Nr. 466 ♦ ZS.?ahrgakg Ausgabe L! Nr. 251 Bezugspreis: ?!i�ttIjährI.Z6.— M., monail. I2>— N. 1rel in» Kluis, voraus zahlbar. Postbezug: Monallich 12.— M» einschl. zu- sicüungsgeblihr. Unter Kreuzband lür Deutschland. Danzig, das Eaar» und Memelgebiet, sowie die ehemals drut- Irticn Gebiete Polens, Oesterreich, Ungarn und Luxemburg 22.— M, für das übrige Ausland ZS.— R. Post- b-Itillungcn nehmcn an Oesterreich, Ungarn. Tschecho- Slowaiei. Däne- mar!, Holland, Luxemburg, Schweden und die Schweiz. ?er.Vorwärts' mit der Sonntag». bei läge.Volk und Keit", der Umer» haltungsbeilage.Heimwelt' und der Vellage.Siedlung und Klewgarten" erscheint wochentäglich zweimal. Sonn» tags und Montag» einmal. Telegramm- Adreffe: (JtoliaUwmoftat BetHa* Abend-Ansgabe c Groß• Berlin 20 Pf.. auswBrts 30 Pfennig � p-f- f. 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Nach dem bisherigen Verhalten der französischen Delegierten, das hem- mend auf die wenigen positiven Resultate der diesjährigen Versammlung wirkte, rief sie in Genf ein Gefühl der Bc- freiung hervor. Uns, die wir nicht unter dem unmittelbaren Eindruck der Rede stehen, sei eine etwas kühlere Betrachtung gestattet. Es ist vielleicht kein Zufall, daß Frankreich nach den wenig abrüstungsfreudigen Reden seiner anderen Delegierten und' nach dem wenig günstigen Eindruck, den die Worte Hanotaux' in der Frage des Mädchenhandels machten, daß man Noblemaire vorschickte und daß man ihm eine andere Route gestattete. Es ist vielleicht auch kein Zufall, daß diese Rede in die Tage fällt, in denen sich Deutschland die klare Scheidung zwischen Reaktton und Demokratie vorbereitet. Man wird es uns deshalb nicht verübeln, wenn wir der Rede vorsichttg prüfend gegenüberstehen. Darüber besteht natürlich kein Zweifel, daß wir es nur begrüßen, wenn Frankreich einen Schlußstrich unter feine Polttik der m i l i t ä r i- fchen Gewaltandrohungen fetzt. Wir können Noblemaire nur zustimmen, wenn er sagt, daß die moralische Abrüstung wichtiger ist als die militärische. Denn dos erste ist die Voraussetzung für das zweite. Gelegenheit, diesen Grund- satz Tat werden zu lassen, findet Frankreich mancherorts. Nicht zum mindesten im Saargebiet, dessen Vertreter soeben dem Völkerbund ihre Wünsche unterbreiten. « «euf. 1. Oktober.(«TB.) Di«« ok ker b u n d s v e r- sammlung nghm heute abend die Vorschläge der dritten Kom- Mission(Rüstungsbeschränkungen) an, über welche Lord Robert C e c l l- Südafrika Bericht erstattete. Die Dorschläge bezwecken u. a. den Kampf gegen die Anwendung von giftigen Gasen, der am besten durch Veröffentlichung der einschlägigen Erfindungen geführt werden könne. Die Regelung des Wafjenhandels soll durch eine möglichst schnelle Ratifizierung des Abkommen» von Saint EerMain durch olle Staaten, auch die NichtMitglieder, erzielt wer- den. Ferner sind Maßnahmen zur Zerstörung der im Kriege aufgehäuften Waffen- und Munitionslager notwen- big. Die temporäre gemischte Kommission wird ausgefordert, ein Abkommen über den Waffenhandel vorzubereiten, das noch vor der nächsten Völkerbundvoersammlung einer internationalen Konferenz unterbreitet werden soll. Der von der letzten Versamm- lung ausgesprochen« Wunsch, der sich gegen die Vermehrung der Rüstungen richtet, wird wiederholt, wie auch die Forderung nach Ermittlungen über den gegenwärtigen Stand der Rüstungen In den einzelnen Ländern. Der wichtigste Antrag der Kommisiion stützt sich auf Artpcl 8 des Paktes und verlangt vom Rat« die Ausarbeitung eines Plaues für Rüstungsbefchränkungeu. Andere Vorschläge beziehen sich auf die Verstärkungen der temvo- raren gemischten Kommission und der entsprechenden Abteilung de, DSlkerbundssekretariats. Lord Robert Cecil schloß seine Darlegun- gen mit der Forderung noch einer großangelegten Weltpropa- ganda für Rüstungsbekämpsungen mit einem Appell an die Arbeiterklasse, der im Laufe der Debatte von verschiedenen Rednern angenommm wurde. Hierauf hielt der Delegierte Roblemaire-Frankreich ein« lange Rede, m der er den französischen Standpunkt zu dem Abrüstungsproblein, der sich im letzten Jahre und feit den Friedens- Verhandlungen in Paris nicht verändert habe, darlegte und als Voraussetzung frn eine spätere Abrüstungspolitik die völlige Durch. führung der Abrüstung bei den durch die Friedensverträge dazu ge> zwungenen Notionen und die Organisation Ms Kontrollrechts forderte. Schließlich sei die Prüfung einer gemeinsamen, vom Völker- bund auszuübenden Aktion auf Grund des Artikels IL des Paktes notwendig. Das Abrüstungsproblem kann nach dem französischen Delegierten nicht besser als an einem konkreten Veispiel. das aber nur ein Beispiel sein solle, beleuchtet werden, und zwar an dem Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich. Unter gespannter Aufmerksamkeit der Versammlung erklärte Noblemaire, daß er mit Vorsicht, Höflichkeit und Gerechtigkeit das Problem anfosien wolle Er betonte zunächst, indem er an seine eigenen Kriegserlebnisie erinnerte, daß man auch die Gefühle und die Tapferkeit beim Gegner achten müsie. Genau so wie der fran- zösische Soldat vor dem Tod im Feld« als letztes Wort„Es lebe Frankreich! ausgerufen hat, sind auch Hunderte und Taufende von deutschen Soldaten mit dem Rufe auf den Lippen gestorben: .Es leb« Deutschland'. Warum, so rief Noblemaire aus, sollen diese heiligen Wünsche unserer Helden— und ich sage das Wort„Kjelden' von ganzem Herzen, indem ich mich bemühe, die Ausschreitungen, deren Schrecken wir nicht wieder erleben wollen. zu vergessen—> warum sollen diese Wünsche sich nicht alle verwirk- lichen! Warum soll es unmöglich sein, daß in Zukunft Frankreich lebt, aber auch Deutschland lebt? warum soll neben einem freien und friedlichen Frmckreich nicht ein freies Deutschland leben können? Sind wir nicht gerade deshalb hier, um dieses Ereignis, das in sich das Glück und den Frieden eines großen Teiles der Welt birgt, zu ermöglichen und es in Bälde zu ermöglichen? Noble- maire glaubt, daß dieses Z'e! mit dem Zusatzantrag Bourgeois zu verwirklichen ist, das heißt, wenn Frankreich die notwendigen Wie. dergutmachungen, die notwendigen Sicherheiten durch ein« voll- ständige und loyal« Ausführung des Friedensvertrages, die die wesentliche Grundlage des Völkerbundspaktes selbst bilden, erhalten hqt. Heute sind diese Sicherungen noch nicht vollständig erreicht. Zwar sind die materiell« Abrüstung Deutschlands und die Ab- lieferung der Waffen so gut wie vollzogen. Aber di« Möglichkeit neuer Rüstungen ist noch nicht beseitigt, so daß die Fortführung der bisherigen Kontroll« nicht überflüssig ist, so wenig wie die in Arttkel 213 und die durch den französischen Antrag für alle Staaten vor&efehene Ueberwachung. Mit besonderem Nochdruck erhob hieraus Nobiemaire die For- derung moralischer Abrüstung, die wichtiger fei als die materielle. Nach seiner Ansicht hat sich diese moralische Abrüstung in Frankreich bereits vollzogen. Wie steht es mit Deutschland? Wir wisien nicht, ob sich in Deutschland diese im- entbehrliche Abrüstung der Geister und der Herzen vollzogen hat, oder aber wir wissen zu gut. daß sie noch auf starke Wider- stände stößt. Wir sehen, wie auf der ganzen deutschen Erde sich gegenwärttg«ine der erschütterndsten Tragödien abspielt: des Krieges und des Rcoanchegeistes gegen den Geist des Friedens und der Arbeit, zwischen den Junkern und der Deinoiralie, und da können wir uns unsere Sicherheit, die mit der Sicherheit ganz Europas zusammensällt, gewiß und voll erst an dmn Tage vorstellen, an dem die deutsche Republik unbestritten ist. sich fester demokratischer Elnrichtungxn erfreut, und an dem in Deutschlond der endgüitige Triumph des gerechten Ideals, der Würde und der Frei- heit gesichert ist, die auch di« Ideal« des Völkerbundes selbst sind. Wer aber will bestreiten, daß in dieser Stund« der Ausgang des Duells noch unsicher ist, daß wir infolgedessen mit Gewehr bei Fuß bleiben müssen. Dos fei, so führt« Nobiemaire weiter aus, kein Militarismus, sondern einfach der Will«, nicht noch einmal die Greuel des Krieges zu erleben. In diesem Grifte arbeit« Frankreich im Völkerbund und werde jetzt auch nach Walbington gehen. Noble- maire schloß sein« Red« mit den Worten: Ich glaube, den Willen meines Landes und auch des Völkerbundes in folgend« Wort« zu- fammenfasfen zu können: si vi» pscem, pars pacern. Die Rede wurde von vielfachen Beifallskundgebungen unter- brachen. Zum Schluß beglückwünschten zahlreiche Delegiert« den Redner. Alle späteren Redner, Fisher-England, Hymans-Deigien und auch Lord Robert Eecil fchlosicn sich der Rede an und hoben die Bedeutung ihrer Darlegungen zum deutfch-französifchen Probelm hervor. So gab Fisher-England zunächst dem Verständnis Ausdruck, dos England der französischen Auffassung entgegenbringe. Jedoch seien nach seiner Ansicht die friedlichen Gefühl« nicht nur auf der einen Seite de» Rhein». Der Friede Europas und der Welt wird erst möglich, wenn Frankreich und