Nr. 426 ♦ Z8. Jahrgang flusgabe B Nr.2ll Bezugspreis, SlfttellähtLSO,— 9Ji_ monatl KU- St frei ins»cus, ooraus zahibar. Poii- bezuz: Monatlich 10.— M. einschl. An- stellungsgebühr Unter Kreuz band mr Deutschland. Danzig. das Saar- und Memelaebiet. lon»e die ehemals deur- schen De biete Dolens Oesterreich. ilngarn und Luxemburg 20,- M- fite das übrige Ausland 27,— M. Postbestellungen nehmen an Oesterreichs Ungarn. Tscheche- Slowakei. Däne- wart. Holland. Luremburg. Schweden und die Schweiz. Der.Vorwärts" mit der Sonntags- beilage»Volk und Reit", der Unterhaltungsbeilage �eimwelr" und der Beilage.Siedlung und Kleingarten" »rjcheini wochentäglich zweimal. Sonn- tags und Montags einmal, Telegramm- Adresse! »Sojlalbamofcat SerlUr" Adresse! Absnd Ausgabe berliner VolksblAtt ( 2or»ksnnig� SinzetgenpretS, Dl« achtgclpalien, Nonoareillezell« kostet äbv M.stlelne Unzeigen" das lettgedrultt, Wort ILU M. lzn- lässig zwei tettgedrultt» Warte!.>ed«s weiter« Wori l.- M. Siellengeluch, und Schlalstellenan, eigen da» erst, Wort U— M. lede, weiter« Gort 60 Bsg. Wort« über tb Buchstaden zählen für zwei Worte ffamilien-An- zeigen für Abonnenten Reil« 3.- M. Di« Treis« oerstehen sich einschließlich Tenerungszuschlaa Anzeigen wr dir nächst» istummer Müllen die» Uhr nachmittags im dauvtgeschäft. Berlin SA«b Luiden. Kratze st abgegeben werden Deoftnet non 9 Uhr früh bis S Uhr abend». Zentralorgan der rozlaldemokratircben parte» Dcutfchlanda NeSaktion und Expedition: SW 68, Lindenstr. 3 �«»rttfhri-rfr�r• RedaKion Moritsplah 151»5— 97 zyernsyrgqstT. der Völkerbundakte zu streichen, wonach die Mitglieder des Völkerbundes sich gegenseitig ihre territoriale Unver- sehrtheit und ihre gegenseitige politische Unabhängigkeit gewähr- leisten. Die Kommisston für Abänderung des Dölkerbundpaktes be- schloß demgegenüber jedoch, der Vollversammlung zu empfehlen, den Artikel nicht zu streichen und in der Interpretation lediglich zum Ausdruck zu bringen, daß der wesentliche Zweck des Artikels nicht darin besteht, die territoriale und politische Organisation, wie sie heute besteht, zu verewigen. Abänderunngen könnten aber durch gewisse legitime Mittel angebrocht werden. Vor allem die Vereinigten Staaten haben sich seinerzeit diesem Artikel widersetzt. Die Defür- worter seiner Streichung hofften, dadurch den Vereinigten Staaten den Weg zum Beitritt in den Völkerbund zu erleichtern. Ging man in dieser Frage seinen Schritt vorwärts, so ging man in der Frage des Artikels 15. der eine Eintragung aller von Lölkerbundmitgliedern abgeschlossenen Verträge beim Völker- bundsekretoriat, widrigenfalls sie ungültig seien, vorsteht, sogar einen Schritt zurück. Dieser Artikel brach mit dem alten System der Geheimverträge und wollte durch seinen Zwang zur offenen Diplomatie den Kriegshetzern das chandwerk erschweren. Cr galt als eine Konzesston an einen der wichtigsten von den 14 Punkten Wilsons. Ein Dölkerbundausschuß, der sich mit dieser Materie noch einmal befaßte, erklärt nunmehr, daß er sich den For- derungen des polltischen Lebens nicht anpasse und verlangt also Streichung des Artikels. An der ablehnenden challung dem argentinischen Antrag auf Ab- änderung des Artikels 1 gegenüber wird der Völkerbund, wie die Kommissionsverhandlungen durchblicken lasten, auch in diesem Jahre festhalten. Argentinien hatte beantragt, jeden souveränen Staat auf seinen Antrag ohne weiteres in den Völkerbund aufzunehmen, während Artikel 1 ein umständliches Frage- und Unter- fuchungssystem vorsieht. Argentinien war infolge der Ab- lehnung aus dem Völkerbund ausgeschieden. Schon damals bestand bei verschiedenen anderen südamerikanischen Staaten die Neigung, dem Beispiel Argenttniens zu folgen. In argentinischen Kreisen erwartet man, daß eine weiter ablehnende Haltung in diesem Jahre den Austritt sämtlicher südamerikanischer Staaten zur Folge haben werde. Damit würde sich also der amerikanische Kontinent, abgesehen von dem verschnupften Kanada. besten Politik immer mehr den Vereinigten Staaten zuneigt, vom Dölkerbimd loslösen, und der Völkerbund bliebe ein Torso, dessen Weltgeltung kaum noch seinem Ehrgeiz entspräche. O Genf. S. September.(WTB.) Den Dölk-rbundmitglledcrn wurde vom Generalsekretariat eine Denkschrift über das Saar- decken zugestellt._ Memel poln!stb-litau!sther �afcnl Ueber den Dölkerbundvorschlag zur Regelung des polnisch- litauischen Streits wird noch bekannt, daß er Polen, Litauen und das Gebiet von Wilna zu einem Staatenbund zusammenfaßt, in den auch das Gebiet von Memel mit eingegliedert wird. Das Memel- land soll einem besonderen Regime unterworfen werden, und obwohl unter litauischer Souveränität, soll es Polen doch voll- kommen für alle Arten von Transporten, einschließlich Kriegs- Material, zur Verfügung stehen. Die litauische Regie- r u n g hat nach dem Entwurf das Recht, ihren Sitz in Wilna zu nehmen. Innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten soll die Zustimmung des Einverständnisses der Wilnaer Bevölkerung mit dem Abkommen eingeholl werden.(Und die Bevölkerung von Memelland?) Wie in Dölkerbundkrcisen verlautet, besteht indesten keine sehr große Aussicht, daß diese Borschläge verwirklicht werden, weil nach wie vor auf beiden Sellen die Einigungsausstchteu sehr gering sein sollen. Tschi'tfcherins finttvort. Aus Paris wird gemeldet, daß Tschitscherins Antwort auf das Ersuchen des Vorsitzenden der Pariser internationale« Kommission zur Unterstützung Rußlands Roulens in Paris eingetroffen ist. Die Uebermittlung sei jedoch so schlecht, daß man sie noch nicht vollständig übersetzen konnte. Nachrichten der»United Preß" aus Riga, wo die Not« bereits bekanntgeworden fem soll, sagen jedoch, daß die Antwort ablehnend ist. Di« beantragte Zulassung eines Untersuchungsausschustes wird mir den Worten abgetaut.Die Völkerbundes! fremde Kontrolle in der verhungerten Zone wäre unerträglich." Die Ernennung Noulens zum Vorsitzenden wird eine Beleidigung für Sowjetrußland genannt. Weiter wird darauf hingewiesen, daß die Mitglieder der Hilfskommission für Frankreich und Japan Sowjet- rußland in der Praxis bekämpfen. »Daily Herald" meldet die Ankunft der russischen Antwort(die an England, Frankreich, Italien und Japan gerichtet wurde) in London. Auch nach dieser Veröffentlichung zeigt Rußland keine Neigung, den Untersuchungsausschuß zuzulassen. Tschitscherin nennt danach den Vorschlag der Noulcns-Kommission eine„zynische und augenscheinllch absichtliche Verschleppung durch den Obersten Rat" und einen„ungeheuerlichen Hohn auf Kosten von Menschen, die Hungers sterben". Republik Kranken? München, S. September.