nr,336» ZS. Jahrgang Ausgabe IS Hc. 166 BezuiiSvretSl ®:fttftl5ftrl.3ü,— M.. monatL 10.— M. frei ins Haus, voraus zahlbar. Poft» bezug: Monatlich 10.— M» einschl. Zu- ftellunasgebühr Unter Kreuzband für Deutschland. Danzig. das Saar» und Memelgebiet. sowie die ehemals beut- schcn Gebiete Polens Oesterreich, Ungarn und Luxemburg 20.- M.. für das übrige Ausland 27.— M. Poft» bestellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn. Tschecho- Slowakei. Däne» mark. Holland. Luremburg. Schweden und hie Schweiz. Der„Vorwärts� mit der Sonntags» beilege„Poll und Zeit" der Unter» haltungsbtilage �Heimwelt" und der Bsilaae«Siedlung und Kleingarten" erlcheint woäiemäglich zweimal. Sonn» tags und Montags einmal. Telegramm»Adresse. »Sozialdemotrol BerCla* Abend Ausgabe Bciiincn Nolksbleitt (20 Pfennig) AnzetgenprciS, ©t» adjtBUpalltn» Sltmoarffü�etle toftel hjß M..filctnt ttnjrlgcn* da» tettn«6ru(ftt läon IM M.(jtu iwno iwe> Irttgednickl.©orte), I-de» weile» Varl l.— M. Slelleniiesuch» und Schlasstellenan, eigen da- erst» Morl M. tede» weile» Wori W Pfg Wort» über ld Luchstade« zählen fllr zwei Worte. ffam,Iien-An- zeigen Hit Bdonnenten geile X— M. Di» Preii» verstehen ftch»inichlietzlich Teueeungs-, Uschlag. «nzetgen tflr die nächste«uimner Wilsten di» st Uhr nachmittag» im iiauvtgeichäft. Berlin EW 88. Linden. ärahe g. abgegeben werden. Geöffnet von» Uhr früh bi» 5 Uhr abend». Zentralorgan der rozlaldemokratifchen Partei Deutfchtands Redaktion und Expedition: EN 68, Linöenstr.Z Redaktion Morihplatz 1»lU5»— 97 ,>ern,pren?kr.<3x0�� n? 53—51 Dienstag, den 19. Juli 19Ä1 Vonvärts-vcrlag G.m.b.H., SW 68, �indenstr. 3 > Berlag. Vxvcditio» und Inseraten- m' au.tcüiing Morihplah 117 53—54 Die englifthe presse gegen Drianö. Paris, 19. Juli.(MTB.) Der Londoner Korrespondent des „Petit Parisicn" sagt, die englische Regierung habe noch keine Stellung zur oberschlesischen Note genommen. Nach der Enquete, die er angestellt Hobe, scheine das Foreign Ofsice der Ansicht zu sein, daß die augenblickliche Lage die Entsendung von Verstärkungen, die die französische Regierung vorschlage, nicht r c ch t f e�r t i g r. Ohne daß das Londoner Kabinett seinen Vorschlag zugunsten einer sofortigen Regelung der oberschlesischen Frage aufgeben wolle, scheine es keineswegs die Absicht zu haben, auch nur eine Brigade nach Oberschlesien zu entsenden. Der„Matin' schreibt, daß die englische Antwort über Ober- schlesien noch heute in Paris eintreffen werde, und daß man erst dann sogen könne, wann der Oberste Rat zusammentreten werde. Ein französischer, der Sweiz benachbarter Bezirk könne dafür in Frage kommen, da Lloyd George sich ja im August in der Schweiz auf- halten sollte und die italienischen Delegierten leicht hinkommen könnten. Der„Matin* bestätigt übrigens durch seinen Londoner Korrespondenten, daß die britischen Behörden nicht geneigt seien, ihre Truppenmacht in Oberschlesien zu verstärken, da die Taksachen. auf die ZNinisterprästdenk Vriand in einer Nöte angespielt habe, nicht mit den optimistischen Berichten der englischen Vertreter über- einstimmten, die der englische Kommissar in Oppeln erhallen habe. Nach einer Meldung der Agentur Radio wird der Zusammen- tritt des Obersten Rats ohne Fristsetzung verschoben, da Lloyd George im August seinen Urlaub nimmt und Driand bis Ende Juli picht abkömmlich ist. �unehmenöe Spannung�. London. 19. Juli.>WTB.)„Daily Expreß" versichert, von zuständiger Seite gehört zu haben, daß in den Beziehungen zwischen Großbritannien und Frankreich infolge der Differenzen über die oberschlesische Frage eine zunehmende Spannung eintrete. Die„Time i' schreibt in ihrem Leitartikel, schnelle Rege- l u n g des oberschlesischen Problems fei nach wie vor erforderlich, indessen sei zuzugeben, daß die Lage, wie sie in der französischen Note geschildert sei, ein vorheriges energisches Auftreten der Al- liierten erfordere. Jedoch müsse betont werden, daß auf jeden Fall ein engeres Zusammenwirken zwischen Frankreich und England von höchster Wichtigkeit sei. Die„Times" bedauert leb- Haft, daß im vorliegenden Falle die Alliierten durch irgendwelche unerklärlichen Fehler in der diplomatischen Maschinerie verhindert worden seien, einen gemeinsamen Schritt zu unternehmen, so wie ihn die gegenwärtige delikate Lage erfordere. „Westminster Gazette" schreibt: Die Entsendung neuer Truppen, um die Deutschen in Ordnung zu halten, bringt uns der Lösung nicht näher, wenn nicht die gleiche Maßnahme gegen die Polen angewendet wird. Eine erneute Zusammenkunft von Sach- verständigen kann nur den einen Erfolg haben, eine neue Berzögerung herbeizuführen Ein Kompromiß zwischen dem französischen und dem englischen Standpunkt ist in Wirtschaft- licher wie in sozialer Beziehung schlecht, da es ein Gebiet aus- einanderreißen würde, das wirtschaftlich zusammengehört. Aber alles andere ist bester, als die Fortdauer der gegenwärtigen Unsicherheit. Das Blatt ftagt zum Schluß, ob vielleicht die oberschlesische Frage, die Frage der Zwangsmaßnahmen und der Vertrag von Seores bis zur Abrüstungskonferenz unerledigt bleiben sollen, und ob auf dieser Konferenz die Kämpfe des Obersten Rates fortgesetzt werden sollen. Das Blatt richtet einen scharfen Appell an Frankreich, die Politik des Hinhaltens aufzugeben, damit Frank- reich und England einig nach Washington gehen könnten. „E o e o i n g Standard" schreibt: Offenbar plane Frankreich wieder ein isoliertes Vorgehen. Das Blatt sagt, der Krieg sei doch schließlich seit beinahe drei Jahren zu Ende. Unter diesen Umständen erscheine das Argument, die technische Kommission habe keine ausreichende Zeit gehabt, absurd. Es fei gefährlich, bei der deutschen Regierung und besonders bei den Führern der beut- schen Irregulären den Eindruck zu erwecken, daß Frankreich auf eigene Faust vorgeh«. Deshalb müsse Frankreich ebenso höflich wie ernst darauf hingewiesen werden, daß der einzige Weg zu sicheren Zugeständnisten in einem gemeinsamen Vorgehen der Alliierten liege, und daß dieses Vorgehen auf eine sofortige und endgültige Regelung der oberschlesischen Frage abzielen müsse. „Morningpost" schreibt: Briand habe einen Borschlag gemacht, der darauf hinkomme, die nächste Sitzung des Obersten Rates auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Dieser Dorschlag habe die britische Regierung enttäuscht und in amtlichen Kreisen Gefühle erweckt, die über Enttäuschungen hinausginge. Im Zusammen- hang mit der französischen Behaupwng, daß die Truppen des Gene- rals Höfer nur zum Schein aufgelöst wurden, habe der britische Oberkommissar eine sofortig« urt» gründliche Untersuchung angeordnet._ Neuwahlen In Schweden. Der schwedische Ministerrat beschloß. den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen zur Zweiten Kammer aus die Zeit vom 11. bis 13. September anzuberaumen. Mbert Thomas in Serlin. Auf seiner Rückreise von der Sitzung des Derwoltungsrats des Internationalen Arbeitsamts in Stockholm über die baltischen Lande nahm der Direktor dieses Amts, Albert Thomas, Gelegenheit, einige Stunden in Berlin zu verweilen, um auch mit der deutschen Regierung Fühlung zu nehmen. Vor ollen Dingen lag Thomas die Ratifizierung der Vereinbarungen und! Empfehlungen der Arbetterschutzkonserenz in Washington! und Genua am Herzen. Er wies darauf hin, daß Deutschland früher! gerade in dieser Beziehung an der Spitze marschiert sei, und daß' es allenthalben eigentümlich berühre, wenn die Ratifizierung der Beschlüsse der Washingtoner und Genueser Konferenz� gerade in Deutschland so lange aus sich warten lasse. Bei der Be- sprechung im Reichsarbeitsministerium legte Ministerialdirektor Siefart den Stand der Dinge klar und wies auf einige der Schwierigkeiten sowie der neuesten Gesetze, wie z. B. der Wochenfür- sorge, hin.— Einverständnis bestand darüber, daß Deutschland wenigstens die Empfehlungen und Vereinbarungen der Konferenzen, über die unter den Parteien und Behörden in Deutschland selbst keine Meinungsverschiedenheiten beständen, ratifizieren könnte. Thomas erklärte sich gern bereit, in den übrigen Punkten zur Kla- rung von Fragen beizutragen, um dadurch eine Ratifizierung der in Deutschland noch strittigen Punkte herbeizuführen. Thomas besuchte auch den Reichskanzler Dr. Wirth und den Wiederaufbauminister R a t h e n a u. Es wurde in allen diesen Unterhaltungen auf die großen Schwierigkeiten hingewiesen, die Deutschland auch in sozialer Beziehung aus den Sanktionen und den Wirren in Oberschlesien erwachsen sind. - England und die Leipziger Urteile. London, 19. Juli.