht so sehr in die Erscheinung und wurde von den Franzosen nicht besonders empfunden. Am 15. Oktober 1915 erhob das Generalkommando Vorstellungen beim Ministerium gegen die Vermischung. Die Gefangenen wurden überhaupt mit größte? Vorsicht behandelt, zumal Nachrichten einliefen, daß die deutschen Gefangenen bei unseren Feinden schlecht behandell würden. Der Angeschuldigte K r u s k a, der am 1. Oktober 1914 Loger- kommand.ant wurde und seinerzeit gesagt haben soll, er führe den Krieg auf seine Art, die andern draußen mit Kanonen, er mit Krank» hellen, bestreitet, diese Aeußerung getan zu haben, und gibt dann eine Darstellung der Verhältniste im Lager. Die ankommenden Ge- fangen«» wurden sofort desinfiziert und entlaust. Das Esten hat Kruska regelmäßig geprüft und für gut befunden. Das Anbinden zur Strafe dauerte jedesmal eine Stunde. Der Epidemie sind im ganzen 7 bis 9 Franzolen erlegen. Zwei Franzosen sollen sich im Fieberwahn erhängt haben. Ferner starben eine Anzahl Russen sowie eine Reihe der behandelnden deui- schen Aerzle, Unteroffiziere und Mannschaften. Als die Seuche als solche erkannt war, wurden sofort entsprechende Gegenmaßnahmen getroffen. Die Aeußerung, daß er den Krieg auf seine Art führe, soll er am Weihnachtsabend getan haben. Der Angeschuldigte hat einen Weihnachtsbaum anzünden lasten und eine Ansprache an die Gefangenen gehalten, in der er von dem Feste der christlichen Liebe gesprochen habe. Seine Aeußerungen seien offenbar falsch verstanden worden. Aus eine Frage gibt Kruska zu, daß die Erkrankten und Toten auf Tischen transportiert worden sind, well die Tragbahren nicht ausreichten. Es wird behauptet, daß auf den so benutzten Tischen später wieder Brot geschnitten wurde. Kruska hat dann verboten, daß die Tische weiter als Transportmittel benutzt werden und hat sie deshalb desinfizieren lasten. Es tritt hierauf eine halbstündige Pause ein. Der als erster Zeuge vernommene Direktor Edgar P a s ch a l i aus Straßburg behauptet, daß, als die Seuche ausgebrochen war, wochenlang nichts dagegen getan worden sei. Alle Dol- metscher deutscher Nationalität waren über diesen Zustand empört gewesen. Der Zeuge behauptet weiter, daß die deutschen Aerzle geslreiki hätten und daß die Bekämpfung der Seuche erst energisch in Angriff genommen worden sei, nachdem die französischen Aerzte eingegriffen hätten. Er will aber auch den Eindruck gehabt haben, daß der Seuche erst dann entgegengetreten worden sei, als auch Deutsche ihr erlagen, so daß man habe annehmen müssen, es sei den deutschen Behörden gleichgültig, daß Franzosen sterben. Der Oberreichsanwalt hält dem Zeugen vor, daß von 18 beut- schen Aerzten 4, von den französischen Aerzten aber nur 2 gestorben sind, so daß wohl kaum behauptet werden kann, daß den deutschen Behörden gleichgültig war, wie die Sache verlief. Josef A r n e l d, Direktor der Berlitzschule in Kassel, kann von einem Begünstigen der Seuche nichts angeben. Der Zeuge Paschali habe die Gefangenen ungünstig beeinflußt. Er habe ihn oft zur Rede gestellt. P a s ch a l i sei als Spion bezeichnet worden und habe den Franzosen geheime Befehle zugestellt. P a s ch a l i verwahrt sich hierauf gegen den Vorwurf, ein Ver, räter gewesen zu sein. Er habe nur gesucht, die Wahrheit zu er- forschen. Der französische Zeuge Moritz Roulon sagt, die Worte des Generals Kruska bei der Weihnachtsandacht habe er so aufgefaßt, daß der General den Krieg waffenlos führe. Im Januar zeigten sich die ersten Typhuserkrankungen, die dann von einem Bataillon auf das andere übertragen wurden. Da die Laza- rette nicht genug Raum boten, blieben die Kranken in den Baracken und steckten ihre