(Eigener Drahtbericht des„Vorwärts".) Die Münchener Presse ergeht sich in Kombinationen über die Art des in Berlin angeblich angebahnten Kompromisses. Wäh- rend die Bläller der Mittelpartsien sich eines eingehenden Kom- mentars enthalten, gefällt sich die„München-Augsburger Abend- zeitung" in Schimpfereien der geistigen Väter der Ausgleichsformeln. Sie meint, ihr Gewährsmann müsse schlecht unterrichtet sein, die Zustimmung zu diesem Kompromiß durch die bayerische Regierung sei vollkommen ausgeschlossen. Die bayerische Regierung würde sich damit selbst aufgeben. Schon das Zugeständnis einer milderen Aus- Übung des bayerischen Ausnahmezustandes fei eine Halbheit, die nach Ansicht des Blattes das schlimmste wäre, was herauskommen könnte. Die Ortsgruppe München der Dcutfchnationalen Volkspartei erlägt einen Aufruf, in dem sie ein Nachgeben gegen Berlin für verderblich erklärt und die bayerische Regierung auffordert, stark zu bleiben. Das Gespenst einer nordbcyerischen Republik scheint die bürgerliche Presse Bayerns gewaltig zu schrecken. Der Alarm- ruf des Nürnberger„Fränkischen Kuriers" zur Bildung einer bürger- liehen Abwehrfrant gegen die„Republik Franken" wird in allen Blättern mit blutrünstigen Drohungen gegen den Hochverrat abge- druckt, so von den„Münchener Neuesten Nachrichten" unter dem Tllel„Das Spiel mit dem Feuer". Die gestrige Versammlung der USP., in welcher der Haupt- redner des Abends die Errichtung einer von Kahr-Baycrn unabhängigen nordbayerischen Republik in Aussicht stellte, hat zu den ausführlichsten Kommentaren Anlaß gegeben. Ein Blatt verhöhnt die nvrdbaycrifchen Genossen sogar mit der Ankündigung eines ncrdbayerifchen Präsidenten. öaperische Koalitionsgenoffen. In den„Blättern der Bayerischen Mittelpartei"— so nennen sich die Deutschnationalen in Bayern— findet sich folgende liebevolle Betrachtung über die linken Koalitionsbrüder der Kahr- Regierung, die Deutsch-Demokraten: Die Daitsch-Demokraten demonstriere« in Berlin mit... Se sind in der Mitte. Se haben gewettert gegen rechts, se haben gewettert gegen links, se haben gemacht eine Verbeugung nach der einen Seite und während se haben gehabt dos Gesicht nach rechts, haben se gehabt den Hintern nach llnts, und da hat ihnen einer gehauen drauf, und dann haben fe sich herumgedreht und haben gehabt das Gesicht nach links und den Hintern nach rechts, und da hat ihnen auch einer gehauen drauf. Und das hat s« sehr mitgenommen und se haben dabei sehr abgenommen. Und nu, da se sich„fühlen berufen zusammen- zuführen alle Volksgenossen in der Treue zur Republik, zur Demokratie und Vcrfasiung", haben sie sich begäben in Verlin auf die Straße und haben am Mittwoch demonstriert im Schatten der roten Fahne. Es hat ihnen am Mittwoch also nichts können postieren. Wird auch sein wieder einmal eine nationale Kl nd- gebung in Berlin werden fe vielleicht gehn im Schatten der schwarzweißroten Fahne. Nehmen s» von der linken Fahne das Rot, nehmen se von der rechten Fahne das Schwarz, Gold haben se selber, macht schwarzrotgold, Gott wie heißt.... Die„Blätter der Bayerischen Mittelpartei" sind, wie die „Münch. Post" hervorhebt, eine Zeitungskorrcspondenz, bedienen also die deutschnationalen Blätter mit Artikeln. Herausgeber dieser Blätter ist die Hauptgeschäftsstelle der Bayerischen Mittelpartei in Nürnberg. Es handelt sich also nicht um eine Entgleisung irgendeines unpolitischen Menschen, der sich zur Mittelpartei rechnet. Well die Demokraten für di« Deutsche Reichsrepublik und Weimarer Verfassung eintreten, werden sie« von ihren baye- rischen Koalitionsfreunden hinten und vorn m i t Dreck beschmiert. Vielleicht wird einigen Demokraten klar, daß sie einmal ernstlich erwägen müssen, was denn mit der Baye- rischen Mittelpartei ist, wenn ihr die Demokraten energisch ihr Hintertell zeigen würden. ZeitungSverbote. Breslau, 9. September.(WTB.) Die„Schlssische Tages- p o st" ist auf drei, die„A r b e i t e r z-e i t u n g" auf fünf Tage wegen Vergehens gegen die Verordnung des Reichspräsidenten verboten worden. Zrauen und Parteiprogramm. Von Clara Bohm-Schuch. In der außerordentlich lebhaften Aussprache, welche in der sozialdemokratischen Presse über den Entwurf zu einem neuen Parteiprogramm bisher stattgefunden hat, haben die Stimmen der Frauen so gut wie ganz gefehlt. Das könnte den Anschein erwecken, als ob die Frauen zu dem Entwurf nichts zu sagen wüßten oder als ob ihnen die Procframmfrage überhaupt gleichgültig fei. Beides trifft natürlich nicht zu. Auch unser Leben ist, genau wie das der Männer, unlöslich mit all den Fragen des Staats-, Wirtfchafts- und Kulturlebens verbunden, die in dem Programmentwurf berührt werden. Da wir Frauen aber innerhalb der Sozialdemokratischen Partei gewissermaßen immer die Schar der Gläubigen, Zu- kunfthoffenden dargestellt haben, so haben wir an der Gestal- tung, an der Form unseres Parteiprogramme? das größte Interesse. Wir wissen, wie knapp und klar der Weg gezeichnet, wie leuchtend das Ziel zum Sozialismus gewiesen sein muß, wenn unsere lasttragenden, müden— und doch mit brennender Sehnsucht suchenden— Schwestern mit uns kommen sollen. Ja, wegweisend, zielsicher und klar soll unser Parteiprogramm sein. Schlichte und ungesuchte Worte, die von den einfachsten Menschen verstanden werden. Und dennoch muß aus seiner Sprache der Rhythmus der Arbeit und des Lebens klingen— Wucht und Schönheit zugleich. Nicht nur wir Frauen wollen es so, sondern auch die Jungen: unsere so ernst suchenden und ringenden Knaben und Mädchen von heute, die die Männer und Frauen, die Menschheitskümpfer von morgen sind. Das Erfurter Programm hatte viel von diesem ehernen Klingen: der neue Entwurf hat nichts davon. Nicht in der theoretischen Einleitung, nicht in den Einzelforderungen. Auch das Kulturprogramm, dessen Form manchen Genossen und Genossinnen schön erscheint, hat nichts von der schlichten Klar- heit, die allein Schönheit ist. Ich fühle manches spöttische Lächeln und die Frage:„Ist die Form s o wichtig?" Jawohl, sie ist es in diesem Fall, denn sie umschließt den Inhalt nicht nur, sie kennzeichnet ihn auch. In der Form unseres Pro- gramms wird immer die Klarheit oder Unklarheit, die Ein- heitlichkeit oder Zerfahrenhest unserer Bewegung zum Aus- druck kommen. Von vielen Seiten war bemängelt worden, daß das Wort Klassenkampf im ersten Programmentwurf überhaupt fehlt. In dem revidierten Entwurf ist es wieder aufgenommen. Wir sollen uns vor Phrasen hüten, gewiß. Aber das Wort im Parteiprogramm bedeutet das klare Bekenntnis zu dem, was wir sind und wollen, zum Wesen unserer Partei überhaupt. Bei den Einzelforderungen wird man zunächst die Frage aufwerfen müssen, ob es überhaupt möglich ist, sie in einem Parteiprogramm zu zergliedern. Verneint man die Frage, dann sind der Dinge zuviel genannt: bejaht man sie aber, wie die Kommission es getan bat, dann steht zum wenig darin. Be- sonders für die Frauen. Nach der Berfasiung sind wir st a a t s- bürgerlich den Männern gleichberechtigt, gesellschaftlich sind wir es heute auch nach der Verfassung nur„grundsätz- lich". Das heißt, daß die tatsächliche wirtschaftliche und recht- liche Gleichberechtigung der Frau noch erkämpft werden muß. Diese Notwendigkeit sollte im Programm betönt werden. Die in Familie und Beruf nach Selbständigkeit und Anerkennung ihres Entwicklungsrechtes ringenden Frauen sollen wissen, daß sie in unsere Reihen gehören, weil die Sozialdemokratie ihren Kampf kämpft. Auch um der Klärung willen in den eigenen Reihen täte es not. Im sozialpolitischen Teil ist manches für die Frauen gefordert; genug ist es nicht. Wir sollten uns nicht scheuen, für Frauen und Jugendliche den sechs» stündigen Arbeitstag zu oerlangen. Wie überhaupt in unserem Programm zum Ausdruck kommen müßte, daß die Arbeitslosigkeit in erster Linie durch Verkürzung der Arbests- zeit bekämpft werden muß und daß jeder Mensch das Recht auf Erwerb durch Arbeit bat, die Frau sowohl als der Mann. Die berufstätige Mutter ist viel zu wenig berück» sichtigt, und gerade ihre Zahl ist durch den Krieg ungeheuer gestiegen. Beruf und Mutterschaft sind auch im neuen Deutsch- land noch immer einander feindliche Begriffe, und doch muß die Möglichkeit geschaffen werden, sie zu vereinen. Wenn die Frau sich zu ihrem vollen Persönlichkeitswert entfalten soll zum Wohle der Gesamtheit, muß sie beides sein dürfen: Mutter und Arbeiterin. Mir scheint noch immer die Halb- tagsbeschäftigung als der beste Weg. Der Kapitalismus hält ihn für nicht gangbar: kann uns das hindern, ihn zu fordern. wenn wir ihn für gut