(WTB.) Der Parlaments-Korrespondent des „Daily Telegraph" meldet: Das Unterhausmitglied Major Christopher habe'eine Anftage an das Unterhaus gerichtet zur Unterstützung eines Antrages, der dem Unterhaus vorgelegt worden ist. Nach diesem Antrag soll das Haus feine Unzufriedenheit mit dem Ergebnis der Leipziger Prozesse aussprechen und die Regierung auffordern. Schritte zu unternehmen, um die Be- stimmungen des Versailler Vertrages zur Anwendung zu bringen Im Unterhaus erklärte der Generalstaatsanwalt auf eine An- ftage, er habe nicht feststellen können, ob Kapitänleutnant Patzig sich tatsächlich im Augenblick in Danzig aufhalte. Die Anftoge, ob die Alliierten die Befugnis hätten, ihn offiziell in Danzig verhaften zu lasten, verneinte der Generalstaatsanwalt. Alemels Wunsch nach Selbständigkeit. Zsiemel, 19. Juli.(WTB.) Das„Memeler Dampfboot" meldet: Die Führer sämtlicher großen Berufsgrnppen des Memellandes übergaben dem Oberkommistor des Memelgebietes Petisne eine ent- sprechende Entschließung mit der Bitte um Weiterleitung an die Botschafterkonferenz, worin erklärt wird, die überwältigende Mehr- heit der memelländischen Bevölkerung habe den Wunsch, das memel- ländische Volkstum in einem selbständigen Staatsgebilde zu erhalten. Politisch wolle sie weder Litauen noch Polen zu- geteilt werden, betone aber ihre aufrichtige Bereitwilligkeit, mit allen Nachbarländern Handelsverträge abzujchließen. Sie fei bereit, Deutschland, Litauen, Polen und Lettland freie unbehinderte Benutzung der Eisenbahnen und Wasterstraßen und des Memeler Hafens einzuräumen. Oberkommistor Petisne erklärte bei Entgegennahme der Adreste, daß die Entscheidung allein bei der Bortschafterkonferenz liege. Die �brüstungsgegner in Japan. London, 19. Juli.(WTB.) Nach einer Meldung der Associated Preß aus Tokio besteht in Japan die Auffassung, daß das Land in der Frage der Washingtoner Abrüstungskonferenz einer Krise ersten Ranges gegenüberstehe. In dem Lager der Konferenz- gegner seien besonders Mitglieder der Diplomatie zu finden, denen auf der anderen Seite eine starke liberale Gruppe gegenüberstehe. Der New Dorker Korrespondent der„Westminster Gazette" er- klärt, von zuständiger Seite erfahren zu haben, Präsident Harding sei einer Einbeziehung der Frage der Philippinen in die Besprechungen der Abrüstungskonferenz nicht abgeneigt. Tatsäch- lich werde die Unabhängigkeit der Philippinen davon abhängig sein, ob die Mächte sich bereit finden werden, ihre territoriale Unoer- leglichkest zu garantieren. Die Weigerung der engsischen Regierung, die Northcliffe-Preste mit amtlichen Informationen zu versehen, bildete den Gegenstand einer Anfrage im Unterhaus. Lloyd George erklärte, die Maßnahme habe mit der politischen Haltung des Psessekonzerns nichts zu tyn und fei lediglich erfolgt, weil der Außenminister Curzon durch die„Time s" im Auslande verächtlich gemacht worden sei. Im übrigen sei die..Times" seit langem nicht mehr die Vertreterin des gebildeten und offiziellen England. Zum Programmentwurf. Von Eduard David. Der veröffentlichte„Entwurf eines sozialdemokratischen Programms" fordert in verschiedener Hinsicht zur Kritik her- aus. Das in der Einleitung weise umgrenzte, in absehbarer Zeit durchführbare Maß der Sozialisierung— die VergeseU- schastung der„großen konzentrierten Wirtschaftsbetriebe, so- weit sie bereits zu Privatmonopolen geworden sind oder eine das Wirtschaftsleben der Nationen beherrschende Machtstellung erlangt haben"— ist leider in den Sonderprogrammen nicht überall eingehalten worden. So wird z. B. in dem Abschnitt über Gesundheitspflege die Vollsozialisie- rung„des gesamten Heil- und Gesundheits- wefens" verlangt. Das hieße also Verbot jeder privaten ärztlichen Praxis. Wer an die Durchführbarkeit dieser Scha- blone glaubt und Verlangen trägt, möglichst viel weitere staat- liche oder kommunale Destzitwirtschasten zu schaffen, mag sich dafür begeistern. Ich teile diese Begeisterung nicht. In seit- somer Inkonsequenz. hat man im Abschnitt Rechtspflege von der Forderung Rir Sozialifieruug der Rechtsanwaltschaft abgesehen. Wenn die Aerzte sozialisiert werden sollen, warum dann nicht auch die Rechtsanwälte und noch einige andere freie Berufe gleich mit? Jedoch ich will auf dieses und anderes nicht näher ein- gehen. Was mich dazu treibt, ein öffentliches Wort der Kritik zu sprechen, ist das vorgeschlagene Agrarprogramm. Dazu gehört logisch und sachlich die unter Wohnungswesen als Punkt vorgeschlagene„Vergesellschaftung des Grund und Bodens". Ich weiß nicht, au welche praktischen Maßnahmen die Verfasser bei Aufstellung dieser For- derung gedacht haben. Haben sie dabei, was Freund und Feind zweifellos herauslesen werden, an die Enteiqnung aller landwirtschaftlichen Besitzer und Eigentümer an Wohn- und Gartengrundstücken gedacht, so muß diese Forderung so- wohl vom Standpunkt der Theorie des Wissenschaft- lichen Sozialismus, wie von dem der praktischen Wirtschaft aus scharf abgewiesen werden. Das Erfurter Programm forderte nur„die Per- Wandlung des ka p i t a l i st i f ch e n Privateigentums an Produktionsmitteln— Grund und Boden, Gruben und Berg- werke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel— in gesellschaftliches Eigentum. Und K a u t s k y lehnt in der parteioffiziellen Erläuterungsschrift die„unsinnige For- derung" ab, anderes als kapitalistisches Eigentum zu vergefell- fchaftlichen. Ja, er sagt:„Für die Kleinbetriebe wird auch wohl nach dem Siege des Proletariats das Privateigentum an den Produktionsmitteln fortdauern— von einer Konfiskation der kleinen Bauerngüter und Handwerks stellen phantasieren n u r u n s e r e Gegner."(S. 25 der Er- läuterungsschrift.) Jeder, der für die Sozialdemokratie auf dem Lande ge- wirkt hat, weiß, wieviel uns trotzdem diese„Phantasie" un- serer Gegner, gestützt auf allerlei Zitate gedankenloser Leute, zu schaffen gemacht, und wie sehr sie uns die ohnehin nicht leichte Arbeit in den Dörfern noch erschwert hat. Und nun will man unseren Gegnern mit einer solchen allgemeinen Ber- gesellschaftungsphrase eine Keule in die Hand drücken, mit der sie unsere ganze Werbearbeit unter den kleinen Landwirten und Besitzern einer Wohnheimstätte mühelos totschlagen können?! Das Agrarprogramm der Kommuni st ifchen Par- tei Deutschlands sagt über das Verhältnis der. Bauern in der sozialistischen Gesellschaft: „Das Privateigenium des Kleinbauern an Land und Arbeits- mltkela bleib! unangetastet. Er erhält das bisher von ihm Vewirl- schaftele Land zur freien Verfügung überwiesen." Man muß in der Politik das Gute nehmen, woher es kommt. Ich schlage darum vor, diesenSatzauchandie Spitze unseres Agrar Programms zustellen. Der Phantasie unserer Gegner über die Enteignungsabsichten, mit denen die Sozialdemokraten angeblich die Arbeitsbauern bedrohen, muß endlich der Hals umgedreht werden, gründlich und so, daß alle Welt das Knacken hört. Außerdem aber ist zu bemerken, daß die ausnahmslose Vergesellschaftung des Bodens in unversöhnlichem Widerspruch zu dem Reichssiedlungsgesetz steht, das zuerst als Reichssiedlungsverordnung vom 29. Januar 1919 von einem rein sozialistischen M i n i st e r i u m eingebracht wurde und einmütig von den sozialdemokratischen Parlamentsvertretern gebilligt worden ist. DurchdasReichsfiadlungsgefetzund ebenso durch das mit unserer Zustiinmung unter einem sozialdemokratischen Minister zustandegebrachte Reichsheim st ättengesetz wird neues, wenn auch in gewisser Hinsicht gebundenes kleines Grundeigentum(Renten- guter. Wohn- und Wirtschastsheimstätten) geschaffen. Die Partei kann unmöglich diese ihre eigene Politik nachträg- lich verleugnen wollen. Auch das in Punkt 6 der neuen Agrarvorschläge ausge- sprochene Verbot„Grumd und Boden, der sich schon Besitz von Reich, Ländern oder Gemein- den befindet, in Privateigentum zu über- führen". Das widerspricht schnurftracks dem Reichsfied- lungsgesetz, desien Z 2 die Länder anweist, Domänen zu Sied- lungszwecken zur Verfügung zu stellen. Diese Bestim- mungstandauchschonsoinderSiedlungsver- ordnung der sechs Volksbeauftragten! Sollen wir das etwa jetzt wieder wegkratzen? Di« durch die Siedlungsgesetze der Republik bedrohten Grotzguts- und Latifundienbesitzer gründen Schutzbünde und lassen sich's etwas kosten, die Durchführung des Siedlungs» Werkes auf Schritt und Tritt zu hemmen. Auf der anderen Seite schließen sich die Kleinbauern und sonstigen kleinen Land- bewerber— darunter viele Anhänger unserer Partei— zu Vereinen und Verbänden zusammen, um die Durchführung zu erzwingen. Die Sozialdemokratie Hot wahrhaftig keinen Grund, den großen Grundherren Vorspanndienste zu leisten. Sie hat vielmehr ihre ganze politische Macht zugunsten der Kleinen einzusetzen. Der Entwurf verlangt ja auch unter Punkt 5 die Forderung der Siedlung. Die fördert man aber nicht durch Forderungen wie die erwähnten. Dadurch trifft man sie vielmehr in ihrem Herztrieb. Selbstverständlich muß Vorsorge getroffen werden, daß die neuen Siedlungsftellen und Heimstätten nicht Gegenstand spekulativen Weiterverkaufs werden. Kapitalistische Geschäfte sollen mit dem Grundbesitz nicht gemacht werden. Die nötige Beschränkung des privaten Eigentumsrechts zur Wahrung der Oberhoheitsrechte der Gesamtheit am Grund und Boden ist auch in der Siedlungs- und Heimstättengesetzgebung vor- gesehen.