Kr. 545 ♦ 38, �akryavg flusgabe jZ Nr. 270 vez«gSprei«» ZN»rtrl1!II>rI.ZS,- SDL, monatl. H— üb frti in» Hau», voran»»ahlbar. Poft» tezug: Monatlich 12,— M, einschl. gu» fteUunnsgetülir. Unter Areuzband iür Scutfcblanb, Dan» g, da» Saar» und Menielgediet, sowie die ehemal» dem- scheu Gebiet» Polen». Oesterreich. Ungarn und Luxemburg 22.— M.. für da» übrige Ausland 25».— M. Poft» destellungen nehmen an Oesterreich. Ungarn, Tfchecho- Slowakei, Däne- ruarl. Holland. Luxemburg. Schwede» und die Schweiz. Der.Bonvcrt»* mit der Sonntag»- beilage»Volt und Zeit", der Unier- ha.mngsdeilaoe»Heimwelt" und der Beilage»Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal. Sonn- tag» und Montag» einmal. Selegramm-Adress«: «Ioziaidemalcat BerNa- Abend-Ansgabe Derlinev Volksblsti ( 3v pkonnlg) Anzeigenpreis: Die zehngespaltene Nonnareillezrtle kostet 7,— M...«leine Anzeigen" da» lettgedrnikt« Ai.ri 3.— M.ag. Anzeigen sür dir nächste Nummer nillssen di»<>/, Ahr nachmittag» im Hauptgeschäst. Berlin SW SS, Linden- strasie 3, abgegeben werde». Geöffnet von S Uhr sriih bi» S Uhr abend». r 7 ir. no Zcntralorgan der rozialdemokratifcben parte! Deutfcblands Reüaktion und Expedition: 62) 6$, Lindenstr. 2 Siedaktioo M-rit-platz IkilvS— S7 y.xpxvttton Morthplah ll7SZ— S4 Freitag, den 18. November 1921 vorwärts-verlag G.m.b.H., SV? öS, Lindenstr. Z DeepttiAri-rKe-r- Berlag. tkxvcdition und Jnieratrn- tyrrnsprcnicr. Moriliplav ,l7S»-5.: 1SSZ M. Steuern pro Kopf. Der S teuer au sschu.ß des Reichstages begoun am Freitag die Generaldebatte über die neuen Sleueroorlagen der Regierung. Reichskanzler Dr. Wtrth erklärte, im Laiche der nächsten Woche dem Ausschnh die gewünschten informativen Erklärungen ab- geben zn wollen. Ministerialdirektor Dr. Popih gab Erläuterungen zn den zahlreichen tabellarischen Ueberstchlen, die den ilbgeordnelen von der Regierung überreicht worden waren. Eine Darstellung über die Einkommensteuer in Deutschland, Frankreich. England und dm Dercinlgim Staaten von Amerika soll einen vergleich er tuSgllchen über die verschiedene steuerliche Belastung in diesen Ländern. Eine lleberstcht über die Slmerbelastung in Deutschland unter Berückstchkigung der neuen Steurrgcseh entwürfe zeigt die Ein- nahmen an Reichssteuern nach dem Entwurf zum Hanshalt der all- gemeinen Finanzoerwaltung für t9l2. Die Gesamtsumme der Sienern würde rund S5 Milliarden Mark pro Jahr betragen. Die Gesamlbelaslung pro Kopf würde 1583 Mark und 80 Pf. ausmachen. Die künfkige Belastung des Besitzes würde nach dm Regiemngsvorlagm rund 52'A Milliarden Mark beiragen. Das sind 51,1 proz. der Gesamtbclastung. Die Berbrauchsbelastung durch Besimemng mibehrstcher Genntzmiitel würde fast 7 Milliarden beiragen, dos sind 6,8 Pro;, der Gesamtbelastung. Der Ministerial- dirckkor macht dann Einzelangaben über die simerstche Belastung in England und Frankreich, nach dmen sich die steuerliche Belastung in England und Frankreich als unvergleichlich geringer ergibt gegenüber der steuerlichen Belastung in Dmischland, besonders was die Besitz- belc-stung betrifft und auch angemessene Berücksichtigung der inneren Saufkrast de» Geldes. Gelöentwertung und Einkommensteuer. Der Zentralverband der Angestellten hat an das Reichsfinanzministerium, an dm Eteuerausschuß des Reichs- tage» sowie an verschiedene in Betracht kommende Minister eine Eingabe gerichtet, die sich mit der A e n d e r u n g de» Ein- kommen st euergesetzes befaßt. Di« fortschreitende Entwertung des Geldes macht eine sofortige Amderung des jetzt gülligen Einkommensteuergesetzes vom 24. Mörz 1321 erforderlich. Der Zentralverband der Ange- stellten machte in seiner Eingabe Dorschläge hierzu. ffaben wir abgerüstet! Anternntionale Prüfungsrcise durch Deutschland. Genf, 17. November.(MTB.) Der Allgemein« Deut- sche Gewerk schaftsbund, der rund 9 Millionen Arbeiter und Angestellt« vertritt, hat durch sein Vorstandsmitglied, den ehe- maligen Reichsminister Wissel!, Vertreter der Arbeitnehmer aus der Internationalen Arbeitskonserenz, eine Reih« von Mitgliedern, darunter auch Regicrungsvertreter und Person- lichkeitm des Wirtschaftslebens, der Presse, und des Parlaments zu einer etwa zweiwöchigen Rundreise durch Deutschland eingeladen, um diesen Gelegenheit zu geben, sich über die Derhäll- nisse in Deutschland zu unterrichten und'sich von dem Ersüllungs- willen des deutschen Volkes und der völligen Umstellung der früheren deutschen Rüstungsindustrie zur Friedensarbeit zu überzeugen. Die Reise soll am kommenden Montag unter Führung Wissell» ihren Zlnfang nehmen. Sie wird zunächst nach Mün- chen führen, um über Berlin, Spandau, Kiel, Hamburg, Essen. Erfurt und Frankfurt a. M. fortgesetzt zu werden. Den end- gültigen Reiseplan wird man in München mit Hilfe der Teil- nehmer selbst aufstellen, und dort werden sich auch sachverständige Führer und Dolmetscher anschließen. Den Teilnehmern soll Ge- legenheit geboten werden, die maßgebenden Betriebe der ehe- maligen Rüstungsindustrie, die früheren staatlichen Waffenwerke usw. in den verschiedensten Teilen Deutschlands zu besichtigen und mit Heroorragenden Persönlichkeiten der Reichs- rcgicrung, der Groß-Unternehmungen und dar Arbeiterorganisationen in Fühlung zu treten. Die Tcilnehmerliste steht noch nicht endgültig fest, doch ist damit zu rechnen, daß Angehörige fast aller Erohstaaten der Welt teilnehmen werden. Deutscher Sieg in Genf. Genf, 17. November.