befinden? Die uneheliche Mutterschaft ist ja nach dem Willen der bürgerlichen Parteien selbst in der Verfassung minderen Rechts. Auf keinem anderen Gebiete kommt der Klassencharakter der kapitalistischen Gesellschaft in seinem unmoralischen Widersinn so zum Ausdruck wie hier. Um so mehr müssen wir Sozialdemokraten für die Aner- kennung der Muttecschaftsleistung als solcher uns einsetzen und vor allem im Wirtschaftsleben jede Benach» teiligung der ledigen Mutter bekämpfen. Deshalb möchte ich in dem besonderen Absatz über die Beamtenforderungen, der dem sozialpolitischen Teil angefügt ist, den letzten Satz so andern: Freier Aufstieg der Beamten beiderlei Ge- s ch l e ch t s lediglich auf Grund ihrer Befähigung. Die für unser Volk lebenswichtige Frage der Bevölke- rungspolitik ist in verschiedenen Abschnitten nur nebenher er- wähnt. Wollen und können wir denn wirklich dieses Gebiet übergehen und uns einbilden, wenn wir uns dieser ganzen Not gegenüber blind stellen, so ist sie nicht da? Die Zluffassungen in unserer Partei sind hier nicht klar und einheitlich, aber sind sie es vielleicht in der Sozialisierungs- oder Agrarfrage? Da- dunch daß wir diese Dinge umgehen, sie nicht besprechen, weil sie»heikel" sind— wie mir neulich ein gebildeter Genosse ant- wartete—, wird keine Klärung, sondern nur mehr Verwirrung und Schaden am Volksganzen herbeigeführt. Außerordentlich interessiert sind wir als Frauen und Mütter naturgemäß an dem Abschnitt über Kultur- Politik. Ich lehne die Form dieses Teilentwurfes ab, weil sie, wie ich schon ausführte, meinen Anforderungen an Klarheit und schlichter Schönheit nicht genügt. Im übrigen hat der Genosse Dr. Karsen in seinem Artikel im„Vorwärts" bereits alles gesagt, was ich hierzu sagen könnte. Nur möchte ich noch einen Satz voraufgsstellt haben, der betont, wie unsere Partei durch den wirtschaftlichen Kampf Kulturarbeit geleistet hat, daß für uns beides unzertrennlich ist und wie alle Sehn- sucht nach besserem Menschentum nur im Sozialismus Er- siillung finden kann. Nur einige Fragen konnte ich hier aufwerfen, einige Wünsche aussprechen und nur für mich eine Kritik am Gesamt- entwurf üben. Ich hoffe aber, daß viele Frauen im Laufe des nächsten Jahres ihre Meinung zu dem Hrogrammentwurf igen werden, wenn er von dem Parteitag in Görlitz einer -uen Kommission zur endgültigen Bearbeitung überwiesen ist. Ds? Kahr-Zuftanö. Von einem partetgenösfischen Rechtsanwalt wird uns aus München geschrieben: Bei den Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und den Vertretern der bayerischen Koalitionsparteien über die Aushebung des Ausnahmezustandes ist zu beachten, daß viele Eigentümlichkeiten des bayerischen Ausnahmezustandes m i t Politik an sich nichtdasgering st ez uschaffen haben, daß aber die bayerische Regierung und ihr Llnhang auch an der Slufrechterhaltung dieser Eigentümlichkeiten in einer Hartnäckigkeit festhält, die einer besseren Sache würdig wäre. Warum in aller Welt sollte es z. B. die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit gefährden, wenn die L a i e n- b e i s i tz e r der bayerischen Volksgerichte ausgelost würden, wie das für jeden Rechtsstaat eine glatte Selbstver- ständlichkeit bedeuten würde, statt daß sie ernannt werden und statt das'man bei allen politischen Prozessen immer wieder denselben Gesichtern anerkannt zuverlässiger Laienrichter begegnen würde? Zu welchen Vorgängen das führt, zeigt sich z. B. an der Tatsache, daß im vorigen Jahr das Volksgericht Hof einen bereits ernannten Beisitzer des dortigen Schutzhaft-Bescbmerdegerichts wieder entließ, weil sich herausstellte, daß der Mann der USP. angehörte. Warum erfordert es das öffentliche Interesse, daß jeder Beschuldigte im nolksgerichtlichen Verfahren des ihm im ordentlichen Ver- fahren zustehenden Rechtsmittels der weiteren Haft- beschwerde grundsätzlich beraubt ist? Warum müssen alle Personen, die in den letzten zwei Jahren in Bayern des schweren Diebstahls oder der Hehlerei, des Totschlages oder der Notzucht verdächtig waren, im Falle chrer volksgericht- lichen Verurteilung nicht nur der Berufung und der R e- oision entbehren, sondern auch außerstande gesetzt werden, die Wiederaufnahme des Verfahrens zu be- treiben, wenn sich das Urteil als Fehlurteil herausstellt? Oder sollte es tatsächlich ein zutreffendes Urteil sein, wenn das Volksgericht München im Jahre l921 einen 18jährigsn kommunistischen Kutscher mit einem Jahr sechs Monaten Zuchthaus bestrafte, weil er sich die Adressen von Mitgliedern der Reichs-, Sicherheits- und Ein- 'whnerwehr aufgeschrieben hatte, und weil das Gericht erklärte, es habe die Ueberzeugung, daß dies zu dem Zwecke geschehen sei, um die Genannten im Falle eines poli- tischen Putsches umzubringen? Es mußte das Rechts- bewußtfein des bayerischen Volkes auf das schwerste er- schüttcrn, wenn Monate und Monate hindurch die Linksradi- kalen, die von der Gewalt redeten, in schwere Gefängnis- und Zuchthausstrafen genommen wurden, während die Rechts- radikalen, welche sie betätigten, entweder nicht gefunden oder aber in lächerlich niedrige Strafen genommen wurden. Man denke z. B. daran, daß die beiden reaktionären Stu- denten, die zugegebenermaßen den Reichswehrfoldatcn Mar Dolner halbtot geschlagen hatten, vom Schöffengericht Freising mit je 150 Geldstrafe bedacht wurden, eine gerichtlich- staatliche Anreizung zur Gewalttätigkeit, wie man sie sich krasser kaum denken kann! Ein System dieser Art hat keinen Anspruch auf Dauer. Selbst wenn man behaupten könnte, daß in Bayern nicht ohne Ausnahmezustand regiert werden könne, müßte dieser Aus- nahmezustand fallen. Eine Reichsregierung, die ihn bestehen ließe, würde der weiteren Verwilderung aller Rechtsbegriffe, wie sie in den Fällen Gareis und Erzberger ihren traurigsten Ausdruck gefunden hat, direkt Lorschub leisten. Aber wie soll man den Versicherungen der bayerischen Regierung, man könne ohne ihren Ausnahmezustand nicht auskommen, Glauben schenken, wenn man immer wieder diese Regierung und ihre Anhänger sich rühmen hört,«wir Bayern" seien die„O r d n u n g s z e l l e", in der nur Recht und Gesetz gelten, das übrige Reich sei der Herd der Unruhe? Gerade die Ablehnung der Reichsverordnung ist der sicherste Prüfstein dafür, daß es rein politisch partikuloristische Erwägungen sind, die das Verhalten der bayerischen Regierung diktieren. Eine weitere Schwäche oder Abwartende Haltung gegenüber diesen Regungen könnte in der Tat das Ende des Reiches be- deuten._ Eine Leitung üer Deutschen Volkspartei. Am 30. September wird in Berlin eine neue Tageszeitung zu erscheinen beginnen, die„Die Z e i t" heißen wird. Die neue Zeitung soll ein Organ der Deutschen Volkspartei wer- den, nachdem dieser durch das Vordringen des deutfchnatio- nalen Kapitals sowohl der„Lokal-Anzeiger" wie auch die „Tägliche Rundschau" weggenommen worden sind. Die Lei- tung des Blattes wird der bisherige langjährige Herausgeber der„Täglichen Rundschau", Herr Heinrich R i p p l e r, über- nehmen, der bekanntlich der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei angehört._ Für Erhöhung ües Kohlenpreises. Heute finden im Reichzwirtfchaftsministerium die Verhandlungen über den neuen Kohlenpreis statt. Wie die PPN. hören, ist die Reichsregierung bereit, die aus der reinen Lohnerhöhung entstehende Verteuerung in den Kohlenpreis einzu- rechnen. Gegen die weitere von der Industrie gewünschte Er- höhung der Kohlenpreise wird sich hingegen die Reichsregierung so lange sträuben, als die Höhe der Selbstkosten nicht genau nach- gewiesen ist. Die Märzunruhen in