Hr. 41 6 ❖ 3S. Iahrgsna Ausgabe V Nr. 20ö BezugSpreiSt BierteljShrUM,— M> monall. III,— M. frei ins Z>nus. voraus zahlbar. Pott- bezug: Monatlich 10.— M. einschl. Zu- strllungsgebühr. Unler Kreuzband siir Deutschland. Dan�ig. das Saar» und Menielgebiet. sowie die ehemals deur- scheu Eedietr Polens. Oesterreich, Ungarn und Luxemburg 20,- M, fite das übrige Ausland 27,— M. Posl- bestellungen nehmen an Oesterreich. Ungarn. Tschecho- Slowalet, Däne- mark, Holland. Luremburg. Schwede» und die Schweiz. Der.Vorwärts� mit der Sonntags» beilage„Voll und Heid", der Unier» haltungsbeilag»„Heimwelt� und der Beilage„Siedlung und Kleingarten� erscheint wochentäglich zweimal. Sona- tags und Montags einmal, Telegramm- Adresse! »Sozialdemokrat Seen»* Abend Ausgabe Derlinev Volksblstt (20 Pfennig � LU»z«genpretS: SU achtgespaltene NonoareiUrzetl« tostet dS» M.«Klein» Anzeigen- da» srttgedruckt« Wort tcho M. tili» lässig zwei settgedrurtte Worteh sede« weitere Wort 1.— M. Stellengesuch, und Schlafstellenanzeigen da» erst, Wort is— all. sedes wettere Wort >0 Pfg. Wort« über 15 Buchstaben »ählen für zwei Worte. ffamtlien-An» zeigen für Abonnenten gell« M. Vi» Preise versieben sich einschließlich Teuerungszuschlag. «lnz eigen ftlr die nächste Nummer müssen dt»»»he nachmittag» im dauvlgeschäft. Berlin SW W. Linden» lte-ße Z. abgegeben werden. Seilffnei von» Uhr früh bi, 5 Uhr abends. Zentralorgan der foztaldemokratircben Partei Deutfcblands Redaktion und Expedition: SV) 08, Lindenstr.Z ek'-e�erttir�ktie»- Redaktion Moritzplatz 15195—97 " ernfprttnler. eEj,el)iti,1„ Moritzvlatz 117 SZ— 5» Sonnabend, den 3. September I.9Ä1 Vonvärts-Verlag G.m.b.H., SW 08, Einüenstr. Z Qe*rttitirpA%*r- Verlag. Expedition und Inseraten» W kyrcoier' Abteilung Moritzplatz 11759—54 Verhandlungen mit Sapern. Sapern will nachgeben! Münch eu. Z. September.(TA.) Der.Vanerische Kurier". das Organ der Bayerischen Volkspartei, verösscntlicht eine Meldung aus Berlin, worin es heißt:.Die bayerische Regierung sielll sich nicht auf einen absolut ablehnenden Standpunkt in der Frage der Aushebung des Ausnahmezustandes, und ein Konflikt zwischen dem Reiche und Bayern dürste ver- liieden werden. Die Erwartung scheint berechtigt, daß die ver- Handlungen zu einem Einvernehmen führen werden, in dem Sinne, daß die bayerische Regierung von sich aus den Aus- nahmeznstand beseitigt. Die Münchener§ronde. München, S. September.(Eig. Drahtbericht des.Vorwärts".) Die passive Resistenz der bayerischen Regierung gegen die Reichs- Verordnung zeigte sich gestern wieder am allerdeutiichsten durch die Duldung des Verkaufs des verbotenen„Miesbacher An- zeigers". Eine Verkaufsstelle in unmittelbarer Nähe der Polizei- d Erektion hatte folgendes Plakat im Schaufenster:„Verboten rsn der Preußischen Berliner Judenregierung." Darunter hängen die verbotenen Zeitungen. Wir wisten, daß das Ministerium des hleißern bereits mittags auf Beseitigung des Plakats ge» drängt hat. Trotzdem hing es noch den ganzen Tag da und erst um 5 Uhr abends wurde es entfernt. Die.Münchener Post" bringt soeben umfastende Beweise, daß am Abend der Teue» rungsdemonstration der Münchener Arbeiterschaft, die bekanntlich ein Menschenleben kostete, die unbehelligt weiter«xistie» rende Einwohnerwehr ihre Mannschaften mobil gemacht und mit Gummiknüppeln ausgerüstet der Polizei zur Verfügung gestellt hatte. Sie griff unter Dortäuschung von Kri> m-nalpolizisten in Zivil auf den chaup�ützen tätig ein. Wie faul trotz alledem das System Poehner schon geworden ist/ beweist, daß tn derselben Nummer eine Anzahl von grünen Polizeiwachtmeistern sich gegen Poehner öffentlich auflehnen und folgendes zur Kenntnis geben: „Wir erkennen das Recht der Arbeiters orderungm aus den letzten imposanten Kundgebungen cm und verwerfen jegliche Pro- r?kation von der hiesigen obersten Polizeibehörde. Wir sind nicht einverstanden mit der herausfordernden Haltung des hiesigen Ge- walthabers Poehner. der auch in unseren Reihen nicht geachtet, noch weniger beliebt ist. Wir sind nicht einverstanden mit dem verwerf- lichen Tun und Treiben unserer kriegslustigen Offiziere. Wir taten alles nur aus Zwang. Und mit Genugtuung würden wir e» begrüßen, wenn baldigst Kahr und Poehner samt Anhängern sich zurückziehen würden. Wir Polizisten und ihr Arbeiter Münchens wüsten uns näherkommen zum Schutz der Republik und der Ver» fosfung." Die gestrige Sedanfeier des deutschnationalen Parteitages hat den Höhepunkt der politischen Hysterie erreicht. Roch dem Prolog, den ein Major mit einer Stimme vortrug, die unter der Einwirkung des Münchener Bieres arg gelitten hatte, sprangen die deuffchnatio- nolen Mannen aus und schrien den Treuschwur aus„Wilhelm Tell": „Wir wollen fein ein einig Volk von Brüdern" zur K a i s e r b ü st e empor. Ein Glückwunschtelegramm des Minister- Präsidenten v. Kahr wurde unter lautem Beifall verlesen und Helfferich, der die bayerische Regierung als die einzige Volksregie- rung feiert, weil sie die Abhaltung einer Sedanfeier gestattete, stür- misch gefeiert. Zum Schluß forderte Oberst Tylander zur Ein» heitsfront gegen den Feind in Berlin und zur Einig- keit auf, daß auch das alte Preußen wieder von der Fremdherrschaft befreit werde. Der Reickstagsausschuß. Der Reichstagsausschuß zur Ueberwachung der Regierungs- maßnahmen(8. Ausschuß) setzte heute vormittag die Beratung fort. Anwesend sind von der Reichsregierung Dr. Wirth, Dr. Gradnauer und Schiffer. Außer dem USP.-Antrag auf Aufhebung dos Aus- nnhmezustandcs in Bayern liegt folgender Antrag vom Zentrum, den Demokraten und der Deutschen Volkspartei vor:„Der Ausschuh ersucht die Reichsregierung, gemäß den Erklärungen des Reichs- kanzlers, die Verhandlungen mit der bayerischen Regierung zu de» schleunigen und baldigst Auskunft über das Ergebnis zu erteilen." Außerdem liegen noch kommunistische Anträge vor, darunter der Entwurf eines Amnestiegesetzes, fiir die der Ausschuß jedoch offen- bar nicht zuständig ist. In der Aussprache betont Dr. B e y e r l e(Bayer. Vp.) die Schwierigkeit, über Münchener Verhältnisse in Verlin zu entscheiden. Der bayerische Standpunkt sei in der gestrigen Debatte nicht zu seinem Recht gekommen. Nach den Presseberichten sehe es so aus, als ob der Vertreter der bayerischen Regierung isoliert dagestanden habe. Das sei nicht der Fall gewesen. Er bezweiselk die Zuständigkett des Ausschuste». jedoch Hab« er nicht di,e Absicht, die weitere Aussprache z»l verhindern. Als Vertreter der größten Partei Bayerns begrüße er die Be- mühunzen zur Beruhigung und Enstpannung, wie sie gestern im, Erscheinung getreten seien. Die Erregung in Bayern sei darauf zurückzuführen, h�ß die Verordnung dxp.