Nr. 4�2 ♦ 3$. �ofrtgan� Ausgabe B Nr. 244 Bezugspreis: Bierteljährl. 36.— M., tnonnd. 12,— 9R. frei ins»aus, soraus zahlbar, Pali- bezug! Monatlich 12.— M. sinichi-Hu- ftcUungsaebiihr. Unter Kreuzband für Abend Ausgabe Deutschland. Danzig, das San» und Memelgediet, sowie die ehemals deut- Ichen Gebiete Polens, Oesterreich, Ungarn und Luxemburg ZZ,— SR, für das übrige Ausland A,— M. Post- bestellungen nehmen»n Oesterreich, Ungarn, Tschecho- Slowalei, Däne» matt Holland, Luxemburg, Schweden und die Schweiz, Der„Vorwärts" mit der Sonntags« beilage„Volk und Zeit", der Unter» Haltungsbeilage„He'.mwclt" und der Vellage„Siedlung und Kleingarten" «scheint wochentäglich zweimal. So«»- tags und Montags einmal. Telegramm» Adresse: »Sozlawcmottat Brrßn" Devlinev Volksblatt Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte! Oeutfchlands ( 30 Pfennig � Anzeigenpreis: Die neungesvaltene Nonpareillezeile lostet 6.— M.„»lein« Anzeigen" das lettgedruckte Wort 2.— M.Zllt mit, daß Frankreich in der nächsten Sitzung der Bot- ichafterkonferenz am Mittwoch euren Vertagungsantrag sollen wird. Der„Petit Parisien" führt aus, daß sich alle Mitglieder der Boffchofterkonferenz darüber einig seien, daß man die Bekanntgabe der Grenzlinie nicht von den wirt- schostliche« Empfehlungen des Völkerbundes trennen dürfe. Frankreich, England und der Völkerbund seien der Ansicht, daß es dem Geiste der vorgeschlagenen Lösung widersprechen würde, die witschaftlichen Empfehlungen als einfachen Wunsch des Bölker- bundes zu betrachten. Da man die Grenze durch ein von Berg- werten und Fabriken Lbersätes Gebiet gezogen habe, könnte ein Zustand bedauerlicher Unordnung eintreten, wenn man nicht Vor- sichtsmaßnahmen träfe, die der Völkerbund empfahl. Darüber sei sich alle Welt einig. Allerdings habe der Friedensvertrag vorausgesehen, daß man nur eine Grenzlinie festsetzen solle, dagegen sagt« er aber nichts darüber, daß gleichzeitig wirtschaftliche Mahnahmen ge- troffen werden möchten. Im Gegenteil: Es finden sich in Ar- t i k e l 8 8 ein paar Bestimmungen, welche Verlegenheiten de- reiten. Aber dies feien nur technische Einzelheiten, die gegenwärtig geprüft werden und die nur dazu führen sollen, gleichzeitig die Grenzlinie und die wirtschaftlichen Empfehlungen Deutschland und Polen bekanntgeben zu können. So optimistisch wie der„Petit Parisien" sieht das„Oeuvre" allerdinge die Situation nicht an. Es berichtet, daß es in der Sitzung der Botschafterkonferenz am Sonnabend zu lebhaften Meinungsverschiedenheiten zwischen Jules Cambon als Vertreter Frankreichs und dem englischen Geschäftsträger so- wie dem japanischen Botschafter gekommen sei. Die beiden letzt- genannten erklärten, daß der V ö l k e r b u n d b e s ch l u ß so an- genommen werden müsse, wie er gefaßt wurde und daß keiner- lei Vorbehalte noch Aenderungen gestattet werden könnten. Das„Oeuvre" erklärt, daß eine gewisse diplo- mctische Kühnheit dazu gehöre, wenn man nach einer so heftigen Debatte behaupten wolle, daß die Botschafterkonferenz den Be- schluß des Völkerbundes gebilligt habe, ebenso kühn sei es, zu ver- sprechen, daß am Mittwoch nur die Einzelheiten der Durchführung besprochen würden. Außer den Deratungeis von Mac King und Fromageot wer- den heute eingehende Besprechungen mit dem Sekretär des Völker- bundes, Sir Erik Drummond, stattfinden, der nach Paris gerufen wurde, um ein Gutachten darüber abzugeben, was der Völkerbund mit seinem Beschluß gemeint habe. In französi- schen politischen Kreisen glaubt man, daß diese privaten Be- sprechungen im Laufe des heutigen Tages oder morgen vormittag di« Angelegenheit so weit fördern könnten, daß morgen nachmittag die Sitzung der Botschafterkonferenz stattfinden und wenigstens eine prinzipielle Entscheidung darüber treffen konnte, ob die Grenzlinie unabhängig von den wirtschaftlichen Empfehlun- gen Deutschland und Polen bekanntgegeben werden soll oder ob der Genfer Beschluß als unteilbarer Block ange- sehen werden soll. ./lenöerungen im Wiesbadener Abkommen? London, 18. Oktober.(IBTB.) ver diplomatische Bericht» erslatter des„Daily Telegraph" schreibt, ein inkerallilertes Einver» nehmen über das Wiesbadener Abkommen werde vielleicht erzielt werden, jedoch nicht ohne sehr sorgfältige und materielle Abänderungen. Auf britischer Seite bestehe keineswegs die Absicht. Frankreich bei seinem berechtigten Wunsch, den Wiederaus» bau seiner zerstörten Gebiete mittels deutscher Unterstützung zu be» schlenNizen, Schwierigkeilcn zu bereiten. Zugleich suche jedoch das britische Schatzamt für G'oßbritannien das Maximum von erreich» baren Reparationen zu sichern, und aus diesem Grunde könne es— fei es zugunsten Dentichlands oder Frankreichs— auf irgendwelche wesentlichen britischen Rechte nicht ver» z l ch t e n. Der britische Bertreker mühke sich daher in der hauplsache von zwei Faktoren leiten lassen: 1. der eiwcigcn nachteiligen wir- kung des Wiesbadener Abkommens in seiner augenblicklichen Gestalt aus Deutschlands Zahlungsfähigkeit und 2. von dem Ilmfang, in dem da» Wiesbadener Abkommen Frankreich Prioritäk gewährt. Beschränkung üer Sörse. Berlin, 18. Oktober.