(Heimfall und Rückkaufsrechte, Kontrolle ordentlicher Bewirtschaftung usw.) Worauf es ankommt, ist die Sicher- ftellung des lebenslänglichen Nutzunaseigentums und das Recht der Vererbung auf Kinder und nahe Verwandte. Das muß jedem selbstwirtschaftenden Land- dauern zugebilligt werden im eigenen Interesse und— im Interesse der GesamtheitI Denn ohne dieses starke, gesicherte Eigeninteress« gibt es keine auf lange Sicht eingestellte Her» ausarbeitung des Bodens, keine dauernde Höchstanspannung, keine hochintensive Pflanzen- und Tierkullur. Unter Punkt 4 und 5 wird weiter„die allmähliche Ueberführung des Großgrundbesitzes in eine genossenschaftliche Betriebsform" ver- lagnt. Soll damit die künstlich« Schaffung von Land- arbeiterproduktivgenossenschaften gemeint sein?— Auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Berlin (1892) ist die ehemals so hoch bewertete Idee der Arbeiter- Produktivgenossenschaft verurteilt und in die Rumpelkammer geworfen worden. Will man sie jetzt etwa wieder für die Landwirtschaft herausholen? Das Ergebnis wäre sicherlich noch weniger ermutigend als die Erfahrungen auf gewerb- lichem Gebiet. Ich denke, der wirtschaftliche Sozialismus will keine künstliche Wirtfchaftsgebilde schaffen, sondern dem fort- schrittlich Werdenden Geburtsbelierdienste leisten. Wo ist eine naturwüchsig« Bewegung auf Gründung von Landarbeiter- Produktivgenossenschasten? Nirgends! Also, reiner Papier- sozialismus! Anders steht es mit den im Punkt 1 behandelten l a n d- wirtschaftlichen Produzenteng«nossenschaf- t e n. Das ist der mächtigste Zweig der Genossenschaftsbewe- gung überhaupt, und die mannigfaltigen Organisationen für Kreditbeschaffung, Bezug von Rohstoffen, Verarbeitung und Verkauf von Erzeugnissen sind von größter Bedeutung für rationelle innerbetriebliche Fortbildung wie für die überbetriebliche Organisation der bäuer- lichen Wirtschaft. Auch der Ausbau der direkten Aus- tau sch b e zi e hu n g e n zwischen l a n d w i r t s ch a f t» lichen Produzenten- und städtischen Konfu- mentenorganisationen ist auf dem Marsche. Der Entwurf verlangt mit Recht ein« Förderung dieser ge- nosienschaftlichen Organisationsbewegung zwecks Ausschaltung unnötigen Zwischenhandels und rationeller Organisation der Volksernährung. Jerientage. von Friedrich Natteroth. Ich bin arbeitsloser Schriftsteller. Manche klugen Leute sagen, Schriftsteller sei ein Beruf, wo man das ganze Jahr Ferien hätte. Und sie haben tatsächlich recht. Ich habe zu meiner Frau gesagt. „Anny, also»on morgen ab beginnen unsere Ferien. Ich bewillige mir in diesem Jahr vier Wochen!" Meine Frau hat nichts gesagt, sie hat so manches in dieser Zeit widerspruchslos hinnehmen müsien. Sonst waren wir alle Jahre auf ein paar Wochen in der ver- steckten fürstlichen Sommerresidenz Ebersdorf. In diesem Jahr wollte meine Frau an die See, ich'in den Harz. Wir bleiben aber in Verlin, was auch etwas für sich hat und von manchem Feuille» tonisten gelobt wird. Vor Veginn der Reise— es ist abends im Schlafzimmer—» streiten wir uns darüber, ob die Fenster geöffnet bleiben oder nicht. Ich bin dafür, wenigstens während des Ferienaufenthaltes. Meine Frau ist dagegen, sie wird morgens um 4 Uhr schon von dem Krähen der Hähne geweckt. Ich sage, aus dem Lande krähen doch die Hähne auch, wie willst du sonst fühlen, daß wir in Ferien sind? Und die frische Luft über den Dächern, es ist dann wie im Gebirge. Wir reißen also alle Fenster der Wohnung aus, damit ein Gegen- zug entsteht, wir gießen Wasier auf den Fußboden unserer Man- sardenwohnung, damit es kühl bleivt, und wir schlafen unbedeckt und träumen beide die ganze Nacht von Ebersdorf. Morgens um vier Uhr des ersten Ferlentoges haben wir be- reits unser erstes großes ländliches Erlebnis. Wir werden geweckt durch einen mörderischen Spektakel. Ein Spatz sitzt aus dem Fensterbrett und schreit so lange„Schilpl Schilp!" bis wir auf- stehen und ihn verscheuchen. Und siehe den Grund: ein Spatzen- junges hat sich ins Schlafzimmer unters Bett verflogen. Wir sangen es ein und werfen dabei den Apollo von Belvedere in Scherben, wecken die Kinder und machen ein Hollah, bis die Leute unter uns an die Decke klopfen. Dan« wird abgestimmt, ob wir den Bogel der Freiheit zurückgebe«. Ich bin dafür, daß wir ihn als „Taube auf französische Art" auf den Tisch bringen: der Vorschlag wird mit allen gegen eine Stimme abgelehnt. Dann blicken wir in bloßen Hemd«, und barfuß aus den Fenstern(das soll erst einer nachmachen, barfuß au» den Fenstern!) erleben den Sonnenauf- gang über den Dächern und sehen zu, wie die Spatzenmutter erst den Jungen auf dem gegenüberliegenden Balkon schilt, dann ihn füttert und zuletzt ihm güttich zuredet, worauf er mit ihr nach dem heimischen Nest unter der Dachrinne zurückfliegt.„Wie auf dem Lande!" sage ich. Am Nachmittag des ersten Ferientages liegt meine Frau und »in Kind an Mandelentzündung und starker Erkältung im hitzigen Fieber, ich hole den Arzt, wir gurgeln und kühlen. Und in einem Ganz verfehlt aber ist die dabei eingeflochtene Förd«rung auf„Bildung von Z w a n g s g e n o ss e n s ch a s t c n" für den Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Das würde eine neue Auflage bureaukratifcher Zwangswirtschaft übelster Art sein, deren Sabotierung durch die bäuerliche Bevölkerung und Korruption durch allerlei„sachverständige" Zwischen- glieder totsicher zu erwarten wäre. Das notwendige Ergän- zungsstück der bäuerlichen Zwangs- und Verkaussgenossen- Schäften wäre jedenfalls die Zwangsgenoffenschast der Konlumenten. Man frage dieKonsumgenossen- ch a f t e n, was s i e davon haltenl Sie haben sich mit Recht g«gcn alle Bestrebungen, die freie genossenschaftliche Bewegung zu verstaatlichen, gewandt. Wohin solcher Zwang die Gcnosjenschastsbewegung führt, hat Rußland gezeigt, wo man jetzt die bureaukratisch festgefahrene Karre wieder frei zu machen sucht. B a u e r n p o l i t i k gegen die Bauern— das i st ein ebenso verfehlt e.s undemokratisches und aussichtsloses Beginnen wie Arbeiter- Politik gegen die Arbeiter. Genug damit, obgleich ich noch manches zu diesem Agrarprogramm zu sogen hätte, namentlich auch über das, war darin stehen sollte und nicht darin steht. Aber da die Neubearbeitung meines Buches über Sozialismus und Landwirtschaft in einigen Wocben die Dnickvreffe verläßt, so mögen die Parteigenossen, die sich für das Thema besonders interessieren und die es näher angeht, dort das übrige nachlesen. Es scheint mir überhaupt nicht richtig, daß man eine sv die ganze Zukunft der Sozicldemokratie so wichtige Frage, wie die unseres agrapolitifchen Programms, so leichthin und überstürzt erledigt, wie dies beabsichtigt zu sein scheint. Die im vorigen Jahr in Kassel angenommenen Richtlinien genügen vorläufig. Wir sollten uns mit der Durcharbeitung dieses schwierigen Gebietes ruhig noch ein Jahr Zeit lassen, um eine wirkliche hieb- und stichfeste Plattform für unsere A g r a r- Politik zu schaffen. Darum wäre es m. E. das beste, den veröffentlichten Agrarprogrammentwurf in Görlitz noch nicht zu erledigen, sondern ihn der weiteren Bearbeitung durch eine Sonderkommission zu überantworten. Zu dieser wären vor allem auch parteigenössische Vertreter aus den Klein- dauern-, Heuerlings- und Kleinsiedlung s- verbänden heranzuziehen. Ein Agrarprogramm, das ohne oder gar gegen diese gemacht wird, kann der Partei wenig nützen, wohl aber viel schaden. Zensur auf Umwegen. 