(WTB.) In der heutigen Nachmittags- sttzung der Internationalen Arbeitskonferenz hiell der frühere deutsche Reichsminister Wissel! ein« ausführliche Rede, die wesentlich dazu beitrug, daß der Abkommensentwurf über die Wochenruhe angenommen und der Abänderungsantrag des englischen Vertreters der Arbeitgeber abgelehnt wukde. Wissell wandte ssch mit größtem Nachdruck gegen den Geist der sozialen Rückständigkell, der in geradezu erschütternder Weise in den Debatten über die Wochenrutze zum Ausdruck gekommen sei. Man glaube sich Jahrhunderte zurückversttzt, wenn man Argument« höre, die in keiner Weise auf die reichen Fortschritte und Ersah- rungen auf sozialem Gebiete Rücksicht nehmen. Wisiell warnte eindringlich vor den Folgen irgendwelcher Verschlechterung des Ab- kommens; die Arbeiter hätten gehofft, daß sie nun endlich als Subjekt und nicht mehr als totes Werkzeug im wirtschaftlichen Leben behandelt werden. Der Redner wies auf die Enttäu- s ch u n g hin, die in den Arbeitermassen der Welt um sich greifen müßte, die dann nur noch ihren Organisationen Vertrauen schenken und sich deren starkem Ausbau widmen würden. Die Rede Wissells, die mit einem starken Appell an das soziale Gewissen der Konferenz schloß, erntete sehr reichen Beifall, nicht nur bei allen Arbeitervertretern, sondern auch bei vielen Regie- rungsvertretern. Der von Wissell bekämpfte Zusatzantrag wurde schließlich abgelehnt. Doume? über Deutschlanös Iinanzen. Paris, 17. November.(WTB.) In der heutigen Kammer» sitzung beantwortete Finanzminister Dvumer die verschiedenen Interpellationen über di« Finanzlage Frankreich». Im Laufe seiner Rede sprach er auch von der Finanzlag« Deutschlands. Er wies darauf hin, welche Schwierigkeiten zu überwinden seien, um den Bedürfnissen des Wiederaufbaugebietes Rechnung zu tragen. Der Abgeordnete de Lafteyrie habe sehr interessante Auskünste gegeben, di« mit denen der Regierung gleichliefen und bewiesen, daß, wenn Deutschland— er sage nicht nur, die augenblickliche'Regierung Deutschlands— wolle, dann könne es bezahlen. Deutschland besitze Aktiven, die es schwer in Goldmark und in ausländische De- visen umwandeln könne: aber es feien deutsche Vermögen vorhanden, deren größter Teil außerhalb de» Landes sei und deren Besitzer keinen großen Eifer zeigten, der deutschen Re- gierung zu helfen, ihre Verpflichtungen zu halten. Sie müßten sich aber von den Folgen Rechenschaft ablegen, die ein Bankerott Deutschlands noch sich ziehen würde. Wenn dieser Bankerott sich ereigne, werde er Ereignisse nach sich ziehen, die die deutsche Reichsetnheit kaum überleben könne.(Lebhafter Bei- fall.) Die Alliierten, insbesondere aber Frankreich, könnten nicht dulden, daß auf ihre Schultern auch nur ein Minimum der Lasten zurückfalle, die nach dem Friedensverträge- den Deutschen zufielen. (Beifall.) Der Finanzminister erklärte, er bewahre immer den Ge- danken, daß Deutschland den Verpflichtungen, die es übernommen habe, nachkommen werde, und er sehe eines der Heilmittel für die finanzielle Lage darin, daß die von Deutschland zurückzuerstattenden Ausgaben zurückbezahlt würden. Wenn möglich, so schloß er die Erörterung über diese Frage, müssen wir die Schuld Deutsch» land» internationalisieren.(Beifall.) Englanü unterstützt Ehina. London, 17. November.(WTB.) Einer Reuter-Meldung aus Washington zufolge erklären die britischen Delegierten, daß sie der Politik der O f f e n e n T ü r in China vollauf zustimmen, die der chinesische Delegierte Sze in seiner Erklärung vor dem Kon- ferenzausschuh auseinandersetzte. Großbritannien betrachte die E i n- fluhsphären als veraltet und für moderne Verhältnisse un- brauchbar. Während die britische Ansicht dahin gehe, daß das eng- lisch-japanische Bündnis von keinem der chinesischen Vorschläge be- rührt werde, würde Großbritannien jede Art von Vereinbarungen zwischen den Großmächten oder vielleicht ein Abkommen, das sich auf Amerika, Japan und Großbritannien beschränke, begrüßen, um den englisch-japanischen Vertrag für den fernen Osten Zu ersetzen. Der Vertreter Japans, Admiral Kato, hat die Führer der anderen Delegationen ersucht, ihm einige Tage F r i st zu ge- währen, damit er die Vorschläge Chinas prüfen könne. Diesem Er- suchen wurde stattgegeben. Die Lanüabri'istuny verschoben' London. 18. November.