(MTB.) Anstatt, wie bisher bestimmt, am Mittwoch und Freitag, findet in dieser Woche nur Donners» tag, den 20. Ottober, Börse, und zwar Bollbörfe statt. Englanü zum Marksturz. London, 18. Oktober.(MTB.) Auch die Morgenblätter be- fasten sich mit dem Sturz der deutschen Mark. Während„Time e" in einem Leitartikel schreibt, eine Ermäßigung der an Deuffchland gestellten Forderungen würde im gegenwärtigen Augenblick die wirtschaftlichen Aussichten in Europa nicht oerbessern, sagt„Daily News", nach seiner Ansicht seien die Reparationsforderungen am Zusammenbruch der Mark schuld. Wenn der Sturz der Mark an- halte, so könne Deuffchland womöglich die geforderte Summe nicht bezahlen. Unter Hinweis auf den Schaden, den der Tiefftand der Mark ganz Europa zufügt, fragt„Daily News", weshalb man auf der Forderung der Reparationen bestehe. Die �rbeitslosenfrage in Englanü. London. 18. Oktober.(MTB.) Lloyd George hat seine beim heutigen Wiederzusammentritt des Parlaments erwartete Rede auf morgen verschoben. Er wird heute nur eine kurze Erklärung über die Arbeitslosenfrage abgeben. Blättermeldungen zufolge werden drei Gesetzentwürfe eingebrocht werden be- treffend 1. Ausdehnung des Handels-Kreditfystems. 2. Erteilung von neuen Befugnissen an die örtlichen Behörden, Geld für Nofftands- arbeiten zu beschaffen, 3. die Schaffung von Unterstützungsaus- fchüsien und Bereitstellung von besonderen Fonds. Amerikas Reparationsansprüche. Paris. 18. Oktober., sondern bereits 300 Millionen Goldmork für die Besatzung ausge- geben hätten und daß die Reparationszahlungen Deutschlands, dem Friedensvertrage gemäß, in erster Linie zu? Befriedigung der Ansprüche aller Staaten dienen sollten, die Be- satzungstruppen am Rhein stehen haben. Dagegen stellt sich die Reparationskommission auf den Standpunkt, daß Ame- rika den Dersailler Vertrag nicht ratifiziert habe, und daß es, da die Ratifizierung des deutsch-amerikanischen Sondervertrages vor der Tür stehe, Sache der Amerikaner wäre, sich m it Deutschland selbst über diese Angelegenheit auseinanderzusetzen. Der„Chi- cago Tribüne" zufolge ruft dieser Standpunkt der Reparationskom- Mission in amerikanischen Kreisen ungünstige Kommentare hervor, und die amerikanischen Vertreter auf der heute beginnenden Kon- ferenz, General Mac Allan, der aus Koblenz bereits in Paris eingetroffen ist, und B o y d e n, sind entschlossen, ihren Standpunkt energisch zu vertreten. Man glaubt indessen, daß die alliierten Ber- treter auf dieser Konferenz dem amerikanischen Standpunkte Rech. nung tragen werden. ßrieüensüebatte in Amerika. washingion. 18. Oktober.(MTB.) Der Senat hat durch Handaufheben einen von dem demokratischen Senator Walsh aus Montana vorgeschlagenen Zusatzantrag zum Friedensvertrag mit Deutschland abgelehnt, der das Zusammengehen der Ver- einigten Staaten mit anderen Mächten zu dem Zweck, Deutschland gegen jeden nicht herausgeforderten feindlichen Einfall zu schützen, billigt. Ein zweiter Slntrag desselben Senators, der verlangt, daß die Bereinigten Staaten für den Fall, daß Deutschland ohne Her- ausforderung seinerseits angegriffen würde, aus freiem Antriebe ihre Hilfe anbieten, wurde ebenfalls, und zwar mit 62 gegen 6 Stim- mcn abgelehnt. » Senator H i tsch c o ck unterstützte den zweiten Antrag von Walsh, Indem er erklärte, die militärische Partei Frankreichs könnte für den Frieden der Welt eine ernste Gefahr werden. Shortridge erklärte andererseits, Frankreich sei zu seiner Furcht berechtigt mit Rücksicht auf die Tatsache, daß es im Verlaufe von vierzig Iahren zweimal von Deutschland angegriffen worden sei. Lodge, Lenroot und andere Republikaner widersprachen dem Antrag mit der Begründung, daß man sich darauf verlassen könne, Deutschland würde für seine eigenen Interessen sorgen. Rücktritt des englichen Transporimlnisters. Der Rücktritt des Transportminiestrs Sir Eric Ge d d e s ist genehmigt worden. Während der Erwägungen über die Empfehlungen des Schatzaus- schusses für die nationalen Ausgaben hinsichtlich der Zukunft des Ministeriums und auf Geddes' eigene Emxsehlungeii wird der par- iamentarische Rnterstaatsseir«tär die Verwaltung des Ministeriums übernehmen. vorwärts»verlag G.m.b.H., GW 68, Lindenstr. 3 See-fttfati-ifte-r• Berla«,«xveditien und Inseraten- �ernkpreryer.