Deutschland ihre Gegensätze etwas verqefscn haben. Er zitierte bei dieser Gelegenheit Beispiele ritterlicher Gesinnung deutscher Kriegsteilnehmer und sagt« schließlich, daß nicht nur Frankreich, sondern auch England den Frieden wolle. Frankreich und England, erklärte er wörtlich, sind in der letzten Zeit auf dem diplomatischen Boden Europas nicht immer einig gewesen. Aeußcrn will ich aber nichts darüber, mein« Herren, Beide Staaten ver- folgen da» gleiche Kiel, beide wollen für den Frieden arbeiten, selbst wenn sie in den Methoden nicht übereinstimmen. Lord Robert Cecil, der di« Debatte beschloß, bezeichnet« di« Rede Noblemaires als das große Ereignis der gegenwärtigen Tagung. Er ist einverstanden damit, daß man der Freundschaft Englands für Frankreich Aus- druck gibt, hält es aber für unehrlich, wenn man nicht auf gewisse Mißverständnisse, die in der öffentlichen Meinung weiterbestehen, hinweist, die allerdings durch Reden, wie die des franzäsischsn De- legierten, zerstreut werden können. Er hoffe, daß Noblemaires Red« in England, vor allen Dingen aber auch in Deutschland gelesen wird. Tecfl schloß mit den Worten: In dem flampsc zwischen dem Dentschland der Junker und dem Deutschland der Demokraten muß der Völkerbund sich auf die richtige Seite stellen und allen denen seine hilfsbereite Hand reichen, die dort für den Frieden arbeiten. Denkschrift üer Saarüelegation. Genf, 2. Oktober.(WTB.) Die in Genf weilende Vertretung des Saargebietes hat ein vorläufiges Memorandum ausgear- beitet, in dem als wesentlich« Ursache der wirtschaftlichen Notlage des Landes die gegen den Willen der Bevölkerung er- folgte Einführung der Frankenwährung neben der Mark- Währung bezeichnet wird. Das Memorandum weist darauf hin, daß die saarländische Industrie noch wie vor für den weitaus größten Teil des Absatzes auf den deutschen Markt angewiesen ist, da die tatsächlichen Verhältnisse es unmöglich machen, sich in Frankreich ein Absatzgebiet zu eröffnen. Infolge der Einführung der Franken- Währung müsse die saarländische Industrie ihre Selbstkosten für Rohstoffe, Kohlen, Frachten und dergleichen in Franken auf- bringen, während der Verkauf fast nur in Mark erfolgen kann. So arbeitet vor allem die Eisenindustrie mit ihren etwa 36 000 Arbeitern seit Monaten mit wachsenden Verlusten, die sich auf viele Millionen dezisfern. Da nun auch die Besoldung der Kommu- nalbeamten in Franken durchgeführt werden soll, was auch die Zah- lung der Steuern w Franken nach sich ziehen würde, werde die Mark endgültig verdrängt werden. Damit wäre die Saar- industrie nur noch auf den französischen Markt ange- wiesen, der dafür nicht aufnahmefähig sei, was zu einer schar» fen wirtschaftlichen Krise im Saargebiet führen müsse.' Der öeschluß der USP. Der Beschluß der Unabhängigen zur Frage der Regier rungsbildung, der dem Sozialdemokratischen Parteivorstandi ols Antwort auf seine Anfrage zuging, ist ein h o ch b e d e u t- sames Ereignis in der inneren Geschichte der jungen deutschen Republik. Spricht auch dieser Beschluß noch nicht die unmittelbare Bereitwilligkeit der Unabhängigen aus, in eine Koalitionsregierung mit einzutreten, so bedeutet er doch unter allen Umständen ein Aufgeben der grundsätzlichen Ab- lehnung gegenüber einer solchen Regierung und die Eröffnung von Möglichkeiten, die zu verwirklichen im höchsten Interesse des Staates liegt. Es soll hier nicht weiter untersucht werden, welchen Weg vom Irrtum zur Wahrheit die Partei der Unabhängigen im letzten Jahr zunückgelegt Hot, es sei nur ausgesprochen, daß es die hohe politische Schulung der deutschen Ar- b e i t e r war, die ihr das Zurücklegen dieses Weges erleichtert hat. Nichts ist verständlicher, als daß die katastrophalen Er- eignisse der jüngsten Vergangenheit Verwirrung und unklares Streben erzeugten, daß es Augenblicke des Schwankens gab und verhängnisvollen Streit über den Weg zum Ziel, das allen gemeinsam ist. Nichts aber ist auch erfreulicher als die Schnelligkeit, mit der die Selbstbesinnung einsetzte und die Um- stellung auf die neuen Aufgaben erfolgte, die uns die neue Zeit gestellt hat, Wenn die deutsche Industrie trotz aller politischen Er- schütterungen Leistungen vollbringen konnte, auf die das Aus- land mit Staunen blickt, so darf nicht vergessen werden, daß diese Leistungen unmöglich gewesen wären ohne den Fleiß und die Intelligenz der deutschen Arbeiter. Die deutschen Ar- beiter werden aber ihr Verdienst am Voltsgan, zen noch ftei- gern und ihre Bedeutung für den neuen Staat erhöhen, wenn sie nicht nur gute Arbeit leisten, sondern auch gute Poll- tik treiben. Daß sie das wollen, dafür ist der Beschluß der Unabhängigen ein neuer Beweis. Was würde der Eintritt der Unabhängigen in eine Koa- litionsregierung bedeuten? Nichts anderes als dies, daß sich die ganze deutsche Arbeiterschaft— von den kleinen verwesen- den Resten des Kommunismus abgesehen— mit positiven Leistungen am Dienst des neuen Staates beteiligen will. Die Gefahr neuer krampfhafter Erschütterungen, die mit den Sor- gen des kommenden Winters wachsen wird, wäre damit auf das denkbar geringste Maß herabgemildert, und die innere Politik Deutschlands wäre für alle absehbare Zeit auf den Weg gewaltloser Entwicklung gewiesen. Hier zeigt sich ein Ziel, das jeden ernsten Staatsmann locken muß, dessen Wert keiner oerkennen kann, der um die Zukunft unseres Voltes ehrliche Sorge trägt. Für die So- zialdemokratische Partei ist dieses Ziel um so erstrebenswerter. als seine Erreichung zugleich eine enorme innere Festigung der politischen Arbeiterbewegung und eine gewaltige Stärkung der Republik gegen ihre Feinde mit sich bringen würde. Es darf darum nicht der leiseste Zweifel daran bestehen, daß die Sozialdemokratische Partei den Beschluß der USP. mit dem größten Ernst behandeln wird, daß sie ihn keineswegs bloß als einen Zug in einem politischen Schachspiel betrachtet, der durch Eegenzüge wieder ausgeglichen wird, sondern daß sie in ihm ein polittsches Ereignis erblickt, dem! die möglichst weiteste Auswirkung gegeben werden muß. Die M i n d e st f o�d e r u n g e n, die in dem Antwort- schreiben der Unabhängigen aufgestellt werden, halten sich im Rahmen des Möglichen und find auch alte Forderungen der Sozialdemokratie. Unübersteigbare Hindernisse für die bür- gerlichen Parteien, aus sie einzugehen, sind nicht vorhanden: sollte man vielleicht die Soj)ialisierung des Berge b a u e s als ein solches betrachten, so wäre daran zu erinnern, daß diese schon im Januar d. I. von einem bürgerlichen Kabinett grundsätzlich beschlossen worden ist, und daß der volksparteiliche Wirtschaftsminister Scholz und der volks- parteiliche Schatzminister R a u m e r damals f ü r sie gestimmt haben! Die„ausreichende Heranziehung des Besitzes, insbesondere auf dem Wege der Erfassung der Goldwerte" ist auch für die Sozialdemokratische Partei ein? Bedingung für ihre Beteiligung an der Steuerarbeit und damit für ihr Ber- bleiben in der Reichsregierung. Sie ist im G ö r l i tz e r B e- f ch l u ß und in der Entfcbließung unserer Reichstagsfraktion gefordert ebenso wie die Fortführung der Sozialpolitik, der Schutz der Republik, die Polttik der Völkerverständigung. Es ist festzustellen, daß bisher— dies fei ohne alle Ironie be- merkt— keine Partei eine ähnlich weitgehende Boveitwillig- keit gezeigt hat, sich aus den Boden des Görlitzer Beschlusses zu stellen, wie die Partei der Unabhängigen, Als Ironie könnte dipse Feststellung höchstens denjenigen erscheinen, die den Görlitzer Beschluß falsch aufgefaßt haben. Dieser Beschluß richtet sich nämlich, wie hier gleich von Anfang an hervorgehoben wurde, nicht an eine einzelne Partei, san- dern an alle, rechts sowohl wie links. Infolgedessen bat er auch nicht die befürchtete Wirkung gehabt, d i e K l u f t in der politischen Arbeiterbewegung zu verbreitern. Man kann sogar erfreulicherweise das Gegenteil konstatieren. Die Leitung der USP. wünscht vor ihrer endgültigen Cnt� scheidung Klarheit darüber, ob alle Koalitionsparteien bereit find, mit der USP. eine Regierung zu bilden, welche die Durch- führung der aufgestellten Forderungen als ihr Mindestpro- gramm betrachtet. Die Sozialdemokratische Partei wird selbstverständlich ungesäumt das Erforderliche unternehmen, um diese Klarheit zu schaffen. Das Schwergewicht der Ent- scheidung liegt somit in diesem Augenblick bei den bür- gerlichen Koalitionsparteien. Der Sozialdemokratischen Par- tei aber fällt die Aufgabe zu, den ehrlichen Mittler zu spielen zwischen den bürgerlichen Koalitionsparteien und der USP. zum Zweck einer U m b i l d u n g d e r R e g i e r u n g, die die höchste Gewähr für eine gedeihliche Entwicklung der deutschen Politik in sich trägt. Werden die Verhandlungen von allen Seiten in der ehr- lichen Absicht geführt, das Ziel zu erreichen, dann kann der Er- folg nicht ausbleiben. Jedes Ausbiegen aber vom geraden Weg, jedes Zurückschrecken vor einem letzten Schritt, der nur die unvermeidliche Folge des ersten ist, müßte z u R ü ck s ch l ä- gen führen, die verhängnisvoll sein könnten. Mit so großen Dingen, wie denen, um die es sich hier handelt, darf nicht bloß gespielt werden. Was als ernstes Unternehmen höchsten Gewinn für das Volksganze verspricht, wäre als bloßes Spiel für alle Beteiligten gefährlich. Es muß von allen Seiten über den Beschluß der Unabhängigen mit jenem Ernst gesprochen werden, der dem tiefen Ernst unserer Lage ent- spricht. � Legenöist �inöenburg. Das„Hamburger Tageblatt" bringt eins Unterredung tnit Hindenburg, in der dieser zunächst für Schwarz-Weiß-Rot eintritt,„denn was ist uns Schwarz-Rot-Gold?" Hindenburg möge sich hierüber bei seinem Gesinnungsfreunde Mulle er- kundigen, der im November 1918 die schwarzrotgoldenen Farben als Symbol der deutschen Einigkeit und Freiheit b e- geistert gepriesen hat. Weiter tritt Hindenburg für Pflege des Geistes der Wehrhaftigkeit ein.