Ar. S7S. Srscheinl läßlich außer Montag». Prei» pränumerando: Biertel- jährlich S.zo Mark, monatlich l.lo Mr., wöchentlich S» Pfg. frei ln s Haus. Einzelne Nummer K Pfg. Sonntags-Nummer mit tllustr. Sonntags-Beilage„Neue Weil" lo Pfg. Poft-Abonnemenl: pro Quartal. Unter Kreuz- band: Deutschland u. Oesterreich- Ungarn 2 Ml., für das übrige Ausland 3 Ml.pr.Monat. Eingetr. in der Post-Zeitung»-Preislist« sür lös« unter Nr. s»t». 11. Jahrg. Jnsertions-Sebühr beträgt sür di» sünfgespaltene Petitzetle oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Psg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittag? in der Expedition abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochen- tage» bis t Uhr Abends, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Bor- mittag» geöffnet. kernfprrcher: Amt l, Nr. li0S. Telegramm-Adresse: „Kosialdrmostrat Kerlin!' Verliner VolKsbldlt Zentralorgan der s ozialdemokratischen Partei Deutschlands. ♦ Aedaktion: LV.l9. Aeutö-Strabe z. � Freitttg. den 30. November 1894. h KTpedltia«: 8V. 19. Aeuth-Straße 3. Arbeiter! Parteigenossen! Trinkt kein boukottirtes Dier! Aboinlkments-Einladung. Wir ersuchen alle unsere Freunde und Genossen, nach Kräften für die Erweiterung unseres Abonneutenkreises thätig zu sein. Die Zeiten sind so bewegt, so schivankend ist die nächste Zukunft, so nothwendig die Theilnahme eines Jeden an den Kämpfen der Gegenwart, daß es mehr als je Pflicht der Genosien ist, für politische Aufklärung zu sorgen, und das Parteiorgan in immer weiteren Kreisen zu verbreiten. Es ist das im wahrsten Sinne des Worts eine Partei- Pflicht, die erfüllt werden nmß im Interesse der Partei. Di; Hauptslärke einer Partei liegt in ihrer Presse— je mehr Leser ein Blatt hat, desto größere Macht hat es, und je größer die Macht der Parteipresse, desto größer die Macht der Partei. Wer dem Parteiorgan neue Leser zufuhrt, stärkt die Partei. Mit dem 1. Dezember eröffnen wir ein neues Monats- Abonnement auf den Jorivörtr Derliner Wllslilatt mit der illustrirten Sonnlage-Beilage „Die Ne»e Welt". Für Berlin nehmen sämnilliche Zeituiigsspebileure, sowie «ttser» Krpedition, Kenthstr. 3, Bestellungen entgegen zum nionallicheit Preise von l Mark I« Pjfemnjjc frei ins Haus. Für außerhalb nehmen sännntliche Postanstallen Abonnements für den Monat Dezember zum Preise von MO Mark entgegen.(Eingetragen in der Post-Zeitungs-Preisliste sür 18S4 unter Nr. 6919.) Der Roman � � 3m fextl von Georg es Rettard, dem Verfasser des zuerst in deutscher Sprache von uns— im Sommer 1899— veröffentlichten Roman's Iie Bekthriillg Aiihrs Savellliss, der eine so günstige Aufnahme gefunden hat, wird in diesem Monat weilererscheinen und den neueintretenden Abonnenten auf Verlangen nachgeliefert werden. Die Redaktion und Expedition des „Korwiirts" Kerliner Uolksblatt. Feuilleton. Fttt Exil. lNachdruck verboten.) 15 Roman von Georges Renard. Antorisirte Uebersetzung von Marie Kunert. Wenig fehlte, so hätte er sich durch die Macht eines Zauberftabes nach Paris versetzt geglaubt. Nichts als Franzosen um ihn her, von denen die meisten Exilirte waren. Und in dem dicken Qualm der Pfeifen und Zigaretten sprühte es von Erinnerungen, von originellen Einfällen, gemeinsamen Hoffnungen; die Unterhaltung war frei und lebhaft, sie sprang bald spöttisch, bald voll Begeisterung von einem Thema zum andern über und wurde mit Scherzen im Pariser Jargon gewürzt. Mitten in diesem geräuschvollen Treiben arbeitete der Meister in seiner weißen Blonse mit dem rölhlichen Gesicht, den breiten Schultern, der stattlichen Leibessülle. Man hätte ihn für einen Banernlümmel gehalten, wenn nicht die Flanime hoher Intelligenz aus seinen herrlichen Augen gestrahlt hätte. Von der Laune, Bildhauer werden zu wollen, erfaßt, modellirte er in Thon eine Büste der Republik, in der er alles, was revolutionär in seiner Seele war, hineinlegte. Er schuf eine Republik, die auf der Barrikade stand, mit heraussorderndcr, trotziger Stirn, kühnem Blick und zuckenden Nasenflügeln, den Kopf in den Nacken ge- morsen. Und während unter seinen Fingern künstlerisches Leben erstand, plauderte er. Wovon sollten sie sprechen, wenn nicht von dem Fernen, das doch aller Herzen gegen- wärtig war? So plauderten sie also von Frankreich. Ach, wie wurde Frankreich, das schwer verwundete, hier von seinen verlorenen Söhnen geliebt, die doch das Recht gehabt hätten, es als eine Rabenmutter Mnker de»» Mssien jrauicc. Die„Gesellschaft" hat Angst. Die„Gesellschaft", das heißt die„oberen Zehntausend" in jedem Kulturland, für lvelche die Millionen des arbeitenden Volkes nicht vor- banden sind, wenigstens nicht als gleichberechtigte mensch- liehe Wesen: die„oberen Zehntausend" der verschiedenen Länder, zusammen aus der ganzen Erde vielleicht eine Viertelmillion, die aber die Hunderte von Millionen des arbeitenden, den Staat und die nienschliche Gesellschaft er- haltenden Volks als bloßes Anhängsel, als bloßes Zu- behör, das nicht zählt, ansehen, und niit dem wahnwitzigen Uebcrmuth des französischen Muster- Monarchen von sich denken und sagen:„Wir sind die Gesellschaft"— dieses, sich d i e Gesellschaft nennende ein- gebildete, anspruchsvolle, winzige Pünktchen in der großen menschlichen Gesellschaft hat, durch den unbequemen Mahner Sozialismus aus seinen süßen Herrschafts- und Machtträlimen geweckt, unter dein Druck der Verhältnisse über den Zweck und die Berechtigung seines Daseins nach- denken müssen. Und Vernunft und Gewissen, soweit solche hier noch zu Wort kommen, haben den„oberen Zehn- tausend" denselben Bescheid gegeben, der weiland einem speichellcckenden Gelehrten, der zur Entschnldigling seiner Bettelei gesagt hatte:„man muß doch leben", von Tallcyrand gegeben ward: Je n'en vois pas ia necessite— ich sehe die Nothwendigkeit nicht! Vernunft lind Gewissen haben den oberen Zehntausend erklärt:„wir sehen keine Nothwendigkeit dafür, daß Ihr lebt, d. i. als obere Zehn- tausend lebt! Ihr nutzt ans der Welt nichts mehr. Ihr seid überflüssig! Ihr seid gemeinschädlich! Ihr habt kein Recht zu sein!" Und da ist cS denn den oberen Zehntausend entsetzlich angst gewordeil. Und trotz der zehn bis zwölf Millionen Soldaten, und de» weiteren Millionen von Richtern, Polizisten, Staatsanwälten und sonstigen Sichcrheits- beamten, die sie in den verschiedenen sogenannten Kultur- ländern an- und aufgestellt haben,— trotz der Tansende von Zeitungen, in denen sie das Szepter über die Geister schwingen,— trotz der Milliardenschätze, von denen sie um- ringt sind, und die das Mark und die Kraft des Volkes und der Völker in sich verkörpern— trotz alledem und alledem zittern und beben sie vor Angst, gleichen sie den Despoten, von denen die Geschichte erzählt: die Millionen zu betrachten! Es war nicht einer unter ihnen, der nicht für Frankreich gekämpft hatte, nicht einer, der nicht gern von neuem in den Kampf ein- getreten wäre! Obgleich sie alle von der Brüderlich- keit träumten, die sich allmälig über die ganze Welt ausbreiten sollte, von einer friedlichen Zukunft, in der die Völker trotz der Verschiedenheit der Nationen vereint wie die Kantone der Schiveiz Glieder eines ungeheuren Bundes iverdcn würden,— liebten sie doch heiß ihr Heimathland, iveil sie dort groß geworden waren, und gelebt' und gelitten hatten, aber vor allein auch deshalb, weil Frankreich für sie das Land des modernen Rechtes, die Vorhut der vor- wärts marschierenden Demokratie, weil es unter den Nationen die Prophetin und Märtyrerin ivar, die das Evangelium der Zuknnst verkündet hatte und noch heute bereit war, ihr Blut hinzugeben, um auf der Erde ein Reich der Gerechtig- keit zu begründen. Auch herrschte unter ihnen eine geheime Wuty gegen diejenigen, welche Frankreich zwingen wollten, sein Ideal und sein politisches Glaubensbekenntniß zu ver- leugnen, mit einer hundertjährigen Tradition zu brechen und es geknebelt der engen Tretmühle der Vergangenheit zu überlassen. Man mußte ihre Verwünschungen gegen die Lobredner der Monarchie, gegen die Unternehmer der Restauration, gegen die falschen Republikaner, die eine auf all den alten Ungerechtigkeiten begründete Republik wollten, hören. In manchen Momenten zerdrückte Courbet einen Klumpen Thon in seiner mächtigen Faust, wie wenn er die Feinde des Volkes mit diesem Druck zermalmen wollte. Wie sonder- bar! Diese Männer der That waren wohl zersprengte Stücke einer zertrümmerten Partei, doch waren sie nicht cntmuthigt. Alle glaubten unerschütterlich an eine balviae Rückkehr. Das ist eine Sache von höchstens zwei Jahren. In- zwischen heißt es: Warten und das Gewehr laden! sagte Verdier ernst und drohend wie ein Soldat vor der Schlacht. unter die Füße treten und in ihren Prunkpalästen sich als Gefangene fühlen, in jeder Ecke einen Feind wittern und in ihrem unruhigen Schlummer von den igen gräßlichsten Schreckbildern verfolgt. Die oberen Zehn- tausend sehen überall Gespenster; sie fürchten sich vor Despoten, c ihrem eigenen Schatten und, gleich jenen Despoten, äußern sie ihren Schrecken durch Schreckensregiment zur Vernichtung und Einschüchterung der wirklichen und vermeintlichen Feinde. Den Glauben an sich, das Vertrauen in sich haben sie verloren, und, jeder neuen Idee unzugänglich, erblicken sie nur noch in den niedersten, plattesten, viel tausend Jahre alten und tausend Mal aä absurdum geführten Gewaltmitteln des Despotismus das Heil und die Rettung. Da steht ihr Ankläger, der Sozialismus— ohne andere Wehr und Waffen, als die Wahrheit und das gute Recht— und sie können ihm nicht ins Auge sehen, ihm nicht Rede steheil, können seine Anklagen nicht widerlegen, ihre Schuldlosigkeit nicht beweisen— den Knebel her! Machen wir ihn mundtodt! Wo die Vernunft bankrott ist, steigt die Gewalt auf den Thron. Den Knebel her! Knebelgesetze!— Das ist jetzt, mit einer oder zivei Ausnahmeu in allen Kulturländern die Losung und das Fcldgeschrei der„oberen Zehntausend", die, unter das Hasenpanier geschaart, den Sozialismus knebeln wollen, um ihn dann in aller Bequemlichkeit ab- würgen zu können. Null— niit dem Knebeln hat's gute Wege. Und mit dem Abwürgen erst recht. Dazu gehören zwei. Und unter dem Hasenpanier ist noch nie Einer zu einem Sieg gekommen. Und nun gar, wenn die Jäger, die das Wild erlegen wollen, unter einander in Streit gerathen und sich gegenseitig beschimpfen, zerzausen und verwalken, wie die deutschen Kreuzzügler für„Ordnung, Sitte und Religion" ff Für jeden von ihnen ist der Kreuzzug nicht blas ein Ver- theidigungskrieg, sondern auch ein„Beutezug", und Jeder will etwas anderes vertheidigen, Jeder hat eine andere Beute in Sicht, und Keiner gönnt dem Anderen die Beute. Es gehört eben zur„Sitte, Ordnung und Religion" der„oberen Zehntausend", daß Jeder nur an s i ä) selbst denkt, nur für sich selbst sorgt, und keines Gcmeinsinns, keines menschlichen Solidaritätsgefühls fähig ist. Das sind„schwächliche Sentimentalitäten", welche, sich nur bei dem arbeitenden Volke finden, das durch die Aneignnngsgier der„oberen Zehntausend" vor der Gefahr, Welch ein Fest, meine Freunde, wenn wir erst wieder die Butter in der Pfanne haben! rief Cayrolaz und schnalzte mit der Zunge wie ein Gourmand. Er schien schon in all den Genüssen zu schwelgen, die eine nahe Revolution ihm verhieß. Zeder warf ein Wort in die Unterhaltung: dieser eine Beschlmpfung gegen die Sieger, jener eine Anklage gegen irgend einen todten oder entflohenen Führer, der seine Gesinnung gemäßigt habe» sollte. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Man hätte das und das an dem Tage und zu der Stunde unternehmen müssen, sagte einer. Aver die Anderen waren nicht seiner Meinung und bekämpften ihn heftig, zornig, gerade als ob es sich um eineil Beschluß gehandelt hätte, der sofort zur Aus- sührung gebracht werden sollte. Ein spöttisches Wort machte da mit einem Male aus das Vergebliche dieses Wortkampfes auftnerksam. Nun ging man zu der Frage über, was am Tage der Revanche zunächst zu thun wäre. Aber bald entstand ein heftiger Lärm leidenschaftlicher Rufe, ein unentlvirrbareK Durcheinander von sich wider- sprechenden Ideen. Man wird einen Wohlfahrts-Ausschuß mit unbeschränkter Vollmacht einsetzen, riefen die Einen. Nein, nein, entgegneten die Andere«. Ein Diktator muß ernannt werden! Nichts von Regierung, unterbrachen wieder Andere. Jede Regierung ist tyrannisch. Der Gegensatz, nicht nur der Charaktere, sondern auch der Ansichten, äußerte sich in einem betäubenden Stimmengewirr. Die Einigkeit wurde schließlich nur dadurch wieder hergestellt, daß alle der egoistischen, grausamen Bourgeoisie einen tödtlichen Haß schworen. Rens hörte mehr zu, als daß er sprach. Er hing traurigen Träumen nach. Er wußte, daß fast alle Re- volutioncn sich definire« ließen als; große Dinge, die von kleinen Menschen unternommen wurden. Er begriff die 'kapitaliitisches Eigenthum zu besitze», und folglich auch vor der� Demoralisation, die dasselbe mit sich bringt, aufs Grüudlichste bewahrt wird. Der Schlotjunker und der 'Landjunker haben andere Interessen und andere Ziele; dieser braucht seine Arbeiter als Leibeigene ans dem Lande, zeuer braucht sie als Fabriksklaveu in der Stadl. Die Aristokratie der Börse ist der industriellen und landwirthschaftlichen Aristokratie ein Stein des An- stoßes. � Der„liberale" Kopitalist will als letzten harmlosen Rest seines Liberalismus zum mindesten noch eine gewisse religiöse Freigeisterei zur Schau stellen, während der konsequentere junkerlich-pfäffische Dunkelmann ein giftiges Anathema! kreischt gegen den religiösen und sonstigen Liberalismus, der eigentlich der Vater des Nebels sei, der Urheber der Revolution und die Vorfrucht des Sozialismus. Kein Ziveifel, von Rechts wegen; und konsequenter Weise müßte dem bürgerlichen Liberalismus der Hals umgedreht werden, ehe man dem Sozialismus zu Leibe gehen kann. Und wo fängt der Liberalismus an, wo hört er auf? Wo steckt der Umsturz-Bazillus? Wo steckt er?— Fragen wir lieber: Wo steckt er n i ch t? � Und wir wollen sie suchen und schnüffeln lassen, die Umsturz-Jäger und Umsturz-Schnüffler. Vielleicht entdecken sie noch, daß der größte aller Revolutionäre und Umstürzler der K a p i t a l i s m u s ist, und daß der Ast, aus dem sie sitzen, und von dem aus sie dem sozialistischen Gottseibeiuns den Strick um den Hals werfen wollen, vom Tovtcnwurnie des„Umsturzes" zerwühlt ist. Und pardauz!-- Greifen wir nicht vor. Ihrem Schicksal kann diese Angstgesellschaft ja doch nicht entgehen, und wenn sie auch vor Angst aus der Haut fährt. Der kapitalistische Umsturz verrichtet sein Werk, und wer„sein' Sach" aus ihn gestellt hat, der muß auch sein Schicksal theilcn. Dnv DlskusstMl über den Frankfurter Parteitag. Zur Entgegnung. Die dritte Anklage Vollmar's gegen mich gipfelt darin, daß ich mich einer„Ziveiveutigkeil" schuldig gemacht,„die gerade bei ihm(Bebel) höchst unsympathisch berühren muß". Voßmar will mit diesem letzteren Satze offenbar sagen, daß man Zweideutig- keit an mir nicht gewohnt sei, ein Kompliment, das ich akzeptire, wen» ich leider es auch nicht erwidern kann. Wollmar sucht meine„Zweideutigkeit" zu begründen, indem er Stellen aus meinem Artikel der„Neuen Zeit" citirt, den ich zirka vierzehn Tage vor dem Frankfurter Parteitag schrieb und in dem ich aus die Behauptungen in der Presse anspielend ans- führte:„Prinzipielle Kämpfe oder ernste Kämpfe über die Taktik der Partei beliehen nirgends. Die Partei steht in allen ihren Gliedern auf dem gleichen Boden, wie ihn das Programm zum Ausdruck bringt.... Zum Ueberfluß sorgt die Verfolgung unserer Feinde dafür, daß Spaltungs- und Abtrennungs- gelüste, wenn sie überhaupt vorhanden wären, was nirgends der Fall ist, jämmerlich scheiterten. Prinzipielle Gegensätze sind also ausgeschlossen." Vollniar fragt, wie konnte Bebel, nachdem er in der„Neuen Zeit" sich so ausdruckte, und auch in dem Eingang seiner Rede in der Budgetabstimmnngsfrage den bayerischen Abgeordnelen Anerkennung spendete, wenige Wochen später zu Anschauungen und Urtheilen, wie in seiner Berliner Rede kommen? Er fragt weiter:„Welcher Bebel hat die Wahrheit ge- sprachen, der vor und aus dem Parteitag oder der nach dem- selben?" Nun sind diese Einwände und die Frage Vollmar's das Einzige, was in seinen Artikeln scheinbar mit Recht gegen mein Austreten in Berlin vorgebracht werden kann. Vermöchte ich nicht diesen Widerspruch zu lösen, so könnte man mir wohl vorhalten, daß ich mich nicht nur eines ausfallend raschen Mcinnngswechsels sckuldig gemacht, sondern auch in der Er- Hebung der Anklagen übereilt gehandelt hätte. Statt einer langen Auseinandersetzung will ich Vollmar eine kurze Geschichte erzählen. Kurz vor dem Parteitag traf ich in einer Nachbarstadt mit einem genauen Bekannten zusammen, der durch seine soziale Stellung Fühlung mit einem Theil der hiesigen Regierungskreise hat und die Strömungen in denselben kennt. In der Unterhaltung kamen wir auch auf den Parteilag zu sprechen, wobei mein Gegenüber fragt:„Wie glauben Sie mit Wollmar und den Bayern in Frankfurt in der Budget- Ab- stimmnngsfrage zurechl zu kommen?" Ich sah ihn verwundert an und indem ich recht uberlegen lächelte, antwortete ich:„Wie so? Ich denke, wir werden unseren bayerischen Genoffen klar Gewalt der Leidenschaften, die sich um ihn her entfesselten, wenn er sie anch nicht theilte. Aber er war erschreckt von der Verwirrung, welche diese glühenden Wünsche in den Köpfen angerichtet hatten. Welche Energie und welche Be- geisterung wurden rein vergeudet, wenn man nicht wußte, was man wollte, wenn man nur im Zerstören einig war! Er war überzeugt, daß jeder großen Umgestaltung der Ge- scllschaft eine Umwandlung der Geister und Herzen vorher- gehen müsse. Waren nun die Geister derer, welche die Bewegung führten, im stände, die Richtung, nach der marschirt werden mußte, zu erkennen oder klar anzn- geben? Waren ihre Herzen fähig, zu empfinden, daß der einzige wahre Hebel der Revolution nicht der Haß ist, der zer- stört, sondern die Liebe, welche aufbaut? Eine Bewegung, die im Atelier entstand, riß ihn aus seiner stummen Träumerei. Die Sonne ging zur Rüste und Kourbet begab sich seiner täglichen Gewohnheit gemäß an das Ufer hinunter, um die flüchtigen Farben des Himmels und des Sees, die an Pracht mit einander wetteiferten, auf der Leinwand festzuhalten. In wenigen Minuten bannte er mit der Spitze seines biegsamen Spachtels die Luft und das Wasser, die sich am Horizont zu einem Ozean flüssigen Goldes verschmolzen und sich nach oben in kaum merklichen� Abstufungen in dem violetten Azur verloren auf die Leinwand. In der Tiefe zeigten sich unter einem leichten Windhauch kleine Wellen, brach sich das Licht der untergehenden Sonne in irisierenden, flimmernden Wogen und durchdrang wie mit feurigen Pfeilen selbst die dunklen Schatten der Berge, während rechts sich das Ufer in schwarzen Massen abhob und ein rosiger Wolken- schleier sich um einen Berggipfel legte, wie eine Standarte, die der halb besiegte Tag auf seiner letzten Festung, die er der Nacht streitig machen will, aufgehißt hat. Fertig! Ich habe meinen Tag gewonnen, rief er, als die immer stärker hereinbrechende Dämmerung ihn zwang, sich zu unterbrechen. Wieder ein Bild für die reichen Mylords! Jedenfalls werden wir wieder etwas zum Leben habe»! Und zufrieden mit seinem kräftig hingeworfenen Werke, mache» könne», daß sie in der Abstimmung über das Budget einen Fehlermachten und die große Mehrheit des Parteitags wird zweifellos für künftig eine Direktive beschließen, d»: für unsere Leute in den Landtagen nunmehr nothwendig geworden ist und so wird diese Angelegenheit ohne viel Lärm erledigt werden." Darauf antwortete mein Bekannter sehr lebhaft:„Ich glaube, Sie irren sich, der Streit wird viel heftiger werden, als Sie voraussetzen, weil die Strömung Vollmar viel stärker in der Partei ist, als Sie anzunehmen scheinen. Und ich muß Ihnen weiter sagen: Sie glauben nicht, mit welchem Interesse diese ganzen Angelegenheiten in einem Theil der Berliner Regierung-- kreise versolgt werden. Man setzt dort auf die Richtung Voll- mar große Hoffnungen und erwartet, daß diese Strömung allmälig die Oberhand gewinnt." Jetzt lächelte ich nicht mehr, ich lachte mein Gegenüber gründlich aus, und da wir uns schlechterdings nicht verständigen konnten, schieden wir mit den Worten: Aus Wiedersehen einmal nach Frankfurt. Mit der hier angedeuteten optimistischen Stimmung, die auch in meinem Artikel in der„Neuen Zeit" zum Ausdruck kam, ging ich nach Fraukjurt und entdeckte bald, daß ich mich gründlich getäuscht. Obgleich ich schon am Vorabend der Verhandlungen über die Bndgetfrage ans dem Munde Grillenberger's vernahm, daß er voll Zorn über die bevorstehende Verhandlung war— Anträge lagen zu jener Zeit über die Frage noch nicht vor— und zehnmal erklärte, sie(die Bayern) würden sich u n l e r keinen Umständen einem Beschluß des Parteitags fügen, der gegen ihr Verhalte» in der Budgetfrage gerichtet sei, gab ich die Hoff- nung auf ein zufriedenstellendes Resultat nicht auf. Ich war daher auch entschlossen, selbst nachdem Vollmar mit Gründen seine und seiner Kollegen Abstimmung im Landtage verthcidigte, wie ich sie bis dahin aus dem Munde eines Sozialdemokraten für unmöglich gehalten hatte, nichts zu äußern, was die bayerischen Genossen verletzen könnte, sondern ihnen vollste An- erkennung für ihr Wirken im Landtage auszusprechen. Daher sagte ich, wie Vollmar in der„Münchener Post" richtig zitirt: „Ich erkläre ausdrücklich, unsere Genoffen im bayerischen Landtage haben im vollen Maße ihre Schuldigkeit gelhan, und gerade deshalb haben wir die beiden ersten Sätze in unsere Resolution ausgenommen, die allerdings keine neue Wahrheit enthalten sollen, wohl aber konstatiren, daß die bayerischen Genossen für ihre ganze übrige Tbäligkeit unsere volle Zustimmung finden." Nur die Budgelabstimmung sei Gegenstand der Debatte.