„btNinng Moriyplat, mss-s« Das Rätsel von Gens. Kommende Aufgaben der deutschen Politik. Die Entscheidung über Oberschlesien ist noch immer nicht in ihrem Wortlaut veröffentlicht. Wohl kennen wir aus der französischen und der englischen Presse den ungefähren Ver- lauf der neuen Grenze und ebenso die wirtschaftlichen Bedin- gungen, unter denen die neue Teilung erfolgen soll. Aber über wichtige Einzelheiten fehlt noch die nötige Klarheit, und vollkommen im Dunkeln liegt noch die überaus wichtige Frage. in welcher Weise die territoriale Entscheidung mit den wirt- schaftlichen Bedingungen in Verbindung gebracht werden soll. Hier stehen offenbar im Ententelager zwei Meinungen einander gegenüber. Die eine geht dahin, daß die gefällte Entscheidung nur in bezug auf die Greyzführung binden- des Recht schafft, während die wirtschaftlichen Bedingun- gen nur als eine Empfehlung gemeint sein sollen, über die sich Deutschland und Polen miteinander zu verständigen haben. Die andere betrachtet die ganze Entscheidung als ein untrennbares Ganzes, da die politische Scheidung ohne die gleichzeitig angestrebte Erhaltung der wirtschaftlichen Zu- sammenhänge eine Unmöglichkeit sei. Siegt die erste Meinung, dann werden zwischen Deutsch- land und Polen Verhandlungen notwendig, die eine Fort- setzung des Kampfes um die Macht darstellen werden. Beide Gegner hätten dann starke Trümpfe in der Hand. Polen würde auf seine neuerworbenen Souveränitätsrechte pochen. die ihm gestatten, mit der Bevölkerung und den Wirtschafts- gütern des Landes beinahe willkürlich zu verfahren. Die Stärke der deutschen Stellung würde aber darauf beruhen. daß Polen ohne wirtschaftliche Zugeständnisse Deutschlands, vor allem ohne Belassung der deutschen Währung im Lande, in die allerschwierigste Lage geriete. Es ist fraglich. ob bei dieser Verteilung des Kräfteverhältnisses eine frei- willige Vereinbarung zwischen den beiden Staaten möglich ist oder ob nicht zur Schlichtung des Streits ein neuer Macht- fpruch der Entente notwendig wäre. Hier tritt aber die Schwierigkeit ein, daß der Entente zur Fällung einer solchen neuen Entscheidung die Rechts- grundlage fehlt. Nach dem Dokument von Versailles haben die interalliierten Truppen binnen Monatsfrist nach Verkündung der neuen Grenze das Land zu verlassen, Deutsch- land und Polen übernehmen die politische Macht in den ihnen zuerkannten Gebieten, jeder Einfluß der Interalliierten Koni- Mission auf sie hört auf. Uebrig bleiben nur die vertraglich festgesetzten Bestimmungen, die aber zur Ordnung der über- aus schwierigen Auseinandersetzung nicht ausreichen. So soll Polen fünfzehn Jahre lang die Bergwerksprodukte des abge- tretenen Gebietes frei von Zoll und jeder Beschränkung nach Deutschland hereinlassen, und Deutschland soll diese Produkte unter ebenso günstigen Bedingungen erstehen können, wie Polen. Die wirtschaftliche Entscheidung des Völkerbundes geht aber darüber hinaus, indem sie beiden Seiten Aus- fuhrfreiheit auferlegt, also auch Deutschland nicht gestattet, die aus dem polnischen Teil Oberschlesiens kommenden Waren mit Zoll zu belegen. Nach dem Dokument von Versailles darf Polen das deutsche Eigentum in den abgetretenen Gebieten liqui- dieren, nach der wirtschaftlichen Entscheidung des Völkerbunds bleibt aber das deutsche Eigentum wenigstens für die nächsten 15 Jahre von jeder Zwangsenteignung frei. Nach dem Friedensvertrag dürfen die deutschen Neichsangehörigen wäh- rend einer Frist von zwei Jahren für die deutsche Reichs- angehörigkeit optieren, die Entscheidung des Völkerbundes dehnt, wenn die Nachrichten des„Observer" stimmen, diese Frist auf 15 Jahre aus. Ueber die wichtige Währungsfrage enthält der Vertrag nichts. Die Entscheidung des Völkerbundes fordert für die nächsten 16 Jahre das Fortbesteben der Mark als ge- setzlichen Zahlungsmittels, weil das Hinabsinken des Jndu- striegebietes in den Abgrund der polnischen Währungsverhält- nisse unfehlbar zur Katastrophe führen müßte. Ein Mittel, Deutschland zur Versorgung des abgetretenen Gebiets mit deutschen Zahlungsmitteln zu zwingen, gibt es aber nach dem Vertrag nicht. Aus all dem gebt hervor, daß mit der Veröffentlichung der Entscheidung der Streit um Oberschlesien keineswegs völlig ausgetragen sein wird. Es wird noch viel zu tun sein, um die deutschen Interessen in Oberschlesien zu schützen. Welche Taktik. dabei einzuschlagen sein wird, läßt sich nicht bestimmen, solange die Entscheidung nicht vollständig und wortgetreu vorliegt. Im allgemeinen kann man sagen, daß bei der Entente eine gewisse Neigung besteht, auf die Privatwirtschaft Rück- ficht zu nehmen. Bei der Entente besteht ein ausgeprägtes Verständnis fiir alle privatwirtschaftlichen Interessen. Die Absicht, den oberschlesischen Kapitalismus zu vernichten, kann ihr um so weniger zugeschoben werden, als dieser oberschlesische Kapitalismus ja längst nicht mehr national, sondern inter- national und mit ententistischen Interessen durchsetzt ist. Es ist also durchaus möglich, daß mtf ihrer Förderung eine Regelung erreicht wird, die für die Privatwirtschaft er- trüglich ist. Das wäre immerhin ein Gewinn, denn eine Schädigung der oberschlesischen Industrie kann schon im Jnter» esse der Arbeiter niemand wünschen. Bedenklicher ist, daß die ge- plante Aufreißung eines„Lochs im. Osten" auch dem unlauter- sten Gewinnstreben Vorschub leistet— aber liegt es nicht im Wesen des Verfailler Vertrags, ganz Europa zu einem Dorado der Schieber zu machen? Am bedenklichsten aber an dem ganzen Handel ist die furchtbare Schädigung, die der Staat durch ihn erleidet. Der Verlust reicher Gebiete bedeutet einen schweren Ausfall an Steuern, die Oeffnung des.Lochs im Osten" vermindert feine Zolleinnahmen und verringert die Möglichkeit, über die Privatwirtschaft Kontrolle zu üben. Die Derpfllchtung, beut- sches Geld