(WTB.) Eine Meldung aus Washington besagt, man erwarte, daß Driand auf der Dollkonferenz in der nächsten Woche eine Rede über dteRüstungen zu Lande hallen werde, da er die Absicht habe, um den 25. November nach Frcnkerich zurückzukehren. Im übrigen. werde sich die gegenwärtige Ab- rüstungskonferenz wahrscheinlich nicht mit der Einschränkung der Rüstungen zu Lande befassen, sondern es werde eine neue Kon» f e r e n z für nächstes Jahr einberufen werden, um diese Frage zu behandeln. Die britische Delegation hat auf der Konferenz mitgeteilt, daß sie die Frage der alliierten Schulden an die Vereinigten Staaten auf der Konferenz nicht aufwerfen werde. Es verlaute je- doch, daß Frankreich undJtalien auf eine Erörterung dieser Frage dringen würden. Schwankenüer Dollar. Nachdem bereits an der gestrigen New Aorker Börse die Mark eine Abschwächung bis auf 0,37 erfahren hatte, das einem Stande des Dollar von 270 entspricht, setzte auch am heutigen Berliner Devisenmarkte der Kurs der ausländischen Zahlungsmittel wesentlich böher ein als gestern. Dollar- noten wurden im öffentlichen Verlehr gegen Mittag un- gefähr mit 204 gehandelt. Notwendige Pionierarbeit. Bon Minna Todenhagen. Auf der letzten Bezirkswohlfahrtskonferenz am Anfang November wurde von verschiedenen Seiten darüber geklagt. daß die Bezirksbehörden unseren Mitgliedern die Mitarbeit bei der gemeindlichen Wohlfahrtspflege zum Teil immer noch versagen, zum Teil wesentlich erschweren. Die Schwierigkeiten, die zum Teil vorhanden sind, stehen im engsten Zusammenhang mit der politischen Konstellation in den einzelnen Bezirken. Das sollte, soweit freiwilliger Helferdienst in Frage kommt, auf dem Gebiete der Wohlfahrts- pflege in Fortfall kommen. Die Grundsätze, die uns hierbei von der bürgerlichen Welt trennen, kommen in ernstgemeinter Ausübung der Wohlfahrtspflege wenig zum Durchbruch. Es sei denn, daß man soweit geht, dieses Gebiet'als ein Privileg der bürgerlichen Welt zu betrachten. Diese Auf- fassung ist durch die Verhältnisse überholt. Sie war verständ- tich, solange die Wohlfahrtspflege in der Hauptsache Vereins- arbeit war. Heute ist sie eins der bedeutsamsten Gebiete der öffentlichen Verwaltung. Diese kann aber nie so oerstanden werden, daß sie eine rein behördliche lein soll: Es liegt im Wesen der Demokratie, daß sich das dssentliche Leben unter weitgehendster Mitwirkung aller Volkskreise vollzieht. In welcher Form sich diese Mitwirkung neben der gewählten Ver- tretung des Volkes zur Verfügung stellt, ist Sache der. Ent- wicklung. Man kann sich sehr wohl vorstellen, daß sie in der Wohlfahrtspflege in Form des Bürgerdeputationswesens voll- auf genügen kann. Ob das heute schon im vollen Umfange möglich ist und welche Ergänzungen notwendig sind, das ist eine Frage der Praxis. Wir hatten bisher zum Beispiel in der Armenpflege das System der Armenkommissionen. Pie Entwicklung wird dahin führen, die freiwillige Helferschaft auf den verschiedensten Gebieten der Wohlfahrtspflege(zum Beispiel das große Heer der Nachprüfcr, der Schutzaufsichten u. a.) auch in Zukunft kommissionsweise zusammenzufassen, um ein einheitliches Arbeiten zu erzielen. Diese Kreise können sich aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten zusammen- setzen. Auch das liegt im Wesen der Demokratie, daß die Verwaltungsorgane Spiegelbilder der gesellschaftlichen Entwicklung sind. Voraussetzung dafür ist aber, daß sich diese Kreise und die Behörden auf das Wesen der Demokratie ein- stellen. Auf welche Weise sich die freiwilligen Helfer zur Der- fügung stellen, ob als Mitglieder von Vereinen oder wie bei uns als Spezialistengruppe einer Partei, das eben ist auch wieder Sache der Entwicklung. Der von uns beschrittene Weg scheint der einfachste und eindeutigste zu sein. Selbstoerständ- lich kann es sich dabei immer nur um ergänzende, ausführende Arbeit handeln. Die Leitung lkgt bei der gewählten Volks- Vertretung. Soweit Neichsbehörden in Frage kommen, erfreut sich die Arbeiterwohlfahrt wohlwollendster Förderung. So hat das Reichsarbeitsininisterium, Abteilung für Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfürsorge, in seinen amtlichen Nach- richten vom 8. November 1920 folgenden Erlaß heraus- gegeben: Der am 13. Dezember 1919 gegründete Hauptausschuß für Arbeiterwvhlfahrt, Berlin SW. 68, Lindenstr. 