„Es fällt mir nicht einen einzigen Augenblick ein, anch nur ein Wort des Tadels, der Anklage oder Mißbilligung den bayerischen Genoffen im Landlage zu machen." Und ich schloß diesen Theil meiner Ausführungen mit der Erklärung:„es handele sich nicht darum, über Vergangenes den Stab zu brechen, sonder» eine gemeinsame Richtschnur für das Handeln unserer Vertreter in den Landtagen für die Zu- kunft zu schassen." Ich handelte also ganz im Sinne meiner Aussprüche in der „Neuen Zeil" und den Aeußerungen gegenüber meines Bekannten. Heule erkläre ich, daß ich in meinem Lobe gegen unsere Ge- »offen im bayerischen Landtag in Frankfurt sogar weiter ging, als ich es bei einer andern Gelegenheit gethan hätte, um ja den Schein, Unfrieden zu wollen, zu vermeiden. Ich würde zum Beispiel in einem andern Fall gegen eine Reihe von Aeußerungen Vollmar's bei Be- grüudnng seines und seiner ttollegen Agrarantrages im tayeriichen Landlag sehr gewichtige Einwendungen gemacht haben, noch mehr über die Liebeserklärung, die er dem reaktiv- nären Bauernbund bei jener Gelegenheit machte. Ich würde auch nicht gelobt haben, daß insbesondere Grillenberger einigemale so stark den bayerischen Partikularisten über den Sozialdemokraten hervortreten ließ, indem er sich in einer Weise zum Verfechter bayerischer Reservatrechte aufwarf, daß er damit das Herz der rückständigsten bayerischen Zentrumsleute rührte. Ich unterließ dies und lobte um der Sache willen, um die es sich handelte, mehr als ich streng genommen vor mir selbst verantworten konnte. Hatte aber nun schon Vollmar«inen Ton angeschlagen, wie er bisher auf keinem Parteilag laut geworden war, indem er de» Partikularisten hervorkehrte und zu verletzenden Aeußerungen gegen die norddeutschen Genossen sich verstieg,') zu Aeußerungen, zu welchen weder die Parteipresse noch die Ge- »offen Veranlassung gegeben hatten, so ging er schließlich sogar so weit, zu behaupten:„daß, was die Taktik in den einzelnen Landes- Angelegenheiten betreffe, diese festzustellen naturgemäß Sache der Partei des einzelnen Landes se i." Damit war ein Bruch mit der ganzen bis- herigen Parteitradition proklamirt und es ist klar, daß, wenn dieser Standpunkt Vollmar's die ausdrückliche Billigung der Partei fände, die Konsequenz wäre, daß der Parteitag überhaupt kein Recht mehr be- sitzt, sich um irgend welche innere Landes- an Gelegenheiten zu bekümmern, darüber zu ♦) Die Parteigenossen mögen die Rede Vollmar's ans Seite 111 des Frankfurter Protokolls bis zum Schluß nachlesen. stimmte er ein Volkslied aus der Franche- Comto an, bei dessen naiver Weise und einfachen Worten seine Brust wiederholt von einem dröhnenden Lachen erschüttert wurde. Man kehrte in das Haus zurück. Rens zog sich zurück, nicht ohne vorher das Versprechen, wieder zu kommen, ge- geben zu haben. Zwei widerstreitende Eindrücke waren es, die er von diesem Besuche nach Hanse nahm. Einestheils bewunderte er an all diesen Exilirten die robuste Gesund- heit der Seele, die das Unglück nicht hatte niederdrücken können. Er beneidete sie um einen solchen Vorrath an Muth und Begeisterung. Aber andererseits war er auch beunruhigt durch das Chaos von auseinandergehenden Be- strebuiige». das sich ihm offenbart hatte. Wo war denn hier die Wahrheit? Um die Ruhe seines Geistes wieder zu finden, sah er sich genölhigt, seine Ideen über diese ver- schiedenen Dinge zur Klarheit zu bringen und auf solider Grundlage sein politisches Glaubensbekeiinntniß aufzubanen. Er versuchte den Ursprung seiner Ansichten festznstellen. Sicherlich verdankte er den ersten Anstoß seinem Vater, der ihm mehr durch sein Beispiel als durch Worte die Liebe zur Gerechtigkeit ins Herz gelegt hatte. Später auf dem Gymnasium, wo er Freischüler war, schien es ihm, daß die Schüler dort nach ihren Leistungen und nicht nach dem Stande oder dem Vermögen ihrer Eltern behandelt wurden. Sollte es in der Welt nicht ebenso sein wie in der Schule? Und so war er allmälig Demokrat geworden, ohne daß er es wußte. Das Studium der Geschichte, das er mit Leidenschaft betrieb, hatte ihm überdies bewiesen, daß Frankreich, ganz Enropa, überhaupt alle zivilisirten Länder, die Beseitigung aller alten Privilegien erstrebten. So hatten seine Ueber- zeugungen ihre logische Begründung erhalten. Reich an Wissen und arm an Geld war er häufig durch das hoch- mülhige Benehmen von Leuten, die in seinen Augen keinen Werth hatten, verletzt worden. Er hatte vor allem für seinen Vater gelitten, der als kleiner Beamter nur schlecht besoldet war und der von der Familie seiner Mutter, die vermögend war, stets über die Achsel angesehen wurde. So festigten sich seine Ueberzeugungen immer mehr. (Fortsetzung folgt.) wachen, sie zu kritisiren und gegebenen Falles über sie zurichten. Die P.wteigenoffen in den Landtagen wie die Genoffen in den einzelnen Ländern überhaupt könnten hiernach die stärksten Verstöße gegen die Tallik und die Prinzipien der Partei begehen, gelänge es den Urhebern solcher Verstöße die Zustimmung der La» des gen offen dafür zu erhalten, die Gesammtpartei besäße nicht das geringste Recht, darein zu reden. W'.r hätten also alsdann in Wahrheit, wie ich auch in meiner Ber- liner Rede ausführte: eine bayerische, württembergische, badische:c. Sozialdemokratie, die Einheitlichkeit der Partei wäre zertrümmert. Die rückständigen politischen Zustände, die ver- Ursachen, daß Deutschland in eine Reihe kleiner Partikular st aaten gespalten ist. würden ans die deutschen Parteiverhältnisse übertragen,»vir hörten auf eine deutsche, geschweige eine internationale Partei zu sein. Dieser zweifellos reaktionäre partikula- r i st i s ch e Standpunkt Vollmar's wurde durch den mir als Redner nachfolgende» Grillenberger noch mehr aus die Spitze ge- trieben und eine Anzahl anderer Redner, die sich für den Standpunkt der Bayern aussprachen, hieben in dieselbe Kerbe. Obgleich nun außer mir, namentlich von Auer und auch von sämmllichen anderen Rednern der gleichen Richtung nachdrücklichst und unter Anführung sehr durchschlagender Gründe auf das äußerst Bedenkliche dieser rein partikularistischen, un- sozialistischen Begründung hingewiesen wurde, erklärten deren Ver- treier weiter, daß ihre Haltung in den Landtagen nicht von der Rücksicht auf die Ansicht der Parteigenossen, sondern nur von der Rück- ficht auf das„Volk", das sie sonst nicht ver- stehe, diktirt sei. Hierbei hörte man von keinem jener Redner den Standpunkt vertreten, daß das„Volk" doch aus sehr verschiedenen, durch Interessengegensätze geschiedene Klaffen bestehe, und daß wir uns als Sozialdemokraten nicht an das gesammte „Volk", sondern an jene Klaffen dieses Volkes zu wenden hätten, die durch ihre proletarische Klassenlage allein Ver- ständniß für unfern Standpunkt des Klassenkampfes besäßen. Um so nachdrücklicher wurde von Vollmar und Genoffen hervor- gehoben, daß man auf jenes„Volk" Rücksicht nehmen müsse, „das nicht liest", das aus„Genmthsmenschen" besteht, wesentlich auf das Bauernvolk, wobei man wieder übersah, daß anch dieses „Bauernvolk" aus verschiedenen, in ihren Klassen- interessen sich feindlich gegenüberstehenden Schichten b e st e h t, die man bei Wahrung des Klassen- charakters der Bewegung— und das ist bei einem Sozial- demokralen doch das erste Gebot— unmöglich alle für uns gewinnen kann. Das Hervorheben rückständigster partiku- laristischer Gründe auf der einen Seite und das ebenso scharf hervortretende Beiseite- setzen des proletarischenCharakters der Partei und des im politischen Kampfe einzunehmen- den Klassenkampf-Standpunktes auf der andern Seite, waren das Entscheidende in dieser sog. Bayerndebatte. Und schließlich fanden sich 93 Delegirte, die diesem der Bewegung bisher gänzlich fremden Standpunkt ihr« Zustimmung gaben, indem sie für den Antrag Vollmar u n d Gen o s s en stimmten. Diese 91 Delegirten bildeten drei Achtel— nahezu die Hälfte— sämmtlicher Delegirten des Parteitages. Ich erkläre rund heraus, daß dieses Resultat für mich ein niederschmetterndes war, ein Resultat von weit größerer Bedeutung als das der nachsolgenden Abstimmung über das Amendement Sladthagen, dessen schließliche Ablehnung in Ver- b i n d u n g mit dem von einer Anzahl Genossen und mir gestellten Antrag selbstverständlich mar. Dieses Resultat gab den ersten Stoß meinem in dem Artikel der„Neuen Zeit" zum Ausdruck gekommenen Optimismus. Es zeigte mir, daß, wenn ich auch zugeben mußte, daß die Bayern durch ihren Parteitag in der Abstiin- mung zum Theil gebunden waren, eine starke Strömung in der Partei besteht, die von wesentlicy anderen Grundanschauungen ausgeht, als sie bisher, d. h. seit der Existenz der Partei, maß- gebend waren. Und die weitere Frage, die ich mir zu stellen hatte, mußte sür mich sein, woher kommt das? Als in Erfurt die„Frage Vollmar" zur Verhandlung stand, konnte jeder Anwesende beobachten, daß es vorzugsweise s ü d- deutsche Delegirte waren, die auf seiner Seite standen. In Frankfurt setzte sich die starke Minorität für den Antrag Vollmar und Genoffen aus fast den gesammlen süddeutschen Delegirten zu- sammen, die mit vereinzelten Ausnahmen für denselben stimmten. Den Rest bildeten ein kleiner Theil Norddeutsche, von denen«rn Theil später von ihren Wählern wegen ihrer Abstimmung ein Mißbilligungsvotum erhielt. Nun wäre es eine Beleidigung für die süddeutschen Genoffen anzunehmen, sie hätten der schönen Augen Pollmar's wegen sich in Erfurt und in Frankfurt für ihn erklärt. Solche persönliche Sympathien mögen bei vem einen oder andern mitgespielt haben, maßgebend und ausschlaggebend sind sie nicht. Die be- treffenden Delegirten haben aus vollerUeber- zeugung für den Antrag Vollmar's gestimnit. .Aber— diese Frage mußte ich mir stellen— woher kommt es, daß in dieser Abstimmung eine so scharf nach Lands- Mannschaften ausgeprägte Scheidung sich vollzog. Daraus komme ich später zu sprechen. Es ist dies um so nöthiger, da meine hierauf bezüglichen Ausführungen in meiner Berliner Rede in Süddeutschland, weil mißverstanden, verstimmten. Die überraschend starke Minorität in der Bndgetabstim» mungsfrage, durch die das Bekenntniß zu Anschauungen aus- gesprochen wurde, die ich bis dahin von einem größeren Theil der Genossen getheilt zu sehen für unmöglich hielt, war. wie gesagt, der erste starke Stoß) den mein in der„Neuen Zeit" ausgesprochener Optimismus erhielt. Der zweite folgte. Es war der Verlauf der Verhandlungen über die Agrarirage. Ueber die Resolution verliere ich nur wenige Worte. Nachdem durch private Verhandlungen in die erste Fassung derselben einige Sätze aufgenommen worden waren. die anfangs fehlten, ein anderer sehr bedenklicher Satz daraus entfernt worden war, konnte man ihr ohne größere Bedenken zustimmen. Für die Parteileitung hat das Schicksal der Agrar- resolution den Fingerzeig gegeben, künstig stets darauf zu sehen, daß jede Resolution zuvor erst gründlich in größerem Kreise beralhen wird, ehe sie zur Veröffentlichung gelangt. So geschah es bisher mit allen anderen Resolutionen zum Vortheil der Sache, nur bei der Agrarresolution nicht. Weit bedenklicher war der Gang der Verhandlungen. Das- selbe Verleugnen des Klassenkampf- Stand- Punktes, dieselbe u n s o z i a l i st i s ch e Auffassung, in der Agitation Kreise gewinnen zu können, die niemals zu ge- Winnen sind, und wenn sie zu gewinnen wären, nur ge» wonnen werden könnten mit der Verschleierung oder Verleugnung unseres prinzipiellen Stand- Punktes als Sozialdemokraten, trat hier in dein Referate Vollmar's hervor. Auf der«inen Seite sehr gut und einwandssrei in der Charakteristik gewisser bisher geübter Agitalionsmethoden, obgleich er es dabei an Nebertreibungen nicht fehlen ließ, war die Rede in ihrem positiv sein sollenden Theil um so bedenklicher. Und die bedenklichsten Stellen wurden von einem erheblichen Theil der Delegirten am leb- hafte st en deklatscht, was mir die Ueberzeugung gab. daß auch auf diesem Gebiete ein Maß von Unklarheit herrscht. wie man es bei Sozialdemokraten nicht erwarten sollte. Auch wurde in der Vollmar'sche» Rede weder die Resolution begründet, und das war gerade sein« Aufgab», da er die prak- 'scheu Nusfuhrungen übernommen hotte. wührend SchoenlonI mehr die allgemeinen Gesichtspunkte und die historische Ent» Wickelung der Frage z» erörtern hatte, noch börte man in seiner Rede etwas von den Elementen, auf die sich unsere Agitation hauptsächlich richten muß, die Dienstboten und Landarbeiter, die Halb- und Kleinbauern, wogegen sehr viel von den Elementen die Rede war, für welche unsere Agitation von geringem Werthe ist, dem eigentlichen Bauernstand, des altbayerischen Hosbauern, des„Gmoawirths"— wie Genosse Adler in seinen Artikeln in der Wiener„Arbeiter-Zeitung" sich witzig ausdrückt— und seiner Klientel. Von den schließlichen Zielen der Partei in bczug auf die Agrarfrage war aber gar keine Rede, es war als wenn dieselben gar nicht existirten. 1870 sprach die sozial- demokratische Arbeiterpartei sich auf ihrem Kongreß in der Haupt- stadt des kleinbäuerlichsten Landes Deutschlands, in Württemberg, offen und rückhaltlos für die kommunistische Wirthschastsweise auf dem Grund und Boden aus und das gleiche that der All- gemeine deutsche Arbeiterverein. Im Jahre des Heils Ein- lausen dachthundertvierundneunzig ging man um diese Frage wie die Katze um den heißen Brei. Das ist der Fortschritt, den wir gemacht. Ich werde mich an anderer Stelle über dieses Kapitel viel gründlicher aussprechen. Unglücklicherweise drängte die Zeit zu rascher Arbeit und so wurde die Erörterung der w i ch t i g st e n Frage, die seil vielen Jahren die Partei beschäftigt, Hals über Kopf abgebrochen und der Eindruck des tief st en Unbefriedigtseins bei jedem geweckt, der gewöhnt ist, ein wenig tiefer den Dingen auf den Grund zu gehen. Während aber die Debatte über die allenvichtigste Frage Hals über Kopf abgebrochen wurde, ver- trödelte man ein gut Stück der kostbaren Zeit mit einem Antrag, wie dem, den Impfzwang aufzuheben, und führte mit einer Leb- hafligkeit darüber eine lang« Debatte, als bandelte es sich um die wichtigste soziale Frage des Jahrhunderts. Meine Tegoulirung über den bisherigen Gang der VerHand- klingen stieg noch bei den Debatten über den badischen Streit, deren Resultat war, daß man einem ausgesprochenen P h i l i st e r, einem Manne, der von der Sozialdemokratie so viel versteht, wie«ine Kuh vom Spanischen, im Besitze eines sozialdemokratischen Landtagsmandnts beließ, d. h. einen N i ch t p a r t e i m a n n in der höchsten Ehren- stelle beließ, welche die Partei zu vergeben hat. Einen weiter deprimirenden Eindruck machten ferner aus mich die Verhandlungen über die gestellten Anträge, wobei es rein vom Zufall abhing, od ei» Antrag angenommen, ein anderer verworfen wurde. Euier unserer tüchtigsten und scharfblickendsten Parteigenossen machte nach dem Parteitage die Bemerkung, er habe den Eindruck gehabt, als sei er in einer Volksversammlung gewesen, in welcher oft der Zufall über Beschlüsse entscheidet. Ich war von diesen Eindrücken der Zerfahrenheit und Un klarheit so»iedergestimmt, daß ich es als eine Erlösung ansah, einer Einladung der Mainzer Genossen zu einer Volks- Versammlung folgen zu können, die mir die Möglichkeit gab, den Parteitag mehrere Stunden vor seinem Schluß zu verlassen. Ich ging mit dem Entschluß, bei erster Gelegenheit, die ich bei der Berichterstattung über den Parteilag in Berlin erwartete, mich gründlich auszusprechen über die Eindrücke, die ich in Frankfurt bekommen, die noch verstärkt wurden, als ich, nach hier zurückgekehrt, las, wie namentlich in der„Münchener Post" unter der Vorgabe, den bayerischen Parti- kularismus zu erklären, derselbe gerechtfertigt wurde, und sogar das Wort von dem Getrennlmarschiren und Vereintschlagen fiel. Neuerdings giebt man in München zu, daß jene Sätze„un- geschickt" und„unglücklich gewählt" geivesen seien. Ich habe dann wie bekannt gesprochen. Habe ich dabei in Fraktur gesprochen, so in der klaren Absicht, die Partei zu pro- voziren, die Augen zu öffnen und Selbstkritik zu üben. In der Erinnerung alles dessen, was sich seit Juni 189l in der Partei unter der Leitung Vollmar's begeben— und er ist der Einzige in jenein Lager, der mit vollem Bewußtsein und mit Erkenntniß der vollen Tragweite dessen, was er thut, so handelt wie er handelt, und dem die Partei mit fast stumpfer Gelassenheil gegenüberstand— schien es mir, daß ein paar Worte zu viel gesagt weit weniger schlimm seien, als ein paar Worte zu wenig. Daß die Auffassung, die ich habe, in wesentlichen Punkten weit mehr in der Partei gel heilt wird, als ich gehofft. ersehe ich nicht nur aus den Urlheilen unserer Presse, die ebenfalls eine Aufrüttelung der Partei zur Selbstkritik für nolkwendig hält, ich ersehe es auch aus den zahlreichen Zu schriften, die mir aus den Kreisen der Parteigenossen zugingen. und mein Auftreten billigen. Fragt nun Vellmar: Welcher Bebel hat die Wahrheit ge sprock en— der vor oder auf dem Parteitag oder der nach demselben? So lautet meine Antwort: Der Bebel, der vor dem Parteitag und auf dem Parteitag sprach, bat ebenso die Wahrheit gesagt, wie jener der nach dem Parteilag sprach. Der Unterschied ist nur, daß der Bebel vor dem Parteitag und zu Anfang desselben eine Meinung hatte, die er nach den gemachten Erfahrungen ivährend des Parteitages nicht mehr aufrecht- erdalten konnte, er wurde zn einer anderen Au ffassung gezwungen, welcher er alsdann nach dem Parteitag, seiner Gewohnheit ge mäß, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen, rückhaltlos Ausdruck gab. Ob Vollmar nach dieser meiner Antwort noch glaubt, die Beweggründe meines Handelns in„verletzter Eigenliebe" und „unzugänglicher Rechthaberei", in„Selbstherrlichkeit" und ähn lichen gemeinen und verächtlichen Beweggründen suchen zu müssen wie er sie mir in seinen Artikeln unterstellt, mag er mit sich selbst abmachen. Ich gehe meine Wege, unbekümmert danim, was er über mich denkt. Wir Beide wissen wohl gegenseitig, woran wir miteinander sind. Dagegen ist für die Berechtigung meines Urtheils über den Parteitag nicht unbeachtlich das Uriheil, das fast die gesammte gegnerische Presse, in seltener Uedereinstimmung. über de» Parteitag fällte. Vollmar sagte allerdings in Frankfurt und wiederholte es in München: man solle sich an das, was die Gegner über uns sagten. nicht kehren und ja nicht sein Urtheil davon beeinflussen lasse» Nun, mein Urtheil über die Bedeutung des Frankfurter Parteitags war fertig, als ich Franksurl verließ, die Gegner haben das meine also nicht influirt. Aber dennoch bin ich auch in dieser Frage entgegengesetzter Meinung wie Vollmar, der am meisten wünschen inuß, daß man die Urlheile unserer Gegner über seine Stellung in der Partei, die von bedenklicher Anerkennung über seine Thätigkeil triefen innerhalb derselben nicht kolportirt. Tie Partei braucht diese Rücksicht nicht zu nehmen. Das Urtheil der Gegner über sie ist nicht maßgebend für sie, aber es ist zu beachten, weil ein kritv sirender Gegner oft an mir sieht, was ich selbst noch nicht ent deckt habe. Es ist ein alter Grundsatz von mir, den ich schon oft ver focht: Willst Du wissen, wie Tu handelst, so höre, was Dein Gegner über Dein Handeln sagt. Tadelt er Dich, so ist das ein Lob für Dich, lobt er Dich, so ist das bedenklich für Dich. und Du hast alle Ursache, Dich zu prüfen, ob Du nicht einen Fehler gemacht hast. Nun. dieses Mal war das Urtheil der gegnerischen Presse über den Parteitag von der bürgerlich radikalen bis zu den kirchlichen Blättern ein so einmüthig lobendes und hoffnungs freudiges, daß dies der g e w i ch t i g st e Grund für uns sein muß, strengste Selb st kritik zuüben. Der altrömische Satz: Viäaant consules, ne quid detrirnenti capiat respublica (Mögen die Konsuln zusehen, daß dem Gemeinwesen kein Schaden geschieht) muß rmmer wieder unser Warnruf sein. Konsuln sollen aber nicht blos die Parteileiker, die Partei- organe, Konsul soll jeder es ehrlich mit der Sache meinende Parteigenosse sein. In einem letzten Artikel werde ich untersuchen, wie weit die von mir in bezug auf die Parleizustnnde gefällten Urtheile den Thatsachen entsprechen. A. Bebel. Ptiimrdje xubcirtrftt. Berlin, den 29. November. Ein amtliches offiziöses Zentralorgan soll ge- gründet werden und die Minister und Vorsteher der anderen Zentralstellen sollen gehalten sein, durch dieses Organ ihre Mittheilungen in das Publikum gelangen zu lassen, damit nicht wieder, wie vor kurzem, ein Kampf zwischen den verschiedenen Ministerien ausbrechen könne. Dieser Plan ist so utopistisch, wie der des Grafen Caprivi war, der bei Antritt des Reichskanzleramtcs versprach, nur den Rcichs-Anzeiger" zu offiziösen Mittheilungen zu verwenden. Den Miguel und Kollegen werden jederzeit reaktionäre BlUter gerne ihre Spalten öffnen und dieselben werden auch, wenn das amtliche offiziöse Zentralorgan zu stände idmmt, nach wie vor zu offiziösen Mittheilungen benutzt werden. Die offiziösen Preßlreibereien hören erst mit dem Falle des gegenwärtigen Systems auf.