Nr. 474» 38. �ahrgünz Ausgabe Li Ar. 235 Bez«gSpreiSt «-rt-ljShrl. 36,- SM., rnonatL li>.«. frei ms Saus, notous zahlbar. Pvn» bezuz: SMonatlich 12,— SM» einschl. Fu- ftellunqsgebllhr. Unter Kreuzband ,ür Deutschland, Danzig. das Saar- und Meinel-iebiet. sonne die ehemals beut- Ichen Gebiete Polens, Oesterreich, Ungarn und Luxemburg 22,— M.. für dos übrige Ausland 23,— SM. Post- bestellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Tschecho- Elowakei, Däne- wart. Holland, Luicmburg, Schweden und die Schweiz. Der»Vorwärts" mit der Sonntags- beilage»Poll und Zeit", der Unter- haltungsbkilage»Heimwelt" und der Beilage»Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm-Adresse: »Sozialdemolrai S-rN»" Abend-Ausgabe c CroS- Berlin 20 Pf, auswirls 30 Pfennig D Devliltev Volksvlstt «lnzeigenprriS: Die neungespaltene Nonnareillezeile kostet 6,— M. �Sletn« Anzeigen" dos lettgedruckte Wort 2,— ilst. Pfg. Wort» über ld Buchstaben zählen Mr zwei Wort«. Famillen-An. zeigen wr Abonnenten Zeile 3,60 M Die Preise verstehen sich einschließl, Teuerungs'.uschlag. Anzeigen filr die nächste Nummer müssen bis S Ahr nachmittags im Hauptgeschäst. Berlin EM 68, Linden- straßi3, abgegeben werden. Geössne� von 9 Uhr srüh bis S Uhr abends. »o Zcntv&lovasn der fozialdemoltratird�en parte! Deutfch lande Redaktion und Expedition: EW 68, Lindenstr. 3 Redaktion Moritzplatz 151»5-97 tztzern, premer. Moritzplatz U75S-54 vorwärts-ve-lag G.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 ikernivrl'ek,«'»- Brrlag, Expedition und Inserate». . Nb�ilung Moritzplatz 11759-54 Das Wieöeraufbauverfahren. Varls. 7. Ottober.(EE.) Dem„Petit yournal' zufolg« wird I der französische Organismus, der die Aufträge der französifchen j Geschädigten zu oergeben hat, in aller Eile errichtet werden, damit! er am 1. Dezember in Wirksamkeit treten kann. Von diesem� Lugenblick an werden sich die Geschädigten an das französische Ein- kaufsbureau wenden können, welches bereits im zerstörten Gebiet besteht, oder an die einzelnen Bureaus, die in den verschiedenen Departements und den wichtigsten Städten eröffnet werden sollen. Die Verwaltungsräte dieser Bureaus werden ausschließlich Geschädigte fein. Irgendwelche Gewinne dürfen von diesen Bureau« nicht erzielt werden. Wenn in einem Department ein solches Bu» reau nicht genügt, werden in jeder Unterpräfektur Fi- lialen errichtet werden. Jedem dieser Bureaus wird in der gleichen Stadt ein deutsche» Wiederaufbaubureau zur Seite stehen. Wenn also ein Industrieller eine be- stimmte Menge von Material braucht, richtet er seinen Auftrag an das Bureau in Lille, das ihn dem deutschen Bureau übermittelt. Das deutsche Bureau übermittelt diesen Auftrag dem deutschen Zen- tralbureau in Berlin, da» die Lieferung, den Einkauf und den Transport übernimmt und dem ftanzösifchen Bureau eine Note sendet, in der die Preise der gelieferten Waren verzeichnet find. Das französische Bureau stellt nun fest, ob die dem Geschädigten zuerkannten Entschädigungssummen zur Deckung des Preises für die deutschen Lieferungen ausreichen und ob er infolgedessen nichts mehr in bar zu zahlen hat. Was Deutschland tatsächlich den ein- zelnen Geschädigten gesiefert hat. wird auf sein Kreditkonto gebucht. Rathenau hat nun seinerseits den deutschen Lieferanten den Preis für das Gelieferte zu zahlen, und zwar in Papier- mark, wodurch der Ankauf auswärtiger Devisen vermieden wird. tityh George und öas Währungsproblem. London, 7. Oktober.(MTB.) Ueber den Churchill-Plan und die Stellungnahme der Minister gegenüber der Frage der Wechselkurse schreibt der politische Mitarbeiter der»Dolly Mail", man hoff«, daß l'hurchill rechtzeitig zurück sein werde, um an der heutigen Kabinetts- s ving teilzunehmen. Churchill werde wahrscheinlich auf die finan- z chlle Unterstützung rückständiger Kolonien dringen, vorausgesetzt, daß ihre Einkäufe in England stattfänden. Im Kabinett bestehe eine deulliche Meinungsverschieden- heil bezüglich einer Möglichkeit der Stabilisierung der Wechsel- kurse. Eine einflußreiche Gruppe von Ministern sei der Ansicht, daß im Hinblick darauf, daß alle Bemühungen' der Regierung, die Wechselkurse zu stabilisieren, während der letzten zwei Jahre fehl- geschlagen seien,' und im Hinblick darauf, daß sich die I n t e r- nationale Konferenz in Spa über diese Frage so gut wie wertlos erwiesen habe, eine weitere derartige Konferenz unzweck- mähig sei, und daß auch alle künftigen auftauchenden Methoden zur Herbeiführung einer Stabilität der Wechselkurse aussichtslos sein werden. London. 7. Oktober.(WTD.) Nach einer„Exchange"-Meldung aus Washington hat der amerikanische Schatzsekretär Mellon sich gegen eine Bezahlung der Schulden der Alliierten an die Der- einigten Staaten mittels deutscher oder österreichischer Obligationen erklärt.___ Die englischen Vertreter für Washington. London, 7. Oktober.(MTB.) Eine»»Time«"-Meldung zufolge teilte Lord Curzon dem britischen Botschafter m Washington mit, daß Lloyd George infolg« immer dringender werdender innerer Fragen nicht in der Lage sei, England zu verlasien. Groß- britannien solle bis zu sechs Vertreter nach Washington entsenden und werde den Dereinigten Staaten ihre Namen sobald wie möglich mitteilen. Es müsse sich jedoch zuerst mit den Do- m i n i o n s und Indien ins Benehmen setzen. Lloyd Georg« teilte dem britischen Botschafter in Washington mit, es fei auf der letzten britischen Reichskonferenz vereinbart worden, daß die britische Regierung das ganze Reich in Washington oertreten solle. Die britische Regierung würde jedoch dem Standpunkt der Dominions Geltung verschaffen._ Englands Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. London, 7. Oktober.(WTB) In der gestern nachmittag abge- haltenen Kabinettssitzung brachte Lloye George im Kabinettsausschuß seine Vorschläge zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ein. Sie sehen eine Ausgabe von etwa 15 Millionen Pfund Sterling für unmittelbare Unterstützungen vor. Die Kabinetts- sigung faßte keinerlei endgültige Befchlllsie bezüglich der Gesamwor- schläge, die dem Unterhaus unterbreitet werden sollen. Heute morgen findet eine weitere Kobinettssitzung statt, um einen vorläufigen Eni» wurf der Maßnahmen anzunehmen. Laut»Daily Mail" trat in dem gestrigen Kabinettsrat erneut zutage, b iß ein A l Ich e i l- mittel gegen die Erwerbslosigkeit nicht entdeckt worden ist und auch aus den augenblicklichen Berhälmissen nicht hervorgehen kann. �llarmnachrichten über Gberschlesien. Eine Berliner Korrespondenz meldet, dem Völterbundrat sei seitens der Sachverständigen ein Gutachten überreicht mor- den, in dem die Zuteilung des Industriegebiets Kattowitz— Vcuthen— Königshütte und der Kreise Pleß, Rybnik und Tarnowitz an Polen befürwortet wird. Wirtschaftlich solle das Gebiet unter Einbeziehung von Tesche» autonom sein und mit Deutschland Geldwährung, Verkehrs- und Zolleinheit behalten. Aehnliche Nachrichten sind in der polnischen und deutschen Presse Oberschlesiens zu finden. Ein, wie es scheint, offiziöser Bericht des»Daily Telegraph" betont zwar, daß die englische Regierung über die Entscheidungen der Liererkommission noch nicht orientiert sei, läßt aber gleichfalls durchblicken, daß man erwarte, die Kommission werde die Sforza-Linie als Grenze zwischen Deutschland und Polen empfehlen und das wirtschaftliche Problem des an Polen fallenden Gebietes gesondert behandeln Wir glauben nicht, daß ein derartiges Kompromiß, wenn es wirklich in Aussicht genommen sein sollte, lebensfähig sein würde. Es ist ein Unding, das oberschlesische Industriedreieck zu teilen, obwohl man ausdrücklich anerkennt, daß es eine wirt- schaftliche Einheit darstellt und daß es von dem deutschen Wirt- schaftskörper nicht getrennt werden kann. Diese doppelstaatliche Verwaltung nach wirtschaftlichen und politischen Gesichts- punkten müßte zu dauernden und schwersten Reibungen zwi- schen Deutschland und Polen führen, die einem ständigen Kriegszustand gleichkommen. Unseres Erachtens ist das Problem noch nicht spruchreif. Man sollte sich durch derartige Gerüchte nicht kopfscheu machen lassen und abwarten, wie sich die Dinge entwickeln, wenn sie vor die entscheidenden Instanzen gebracht werden. Jraum! Nur die Sozialdemokratie tritt für Euer gleiches Recht ein. Wählt am Ib. Oktober die Liften der Spd. Wirths politische Pläne. Karlsruhe, 7. Oktober.