�etchsregierung als Voi> stoß gegen die Hoheitsrechte Bayerns empfunden wurden. Jedoch k fei die Reichsregienmg im wesentlichen entschuldigt. Mit Be- friedigung könne er fessttellen, daß die Einberufung des Ausfchustes nicht als Vorstoß gegen Bayern aufzufasten sei. Er bedauere aber, daß die Verhandlungen aus kosten der Regierung kahr gelaufen seien. Das Kabinett von Kahr sei nicht so wie gestern dar- gestellt. Es habe in Bayern die breiten Mosten des bayerischen Volkes hinter sich. Bei der Erörterung darf es sich nicht nur um Bekämpfung der Regierung Kahr handeln, sondern auch um ein Verstehen. Der Ausnahmezustand in Bayern sei nicht ver- fastungswidrig. Die Gefahren, die zu seiner Anwendung führten, beständen unvermindert fort. Zu der Spannung wegen der zu» nehmenden Teuerung kommt als weiteres beunruhigendes Moment die Ueber fremdung de» Landes mit mehr als anderkhalb Millionen Richtbayern. Auf die Ueberwachung der Versammlungen könne nicht verzichtet werden, da dies zur Aufrechterhaltung der Ordnung vorzüglich fei. Bei Vorbereitung der Münchener Teuerungsdemonstration sei die Absicht des gewaltsamen Sturzes der Regierung Kahr unoerhüllt zum Ausdruck gebracht worden. An der Loyalität des Kabinetts Kahr gegenüber der Reichsversassung sei nicht zu zweifeln. Er bedauere, daß Dr. Wirth davon gesprochen habe, daß in Bayern mit zweierlei Maß gemesten werde. Im übrigen ist die Regierung Kahr keine absichtlich gewollte Rechtsregierung, überhaupt keiue Rechtsregierung. sondern eine Koalitionsregierung. Die Führer der SPD. haben das damalige Negierungsprogramm Kahrs wörtlich gebilligt. Es waren ihnen auch zwei Sitze im Kabinett arttzebotcn und Vertreter der SPD. sollen auch bereit gewesen sein, mitzumachen. Dies unterblieb aus unbekannten parteipolitischen Gründen. So sei das Kabinett Kahr als Resultat der Abstinenzpolitik der SPD. aufzu- fasten. Es liegt nicht im Sinn« der Bayer. Vp., einen Schritt mitten durch das Volk zu führen. Er bekämpfe die maßlose Opposition der Rechten ganz entschieden und lehne die wilde Agitation ab. In dieser Beziehung sind wir— so sagte Bayerle zu unseren Genosten— Kampfgenosten. Für das Kabinett Kahr lege er aber seine Hand ins Feuer. Es habe kein anderes Ziel als Ordnung und Gerechttg- keit. Wenn man den.Miesbacher Anzeiger" so sehr zitiert, dann müste man auch die„M ünche.ner P o st" zitieren, die Kahr ebenso beschimpft wie der„Miesbacher Anzeiger" die Reichsregierung. Der Redner sei von dem Inholt des„Miesbacher Anzeigers" empört, doch lese er das Blatt sonst nicht. Die Nervosität sei weniger aus die Verordnung der Reichsregierung zurückzuführen als eine Nach- Wirkung der Ueberunilarisierung der Weimarer Verfastung. Er fei erfreut gewesen, daß Dr. Wirth erklärt habe, keine neuen Unitarisierungsversuche vorzunehmen und die Länderregierungen nicht auszuschalten. Schließlich erklärte der Redner die Bereitwillig- keit der bayerischen Koalitionsparteien zu Verhandlungen und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß diese zu er,em guten Erfolg führen mögen.< Reichskanzler Dr. Wirth erklärt, erfreut zu fein, daß die bayerischen Koalitionsparteien den Weg der Verhandlungen gehen wollen. Jedoch könne er einige Bemerkungen des Abg. Bayerle nicht unwidersprochen lassen. So habe Dr. Bayerle gesagt, daß die Plakatzensur in Bayern nach wie vor notwendig sei. Ihm sei gerade die Abschrift eines mannshohen Plakats übergeben worden, das die. N a t i o n a l s o z i a l i st e n in München haben anschlagen lassen. Der Inhalt dieses Plakats ist h a a r st r ä u b e n d. Nicht nur, daß es den Toten(Erzberger) in der gemeinsten Weise ver- unglimpft, enthält es politische und geschichtliche Fälschungen und Unwahrheiten. Das duldet Herr poehner, fuhr Dr. Wirth fort, und nun sagt Herr Bayerle, die Plakatzensur sei notwendig. Ja, ich sehe auch ein, daß eine Zensur notwendig ist, aber«ine andere als diejenige, die Herr Poehner ausübt! Im ubri- gen ist der Schritt der bayerischen Regierung gestern er f o l g t. Gestern mittag hat zwischen dem Gesandten v. Preger, Staatssekretär Schweyer, dem demokrattschen Abg. Dirr und mir eine Besprechung stattgefunden. Wir haben die gesamte Sachlage einer Erörterung unterzogen und müssen sagen, daß die Verhandlungen einen auherordenlsich ersreusichen Verlauf genommen haben. Es stellte sich eine Reihe von Mißver- ständnissen heraus, die sich aus der Unkenntnis der Ausfüh- rungsbestimmungen zu den Verordnungen der Reichsregierung er- klären. Wir werden diese Ausführungsbestimmungen durchsprechen und die bayerische Regierung soll Gelegenheit erhalten, dazu Stellung zu nehmen. Es mühte eigenartig zugehen, wenn wir nicht zu einer Verständigung kommen sollten. Ich habe der bayerischen Regierung folgendes Angebot gemacht. Die bayerische Regierung möchte zuerst Stellung zu der Frage nehmen und am Anfang nächster Woche werden die Beratun- gen in Berlin fortgesetzt werden. Diesem Vorschlag haben die baye- rischen Herren zugestimmt. Sie werden spätestens am Mittwoch der nächsten Woche wieder in Berlin sein, um dann die Verhandlungen, wie ich hoffe, zu einem guten Ende führen zu können. In Anbetracht dieser Sachlage wäre ich dem Ausschuß donkbar, wenn er heute von einer Beschlußfassung absehen würde. Die Frage der Kompetenz des Ausschusses wird im Schöße der Regierung ebenfalls einer Klä- rung zugeführt werden. Dr. Spähri(Ztr.) äußert fchz Erstaunen über die Auffassung der bayerischen daß sie sich darüber getränkt fühle, nicht vorher gehört worden zu feilt. Die Reichsregierung mußte rasch handeln und damit ist ffe auch gedeckt. Reichsregierung und Reichstag haben Bayern gegenüber verschiedentlich nachgegeben. Jetzt sind jedenfalls keine Schwierigkeiten gegen die Aufhebung des' Belagerungszu- standes vorhanden. Auch er hofft auf eine Verständigung. Zum :. Spahn an Schiffer die Frage, wie es mit der Begnadigung der'Kommunisten Schluß richtet Dr. stehe. Justizminister Dr. S ch i f f e r erklärte, daß die Begnadigungsaktion im Gange sei. Es fei unrichtig, wenn von einer Seite behauptet wird, die Aktion sei unzulänglich oder von der anderen Seite, sie sei viel zu weitgehend. Will man die Aktion richtig beurteilen, so dürfe man nicht ein Sondergericht herausgreifen, sondern muß den ganzen Komplex bettachten. Der Reichstag wird eine genaue Ueber- ficht über diese Begnadigungen erhalten. Die Prüfung der einzelnen Fälle sind Kommissionen, die aus je einem Richter, einem Staatsanwalt und einem Rechtsanwalt bestehen, übertragen worden. Diese Kommissionen machen Vorschläge und die Entscheidungen des Reichspräsidenten sind in der überwiegenden Mehrheit der Fälle den Vor- schlagen der Kommissionen gefolgt. Sehr genau wird die Frage geprüft, ob die Beteiligten sich als Führer betätigt haben oder nur als Mitläufer anzusehen sind. Ebenso kommen die persön- lichen Verhältnisse usw. in Bettacht. In einem Punkt allerdings habe er eine andere Ansicht als manche Kommissionen gehabt. Das Strafgesetzbuch schreibe vor. daß auf Zuchthaus erkannt werden müste, wenn eine ehrlose Gesinnung vorliege und sehr viele Gerichte seien der Auffassung gewesen, daß der Versuch zum Um- stürz der bestehenden Staatsform eine ehrlose Gesinnung vorau»- setze. Er habe darüber eine andere Ansicht und habe infolge- dessen dies« Fälle besonders prüfen lassen. Seine Ansicht sei be- stärkt worden durch Aeußerungen von Zuchthausvorständen, die ihm zugegangen seien. Diese gingen dahin, daß es sehr bedenk- lich sei, junge, sonst unbestrafte Leute wegen der Teilnahme an solch einem Aufruhr sofort in das Zuchthaus zu bringen, sie durch das Zusammensein mit notorischen Verbrechern zu verderben und für die menschliche Gesellschaft unbrauchbar zu machen. Er habe deshalb auch in einer ganzen Reihe von Fällen bei Aufrecht- erhalwng der Strenge der Bestrafung von dem Recht der Begnadi- gung, d. h. der Herausnahme aus dem Zuchthaus, Gebrauch gemacht. Von einer Begnadigung des H ö l z könne keine Rede sein, Bayer. Gesandter o. Preger wendet sich gegen das„Verl. Tagebl., das ihm