'Die tägliche Kritik, die der„Vorwärts" an den baye- rischen Mißständen übt, scheint den bayerischen Behörden doch weit unangenehmer zu ftin, als sie vor der Oeffentlichteit zu- geben wollen. Hierauf läßt wenigstens ein Vorfall schließen. der uns soeben von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird: Das Reichspost Ministerium, Abteilung Bay- ern, oerfügte unter Berufung auf einen Beschluß des „Reichsverbandes der deutschen Presse", daß dem sozialisti- schen Korrespondenten, der von Süddeutschland aus die Unterrichtung verschiedener Parteiblätter leitete, die drei- fachen Telephongebühren angerechnet werden wie seinen bereits eingeführten bürgerlichen Kollegen. Die Be- gründung lautet folgendermaßen: „Die Berechnung der„Dringend Presie"-GesprLche erfolgt nur dann nach dem einfachen Tarif, wenn der Korrespondent ein Durch- schnittskontingent", berechnet aus der Tätigkeit vom 1. Januar bis 1. Juli 1S20, aufzuweisen hat. Ein Beschluß des„Reichsverbandes der deutschen Presse" verhindert somit die Belieferung von sozialistischen Blättern zu dem normalen Presietarif, wenn sie nicht schon 1S2 0 telephonisch bedient worden sind." Die Folge dies«? echt bayerischen Verfügung ist die, daß sich die kleinen kapitalschwachen Arbeiterblätter für Line weitere telephonische Berichterstattung außerstande gesetzt mit„Lelonici- antineuralgica* nachgewiesenen und glücklichen Augenblick sagt meine Frau:„Wie auf dem Lande!" Am zweiten Feiertag renn ich von Behörde zu Behörde und zuletzt zur Armendirektion, um mir die Atteste, Medizin und Arzt- behandlung kostenfrei zu sichern, denn leider dürfen arbeitslose Schriftsteller und ihre Angehörigen, die auf Ferien gehen, nur auf Armenattest trank werden. Abends lese ich meiner Frau aus Heines Gedichten:„Die Nordsee" und„Die Harzreise" vor, wobei unser beider Wunsch in die Ferne zufriedengestellt sein muh. Am drUten Tag lasse ich mir einen Zahn ziehen auf Kosten der Berliner vrtskrankenkasse und am vierten Tag steht mein« Frau auf und ich lege mich ins Bett, weil der Unterkiefer oereitert, ist. Ich wärme mit heißen Sandsäcken und habe Kamillenduft im Munde wie auf dem Lande. Am zehnten Tag meiner Ferien stehe ich auf und schreibe dieses Feuilleton, weil einem müden und abgedroschenen Schrift- steller immer die besten Gedanken in einem Ferienaufenthalt kommen. Geschlecht und Gestalt. In der Berliner Gesellschaft für Neuro- logie und Psychiatrie hlett Dr. Arthur Weil einen Vortrag über wichtige Untersuchungen, die er über die Körpermaße als Ausdrucksform der geschlechtlichen Konstitution angestellt hat. Weil fand, daß. währenv sich die Oberlänge eines normalen Mannes zu seiner Unterlänge durchschnittlich wie 100 zu 9ö und beim Weibe wie 100 zu SS verhält, dieses Verhältnis der Körperproportionen b->i den sexuellen Varianten, besonders bei den homosexuellen Männern und Frauen, ein umgekehrtes istz Indem sich durchschnittlich die Oberlänge zur Unterlänge, auch bei den Frauen, wie IlXI zu 108 oerhält. Ebenso ist auch das Verhältnis der Schulterbreite zur Hüftbreite deutlich verschieden. Während es beim normalen Manne 100 zu 81, beim normalen Weibe, entsprechend ihren bedeutend breiteren Hüften, 100 zu 92 beträgt, fand Weil bei gleichgeschlechtlich veranlagten Männern und Frauen, und zwar bemerkenswerterweise bei beiden Geschlechtern nahezu gleich, ein durchlchnittliches Verhältnis wie 100 zu 86 bzw. 88. Ausgedehnte vergleichende statistische Feststellungen ergaben, daß es sich hierbei nicht um Zufallsbefunde, sondern um eine biologische Gesetzmäßigkeit handelt. Die Entdeckung Weils bestätigt ebenso wie die Experiment« Steinachs die von Dr. Magnus Hirschfeld vor 2S Jahren aufgestellte Zwischenstufentheorte, nach der es zwischen dem mann- lichen und weiblichen Geschlecht in körperlicher und seelischer Hinsicht eine große Anzahl sogenannter Geschlechtsübergänge gibt, zu denen er neben den eigentlichen Zwittern vier, weitere Gruppen rechnet: die„A n d r o g t) n e n", welche in der allgemeinen Körperbeschaffenheit eine Mischung mannlicher und weiblicher Geschlechtscharaktere zeigen, die„T r a n s v e st i t e n", die in ihrer äußeren Erscheinung, vor allem in der Kleidung, das Aussehen des anderen Geschlechts anstreben, sowie die„Homo- sexuellen" und„m-tatropischen" Menschen, Männer und Frauen, die sich zu Personen ihres eigenen Geschlechts hingezogen sehen— und der unangenehme Mahner soll so zum Schwel» gen gebracht werden! An Stelle der sozialistilch-politischen Nachrichten, die der Reinigung der öffentlichen Atmosphäre dienen,, werden nun wieder zur Haupi» geschäftszeit Börsen- und Jobbergespräche mit er- m ä ß i g t e m Tarif über die Drahtleitungen eilen, während die Stimme der sozialistischen Kritik lahmgelegt werden soll. Bor Genehmigung des neuen Fernsprechtarifs werden die Be» stimmungen des Reichsverbandes der deutschen Presse noch- mals einer Beratung unterzogen. Mögen diese Herren es sich, gesagt sein lassen, daß die Arbeiterschaft sich der Bedeutung eines unabhängigen Nachrichtendienstes bewustt gt und daß auf diesem Wege zu allerletzt eine Einstellung der sozialistischen Kritik zu erwarten ist. Srbtsorgen. Jedem etwas Weitersehenden ist klar, daß die beabsich» tigte Preiserhöhung des Brotes ein gefährlicher Verstny der Interessenten und der bürgerlichen Parteien ,st. Deutschtops Ernährungsgrundlac�e auf einen anderen Boden zu stellen. können nicht nachdrücklich genug davor warnen, ubereute und nicht genügend überlegte Schritte zu tun. E i n ver n u n s» tiger Brotpreis ist die LebensverslcherunA Deutschlands! Inzwischen mehren sich die offiziösen und ordere„Auf» klärungs"- und Beruhigungsmeldungen. So schreibt rne B. L.-Korrespondenz unter anderem: Wie wir erfahren, dürften die Besprechungen zwischen den Re- gierungsvertretern und den Beauftragten des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbundes sowie der Arbeitsgemeinschaft freier Ange- stelltenverbände über den automatischen Lohnzuschlag nach der Erhöhung des Brotpreises erst zu Anfang des kommenden Mo- nats beendet werden, da gegenwärtig auch in der Regierung über die endgültige Höhe der Brotpreile sich noch nichts Bestimmtes sagen läßt. Besonders über die Art der Festsetzung von Lohn- und Gehaltszuschlägen müssen noch besondere Besprechungen, geführt werden, da aus den Kreisen der Gewertslhasten- heraus gefordert wird, daß bei der Findung des Ausgleichs nicht nach dem im Ja- nuar 1820 angewandten Prinzip, die Familie zu vier Köpfen zu rechnen, oerfahren werde. Bisher ist in der Reichsgetreidestelle noch nicht möglich gewesen, die genauen Mehlpreise, die Grundlage für alle weiteren Berechnungen, festzusetzen. Man will sich zunächst einen möglichst vollständigen Ueberblick über den Aussall der Ernte machen, um mit einiger Sicherheit die Preise festlegen zu können, welche von der Landwirtschost und dem Handel dann auch innegehalten werden können. Im Kuratorium der Reichsgetreidestelle besteht, wie wir hären, die Absicht, an der bisherigen Ausmahlung des nunmehr im Ilmlageverfahren erfaßten Getreides In Höhe von 85 Proz. festzuhalten. Das Kuratorium wird in den ersten Tagen des August zu einer entscheidenden Sitzung zusammentreten, in der dann die Mehlpreise bestimmt werden. Da an der letzten Hamburger Börse der Doppelzentner Roggen mit 366 M. gehandelt worden ist und Weizen voraussichtlich 480 bis 500 M. nicht über« steigen wird, glaubt man, daß bei der verhältnismäßig guten Ernte eher mit einem Nachlösten der Getreide- und Mehlpreise zu rechnen ist. Jmmrhin scheint es sehr fraglich, ob, entgegen der Regierungs- erklärung, ein 40prozentiger Zuschlag zu den gelten. den Preisen genügen wird, um das gegen Marken zu liefernde Brot herzustellen. Jetzt haben noch die Gewerkschaften und Angestelltenver- bände das Wort. Sie werden unter Einsetzung ihrer ganzen Kraft dafür zu sorgen misten, daß Kurzsichtigkeit, Profitsucht und Unverstand nicht siegen. Battische KvaliNon. Nach zweitägigen Verhandlungen der drei Außenminister der baltischen Staaten wurden politisch-wirtschostlich» militärische Konventionen unterzeichnet. Nach zwei Monaten soll eine neu« Konferenz und in einer Woche eine Konserenz der Finanz-, Handels- und Gewerbemimstcr zusammentreten. fühlen bzw. Männer mit weiblichem Wesen, welche Frauen von männlicher Art lieben, und umgekehrt. Es liegt auf der Hand, daß diese Crtenntniste für die recht- liche und allgemeine Beurteilung vieler Lebenserscheinungen von Bedeutung sind. Verrdelung der Straßenmufik. Wie wir seinerzeit mitteillen, beabsichtigte die Volksbühne Groß-Hamburg, unterstützt von Gesangvereinen, an Sommerabenden auf Straßen und Plätzen Chorgesänge zu veranstalten. Diese Absicht ist jetzt zur Aus. führung gekommen. Die Gesangsaufführungen waren von vielen Taufenden von Zuhörern besucht und haben beim Publikum und bei der Presse begeisterten Widerhall gefunden. Feierliche Einholung eines Gramms Radium. Frau Curie Hot jetzt das kostbare Gramm Radium nach Paris gebracht, das ihr die amerikanischen Frauen durch den Präsidenten Harding überreichen ließen. Sie fuhr mit einem Sonderzuge von Cherbourg nach Paris, mit der Kasteite aus Blei und Holz, in der sich das Gramm befand und die sie nicht aus den Augen lasten konnte. Sicher- heitsbeamte empfingen sie und ihr Mitbringsel aus dem Bahn- Hof und fuhren ste in ihr Radiuminstitut, wo die Kasteite in dem Arbeitsraum von Frau Curie deponiert wurde. Sie ist 45 Zentimeter lang, 25 Zentimeter breit und wiegt ungefähr 80 Kilo. Die Radiumsalze, die darin sind, hat bisher noch niemand zu sehen bekommen, denn der goldene Schlüssel, der kostbar ausgearbeitet ist, wird von