„denn das bedeute noch lange nicht Krieg". Schon vor 1914 haben unsere Militaristen immer beteuert, daß ihre Rüstungen nur der Er- Haltung des Friedens dienen, und wir wissen ja alle, wie prächtig dieses Ziel erreicht worden ist. Schließlich sagte Hindenburg noch: Vergeblich wehrt man als Legende ab den Dolch stoß von hinten, und doch hoben wir täglich neue Beweise dafür. Wir möchten dem zunächst gegenüberstellen, daß selbst ein eingefleischter rechtsstehender Militarist wie der Oberst Schwcrdtfeger im roten„Tag" vom 13. September (Nr. 214) folgendes geschrieben hat: Der„Dolchstoß der Heimat" gehört meiner persönlichen Ueber- zeugung noch zu den übelsten Errungenschaften der Nachkriegszelt. Ich glaube— auch auf Grund meiner Tätigkeit in der Schuldfrage � s�k mich in Anspruch nehmen zu dürfen, daß mir die Entgiftung der öffentlichen Meinung ehrlich am Herzen liegt, und entnehme daraus die Berechtigung, die Grundlage des Schlagwortes vom Dolchstoß der Heimat einmal genauer zu prüfen. Am Schluß dieser Prüfung sagt Oberst Schwerdtseger: Ich habe geglaubt, diese Auffasiung noch einmal im Zusammen- hang entwickeln zu sollen, um damit das Schlagwort vom„Dolch- stoß der Heirnpt" in seiner ganzen begrifflichen Unklarheit und Ge- fahrlichkeit zu kennzeichnen. Es wäre ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, daß wir uns dieses Schlagworte» möglichst entledigten. .ShLdixnt weder der sachlichen Klärung noch der inneren Tamm- lung unseres Volkes. Wenn demgegenüber Hindenburg weiter mit dem Schlag- wort des„Dolchstoßes" die öffentliche Meinung zu oergiften sucht, so kann man ihm weniger als irgendeinem anderen dabei den guten Glauben zusprechen. Ist er doch der Verfasser des bekannten Telegrammsvom 3. Oktober 1 9 1 8 an den Reichskanzler. Damals antwortete die Oberste Heeresleitung auf die Anfrage des Prinzen Max von Baden, ob sie sich auch bewußt sei, daß der von ihr geforderte Waffen- stillstand binnen 24 Stunden den Vertust Elfaß-Lothringens und der Ostmark bedeute, folgendes: Das sei ihr sehr w oh l bekannt, aber mit dem Abschluß des Waffenstillstandes dürfte gleichwohl nicht gewartet werden, denn infolge des Zusammenbruches der mazedonischen Front und der sehr erheblichen Verluste der letzten Wochen bestehe keine Aussicht mehr auf Sieg. Weiter heißt es wörtlich: Der Gegner seinerseits führt ständig neue frische Re- s e r o e n in der Schlacht... Die Lage verschärft sich täglich und kann die OHL. zu schwerwiegenden Entschlüssen zwingen. Jeder versäumte Tag koste tausenden Soldaten das Leben. So telegraphierte Hindenburg persönlich am 3. Oktober 1918. Und am 10. November trug er Erzberger telegraphisch auf, den Waffenstillstand auf jeden Fall abzuschließen, auch wenn der Feind sich auf keine Milderung der Bedingun- gen einlasse. Heute redet Herr Hindenburg vom Dolchstoß. Es ist tief beschämend.... Geschmacklosigkeiten. In München fand die Jahresversammlung des Deutschen Mu- seums statt. Der Vorsitzende Dr. Krupp von Bohlen gedachte dabei „in ehrenden Worten" des ehemaligen Kaisers Wilhelm, der dem Museum wertvolle Stiftungen zugewendet habe, und des ehemaligen Königs Ludwig, der stets Anteil an dem großen Werke genommen habe. Der Vorsitzende sprach weiter die Hosfnung aus, daß in deut- sehen Landen trotz der politischen Umwälzungen nie die Liebe zu den Wissenschaften und die Hochschätzung menschenver- edelnder Arbeit schwinden möge. Ueber die Förderung der Wissenschaft durch Wilhelm II. wollen wir mit Herrn Krupp von Bohlen nicht streiten. Notwendig erscheint es uns aber, darauf hinzuweisen, daß die sozialistische Bewegung, die Herr Krupp doch hinter den politischen Umwälzungen meint, schon für jede Förderung der Wissenschaft und der Kultur eintrat, als andere Leute ihren Lebenszweck noch in Pferderennen und Kanonensabrikation sahen. Die Monarchisten in der Volkspartci. In Gumbinnen tagte Ende September die Generalversammlung des Kreisvereins der Deutschen Dolkspartei. Man betonte, daß man niemals in ein Kabinett Wirth eintreten werde. Es wurde be- schlössen: „Der Dertretertaz der DVP. in Elbing wolle einen Beschluß des Wahlkreisverbandes herbeiführen, daß die Reichstagsfraktion ersucht wird, in eine Regierung Wirth nicht einzu- treten und das Bekenntnis zur Monarchie nicht aufzugeben oder abzuschwächen!" Dieser Beschluß soll dem Parteitag unterbreitet werden. den Bescheids skandalös, die wieder elsmal zeigt, daß das öffentlich? Interesse den Justizbehörden jedesmal abgeht, wenn es sich um Exessevon rechts her handelt. Ueberdies aber war der Oberstaatsanwalt zum Einschreiten o« r p f l i ch t e t, da der Sachverhalt ganz deutlich auf qualifizierte Körperverletzung hinwies. Er hat alio das pflichtmäßige Einschreiten einfach verweigert. Um so mehr Anlaß, gegen ihn selber einzuschreiten. Der interesselose Oberstaatsanwalt. Wir tellten vor einiger Zell den Fall des Oberstaatsanwalts in Glatz mit, der die Strafverfolgung von Selbstschutzjünglingen abge- lehnt hat, die einen Breslauer Schriftsteller namens Hanteda-Fleisch- in Bad Langenau überfallen und verprügelt hatten. Der Ueberfall war von mehreren gemeinschaftlich unter Anwendung gefährlicherWerkzeuge und in einer dasLebengesähr- denden Weise begangen worden, stellte sich also auf jeden Fall als qualifizierte Körperverletzung dar, bei der der Staatsanwalt zum Einschreiten verpflichtet ist. Trotzdem hat der O b e r st a a t s- anwall in Glatz den Verletzten auf den Weg der Privatklage verwiesen mit der Begründung, daß der Fall„kein össentliche» Jnter- esse" habe. Hierzu sei noch bemerkt, daß der Ueberfall erfolgt war, weil Hanteda-Fleischmann in einem Artikel seiner Zeitschrift das Auftreten des Selbstschutzes kritisiert halle. Auf die Beschwerde des Verletzten hat nun der Generalstaats- anwalt in Breslau unter 3. Z. 607/21 mitgeteilt, daß er den Ober- staatsanwalt in Glatz angewiesen habe, von neuem in die Er- mittlung einzutreten und nach deren Abschluß erneut über die Erhebung der Anklage zu befinden. So weit gut. Dagegen betont der Generalstaatsanwall ausdrücklich, daß er zu Maßnahmen im Dienstaufsichtswege gegen den Oberstaatsanwalt in Glatz keinen Anlaß habe. Wir finden, daß hier sehrgroßerAnlaß vorgelegen hätte. Selbst wenn die Erhebung der Anklage im Belieben des Oberstaats- anwalles gelegen hätte, so war doch die Begründung de» ablehnen- Der Eisenstirnige. Der einzige Mann in Deutschland, der noch immer die Stirn > besitzt, zu leugnen, daß Erzberger von rechtsstehender Seite ermorde: wurde, ist der Graf Reoentlow. Für ihn ist es noch nicht einmal erwiesen, daß es sich um einen politischen Mord ge- handelt hat! Er schreibt in seiner Zeitschrift„Der Reichswart": Wollte man sich denken, Erzberger und Dietz wären rechts- stehende Politiker gewesen, so würde die linke Presse mit höchstem Stimmenaufwand einen politischen Mord in Abrede ge- stellt haben. Sie würde vermutlich behauptet haben, daß Erz- bergcr und Dietz miteinander in Streit geraten seien und sich mit den M e h r l ad e p i st o l e n, die sie immer bei sich führten, beschossen hätten. Man würde dunkle Andeu- tungen über Familicnzwistigkeiten, Eheirrungen und ähnliches gemacht haben. Graf Revenllow hat ganz recht. Genau so hat es die rechtsstehende Presse gemacht im Falle Gareis(Eisersuchismordl) und im Falle Erzberger, ehe die Täter festgestellt waren(Raubüberfall!). Aber den Fall Gareis scheint Graf Reoentlow überhaupt nicht zu kennen, sonst könnte er nicht einige Absätze später behaupten: Schon deswegen könne eine Mordorganisation in München nicht bestanden haben, weil der Mord an Erzberger der e i n z i g e gewesen sei!