8, stellt eine Zu- sammenfassung der von den Arbeitervereinigungen geleisteten Wohlfahrtspsleg« dar. In den Ländern, Bezirken und Gemeinden werden Landes-, Bezirks- und Ortsausschüsse für Arbeiterwohl- fahrt gebildet, die zum Teil schon bestehen, zum Teil noch in der Bildung begriffen sind. Publikationsorgan ist die Zeitschrift„Die Gleichheit". Ich ersuche ergebenst, den Hauptausschuß für Arbeiter- Wohlfahrt bzw. seine nachgeordneten Organe in geeigneten Fällen an Beratungen usw. zu beteiligen. I. P.: gez. Gelb. Von den Alt-Berliner Behörden kann erfreulicherweise gesagt werden, daß sie sich unserer Mitarbeit gern bedienen. Die Nachfrage nach Helfern ans unserest Reihen ist stets größer als das Angebot. Es hieße den Zweck dieses Artikels nur halb erfüllen, wollte man dabei nicht auch auf die Hemmungen hinweisen, die der Arbeit aus unseren eigenen Reihen erwachsen. Man befürchtet eine unnötige Verzettelung der Kräfte zum Schaden der Agitation. Das muß unter allen Umständen vermieden werden. Man darf aber nicht übersehen, daß der agllarorische und organisatorische Aufgabenkreis über den Rahmen der Partei hinaus ins öffentliche und gesellschaftliche Leben hin- eingewachsen ist. Die moderne öffentliche Wohlfahrtspflege stellt organisatorisch Aufgaben, deren Lösung zur unsere gesell- schaftsumbildende Fähigkeit Probeleist'ingen aufgibt. Auch hier ist Gelegenheit, für Theorien praktische Formen zu finden. Es ist dies die schwierigere Art der Agitation, welche die Reu- zeit von uns verlangt. Nicht nach dem, was wir sagen, nach dem was wir erreichen werden wir(oft zu bitter unrecht) eingeschätzt. Die schwierige Finanzlage erschwert uns auch hier unsere Aufgaben. Die Not zwang uns zu alten Mitteln zu greifen. Wir mußten uns des freiwilligen Spendertums bedienen. Uns fiel dabei, von selbst, aus innerem Antrieb heraus, die Auf- gäbe z», zwischen der Vereinsarbeit und l-r behördlichen Arbeit die Brücke zu schlagen, die auf den U«g der Gemein- samkeit hinüberführt. In diesem Sinne hat der Bezirksaus- schuß für Arbeiterwohlfahrt wertvolle Pionierarbeit geleistet. In der Auslandshilfe vertraten wir von vornherein den Standpunkt, daß die Spenden den amtlichen �.llen zu überweisen, den in Frage kommenden Verein.. i weitgehendsten Einfluß auf die Verteilung zuzugestehen sei. Wir konnten diesen Standpunkt gegenüber der bürgerlichen Mehrheit zu- nächst nicht durchfetzen. Jetzt endlich aber gehen nach mehr- facher �Anregung von unserer Seite �ie Kinderschutzkommission der USP. und der Bezirksausschuß für Arbeiterwohlfahrt mit gutem Beispiel voran. Sie überlassen die auf sie entfallenden Anteile aus d>.n Auslandslpensen in chiumrst den Bezirksämtern. Die Ueberleitung in die Hände Bedürftiger ist durch unseren Helferdienst gewährleistet. Eine starke Kon, Zentrierung auf den Gedanken der Er- gänzung der öffentlichen Wohlfahrtspflege erzielten wir durch unseren Eins' iß bei der Deutschen Kinderhilfe. Es gelang uns, unsere Richtlinien für die Verwendung der Mittel durch- zusetzen, in denen �tlose Verwendung der Mittel für die not- leidenden Kinder i.er maßgeblichem Einfluß der städtischen Wohlfährtsbehördcn garantiert war. Die öffentlichen Stellen wurden nicht nur bei der Ausschüttung der aufgebrachten Mittel berücksichtigt, sie wirkten auch im weitgehenstem Maße bei der Verwendung der Mittel durch die Vereine mit. Den weitesten schritt ging auch hier wieder der Bezirksausschuß für. Arbeiterwohlfahrt. Ihm waren für Tuberkulosebekämpfung in Alt-Berlin 23 75l) M. überwiesen worden. Diesen Betrag stellte der Bezirksaussch.ß dem Berliner Gesundheitsamt zur Verfügung, um die ihm gestellte Aufgabe mit den von der Stadt eingerichteten Tuberkulosefürsorgestellen gemeinsam durchzuführen. So surd wertvolle Ansätze für die Neugestaltung der Wohlfahrtsarbeit entstanden, die weiter ausgebaut werden müssen. Das ist um so notwendiger, als sich die Gesetzgebung auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege auf die freiwillige Mit- Wirkung aller Gesellschaftskreise einstellt. UnsereArbeit muß Pionierarbeit sein für die Vereini- gungoon freiwilliger und amtlicherTätig- keit zu volksgemeinschaftlichem Dien st. wirth warnt ü:e Inüuftm. «Bestem abend empfing der Reichskanzler nach einer Meldung der XU. die Vertreter des Reichsverbandes der Industrie und wies sie nachdrücklich auf die Aolgen hin, die für die p o l i- tische Lage Deutschlands entstehen könnten, wenn die Industrie an Ihren� Bedingungen für die krcdithilse festhielte. Rückzug der Scharfmacher? In der gestrigen Sitzung des Vorstandes der Zentral- orbeitsgemein schuft erklärten die. Arbeitgeber, daß in ihrer dem Reichskanzler abgegebenen Erklärung, betreffend die Ueber- führung der Eisenbahnen in die privatwirtschafUiche Form die in der Presse vielfach unterstellte Aus lieferung an das Privatkapital nicht verstanden werden darf.