Kameraden an. Der Zeuge glaubt, daß die Desinfektion nicht in ausreichendem Maße vorgenommen wurde, und meint, aus den ihm gerüchtweise zugegangenen Aeuße- rungen schließen zu sollen, daß General Kruska ein Mitver, schulden an den vielen Todesfällen treffe. Geheimrat Dr. Gärtner- Jena, als Zeuge und Sachver- ständiger, der seinerzeit nach Niederzwehren berufen wurde, schildert den Zustand der Zelte und Baracken, von denen letztere manche Mängel hatten. Die Russen, die in das Lager kamen, müssen stark infiziert gewesen sein. Zunächst war es sehr schwer, den Flecktyphus zu erkennen, weil in Deutschland diese Krankheit seit vielen Iahren nicht mehr vorgekommen war. Eine Schuld daran treffe niemanden. Jetzt stehe fest, daß der Flecktyphus nur durch die Kleiderlaus übertragen wird. Man glaubte erst, es mit Grippe oder Bronchitis zu tun zu haben. General Kruska habe alles, was er, Professor Gärtner, für notwendig erklärte, sofort be- willigt und angeordnet. Die Kranken wurden möglichst isoliert. Die Kost war gut. General Kruska habe außerdem für Milch und Kakao für die Kranken gesorgt. Täglich seien 4000 Liter Milch in das Lager gekommen. Man sei ganz energisch gegen die Krank- heit vorgegangen, aber eine Besserung sei von heute auf morgen nicht zu erreichen gewesen. Auch für Erneuerung der Klei- d u n g wurde gesorgt. Die Desinfektion der Gefangenen war eine sehr schwere Aufgabe. Alles, was an Desinfektionsapparaten zu be. schaffen war, sei herangebracht worden. Anfang Mai habe man bereits mit 14 Apparaten gearbeitet, fodaß täglich 2000 Leute desinfiziert werden konnten. Daß Kranke und Tote auf umgedrehten Tischen weggeschafft worden seien, sei nicht zu umgehen gewesen: es sei aber sofort für Tragbahren gesorgt worden. Das Trinkwasser hvbe nicht besonders geschmeckt, sei aber auch nicht gesundheitsschädlich gewesen: aber auch da sei nach Möglichkeit Abhilfe geschaffen worden. Aus der Wahl des Platzes für das Lager könne niemandem ein Vorwurf gemacht werden. Gegen 4 Uhr nachmittags teilte Präsident Dr. Schmidt die Ab- berufung der französischen Zeugen mit. Die Verhandlung wird morgen vormittag 9 Uhr fortgesetzt. k>oUanü unö Reichsflagge. Der.Nieuwe Courant*, eines der führenden bürgerlichen holländischen Blätter, läßt sich von seinem Korrespondenten auS Berlin über den Streit um schwarz-weiß-rot oder schwarz-rot-gold berichten. Die Aeußerungen des holländischen Blattes gewinnen wegen ihres Inhaltes große Bedeutung, wird in ihnen doch betont, daß es sich hier durchaus nicht um eine schiffahrtstechnische Frage handele. Die Sozialisten seien diesmal vollkommen im Recht, wenn sie behaupteten, daß die deutschen Schiffe mit der republikanischen Flagge als Boten eines neuen Deutschland erscheinen. Als solche würden sie sicherlich herzlicher empfangen werden, als wenn sie unter der Flagge deS Kaiserreiches führen. - Oaperische Justiz. München, 8. Juli.(Eigener Drahtbericht deS.Vorwärts*). Die Absicht der bayerischen Regierung, politische Justiz im Sj�ine ihrer Äuffastung zu üben, tritt neuerdings zutrage in der BeHand- lung der Mord- und Meineidsaffäre deS ehemaligen Landeshauptmannes der bayerischen Einwohnerwehr Kanzler. Der Justiz- minister hatte bei der Gareisdebatte im Landtag erklärt, er sähe sich veranlaßt, die Untersuchung des Falles der Durchführung einer Privatbeleidigungsklage zu überlassen. Er tat dies, wie jetzt durch den Beklagten festgestellt wird, in Kenntnis davon, daß das Gericht überhaupt noch keinen Termin in der Beleidigungsklage angesetzt hatte und zu jener Zeit vom Kläger ein Zeugenapparat von 60 Personen aufgeboten worden war. Ob- wohl die Privatbeleidigungsklage seit diesem Termin ruhen mußte, wurde weder der Hauplbeklagte noch einer der Zeugen staats- anwaltlich vernommen. Es wurden aber dem Privatbeklagten.zur Abschreckung* die Borschutzkosten der Zeugenverneh- mung aufgegeben. « München, 8. Juli.