Mittelöeutschlanü. Der Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtags setzte am Freitag die Vernchmung der Generalzeugen fort, und zwar erfolgte zunächst die des Oberpräsidialrats Breyer aus Magdeburg. Dieser bekundete, daß d-i« Entwaffnung in bürgerlichen Kreisen fast restlos durchgeführt worden fei. Rur auf dem Lande sei das nicht ganz möglich gewesen. Den Aufständischen seien zahlreiche Waffen der Einwohnerwehr in die Hände gefallen. Von einer von langer Hand vorbereiteten Roten Armee zu sprechen, gehe zu weit. Auch bei und nach dem Kapp-Putsch habe man sich über ihr Vor- Handenstin kein festes Urb: st bilden können. Allerdings find dem Zeugen die Lageberichte der Meldestellen nicht regelmäßig zuge- gangen. Auf eine Frag« des Abg. Dr. Kausbold(Dnat. 23p.) erwidert der Zeugs, Zahlen über die in den Händen von Arbeitern be- findlichen Waffen könne er nicht angeben. Auf weiteres Befragen »es Vorsitzenden Kukknec bekundet der Zeuge weiter, im Jahr« 1920 fei eher cine disziplinierte Note Armee in die Erscheinung getrete» als 1921. Er glaubt auch nichl, daß eine Ro:s Armee sich der Auf» merkfamkeit der Behörden lange Zeit entziehen könne. Abg. heidenreich(D. Vp.) fragt, ob dem Zeugen bestimmte Nach- richten über das Bestehen einer Roten Armee zugegangen seien. Der Zeuge verneint da-, er hat derartige Nachrichten nur aus Zeitungen entnommen.„,,,__,. Usber die Gefahr eines Rechtsputfches betragt, be« kündet der Zeuge, es sei ihm davon nichts bekannt. Organisationen seien nur mit Billigung der Behörden als Selbstschutz bekannt ge- worden. Solche mit polilischen Zwecken haben nicht bestanocn. Ueber die Beteiligung der kommunistischen Par- t e i« n und ihrer Presse kann der Zeuge nichts aussagen. Die Vernehmung wendet sich der B e h ö r de n o r g a n l sa t i o u zu. Der Zeuge bekundet, die Meldestelle besteh« selbständig v�ben dem Oberpräsidium, sie werde allerdings von einem Mitglied des ObsrpräsidiumZ. Oberregierungsrat Fveysing, geleitet. Auf eine Frage des Abg. v. Eyn-ru(D. 23p.) gibt der Zeuge ein« ausführliche Schilderung der gesamten 2Zehördenorgan!sation und ihrer Wandlungen. Die Trennung-Iinie zwischen politischem Rmerat und allgemeiner Verwaltung sei oft schwierig, sie Hab« manchmal geschwankt. An den Fall der Besetzung des Bürgermeisterpostens von Hettstedt kann sich der Zeuge nicht erinnern. Es sei möglich, daß Regierungspräsident v. Gersdorsf gelegentlich mit ihm darüber ge- sprachen habe. Der Zeuge erklärt weiter, daß er als SZertreter des Oberpräsidenten nicht bei allen Referentenvorträgen zugegen se,. Bei der politischen Abteilung sei es möglich, daß«>n Schriitstuck ihm nicht zur Gegenzeichnung vorgelegt werde, namentlich Angelegen» Heiken, die von der Meldestelle ausgehen. �, Berichterstatter Dr. v. D r y a n d e r: Viele Beamte des Ober- Präsidiums haben mir erklärt, daß sie häufig über die von ihnen zu bearbeitende« Angelegenheiten nicht insormiert wurden. Hat der Zeuge bei der Verfügung des Obervrösidiums mitgewirkt, wonach die Regierungspräsidenten nur an die Meldestelle, nicht aber direkt nach Berlin berichten sollen? Sie trägt die Unterschrift eines Leutnants der Meldestelle. Zeuge: Meines Wissens nicht. Ich habe oft das Gefühl gehabt, nicht insormiert zu sein, aber ich kann mcht sagen, daß ich absichtlich übergangen worden sei. Auf weiteres-Be- fragen des Vorsitzenden bekundet der Zeuge, bei den Maß- nahmen zur Verhütung des Ausitandes habe er nicht mitgewirkt. Er sei nicht St-llvcrtreter des Stoatskommissars, der nur zufällig zugleich Oberpräsident war. Es wäre für die Zeugen natürlich er- wünscht gewesen, bei ordnungsmäßigem Gang der Geschäfte hmzu- gezogen zu werden. Das Oberpräfidium Magdeburg sei zu nn2' licher Zeit außerordentlich stark überlastet gewesen. Hinsichtlich der Bewährung der Landräke und Amtsvorstchee erklärt Zeuge aus Befragen, dem Oberpräsidium Hobe nur die De- stätigung der Amtsvorsteher obgelegen. Während seines Referats, oas er neun Monate in Vertretung geführt habe, fei in 18 Fallen die Vestätiguna versagt worden. Im ollgemeinen habe er sich um die politischen Ansichten der vorgeschlagenen Amwvorsteher nicht gekümmert, indessen ausgesprochene AnHanger der da- mals noch vereinigten Unabhängigen Partei mcht de- stattzU, weil er sie nicht für zuverlässige Vertreter der Verfassimg an» gesehen habe, sie hätten nicht die Gewähr geboten für unbedingtes Eintreten für Staat und Autorität. (Fortsetzung in der Morgenausgabe.) Für alten Partei zurück. Die Ortsgruppe der Unabhängigen in Euxhaven ist geschlossen zur alten Parte! übergetreten. Dem Uebertritt ging, wie das.Hamburger Echo" meldst, eine Besprechung der Vorstände vor- aus. In einer gemeinsamen Versammlung am 6. September wurde sodann nach einer lebiiaften Aussprache der Uebertritt gegen nur vier Stimmen, die eine Arbeitsgemeinschaft wünschten, beschlossen. Die Bekanntgabe des Resultats löste in der Versammlung große Be- geisterung aus. Die Ortsgruppe der USP. zählte etwa 300 Mitglieder.__ „Ilm die Fahne der Republik." Von Dr. Ed. David.(Preis 2 M.) Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW.S8.�.... Immer kühner heben die monarchistischen Reaktionare ihr Haupt, immer dreister führen sie die Fahnen und Farben des alten Militär- Privilegiertenstaates den Anhängern der Republik vor die Augen. Diese aber lassen sich das ruhig gefallen und machen keine Anstalt, die Wahrzeichen der Monarchie durch die der Republik zu ver. drängen. Diese Lässigkeit kann gefährlich werden. Es ist hohe Zeit zur Gegenwehr. Das Sckristchen von David bietet scharsgeschllfsene Waffen aus Geschichte und Gegenwart für diesen Kampf um die Ehre der Republik und ihrer Hoheitszeichen. flnzengrubsr als Schauspieler. Wie so mancher große Dramatiker der Weltliteratur, wie .,ukespeare und Mokiere, Raimund und Nestroy, ist auch Anzen- �ruber ursprünglich Schauspieler gewesen. Wir haben in seinen Briefen eine erschütternde Schilderung des ganzen Elends, das die edle Natur bei dem Schmierentrciben der fahrenden Komödianten ergreift. So viel wir aber über die Empfindungen des Dichters in diesem wirrevollcn Wanderjahrzehut wissen, so wird doch die wirk- liche Umwelt, in der er sich damals bewegte, erst setzt lebendig in dem sein Schauspiclertum behandelnden Kapitel der Anzengruber- Biographie, die Professor Alfred Kleinberg soeben im Cottaschen Verlag zu Stuttgart erscheinen läßt. Der Wunsch des jungen Anzengruber, Schauspieler zu werden, war etwa wie der Drang des jungen Keller zum Malen,«ine ver» kehrte Richtung, die der unbewußt zum Licht drängenden Begabung gegeben wurde. Er selbst bot in einer im Nachlaß erhaltenen Auf- Zeichnung gesagt:„Mein erster Ehrgeiz war ein schauspielerischer. Natürlich, es galt ja nur s i ch zu zeigen, was man sei; das dichte- rische Schaffen vor allem für m i ch. Das kam— aber zur Idylle neigte alles. Der Kampf warf erst das Elend hinein." In diesem letzten Satz ist wie in einem Brennpunkt die Tragik des„hübschen schlanken" Burschen bezeichnet, der sich zunächst von dem Komiker Treumann dramatischen Unterricht erteilen ließ und dann in einem der elendesten„Musentcmpel", die es je gegeben, in dem Mcidlinger Theater des Direktor Groll, die weltbedeutenden Bretter betrat. „Ueber den Spielplan", so schilden Kleinberg diese Bühne,„entschied der Geschmack der Schusterjungen oben aus der Galerie, weshalb noch an manchem Sonn- und Feiertag— denn nur an diesen er- laubte die Konzession Herr Groll Theater zu spielen— Schanerstücke vom Schlage der„Totenglocke um Mitternacht" oder des„Gespenstes vom Nabenstein" über die Bretter