(Was denn sonst? Red. d. V.) Ebenso erklärten die Arbeitgebervertreter, daß die Behauptungen der Presse, die Industrie beabsichtige die Beseitigung des Achtstundentages, unrichtig und bei den Beratungen des Reichsverbandes der deutschen Industrie nicht zum Ausdruck ge- jjSpmmynf?) ist;' • Diese Verleugnung der ursprünglichen Absichten, die durch kein Ableugnen aus der Welt geschafft werden, könne, scheint der Anfang eines Rückzuges zu fein. Der durch die frechen Forderungen der Industriekapitän« hervorgerufene Sturm der Entrüstung hat diefe wohl doch stutzig gemacht. Aber wer die Herren kennt, der weih, daß st« bei nächster Gelegenb-it r'-Vr- kämmen werden. • Die Sitzung der�Z e ntralarbeitsgemeinfchaft wurde gestern abend um 3 Uhr fortgesetzt, um gegen ÜIO Uhr auf den nächsten Tag vertagt zu werden. Sie trug den Charakter einer streng oertraulichen Aussprache, bei der die Vertreter beider Gruppen, Gelegenheit hatten, eingehend zu den Problemen Stellung zu nehmen. Ueber den Verlauf der Verhandlungen, di« heute fortgesetzt werden, wird vorläufig Stillschweigen be- wahrt.__ Jnfercflkrte Zalschmelüung. Man schreibt uns: Die bürgerliche Presse und verschiedene Korrespondenzbureaus verbreiten über die Sitzung der Zen- tralarbeitsgemeinschaft, die sich am Donnerstag mit der Kredit» beschaffung durch die Industrie und den industriellen Forde- rungen beschäftigte, Meldungen, die im wesentlichen unzu- treffend sind. Es ist keinesfalls von einer„Annäherung zwi- schen den beiden Parteien" zu reden, sondern vor Schluß der Tagung wurde von Arbeitnehmerseite ausdrücklich festgestellt, daß die Auffassungen derart v e r s ch i e- den sind, daß eine Einigung kaum zu erwarten ist. Auch trifft es nicht zu, daß der Reichsverkehrsminister in Aus- ficht gestellt hat, den Sachverständigen, sschuh zur Umgestal- tung der Eisenbahnverwaltung einzuberufen. Richtig ist lediglich, daß die Industrie sich bereit erklärt hat, neue Bor- schlüge auszuarbeiten._ der ausgelachte Geßler. München, lS. November.(Ctg. Drahtbericht.) In Grafen- i wöhr wurde der Reichswchrminister Gegler bei einer Truppenschau über die bayerische Reichswehr in dem Augenblick, in dem er tn einer Ansprache die Offiziere darauf aufmerksam mackste, daß sie der Republik den Eid geleistet halten und verpflichiet wären, die Repu- blik zu schützen, von diesen Offizieren laut auvgelachi und verhöhnt. Der Reichswehrmlnisler unterbrach seine Rede und verließ den Tatort. In der Angelegenheit schreibt die Münchener., Morgenpost", daß der General desbayerischen Wehrtreiskommandos einem Befehl, sich tn dieser Angelegenheit in Berlin zu melden, nicht nachgekommen wäre mit der Begründung, er könne nicht nach Berlin kommen, da Ihm dort voraussichllich die V e r- h a f l n n g bevorstehe. * In der heutigen Presickonserenz wurde indessen vom Reichswehr- Ministerium dieser Vorgang in Grafenwörth entschieden bestritten. Auch wurde behauptet, daß die Berufung des Generals v. Möhl nach Berlin mit diesen Vorgängen nichts zu tun gehabt Hobe. Strafverfolgung tvegcn Putfchvcrhindcrung. München. 18. November.(Eigener Drahtbericht.) Im Ge- ichäftsordnungsausschuß des Landtages wurde heute ein Ersuchen der Staatsanwaltschaft München um Genehmigung der Strofoer- solgung des Genossen Auer beraten wegen der bekannten Ange- leqenheit der nächtlichen Aufhaltung eines Zeitungsautos des ,.M i e s b a ch e r Anzeiger". Die Genehmigung der Strafoer. folgung wurde während der Tauer der Landtagsoerhandlungen a b- gelehnt. Im übrigen muß es äußerst befremden, daß die baye- rische Staatsanwaltschaft gegen den Genossen Auer vorzugehen beab- sichtigt, obwohl seinerzeit die Aufhaltung des Miesbacher Zeitungs- autos im Einverständnis mit den Führern der Koa- litionsparteien erfolgte, mit dem Zweck. Drucksachen, welche einen Staaksnmstnrz in München vorbceeiien sollten, abzufangen. Zum mindesten muß es befremden, daß bis zu diesem Augenblick der zweite Vorsitzende der bayerischen Einwohnerwehr, Herr Konz- ler, wegen seiner bekannten Aufforderung zum Mord immernoch nicht vor die Gerichte gezogen ist, und unser Genosse Auer wegen einer Tat, die die Anerkennung weitester Kreise gefunden hat, vor die Gerichte zitiert werden soll. Ter Notbann. München, 18. November.(Eigener Drahtbericht.) Die„Mün- chener Post" bringt eingehende Darlegungen über den Charakter de» Kahrschen„Notbannes", den Graf Lerchenfeld neuerding» wieder ausgegraben hat. Dieser Notbann wurde ins Leben gerufen, well sich die Technische Nothilfe geweigert hott«, für die bürgerlichen Zei- tungen Streikbrecherdienste zu leisten. Hierauf rief der Staatskom- misiar für München Stadt und Land diesen Notbann auf, um ein» Organisation zur Verfügung zu haben, welche sich bedingungslos in den Dienst der Regierung stellen würde. Kriegsverbrecher Leutnant öolöt entflohen. Hamburg, 18. November.