— Ex geht nichts über eine eiserne Stirn und ein robustes Gewissen. Stiunes reist! Bor der Revolution gehört« es im Königlich preußischen Eisenbahnbetrieb» zu den üblichen Gepflogenheiten, daß bei Reisen höchster und allerhöchster Herrschosten der gesamte D:echl- apparat aufgeboten wurde. Lademeister und alles Streck-npersonol. das Ruhe hatte, mußten unbedingt an ihrem Posten zu finden fem und mit erhöhter Aufmerksamkeit den Zug der höchsten und aller- höchsten Herrschasten verfolgen. Man würde aber die bureaukrak- schen Seelen nicht richtig einschätzen, wenn man von ihnen mou glaubt, daß sie sich jetzt nach einem Ersatz für die höchsten und aller- höchsten Reisenden von ehedem umsehen. Wie sie das tun. geht aus einem Telegramm hervor, in welchem die Direktion Köln eine Salon- wagenrsise des Herrn Stinnes den nachvcrordneten Beydrden meld?:. Nachträglich kamen den Bureaukraten doch noch Bedenken, ob der größte Kriegsgewinnler Deutschlands nun auch so bequem fah>':n würde, wie es früher bei den höchsten und allerhöchsten Herrichos.'en unbedingt gefordert wurde. Aus diesen Gründen erging ein weiteres Telegramm: An Dir. Frankfurt a. M. Nachr. Dir. Köln— Koblenz Hbs., Köln Hbf., Niederheimbach und Frankfurt Hbf. ist Da Vorzug 263 den Anschluß an D. 5Jn Köln nicht erreicht, W. kr. Salonwogen Frankfurt 7 für Reise Stinnes an den Schluß des Ez. III am 26. 8. einzustellen. Ez. wirdzurAufnahme Stinnes in Niederbeimbach ausnahmsweise anhalten. Dir. Frankfurt wird ersucht, K. Salon 7 in Frankfurt an den Schluß des Ez. III einzustellen und Dir. Köln den Wagen auf D. 6 zu überführen. Dir. Mainz 33. Lucht. Man«siebt daraus, daß der gesamt« Eisenbahnbetrieb mit seinem ganzen TÄegrophenapparat in den Dienst des Herrn Sttnnes eingestellt wird. Hoffentlich vergißt die zuständig« Eisendahndirektion nicht, sich die besondere Arbeit auch gesondert bezahlen zu lassen. Der frühere König von Württemberg ist im Alter von 73 Iah- ren gestorben. Znkernaki analer Presievmbond la Genf. In Genf wurde ein internationaler Presseverband gegründet, dem die beim Völkerbund eingeschriebenen Journalisten oller Länder onge- hören sollen. Die deutschen Journalisten in Genf wurden sofort zum. Beitritt eingeladen. Präsident des Verbandes ist der englische Journalist Wilson Harry. Die erste Generalversammlung, die am 1. Oktober stattfand und an der mehrere deutsche Pressevertreter teil- nahmen, beriet über verschiedene Beruftfragen betr. Erleichterung der Berichterstattung bei dem Völkerbund._ Sillaröspielen. Bon Hans Bauer. Ich sehe für mein Leben gern dem Billardspiele zu. Skat mag einbringlicher, Schach geistvoller, Fußball inter- «jsantcr, Boxkampf männlicher, Tennis vornehmer sein: in einem überragt das Billardspiel alle anderen Spiele: in der Präzisheit Präzisheit der Entscheidung, der Unumstößlichkeit des Spieleffektes. Bei einem soliden Dreimänncrskot hat von Rechts wegen nach der ersten Runde das Schimpfieren einzusetzen. Auch da» Schach schafft Unklarheiten. Laßt zehn Meister einunddieselbe Partie kritisieren: sie werden zu verschiedenen Ergebnissen über die Bewertung dieses und jenes Zuges kommen. Ueber Fußball, Boxkampf, Tennis schließlich kann man immer streiten. Aber e» gibt keinen Streit beim Billardspiel. Es wird nicht ge- schimpft. E» wird nicht getan als geschehe Unrecht, wenn ein Ball nicht kommt. Man sucht nicht beim Mißaefolg den Grund dafür in Verfehlungen des Anderen oder in der Tücke eines widrigen Ge- schickes: Man erkennt an: Ja, wenn ich nicht traf, dann lag es an mir. Es gibt keine Ausrede. Vor kurzem sah ich im Cafe einem Manne beim Spiel zu, der einer der gefürchtetsten Politiker des Lokals ist. Er weist während eines Durchschnittsaufenthaltes 17mal nach, daß wir unter der Mon- arrhic besser daran wären, daß wir den Krieg nicht hätten zu ver- lieren brauchen, daß Japan übermorgen an Amerika den Krig erklärt. Er reitet alle Gegenargumente wie Porzellanhausen nieder. Nichts verfängt bei ihm. Sagt man ihm: Aber sehen Sie doch! Diese Tat- fachen sprechen doch gegen Ihre Behauptungen, dann haut er die Faust auf den Tisch und erläutert, inwiefern das schlimm genug für die Tatsachen sei. Und dieser Mensch spielte Billard. Setzte eben zum Stoße an. Setzte falsch an. So konnte der Ball unmöglich kommen. Er mußte mit Vorbande spielen. Aber ich wußte: Spränge ich auf und setzte ihm auseinander, wieso er falsch spielt, er würde sagen, ich verstünde nichts vom Billard, ich sei ein Esel und natürlich käme der Ball. Jetzt stößt er. Hääh! Und trifft vorbei. Herrgott: wenn der Ball ein Mensch wäre! Wie würde er dem nachweisen, daß er nieder- niederträchtig und dumm obendrein seil Aber dieser tote Ball demütigt ihn, duckt ihn. Den muß er anerkennen. Jetzt rollt der weiße Ball auf den. roten zu. Wird er ihn b«. rühren? Auf den Mienen des gefürchteten Politikers spielen Furcht und Hoffnung. Alles an ihm ist Spannung und Ergebenheit. Nein: der weiße Ball berührt nicht, sondern rollt um Fingerbreite vorbei. Der Herr beißt die Zähne aufeinander. E» nützt nichts. D« blöde, rifenbeinerne Ball hat trotzdem recht. Er läßt sich nicht abschrecken �urch bös» Blicke und unterdrückte» Fluchen. Er achtet nur auf den Stoß und die einschlägigen physikalischen Gesetze. Was will der Herr tun? Er muß nur immer Wied« schweigen und anerkennen. Wie ungewohnt und schwer es auch ist. Stoß um Stoß zeigt nach Sekunden schon mit unbarmherziger Härte die Wirkung auf. Ein seliger Wunsch reckt sich in mir hoch: Wenn doch da» imm« so wäre, daß die Wahrheit Zug um Zug an» Licht käme, daß es eindeutige Beweise für alles gäbe, daß es sich klar herausstellte, wie recht ich imm« habe.— Da! Jetzt wieder beispielsweise! Der Ball ist viel zu ttef angesetzt. Er muß mit Linkseffet gespielt werden. So kommt er im Leben nicht. Schwupp. Der Herr stößt. Und der Ball — der Ball trifft! Pfui Teufel! Da hotte ich mich also allen Ernstes geirrt! Der selige Wunsch verliert etwa» an Intensität. Am Ende— am Ende ist es doch gar nicht so übel, daß die Ding« d« Menschen sich im wesentlichen nicht im Bereich der harten Bälle, sondern in dem der schmiegsamen Begriffe abspielen. Auch für mich nicht. Frauenbikdung and wtrtschafisreform. vi« VII. öffentlich« Tagung des Bundes entschiedener Schulreformer hatte zum Auftakt ein« öffentliche Dolksversammlung in d« Aula des Friedrich-Milhelm-Gymnasiums. Der Grundgedanke des Abends, der etwa 800 P«sonen vereinte, war die Darstellung des Doppelten im modernen Menschen: des Rationalen, das alle irdischen Verhältnisse durchdringen und regeln soll, sich aber auf das Reich beschränken muß. was ihm zukommt, und des Irrationalen, das reinlich und klar anerkannt und geachtet werden muß, das aber nicht verlangen darf, wie früher methaphysisch-dogmatisch wirtschaftlich-soziales Leben ordnen zu wollen Und als Träger dieses neuen Seins, das Ratio- nalistik und Mystik ohne Betrug vereint, soll die Frau, vor allen» die proletarische Frau, neue Wege weisen. Dieser Grundgedanke kam nicht restlos klar zur Darstellung. Prof. O e st r e i ch schilderte großzügig, wissenschaftlich analysierend, soziologisch eingestellt die Entwicklung von der alten zur neuen Fa- milie. Lisa A l b r e ch t gab ein Bild von der Not der proletari- schen Mädchen, ohne doch beftiedigende positive Lösungen aufzuzeigen, und Pastor M e n n i ck e versuchte das Unsagbare zu sagen und das Wesen der neuen Religiosität, das für ihn jenseits des Be- wuhffeins— er meinte wohl jenseits der logischen Begreisbarkeit und Beweisbarkeit— liegt, er oersuchte dies Wesen der neuen Rel»» giosität begrifflich klarzumachen.— Die Versammlung ging innerlich stark beschäftigt unter Ablehnung ein« Diskussion ausein- ander. Am 1. Oktober wurde die Tagung in Lankwitz früh 9 Uhr vor vollbesetztem Hause«öffnet. Das Thema des Lormittags war „Dolksnot und Frauennot". Prof. O e st r e i ch leitete mit kurzem Wort in den Sinn der Tagung ein: Sie soll ein V«such sein, durch die Erfassung des Tatsächlichen sich die Einsicht und die Werk- zeuge für die Wegtwhnung zum Ziel zu verschaffen. Die enge Ver- bindung von Wirtschaftsleben und Aildungsfragen muß in immer neuer Problemstellung durchs earbeitet werden, um die Atmosphäre zur neu«. Schule, zur Produktionsschuke zu schaffen.