Frau Curie aufs sorgfältigste verwahrt. seit ihn ihr Harding im Weißen Hause in Washington einhändigte. Er hangt an einem schwarzen Moireeband, das mit einem schönen Brillanten geschmückt ist, und trägt eine Inschrift, die auf die Stiftung und Ueb-rreichung Bezug nimmt. Das Gramm Radium wird den Gelehrten des Instituts von Frau Curie eine Reihe wich- tiger neuer Untersuchungen ermöglichen. Ein Wukanfall. Man soll stch nicht über Druckfehler, die einer Zeitung unterlaufen, lustig machen, der Zufall kann jedem Blatt bös mitspielen. Doch wirkt es immerhin erheiternd, wenn die Lettern sich dem Ton und Gekeif so onpasten, daß st« aus eigenem Antrieb die Stimmung eine» Zeitungsschreibers bester wiedergeben als besten Geschreibsel selbst es tut. Man lese in der„Täglichen Rund- schau" vom 18. Juli in einem Artikel, der sich über dos L e i p- z i g e r Urteil empört:„Pon militärischer Seite wird uns zum Leipziger Urteil noch geschrieben: Das Reichsgerichtsurteil vom Sonnabend, gegen die beiden U-Boots-Offziere Boldt und Dithmar gibt in mehrfacher Hinsicht Anlaß zu einer ernsthaften Prüfung un- serer Lage. Der zur Aburteilung gelangt« Fall gall in eingeweih- ten Kreisen schon seit längerem als einer der schwerwiegendsten und ist seit längerem bfskpzch ch chckjrdgoo umlhwyrdgov nicht von feiten der Entente, sondern von feite» des Oberreichz- anwaltes erhoben wurde, der seinerseits allerdings" usw.-- Famos, wie die neckischen Typen die spuckende Wut der„mlli- tärischen Seite" darüber, daß einmal ein paar Offziere Ins Gefäng- nis flogen, zum Ausdruck bringen. Würde die„Tägliche Rundschau" ihr Inneres nicht bester zeigen, wenn ste immer den Lettern freie Hand ließe? Sprünge im bapriscken»Grönungsblock�. Vus München wird uns geschrieben: G�eit airigcm Donnerstag tagt förmlich in Permanenz ein „wichtiger Ministerrat", über dessen Beschlüsse bzw. Entschluß- losigkeit man sich die geheimnisvollsten Nachrichten zuraunt: Millionenprojekie auf der einen Seite, Ministerskan» dälchen(Landwirtschaftsministcr Wutzelhofcr gegen Justiz- minister Roth, HanMsminister ch amm gegen den Zentrumsherr- goll S ch l i t t e n b a u e r) auf der anderen Seite. Der tiefere Grund der gegenwärtigen Spannungen zwischen den Kahrschcn Kabinettsrnitgliedern dürfte in der landwirtfchaft- l i ch e n Lesteuerungskrisis und in der daraus resultieren- den Gereiztheit zwischen Lebensmittelproduzentcn und Konsumen- ten gelegen sein. Die Beratungen über den Entwurf zur Aende- rung des Gewerbe-, Grund- und Haussteuergesetzes im Landtag hat eben gezeigt, daß in Bayern die Wirkung der Gewerbesteuer gegen- über der Grundsteuer eine zehnfache ist und daß dos Vorrecht der Landwirtschaft, das diese In der tllrealhaussteuer besitzt, sich sn der Form auswirkt, daß der Hausbesitzer auf dem Lande kaum mehr als 5 0 Pf. Haus st euer bezahlt, also nicht entfernt soviel wie die Erhebung der Steuer ausmacht. Die Ausführungen der sozialdemokratischen Bericht- erstatter über dieses krasse Mißverhältnis der Steuerbelastung von Stadt und Land haben großen Eindruck im Ausschuß wie in der breiten Oeffentlichkeit gemacht. Alles ist sich der Notwendig- keit einer baldigen Acnderung bewußt: nur der„M i e s b a ch e r Anzeiger" wütet:„Hörts ihr ihn gehen, den Sozi? Er will, daß aller liegende Besitz aufs zehnfache taxiert, mit Hypotheken belastet wird, die den gesamten Bauernstand im Land v e r- Nichten muffen!" und behauptet kühn:„Don zehn Häusern tragen heute neun viel weniger als 1914!" Dann droht er kühn mit dem L i e f e r st r e i k:„Aber der Besitzende fängt nicht damit an, daß er selber weniger ißt, sondern damit, daß er anderen weniger zu effen gibt. Er läßt wenig oder nichts mehr bauen, er kauft weniger, er stellt weniger Leute anl" Nun hat diese Spannung zwischen Stadt und Land bereits zu einem ernstlichen Zusammenstoß des Landwirtschaftsministers mit Verbraucher- und Produzenientreisen der„Kornkammer Bayerns", der Gegend von Straubing-Deggendorf ge- führt. Er hatte nämlich einen Staatsanwalt wegen deffen Eingriff in die landwirtschaftliche Preisbestimmung förmlich ge- brandmarkt und dadurch den stürmischen Widerspruch von Stadwer- tretungcn und Presseorganen, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken hervorgerufen. Neben der„Augsburger Abend- zeitung" ereifert sich der„Nationalsozialist" mit folgenden Worten:„Eine Unverschämtheit sondergleichen ist es, daß ein Mi- nister einen Staatsanwalt, der seine Pflicht tut einer Verbrecher. g e s e l l s ch a f t gegenüber, wie sie die Wucherer darstellen, mit Best rasung bedroht. Wenn der Mann auch nur einen Funken sozialen Gewissens in sich hat, dann muh er aus eine derartige Un- geheuerlichkeit hin wissen, was er zu tun hat: Abtreten und schleunigst verschwinden!" Also dasselbe Blatt, das den nationalistischen Schleppträger der Regierung Kohr darstellt, wendet sich gegen dessen Wirt- schaftspolitik. Die Sprünge im Mististertum Kohr sind also vorhanden. Sie waren auch in einer zweimaligen Minister- r a t s s i tz u n g nicht zu übcrkleistern. Nächste Woche sollen die Referenten des Justiz- und Landwirtfchaftsministeriums die Flick- arbeit pon neuem aufnehmen. Nicht wiedergutzumachen sind aber die gehässigen persönlichen Ausfäll« des Führers der Bayerischen Volkspartei gegen den Demokraten Hamm, dem unlautere Beziehungen zu der Firma Wert» heim er vorgeworfen waren. So wird auch das Ministerium Kohr mit der Zeit nicht dem Schicksal seder Gewalt- und Haßregierung entgehen--- dem trauri- gen Ende durch das Aufgehen der selbst Ins Volk gelegten Saat der Unduldsamkeit und Vergiftung. Das koalitionsrecht der Soldaten aufgehoben I Das Reichswehrmini st erium hat folgende Ver- fügung erlassen: Aus Grund des 8 57 des Wehrgefetzes verbiete ich den Sol- baten(Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften) die Zugehörig- keit zum Reichswirtschaftsverband deutscher der- zettiger und ehemaliger Berufssoldaten und zum Deutschen Offiziersbund. Ich halte mich zu diesem Verbot aus grundsätzlichen Erwä- gungen im Interesse von Staat und Wehrmacht verpflichtet, weil ich in der Art der Organisation und Betätigung dieser Verbände eine Gefahr für di« Disziplin, die Kameradschaft und den inneren Zusammenhang der Truppe erblicke, wenn auch den Bünden selbst, wie ich gern anerkennen will, die Absicht Disziplin störend zu wirken, fern gelegen hat. Um etwaige Härten bei dem Ausscheiden der Soldaten aus den Wohlfahrtseinrichtungen dirfer Verbände zu vermeiden, ermäch- tige ich die Wehrkreiskommandeure und Marine-Stationschefs für das Ausscheiden aus den Wohlfahrtseinrichtungen Uebergangsbe- pimmungen zu treffen und ersuche, mir über die Anordnungen zum 15. August d. I. Bericht zu erstatten. Hierzu erfahren wir: Das Verbot ist eine Verfügung des Ministers, vor deren Erlaß weder das Kablnett noch der Reichstag noch die ge- wählte Vertretung der Truppe, die Heeres- und Marine- kammer, gehört worden sind. Der Reichstag hat im Wehr- gefeß den Soldaten grundsätzlich das Recht der Zugehörig- keit zu nichtpolitischen Vereinigungen zugestanden. Unter- dessen hat zwar der„Deutsche O f f i zi e r s b u n d" in wiederholten hochpolitischen Kundgebungen gegen die Reichsregierung Stellung genommen, während das Verhalten des Reichswirtschaftsoerbandes nach mehrfachem eigenen Zugeständnis des Ministers einwandfrei ge- wefen ist. Wenn nun der Minister lediglich aus dem Zwange heraus, gegen offenkundige Verfehlungen der Offiziers ein- schreiten zu müssen, auch den Unteroffizieren und Mannschaf- ten den letzten Rest ibrer staatsbürgerlichen Rechte nimmt, so mögen die Unteroffiziere und Mannschaften durch das ihnen widerfahrene Unrecht sich nicht provozieren, nicht zu Unüberlegtheiten hinreißen lassen, durch die sie ihre gerechte Sache nur in Mißkredit bringen könnten, sondern darauf vertrauen, daß die Volksvertretung ihr Recht gegenüber dem Minister wahrnehmen wird. Berickliguna. In unserer Notiz.Zur Wahrheit gezwungen" in der heutiaen Moraenausqabe muß statt von„Wiederaufnahme der «ntentemilitärifcben Anoriffe auf Ruhland" natürlich von„Nicht- Wiederaufnahme" die Rede fein. Neu« Tascistenkämpfe. Nach imlienilchen Blättermeldungen ist es zu Z u f a m m e n ö ß e n zwischen F a s c i st e n und Kam- rnuniften in San Stefano di magra und einem Nachbarort« ge» kommen. Bier Tote und zwanzig Verwundete werden gemeldet. Nepp? In dem Theater an der Königgrätzer Strohe kann man folgen- des erleben. Man wünscht einen Theo»?rzettsl.„Bitte", sogt der Logenschließer.—„Kostet?"—„Eine Mzrk fünfzig."