nachgesagt hatte, er hätte mit Drohungen ope- riert. Er habe nur mit einer gewissen Schärfe gesprochen, die durch die Uebergehung der bayerischen Regierung bedingt gewesen sei. Wenn es möglich gewesen wäre, einen Bertteter der p r e u ß i- s ch e n Regierung vor dem Erlaß der Verordnung der Reichsregie- rung hinzuzuziehen, so wäre dies auch für den bayerischen Bertteter möglich gewesen. Im übrigen dürfe man für die Miß- griffe untergeordneter Organe in der Plakatzensur nicht den Staats- tommistar von Südbayern und die Regierung verantwortlich machen. Mißgriffe würden gerügt werden. Er bedaure, daß Dr. Wirth heute noch einmal betont habe, daß in München mit zweierlei Maß gemesten werde. Dies werde nach seiner Ansicht die bevorstehenden Verhandlungen stören. Darauf erwidert Dr. Wirth. daß er durch die letzte Bemerkung des Vorredners überrascht sei. Er habe nur Dr. Deyerle geantwortet und an einem Beispiel gezeigt, wie die Plakatzensur in"Bayern gehondhabt werde. Das war sein Recht und seine Pflicht. Wenn er an die bayerische Regierung eine Mahnung gerichtet habe, so wird dies noch seinem Dafürhalten die Verhandlungen nicht stören, sondern nur fördern. Er hätte jetzt gerne von dem bayerischen Vortreter den Ausspruch des Bedauerns gehör t und nicht die Befürchtung. daß die Verhandlungen gestört werden könnten. Dr. Kahl(D. Vp.) sagt, daß der Ausschuß nur zuständig sei, wenn die Regierung Rechte des Reichstages verletze. Das sei nicht der Fall, er oerwahr« sich daher dagegen, daß der Ausschuß in Sachen, in denen er nicht zuständig sei, Beschlüste fasse. Er werde die Angelegenheit weiter im Plenum verfolgen. Kahl wendet sich scharf gegen einen Artikel ttn„Vorwärts", dem er Verdrehung der Tat- fachen vorwttft. Cr habe sich ehrlich zur bestehenden Verfassung be- kannt und wiederhole dies. Verdrehung ist es aber, wenn gesagt wird, daß er damit ein Bekenntnis zur Republik abgelegt habe. Er habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß er die Monarchie für die richtiger« Stoatsform halte.„Der jetzigen Derfassunff habe ich stets die Treu« gehalten und werde sie auch halten. Und meine Partei hat das auch getan. Ich verbitte mir jeden Zweifel hieran. Ich habe die Verfastung beschworen." Schon in Weimar habe er erklärt, daß nun Ordnung geschaffen sei und daß auf dieser Ordnung weiter gebaut werden müsse. Kahl fährt fort: Herr Sttesemann, der heute leider nicht an- wesend sein kann, habe ihn brieflich gebeten, zu betonen, daß er mit Kahls Auffassung über den Schutz der Verfassung völlig über- e i n st i m m e, wie er dies auch schon in einem Aufsatz in der„Voss. Ztg." ausgeführt habe. Dr. Kahl betont weiter, daß er sich mit seiner Partei in dieser Auffassung durchaus eins fühle und er bittet, feine Ausführungen nicht zweideutig, sondern nur ganz eindeutig aufzu- fassen, wie sie auch gemeint seien. Zu der Verordnung der Reichs- regimmg müste er sagen, daß diese schärfer sei als das Sozialisten- gesetz je gewesen ist. Im Gegenlatz zu Dr. Wirth hält er es für er- forderlich, die Arbeit des AvSstWse? Zu einem sichtbaren Abschluß zu bringep und empfiehlt die Annahme des bereits erwähnten An- träges, den er mitunterstützt hat. (Die Sitzung geht weiten) / die sthwarzwelßrote Provokation. Die„Geburtstagsfeier" in Stralau. Zu S t r a l a u ist es am Areitagabend ,u sehr bedauerlichen Vor fällen gekommen. Von einem Augenzeugen wird uns darüber folgen- des mitgeteilt: Zn Stralau, das fast ausschließlich Arbeiterbevölkerung hat, machte sich beim Bekanntwerden der troh Verbotes stattfinden- den S e d a n f e i e r der„Deutschen Volkspactei" eine große Erregung bemerkbar. Als einige Arbeiter den Wirt des Restaurants Schwanen berg fragten, was'für eine.?eier hier stattfinden solle, bemerkte dieser, daß die Ccule bei ihm eine— Geburtstagsfeier angemeldet hätten. Anter den„Geburtstag Meiernden" bemerkte man den in Stralau allbekannten Teppichsabrikanten Proße, Mtglled der Deutsche» Volkspactei. von draußen hörte man Reden, die in dem Rufe ausklangen: Rieder mitderrotenRepublik!, was den draußen Stehenden als eine„Geburtstagsfeier" sehr sonderbar vor kam. Zhr Rlißlroucn wurde noch erhöht durch eine große Zahl junger Bnrfchen, die mit Abielchen des Berliner Selbstschuhes veiseben waren. Als nun die Arbeiter den Saal betreten wollten und die Tür öffneten, fielen sofort von drinnen Schüsse. Die Arbeiter, die vollständig unbewaffnet waren, holten sich aus dem Garten Zaunlatten, Garten stuhle und drangen auf die Schießenden ein. Die Arbeiter versuchten die Revolverhelden in ent- wasfncn, wobei sich eine wüste Schlägerei entspann. Räch halb- ständigem Kampfe, wobei von den„Geburtstag winde- stens Z00 Schüsse abgegeben wurden, ergnss der größte Teil der Helden panikartig die.? lacht. Einzelne sprangen Ins Wasser, andere machten Boote los. um iu entkommen. Ein Teil wurde von den Arbeitern entwaffnet. Die Geburtstaqshelden hatten etwa 10 Der- mundete, die nur von Schlägen herrührten, während dreiArbeiter Schußverlehunaen davontrugen, davon einer schwere. Den Helden wurden drei Gummiknüpvel, neun Revolver, darunter mehrere große, drei Kun,e-Knüppel. iwei Schlagringe und eine Wenae Munition abgenommen. Rachdem die Ar- bester die Entwaimung vorgenommen hatte», erschien die telephonisch herbeigernsene Schupo, die all? an der Schießerei beteiligten Re- volverhelden verhastete und mittels Auto nach der Bionierkaserne, KöpeniGer Straße, brachle. Wie ein andrer Augen, eubge bekundete, soll auch der Fabrikant Brahe im Besih einer Waffe gewesen sein. Schüler fchieften auf Arbeiter. Ehemnih. 3. September. sWTB.) Roch dem BoNzeibericht kam c» hier gestern abend ,n Unruhe», denen ein ZN e n s ch e n- leben ,um Opfer fiel. Am Festakte aus Anlaß des Sedantage, ,u verhindern, zogen große Trupps von Demonstranten vor die Loko-'e. in denen solche Feiern vermutet wurden. Diese waren ober. um Zusammenstöße;» verhüten, abgesagt worden. Zn der Reformschule wurde eine Versammlung von etwa 30 Schülern;ur Abgabe etwaiger Waffen und;nm Verlassen der Schule aufgefordert. Bei dem entstandenen Handgemenge fi-'l ein S><' u ß. durch den der Bauarbeiter Gareis so unglücklich getrosfen wurde, daß er ons dem Tranaporl nach dem Krankenhaus verstarb. Wehrcrc Schüler wurden mißhandelt und einer derart verlehk, daß er ins Krankenhans gebracht werden mußte. An anderen Stellen verliefen die Zusammenstöße ohne schwerere Folgen. Die Boli;ei nahm eine An;ahl Verhastmiqen vor. Sedanfeier unter Polizeischutt. Osnabrück, 2. Scptcmbcr.