gingen. Stubenmädchen und Kellnerburschen mußten ihr Bedürfnis, sich als Karl Moor oder Jeann« d'Arc zu zeigen, mst teueren Anschaffungen für die Garderobe büßen, und es versteht sich von selbst, daß Groll niemandem ein Honorar zahlte." Anzengruber hat dann den Jammer des Schmierendaseins bis zur Neige durchgekostet. Heute war er mit einer Wandertruppe in Oberösterreich und der Steiermark, ein paar Monate später an der ungarisch-türkischen Militärgrenze. Agentenkniffe und Ränke der Berufsgenossen, Dcmüiigungem in der Wiener Schauspielerbörse »Zum Wasen", Bettelgehalte von 20 bis 30 Gulden den Monat und Kontraktbrüche, Dachkammern und öde Wirtsstuben als Rah- men des„bürgerlichen" Lebens, Scheunen und aufgelassene Kirchen als Rahmen der»Kunst"— das sind die Ereignisse, die bald immer lauter von dem Ruf des Enttäuschten„Fort von der Schauspielerei!" übertönt werden. Zu der Erkenntnis, dag er(einen Beruf verfehlt habe, ringt er sich aber doch erst langsam durch und schreibt schließ- lich am 25. November 1863:„Ich bin im vierten Jahre meiner schauspielerischen Laufbahn da, wo Ich anfing, denn am heutigen Tag spiele ich in der„2Äaise aus Lowood" den Sam, also gerade jene Rolle, welche ich vor vier Jahren in Meidling gespielt habe. Das ermutigt und spornt an— zum Totschießen." Nun wird ihm klar, daß in der Schauspielkunst Vernunft und Verstand nie das Genie ersetzen können und daß ihm das Genie fehlt. Ueber die mangelnde mimische Begabung Anzengruber? sind sich die wenigen, deren Urteile über seine schauspielerischen Leistungen erhalten sind, einig. Während er als Vorleser Vortreffliches leistete, fehlten ihm vis Schauspieler die äußeren Mittel. So gab Anzengruber nach schmerzlichem Kampf die Eroberung der Bühne als Schauspieler auf, aber er hatte doch hier zum erstenmal sein angestammtes Reich be- treten, das er später als Dramatiker beherrschen sollte. Belohnungen für medizinische Entdeckungen. In englischen Aerz'.ekreisen ist eine Bewegung entstanden, die darauf zielt, Aerzten, die ein« wichtige Entdeckung gemacht haben, eine staatliche Anerkennung zuzubilligen, etwa in Gestalt einer jährlichen Pension oder dergleichen. Man begründet das 23erlang-n damit, daß Aerzte vielfach ihre Entdeckungen oder Erfindungen, mit denen sie ein Vermögen erwerben könnten, im Inderesse der gesamten Mensch- heit öffentlich bekanntgeben;«in Ingenieur oder Chemiker könnte sich eine gleichwertige Leistung patentieren lassen und den alleinigen Vor- teil davon haben. Zum Vorkämpfer der Idee hat sich Ronald Roß gemacht. Den Anstoß gab der Fall eines Militärarztes, der während des Kriege» einen wichtigen Fortschritt in der Behandlung der Röntgenopparate angab. Die Neuerung wurde sofort allgemein«in- geführt und brachte großen Nutzen. Nach dem Kriege dachte der Arzt daran, daß e» in England ja eine Staatskommission zur Belohnung von Erfindern gibt, und er richtet« an diese eine Eingabe. Darauf erging aber der Bescheid: die Kommission erkenne das Ver- dienst der Erfindung und ihren Nutzen vollkommen an, ober sie über- sehe auch nicht den idealen Sinn, der die Vertreter der medizinischen Wissenschaft seit Jahrhunderten ausgezeichnet habe; sie wolle diesen idealen Sinn nicht dadurch zerstören helfen, daß sie den Geldgewinn durch eine nachträgliche Belohnung hineinschmuggele usw. Also mußten Mediziner, die Erfindungen machten, aus dem Ring der zu belohnenden Erfinder ausgeschlossen bleiben. Höhnisch fragt daraus Ronald Roß, ob das nicht bedeute, daß man alle Erfindungen zur Zerstörung von Menschenleben reichlich belohnen müsse, Erfindungen zur Rettung und Heilung dagegen unter keinen Umständen! In der medizinischen Presse Englands wird auch daran erinnert, daß man früher doch anders verfahren fei. So habe Ienner, dem man die Einführung der Schutzimpfung verdankt, vom Staat« 30 000 Pfund Sterling erhalten, eins in jenen Zeiten ungeheure und heu!« nach recht anfehnliche Summe Geldes. Neuerdings hat sich der große englisch« Aerzteverein der Sache angenommen und will das Parla- inent in 2S«wegung. setzen. Die ganze Frage zeigt, in welche Sackgassen die Bewertung gcisiiger Arbeit in der kapitalistischen(Besellschast führt. Ein kühner Springer. Von der Brooklynbrücke in New Fork, von der schon so mancher in den 43 Meter darunter fließenden Ecst River gesprungen ist, weil er des Lebens überdrüssig war, sprang knrzlich ein Mann, um sich das Leben zu verdienen. Natürlich für eine Filmaufnahme. Der kühne Springer war ein früherer See- mann namens Earone, der schon eine ganze Anzahl ähnlicher Sprünge ausgeführt hat. Da die Selbstmorde von der Brooklyn- brücke'so häufig sind, passen die wachthabenden Schutzleute gut auf und find immer gerüstet, Lebensmüde vom Geländer zurückzureißen. Auch als Carone auf dem Geländer stand, kamen zwei Schutzleute herbeigeeilt: aber alles, was sie noch fassen konnten, war sein Hut, den er ihnen zuwarf. Einen Augenblick später hörte man ein Klat- schen auf dem Wasser, eine Wassersäule schoß auf, und in der nächsten Minute sah man Carone auf einen kleinen Dampfer zu- schwimmen, der ihn mit einem Bootshaken an Bord holte. Dies war der zweite Sprung Carones von der Brooklynbrücke. Er hat schon eine lange Liste ähnlicher Taten zu verzeichnen. Er ist u. a. von der London Bridge, von der Spitze eines sechzig Meter hohen Krans in Glasgow und von einem Schiffsmast gesprungen. So elegante Sprünge wie Josef Leuwenmcrrk im Frühjahr 1914 in San Francisco jedoch hat Carone noch nicht ausführen können. Lsuwen- mark, der die Meisterschaft im Hochsprung gewann, als er in Kansas City von einem 82 Meter hohen Turm sprang, starb im nächsten Jahre am Blutsturz. Zweierlei Karriere. In Berlin macht zurzeit folgendes Ge- schichichen die Runde: Die jüdische Gemeinde von Tarnopol in Galizien benötigte eines Tages eines Rabbiners. Von guten Freun- den wurde dem Gemeindeoorstand mit den wärmsten Empfehlun- gen ein reichlich unscheinbarer Mann zugeschustert, der auch vor- läufig Anstellung fand. Aber es zeigte sich, daß der Rabbinaiskan- didat nicht einmal schreiben konnte. Um ihn möglichst rasch los» zuwerden, gab man ihn einer Gesellschaft von Reisenden mit, die sich eben nach Berlin in Marsch setzte. In Berlin ging es dem Kon- didaten a. D. nicht schlecht. Nach gebührender Zeit konnte er, im Besitz ansehnlicher Reichtümer, von der Grenadicrstraße nach dem Kurfürftendamm übersiedeln, und das alles, ohne daß er Schreiben gelernt hätte. Vielmehr ließ er seine Geschäftskorrespondenz regel- mäßig von seiner Tochter erledigen. Eines Tages nun war die Tochter krank, und er mußte selbst auf die Bank gehen, um Bargeld abzuheben. Aber er konnte die Bankquittung nicht unterschreiben. Der Kassierer war darüber gar sehr erstaunt.'„Wie," sagte er,„ein Mann in Ihrer Position kann nicht schreiben? Gestatten Sie, wie weit hätten Sie es wohl erst gebrächt, wenn Sie schreiben könnten?" Darauf der andere achselzuckend:„Bis zum Rabbiner von Tar- nopol."