(Eigener Drahtbericht.) Der Kriegs- Verbrecher Oberleutnant z. S. a. D. B o l d t ist aus dem hiesigen Gefängnis entflohen. Boldtz der di« Rettungsboote des Hospitalschiffes„Landovery Castle" hat versenken helfen, um die Zeugen der Torpedierung aus der Welt zu schaffen, war vom Reichsgericht zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Seinerzeit war er von Hamburg in Fesieln nach Leipzig transpor- tiert worden. Diese Maßnahme wurde aus eine Anfrage im Reichs- tag damit begründet, daß Boldt von Gesinnungsgenosien befreit werden sollte. Nunmehr ist er wirklich aus dem Untorjuchungs- gefängnis entflohen. Er wurde dort mit Schreibarbeiten be» schäftigt, eine Art Vertrauensposten. Gestern abend be- nutzte Boldt einen günstigen Moment, um zu entweichen. Trotz sofort aufgenommener Verfolgung konnte seine Spur nicht mehr gefunden werden. Die Rechispresse hatte sich ihrerzeii entrüstet, weil Boldt bei seiner Verhaftung von der Hamburger Polizei gefesselt worden war. Boldt selber rechtfertigt jetzt dies Verhalten der Polizei auf das nachdrücklichste, indem er das ihm— sehr ungerechtfertigt — entgegengebrachte Vertrauen der Gefängnisverwaltung durch die Flucht beantwortet. Es muß übrigens hervorgehoben werden, daß Boldt und seinem Komplicen Dittmar nach ihrer Bcrurteilung durch U-Boot-Kommandeur K o p h a m e l namens sämtlicher früherer U-Boot-Ofsiziere eine besondere Ehrenerklärung ausgestellt wurde, die den Spruch des Reichsgerichts für nichtig erklärte. Wenn die Offiziere jedem Verbrecher, weil er den Offiziersrock getragen hat, das Vertrauen votieren, so dürfm sie sich nicht beklagen, wenn ihr Ansehen in der Oefsentlichkeit zurückgeht. flus unserer Lanütaxsfraktl'on. Wie die PPN. hören, nahm die sozialdemokratische Landtags- fraktion heute für die bei der Bildung des neuen Ministeriums aus» geschiedenen Mitglieder des Vorstandes Ergänzungswahlen vor. Zu Vorsitzenden wurden außer dem zweiten amtierenden Vorsitzenden L i m b e r tz die Abgeordnelen H e i l m a n n und Franz Krüger gewählt. Weiter wurde in den Vorstand neu delegiert di« Abgeord- nete Frau Hanna vom Vorstand des Allgemeinen Deutschen Ge» werkschaftsbundes. Zuchthaus für Schlemmer! München, 18. November.(WTB.) Es verlautet, daß der bayerische Gesetzentwurf gegen Schlemmerei Gefängnis st ro- fen sowie Geldstrafen bis zu IVVOOO M., im Wiederholung». falle Zuchthausstrafe bis zu fünf Jahren, Geldstrafe bis zu 200 000 Mark, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, Ueber» Weisung an die Landespollzel sowie öffentliche Bekannt» gab« der Namen der Schuldigen vorsteht. Auch in Deutsch- land sich aufhaltende Ausländer sollen gegebenenfalls vom Gesetz betroffen werden. Nicht nur für Schlemmer selbst, sondern auch für diejenigen, die der Schlemmerei Vorschub leisten, sieht der Gesetzentwurf schwere Strafen vor, so Entziehung der Konzession, Schließung der Lotale und eventuell neben diesen Strafen noch Geldbußen. „Unkergrabung der AutorllR*. Unzählige Mccke ist in der sozialdemokratischen Presie, wenn sie Ungsheuerlichkeiten der Klassenjustiz brandmarkte, von rechtsstehender Seite vorgehalten worden, sie untergrabe die Autorität der Justiz. Dieselbe rechts» stehende Presse hält aber mit den gröbsten Beschimpfungen der Justiz nicht zurück, wenn ihr irgendeine Entscheidung einmal nicht paßt.. Wie ist das Reichsgericht anläßlich der Kriegsverbrecher. prozesie von rechts her angepöbelt worden! Jetzt berichtet der deutsehnationole„Tag" über ein« Sitzung de» Reichsgerichts unter der Ueberschrifl„Em Sotau des Relchsgerichl» vor der Straße". Ursache ist, daß da» Reichsgericht im Staßsurter Pulschprvzeß»ine Anzahl Angeklagte, die bereit» seit mehr al» einem Jahr in Untersuchungsbast sitzen, aus der Haft entlassen hat. Das ist natürlich«in schweres Derbrechen: denn gemäß der bestehenden Gleichheit vor dem Gesetz dürfen nur Rechtsputschisten wie v. I a g o w und Schiele mit der Untersuchungshaft verschont werden. Als wir das bemängelten, haben wir die Autorität der Justiz untergraben. Aber wenn der„Tag" von einem„Kotau des Reichsgerichts" redet—, ja Bauer, das ist ganz was anderes! Das Urteil im„Reigen'-peoZeß. Von John S ch i k o w s k i. Sämtliche Angeklagte im„Rclgea".Prozeß wurden frei- gesprochen.. Als zur Zeit Friedrichs II. der Hallesche Theologe Francke sich an den König mit der untertänigen Bitte gewandt hatte, eine in Halle gastierende Schauspielertruppe durch landesväterlichen Macht- spruch zu entfernen, erhielt er mm alten Fritz folgenden präzisen Bescheid:„Die Kommödianten sollen bleiben, und zur Strafe soll der Mucker Francke selbst bei ihnen in die Komödie gehen und der erste Kommödiant soll ihm das bescheinigen." Inzwischen sind mehr als anderthalb Jahrhunderte oergangen und ini Lande Preußen sieht es heute anders aus. Wir sind kein despotisch regiertes Volk mehr, wir sind Bürger eines Freistaats, in dem es keine Königlichen Machtsprüche mehr gibt, sondern jede strittige Rechtsfrage durch unabhängige gelehrte Juristen— unter Umständen mit Unterstützung durch wohlunterrichtete Sachverstän- dige— entschieden wird. Die Formen haben sich vervollkommnet. gefestigt und veredelt. Unit diefe neuen Farmen sind von einem Geist erfüllt, der sickp ebenfalls, aber in wesentlich anderer Art, von dem des friederizianischen Zeitalters unterscheidet. Der„Neigen"-Prozeß ist heute nach langwierigen und eingehen. den