— Darauf be- handelte Anna Siemsen da, Thema:„Die wlrtschastlich-geistigcn Zeitnotwendigkeiten und die Frauenbildung". Sie formulierte die Notwendigkeit für die Frauen in d« Wcckung des Bewußtseins ihres Berufes als Erhalt«innen und Pflegerinnen des Lebens, als Hüte- rinnen d« menschlichen Gemeinschaft. Sie sollen aus dieser leben- digen und klaren Erkenntnis h«aus inmitten unseres gesellschaftlichen Verfalls und gegen lebensfeindliche Richtungen der Umgestaltung d« Gesellschaft und dem Werden d« menschlichen Gemeinschaft dienen. Alexander R ü st o w analysierte genauer die weit- geschichtliche Aufgab« der Frau. Endlich müsse die Vollwertigkeit der Frau neben d« bisher gewaltsam geübten Männerherrschaft errungen werden. Ilse Müller-Oe st reich brachte die prak- tische Ausmünzung des allgemeinen Problems, indem sie entwickelte, wie die Frau für wirtschaftliche Funktionen erzogen werden müsse. Es handle sich um Erkenntnis der volks- und weltwirtschaftlichen Zu- sammenhönge und— Hand in Hand damit— um Weckung des B«- antwortungsbewuhffeins beim wirtschaftlichen Handeln. Ueber die deutsche Donau spricht Emma K o t t m a n n in der Urania. In prächtigen Bildern ziehen die Ufer dieses sagen- umwobenen Flusse» an uns vorüber. So herrlich die Bauten der Eothik und des Barock fein mögen, die an den abwechselungs- reichen Usern emporragen, eindrucksvoller und ergreifender ist doch die Landschaft, buch die dies« Muß sein Bett gegraben hat. Diese Fahrt in d«„blauen" Donau(der Ungar nennt sie richtiger die „blonde")«reicht ihren Höhepunkt in der goldenen Wachau und ruft die Sehnsucht«ach, dort zu wandern und zu schauen. Wiens Bauten, von denen der Stephmzturm das Wahrzeichen der alten Stadt ist, und auch die herrlich« Umgebung, lassen die Liebe ver- stehen, die der echte„Weanec" zu seiner Heimat hegt. Ein schwedisches Forfchangsinstttut für Rassenbiologie. Mit Unterstützung des schwedischen Parlaments ist in Upfala eine For- fchungsstätte für Rassenbiolvgie ins Leben gerufen worden, deren Leitung Prof. Lundborg übertragen wurde. Die Ausgabe des In- stituts ist es. die Erblichkeit krankhafter Anlagen, Geistes- und Nervenkrankheiten, Disposition fiir Tuberkulose und Krebs. Miß- bildungen usw. zu studieren und aufzuklären. Es wird eine anthro- pologische, besonders kriminell-anthropologische Abteilung angeqlie- dert, die sich mit diesen Fragen bei den Verbrechern beschäftigt. Auch experimentelle, biologische und pathologische Abteilungen sind vorgesehen. Geplant ist fern« eine ständiqe Ausstellung von erb- kundlichcn Schaustücken, Ahnentafeln, Rassetypen und ihren Kreuzungen._ Volksbühne neunten Totenlisle ist die Zahl der erkannten Toten auf??? oesliegcn. Unerkannte Tote werden jetzt 75 gezählt. Die Zahl der Vermißten betrug nach der letzten Veröffentlichung l77. Sozialiftensieg in Schweden. Gewinn: Ä4 Mandate. Stockholm, Z. Oktober.(MTV.) Das endgültige Ergebnis der Mahlen zur Zweiten Kammer des Reichstages liegt jetzt vor. Die Sozialdemokraten haben MV 000 Stimmen und 93 Mandate(früher 75) erhalten, die Konjcrvaliven 354 000 Stimmen und 62(früher 71), die Liberalen 332 090 Stimmen und 41 Mandate(früher 48), der Dauernbund 185 000 Stimmen und 21 Mandate(früher 29), die Linksfozialisten 6 Mendale(früher 5) und die Kommunisten 7 Mandate(früher 2). Die bürgerlichen Parteien haben also zusammen 2 4 Mandate an die sozialistischen und kommunistischen Parteien verloren. Gens, 3. Ortober.(EP.) Der Führer der schwedischen Delegation, V r o n t i n g, der zum Ministerpräsidenten in Schwe- den ausersehen ist, Hot gestern Ecns verlassen, um sich nach Stock- Holm zu begeben. !■ Clemenceaus große Kcöc. Paris, 2. Oktober.(WTB.) Georges Clemenceau hielt heute bei der Einweihung des ihm in St. Hermine in der Vendce errichteten Denkmals eine poliin'che Rede, in der er sagte, das heu- tizs Fest sei ein Fest des siegreichen Vaterlandes. Es sei asfenkundig, daß der Tag der Prüfung für die Allianz gekommen sei, sobald die Waffen den Händen des Feindes enifallen feien. Frank- rcichs Richtschnur fei, nicht zu beherrschen und nicht beherrscht zu werden: ein Friede der Villigkeit für jedermann. In Versailles habe man Deutschland auf die Knie gezwungen. Warum habe man ihm gestattet, das zu vergessen? Man habe Deuffch- lande Unterschrift für Verpflichtungen erlangt, die nicht mehr zählen. Räch dem Wortlaut des Friedensvertrages l)ärten die„Verbrecher" der deutschen Armee von den Ländern abgeurteilt werden müssen, was sei daraus geworden? Richter und Beschuldigte, die Van- diten von Leipzig, seien im Triumph herumgetrogen worden, ihre Opfer habe man auegepsiffen. Nach der vollkommenen Beglei- chung der Reparationen, die Deutschland für seine barbarischen Ver- Wüstungen schulde, stehe nichts höher als das Interesse der Sicher- Hat Frankreichs. Ilm den Frieden ausrechizuerholten, hätten Frank- reichs Alliierte die Notwendigkeit begriffen, ihm ihren Beistand anzu- bieten, ohne zu warten, daß der französtfche Unterhändler ihn v erlangt hätte. Sie hätten Verpflichtungen unterzeichnet, von denen eines Tages die Rede fein werde. Er sehe wohl ein. daß man den Weln'nedsn sicherstellen walle bis zum äußersten Osten. Aber der pazifische Ozean sei sehr weit und die deutsche Grenze sehr nahe. Die Washingtoner Konferenz könne bei der äugen- blicklichen Lag« der Dinge«ine schöne Gelegenheit finden, die Feh- ler der Ausführung wieder gutzumachen. Gebe es jemand, der nicht erkenne, daß eine finanzielle Niederlage Frank- rcichs in diesem Augenblick für Frankreich die gleichen Folgen wie eine Niederlage der Waffen haben würde? Es gebe keine alliierte Regierung, die aus Gründen eines umfangreicheren Verkeh's die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Tätigkeit auf Kosten Frankreichs begünstigen wolle.'Denn das wäre Verrat. Frankreich verzichte ebcmsowcnig auf die Anerkennung des ihm Geschuldeten wie auf die Dürqschasken für seine Sicherheit. Frankreich müsse gemäß dem Fne�ensoeriraa das Vorrecht der Reparationsschuld vor allen deut- scheu inneren Schulden verlangen. Es müsse gemäß dem Friedens- vertrag fordern, daß jeder Deutsche wenigstens ebensoviel Steuern zuMe wie jeder Franzose. Jede Verminderung der finanziellen Der- pslich-tung Deutschlands dadurch, daß man ihm die Gesomterfüllung erleichtere, verringere zu gleicher Zeit die Bürgschaften für die Sicher- heit, deren Verlängerung nach dem Wortlaut des Friedensvertrages als Strafe für Verfehlungen von feiten Berlins zulässig seien. Der Feier der Enthüllung'des Denkmals für Elemenceau wohnte kein Vertreter des'Ministeriums, sondern lediglich einige der ehemaligen Mitarbeiter Elcmeneeaus wie Tardieu, Klotz, Ignace, Dcschamps sowie Vertreter der örtlichen Behörden bei. Eine spmbolilcbe N)ah! in Paris. Paris, 3. Okiober.(MTL.) Zn einer Nachwahl zum Muni- zipalrat wurde in Paris der wegen Meuterei bei der Schwarz- mrerflokte verurteilte Kommunist Marty gegen einen von den Radikalen ausgestellten Kaudidalcn mit 4574 gegen 1644 Stimmen gewählt. Andre Marty war als Deckoffizier an Bord eines kleinen Kriegs- schiffcs Führer jener Meuterei, die in der Schwarmeerslotte im Frühjahr 1919 vor Odessa ausgebrochen war. Odessa war da- mols in die Hände der Bolschewiki gefallen und die fronzösilche Flotte erhielt den Befehl, die Stadt zu beschießen. Die meisten Bc- satzungen weigerten stch, dem Befehl Folge zu leisten mit der Begründung, daß eine Kriegserklärung zwischen Frankreich und Ruhland nicht bestehe und daher eine solche Beschießung ver- tossungswidrig wäre. Der kommandierende Admiral ließ die Flotte nach Frankreich zurückkehren, nachdem er sein Ehren- wort gegeben hatte, daß keinem der Meuterer etwas geschehen würde. Kaum waren sie jedoch wieder in Toulon, wurden 17 Rädelz- führer verhaktet und zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt, vor allem der Dcckoffizier Marty zu zwanzig Jahren. Seitdem führten die Sozialisten. Kommunisten. Gewerkschaftler und selbst linksstehende Bürgerliche einen zähen Kampf kür die Begnadigung und Freilafstmg der Verurteiiteu, insbesondere des geistig und moralisch sehr hoch- stehenden Marry. Bei der gestrigen Wahl, die in dem reinen Ar- beiterviertel Charonne stattfand, war Marty gemeinsam von den Kommunisten und Sozialisten aufgestellt. Ob seine Wahl als Gemeinderatsmitglicd an sich genügt, um die Freilassung zu er- wirken, steht noch nicht fest, doch der moralische Druck dieser Demonstration fft jedenfalls nicht zu unterschätzen. koai'.Nonsrechk und Derufssoldaken. Unl«r diesem Titel hat der ehemalige Vorsitzende des Reichswirtfchaftsvcrrbandes deutscher Berusssoldaten, Otto Franke, im Verlag Albert Nauck, Berlin SW. 48, Wilhelmstr. 28, eine Schrift herausgegeben.(Preis 12 M.) Sie bietet— von kundiger Feder geschrieben und mit zahlreichem authentischen Material belegt— einen nicht unbeachtlichen Beitrag zur Geschichte der Reichswehr. Mit d«n Schlußfolgerungen des Ver- fasters können wir uns allerdings nicht einverstanden er- klären. Fronhe gelangt dazu, unter Verleugnung seiner früheren Be- strcbungen die Existenz einer Berussinteressenoeriretung von Reichs- wehrangehörigen völlig zu v e r n e i n« n. Er achtet das Bünde- w«f«n für eine Episode, deren Zeit nun vorüber sei.— Wir erblicken in dem durch den Reichsmehrminister Gehler ersolgten Ver- bot auch der gänzlid,»ersassungstreuen Organisationen, namentlich auch des RDB., einen verhängnisvollen militärpolitischen Fehler, der nur dazu führen wird, daß der Geist der Reaktion weiter um sich greift. Je mehr die Reichswehrangehörigen von der Außen- weit abgeschnitten werden, nm so stärker wird der geistige Einfluß sener reaktionären Offiziere steigen, die in ihrer Anschauungswclt noch r-däs von der deutschmonarchistischen Parte! stehen, wie wir z. L. bei der Küstenwehrabteilung Borkum deutlichst erlebt haben. Die britische Admiralität hat eine Mitteilung der Renaler Hasenbehörde erhalten, wonach alle russischen Häfen wegen htr Cholera für gefährlich erklärt sind. i,«ikernehmerschwindel. Tie„Bergwerkszeitun g", das Organ der rhei:usch-west- sälischen Montanindustrie, meldet unter dem 22. September aus New Zork: 'Amerikanische Bunkerkohlen preise. Folgende Aenderungen sind in den Bunkerkohlcnpreisen in Amerika ein- getreten: Doll. perton M. ?! e w P o r f......... 6,00 600 Philadelphia......... 