—„Was?" — Der Logenlchließer sagt gar nichts und will sich odwenden. Man braucht den Zettel, zal?lt und reißt den Vcrfchlükzftreifen ab. Da fällt einem ein bläuliches Heft in di- Hand, darauf steht als Titel: „Der Souffleur". Und darunter:„Reklanieblättcr der Meinhard- Vernauer-Bühnen." Man pfeift auf die Reklameblätter der Herren M-Inhord und Vsrnouer. Man will dach nur einen Perfonenzettel für die Erl- bühne haben. Aber nein, den bekommt man nur, wenn man die Reklameblätter nimmt. Und die bekommt man wieder nur. wenn man eine Mark und fünfzig Pfennig zahlt. Wäre es nun nicht die Bühne der ansehnlichen Firma Memhard-V-rnauer, so würde man glattweg sagen: Nepp. Aber die Firma Meinhard-Vernauer mag so anständig sein wie sie wi?l, es ist dach nicht hübsch von ihr, daß sie die Theaterbesucher, die einen Perlanenzettel der Exlbühne haben wollen, zwingt, ihr ausdrücklich als Netlome bezeichnetes Heft taufen zu müssen. Denn worum? Zwang wird immer ols ungehörig, als etwas Undemokratisches empfunden. Und mit Recht. Der Zwang, den wir uns bis zum November 1918 gefallen ließen, bat uns im Aus- lond verächtlich gemacht. Also, verehrte Firma Mcinhard-Bernauer, heben Sie den Zwang auf und lassen S>- Ihre Reklomeblätter kaufen, wer sie zu taufen wirklich Lust und Geld hat. ?n öen hängen eines Sepreifers. Zu Hausdiebstählen gezwungen wurde eine Verkäuferin, die in einem hiesigen großen Konfektionshaus für Damen- und Kinder- tleidung beschäftigt war. Der Wert der gestohlenen Sachen belies sich, als man jetzt hinter die Diebstähle kam. bereits auf eine halbe Million Mark. Das junge Mädchen hatte sich bereits im Jahre 1918 kleine Verfehlungen zuschulden kommen lassen, indem es kleine Seidenreste zu sich stockte und mit nach Hause nahm,»m sich davon eine Bluse oder sonstige Sachen zum eigenen Gebrauch zu machen. Als es einmal etwas mehr war, schenkte es den Rest einer Freundin. Diese hatte jedoch selbst keine Verwendung dalür und verkamt« ihn an den Händler Otto Tbiele in Moabit. Dieser erhielt mich Kenntnis davon, daß der Stoff gestohleu war und nun setzte er die Daumschrauben an. Unter Drohungen mit Anzeige zwang-r die junge Verkäuferin, ihm weitere Seidenstoffe und auch andere Sachen zu beschaffen. Er ging so weit, daß er einlach vor dem Geschäft erschien, der Verkäuferin einen Zettel himnnfchickle, aus d-m er um bestimmte Sachen ersuchte und dann wartete, bis sie nach Feierabend das Geschält verließ. Er lieh sich die Sachen dann cm--bändigen und entfernt« sich damit, ohne daran zu denken, dem Mädchen etwas dafür zu geben. Als jetzt endlich das Mädchen bei einem DiehllaM obaefaht wurde, gestand es ein. daß der Händler es zu den Dieb- stählen gezwungen hatte. Daraufhin wurde auch di-fer festgenommen. Dieser Fall, der nach dem vorliegenden Bericht ziemlich klar zu liegen scheint, könnte Anlaß für die Justiz fein, einmal schneite Arbeit zu leisten. Mit Recht wird das Mitempfinden des Volkes bei dem jungen Mädchen sein, und unsere Justiz würde sich ein Verdienst erwerben, wenn st« der Festgenommenen, die leider in Deutschland üblich gewordene monatelange Unter- suchungshaft ersparte. Hoffentlich auch findet sie milde Richter, denn di« Seelengnalen, die sie in Fängen des Erpressers ausgehalten hat, müssen unsägliche gewesen sein. kinSer, die ohne Äebe aufwachsen. „Wir wollten schon lange ein Kind aufnehmen, aber wir wußten nicht, wohin wir uns zu wenden haben." Wie vielen Kindern mag aus solch äußerem Grunde der Segen eines Eltern« Hauses versagt bleiben. Und dabei setzen in allen Tellen Deutsch- lands die Mitarbeiter vieler Fllrscrgevereine ihre ganze Arbeits- kraft dafür«in, heimatlosen Kindern ein Elternhaus zu oerschaffen. Die Deutsche Zentral« für Jugendfürsora« in Berlin, N. 24, Monbijouplatz 3, ist gern bereit, derartige Stellen nachzuweisen. Bei ihr selbst gehen täglich von überall her Meldun- gen von Kindern ein, die nach genauer Prüfung der gesundheitlichen und Familienverhältnisse zur Adoption vorgeschlagen werden— könnten, wenn genügend rnisnahmebereite Ehepaare bekannt wären. Aus Unkenntnis dieser Vermittlungsstellen, die als Wohlfahrtsein- richtungen völlig unentgeltlich ihre Arbeit tu>� setzen viele Ehepaare Annoncen in di« Zeitungen oder melden sich auf Kindesabgebe- inserate. Nach Erfahrung der Aooptionsoermittlungsstellen ist dieses Verfahren meist zwecklos, ja gefährlich, denn es ist für den Privat- mann fast unmöglich, die Verhältnisse des betreffenden Kindes festzustellen und die umständlichen Verhandlungen mit den Vormündern und Gerichten zu führen. „Wir können Ihnen gar nicht genug danken, Sie haben uns einen Sonnenschein ins Haus geschickt," ichrieb uns neulich ein Adopttvetternpanr, dem wir ein Kindchen Überwielen hatten. Jedes Ehepaar, dem Kinder versagt sind und das die Früchte seiner Arbeit allein und ohne rechte Freude genießt, sollte sich diesen„Sonnen- schein" verschaffen. Jeder kann, wenn er nur etwas Geduld hat und in der richtigen Weise sucht, das gerade für ihn passende Kind finden— gibt es doch genug verlassene, heimatlose Kinder in Deutschland, Kinder, die zwar aus öffentlichen Miteln gerade so viel Pflege und Aufsicht erhalten wie sie zum Leben brauchen, denen aber das fehlt, was sie zum wirklichen Gedeihen noch nötiger haben, was ihnen«inen Halt für das ganze spätere Leben gibt: die Liebe, das Elternhays. Der Umsteigefahrftheka. Hon Tegel noch Marieadorf über Alcxanderploch. Als in Berlin jür das ganze, der Stadt gehörende Straßenbahn- netz der Umsteigefahrschein eingeführt wurde, glaubte man, daß die Bevölkerung diesen Fortschritt mit Freude begrüßen und den gebotenen Vorteil eifrig ausnützen werde. Visher rinden aber die Umneigesahr. scheine noch nicht die Beachtung in dem erwarteten Umfang, und unter denen, die mal einen solchen Fahrschein nehmen, sind noch viele, die darüber klagen und schelten, daß sie„nur Verdruß davon" haben. Lecher sind die Vorschriften über die Benutzung von Umsteigefahrscheinen so unklar, daß man sich nicht wundern kann, wenn es fortwährend peinliche Auseinandersetzungen zwischen Fahrgästen und Schaffnern gibt. Da die Beförderungsbedingungen sagen:„3)1« Rückfahrt. auch durch andere Straßenzüge, ist nicht gestattet". so nehmen wohl die meisten Fahrgäste an, daß mit dem Umsteigekabr. Ichein nur eine wirkliche Rückfahrt nach dem Ausgangspunkt der Fahrt nicht gestattet ist. Oft aber werden Fahrgäste von den Schaffnern dahin belehrt, daß überhaupt jeder Umweg, der Gelegenheit zu einer unberechtigten Ausnutzung de« Umsteigefahrscheines geben könnte, verboten iei. Man soll, sagen die Schaffner, möglichst den kürzesten Weg wählen, d-n man mit einmaligem Umsteigen machen kann. Wer eine» erheblichen Umweg macht, erweckt den Argwohn, daß er unterwegs noch irgendein anderes Geschäft miterledigt und dann statt zwei Einzelfahrten nur ein» Umstelgcfahrt bezahlt. Mi' unter hört man Fahrgäste erklären:„Ich kann doch fahren, wie c« mir paßt, und unterwegs tun, was ich will. Dazu ist doch der Um- steigefahrichein da, daß ich ihn. wenn es geht, zu zwei Besorgungen ausnutze." Nein, dazu ist er allerdings nicht da. Er soll eine Fahrpreisermäßigung für e i n e n Weg gewähren, den man mangels einer durchgehenden Linie in zwei Fahrten machen muß. Warum sorgt nicht die Straßenbahndirektirn durch klaren Wortlaut der Bestimmungen dafür, daß hierüber unter verständigen Menschen keine Meinungsverschiedenheit entstehen kann? Sie würde nicht nur Fahrgästen, sondern auch dem Personal manchen Aerger eriparen Wenn heute ein S.bgsfner auf unzulässige Ausnutzung eines Umsteigefahrscheines hin- meist, kann er es erleben, daß er nicht nur den betreffenden Fahrgast. sondern auch noch verschiedene andere Fahrgäste gegen sich aufbringt, die sich hineinmengen. E r ist es dann, der all die Grobheiten und Schimpf warte„das ist ja die reine Neppsreil" und ähnliche Aus» drücke— einstecken muß. Man-bmal nötigen übrigens auch die Bestimmungen, nicht den kürzesten Weg zu fordern, sondern daraus zu bestchea, daß ein Umweg aemackt wird. Vor einiger Zeit teilte«in Leser uns mit, daß erlauf einem Weg von Tegel nach Mariendorf mit Umsteigefahrschein zunächst mit Linie 23 nach der Eharioltenstraß: nördlich der„Linden" fuhr und dann von der Chottottenstraße südlich der„Linden" mit Linie 70 weiterfahren wallte. Weit beide Linien einander hier nicht berühren, erklärte der Schaffner, der Fahrgast hätte hier nicht umsteigen dürfen, sondern von Teoel nach dem Zllexandernlatz fahren und dann dort nach Mariendorf umsteigen müssen. Der Fahrgast war genötigt, für kich und seine Angehörigen Einzelfahrscheine nachzulösen, andernfalls hätte der Sch�ffn-r di> W-iterfahrt nicht gestattet. Mir empfehlen d-r Stroßenbahndirektien dieses Kuriasnm zur Beachtung und raten, die Vorschriften entsprechend abzuändern. Die Vermehruniz der �ahrkartenanSstttven. Ueber den Umfang und die Durchführung des in Aussicht ge- nommenen Ausbaues der Fahrkartenausgaben auf Stadt- und Ring» babnhöfcn wird uns van gut unterrichteter Seite folgendes mitge- teilt: Der Ausbau der Fahrkartenausgaben der Berliner Stadt- und Ringbahnstationen richtet sich einmal nach dem Bedarf, in zweiter Linie aber auch nach den für diesen Zweck von Fall zu Fall be- willigten Mitteln. Geplant ist der Ausbau der Stadtbahnstations- fohrkartenausgaben mit Ausnahme der Bahnhöfe Ebarlattenburg, Börse und Friedrichstrahe(für letzteren wird der Ausbau mit dem Umbau des Bahnhofs rerbundenl. Bisher bewilligt sind die Mittel für die Bahnhofe Vellevue, Zoo, Savignnplatz, Alexanderplatz, Jannowitzbrücke und Warschauer Straße. Mit dem Umbau wird alsbald begonnen werden, doch werden sich die Bauarbeiten voraus« sichtlich bis zum Herbst hinziehen.