(Eigener Drahtbcricht des„Vor- wärts".) hier hatte die Deutsche Volkspartei heute eine Sedanfeier im Evangelischen V.'reinshans veranstaltet. Nur 300 Besucher waren erschienen. Unser reaktionärer Polizeidirektor Hermann schützte mit 60 uniformierten Schutzpolizisten und 10 weiteren Bolizeibemnten in Zivil dieses Demonstratiönchen, so daß auf je S Besucher ein uniformierter Polizist kam. Professor D i e t» ittann, der die Festrede hielt, verherrlichte den Krieg und die Monarchie. Mit schwarzweißroten Fahnen wurde pro» geziert. Die Arbeiterschaft, die gewarnt worden war, fiel auf die Provokation nicht herein. Drei junge Leute, die neugierig stehen geblieben waren, wurden von der Polizei gesesselt abgeführt. Das alles hat derselbe Polizeidirektor fcrtigbekommen, der im vorigen Jahre angeblich nicht i m st a n d e war, die pazifistische Bersammlung des Herrn v. B e r l a ch gegen die Revolvertaten der Freikorps- und Baltik um l e u te zu schützen. Damals wurde bekanntlich ein Pazifist durch Reoolverschüsse eines Freikorps- ioldaten Esser schwer verletzt. Der Polizeidirektor Hermann scheint es für seine Pflicht zu halten, gegen Demonstranten für die Republik vorzugehen, monarchistische Demonstrationen aber durch Massenaufgebot von Polizei zu schützen. Wir erwarten, daß die Regierungsmaßnahmen durch R e p u- b l i k a n e r ausgeführt werden, da sonst im Lande das Gegenteil dessen erreicht wird, was die Verordnung der Rcichsregierung be- zweckt. Zusatz der Redaktion: Der Preußische Minister des Innern wird die Pflicht haben, sich diesen Polizeidirektor genau anzusehen. Während in Berlin Scdanfeiern verboten werden, wird In Osnabrück die ganze Polizei für sie aufgeboten. Es geht nicht an, daß ein ein» zelner Polizeidirektor in dieser Weise die Regierung und die Repu- blik blamiert. Schtvarz-weih-rote Plakate. Magdeburg, 3. September. Ueber die vom„Vorwärts" bereits erwähnten Vorfälle ch Neuhaldensleben schreibt die Magdeburger .Volksstimme": In Neuhaldensleben hatte die Stinnes-Partei an allen Plakatsäulen schwarzweißrot beränderte Plakate an- gebracht mit dem Hinweis auf den Parteitag der Deutschen Volkspartet. Den durch ständige Provokationen der Reaktiv- näre bis zum äußersten gereizten Arbeitern war das unmittelbar nach der Kundgebung für die Republik zu viel. Das Maß war voll und lief bei diesem Anlaß über. Die Arbeiter verließen die Betriebe und holten aus den Häusern die s ch w a r z w e i ß- roten Fahnen heraus. Der vermutliche Anstifter der neuen Ausreizung der Arbeiterschaft, der Prorektor Gebler, wurde aus einem Weinlokal herausgeholt und mußte mit dem Redakteur des „Stadt- und Landboten", der schon seit einiger Zeit durch seine arbeiterfeindliche Schreibweise provokatorisch gewirkt hatte, im Zuge ooranmarschieren. Die beiden wurden von der erregten Menge gezwungen, die Plakate wieder abzureißen. Auf dem Marktplatz wurden dann die schwarzweißroten Provo- kationsslaggen verbrannt. Daß es so weit gekommen ist, haben sich die reaktionären Unruhestifter selbst zuzuschreiben. Di« an- dauernde Verhöhnung der Arbeiterschaft bat den Ausbruch des Volkszorns herbeigeführt. Es ist ein Skandal, daß der Pro- r e k t o r Gebler und der Seminardirektor Schreiner als bezahlte Beamte der Republik gegen die Republik auftreten. Die Beruhigung der Arbeiterschaft wird nicht eher eintreten, bis diese „hervorragenden" Beamten der Republik aus Neuhaldensleben ent- fernt werben, da sie die Schuldigen an den Unruhen sind, welche jetzt die sonst so ruhige Stadt erleben muß. Eine Stimme ües Mftanös. Admiral v. Scheer zur Ermordung ErzbergerS. Im erfreulichen Gegensatz zu Roheitsausbrüchen, wie wir sie bei der Ermordung Erzbergcrs vielfach, konstatieren mußten, in erfreulichem Gegensatz namentlich zu militärischen 5kollegen vom Schlage des Generals Bering, der sich seine „beste Bulle" aus dem Keller holte, um auf den Tot des „Schweins" zu trinken, steht ein Artikel des A d m i r a l s Scheer in der„Vosstschen Zeitung". Der Führer der deutschen Flotts in der Skagerakschlacht. der selber durch einen Raubmord seine Gemahlin verloren hat, spricht offen aus, daß die eigenartige Nachficht, der politische Morde in gewissen Kreisen begegnen, von einer L e r w i l d e- rung sittlicher Begriffe und großer poli- tischer Unreife zeugen. Die V e r g j f t u n g der Volksstimmung, wie sie im Fall Erzberger in die Erscheinung trat, bezeichnet Admiral Scheer als ein weitaus größeres U e b e l, als die Unschädlichmachung eines Gegners, wenn man diesen auch für einen noch so großen Schädling halten sollte. Nebenbei tritt Admiral Scheer der Geschichtsfälschung entgegen, als ob Eszberger der Hauptschuldige am Waffen- stillstand im Walde mm Compiegne gewesen sei und wirft die sehr berechtigte Fraffe auf: „wo blieben die zur Führung der schwierigen Waffenstillstands- Verhandlungen Sachkundigen und Besserbesähigicn. als so unerwartet der militärische Zusammenbruch zugestanden wurde und das Volk aus allen Himmeln stürzte? Wir wollen darauf hinweisen, daß Erzberger hohe Ossi- ziere des Landheeres und der Marine zur Seite hatte, wie z. B. den General v. Winterfeld, Admiral V a n s e l o w und andere. Diese haben sich aber nachher lautlos in die Büsche geschlagen und die Verantwortung dem ZivlWen auf- gehängt. Admiral Scheer wendet sich wieder der Mordfrage zu. Er bekämpft jene Feindseligkeit der Gesinnung, in deren Innersten immer noch der Wunsch lebt, den politischen Gegner-körperlich zu erschlagen. Er nennt den politischen Mord ein g r ö ß e r e s Verbrechen, als den feigen und hinterlistigen Ueberfall aus sonstigen Gelüsten, weil er immer wieder die Gesundung unserer inneren Verhältnisse zerstört. Eine besondere Warnung richtet Admiral Scheer an die Jugend Deutschlands, ihre Hoffnung nicht auf Brutalität und Gewalt zu setzen» denn sonst treiben wir mit Sicherheit in den Abgrund. Der Artikel schließt mit einem Appell, daß die Verfassung u n p a r- teiisch vom ganzen Volk verteidigt werden müsse, ganz gleichgültig, wie der einzelne zu der Form der Verfassung zu Deutschland steht. Wenn es in Offizierskreisen mehr Scheers und w e- niger Berings gäbe, würden sich die Offiziere nicht so oft über feindselige Haltung der Bevölkerung zu beklagen brauchen. « Ein Mann, der den Artikel des Admirals Scheer mit Erfolg lesen könnte, scheint der Oberlehrer Lohse zu sein, der in der Charlottenburger Realschule II den Religionsunterricht erteilt. Nach übereinstimmender Aussage der Schüler hat Herr Lohse in der Sexta M-Klasse(!!) zur Ermordung Erzbergers im Religionsunterricht(!!) gesagt: Es schadet gar nichts, daß Erzberger erschossen ist, denn er ist es gewesen, der beim Abschluß des Waffenstillstandes das deutsche Volk an die Entente st aaten verraten hat, indem er die Waffenstillstandsbcdingungen unterzeichnete. Wird der Unterrichtsminister diesen„Jugendbildner" von seinem Posten entfernen, auf den ein Mann von derartiger Herzensroheit sicher nicht gehört? Wir könnten ihm leicht nachweisen, daß Herr Lohse sein Amt a u ch s o n st in ähnlichem nationalistischen Sinne ausübt._ Der Arschfelö in Gberkixch. Der verhaftete O l t w i g v. H i r f ch f e l d hat gestern vor der Kriminalpolizei mehrfache Hondschriftenproben ablegen müsien, nach denen festgestellt werden soll, ob er als der„Student der Rechte Franz Riese" oder als„Knut Bergen, stuck, pbil.", die sich bis zum Mordtage in dem Gasthause„Zum Hirschen" in Oppenau aufgehalten haben, identisch ist. Am gestrigen Tage ist o. Hirschfeld von zwei Kriminalbeamten nach Oberkirch in Baden transportiert und in das dortige Amtsgericht eingeliefert worden. Dieses Gericht beschüf- tigt sich in erster Linie damit, einen von Rechtsanwalt Bahn- Berlin für Hirschfcld gestellten Alibibeweis auf das genaueste nach- zuprüfen. Hirschfeld behauptet nämlich, daß er sich am Vormittage des 26. August, dem Mordtage, 3S Kilometer vom Tatorte entfernt. bei dem Mühlenbesitzer Friedrich Kepler in Calmbach a. d. Ens auf- gehalten habe. Er habe hier ständig mit den zwei Söhnen, den Töchtern und den Eheleuten Kepler zusammengesesten. Am Nach- mittag habe er mit den Söhnen einen Ausflug nach dem Kloster Hirsau geplant, der aber aufgegeben werden muhte, weil es regnete. ßalfche Karten Gberfchlesiens. London, 3. September.