(TU.) Der»Badische Staatsanzeiger" berichtet über eine Unterredung mit dem Reichskanzler Dr. Wirth. Es wird darin u. a. mitgeteilt, daß der Kanzler auf der für nächsten Dienstag anberaumten Kanferenz zur Beratung über die demnächst fällige Reparattonsschuld gegenüber der Forderung der I n d u st r i e, daß ihre Kreditoperation mit dem Ausland als eine Vorleistung auf die kommende Steuer angerechnet wird und gegenüber der sozialdemokratischen Forderung einer Beteiligung des Reiche» an der Industrie mit einem Borschlag hervortreten wird, der den Bedenken und Wünschen beider Seiten gerecht wird. Die Erledigung dieser wettreichenden finanz- und wirtschaftspolitt- schen Frage sei für ihn B o r b e d i n g u n g für die Erledigung der Frage der Koolitionsoerweiterung. Seiner Ueberzeugung nach wäre es verkehrt, mehrere Parteien in einem Kabinett zusammenzubringen, bevor man wisse, welches die Stellung der einzelnen Parteien zu der im Augenblick wichtigsten Frage sei. Das Abkommen zwischen R a t h e n a u und L o u ch e u r wurde vom Reichskanzler begrüßt. Davon, daß England die Wies- badener Verhandlungen nicht gern sähe, könne keine Rede sein. Im übrigen wäre Deutschland jederzeit zu einem ähnlichen Ab- kommen mit England bereit, falls ein solches von dort gewünscht werde. Der Reichskanzler fei willens, nach allen Seiten eine Ent- spannung in den außenpolitischen Beziehungen herbeizuführen, versöhnlich zu wirken und Deutschland in der Welt jenes Vertrauen zurückzuerobern, das allein eine wirkliche Gesundung Deutsch- lands ermögliche. Sozialiftisches Kabinett in Thüringen. heute vormittag. 11 Ahr. wurde im Thüringer Landtag unter scharfen Protesten aller bürgerlichen Parteien eine rein sozialistische Regierung gebildet. Zustizmlnisler und Ministerpräsident wurde, wie vorauszuschen war, Freiherr von Branden st ein(SPD.). Wirtschastsmioister Fröhlich(Ii SP.). Finanzminister Hartmann(SPD.), Innenminister Hermann sllSP.), Kultusminister soll Gr alt-Gera«erden. In der ersten Sitzung des Freistaates Fiunie wurde zum ersten Präsidenten Ricardo Zamella von der mitvnomistiichen Partei gewählt. In seiner Programmrehe bewirte er, daß Fiume der Perbindungspunkt zwischen Italien und Südslawien sei und daß beide Staaten zueinander in freundschaftlichen Beziehungen stehen müßten. Sozialismus und Landwirtschaft. Das Verhältnis zwischen Sozialismus und Landwirt- schaft ist nicht nur ein wichtiges Problem der sozialistischen Theorie: die richtige Einstellung in dieser Frage ist auch von größter praktisch-politischer Bedeutung. Von ihr hängt die ; Gewinnung der werktätigen Landbevölkerung für die Sozial- ! demokratie ab, womit der politischen Reaktion ein für allemal das Wasier abgegraben wäre. Außerdem aber ist der Wieder- aufbau unserer Volkswirtschaft in hohem Maße bedingt von der richtigen Erkenntnis und Durchführung der uns gestellten agrarwirtschaftlichen Aufgaben. Wir müssen die Erträge un- serer heimischen Bodenkultur rasch und stark steigern. Ohne das ist die Ermöglichung einer zureichenden Dolksernährung, die Gesundung unserer Handelsbilanz, unseres Geldwesens, unserer ganzen Volkswirtschaft unmöglich. So kommt die Neubearbeitung des D a v i d s ch e n Agrarwerks zur rechten Zeit.*) Das Buch ist zum ersten Male vor nahezu 20 Jahren erschienen, damals als 1. Teil. der die Betriebsfrage bhandelte, dem ein zweitr, die Eigen- tumsfrage behandelnder Teil folgen sollte. Die tagespolitische Arbeit machte es dem Verfasser unmöglich, das Werk nach diesem Plan durchzuführen. Nunmehr ist die Eigentumsfrage als besonderes Kapitel eingearbeitet worden, so daß das in allen Teilen neu durchgearbeitete Buch sich jetzt als fertiges Ganzes dem Leser darbietet. Es behandelt gründlich, aber auch gemeinverständlich den ganzen vielseitigen und ver- wickelten Komplex von Einzelfragen, den die Agrarökonomie uns theoretisch und praktisch stellt. Wer sich auf diesem Ge- biete ein selbständiges Urteil bilden will, wird an dem Werk nicht vorübergehen können. Er wird sich mit ihm auch dann auseinandersetzen müssen, wenn er anderer Auffassung ist als der Berfaffer. David gibt zunächst einen geschichtlichen Ueber- blick über die Behandlung des Agrarproblems in der sozia- listischen Internationale unserer deutschen Sozialdemokratie. Die Lehre von dem„naturnotwendigen Untergang des land- wirtschaftlichen Kleinbetriebs" beherrschte lange Zeit fast un- bestritten die Geister. Die wirkliche Entwicklung aber ging einen anderen Weg. Die Statistik der landwirtschaftlichen De- triebsentwicklung zeigte in Deutschland wie fast überall in der Welt das gegenteilige Bild. Die Kleinbetriebe behaupteten sich nicht nur, sie nahmen sogar vielfach an Zahl und Betriebs- fläche auf Kosten der Großbetriebe zu. B o n e i n e r K o n- zentration der Betriebe ist inderLandwirt- schaft nirgends die Rede. .David untersucht die Grunde dieser Erscheinung. Er deckt zunächst das grundverschiedene Wesen des eigentlichen Pro- duktbildungsvorgangs in der gewerblichen Derarbeitung einer- feits und der landwirtschaftlichen Erzeugung andererseits auf. Während es sich dort um die rein mechanische Trennung oder Zusammenfügung toter Stoffe handelt, steht hier ein orga- nischer Prozeß, ein biologischer Vorgang im Mittelpunkt der Produktbildung. Von hier aus ergeben sich tiefgreifende Unterschiede zwischen der industriellen(mechanischen) und der landwirtschaftlichen(organischen) Produktion, die für die ganze Produktions- und Betriebsentwicklung von bestim- mender Bedeutung sind. David zeigt dann Schritt für Schritt die eigenartige Ab- Wandlung, die die großen Etappen der Produktionsentwicklung in der Sphäre der organischen Produktion erfahren. Die Wirkung der einfachen Kooperation, die Schranken der Arbeitsteilung, die begrenzte Bedeutung der M a- fch inerte werden eingehend untersucht. Dann folgt eine Einführung in die eigentlich entscheidenden Gebiete des land- wirtschaftlichen Betriebsfortschritts. Die Verbesserung des Bodens und der Bodenbearbeitung, die rationelle Pflanzenernährung, der enge innere Z u- fammenhang zwischen Pflanzen- und Tier- leben, die hohe Bedeutung der Sortenzüchtung und Saatglitverbesserung, die Krantheits-,'Un- krauts- und Schädlingsbekämpfung, sowie die Fortschritte auf dem Gebiete der Viehzucht finden ihr' Behandlung. Auf der Grundlage sehr eingehender betriebstechnischer und wiffenschafllicher Feststellungen baut David dann die volkswirtschaftlichen Teile seines Werkes auf. Zunächst widmet er ein Kapitel den interessanten Zusammenhängen zwischen dem Ernährungs- und Bevölkerungsproblcm: die Mal- thussche Lehre sowie das vielumstrittene Boden» ertragsgesetz werden durchleuchtet. Sodann wird die praktisch wichtige und hochaktuelle Frage der produktiven Leistungsfähigkeit von Groß- und Klein- betrieb aufgerollt. Die Wechselbeziehungen zwischen Klein- betrieb und hoher Intensität werden aufgezeigt und mit reichem statistischen Material erhärtet. Von da aus wird die besondere Frage der M a r k t l e i st u n g von Groß- und ') Sozialismus und Landwirtschaft. Von Dr. Eduard David. Zweite umgearbeitete und vervollständigte i Ausgab«. 