im abgetretenen Gebiet zirkulieren zu lassen, be- schleunigt noch weiter den Sturz unserer Mark. Die Entente kann aber ihre Gläubigeransprüche nicht direkt aus der deutschen Privatwirtschaft befriedigen, sondern nur aus der deutschen Reichskasie. Je schwächer der Arm ist, der sich von dem Strom der privatwirtschaftlichen Erträge nach der Reichskasse abzweigt, desto geringer wird die Fähigkeit des Reiches, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Nun sagt der Art. 232 des Friedensvertrags— nachdem Art. 231 den Umfang der finanziellen Verantwortlichkeit Deutschlands festgestellt hat— das folgende: Die alliierten und assoziierten Regierungen erkennen an. daß die Hilfsmittel Deutschlands unter� Berücksichtigung ihrer dauernden, sich aus den übrigen Bestimmungen des gegenwärtigen Vertrages ergebenden Der- Minderung nicht ausreichen, um die volle Wiedergut- machung aller dieser Verluste und Schäden zu gewährleisten. Nachdem die finanziellen Verpflichtungen Deutschlands ziffernmäßig festgelegt wurden, ist noch einmal durch die En- tente selbst eine offenbare Verminderung seiner Hilfsmittel bewirkt worden. Deutschland hat alle Ursache, vor der Welt festzustellen, daß zwar sein Erfüllungs wille unverändert fortbesteht, daß aber seine Erfüllungs f ä h i g k« i t durch die Entscheidung über Oberschlesien weiter vermindert worden ist. Aus diesen Betrachtungen ergibt sich, daß für eine deutsche Regierung jetzt weniger denn je Zell ist, die Hände in den Schoß zu legen. Eine lebhafte, geschickte Tätigkeit zur Wah- rung der deutschen Interessen ist notwendig und in vieler Be- Ziehung noch immer aussichtsreich. Nur politische Kinder können sich auf den Standpunkt stellen:.Letzt ist alles aus, die Regierung muh gehen, und was weiter wird, ist gleich!" Eine Regierungskrise ist in dieser Zeit für Deutschland eine L e- bensgefahr, und die Ersetzung der gegenwärtigen Regie- rung durch eine andere, die das Mißtrauen gegen Deutschland verschärst und neue Konflikte hervorruft, wäre ein natio- nales Unglück. Dummheit ist ein Luxus, den sich nur der Starke leisten kann, und selbst der nicht ewig, wie die Tragödie des kaiserlichen Deutschland beweist. Wir sind heute schwach und ganz verloren, wenn unser Volk nicht lernt, politisch zu denken und zu handeln? Gegen Sie Mnisterftürzerei. In der„Frankfurter Zeitung" von heute morgen macht -.er demokratische Reichstagsabgeordnete Erkelenz be- merkenswerte Ausführungen über die Stellung des Kabinetts Wirth im Zusammenhang mit der durch die Losreißung Ober- ichlesiens entstandenen Krise. Qr schreibt u. a.: Wegen der oberschlesischen ENlscheidung muß d?e deutsche Er- füllungspolitik andere Wege wandeln. Heute heißt Erfüllungs- Politik beschleunigter Abbau der Unmöglichkeiten des Londoner Ultimatums, und zu dieser Politik ist Wirth gerade ver- möge seiner bisherigen Politik bester imstande als irgendein anderer, und mit ihm sein Kabinett. Gerade er hat heute das moralisch» Recht, Aenderungen und Erleichterungen zu oerlangen, weil er versucht hat. das Möglich, aus freien Stücken herzugeben. Wen» mich meine Erinnerung nicht täuscht, ist da» Kabinett Wirth Das Luxusauto. Vor einem exquisiten Iuwelengefchäft steht ein Luxusmiw. Es ist die köstlichste Limousine, die je mit 120 Pferdestärken durchs Land geflogen ist. Um den Wagen ist es schwarz von Leuten, die in sein Innerstes starren. Gobelinpolster, geschliffene Scheiben, ein Tischchen zum Niedertlappen, verschiedene Behältniste zum Herausziehen, der Boden mit dickem Perser belegt, die Wände mit Seidengobetin aus- geschlagen, Klubsessel und ein herrliches Maiglöckchenbukett in einem an der Wand befestigten Kristallkelch. Das Volksgemüt gerät in Wallung. Noch staunt es schweigend. Aber in seinem Innern arbeitet es. Die Augen mancher Leute sind ganz hoffnungslos trübe und verschleiert, und um ihren Mund seufzt bleiche Resignation:„Da ist nischt zu machen, wir sind und bleiben arme Luders." Weiter geht ihr Sinnen nicht. Sie flogen nicht, warum, und nicht, od es so sew muß in alle Ewigkeit. Sie wissen nur, wir sind arm« Luders. Ein tiefe», große» Schweigen verschlingt jede weitere Regung/ Gleich einem Tropfen Essigsäure ist da» Suxusauko in die milch- fromme Denkart eines noch jungen Menschen gefallen. Nun ist in ihm alles in Zersetzung. Die Ahnung von den ungeheuerlichen Möglichkeiten des Menjchenschickfals wühlt ihn auf. Er fühlt, wer in diesem Wagen fahren kann, ist Herr des Leben». Wie kommt es, daß dem einen aller Triumph, dem andern nichts als Kümmerlichkeit beschieden ist? Menschenlvtterie. Der junge Mann blickt aus seine von der Arbeit roten und derben Hände und ballt sie zu Fäusten. Noch ist sein Los nicht entschieden. Vielleicht ist er— Treffer. Ein ältliches Mädchen mit einer ziemlich deutlich ausgeprägten Vergangenheit dekommt einen hysterischen Anfall. In tausend Stück» müßte man so einen Wagen zerhauen, kreischt sie. Das Volk hun- gert, und die„vollgesrestenen Wänste" fahren in solchen Auto« rum. Pfui Deibel! Keine Hand rührt sich. Einige murmeln zaghaft Beifall. Ein etwas ramponierter