Ausgabe 3 Nr. 252 Bezugspreis, ?!ertelMrI.8S,— M., monatl. M,— SU ttet ins Haus, voraus zahlbar. Pol»- bezug: Monatlich 12,— M. einschl. �i>» Itkllungsgebllhr. Unter Kreuzband M« ?outsch!and. Danzig, da« Saar- und MemelgeHrt. sowie die ehemal» beut- Abend Ansgabe c GroB> Berlin 20 Pf, auswärts 30 Pfennig D bestellungen nehmen an Oesterreichs Ungarn. Tschecho- Slowalel. Däne» warh Holland, Luxemburg, Schweden und die Schweiz. Der.Vorwärts" mtt der Sonntag» beilag«»Voll und Zeit", der Unter» haltung»betlage.Helmwelt* und de» Beilaq«.Siedlung und Kleingarten" «scheint wochentäglich zweimal. So»» tag« und Montag» einmal. Telegramm-Ad „Sojidlbsniolcol Vevlinev Volksblstt Anzeigenpreis: DI« neungespaltenr Nonpareillezeilc tostet S.- M.„kleine Anzsigcn- da» lettgedruckte Wort 2,— M.(zulässig zwei fettgednickte Worte), sedcs weitere Wort l,— M. Stellengesuche und Schlasstellenanzeigen das erste Wort L— M. jede, weitere Wort SN Pfg. Wort« Uber 1ö Buchstaben zählen fiir zwei Worte. Familien-An- zeigen fiir Abonnenten Zeile Z.bv Di. Die Preise verstehen sich einschließlich Teuerungszuschlsig. Anzeigen fllr die nächste Nummer mstssen bi»» Ahr nachmittag» im Hauptgcschäst, Berlin SW W, Linden- slraßc 3, abgegeben werden. Gevssnet von L Uhr srüh bi» S Uhr abend».- Zcntratorgan der roztatdemokratifdben parte» Deutfd�lands Neöaktion anü Expeüitton: Ew SS, Ltnüenstr. Z Redaktion Moritzplatz 1519B— 97 Kernsprelyer.®j>ebiti0l, Morttzplatz 11753-�54 Dienstag, den 4. Oktober 1931 vorwärts-verlag G.m.b.H., SW öS, Linüenstr. Z Ke-rnkttrois,«'«-- Verlag- Exvedition und Inseraten- Morinplatz 11753—54 Dominicus warnt öie Grgefth! VreSkau, 4. Oktober.(Eigener Drahtberlcht de«„Vorwärts'.) Der Breslauer Polizeipräsident, Geheimer Regierungsrat Lieber- mann, wurde bekanntlich vor einiger Zeit auf Drängen unserer Partei zur Disposition gestellt. Den schlagendsten Beweis für feine mangelhafte Eignung zum Diener der Republik in oerantwort- kicher Stellung konnten wir darin erblicken, daß Liebermann an die Leitung des schleflschen Provinzialverbandes der O r g» s ch, den „Zzeimatschutzverband versaflungstreuer Oberschlesier', ein Schreiben gerichtet hatte, das in seinem Inhalt auf eine Warnung hinaus. kam. sich vor der Anwendung der letzten Verordnung des Reichs- Präsidenten gegen die Selbstschuhverbände in acht zu neh- m e n und die juristische Form gegenüber diese? Verordnung zu wahren. Liebermann hat die Tatsache dieses Schreiben», das un> seren Parteigenosten in die Hände gefallen war, nichtbe st reiten können. Nacktem er aber zur Disposition gestellt worden ist, w e h r t cr sich jetzt nachträglich in einer Polemik mit unserem Breslauer Parteiblatt doch recht wirksam gegen die ihm gemachten Vor- würfe. Er stellt nämlich unter Beweis, datz er sein Schreiben aus direkte Anwrisung de« preutzischen Zaueamlnlster, vominlco» versaßt hätte und nur um den Minister zudecken, sein Schrei- den geheim und vertraulich versandt hätte. Dominicus hatte auf Ersuchen des Reichskanzlers Dr. Wirth, der mit ihm gemein- sam in Schlesien die Vertreter aller politischen Parteien empfangen hatte, zugesagt, daß jede Umgehung der Verordnung des Reichs- Präsidenten gegen die Selbstschutzverbände unmöglich gemacht werden würde. Nach der Behauptung des PoNzeipräsidenten Lieber- mann, die dieser jetzt auch vor Gericht anläßlich eines Kommu- nistenprozeste» beschworen hat, hat Herr Dominicus diese Be- kämpfung der Orgesch in der Weise versucht, daß er den Polizei- Präsidenten anwies, die Orgesch zu warnen und z» einer Satzungsänderung zu veranlasten. Der Wortlaut des Telegramms des preußischen Innenministers liegt der Oeftentlichkeit nicht vor, da der Polizeipräsident Liebermann nach seiner Amtsenthebung an- scheinend nicht mehr darüber verfügt. Dezeichnend ist, daß Lieber. mann selbst angibt, er hätte von dem Bekanntwerden dieses Schrittes des Innenminister« eine„parteipolitische Polemik unerwünschter Art' befürchtet and daher bis jetzt mit seiner Dertei- digung und der gleichzeitigen Delastang des Innenminister» zurückgehalten. öaperns USp. zur Koalitionsfrage. Die unabhängige Münchener.Morgenpost' bringt, wie unser Münchener Mitarbeiter uns drahtet, in ihrer heutigen Ausgab« einen Aufsatz de» ehemaligen Sozialministers Unterleitner, in dem dieser eine aktive Koalitionspolitik der Partei verlangt und folgende Grundsätze aufstellt: l. Der Eintritt in eine Regierung mit republikanischen bürg er- lichen Parteien ist keine Frage de» Prinzip», sondern eine Frage der T a k t i k. 2. Die gegenwärtige wirtschaftliche und postttsch« Situation erfordert«inen starten Einfluß der Arbeiter auf die Regierungsgewoll. Des weiteren schreibt Unterleitner: Die Gegenwart verlangt von uns in Deutschland im Intereste der Arbetterklaste, daß wir die stark gefährdete Republik schützen, daß wir die deutsche Arbeiterklasse vor dem w i r t s ch a f t l i ch e n U n t e r g a n g retten. In der gegenwärtigen Situation handelt es sich für unsere Partei darum, zu verhindern, daß die Deutsche Volks» portei in die Regierung kommt. Ein englisches �rbeitslosengesetz. tondon. 4. Oktober.(TE.V Die Besprechungen zwischen Lloyd George und Hilton Young über die Lösung der Arbeits- losenkrise dauerten auch gestern den ganzen Tag fort. Endgültige Entscheidungen wurden noch nicht getroffen, doch gab der Minister- Präsident Aufttag. einen G-setzesvorschlag auszuarbeiten, der alle bereit, gemachten Vorschläge enthält. Diese Gesetzesoorschläge werden da» englische Kabinett am nächsten Donnerstag beschäftigen. Sie enthalten die Ausdehnung von Exportkrediten und die Unter- stützung der Entwicklung der Kolonien der Krone, in die Arbeitslose au» dem Mutterlande entsandt werden sollen, um dort Nutzbauten zu errichten. Zhpö Georges Seratungen. Conbon, 4. Oktober.(TOIS.) Wie die Blätter melden, wird LloydGeorge nach seiner heutigen Rede in Lnverneß nach Lon- don reisen und dort morgen früh eintreffen. Nach seiner Rückkehr wird er mit Arbeiterführern in Downing Slreet Beratungen über die Arbeitslosenftaze abhalten. Bei den Konferenzen in Gair- loch erörterte der Premierminister mit den Sachverständigen für Handel und Finanzen die allgemeine Weltlage. »Daily Chronicle' zufolge wird anerkannt, daß eine dauernde Lösung de» Arbettslosenprobleme von der Wiederherstellung n o r- maler internationaler Handellbeziehungen ab- hängig sei. eDailz Mall' berichtet, in den Sonssenzen j» Gairloch sei darauf hingewiesen worden, daß der Frieden im nahen Osten eine der Vorbedingungen für die Besserung der Währungen und für da» Wiederaufleben des Handels fei. Ein wichtiger Teil der Erörterungen sei die Frage der deutschen Reparations- Zahlungen gewesen. Laut.Daily Mail' herrscht in gewissen industtiellen Kreisen die Ansicht vor, daß, wenn man Deutschland im gegenwärtigen Augenblick zwingen würde, seine Verpflichtungen zu bezahlen, dos nur zu einem weiteren Fallen der Mark und zu ernsten Wechselkursschwankungen führen würde, wodurch dem Wiederaufleben des Handels ernster Schaden zugefügt werden würde. Beschlüsse der Regierung In dieser Frage könnten nicht gefaßt werden, bevor nicht Lloyd George am Don- nerstag mit dem Kabinett in London beraten habe. Laut.Daily Mail' besteht jedoch die Möglichkeit, daß Aenderungen von großer Bedeutung in der internationalen Politik der britischen Regierung das Ergebnis der in Gairloch stattgehabten Konferenz fein könnten. Nach demselben Blatt erklärte der augenblicklich in London wet- lende Vizepräsident der amerikanischen Handelskammer, er fei per- fönlich der Ansicht, daß ein« neue Er wägung über die K r I e g s- schulden der gesamten Welt zugute kommen würde. Es müsse alles getan werden, um die Lorkriegslage wiederherzustellen. Internationale Zinanzkonferenz in Paris. Paris, 4. Oktober.(EE.) Die international« Han- delskammer wird am 7. Oktober in Parts zusammentreten. Außer den Alliierten und den neuttalen Ländern wird zum ersten- mal Oesterreich auf dieser Konferenz vertteton sein. Lon einer Vertretung Deutschlands ist bisher allerdings nicht die Rede gewesen, obwohl sich die Konferenz reichüch mit deutschen Angelegen- Helten befassen wird, namentlich wird der Konferenz eine Reihe von Berichten vorliegen, wie man diedeutschenSchuldoerschrei- b u n g« n am besten konvertieren könne. Ferner wird über die Wir- kung der Lage auf den D a l u t a m ä r k t e n auf die internationale Situation und die Frage der interalliierten Schulden referiert werden. Prof. Roger Picard-Frankreich wird Bericht erstatten, wie man zur Festsetzung der deutschen Entschädigungs. summen gelangte und wie diese unter die Alliierten oerteilt werden sollen. Ferner wird er über die in London ausgearbeiteten Aah- lungsbedingungen sprechen und die Frage behandeln, ob Sach- oder Geldlei st ungen vorzunehmen seien. Der Urheber der .�TenneuUenschen Schuldverschreibungen', der holländische Bankier Termeuilen, wird den Beratungen beiwohnen. Begegnung Loucheur-Nathenau. Pari», 4. Oktober.