6,25 625 Baltimore.......... 6,23 625 Zwei Seiten später findet man die Devisenkurse. Hier steht: 1 Dollar(am 28. v.i=: 126,87 M. 6 Dollar wären danach 771,22 M, nicht 609 M., wie es in der Meldung heißt. Das Mißverständnis erklärt sich daraus, daß die Montanindustrie eine Erhöhung der K o h l e n st e u.e r gern vermeiden möchte. Wozu im Jnteressenkampf eine bewußte Unwahrheit gerade gut gcnug� ist. Produktive Crwerbslvscnsnrsorge in der Schweiz. Der schweize- risdze Bundesrot beschloß, zur Minderung der Arbeitslosigkeit not- leidende Betriebe zu unterstützen, unter der Voraussetzung, daß kein Personal entlassen wird und dos Unternehmen selbst mit Per- lusten arbeiten würde. Die Staatsbeihilfe darf die Höhe der sonst an Arbeitslosenunterstützung zu zahlenden Summe nicht über- sdzreiten. ver vorläufige Rcichswirlschastsrat gegen ein Zuckermonopol. Der Ausschuß des Rcichswirtschaftsrats für L-endwirtschaft und Ernährung beschäftigt« sich mit der Frage der Einführung eines Zuckermonopols, die.in einer Rede des Reichskanzlers ge- streift worden ist und zu dcMinc Eingabe der Hamburger Handels- kammer vorlog. Der Ausschuß sprach std, in einer längeren Ent- schiiehung cinillmmig gegen die Einführung eines Zuckermono- pols aus._____ GroMerllu. DZe Hausbesitzer im wahlkampf. Für sie hängt„ihre Zukunft- davon ab. Zu � den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen rüsten diesmal mit größtem Eiser die Hausbesitzer. Ihnen ist die Republik und die„Herrschaft der Roten" ganz besonders verhaßt, weil bei der großen Umwälzung auch das die werktätige Bevölkerung brutal entredztende Dreiklassensystem der Gemeindewahlen samt dem in Großstädten längst zum Skandal gewordenen Hausbcsitzcrprivi- leg endlich siel. Die Hausbesitzer haben ihre Sache nicht verloren gegeben, son- dern haben in rühriger Arbeit ihren schon immer sehr stark gewesenen Einfluß aus die bürgerlichen Parteien noch zu steigern verstanden, so daß sie jetzt bei allen Bürgerlichen, von den Deutsch- nationalen bis zu den Deutfchdemotraten, das geforderte Entgegenkommen finden. Auf den Kandi- datenlisten für die Stadtoerordnetenwahlen haben die bürgerlidzen Parteien den Hausbesitzern nicht die schlechtesten Plätze eingeräumt, und unter den Persönlichkeiten, denen aus diese Weise zum Zweck wirksamer Förderung der Interessen des Hausbe- sitzes der Weg ins Rothaus geebnet werden soll, sehen wir einige der Zielbewußtesten. Ein vom Vorsitzenden des Bundes der Berliner Haus- und Grundbesitzeroercine unterzeichneter Ausruf an die Hausbesitzer weist darauf hin, daß auf einmütigen Besdiluß der Dclegiertcnversamm- lung des Bundes ein Wahlsonds gesammelt wird, an den jeder Haus- besitzer mindestens 13 Mark und womöglich mehr zahlen soll. Dieser Aufruf hebt hervor, daß von dem Ausgang der Wahlen „die Zukunft des Berliner Hausbesitzes abhäng t." Die Hausbesitzer werden stch das gesagt sein lassen, aber hofsentlid) wird auch die große Masse der zur Miete wohnenden Bevölkerung daraus die Mahnung entnehmen, daß sie nicht s o dumm sein darf, den die Hausbesitzerinteressen fördernden bürger- lichcn Parteien bei den Wahlen ihre Stimme zu geben. Schwerer Naudüderfall in Wannsee. Als am gestrigen Sonntag morgens gegen 7 Uhr ein Angler die Groß« Secstraße in Wannsee entlang ging, bemerkte er im Master einen Mann, der mit den Wellen kämpfte. Er mochte Ru- derer, die sich in der Nähe befanden, aus ihn aufmerksam und diese brachten den Mann ans Land. Jetzt stellte sich heraus, daß er eine schwere, wahrscheinlich von einem Schlage herrührende Verletzung am Kopse und zwei Messerstidie unterhalb der Herzgegend hatte. Der Schwerverletzte, ein Postossistent Friedrich Gerhardt aus der Adalbertstr. 54 zu Berlin, konnte nur kurz angeben, daß er von un- bekannten Männern überfallen, ausgeplündert und, nachdem sie ihm die Verletzungen beigebracht hätten, in den See geworfen worden sei. Er wurde nach dem Kreiskrankcnhause zu Lichtcrfeldc gebradzt, konnte jedoch nicht vernommen werden, da er die Besinnung voll- ständig verloren hatte. Die Verletzungen sind sehr schwerer Natur. Die anderweitigen Ermittlungen haben ergeben, daß Gerhardt, der beim Postamt 36 angestellt ist, schon am Sonnabend morgen nach Wannsee hinausgefahren ist. Er ist dort auch schon vormittags gegen 9 und auch abends gegen 9 Uhr am Sdiwedisdien Pavillon gesehen worden. Wo er sich die Nacht über ausgeholten hat, weiß man noch nicht. Das Verbredzcn kann nur am Sonntag morgen verübt worden sein. Was dem Beamten geraubt worden ist, steht gleichfalls noch nicht fest. Es fehlt die Brieftasdie, die, wie Gerhardt bei seiner Rettung kurz angeben konnte, mehrere hundert Mark enthalten haben soll.__ Kundffebttng der Kriegsbeschädigten. Der Rpichsbund der Kriegsbeschädigten und der Internationale Bund der Kriegsopfer hatten am gestrigen Sonntag vormittag ihre Mitglieder zu einer Kundgebung gegen die Teuerung in der U n i o n s b r a u e r e i in der Hasenheide zusam- menberusen. Die Redner der beiden Organisationen betonten, daß eine Einheitsfront zwischen den beiden Bünden hergestellt sei, um die wirtschaftlichen Forderungen der Kriegsbesd)ädigten und Hinter- bliebenen wirksamer zu vertreten. In einer Entschließung wurden die Angebote des Reichsorbeitsministeriums für die Kriegs- verletzten und die Hinterbliebenen als vollständig ungenügend be- zeichnet. Es wurde die sofortige Auszahlung einer Beihilfe in 5zähe von drei Monatsraten gefordert. Ferner wurde eine gründliche Ab- änderung des Reidisversorgungsgesetzes gefordert und eine Erhöhung der Teuerungszulagen. Weiterhin wurde in der Entsthließung verlangt, daß die neuen Renten ohne ärztliche Untersudinng in demselben Maße, wie sie das alte Bersorgungsgesetz vorsieht, weitergezahlt werden. Endlich wurde verlangt, daß sich der Reichstag mit den berechtigten Forderungen der Kriegsteilnehmer befaßt und den Vertretern der Kriegsopfer Gelegenheit zu einem mündlidjen Vortrag vor dem Ausschuß für Kriegsbeschädigtensragen gebe. Im Anschluß an die Versommlung bildete sich ein aus etwa 3999 bis 6999 Personen bestehender Demon st ratio nszug, der nach dem Wittenbergplatz und dem Zoologischen Garten zog. Voran wurden Voll-Kriegsverletzte gefahren, dann folgte ein Leierkastenmann und endlich die einzelnen Abteilungen der beiden genannten Organisationen, die Schilder mit sich führten. auf. denen gegen das Bersorgungsgesetz und da?„DreUlassensystem? der Kriegsbeschädigten protestiert wurde. Tic Meisterschaft der �eitungsfahrcr. Zum.zweiten Male seit der Gründung der Meistersch-asten der Zeitungssahrer traten am gestrigen Sonntag diejenigen Radfahrer zum Konkurrenzfahoen an, welche Beruf und Sport im Leben ver- einigen. Es sind die detannien, das Siraßenbild m eigenartiger Wei'e kennzeichnenden Radfahrer, die mit ihren hcchgepo.ckten Ruck- sacken den Zsitungshändlern den Lesestoff, für das Publikum zu» tragen. Um 1 Uhr war Rendezvous am Großen Stern im Tiergarten und vo; hier aus setzte sich ein unübersehbarer Zug von Radfahrern zum Startplatz im Stadion in Bewegung. Dort trafen die 50 als Amateure und 159 als Berusssahrer geltenden Wettbewerber um die Meistersdzaft an. Die zu durdffahrcnde sogenannte Havelstrecke führte durch den Grunewald und mußte zweimal von den Führern zurückgelegt werden. Zwisdzen ton beiden Runden war eine einmalige Umsahrung der Stadionbahn vorgesehen, der sich nach der zweiten Umsahrung der Havelstrecke eine Schlußrunde anreihte, so daß insgesamt 42 Kilomeier Fahrtleistunq verlangt wurde. Bon den Llmateuren, welche um 3 Uhr vom Start abgelassen wurden, trafen um 3 Uhr 43 Minuten etwa 29 zur Zwisdzcnrund? im Stadion ein. Zur Schlußrunde aus dem Stadion zeigte die Spitzengruppe nach der zwci.en szavelrvnde nur noch 9 Fahrer. Den ersten Plag belcgre der Straßcnsohrer Lnngardt, Zweiter wurde Albert, Dritter W i i s k v. Dobbrack(ZZ.j, der vorjährige Sieger, mußte bei der zweiten Hovelrunde aus der Hülste des Kaiser-Wilhelm-Bergos absteigen, um feine Lenkstange festzuschrauben und kam dadurch aus den 14. Platz. Die Entsäfeidung bei den Berufsfahrern fiel schon in der Mitte der ersten Runde. Geführt von Otto und Oskar T i e tz an der Spitze kam de Spitzengruppe der Berufsfahrer zur Zwischenrunde aus der Stadionbahn an. Zur Schluß- runde traf Otto Tietz allein auf der Stodionbahn ein, nachdem sein Bruder Osiar Tietz Reifenschaden erlitten hatte und dadurch aus- fiel. Der Sieg von Otto Tietz, der auch voriges Jahr den. ersten Platz belegte, war überwältigend, erst 5 Minuten später traf Holzfuß als Zweiter ein. Zu bedauerlichen Zwischenfällen kam es gestern, worüber die Montagsblätter