— Sehr gut und sehr lobenswert, aber was nützen die Schalter, wenn gerade in der Stunde de» großen Verkehrs nicht genügend geöffnet sind. Einsam.und verlassen gestarben. Die 70 Jahre alte Renten» empfängerin Anna Snbel aus der Lützowstr. 10 war seit mehreren Tagen nicht gesehen worden. Als jetzt aus ihrer Smbe ein starker Geruch bemerkbar wurde, sah man sich nach ihr um und fand sie tat baljegen. Die vorgeschrittene Verwesung ließ erkennen, daß die Frau schon vor mehreren Togen verstorben war. Einen schrecklichen Ted erlitt das fünf Jahre alte Töchtsrchen Charlotte des Ehepaares Böhm aus der Kreuzigerstr. 7. Frau Böhm hatte Kaffee gekocht und die Kanne mit dem heißen Kaffee auf die Kochmaschine gestellt. Während sie nun am Fenster saß und nähte, stießen die Kinder, die fünfjährige Charlotte und deren jüngeres Brüderchen Heinz, die Kanne um und der heiße Trank ergoß sich über fh. Beide erlitten schwere Brandwunden, an dessen Folgen das Mädchen bald daraus verstarb. Der Dorwärts-Almonach für das Zahr 1922 ist der Famikleu» talender des arbeitenden Volkes. Er gclanat Mitte August dieses Jahres in verbesserter Ausgestaltung und größerem Format bei der Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW. 68, zur Ausgabe. In Tief- druck auf gutem Papier ausgeführt, reich illustriert, mit künstlerisch ansprechendem Kartonurnfchlag, präsentiert er sich wieder ol» Jahr- buch mit reichem Inhalt, dos auf jeder Seite das Interesse des klassenbewußten Proletariats wahrnimmt. Cr sucht über die wich- tigsten Fragen der Gegenwart zu orientieren und am kulturellen Ausbau der Zeit mitzuarbeiten. Durch eine geschickte Zusammen- ftellunq wird er dieser schwierigen Aufgabe gerecht. Dom neuen Deutschland plaudert er. von der Presse und demokratischer Kultur. Für die Ausschmückung des Arbeitcrheims gibt er wertvolle Anleltung und läßt in Wort und Bild das Werden einer modernen Großstadt vor uns erstehen. Es fehlt ihm weder an praktischen Anreaunqen für zeitgemäße Kindererziehung, noch an Ratschlägen für geschmackvolle Kleidung. Besonders aber wird den Parteigenossen ein�Aus- satz interessieren, der die Verhöhnung des Sozialismus in der bürger- lichen Karikatur behandelt. Für die reine Unterhaltung der Er- wachsen«» sowohl ols der Kinder sorgen gute fesselnde Erzäh- lungen, Märchen, Gedichte usw. Auch der Humor kommt durch reich- lich aufgenommene Anekdoten und Witze zn seinem Recht. So wird der„Vorwärts-Almanach" von dem arbeitenden Volke� miede-' als ein lieber Freund und nützlicher Zeitweiser durch da« künftige Jahr bearüßt werden,»m so mehr, ols fein alter niedriger Preis nicht erhöht wurde. Bestellungen nehmen alle Parteibuchhandlungen entgegen. Miß Ray Beveridge. die bekannte deutschfreundlich« Ameri- kanerin, bielt am Montag abend in der Philharmonie zugunsten des oberfchlestschen Hilfswerks einen Vortrag über Oberschlesien und die polnischen Greueltaten. Mit Beifall empfangen, sprach st« in einem historischen Rückblicke von dem Wirken deutscher Kultur m Ober- schlcsien, das sie als deutsches Land hinstellte, aina dann zu ihrem dortigen Aufenthalt im Oktober 1920 über und schilderte die ent- aeeenaeietzten Eindrücke, di« sie von der deutschen und von der polnt- scheu Wirtschaft erhalten hatte. Der Politik ihres Heimatlandes ging sie scharf z» Leibe, noch weit schärfer dem Auftreten der Franzosen. verlangte. Oberschlesten solle ein Ganzes bleiben, betonte das Setblt- bestimmunqsrecht der Völker und appellierte an da» Einigbeitsaefühl der Deutschen. Eine unliebsame Unterbrechung erfuhr ihr« Rede an- läßlich einer abfälligen Aeußerung über Maximilian Horden. Ein Anwesender verwahrte sich mit großer Entschiedenheit dagegen, wurde ober schnell hinausbefördert und der entstandene Tumult bald beschwichtigt. Frau Beveridges Aussübningen fanden lebhaften Beiall. Eine vom Vorsitzenden Dr. Ehrlich nach einer länqeren An- vrache verlesene Resolution wurde einstimmig angenommen.— Es wäre sehr erwünscht, wenn sich Fra» Bcveridae jeder als anti- semitisch zu deutenden Aeußerung enthalten würde. Die ehemaligen Znsassen de» Lazarett« Schloß EbarloNenburg sprechen ollen Arbeitern und Arbeiterinnen, welche sie mit Geld und Lebensmitteln unterstützt haben, ihren wärmsten Dank aus. TaS nächste Stöbt. Balkökenzert be» Blütbner-OrcheiterS findet om streiwg, den 22. d. Ml?., abend> 8 Uhr. Im Btüt'-ner. kaal unter Leitung von Tdeodor M>lN"e>Sdmf statt. Karten sind zu baden bei lborsch, Engelufer 15: VoiivZrtS. Linbenftrahe?: Freiheit, Brctlestrahe: Orchester- bureau Lsitzowstrahe 76 und an der Abendkasse. Das Wetter für morgen. Größtentesl» bester, nacht« ziemlich Iii hl. am Tage wieder«arm, bei mäßigen östlichen Winden, Gewitter nicht ausgeschlossen, sooft trocken. GroA-öerlkner parteinackrtchten. Morgen. Mittwoch, den 20. Zuli: 20. Abt. ssraueri und Kinder � treffen sich frsib um 9 Ubr bei Burg, Preuzllmer Allee toll zum Ausflug noch Sadowa. Restaurant Waldichäate. cl-ruuve Pauk««. TV, Uhr. im Iuaendbeim. Breite»?. 32 tEwqaug hinter dem ffiuouzamt).«ründungsversammlung. Borirog über dir junasozioNNisch« B«- wegung. Referent: Rodert geller. Zuuasoztaliftr» Truppe Brist. 7 Uhr, im Zugendheim, Thaosieeflr.<8 tRothan»- fliuinaslaa!),ä Proz. auf den Endlohn zugesprochen wurden. Dieses Lohnabkommen hat Gültigkeit vom 1. August und läuft ohne Kün- digung bis zum 30. September. Die Zustimmung oder Ablehnung ist bis zum 25. Juli dem Tarifamt mitzuteilen. Nach diesem Bericht entspann sich eine lebhafte Diskussion, in welcher alle Redner das minimale Angebot mit Entrüstung zurück- wiesen. Es wurde folgende Resolution e i n st i m m i g ange- nommen: „Die am Donnerstag, den 14. Juli 1921, im Dresdener Garten tagende Branchenoersammlung der Album-, Mappen- und Galan- teriebranche nimmt Kenntnis von den Verhandlungen iu Offenbach am Main und weist mit Entrüstung die angebotenen 2l4 Proz. zurück. Sie erblickt in dem Ergebnis eine Provokation des Unternehmertums und stellt dieser die Forderung nach dem Existenzminimum entgegen. Bei den immer mehr steigenden Preisen aller notwendigsten Lebensbedürfnisse, von Bekleidungs- artikeln erst gar nicht zu sp-echen, erkennen die Versammelten, daß bei Pfennigverhandlvngen dem Elend der Arbeitenden nicht geholfen werden komn. Die Versammlung beauftragt die Branchenleitung, örtliche Verhandlungen anzubahnen und das � Existenzminimum den Kollegen und Kolleginnen sicherzustellen. Die, Versammlung gelobt, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln sich hinter die berechtigten Forderungen zu stellen." Die Tariffrage der Kraftdrofchkenführer. Eine Branchenoersammlung der Kraftdroschkenführer nahm am Montag den Bericht über die Torifverhandlungen entgegen. Nach dem bisherigen, vom Transportarbeiterverband abgeschlossene» Tarif erhielten die Bertiner Krastdroschkensührer einen Grundlohn von 1,S0 Mark pro Schicht und 15 Proz. der Gesamt-' einnähme. Für den Abschluß eines neuen Tarifs wurden ein Grundlohn von 3 M., 20 Proz. der Gesamteinnahme und Tragung der Wagenwaschkosten durch die Unternehmer gefordert. Diese er- klärten jedoch, unter Beibehaltung des alten Grundlohnes und Ab- lehnung der Uebernahme der Waschkosten, nur 17 Proz. der Ge- samteinnahme zahlen zn können. So schlugen die Verhandlungen fehl. Mit dem Verholten der Tariflommission hat sich bereits am Freitag ein« Branchenoersammlung einverstanden erklärt. Sie be- schloß zugleich, der neuen Branchcnversammlung� am Montag vor- zuschlagen, sich dem Beschluß anzuschließen, daß die Forderungen so- fort beim Schlichtungsausschuß angemeldet werden. Der Antrag auf Einberufung einer Sonderkammcr ist bereits beim Schlichtungsausschuß eingereicht worden, mit dem chinzusügcn, daß die Eigenart der Verhältnisse im Beruf es notwendig erscheinen lasse, so schnell als möglich wieder zu einem Tarifverhältnis zu kommen.