(EE.) Nach einer Meldung des„Iour- nal' werden Loucheur und Rothenau endgültig am 0. Oktober zusammentreffen. Man hofft zu einem vollen Einvernehmen zu ge. langen. Zwei deutsche Sachverständige sind bereits nach Paris ge- kommen, um die noch zu erledigenden Fragen zu beraten. » Der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten beschäftigte sich am Dienstag in verttaulicher Sitzung mit dem »Wiesbadener Abkommen' Rathcnau-Loucheur. Auf feiten der Reichsregierung waren außer dem Wiederaufbauminister der Mi- nister des Auswärtigen Dr. Rosen, der Staatssekretär de» Aus- wärtigen Amts v. Hantel sowie Beamte de« Wiederaufbau- Ministeriums, des Finanzministeriums und des Auswärtigen Amte» anwesend. Nach einem ausführlichen Vortrag des Reichsministers Dr. Rathenau trat der Ausschuß in die Besprechung ein, die noch andauert. der Kampf um öen Achtstundentag. Auf der Tagesordnung der heutigen Landtagssitzung steht die zweite Beratung des Haushalts für Handel und Gewerbe. Auf Antrag K a tz(Komm.) wird eine große Anfrage der Kam- munisten über die Vorgänge in den H ö ch st e r F a r b w e r k e n als letzter Punkt auf die Tagesordnung gesetzt. Frau Ludwig(Komm.): Für die jugendlichen Arbeiter gibt es noch heute keinen Achtstundentag. Die Geldstrafen für die widerrechlliche Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren sind so lächerlich niedrig, daß sie geradezu zur Ausbeutung der Kinderarbeit ermutigen. Rednerin begründet dann die kommunistischen Anträge auf Streichung der Stelle de» staatlichen Börsenkommissars und den :ag. das Fach- und Gewerbeschulwesen weiter auszubilden. Abg. Ehrislange(U. Soz.): Steuern wie die Umsatzsteuer und die Lohnsteuer, die auf Grund der Reparationsverpflichtungen er hoben werden, sind nicht geeignet, dos deutsche Wirtschaftsleben wieder aufzubauen. Wenn die F i n a n z m i n i st e r sich nicht mehr zu helfen wissen, dann greifen sie zu indirekten Steuern. Die Unternehmer wollen den Wiederaufbau erreichen durch Lohnabbau und Verlängerung der Arbeitszeit. Mit solchen Vorschlägen, die von der Arbeitnehmerschaft ol» Provokation empfunden werden, wird man n i« zu einer Gesundung des Wirtschaftslebens kommen. Volksabstimmung in Pyrmont. sich Preußen ansck mont und den Dörfern eine Volksabstimmung statt, Ueber die Frage, ob der Kreis anschließen soll, findet am g. Oktober in Pyr n eine Volk»absttmmung statt. Die Stimnuma ist. wie gemeldet, für den Anschluß, Pyrmont Deutsche völkerbunöspolitik. g. Genf, 4. Oktober 1921. Das neue Deutschland hat sich zu der Idee des Völker- bundes bekannt. Man merkt aber unserer auswärtigen Politik noch wenig davon an. Denn die reine Negation des jetzigen Völkerbundes hat noch keinerlei positiven Wert. Sie kann im Gegenteil sehr leicht falsch ausgelegt werden. Dann würde durch sie das Gegenteil dessen erreicht, was durch eine positive Förderung der Völkerbundsidee für Deutschland zu gewinnen wäre. Auch Versuche, mit den Vereinigten Staaten wirtschaftliche und vielleicht auch politische Geschäfts zu machen, sind kein Ersatz für eine wirklich großzügige und in allen objektiv denkenden Kreisen vertrauenerweckende Völkerbundsvolitik. Das muß angesichts der 2. Völkerbunds- tagung in Genf einmal mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden. Wir brauchen auch in unserem Auswärtigen Amt eine gründliche Neuorientierung. Es sprechen leider viele Anzeichen dafür, daß man dort immer noch mit der alten Methode kluger und überkluger Berechnungen und mit sehr viel ererbtem, unserer heutigen Lage wenig mehr angepaßtem! Stolz arbeitet. Es hat Seiten gegeben, wo man sich in der Arbeiterschaft dagegen sträubte, an den Wahlen zu einem reaktionären Parlament oder an der staatlichen Sozialoersicherung teil- zunehmen. Inzwischen hat man diese Haltung als politisch«! Kinderkrankheit erkannt und bei der Schaffung des inter- nationalen Arbeitsamtes beim Völkerbund hat man jene nega- tive Haltung nicht erst wiederholt. Die Politik der deutschen Regiening sollte ebenso gut sein wie die der deutschen Ars beiterschaft. Was hätte ein Antrag auf Zulassung geschadet, selbst wenn er abgelehnt worden wäre? Die Welt hätte ihn als Beweis guten Willens anerkennen müssen, und wir for- derten sozusagen nur unser gutes Recht, dessen Bersagunz moralisch nicht uns getroffen hätte. Es wäre aber in Wahr- heit auch gar nicht versagt worden. Die ganze Stimmung ick Genf war nicht ungünstig für uns. Aber freilich, eine direkte Aufforderung kann uns der Völkerbund auch nicht zuschicken, Das lassen seine allbekannten und nicht von heute auf morgen zu ändernden inneren Schwierigkeiten nicht zu. Sie würden übrigens um so eher überwunden, je eher Deutschland als moralischer Faktor ernsthaft mitspräche. Selbst wenn's ein Kanossagang wäre— in Wahrheit ist er's nicht!—> Heinrich IV. hat nie klüger gehandelt und seinen Gegnern keinen übleren Streich gespielt, als eben durch jenen Ganz nach Kanossa I Unser Fehlen in Genf ist wieder ein Abschnitt in dem leider so langen Kapitel der versäumten Gelegen- heiten. Und wenn wir wenigstens inoffiziell irgend- welche Fühlung dort unterhielten! Weshalb tun das die klugen Japaner mit ihren sehr zahlreichen.Missionen'? Weshalb die Polen trotz ihrer miserablen Valuta? Weshalb die Nordamerlkaner, trotzdem sie nicht einmal dem Völker- bund angehören und sogar zum internationalen Arbeitsamt nur erst ein sehr platonisches Verhältnis haben? Diese Länder wissen, daß man mit bloßem Stillschweigen eben sicher nichts erreicht. Ich fürchte, es ist wieder der alte falsche Stolz, der sich da in unsere Politik mischt und den wir schon so oft teuer haben bezahlen müssen. Wir müssen unsere Ehre jetzt nicht mehr in gewissen gesellschaftlichen äußeren Formen und Regeln des Uoint d'honnenr, sondern in der groß- zügigen zielbewußten Vertretung großer Ideen suchen. Und in dieser Hinsicht böte uns der Völkerbund mit seiner Welttesonanz sehr wirksame Gelegenheit. Hier ist ein Platz, wo man in Wahrheit„moralische Eroberun- gen' machen kann, und gerade um so mehr, je deutlicher hier bei den praktischen Entscheidungen hohle Phrasen er- barmungslos bloßgestellt werden können, wenn man ihnen den ehrlichen, tapferen Willen entgegensetzt, auf den die Massen der Völker sehnsüchtig warten. Und mit einer solchen „Prestigepolitik" im neuen, ehrlichen Sinne des Wortes würde Deutschland keineswegs allein stehen, auch iN dem heutigen Völkerbund nicht. Sehr oft auch werden unsere Interessen in Genf bloß deshalb übersehen, weil wir nicht da sind, sie zu ver- treten. Wer sollte das hm, wenn wir selbst es nicht einmal -für der Mühe wert halten? Die furchtbare Valuta hält unsere Pressevertreter fern, der Stolz unserer Regierungsvertreter, Unsere Arbeitervertreter stehen so isoliert wie keine anderen. Nicht einmal ihre Fühlung mit der Heimat funktioniert hier wie sie sollte. Das deutsche Volk erwartet sein Heil von allen möglichen Kombinationen oder Schickungen: nur da, wo es durch eigene Mitarbeit manches— wenn auch nicht gleich alles auf einmal— erwirken könnte, da versagt es wieder einmal. Wann werden wir endlich lernen, auswärtige Politik zu machen? « Nachschrift der Redaktion: Wir sind mit dem Verfasser der Ansicht, daß Deutschland seine Aufnahme in den Völkerbund, anstreben muß. Wir sind mit ihm einer Meinung� wenn er von den Wirkungsmöglichkeiten Teutschlands inner- halb des Völkerbundes spricht. Wir weichen aber von ihm ab, wenn er einen Aufnahmeantrag um jeden Preis befürwortet. Eine gewisse Klärung der Ver- Hältnisse halten wir vorerst für notwendig. Hier stehen wir noch immer in ersten Anfängen. Sollten sich bei Zusammen- tritt der nächsten Session die Gewitterwolken verzogen haben, dann wird man sich über die Frage ernstlich zu unterhalten haben. �»ulwort an �möenbucg. Wie wir bereits mitteilten, hat Hindenburg sich be- rufen gefühlt, von neuem die Dolchstoßlegende aufzuwärmen. Im„B. T." antwortet darauf der Major a. D. D e u t e l- moser, der ehemalige Direktor der Nachrichtenabteilung der OHL., in einem Artikel, der sich zwar n i ch t d i r c k t als Ant- wort auf Hindenburg zu erkennen gibt, zweifellos aber als . solche zu werten ist. Der Artikel trägt die Ueberschrift„Das Sprengmittel" und beginnt mit den Worten: Die Behauptung, das tapfers deutsche Heer sei von der eigenen Heimat rücklings erdolcht worden, ist noch vor dem Abschluß des Krieges in dem damals feindlichen Ausland entstanden. Sie war also zweifellos darauf berechnet, uns zu schaden, und andere Fo l g e n hat sie denn auch in der Tat bisher nicht gehabt. Unter den vielen Sprengmitteln zur Zerstörung der deutschen Eintracht zeichnet sie sich durch besondere Wirksamkeit aus. In sachlicher Weise legt dann Deutelmoser die Unhaltbar- keit der Dolchstoßlegende dar und weist sehr nachdrücklich auf die ungeheure Opferwilligkeit der Heimat hin, die erst zusammenbrach, als ihr der Krieg die letzte Kraft entzogen hatte. Gerade ihre nimmer ermüdende Treue, so führt Deutet- moser aus, sollte der Heimat verhängnisvoll werden: Unerschütterlich fest steht die Tatsache, daß das deutsche Volk seinem Heer und insbesondere dessen oberster Leitung blindlings vertraut hat, bis es einsehen mußte, welches Unheil die Menschenvergötterung ist. Seine Heerführer waren S o l- baten. Staatsmänner waren sie nicht. Deutschland aber hat ihnen dennoch die FijhigkcU-n zugesprochen, deren der Staatsmann bedarf. In diesem Zusammenhang müsien wir allerdings Herrn Deutelmoser an eines erinnern: als genau der gleiche Gedankengang, den er hier ausführt, während des Krieges in einem Artikel des„Vorwärts" zum Ausdruck gebracht war, wurde dieser Artikel von der Militärzensur schwer b e a n st a n d et. In dem Artikel stand nichts weiter, als daß Hindenburg bei aller Anerkennung feiner st r a t e g i- s ch e n Fähigkeiten zur politischen Führung nicht berufen sei, da er von den politischen Dingen nicht genug wisse und naturgemäß auchnicht wissen könne. Diese Wahrheit wollten sich die Herren Militärs wä h r e n d des Krieges nicht sagen lasten.