erklärlicherweise mit breitester Äusführiidikeit berichten, gelegentlich des Streiks der G a st w i r t s a n g e st e l l t c»r. So im Hauptrestourant im Z o o, wo es zu Zusammenstößen mit der Schutzpolizei kam, und in der Gegend der F r i e d r i ch str aß«, wo die Srreitenden Streikbrecher an der Arbeit verhindern wollte» und sich zu Tätlichkeiten gegen die Gäste hinreißen ließen. Ein Zftordgerüdft war gestern vormittag in Weißensee verbreitet. Nor dem Grundstück Lidsteirberger Str. 15, in der NAre der Hoben- schänhauser Feldmark, war ein zunächst unbekannter Mann erschossen aufgefunden worden. Eine Frau, die in der Nähe wobnt, bekundete, daß sie in der Nacht drei Edfüsie habe fallen hören, und zwar zwei kurz hintereinander, den dritten dann nach wenigen Minuten. Dia Feststellungen der Kriminalpolizei ergaben jedock), dckß ein Selbst- mord vorliegt. Der Tote ist ein Arbeiter Willi Lutz aus der Gustav- Adols-Straße 26 zu Stettin. Die billige Petroleumquello. In der Köpenicker Landstraße war vorgestern nachmittag ein Pctroleumwogen umgestürzt. Bald fanden sich Erwachsene und Kinder mit Eimern und Tövsen ein und pro- bierten an dem Auslaßhahn des Wagens solange herum, bis die Pe- trolenmquelle lieblich sprang. Schließlich öffnete der Petroleum- kutscher, wohl damit die Umstehenden nicht allzu billig in den Besitz von Petroleum kommen sollten, den großen Berschlußdeckel und ließ den gesamten Wagcnmhalt in den Sand laufen. Als endlich die Feuerwehr erschien, um den eisernen Wagen wieder auszurichten, war das Petroleum bis aus den letzten Tropfen verschwunden. Die Gebühren für ein Paßvisum nach Schweden. Wie die Paß. abteituna der Königlich schwedischen Gesandtschaft in Berlin der Den» mitteilt, haben' Staatsangehörige des Deutschen RWö? für eipe Reise nach Schweden, sofern die Reise den Besuch von Eltern, Kindern oder Geschwistern gilt, 9 Kronen, an Bisierunirsgebühren zu zahlen, in allen sonstigen Fällen 13 Kronen. Die Visierungsgebühren«er. den nur in deutscher Währung erhoben. Der Kurs wird von der Königlich schwedisdien Gesandtschaft jeweilig festgelegt. Falsche Krankenkonlrolleure. In neuerer Zeit tauchen in ver. sdfiedenen Stadtteilen bei erwerbsunfähig Kranken Personen beider» lei Geschlechts auf, die sidf als Krankenbesucher oder Oberkontrolleure der Allgemeinen Ortskronkenkosse der Stadt Berlin ausgeben. Es gesdzieht dies offenbar in beirügcrisdier Absicht. Die Beamten der Allgemeinen Ortskrankenkasie der Stadt Berlin sind jeder mit einem von der Direktion unterschriebenen und gestempelten Ausweis, dem das Bild des betreffenden Angestellten beigefügt ist, versehen. Es empfiehlt sich dringend, von jeder Person, die angibt, im Auftrags der Koste zu handeln, Vorzeigung der Legitimation zu verlangen und wenn dieselbe nicht beigebracht werden kann, die Verhaftung des Betreffenden herbeizuführen. Die Zahl der Fernspredioerbindungen Hot infolge der Verteile- rung und der Einführung der Zählung der geführten Gespräch» sofort enorm abgenommen und es wird eine weitm? Abnahm» der ausgeführten Verbindungen zweifellos statHinden. Dogegen hat die Zahl der falschen Verbindungen leider nicht adgenom- men. Wenn diese„Verbindungen" abnehmen, wäre es ein Segen. Tie Künstlcrgriipvc Tnbwest de» Wirtschaft? verband es bildender K ü n st l e r veranstaltet unter der Bezeichnung.Der Parthenon' in Tewpelbos, Albrcchtstr. 103, im Oktober eine An?» slelltiug von Werken der Malerei, Bildbaucrei, Archilcltur, Gravbik»nd des Kunstgewerbes. Die Slusstellimg ist werktäglich 11—6, sonntäglich 10—2 Uhr geöffnet. Eintritt frei. .fteiitralverband der'Angcitclltcn. Heute~'l. Uhr Chirurgie. Aechanik Mitgticdcrvcriammluug, Mnsilcrsäle. Kaiser-Wilhelm- Ztr. 31. DienStaz 5>/,'Ubr Nahmen-Bilder-Sptegel: Mitglicdeimsammlung,„Blucherhu"�', Btiicherstr. 61." Grosi-Serlmer parteinachn'chten. 27. SIU..»hortottenluirz. Wsntag. ten 3. Ottober, abend« 7'/. Uhr, bei Bohn«, Cchlohstr 1b: Ful!tlic.närsitziing. Tagc-ordnung: S'.cllungnahmc zum Pcrieilcz. Sport. Rennen zn Mnriendori, 2. Oktober. 1. Rennen: 1. Erna Bingen iFeiiebi, Siegln. Silver(Lanienberg),'S. Mig Gregor(E. Trcubcrz), Tot.: 16-": 10, Pl. 13, 200, 13: t0. Ferner licien: Fauch II(1). Baron Svbiux, Ella. Elhclbert. Fncizeiiswtne, Pontrcsina Jose Sphinx, Verdiin, ZUauo. Silvci ins. Zukunft, Eduard I,«Goldstern, Favorit., I, Hossming I, F>, Zahlt.— 2. 3i c uu c ii: 1. Fota River(F. Mills),- Hartstein iSteinagel), ."..Heidcrose B. tiüchicns.). Tot.: S1: 10, PI. 15, 19, 30: 10. Ferner liefen: Gänger. Gäiiscliesel. M. P., Long Paulin., Qeldemann. True Fox. Imme I, M.rabitiS l, Gassciiiädcl, Hanneslied, Agi, Ibnis Onw.— 3. Rennen: t. Seewind(Hciibtein), S. Eybtna(Rogojxsl»), 3. Kiieesminister(Geenend). Tot.: 26: 10, PI. 1ö, ii6, 13: 10. Ferner liefen: Aster R Fun. Friedens» palme, P lanlricse, Ingrid Kuser, Wilhelmina, Long Carl. Frechheit, Erich I, Harald T, Odhssens, Falter.—}. Rennen: 1. Li da tk ceuens), 2. Edel» lochtcr tWeih), 3. Konstantin the Great(Grostmaun). Tot.: 71:10, Pi. 18, 15, 18:10. Ferner liefen: Cleo Kufer, Labv Marion. Jung Berg» iried, Alücfc, Tootsie Toise. Union Bali. Donna Tcdb, Faincr Woodi, Mijj Toots. Black Jim jr. II. Stechen: I. Orda.Geenens), 2. Conftantin the Great(Grotzmann), 3. Edeltochler lWctst). Tot.:: 10. PI.: 16, 13, 13: Ig. Ferner Uesen: Ladh Marion, Donna Todd, Fasner Woodl. Union Boh, Atiicke. Tootsie Toise. Black Jim jr.— 5. Rennen: 1. Fiebel. Elias). 2. Anton, 3. Finale I. Tot.: 71: 10, Pl.: 36, 57, 25: 10. Ferner liefen: Floris A., Kammcrsrih. Wassersahrt. Bobh. Corsar. Tip Kuser, Dr. Prestbourg. Volkslied, Jupiter III. Sigurd, Erbschleicher, Holsteinerin II.— 6. Renne n: I. Eilzug(Fejicr), 2 Flieger I, 8. Dolomit. Tot.: 28: 10, Pl.: 1 1. 16, II:!Ä. Ferner liesen: Toni>)., Ecdrus, Durchbruch. Küusticr, Erdens.— 7. Rennen: 1. Piachlmädcl sEroßniaini). 2. WohNtalt. 3. Dr. Chei.cä. Tot.: 31: 10, PI. 11, 27, 19: 10. Ferner Uesen: Rcspelt, Erbprinz I, Äana, Feucrball, Gudrun Ii, Atbamer, Prelusa, Albatros, Emigrä. GeweBsthofisbelvsgung Die Amsterdamer Mitgliedcrzahle«. (JGB.) Die Gesamtzahl der Mitglieder der bei dem Jnter- nationalen Gewerkschaftsbund angeschlossenen Landeszentralen be- trug am 1. Juli 1921: 23 307 059. Die angeschlossenen Organisationen sind mit folgenden Mit» gltederzahlen daran deteiligt: Deutschland 8 990 000, Großbritannien 6 600 000, Italien 2 055 773, Frankreich 1.500 000, Oesterreich 1000000, Argentinien 749 518, Tschechoslowakei 740 000, Belgien 718 410, Polen 403 138, Dänemark 279255, Schweden 277242, Kanada 260 000, Spanien 240113, Schweiz 223 588, Niederlande 216 581, Griechenland 170 000, Ungarn 152 441, Norwegen 150 000, Südafrika 60 000, Lettland 30 000, Luxemburg 27 000, Jugoslawien 25 000, Peru 25 000 und Bulgarien 4000. Krise in der Gesundheitsindustric! Bei den Tarifverhandlungen in der„Gesundheitsindustrie" trat das Bestreben der Arbeitgeber klar zutage, noch außen hin den Ein« druck der Verhandlungsbereitschaft zu erwecken, in Wirklichkeit ober von vornherein jede Möglichkeit einer direkten Berständigung zu sabotieren. Di« Taktik der Arbeitgeber geht dahin, jede Differenz vor den Schlichtungsousschuß zu bringen. Sie kalkulieren auf Grund der von den Schlichtungsausschüssen in letzter Zeit geübten Praxis, daß dort die zwischen der Forderung der Arbeitnehmer und dem Angebot der Arbeitgeber bestehende Disfe- renz in der Regel halbiert wird. Sie unterlassen es deswegen, der Forderung der Arbeitnehmer ein Angebot gegenüberzustellen, um die halbierte Summe möglichst niedrig zu holten. Die jüngst im„Alexandriner" oersammelten Mitglieder der„Gc- sundheitsindustrie" kamen nach dem Bericht des Kollegen Günther vom Afa-Bimd über den bisherigen verlauf der Verhandlungen zu der Auffassung, daß diese Absicht der Arbeitgeber unter allen Um- ständen zuschanden gemacht werden müsse. Sie beschlossen einmütig, die Arbeitgeber aufzufordern, bis zum Mittwoch ihre Dcrhandlungs- bereitschaft zu erklären und bis dahin ein zahlenmäßiges Gegen- angebot vorzulegen. Sollte das nicht geschehen, so sind sie entschlossen, den ihnen auf- gezwungenen Kampf einmütig aufzunehmen und geschlossen durch- zuführen. Heute findei. in allen Betrieben der„Gcsundheitsindustrie" Urabstimmungen über den Eintritt in den Streik statt. Das Ergebnis dieser Abstimmungen ist sofort an das Ortskartell Groß- Berlin des Allgemeinen freien Angestelltenbundes(Afa-Bund), Verlin SW.(jl, Bclle-Alliance-Str. 7—10 III, zu berichten. Zum ZtteiS im Gaftwirtsgclvcrbe. Bis gestern abend hatten 245 Betriebe mit 3500 Angestellten die Forderungen anerkannt. Wahrscheinlich werden auch die An- gestellten vom E s p> a n a d e in den Streik mit eintreten. Heute nachmittag demonstrieren die Streikenden und Ausgesperrten im! Lustgarten.___ Ein rabiater Unternehmer. Der Fuhrherr Franz Gaschke, Berlin, Elisabethstr. 