727 Seiten. Geheflet 56 M.i rn Halbleinenband 72 TO. l Verlag: Quelle und Meyer, Leipzig. Kleinbetrieb gründlich erörtert Das Problem einer ratio- nellen Volksernührung, die Betrachtung der bevölkerungspolitischen Seite der Betriebsverfassung und die weltwirtschaftliche Beleuchtung unserer agranvirtschaftlichen öage schließen sich an. So vorbereitet, wird der Leser dann in die der landwtrt- schaftlichen Entwicklung eigenen Sozialisierungs- tendenzen eingeführt Nach David führt der Weg der Soziallsierung in der Landwirtschaft weder über die Land- arbeiter-Produktivgenossenschaft, noch über den staatlichen oder kommunalen Regiebetrieb, noch über die konsumgenosfenschaft- liche Eigenproduktion. Alle diese Formen mögen unter beson- ders gelagerten Verhältnissen begrenzte Existemberechtigung haben. Den großen Zug der Entwicklung stellen sie nicht dar; dieser geht über die produzentengenossenschast- liche Organisation, wie wir sie in dem mächtig ent- wickelten landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen überall vor uns sehen. Ihrem Wesen nach stellen diese Genossen» schaften eine Verschmelzung des assoziativen mit dem indivi- dualistischen Wirtschaftsprinzip dar. Ihre Wirksamkeit geht von den Außenrsgionen des landwirtschaftlichen Betriebes (Bezug der Betriebsmittel. Verarbeitung und Verwertung der Erzeugnisse) aus, greift aber dann auch fortschreitend in die eigentliche landwirtschaftliche Produktionssphäre verbessernd ein und zielt schließlich aus die Durchorganisierung der gesamten landwirtschaftlichen Produktion im Sinne höchster technischer und sozialer Zweckmäßigkeit Die Brücke zum anderen Ufer wird geschlagen durch die Verbindung zwi- schen bäuerlicher Produzentenorganisation und nichtland- wirtschaftlicher Verbraucherorganisation. Das g e- schlossene S y st e m einer rationell organi- sierten Volks er näh rung erscheint als Ziel dieser Entwicklung. Von diesem Standpunkt aus empfiehlt David energische Förderung der Genossenschaftsbewegung. Auch die Sied» l u n g s b e w e g u n g ist mit dem Genossenschaftsprinzip zu durchdringen. Die Neuschaffung bäuerlicher Familienwirt- schaften als Glieder eines dichtmaschigen Genossenschafts- systsms ist der gegebene Weg, die kapitalistische Menschen» und Bodenausbeutung in der Landwirtschaft zu überwinden und die Voraussetzungen für eine rationell organisierte dem Gesamtwohl dienende Boden- und Ernährungswirtschaft zu schaffen. Im Zusammenhang damit entwickelt David einen Plan zur raschen Verbreitung einer besseren Fachbildung in der Masse der Kleinbauern und zur allgemeinen Anwen- dung rationellen Düngers und bestangepaßten Saatgutes zwecks schleuniger Steigerung der heimi- schen Bodenerträge. Bei Behandlung der Eigentumsfrage gibt David einen Ueberblick über die seitherige Stellung der Sozialdemo» kratie zum Grundeigentum. Nicht die Vergesellschaftung des Grund und Bodens schlechtweg, sondern nur die Beseitigung der kapitalistischen Eigentums- und Ausbeuwngs- formen fei programmatische Forderung des Sozialismus. Für die familienwirtfchaftliche Nutznießung des Bodens aber habe das soziale Bodenrecht zu gelten, wie es in der Weimarer Verfassung und in der Siedlungs- und Heimstättengesetzgebung angebahnt wird. Wir muffen uns mit dieser flüchtigen Skizzierung des überaus reichen Inhalts des Davidschen Werkes begnügen, und können allen, die sich mit Agrar- und Ernährungspolitik zu befassen haben, nur empfehlen, das Buch selbst zu stu- dieren. Das alliierte SachocrstSndigenkoniNee, das am 13. tlugust vom Obersten Rat eingesetzt wurde, um ewe Kontrollorganisation für die deutschen Ein- und Ausfuhrlizenzen zu errichten, hielt einer Havas- Meldung zufolge am!. und 4. Oktober seine ersten Sitzungen ab. Di« deutschen Sachoerständigen werden mit denen der Alliierten am 1l>. Oktober ihre Beratungen fortsetzen. braucht öw Jugenö eine Weltanschauung? Bon Alfred Möglich. Nach den einleitenden Worten der neuen Satzungen de« Ver- bandes der Arbeiterjugendoereme Deutschlands sollen sein« Mit- giieder„im Geist der sozialistischen Weltanschauung" erzogen wer- den. Damit stellen st» sich auf ein Fundament, das sonderbarer- weise von breiten Kreisen der Partei abgelehnt wird. Diese Kreise verneinen die Frage, ob der Sozialismus„Weltanschauung" sei, und wollen im Sozialismus(Marxismus) nicht ein« in sich ge- schlossene Wissenschaft, sondern nur eine Methode sehen, und zwar eine wirtschaftlich orientierte und basierte Methode. Aber es ist töricht, den Marxismus theoretisch nur als„Methode" und prak- tisch nur als ökonomische Bewegung anzusehen, und die Partei muß sich zu der Anerkennung durchringen, daß der Marxismus— das ist der wissenschaftliche Sozialismus der Gegenwart— nicht mehr und nicht weniger fft, als eine grandiose Weltanschau» ung ganz neuartigen Gepräges, also«in festfundiertes und klar umriffene» Gedankengebäude, das wie kein anoeres die Menschen der modernen Zeit in den wahren Sinn des Lebens einzu- führen oermag und diesem Lehen erst den rechten Weg gibt. Diese sozialistische Weltanschauung ist nicht— wie das irrtilm- licherweise namentlich in den Kreisen der älteren Parteigenossen vielfach vertreten wird— nur das, was man den„historischen Materialismus" oder die„materialistische Geschichtsauffassung" zu nennen gewohnt ist, also die Meinung, daß die ökonomischen Der- hältnisse allein die Gestaltung des gesellschaftlichen Dasein», der Kulturentwicklung bestimmen. An sich ist diese enge,«inseitige materialistische Auffassung schon historisch falsch, denn nirgends hat Marx das bezeichnende Wörtchen„allein gebraucht, sondern im Gegenteil, genau wie Engels ausdrücklich oft genug darauf hinge» wiesen, daß auch die geistigen Elemente innerhalb des Gefell- fchaftslebens eine Mach: find und gestaltende Kraft haben, und daß materielle und geistige Triebkräfte in Wechselwirkung das Dasein gestalten, wobei allerdings der entscheidende Druck allemal, wie die Geschichte tausendfach beweist, von den materiellen Elementen ausgeübt wird, weil diese das stabilere, das massivere sind und sich mit elementarer Gewalt rücksichtslos durchzusetzen vermögen, wo der Geist noch Erwägungen usw. zugänglich ist. Wer also in den Diskussionen und der Presse der Jugendbewegung von einem„engstirnigen" oder„öden" oder„einseitigen" Materia- lismus spricht, der kennt den wahren„Sinn des Sozialismus" nicht und sollte sich zuerst einmal gründlich darüber orientieren. Nach dieser klärenden Feststellung, die uns auf das schlüpfrige Feld eines sozialistischen Kardinalirrtums führte, muß es um so angenehmer berühren, daß das Statut der Arbeiterjugend so un- zweideutig das Prinzip der sozialistischen Weltanschau- ung betont. Hier hat neben individueller Erkenntnis sicher ein glücklicher Allgemeininstintt mitgewirkt, und es ist zu verstehen, daß— trotz aller abwegigen und irrtümlichen Zungenschläge in der jungsozialistischen Diskussion— auch hier dieselbe Ten- denz nach Durchbruch ringt. In den Kieler Leitsätzen wird„die Erringuna wisscnschastlichcr Erkenntnis" zur Aufgabe gemacht, auf der„Wagdeburg-Anba'tcr Tagung„die Vertiefung und geistige Entwicklung der sozialistischen Gedankenwelt' sowie die Reinerhal- tung der«Kulturidee des Sozialismus" zum Prinzip erklärt, und an anderen Stellen heißt es:„Jungsozialismus ist Weltanschauung, Cm Gefetz über Arbeitslosenversicherung. Das 21 r b e i t s l o f e n p r o b l e m ist in der Nachkriegs- zeit in den Mittelpunkt der sozialpolitischen Erörterungen ge- rückt und wird vermutlich daraus nicht(o rasch verschwinden. Heute gibt es in Deutschland nur noch eine Meinung, nämlich: daß den Arbeitslosen, die unverschuldet in ihre Notlage ge- kommen sind, aus öffentlichen Mitteln geholfen werden muß. Die gegenwärtige Form der Arbeitslosenunter- stützung ist noch auf die D e m o b i l m a ch u n g s bestimmun- gen zurückzuführen. Die Bestrebungen, die Erwerbslosen- Unterstützung zum Gegenstand der Sozialversicherung und zum Gegenstand