(WTB.) Aus Genf meldet man dem„Daily Telegraph", daß karten, auf die sich der Oberste Rat bei der Erörterung der oberschlesischen Frag« gestützt und die er dem Völkerbund unterbreitet habe, in wichtigen Einzelheiten fehlerhaft seien. Einige Bezirke in Oberschlesien mit einer großen deutschen ZNehrheit seien auf diesen karten als überwiegend polnisch bezeichnet ge- wesen und umgekehrt. Das Blatt schreibt, solche Dinge hätten in der erhitzten Atmosphäre von Lympne, Bari» und London vor- kommen können: wenn sich China, Spanien. Vrafillen und Belgien an die Arbeit machten, so würden sie zuverlässiger« Dokumente vor sich haben._ Der türkische Rückzug in Kleinasien dauert nach griechischen und englischen Berichten an. Das lebendige Weimar. Wer in der letzten Augustwoche durch den alten Park in Tiefurt bei Weimar ging, der konnte ein merkwürdig schönes Schauspiel er- leben. Unter den ehrwürdigen Baumgruppen auf den Wiesen saßen bunte Gruppen von Menschen, in ihrer Mitte ein Lehrer, und sie alle in eine lebhafte Aussprache oertieft. Es waren Menschen jedes Lebensalters, und wenn auch die schlichten Wanderkleider Standes- unterschiede kaum erkennen ließen, so war doch ersichtlich, daß hier der Handarbeiter neben dem Geistesarbeiter, der Werktägige neben dem Angestellten und Lehrer saß. Die Volkshochschule Thüringen, der etwa neunzig städtische und dörfliche Voltshochschulen in Thüringen angeschlossen sind, hatte ihre Mitglieder zu einer Ferien- woche nach Weimar eingeladen. Ganz einfach wohnten die Teil- nehmer in alten Militärbaracken, und feldtüchenmäßig wurden sie miteinander verpflegt. Ein Teil des Tiefurter Partes war ihnen für ihr Gemeinschaftsleben zur Verfügung gestellt worden. Das Ziel der Woche war ein doppeltes: jedem einzelnen ein lebendiges Bild des alten Weimar zu geben, dann aber auch die Nöte und Lebensstagen des heutigen Menschen auszusprechen und dabei zu fragen, was für ihre Lösung aus der geistigen Leistung unserer altweimarischen Großen zu gewinnen ist. So gab es denn Arbeitsgemeinschaften über Fragen wie: der einzelne und die Ge» meinschaft, Liebe und Ehe, das religiöse Erlebnis, Staat und Volk. In anderen Stunden besuchte man in kleinen Gruppen das Goethe» Haus, das Wittums-Palai», den Park und andere Erinnerung». statten oder man lagerte sich um einzelne Lehrer, die Stück« aus Goethes Briefen oder zeitgenössischen Erinnerungen vorlasen. So wuchs in allen Teilnehmern das Bild einer großen alten Kultur. Nicht nur Schiller und Goethe wurden lebendig, sondern auch die ganze Zeit, die sie hervorgebracht und getragen hat. Und da erhob sich mit Macht die Frage: kann unserer Zeit das gleiche oder etwas Aehnliches wieder beschert werden? Ist nicht ein solches Können und ein solcher Dienst am Kleinen und an der täglichen Arbeit die Voraussetzung für eine neue geistige Kultur? Und wie mistisn unsere äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse sich umgestalten, um wieder Aehnliches möglich zu machen? Das Schönste ober waren die Feststunden, in denen die Arbeits- tage ausklangen. Der letzte Tag vereinigte die Teilnehmer mit Freunden aus Weimar und anderen Städten zu einem Feste im Tiefurter Part, wo die Jenaer Arbeiterjugend ein lebensvolles Volksliederspiel und dann die Weimarer Dolkshochschulgruppe eine Aufführung von Goethes Singspiel„Jery und Bätely" mit der Musik von Reichardt darboten. Man konnte da lernen, daß Laien- eruppen nicht immer bei Hans-Sachs-Spielen zu bleiben haben, son- der» daß da» alle Singspiel des 18. Jahrhundert» etwas gleich Schöne» und durch seine Melodienfülle vielleicht noch Werwollere» ist. Und dann die Abendstunden. Um zwei Fackeln lagerte sich eine hundertköpfige Menge auf der nächtlichen Wiese, die umgeben ist von den riesenhaften Bäumen des Parkes und überdacht von dem leuchtenden Sternenhimmel. Bolkslieder erklingen, einstimmig und mehrstimmig: einzelne Stimmen heben sich heraus; Rilkes Verse vom Schicksal der Menschen in den großen Städten werden ge- sprachen: Eichendorffs Verse vom Erbauer des schönen Waldes da droben: und endlich bildet sich zum Abschied ungewollt und un- geleitet ein mächtiger Kreis von all den Menschen, die Hand in Hand stehen und aus dem nächtlichen Walde tönt die Weise:„Hört, Ihr Herren und laßt Euch sagen." Der letzte Morgen brachte die Abschiedsstunde in der Fürsten- grust. Kein pathetisches Wort. Eine Violine spielte eine Bach- Melodie, dann wurden ein paar ganz schlichte zeitgenössische Berichte über Goethes und Schillers Sterbestunde vorgelesen und endlich Goethes Gedicht zu Schillers Gedächtnis gesprochen. Noch ein paar Bach-Klänze, und man ging auseinander. Aber man versprach sich, daß dieser Winter ganz der Vertiefung der Weimarer Eindrücke ge- widmet sein soll, und daß man im Frühjahr zu einer zweiten Woche nach Weimar zurückkehren will. Dr. R. B u ch w a l d. Tholla-Theater:„Schäm dich, Lotte". Wer sich zu schämen hat, ist sehr staglich. Jedenfalls ist es sehr traurig, daß einem„Mas- cottchen", einem der Höhepunkte der modernen Operette, ein solch trivialer Schlager wie„diese Lotte" folgen mußte. Nun sind die Väter von„Mascottchen" und„Schäm dich, Lotte" zufällig die- selben. Infolgedessen können sie noch mit einem Auge stolz blinzeln und das andere schamerfüllt zu Boden senken. Komisch ist, daß Textbuch und Musik immer genau an denselben Fehlern kranken. Georg Okonkowski und Gesangstextfabrikant Willi Steinberg sind offenbar momentan ausgepumpt gewesen. Sie haben eine Operetten- Handlung geschrieben, so öd, inhalt- und geistlos, wie wir es— Schäm dich, Lotte— von anderen gewohnt waren. Man kann da kaum noch von Handlung reden. Ein paar Situationswitze, Kalauer und Schlager, die wenigstens kleine Oasen in der dürren Sandwüste bilden. Ihnen folgt der Kompanist Walter Bromme auf dem Fuß. Lange Strecken altgewohnter, nichtssagender Klingklang. Nur an einigen Stellen, z. B. der originellen Leicrkastenszene, rafft er sich auf und bringt wirklich Originelles und Reines.— So wenig an diesem ganzen Geistesprodukt zu loben ist, so glänzend und hoch anerkennenswert war die Aufführung. Trotzdem nur ein fett- gedruckter Gast— Eduard Lichten st ein— der auch sonst viel Fett angesetzt hat, da war. wiesen alle Halbrollen, eine ebensogute, bessere Besetzung auf. Else Müller, Dora Hroch, Gustt Beckmann, der junge Karl Grund, mich Wolf Brunner und Erwin Schöngart brachten S'tmmnngen und Lachsalven hervor, die meist fast aus- schließlich ihrer Meisterschaft zu verdanken waren. Auch die Tänze von Mangelsdorsf und die dekorative Ausstattung übertraf alle Er- Wartung. Dr. Siegfried D r z y b war ein vortrefflicher Vermittler zwischen Bühne und Orchester. iu m. Die Dollardynastien. Henry H. Klein, der Vorsitzende der New Yorker Steuereinschätzungskommission, hat kürzlich unter dem Titel „Amerikanische Dynastien und iljre Häupter" ein Buch erscheinen lassen, in dem er ein? Liste der 17S reichsten Leute der Dereinigten Staaten aufstellt. An der Spitze dieser Liste steht mit einem Ver- mögen von 2,4 Milliarden Dollars der amerikanische Petroleum- magnat John D. Rockefeller, der reichste Mann der Welt, dem al» Standcsgcnosien, wenn auch in gehörigem Abstand, Carnegie, Frederick Weyerhäuser, William Waldorf-Astor, Charles W. Hark- neß und Oliver H. Payne folgen, deren Vermögen zwischen ISO und 300 Millionen Dollars schwankt. Carnegie hat sein Vermögen durch Erzeugung von Stahl, Weyerhäuser von Blei, Harkneß und Payne von Petroleum und Astor durch Spekulationen in New Porker Grundstücken erworben.