— Sein Endurteil über die Dolchstoßlegende formuliert Deutelmoser in folgenden Sätzen: Mit vollem Recht ist der Dolchstoßlegende der Einwand ent» gegenzuhalten, daß die Heimat überrascht und entsetzt war, als Plötz- lich nicht etwa die politische Reichsleitung, sondern die Heeresleitung erklärte, der Krieg sei verloren... Der deutsche Zusammenbruch kam erst im Anschluß an die verkündung der völligen Niederlage. Mangel an politischer Einsicht hatte dahin geführt, die deutsche Gesamtkrast mit rein militärischem Augenmaß ab- zuschögen und sie daraufhin bis über die Grenze des Möglichen an» zuspannen. Derselbe Mangel war es dann auch, der di e p o l i t i s ch e Wirkung verkennen ließ, die sich aus dem unerwarteten, aller Welt sofort bekanntgemachten Eingeständnis der militärischen Entkräftung ergeben mußte. So konnte die Dolchstoßlegende von Deutschlands Gegnern als neue politische Waffe zunächst erfolgreich angewandt werden. Wahr an ihr ist, daß Heer und Heimat einander gerade da, wo der Schwer- punkt lag, in Irrtümern überboten haben. Mehr zu behaupten, heißt die Geschäfte des Feindes besorgen. Die letzte Wendung mag für Hindenburg hart klingen, aber ihre tatsächliche Berechtigung kann niemand bestreiten. Ehrharöt verbittet sich... Der aus den Kapp-Tagen rühmlichst bekannte, steckbrieflich verfolgte Hochverräter Ehrhardt hält es für geschmackvoll, aus seinem sicheren Versteck heraus wieder einmal die Augen seiner Landsleute auf sich zu lenken. Die„München-Augsburger Abendzeitung", eins der führenden deutschmonarchistischen Blätter Bayerns, die auf ihre Verbindung mit Landesverrätern und Verbrechern offenbar beson- ders stolz ist, veröffentlicht heute eine Zuschrift Ehrhardts, in der dieser erklärt, daß er„nach dem mißglückten Kapp-Putsch keinerlei Bedürfnis" habe, sich„noch einmal an solchen unvorbereiteten Plä- ncn zu beteiligen. Ich persönlich", so heißt es,„habe vielleicht am meisten von den daran beteiligt gewesenen Personen an den Folgen dieses verunglückten Putsche? zu leiden." Ehrhardt ist inzwischen— nach dem Muster des gebrannten Kindes— zu der Ansicht gekom- men, daß es ein Derbrechen an der Nation sei,„jetzt, wo es möglich sei, unsere Wirtschaft vor dem Zusammenbruch zu retten, durch einen Gewaltakt vernichtend in diesen Prozeß einzugreifen." Kindisch im höchsten Grade ist der vierte Punkt seiner Erklärung, der lautet: Die Einschätzung meiner Person:„Putschist, ganz gleich, ob dabei das Vaterland in Scherben geht", verbitte ich mir. Ich habe seinerzeit aus tiefster Üeberzeugung, dem Vaterland zu helfen, den Kapp-Putsch mitgemacht. Ich habe daraus meine Lehren gezogen. Man mag mich noch so verfolgen und hetzen — niemals werde ich etwas unternehmen oder zu etwas die Hand bieten, was unserm Baterlande und unserm Volke zum Schaden gereichen würde. Der Hochverräter Ehrhardt wird mit dieser Versicherung wenig Glauben finden, hat er doch vor anderthalb Iahren durch seine ver- brecherische Handlungsweise den ausreichenden Beweis erbracht, daß er das Wohl des Landes irn Interesse einer kleinen Clique pflichtver- gessener Offiziere und verrannter Politiker zu zertrümmern bereit war. Der sechste Punkt seiner Erklärung enthält eine Würdelosizteit, wie man sie selbst von den Kapp-Berbrechern nicht hätte ermarten sollen. Er lautet: Einen Fingerzeig für die Regierung: All die Männer, die fern der Heimat leben, sehnen sich nach ihr zurück und nach friedlicher Arbeit. Weshalb gewährt man es ihnen nicht, wo sonst soviel amnestiert wird? Die Sorge um ihr Tun und Treiben wäre damit gegenstandslos. Ehrhardt hätte sich diese beschämende Bettelei sparen können: wir wollen ihm ein Mittel nennen, wie er auch in Deutscbland zu friedlicher Arbeit zurückkehren kann: er möge soviel„Offiziers- mut" aufbringen, endlich aus seinem Versteck, das sich sicherem Der- nehmen nach in Tirol befindet, hervorzukommen und sich dem deut- sehen Reichsgericht zu stellen. Nach Abbüßung seiner Strafe wird ihm kein Mensch in Deutschland verwehren, sich auf dem G.-- biete der friedlichen Arbeit die Lorbeeren zu erringen, die er durch seinen schmachvollen Hochverrat nicht erworben hat. beschleunigte Justizreform. Berstärkm»g und Temokratifiernng der Laienjustiz. Aus dem Reichsjustizministerium erfahren wir: Der Wunsch, an der Rechtsprechung der Strafgerichte Laien in weit größerem Umfange als bisher zu beteiligen, erscheint berechtigt und so dringlich, daß er schleunigst und noch v o r der Durchführung der großen Prozeßresorm erfüllt werden muß. Dabei kommt es darauf an, daß einerseits der Kreis der Personen, di« zur Mitwirkung an der Strafrechtsprechung berufen sind, andererseits der Kreis der Gericht«, bei denen eine solche Mitwirkung stattfindet, möglichst erweitert wird. Diese Erwägungen haben schon vor einiger Zeit dahin geführt, die Tagegelder der Schöffen und Geschwore- nen zu erhöhen, um dadurch allen Kreisen der werktätigen Bevölke- rung, namentlich der Arbeiterschast, die Teilnahme an der Recht- sprechung mehr ol» bisher zu ermöglichen. In gleicher Richtung bewegt sich ein zurzeit dem Reichsrate vorliegender Gesetz ent- w u r f, wonach den von den Selbstoerwaltungskörpern in den Ausschuß für die Auswahl der Schöffen und Geschworenen entsandten Vertrauensmännern Tagegelder gewährt werden sollen. Ein Gesetzentwurf, der den Frauen den Zugang zum Schöffen- und Geschworevenamte eröffnet, liegt, wie bekannt, bereits Zwei Zlasihen. Bon Henni Lehmann. Die Dinge haben Stimmen. Ich lausche gern, wenn sie reden. Gestern am späten Abend ging ich in den Keller, in dem allerlei Nötiges und Ueberflüssiges aufbewahrt wird. Zwei Flaschen standen zusammen in einer Ecke. Die eine schlank und lang, von grünlichem Glase. Sie war leer. Ein edler weißer Wein mochte einst darin gewesen sein. Losgelöst hing noch ein Eckchen eines Etikettes daran mit vergoldetem Streifen. Die andere viereckig, plump, turzhalstg, aus starkem, trübem, blasigen Glase geformt. Sie war ein bißchen klebrig und bis hinauf zu dem dicken, sie verschließenden Korken mit Flüssigkeit gefüllt. „Ich bin vornehm," sagte die schlanke Flasche zu der andern. „Ich trug einen altberühmten Namen mit Goldschrift auf meinem Etikett. Auf meinem Haupte über dem Korken lag eine Hülle von Stanniol. Das ist eine Krone bei uns Weinflaschen." „Ja, aber Sie haben einen Sprung," sagte die kurzhalsige Flasche.„Nun kann man nichts mehr in Sie hineintun. Sie sind unbrauchbar geworden." „Ja, aber vornehm bleibe ich darum doch, denn ich habe meine Vergangenheit. Vielleicht stellt man mich eines Tages wieder auf den Tisch, auch wenn ich leer bin. Eine Stanniolkrone kann man mir deshalb doch aufletzen." „Ich bin nicht vornehm, ich bin nützlich," sagte die andere Flasche. „Ich bin bis zum Rande gefüllt mit Petroleum. Das gießt man in die Lampen, damit sie brennen. Wenn in mir kein Petroleum wäre, dann bliebe es hier im Hause dunkel." „Ich weiß nicht, wofür die viele Helligkeit den Menschen gut ist," meinte die Weinflasche..Es ist ebenso gut, wenn die Masse im Dunkeln bleibt." „Sie sind ein Reaktionär." „Und Sie sind ein Proletarier. Zudem riechen Sie nicht gut." „Ich rieche nach Arbeit und Sie riechen nach Genuß. Auch bjn ich lieber ein nützlicher Proletarier, als ein zerbrochener Vornehmer," rief die Petroleumflasche energisch und grob. In diesem Augenblick kam eine Frau in den Keller. Sie trug eine Küchenlampe, deren Behälter sie aus der Petroleumflasche füllte. Dann hob sie die gefüllte Lampe in der Linken, ergriff mit der Rechten die Weinflasche und sagte: „Wozu steht die zerbrochene Flasche noch hier im Wege? Man kann doch nichts mehr mit ihr anfangen." Und sie trug sie hinaus auf den Kehrrichthaufen. „Das kommt davon, wenn man nur vornehm und nicht nützlich ist," rief die Petrsleumflasche ihr»ach. „Sie haben kein« Pietät," rief die Weinflasche vom Kehricht- haus« ztnuck.' Es schien mir doch, als fei es eine tiefe Weisheit, daß man leere unbrauchbare Dinge auf den Kehrichthaufen wirst, auch wenn sie noch so vornehm sind, und ich meine, man sollte öfter danach handeln. Deshalb habe ich dies Erlebnis wiedererzählt. Es ist ganz gut, wenn man die Stimmen der Dinge versteht. Man kann allerlei dabei lernen, auch wenn es nur zwei alte Flaschen sind, die sich unterhalten. Sammerspiele:„Der Hühncrhof" von Tristan Bernard. Nicht nur der Publikumsgeschmack, auch di« anscheinend noch immer zu- nehmende Unfruchtbarkeit der deutschen Bühnenproduktion spiegelt sich symptomatisch in der Hochflut von Pariser Schwänken wieder, die jetzt die Berliner Theater überschwemmt. Aber wenn schon di« Konjunktur auf dem dramatischen Markte zu solchem Massenimport zwingen sollte, ist das kein« Entschuldigung dafür, daß«in Unter- nehmen vom Range und den Traditionen der Kammerspiele dies Vernardsche Produkt serviert, das ohne Spur von Geist und Laune die nun mal herkömmlichen Schwankfrivolitäten bis zu schmuddliger Unappetitlichkeit treibt. Daß es möglich ist, bessere Sachen zu finden, die zum mindesten in Einzclwendungen charakteristisch amüsante Drolerien bieten, zeigte dieser Tage erst die Schwankaufführung in dem Kleinen Schauspielhaus. Der bequem gewordene Don Juan, der sich vor dem Ansturm weiblicher Verehrerinnen retten möchte und doch mit sauer-süßer Miene immer wieder darauf hereinfällt— dieses im„Konzert der famosen Vahrschen Kunst so überlegen humoristisch variierte Thema— dient hier als Stichblatt für grobschlächtig triste, sogar mit ärztlichen Gesundheitsattesten hantierende Späße. Der saubere Lebemann der nach der Heirat mit einem jungen, erst sehr spröden Mädchen sich daraufhin gleich zwei neue Verhältnisse zugelegt hat, flüchtet vor den übertriebenen Ansprüchen der beiden Tlamen zu seiner Frau aufs Land, sich zu erholen und kommt dort, wider Erwarten, mit ftür- Mischer Zärtlichkeit empfangen, vom Regen in die Traufe. Ein Kuddelmuddel legitimer und illegitimer Galanterien zieht vorübec. Die Szenen bleiben hinter den Verheißungen des'geschmackvollen Titels nicht zurück. Von den Darstellern wären besonders Margarethe C h r i st i a n s, die der jungen Frau bei allen Brutalitäten doch einen feineren Charm zu wahren wußte, und Hermann T h i m i g s glosien- hafter, mit explodierender Verliebtheit geladener Junggeselle