eines besonderen E e s e tz e s zu machen, sind nun so weit gefördert, daß bereits ein Referenten» entwurf des Gesetzes über eine vorläufige Arbeitslosenver- sicherung festgelegt werden konnte. Dieser Gesetzentwurf wird nun im„Reichsarbeitsblatt" veröffentlicht. Es ist ein außer- ordentlich umfangreiches Werk, das genau 100 Paragraphen umfaßt. Das Wichtigste daraus sei wiedergeben: Der erst« Abschnitt behandelt den Amfang der Versicherung. Danach wird für den Fall der Arbettzlosigkeit versichert, wer auf Grund der Reichsgesetze gegen Krankheit pflichtver- sichert ist. Bersicherungsfrei sind die unständig Beschäf- tlgten sowie die in Land- und Forstwirtschaft, als Hausgehilfen, im Wandergewerbe usw. Tätigen. Außerdem wird von der Bersiche- rung nicht berührt, wer das 16. Lebensjahr noch nicht beendet hat, wer infolge körperlicher Gebrechen weniger als ein Drittel des be- rufsüblichen Einkommens bezieht und wer eine öffentliche oder Sozialrente bezieht, die täglich mindestens das Doppelte desien beträgt, was an Arbeitslosenunterstützung bezahlt würde. Das Ber- sicherungsverhältnis beginnt und endet nach den Vorschriften über die K r a n k e n o e r s i ch e r u n g. Mit der Anmeldung zur Krankenversicherung gilt auch die Anmeldung zur Arbeitslosenver- sicherung als erfolgt. Entsprechendes gilt von der Abmeldung. Im zweiten Abschnitt wird als Gegenstand der Versicherung bezeichnet: Arbeitslosenunterstützung, Versorgung Arbeitsloser für den Krankheitsfall und Kurzarbeiterunterstützung. Arbeitslosen- Unterstützung erhält, wer arbeitsfähig, arbeitswillig, aber unfrei- willig arbeitslos ist. Wer sich ohne berechtigten Grund weigert, Ar- beit auch nach auswärts anzunehmen, bekommt für die ersten vier Wochen nach der Weigerung keine Arbeitslosenunterstützung: es fei dann, daß für die Arbeit kein angemessener Lohn gezahlt wird oder die nachgewiesene Arbeit dem Arbeitslosen nach seiner Vor- bildung, früheren Tätigkeit oder körperlichen Beschaffenheit nicht zugemutet werden kann, daß die Arbeit durch Ausstand oder Aussperrung freigeworden ist oder daß die Versorgung der Familie unmöglich wird. Die gleiche Entziehung erleidet der- jenige, der sich ohne berechtigten Grund weigert, sich einer B e- rufsums chulung oder Fortbildung zu unterziehen, die geeignet ist, die Aufnahme der Arbeit zu erleichtern, ohne daß ihm dadurch besondere Kosten erwachsen. Ebenso bekommt vier Wochen lang keine Unterstützung, wer seine Arbeit ohne Grund freiwillig aufgibt. Durch Streik oder Aussperrung arbeitslos Gewordene haben erst Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung nach Ablauf von vier Wochen seit dem Abschluß des Lohnkampfes. Der Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung entsteht erst, wenn der Versicherte in den 24 Monaten vor Eintritt der Arbeitslosigkeit während 26 Wochen Beiträge geleistet hat. Wer in den letzten 24 Monaten bereits während insgesamt 26 Wochen Arbeitslosenunterstützung bezogen Hot, hat keinen Anspruch mehr: es müssen erst abermals während 26 Wochen Beiträge geleistet werden. Die Unterstützung besteht aus der Hauptunter st ützung und den Familienzuschlägen für Angehörige, die einen familienrechtlichen Unterhaltsanspruch haben. Die Höhe der Anterstühungssähe wird vom Reichsarbeitsminister unter Zustimmung eines besonderen Reichstagsausschusses festgesetzt. Dabei ist zu unter. scheiden zwischen Männern und Frauen, zwischen Arbeitslosen unter und über 21 Jahren und zwischen Ortsteuerungsklaflen. Die Familienzuschläge dürfen das Zweifache der Hauvtunterstützung nicht übersteigen. Die Gesamtunterstützung darf nicht höher sein, als% des Arbeitsentgeldes, das der Arbeitslose zuletzt bezogen hat. ist Lebensgestnnung, ist Lebensgestaltung". oder„Wir müssen den Sozialismus zu neuem Leben erwecken"— überall das Streben, sich nicht einer unklaren Gefühlsduselei oder einer schillernden Ro- mantik hinzugeben, sondern zu jener praktischen Lebens- meisheit oder weisen Lebenspraxis zu gelangen, die schließlich Endziel jeder Weltanschauung sein muß. Arbeiterjugend und Jungsozialisten, soviel man euch auch mißverstanden hat, weil ihr euch oft unklar und un- wissend ausgedrückt habt, wir fühlen, was ihr wollt, ihr seid aus dem richtigen Wege, indem ihr Sucher einer neuen Weltanschauung sein wollt, ohne die es ein vernunftgemäßes Leben nicht geben kann. Versucht es, einzudringen in den„wahren Sinn des Sozia- lismus", in die„Weltanschauung des Marxismus"— und eine Welt ungeahnter geistiger Reichtümer, gewaltiger ethischer Werte, farbenprächtiger Ideale wird sich euren Blicken austun. Ihr braucht wahrlich keinen„neuen Sozialismus", kein neues sozio- listisches Amerika zu entdecken, in dem zu einem großen Teil noch unberührten Schatzkammern des marxistischen Sozialismus findet Ihr illes, wonach sich eure Seele sehnt. Suchet!br, so werdet ihr finden und laßt vorläufig all» unsachlichen Phrasen beiseite. Die listisches Amerika zu entdecken, in den zu einem großen Teil noch unberührten Schatzkammern des marxistischen Sozialismus findet ihr alles, wonach sich eure Seele sehnt. Suchet Ibr, so werdet ihr finden, und laßt vorläufig alle unsachlichen Phrasen beiseite. Die schaden nur eurer guten Sache. Arno-hoft-Abend. Im Künstlerhau, sprach gestern Else Bayer aus der Blechschmiede von ArnoHolz. Der Dichter nennt die Blechschmiede in seinem Vorwort„den nichtswürdigsten aller Schmöker, die niederträchtigste aller Schwarten", der Literar- Historiker nennt sie eine satirische Zeitkomödie, und der Kritiker wünscht sich einen Hauch des Geistes eines Arno Holz, um ein Bild dieses Werkes malen zu können. Das sprüht und glüht und lodert, das jauchzt und weint und zischt, das ist Ucbermut, Wehmut, Ver» zweiflung, da» wirbelt dich im Karussel des Lebens Du vergißt, daß du im Vortragssaal sitzt, der Dichter hat dich in seinem Bann und zaubert dir tausend lebende Gestalten hin, er reißt dich mit durch die Länder, durch die Jahrhunderte. Ein Dichter spricht. Und wenn er in seiner Jugend einmal gesagt hat:«Ich litt Jahre an der Lust. Verse zu machen. Und alles in der Welt drehte sich nur um dos eine, von dem ich besessen war wie nur je ein mittelalterlicher Flagellant von seiner Büßeridee. Verse, Verse, Verse! Ich sah, fühlte und roch nur Verse", so merken wir, es ist heute noch ebenso. Ein überragender Geist spricht eindringlich zu uns. Nichts und alles ist ihm heilig. Die Blechschmiede ist ebenso ein Kontrollbuch für Poeten, in dem alle feilen Utensilien der Dichterei verballhornt wer» den, wie eine Bibel für wahres Menschentum. P. Reß sagt über Arno Holz:„In der nächsten Generation werden die Spatzen es von den Dächern pfeifen, daß Holz die stärkst« künstlerische Potenz seit Goethe vorstellt." Wir wünschen dem beut» schen Volk, es möchte das schon jetzt merken. Für seinen Gedicht» band„Buch der Zeit" mit 439 Seiten hat er einst ganze 2S M. Honorar erhalten. Wenn der Sibyllcnverlag in Dresden dem„Volk der Dichter und Denker" die Blechschmiede jetzt in würdiger Ausstattung überreicht hat, so danken wir ihm dafür. Hoffentlich wissen die Deutschen, was sie einem Dichter schuldig sind. Else Bayers Vortrag war meisterlich. Sie trug nicht vor, sie erlebte und zog doch dabei alle Register gerelften Können». Die Arbsitslosenunierftützung wird nach Ablaut von sieben Tagen nach der Anmeldung der Arbeitslosigkeit beim zuständigen Arbeitsnachweis gezahlt. Die Arbeitslosenunterstützung ist der Pfändung nicht unterworfen. Gelegenheitsverdienst des Arbeitslosen, der 19 Proz. der Gesamtunterstützung nicht übersteigt. wird nicht angerechnet. Der Mehrbetrog dieses Verdienstes aber wird bis zu 69 Proz. angerechnet. Für die Tage, an denen der Ar» beitslose die vorgeschriebene Meldung unterläßt» wird keine Unterstützung gezahlt Vollständig neu, aber begrüßenswert ist, daß auch dem