_ Fritz von Unrnhs Drama„LouiS Ferdinand«, daZ früher aus Zenfurgründcn nicht gegeben weiden konnte, wnd im Deutschen Theater zur ErstaussShrung in Berlin gelangen. Für die Regle ist Gustav Härtung gewonnen. Japan uutcrs.Ltzt die dentiche Medizin. Ta» japanische Kon'ulat in Köln ieilt mit, dag die medizinischen Fakultäten in Japan eine Summe von«50 000 M. zur Verteilung unter die deubchen und österreichischen medizinischen Fakultäteu g-ftijtct haben. GrsKSerüu Jm Negerüorf. Draußen am Rande der Großstadt, wo noch leere weit« Flächen chrer Bebauung harren, tauchen in letzter Zeit immer mehr, wie aus dem Boden gestampft, Städte und Dörfer aus, die ebenso schnell wieder ganz oder teilweise verschwinden, als Wahrzeichen unserer atemlosen Zeit, die sich im Selbstvergessen nicht genug tun kann und es fortgesetzt versucht, im chineinträumen in ferne, uns jetzt fast un- erreichbare Länder, sich über sich wegzubringen. Diesem Bestreben kommt nichts so sehr entgegen als die Filmindustrie mit ihrem kolossalen Apparat an künstlerischen und technischen Hilfsmitteln. Und wenn dabei auch oft dem„Kitsch" ein allzu breiter Raum gelassen wird, so trifft man doch auch wieder auf ernste und künstlerische Arbeit, die einen nur bedauern läßt, daß sie vergänglichen Zwecken dient. Dies Bedauern drängt« sich einem wieder auf bei der Besichtigung des von der„Uebersee-Filmgesellschaft" für ihren neuesten Film „Eine Weiße und Kannibalen" aufgestellten Ncgerdorfes. Es war wirklich eins Freude, dies vom Architekten Eolumbus mit so großer Stilechtheit aufgeführte Dorf zu besichtigen, in dem nichts fehlte, weder der aufgestellte Fetisch am Eingang, wie die Getreideurne in der Mitte des Dorfes, um die sich die Hütten gruppierten. Die Reger fühlten sich darin auch wie zu Haus« und konnten sich nicht genug tun an Kriegstänzen und Spielen, die man in kurzem ja auf der Leinwand sehen wird. Stimmungsvoll wirkte auch die Szene, als bei einbrechender Dämmerung sich die Negcrfamilien um ihre Lagerfeuer gruppierten und die weichen verschwimmenden Konturen des Bildes der Szene etwas ungemein Echtes gaben. Und ein grandioser An- blick war es, als bei völliger Dunkelheit die Reger mit ihrer 5)abe das brennende Dorf verließen. Da unterstützte allerdings auch noch die Rgtur die Kunst der Regie, denn es war schön und grausig zu- gleich zu sehen, wie sich die Flammen im Wasser widerspiegelten und über allem in ruhiger Klarheit die goldene Mondsichel stand. Die Regie dieses interessanten Films führt ein Kenner des dunklen Erdteils, Herr Schomburg, und man hätte wohl auch kaum jemand geeigneter finden können als ihn. der jahrelang in Akrika lebte und der Land, Leute, Sitten und Gebräuche und auch die Sprachen der einzelnen Volksstämme kennt. keine Kartoffelverteuerung- Die Ernleaussichken durchaus günfkig. Das Wolff-Bureau orakelt optimistisch folgendermaßen: In der Presse und im Publikum sind wiederholt Befürchtungen laut geworden, daß die diesjährigen Kartoffelpreise von Interessen- tenseite übermäßig in die Höhe getrieben werden. Die Befürchtun- gen dürften unbegründet fein. Die Kartoffelpreife find in der letzten Zeit ständig gesunken und belaufen sich in den meisten Erzeuger- gebieten zurzeit auf 40 vis 4S M. Auch die Erntenachrichten geben zu besonderen Befürchtungen keine Veran- l a s s u n g: wenn auch in einzelnen Gegenden infolge der anhalten. den Trockenheit nur mit einer geringen Ernte gerechnet werden kann, so lauten aus anderen, für die Kartoffelproduktion besonders wich- tigen Gebieten die Nachrichten durchaus günstig. Im Jnter- esse der Konsumenten selbst muß daher dringend empfohlen werden, vom Kauf zu übertriebenen Preisen Ab st and zu nehmen. Das Verarbeiten von Kartoffeln in Brennereien wird in ähnlicher Weise wie im vorigen Jahre auf dos notwendigste Maß eingeschränkt und lediglich in einem noch zu bestimmenden Umfang den Besitzern landwirtschastlicher Brennereien, die im Jnter- esse der Viehhaltung auf die Herstellung von Schlempe angewiesen sind, gestattet werden. Ein Aufkauf von Kartoffeln zur B e r- arbeitung in Brennereien wird in diesem Jahre in gleicher Weise wie im Vorjahre verboten werden. Die Aus- fuhr von Kartoffeln ins Zollausland ist aufs strengste untersagt. Die Grenzbehörden sind angewiesen, die unerlaubte Ausfuhr aufs nachdrücklichste zu bekämpfen. Die Berliner Bevölkerung wird nichts dagegen haben, wenn die Befürchtungen über eine ungerechtfertigte Erhöhung der Kar- tosfelpreise nicht zutreffen. Im übrigen heißt? abwarten. Vohnungsamt-Seamte vor Gericht. Bei den drei Berliner Landgerichten schweben zurzeit eine große Anzahl von Strafanzeigen gegen bestechliche Beamte der Wohnungs- ämter und die Bestechenden, aber die meisten dieser Fälle verlaufen mangels ausreichenden Beweises erfolglos. Zwei derartige Fälle be- schäftigen jetzt wieder die Ferienstraskammern. In dem ersten Fall waren der Beamte der Wohnungsinsped- tion I Fritz Rosenberg und der Kaufmann Max H i r s ch f e l d wegen passiver bzw. aktiver Bestechung angeklagt.— Dem Angeklagten Hirschseld war es gelungen, überraschend schnell in der Iagow- straß««ine Wohnung zu erlangen. Bei Gelegenheit erzählte er, er habe dem Rosenberg 1!XX)M. und Lebensmittel gegeben,„wenn die Sache herauskomme, sage er einfach, Rosenberq sei ein �Verwandter und es handele sich nur um ein« verwandtschaftliche Gefälligkeit".— Vor Gericht bestritten die Angeklagten das Vorliegen einer Be- stechung. Von den Verteidigern wurde unter Deweis gestellt, daß Hirschfeld sehr zur Renommisterei neige und jene Bemerkungen ledig- lich hierauf zurückzuführen seien. Das Gericht mußt« aus Mangel an Beweisen freisprechen. Schlechter erging es dem bei dem Wohnungsamt Charlotten- bürg tätigen Ingenieur Müller, de? sich ebenfalls wegen Be- stechung zu verantworten hatte. Der Angeklagt« hatte ein technisches Gutachten über die Verwendbarkeit eines Hauses in der Berliner Straße in Charlottenburg für eine chirurgische Klini? zu erstatten. Dieses Gutachten, von dem für die Interessenten sehr viel abhing, da sie das Grundstück zu einem enormen Breis an den Klinikinhabcr verkaufen und den Mietern kündiaen wollten, wurde dann mit der Bitte um Beschleunigung mit Hilfe einiger blauer Lappen etwas „geschmiert". Di« Sache kam jedoch heraus und geaen M. wurde Anklage erhoben. Vor Gericht bestritt Rechtsanwalt Dr. S. A r o n, daß der§ 2 der Verordnung vom 3. Mai 4917 verletzt sei, da der Angeklagte nicht für die Erstattung des Gutachten» selbst, sondern für eine Beschleunigung ein Geschenk angenommen habe. Das Gericht sah jedoch als erwiese» an, daß eine Bcstechuna vorliege und er- kannte auf 100N M. Geldstrafe. Der � Sttmt-mnwalt hatte 3000 M. Geldstrafe beantragt. ttm die städtischen Tchuldezernenten. Die Stadtverordnc'.enversammlung beschäftigte sich gestern In nichtöffentlicher Sitzung auf Grund einer dringlichen Magistratsvorlage mit der Wahl der drei DezAmenten für die städtischen Schulen. Der Magistrat hat, wie bekannt, für die Gemeinde- schulen den Kreisschulrat R y d a h l aus Neukölln, für die höheren Schulen den Magistratsschulrat Dr. Helmte aus Wilmersdorf und für die Fach- und Fortbildungsschulen die Studienrätin Fräulein Dr. Anna S i e m s e n aus Düsseldorf gewählt und die Stadwer- ordneten gemäß§ 56 der Städteordnung um ihre Stellung hierzu ersucht. Es kam zu einer cinstündigen sehr lebhaften Aussprache, in der es sich hauptsächlich um die Persönlichkeit von Fräulein Dr. Anna Siemsen bandelte. Der Antrag, die Vorlage an den Magistrat zu erneuter Prüfung zurültzuweisen, wurde abgelehnt und mit den Stimmen der sozialistischen Mebrheit beschlossen, von der Vorlage des Magistrats Kenntnis zu nehmen. Hebe» die'l-'uche des Copl�i�nzuutzlück: ii Z�u Deutschen Werken in Spandau geht uns folgendes Schreiben des dortigen Zentralbetriebsrates zu:„In der Abendausgabe des „Vorwärts" Nr. 420 veröffentlichten Sie eine Notiz über das Explo- sionsunglück in Spandau. Hierzu möchten wir Ihnen mitteilen, daß wir anderer Ansicht sind als die Zeppelin-Werke in Staaken. Außerdem wird uns auch aus Kiel mitgeteilt, daß sich auf der Gcrmania-Werft in K i e l am Freitag, den 2. September ein ä h n- lich es Explosionsunglück ereignet hat. Der