(TU.). Der StaatSkommisstar für München hat den Vertrieb und die Verbreitung der.Roten Gewerkschafts- internationale* und des.Kommunistischen Gewerkschafters*, zweier linksradikaler Organe, verboten. Deutsche Mattosen in Antwerpen verhaftet. In Antwerpen sind drei Mann der Besatzung des deutschen Schiffes.Virgilia* wegen der Einfuhr bolschewistischer Zeitschriften verhastet worden. # Der Gutsarbeiterstreit beendet! Die Gefahr eines Allgenieinftreiks vorüber! Der Magistrat hatte sich von vornherein auf den Stand punkt festgelegt, daß keine Lohnerhöhung zugestanden werden könne, wenn die Deckung für die Mehrausgabe nicht in dem Betriebe selbst gefunden würde. Der Gefahr eines allgemeinen Streiks gegen über, die nicht einfach als Rechenexempel gewertet werden kann, in Verbindung mit den Vermittlungsvorschlägen der sozialistischen Fraktionen des Stadtparlaments, mußte ein Weg zur Beilegung der Differenzen gefunden werden. Er ist gefunden! Der Magistrat beschloß, den Güterarbeitern 7% Proz. zu den sämtlichen Barlöhnen Zu gewähren, jedoch mit der Maßgabe, daß die daraus entstehende Mehrausgabe durch höhere Einnahmen sowie durch Er- sparnisse auf den Gütern wieder eingebracht wird. Bezüglich des M i t b e st i m m u ng s r e ch t s hat der Magistrat sich damit einverstanden erklärt, daß die Pachtverträge wieder- kehrend den Betriebsrätenzur Einsicht vorgelegt werden. Was die Mitwirkung bei Entlassungen anlangt, hat der Ma- gistrat zugestimmt, mit dem Vorbehalt, daß bei Differenzen über die Berechtigung einer Kündigung der Lohn für die Zeit vom Eni- lassungstage ab nur dann gezahlt wird, wenn die endgültige Ent- scheidung die Kündigung für unberechtigt erklärt. Borausgesetzt, daß die Organisationen diesen Beschluß des Magistrats gutheißen, wird sofort der Berliner Stadtverordnetenversammlung eine Vorlage zu- gehen, unter der ausdrücklichen Boraussetzuna. daß auf der vom Magistrat geschaffenen Grundlage sofort die Arbeit auf den Gütern von den Ausständigen wieder aufgenommen wird. Streiktage wer- den nicht bezahlt. Doch soll das während der ersten Zeit ge- währte Deputat nicht angerechnet werden. Maßregelungen dürfen von keiner Seite, weder gegen Streikende noch gegen Arbeitswillige, vorgenommen werden. * Die Zentralstreikleitung hat die Entscheidung über die Annahme dieser Magistratsbeschlüsse in die Hände der Streikleitung der Guts- arbeiter gelegt. Diese beschloß mit großer Mehrheit, den Gutsarbei- tern die Annahme der Magistratsbeschlüsse zu empfehlen und damit die Beendigung des Streiks und die unverzügliche Wiederaufnahme der Arbeit. In einer Reihe von Versammlungen der Güterarbeiter, die gestern abend stattfanden, werden die Streikenden entscheiden. Es ist bestimmt damit zu rechnen, daß sie dem Beschlüsse ihrer Streik- leitung zustimmen und die Wiederaufnahme der Arbeit beschließen werden. Das gesamte Abstimmungsergebnis dieser Versammlungen ist jedoch nicht vor heute mittag zu erwarten. * Dem„Vorwärts" sind, abgesehen von den Vorwürfen von rechts, im Schlußverlauf dieses Streiks verschiedene Borwürfe auch von links gemacht worden. Die„Freiheit" fiel wieder einmal aus der Rolle, indem sie dem„Borwärts" vorwarf, er heuchle ein Mitgefühl für die streikenden Güterarbeiter. Der„Vorwärts" hat es wirklich nicht notwendig, sich eines solchen Anwurfs zu erwehren, der ihn nicht treffen kann. Die„Freiheit" ist zwar„unabhängig der„Borwärts" aber nicht