— Ter Bundesrath hat in seiner heutigen Sitzung die Vorlagen betreffend den Entwurf von Be- Stimmungen über die Beschäftigung jugendlicher Ar- b e i t e r auf Steinkohlen-Bergwerken und über die Be- chäftigung von A r b e i t e r"i n n e n und jugendlichen Arbeitern in Walz- und Hammerwerken dem zuständigen Ausschuß überwiesen. Die Ausschußanträge zu den An- trägen Preußens und Bayerns auf Abänderung der Gewerbe-Ordnung, zu dem Entwurf von Vorschriften lietreffend den Verkehr mit Giften, serner be- treffend den Entwurf von Bestimmungen über die 'ierstellnng einer Konkursstatistik wurden angenommen. esgleichen.witrde der G e s e tz e n t w u r f, betreffend Aenderungen unh Ergänz llngen des Straf- gesetzbuches, des Militär-Strafgesetzbuches und des Gesetzes über die Presse angenommen. Schließlich gelangten die Ansschußberichte über die Feststellung des Haushalts-Etats für die Schutzgebiete auf das Etats- jähr 1895/96, über Entwürfe von Etats zum Reichshaus- Halts-Etat für 1895/96 und zwar des Auswärtigen Amts und der Rcichsschuld, sowie über die Entwürfe von Gesetzen, betr. die Feststellung des Reichshalts-Etats 1895/96 und die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltungen des Reichsheeres, der Marine rc. zur Annahme.— Ter Abgeordnete Lcufi, der bekanntlich wegen Mein- eidcS verfolgt wird, soll sein Mandat niedergelegt haben. Bei der Hauptwahl im verflossenen Jahre erhielt der Anti- semit Leuß 3809, unser Kandidat 3765, die deutsche Reichs- partei 4280 und die freisinnige Volkspartei 2844 Stimmen. Bei der Stichwahl fielen auf Leuß 6879 und auf den Kan- didaten der Reichspartei 4832 Stimmen. Die Ausfichten unseres Kandidaten sind bei einer Nachwahl jedenfalls nicht ungünstig.— Als nationalliberaler Gegner der Ausnahme- gesctzgcbung erklärte sich der Mannheimer Reichstags- Abgeordnete Rechtsanwalt Ernst Bassermann in einer nationalliberalen Versammlung. Herr Bassermann wendete sich gegen den nationalliberalen Parteitag in Iralikfurt mit folgenden Ausführungen: Die Frage, was gegenüber der sozialdemokratischen Bewegung zu thnn ist, ob insbesondere gegenüber den Ausschreitungen des Anarchismus besondere Maßregeln erforderlich sind, ist in der letzten Zeit auf verschiedenen Parteitagen erörtert worden, namentlich auf dem natinnalliberalen Parteitag in Frankfurt. Dort ist von mir im Einverständniß mit den übrigen Mann« heimer Delegirten die Ansicht vertreten worden, daß es«ine sehr irrige Anschauung sei, wenn man glaube, durch Polizeimaßregeln die Fortenlwickelung der Sozialdemokratie verhindern zu können. Unter dem seinerzeitigen Sozialistengesetz ist die sozialdemokratische Agitation im Geheimen betrieben worden. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, daß es viel besser ist, wenn die Sozialdemokraten in öffentlichen Versammlungen sagen könne», was sie wollen und was sie erstreben, als wenn sie in geheimen Konventikeln und unter der Oberfläche fortgesetzt weiter wühlen. Wenn wir heute scharse Maßregeln gegen die sozialdemokratische Bewegung er« greisen, werde» diese nur den Effekt haben, daß die gegenwärtigen Sireiligkeiten in der Sozialdemokratie sofort verstummen und die Partei sosorl wieder an allen Ecken und Enden geschlossen da- steht. Aus diesem Grunde bin ich ein Gegner eines neuen Sozialistengesetzes, sowie der Beschränkung des Vereins- und Versammlungsgesetzes. Die freie Meinungsäußerung muß unter allen Umständen gestattet werden. Was wir gegen- über der sozialdemokratischen Bewegung thun müssen, ist klar: Nur durch soziale Reformen werden wir die Revolution ver« hindern, nicht durch Polizeimaßregeln.(Stürmisches Bravo.) Das war das alte Prinzip der nationalliberalen Partei, und a» diesem wollen wir festhalten. Unsere Erfahrungen mit der nationalliberalen Partei berechtigen uns nicht, zu der Uebcrzcugnng zu gelangen, daß Herr Bassermann gegen die.Umstulzgejetze" stimmen werde.— „Tie Anl'ekznng znm Klassenhafi" ist ein Leitartikel der„Vossischen Zeitung" überfchrteben, der wir die folgende Stelle enti.ehmcn: „Was sind Feindseligkeiten? Und wo hört die Grenze der erlaubten Aufreizung aus? Schließlich wird überall kein Fort- schritt im Völkerleven erreicht ohne„Aufreizung", ohne Haß gegen die Willkür, ohne Kampf gegen die Unvernunft; überall muß das Unrecht, das besitzt, in langer Fehde aus seinen festen Burgen vertrieben werden. Will man diesen Kampf auf gesetz- lichem Boden hindern, dann verhütet man nicht, sondern fördert man den Umsturz."— Tie gute„Ykational-Zeitnng" weint heute Krokodils- thräuen über die Nichtberücksichtigung der parlamentarischen Parteien und ihrer Führer beim Sturze Caprivi's und Eulenburg's, und bei dem Umschwünge in der inneren Politik. Sie bemerkt dabei ganz richtig: „In keinem andernLande mit konstitutioneller Verfassung wäre es möglich, daß die Führer der parla- mentarischen Parteien und dadurch diese überhaupt für 7'/, Monate abdankten, und zwar während eine Krisis sich sichtlich vor- bereitete, eintrat und eine neue Stellungnahme der politisch denkenden Aolkskreise forderte." Daß die nationalliberale Partei, diese rückgratlose, energielose, stets der Regierung zu Dienst stehende Eunuchen- gardc au diesem Zustand den Haupttheil der Schuld trägt, verschweigt das führende Organ der Partei Drehscheibe wohlweislich.— Der Apotheken- Gesetzentwurf. Der Inhalt der vom Reichsamt des Innern den Einzelregierungen zur Begutachtung zugestelllea Grundzüge zum Reichs-Apotheken-Gesetzeutwurf deckt sich nach der„Südd. Apothek.- Ztg." im wesentlichen mit dem früher bekannt gewordenen Entwürfe der preußischen Rs- gierung. Danach sollen also für die Folge nur persönliche unverkäufliche Berechtigungen ausgetheilt werden. Das würde der königlichen preußischen Verordnung vom Juni d. I. ent- sprechen. Ren dagegen ist, wie offiziös betont wird, daß dch bereits bestehenden, bis jetzt verkäuflichen nicht dinglichen Be- rechligungen nach einer bestimmten Zeit unverkäuflich werden. Der festzusetzende Zeitraum dürste noch Gegenstand weiterer Ver- einbarung sein. Für die Bewerbung um eine erledigte Konzession soll ausschließlich das Approbations-Zeitalter maßgebend sein. Besitzer, die ihre Konzession der Regierung zur Verfügung stellen, können sich mitbewerben. Realkonzessionen bleiben nach wie vor verkäuflich, dagegen behält sich die Regierung eine Art von Ve« stätigungsrecht in bezug auf die sittliche Befähigung des Käufers vor. „Die deutsch« Prefifrciheit" ist zwar so durchlöchert, daß man gar nicht für möglich halten sollte, es könnten noch neue Löcher hiueingebohrt werden, allein unsere findigen Juristen auf der Richterbank und im Staatsanwaltstalar bringen das Kunststück doch fertig. Der ambulante Gerichts- land, die Verantwortlichmachung aller bei der Herstellung eines Schriftstücks Betheiligten, die Bcurtheilung historischer Aktenstücke als politischer Gegenwartsschriften(so daß die Redaktion des„Sozialdemokrat" wegen Abdruck eines Aktenstückes ans dem Jahre 1848 verurtheilt wurde)— das sind wahrhaftig bedeutende Leistungen binnen weniger Jahre, doch unsere Herren Juristen sind nicht damit zufrieden. Ihr Ehrgeiz treibt sie auf die Jagd nach neuen Lorbeeren. Und da wird denn heute aus Offenbach eine neue Großthat gemeldet. Unser dortiges Partei-Organ, das„Offenbacher Abendblatt", hatte einem in der gleichen Stadt erscheinenden Blatt, das mit der Zahl seiner Abonnenten prahlte, vorgeworfen, daß es in dieser Beziehung schwindelhafte Angaben mache. Das betreffende Blatt verklagte daraufhin den Redakteur des „Offenbacher Abendblattes", Genosse Bender, und den Ver- leger, Reichs- und Landtags- Abgeordneten Ulrich. Der Redakteur bekannte sich als Verfasser und wies nach, daß das ftagliche Blatt in der That in den An- gaben über seinen Abonnentenstand geschwindelt, das heißt die Unwahrheit gesagt habe. Das Gericht (Schöffen) erkannte ausdrücklich an, daß dieser Beweis er» b r a cht sei, und verurtheilt e Ulrich sowohl als Bender zu einer Geldstrafe von 100 M. Daß der Be- weis der Wahrheit als erbracht angesehen und trotzdem auf strafbare Beleidigung erkannt werden kann, das ist in unserem schwachnervigen Deutschland, wo jedes Wort der Kritik, das dem, gegen welchen es sich richtet, nicht gefällt, als Beleidigung im Sinne des Straf- Gesetzbuchs aufgefaßt werden kann, nichts Ungewöhnliches. Daß aber, wenn der Redakteur eines Blattes sich als Verfasser nennt, und die ganze Verantwortlichkeit auf sich nimmt, dann auch noch der Verleger bestraft wird, das ist neu. Bisher wurden nur bei N i ch t f e st» st e l l u n g der Urheberschaft eines angeklagten Artikels in solchen Fällen außer dem verantwortlichen Redakteur auch noch andere am Blatt beschäftigte Personen für verantwort« lich betrachtet. In Offenbach ist also ein Fortschritt— nach rückwärts gemacht worden. Bei dieser Gelegenheit eine Frage: das neue Knebel- gesetz bezweckt u. a. auch eine Einschränkung der Preß- freiheit. Was ist— so möchten wir wissen— denn«einzuschränken", wo nichts ist?— Das Zeugnifi- Zwangsverfahren gegen die Redaktion ves„Vorwärts" in Sachen der Ver- öffentlichung zweier geheimer Erlasse des Land- raths von Niederbarnim wird weitergeführt. Heute wurden unser ehemaliger Redaktionssekretär Roland und unser Redakteur Braun in dieser Sache ver- nommen. Roland erklärte eidlich, daß er in keiner Weise von den Umständen, unter denen die Aufnahme der betr. Aktenstücke in den„Vorwärts" erfolgt sei, Kenntniß habe. Braun verweigerte mit Berufung auf§ 54 der St.»Pr.O. die Aussage, weil er es für nöthig hielt, daß der Landrath von Nicderbarnim amtlich bestätige, daß die vom«Vor« wärts" veröffentlichten Aktenstücke echte seien und wörtlich genau zum Abdrucke gebracht worden sind. In dem Falle, daß die Aktenstücke nicht vollkommen authentisch seien, könnte Braun sich event. selbst einer Be- leidigung des Landraths bezichtigen, was ihn zur Ablehnung der Aussage berechtigen würde.— Der beauftragte Richter hat die Gründe der Aussagenverweigerung deS Genossen Braun zur Kenntniß genommen. Bei der Zähigkeit des Niederbarnimer Landrathes ist zu gewärtigen, daß damit das Verfahren noch nicht be« endet ist.— Ausdehnung des Treiklassen-Wahlsystems. Der hessische Provinzial-Landtag beschloß, ebenso wie vorher bei der Städte-Ordnung, für die Landgemeinde-Ordnung das Dreiklasseu-Wahlsystem.— Auch ein Sohn seineS Vaters. Fürchterlich„herein- gefallen" ist Herbert Bismarck mit seinem Interview. Er erklärte dasselbe bekanntlich für erfunden. Das hat nun der englische Journalist, dem er die Geheimnisse seiner beutelustigen Eckte indiskret anvertraute, nicht auf sich sitzen lassen und in der«Pall Mall Gazette" folgenden Schreibe» brief veröffentlicht: „Da Graf Bismarck heute für gut findet, meine Unterhaltung mit ihm abz>»leugnen— immer«ine peinliche Sache zwischen einem aus Ziveckmäßigkeitsgründen handelnden Diplomaten und einem wahrhaften Korrespondenten,— so bitte ich den Herrn Grafen, sich zu erinnern, daß der Direktor jenes Hotels ihn auf meine Bitte zu mir herausrief, und daß sowohl dieser Holel- dlreltor, wie ein bekannter Herr aus Amerika, der anwesend war, sicherlich meine Begegnung und Unterhallung mit ihm bestätigen werden, wie in der Nr. vom 20. d. berichtet. Ich bedauere. ihn daran erinnern zu müssen, daß das keivesivegs „eine grobe Täuschung" war. Er hat jedes Wort des Interviews gesagt und noch mehr, was ich zu ver- schweigen für gut hielt. Ich bin kein Fremder für den Grafen, und so kann er auch nicht die Unterredung vergessen haden, die ich nach der„historischen Abdankung" des Eisernen Kanzlers in Kissingen mit ihm hatte, die zu beiden Seiten des Rheines und in Amerika mitgelheitt wurde, ohne Widerspruch zu finden. Auch kann er den Bries nicht vergessen haben, den er mir später sandte infolge einer starken Kritik deutscher Blätter über seine Kolonialpolitik in den„Tagen der Macht", und auch kann er nicht vergessen haben unsere letzte Begegnung im Berliner Kaiserhof, im Lesesaale vor etwa zwei Jahren, wo er zur Jagd bei einem Vetter reiste. „Wohl möglich, daß die s p ä t« Stunde unserer Begegnmig — es war stark Mitternacht— und die angenehmen Er- innerungen an einen Abend bei Renz seinen Geist am folgenden Tage auf der Reise nach Varzin beeinflußt haben, aber keinerlei Zweifel besteht auch nur über ein einziges mit- getbeiltes Wort,' so daß ich zur Bestätigung die Namen der An- wefenden nennen und den Brief rineS dekannten Herrn, der miserer Untembung beiwohnte, mitttheilen müßte, wenn Se. Exzellenz die Thntsache weiter leugnen sollte. London, 26. November." Das ist bitter. Und Herr Herbert Bismarck wird nun wohl eingesehen haben, daß man nichr blos in der Wahl seines Vaters vorsichtig sein muß, sondern auch in d e r seines Interviewers. Oder man darf nicht vorher bei Renz„angenehme Erinnerungen" gesammelt haben. Zwei Zeugen, die der„Unterredung" beiwohnten, hat der englische Journalist beiläufig schon genannt: darunter Wilhelm Bismarck, den Bruder des Reingefallenen. Armer Herbert!— „Wie Moses Mendelssohn von der Einquartierung befreit wurde": also betitelt sich ein Leitartikel des Slöcker'schcn „Volk". Wir finden darin folgenden für die Zeitgeschichte recht charakteristischen Brief des bekannten jüdischen Philo- sophen, der seinem Freund L e s s i n g das Urbild des Nathan war: Allerdurchlauchtigster usw. Um nach Euer Köuigl. Majestät allergnädigster Intention nebe» meinen Brotgeschäften auch'ein bischen der Wissenschast obliegen zu können, habe ich es dahin gebracht, daß ich die Besorgung der Seiden- Manusakturgeschäfte. wovon ich lebe, m meinem Hause verrichten kann. Zu solchem Ende habe das in der Spandowcr Straße belegene vormals Hä.iselsche, anjetzt der verehelichten Meyerin, geborenen Ephraim zugehörige Haus Lud Nr. 345(jttzl Spandauerstr. 68 dem Weinhändler Becker gehörig) auf 16 Jahre gemiethet und die Manufaktur- Kassa, Skripturen und was sonst zum Komtoir gehörig, dahin transportiren lassen. Wenn nun in diesem engen Häuschen kein lliaum geblieben, auch im übrigen nicht tdunlich ist, neben einem so i,»portanten Komtoir Einquartierung einzunehmen, so erkühne ich mich uuterthäuigst zu bitten: Euer König!. Majestät wolle allergnädigst geruhen, dieses kleine Haus, so lange das ikointoir zur Seidenwaaren-Jabrique darin ist, von aller Einquartierung zu dispensiren. Ich ersterbe E. K. M. Moses Mendelssohn, Schutzjude Hierselbst. Berlin, 26. August 1766. Weshalb nun hat das Organ des Wahrheitsfrenndes Stöcker diesen Brief veröffentlicht? Natürlich nicht aus „historischem Interesse". Ein Stöcker braucht realistischere Beweggründe. Ein Dezernent behauptete, Mendelssohn sei gar nicht„Seidenfabrikant", sondern nur„Buch- Halter eines Seidcnfabrikauteil", das Gesuch fei also abschläglich zu bescheiden. Ein anderes Dezernat kam jedoch zn dem en.t gegen gesetzten Resultat und zwar so durchschlagend, daß Mendelssohn wirklich von der Einquartierung befreit wurde. Für den Stöcker oder Slöckerling besteht aber nur jenes, unrichtig erklärte Dezernat, und er schließt aus demselben, daß Mendelssohn ein sehr un- patriotischer und von niedrigen Triebfedern bewegter Mensch gewesen sei, und dadurch seinen jüdischen Ursprung be- kündet habe. Echt stöckerisch. Daß ein„Schutzjude" der kein Recht im Staate hatte, sondern blos geduldet wurde, als Rechtloser schon das Recht hatte, lästige Staats- pflichten von sich zu weisen, das geht selbstverständlich über den Horizont eines Stöckcr hinaus.— Villmar. In einer früheren Notiz erwähnten wir des bekannten hessischen Predigers und Literaturhistorikers Vitlniar. der einst auch als„neuer Luther" geglänzt hat. und iührten bei dieser Gelegenheit an, daß derselbe sich abscheulicher Siltlickkeits- vergehen schuldig gemacht habe. Von einem uns als Ehrenmann bekannten Verwandten des längst verstorbenen Villmar erhalten ivir nun ein formelles Dementi dieser Nachricht, die in de» 50er Jahren unter den deutschen Flüchtlingen allgemein vcr- breitet war. Wir nehmen von diesem Dementi Akt und werden das Ergebniß der von uns eingeleiteten Nachforschungen un- gesäumt mittheilen. Wenn wir falsch unterrichtet, so werden wir lhun, was Ehre und Pflicht uns gebieten.— Tie österreichische» Liberalen und die Wahl- reform. Eine Wiener Depesche»leidet: Gestern Abend wurde im Klub der Linken lebhast über die Wahlreform diskutirt. Fast alle Redner plaidirten für die Errichtung einer einheitlichen fünften Curie für die industriellen Arbeiter und Mindestbesteuerten.— Ein sensationeller Wahlfälschungs-Prozest spielt sich gegenwärtig in T o u l o u s e( S ü d f r a n k r e i ch) ab. Wir werden über den Prozeß, der auf das politische Leben in der fraiizösischen Bourgeoisrepublik manches interessante Schlaglicht wird, ausführlich berichten.— Robin, der von dem französischen Unterrichts- minister so schmählich verleumdete Direktor des Waisenhauses von C e ni p n i s, steht glänzend gerecht- fertigt da. Der junge Mensch— Machn—, der sich gröblich gegen Schülerinnen vergatigen hat— jedoch lange tlicht in dem Maße, wie angedeutet wurde— war, als er dies that, 15 Jahre alt; aus Bitten der Familie, einer ehrenfesten Prolctarierfamilie, die versprach, daß das Bürsch- chen nun zu einem Tischler in die Lehre kommen solle, unterließ Robin es, den Entlassuugsgrund in das Zeugniß zu schreiben. Und jetzt liegt ein Brief des Maires der Ge- meinde vor, in derMachu lebt, undaus diesem Briefe erhellt, daß der junge Taugeitichts ein braver Mann, ein fleißiger Ar- beiter und nützliches Glied der Gesellschaft geworden ist, was nicht der Fall hätte sein können, wenn Robin ihm durch Veröffentlichung jener Jugendsünde die ganze Lebens- bahn verdorben hätte. Der vergiftete Pfeil, den das fran- zösische Bourgeoisministerium, um seine feige Maßregelung zu rechtfertigen und einen politischen Gegner moralisch zu vernichten, ans Robin aus dem Hinterhalt abgeschnellt hat, ist smnit auf die niederträchtigen Schützen zurückgeprallt.— Au willfährigen Richtern ist in Italien kein Mangel,»vohl aber an Gerechten. Herr Crispi scheint es durch seine dienstbeflissenen Richter wirklich fertiggebracht zu haben, den Pananiino- Prozeß einstellen und den Urkundenunterschlager und früheren Ministerpräsidenten Giolitti vor dem Gefängnisse retten zu lassen. Aus Rom wird nämlich telegraphirt: Die„Opinione" meldet als verbürgtes Gerücht, der Prozeß wegen Beseitigung von Dokumenten in dem Bauca Romana- Prozeß sei wegen Maugels an Beweisen heute eingestellt worden. Der Panamino-Skandal ist damit freilich blos formell beendet. Aber das italienische Volk wird sich dabei nicht beruhigen, sein Hast und seine Verachtung gegen die Crispi und Giolitti wird durch diesen unsauberen Streich blos ge- steigert werden.