Unfall ist auf die gleiche Ursache wie hier zurückzuführen, indem Wasser- stoffflaschen benutzt wurden, deren Füllung nicht ein- w a n d f r e i war. Auch bei dem dortigen Unglück sind leider zwei Menschenleben zu beklagen. Es wird Aufgabe der Aufsichtsbehörde fein, zu veranlassen, daß bei Füllung derartiger Flaschen größere Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. Hieraus ist zu ersehen, daß das Explosionsunglück nicht auf die Schuld irgendeines Arbeiters zurückzuführen ist, sondern daß lediglich die Mischung der Flaschen die Schuld trägt. Rückkehr der Wilmersdorfer Kinder au« Ostpreußen. Wie das Jugendamt Wilmersdorf mitteilt, kehren die WilmerSdorier Kinder aus Ostpreußen bereits am 13. und 14. September zurück. Alles Nähere wird noch bekanntgegeben. Das Bezirksamt Wcdding hat mit dem 3. September d. I. die Bearbeitung der Angelegenheiten der Waisenpfleglinge, die sich innerhalb feines Bezirks in Familienpflege befinden, sowie die An- gelegenheiten der Jugendfürsorge(oormundschastsgcrichtliche Maß- nahmen, Fürsorgeerziehung usw.) und der Jugendgerichtshilfe über- nommen. Das Bureau des Jugendamts befindet sich im Ledigen- heim, Schönstedtstraße 1. In der Bezirksverfammlung de« IS. 5kadkbezirks(Köpenick) wurde die Neuwahl des Vorstandes vorgenommen. SPD. und USP. hatten sich auf gemeinschaftliche Kandidaten geeinigt, die Bürger- lichen verzichteten aus den 2. Vorsitzenden. Es wurden daher gewählt: Straube(USP.) 1. Vorsitzender, Galle(SPD.) 2. Vorsitzender. Fischer(USP.) Schriftführer. Zunächst wurde über einen Dringlichkeitsantrag, die kommunale Fleisch- und W u r st iv a r en fa b r i k in Fr i e d r i ch S h a g e n zu erweitern und in den übrigen Bezirksorlen Filialen einzurichten, verhandelt. B.-V. Rohde(USP.) und unser Genosse Galle traten warm dafür ein. während die Bürgerlichen, besonderssB.-B. Stein den Antrag scharf bekämpften. Die Debatte nahm häufig infolge provozierenden Auf- tretenS des Redners der Rechten eine sehr scharfe Form an. In bekannter Weise versuchte Herr Stein den Wert kommu- naler Einrichtungen herabzusetzen ,md die jetzigen schwierigen Lebensverhältnisse auf die Unfähigkeit führender Männer zurückzuführen. Die Angelegenheit wurde mit großer Mebrheit der Ernährungskommission überwiesen. Die Wahlen der Mitglieder für die Schulkommiision sowie für die Steuerausschüsse für Friedrichshagen und Rahnsdorf wurden dem Wahlausschuß über« wiesen, in den Beirat für Kriegsbeschädigte die Herren Galle, Lorenz und Gelkand gewählt. Seitens der Kommunisten und Bürger; lichen wurde die Errichtung der O r t s a m l s st e l l e n und die Er- nennung der Leiter bemängelt, dem Bezirksamt das Reckt hierzu bestritten und beantragt, die fraglichen Stellen auszuschreiben und der Bezirksverfammlung zur Bestätigung vorzulegen. Nach kurzer Widerlegung durch die Bezirksleitung wurde der Antrag gegen wenige Stimmen abgelehnt. Die Mittel für Anschaffung einer Motorspritze für Köpenick sowie Ausbau des Gerätehauies in Grünau sollen beantragt werden. Der Ausbau eines Altersheims muß wegen Mangel an Mitteln zurückgestellt werden. Die Nichtbestäti- gung des zum Bürgermeister gewählten Stadlrats Göritz wurde zur Kenntnis genommen. „Volk und Zeil", unsere illustrierte Wochenschrift, liegt der heutigen Postauflage bei. Sichtung, Koninmgenosscnlchafter k Die SPD.-GenossenschSltSr-ite und diejenigen Vertrauensleute, die bisber an Miseren Sttzungen teilge- nommen, werden ersucht, zu einer wichtigen Besprechung am Sonnabend, deck ld. September, abends 7 Uhr, im Bürgerheim, Alte Schönhaide" Str. 23/24, zu erscheinen. SPD.-MitgliedSbuch legitimiert. Wetter für morge«. Berlin und Umgegend. Trocken und größtenteils heller, in den TageZ. stunden warm bei mäßigen südöstlichen Winden. Groß-Serliner parteinachrkchtea. »2. AbteUuna, Eharlottenburg. Sonnabend, den w. September, abend» 8 Uhr Funttionärsiimng bei Bade, Kaiserln-A»gutta-Mee 52. 58. Abteilung, Chartottenburg. Eonnabend, den 10 September, abend» 7 Uhr, bei Schneider, Hoizendorffstr. Ich Sißung fimUicher AbteUnngofunttianäre. OewerMastsbeVegung Zentrale Lohnregelung im Sergbau. Zlm 1. September fanden unter dem Vorsitz des Reichs- arbeitsmini st ers die von den Bcrgarbeiterverbänden ange- strebten zentralen Lohnverhandlungen statt. Sie waren sehr schwierig und konnten nach mehr denn zwälfftündiger Dauer mit einem an- nehmbaren Ergebnis beendet werden. Da für den Kalibergbau die zentralen Lohnverhandlungen bereits mit einer durchschnittlichen Lohnzulage von 12, SO M. je Schicht abgeschlossen waren, so blieb noch der Kohlen- und Erzbergbau übrig. Zu den Verhandlungen am 1. September waren nur die Unter- nehmervertrcter des Kohlenbergbaues erschienen. Das Ergebnis der Verhandlungen war, daß für das Ruhr- und linksrheini- sche Brauntohlenrevicr eine Lohnzulage von 10 M., für das Wurmrevier und Ibbenbüren von 8,50 M., für Sachsen und Niederschlesien von 7,50 M., für Nieder- s a ch s e n von(5,50 M. festgesetzt wurde. Es handelt sich hier in allen Revieren um Durchschnittssätze, und es haben die Verhandlungen in den einzelnen Tarifbezirken bereits begonnen, um die Verteilung auf die einzelnen Arbeitergruppen vorzunehmen. Für die Vollarbeiter werden sich dabei obige Sätze noch etwas er- höhen, während die Jugendlichen etwas weniger bekommen dürften. Die Verhandlungen für das mitteldeutsche Braun- kohlenrevier waren deshalb besonders schwierig, weil es sich hier um Kern- und Pändreviere handelt. Schließlich einigte man sich für die Kcrnrcviere auf eine Lohnzulage von 7,50 M. für alle Voll- arbeiter über 18 Jahre und 3,50 M. für Frauen und Jugendliche. Die Lohnzulagen für die Braunkohlenwerke in den Rand- re vieren, deren wirtschaftliche Verhältnisse besonders schwierig sind, sollen durch bezirkliche Verhandlungen festgesetzt werden. Diese Lohnzulagen werden vom 1. September an gewährt. E« war leider nicht möglich, die Zulagen schon vom 1. oder 15. August an zu er- reichen. Die noch ausstehenden Verhandlungen für Bayern, Ober- fchlefien, Oberhcssen, Westerwald»nd den Erzbergbau sollen mög- lichst bis zum 10. September erledigt werden. Damit wäre zum ersten Male für alle deutschen Berg- reviere zu gleicher Zeit eine Lohnregelung erfolgt. Der Erfolg kann nicht hoch genug eingeschätzt werden und die organi- sicrten Arbeitnehmer des Bergbaues dürften dafür Verständnis haben. Um über die Annahme oder Ablehnung dieser Vereinbarungen zu entscheiden, beruft der Vor st and des Bergarbeiter- Verbandes im Einverständnis mit den übrigen freigewerkschaft- lichen Arbeitnehmerverbänden, die im Bergbau rn Frage kommen, auf Sonnabend, vormittag 8 Uhr, nach Hannover eine Reichskonferenz ein. An dieser Konferenz nehmen vom Berg- arbciteroerbc-"d die Teilnehmer der letzten G-nerolve-sammlung aus den Stein-, Braunkohlen- und Erzbergbaubezirkeu teil. Lohnforderungen der Wächter. Die Wächter der Wach- und Schließgefellfchasten waren am < omierstag im GewerlschoftShaus versammelt, um Stellung zur Lohnfrage zu nehmen. Sie baben sich bereits an den Schlich- i n n g S a u s f ch u ß mit der Forderung gewandt, ihnen ob 1. August eme Teuerungszulage in Höhe von 25 Proz. zu gewäbren. Nock einein Referat von Wie loch wurde beschlossen. 260 M. Wocken- lohn für Wächter. 270 M. für Oberwächter und 280 M, für Kontrolleure von den Unternebmern zu fordern. Ferner in jeder Wocke eine freie Nacht. Der Redner sprach in seinen Ausilihriingen die Hoffnung aus, daß man diesen Forderungen angesichlS der Teue- rung, sowie der verantwortungSoollen Stellung der Wächter und der ihnen bei der vflichtgemäßen Ausübung ihres Berufs drohende» Gefahren die Berechiigung nicht Verlagen werde, zumal die Wächte in anderen Städten längst schon viel höhere Löhne erhalten. „KPT.