abhängig, also wirtlich unabhängig. Er hat in diesem Lohnkampf wie in jedem anderen den gewerkschaftlichen Standpunkt konsequent verfochten, daß der Magistrat seinen ab lehnenden Standpunkt aufgeben und den einzig möglichen legalen Weg, den der Verhandlungen, beschreiten müsse. Und nicht zulegt ist es dank des Eingreifens des„Vorwärts" gelungen, daß schließlich auch der Magistrat sich zu dieser Auffassung bekannte und damit zu den Beschlüsien kam, die die Beilegung des Streits auf den Riesel- feldern bewirkten und damit den Ausbruch eines allgemeinen Streiks verhüteten. >» Dem Nachrichtenamt des Magistrats muß dringend nahegelegt werden, sich in so heiklen Situationen auf die Uebermittlung von Nachrichten zu beschränken, anstatt Entenpredigten zu halten, die in ihrer Einfältigkeit auch dann keinen Eindruck machten, wenn sie Gläubige fänden, weiter aber— was schlimmer ist— Drohungen zu oerbreiten, durch die nur Oel ins Feuer gegossen wird. Dadurch kann unter Umständen sehr viel, wenn nicht alles verdorben werden. Die wackere« Kommunisten sind von der Abwendung des Gesamtstreiks der städtischen Arbeiter gegen die Stadtgemeinde Berlin nicht angenehm berührt. Sie wollen in den städtischen Körperschaften die ursprünglichen Forderungen der Gutsarbeiter wieder aufnehmen— trotzdem diese sie selber fallen ließen—, und erst dann, wenn die nicht mehr existierenden Forde- rungen von den„Sozialverrätern" abgelehnt werden sollten,(!) für die stark reduzierten letzten Forderungen der Gutsarbeiter stimmen, um damit zu beweisen,„daß sie diesen Kampf ohne Kom- promisse geführt haben". Das ist tapfer! Abgesehen davon, daß die Kommunisten überhaupt keinen Kampf zu führen hatten, sondern die Organisation der Gemeinde- und Staatsarbeiter, ist es durchaus konsequent von den Kommunisten, keine Kompromisse einzugehen. Denn ohne gegenseitige Zugeständnisie kann nun ein- mal kein Gewerkschaftskampf zu Ende geführt werden. Wer den Kampf um des Kampfes willen will, muß ihn ohne Kompromisse führen. Sie betonen, die Kommunisten, daß auch die weitergehen- den ersten Forderungen des Gemeindearbeiterverbandes verwirNicht werden könnten, wenn die vermaledeiten Gewerkschastsinstanzen keine Kompromisse gemacht hätten. Da auf diese„verräterische" Weise das schöne Feuerchen nicht zum Ausbruch kam, auf dos man sich in der„Roten Fahne" schon sehr gefreut hatte, will man erst recht nicht„kampflos" die Waffen strecken und kündigt außer dem Theaterdonner in der nächsten Stadtverordneten- und Magistrats- sitzung auch in der Organisation den üblichen Krach an, indem man den.�Instanzen" droht, sie müßten sich vor allen gewerkschaftlich orga- nisiertcn Mitgliedern ihrer Verbände dafür oerantworten, daß sie „in der für die Arbeiter so außerordentlich günstigen Situation" auf ihre weitergehenden Forderungen verzichteten. Diese ordinäre Mache ist um so widerlicher, weil die kommunisti- schen Stadtverordneten und Magistratsmitglieder genau wissen, wie die Aktien stehen und ihre eigene Stadtverwaltung dem erstbesten kapitalistischen Unternehmerkonsortium gleichstellen. Reicht's nicht zur „Weltrevolution", zum Stankmachen langt's immer noch. Schiedsspruch im Bnhnenbereich. In der Klagesache des Bühnenvereins gegen die Deutsche Bühnengenosienschaft wurde am Donnerstag nach zehnstündiger Ver- Handlung ein Schiedsspruch gefällt, der den gegen die Bühnengenossen, schaft erhobenen Vorwurf des Tarifbruchs zurückweist. Der Schieds- spruch besagt, daß die Entschließung der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger hinsichtlich der Beschränkung der Anfängerzahl an deutschen Bühnen auf 10 Proz. keinen Tarifbruch darstellt. Die