zu neu- nen. Der schwache Beifall nach dem letzten Akte läßt sich vielleicht dahin deuten, daß diese grobe Spekulation denn doch das Publikum zu niedrig eingeschätzt hat. 6t. Literatur tm Markenbild. Iwan Wasoff, der am 2 l. Dezember verstorbene Nationalpoct Bulgariens, durfte sich der seltenen Aus- Zeichnung rühmen, daß noch während seinen Lebzeiten eine Serie von Briefmarken von der bulgarischen Postdirektion ausgegeben wurde, die bestimmt war, sein literarisches Lebenswert im Gedächt- nis des Volkes zu erhalten Wafoff, der in seinem 71. Lebensjahre starb, hatte seine literarische Laufbahn 1870 begonnen, und die in Bulgarien im Oktober vorigen Jahres herausgegebenen Marken waren als Festgabe zu seinem SYjährigen Schriffltellerjubiläum ge- dacht. Es waren sechs Marken. Auf der So-Stotinki-Marke sieht ma» den Hof von Wasofls Hau, mit dem Fichtenbauw, 1« ihm dem Reichstage vor. In Vorbereitung befindet sich ein Ee°> sstzentwurf, der eine limfocmuug der Sirasgerichte bringt. In den Sachen, in denen bisher die ausschließlich mit Berussrichtern besetzten Strafkammern urteilten, sollen künftig Schöffen mitwirken. Außerdem soll in diesen Sachen, ebenso wie es schon heute gegen- über den Urteilen der Schöffengerichte der Fall ist, die Berufung zuzelosfen werden und auch die Beufungsgerichte solleu mit Schöffen beseht werden. Die Wahl der oben erwähnten Vertrauensmänner soll künftig nach dem gleichen und geheimen Wahlrecht und nach den Grundsätzen der Verhältniswahl geschehen. Die Mitwirkung des Landgerichts bei der Ausstellung der Iohrsslist« der Geschworenen soll wegfallen; die Iahresliste soll vielmehr unmittel- bar von dem zur Auswahl der Schöffen berufenen Ausschüsse auf- gestellt werden. Auf dem Gebiete des materiellen Strafrechts liegen zurzeit dem Reichsrate der Entwurf eines Jugendgerichts- g e f e tz c s und der Entwurf eines Gesetzes vor, der eine Erhöhung der Geldstrafdrohungen, ein« Ausdehnung des Anwendung?, gebiete? der Geldstrafe und im Zusammenhang damit eine wesentliche Einschränkung der kurzzeitigen Freiheitsstrafen vorsieht. Beide Entwürfe werden voraussichtlich in kürzester Zeit im Reichsrat zur Beratung gelanZm. In der Ausarbeitung begriffen ist ferner ein Entwurf, der die polikifcheu Slrafoorfchrifieu des gellenden Strafgesetzbuch, den neuen staalsrechMchen Vechälkniffea anpaßk. Dabei wird auch auf einen wirksameren Schutz der vec- fafsungsmäßigcn Staatsfonn und ihrer ReprSfenkanten Bedacht ge- nommen werden. Neben diesen Gesetzentwürfen geben die Arbeiten cm der all- gemeinen Reform des Strafrechts weiter. Der im Anfang dieses Jahres veröffentlichte Entwurf zu einem neuen Strafgefev- buch hat Anlaß zu einer Reihe mehr oder minder eingehender Kritiken gegeben: gleichzeitig sind die Landesregierungen ersucht wo. den, zu den Vorschlägen des Entwurfs Stellung zu nehmen. Die Ergebnisse der öffentlichen Kritik und die Aeußerungen der Landes- regierunaen werden die Grundlagen für die Ausstellung der Re- gierungsoorlage bilden, die mit größter Beschleunigung ferüzgestellt werden wird. Im„Vorwärts" ist feit der Revolution der Gedanke vertreten worden, daß für die Reform der Rechtspflege nicht erst die sehr langsam reifenden„großen" Justiz- resormen abgewartet werden dursten, sondern die schlimmsten Mängel der bisherigen Rechtsprechung durch s�o f o r t i g e N o t g e f e tz e beseitigt werden müssen. Wir begrüßen es, dag dieser Standpunkt sich endlich auch bei den leitenden Stellen durchgesetzt hat. wobei sich leider die Bemerkung nicht zurück- halten läßt, daß der Justiz mancheschlimmeMinde- rung ihres Ansehens erspart geblieben wäre, wenn mit den nötigen Notumbauten früher begonnen worden wäre. Die Demokratisierung des Schöffen- und Geschworenen» wesens könnte zwar unseres Erachtens noch voltkomme- n e r durchgeführt werden: immerhin ist hier ein Weg be- gangen, auf dem schon erste unvollkommene Schritte Erfolge zeitigen können. Besonders begrüßen wir es, daß die Aus- siebung der Geschworenenbänke durch die Landgerichts endlich in Fortfall kommen sollen. Diese Einrichtung war namentlich in den agrarischen Gegenden Pommerns und Ost- preußens schon ein öffentlicher Skandal geworden. Uns sind Dutzende von Fällen bekannt, wo in einer Spruchliste von 30 Geschworenen 15 bis 25 Großgrundbesitzer, dagegen 0 bis 1 Arbeiter aufgeführt waren. Solch einseitige Auslese wird nun hoffentlich verschwinden. Besonders zu begrüßen ist die Einführung des Laienelements bei den Straf- k a m m e r n und die Zulassung der Berufung gegen Strafkammerurteile, ebenso die Zulassung der F r a u e n zum Laienrichteramt. Doch bleibt die völlige Gleichberechtigung der Frau auf dem Gebiet der Justiz noch durchzusetzen. Er- freulich ist schließlich auch, daß das Strafgesetzbuch endlich unter dem Gesichtspunkt der neuen Staatsform umredigiert wird. Es ist wirklich mehr als ein Schönheitsfehler, daß z. B, derMajestätsbeleidigungsparagraphdes Straf. gefetzbuches formell noch immer zu Recht besteht. Alles in! allem möchten wir wünschen, daß die Notreform, wie wir sie nennen wollen, ihrer Dringlichkeit entsprechend in kürzest Zeit verwirklicht werde. die Anregung zu einem feiner bedeutendsten Gedichte gegeben hat. Weiterhin bemerkt man auf der Marke eine alte Kanone aus Kirschholz, die Wasoff in seiner Erzählung„Unter dem Joch' be- schrieben hat. Die SO-Stotinki-Marke zeigt das Bild des Helden seines Romans„Hycooe". Di« I-Leva-Marke weist Porträts des Dichters aus den Iahren 1870 und 1020 auf. die 2-Leva.Marke bringt ebenfalls ein Bild des Dichters aus neuerer Zeit, die Z-Leva-Marke stellt sein alles Haus in Plovdio und feine letzte Wohnung in Sofia dar. Der höchste Morkenwert, die S-Leva- Marke, zeigt feinen„Apostel", den Mönch Piasi und dessen Aus- fpruch:„Bon Stund' �an hat das bulgarische Volk eine Geschichte und wird eine Nation." Der Kamps gegen die Schundliteralur kann nur von durch- schlagendem Erfolg begleitet sein, wenn sich an ihm außer den Be- Hörden und Schulen auch die Eltern beteiligen. Die nötige Aufklärung dafür finden die Eltern in Heft 18 der Zeitschrift„Der Eltern- betrat" fBerlag Berlin SM. K8.. Preis 1,50 M.) Dieses Heft unterrichtet nicht nur über den augenblicklichen Stand de» Kompfes gegen die Schundliteratur, es gibt auch ein ausführliches Ver- zeichnis schlechter und guter Lektüre für die Jugend. Interessant dürfte es fein, daß in diesem Heft auch der S ch u l e der Borwurf gemacht wird, daß sie dem Bedürfnis der Jugend nach Schundliteratur den Boden bereitet. Wenn sie ihre Tätigkeit anders einstellen würde, dann hätte die Jugend gar kein Bedürfnis nach Schundliteratur. Wenn die Schule Spannungen auszulösen ver- stünde, würde der Jugendliche nicht nach so gefährlichen Mitteln, wie sie in der Schundliteratur gegeben sind, greifen. Uebrigens hat auch bereits ein Teil unserer Jugendlichen den Kamps selbst aufgenommen. Wie das geschieht, zeigt ein Aufsatz eines Jugendlichen. Im S. Konzert der vo»Sbüh»e, Sonntag S. Oktbr., vorm. 11't, Uhr, im Theater am Bülowplatz. werden die Kammersängerin 2 u I a Mysz-cSmeiner und der Kammersänger Prot. A�l b e r t Fischer Aedcr und Duette von Schubert und S ch um a n n vortragen. Psychotechnilche Veronftoltunae«. Der Deutsch- Verband flj? kaufmännische BildungSwesen gibt vom 5— S. Okt. d. I. im„Orga-Snnnut Mr ArbeitSwissenjchafr und Pjhchotechnik'. Friedrichstr. 1b4. einen psycho. technischen Jnsormalionkkuriil�— Ein vsvchotechnischer Lehrgang wird vom 5.— 15. Okt. an der Technischen Hochschule Charlotlenburg w der.Jndu- strtellen Psychotechnik* abgehalten. Fernwirkung der cvpaner Katastrophe, klu««wem Bericht de? Mar'eiller astronomischeu Observatoriums an die Iranzösische Akademie der Wissenschaften geht hervor, dafe die am Tage der Ovvauer Katastrophe aus- genommenen Diagramme leichte Krümmungen auswiesen. Sie entsprechen einer atmosphärischen Depression, die unzweiselhast irotz der weiten Ent- sernung durch die Erplosion m Oppau hervorgerusen wurde. Hilfe für die Schriftsteller in— der Schweiz. Der schweizer'sche Bundesrat hat auS dem �ondS gegen die Arbeitslosigkeit der geistigen Arbciier, der andertbotb Millionen Francs beträgt, dem Schweizerischen Schriststellcrvcrein 100 000 Franc; zuiommcn lassen. Sdackletons Schiff in Teenot. Das Fahrzeug, mit dem SH'eSeto» feine Forschungsreise in das antarlUiche Meer unternimmt, ist aus der Höhe von Kap Roea von einem Sturm ersaht worden und hat um Hilst gebeten. Em Schlepper ist von Ltsjabsu zur Unterstühung abgegangen. Der Görlitzer Beschluß. Don lwks her kommen brave Leute und schlechte Musi- kanten, die„feststellen", unser Görlitzer Koalitionsbeschluß sei nur eine taktische Raffinesse, um mit der Deutschen Volkspartei zusammengehen zu können. Im Pressedienst der Deutschen Volkspartei lesen wir heute, daß unsere taktische Wendung nur den Zweck gehabt babe, mit den Unabhängigen anzubändeln. Man sollte unsere Beschlüsse doch weniger zitieren und mehr lesen. Sie sind so eindeutig, daß wir zu ihrem allgemeinen Verständnis keine Wahrsager benötigen, die politischen Kaffee- satz suchen, um in ihm die Zukunft zu erkennen. Die Gppauer Katastrophe. Kann die Schuld festgestellt werden'( Ueber die Katastrophe in Oppau berichtet unser dort wellender Fg.