Herr mit dunklem Backendort, Brill» und Schlapphut ergreift da, Wort:„Werte zu zerstören ist absolut zwecklos. Wir müffen uns vielmehr die Frage vorlegen, ob bei der heutigen Wirtschaftslage Gewinne, die zur Anschaffung«ine» solchen Wogens gehören, gerechtfertigt sind. Und da komme ich allerding» zu dem Ergebnis: Kein Wirtschaftszweig kann heute solch« Heber- schiisse erzielen, ohne daß sie produktiver Arbeit und Anwendung entzogen werden. Würde der Besitzer auf den kostbaren Wagen und den ganzen Lebenszuschnitt, der dazu gehört, Verzicht leisten, dann könnt» er den Produktionsprozeß, dem er solchen Unternehmergewinn oerdankt, verbilligen. Somit hat sich der Reiche dieses Auto auf Kosten der Allgemeinheit angeschafft." Nach diesem Exkurs bohrte sich der Redner einen Weg durch die MLDOe yflfr das sechst« Ministeeittm flt 31 Monaten. Jeder Minister hak also eine Durchschnittslebensdauer von nur 5 Monaten. Wir stehen da weit unter den französischen Zuständen, über die man ein- mal bei uns gelacht hat. Daß die Rechtsradikalen diese Zu- stände wollen, soll ihnen hier nicht verübelt werden, wohl aber kann man bezweifeln, od die Republikaner ein Interesse daran haben, solche deutschnationalen Wünsche zu unterstützen. Die Wirthsche Politik ist durch die oberschlesische Entscheidung stark beeinträchtigt, aber sie ist nicht gescheitert und steht nicht ohne neue Ziele den zukünftigen Aufgaben gegenüber. Weder in seiner Person noch in denen der Kabinettsmitglieder liegt ein Grund, mit gewechselten Personen dieselbe Politik zu machen. Ein Ministerwechsel ohne schwerwiegende sachliche oder persönliche Rot- wendigkeit ist abzulehnen. Wir können es uns nicht er- l a u b c n, alle S Monate ein Dutzend Männer als oerbraucht in die Ecke zu stellen, und wir haben auch teinenAnlaß, einen Turnus «inzuführen, wonach jeder Minister S Monate i m Amt« und 5 Mo- nat» außer Amt ist. Namentlich den letzten Sätzen der hier zitterten Ausfüh- nmgen kann man vorbehaltlos zusttmmen. Wir haben tatsächlich ein Höchstmaß an Ministerroechsel erlebt, wie es auch im rein parlamentarischen System nicht mehr überschritten werden darf, wenn nicht die Republik Schaden leiden soll. Man kann dem Abgeordneten Erkelenz auch insofern bei- pflichten, als es das Ziel eines jeden Kabinetts sein muß. nicht nur eine Abänderung des Londoner Ulttmatmns, son- dern des gesamten Vertragswerkes von Versailles zu erreichen. Es erscheint jedoch im gegenwärtigen Augenblick unzweck- mäßig, nach bestimmter Richtung hin Möglichkeiten der Er- füllung abzulehnen, die bei der bisherigen Polittk des Kabinetts stets in den Bereich der Erwägung gezogen wurden. Solange nicht klipp und klar ausgesprochen ist. welche wirt- fchaftlichen Zukunstsaussichten sich für Deutschland in Ober- schlesien eröffnen, kann umgrenzt werden, nicht i n w e 1 ch e m Umfang unsere Leistungsmöglichkeiten der Entente gegen» über herabgesetzt sind. Der„rote" tzohenzollernprinz. PrinzFriedrich Leopold und das Preuß.Fiuanzmmisterium Prinz Friedrich Leopold ist wohl nach Wilhelm ll. die in der Oefsentlichkeit meist genannte Persönlichkeit der hohenzollernschen Familie. Meist sind«s weniger erbaulichere Dinge, die dazu führen, daß Friedrich Leopold die Oeffenilichkeit beschäftigt. Hinter ihnen oerschwindet sein Verzweiflungskamps, den er viele Jahre gegen den Chef seines Hauses, Wilhelm II, um feine persönliche Selb- ständigteit geführt hat. Friedrich Leopold war es ja auch, der am 9. November 1918 auf feinem Iagdschchloß Klem-Glienicle bei Pots- dam die rote Fahne hißte und sich einen Schutz des Arbeiter- und Soldatenrcrts von Nowawes ins Haus legte. Damals wurde auch sein Vermögen, wie da» der Hohenz ollern überhaupt, vorläufig beschlagnahmt. Aber schon 191S wurden für die im gefährdeten Gebiet im Osten liegenden Besitzungen, die als zweifelsfleies Privateigentum angesehen wurden, die Aufsichtsvor- schriften gelockert und zuletzt ganz onfgehoben. De? Prinz ist einer der reichsten Leute in Deutschland, dennoch sind seine Vermägens- Verhältnisse die denkbar unsolidesten. Das ist nicht etwa dadurch entstanden, daß der Prinz neuerdings hätte Verpflichtungen über- nehmen müsien, die ihn flüher nicht drückten. Das Gegenteil ist der Fall. Das Fideikommiß Flatow-Krojanke mit seinen 60 000 Mar- gen Wald ergibt kolosiale Holzgewinne, die Angestellten des Prinzen wurden beschämend niedrig bezahlt, Steuern hat der Prinz bis heute noch nicht geleistet. Friedrich Leopold geriet dadurch in besondere Schwierigkeiten, daß er 1919 nach der Schweiz flüchtete und sich dort ankaufte, obwohl er neben seinem Jagdschloß Klein-Glienicke auf seinem Fideikommiß Flatow-Krojanke am Barownosee einen Landsitz sein eigen nennt, der bei Kriegsausbruch gerade fertig ge- worden ist und schon damals Millionen kostete. Es kam bei dieser sinnlosen Verschwendung dahin, daß die Angestellten des Prinzen tn ein« Lohnbewegung traten, weil sie nicht mehr ein noch aus wußten. Dieser nach den Regeln der Gewerkschaftsstrategie geführt« Kampf führte zu, entscheidenden Re- sultaten. Die Angestellte» bekamen ihre