— Nach ausgiebiger Diskussion erklärte sich die Versammlung im Sinne der Versammlung vom Freitag e i n st i m m i g mit der Anrufung des Schlichtungsausschusses einverstanden. „Entlohnung" von Kriegsbeschädigten. Uns wird geschrieben: Im„Vorwärts" vom 13. Juli wird die brutale Behandlung der Kriegsopfer in Mitteldeutschland kritisiert. Doch auch in der Refchshauptstadt gibt es Firmen, die wert darauf legen, ihre angebliche wirtschaftliche„Notlage" durch die Zahlung besonders niedriger Gehälter an Kriegsbeschädigte zu ver- bessern. Beispielsweise erhält der 40 Proz. erwcrbsbeschränkte Kriegsbeschädigte K. H. bei der Vereiniguna Wissenschaft- licher Verleger, Berlin W. 10, Genthiner Str. 38, pro Monat ein Gehalt von 520 M. Davon gehen noch Kassencbzüze ab, von den Fahrkosten für den beinbeschädigten H. nicht zu reden. Das ist gewiß auch„des Vaterlandes Dank"? Der Betriebsrat ist anscheinend macht- oder interesselos und duldet das schweigend. Einen riesigen Aufschwung nahm die italienische Gewerk- schaftsbewequng in den letzten Jahren. Vor dem Kriege zählte der Gewerkschaftsoerband 320 000 Mitglieder, im letzten Jahre waren es bereits 1 150 000 und heute zählen die italienischen Gewerkschaften rund 2 200 000 Mitglieder. Soziaies. Levölkeruvgsbemegung im Deutschen Reiche. In den beiden Jahren ISIS und 1S20 haben, wie wir au§ den in diesen Tagen veröffentlichten Angaben des Reichsstatistischen Amtes entnehmen, die Zahlen der Eheschließungen im Deutschen Reiche eine chöhe erreicht, die die in der Vorkriegszeit beobachteten Zahlen um ein ganz Beträchtliches übersteigen. Das Emporschnellen der cheirats- Ziffern erklärt sich in erster Linie daraus, daß viele Heiraten, die während des Krieges nicht geschlossen werden konnten, in den Mo- naten nach Beendigung des Krieges nachgeholt wurden. Während vor dem Kriege alljährlich in Deutschland(ausschließlich Elsaß-Loth- ringen) durchschnitllich eine halbe Million Ehen geschlosien wurden, betrug die Zahl der Eheschließungen 1914 nur noch 450 648, sie fiel dann in den beiden folgenden Jahren auf 273 853 und 274 396 und steigerte sich dann wieder auf 308 446 im Jahre 1917 und auf 352 543 im Jahre 1918. In dem Jahrfünft 1914 bis 1918 wurden also fast eine halbe Million Ehen weniger geschlossen, als es sonst normaler- weise der Fall gewesen wäre. Allein dieser in den Kricgsjahren zu verzeichnende Ausfall an Heiraten ist jetzt in den beiden Jahren 1919 und 1920 größtenteils nachgeholt worden, denn 1919 betrug die Zahl der Heiraten 842 787 und 1920 sogar 851 508. Während 1913 auf 1000 Einwohner 7,7 Heiraten entfielen, waren es 1920 dagegen 14,8. Normalerweise waren in den fünf Kriegsjohren 40 Ehen auf 1000 Einwohner zu erwarten. Stat!>sicn sind aber nur 25,1 Ehen ge- fchlosien werden. Dieser Aussall ist durch die gesteigerten Ehe- schließungen in den letzten beiden Jahren zu 82 Proz. wieder ein- geholt worden. Der Unterschied im Heiratsalter von Mann und Frau hat sich als Folg« des Krieges wesentlich geändert. In Bayern war beispielsweise vor dem Kriege der Mann durchschnittlich 2,6 Jahre älter als die Frau, jetzt ist der Altersunterschied auf über 3 Jahre gestiegen. Aehnliche Zahlen liegen aus anderen Landesteilcn vor. Hinsichtlich des Familienstandes ist zu erwähnen, daß sich eine starke Zunahme der heiratenden Witwen zeigt. So gehörten in Bayern vor dem Kriege 6,9 Prozent aller heiratenden Frauen dem Witwenstand« an, 1919 waren es aber 13,8 Prozent. Der Krieg hat bekanntlich eine starke Bevölkerungs- abnähme herbeigeführt, einerseits dadurch, daß ein scharfer Ab. stieg der Geburtenzahlen und andererseits eine rapide Zunahme der Sterblichkeit auf der ganzen Linie eintrat. Bon jeher hat nach jedem Kriege der apokalypiijche Reiter einhergsjagt und zahlreiche Opfer mitgenommen. Nützt nur während des Krieges, sondern auch in den i ersten Monaten nach dem Kriege zeigen die Sterblichkcitszahlcn in , Deutschland sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern -ine unerbittlich steigende Tendenz. Die erhöhte Sterblichkeit geht einerseits auf die Verletzungen im Kampfe zurück und zum anderen auf die ungenügende Ernährung, der allein 700 000 Menschen, be- sonders in den beiden letzten Kriegsjahren zum Opfer fielen. Einige Zahlen aus den amtlichen Deröffentlichungen zeigen die starke Ein- büße an Geburten während der Kriegszeit. Es wurden 1914 noch 1 830 892 Kinder geboren, 1915 nur noch 1 395 909, und ständig fielen die Zahlen. 1916 waren es nur noch 1040 209, dann 1917: 939 933, uno 1918 waren sie um ein geringes höher, sie beliefen sich auf 956 251. Statt der zu erwartenden 3,95 Millionen Geburten m den Jahren 1914 bis 1918 sehen wir stattdessen nur 4,55 Millionen, also ein Geburtenverlust von 4,4 Millionen als Folge des Krieges. Auch im Jahre 1919 find noch etwa 400 000 Kinder weniger geboren. als nach den durchschnittlichen Jahreszahlen der Borkriegszeit zu solgcrn wäre. Erst das Jahr 1920 hat die übliche Zahl der Geburten gebracht, nämlich 1512162 oder 27,1 Geburten auf je 1000 Ein-' wohn er gegenüber 1707.834 oder 28,5 Ml Jahre 1913, wobei zu be- rücksichtigen ist, daß für 1920 aus beiden Mecklenburgs keine und aus Württeinberg nur Teilergebnisse vorliegen. Die Zahl der Sterbefälle beläuft sich 1920 auf 888 795, das heißt auf je 1000 Einwohner kamen 16,3 Sterbefälle(1919: 16,1). Das letzte Jahr vor dem Kriege, 1913, wies eine Sterbeziffer von 924 919 oder 15,8 auf je 1090. Einwohner auf. Besonders im ersten Vierteljahr 1920 ist die Sterblichkeitsziffer sehr groß gewesen. Haupt- sächlich Krankheiten der Atmungsorgane und die Grippe haben in diesem Bicrteljahr viele Opfer gefordert. In Berlin waren bei mehr als einem Drittel aller Sterbefälle, nämlich bei 37,7 Proz.» Krankheiten der Atmungsorgane die Todesursache, während im ersten Viertel des Jahre 1913 nur etwa ein Siebentel aller Fälle m Berlin auf diese Todesursache entfielen. In den letzten drei Biertcljahren 1920 ist die Sterbsichkeitszifier gefallen, sie betrug 14,9, 14,5 und 15,4 auf 1000 Einwohner, gegen- über durchschnittlich 19,9. 22,0, 19,7, LOP und 25,1 in dem Jahrfünft 1914—1918.. � � � Das Jahr 1919 hat endkick wieder einen geringen und das Jahr )920 einen größeren Geburtenüberschuß ergeben. K. 3- Ms aller Welt. .Hinrichtung eines marokkanischen Raubmörders. Freitag vormittag um 5)4 Uhr wurde auf dem Großen Sand bei Gonzenheim(Mainz) der Raubmörder Mohamed den Ahmed von der 1. Maschinengewehrkompagnie des 63. morokka- ' nifcficn Schübenregiments erschossen, der am 27. Mar vom Kriegs- gericht beim Hauptquartier der Rheinarmee wegen Raubmordes an dem Kaufmann Burgmann in Höchst a. M. zum Tode verurteilt war. Die Bollstreckung dauerte nur einige Sekunden. Der ! Verurteilte zeigte volle Kaltblütigkeit und rauchte, bis ihn die Kugeln ' niederstreckten.' Dem Strafvollzug wohnten Abordnungen sämtlicher in und um Mainz garnisonierender Regimenter, das gesamte 63. ma- rokkanische Echützenregiment. Vertreter der Presie, der Oberstaats- anwalt von Wiesbaden, Pertreter der Stadt Höchst a. M. und ein Schwager des Ermordeten bei. Roch erfolgter Hinrichtung erfolgte ein Vorbeimarsch sämtlicher versammeller Truppen vor der Leiche . des Mörders._ i Tafchkeal in Turtestan ist nach Meldungen aus Moskau durch einen Zyklon zerstört worden. Der Schaden ist sehr groß. Polnisches Porto. Fortan kostet ein Brief nach Deutschland 20 polnische Mark, jede weiteren 20 Gramm 10 polnische Mark mehr. I eine Postkarte 12 polnische Marli Diese Sätze gellen vermutlich j für jedes Ausland. l s-ranno. für den redaN. reil: Dr. iSkniei Vetter. Ttarlottrnbur«: fflr«nz-igeit! | TV G!-ckc. Berlin. Berlage vorn>irl«.Verl-g S. m. d. H.. Berlin. Druck: Bor- l>»Sr>».Biickdruckerei u. VerlZaSanNalt Baul Einser 1. lo. Berlin Linvenlir 9 AUgeni. 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Süden»»: Ludwig Saiskestr. 38. Slcgtiij: Schildhornstr. 2a. Tegel, Berflawalbe, Relnlckendotf-West,»aidmauaafuR, freie Scholle, Hermsdorf, Birkrnwerder, Bergfelde, tolpe und Borgsdorf: Borsigwalde, Rüufchstr. 10. Geöffnet»on 9—6 Uhr. Teltoar: st r ii 8 e t, Schönow, Dorfstr. 9. Tempelhof: Kaifer»WiiheIm»Str. 13. Tearpelhof! Kandier. Hohenzollernkorfo 6. Trebbin: Göring. Bahnhofstr. 62. Treptow:« r a m e n z Kiefbolzftr. 412, vorn I Tr. Weiftrnfee: Berliner Allee 54. Witban-Hohenlehme: 9) u b. L e t i o w. Wilh-Imshagen. Keffenwinkel: Schulze. Wilhelmshagelt, Wilhelm stt.' 3l. Wilmersdorf: Holsteinische Sir. 10, stalferplatz 15. Wittenau: Wiih. stimmetmann. Zsoienthaler Str. 46, Boltersborf: Schutbaum, Eichendamm 22. Reblendorf Zchlachteatee Nifoiasier: W'egnee. stehlen- dotf, Tcliower Eil. 3. stentben Miersdors: Ernst Winter selb. Reuthen. sturivrflenstr. 46. Zosien: Albert Ekeln. Mittenwald er Str. 17. Sämtlich« Literatur Sonntags sind die Gefchäf«, stellen gefchloften. sowie werden alle wisienfchaftflchen Werk« gelieferi.