-Verichterstatter: Nach Ansicht der Arbeiterschast des Werkes ist die Mischsalzapparatur in Oppau nicht richtig gehandhabt worden. Auch betrachtet man den neuen Transportweg des Fertigfabrikates mit Mißtrauen. Früher wurde das Ammonsulsat mittels Laufriemen und Schneckengang in den Silo transportiert, und war auf diesem Wege des Transportes gut erkaltet, bis es zum Silo kam. Aber diese Art des Transportes wurde der Direkiion zu teuer, well sie zur Vedisnung des Laufbandes 2 Mann gebrauchte. Vielleicht ging es ihr auch zu langsam. Deshalb ging man dazu über, sogenannte Spritzköpfe in den Silo einzubauen, und es wurde von da an der Ammonsulsatsalpcter in einer Temperatur von 65 Grad durch Preßluft in den Silo hineingespritzt, so daß er wie Schnee in den Silo einfiel. Dadurch entstand eine gewaltige Verstaubung, so daß der Silo aussah wie eine Gletscherlandschaft. Dieser Staub war sehr explosiv, was sich durch Zufall dadurch erwies: Als ein Arbeiter einmal m Unachtsamkeit einen noch glühenden ZigarettKistummel fortwarf, entstand sofort in ahn- licher Weis« wie beim Schießpulver eine Explosion und es kam «ine hohe Stichflamme zum Vorschein, die in Hast von den Arbeitern gelöscht wurde. Durch das von der Werkleitung eingeführte Akkord» und Prämiensystem wurde nach Ansicht der Arbeiter die Mischung des Ammonhydrats mit Salpeter nicht mehr so exakt und vorsichtig ausgeführt wie stüher. Es kam ja bei diesem Akkord- und Prämien- system ganz und gar darauf an, eine möglichst hohe Fabrikations- leistung zu erzielen. Es wird behauptet, daß sich die Betriebs- leitung sogar verl-iten ließ, das in der Kriegszeit zu Explosionsstoffen verwendete Ammonhydrat ohne Vermischung mit anderen Stcherungssubstanzen in den Silo einzuspritzen. Es ist bekannt, daß in der Nacht vor der entsetzlichen Explosion die im Sllo beschäftigten Arbeiter die Wahrnehmung machten, daß sich im Silo Gase angesammelt hatten, die wie Nebel im Raums lagerten, und die Arbeiter in ihren Atmungsorganen so belästigte, daß etliche krank und unwohl wurden und glaubien, nicht weiterarbeiten zu können und die Schicht unterbrechen wollten. Der Borarbeiter empfand selber in hohem Maße dies« Belästigung, aber treu seiner Arbeit empfahl er den unwohl wordenden Arbeitern zuweilen in die Lust zu gehen, um dann wieder frisch weiter arbeiten zu können. Ueberhaupt scheint die Rivalität unter den Vorarbeitern eine große und nicht ungefährliche Rolle gespielt zu haben. So wurde mir glaubhast folgendes erzählt: , Es waren in Oppau zwei Sprengmeister beschäftigt, die die Funktion hatten, das gespritzte und wie Fels erhärtete Fertig- fabrikat des Ammonsulsatstllpeters in transportable Blöcke zu sprengen. Der eine Sprengmeister, sagen wir, der 1. Sprengmeister, soll in seinen Handlungen sehr vorsichtig und bedacht auf die Arbeiter gewesen sein, so daß er größere Blöcke probierte und auf ihre Explosivkraft untersuchte. Aber der 2. Sprengmeister wird mir allgemein als ein Streber geschildert, der freilich von dem 1. Spreng- meister ausgebildet worden war, aber doch m jeder Weise seinen Lehrherrn zu übertreffen sucht«. Er soll sich gerühmt hoben, daß er mit Z Sprengschüsien ebensoviel erziele, als der l. Sprengmeister mit ZS— 30 Schüssen, und er soll sogar dem l. Sprengmeister den Vorschlag gemacht haben, seine Aufsehen erregenden Schußleistungen zu pholographiersn. Noch am Explostonstage hotte er stühmorgens einen Vorarbeiter eingeladen, die Sprengwirkungen mit anzusehen. Dieser aber lehnte ab. mit dem Bemerken, er hob« keine Zeit. Er ging seiner Wege, und kaum 10 Minuten später erfolgte die furcht- bare und bisher einzig in der Welt dastehende Explosion. Nach meiner Ansicht hat die Untersuchung hier einzusetzen. Die aufsehenerregende Schußleistung des 2. Sprengmeisters, der mit 2 bis 3 Schuß soviel leistet«, ww sein Lehrherr mit 2ö— 30 Schüssen, läßt vermuten:„daß er nicht den Ihm vorgeschriebenen Sicherheilssprengstoff benutzt hat. sondern einen Sprengstoff eigener Erfindung!" Undes ist«eiter zu vermuten, daß er zu seinen Sprengschüssen .Chlorslickstoff" benutzt hat, den gefährlichste, Explosivstoff, den die Menschheit überhaupt kennt. Gelegenheit, sich diesen Sprengstoff eigener Erfindung herzustellen, hatte«x genug, da in anderen Teilen der Werk« Kupserchlorür in genügenden Mengen zur Gasreinigung benutzt wird, jedenfalls scheint erwiesen zu sein, daß der 2. Sprengmeister das Geheimnis ungeheurer Sprengwirkungen kannte, die mit dem vorgeschriebenen Sicherheitssprengstoff kaum rn dieser Meise herbeigeführt werden konnten. Und die Arbeiter- schast kombiniert so: Es ist probeweise, unvermischt Ammonhydrat gespritzt worden. Dieses hat ohne weiteres große Explostonskraft und der 2. Sprengmeister ist vielleicht bei seinen Sprengungen auf eine Ader dieses unvermischien Ammonhydrats gestoßen. Rsbel- staub und Gas« waren ja, wie bereits geschildert, in überreichlicher Menge im Silo vorhanden. Durch die starke Initialzündnng des geheimnisvollen Sprengpulrsrs des 2. Sprengmeisters wurde eine so starke Erhitzung herbeigeführt, daß das ganz« Material im Silo cxplossonsreif wurde. Es geschah die erste Explosion, die sich im besonderen durch eine ungeheure Stichssannne bemerkbar machte. Und diese Stichssannne entzündete wieder den bis dahin für erplossons- unfähig gehaltenen Ammonsulsatsalpeter, 4000 Tonnen Material, so daß es dann zur zweiten, nunmehr schrecklichen Explosion kam, die fast das ganze Werk und den Ort Oppau in Trümmer legte. Ein Orgeschführer enklassen. Die Nachrichtenstelle der Staats- kmnici in Dresden teilt mit, daß das Gesuch des Leutnants von V r o s c um Entlassung aus der Landespolizei unter soiortiger Entbebung vom Dienst genehmigt worden ist. Sein Austritt mußte erfolgen, well er Führer einer verbotenen mil,ta- rischen Organisation war. Die neuen Vorfitzenden der kommunistischen Reichsiagsfraksson. T)io kommunistische Reichstaqsfraktion zählt nach dem Austritt von stossmann und Däumig noch 18 Mitglieder. Bei der kürzlich vor- aenommenen Wahl von zwei Vorsitzenden gingen die Abgeordneten B a r tz und K o e n e n als Gewählte hervor. Frankreich die zweitgrößte Mlilärmachl der Welt. Wie der Waihinatoner Berichterstatter der„Ehicago Tribüne" berichtet, steht amtlichen Ziffern zufolge Frankreich mit einer a k t i v e n H e e res- st S r« e von 1 034 000 Monn an zweiter Stelle in der Welt da China an erster Stelle mit 1370 000. Deutschland mit 100 000 Mann an letzter Stelle. Englands Heeresstärke beträert 740 500 Mann, die Vereiniqten Staatea kommen mit 140 000 Mann an vorletzter Stelle. Diese Ziffern sollen von der Washingtoner Kcmferenz i« Raoember erörtert werde». GroßSerün Was geht uns üie Deckung an? Eine Wahlversammlung in Verlin! Unser Redner schildert mit klaren Worten die Finaayznot der Stadt und bekennt, wie schwer dadurch jeder Entschluß wird. Die Stadt hat eine Ausgabe von 6 Milliarden. Vom Reich erhält sie 1,425 Milliarden als An- teil aus den Rcichssinkommenstcuern, mehr als 4>- Milliarden muß sie versuchen, aus anderen Duellen zu decken. Rur wenn o r d- nungsmäßig gewirtschaftct wird, können Löhne und Gehälter rechtzeitig ausgezahlt werden, nur dann können die Schul- den, von denen der„rote" Magistrat bereits 216 Millionen Mark bezahlt hat, weiter verringert werden, nur dann wird es gelingen, den Beweis von der Lebenskraft des neuen Berlin zu er- bringen. Als der Redner nach weiteren Ausführungen unter dem Beifall der Versammlung seinen Vortrag beendet hatte, meldete sich in der Aussprache ein Kommunist., „Der Rederner," so führte er aus,„hat immer von der Deckung gesprochen, und er hat uns Kommunisten den Vorwurf gemacht, daß wir leichtfertige Anträge stellen, ohne zu fragen, wo die Gelder herkommen. Was geht uns die Deckung an!(Leb- hafte Zustimmung seiner Parteifreunde, lautes Lachen ans der Ge- gcnseite.) jawohl, was geht uns die Deckung an, wiederholte er mit Nachdruck. Marx hat einmal von der Expropriation der Expropria- teure gesprochen, d. h. von der Enteignung der Enteigncr. Nehmt dem Besitzenden alles weg, dann habt ihr die Deckung. Im übrigen Aiiße ölWe WlermsWmlmM! Heute, Dienstag, üen 4. Gktober: (soweit bisher noch nicht veröffentlicht) Beamte und Angestellte der Reichs-, Staats- und Gemeindebehörden! Schöncberg: abends 7� Ahr. in der Aula der Chamisio- schule, Rarbarossaplatz. Referent: Hermann Lüdemonn, AI. d.£., Finanzminister a. D. S. kreis Fricdrichshain: 8 Ahr in der Schulaula Petersburger Straße 4. Referent: Reichstaggsabgeordneter Willi Steinkopf. Beamte der blauen, kriminal- und Schutzpolizei: 7 Ahr in der Patzen- hoser Brauerei, Fidicinstr. 2/3. Referent: Legationsrat Dr. Walter Zechlin. 17. kreis Mahtsdorf-Süd: 8 Uhr, Restaurant Heidekrug, köpenicker Straße. Thema:.Die Republik und das Rote Haus." Referent: Stadtverordneter Ewald.(Richt am S. Oktober.) Morgen, Mittwoch, üen S. Gktober: 1. kreis Mitte(bisherige 1.. ZS„ 27 und ZS. Abt.): 7 Uhr in den Borussiasöten, Ackerstr. S.7. Thema: Die bevorstehenden Stadtverordneenwohlen. Referent: Stadtrat Sühne. haben wir Arbeiter zu fordern und brauchen uns um die Deckung wenig zu kümmern. Aber ihr Scheinsozialisten habt keine Traute." Dann verlas er aus einer alten Nummer der.Kommunistischen Rundschau" folgende Stelle:„Heute positive Steuerpolitik im Parla- ment treiben, bedeutet nicht nur, der Erhaltung des Machtinstrumentes des bürgerlichen Staates gegen die Arbeiterklasse um den Preis der Verelendung der Arbeiterklasse zuzustimmen, sondern bedeutet kapi- talistische Wirtschaftspolitik zur Aufrechterhalwng des kapitalistischen Systems zu treiben. Daher: Ablehnung aller Steuern, gleichviel, ob sie mehr oder minder progressiv nach oben gestaffell sind." Hier unterbrach ihn lautes Lachen unserer Genossen. So, sagte er erregt, hier haben Sie unsere Ansicht. Wir bewilligen grundsätzlich keine Steuern, mögen doch die anderen sehen, wie sie zu Rande kommen. Dann ging er auf Rußlands Lage ein und behauptete, daß die Sow- jetregierung durch die Verhältnisse zu ihrer jetzigen Handlungsweise gezwungen sei. Nachdem noch einige andere Redner gesprochen hatten, erhielt der Referent das Schlußwort:„jch freue mich," sagte er,„daß die Kommunisten in Lenin und Krasstn keine Verräter sehen, trotzdem sie Rußland den Kapitalisten wieder zu erschließen beginnen. Aber merkwürdig', in Rußland sind die Verhältnisse daran schuld, in Deutschland liegt es an unserem„bösen Willen". So inkonsequent seid Ihr in allen Dingen. Auch wenn der Magistrat nur aus Kommunisten gebildet worden wäre, hätte die kommunistische Fraktion nach dem eben Gehörten keine Steuern bewilligt. Sie hätte genau so wie die USP. den Etat abgelehnt, und daß die Bürgerlichen ihm nicht zugestimmt hätten, wäre ja selbstverständlich. Der mittellose Magistrat und mit ihm Berlin wären alsdann zum Inbegriff der Unfähigkeit und Lächerlichkeit geworden. Die Regie- rung würde eine Zwangsverwaltung einsetzen, der Kredit der Stadt wäre ebenso erledigt wie das einheitliche Groß-Berlin. Die Rot der städtischen Arbeiter, Angestellten und Beam- t e n in einem solchen Falle auszumalen, erübrigt sich. Die Enteig- nung der Enteiqner, die Sie sich handgreiflich vorzustellen scheinen, hätte Euch in Berlin nicht mehr eingebracht, als dem Hölz in Mitteldeutschland.