teile weisen Arbeitslosen, den sogenannten Kurzarbeitern, Unterstützung gewährt werden soll. Versicherungspflichtige Arbeit» � nehmer, die in einer Kalenderwoche infolge Arbeitsmangels ver- ! kürzt arbeiten müssen und Lohnkürzungen unterworfen sind, erhal- tcn, sofern S9 Proz. des Wochenarbeitsverdienstes einschließlich des Verdienstes aus Gelegenheitsarbeit den Wochenbetrag der Unter- stützung bei gänzlicher Arbeitslosigkeit nicht erreichen, Kurzarbeiter- Unterstützung in Höhe des fehlenden Betrages; jedoch darf Arbeits- verdienst und Unterstützung nicht höher sein, als der Betrag des Ar- beitsoerdienstes bei voller Arbeitszeit. Ueber die Festsetzung und Auszahlung der Leistungen spricht der dritte Abschnitt. Danach werden die Leistungen auf Arbeitslosen- Versicherung, auf Antrag des Vorsitzenden des Arbeitsnachweises fest» gestellt. Den Antrag auf Arbeitslosenunterstützung hat der Arbeits- iose bei dem Arbeitsnachweis zu stellen, in dessen Bezirk er seinen Wohnsitz hat. Den Antrag zur Kurzarbeiterunterstützung kann nur der Arbeitgeber oder die Betrtebsvertretung stellen. Ueber Maßnahmen zur Verhütung und Beendigung der Arbeitslosigkeit andelt der vierte Abschnitt. Die Arbeitslosigkeit soll in erster Linie urch Vermittlung vorhandener Arbeit verhütet und beendigt werden. Zu diesem Zweck können dem Arbeitslosen vom Arbeits- Nachweis Reisekosten zum Uebersledeln in einen anderen Ort, wo er erwiesenermaßen Beschäftigung erlangen kann, gewährt werden, wenn dem Arbeitgeber nicht zugemutet werden kann, die Kosten zu übernehmen und Arbeit in nähergelegenen Orten nicht vorhanden ist. Di« Reisekostengewährung kann auch auf die Familien Mitglieder des Arbeitslosen ausgedehnt werden. Siedelt der Arbeitslose allein nach einem anderen Arbeitsort über, so können die Familienzuschläge für die zurückbleibenden An- gehörigen für die Dauer des Arbeitsverhältnisses ganz oder teil» weise weitergewährt werden. Das gilt namentlich für u n st ä n- dige Arbeit. Hat der Empfänger der Arbeitslosenunterstützung eine Arbeit angenommen, in der er wegen mangelnder Fertigkeit den Normalverdienst erst später erreichen kann, so kann ihm bis zur Dauer von acht Wochen ein Zuschuß zum Arbeitsentgelt gewährt werden. Arbeitsentgelt und Zuschuß dürfen weder die Kzöhe des vollen Verdienstes noch 5i der zuletzt gezahlten Arbeitslosenunter- stützung übersteigen. Die Aufbringung der IMttel, von denen der fünfte Abschnitt handelt, soll zu% durch Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und im übrigen durch Zuschüsse de» Reichs, der Länder und Gemsinden erfolgen. Die Beiträge wer- den vom Reichsarbeitsministcr mit Zustimmung eines Reichstags. ausschusses halbjährlich festgesetzt. Die Verteilung der Beitragslast aus die einzelnen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat der Ab- st u f u n g der Hauptunterstützung und der Gefahr der Arbeitslosig» keit im Beruf zu entsprechen(Abstufungen nach dem Risiko). Die Beiträge werden von Arbeitgebern und Arbeitnehmern je zur Hälfte getragen. Der A r b e l t g e b e r hat die Beitröge für den Arbeit- nehmer an die zuständige Krankenkasse einzuzahlen. Von dem Auf- wand der Versicherung werden aus öffentlichen Mitteln aufgebracht: V» durch das Reich, V» durch die Länder, V« durch die Gemeinden. In besonderen Fällen können den Ländern und den Gemeinden aus Reichsmitteln besondere Beihilfen für ihre Lasten gewährt werden. Der letzte und sechste Abschnitt enthält die allgemeinen Ueber- g a n g s- und S t ra f b e st i m m u n g e n. Dann ist besonders wichtig die Betonung, daß die Leistungen aus diesem Gesetz nicht als Sfsentllche Armenunterstützung angesehen werden dürfen.— Verstöße gegen die Borschriften können Strafen bis zum dreifachen Betrage der täglichen Unterstützung nach sich ziehen. Arbeitgeber, die einbehaltene Beträge der berechtigten Kasse vorsätzlich vorenthalten, werden mit Geldstrafe bis zu 3999 M. bedroht. Auch kann auf Gefängnis und auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrecht« erkannt werden. Vaklanoff im Deutschen Opernhause. Welch ein Meister der Bühne, welch ein Sänger und Mensch! Der Narr des„Rigoletto" wandelt sich ln Scarpia, und die Dämonie des lüsternen, starren, sadistisch herzenden Kavaliers hämmert Worte, Gesten, Situationen wie neu in unser Gedächtnis. So grundstark sind die Spielnuancen diese» Phänomens, daß das Urteil über das Tosca-Werk revidiert werden muß. Vorgestern, in landläufig bürgerlicher Atmosphäre, dominierte die Kinotechnik sranzösisch-italienischen Ursprungs, gestern, als Baklanoff das Spie! dirigierte, schien dieser zweite brutale Akt aus jenen Regionen zu stammen, in denen Strindberg seine Toten- tänze kommandiert. Ein Beben der Lippen,«in ironisches Lächeln, eine wegwerfende Handbewegung, die mit Schicksal und Leben Fang- ball spielt, ein tierisches Aufbegehren und ein sieghaftes Aufrecken beim qualvollen Unterliegen des Weibes— ein wandelnder Schrecken, ein drohend aufgestelltes Wahrzeichen der Gewalt, des Despotismus. des Nieoerhaltens, eine jener Rieseneichen, die nur ein revolutionärer Sturm wegfegen kann. So gewinnt die Episode des Eavaradossi und aller Engelburgsgefangenen symptomatische Bedeutung. Die Ver- körperung aller egoistischen Süchte muß notwendig im Fluch und im Mord untergehen. Baklanoff spielt den Scarpia mit der rechten, ganz überlegenen schauspielerischen Kunst, die ein Körper hergeben kann. Den Vorteil italienischer Sprache ausnutzend, strömt seine Stimme Wohllaut aus, auch wenn die Szene einmal ein Brüllen, ein scharfes Sprechen, ein Fauchen herausfordert. Wo in Deutsch- land lebt einer, der diese Spiel- und Singeeinhett schafft? Rußland schickt uns fürwahr seltene Gäste. Laubenthal» Eavaradossi ist seine beste Rolle, und Frau S a l o a t i n i ist bei weitem stärker, freier, elementarer geworden. Leiter der Auffuhrung war Waghalter, der die Wirkungen her- ausholt wo immer sie zu finden sind. K. S. Der amerikanische Weihnachtsmann. Die„Santa Claus Gesellschaft" in Amerika, die ihren Namen von„Santa Claus" hat wie man dort den Nikolaus nennt, trifft bereits ihre Vorbereitungen für das Weihnachtsfest. Die 1913 gegründete Der- eintgung hat sich zum Ziel gemacht, hie vielen Kinderbriefe. die alljährlich an den Weihnachtsmann geschrieben werden, nicht unter die unbestellbaren Postsachen gelangen zu lassen, sondern dazu beizutragen, daß die Wünlche der kindlichen Briefschreiber sich nach Möglichkeit erfüllen. Die Gesellschaft sammelt daher diese Briefe und läßt durch freiwillige Helfer ihr« Absender feststellen. Alle Schreiben, die von armen Kindern herrühren, werden dann an Per- sonen weitergegeben, die bereit sind, den heiligen Nikolaus zu spielen. Die Gesellschaft rühmt sich, die größte Weihnachtsgabenorganisation der Welt zu sein. Im letzten Jahr sind in New Jork 39 999 solcher kindlicher Schriftstücke durch ihre Hände gegangen: an S899 Familien mit durchschnittlich drei Kindern sind ungefähr 79 990 Dollars oer- teilt worden. Georg Treu, der bekannte Archäologe und frühere langjährige Direktor der Dresdener Skulpturensammlung, ist im Alter von 73 Jahren im Weißen Hirsch bei Dresden g e st o r b e n. Sein Name ist mit den Ausgrabungen in Olympia verknüpft deren Leitung er 1877 übernommen hatte. Das größere Publikum kennt ihn aus seinen Werken über Max Klinger und M e u n i e r. Durch die im Jahre 1884 erschienene Schrift„Sollen wir un- sere Statuen bemale n?" hat Treu die Aufmerksamkeit der deutschen Bildhauer auf das Problem der farbigen Plastik gelenkt und namentlich Klingers Schaffen beeinflußt. Es handelt sich bei vorliegendem Gesetzentwurf lediglich um die vorbereitende Arbeit eines Referenten, die dem Ar- be-.tsminister zur Genehmigung vorzulegen ist, bevor sie das Reichskabinett passiert und sodann an die gesetzgebenden Kör- perschaften gelangt. Der Entwurf wird von den Vertretern der Arbeiterschaft einer gründlichen Kontrolle unterzogen werden müssen, ehe er die Parlamente verläßt und Rechts- kraft erlangt. Ohne uns im Augenblick auf eine Kritik des Entwurfs einzulassen, sei folgendes bemerkt: Die Bestimmung. wonach solche Erwerbslose, die während der letzten zwei Lahre 26 Wochen hindurch Unterstützung erhielten, erst aber- mals 26 Wochen Beiträge zahlen müssen, um aufs neue unker- stützt zu werden, enthält eine außerordentliche Härte. Bei der künftigen Beratung wird der Gesichtspunkt des Ar, beiterschutzes keinen Augenblick außer acht gelassen werden dürfen._ Enöe öes baperifthen ftusnahmezuftanües. Willlchev, 6. Oktober.