„Wir haben Dynastien von Oel, Kupfer, Fleisch, Kohle. Stahl, Eisenbahnen, Gas und elektrischem Licht, Schissen, Tabak, Gummi, Zucker. Telephonen und von hundert anderen Dingen," erklärt der Dcrfasier des Buches.„Rockefeller aber ist der Koloß, der alle überragt. Die Rotschilds in Eurcpn, deren Reichtum auf 2 Milliarden Dollars geschätzt wird, und die Guggenheims, die Du Ponts, Vanderbilts und Astors, deren Fa- milienbesitz auf je eine Milliarde Dollars zu berechnen ist, stehen hinter Rockefeller weit zurück In den Vereinigten Staaten gibt es mehr Finanzdynastien als in der ganzen alten Welt. Ihr Reich- tum und ihre Macht sind größer als alle Fürstenmacht zusammen- genommen, und man sagt nicht zu viel, wenn man ihnen nach. rühmt, daß sie Gewalt über Lebe» und Tod und über das ganze Menschenneschlecht besitzen." Die Apotheose dieses Reichtums klingt wie eine Schmeichelei. wie sie aufreizender Fürsten auch nicht serviert wurde. Aber leider entspricht sie den Totsachen. Amerika ist trotz aller papierenen Frei- Helten der Sklave seiner Gelvherrscher. Erfiaussührnnge» der Wo»e. Tonn. Kleines Theater:.Frl. Joiette meine Frau.' Miltw. KomödlenhauS:.Ionnv» Busenfreund Nrania-Borträge..Unser s ch Z n e» R i e s« n g e v i r g«' mit Ausnahme von DonnerStna allabendlich. Do.inerStag: ,Der S«r»' Sonntag nachmittag i'i, Uhr:.Die Insel Rügen". HanS Pfihnrr hat die Komposition einer Kantate sllr Solo'timmen gemiichten Chor, groheS Orchcüer uns Orgel, betitelt:»Bon deutscher Seele", nach Sprüchen und Gedichten von Jos. von Eichendorfs vollendet Das Werk, dessen UranIIühruiig in der bevorstehenden Konzert aison' statt- findet, erscheint im Berlage von Adolf Fücltner. Die Nürnberger Zeitnugen boykottieren ibr Theater,"v» Nürnberger Sladltheater scheint einen I-br geschästSiüchligen Direktor'»u haben: die dortigen Zeitungen wollen nichts mehr über da» städlilibe Theater veröffentlichen, weil ihnen von der Intendantur gemeinsam mit dem Stadtrat unwürdige Zinnutimgen gestellt find. Die Nürnberger Zcilunacn scheinen an der veralteten Anschauung sefizuhalten, dag die Tbeaterkictik eigene Zwecke verfolge und nicht nur zur Reklame da sei. Ter BölkerbundSrat für eine Internationale des McisteS Der DölkelhundSrat bat fich für eine zwöitglicdrlge Kvmmstfion für inter» nalionale Zusammenarbeit in intelleNuellen und Srnehuiig-'sragcn aiiSoe» sprochen.. Ferner wird die Errichtung euieS ErziehunaSbureanS voiao* schlagen. u Frankreich gegen üie Zinanzkonferenz. Paris, Z. September,(havas.) Vetroffea von der Tatsache, daß Frankreich in Gemafcheit der finanziellen Vorschläge der Unter- alliierten Kommission vom 1Z. August von der ersten deutschen Gold- Milliarde n i ch ts erhalten soll, war' der Ministerrat einstimmig der Ansicht, dost neue Verhandlungen nötig seien. Auslegungen, die aus gewisse Klauseln des Vertrages und das llebcreinkommen von Spa sich beziehen, werden als Vcrhandlungsbasis dienen. In unter- richteten Kreisen bemerkt man, dah die französische und die deutsche Ansicht über den Wert der Saargruben stark auseinander- gehen und es unmöglich sei, diese werte aus das Reparationskonto zu buchen, obgleich Frankreich Interesse daran hat. die Saargruben aus seine eigene Rechnung auszubeuten. Wenn wirklich eine gerechte und endgültige Abschätzung zustande kommt, so würden doch die gleichen Schwierigkeiten über die Abschähung der Schisse be- stehen. Man denkt zur Lösung dieser Fragen nicht daran, den Obersten Rat zu hilse zu nehmen, sondern ist der Meiuung, dasz die in der Frage unterrichteten Minister eine neue Sitzung in London abhalten können, ans der Doumer und Loucheur Frankreich ver- treten würden. Die Konferenz der Finanzminister hatte beschlosien, daß die fran- zösischen Besatzungskosten gegen die Annexion der Saarbergwerte aufgerechnet werde. Davon will Frankreich nichts wissen und die chavas-Me'dung wirft deutlich England die(hxatisaneignung der deutschen Handelsflotte vor. Der französische Ministerrat soll die Annahme der Beschlüsie der alliierten Finanzminister direkt abge- lehnt haben; es wird eine Rundreise Briands und Doumers zu den .Hauvtalliierten angekündigt, die umgestimmt werden sollen. Ueber den Ministerrat wird offiziös berichtet: Der Ministerrat prüfte die Verhandlungen und Beschlüsse, die von der Finanz- kommission am 13. August unter Vorbehalt der Zustimmung der betreffenden Regierungen vorgeschlagen wurden. Der Ministerrat stellte fest, daß verschiedene dieser Entscheidungen im Gegensatz zu den Bestimmungen des Bezahlungsetats stehen, wie sie in An- wendung des Friedens von Versailles festgesetzt wurden: außerdem gingen mehrere Beschlüsse über die Befugnisse der Kam- Mission hinaus.. Unter diesen Umständen ist beschlossen worden, die strittigen Punkte erneut einer Besprechung durch die Alliierten zu unterziehen, damit eine Lösung gefunden wird, die allen Beteiligten gerecht wird und sich in Ucbereinstimmung mit dem Versailler Frieden befindet. Völkerbund und Taargebiet. Genf, 2. September. f(EE.) Der Völkerbund beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung auch mit dem Saargebiet. Die Regie- rungskommission des Saargcbiets hatte gebeten, zu veranlassen, daß das«aargebict selbständig der Bern er Eisenbahnkonvention von 1883 beitreten solle, wohingegen die deutsche Regierung erklärt, daß da» Eaargebiet kein unabhängiger Staat sei, sondern auch weiterhin einen Teil Deutschlands bilde und unter seiner Souveräni- tat verbleibe, obwohl Deutschland aus seine Regierungsgewalt in diesem Gebiete verzichtet habe: da aber nur selbständige Staaten der genannten Konvention beitreten können, dürfe das Saargebiet der Konvention aus diesem Grunde nicht angehören. Außerdem sei das Saargebiet als ein Teil veuischlauds ja ohnehin wie das ganze Reich Mitglied der Berner Konvention. Die Regicrungskommission erhob jedoch gegen diese Bedenken Pro- test, weil Deutschland seine Oberhohsit über das Saargebiet dazu ausnutze, die Waren aus diesem Gebiete weite Umwege machen zu lasten, so müßten z. B. Waren, die aus dem Saargebiet nach Kehl befördert werden sollen, fast den doppelten Weg über Deutschland machen, als wenn sie den direkten Weg über Elsaß-Lothringen gingen.(Ist das wahr? Haben wir solchen Kohlenüberfluß? Red.) Mit dieser Frage hatte sich bereits eine Unterkommission beschäftigt, die von der Verkehrs- und Transitkommission abhängig ist und aus den Herren Sencgallia(Italien), Fock-Golding(Dänemark) und Van Ersingel(Holland) besteht. Aus einen Bericht des chinesischen Mit- gliedes Wellington Koo und nach Erklärungen des Generalsekretärs der Saargebictskommission Maurice hat der Rat beschlossen, noch- mals von der Verkehrshauptkommission des Völkerbundes ein Gut- achten über alle diese Fragen einzufordern. Die englifthe Brbeitslollgkeit. London, 3. September.(wTv.) Die Arbeiterpartei betont In einem Schreiben an Lloyd George dringend die Rotwendigkeit der sofortigen Einberufung des Parlaments, um Schritte zur Unter- stühung der Arbeitslosen zu tun. Andererseits solle die Regierung genügend Mittel zur Verfügung stellen, um die örtlichen vehördcu in die Lage zu versehen, Unterstützungen zu zahlen. Unruhen in Woolwich. London. 