(Stürmischer Beifall.) Sozialismus ist nicht Gewalt, sonder sticdliche Arbeit. Während Lenin die Verknüp- fung aller Länder mit der Weltwirtschast sehr wohl kennt, scheint vielen von Ihnen dafür noch kein Verständnis aufgegangen zu sein. Wir Mehrheitssozialisten versprechen keine goldenen Berge, wohl aber treue Pflichterfüllung im Interesse der Ar- beiterschaft. Wer die Behauptung aufstellt, daß die Arbeiterschaft nur zu fordern habe, aber nicht zu fragen brauche, wo die Mittel herkommen, be- weist.daßereinoerantwortungsloserSchwä.tzerist. In der jubelnden Zustimmung der Versammlung verhallte jeder Widerspruch. Schon wieüer ein MorS. Die Folgen einer unglücklichen Ehe. Tie Mordtaten häufen sich in der letzten Zeit in so erschreckender Weise, daß es beinahe möglich wird, sie unter der Uebcrschrist.Der tägliche Mord" zu registrieren. Man kann geradezu von einer Mordcpidemie sprechen. Noch schweben die Untersuchungen über die letzten Kapitaloerbrechen, und schon wird wieder von einer neuen Bluttat berichtet. Unter dem schweren Verdacht, seine Frau erschossen zu haben, ist der 41 Jahre alte Johann Neust in der Siedlertalonie „Daheim" an der Trabrennbahn in Mariendors sowie sein 30 Jahre alter Sohn Herbert, von dem man annimmt, daß er um die Tat weiß oder an ihr beteiligt war, verhaftet worden. Die Tat wurde entdeckt, als Frauen der Kolonie die Ermordete zu einer Versamm- lung abholen wollten. Es wurde ihnen jedoch nicht geöffnet, und eine Nachbarin wustte von einem Streit zwischen den sehr unglücklich lebenden Eheleuten zu berichten. Der in der Versammlung an- wesende Ehemann tat auf die Frage, wo seine Frau sei. ganz ver- wundert und begab sich mit den Frauen nach seiner Behausung. Als geöffnet wurde, fanden die Eintretenden Frau Reust tot auf dem Sofa liegen. Der Ehemann blieb dabei ganz ruhig. Di« Tempelhostr Krimmalpolizei wurde sogleich von dem Leichen- fund in Kenntnis gesetzt. Diese erschien kurz vor 10 Uhr abends und machte folgende Feststellungen: Der tödliche Schuß stammt aus einer Mauserpistole, die za Füßen der Toten auf dem Erdboden log. Die Kugel war in die rechte Schläfe eingedrungen, hatte den Kopf durch- schlagen und war dann gegen ein Wäschespind geflogen. Die Tote lag fertig zum Ausgehen in einem Kostüm auf dem Sofa. Die linke Hand war mit einem Handschuh bekleidet. Die rechte Hand, deren Finger ausgespreizt waren, hing vom Sofa herab. Die Lage der Leiche, deren Tod ein inzwischen eingetroffener Arzt aus Marien- darf festgestellt hatte, ließ schon aus ein Verbrechen schließen. Bei einer genaueren Untersuchung wurden dann noch B l u t s p u r e n gefunden, die durch die ganze Wohnung gingen und sogar nach dem Hausflur führten. Der Ehemann hatte wahrscheinlich versucht, sie durch Aufwischen zu beseitigen. Die Verhafteten wurden heute ein- gehend vernommen. Die Tat scheint in den Zwistigkeiten zwischen den Eheleuten, die in Scheidung lagen, ihren Grund zu haben. Der Naubmorö in öer Weihnachtsnacht. Wegen schweren Raubes mit Todeserfolg hatten sich der Schlosser, jetzige Bergarbeiter Herbert Bruchmann aus Gelfenkirchcn und der Möbelträger Karl Abendroth, ferner wegen Anstiftung bzw. Beihilfe der Kraftfahrer und jetzige Bergarbeiter Erich Blohs, der Schlosser Artur Köhler und der Kraftfahrer Konrad Boguschewfki vor dem Schwurgericht des Landgerichts I zu verantworten. Der Angeklagte Blöhs hatte erfahren, daß der in der Krausnick- ftraße wohnhafte Kaufmann H e n f ch k e, ein Junggeselle, in seiner Wohnung große Geldsummen bewahre. Er faßte den Plan, Henschke in seiner Wohnung zu überfallen, mit Aether zu betäuben und zu berauben und wußte den Angeklagten Bruchmann zur Teilnahme an der Ausführung des Planes zu bewegen; er selbst wollte sich an dem Raub nicht beteiligen, da er fürchtete, daß der Verdacht sehr bald auf ihn fallen könnte. Er reiste dann mit Bruch- mann nach Berlin, und Bruchmann suchte hier einen Tatgenossen, den er in dem Angeklagten Abendroth fand. Boguschewski hatte eine Beteiligung abgelehnt, er sorgte aber für die'Herbeischaffung einer Aethcrflasche, der Angeklagte Köhler lieferte das Einbruchs- Werkzeug. Die Verbrecher gingen dann am Abend des 25. Dezem- bcr nach dem Hause Krousnickstr. 23, das gerade verschlossen werden sollte, öffneten die Wohnungstür des Henschke und drangen so in die Wohnung, die sie von innen wieder verschlossen. Dann war- teten sie bei Schokolade und Zigaretten, die sie dort vorfanden, auf Henschkes Rückkehr. Als Henschke nachts heimkehrte, wurde er ge- packt und geknebelt. Man steckte ihm in roher Weise zwei Taschen- tücher in den Mund, betäubte ihn niit Aether und legte idn auf di? Erde. Sodann machten sich die Mordgesellen an den Raub und erbeuteten Sachen im Werte von etwa 6000 M. Unbemerkt ent- kamen sie und feierten die Tat mit ihren Spießgesellen durch eine üppige Kneiperei. Der Raub wurde geteilt. Henschke verstarb un- mittelbar nach der Tat an Erstickung. Die Entdeckung der Täter war einem sonderbaren Zufall zu verdanken. Bruchmann hatte sich von Blöhs einen Hut geliehen und diesen, da er blutbespritzt war, am Tatorte unoorsichtigerweise zurückgelassen. Dieser Hut wurde zum Verräter. Er trug nämlich eine Einlage aus zusammengefaltetem Zeitungspapicr, aus dem zufällig der Name Bathe stand. Dieser Bathe wurde ausfindig ge» macht und von diesem führte die Spur zu Blöhs und dann zu den übrigen Angeklagten. Das Urteil lautete gegen Bruchmann auf 15 Jahre, gegen Abendroth auf 13 Jahre, gegen Blohs, auf 12 Jahre 6 Monate Zuchthaus und Ehrverlust, gegen Köhler auf 1 Jahr 6 Monate Gefängnis und gegen L o g u- schewski auf Freisprechung. Hausschlutz 9 Uhr abends. Aus dem Polizeipräsidium wird amtlich folgendes mitgeteilt: Nachdem der Magistrat die Beleuchtungseinschränkungen der Kriegs- zeit vom 12. Dezember 1917 ausgehoben hat, tritt der Z 7 der Bundesratsverordnung vom 11. Dezember 1916 wieder in Krofl. noch dem die Entnahm« von Gas und Elektrizität bis 9 Uhr abends erfolgen darf. Infolgedessen empfiehlt das Polizeipräsidium den Berliner Hausbesitzern, den Hausfchluß auf 9 Uhr abends zu verlegen und damit den Bedürfnissen der Großstadt wieder gerecht zu werden. Warnung! Die Nummer 461 vom Freitag, den 30. September(Morgen- ausgab«) enthielt ein in späten Abendstunden aufgegebenos Inserat, in welchem Kartoffeln aus Hannover der Zentner mit 30 M. stei Empfangsstation angeboten wurden. Bei Bestellung sollten für den Zentner 1 0 M. vorher eingesandt werden. Auf unsere sofortig« Nachfrage in Hannover erhalten wir von unserem dortigen Partei- organ die Antwort, daß Kartoffeln nicht für den genannten Preis zu haben sind. Wir empfehlen daher allen Reflektanten, keine Vor- auszahlung zu leisten, sondern die Kartoffelrechnung erst nach Ein- treffen der Kartoffeln zu begleichen. Vorwörts-Verlag G. m. b. H. Zum Fall Rahardt wird von dem Rechtsbeistande des Kaufmanns Erich Rahardt mitgeteilt, daß der Sohn Erich des bisherigen Präsi- denten der Handelskammer Rahardt nicht flüchtig aewarden ist. Er hat Berlin nicht verlassen. Sein« Adresse ist den Behörden bekannt und ein Haftbefehl ist gegen ihn nicht ergangen. Der Fremdenverkehr Groß-verlins übertraf im September mit 127 332 Gästei den ooraufgegangenen 31tägigen August im Tages- durchschnitt noch um ein Geringes. Die sehr ausfällig« Erschcjnung des zunebmenden A u s l ö n d e r b e f u ch e s hat sich im September »och erheblich gesteigert. 19 782 Ausländer verzeichnet die amtliche Stalistik. also mehr' als 16 Proz. des Gefamtsremdenverkehrs, ein Brozentsatz, der vordem auch annähernd noch in keiner deutschen Stadt und stüher kaum m irgendeinem internationalen Badeort erreicht worden ist. An erster Stelle erscheinen wieder d'e skandi- ncvisckxn Länder mit insgesamt 7766 Gästen. Groß-Serliner partemachrichtea. 4. Abt.(ftäfe« 15). Die?i>rstand»litzuna füllt infolge der Kreisoorstandolltzunz aus und findet erst am Donnerstag im selben Lokal statt. S. Abt(früder 4.) Di« Funttionäre werden gebeten, heute Dienstag abend de- stimmt um 10 Uhr det Rickert. Eteinmetzstr. ZS, das Propagandamcterial für die Frauenversammlung abzuholen. Morgen, ZNiilwoch, den 5. Oktober: 32. Abt.(früher 16.) T/, Uhr bei Schultert, Rlldersdorfer Str. Z: Funltionärgzung Alle Funktionäre und Wahlhelfer müssen erscheinen. Z». Abt.(>rüher 26). 7'/, Uhr husammentunit sämtlicher Funttionäre und Betriebs» vertrauensieute bei Behrend, Liebigstr. 24. 53. Abt.(Charlottrnbura). Die iür Mittwoch, den 5. b. M., angesetzt« Dersamm- lung findet erst ain Donnerstag statt. 32. Abt.(Steglitz), s Uhr Borilandssitzung bei Tlemeus, Düxpelstr. 7. Erscheinen aller dringend erforderlich. 125. Abt.(Wettzinsee). 