(WTD.) Amtlich wird nunmehr durch das Gcsamtministerlum die Verordnung veröffentlicht, wonach gemäß den Vereinbarungen mit der Reichsregierung der Ausnahmezustand in vayern mit dem IS. Oktober aufgehoben wird. Die Bestimmungen über die bayerischen Volks- gerichle bleiben naberührt. Dominicus Hilst. Aus parlamentarischen Kreisen wird uns geschrieben: Di« bürgerlichen Gemeindevertreter von Eichwalde, Kreis Teltow, warteten schon seit März 1S19 auf den Augenblick, wo sie die s o z i a l i st i s ch e Mehrheit im Gemeinderot beseitigen könnten. Nachdem der Gemeindevorsteher, Genosse Patscht«, in Schkeuditz als Bürgermeister gewählt worden war, hielten die Herren den Augenblick für getommen. Sie stellten den Antrag, eine Neuwahl des Gemnndevorstehers nicht eher vorzunehmen, bis der Landtag die neue Landaemeindeordnung geschaffen habe und nach dieser Landgemeindeoronung die Gemeindevertreter neuge. wählt worden seien. Bis zu dieser Zeit sollte der dienstälteste Schöffe das Amt als Gemeindevorsteher ausüben. Unlere Ge. nossen betonten, daß die Neuwahlen mindestens noch ein Jahr auf sich warten lassen würden, und so lange könnte die Gemeinde nicht ohne Gemeindevorsteher sein; mit Hilfe der USP. und KPD. wurde beschlossen die Neuwahl am 11. Juni vorzunehmen. Saum war der Beschluß gesaßt, so zog einer der Bürgerlichen eine schriftliche Erklärung aus der Tafch«, wonach sämtliche bürgerlichen Vertreter sowie deren Ersahmänner iher Aemter niederlegten. Am 11. Juni wählten die sieben sozialistischen Gemeindeoertreter trotzdem de» Genossen P u ch a t von Bohnsdorf als Gemeindevorsteher. Der Genosse Puchat wurde vom Landrat nicht bestätigt, da nach seiner Aufsassung der alte Gemeindevorsteher, der Genosse Patschke, nicht mehr dem Eemeinderat angehörte und deshalb an der Wahl nicht hätte teilnehmen dürfen. Dieser Ausfossung schloß sich das Ministerium des Innern an und löste den Ge- meinderat in Eichwalde auf, well eine Mehrheit nicht mehr vorhanden sei. Diese Begünstlaung der bürgerlichen Minder- hell wollen unsere Genossen nicht dulden: sie haben deshalb im Landtage folgende Anfrage eingebracht: .Durch Verordnung vom S. September d. I. hat das Staats- Ministerium die Gemeindevertretung der Landgemeinde Eichwalde im Kreise Teltow a u f g e l ö st, trotzdem durch die Niederlegung der Mandate seitens der fünf bürgerlichen Gemeindevertreter und deren Ersatzmänner der Gememderat nicht beschlußunfähig geworden war. Der Einwand, daß der Gemeindevorsteher Patschte in Schkeuditz bei Leipzig als Bürgermeister gewählt und eingeführt war, war, und deshalb am 11. Juni, als der neue Gemeindevor- steher in Eichwalde gewählt wurde, dem Gemeinderat nicht mehr angehörte, ist gesetzlich nicht haltbar, denn Patscht« war in Eich- walde ehrenamtlich als Gemeindevorsteher tätig, hat bi» zum IS. Juni In der Gemeinde Eichwalde gewohnt und hatte fest, Amt in Schkeuditz noch nicht angetreten. Es erweckt den Anschein, als wenn das Staatsministerwm einseitig, entgegen den gesetzlichen Bestimmungen, das Vor. gehen der bürgerlichen Minderheit, die ohne besonderen Anlaß ihre Mandate niederlegte, billigt und durch die Auf» lösung der �Gemeindevertretung diesm bürgerlichen Vertretern zu Hilfe kommen will. Ist das Staatsministerium bereit, Auskunst zu geben, ob eine solche Schlußfolgerung richtig, oder welche sonstigen Gründe das Staatsministerium veranlaßt haben, die AuflösunF der Eichwaldcr Gemeindevertretung vorzunehmenk Berlin, den 1. Oktober 1291. Haas Scholich(Breslau) und die übrigen Mitglieder der Frattlon der Sozialdemokratischen Partei." GroßSerlln Das rote Netz. „Von roten Ketten macht uns frei die Deutsche Volkspartei" schrien vor wenigen Monaten auffällige Plakate, die an den An- schlagsäulen Berlins prangten, und dicke rote Ketten waren auf ihnen zur Darstellung gebracht. Die Wochen verrannen und auch die Monate, aber die roten Ketten hielten, so sehr man sich auch mühte, sie zu brechen. Das rote Berlin begann trotz aller Hem- mungen, die die Ketsnfprenger mit heißem Bemühen auftürmten, trotz aller sonstigen Schwierigkeiten, Fortschritte zu machen. Die ersten Erfolge tonnten gebucht werden, überall regte sich neues Leben. Die jungen Arbellerkräft« tn der Verwaltung, die frei vom Dogma, aber mit großer Verantwortlichkeit schafften, zeigten sich ihrer neuen Aufgabe vollkommen gewachsen. Die roten Ketten zogen fester an: Da» war den Ketensprengern zuviel. Die Roten durften nicht den Beweis ihrer Tüchtigkeit erbringen. Ge- lang es nicht durch Verleumdung allein die rote Verwaltung beim Volke verächtlich zu machen, so mußten andere Mittel gefunden werden. Und plötzlich kam ihnen die Erleuchtung: Wozu hatte man denn die Justiz, wozu gab es denn herrliche„formale Verstöße"? Mll der Spitzfindigkeit und Demagogie, die einem Mephisto Ehre gemacht hätte, betrieben die Kettcnsprenger die Auflösung des Stadt- Parlaments. Der Anschlag gelang. Neuwahlen müssen stattfinden. Und dabei rechneten sie so:„Wir, die Dolksparteiler, sind immer Segner des Wahlrechts der großen Masse gewesen, aber wir haben uns auf den Boden der Tatsachen gestellt. Jedes Ding, das im Uebermaß genossen wird, verliert an Wert, erregt Abscheu und Widerwillen. Wenden wir uns also nicht gegen die Wahlen, son- dern versuchen wir soviel Wahlen herbeizuführen, daß das Wählen zuletzt zur Qual wird. Je mehr Wahlen ausgeschrieben werden, um so größer die Wahrscheinlichkeit, daß dem ach so unpolitischen Volk« das Wählen ganz und gar verleidet wird. Die Arbeiter- Wähler werden in großen Mengen daheim bleiben und den bürger- lichen Anhang würde man schon an die Wahlurne bekommen. Dann ober«st das rote Verlin erledigt, dann sind die Kcttensprenger Herren im Hause." Auf den neuesten Plakaten zeigen sie keine Ketten mehr, son- dern nur noch zarte fein« Spinnfäden, die zu einem Netz verewigt sind, w deren Mitte eine dicke fette Kreuzspinne sitzt. Sicherlich rechnet die Geseqschast mit dem Abscheu des Beschauers vor diesen Tieren. Sie hoffen, den Wählern durch solche Mätzchen die Wahl von Sozialdemokraten zu verleiden. Und doch liegt, wenn auch ungewollt, in diesen Piataten eine Anerkennung für uns. Die Spinne ist nämlich ein äußerst geschicktes Tier. Ihre Netze sind technisch richtig gebaut, sie entsprechen allen Anforderungen der Statik. Wenn jede Verwaltung so einwandfrei gebaut ist, wie da» Netz einer Spinne, wenn ihre Fäden den ganzen Berwaltungs- körper so leicht und fast unsichtbar und doch so logisch durchziehen würde, können wir zufrieden sein. Und noch einsl In solchen Netzen fängt sich vieles Ungeziefer.... Der Nicht«äh!er-„Kutomat". Im„Der L T a g e b I." erinnert der demokratische Stadt- verordnete Dr. Michaelis daran, daß bei den S t a d t o e r- ordnetenwahlen von 1920 die Zahl der Wahlberechtigten sich auf 2 147 belief, aber nur 1 K4S 211 zur Wahl kamen. Indem er das Heer der 903906 Nichtwähler größtenteils für die bürgerlichen Parteien in Anspruch nimmt, behauptet er, die sozia- listisch-kommunistische Mehrheit im Rathaus fei nur durch das Der- sagen der nichtsozialistischen Wählermassen zustande gebracht worden. Er weist auf