Verhandlungen zu Ende gegangen. Das Urteil ist relativ gleich- . gültig. Man konnte Frau Eysaldt und Herrn Sladck einsperren oder freisprechen— an der Sache se''�t wäre dadurch nichts Wesent- liches geändert morden. Denn der Prozeß selbst, seine ganze Auf- machung und die bei den Verhandlungen zutage getretenen Beglcit- ersiheinungen sind das, was dieses Ereignis über die Bedeutung eines juristischen Sireitfalles hinaushebt und zu einem Zeitdokument allerersten Ranges stempelt. Nicht zwei Parteien, sondern zwei welthistorische Epochen standen sich in Moabit gegenüber. Das 20. Jahrhundert rang mit verwesenden Ueberresten de» Mittelalters. Dort Förderer der heute lebendiaen Kultur, Träger der Zukunft, Intellektuelle, Ge- lehrte und Künstler, deren Namen nicht nur in Deutschland jeder kennt und ehrt. Hier eine Handvoll obskurer Zeloten und muffiger Betschwestern, denen im tiefsten Herzen alles Natürliche als Teufels- mark gilt. Tori der normale Mensch mit gesunden Sinnen und un- verdorbenem Denken und Fühlen, Her intellektuell und sittlich Kranke, deren Seelenleben entweder. von Geburt an im Kern verfault oder durch naturwidrigen Drill in perverse Bahnen gelenkt worden ist. Das Streitobjekt war ein Kunstwerk. Ein Werk, über besten bohen ästhetischen Wert unter den berufenen Kennern kein Zweifel besteht. Dieses Werk soll„unzüchtig" sein. Ein Kunstwerk kan.A aber niemal» unzüchtig sein. Es ist beschämend. daß man diesen Grund- und Clemrntarsatz aller Aesthetik in einem Kulturlande noch besonders betonen und verteidigen muß. Wer In einem Kunstwerk etwas Unsittliches sieht, der ist entweder für Kunst unempfänglich, oder die Mutter Natur hat ihn mit einer so geil» schmutzigen Phantasie ausgestattet, daß ihm jeder rein künstlerische Eindruck durch stosflich-sinnliche Reizungen verschleiert wird und nur das Grobmaterislle, nicht das Kunstwerk selbst, auf ihn zu wirken vermag. Daß es derartige Leute gibt, wird niemand bestreiten, der .,Reigen"-Prozeß hat sie uns in typischen Exemplaren beiderlei De- schlcchts vorgeführt. Aber gerade von diesen pathologischen Elc- menten gilt es das deutsche Bolk zu reinigen, wenn anders die Her- crnzüchtung eines freien Vollmenschentums möglich werden soll. Diesen modernen Heiligen, die für ihre Ueberzeugung nicht zu Mär- tyrcrn, sondern zu Denunzianten werden, diesen keuschen Seelen, die ihrem verletzten Zartgefühl durch Werfen von Stinkbomben Ausdruck geben, gebührt kein Schutz und keine Schonung. Run hört man aber zuweilen von aufgeklärten und Vorurteils- freien Leuten:„Uns Erwachsenen kann so etwas nicht schaden, aber mein vierzehnjähriger Sohn und meine fünfzehnjährige Tochter— Fragt man diese Leute:„Glauben Sie, daß Sie in Ihrer Lugend durch eine„Reize, i"-Vorstellung sittlich verdorben worden wären?" Dann erhält man regelmäßig die Antwort:„Nein, ich nicht!" Es scheint also, als ob die Jugend von heute in moralischer Hinsicht weniger widerstandsfähig sei, als es in der bekannten guten alten Zeit der Fall war. Das ist natürlich ein Irrtum, aber nehmen wir einmal an. es wäre so. Was ergibt sich daraus? Soll die Literatur auf den Gefühls- und Gesichtskreis von Tertianern und Backfischen zugeschnitten werden? Dann wäre es heilige Pflicht der Familien- väter, aus ihrer Hausbibliothck den Shakespeare, den Goethe und die Bibel schleunigst zu entfernen, und die Gerichte müßten auch diese Schundliteratur einziehen und einstampfen lassen. Das wird nicht geschehen, und daher bleibt den sorglichen Bätern und Müttern nur übrig, ihre Kinder so zu erziehen und aufzuklären, daß sie allen natürlichen Vorgängen unbefangen gegenübertreten können und auch im Sexuellen nichts Anstößiges zu sehen vermögen. Dann werßen sie im erotischen Kunstwerk nur die Kunst genießen und jede fünfzehnjährige Tochter kann einer„Rcigen"-Ausiühriing beiwohnen, ohne dabei etwas anders zu empfinden als den Eindruck eines an- mutigen, feinen und nachdenklichen Spiels. Heute sind wir noch nicht so weit. Aber unsere Pslicht muß es sein, die Jugend in diesem Sinne zu erziehen, sie nicht zu christlich- mittelalterlichen Gemüts- und Geisteskrüppeln werden zu losspn, son- dern sie zu freien und ganzen Menschen heranzubilden. Dieses keuch- tende, hohe und schöne Ziel wollen wir uns nicht durch Talare und Altweiberräcke verhängen und verdunkeln lassen. Man hat Deussch- land pelltisch und wirtschastlich geknechtet, aber unsere geistige und sittliche Freiheit wollen wir uns erhalten und, wo es nötig ist, er- kämpfen. Die soll uns kein Brunncr und kein Bradtke knebeln und kctstri-ren dürfen! Wir wünschen uns wahrhaftig nicht die Wiederkehr des friede- nzianischkn Zeltalters. Wo» wir uns aber wünschen, das wäre ein Gerichtshof, der heute da, Urteil hätte fällen dürfen:„Der Reigen lall bleiben, und zur Sirofe soll der Keuschtheits-Drunner samt seiner Stinkbombengefolgschaft vier