— Ter sozialistische Abgeordnete Prof. K«ri, über dessen Mastregelung durch Ehren- Crispi wir in einer Veranlworllicher Redakteur: I. Dierl( unserer letzten Nummern berichtet haben, hat an den Chef- redakteur des„Secolo" folgendes Schreiben gerichtet: „Fiesole, im November 1834. Sehr geehrter Herr Redakteur! Da Ihr Blatt über meine jüngst erfolgte Vertreibung von dem Lehrstuhl für Slrafrecht in Pisa berichtet hat, drängt es mich, die Tbalsachen festzustellen. Zwei Jahre lang hat die Fakultät in Pisa, ein edles Beispiel von Liebe zur wissenichaitlichen Lehrfreideit gebend, für mich gekämpft und endlich im Jahre 1892 bei dem Minister Villari meine Ernennung zum ordentlichen Professor für den Lehrstuhl, den einst Car- mignara und Carrara(sehr bedeutende italienische Strafrechts- lebrer) inne halten, durchgesetzt! Vor einiger Zeil verlangte jedoch die sozialistische Partei, der ich mich inzwischen angeschlossen halte, daß ich als ordentlicher Professor meine Entlassung nehme, und das lhat ich auch, erbot mich jedoch, ohne Gehalt weiter unterrichten zn ivollen. Der Minister Baccelli nahm mein An- erbieten an, weil man mit Professoren, die zugleich Abgeordnete waren, stets so verfuhr, und weil ick; auch im vergangenen Schuljahre an der Universität Pisa umsonst Vorlesungen hielt. in Juli d. I. aber, als die Fakultät, wie üblich, die im letzten ehrjahre erfolgten Ernennungen bestätigen sollte(was immer nur eine bloße Formalität ist), stellte Prosefior Supino den Antrag, man möge mir diese Bestätigung versagen; aber die Fakultät beschloß, die Enlscheidiing bis zum November d. I. hinauszuschieben. Von diesen Vorgängen erhielt ich niemals eine amtliche Mittheilnng, und ich wußte nur. aus zweiter Hand, daß man zwei Gründe gegen mich ins Feld führte: die geringe Zahl meiner Vorlesungen und die vom Katheder aus getriebene politische Propaganda. Zur Abwehr des ersten Vorivurfs berufe ich mich auf das Uuivernlätsregister, welches beweist, daß ich im vorigen Jahre 23 audertbalbstündige Vorlesungen hielt, die 42 einstündigen Vorlesungen gleichkomnien; ich bemerke dabei, daß die Rechtslc'hrer jedes Jahr etwa 56 Vor- lesungen halten. Ter Unterschied ist also unbedeutend, und ich füge noch hinzu, daß ich an Festtagen mit den Studenten Irren- Häuser und Gesänguisse besuchte. Ich glaube nicht, daß irgend ein Prosessor, der zugleich Abgeordneter ist, eine größere Anzahl von Vorlesungen hält. Was »un die politische Propaganda beim Unterricht an- geht, so fordere ich jedermann heraus, auch nur einen einzigen Beweis dafür zn erbringen, im Gegentheile habe ich in diesem Jahre an der Universität nichts anderes gelhan, als das Straf- gesetzbuch, Artikel für Artikel, zu erläutern. Außerhalb der Universität hatte ich dagegen in Pisa einen Zirkel für soziale Studien begründet, an welchem sich noch andere Professoren be- iheiligen, und der nicht einmal bei der jüngst erfolgten Auf- lösnng der sozialistischen Vereine Anstoß erregte. Hier behandelte ich allerdings die Geschickte der sozialistischen Idee. Diese Vor- träge und meine Zugehörigkeit zur sozialistischen Partei(in Pisa giebt es auch einen„katdolisch-sozialistischen" Professor, der nicht im geringsten belästigt wurde, und das ist gut) sind also die einzige wahre Ursache meiner Ausschließung von der Universität Pisa. Man bemerke, daß die Fakultät sogar den Auliag des Prof. Mortara, man möge mir wenigstens den Beschluß vom Juli d. Js. mittheileu, unter dem lächerlichen Vorwande, daß„das mir Verdruß bereiten könnte!" zurückwies. So wurde ich durch eine wahre Hinterlist der Lehrtbätigkeit be- raubt. Und ich wi ndere mich darüber gar nicht; denn wenn ich schon, als ich nur in der Wissenschast ein Ketzer war, bei den Univrrsiläts-Wettwcrben ein Leidensnoviziat durchmachte und überall zurückgestellt wurde, war es vorauszusehen, daß man, da ich nun auck in der Politik ein Ketzer geworden bin, de» Universitäts-Boykott hinzufügen werde, wie in wenigen Tagen auch die gerichtliche Verurtheilung folgen wird. Es ist ein sprechendes Beispiel von jenem Klassen- kämpfe, der es mit sich bringt, daß der, der das Messer am Griff hält, es, so lange er kann, zu seinem Vortbeile benutzt. Und ich ivill mich gegen die Wahrheit dieses historischen Gesetzes nicht auflehnen, weil ich jetzt zufällig persönlich davon betroffen werde, nachdem es so viele bekannte und unbekannte Opfer ge- fordert hat. Ich will nur, daß das Publikum die wirklichen Thalsachen kennen lerne und behalte das Urtbeil über dieses Beispiel von feigstem Servilismus, das glücklicherweise in den Annale» der italienischen Hochschulen einzig dasteht, für mich. Ich dqnke Ihnen für die Ausnahme dieses Schreibens. Enrico F e rri." Die„Ahnungen" unseres Genossen Ferri sind inzwischen ein- getroffen. Er wurde am 25. d. M. vom Polizeigerichie in Mantua zu 75 Tagen Verbannung nach Siena verurthcilt; mit ihm wurden noch acht andere Sozialisten verurthcilt. Ten Vcr- urtheillen wurde von einer großen Volksmenge eine glänzende Ovation dargebracht; viele riefen:„Hoch der Sozialismus! Nieder mit Crispi!" Dem Diktator in Rom müssen die Ohren geklungen haben.— Von den nordamerikanischen Trusts, den aus- gebildetsten Kartellen, wird ans New- Jork gemeldet: Präsident Havemcyer vom Zuckerlrust erklärt, die Differenz zwischen rohem und raffinirtem Zucker sei unter dem neuen Tarife so gering, daß der Trust es villiger finde, die Rassiucrien zu schließen. Dieselben würden geschlossen bleiben, bis der Markt die Wiederausnahme des Betriebes rechtfertige. Dies heißt 50 000 oder noch mehr Arbeiter werden brotlos gemacht, lediglich um durch einen Druck ans die Regierung eine Aendernng der Zollpolitik durchzusetzen. Man siebt, welche-Macht das konzeutrirte Kapital hat und wie schamlos es dieselbe zum Schaden der Konsumenten ilnd Arbeiter ausnützt.— Vom chiuesisch-japauischen Kriege. Dem„Reuter- scheu Bureau" wird aus Hiroschima vom heutigen Tage gemeldet; Nach hier eingegangenen Nachrichten hat die erste j a p a n i s ch e A r m e e in der Mandschurei die Chinese» bei Molienling geschlagen. Der Verlust der Japaner wird aus 40 Todte und Verwundete angegeben, die Verluste der Chinesen solle» sehr bedeutend sein. Wie die„Times" aus Tschisu vom 27. d. M. melden, be- stätigt es sich, daß ans beiden Seiten der Krieg führenden Parteien Grausamkeilen begangen wurden. Zahlreiche japanische Gefangene sind enthauptet oder verstümmelt aufgesunden worden; daher gaben die Japaner bei einem darauf folgenden Blutbade keinen Pardon. Das„Reuter'sche Bureau" erfährt aus Washington von gestern, daß China dem amerikanischen Gesandten in Peking formelle Friebensvorschläge übermittelt habe. Dieielben werben von dem amerikanischen Gesandlen in Tokio der japanischen Regierung unterbreitet werden. In Tschisu verlautet, daß die japanische Regierung die Annahme einer Kriegsentschädigung von 40 Millionen Pfund Sterling(800 Millionen Mark) av- lehnte und eine solche von 50 Millionen(eine Milliarde Mark) nebst Vergütung aller Kriegskosten verlangt. Wie die„Times" ans Cheioo melden, ist Adnüral Freemantle mit 50 seiner Offiziere i» Port Arthur ans Land gestiegen. Es bestätigt sich, daß sowohl von chinesischer als auch von japanischen Soldaten bei der Einnahme Port Arthurs die schrecklichsten Gräuelthaten verübt wurden. London, 29. November. Ans Tokio wird berichtet, daß der chinesische Cpezialgesandte, welcher mit der japanische» Regierung in Unterhandlungen lreten sollte, nach Tienisin znrückgekehrl ist, da der japanische Premieruiinister es abgelehnt hat, mit einer Persönlichkeit, welche ihm im Range nicht gleichsteht, zu unter- handeln. Im Uebrigen erklärte die japanische Regierung sich be- reit, annehmbare Friedensvorschläge akzeptiren zu wollen. il Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Boving i VcrvlKmenkavisickzes. Tie Präsidentenwahl im Reichstage wird in der zweiten Plenarsitzung vollzogen werden. Man ist, wie ein Bericht- erstailer meldet, in den Kreisen der ParlamentsmajorilKt schon jetzt der Ansicht, daß die Wiederwahl des früheren Präsidiums (von Levetzow, Freiherr v. Buol, Dr. Bürklin) ftatlfinden wird. Die meisten Fraktionen haben bereits ihre ersten Sitzungen an- gesetzt. *« Stärke der Reichstags Parteien. In die neue Reichstag?» tagung werden die Fraktionen in nachstehender Stärke eintreten: 62 Teutschkvnservalive(v. Levetzow mitgerechnet), 28 Reichs- parteiler, 15 deulschsoziale Reformpartei, 100 Zentrum, 19 Poler. 52 Naiionailiberale, 14 freisinnige Vereinigung(Dr. Pachnicke als Hospitant beigetreten), 23 freisinnige Volksparkei, ll süddeutsche Volkspartei, 46 Sozialdemokraten, 26 bei keiner Fraktion. GenrvrKslliofkliMev. An die Tabakarbeiter Deutschlands! Kollegen und Kolleginnen! Noch wenige Tage und der Reichstag tritt zusammen; die Mehrbelastung des deutschen Volkes wird durch entsprechende Vorlagen der Reichsregierung jedem Arbeiter vor Augen geführt. Jeder Arbeiter ist verpflichtet, dieses Vorgehen der Regierung zu bekämpfen und mit allen Kräfte» dahin zu streben, daß die Kosten der von diesem Reichslage bewilligten Militärvorlage aus wirklich tragfähige Schultern gelegt werden und nicht ans die Schultern der Aermsten der Armen: nicht durch Vermehrung und Erhöhung der indirekten Steuern. Wenn es nun Pflicht jedes Arbeiters ist, dieses System der indirekten Steuern zu bekämpfen, umso mehr ist es heilige Pflicht eines jeden Tabakarbeilers, einer jeder Tabakarbeilerin, sich mit allen Kräften zur Wehre zu setzen gegen die in Aussicht stehende Mehrbelastung des deutschen Volkes, denn der Schwer- punkt der ganzen Steuervorlagen, das Rückgrat derselben, wird die Tabak- Fabrikat st euer, diese ins Uugemessene aus- gedehnte Erhöhung der jetzt schon so hohen Belastung des Tabaks, bilden. Kollegen"und Kolleginnen! Wir brauchen Euch wohl nicht weiter ausführen, welche Folgen die Annahme dieses Regieruug-projektes für die ganze Tabakindustrie zeitigen würde. Euch nicht zu schilvern, wie Eure Lage nach Annahme dieses Entwurfes werden würde, wie Ihr zu Zehntausenden auf die Lantstraße gesetzt und der große» kolossalen Reserve- Armee zugesellt würdet, die jetzt schon die Landstraße sowie die Arbeits« nachweisestellen der Slädle. sowie deren Wärme- und Warte- hallen bevölkert. Wir brauchen Euch nicht zu schildern, wie dieses Gespenst der Arbeitslosigkeit einen jeden von Euch bedroht, ob jung oder alt, od gesund oder zu den ungezähl'en Tausenden von Krüppeln zugehörig, welche in unserer Industrie Aufnahme und bis jetzt auch ihr kümmerliches Brot gefunden. Nein, dieses Alles habt Ihr schon seit Jahren gewußt. Der Zweck dieses Aufrufes ist: Euch nochmals und abermals aufzufordern, noch in letzter Stunde an die Vertreter Eurer Wahlkreise im deutschen Reichstage heranzutreten, ihnen noch einmal vorzuführen, welche Verantwortung sie aus ihre Schultern laden würden, welch unermeßliches Unheil die Folge sein würde, wenn die projektirre Tabak-Fabrikalsteuer durch ihr Verhallen als Ge> ch proklamirt und die Tabakindustrie ihr Todtenlied anstimmen müßte. Tausende sich mühselig schon jetzt durch's Lebe» schleppende Tabakarbeiter dem Elende, dem Hunger preis gegeben würden. Ferner habt Ihr diesen Herren vorznführen, daß die Vernichtung der Tabakindustrie, die Brodlos- machuug von Zehntausenden, die Schmälerung des Verdien st es von Hunderttausend und mehr Arbeiter einen ganz gewalligen Rückschlag auf alle anderen Industrien ausüben muß und sich in Schmälerung des Ver» diensies der übrigen Arbeiter, als einen Rückgang der gesa mmten Er w er bs-V er h ä lt n is s e, als einen kranken Zustand im gesammten Volksleben darstellen wird. Hier ist auch die Stelle, wo jeder Arbeiter ohne Unterschied des Berufs ein zu- setzen verpflichtet i st. Gilt es doch vor allem, sich gegen eine Verschlechterung der Gesammtlage der Arbeiter zur Wehre zu setzen und da muß auch jeder am Platze sein. Arbeiter Deutschlands! Steht fest zusammen, nicht die Interessen der Tabakarbeiter allein, nein, auch En er eigenes. Euer heiligstes Interesse st e h t ans dem Spiele! Helft uns, damit auch Euch geholfen werde; denn bei den stetig steigenden liosteu für den Militarismus wird der Erlrag der Tabak-Fabrikalsteuer nicht auf die Tauer genügen, und die Regierung wird noch weitere Zweige der Industrie mit Steuern belasten müssen, um dem Moloch Militarismus Genüge leisten zu können. Der Appetit wächst be- kanntlich mit dem Essen, und früher oder später würde noch manche andere Industrie dem Moloch tributpflichtig werden. Deshalb hat jeder Arbeiter voll und ganz seine Schuldigkeit zu thun; die Tabakarbeiter haben deshalb in allen Versammlungen ihrer Orte die Arbeiter darauf aufnierksam zu machen, daß es auch in ihrem eigensten Interesse liegt, wenn sie mit uns gemeinsam gegen die drohende Mehrbelastung des deutschen Volkes Fronl machen. Kollegen Deutschlands! ThutEure Schuld ig» k e i t! Die Kommission der Tabakarbeiter Berlins. Alle Arbeiterzeitungen und arbeilersreundlichen Blätter werden um gefl. Abdruck ersucht. Ten Tabakarbeilern Berlins gleichzeitig zur Nachricht, daß am Sonntag, den 2. Dezember, Vormittags 10 Uhr, bei Niest. Weberstr. 17, eine große öffentliche Versammlung der Tabak» arbeiler staltfindet, in welcher der Reichslags-Abgeordnete Aug. Bebel einen Vortrag halten wird über: Die in Aussicht stehende Mehrbelastung des deutschen Volkes; insbesondere die drohende Tabak- Fabrikalsteuer. Indem wir hierauf aufmerksam machen, bitten wir gleichzeitig, frühzeitig auf dem Platze zu sein, indem ein großer Zuspruch zu erwarten steht und frühzeitig begonnen werden muß.(Näheres s. Inserate.) Tie streikeudeu Bremer Hafenarbeiter hielten am Sounabeud eine Versammlung ab, in welcher nach eingehender Berathnng gegen sechs Stinimen beschlossen wurde, den Streik weiterzuführen. Die Arbeit bei Schlöndorf soll nicht eher wieder aufgenommen werden, bis er den Forderungen der Ausständigen nachgekommen ist, bis er vor Allem erst Diejenige» in Arbeit nimmt, die dem Verein der Hasenarbeiter angehören. Im Ans- stände sind jetzt noch 70 Mau», einige sind abgereist, der größere Theil hat anderweitig Beschäftigung gefunden. Die Stimmung der Slreikenden ist noch die denkbar günstigste, so daß aus einen Sieg zu hoffen ist. Deposifton. (Wolff'ö Telegraphen-Bureau. Frankfurt a. M., 29. November. Heute haben die letzten Stichwahlen zur Stadtverordneten-Versammluna stattgefunden. Der„Fraukfurter Zeitung" zufolge sinv 2 Kandidaten der demoiralisch-forischrilllichen Liste und 2 Nalionalliberale gewählt worden. (Tepeschen-Burean Herold.) Frankfurt a. M., 29. November. Die Fernsprechlinie Frankfurt a. M.-Berlin wird Anfang nächster Woche eröffnet. Belgrad, 29. November. Der Kultusminister hat die Rele- gierung der Rädelsführer bei dem gestrigen Studenteukrawalle an» geordnet und die eventuelle Schließung der Universität in Ans- ficht gestellt. i Berlin 3W., Beurhstraöe 2. Hierzu zwei Beilaae«. 1. Beilage zum„Voriviirts" Berliner Bolksblatt. Ar. 379. Freitag, den 39. Uovemder 1894. 11. Zatirg. Arbeiter! Parteigenossen! Die Verhatidlungen wegen Beendigung des Bierboykotts sind abgebrochen worden, weil die Ringbrauereien eine Bedingung stellten, deren Annahme mit der Ehre der Arbeiterschaft unvereinbar ist. Die Vertreter des Brauerriugs hatten die Stirn zu fordern, daß der Friedensschluß davon abhängig gemacht werde, daß 3Z Ardeiter nie mehr in den Betrieben der Riugbrauer beschäftigt werden. Arbeiter! Parteigenossen! Ohne jeden Anlaß seitens der betreffenden Arbeiter sind am 16. Mai Hunderte aufs Pflaster geworfen worden. Und nun sollen nach nionatelanger Aussperrung, nach monatelangcn Entbehrungen dreiunddreißig Arbeiter dauernd dem Elend, für immer der Existenzlosigkeit, also dem langsamen Zugrundegehen überliefert werden, dreiuuddrcißig Mann, von denen keiner Schuld an dem Boykott tragt. Sie sollen als Opfer des Kapitalistenübermnthes auf der Strecke bleiben. An der barbarischen Doppeldezunirnng des 10. Mai hatte der Brauerring nicht genug— seine Rache verlangt die Vernichtung von weiteren dreiunddreißig Existenzen. Arbeiter! Genossen! Wir wissen, daß wir in Eurem Sinne gehandelt haben, als wir diesem ungeheuerlichen Ansinnen ein empörtes kurzes Nein entgegensetzten und die Verhandlungen abbrachen. Die Arbeiter Berlins konnten und wollten einen ehrlichen Frieden schließen; niemals aber werden wir unsere Hand dazu bieten, niemals werden die klassenbewußten, in den Eciverkschasten und der Sozialdemokratie organisirten Arbeiter dulden, daß ein vhrlufevjruisde geschlossen wird. Nun ist die Entscheidung getroffen. Ter Boykott muß niit erneuter und vermehrter Energie fortgeführt werden. Die Parole Kein Tropfen Ringbier muß mit unwiderstehlicher Macht zur Durchführung gelangen. Jeder einzelne Arbeiter muß seine ganze Kraft aufwenden, uni den Boykott zur vollen Wirkung zu bringen. Dazu ist nöthig, daß die gesammte Arbeiterschaft mit verdoppelter Kraft Hand ans Werk legt, die zur Organisation, Ueberwachung und Durchführung des Boykotts erforderlichen Maßregeln energisch zu unterstützen. Es bedarf aller Kraft, aller-Energie, denn die Brauerdirektoren haben offen erklärt, die ttnteriverfung der Berliner Arbeiterschaft durch neue Massen» Maßregelungen erzwinge» zu wollen! Arbeiter, Parteigenossen! Der Brauerring hat zwar Millionen zur Verfügung und wird in diesem Klassenkampfe auch fernerhin Hunderttausende opfern; hinter uns aber stehen die Massen, auf unserer Seite ist das Recht, ist die Begeisterung, ist der Opfer'muth. Und an Euren Opfermuth appelliren wir abermals. Die unschuldigen Opfer kapitalistischen Uebermuthes dürfen nicht dem Hunger preisgegeben werden. Seit Monaten liegen diese Hunderte existenzlos auf der Straße. Wir wenden uns deshalb an die Arbeiter von ganz Tentschlaud um thatkräftige und schnelle Unterstützung. Der Kampf ist uns aufgezwungen worden. Die Berliner Arbeiterschaft hat den Handschuh aufgenommen und sie wird den Kampf durchführen bis zum Ende. Arbeiter! Euer Klassen- Interesse nicht blos. Eure Klassen-Ehre ist im Spiel. Da giebt es keinen anderen Gedanken als Sieg! Vorwärts zum Sieg! ltein Tropfen Ringbier! Hoch der Boykott! Ose Boykott-Kommission. Boykottstties Vier liefen: Brauerei Carlsberg, Friedrich Reichenkron, Char- l o t t e n b u r g. Brauerei WilhelmShöhe, E. Lehmann, Berlin. Brauerei Pichelsdorf, Direktor Hoffmann. Münchener Brauhaus, Akticu-Gesellschaft, Berlin. Siiddentsche Brancrci, Karl Kintz u. Ko., Berlin. Brauerei Müggclschlößchc», Friedrichshagen. Nordsteru-Brancrei, Berlin. Nathenowcr Exportbrauerei- Niederlage. Jnh. Max Dennhardt, N.W., Haunoverschcstr. 18a. Tel. III. 8178. Schloßbranerei, F ü r st e n w a l d e. Niederlage bei F r a n z H e i s e r, K., Liesenstr. 5. Bürgerliches Brauhaus(iu Firma Müller), Frank- f n r t a. O. Niederlage Grcifswaldcrstr. 228. Phöuix-Brancrei, C. Radon, L i ch t e r f e l d c. Brauerei Jagdschlößche», E b e r s w a l d e. Niederlage E d rn.. R e n t e r, Swiuemüuderstr. 45. Brauerei Tivoli, Strausberg. Niederlage Stabernack, Mühlenstraße 49a. Louisen-Branerei, Bcllcrmaunstr. 71a/72. Brauerei Königs- Wusterhausen, Niederlage Reichen- bergerstraße 33. Brauerei Tanz, Freienwalde a. O. Vertreter: W. Marten, !?., Gartenstr. 152. Bürgerliches Brauhaus, Luckenwalde. Niederlage Gust. S p i e k e r m a n n, Krautstr. 48, Tel. VI!, 1487. Export-Brauerei Grabow a./O. bei Stettin. Nieder- läge M a r t h e n, Bellennannstr. 6. Brauhaus Hohen-Schöuhauseu bei Berlin. Uokelles. Die Liste der bohkottfreieu Gastwirthe und Nestau- rateure wird der am Sonnabend erscheinenden Nummer des „Vorwärts" wieder beigelegt werden. Veränderungen in der Liste muffen von den hierzu beauftragten Kontrolleuren bis spätestens Freitag Vormittag 10 Uhr in der Druckerei von Max Babing Beuthstraße 2, Hos 3 Treppen, abgeliefert werden. Die Sprechstunde des Rechtsauwalts wird heute Abend von 71/s bis 8V2 Uhr abgehalten. Indiskretionen auS dem Verein der Weißbicr-Wirtbe. Die letzte unter strengstem Ausschluß der Oeffenllichkcil ragende Sitzung zerfiel in zwei Tdeile. Gegenstände mehr geschäftlicher Art, untermischt mit Klagen über Geldmangel, Niedergang der Opferwilligkeit u. s. w. wurden vorweg behandelt. Danach kam der dramatische Theil des Programm? zu Gehör. Auf die Bretter, welche die Welt bedeuten, trat ein Mann mit einer Papieerolle. ließ seine Blicke wild im Kreise schweifen und begann mit einer Pose, würdig eines Barnay, zu deUamiren: über de» Umsturz des Boykotts und die Reform der bestehenden Gesell- schasls-Ordnung. über die ruchlose Sozialdemokratie im allgemeinen und über den Verbrecher im besonderen, der ihn, den Deklamator, „Bombenkopf"(nicht Bombe, wie der böse„Vorwärts" gemeint) genannt hatte. Mit seltener Schönheit wurde auch der Theil der Rolle vorgetragen, wo von dem Ueberfall durch zwei Frösche— so nennt iiian die kleinen Feuerwerkskörper— die Rede ist; die, wie unsere Leser sich erinnern. vor kurzem den Gastwirth Loppaschewsky. Königsbergerstr. 34, so sehr erschreckten. Wie gebannt hingen aller Augen an den Lippen des Redners, als er mit unheimlicher dramatischer Gestaltungskrast ausmalte, welche Gefahren durch derlei boshafte Geschöpfe aus dem Laboratorium der Sozialdemokratie entstehen könnten.... Leider gelang es nicht, so hob der Mann mit der Rolle nach einer kleinen Kunstpause wieder an, die Hintermänner dieses furchtbaren Attentats dingfest zu machen, aber ich, der getreue Staatsbürger, Zigarrenhändler, Gast- und Weißbierwirth Loppaschewsy, ich bot meine treue Familienväterbrust dem heimtückischen Feinde dar und— sandte eine Beschwerdeschriit an die hohe Polizei ab. Natürlich ist das keine Denunziation, denn ich sage darin blos, daß in meiner nächsten Nähe sich ein Restaurant befiudet: das Hauptquartier des Umsturzes; von dort aus werden Flugblätter verlheilt und Anschläge gegen meine Person ausgebrütet, die deshalb besonders beachtenswerth sind, weil in meinem guten Lokal anständige Leute und gelegent- lich schwangere Frauen w. verkehren. Also sprach der Redner und trat ab, nachdem er feierlich geschworen, niemals seine Knie zu beugen vor der blutdürstenden Boykollpartei, sondern fest zu stehen �als Ritter St. Georg im Kampfe mit dem Bierdrache». Es war ein sehr schöner Abgang! In die allgemeine Begeisterung jedoch tönte plötzlich die Klingel und die Stimme Kuckenburg's, mit der flehentlichen Bitte:„Meine werthen Kollegen! Wir dürfen nicht mehr politisch werden. Gleich meinem geschätzten Freunde Feuer- stein vom Gastwirthe- Verein ist auch mir die Weisung zu- gegangen, das zu verhindern, wenn wir nicht wollen, daß unsere Zusainmenkünfte als öffentliche Versammlungen betrachtet und behandelt werden. Wohl bäumte sich der Stolz der Weißbierwirthe und Steuer- zahler noch etwas gegen dieses Ansinnen auf, aber die Drohung mit den« Schutzmannshell» that ihre Dienste. Der unterhallende Theil im Programm erreichte mit dem Auftreten des berühmten L. sei» Ende. Tie Wirkung deS Vohfotts bespricht der Geschäftsbericht der Vikloria-Brauerei in folgendem c „Wir haben im Geschäftsjahre 1803/94 46 557 Hektoliter gegen 4? 