die„politische Indolenz und Indifferenz" dieser Kreise hin, fordert eine wesentlich stärkere Beteiligung als im vorigen Jahr und empfiehlt den NichtWählern seine demokratische Partei, die bei anderer Zusammensetzung der neuen Stadtverordnetenversammlung den„Kern einer Koalition der Mitte" bilden werde. Ausgerechnet die zwerij- und greisenhafte Fraktion der Demo- traten will der Kristallisterungspuntt sein, um die der von ihnen erstrebte Block sich gruppieren soll. Michaelis meint, wenn auch nur die Hälfte der Nichtwähler zur Wahl geht, werde„automatisch" die heutige Mehrheit sich in eine Minderheit verwandeln. Unsere Genossinnen und Genossen werden dafür zu sorgen haben, daß dieser „Automat" versagt Mögen sie die Nichtwähler ausklären über die Gefahren einer bürgerlichen Mehrheit und über die Notwendigkeit, für die Sozialdemokratie zu stimmen._ Mehr Unterstützung für Erwerbslose. Di« w der Stadtverordnetenversammlung von der linken Seite als notwendig erklärte Aufbesserung der Er- werbslofenunterstützung soll nach dem Antrag des ständigen Aus- schusses für Erwerbslosenfürsorg« Im einzelnen folgende Unter- stützungsfätze bringen. Die Unterstützung soll steigen: bei unter 21 Jahre alten Personen, für männliche von 7,25 M. auf 10,25 M., für weibliche von 4,75 M. aus 7,75 M.; bei über 21 Jahre alten Personen, sofern sie Im Haushalt eines andern leben, für mann- liche von 10 M. auf 14 M., für weibliche von 7,25 M. auf 10,25 M.: sofern sie nicht im Haushalt eines anderen leben, für männlich« von 12 M. auf 10 M. für weibliche von 10 M. auf 10 M. Steigen soll ferner der Familienzuschlag: für den Ehegatten von 5 M. auf 7 M., für sedes Kind und jeden sonstigen unterstützungsberechtigtsn Angehörigen von 4,25 M. auf 0,25 M. Der Beschluß der Stadt- verordnetenversammlung fordert den Magistrat aus, bei den Reichs- und Staatsbehörden diese Erhöhung zu beantragen. Gattenmorüprozeß tzemberger. Nach Eröffnung der heutigen Sitzung wird nochmals kurz in die Vernehmung der Frau Dr. Hemberger eingetreten. Die Angeklagte bekundet und legt einen diesbezüglichen schriftlichen Vertrag vor, daß Dr. Hemberger, um seine Wohnungseinrichtung dem Zugriff seiner Gläubiger zu entziehen, diese seiner Frau crd- nungemäßig verkauft und lediglich das Benutzungsrecht hatte. Auf Anraten des Protz« habe sie nach dem Fortgange von ihrem Manne die sämtlichen Möbel sofort verkaufen wollen. Auf Vorhalt des Vorsitzenden bekundet die Angeklagte weiter, daß sie in Begleitung der Zierlein(Frau Weife) die Anschläge an den Litfaßsäulen ge- lesen habe, in welchen eine Belohnung von 5000 Mark für den- jenigen ausgeboten, der nähere Angaben über den im Kanal ge- fundenen männlichen Rumpf machen könne. Sie habe dabei ge- äußert, daß hoffentlich die Schürze, in die der Rumpf eingenäht war, nicht zum Verräter würde, da die Aufwärterin die Schürze genau kenne. Hierauf wird die gestern abgebrochene Vernehmung des Angeklagien Protze fortgesetzt. Er bekundet, daß er auf Veranlassung der Frau Dr. Hem- beraer mit dem damaligen Fräulein Zierlein zu deren Eltern nach Brandenburg gefahren sei, um zu verhindern, daß die Z. irgendwie aus der Schule plaudere. Der Vorsitzende hätt ihm vor. daß er bei dieser Gelegenheit einen sinnierten Anstellungsvertrag geschlossen habe, ne.ch dem ein Dr. Schwarz auf Veranlassung „seines Assistenten Vrotze" die Zierlcin als Empfangsdame enga- giert«. Protze erklärt hierzu, daß er diesen Schwindel in erster Linie verübt habe, um der Z. eine Weihnachtsfrcude zu machen und zu erreichen, daß sie ihm volles Vertrauen schenke. Wie er zu dieser Sache getommen sei, könne er heute nicht mehr sagen, da er in» folge der Tat mit seinen Nerven so hcrunterge« w e s e n s e i, daß er fürchtete, jeden Augenblick zusammenzubrechen. Al» er von Brandenburg an die Frau Dr. einen Brief schrieb und um Geld bat, habe diese ihm einen nichtsnutzigen Antwortbrief ge- schrieben, in dem sie erklärte, sie müsse für sich selbst sorgen und könne ihm nicht» schicken. Nach Berlin zurückgekehrt, habe er seine Papiere von der Frau Dr. Hemberger zurückfordern wollen. Bei dieser Ge- legenhcit zeigte mir— so erklärt. Protze weiter— Frau Dr. eine Postkarte aus Grünau, nach der dort eine Leiche gefunden sei, die Aehnlichkeit mit ihrem als vermißt gemeldeten Manne hatte. Sie gab mir das Fahrgeld und sagte, ich solle nach Grünau fahren, mir die Leiche ansehen und erklären, es sei nach meiner Ueberzeugung die Leiche des Dr. Hemberger. Als der Vorsitzende auf die Auf- findung de« Rumpfes zu sprechen kommt und dcm Protze die Photo- grophie des Rumpfes zeigen lassen will, wehrt Protze mit entsetztem Gesicht ab und ruft: Ich will da» gar nicht sehen. ich kenne die Photographie! Die weitere Vernehmung Protzes bezieht sich dann auf einen C r- pressungiversuch an einem Herrn Lißner, der sich Protzes seinerzeit au» Mitleid angenommen hatte. Protze sagt aus, er Hab« das getan, um in den Besitz von M o r p h! u m zu gelangen, da «r Morphionist sei. Vor f.; Sie haben zu jener Zeit«in schriftliches Geständnis aufgesetzt? Protze: Ich Hab« mehrere solche Gestönd- nisse abgefaßt. Ich befand mich in einer derartigen seelischen De- Pression, da das furchtbar« Geheimnis auf mir lastete, daß ich meinem Leben«in End« machen wollte Ich schrieb den Sachverhalt genau aus und trug dieses Geständnis stets bei mir. Auf Vorhalt de» Vorsitzenden, was er bis zu feiner Verhaftung gemacht habe, erzäblt Protze, daß er mit einem„Dr. Harberger" in Frankfurt a. M. gewesen sei. Dort Hobe er den Verdacht geschöpft, daß dieser ein Werber der Fremdenlegion sei. Er will dann geslüchiet und nach Höchst a. M. gekommen sein. Während er beute erklärt, daß er dort harmlos gearbeitet habe, hat er früher eine phantastische Räubergeschichte«rsunden. Protze erklärt, daß er unter dem Einflüsse der durch die Tot hervorgerufenen seelischen Depression häufig irgendwelche Ding« erfunden und schließlich an dies« selbst' geglaubt habe.— Landgerichtsdirektor Dr. Ziethen bält dem Angeklagten schließlich noch vor. daß«r auf ollen möglichen Umweaen schließlich noch Breslau gekommen sei, ohne zu wissen, daß leine Frau Inzwischen die Se'bstan.zeige bei der Polizei abgeliefert hatte. Er sei dann an demselben Tage verhastet worden.— In dem zur Verlesung gebrachten schrisilicheu Geständnis spricht Protz« tn einem Vorwort die Bitte aus, man möge dafür sorgen, daß seiner Frau mit ihrem Kinde die Belohnung von 5000 M. ausgezahlt werde, damit er wenigsten» diese, die ihm das Liebste aus der Welt seien, nicht mittellos zurücklasse. Protze schildert sodann die Tat in allen Einzelheiten. „Volk und Zeil", unsere illustrierte Wochenschrift, liegt der heutigen Postauflage bei. Nach zwei Jahren als tok festgestellt. Die Ermittelungen zur Aufklärung der von dem Lustmörder Troßmann verübten Ber- brechen haben zur Ermittelung einer ganzen Reihe von Mädchen und Frauen geführt, die bi» dahin als vermißt galten und deren Aufenthalt bisher unbekannt war. Auch verschiedene Leichen von Mädchen und Frauen, deren Persönlichkeiten bisher nicht hatten festgestellt werden können, sind durch die Nachforschun. gen in der Mordsache Großmann rekognosziert worden. So war u. a. auch eine 188Z geborene Frau Käthe Benkmann seit dcm April 1919 spurlos verschwunden. Es wurde nunmehr einwand- frei festgestellt, daß die seit mehr al» zwei Iahren unbekannte Tot« die verschwundene Frau Benkmann ist. Diese hatte sich nach ihrem Entfernen aus der gemeinschaftlichen Wohnung ins Wasser g e- stürzt und wurde wenige Tage daraus als Leiche gelandet. „Wie bringt mein«arten mir ssrende und Nutzen?" wird die VortiagSreibe bchande!», die lyartendirettor Ludwig Leiser als Do,ent der Humboldt- Hochschule vom 10. Oktober ad in Berlin, Arie- drichstraße 125, 7—8'/, Ubr abends, abhalten wird. RnIStzlich der Berliner HliudcauSftellung