3. September.(EE.) In dem Londoner Vororte Woolwich brachen Unruhen aus, die den ganzen Tag dauerten. Die Arbeitslosen, die größere Geldunterstützungen forderten, be- lagerten das Arbeitsamt und erklärten den Verwaltern, daß sie den Platz nicht räumen würden, bevor ihnen nicht Erhöhung der Unter- stützung gewährt würde. Die Verwalter blieben die ganze Nacht aus ihrem Posten, und die Arbeitslosen mußten schließlich abziehen, doch dauerten in den Arbeitcrquartieren Londons die Kundgebungen fort.— Gestern wurden mehrer« Stadträte der Vorstadt P o p l a r verhaftet, die die englisäie Regierung für die Entfesselung dieser Bewegung verantwortlich macht, weil sie sich geweigert hat, dem gerichtlichen Befehl Folge zu leisten und die Gemeindesteuern für allgemeine öffentliche Dienste, die unter Aufsicht des Londoner Graf- schaftsrates stehen, zu bezahlen. In Poplar herrscht große Arbeits- losigkeit und die Gemeinde ist sehr arm. Tausende von Einwohnern demonstrierten in den Straßen gegen die Verhaftung und wollten zunächst die Polizeiautos hindern, weiter- zufahren. Der Direktor des sozialistischen„Daily Herald" Lansburg und sein Sohn Elar Lansburg waren nicht daheim, als die Polizei kam, um sie festzunehmen. Es bestätigt sich, daß die 6 weiblichen Stadtverordneten, gegen die Haftbefehle herausgegeben wurden, nicht verhaftet werden sollen. Die Bürger in Poplar haben beschlossen, keine Miete zu bezahlen, bis sie Genugtuung erhalten hoben. Eine Mietcrliga wurde gegründet, um die Mieter zu organi- sieren. Die verhafteten Stadtverordneten sind Im Gefängnis nicht zur Arbeit verpflichtet und dürfen ihre eigenen Kleider trogen, Briese schreiben und Briefe und Besuche einmal in der Woche er- halten: doch werden sie wie die anderen Gefangenen ernährt und dürfen auch keine Zeitungen von draußen kommen lassen. Die weib- lichen Stadtverordneten sind nicht verhaftet. Der Bürgermeister von Poplar, Samuel March, der sich gegenwärtig im Gefängnis befindet, richtete an die Transportarbeiter, deren Sekretär er ist, �diesen Aufruf: Mitteilung an die Steuereinnehmer und an die g e s e tz m ä ß i- gen R ä u b er! Der Sekretär des Syndikats, der in diesem Augenblick die Gast- kreundschaft Seiner Majestät genießt, fordert, daß die Zahlung der Steuern und aller anderen offiziellen Abgaben an Herrn March im Hotel Seiner Majestät, Gefängnis von Bristol, gerichtet werden sollen. London. 3. September.(EE.)• Die streikenden Arbeiter der Docks von Cork(Irland) durchzogen die Straßen der Stadt, wobei sie rote Fahnen entfalteten. GroßGerlln m üen Kehrichthaufen! Der Sturmwind, der jetzt durch die deutschen Lande braust, scheucht die unentwegten Anbeter der gewesenen Monarchie vor sich her. Wird er auch den Behörden, die sich ihre ehemalige „K ö n i g l i ch k e i t" oder„K a i s e r l t ch k e i t" immer noch nicht abgewöhnen konnten, endlich Beine machen? Werden nun endlich von ihren Gebäuden, Plakaten, Briefbogen und Siegeln die albernen Bezeichnungen„Königlich" und„Kaiserlich" heruntergeholt und ausgetilgt werden? Auf den Kehrichthaufen mit dem mon- archistischen Plunder, der da— man weiß nicht, ob aus B u m m e- lei oder in der Absicht frecher Verhöhnung der Re- publik— immer ncch konserviert worden ist! Unaufhörlich strömt uns eine Flut von Briefen zu, die nicht nur aus Berlin und Umgebung, sondern auch aus weiter Ferne, aus den entlegensten Provinzen und Bundesstaaten über ein„kaiserliches" Postamt, ein„königliches" Gericht, ein„königliches" Gymnasium. eine„königliche" Universitätsklinik, eine„königliche" Kreiskasse, ein „königliches" Hauptzollamt, ein„königliches" Eisenbahnverkehrsamt, ein„königliches" Standesamt, eine„königliche" Lottcrieeinnahme usw. usw. berichten. Wir danken allen Einsendern, aber wegen Raummangel ist es uns leider unmöglich, alle diese Mitteilungen hier wiederzugeben. Ueber die Hartnäckigkeit, mit der besonders in der P o st v e r- w a l t u n g an dem blöden Titel„kaiserlich" festgehalten wird, haben wir auch aus Kreisen der Postbeamten selber, der mittleren wie der unteren, entrüstete Zuschriften erhalten. Ein Briefschreiber meldet auch, daß er bei der Lberpostdirettion Berlin als Prüfling in dem Sitzungssaal noch im dritten Jahre der Republik den Anblick von drei Kaiserbüsten genießen mußte. Er empfiehlt Ueberweisung an den Müllkutscher. Wie ein immer noch„kaiserlich" deutsches Post- amt auf Gäste aus dem Ausland wirkt, darüber berichtet ein Parteigenosse, der vor mehreren Wochen in Cöpenick einem bel- zischen Architekten die dortige Siedlung zeigte. In der Unterhaltung betonte er gegenüber dem pazifistisch denkenden Belgier, daß in Deutschland der republikanische Gedanke immer fester Wurzel gefaßt habe und die alten Mächte niemals wiederkehren könnten. Danach fuhren sie an dem Pestamt in Cöpenick vorbei, und zur Beschämung des Deutschen wies der Belgler auf die Inschrift„Kaiserliches Post- amt", die groß und breit am Postgebäude prangte. Wenn auf Briefbogen, Formularen usw. die Worte„königlich" oder„kaiserstch" immer noch wiederkehren, so wird mancher geneigt sein, anzunehmen, daß die früher angeschafften Vorräte noch nicht aufgebraucht sind. Wir glauben jetzt nicht mehr, daß diese Erklärung richtig ist. Beispielsweise wurde noch im Februar 1821 ein Sammellastschriftzettel des Postscheckamts Berlin in neuer Auf- läge gedruckt und wieder mit der Bezeichnung„Kaiserliches Postscheckamt" ausgestattet. Don besonderem Reiz ist, daß auch an den Verlag des„Vor- w ä r t s" noch gegen Ende August 1921 ein amtlicher Brief der Post abgesandt wurde, besten blaue Verschlußoblate von einer„Kaiserlich Deutschen Oberpostdirektion Berlin" erzählte. Wir warfen das zu dem Uebrigen— auf den Kehrichthaufen. der«.Hutsverkäufer�. Aufklärung eines Raubmordes. Die»on angeblichen Gutsvertäufern verübten Morde und Raubüberfälle erregten längere Zeit hindurch die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit. Es ist nuy gelungen, einen dieser Morde auf- zaklären und di« Täter zu verhasten. Die Kriminalpolizei stellte zunächst fest, daß es sich um drei Gruppen handeln müsse. Die eine lockte ihre Opfer nach der Freienwalder, die zweite nach der Zossener und die dritte nach der Landsberger Gegend. Der letzten Gruppe ist man nun auf di« Spur gekommen. Zu ihren Opfern gehörte auch der 38 Jahre alte Kriegsbeschädigte Franz Schröter aus der Marien- thaler Straße 24 zu Landsbecg a. d. W.. der bereits feit dem 12. August o. I spurlos verschwunden ist. Auf ein In- serat, in dem er eine kleine Wirtschaft oder ein Landhaus zu taufen suchte, meldete sich bei ihm ein junger Atann, der sein Besitztum in Schwachtenwalde bei Ber'inchen zum Kauf anbot. Er fuhr mit dem Fremden dorthin und ist jedoch nicht mehr zurückgekehrt. Unter den Leuten, die auf die verlockenden Anpreisungen der angeblichen Grundstücksverkäufer hin mit diesen mitgefahren waren, befand sich auch ein Berliner Chauffeur, dessen Bekundungen die Kriminalpolizei auf die Spur der Täter brachten. Er war mit dem jungen Manne nach Z a n s i n gefahren, wo er auf Anraten des angeblichen Verkäufers mit ihm in einer Scheune übernachtete, die besten Onkel gehören sollte. Das Benehmen kam dem Chauffeur aber so ver- dächtig vor, daß er mißtrauisch wurde und sich in der Scheune so hoch hinlegte, daß er