137 Hektoliter im Vorjahre verlaust, mithin einen Minder- absah von 2580 Hektolitern(im Preise von etwa 64 500 M. D. R.) gehabt. Dieser Rückgang in der Verkaufsziffer ist lediglich durch Ursachen allgemeiner Natur herbeigeführt worden. Wir rechneu hierzu neben der ungünstige» Witterung der Sommermonate den über uns gleich anderen Berliner Brauereien verhängten Boykott und nicht zum mindesten die noch immer andauernde Depression im Erwerbsleben, unter welcher besonders die für das Ge- deihen der Brau-Jndustrie so wichtige baugewerbliche Thätigkcit in Berlin zu leiden harte. Die ver- minderten Absatzziffern entfallen ausschließlich auf die S o m mermo nate, während bis d a h i n der Verkauf dem- jenigen des Vorjahres nicht nur gleich geblieben war, sondern eine' erfreuliche Steigerung aufwies. Es mußte aber indem ab- gelaufenen Geschäftsjahr ein rückgehender Absatz um so ein- schneidender auf das finanzielle Ergebniß wirken, als er mit einer ungünstigen Konjunktur des Rohmaterialien-Marktes zu- sammcntraf. Während hohe Preise für Malz und Hopfen die Fabrikationskosleu an und für sich steigerten, vcrthencrte der verminderte Absatz den Durchschnittsfaktor der allgemeinen Be- triebskosten." Es ,st der Viktoria-Brauerei augenscheinlich darum zu thun, die Wirkung des Boykotts möglichst harmlos hinzustellen. Sehr geschickt ist sie nicht in diesem Bemühen. Denn die Depression im Erwerbsleben äußert sich, so schlimm sie auch ist, doch namentlich im Baugewerbe am schwächsten während der Somniernionate, von denen aber gerade berichtet wird. daß ans sie im Gegensatz zu der bis dahin bemerkbar gewesenen Steigerung des Absatzes die„verminderten Absatzziffern" entfallen seien! Die fatale Wirkung des Boykotts spiegelt sich noch in folgenden Ziffern wieder: Der Brutto- Ileberschuß betrug 169 394 M.(Vorjahr: 203 441 M.), wovon 141 774 M. aus der Fabrikation stammen. Nach 64 674 M.(gegen 76 K29 M.) Abschreibungen bleibt ein Nettogewinn von 104 720 M., wovon 5 pCt. Dividende(80 000 M.) vertheilt und IV 289 M. für die Reserven verwandt werden. Im vorigen Jahre betrug die Dividende 6 pCt.. Das verd..... nasse Wetter! Die Wirkung des Boykotts hat auch die Waldschlößchen- Brauerei in Dresden entsprechend zu kosten bekommen. Während im Vorjahre 13 pCt. gezahlt werden konnten, sollen für dieses Jahr 10 pCt. in Vorschlag gebracht werde». Der erhebliche Rückgang der Dividende ist. wie der„Börsen- Courier" schreibt. ausschließlich auf den Geschäftsausfall zurück- zuführen, den der Boykott der Sozialdemo- kratie verursachte. Die Waldschlößchen- Brauerei hat bekanntlich das bessere Theil erwählt und sich mit der Dresdener Arbeiterschaft verständigt. Die Arbeiter Berlins werden, angespornt durch ihre zahlreichen Erfolge an dem Geldbeutel der Brauerei-Aklionäre, weiter mit Umsicht und Eifer ihre Pflicht thun, bis auch die Berliner Ringbrauer Vernunft angenommen haben. Komisch macht es sich, wenn die„Vossische Zeitung" als Vertreterin der Ringbrauer angesichts des von ihr selber tag- täglich im Börsentheil konstatirten unverminderten Pflichteifers der Arbeiter von einer V e r s u m p su n g des Boykotts faselt. Mit hysterischem Gezappel thut die komische Alte dies in folgender Notiz: „Der zur Versumpfung neigende B, erverruf soll jetzt wieder durch Mittel in Fluß kommen, die vielleicht im Beginn des Feldzuges gegen die Ringbrauereien wirkungsvoll gewesen sind. Die nächtliche Rothmalerei wird wieder mehr und mehr bemerkt, die sich an P r i v a t e i g e n t h u m(schrecklich, schreck- lich!) versündigt. Wie früher Bürgersteige, Straßenbrunnen und Zäune zum höheren Ruhm des Bierkriegs beschmiert wurden, so sind jetzt u. a. die Anzeigeschilder am Eingang des Gregory'schen (früher Adler-) Brauereilokals auf dem Gesundbrunnen mit dem Worte„R i n g b i e r" in fußgroßen rothen Buchstaben übermalt worden. Auch die Sandsteinbrüstung der Friedrichsbrücke ist an drei Stellen besudelt worden." Wie froh würden die Ringbrauer und ihr« Organe sein, wenn das ihre einzigen Schmerzen wären! Warnung. In letzter Zeit wurde, wie man uns berichtet, von Bierreiseu'den oder Brauereivertretern bei verschiedenen Gast- wirlhen der Versuch gemacht, diese zu veranlassen, wieder boy- kottirtes Bier zu nehmen. Auf die Entgegnung eines Gastwirths, daß er kein boykottirtes Bier führen könne, wurde ihm(in diesem Falle betrifft es die„Aktien-Brauerei Moabit") die Antwort zu theil:„Das ließe sich machen. Der Wirth würde nur Gefäße mit einem Ick. gestempelt erhalten und könnte sich dann damit ausreden, sein Bier von einer anderen nichtboykottirten Brauerei geliefert zu erhalten". Als der Wirth dafür dankte, sich auf solche faule Geschichten einzulassen wurde ihm entgegengehalten, daß andere Wirthe nicht so bedächtig seien, sondern mehrfach auf, ein solches Anerbieten eingegangen ivären. Bis jetzt ist noch kein Gastwirth bei diesem neuesten Schwindel betroffen worden; es ist daher möglich, daß man es hier nur mit einem Versuch zu thun hat. Jedenfalls wird es nothwendig sein, daß die Kontrolle von Seiten der Genossen recht aufmerksam vorgenommen wird. Dann wird auch dieser Versuch, das Boykottbier los zu werden, fehlschlagen. Die Gastwirthe begingen übrigens eine Dummheit, wem: sie sich um eines augenblicklichen Vortheils willen der Gefahr aussetzen wollten, ihre Kundschaft zu verlieren. Von anderer Seite werden wir darauf aufmerksam gemacht. daß man vielfach in den Kreisen der Genossen annimmt, das unter dem Namen„Münchener Bürgerbräu" verkaufte Bier sei boykottfrei. ES ist dies ein Jrrthum. Dieses Bier stammt aus der „Bürgerlichen Brauerei. Berlin", der früheren Nationalbrauerei: dieselbe gehört dem Ring an und ist dementsprechend ebenfalls boykottirt. Lasse sich niemand anführen. Wie ist im Königlichen Schloß der Bußtag begangen worden? Da der„Vorwärts" kein bürgerliches Klatschblatt. sondern ein Proletarierblatt ist, so hat diese Frage für uns auch nur Bedeutung, so weit sie das Interesse der Arbeiter erweckt. Ohne Zweifel liegt dieser Fall vor, wenn wir mittheilen, daß man sich in dem vornehmsten Gebäude des christlichen Musterstaats Preußen nicht gescheut hat, die Arbeitskraft der dort thätigcn Bauhandwerker am„heiligen" Bußtag in einer Weise anzu- spannen, die denn doch ein wenig näher erörtert zu werden verdient. Vor längerer Zeit ist im Schlosse eine größere Anzahl Maurer, Zimmerer, Maler. Stuckatenre, Tischler u. s. w. ein- gestellt worden, um die Renovationsarbeiten auszuführen. Der weiße Saal wird auss eleganteste hergerichtet; auch er- fordern die neuen, sehr kostspieligen Beleuchtungsanlagen viel Arbeit. Um das Ganze nun bis zu den im Januar beginnenden Hoffestlichkeiten�erlig zu stellen, wird fortdauernd mit ganz un» gewöhnlichem Tempo geschafft. Die Nacht zum Bußtag wurde von Zimmerer» und Tischlern durchgearbeitet; am Tage ließ man diese Arbeiter aussetzen. Ein Theil der Maurer hat jedoch am hohen protestantischen Feiertag bis fünf Uhr Abends gearbeitet und ein Theil der Stuckatenre war noch länger beschäftigt. Ebenfalls ist von den an den elektri- schen Anlagen thätigen Arbeitern am Mittwoch voriger Woche gearbeitet worden. Um diese immerhin bemerkenswerthe Art der Bußtagsfeier vollauf würdigen zu können, muß mau sich vergegenwärtigen, daß im königlichen Schloß früher weit mehr Arbeiter als gegen« ivärtig thätig waren. Anfänglich waren etwa 150 Mann eingestellt; jetzt ist die Zahl der Beschäftigten bis auf etwa 40 zu- sanmiengesctnnolzen. Man entließ die Arbeiter nach und nach mit der Motivirung. daß sie überschüssig(!) seien. Die noch in Beschäftigung verbliebenen Arbeiter haben dafür für einen Stundenlohn von 50 bis 60 Pfennig zwölf bis vierzehn Stunden täglich zu arbeiten zu einer eit, wo tausende Bauhandwerker arbeitslos die Straßen erlins durchwandern! Eins noch. Dem hiesigen Magistrat, der vor einigen Tagen in seiner„Warnung" erklärt hat, nur Arbeiter beschäftigen zu wollen, die in Berlin ortsansässig sind, dürste viel- leicht noch die Mittheilnng inleressiren, daß die Familien der gegenwärtig noch im königlichen Schloß thätigen Bauhandwerker zu einem nicht imerheblichen Theil außerhalb Berlins in der Provinz, wohnen. .... Emen Koninientar zu dieser eigenartigen Bußtagsfeier im roniglrchen Schlo» zu schreiben, halte» wir. die wir an der Er- Haltung des christlichen Staates nicht weiter interessirt sind, für uberflüssig. Vielleicht aber befassen sich einige der jedes in seiner Weise in„Kampf sür Ordnung, Neligion und Eilte" machenden Blatter, wie„Kreuz. Zeitung".„Volk" und„Post", mit dieser rmmerhlu ganz interessanten Aufgabe. Neber die Folgen, welche die Abschaffung des bisherigen Nacht wachwefens mit sich sührr. weiß eine Lokal- Korre- spondcnz allerhand auszuplaudern. Die Abschaffung der Nacht- Wächter, so heißt es, fängt schon jetzt an, sür die Polizei selbst ihre Schatten zu werfen. In erster Linie begrüßt ein viel- geplagtes Gewerbe, das der Gastwirthe, das Eingehen des Nacht- wachwefens. Der Hausschlüssel des Nachtwächters spielte bisher eine große Rolle, insofern die Polizeibeamten durch ihn Zutritt auf die Grundstücke erhielten und den Verkehr in den Wirth- schaften vom Hofe aus übersehen konnten. Das hört jetzt auf; denn die Privatwächter, die nur den Voriheil der Hauswirthe im Auge haben, werden sich hüten, der Polizei Thür und Thor zu öffnen. Hiernach kann ein Unterschied zwischen Wirthshäusern mit unbeschränkter und solchen mir beschränkter Polizeistunde nur noch der Form nach bestehen. Abgesehen davon, daß der Vortheil manchen ordentlich geleiteten Wirthschaften im Hinblick aus die ihnen obliegende Steuerleistung wohl zu gönnen ist, ergeben sich andererseits Miß- stände, an deren Beseitigung ebenso dem Publikum wie der Polizei gelegen ist. So ist in der Zimmerstraße seit einiger Zeit ein Lokal entstanden, sür das der Vater einer übelbeleumundeten Frauensperson konzessionirt worden ist. Die Bedienung wird daselbst von der Tochter selbst und deren Anhang geführt. Dies Lokal, wie viele andere, werden sich dem Auge der Polizei gänzlich entziehen, sobald der Wächter aufgehört hat zu bestehen. Der Fernsprcch- Verkehr Berlin- Wien wird definitiv am 1. Dezember eröffnet; die Gebühr sür das gewöhnliche Ge- spräch bis zur Dauer von drei Minuten beträgt 3 M. Nochmals die zerbrochene Klosetscheibe. Die„Volks- Zeitung" schreibt: Die„Kreuz- Zeitung" hatte am Dienstag Abend gemeldet, daß der geheime expedirende Sekretär Maiwald zum Postdireklor ernannt worden sei. Die Fassung der Notiz mußte den Anschein erwecken, als ob Herr Maiwald gewisser- maßen zur Belohnung für seinen bekannten Scheibenerlaß zum Postdireklor befördert worden sei. Dem ist aber nicht so. Wie wir erfahren, ist Herr Maiwald, der das Postamt 3ö seit dem 1. AprU d. I. kommissarisch verwaltete, bereits am 1. Oktober zum Postdirektor ernannt worden. Weiter erfahren wir, daß de» Beamten, welche bereits ihre fünf Pfennige zu den Kosten für die Fensterscheiben beigesteuert hatten, die von ihnen gezahlten Bei- träge zurückerstattet worden sind. Dies war nach Zurücknahme der Verfügung selbstverständlich. Deutsche Kultur. Ein neues großes Zentralgefängniß soll in der Umgebung Berlins gebaut werden zur dauernden und nachhaltigeren Entlastung der fortgesetzt überfüllten Berliner Gefängnisse. Die Baupläne sind bereits in Arbeit. Als Ort ist vorläufig Oranienburg ausersehen. Doch ist eine endgiltige Be- stimmung noch nicht getroffen. Eine schreckliche Szene spielte sich vorgestern Mittag nach 12 Uhr vor dem Hause Elisabethstr. LI ab, auf dessen Dach der Dachdecker Kleißner mit Ausbesserungsarbeiten auf einer Leiter beschäftigt war. Sein kleiner Sohn, welcher der Ehefrau des Dachdeckers, die ihm das Mittagessen brachte, davongelaufen war, rief seinem Vater laut zn:„Vater, komme doch zuni Mittagessen herunter!" Wahrscheinlich erfreut über des Knaben fröhlichen Ruf, kletterte Kleißner rasch die Leiter hinunter und wie er die Worte laut zurief:„Ja, ich komme gleich!" rutschte sein Fuß aus, so daß er rückwärts auf den gepflasterten Hof hinunter- stürzte und mit zerschmettertem Kopf und zerbrochenen Beinen dort liegen blieb. Der schnell binzugerufene Arzt konnte nur den sofort eingetretenen Tod konstatwen, woraus die Uebersührung der Leiche in das Leichenschauhaus erfolgte. Vau den Schätzen der ermordeten Else Groß. An den Nachforschungen bezüglich des in Breslau an der Else Groß verübten Raubmordes ist die hiesige Kriminalpolizei jetzt wiederum betbeiligt. Es liegt jetzt ein genaues Verzeichniß der eraubten Schmnckgegenstände vor, nach denen auch bei den iesigen Pfandleihern und Trödlern geforscht wird. Es sind goldene Ohrringe nnl Perlen und Brillanten, eine Türkisen- Brosche mit zwölf Brillanten, sieben goldene Armbänder, rheils platt, theils in Kettenform, darunter eins in Form eines Steigbügels, eine kleeblattartige Brosche mit Brillanten, eine solche mit Perlen, eine HAtnadel von Gold, ein goldenes Medaillon(Herz) an einer goldene», perlenbesetzten Schleife, eine feingliedrige goldene Kette mit Perlen, ein goldenes Arniband mit Uhr, eine Damenuhr ohne Kette, eine Herren- Uhrkelte von Gold mit Anhängseln in Schildform, ein Ring mit Türkisen und Brillanten, ein zweiter Ring mit zwei Brillanten und mehrere kleine Ringe, ein Paar Ohrringe mit großen Korallen, eine goldene Brosche, die die Form einer Mandoline hat, eine ebensolche, die ein Hufeisen mit einer Peitsche darüber darstellt und endlich eine Brosche. die in Goldfaffnng aus einem Zwanzigmarkstück mit dem Bilde Kaiser Friedrichs hergestellt ist. Die gesummten Schmuck- fachen haben einen Werth von etwa 4000 M. Eine Weltbibel. (Schluß.) In Braut's Hauptwerk, dem Narrenschiff, ist es viel mehr auf allgemein sittliche als ans politische Belehrung abgesehen, wie wohl er gleich dem Hans Sachs und anderen zeitgenössischen Worthaltern der Reformation fortwährend für den„gemeinen Mutz", die Wohlfahrt Aller seine Stimme erhebt. Die erste Ausgabe dieses epochemachenden Buches ist am Schluß datirt: „Im jor nach Christi geburt Tusend vierhundert vier und nientzig"; das Buch feiert also im heurigen Jahr seinen 400. Geburtstag. Wer es heut lesen will, greise nach der billigsten Uebersctzung von H. A. Junghans(Nr. 893 und 900 von Reclam's Universal-Bibliothek, Preis 40 Pf.) oder nach der von dem um deutsche Lileraturforschung hochverdienten Karl Gödeke besorgten Auegabe(Band 7 der Sammlung deutscher Dichter des 16. Jahrhunderts, Leipzig. Brockhaus, 1872). Ein- gehende Studien ermöglichen die Ausgaben von Sirobel(1833) und Zarncke(I3S4). Simrock's Uebersetzung ins Neuhochdeutsche (Berlm 1872) ist verfehlt und werthvoll nur durch die Wieder- gäbe der Holzschnitte der älteren Ausgaben. Der Titel des Buches wird gerechtfertigt durch eine„Vorred in das Narrenschiff". Trotz aller Gelehrsamkeit und gewaltig umfangreicher Schriftstellerei seiner Zeit lebe Die ganze Welt in finsterer Nacht Und thut in Sünden blind verharren. Alle Straßen, Gassen sind voll Narren. Darum habe er das Narrenschiff zugerüstet als einen Spiegel, in dem jeder Narr sein Ebenbild finden und Keffer davon werden und Kappe und Kolben des Narren ablegen möge. Mit derjenigen Narrenzunft, der er sich selbst zurechnet, mit den Büchernarren macht der Dichter den Anfang. In schonungsloser Selbstverspottung tadelt er die Gelehrten, die sich auf ihre Libri(Liberei. Bibliothek, Büchersammlung) verlassen müssen; der Doktortitel ser nur dazu gut, die Eselsohren zu ver- bergen. Mit dieser Fähigkeit, sich von jeder Gelehrtenüberhebung Was für staatstreue Kämpfer sür Ordnung, Religion und Sitte mögen doch die alten und zungen Roues gewesen sein, welcde die Ermordete mit so reichen Liebesgaben ausstatten konnten i Der unschuldige Hildebraudt. Gegen den wegen seiner Brutaliiäte» vorläufig zu 9 Monaten Gesängniß verurtheilten Nachtwächter Hildebrandt aus Rixdorf, von welchem vor 14 Tagen gemeldet wurde, daß er unmittelbar vor Beginn einer gegen ihn anstehenden Verhandlung vom Moabiter Kriminal- gerichl aus die Flucht ergriffen habe, war von feiten des Ge- richlshofes ein Haftbefehl erlassen worden. Letzterer ist aber wieder aufgehoben worden, weil der Verlheidiger des Angeklagren den Nachweis geführt haben soll. daß Hildebrandt mit der Absicht nach dem Kriminalgericht gekommen war. den Termin wahrzunehmen, daß ihm aber unwohl wurde und er es vorzog, sich nach Hause zu begeben, wo er anderen Tages in den Zeitungen las, daß ein Haftbefehl gegen ihn erlassen worden sei. Das Gericht hat nun den Hastbefehl aufgehoben und dafür beschlossen, den kranken Mann, der in seiner Eigenschaft als Be- amter unschuldige Leute so tapfer prügeln konnte, zu der nächsten Hauptverhandlung vorführen zu lassen. Wie mau mit seiner Unschuld Geschäfte macht.„Zum unschuldigen Schwanke" heißt die Ausschrift eines großen Schildes mit bunten Lettern, welches der vielgenannte Reslauralenr seit einigen Tagen vor seinem Lokal in der Oranienburgerstraße be- festigt hat. Die Polizei ist jedoch hierinit nicht einverstanden und hat deshalb dem Schwanke aufgegeben, das Schild zu ent- fernen, da dessen Inschrift eine Demonstration gegen die Behörde sei und gegen die öffentliche Moral verstoße. „Eine klassische Kühnheit" hat der aus dem bevorstehenden Wucherprozeß Treuherz bekannte, flüchtig gewordene Wucherer Benno Ostertag an den Tag gelegt, welcher seil einigen Wochen in London weilt. O. hat wohl die Absicht. Amerika zu beglücken und hat nun aus diesem Grunde an die hiesige Polizei geschrieben, in dem Briefe die Bitte um nachträgliche Ausstellung eines Auslandspasses und Nachsendung deffelben nach London aussprechend. Selbstverständlich hat die Behörde dem Wunsche des Herrn O. nicht stattgegeben. Eine Fahrt ans Leben und Tod machte dieser Tage ein altes Ehepaar auf der Ringbahn. Wie leider sehr oft, waren dank der unangebrachten Sparsamkeit der Eisenbahnverwaltuug, auf Bahnhof Rixdorf die Kupees eines Ringbahnznges total überfüllt, und um endlich mitzukommen, drängten sich die Passa- giere in die schon dicht besetzten Wagen. Hierbei wurde ein alter Mann und dessen Frau derart eingeklemmt, daß beim Ab- gehen des Zuges an ein Herein- oder Herauskommen nicht zu denken war, und die alten Leute somit bei offener Thür, halb herausschwebend aus dem Zuge, mit fortgeführt wurden. Die Gefahr erkennend, sprang der Bahnasfistenl Krause aufs Tritt- brelt und hielt die allen Leute fest, bis der Zug endlich kurz vor der neuen Brücke wieder zum Halten gebracht war. Das Publikum konnte nur mit Entsetzen dem Schauspiel zusehen und war glücklich, als der Zug anhielt und das vor Schreck fast ohnmächtige Ehepaar aus seiner gefährlichen Lage befreit wurde. Eine Besserung der Zustände wird freilich wohl auch dieser Fall nicht herbeiführen, Ungehörige Behandlung, die sie von ihrer eigenen Schwester zu erdulden halte, soll die 17 Jahre alte Bertha Redlich veranlaßt haben, sich am Donnerstag Morgen aus dem 5. Stock des Hauses Gubenerstr. IL aus die Straße zu stürzen. Die Un- glückliche, die in hoffnungslosem Zustande dem Krankenhause am Friedrichshain zugeführt wurde, war bei ihrer Schwester, einer Kausmannsgatlin, in dienender Stellung. Als Leiche aufgefunden wurde am Mittwoch Vormittag um 81/, Uhr im Luisenstädtischen Kanal hinter der städtischen Gasanstalt den Rentner Hermann Feist, der Fidizinstraße 38 wohnte. Ob Unglücksfall oder Selbstmord vorliegt, hat sich noch nicht feststellen lassen; für die Annahme des letzteren spricht der Umstand, daß Feist an der Zuckerkrankheit litt. Durch Ueberfahren getödtet wurde am Mittwoch Nach- mittag uni IVe Uhr der zwölfjährige Sohn Otto des Cuvrhstr. 37 wohnenden Kaufmanns Redecker. Polizeibericht. Am 28. d. M. Morgens versuchte ein Mann in seiner Wohnung, in der Fruchlstraße, sich die Pulsader an der fand zu öffnen. Er verletzte sich bedeutend und mußte nach dem rankenhause gebracht werden.— Aus dem Felde zwischen der Christburger- und Danzigerstraße wurde in einer Laube ein Mann erhängt vorgefunden.— Im Laudwehrkanal hinter der Gasanstalt wurde Vormittags die Leiche eines Mannes angeschwemmt.— Bei dem Ausbessern des Daches auf dem Grundstück Elisabeth- straße 21 stürzte Mittags ein Dachdecker in de» Hof hinab und starb auf der Stelle.— Am Görlitzer Ufer fiel ein Knabe von einem in der Fahrt befindliche» Sleinwagen, gerieth unter die Räder und erlitt so schwere Verletzungen, daß er während der Uebersührung in die elterliche Wohnung starb.— In einer Wohnung am Weiden- weg entstand dadurch Feuer, daß zwei allein gelassene Kinder die Petroleumlampe umwarfen. Ein dreijähriges Mädchen erlitt dabei schwere Brandwunden am ganzen Körper. Das Feuer wurde von Hausbewohnern gelöscht.— In der Müllerstraße wurde ein Ardeiter mit einer bedeutenden, anscheinend von einem Falle herrührenden Verletzung am Fuße aufgefunden und nach der Cbaritee gebracht.