Forderungen bewilligt, aber der Prinzen ootcr verkrachte sich mit seinem ältesten Sohn und Erben. Prozesse mußten erst nusqesvchien werden, ehe der Prinz einsah, daß er mu seinen Angestellten nicht beliebig um- springen konnte. Nachdem die materiellen BerhälMisie des Prin- zen völlig durcheinandergeraten waren, griff das preußische Finanzministerium als Aufsichtsbehörde ein. Es ging dabei mit einer Gruppe von Geldleuten parallel, die aus dem Prinzen eine Aktiengesellschaft machen wollten. Der Prinz verstand es im letzten Moment, aus der Schlinge, die«r sich selbst um den Hals gelagt hotte, zu entschlüpfen. Ju der dann entstehenden Presiekampagne wurde dos Finanzministerium von allen Seiten heftig angegriffen. Die Geldgeber des Prinzen vermochten ihre Kredite doch noch zu sichern. Es kam zu einer Sanierungsaktton. Der Prinz, der sich damals in Lugano aufhielt, geriet in Not und war gezwungen, gegen Verpfändung seines dorti- gen Besitzes und Mobiliars Kredtt zu hohen Zinsen auf- zunehmen. Als die Zinsen immer mehr anwuchsen, die Gläubiger mit einem Zwangsoerkouf der verpfändeten Sachen drohten und der Prinz ebenso wie feine Gattin die notwendigen Existenzmittel nicht mehr aufbringen konnten, wandte sich die Schweizer Regierung in Befürchtung eines öffentlichen Skandals cm das hiesige Auswärtig« Amt, das seinerseits beim Preußischen Finanzministerium wegen unverzüglicher Abhilfe vorstellig wurde. Gleichzeittg wurden seitens des Prinzen dem Finanzminister, da dieser noch Ansicht des Prinzen die ganze Siwatton verschuldet hätte. Regreßansprüche angekündigt. falls es zur Versteigerung seines sehr wertvollen, zum Teil rmersetz- baren Eigentums in Lugano kommen sollte. Der Ftnanzminisier sah schließlich kein anderes Mittel zur Deseittgung der heiklen Situation. als zunächst aus Staats Mitteln dk ausgelaufenen Schulden des Prinzen zu ttlgen. Er entsandte seinen Vertreter nach Lugono, der dort die Schweizer Gläubiger zusammenberlef und ihnen namens der Preußischen Regierung Befriedigung ihrer Forderungen bei einem Nachloh von 10 Proz. anbot. Der Prinz lehnte zunächst die Intervention des Finanzministeriums ab. Da der Minister aber auf seiner Entschließung bestand, kam schließlich«in Bertrag zustande, wonach der Finanzminister die Schweizer Schulden des Prinzen, die inzwischen auf etwa 20 Millionen Franken gestiegen waren, ab- löste, während er zur Sicherheit dafür von den Schweizer Gläubi- gern di« in ihren Händen befindlichen Psandstücke und Hypotheken als Pfand erhielt. Die Pfänder wurden dem deutschen Gesandten in Bern zur Verwahrung übergeben. Bald nach Abschluß des Vertrages kam es zu neuen Differenzen. Der Finanzminstter, der im preußischen Landtage wegen des Ver- trag» heftig angegriffen war, verlangte von dem Prinzen Nachtrag- lich als weitere Sicherheit Hypotheken auf seinen deutschen Besitzun- gen und machte hiervon die Zahlung von Unterhaltsgeldern an den Prinzen abhängig. Nachdem der Prinz dieses Verlangen zurückgewiesen hotte, erklärte der Finanzminister den Prinzen für oertragsbrüchig und drohte ihm den sofortigen Verkauf der verpfändeten Gegenstände an. Gegen diese Drohung rief der Prinz den Schutz des Gerichts an. In der gerichtlichen Verhandlung gab der Vertreter des Finanz- Ministeriums die Erklärung ab, daß der Dezernent des Ministeriums sich in einem Rechtsirrtum befunden habe; der Minister nehme die Behauptung der Vertragsverletzung und die Der- taufsandrohung zurück. Der Finanzminister vertrat den Stand- punkt, daß diese zu gerichtlichem Protokoll abgegebene Erklärung dem Prinzen als Sicherheit genügen müsse, und protestterte gegen eine Verurteilung, während der Prinz auf einer Verurteilung be- stand, da nach seinen bisherigen Erfahrungen die abge- geben« Erklärung ihm nicht den erforderlichen Schutz gewähren könne.— Das Gericht schloß sich dem Standpunkt des Klägers an und verurteilte den Finanzminister, anzuerkennen, daß der Vertrag seitens de» Prinzen nicht oerletzt fei und er kein Recht habe, den angedrohten Verkauf der Pfandstücke vorzunehmen. Ebenso wurden sämtliche Kosten dem Finanzminister auferlegt. Auf diese Art erreichte Prinz Friedrich Leopold, daß ihm der preußische Staat ohne vermehrte Sicherheit erhebliche Geldmittel weiter belasten muß. Richttg stt. daß da» Finanzministerium seinen Kampf gegen den Prinzen nicht immer ganz geschickt geführt hat. Dennoch bleibt es doch außergewöhnlich, daß ein Minister seinen eigenen Dezernenten vor Gericht öffentlich desavouiert, alles zurück- nimmt, und trotzdem verurteilt wird, weil der Gegner der Meinung ist, daß Erklärungen des preußischen Finanzministeriums ihm nicht zuverlässig genug erscheinen. Es darf doch nicht vergesten werden, Ein Gemurmel blieb zurück, da, unzufrieden Nanz. Das hysterische Mädchen keifte teil» gegen das Auto, teil» gegen den Schlapphut. Einige dachten darüber nach, ob der Riesengewinn des Autobesitzers au» ihren teuer bezahlten Schnhen, dem Kleiderstoff oder dem Bisten Brot herrühr«. Da öffnete sich die Tür des JuwelengefchSstes: der Inhaber mochte ein tiefes Kompliment hinter