71/, Uhr Mitgliederversammlung im Restaurant»Berliner Sot", Langhansftr. I. Thema;„Stellnngnahme zum lMrlitzer Parteitag." Referent: Theodor Fischer._ �ugenüveranftoltungen. Bcreiu Arbeiter- Zugend. Selretariat: SW. 63, Llndenstr. 3, 2. Hof links, 2 Trcvpcn rechts. Telephon: Mpl. 121 OS— 16. Treptow. Achtung! In g e n d g e n o f fe n! All- Dienstag-Pcr- anstatlungen fallen in diesem Monat noch aus. vortrage. Vereine unü Versammlungen. Bund religiäscr Sozialisten. Mittwoch, den 5. Oktbr.: Oeffentiiche Versammlung in der Aula der Realschule. Neukölln. Bodtenftr. 34. Tagesordnung: Das apostolische iSIlubcnsbekenntnis und der moderne Mensch. Ref.: Schriftsteller Dr. v. Staden.— Die Stenographische Sefellfchaft Stolze-Schrey von 1833 eröffnet am Mittwoch, den 5. Oltober, abends T/, Uhr, in der Oberrealschule, Dresdener Str. 113, einen Ansänger- turfn» für Damen, Hsrren und Schüler: Anmeldungen in der Schul«. �eweeMastsbewegung Aus der feinkeramischen Industrie. Der bisher geltende Reichstarifvertrog für die feinkeramische ondustrie(Manteltarif und Lohnabkommen) war zum 30. Sep tember gekündigt worden. Vom 19. bis 24. September wurde in Eisenach über den Abschluß eines neuen Vertrages verhandelt. Von beiden Seiten lagen Entwürfe vor. Zum Lohnabkommen hatten die Arbeitnehmer einen formulierten Antrag gestellt, enthaltend die neuen Lohnsätze für die Zeitlohnarbeiter, gestaffelt nach Orts- und nach Altersklassen, sowie die neuen Sätze für die Akkordarbeiter und»arbeiterinnen. Gleichzeitig forderten die Arbeitnehmer eine Teuerungszulage für die Zeit vom 13. August bis 30. September in Höhe von 200 bis S00 M., je nach der Altersklasse. In den langwierigen Verhandlungen konnte leider keine Verständigung erzielt werden. Die Arbeitgeber planten eine Reihe Verschlechterungen gegenüber dem bisherigen Zustand im Manteltarif, während die Arbeitnehmer unbedingt notwendige Verbesserungen mit aller Zähigkeit verteidigten. Doch wären daran die Verhandlungen nicht gescheitert, wenn es in der Lohnfrage eine Verständigung geben konnte. Es kam zwar zur Uebereinftimmung darüber, um allen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, den bisherigen Manteltarif unverändert noch ein halbes Jahr gelten zu lassen, wenn die Lohnfrage in einer die Arbestnehmer befriedi- genden Weise geregelt würde. Diese Voraussetzung wurde jedoch hinfällig. Es war z. B. für die Facharbeiter im Alter über 2.4 Jahre, die im Zeitlohn beschäftigt werden, in der Ortsklasse Groß- Berlin ein Stundenlohn von 7,92 M. gefordert, für die letzte Orts- Nasse ein solcher von 0,10 M. Zugestanden wurde als äußerstes Angebot der Arbeitgeber ein Stundenlohn für Groß-Berlin von 6,53 M., für die letzte Ortsklasse von 4,62 M. Für die Akkord- arbeiter wurde eine Akkordbasis für Facharbeiter in Groß-Berlin von 9,90 M. gefordert, für die letzte Ortsklasse von 7,62 M. Zuge- standen wurden 8,13 M. bzw. 3,77 M. Für ungelernte Arbeiter wurde in den gleichen beiden Orts- und Altersklassen ein Stunden. lohn von 7,68 M. bzw. 3,90 M. verlangt, zugestanden 6,23 M. bzw. 4,39 M. Im gleichen Verhältnis bewegten sich die Forderungen und Zugeständnisse für die Arbeiterinnen. An Stelle der geforderten Teuerungszulagen in Pauschal- betrügen sollten nur solche in Höhe von 10 und 15 Proz. der Ver- dienste für die Zeit vom 1. bis 30. September gewährt werden. Das Lohnabkommen sollte bis zum 31. Dezember d. I. gelten. Nachdem die Arbeiteroertreter das Angebot der Arbeitgeber als ungenügend abgelehnt, letztere aber erklärten, ihr Angebot stelle das Äeußerste dar, was geboten werden könne, mußten die Verhandlungen als gescheitert betrachtet werden. Damit ist fük die gesamte Arbeiterschaft der feinkeramischen industrie im Deutschen Reiche eine tariflose Zeit hereingebrochen. >i« Feinkeramit benötigt hochqualifizierte Arbeitskräfte, die bei der notorischen Gcsundheitsschädlichkeit ihres Berufes zumal berechtigten Anspruch darauf haben, einen halbwegs auskömmlichen Verdienst zu erzielen. Die Industrie ist im allgemeinen durchaus in der Lage, die geforderten Löhne zu zahlen. Die Geschäftsberichte der Aktien- gesellschaften der Feinkeramik weisen nach, daß erhebliche Gewinne erzielt werden. Die Vertrustung macht in dieser Industrie riesige Fortschritte, neue Betriebe sind in den letzten Iahren in erheblicher Anzahl geradezu aus dem Boden gestampft, alte Betriebe vergrößert worden. Die feinkcramifche Industrie ist eine der wenigen, die ihre Rohstoffe nur in ganz geringem Umfange vom Auslande beziehen muß und die aus verhältnismäßig billigen Rohstoffen hochwertige Erzeugnisse herstellt. Alle diese Umstände lassen die Feinkeramik den Kapitalisten als ein lukratives Geschäft erscheinen. Die Unternehmer haben das Reichsarbcitsministerium als Der- mittler angerufen. Ob es dort zu einem anderen Resultat kommt, muß abgewartet werden. Provokation der streikenden Holzarbeiter. Am Freitag morgen hatten die st reitenden Tischler eine Versammlung in der„Reuen Welt", die von 6000 bis 7000 Strei- kenden besucht war. Die Versammlung, die zufällig zur gleichen Stunde tagte, in der dos Schiedsgericht im Demobilmachungsamt beriet, nahm einen durchaus ruhigen Verlauf. Der von B o e s e erstattete Bericht wurde mit großem Beifall aufgenommen und ein- mutig bekundeten die Streikenden ihren Willen, auszuharren, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Eben sollte die Versammlung ge- schlössen werden, da machte sich in der Nähe der Eingangstür Un- ruhe bemerkbar:„Die Schupo ist im hause!" wurde gerufen. Vor dem Eingang zum Versamlungslokal stand e i n großes Aufgebot schwer bewaffneter Schupo- leuft. Sie waren die Wacht für einen eben in den Hof gefah- renen Möbelwagen der Firma Groschtus. Um die Provokation zu vervollständigen, führte das Schupokommando noch ein leeres Lastauto mit, auf dem die zu machenden Gefangenen weggeführt werden sollten. Einer der Streikenden war auch schon auf dieses Gefährt hinaufgeschoben worden: er wurde aber später, nachdem er sich legitimiert hatte, wieder enllassen. reit« Ratschläge für kaufmännische Lehrverträge. 1. Ehe man einen Lehrvertrag abschließt, erkundige man sich beim Sekretariat für die kaufmännische Jugend, Belle-Alliance- Straße 7/10, welcher Tarifvertrag für die betreffende Branche in Frage kommt. 2. Wer für die Zukunft seiner Kinder besorgt ist, darf nur die Bestimungen des Tarife? als Grundlage des Lehrvertrages wählen. Das gill insbesondere für Gebalt und Urlaub. Die Dauer der Lehrzeit muß möglichst kurz bemessen sein. 3. Die Bestimmungen des Vertrages, die Gehalt und Urlaub regeln, sollen ungefähr folgenden Wortlaut haben:„Der Lchrherr zähst dem Lehrling eine monatliche Vergütung nach dem für die Branche gülligen Tarif. Als Branche wird....... festgelegt. Dem Lehrling wird jährlich ein Urlaub nach den Bestimmungen des Tarifes gewährt. Der Urlaub muß auf Wunsch des Lehrlings in die Schulferien fallen." 4. In dem Lehrvertrag muß entHallen sein, daß der Lehrherr sich verpflichtet, den Lehrling zum Besuch von Fach- oder Fort- bildungsschulen anzuhalten und die Kosten für die Beschaffung der Lehrmittel sowie das Schulgeld zu tragen. 3. In allen Fällen hole man sich Rat und Auskunft über die Firma beim Zentralocrband der Angestellten. Das Jugendsekre- tariat ist geöffnet täglich von 10 bis 3 Uhr, auch Montags und Freitags von 5 bis 7 Uhr, Sonnabends von 10 bis 1 Uhr. Aus der schwarzen Priegnitz. Die„Rote Fahne" hat in ihrer Nr. 406 vom 3. September 1921 die Nachricht verbrellet, daß in der am 28. August auf Veran- lassung des Gewerkschaftskartells Wittenberge stattgefundenen ge- meinsamen Sitzung der Ortsausschüsse der Priegnitz der einstimmige Beschluß gefaßt worden sei, daß in Zukunft die Lohnbewegungen und Streiks im Bezirk einheitlich, d. h. unter Zusammenfassung der verschiedenen Berufe geführt werden sollen. Diese Maßnahmen sollen eventuell selbst gegen den Willen des ADGB. durchgeführt werden. Die„Rote Fahne" knüpfte weiter daran die Bemerkung, daß dieser Beschluß um so bemerkenswerter fei, als vier Fünftel der Delegierten der SPD. und USPD. angehören. Er zeige eben, daß alle Arbeiter, ohne Unterschied der Partei, mit der jetzigen Führung der Lohnbewegungen durch den ADGB. im höchsten Grade unzufrieden seien. Bedauerlicherweise haben Gcwerkschaftsblätter auf Grund dieser Notiz in der„Roten Fahne" scharfe Kritik an Der weiflarbeiterstreik in Bremen beendet. Der seit sieben Wochen dauernde Streik bei der Weser-A.-G. wurde mit großer Mehrheit zu beenden beschlossen. Die Besprechungen mit der Werfts- direktion begannen heute: d«e Arbeit wird morgen aufgenommen. Der Zechenoerband in Esten und die Angestellt enorgcmisation haben sich geeinigt. Zum Streik in Nordfrankreich. Di« Bürgermeister der vom Streik betroffenen Städte haben sich gestern nachmittag versammelt, um die Frage der Arbeitslosenunterstützung zu besprechen. Es hat den Anschein, daß der Streik noch lange dauern wird. Gestern hat die Fortsendung der Kinder begonnen. Etwa 100 Kinder aus Roubalx und Tourcoing werden heute in Paris erwartet, wo sie unter Arbeiterfamilien oerteilt werden. 3n Paris streiten etwa 20 000 Bauarbeiter. Zeiltral»erba»d der««gestellt.». Mittwoch- Md«-r-wlk. Mitg�dec. Versammlung 7'/, Uhr Laverlands-Kestsäle, Neu« FriedrichlM ZS.— gruppenverfammlung 8'/, Uhr Prachtsiiie M-Berlw, Biumenftr. w.- Angestellt«. Mitgliederversammlung TV, Uhr in den Vwcherscklem BMcherstr.