Erzwingung der Durchführung dieses Beschlusses durch einseitige organisatorische Maßnohmen, ohne vorherige Anrufung des Tarif» und Schlichtungsausschusses, würde erst einen Tarifbruch darstellen. Das Recht der Genossenschaft, die Voraussetzungen für den Erwerb ihrer Mitgliedschaft bleibe unberührt, unbeschadet der Bestimmung des Artikels X des Tarifvertrags. Die Prüfung der k ü n st l e r i- schen Befähigung von Anwärtern der Bühnenlaufbahn gehöre zum Gebiete des Tarifvertrags und könne daher nur paritätisch ge, regelt werden. � m„ v Zweitens: Die Bestimmungen des von der Genosienschaft der Bühnenangehörigen mit ausländischen Bühnenangestelltenorganisa- tionen abgeschlossenen Kartelloertrags, wonach ein Mitglied einer ausländischen Kartellorganisation in Deutschland nur dann gastweise oder dauernd beschäftigt werden darf, wenn es noch Mitglied der aus- ländischen Kartellorganisation ist oder aber Mitglied der deutschen Genossenschaft geworden ist, widerspricht nicht dem Tarifvertrag. Drittens: Während der Dauer des geltenden Tarifvertrags ist die Anwendung von Srreik, Sperre und Aussperrung im deutschen Bühnenbetriebe insoweit ausgeschlosien, als der Tarifvertrag Bestim, mungen getroffen und für ihre Durchführung Schiedsinstanzen vor, gesehen hat. � t � Viertens: Der dem Schiedsausschuß vorgelegte Brief der Ge- nosienschaft Deutscher Bühnenangehöriger an den Mitleiter des paritätischen Stellennachweises stellt keinen Tarisbruch dar. Ein-. seitige Anweisung an paritätische Organe würde dem Tarifvertrag widersprechen. Dieser Schiedsspruch wird zur Klärung der Arbeitsgemeinschaft zwischen beiden Gruppen außerordentlich beitragen. Es wurde der Bühnengenosienschaft das Recht zugestanden, gewerffchaftliche Maß- regeln zu treffen, in die sich der Bühnenverein nicht als überheblicher Arbeitgeber einmischen darf Insbesonder das Recht, Streiks und Aussperrungen gegen die Arbeitgeber vorzubereiten, wenngleich dieses Recht durch den Schiedsspruch dahin eingeengt wurde, daß die tariflichen Abmachungen über Schiedsgerichte zwischen den beiden Gruppen die letzte Instanz sein sollen. Der TexftkrrbeikerskreN in Lille erstreckt sich auf 14 Spinnereien mit 4260 Arbeitern und Arbeiterinnen, wovon 420S Streikende. Es dreht sich um Lohnstreitigkeiten. Maschinist«»»ab gllederversammlung baad! d Kelze«. Sonntag vorm. 9 Ahr außerordentliche MW. in Böckers Festsälen, W-b-rstr. 17. Bericht vom Ber- dstag. Bezirk xn, Unterkomwisflo» der Berliner S-werkschaftskommiffion. Montag 8 Uhr Sitzung in der Schul- Sroß-Lichterfelde, Dahlemer Straße, Phpfilzimmer. Partei- und Derbandsbuch mitbringen. Transportarbeiterverbaad(S-ltion VII. Branche der Reinemachefrauen). Montag 7 Uhr im Dresdener Garten, Dresdener Straße 45, Versammlung aller in Banken, Versicherungsgesellschaften, Bureaus, Geschäfts- und Industrie» Häusern beschäftigten Reinemachefrauen. Wetterbericht biS! Tonntag mittag. Ziemlich warm, dielfach heiter, bei meist schwachen nördlichen Winden. Im Norden trocken, im Tilden strichweise leichte Gewitter. Verantw. für den redalt. Teil: Dr. Werner Pdser. Charlottenbnrg: sllr ilnzeigeni Tb. Silockc. Berlin. Verlag: Vorwärtz-Verlag$|emlenstrcfcße SO- 81 2, Verkaufsstelle: Osten, Warschauer Str. 33 3. ,, Lichtenberg, Frankfurter Allee 82 Sie und finden nicht so aufsehenerregend billiges Angebot, wie in unserem Saisow-i|ttsi?€gliaiig Wir bringen nur nocb kurze Zeit: Branne Chevr.-Damenhalb- Herrenstiefel schnhelfehauormVe:a:b:122.- la B.-Chevr.-SpanBen- schnheÄbs0�'."1.0��- Branne Damenstiefel mit hohem Schaft, la Aus- IQn_ führnng, schick und modern lOv. 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