einer jungen sehr schönen Dame und einem vornehmen Herrn. Die Leute bildeten vor dem Paar eine stumme Gaste. Dem hysterischen Mädchen mit den hektischen Schminkewangen klappt mit hörbarem Geräusch der Mund auf. Der junge Mann prägt sich die Haltung des nicht viel älteren Herrn tief ein. Ein anderer schnalzt mit der Zunge. Di« mit dem hoffnungs- losen, trüben Blick denken: Wir sind arme Luders in Ewigkeit, Amen. Der Chauffeur kurbell an. Jetzt drängt sich wieder qlles an den Wogen und starrt mit einem letzten Blick auf das Paar in seiner Herrlichkeit. Das emerierte Mödchen bemerkt breit und mit Genug- ttnrng:„Aber verheiratet fin f« doch nich!" Dann gleitet da» Auto lauttos fort. H.R. Ein Umschwung in der Sowjet-SunsN Die Tage de» Futuris- mus, Kubismus und all der Ismen, die in der bildenden Kunst de« revolutionären Rußland» Hauptpflegestötte fanden, sind gezählt, wenn man den Nachrichten eines in der„Konstchronik" veröffent- lichten Briese» au» Moskau glauben will.„Dieses Dvrodo des Futurismus und der absoluten Malerei," heißt es hier,„scheint sich seinem Ende zuzuneigen. Di« Arbeiter haben das Gefühl, daß man sie zum besten, hält, wenn man ihnen unverständlich« Malereien als großartige Offenbarungen vorführt und ihnen weismachen will, diese Kunst sei eigens für sie erfunden. Sie sei die wahre Kunst der Revolution. Der neuen Kunst fehlt jeder Boden im Volke. So macht sich innerhalb der Regierung auch bereits eine Reaktton fühl- dar. Die alte realifttfche Richtung wird wieder ausgegraben." Mit dieser Nachricht, die zunächst mit Vorsicht aufzunehmen ist. obwohl ähnliche Stimmen schon des öfteren zu uns gekommen sind, steht eine andere im Zusammenhang. Danach soll Kandinsky, der extremste Vertreter der neuen Kunst, die Abficht haben, nach Erste» Festkonzert des Blldungscwsjchustes. Wer je als Künstler oder Berichterstatter den kleinen Konzerten sozialdemokratischer Wahl- vereine beiwohnen konnte, der trug immer die Erkenntnis mit sich fort, hier ist ein energisches, gemeinsames Streben, Höheres in sich aufzunehmen, Festesfreude in den Alltag zu retten. Nicht leichter Snobismus, Nijjpen an allen Bechern, sondern da» volle Leeren in tiefen vollen Zügen. Einer solchen Gemeinde fünf Festkonzerte zu bieten mit dem Philharmonischen Orchester und auserlesenen Diri- genten und Solisten war von vornherein ein guter, glücklicher Ge- danke. Während draußen noch die große Welle der Wahl flutete, saß drinnen Sonntag nachmittag in der Philharmonie Kopf an Kopf eine andächttge Zuhörerschaft, um Bach und Beethoven zu hören. Das 7. Brondenburgische Konzert von Bach mußte ich mir versagen, da» L-ffltoll-Klmjiertoazert«oö die Fünfte von Beethoven dagegen befestigte in mir den vorzüglichen Eindruck, den Cduard M ö r i k e vom Deutschen Opernhaus als Beethoven-Interpret auch sonst schon hinterlassen hat. Er hat alle Qualitäten dazu, ein heißes, impulsives Temperament, um die großen Gegensätze dieses revoluttonärsten aller Tondichter aufeinanderprallen zu lassen, die»lasttsche Souveränität in der Verteilung dieser großen Blöcke und die notwendige Pietät vor dem überirdischen Melo» dieses Großen. So war die Fünfte ein tiefes Erlebnis, die Begleitung des Klavierkonzertes«in erlesener Genuß. James S i m o n, der Klavierfottst, fft allerdirtgs lange nicht dieser Plastiker, was besonders im elften Satz zutage trat. Das Schlußrondo sprühte auch nicht die letzten Funken au». Aber der langsam« Satz war sehr zart empfunden und das Ganze das Pro- bukt eines guten, ernsten Musikers, der nicht blenden will. Die Phil- harmonlker folgten ihrem trefflichen Dirigenten bis in die enttegenstcn Phasen dieser herrlichen Beethovenschen Gotteswelt. H. M. wie lange kann der Mensch den Atem anhalten? Roch einer tiefen Einatmung ist ein gesunder Erwachsener imstande, seinen Atem etwa-tv— 50 Sekunden lang anzuhalten. Diese Zeit ist länger, wenn die Versuchsperson ruhig liegt und ebenso, wenn sie vor Beginn des Bersuchs mehrmal» tief Atem geholt Hot: st« Ist kürzer. wenn kurz zuvor Muskelarbeit verrichtet wurde. Abgesehen von diesen besonderen Fällen ist die Möglichkeit, den Atem für die ge- nannte Dauer anzuhalten, etwas für eine gesunde Lunge kenn- zeichnendes, so daß man von einer normalen Dauer der fleiwilligen, künstlichen Atemruhe spricht. Zwei französische Aerzt«, L. Linat nnd Bourgeois, hoben dieser Erscheinung besondere Untersuchung gewidmet und festgestellt, daß. wenn Störungen in der Atmung vorhanden find, mögen sie nun von der Lunge oder vom Herzen veranlaßt sein, die Zeitdauer des Atemanhaltens beschränkt ist, und zwar im dcrekten Berhältnis zur Schwere der Störung. Patienten mit chronischer Bronchitis oder mit Lungenemphysem kommen beim Atemanholten meist nicht über 20 Sekunden hinaus; bei tuberkulösen Patienten ist die künstliche Atemruhe oft nur noch bis zu 14 Sekunden möglich. Auch Herz- fehler können eine Verkürzung dieser Zeit bi» auf 10 Sekunden herbeiführen. Mit dem Rauminhalt der Lungen hat die Zeit- dauer der fleiwilligen Atemruhe keine Beziehung und Perlonen. die imstande sind, sehr große Mengen Luft einzuatmen, können trotzdem unfähig sein,'sie lange bei sich zu behalten. DaS Konzerthan» Friedrichshain, da« seit S Jahren»14 ilaicarctt benutzt wurde, ist vollständi» renoviert und seinem eigentliche» Zweck zu- riickgcgeben. E» wird nm Freitag durch einen Wagner-Abend deS Philharmonischen Orchester» unter Eduard Möriic eröffnet. I« der Zlrbeiter-Kuust-AuSstelliing. Petersburger Straße 8?, spricht Donnerstag?