— In der Nacht zum 29. d. M. fand rn der Klosterstraße ein Zusammenstoß zwischen zwei Droschken statt, bei dem ein Fahrgast von der Deichsel getroffen und anscheinend freizuhalten, stimmt die volksthümlich derbe Sprache des Buches vortrefflich zusammen, in der Brant schreibt, eben um auf die Massen zu ivirken, sie zu bessern und zu belehren. Ebenso wenig wie die Narrheit der Gelehrten verschont Brant das Tadelnswerthe im Kirchenregiment, das Pfründen- häufen, die Selbstsucht und den Geiz der Geistlichen. Wenn Christus wiederkehrte, meint Brant, und wolle wieder einmal den Tempel säubern, aus dem erseinerzeil Wechsler undHändler austrieb, so würde er fangen am Pfarrer an Und würd' bis an den Meßner gahn(gehen). In dem Kapitel: von geistlich werden tadelt Brant, daß so viele aus weltlichen Gründe» und ohne inneren Beruf und Fähigkeiten Seelsorge aus sich nähmen. Am Golde hängt, Nach Golde drängt Ja alles, meint auch Brant. In dem Kapitel: von Verachtung(der) Armuth lesen wir: Wer auf Reichlhum fleißet sich. Der lügt auch, daß er bald ward rich(reich) Und acht't kein Sünd, Mord, Wucher, Schand..,, Gerechtigkeit um Geld ist feil Durch Geld(um Geldes willen) kam' mancher an ein Seil (würbe gehangen), Wenn er mit Geld sich nicht abkauft'(loskaufte). Und sag' Dir deutsch, wie ich das mein: Man hängt die kleinen Dieb allein. (Letzteren Gedanken spricht bekanntlich Luther noch drastischer und treffender so aus:„Die großen Dieb hängen die kleinen".) Wucher und Fürkanf, Auskaufen großer Vorräthe nölhigster Bedarfsartikel zum Zweck der Preistreiberei und des Profit- machens rügt Brant ebenso wie Luther und Hans Sachs. Es „rannten damals mit dem Judenspieß", wie man das Wuchern nannte, dieselben Leute, die Juden versolgten, genau wie heute, so daß Braut meint: Gar leidlich wär' der Juden Gesuch(Zinsen, ZinSnehmen), Aber sie können nicht mehr bleiben, Die Christenjuden sie vertreiben! innerlich erheblich verletzt wurde.— Im Lause des Tages jaudr fünf Brände statt. WitterungSübersicht vom SS. November 189�. Wetter-Prognose für Freitag, den ZV.November 1894. Zeitweise heiteres, vorherrschend wolkiges Wetter mit etwas Regen, mäßigen westlichen Winden und zunehmender Erwärmung. Berliner Wetterbureau. Tüeakev. Alexauderplatz-Thcater. Es ist kein Genuß, das hervor- ragende Werk der seligen Charlotte, die seufzer- und thränen- reiche„Grille" sehen zu müssen. Selbst dann nicht, wenn ihretwegen expreß ein Künstlerpaar aus dem Bereich des Hamburgischen Kuifftmonopolisten Pollini nach Berlin kommr. Es geht in der„Grille" gar zu tdränenrübrend her und wenn das Stück, das unseren Eltern so erbaulich erschienen, eine Probe für das Können eines Schauspielers abgeben sollte, so läßt sich eine unglücklichere Wahl als diese drittehalbstündige Aushäusnng widerwärtigster Unnatürlickkeit kaum denken. Man kann daher von Fräulein Erna Milikow, die vom Stadttheater in Hamburg hierher kam, um als Gast die Titelrolle zu geben, nichts anderes sagen. als daß sie ganz annehmbar zu seufzen verstand und in Sprache und Stimme nach Kräften den Intentionen der guten Frau Birch-Pfeiffer folgte. Das gleiche gilt von dem Ham- burger Gast Herrn Wesselsky, der als Laudry auftrat und zu- iveilen mit recht glücklichem Erfolg Töne menschlicher Empfindung hervorzukehren suchte. Wenn Herr Wesselsky, was namentlich in den letzten beiden Akten geschah, aus der würdevoll geschraubten Sprechweise, die im Stück ja wohl vorgeschrieben ist, in eine natürliche verfiel, so zeigte er, daß er braver Leistungen sähig ist. Vielleicht treten die beiden Gäste noch einmal in einem den heutigen Sitten zusagenden Stück auf. in dem die darstellenden Künstler sick als Menschen und nicht als abgestäubte Glieder- puppen zu geberden haben. Das Spiel der übrigen Mitwirkenden war im allgemeinen der sanft unter der Erde schlummernden Tra- matikerin würdig. Frau Pögner als Großmutter Fadet kicherte so beängstigend' von der Bühne herab, als ob sie im Parodie-Theater spielte, und Herr Wach als harmlos-naiver Zwillingsbruder erinnerte den ganzen Abend an die Zutraulich- keit, nii welcher die Verkäufer in der Goldenen Hundertzehn und äbnlichen Instituten das Publikum unter Umständen beehren. Passabel waren Frl. Arko als Madelon und Herr Schäser als Vater Barbeaud._ GeriiMs-Äetkung. Von dem eingehende» Wirken eine» Berliner Schöffen- gerichts giebt folgende Mittheilung Kunde: S6 Anklage» fachen erledigte gestern eine Abtheilung des Schöffengerichts in einem Zeilraum von 10 bis It/sUhr, also innerhalb 3�/2 Stunden. Es handelte sich allerdings nur um Uebertretungen, jedoch waren immerhin gegen hundert Zeugen zu vereiden und zu vernehmen. Es kamen durchschnittlich auf die Verhandlung noch nicht vier Minuten. Die Gefährlichkeit der offenen Pferdebahntvageu zeigte sich in einer Verhandlung, welche gestern vor der neunten Straf- kammer des Landgerichts I stattfand. Der Kutscher Hermann Vogt hatte sich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu ver- antworten. Derselbe fuhr an einem Junitage mit einem großen Fleisch-Transportwagen durch die Alte Jakobstraße. An der Kreuzung der Dresdenerstraße bildete ein Pferdebahnwagen mit einem anderen Fuhrwerk eine enge Gaffe. Durch den engen Raum fuhr Vogt Mit seinem Wagen hindurch. Im Pserdebahnwagen saß mit dem Rücken dem Angeklagten zugewandt der Kaufmann John. Er hatte seinen rechten Arm derart über die Brüstung gelegt, daß der Ellenbogen darüber hinausragte. Der Angeklagte suhr nun so dicht an dem Pferde- bahn-Wagen vorbei, daß er mit seinem Wagen den Arm des John streifte. Dieser erlitt eine höchst schmerzhafte Muskel- zerreiöung, er ist heute noch in dem Gebrauch seines Armes behindert. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Kutscher, dem das Malheur passirt war, eine Gesängnißstrase von drei Mo- naten(!). Der Gerichtshof erkannte auf vierzehn Tage G e f ä n g n i ß. Ein frommer Sünder. Der Vorsteher eines katholischen Knaben-Erziehungsinstituts, Pater Slögerer in Graz, der be- d. h. die unbeschnittenen Juden thun es an Wucher und Aus- beuterei den beschnittenen bei weitem zuvor und dazu„schweige all Recht und Gesetz". Der Spruch schließt mit dem Satz: wer reich will sein mit Schaden der Gemeine, der ist ein Narr. Wenn Goethe im Wilhelm Meister lehrt, daß der Reiche nur dann ehren werth sei, wofern er andere seines Gutes mit- genießen lasse, so faßt Brant diese Meinung in die Worte: Wer Gut hat und ergötzt sich(da) mit, Und nicht dem Armen davon git(giebt), Dem wird versagt, so er auch bilt'. Auch das Heirathen nach Geld tadelt er und beklagt, daß zu seiner Zeit gar wenig handeln würden wie der alt- testamentliche Boas, der die arme landfahrende Dirne Ruth zum Weibe nahm. In dieser Weise nimmt Brant alle allgemein menschlichen Fehler und Gebrechen, so wie die besonderen seiner Zeitgenossen vor und hechelt sie mit gutem Huinor und volksthümlicher derber Ausdrucksweise in etwas über hundert Kapiteln durch. Er handelte nach dem vortrefflichen Rezept, das Goethe seiner Zeit gefaßt hat in die Worte: Greift nur hinein ins volle Menschenleben I Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt, Und wo ihr's packt, da ist's interessant. Und so ging es den Zeitgenossen, so geht es auch dem heutigen Leser noch mit der Bram'schen Weltbibel, dem Narren- schiff. Das Bild des Narrenschiffes, die Schilderung von allerlei Narrheit nach festem Plan ist nicht derart eingehalten, daß man das Ganze mit gutem Bedacht der Reihe nach lesen mußte: man konnte anfangen und halt machen mit jedem beliebigen Narren- Portrait. Das trug sehr viel zur Volksbeliebtheit des Buches bei, das unzählige Auflagen, Uebersetzungen und. dem Verfasser zu erheblichem Verdruß, auch unbefugte und ungeschickte Er- Weiterungen erlebte, und auch heut noch mit gutem Behagen und Nutzen gelesen werden könnte und sollte. Manfred Wittich. Inders in dortigen Ädelskreisen hoch angesehen war, wurde wegen unsittlichen Vergehens an sieben seiner Zöglinge zu nur einjähriger Kerkerstrase verurtheilt. Der Zigarrenmacher Kämpe aus Weißensee befand sich am 5. Mai d. I. in einer Sitzung des„Anarchistischen Diskutir- klubs" in Weißensee. Der Vorsitzende, Tischler Klemann, hatte einen Vortrag gehalten über„Die Sklaverei der alten Zeiten". An der Diskussion betheiligte sich auch der Angeklagte, dabei die Frage aufwerfend:„Hat denn ein Gendarm auch Freiheil?" Als darauf der Zwischenruf gemacht wurde:„Jawohl, der steht höher, wie wir!" replizirte der Angeklagte:„Nein, für mich steht jeder Beamte eine Stufe tiefer wie andere Menschen!" Durch diese Worte fühlten sich die überwachenden Gendarmen Grütz und Opitz beleidigt; sie machten Anzeige und das Schöffengericht verurtheilte den Angeklagten zu It) M. Geldstrafe. Dagegen legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. weil ihr die Strafe zu niedrig erschien und auch nicht auf Publikations- befugniß erkannt worden war. Bor der Strafkammer soll der Angeklagte gestern, als ihn der Präsident auf seine zum Thei! wegen Diebstahls erlittenen Vorstrafen aufmerksam machte und ihn fragte, wie er dazu komme, sich über einen Beamten erhaben zu dünken, geantwortet haben: Ja, det weeß ick noch n i ch! Der Gerichtshof erkannte auf 14 Tage Gesängnip. Der Staatsanwalt hatte 2 Monat beantragt. Das Reichsgericht verwarf am Donnerstag die Revision des Kaufmanns Schröder, welcher tn dem Prozesse wegen Zu- sammeubrnchs des Siegener Bankvereins, dessen Aufsichtsrath Schröder angehörte, an, 16. Juni d. I. von der Strafkammer in Siegen wegen absichtlicher Beuachtheiligung zu 1 Jahr Gefänguiß und 30 M. Geldstrafe verurtheilt worden war. iPsrtetnsiftviiftkeu. Partei Literatur. Die erste Auflage des Protokolls über die Verhandlungen des Frankfurter Parteitages ist bereits vergriffen. Leider hat sich bei der raschen Herstellung ein sehr bedauerlicher Druckfehler eingeschlichen, der bei der sofort in Angriff genommenen zweiten Auflage") richtig gestellt worden ist. Die Besitzer der ersten Auflage mögen folgende Richtig- st e l I u n g eintreten lassen: Die Agrar-Resolution(S. 135) enthielt in ihrer zuerst vorgeschlagenen Fassung als drittletzten Absatz folgenden Passus: Der Bauernschutz soll die Bauern als Steuerzahler, als Schuldner, als Landwirlh vor Nachtheilen beivahrcn und ihnen den rationellen und genösse nschaft- lichen Betrieb durch Staatshilse erleichtern. In der zur Abstimmung gebrachten Fassung wurden die gesperrt gedruckten Worte von den Antragsteller» Schoenlank-Vollmar zurückgezogen und die Agrar-Resolution in dieser abgeänderten Form angenommen, so daß der betreffende Passus also lautet: Der Bauernschutz soll die Bauern als Steuerzahler, als Schuldner, als Landwirth vor Nachtheilen b�e wahren. Zur Diskussion über die* Streitfrage Bebel- Vollmar. Ein Telegramm des„Herold-Bureau's" aus Nürnberg vom 29. Nov. meldet: Gester» Abend fand hier eine sehr zahlreich besuchte sozialistische Parteiversammlung statt. Reichstags-Abg. Grillenberger hielt eine 2>/r stündige Rede, in der er sich in eingehender und großen Eindruck hervorrufender Weise über den sozialistischen Parteistreit aussprach. Nach Beendigung der Rede kam es zu lebhaften Diskussionen, in denen besonders die prinzipielle Seite der Sache erörtert wurde. Die Versammlung gab hierbei auch dem Zweifel an der Richtigkeit der Vollmar'schen Taktik Aus- druck und wurde alsdann gegen Millernacht auf nächsten Sonn- tag vertagt.— Der„Vossischen Zeitung" geht über die Versammlung noch folgender Drahlbericht zu: Ueber Bebel's Rede schickte man von Berlin Parteiblättern lange Berichte zu, um die Parteiblätter zu überrumpeln, in den Köpfen der Parteigenossen Beunruhigung und Rebellion gegen den Frankfurter Parteitag hervorzurufe». Bebel fei zur Kritik gewiß berechtigt, aber er habe sich zum Splitterrichter und Diktator aufgeworfen, der einen Vorstoß gegen den Parteitag beabsichtige. Ter schlimmste ParlikulariS- mus fei der preußische, namentlich der Berliner. Wenn seitens des Parteivorstandes nicht positiv Bebel's finanzielle Vorwürfe geladelt würden, könnten die Bayern ehren- halber keinen Groschen Reichstagsdiäten mehr annehmen, dann müsse die bayerische Unabhängigkeit platzgretfen und Bayern selbst für Diäten sorgen, damit man nicht wie Bettler behandelt werde. Grillenberger droht mit Niederlegung seiner sämmllichen Mandate, wen» die bayerischen Parteigenoffen nicht durch einen Protest gegen Bebel seine Ehre wieder herstellten. In der an- knüpfenden Diskussion machte sich im allgemeinen mehr eine ver« mitlelnde Stimmung geltend. Wie die Angriffe Bebel's wurden auch die Angriffe der„Tagespost" gegen ihn mißbilligt. Ei» Genosse erkannte die Berechtigung des Vorwurfs der Ver- wässerungspolitik an. Genoffe Oertel betonte, gegen eine Diktatur Vollmar's, der nur in Südbayern großen Einfluß habe, werde er sich mit Händen und Füßen sträuben. Oertel beantragte eine vermittelnde Resolution. Schließlich wurde die Versammlung auf Sonntag vertagt. Aber nicht nur in Nürnberg, auch in München sind durchaus nicht etwa alle Parteigenossen mit der von Vollmar beliebten Taktik»inverstanden und zwar waren es nicht die Un- bekanntesten, die dem Genoffen Vollmar in der Münchner Versammlung Opposition machten. So äußerte Genosse G r o m b a ß: Bebel müsse noch andere Gründe gehabt haben, als die auch von ihm verurtheilte» der verletzten Eitelkeit. Auch in der Parteipresse sei man Bebel blos entgegengetreten, soweit er von Verwässerung der Partei:c. sprach. In bezng auf die Budgetabstimmung sei er mit Bebel einverstanden. Rcdner bittet die Abstimmung über die Resolution auszusetzen, bis Bebel auf die„M. Post" geantwortet habe. Aehnlich äußern sich die Ge- Nossen Wambsganß und Rufs. In einem Artikel:„Die alleinseligmachende Taktik" der„Mainzer Volkszeitung", der sich im allgemeinen aus Vollmar's Seile stellt, wird auch u. a. dem Genosse» Bebel wiederum, trotzdem es von diesem selbst zum soundso- vieltsten Male zurückgewiesen wurde, von neuem unterschoben, er ') Eine Reihe von Partei-Orten haben ihre Bestellungen auf das diesjährige Parleiprotokoll noch nicht ausgegeben. Um die Höhe der zweiten Auslage bestimmen zu können, werden dieselben um ungesäumte Aufgabe ihrer Bestellungen an die Buch- Handlung des„Vorwärts", Beuthstr. 2, gebeten. habe den bayerischen Genossen mit der Verrechnung der ihnen aus der Parleikasse zugewendeten Gelder einen Vorwurf machen wollen. Es erscheint uns das, milde ausgedrückt, eine nicht ehrliche Kampfesweise, wenn man unter Parieigenossen die einmal abgegebene Versicherung nicht gelten laffen will, und wenn man vergißt, daß Grillenberger die Frage angeschnitten hat, namentlich wenn der Beweggrund einer Aeußerung so offensicht- lich zu Tage liegt, wie in diesem Falle. Die Mannheimer„Volksstimme" schreibt:„Genosse Bebel ersuchte uns, seine Antwort aus Grillenberger's Entgegnung voll- inhaltlich zu veröffentlichen. Das war uns unmöglich. Denn ein einmaliges Nachgeben hätte uns gezwungen, auch sämmtliche Engegnungen Grillenberger's und Vollmar's zum Abdruck zu bringen und unsere Zeitung auf Wochm hinaus zum Tummelplatz eines unerquicklichen Zeitungskrieges zu machen, bei dem nichts herauskömmt. Wir haben Bebel durch Wiedergabe seiner Rede vollauf zu Wort kommen lassen, haben unsere Ansicht zum Ausdruck gebracht und durch Grillenberger's Erwiderung auch den Bayern Gerechtigkeit widerfahren lassen zu müssen geglaubt. Aber wir haben uns überzeubt, daß durch Grillenberger's derbe Antwort die Diskussion auf den Boden persönlichen Kampfes gerathen ist, auf den wir absolut nicht folgen können. Bon der Agitation. Am vergangenen Sonntag verbreiteten die Kieler Genossen im Landkreise Kiel gegen 5006 Exemplare der Broschüre:„Fort mit der Gesinde-Ordnung." Die Genossen fanden überall gnre Ausnahme.— Genosse H arm-Elberfeld sprach am letzten Sonntag in einer stark besuchten Versammlung in Rützenburg über die politische und wirthschastliche Lage Teutschlands. Ter Erfolg der Versammlung war ein guter.— Ueber„die nächsten Landtagswahlen in Württemberg" sprach der Genosse Agster aus Stuttgart in zahlreichen Orten des König- reichs; so am letzten Sonntag in Eningen. Auch der Genosse Leickhardt macht gegenwärtig eine Agitalionsreise durchs Land. Bei den Stadtrathswahlen in Ronsdorf(Rhein- provinz) erhielten die Kandidaten der Sozialdemokratie 171 bezw. 169 Stimmen, die Gegenkandidaten brachten es auf 93, 65 und 30 Stimmen. Es findet Stichwahl statt. »* Für die Parteigenossen deS Regierungsbezirks Magdeburg soll am 2. Weihnachtsfeiertag in Magdeburg eine all- gemeine Parteiversammlung stallfinden. In derselben sollen die Reichstagskandidalen für die einzelnen Kreise ausgestellt und die Vertrauensmänner gewählt werden. »« In einer Parteiversammlung in Crefeld berichtete der Vertrauensmann, daß die Einnahmen Iv2l,3S M., die Ausgaben 927,62 M. betragen haben, so daß ein Kassenbestand von 93,74 M. verbleibt. Im Berichtjahre wurde» 19 Parteiversamm- lungen und 11 Volksversammlungen abgehalten. Als Vertrauens- mann wurde Genosse Wolters wiedergewählt.— Ueber die Frage, ob der Genosse Wesch, der sich in einer früheren Wer- sammlnng dahin geäußert hatte, daß die ganze politische Beiveguug unnütz sei und im allgemeinen den Srandpunkl der Unabhängigen vertreten hatte, noch als zur Partei gehörig betrachtet werden könne, soll in einer späteren Versammlung noch erörtert werden. DaS Bcgräbniß des'Parteigenosseu Bremer in Magdeburg gestaltete sich zu einer großartigen Demonstration der klassenbewußten Arbeiterschaft Magdeburgs. Eine un- geheure Menschenmenge war in Bewegung, an dem Zuge nahmen etwa 3000 Personen theil, darunter eine große Anzahl Frauen. Das Begräbuiß ging pünktlich vor sich. Vor dem Sarge schritten etwa 400 Frauen und Madchen, einige der Genossinnen trugen große Lorbeerkränze mit rothen Schleifen und entsprechenden In« schriften. Dann folgte der Leichenwagen mit dem Sarge, der nur mit wenigen Kränzen bedeckt war, vorn war ein Kranz des Handschuhmacher-Gesangvereins befestigt. Der Parteivorstand war durch den Genossen P s a n n k u ch vertreten, der einen großen Kranz mit rother Schleife trug. Dann folgten 39 Deputationen von Gewerkschaften und politische» Vereinen mit Kränzen. Außer- dem wurden im Zuge noch eine große Menge Kränze getragen; auch die Anarchisten folgten mit einem solchen mit schwarzer Schleife. Am Grabe hatten sich die Mitglieder der freien Orcyester- Vereinigung eingefunden, sie bliesen den Trauermarsch von Chopin. Der Arbeiter-Sängerbund trug dann ein Lied vor. Darauf wurde der Sarg eingesenkt. Die Kränze wurden auf den Grabhügel gelegt; die schwarze Schleife der Anarchisten wurde später aus polizeiliche Anordnung entfernt. Polizeiliches, Gerichtliches sc, — Eingestellt ist das Verfahren, das gegen den Redakteur der Magdeburger„Volksstimme" Genossen Richter wegen Majestätsbeleidigung schwebte. Diese sollte bekanntlich begangen sein durch den Abdruck eines Artikels, in dem von einem Spitznamen des deutschen Kaisers die Rede war. — Wegen Beleidigung des Stadtraths von Gera wurde Genosse Bretschneider, Redakteur der„Reußischen Tribüne", zu einem Monat Gesängniß verurtheilt. Die Beleidi- gung wurde in einem Artikel gefunden, in dem gesagt war, daß die Entlassung eines Wachtmeisters niemand verwundert habe, nachdem dieser den Sohn eines hohen städtischen Beamten zur Anzeige gebracht habe.— Wegen eines zweiten Artikels wurde Bretschneider freigesprochen. — Wegen Beleidigung des Bnchdruckerei-Besitzers Klinkicht, sowie des Redakteurs vom„Meißener Tageblatt", Dr. Winter, wurde der frühere Redakteur des„Meißener Volkfreundes". Ge- nosse Gustav Riem, zu 50 M. Geldstrafe verurtheilt. Die Be- leidigung soll enthalten sein in einem Artikel, welcher sich mit dem Verhalten des„Meißener Tagebl." anläßlich einer ihm zu- gegangenen Berichtigung beschäftigte. — Der Waldschlößchen-Boykott in Dresden fordert noch immer seine Opfer. In der„Sächs. Arb.-Ztg." hatte sich ein kurzer Bericht befunden, in dem mitgetheilt wurde, daß in einem Orte bei Dresden rothe Plakate angeklebt worden seien, die zum Boykott gegen einen Kaufmann aus- forderten. In dieser Notiz sollte Weiterverbreitung des Boykotts liegen und der Redakteur Reichard wurde angeklagt wegen groben Unfugs. In dieser Verhandlung gab der Richter unumwunden zu, daß die sozialdemokratischen Blätter, wie wir allerdings schon längst wisse», ihrer Tendenz wegen verfolgt und bestraft werden. Nachdem Genosse Reichard entschieden be- stritten, daß die Zeitungsnotiz eine Aufforderung zum Boykott enthalte, wies er in seiner Vertheidignng unter Anderem darauf hin, daß doch andere Blätter, wie„Anzeiger",„Nachrichten" fast regelmäßig und in derselben Weise über solche Vorgänge be- richten, ohne daß die verantwortlichen Redakteure aus die An- klagebank gefordert wurden. Der Amlsauwali erwiderte yierau daß das ganz etwas anderes sei, hier falle die Tendenz der„Ar beiler-Zeitung" ins Gewicht.(!) Und richtig, es war auch mit Rücksicht auf die Tendenz unseres Blattes etwas anderes. Der Angeklagte wurde zu drei Wochen Haft verurtheilt.„Daß der Angeklagte nicht etwa glaubt, es würde mit zweierlei Maß ge- messen", hies es in der Urtheilsbegründung.