seinen Begleiter immer von oben sehen tonnte. Nur dieser Vorsicht hatte er es zu verdanken, daß er mit dem Leben davongekommen ist. Am anderen Morgen verzichtete er auf die weitere Begleitung des jungen Mannes und fuhr allein nach Hause »urück. Auf diesem Gehöft machte die Kriminalpolizei die über- roschende Entd-ckung. daß der junge Mann dort wohnte und der Sohn des Besitztrs war. Bei der Durchsuchung des Grundstücks wurde die dem Kriegsinvalii'en gestohlen« Uhr ge- künden. Es unterlag deshalb keinem Zweifel mehr, daß der Be- sitzersfohn, der 23 Jahre alte Schlächter Richard P e s ch k e, einer der Täter sein müsse. Nach anfänglichem Leugnen gestand er di« Tat denn auch ein. Danach hat sich das Verbrechen so abge- spielt, daß Schröter auf dem Grundstück seiner Eltern von ihm und dem Schlächter Johann Schimmel, ebenfalls au» Zansin. mit Holzkloben-rschlagen worden lst. 5000 M. für die An- Zahlung, die Schröter in sein künstliches Bein gesteckt hatte, und die Uhr raubten die Mörder und verteilten die Beute unter sich. Die Leiche vergruben sie im Garten. Nach dem.Geständnis des Peschke hat er mit Schimmel und einem dritten jungen Manne, dem Schlächter Willi Schmers« aus Zansin, lange Zeit hindurch Kstrflustige aufgesucht, um sie aufsein Grund st ückzu locken und dort zu ermorden und zu berauben. Schimmel und Sch werse wurden gestern ebenfalls in Zansin verhaftet und nach Berlin gebracht. Sie strc'ten. mit dem Verbrechen irgend etwas zu tun zu hoben. Zur ihrer Ueberführung ist es dringend not- wendig, daß sich olle Leute, die von angeblichen Verkäufern von Landwirtschaften aufgesucht worden sind, die ihnen rieten, gleich die Anzahlung mitzunehmen, um den Kauf sofort an Ort und Stelle abzuschließen, im Zimmer 15 der Berliner Kriminalpolizei bei Kriminalkommissar Trettin melden. Soweit bekannt ist, soll Schmers« auch einen Kauflustigen in der Joachimstraße In Berlin aufgesucht haben. Gestern fuhren Berliner Beamte mit Peschke nach dessen elterlichem Besitz. tum hinaus, um die Leiche auszugraben. Der verhaftete Peschke hat sich, soweit bis jetzt festgestellt werden tonnte, in einigen Fällen Otto Kruse, in anderen Gestel genannt und wollte in der Bahnhosstrahe 17 zu Arnswalde wohnen. Außer dem Gehöft in Schwachenwalde hat er auch Gehöfte bei Kallies und bei Arnswalde zum Vertauf angeboten. Kauflustige hatte er stets nach dem Schlefischen Bahnhof bestellt und mit ihnen den um 5.15 nachmittags abfahrenden Zug benutzt. MeineidSprozef) Nöfecke. De? im März d. I. vertagte Meineidsprozeß um dos Kind der Konfirmandin hat inzwischen eine auffallende Wendung dadurch erfahren, daß vor kurzem der Hauptangetlagte, der schwer vorbestrafte Arbetter Malchow, in dem die Anklage. behörde bisher den Verführer der ehemaligen Konfirmandin Velda R ö s e ck e aus Berlin-Oberschöneweide erblickte, aus der Unter- suchungshaft entlasten worden ist. Die jetzt 20jöhrige Rösecke hatte beeidet, daß der Pastor Glasomersky aus Oberfchöneweid« der Vater ihres Kindes sei, wiederries aber nach der Prozeßvertagung in der Untersuchungshaft diese Angabe, wahrscheinlich infolge einer vor- übergehenden sogenannten ,�)aftpsychose", wie sie namentlich bei jugendlichen Inhaftierten sehr häufig vorkommt. Gegenwärtig be- findet sich die Angeklagte zum zweiten Male zur Beobachtung ihres Geisteszustandes in der Berliner städtischen Irrenanstalt Lzerzberge. Pastor Glasomersky wird, wie aus gerichtlicher Quelle ver- lautet, anfangs Oktober nach einem anderen Wirkungs- kreis übersiedeln. Die Vernehmungen des Lustmörders Großmann wurden heute fortgesetzt. Nachdem der Verbrecher gestern des Mord-s an dem Dienstmädchen Sesnewski durch zahlreiche Zeugenaussagen, Er- mirtelungen und Feststellungen überführt worden war, kam heute die Ermordung der Frida Schubert zur Sprache. Großmann leugnete aber ebenso wie im Falle Sesnewski. Bei dieser Vernehmung spielte hauptsächlich eine grüne Einhole- t a s ch« eine Rolle, die Eigentum der Schubert war und mit der sie noch am letzten Tage vor ihrem Verschwinden gesehen worden ist. Zeugen bekunden, daß sie diese Tasche bei Großmann gesehen haben. Dieser will von der Tasche aber nichts wissen. Es gelang jedoch, sie zu finden, und zwar bei einem Freunde Großmanns, der sie von diesem erhalten hatte. Großmann will die Schubert überhaupt nicht kennen. Als ihm Kriminalkommissar Dr. Rie- mann ein Bild der Schubert vorlegte, sagte er, das ist ja die Schubert. Das steht nun im Gegensatz zu seiner ersten Be- hauptung. Aus dieser Schlinge versuchte er sich zu ziehen, indem er erklärte, er habe sie nicht persönlich gekannt, sondern ihr Bild nur von den Säulenanschlägen her. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Behauptung eine Ausrede ist. Wie im Falle Sesnewski ist das gegen ihn vorliegende Beweismaterial auch im Falle Schubert so schwer, daß sein Leugnen zwecklos sein dürfte. Die Charlottenburger städtische Gewerbeschule veranstaltet gemeinsam mit der gewerblicken FortbilduiigSickul« am 4. und 5. September 1921 von 19-— g Ubr eine Ausstellung von Sch ülerarbeiten und Zeickenlehrgängen fol» gender Berufe: Kunstglaser, Rahmenglaser, Schubmacher. Friseure, Kahntechniker. Maschinenbauer. Schlosser, Klempner, Tape, lerer. Tischler, Buchbinder und Schriftsetzer im Festsaale des Rot« Haufe» Charlottenburg, Berliner Str. 79/72. Eine Geige, gezeichnet„Ernst Keßler, Berlin, Nr. 489. secit anno 1914", ist am Sonnabend, den 27. Augui't. in der Ringbabn abbanden gekommen. Besondere« Kennzeichen: Auffallender Lederkasten, graubraun matt mit eingepreßten Längsstreifen, in grauer, rotgefültelter Schutzhülle. 1999 Mark Belohnung sind für Wieder- bcschaffung oder dazu dienliche Angaben ausgesetzt. Meldungen an Friedrich Gebhardt, Kalkberge(Mark) bei Berlin. DaS Wetter für morgen. verlin und Umgegend. Größtenteils trocken und viestüch beiler am Tage mätzig warm bei ziemlich frischen, westlichen biS nordwestlichen Winden. Groß-Serliner Parteinachrichten. Achtung, zuugsuzialist««! Montag, den 5. September, abend« 7 Uhr, in der Juristischen Sprechstunde, Lindenstr. 3, Truppenkonfer-nz. Tages- Ordnung: 1. Bildungsardeit im Winterhalbjahr. Rcfcrcntin Swcrlin. 2. Berich! des Arbeitsausschüsse«. 3. Nerschtedcne«. Sitmtliche Kruppen- leitungen müssen vollzählig erscheinen. 15. Aeei«. Die Abfahrt sinoet am Sonntag nicht 11.57 Uhr, sondern 11.34 Uhr vom Bahnhos Niederschäneweide statt. Bereiu Arbeiter. Zu aend. Achtung! Alle Abteilungen tressc» fich-» Sonntag NM 3 Uhr am Bahnhos Rennbahn zur Begeudemonltration gegen den Raticua- liftischen Rummel im Stadton. Sämtlich« rote und schwarzrotgolden« Fahueu sind«itzubriugeu. 74. Abt. sschlendors. Am Sonntag, morgens 3 Uhr, Flugblatwerbrettung von solgenden Lokalen au«: Gruppe 1(Nikolaosee). Restaurant„Schwemme"! Gruppen Z bis 5 beim Scnossen Miklep, Potsdamer Str. 25: Gruppe» I bis 3 beim Genossen ltreteler, Teltower Str. 2. 3Z. Abt. Lichterseld«. Morgen, Sonntag, um Zip Uhr vormittags, sslugblatt» Verbreitung. Treffpunkt für West bei Quandt, Moltkcstr. 31: für Ost bei Hovpenauer, Nranoldstr. 2. u». Abt. Treptow. Zur Flugblattverbreiwng treffen sich die Genossen am Sonntag, den 4. September, vormittag» S Uhr, in den bekannten Lokalen. Vorträge, vereine unü Versammlungen. Frel« Lehrergewerkfchaft. Die Vollsitzung am Sonnabend, den 3. Sep- tember, fällt aus.— Deutscher«rbeiter.vöugeebuud