>/, Uhr Max Weber über„Proletariat nnd Baukunst". Der Meinekcsche Männer-Cbor veranstaltet am Sonntag S Uhr in der Stadtballe, Klo'lersttaße, ein Konzert. Gorkis Enropamse. Kork, ist in Helfingsor» lFiniilaiiM eilt- getroffen Er beabsichtigt, mehrere Wochen hier zu verwesten und dann nach Europa«esterzusabren, um der Kulturarbeit in Rußland zu dienen. Zunächst will er Druckmöglichkett« sttr«issenschasttiche russische arbeitet ericklteiett. s daß das Ministerium gegenüber dem Prinzen das Gwatsinteresse, das Allgemeinwohl wahrgenommen hat. Darf nun der Prinz seinen Riesenbesitz immer noch weiter oerschulden? Darf er fem Vermögen noch weiter steuerlich immer unangreifbarer machen? Wann be- ginnt der Prinz mit einem Vermögen, das heute wohl eine halbe Milliarde darstellt, endlich feiner Steuerpslicht nachzukommen? Der preußische Landtag hat die Pflicht, sich mit der Angelegen- heit des Prinzen Friedrich Leopold eingehend zu beschäftigen. Das Militärtuch der Sicherheitspolizei. Die Vernehmung von Major Bruer wurde heute fortgesetzt. Er wird auch weiterhin unter Aussetzung der Vereidigung ver- nommen. Dem Zeugen war die Beschaffungsstelle, hauptsächlich die Bekleidung unterstellt. Besondere juristische und fachmännische Be- rater habe er trotz mehrfacher Anforderungen nicht zur Seite ge- habt. Ueber die Einzelheiten bei den verschiedenen Verhandlungen kann sich der Zeuge nicht entsinnen. Trotzdem wir überall anftagten, ist uns von keiner Seite ein Angebot gemacht worden. Eines Tages kam T r o b e ck und sagte, jetzt habe er eine Firma, die liefern könne. Es wurden Proben geliefert, die Qualität und Preise geprüft. Alle Leute, die befragt wurden, erklärten, die Ware sei preiswert und der Marktlage angemessen. Vors.: Herr Trobeck will von Baden zurückgekommen sein und Sie gebeten haben, ihtn das Geschäft abzunehmen und ihn von dem Risiko zu befreien. Er will gesagt haben: „Erlassen Sie mir das Geschäft in Mark, kaufen Sie selbst in Pfund in London." Er soll dabei sogar geweint haben. Zeuge: Ja- wohl, er.hat bitterlich geklagt, daß bei dem Geschäft sein ganzes Ver- mögen zugrunde gehen könne. Der juristische Berater der Beschaf- fungsstelle, Major Gerhardt, riet mir aber von dem Ankauf in engtischen Pfund ab, weil das ein zu großes Risiko für den Staat sei. Der Zeuge gibt weiter noch an, ehe Trobeck in das erste Geschäft kam, habe er Bedenken gehabt, ob es nicht wieder eines der vielen Luftangebote sei. Monatelang sei er an der Nase her- umgeführt worden. Taglich wären im Ministerium stürmische Sitzungen gewesen, in denen die Wachtmeister ihr Recht auf Klei- dunz verlangten. Er habe die volle Verantwortung in jenen Tagen, in denen die politischen Wogen so hoch gingen, zu tragen gehabt. Täglich sei er im Ministerium und von den Kom- mandeuren bestürmt worden: wann kommt das Tuch? Entgegen der Ansicht des Zeugen, daß gleich bei den ersten Verhandlungen ein fester Auftrag zur Lieferung erteill worden sei, vermißt der Vorsitzende einen direkten Auftrag in den Akten: es liegt zu jenem Zeitpunkt nur eine unverbindliche Anfrage vor. Der Zeuge b e st r e i t e t das entschieden. Eine Tenöenzmelüung. Der„Zwischenfall" i« der Erzverger-Untersuchung. Die(von uns mtt Vorbehalt wiedergegebene) Meldung der ..München. Augsburger Abendzeitung" über ein Betrugsverfahren gegen zwei Berliner Kriminalbeamte w der Mordsache Erz- b e r g e r wird von zuständiger Stelle als eine sensationelle Aufbauschung mit durchsichtiger Tendenz bezeichnet. Es feien lediglich zwei Polizeibeamte etwas leichtsinnig vorgegangen, aber nicht etwa in dem Sinne, daß sie zuviel berichtet hätten, sondern sie hätten die Angelegenhett nachlässig behandelt und zu wenig be- richtet. Es ist lediglich ein Disziplinarverfahren gegen sie eingeleitet. tzanöwerk rntö Reichswirtsthastsmim'fterium Wie wir erfahren, ist beim Reichswirtschaftsministe- rium ein Handwerkerbeirat gebildet worden, der die Auf- gäbe hat, die Verbindung zwischen dem Ministerium und dem Hand werk aufrechtzuerhatten. Der Beirat setzt sich aus j« 5 Vertretern dar Arbeitgeber und der Arbeitnehmer zusammen. Aus Grund des Vorschlages des interftaktionellen Handwerkerausschusjes des Reichs� tages sowie des Vorläufigen Reichswirtschaftsrates sind als Mit glieder in Ausficht genommen für die Arbeitnehmer: Joseph Dier meier. Borfitzender des Läckerverbandes, Hamburg sADGB.), Joseph Simon, Vorsitzender des Schuhmach erverlxmde«, Charlottenburg bekannt besten Qualitäten zu günstigsten Preisen. Potsdamer Straße 122 Wir übernehmen wieder das Sterilisieren von Wochenbettwäsche zu den billigsten Preisen. 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