am 22. und LZ. Ottober veranstaltet die LandeSgrupve Marl Brandenburg des PinschertlubS ffi. 55. eine DvezialauSllellung. für die bereits eine grögere Anzabl von Preisen gcsliitct ift. Die Ausstellung verdient um so mehr Ausmcrksamleit. als eZ das erstemal ist. dag In der Reichshauptstadt die Pinscherzwerqe, die „Rattcuiänger- und die wenig bekannte vorzügliche Polizeihundrasse, die Riescnschnauzer, in größerer Anzahl zu sehen find. Wetter für morgen- verlin«nd Umgegend. Trocken und überwiegend heiter. nachtS wieder kühl, in den Mittagftunden sehr mlld bei mäßige» südöstlichen Winden. OewerMastsbeivegung Der Tischlerstreik üauert fort. In zwei überfüllten Dersammlungen in den„Kammersälen" haben die ftreikenden Holzarbeiter heute früh den Schiedsspruch des Assessors Körner einstimmig abgelehnt. Wenn es sich nur um den Lohn gehandelt hätte, dann hätten sich die Streikenden schließlich damit abgefunden, aber st« führen den Kampf um den Reichsmantelvertrag. Aus diesem Bertrag hat der Schiedsspruch alle Rosinen herausgepickt, wie es die Arbeitgeber unter der Führung des Obermeisters Paeth wollen. Deren Wünsche sind in dem Schiedsspruch ausschließlich berücksichtigt. Die Ber- liner Holzarbeiter verlangen als Mindesimaß die Arbeitsbedingungen, welche ihre Kollegen in ganz Deutsch- land haben. Das haben die streikenden Holzarbeiter mit starkem Beifall erneut zum Ausdruck gebracht. Trotz der Not, in der sie sich in dem nunmehr achtwöchigen Streit befinden, werden sie im Streit ausharren, bis ihre Forderungen bewilligt sind. Teuerungszulage der Jnnungsschmkede. Ein« Vollversammlung der in den Groh-Berllner Jrnnmgs- betrieben beschäftigten Schmiede am Donnerstag in Vökers Fsstsälen nahm den Bericht von S t e p p u n(Altgeselle) und Winter vom Gesellenausschuß über die letzten Verhandlungen mit der Schmiede- innung entgegen. Gefordert war eine Teuerungszulage von 1 M. pro Stunde auf die bestehenden Löhne. Der Innungsoorstand er- klärte von vornherein die von den Gesellenvertretcrn näher sormu« lierte Forderung für unannehmbar und lehnte auch eine neue For- mulierung ab, die für Schirrmeister einen Stundenlohn von 8 M. und für die übrigen drei Gruppen die übliche Abstufung nach unten vorsah. Der Jnnunqsvarstand machte dann das Angebot, auf die Tariflöhne zuzüglich der schon früher zugestandenen Teuerungszulage von 50 Pf. von neuem 50 Pf pro Stunde zuzulegen und dos Ganze als neuen Tarifgrundlohn feftzulezen. Danach sollen pro Stund« bekommen: Schirrmeister 7.70 M., Beschiagschmiede 7,20 M., Stock- und Beschlagqesellen 0,50 M. und Stockgcsellen 0 M. Ferner ver- langten die Meister die Aufnahme einer neuen Gruppe der Jungaus- gelernten, die nur 5 M. erhalten sollten. Die Vertreter der Gesellen versuchten mit aller Energie die Schaffung der neuen fünften Gruppe zu verhindern, da der Ausgelernt« ebensowenig mit 5 M. pro Stunde leben und sich kleiden könne wie ein anderer. Auch versuchte man die Meister zu bewegen, dem zuzustimmen, daß die Zulage von 50 Pf. auf jeden bereits gezahlten Lohn entfalle, daß sie also auch jeder Geselle voll erhalte, der schon bisher mehr als den Tariflohn erhielt. Der Jnnungsvorstand und die Generalversammlung der Innung lehnten dies ab und beharrten auf Schaffung der Gruppe der Jungausaelernten. In der Diskussion trat ein starker Unwille über das geringe An- gebot zutage und ganz besonders auch über die angesonnene Schaffung einer fünften Lohnaruppe. Es wurde erklärt, falls man jetzt wirklich dem zustimme, müßte alles gclchebxn, um diese Gruppe bei günstiger Gelegenheit wieder aus dem Tarif zu beseitigen. Aus den Verhandlungen teilte Winter mit, daß der Schmiedemcister Müller auf den Hinweis, die Kutscher bekämen vielfach mehr als die Schmiede, gesagt habe, einen tüchtigen Kutscher schätze er höher als den Schmiedegesellen. Diese Aeußerung wurde von verschiedenen Rednern scharf verurteill. Auf Vorschlag aus der Versammlung wurde«instimmig be- schlössen, das Ergebnis der Verhandlung zwar anzunehmen als eine neue tarifliche Regelung der Löhne, den Gefcllenausschuß aber zu beauftragen, sofort wieder wegen einer neuen Teuerungs- zulaae in Verhandlung zu treten. Im Laufe der Diskussion war außerdem angeregt worden, jeder Geselle, der schon m e h r als den alten Tariflohn erhalt«, möge f 2 r sich darauf dringen, daß auch er 50 Pf. mehr erholte wie bisher. Die Berliner Gewerkschaftskommlsston hält Montag abend 0 Uhr im Englischen Garten, Alexanderstr. 27(weißer Saal), eine Plenarversammlung ob. Tagesordnung: 1. Bericht des Ausichusses. 2. Steuerfrag«. Referent Genosse Dr. Hilserding. Z. Volksfürsorge. Referent Genosse Lvhmeyer. 4. Dilettanten im Mustkgewerbe. Referent Gallas. Wir bitten um bestimmtes und pünktliches Erscheinen. Diese Einladung gilt als Legitimation, ohne dieselbe kein Autritt. Zu der sSchst'Sicn Papierindustrie kam ee zu einer Einigung. Streik und Aussperrung wurden ausgehoben und die Arbeit sofort wieder aufgenommen. I« der HSchfler Industrie wird heut« über die zwischen den Gewerkschaften und dem Arbeitgeberverbond vereinbarten Bedin- gungen zur Wiederaufnahm« der Arbeit eine Abstimmung oorge- nommen. Der Streit in Nordfrantreich geht weiter, da die Verhandlungen vor dem Arbeitsmlnlster gescheitert find. Dieser schlug vor, die Stundenlöhne um 10 Proz. anstatt um 20 Proz. zu kürzen, was von beiden Parteien abgelehnt wurde. Werkmeister- Bervaad. ffeSzrnpve« kMrt»Mchr«tbmf«k>rIk»tUiO Montag T Mir im Lokal«chlegsche»eäSf. Sitae Friodrichstr. I, SJlttglieberoetfammlimg. BoNrag übet Tarifbiwegung. Krwerkfch-st-kartell Rowawe» Montag V/, Uhr Sitzung bei Sirnke. Vrrant«. für denredakn Teil: Dr. Läetnet«eilet, Tharlottenburg: für anjetsen; TD. Moike. Berlin,«erk-g: BorwSrtS.Berlag»erNN. Druck;«ot- wärtS-Buchdruckeeei u. Berlags-nst-lt»mil Lioaer u.«»., Berlin. Otnbenltr. 8. j Beacntea Sie nmiere 13 Scfaaafeprfer'nnd IS Saia-altätlen Die überaus siarke GeldeaiwerSwi�g ruft eine rapide Verteuerung alfer Textilwaren hervor Wir bieten noch an ZTU toiSlfgen 3SS.- Peinwo//.' Cigearfiger � Popeimp-iStekl? ftaiiJm-rfaoM ntf r*Kner Mastrtt mit Crrckerei 9. Plisöä 0. OömfpaspeJ Blusen und Jumper in Wolle und Seide, gioOs Auswslil/ Kostamröcke/ Kinder-Kleider und Hantel im e � o n f e 1c 1 1 o ii s- II a 12 s M. Kraus& Cs Berüsi O 112, Frankfurter Aliee 50, ESSans ffia�ansifco Fahrverbindungen: KSn�bahnhol Frankfurter Allee, StraSeabahn: 6, 68, SS, 70, 71, 77, 1SL, 17S. Wnll'HosiSm Tu*h-M!anM rrnf Pelzartigem atiafz.reich geafickr k feiner Qola Stickerei w schönen krbon HZantel aers sebroerMoU-, TDare.-Kraget aTTtanschellet mbibep/arbe. P/äscbbeset 'HrVorteUf JlteSarnsn�Kerreohfile reinigt, färbt u. preßt um in höchst. Vollendg. StroS- and Fiizttbrik Georg Erdmann SchSnhaus. 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Tegel, Borfigwalde, Reioickeadorf-Wefl, Waidmaon». last, Freie Scholle, Heemsdoef, Birleowerdee, Bceqfcide, Stolpe und Borgsdoif: Botstgwalde, Röufchstt. 10. Deöffnet von 9-6 Uhr. Teltow: Krüger, Schönow, Do Tempechof: Laiser. Wilhelm» Str. 13. Sarth. 8 Tr. n, Scheidtstr. 11 chönow, Dorfstr. t. n-Str. 13. Hohenzollernkorfb 8. os: Kandier, Trebbin: Döring, Bahnhofstr. 82. Treptow: G r a m e n z, K-esholzftr. HZ, vorn L Weißens«: Berliner Allee 84. Wildau- Sohcrlchm«: Rud. L e t t o w. Vilhelmshagcn, Hessenwinkel: Schulze, Bll- hclmshagen, Wilhelmstr. 81. Wilmersdorf: Holsteinische Str. 19, Kaiserplatz 18. Wittenau: W I l h. Zimmermann, Rose»- thaler Straße 48. Rott i.sdorf: Schurbanm, Elchendamm 22. gehlendorf. Schlachtensee, Rikalass«: Wegner, Zehlendors, Teltower Str. 3. Zeuthen, Miersdorf: Ernst Wlnterfeld, gen- then, Kurfürstenstr. 48. Zossen: Albert Stein, Mittenwalder Str. 17. Sämtliche Literatur sowie alle wissenschaftliche» Werke werden geliefert. 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