„soll bemerkt sein, daß fein Einwand, andere Blätter berichteten auch über solche Vorgänge, ohne bestraft zu werden, un- stichhaltig ist". Und warum? Weil, ja weil„Anzeiger" und „Nachrichten" eben nicht sozialdemokratische Zeitungen sind. Mit zweierlei Maß wird nicht gemessen, das wollte man den Ver- urtheilten nicht glauben machen, dagegen betonte man, daß man bei der Strafzumessung den Umstand berücksichtigt habe, daß der Verurtheilte nicht nur eine hervorragende Person(wie liebens- würdig!) innerhalb der sozialdemokratischen Partei, sondern auch Genchls- Berichterstatter sei und somit wissen müßte, daß der Boykott strafbar ist. Hat man so den Frevler nicht glauben gemacht, daß man etwa mit zweierlei Maß messe, so wird er, wenn er. die Strafe abbrummt, jedenfalls Zeit genug haben, um darüber nachzudenken, ob man nicht für„hervorragende Personen" und Gerichts- Berichterstatter unter Umständen doch ein anderes Maß anwendet. Geeverkschrrftlirstes. Achtung, Drechsler! Um Fernhaltung des Zuzuges von Drechslern nach Harzburg-Bündheim wird ersucht, da zwischen den Drechslern der Sckulze'schen Fabrik und genannter Firma Lohndifferenzen ausgebrochen sind. Der Tischlerstreik in Itzehoe dauert noch unverändert fort. Zuzug ist daher strengstens fernzuhalten. Der Streik der Steinmetzen bei der Firma Wichterich in Köln wurde siegreich beendet. Sämmtliche Streikenden wurden wieder eingestellt. Eine Bnchdrnlkerversammlung in Kiel beschäftigte sich mit der von der Prinzipalität geplanten Einführung der Zwangs« Hilfskassen. In einer Resolution sprach die Versammlung ihren Protest aus gegen das Vorgehen der Prinzipale; sie wählte eine liommission, die mit den Prinzipalen von Kiel in Unterhand» lung trete» soll. Zum Streik der Textilarbeiter in Malaga. Die Adresse für Sendungen, die für Streikende bestimmt sind, ist: Antonio Garcia Quejido, rua Sadurni 3. 1. O. Barcelona, Spanien. Orts> Krankenkasse der Schuhmacher. In der am 27. November stattgesundenen Vorstandswahl der„Orts-Kranken- kasse der Schuhmacher" zu Berlin siegte die Liste der organisirten Schuhmacher in Berlin gegen die Liste des alten Vorstandes. VerittiMzkest Arbeiter- Risiko. Ter„Rheinisch- Westfälischen Zeitung" zufolge fand gestern Abend 10 Uhr aus der Zeche„Gras Moltke" bei Gladbeck infolge eines wider die Instruktion abgefeuerten Schusses eine Explosion statt, durch welche 4 Bergleute getödtet und 6 verwundet wurden. Ein Ehrenmann. Der„Fr. Zeitung' berichtet man aus Altona: Großes Aufsehen erregt hier das plötzliche Verschwinden des Inhabers des alten Hamburger Hauses Lübeck u. Schild- knecht, des Kaufmanns Schildknecht. Der in der Mitte der dreißiger Jahre stehende Inhaber hatte, wie dem„Verl. Tage- blatt" berichtet wird, nebenbei eine Annahmestelle für Gelder, die für die Sparkasse des Altonaischen Unlerstützungsinstituts, eines mit mehreren Millionen arbeitenden Bankinstituts, be- stimmt waren. Schildknecht genoß großes Vertrauen, nament- lich auch auf der Insel Helgoland, mit deren Bewohnern die Firma schon seit einer langen Reihe von Jahren Ge- schäfle machte. Mit Vorliebe belegten die Helgoländer ihre Gelder bei der obenerwähnten Sparkasse und bedienten sie sich dabei der Schildknecht'schen Annahmestelle als Vermittlung. Es hat sich jetzt herausgestellt, daß Schildknecht nahezu 100 000 M., anstatt sie zu deponiren, für sich verbraucht und an der Börse verloren hat. Die obengenannte Sparkasse haftet für Gelder, die bei ihren Annahmestellen belegt werden, nur bis zur Höhe von 300 M. in jedem einzelnen Falle. Dies hat Schildknecht den Leuten verschwiegen nnd sie zu bewegen gewußt, ihm bedeutende Sunime» zu übergehen. Schildknecht ist erst vor einiger Zeit zum Mitgliede des Komnierzkollegiums und zun, stellvertretenden Richter bei der Kammer für Handelssachen ernannt worden. Die iu Serbien wahrgenommenen Erderschütteruugen erstrecken sich auch aus Macedonien und wurden ebenfalls in Salonichi verspürt. In Autwerpe» ist eine große Stearinfabrik durch eine feuersbrunst total zerstört worden. Der Schaden ist von enormer öhe. Vou Peary's Nordpolexpedition wird heute im Gegen- sähe zu der gestern von uns wiedergegebenen Depesche der „Vossischen Ztg." aus London telegraphirt: Die Meldung von dem Untergange des Dampfers„Falcon" bestätigt sich nach dem„Reuler'schcn Bureau" nicht. Der Dampfer„Falcon" ist mit Peary's Expedition bereits am 15. September nach St. Johns(Neufundland) zurückgekehrt. Nur Peary selbst ist mit zwei Begleitern in Grönland zurück- geblieben, um im nächsten Jahre seine Forschungen sortzusühren. Eingelaufene Druckschrift««. S-r A»ilald«m»llrat, Zentral-Wochenblatt der sosialdeinolrattschc» Parle! Teutschland«(Erpedtlton tn Berlin SW., Beuthsirabe 2). Zu beziehen durch alle Zeilungsspedtteure. Da« Abonnement belraat durch dte Post oder tn Berlin durch dte Ziilung«spedtteure pro Quartal i.so M Kreuzband i,8o M. Die vir. vom 2». November hat folgenden Inhalt: Wochenschau.— Bebel'« Fahnenerhebung.— Bauer»-8lend-— Geist und Moral der deutschen Presse vor fünfzig Jahren.— Björnson über Frauenfrage II.— Parle>nach> schien.— Wie man Uli« behandelt.— TodtenUsie. Zur AugeManderlehung in der Partei.— Zum badtschen Streit.— Sin Bruderstretl zwischen München und Berlin.— Unabhängig« und Anarchtsien in London.— Der Parteitag tn der Schweiz. Bon der..Neu»» Zeit" tStultgarl, I. H. W. Dtetz' Bcrlag) ist soeben da« 2. Hefl des iz. Jahiaanaes erschienen Aus dem Inhalt heben wir hervor: Et» Wort über voliaire.— Wie Lujo Brentano zittrt. von Eleaner Marr-Avellng.— Ruhland vor einem Regime-Wechsel. Bon S. Plechanow. lSchluh.)—„Lourdes" von Emtl« Zola. Belprochen von Julte Zadel- Romm.— Da« Erfurter Programm und dte Landagitatton.«on Karl Kautslh.— Profesioren-Honorare. Noch einige Bcm-ilungen von Arlhur Jacoby.— Nottze».— Feuilleton: Sidtrische Elappeneindrücke. Ein Betlrag zu dem Denlmal Alexander III. und feines Regierungssvstem». Bon «. Srihlo.(Fortsetzung.) Orts-Krankentee der übrmacber Berlins. Dienstag, den 4. Dezember, Abends 8'/, Uhr, im Lokale von Deigmiiller, Alte Jakobstr. 48»: Ordentliche General- Uersammlung. Tages-Ordnung: I. Wahl des Ausschusses zur Prüfung der Rechnung des laufenden Jahres(3 Mitglieder). 2. Wahl des Vorstandes(6 Arbeitnehmer, 3 Arbeitgeber). 3. Beschlußfassung über den neuen Kontrakt mit dem Verein der sreigewählten Kassenärzte. 4. Beschlußfassung über den event. Beitritt der Kasse zu einem Krankenkassenverband. 5. Verschiedenes. Die Mitglieder sowie die Arbeitgeber werden hierzu«ingeladen. KV. La»<&uitt8ng»b»ch dient«ei» Ausweis. 1327b ose- VGratand. P. Lltsob, Vorsitzender. Tischler-Verein. Sonnabend, den 1. Dez., Abds. 9 Uhr. Melchiorstr. 15: LersanmlW mit Darntv. Tagesordnung; Vortrag des Herrn Dr. Joel(Aus der Urgeschichte der Menschheit). Bereinsangelegenheiten. Die Mitglieder werden aus§ 3 und 4 des Statuts aufmerksam gemacht. 249/14 Der Borstand. Achtung! StrsSsu. Achtung! Sonniaoi 2. Dezember. Nachm. IVe Uhr, im jSchweis«phftu*eh«ni Markgrafen-Damm 19: je stzilOmMW Partei Uersammlung. Tages-Ordnung: I. Vortrag über: Robert Owen, ein Vorkämpfer des Sozialismus. Referentin Genossin vtttU« B»ä«r. 2. Diskussion. 3. Bericht und Wahl der 257/16 Vertrauensperson. 4. Bericht und Wahl der Lokalkommissi Um zahlreiches Erscheinen der Genossen und Genossin aon. ,, nnen ersucht Vi» Vrrtrauenopersan. Für beu Inhalt der Inserate über nimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung Theater. Freitag, den 30. November vprrnhan». Hansel und Gretel. Carueval. Hcha u sp i klliauo. Wie die Alten sungen Deutschri» Theater. Nora. berliner Theater. Die Hauben lerche. Lesstng- Theater. Gespenster. Ächilier Theater. Des Meeres und der Liebe Wellen. Friedrich- Wilheimstädt. Theater. Die Fledermaus. Ztestdruz- Theater. Der Unter präfekt. Vorher: Villa Vielliebchen ütene« Theater. Das neue Sliick. Theater Unter de» Finden. Jabuka. Meißner Porzellan. Seltealiianre-Theater. KönigKrause. Eentral-Theater. O! diese Berliner. Adolph GrnS-Theatrr. Charley's Tante. Vorher: Die ewige Braut. Aleranderplah- Theater. Maria Stuart. Uaiional» Theater. Der Tod als Pathe. Ucichohallentheater. Spezialitäten- Vorstellung. American- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Apollo- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Kanfmaun'v Uariat«. Spezialitäten Vorstellung. Parodie- Theater. Spezialitäten Vorslellnag. kreie Volksdüline im Löntrai-Idogter, lUt« Jakodstr. 30. Sonntag. 2. Dezember: I. Abth. i 2Vs Sountag. 9. Dezember: II. Ablh. j Uhr. Die Raben von Henri Becque, Regie von Emil L e s s i n g. Zediiler-IIiester. (Nks>tnsn»?t,est«r.) Vallllvr-?h»at«r»trass». Freitag, den 30. November, Abends 8 Uhr: Zum I. Male: De» Meeres und der Firbe Wellen Trauer« spiel in ö Aufzügen von Grillparzer. Sonnabend, den I. Dezember, Abends 6 Uhr: De» Meere»»nd der tied» Wellen. Sonntag, den 2. Dezember. Nachm. 3 Uhr: Die Karls schiller. Abends 8 Uhr: De» Meere»«nd der Fiede Wellen. Oichter-Abende im großen Saale des Handwerker-Vereins, C., Sophienstraße 15. Abends 7 Uhr: Schüler- Abead. Adolph Ernst-Theater Charley's Tante. Schwank iu 3 Akten v. Brandou Thomas Vorher: Die ewige Braut. Liederspiel mit Tanz in I Akt von V. Hauastädt und J. Kren. In Scene gesetzt von Ad. Emst. Ansang ll/2 Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Eentral-Theater A l« t Iahobstrahe Ur. 30. Direktion: Stichard Schultz. Kail!h«iS«. K. Am BliktrS. Ztstsi« Im. Zum 91. Male: O. diese Verliver! Große Posse mit Gesang und Tanz. Anfang 7l/2 Uhr. Morgen: 0 1 diese Berliner. 19 Sanssouci" Kottbnfrrftraße 4 a. Jeden Tmtsz«..d Tsilllttßlig: Stettinel' Sängen lNeysel, wivkel. ?ttro. Britten, Eberins, Steid), Röhl und Blank). Zum Schluß(Neu): Tenoristen-Rache. Urkomisches Ensemble. Anfang Sonntags? Uhr, Wochentags 8 Uhr.— Entree SO Pfg. Billets A 40 Pfg.(nur für die Wochentage giltig) sind im Vorver« kauf in der Zigarrenhandlung von Keßler. Kottbuserplatz, zu haben. Stets wechselndes, amüsantes Programm. ilslionsl-liiesler. Große Frankkurteritraße 132. Sensationelle Novität! Der Tod als Pathe. Ausstattungs-Komödie in 5 Akten von Ernst Bluhme mit theilweiser Benutzung einer Idee von August Blanche. Dekorationen von Küllsr und Schäfer. Beleuchtungseffekte vom Ober-Beleuchter (Jollander. Maschinerien vom Theatermeister Veisse. Lichtbilder von Ludwig Richter. Tanz- und Flugevolutionen vom Ballelmeister V. Zinner arrangirt. Die lebenden Land- und Wasierthiere aus dem Aquarien- Institut von Otto Prensse, Alexanderstr. 28. Garderoben und Requisite» vom Ober-Garderobier Paul Bildehrandt. Musik von Adolph Wiedecke. Regie: Max Samst. Kassenöfsnuug 6V2 Uhr. Ans. 7>/e Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung._ Passage- Paflopticum. K J Me Weiber üiiHsSajoiiicij. AchexeMiulkel, neueste Illusion. Casian's Panopticnm. Hassan Ali der grösste Mensch der Welt Prinzess Topase das kleinste Menschenkind. MtKuische Nitstii-lwtttll _ in noch nie gesehener Größe. lAloaaari Variete- and Spezialitäten• Theater. Dresdenerstr. 52/53(City-Passage) Vornehmster Familienaufenthalt! Neu! Sensationell! Neu! Unsere Garde. Große Posse mit Gesang u. Tanz und militärischen Aufführungen in 1 Akt von B e ck e r s. Aultreten eäuuutl. Spezialitäten. Ansang: Wochent. T'/ellhr, Sonntags 6 Uhr. E» t r e e: Wochent. 20 Pf., Sonntags 40 Pf. R. Winkler. Circus Renz Carlsfrasse. Freitag, den 30. Zlovember 1894, Abends T/2 Uhr: Tjo Ni En. U" Nene Musikeinlagen in den sensat. Tänzen les grelots vivants mid jeu des barbichons.'MQ Außerdem: 9)V Zum 1. Male: Das Apportirpierd Mohr und Hierauf Prinz varneval und sein Gefolge, vorgef. vom Dir. Pr. Renz. Jeu de harre, kom. Reitpiece. Cromwell und der Steiger Alep, ger. von Frl. Wally Renz. RW Der sensationelle Hniib- equilibrist Mr. Jules Keller.-Mg Die Klowus Vehr. Villand zc. Sonnabend:?jo Ni En. IE!- 1. llnf- treten des Major Burk in seinen amen- lanischen Militär-Original-Exercitien. Sonntag: Nachm. 4 Ukr(ermäßigte Preise) t Komiher Uorstellung. Abends 7-/2 Uhr: Pr. Ren«, Tjo Ni En. Koinmissionsrath. Circus D. Schumann. Friedrich Karl-Uier. Täglich Abend» 7'/- Uhr: Texas Jack's American Prairie Life-Show. Illustrationen ans dem Amerikan. Plantagen- und Prairieleben. (Näheres die Tageszettel.)_ Am 26. d. Mts., Mittags 1 Uhr, verstarb plötzlich mein lieber Mann, unser guter Bruder, der Gürtler F ranz Dierke am Herzschlag. Die Beerdigung findet am 30. d. Mts., Nachm. 3 Uhr, von der Leichenhalle des neue» Rixdorfer Kirch- Hofes aus statt. Wwe. Anna Dierke nebst Verwandten. Gestern Abend 8'/« Uhr starb nach langem Leiden unsere liebe Mutler, Schwieger- und Großmutter, die Nestau- rateur- Wittive Johanna Tchcrlcr, geb. B e t h g e. 1337b Im Name» der trällernden Hinter- bliebenen Max Liebing. Beerdigung findet am Sonntag. Nach- mittag um 3>/s Uhr, von der Leichen- halle in Treptow aus statt. Am Sonntag, den 25. November, MorgenS 5i/2 Uhr. starb nach kurzem schweren Leiden unser treues Mitglied, der Stereotypeur Hermann Seiist. Wir verlieren in dem Dahin- geschiedenen ein treues, bewährtes Mitglied, dessen Andenken wir stets in Ehren halten werden. Die Freie Vereinigung der Sfereof/peure und Galwanoplastiker Berlins und Umgegend. I. A.: Ter Borstaiid.sl339> Verdand aller in der Metall Industrie beschäft, Arbeiter Berlins und Umgegend. Todes-Anzeige. Am Montag, den 26. November, ver- starb unter Mitglied, der Lackirer Mannes Tschusch. Die Beerdigung findet heute, Freitag. Nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Rixdorfer Kirchhofes(Ru- dower Chausse) aus, statt. Um rege Betheilignng ersucht 173/19"Ter Vorstand. Achtung! LejskuWe Ktrsmiillllvg für Mänuer und Franen am Sonntag, 2 Dezember, Ab. 6 Uhr, bei Specht, M a r k g r a s e n st r. 83. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Dr. med. A. Bernstein über; Moderne Kunst. Diskussion. 160/17 Nach der Versammlung: Geselliges Beisammensein. Entree 10 Pf. Deutscher Metallarbeiter-Verband. (Verwaltungsstelle Nixdorf.) -onnabend, den 1. Dezember 1894, Abends 9 Uhr: Mitgliedtt-Versainiillililg bei S ch i m k ä s e, Bergstraße 142. Tagesordnung: I. Neorganisalion der Verwaltuilgs- stelle». 2 Diskussion. 3. Verschiedenes. 177/13 Tie O.tSbertvaltuug. Gardinen- Fabrik Großes Lager gestickter und engl. Tüllgardinen, Stores, weiß und creme. Große Auswahl in Sopha-, Tisch- und Bettdecken. auch im Einz.z. den billigst. Fabrikpreise». E. Xnape aus Entsch i. Sachsen Berlin Ii., Briiiinenstr.21, pt. Zi'z- und Seidkuhülk mit Kontrollmarke in allen Fa?ons und Farben. MUtaen, Pelz- waaren, Krawatten. Reelle Waare zu soliden Preisen, empfiehlt iiesb F. A. Pelzer, SO. 10 Neander-Strasse 10. SO. Verein Schäftebranche» Sonnabend, den I. Dezember, Abends 9 Uhr, Rosenthalerstr. 57: Versammlung. Tagesordnung: Schließen wir uns der Zentralisation an.— Zahlreiches Erscheinen nothwendig. 1Z35K ! Zimmerer. Tonntag, 2. Dezember, Vorm. IOV2 Uhr: I «. für Norden und Nordosten m Ttvinemiindex<�esellschaftshaus, Twincmiiuderstr.SZ. TageS-Ordnung: 1. Vortrag über: Werth und Nutzen der Gewerkfchasts-Organisation. Referent Regierungs-Baumeister Keßler. 2. Gewerkschaftliches. 3. Ver- �chiedenes und Ausnahme neuer Mitglieder. 293jl0 Der wichtigen Tagesordnung wegen ist es nöthig. Mann für Mann zu erscheinen.— Alle Arbeitslose» sind eingeladen. Der Vorstand. I. A.: Georg Hoff, Swinemünderstr. 69, v. 3 Tr. Freie Volksbühne. Sonntag, den 2. Dezember, Nachm. 21|3 Uhr: II. Serie VII. Abtheilung(National-Theater). Zum letzten Male: ver Biberpelz. Eine Diebeskomödie von G. Hauptmann. Mitwirkende: Mathilde Bachwald, Maz Löwenleid, Gustav Schwabe, Max Samst. Mitglieder für die VII. Abtheilung werden in allen Zahlstellen aufgenommen. Den Mitgliedern anderer Abtheilungen steht es frei, gegen Nachzahlung von 75 Ps. die Vorstellung noch einmal zu besuchen. Die Mitglieder werden gebeten, von der Freiheit Gebrauch zu machen. III. Serie III. A b t h c i l u n g(L e s s i n g- T h e a t e r). Die Stutzen der Gesellschaft. Den Vorstand der Freien Volksbühne. 272/7 I. A.: Julius Türk, 0., Blumenstraße 21. Teutscher Holzarbkiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Ulonlag, den 3. Dmmhev 1804, Abend» 8'/o Uhr, t« DaffimiitV« ftliröle», Granienjtraße 180» VttirliilellsmiNer-VtrMilliiilg für den Zii!>-5jltii. Tages-Ordnung:_ Besprechung über Lohn- und Arbeitsverhälmisse. jM" Hierzu sind die Kollegen der Baubranche besonders eingeladen. Montag, den 3. Dexember, Abends 8V2 Uhr, Im Lokale de« Herr» Heinicke, Friedrich Karlstraße 11: Bezirks-NersiliiiiiiliW sür zckimWmj uttli RuWtlSburg. Tages-Ordnnng: 1. Die neuzugründende Jnnnngs- Krankenkasse der Tischler und welche Stellung haben wir hierzu einzunehmen? 2. Diskussion. 3. Verbands- angelegenheiten und Verschiedeues. Sonntag, den 8. Dezemb r, Uormittag« 10 Uhr, in Nelchrrt'» Festsälen, Itliillrrstraste Ur. 7: Brauchen-Versammlung der Modelltischler. Tages-Ordnung:___ 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. SjC Hierzu sind sämmt- liche Modelltischler(auch NichtMitglieder) eingeladen. Sonntag, den T. Deeember, Dorm. 10 Uhr, im Lokale de« Herr« Wernau, Uoseuthalrritratze 57: Briicheil-Versaiiimliiilg iici1 BSrßen- M Pivselmacher. Tages-Ordnung: 1. Die wirthschaftliche Lage der Bürsten- und Pinselmacher. Referent: Kollege Schöplliu. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Neue Milglieber werden in allen Versammlungen ausgenommen. Zahlreiche» Besuch erwartet Die Grt»ocrma>tung- I Chirurgische Branche. Sounabeud, 1. Dezember, Abends 81/ä Uhr, bei Griindel, Krnnnrnflr. 188: Gr. öjfeutl. Versammlung mit Franen. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Reichstags-Abgcordneten Emanuel Wurm, über: Kapital und Arbeit. 2. Diskussion. 99/12 Um zahlreichen Besuch bittet Der Verlrauensmau». Nach der Versamnilung: Dereinshranzchen. Ztilttlllvkrbauii der Maurer Deutschlands Zahlstelle I, Berlin(Putzer). Sonutug, den 2. Dezember, Vorm. 11 Uhr: Versammlung in den„Armiuhallen", Kommandanten-Straße Nr. 20. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genosse» Kiesel. 2. Die gegenwärtigen Arbeiterver- Hältnisse in unserem Beruf. 3. Verschiedenes und Fragekasten. Um zahlreiches Erscheinen der Kollegen ersucht 180/9 Dar Bevollmächtigt«,_ I Maurer i Berlins und Umgeaend* Tomitag, den 2. Dezember, Vorm. 10 Uhr, bei Griindel, Brnunenstr. 188: Geffeutliche Versammlung der Maurer Berlins und Umgegend. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genoffcn Väterow. 2. Diskussion. 3. Nachwahl der noch sehlendeu Vertrauensmänner. 4. Gewerkschaftliches. 138�17__ Hermann Schul«, Vertrauensmani:. Vtttiil der Blni-ÄnsOger Berlins und Umgegend. Gonutag, den 2. Dezember 1894, Vormittags lOV: Uhr» Grenadierstrahe Nr. 3Z: General-Versammliing. Tages-Ordnung: 1. Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Bericht W e n s k e contra Otter. 3. Wahl von Kaffenrevisoren. 4. Verschiedenes und Fragekasten. 84/ 11 Der Vorstand. Achtung! Achtung I ;eni, Ws-KrankeMe geverbl. Arbeiter v. Arbeiterillneii Berlins. lirozze öffentliche fersammlung am Sonntag, 2. Dez., Vorm. 91 s Uhr, in Fiebig's Salon, Groß» Franhfnrterstr. A8. Tagesordnung: Die freie Arztwahl. 1331b Nnr RinhAmfor• M Q t m r» o T O Verantwortlicher Redakteur: I. Dierl(Emil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. SW., Beuthstraße 2. 2. Beilage zum„Vomarts" Bcelincr Volksblatt. llt. 279. 5rritag> den 30. Uovember 1894. U. Zalira. Arbeiter! Parte ig euossett! Trinkt kein boykottlrtes Kier! Die polnischen Zozialisten haben ihrerseits auch dem verstorbenen Zar eine kteiue Erabrede nachgeschickt und den neuen zugleich„begrünt". Es wirv uns bierüber aus Russisch-Polen geschrieben; In allen Industriezentren Russisch-Polens war ein Aufruf «nass-nhaft Verbreiter, herausgegeben in der geheimen Parlei- druckerei, dessen Inhalt wir hier wörtlich wiedergeben: „Arbeiter. Genossen! Der Zar ist todt! Vierzehn Jabre seiner Regierung, welche er unter dem für ihn peinvollen Eindrucke des gewaltsamen Zobes seines. Varers eintrat, beschrieben die Seilen der Geschichte mit systcmniischer und unaushorlicher Unlerdrückui g jedes freie» Eeda>.kens, mit allmäliger Beraubung der Unterihane» von den letzten Retzen der Freiheit. Ein feiger Despot und leidend am Mahnwitz des absoluten Auiokratismus und nationalen Ehau- viniemus— das ist das Urlheil. welches die Geschickte über ihn fällen wird. Der ökonomische Ruin des russischen Volkes, das die unerhörte Sleuerlast ins tiefste Elend braeite, dre Feindseligkeit einer ganzen Masse verschiedener Völker, nelche das Unglück hallen, zum russischen Reiche zu ge- hören, und vom verstorbei e» Zar bcständig, uiallrätirt wurden, die Unzufriedenheil aller ehrliche» Leute, frvclche von der Regierung angeekelt wurde», die Spitzel und Gencarnien als Helden gefeiert, die Niedertracht für Tugend, und Tugend für Hochverrath gehalten halte.