«l. Papier. Mitgliederversammlung 7'), Uhr Neue PHUharmonte, Söpemcker Str. 96/vi. Die Streitenden bewahrten ihre Disziplin auch dann noch, als der überängstliche Schupomann auf dem Gefangenenauto ei n e n Schuß in die Menge abgab. Bei alledem muß dem Führer der Schupoabteilung die Anerkennung gezollt werden, daß er die Situation richtig beurteille. Sehr bald trat Beruhigung ein, als der beladen« Möbelwagen vom Hofe herunterg e» rollt wurde und der ganze Train, Möbelwagen und leeres Ge- fangenenauto, unter dem Schutz der Schupo wieder dahin ab- zog, woher er gekommen war. Der Provokateur war der Obermeister Bors. darf, der als der Führer des Unternehmens auf- trat. Wenn er schon den Möbeltransporteur spielen und Streit- arbell in der„Neuen West" abliesern will, dann hätte ihm ein wenig Ueberlegung sogen müssen, daß das nicht ausgerechnet zu der Zeit versucht werden darf, wo die Streikenden dort eine Versammlung hallen. Oder lag es in seiner Absicht, die Streikenden einem Ader- laß zu unterziehen, um damit das wracke Schiff der vereinigten Ver- bände wieder flott zu machen? Der Leitung der Schupo wäre übrigens zu empfehlen, etwas vorsichtiger zu operieren. dem Verhallen der Priegnitzer Gewerkschaftler geübt. Der„Pra letarier" bezeichnete diesen Beschluß als eine Kinderei. Auch die Priegnitzer Gewerkschaftler sind sich klar darüber, daß ein derartiger Beschluß nichts anderes als Kinderei bedeutet. Es steht aber fest, daß ein solcher Beschluß nur im Hirne des kommunistischen Berichterstatters ge- spukt hat, der ihn als Tatsache der„Roten Fahne" meldete, die selbstverständlich freudig einen kommunistischen Ideensiez daraus machte. Die Priegnitzer Gewerkschaftler haben sich von jeher be- müht, nach streng gewerkschaftlichen Grundsätzen zu handeln. Für Gewcrkschaftszersplitterer ist in der Priegnitz kein Boden. Gescheiterte Verhandlungen in Höchst a. M. Ueber die Wiederaufnahme der Arbeit in den Betrieben der chemischen Fabrik Griesheim-Elektton, der Farbenfabrik Höchst und der Bereinigten Kunstseidefabriken in Kelsterbach wurden zwischen dem Arbeitgeberoerband der chemischen Industtie und den Per- tretern der Gewerkschaften folgende Bereinbarungen getroffen: 1. Die Verhandlungsparteien erkennen an, daß für die chemische Fabrik Griesheim-Elektron in Griesheim am Main der R e i ch s t a r i f der chemischen Industrie und das Bezirtslohn- abkommen der chemischen Industrie(Sektion 7) maßgebend sind.— 2. Die Wiedereinstellung der entlassenen Arbeiter und Arbeiterinnen erfolgt nach Maßgabe an Bedarf und nach freiem Ermessen der Wertleitungen.— 3. Die auf Grund dieser Vereinbarungen wieder einzustellenden Arbeiter und Arbeiterinnen werden in die aus ihrer fettherigen Dienstzeit sich er- gebenden Rechte wieder eingesetzt.— 4. Jede Entschädigung für nicht geleistete Arbeit wird abgelehnt. Die Abstimmung der Belegschaft in Griesheim-Elektton über diese Vereinbarungen ergab, daß 236 Stimmen dafür, ober 1202 Stimmen dagegen waren. 27 Sttmmen waren ungüstig: allerdings haben nur 30 Proz. der früheren Belegsckaft an der Ab- stimmung teilgenommen. Die Belegschaften in Höchst und Kelster- dach werden über die Vereinbarungen morgen oder übermorgen abstimmen. Dem Beispiel der Stadt Höchst folgend, haben die Ortschaften Nid und Hofheim Hilfsmaßnahmen zugunsten der Ausgefperrten gettoffen. Die Gemeinde Nid bewilligte vorlä".fia 100 000 M.. wo- von die Verheirateten pro Woche 100 M. und weitere 23 M. für jedes Kind unter 14 Iahren erhallen. Die Ledigen sollen, mit 75 M. pro Woche unterstützt werden. In Iwfheim sind von den städtischen Körperschaften 50 000 M. für Notstandsarbeiten der Farbwert- arbeiter bewilligt worden. Außerdem sollen den bei diesen Ar- beuten nicht beschäftigten bedürftigen Verheirateten und Ledigen aus Stvdtmitteln die Sätze der Erwerbslosenfürsorge bezahlt werden. Wirtschaft Warenpreise und Balula. Die Derschlechterung der deutschen Valuta konnte auf die Em- Wickelung der Warenpreise nicht ohne Einfluß bleiben. B« der starken Abhängigkeit des deutschen Warenmarktes vom Welt- markt, bei dem starten Bedarf an ausländischen Rohstoffen und Lebensmitteln und bei der Wichtigkeit des Exporte» ist es unver- weidlich, daß die Erhöhung der Weltmarktprelse durch eine ver- schlechterte Valuta auch auf den Jnlandmarkt zurückwirkt, zumal auf den weitesten Gebieten die Zwangsbewirtschaftung aufgehoben ist. Die Preisschwankungen werden zunächst im Großhandel wirksam. Nach den Indexziffern der.frankfurter Zeitung", die die Groß- Handelspreise von 77 Waren umfaßten, sind— die Preise vom 1. Januar 1920— 100 gesetzt— die Großhandelspreis« von Anfang September bis Anfang Oktober von 166 auf 184. also um 18 Punkte gestiegen. Sie übersteigt damit alle Berechnungen früherer Teuerungsperioden bettächtlich. Wurde doch die Meßziffer des 1. Mai 1920 mit 136, die des 1. Dezember vorigen Jabres mit .......~ diese Preise 153 ermittest. Erst seit Anfang August dieses Jahres sind überholt. Die Großhandelspreise sind damit nach den Berechnungen der „Frankfurter Zeitung" auf den 20fachen Stand der Bor- kriegszeit angelangt. Da noch immer keine Anzeichen emer Besserung der deutschen Valuta zu merken slud, ist auch im Klttn- Handel mit einer weiteren Erhöhung der Preise zu rechnen. Die Großhandelspreise pflegen ja der allgemeinen Preisentwlckelnug vor- auszueilen. Es kommt hinzu, daß, nachdem vor allem die Aus- landswaren sich verteuert haben, auch auf dem Markte der inländi- schen Produtte Preissteigerungen bevorstehen. So ist z. B. mit Einsetzen der freien Wirtschaft auf eine Erhöhung der Zuckerpreise zu rechnen. So schreitet die Teuerung fort, obwohl die preiserhöhendea indirekten Steuern, die von der Regierung geplant werden, noch g a r n i ch t i n K r a f t getreten sind. Die Arbeiterschaft wird sich auf diese Entwicklung einstellen müssen. Aus der INonianindustri«. Die Montanindustrie, die sich im letzten Jahre fortgesetzt über den schlechten Geschäftsgang betlagt hatte, liefert jetzt mit dem Abschluß der Phönix- A.-G. den Be- weis, daß das Gegenteil davon zutrifft. Die Phönix-Bergbau-A.-G. kann nicht nur ihre Dividende von 20 auf das heute immerhin nicht übertriebene Maß von 23 Proz. heraufsetzen, ihr bleiben noch runde 80 Millionen für Rücklagen, wovon nach den üblichen Abschreibun- gen 43 Millionen Mark einem Werterhaltungsfonds zugute kommen. Dieses Ergebnis wurde erzielt in einer Zeit, die nach schwerindustriellen Begriffen an Geschäfts st ille litt. In- zwischen ist infolge des Niederganges der Valuta eine Hochkonjunktur auch für die Montanindustrie eingctteten, über die sich auf der Generalversammlung des Lothringer Hütten- und Bergwertoereins der Leiter des Konzern» Peter K l ö ck n e r interessant auslieh. Er stellte einen steigenden Bedarf des Auslandes fest und betonte, daß die augenblickliche Bewegung nicht mehr als eine jrasch vorüb erEinigung bei den Wach- und S6)üei�tü\ä)a]teii. Eine Vollversammlung der Angestelllen bei den Wach- und Schließgcsell- schaften nahm am Sonnabend im Gewerkschaftshaus Stellung zu dem vom Schlichrungsausschuß gefällten Schiedsspruch. W i e l o ch- berichtete über die gepflogenen Lohnverhandlungen und den Spruch, der den Wächtern ein« Lohnzulag« von 230 M. zubilligt. Di« Separatwächter sollen statt 810 M. jetzt 1040 M. und die Reoierwächter statt der bisherigen 870 M. jetzt 1100 M. erhalten. Oberwächter 1123 M., Kontrolleure 1173 M. Die For- derung, statt drei freie Nächte im Monat nunmehr vier zu ge- währen, wurde abgelehnt. Auch in den sonstigen Punkten bleibt es bei den Bestimmungen des alten Tarifs. Die Wirtschaftsgenossen- schaft hat zwar noch nicht bewilligt, jedoch erklärt, dazu bereit zu sein, sobald die Berliner Wach- und Schließgesellschaft den neuen Tarif unterzeichnet habe. In der Aussprache machte sich zwar eine starte Unzufriedenheit mit dem Erreichten geltend, doch wurde bei der Abstimmung der Schiedsspruch mit überwältigender Mehrheit ange. nommen. gehende Schein konjunktur anzusehen sei. Die Dauer der Kon- junktur stehe und falle mit der Bewegung der Mark. Ein Steigen der Mark, das noch weit im Felde liege, werde eine Katastrophe von nie gekannter Ausdehnung und großer Arbeitslosigkeit zur Folge haben. Aus diesen Ausführungen Peter Klöckner» spricht em Pessimismus über die Leistungsfähigkeit der deutschen In- dustrie, der seinesgleichen sucht. Wenn die deutsche Schwerindustrie auf dem Standpunkt angelangt ist, daß sie nur bei einem erheblichen Valutadumping und bei künstlich niedrig gehaltenen Löhnen produ- zieren kann, so ist das die Bankerotterklärung des privatkapltalisti» schen Systems. Wir sind nicht gewohnt, die Aeußerungen der Ilster- cssentcn vor ihren Aktionären allzu tragisch zu nehmen. Aber die Industtieführer sollten zum mindesten dem Ausland gegenüber etwa» vorsichtiger sein. Die Gefahr, daß das Ausland gegen die Einfuhr deutscher Waren Schutzmaßnahmen trifft, besteht unvermindert fort. Sie können nur unwirksam gemacht werden dadurch, daß sich die Industtie in allererster Linie auf dem Export unentbehrlicher und unersetzlicher Qualitätswaren einstellt. Wenn es aber schon soweit ist, daß sich die deutsche Schwerindustrie bei wirklich freier Konkurrenz auf dem Weltmarkt wettbewerbsunfähig erklärt, so könnte man daraus leicht den Schluß ziehen, daß dos Unter- nehmerwm gänzlich abgewirtschaftet hat— eine Auifassung, die viel für sich hat. Wir zweifeln ober, daß Herr Klöckner sie uns bestätigen wollte. Verentw. für den redatt. Teil: Dr. Werner Petser, evarl-ttenbl-rg: für ilnzelgen: Td. Glocke, Berlin,«erlag! VorioSrtj.Verlag«. m. 6. H.. Berlin. Druck: vor- wlrtS-Bu-bdruckeret«. BerlaaSimstill Paul Eina« ll. Co.. Berlin. Lindeostr. Z. sfliicdiisilz. Korsette werden nach jeder Figur, passend unter Garantie, tadellos umgearbeitet Reparaturen, Aeoderung. u. Korsettwüscbe jegL Art übernimmt u. führt äußerst preisw. aus Korsefflabr. Ridi. Nedce 1. Geschält; Betlln-Karlshorst, Trcskow-Allee P3 2. Qeschäfi: Bln.-Uchtenbg., Neue Bahnhofstr. 36 3. Qescbäft: Berlin, Komtnandantenstr. 23 Bcke Alte JakobstraBe 1Z4B m M ilkj meinen Anzug mAn? 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