-Zentrale und Arbeitslosigkeit." Zu dieser Notiz in der gestrigen Abendausgabe de»„Borwärts" teilt uns die Friedrich st adt-Druckerei G. m. b, H. berich- tigend mit: „An unserer 32seitigen Rotationsmaschin« werden bei voller Be- Nutzung der Maschine, d. h, der Druck von 3 2 Seiten, von jeher neben zwei Maschinenmeistern vier Hilfsarbeiter beschäftigt: wird nur die Hälfte der Moschine benutzt, d. i. der Druck von 1 v S« i t« n, so sind«in Maschinenmeister und zwei Hilfsarbeiter an der Maschine tätig. Diese Besetzung der Maschine erhöht sich, sobald die Maschine zu drucken beginnt, aus s ün i Hilfsarbeiter im ersten, und vier bzw. s ü n f im zweiten Falle. Da der Gewährsmann des„Vorwärts" ganz richtig angibt(Zeile 8/9 der betr. Notiz), daß vier Hilfsarbeiter die übliche Besetzung, an einer derartigen Maschine sind, so geht aus unseren Darlegungen wohl zur Genüge hervor, daß wir ein« größere als die übliche Besetzung an der Maschine haben. Des weiteren bemerken wir, daß bei einer zwischen Herrn Eber- lein, Frie-land und uns stattgefundenen Unterredung wir den gc- nannten Herren aufs bestimmtest« versichert haben, daß die an unserer Maschine vorhandene Besetzung w seder Hinsicht den üblichen Be dmgungen enffpricht, und, wie aus der Anmerkung des„Vorwärts" Gewährsmannes zu ersehen ist, sogar darüber hinausgeht." » Unter Gewährsmann erklärt hierzu: Ich stelle fest: Die Druckerei Friedrichstabt gibt zu, daß sie beim Druck der„Roten Fahne" Arbeiter aus anderen Abtei- l u n g e n heranzieht, statt Arbeitslose dafür einzustellen. Die Druckerei gibt ferner zu, daß an der 32seitig«n Rotationsmaschine nur zwei Hilfsarbeiter ständig beschäftigt sind. Zur Bedienung, auch wenn«in« Seite nicht läuft, sind vier Hilfsarbeiter erforderlich, denn das Reinigen und Fertigmachen der nicht laufenden halben Maschine zum Druck erfordert ebenfalls zwei Hilfskräfte, die nach Angabe der Druckerei nicht vorhanden sind. Daß man an den Schlichtungsaus' schuß verwiesen hat. wird nicht bestritten. Die arbeitslosen Kollegen können entscheiden, ob ich zuviel aesagt habe, wenn ich das arbeiterfeindliche Verhalten der Firma, die von der Zentrale de:. KPD. hierin gestützt wird, brandmarke. H-e. Noch ein Nachklang zur Demonstration. Das Kommando Wedding der Schutzpolizei unterhäi als Wohlfahrtseinrichtung einen Frifeurgefchäftsbetrieb. Da die darin tätigen Gehilfen, im Gegensatz zu Privatbetrieben, weniger auf die sonst üblichen Nebeneinnahmen, wie Trinkgeld, Be- dienungs- und Derkaufsprozente, zu rechnen haben, müssen sie dar- auf bedacht sein, daß ihr direktes Lohneinkommen etwas höher ist als sonst. Schon diese Bestrebungen fanden nicht den Beifall des Grafen Bethufy-Huc, der mangelnde Rentabilität vor- schützte, die sich jedoch aus den niedrigen Preifen ergibt, welche dem Charakter des Betriebes als Wohlfahrtseinrichtung angepaßt sind. Am Demonstrations-Mittwoch verlangten die Ge- Hilfen Betriebsschluß um 4 Uhr anstatt um(5 Uhr, wozu Graf B e- t h u s n- H u c bemerkte, dagegen liehe sich ja nichts machen. Der Herr Graf zeigte den Friseurgehilfen aber, daß er doch etwas da- gegen machte. Am anderen Tage erhielten die Ge- Hilfen die Kündigung zum 14. September, die sich angeb- lich infolge der Aüflöfung des Friseurgeschäftsbetriebes wegen Un- rentabilität dieser Wohlfahrtseinrichtung notwendig mache. Als die Beamtenschaft davon Kenntnis erhielt, daß der Betrieb aufgelöst werden sollte, wandte sie sich in einer eingehenden Entschließung dagegen, bestritt die von Bethufy-Huc behoup- tete Unrentabilität und erklärte sich schließlich bereit, im Intsresse der Erhalwng des Betriebes in eine Erhöhung der Preise einzu- willigen. Daraufhin stellte sich dann heraus, daß der von dem Grafen Bethufy-Huc angegebene Kündigungsgrund durchaus unzutreffend ist, es sich mithin, lediglich»m eine Maß- regelung der Frifeurgehilfen handelt, weil diese sich an der De- monstration zum Schutze der Republik beteiligten, in deren Dienst Graf Bethufy-Huc sieht und zu derem Schutze er sich verpflichtet hat. Geht es nach dem Kopfe dcs Herrn Grafen Bethufy-Huc, werden sechs Mann am nächsten Mittwoch arbeitslos, weil f i e ihrer Staatsbürgerpflicht folgend für die Republik und die gegen sie gerichtete Meuchelmordpolitik mit Hunderttausenden zusammen demonstriert haben. Wenn der Herr Graf die Republik nicht leiden mag und noch weniger die republikanische Gesinnung, dann kann er dies deutti-l'-r zum Ausdruck bringen als durch solche Maßnahmen. Schiedsspruch für die siädtlschen werksangesteklten. In der gestrigen Sitzung des Demobilmachungsamts wurde der Schieds- sp r u ch des Schlichtungsausfchusses vom 1. April für verbind- lich erklärt und dem Magistrat aufgegeben, um- gehend einen Tarifvertrag mit den Angestellten abzuschließen. Die Einreihung der Angestellten in die Befol- dungsordnung ist damit endgültig als unzulässig erklärt. >!- Der„Roten Fahne" und ihren Setreuen entgeht damit wiedcr ein Streik. Ihre Aufforderung„an die Parteigenossen", bei der Berichterstattung über die Vorgänge in Bettieben und Gewerk- schaffen mehr Vorsicht und Gewissenhaftigkeit wattcn zu lassen, hat sich auch in diesem Falle als notwendig erwiesen und ist im übrigen nur zu begrüßen. Postbeamie für bezahlten Schuß der Republik. Kürzlich schilderten wir das eigenartige Verhalten des A m t s l e i t e r» im Postscheckamt, als feine Helfer usw. an der Demonstration teil- nehmen wollten. Dazu sendet uns der B e a m t e n a u» s ch u ß des Postscheckamtes, eine Mitteilung, aus der hervorgeht, daß an der Demonstrotion sich auch Beamte beteiligt haben, und daß der Amts- leiter niemand gehindert habe, daran teilzunehmen. Die Zuschrisl meint weiter:„Daß nicht olle Beamte an der Demonstration teil- genommen haben, liegt zum Teil an dem Verhalten der linksstehc». den Parteien, die nicht mit der nötigen Schärfe für die Verwirk- lichung grundsätzlicher Forderungen der Beamtenschaft(Beamten- rätegesetz usw.) eingetreten sind." Diese Bemerkung ist eine Unverschämtheit. Die Sozialdemokratie ist für jede berechtigte Forderung auch der Beamten eingetreten und wird dies in Zukunft tun, obwohl es ihr durchaus nicht immer ge- dankt wird. Es muß viel politische Unreife In dem Beimtenausschuß des Postscheckamtes vorhanden fein, wenn man den Schutz der Re» publik davon abhängig macht, daß möglichst all« Wünsch» des eigenen Berufes vorher erfüllt fein müssen. Wollen sich die Be- amten des Postscheckamtes durch die Arbeiter beschämen lassen, die am vergangenen Mittwoch zu Hunderttsusenden kamen, obwohl viele ihrer berechtigten Wünsche bi» heute noch nicht verwirklicht werden konnten? B-rattwtirMch fOt Pen trtoH. Seil:«m»! Schiff,»«Jin: fflt Aiueigeili fh Glocke, lpetiin.«eclop:?-orn>ö»t5.BerI-a®. m. 6. iNerlln. fctmcf:"Scr. würlS-�uAdruckerei u. fle.ljac-cinflall vaul®;na«r n.®o„ Lerlt». Lmdenitr. 8. mimnimMpiiMmimminnfflm bäh Lachmann& Scholz üäü I WARENHAUS Selten billiges Angebot! m Steingut ! Teller tief und flach............. 1�5 ! Obertassen große Form........ 0,95 - Kafleetöpfe groß.......... 0,95 | Bratenplatten zirka 34 cm....... 435 j Saucieren............... 39S j Salatieren eckig........ 68S bis 295 \ Salatieren rund....... S45 bis 0,85 i Wasserkannen bunt......... 97S | Waschschüsseln....... 975 84S Porzellan weiß Teller tief und flach......,».. 3'8 Dessertteller 17 cm......... TaSSen mit Untertasse....... 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