— das ist die vom Zaren seinem Nachi olger überlassene Erbschaft. „Angesichts dieser Erbschaft, angesichts der Unterwürfigkeit, die vom gröülen Theil der zarischen Unierlhanen erwiese» wird, hat Ztikolaus II eine leichte Aufgabe. Ein paar gnädige Worte, ein paar kleine Neuerliugeii werheii in den Herzen seiner Unierlhane» Hoffnung erwecken, er kann zum Abgott seine» ireueu Volkes werben. Wir hören schon jetzt Slimiiie», die bessere Zeilen in- folge des Herrscherwechjels prophezeie». „Genossen! Fluch soicke» Verhältnissen, wo„Bürger" des Staates nur passiv dem Geschenk von ihre» Herien entgegenzusehen vermögen. Tie Arbeiterklasse giebt keine Zeiche» solcher sklavischer Unterwürfigkeit. Den herrschende» grausame» Zu- ständen zum Trotz vermochte die Arbeiterklasse die Kampseöreioeu zu bilde», führte den Kampf um Verbesieriliig ihrer Lage, um Erringung ihrer Rechte. Die zarische Politik kann sich uns gegenüber nicht ändern, wenn nicht der Zar aufhöre... Zar zu sein. „Der Zarismus kann nicht dem wachsende» Bewußtsein des arbeitenden Volkes gleich gillig zuseben. Das jUasseubewußlsein der Massen— das bedeu>er dr» Uniergaug des Zarismus; die Unwiffei heil und das Elend— das ist seine Rettung. Dei Zarismus kann auch nicht aufhören, fremde Naiione» zu unler drücken, weil er nur mit dem Glanz der äußere» Aiisdebuniig. mit der Fülle der de» Ruffen in eroberien Ländern zugeibeillen Vorrechte seinen Schmutz verhüllen, das eigene Volk in Temuth erhalten kann. „Wir aber streben nach Aufklärung der ganzen Arbeiterklasse, und in richtiger Elkeilntiilß unserer Jilteressen wolle» wir uns selbst verwalten. Eine Grundbedingung für uns ist die Möglich- keit der bereits entmlteten Orgaiiisalio» und der srcie» Propaganda Solche Verhältnisse sind nur in einem Lande möglich, das eui- wickelte politische Freiheit besitzt, das vom Joche der Invasion frei ist. Richtig verstandenes SUasseuuilerrsse gebietet uns. das unabhängige Polen zu fordern. „Angesichts dieses grellen Gegensatzes zwischen uns und dem Zarismus wird Nikolaus II. in uns keine gehorsame» Kinder findet, welche zu ihm flehende Hände emporsirecken; er wird in uns erbitterte» Feinde» bcgegue», welche sich z»i» Todeslamps rüsten. „Genossen! In diesem Kampfe werden auch wir Alliirte finden. Das Proletariat aller Länder, welches»ür uns i» iulet- nationaler Solidarität einig ist. hat sich bereits für uns erklärt. Die russischen Genossen werden auch mit uns in Reih' und Glied kämpfen. Endlich werden wir zum Kampf die Millionen verschiedener Völker ausrülteln,» elche gleich„Iis in Fessel» der zarische» Kiiecklschaft geschmiedet sind. Solcher Kraft wird die Mackt des Zarieinus nickt wider stehen. Und bann wird aus freier Brust der freien Meusche» der Ruf erschalle»: „Es lebe unsere Arbeitersache? Es lebe das freie polnische Volk!" Sozialistische Partei Polens. Warschau, den 9. November 1894. *** Sechs Tage später(am IS, Nov.) ist ei» anderes Fkugblatt -■» diesmal speziell für Sosnoivizer Eisen- und Kohlendisiriki— aus der Parleidruckerei zum Maffenvertrieb hergestellt»nd von den Genossen rücktig verbreitet norden. Das Flugblatt geißelt die kapitalistische Wirlhschasl i» den Krankeiikasic» dieses Tistiikls. Das Geld, welches de» gellenben Slaiuie» zufolge zu einer Hälfte aus den Abzügen von Arbeitelöhnen besteht und dessen ungeachtet unler vollständiger und willtürlici er Verivaltung der Kapitalisten und ihrer Beamte» steht, wird manchuial einfach gestohlen. So zum Beispiel verschn-and die Krankeickasse der Kohletigrube„Jan" spurlos beim Wechsel der Eigenthümer bereits zum zweiten Mal! Das Flug- blalt ermuntert zum tapferen Kampf gegen die Kapitaliste». unler Hiniveis aus die Nachgiebigkeil der Kapitalisten vor dem I. Mai, und fordert endlich zur energische» Stelliinguahine nicht nur gegen die Unternehmer, sondern mich gegen die Regieriivg auf. welche die Auebeuler beschützt, und alle sreiheiltichen Be- ftrebiiiige» unmöglich macht. Wir sehen, daß die polnischen Genossen fortwährend und mit besonderem Nackdruck die Nolbwendigkeil des politischen Kampses»» der Befreiung vom russischen Zarismus— hervor- hebe». Diese Eischeiuung muß als Folge der wachseudc» Stärke der Bcn cgitiig betrachtet werden. Die polnischen Genosse» müffen die ihnen von russischer Despotie auserlegien Fesseln mit täglich zniiehliieilder Ungeduld und Erbitterung aiisehe». bandlung-termin ergab sieb, daß Vetter in der That die Maurer- arbeite» dein Mesenick selbständig übertrage» und dieser auch den Maurer Reu engagirl hatte. Somit konnte in dem Ver- hallen des Augeilagten eine Uulcrschlagung nicht erblickt werten und mußte der Gerichtshof auf Jreiipreckung erkennen Der geprellte Arbeiter aber kau» sehen, wie er im zivilrechtlichen Wege zu seincl» Gelde kommt, was ihm n odl sehr schwer fallen dürfte. Jedenfalls verdienen derartige„Schiedungen" aber tiefer gehängt zu werden. (?i»e niiangeiiehme Urberraschiiug bereitete dieser Tage das Rixdorser Schöffengericht der Hnndelssrau Minna Schneider daselbst. Tieselbe hatte die Handelssrau Anlonie Wiedemann wegen Bele digiing verklagt, die Beiveisaufnahme verlies jedoch zu gunste» der Veiklogien und so wurde dieselbe freigesprochen. Taaegen wurde festgrllellt, daß die Klägerin die Verklagte grob- lich iusultirt und thätlich angegriffen Halle und zwar an dem- selbe» Tage, an welchem Frau Wiedemann in einer Strafsache gegen Ue Klägerin als Zeugin vernommen worden war. Frau W. erhob wegen dieser Porfälle Wid>»klage und hatte die Genngthlinng, daß ihre Gegnerin zu ILO M. Geldstrafe eveni. 24 Tagen Eesäuguiß verurtheilt wurde. Geri<5zks�eLkuttg. Wie ehrliche Arbeiter mituuter um ihren sauren Ver- dienst geprellt werde», zeigte kürzlich eine Verhandlung vor dem Rixdorser Schöffengericht. Ter Maurerpolirer Franz Rudolf Theodor Wescnick war angeklagt, dem Maurer Reu ge- hörigen Lohn unterschlagen zu haben. Reu war de» dem Bau des Hauses Lessingstr. II beschäftig,, welches der LS jährige Bau- untklnehmer Vetter ausführen ließ, bekam aber seinen Loh» nur theilweise. Ais er Vetler dieserhalb zur Rede stellte, erklärte dieser, er habe mit der Sache nichts zu lhun, der Polier habe das Geld erhalten und müffees auch auszahle». Da Wefenick jedoch nicht zahKe, erstatte Reu Anzeige wegen Uulerschlaguug. Im Ver- VersnmmUrngen. Der Wahlverri» deck 3. Kreises tagte am LS. November bei D e i g i» u t t e r. Alle Jnkobstr. 48a. Der„kulturgeschichtliche Slretizüge" betitelte Vortrag des Geiivffen Dr. P i n n bot sehr aiiregende Betrachtungen der Vugaiigenneit und wurde leb- dait applautirt. Iii der Tiskufston, a» der sich Jahn, Apelt, Mausoli und Mebnerr belkeil'gien, wuide an' die viele» Wchersprücke hingewiesen, i» der sich auch die bentige Gesellschaft noch bewegt.— Unter„Verclnsaiigelegeiibciteu" gab Kräker bekannt, daß der Vo> stand als nächst zn veribeilende Broichüre das Protokoll des Frankku.ter P»»tciil'ges ins Auge ge>> ßt babe; die Beschlußfassmig bleibt i er nächsten Gen>al- Veriainmlui'g vorben.ilien. Ei» von Apelt gestellter Anlrog: Innerhalb des Mahlvereins«ine Tis- lufsto» über die Volemik zwiichen Bebel und den siiddeulsche» Gei offen»tnter spezielle'. Vnückücht g»»g der„Agraesroge"»or- zutiekincn, fand in der Ve»s>'»»»l>»g wenig Gegenliebe. Jahn erachtete als geeigneteres Forum hierzu die öffentliche Volks- vkriainnilling.>vo gleichzeitig die Frage unseler Takiik behandell werde» könne. Hoch iv»»->e sied gegen die'Ansichten der Vor- >ed>icr und hielt es für res er, die Polemik in de» Zeil» gen mii Auin e>k anikiil zu lesen, wodurch sich iveil eher eiiicKinriing der An- gelegci h>l de beifuhteii ließe.'Apelt proiestirie d.'gege», dag einzelne Personen ihre Antworte» gegen die Liil-deilischen als im Namen der Berliner Genossen abgegeben bezeichne»; aus diesem Grunde hielt er es für angebracht, die Meimmg der Gen offen in den Wablvemne» kennen zu lernen. Kahlen wtderiptach der Anficht Iah»'«, daß es bester sei. die An« gelegenheil in öffcnllicher V>»>at»irl»i»g vorzubringen, den» in diesen>eie» auch Flauen anwesend unb komme» die letztere» dort erst zn Wort, dann erhallen es die Männer übcrhanpl nicht mehr. zE.ißcs Gelächter) Als Beweis für seine Behaupiung stützte sich Kahle» aus die u»erqu>clliche Diskussion in der letzlen von der Fraiieii-?lgilalionetvu>m>sffi0» eiiideruienen Ver- saiiinlni'g im Lo.ale von Henke in ier Nalinynstraße, wo es nicht mehr schön war. Apelt's Antrag ivurde abgelehnt. Tieftraiilige Zustände warenes, dieinder öfsent- l i ch e ii F a l z e r l n n e n. V e r s a»>»i t u n g am 28. S ember i» der Annenstr. 18 von der Rcserintiii, Kollegin Frai- Greisen berg, bebaiz.ci i.nd von sun.mliici eu Tiskiissiow'- retneru und 9ied»e»ini e» bestätigt wurden. Bei der Funm H a i» a ii n in der Bclilhstraße» erde» 20 bis LS An eiuuliiieu. iogenannle Lehrinäda eu bescl üittgl, diese lliüssen vier bis sechs Wollen lernen, das beißt sie müssen wählend dieser Zeil emc Beschästigung. die i» einem, schliuiuisielis zwei Tagen z» erierneu ist, ohne Lob» arbeiten, nur luil der Aussicht, ipäie' 20 M. verdienen zu tö»»e» lind»ach der Lehrzeit auj eine Ptäniie von 5 M.. die jedoch fast numals verabfolgt wölben, unter dem Vorwande, es seien Ardeiltu verborde» worden. Im allgeinelne» wird den Ledrinäda en viel- nicht in das Jalziach schlagende Arbeit übertragen, daß u eilige nach derselbe» wirklich envas gelernt h iben, sie werden jcdvch binansgewiesen, l»» neuen Ledrmädll.eu Pich zu u achen. Außerdem wird der gesetzliche Feierabend des Sonnabends �r8 Uhr nicht inne geHalle», und müssen oslinals die Lehrmarche» nach ihre» Feierabenden die Pockcte zur Post beiörurn, wodurch der Ches die Kosten eines Hausdieners spart.'Als eine resolute allsgelernre Jalzeri» ans ihre versprochene Prämie bestand, wurde ihr diese zwar> icht gegeben, aber ihr eröffnet, daß sie in Atlord dort arbeiten löune. Als sie am Ende der Wecke über iL M. veidlenl halte, und sie sich nickt mit den 2 M., die mein cht stall t essen auehäi digen wollte, zn- friede» erlläue, wars n an sie nicht nur hiiialis, so» ier» warf ihr noch eine Bierkruie nach. Für die bezahlten Arbeiter ist vor einiger Zeil eii e tahingehende Zlenderliiig eingitreie», daß gegen ftüber, wo 11— 12 M. verdient werde» louulen, jetzt bis 18 M. »öckeuilich verdiei.t werte» löune»; Hauptsache war, daß Herr Haina»» aus Jachuickein luiß una»genikffe»e Preise bezahlte. uelckes einiger» aßt» egalisirt wurde, aber jetzt bekouimeu die Arbeiter siail lhien verdienten Lohn nur eii.« Absa lagszahluug des Sotnabeuds von eintgeii bis 8 M. Eb.nso wenig werde» »kgelmaßig die Merke» jouchl in den Kiankenkas en-Büll er». wie in den Juvaltden- und Alltrsrenteu-Karten gckiebl. Es kommt vor. daß 8 die 4 Moiiate nicht geliebt wurde. Bei der Firma Bruer wird Soniiabeiids etensalls über Feierabend hinaus und außerdem bis ö Uhr gearbeitet; serner herrscht dort eine unerträgliche Unsai berleit. Das ganze Jahr binburch ist nicht gescheuert worden, kein Fenster rvird geöffnet, Cianb und der üble Geri�ch von dem dort verarbeiteten sei lechtcu Leim ver- Ursachen eine geiiiiidheilsschäbliche Atmosphäre, hierzu lou.ml die Ungeliiesbarkeit des Trinkwasjers. Am verwerslich- fun ist der dort von dem Werksübrer Augrobaldl betriebene Bierunsug. Die geriiigste», kaum merklichen Venehen bei der Arbeil ahndet er mit Venmheilung zu einer„Kiepe", verschiedentlich auch„Omnibus" oder„Land- wehr-Weiße" genaiini, deren größter Theit dann wieder durch seine Kedle fließt. Aus diese Weise jchäiikl er täglich sechs bis acht Kasten Bier aus, die ihm eine» wöchentliche» Vtebenverdteust von bis zu 13 M. eiulroge». Viele Klagen wurden laut, daß die junge» Leute, die bis 17 M. verdtenen, fast die Hälfte davon für Bietmarlen in der Welkstalt lasen müssen, doch damit nicht geling, müssen sie statt ihn«» mundendes Bier, Böhmisckes Braiihaiis. Bier trinke». Jedes Miimn dagegen hat Entlasiuvg zur Folge, resp. wird der Betieffende so lange mit Spitzsiudigleite» zugesetzt, daß er gehen muß. Ei» schleunigst abgesandter Brief, unterschrieben von einigen Brner- schen Arbeitern»nd Arbeilerinnen, sollte die angeführten Miß- stände in Ltbrede stellen, wurde jedoch mit Hohnlachen be- anlnottet, und einige Redner bedauplelen, beweisen zn können, daß die Uniersll riiten nur durch wirthichaitlichen Druck er- zwutigen sind. Ter Werkjübrer bei Professor Langen- s ch e i d t dagegen steht in Akkordlohn bei dieser Firma, deren Inhaber neben Besitzer mebrerer Häuser auch noch Millionär ist. Ter Weiksührer sucht seinen Verdienst, der zwischen 12 und 13 M ickwankt, dadurch zu erhöhe», daß er den Arbeitern 5 Ps. von jedem Tausend iür sich in Abzug bringt, außerdem noch Arbeit in einer anderen Fabrik nachgeht, und oft noch des Nackls arbeitet. Er hat jecock hierzu erklärt, unter diesen Umstände» sebr gern bei solchem reichen Herrn wie Prof. Langen- scheidt aiich uuisonst arbeiten zu wolle». Ferner.ngagirt er sehr gern orgai isirle Arbeiter und Arbeiterinnen, erlaubt ihnen ans „Nengierde" die Veriammllingen zu besuchen, doch nicht der Or- aniiiialioii weiter anzugehören oder dafür zu agilire». Die Welkiiait bei Kübn in der Leipzigeistraße liegt 8 Treppen hoch unler dem Glasdach, die eiilstündige Mittagspause, deren be- trächtlickster Theil das Treppensteigen in Anspruch nimmt, ge- stallet den Arbeilerinnen nicht zu Tisch zu gehen, Koch- oder Wärmgelegenbelt ist nur insofern vorhanden, als Kaffee gelcchl werden kann, wobei die ÄUbeilerinnen den Tag über levc» lliüssen. In der Druckerei„Neueste Nachrichten" ist ungesetzlich nur Vi Stunde Mittagspause, weil die Ar- beileiinnen des Sonnabends>/« Stunde früher Feierabend haben, iii'binvei sind dort noch drei Aibeiierinuen unter 16 Jahren beschäftigt. Bei R i e d m a n n in der Wilhelmstrabe ist in'' männ- liche und weibliche Arbeiter nur ein gemeinschafliiches lkloset, Bei H en s e.Wilhelmstr. Ilv, benutzen 10 Arbeiter, 8 Arbeiterinnen, Kulicker»s.w. ebenfalls nur ein gemeinschaftliches Klosel. Allen die Krone setzt die Arbeitsordnung von Moritz u. Kummer auf, ivelche jeden mit 20 Ps. Stiase bedroht, welcker„länger wie i öiliig(!) aus dem Kloset bleibt." Ferner werden dort jede fünf Minuten Zuipätkommen mit 10 Pf. Strafe belegt. Haben es aie'Arbeiter durch Ueberstiindenarbeit bis 10 Uhr und darüber, Soiinlags- und Bi ßiage-Arbeir bis 8 Uhr, bei der Firma Walter ans 28 M. Verdienst gebracht, werden ihnen dennoch »ur 22 M. ausvezahlt, und 8 M. schlankiveg abgezogen. Bei der Firma H. S. H e r i» a n n ist sei« Jahren keine Fabril- lnspektion gewesen, um Remedur anzliordnen in dein Gesundheils- fd übliche», feneigesäbrlichen Arbeilsraum. sowie in dem lebens- gesäbriich'beciigte» Maschinenraum. Die Firma Licklwitz inchl ebenfalls die Siunde, die am Sonnadend früber anfgebört wird, tadnrch wett zu machen, daß die Arbeiter und Arbeite- rim en Sonnabends früh um Vi 7 Uhr koinmen und Mitlag '- Stunde später zu Tisch gehen müssen. Die empörte Ver- iainnilung stimmte denn auch zum Scklnß einer Resolution zu, in der sie sich vnpflichtete, mit aller Energie dahin zn wirken, baß sämiiitliche Kollegen und Kolleginnen sich zusammenschließen, in» diesen abichevlichen Zuständen ein Ende zu bereite» Zum Schll sie wurde die an, Sonntag bei Teigmüller stattfliidende Vereinsversalniiiliing bekaniil gegeben, und zu reger Beibeiligung an der am Sonnabend bei Schneider, Auneiislr. 16, suulfiiidettden Abellduilterhultuiig aufgefotderr. Jel-iit-r killt»»?»e«I,l!le. Fveltag, ütbciidi! von es;— lots Mir: Nord- Tchnlc. tt>»lieidiokic irsa ui-d S u d o si- S ch u l e, Wäldema- iir. i«. Teuliäi«Leg» und Sleihortl). Bei alten Unter, ichisfächern werden neue Th.ili ebiner, Tame» und Herren, jeder Zeit autgenommen. Arbeiter-»i>nsrrb>.»d Krrli»«»»id Zl»:grge»d. Vorsitziiidcr Ad. N-Uwann, Patctralkerkiraße 3.- Alle Aenderungen im Beretns- Ial-»dcr ll»d»u rickilN a» grtld. Korium. Manieuffetkir.«», v. s Tr. Lreitaz. Vet-Ni eSi»»de Ab.»dd o— II Ubr. Aliti adme vo» Mitgliedern. C o l l e g i a, Ti-anliiitlelsir.» bei Nowack— Kaiier'scher Mannerchor, Echönbauter Aliee r». bei Kelle.- A,de>lev-gieia>'gnerci» N ord, Kastanien- Allee II. bei Auiusttn.- Kumnie,'scher Setaugverein, Langeirrabe«s bei Tcmvel.— Aibeiler-Aetviigvereiii Sp a n d au t» Spanta». Neunmeitlersir. S, bei Aadlte. B u ch d> n d e r- M ä n» er ch o r. Holzinartttir. Z, bei Deler.— 83 er? im e Eangedbrüder Moabit, Elromslrabe 28 bei Lauge.—«eiangvercin Aiatg löschen I, Hochsir. Z2a, der Wille.— Kreiizberg, Echön- ieivlir.>, de! Kiaati.- Li e m ü I b l i ch t e i i, Neue Frtedrichiir.«t, bei Nöiiig. ideu iscde Liederiafel, Blumenlir. 38, bei Miedernann.- Tuvo- g ravhi a, Selaigverein Berliner Buchdiuiler urd Zchrislgieber, Arnrin- ioticii, Kcn'N ai da, ie> slrabe 20— iZiciangverein L or b e e r»w e i g, Swuie- i> ui d islr. Zd bei Hübi-er.— Sttanoveretn Rhetngold, Bülchtngi>r. 7, iri?rlbb.— Eä». perchor der Maler, Aonensir. S dei Alber» Pro».— iZi.iai gvcre» Meiodia, Nixtorl, Berglir. I«2 bei Schimläle.— Iri»- Nor» niistraße 86 bei Fritz Zubeil.— Brandenburger Mann er« Wela ig verein t» B a»d.»bu>g a. H., Menaerrs vollbgarten, Berallraße. — iSeiai'gverein Freya l> igem. Chor), Äirdors, Heimanrislrate i»v, bei Toi iei Böiicher.- Apollo. Siiüufv'. 21 bei Sommer.— Sc sang- verein Moabit, Havelbergersrr. 61.— Freie Liedertasel, Lichten- bergeistr 1» bei ii. Boiru a> n.— N orbwa cht, Mullerltr 7, bei Reich««.— FreieSSnger, Samargenborl, Mai>irma»derf»r b Frlebrich.- A beiler» u eiavgv. EävpertreiS iWeillensee). Maileflr. lS?be>PIay. � Lorolcn, S lli Ihaleislr.« bei Hanivurling.— Lustige Sänger. PolSdam, Bran- tenlurg«'. Kon'muoilalion 16 bei Slaler.— Bieber'scher Män»«r- (bot. g>ol>> itaterlir. 67 bei Mai au.- Selelltgleti, Hennigsdorf, 8 öbniert't Sa laus. � Oranke, Weibeiisce, Königs- llhauslee i». H oliann i, vttltersdorferstr. ,6, SeielischaslshauS Osieud.- Särig.rverein Sorgensret, Admtraliir. ise, Mä liicher Hof.— Sangessreun», Ziogoi ersti. 62 bei kamlorrsly.- Srlangverein Sangerlotre, Urban» s> obe er bei Schttel.— Tesaigverein Wacht aus I, Wörlberbr. 1» bei Schmidt.— Eeiangv.rein H a Ii d in Hanbl, Reiche, brrgerfnobe 2« bei lleuchte.- E.iaig- uid lörchelieii.e. verein Siraiauer Lieder- lafel, Mvn ii.eisl'urg, Haupii'ir. 66 bei Boiviulel Gesang).- Sesangvercin Treu und Sinipleit, Rixdoif, Prinz Handjerniir. 66 bei Reden.— Scsangverei» Frohsinn. RvNiinelsdu g, Sötbeslratze, Scke Kanibrase, des Mexe: s.— Sesangveretii der Meiaiiardeiler(O»), Blumensir.«». - Morgenrot 2, Thaeloileiiburg, Bttrnarchstr. 7« bei»>auie. K»»d der grlrltrgen Ztrb«>t«re>ere»»e Merlin« und Umgegend. Alle Auichiislen st»d zu iende» an P. S cnt, Adatberlstr.«5. Lreitag: SlaiNiib Ka iro, Abends 8 Uhr bei Flick, Simeoniir. 66. Gesang-, k»r»-»>»d gesellig» zieret»«. Lrritag. Q»arletlver-ln W e d d i n g, Abenbs 61; Uhr, bei Schäsee, Reue Hoch, traue 4«. Privat- Zhealeiveretn Srescendo, Abends s Uhr, de» Schulz. Piuidilseritr. 66.« BergnügiingSverein Tbusnelda, Freriag, Abends 6z Uhr, dei Zubeil, L.udei suafc 10».-- Musllverein Hosfnung66 vor Sold. Berliner Turngenoit enschall. Die erlre MSnnerablheilung turvl Freitag und D.enbag Abend von 8�—101 Uhr in der Zuruhall« des Lesft» e> g,»mnasium» Pantsir.»— lo.— Turnverein Sesuaddrunnin die l. Männer-Abtbeiluna turnt Keule Abend vo» 6z—>oz Uhr t» der Turn» balle de« Lesstiig SriMualiUi»«, Pantsir.»—10.—«rast- unb Arrtlien- ! I u b B e r 0 t ina jeden Dienslog und Freitag Nebnngsftunde bei Dri'chner, Waldcina.str.«2.— Turnverein» e r»> a n t a iAitlgtteo de« deutschen Ar- boiler Zrunertunde«) turnt Tlenstags und Fretia»,« Abend« vo»»z- Ivz Uhr Arle, sir«7.— Turnverein Fichte iMiiglteb de« Aidetier-Turnerdunde« TcnllchlaidS.) Tie zwetie Stänuer-Udlhetlung lurut jede» Di.'Nlrag und Ereiiag Abend» von«—>0 Uhr tn der Sk aI>tze,Ilr."-6/6S.— KNasl-Turnve«in 0 s j n u» p übt jeden Freilag Abend vo»»->> Uhr bei Schubniacher. Pnaieriir.«»— Musitvere>n Hossnung, Abends vo»«-tt Uhr Uevungs- bnnbe Proilauersnabc 66— 68 bei Schnelder.— Zutzettlub Waldros«, Abends 6 Uhr, Manieusseijlr. 8», Parierre Re'ian.anl.— 83.riin S r u»« Tanne, Aoeuds» Uhr, bei Kaes-c, MarluSiiraste 8. 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In gröberen Lokalitäten werden in bestimmten Zwischenräumen grosse Persammlunge» abgehalten, in welchen wissenschaftlich» Themata'» in volkvverlländlicher Meile bebandelt werde». Die Theilnahme an dem Nnierrichl stebt Jedem, auch Nichtinitgliedern an einem Abend im Semester unentgeltlich frei. Für sämin.liche Lehr ächer werden zu jeder Zeit neue Theilnehmer (Damen und Herren) aufgenommen. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 25 Pf. monatlich. Das Unterrichtsgeld beträgt monatlich für jedes Unlerrichtösach 25 Pf.; für den Sonnabends. Unterricht wird kein Entgelt erhoben. Tie Zahlung der Beiträge und Auf. nähme neuer Mitglieder erfolgt a» endstehenden' Zahlstellen, deren je eine auch in jeder Schule errichtet ist. Tie Zahlstellen sind folgende: 8. Schöning, Stallschreiberstr. 29. 80. Siidcstschule, Waldemarstr. 14. Schulz, Admiralstr. 40 a, Beste Bezugsquelle! für Wle,MechWtt.tt. per Pfd 18 Pf. 14- 8«. Krude, Mariendorfcrstr. 5. Windhorst, Juukerstr. 1. 0. trempel, Langestr. 63. 55/8_ 0�- Die Bibliothek ist allabendlich geöffnet zur unentgeltlichen Benutzung zur Verfügung. Iß. Nordschule, Müllerstr. 179a. Gnadt, Pntbuserstr. 32. Gleinert, Müllerstr. 7a. Wernau, Rofcnthakrstr. 57. NO. Kamlok, Barnimstr. 42. NW. Vogtherr, Stephanstr. 29. V/m Werner, Bülowstr. 39. Oer Vorstand. und steht jedem Mitgliede 'Hi'aHH.IP'ilwik Göbel& Reinecke 1 CliJ W ClCtA Cid A dMi lAy Einzelverk. ,. Fabrikpreisen. vv UerKaufasteUen direkt in der Fabrik'VE Stallschreiber-Strasse No 50 51, i(Ecke Alexandrinenstraße) und J«ru-ale»n«r-8ti'asso 85(Laden, an der Kirche). Säiniutliche Maare» sind aus besten Winlerfelleii unter»»serer eigenen fachmännischen Leitung hergestellt. Telephon Amt IV 9799. palbund Halb. Mampemif Pomeranzen P Extra-Kaiser-Auszug Kaiser-Auszug.. . Best. Weizenmehl(2 Pfd.) 25- Z Gutes Weizenmehl.. 11- *; Bestes Roggenmehl., 12- Zucker t. 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