42, hatte die bei ihm beschäftigten Arbeitnehmer, nachdem sie durch den Bc- triebsobmann und die Berbandsleitung Anspruch aus die gesctz- liche und tarifliche Arbeitszeit von täglich 8 Stunden er- hoben bzw. Bezahlung der Ileberstunden oerlangten, sämtlich mit 14tägiger Kündigungsfrist per 21. September 1921 g e- kündigt. Doch nur dem Obmann wurden am 21. September 1921 die Entlassungspapiere ausgehändigt. Offenbar um die Folgen einer direkten Maßregelung des Betriebsobmannes zu vermeiden, I eröffnete Herr Gaschke demselben:„Sie können bei mir zur Aus- Hilfe weiter arbeiten," womit sich dieser, des lieben Friedens willen, zufriedengab. j Jetzt setzte aber die Drangsalierung des Obmanns in er- I höhtem Maße ein. Man trug ihm die schlechtesten Arbeiten auf ! und bedachte ihn mit allerhand Kosenamen, um ihn zu veranlassen, 1 selber das Arbeitsverhältnis aufzugeben. Das gelang denn auch binnen drei Tagen. Als nun R., der zirka 1 Jahr bei der Firma beschäftigt war, ein Zeugnis beanspruchte, in welchem die Firma der Wahrhett gemäß ; bescheinigen sollte, daß er bereits am 24. September 1921 entlassen ' worden ist, wurde ihm dies verweigert. Um die Ausstellung eines anderen Zeugnisses in Güte zu er- � langen, begab sich R. mtt einem Vertreter des Transportorbetter-; Verbandes 311 Gaschke. Dieser ließ sich erst verleugnen, stürzte dann ober mtt fernem 20— 22 Jabre allen Sohn aus der Tür, brüllte wie «in Besessener:„alle beide raus aus meinem Haus", stieß den Ob- mann vor die Brust, schlug in rabiater Weise auf ihn ein, so daß � j dessen ganzes Deficht zerschrammt und vollkommen mit Blut be- sudelt war. Erst das Dazwischentreten mehrerer Straßenpassanten konnte die Helden von ihrem Opfer abbringen. Es wird dem Herrn Goschke klargemacht werden, daß er Ar- bciter nicht als Sklaven, sondern als Menschen zu behandeln hat. Wir empfehlen den Betrieb von Goschke, in dem ein« A r- beitszeit von 16 Stunden täglich und darüber ohne Ueberstundenbezahlung dauernde Einrichtung ist, de» Gewerbeaufsicht zur Kontrolle Auch können wir dem Ver- ein der Fuhrherren für Lebensmittel der Zentralmarkthalle zu seinem Mitglied« G. gratulieren. Der Verein wird an diesem Herrn noch viel Erziehungsarbeit zu leisten haben. Zum Lohukampf im Eiuzelhaudcl. Die Lohnverhandlungen im Einzelhandel wurden bekannttich von den Angestellten abgebrochen, weil die Arbeitgeber sich wei- gerten, die Forderungen zu bewilligen. Inzwischen sind die Bcrhand- lungen aber wieder aufgenommen worden und haben zu einem An- gebot der Arbeitgeber geführt, das am Sonnabend von der Tarif- kommission einer Funktionärverlnmmlung zur Beschlußfassung unter- breitet wurde. Den Bericht gab Grete Weinberg. Daraus ging hervor, daß die Arbeitgeber sich schließlich bereit erklärt haben, ab 1. September bis 31. Dezember in nachstehende Zulagen zu bewilligen: Die Löhne der Lehrlinge sollen von 165 bis 220 und 285 M. auf 200 bis 250 und 350 M. erhöht werden, die der Jugend- lichen von 285 bis 315 und 385 M. auf 340 bis 400 und 500 M. Gruppe l(Angestellte über 18 bis 20 Jahre) von 630 bis 665 und 700 M. auf 760 bis 800 und 840 M. Die Angestellten über 20 Jahre sollen jetzt 975 bis 1415 M. erhallen. Die Löhne in Gruppe II sollen von 920 bis 1350 M. auf 1150 bis 1690 M. erhöht werden, die in Gruppe III von 1070 bis 1520 M. auf 1315 bis 1865 M. und die in Gruppe IV von 1550 bis 2000 M. auf 1860 bis 2400 M. Da die Zulagen ab 1. September bis 31. Dezember tariflich fest- gelegt werden sollen, würde sich— wie die Referentin betonte— nach Umrechnung der Zeit in drei Monate ein« Erhöhung von zirka 33 Proz. ergeben. Die Referentin empfahl namens der Tarifkommission, mit Rück- ficht aus die gegebenen Verhältnisse und die Kürze der Tariszeit, die Annahme des Angebots. Im gleichen Sinne sprach I a k 0 b 0- witz, während die sehr umfangreiche Slussprachc eine starke Oppo- sition gegen die Annahme bekundete. Die Abstimmung ergab jedoch eine große Mehrheit für die Annahme. Stimmen auf die übrigen Gruppen. Zur Vorbereitung der Zkranken- kassenwahlen im Dezember wurden fünf Genossen dem Ausschuß zur Seite gestellt. Ein Genosse, der Mitglied des Erwerbslosenrats ist, führte Beschwerde über die Firma Klemme in Friedenau, Schmargendorfer Str., die 10 bis 15 Hilfsarbeiter im Alter von 16 bis 18 Jahren beschäftige und sie vorwiegend zu Akkordarbeiten heranziehe unter ganz niedrigen Akkordlöhnen. Auf diese Weise seien ältere Facharbeiter zu dauernder Arbeitslosigkeit verurteilt. Auch auf die Schädigung der Arbeitslosen durch nebenberuflich tätige Ar- beiter, sogenannte Doppelexistenzen, wurde hingewiesen. Der Ver» treter der Metallarbeiter versprach, der Beschwerde nachzugehen. Achiung, Charlottenburger Erwerbslose! Dienstag vormtttag 10 Uhr findet in den„Germania-Festsälen", Spreestr. 13, eine für die nur freigewerkschaftlich organisierten Erwerbs- losen einberufene öffentliche Arbeitslosen-Versammlung mtt folgender Tagesordnung statt: 1. Die 10 Punkte des ADGB. und unsere gegenwärtige Lage, 2. Diskussion. Wir erwarten zahlreichen Besuch. Die Charlottenburger Gcwerkschaftskommission. I. A.: Otto Flemming, Pestalozzistr. 13. Hamburg, 3. Oktober.(Eigener Drahtbericht des„Vorwärts".) Wie gemeldet, hoben die Buchdrucker beschlossen, ab heute für eine Forderung von 430 M. Mindestlohn in den Ausstand zu treten. Bis heute mittag 12 Uhr ist den Unternehmern Frist gesetzt zur Erklärung, ob sie gewillt sind, die Forderung anzunehmen oder nicht. Die bürgerliche Presse wird nicht erscheinen. Sie erklärt in den heutigen Morgenzeitungen, daß sie die Forderungen ablehne, da diese über die Berliner Forderungen hinausgehen und man bei ihrer Erfüllung nicht mehr konkurrenzfähig sein würde. Die gemein- same Herausgabe eines bürgerlichen Nachrichtenblattes wird be- kanntgegeben. Die Arbeiterpresse wird jedenfalls weiter erscheinen. Die Werftarbeiter haben am Sonnabend in der Ur- abstimmung mit 4552 gegen 4432 Stimmen den Schiedsspruch angenommen. Der gesamte Bezirk Nord-West hat somit den Sdsiedsspruch mit 27 081 gegen 21 489 Stimmen angenommen. Wilhelmshaven steht noch aus, tann jedoch an dem Resultat nichts mehr ändern. Die Verkehrsarbeiter hatten gestern Urabstimmung über«inen Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses, der mit knapper Mehrheit angenommen wurde, so daß ein Streik der Straßenbahner vermieden wird. Der Streik in der Altona er Fischindustrie(Räuchereien) wurde von den Arbeitern und Arbeiterinnen ohne Diskussion in geheimer Abstimmung mit überwältigender Mehrheit beschlossen. Betriebsräte der staatliche» und komiauraleu Behörde» u»d Iastitat« Dienstaa vorm. lv Uyr Elzung der Betriebsräte. Aufgaben der Betriebsräte. Wahl des Srüpvcnratcs. CiinltUchc» und vollzähliges Erscheinen aller Betriebsräte erforderlich. Berantw. für de» redatt. Teil: Dr. Werner Beifer, lkharlottenburg: für Anzeigen t Tb. GloSe. Berlin. Terlag: VorwSrl?.V-rlag«.m.b.H., Berit». Drml: Bor- ivSrIZ-Buchdrurterei u. LcrlagZaiistalt Paul Singer». Co., Berlin. Lmbenstr. Z. Die Gewerkschastsnalerkommission SchSneberg hielt am 22. Sep- tembcr eine Sitzung ab. Unterm 29. September wird uns darüber be- richtet, daß bei der Gewerbegerichtswahl rund 4000 Stimmen auf die Liste der freien Gewerkschaften entfallen sind und etwa 300, avflavi«' Millen (gef. gefchüb» jui vesinfektlon der Mond- und Aachenhöhle besonder» bei GlWe. W2?'""" Erhältlich in den Apotheken u. Vrogetlen. Stoliera Stammeln, Lispein, Atemnot und Angstgefühl vorm Sprechen beseitigt gründlich ___ � � Dr. Schräders Spexiat» Institut Berlin W, Lötronrfr ÖOCSpr. 4-7, auü. Sonnab. u Sonnt. Pelzwaren a33@i« Art 1 Kreuz* und Zobel-Füchse. Pelzmäntel, Sport» u. Gehpelze offeriert preiswert und gut Löffier's Peizhaus FrUdrlchst. II»— II?, am Oranlcnbarger Tor, DU» im Hause Caf« Stein dK-iiü Eigene KSrscbnerel——— Bthrenstr. 54 8 Uhr: Dlo tBDzeniien Funken Joe und Eva Farcen Ulli und Foxl Paul Coradlnl Tanz Cartnen Ott und Lly Jon Hamilton Konrards tlarloiitten Ludwig Klermont 2 Gerards Braun u. Braun 5 Onirotts VCRM IBIBEi A HAUMAKM BBSitBEN' Vertreter: Emil Halbarth BBRLINW8, Friedrichstraße 65a XELEPHOrT: Zentrum 10440 Töhnn„»» Q H. Tellzahlg.sj.Ciar.KronenlSM. Lullflö VOIl 0 Zahnr ni.Einspr.h.schmerrld. ,"'.„ Umarb.schlechts ücb Rep.sof Zahn-Arzt Dr. Wolf Poisd.SvSä, Hochh-stSnrrO 7 StüimlereBltyberj.A&j g«rlln.S.V4__ I erde g Öfen, Ä Lcmbarii-Baus"" „ H.Grail,Leipz.St.75 II 3 — Kochsie Beieihung?. Oiskr., Reellste« Gelcgerhcits-~ , käufe. Uhren, C J Hrilianten, S Scbmucksach. ■ i3-30Wo unt. Ledenpr W Oiieeksllber?r kauit Metall• Kontor John, Alte Jakobstr. 13g I••••••••••••• Bitte, sofort bestellen!: j der Mahre �acob! Einzige, farbig gedruckte humoristisch-: satirische I-itschrift der Sozial-: demokratischen Partei veutjchland,■ Erscheint alle vierzehn Tag« preis der Nummer 60 p|.; Zestellmigcn werben entgegengenommen von der Expedition dieses Blatte» und von sämtlichen Lusirägern Tächtige Metallsctiieifer auf eltstrifche Bilgileisln sucht» R. 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