Wochen lang jeden Abend in die Ko- mödi« gehen und Frau Eysoldt soll ihm da» bescheinigen!" Volksbühne:„Sönig Lear". Di« Lear- Darstellung der Volksbühne währte über fünf Stunden. Noch länger al» meisten Reinhardtfchen Klassiter-Erstaufführungen. Indes diese künstlerische Pietät erhöht durch das Bestreben annähernder Vollständigkeit nicht immer auch die innere Wirkung. Ins- besondere nickt bei Shakespeare. Die Fehlingsche Regie, die mit Fug und Recht die dekorativen Hintergründe nur ganz einfach in allgemeinsten Umrissen markierte, vermochte die zahllosen Verwandlungen nicht ohne längere Pausen durchzuführen. Bei der lockeren Bcziebuna. in dem ein Teil der weitverzweigten Handlung zum Mitelpui.kte der Tragödie steht, wären Striche und Zusammen» legungen um so unbedenklicher gewesen. Die Breite des Geschehns, das bunte Gedränge blutiger Wechselfälle In Shakespeares Stücken hatte eine Hörerschaft vor Augen, für die das Stoffliche als solches noch einen naiven, ungebrochenen Reiz besaß. Der Lear Friedrich K a y h l e r s war nicht, wie manche Shakespeare-Interpreten die Figur auffassen, ein mächtig aufragen. der Titan, eine elementarisch mochtvolle Natur, die überschäumend noch in ihrem Sturze eine ganze Welt mit fortreißt— er gab ihn in schlichter Menschlichkeit. Unsicher schwankend unter der Last der � Jahre ist sein Gang, da« Antlitz, von langem weißen Patriarchen- � bart umrahmt, wenn der Affekt sich ausgetobt, von gütiger Milde. : Und dieser mcnschlich-weiche Grundton klingt in jedem Stadium de» Leidensweges an; auch in der grandiosen Szene auf der Heide. Die ! Schauer des Dämonischen, die dieses Bild umschweben, wurden da � nicht in dem Maße lebendig, als es die Dichtung verlangt. Nach dem Schlußbilde, dem malerisch schönsten des Abends, dankte dem Darsteller langanhaltender, sich immer wiederholender Applaus. Don den zahlreichen Nebenfiguren traten am eindrucksvollsten die bitterharte, haßerfüllt« Goneril Marn Dietrichs, der verschlagene Gloster-Bastard A s p e r s und Koch» biederer Kent hervor. Den Edgar spielte, in verschiedenen Momenten mit glücklichem Gelingen. der junge Christian Friedrich K a y h l e r. Die Lebensweisheiten des Narren fanden einen klugen Sprecher in Herrn Guido Herzfeld, der freilich in Aussehen und Organ der Gestalt manche- schuldig bleiben mußte. trägt der wöchentliche Mindesttohn ab 16. November 1921 für Walzensührer, Müller, Sacker, Sacktröger, Maschinisten, Heizer, Handwerker aller Art, Walzenrisfler und Kutscher 450 M.. lür Bodenarbeiter, Kesselreiniger, Kohlentorrer und olle anderen mann- lichen Arbeiter 440 M. und für Frauen 290 M. Da mit diesen Löhnen kaum das Notwendigste zum Lebensunterhalt gekaust werden kann, wurde der Gruppenleite» Schmitz vom Verband der Brauerei- und Müblenarbeiter beauftragt, das Lohnabkommen zum 15. De- zember 1921 sofort wieder zu kündigen. Bei der nächsten Lohnbewegung soll danach getrachtet werden, die Löhne der Frauen mit den Männern mehr in Einklang zu bringen. Krise im Mährischen Kohlenbergbau. Aus Prag wird gemeldet: Die Situation im Mährisch-Ostraucr Gebiet hat sich so verschärft, daß mit dem Ausbruch eine» Stteiks unmittelbar zu rechnen ist. Die Arbeiterschaft hat sich b e r e i t e r t l ä r t, be' gleichbleibenden Löhnen dieProduktion im November um 5 Proz. und im Dezember um weitere 5 Proz. z u erhöhen, um so eine Senkung de» Kohlenprcises zu ermöglichen und di« Rentabilität der Betriebe zu sichern. Die Unternehmer ver» harren jedoch bei einer Herabsetzung der Löhne. i Keneralstreik in Liqnrien. Genua, t8, November. Der Generalstreik, der hier durch«inen Metallarbeiterstreik ausgelöst ist, ist vollständig. Nur die leben»- wichtigsten Betriebe arbeiten auf Bestimmung der Streikleitung. Eisenbahnerstreik in Neapel. Nlailand, IS. November Die Eisenbahner in Neapel, die an- Rißlich der Zusammenstöße bei dem Fascistenkongreß in einen Sympathiestreik mit der römischen Arbeiterschaft getreten waren, stellen wirtschaftliche Fcrderungen. Der Streik wird durchgeführt trotz der Drohung der Negierung, alle Eisenbahnbeamten, die sich an ihm beteiligen, zu entlassen. Nach dem„Eorriere della Sera" ist es der Eisenbahnverwaltung gelungen, mkt Eisenbahner-chttsstruppen und einem Teil der arbeitswilligen Eisenbahner den Betrieb in be- schränktem Umfange aufrechtzuerhalten. preis- und Cohnerhöhung Im Arifeurgewerbe. Die letzte Kon- ferenz der Funktionäre des Friseurgehllfenverbandes von Groß- Berlin beschäftigte sich mit der zunehmenden Teuerung und der beabsichtigten Preiserhöhung Ibis zu SV Proz.) im Friseurgewerbe Groß-Bcrlin». Die Friseurgehilfen sehen sich oeranlaßt, eine Teue- rungszuloge von SV Proz. auf alle Löhne zu fordern. Di« beider- festigen Berhandlungskommissionen stehen schon in Verbindung. E» darf mst einem baldigen Abschluß der Verhandlungen gerechnet werden. Die Gewerkfchafisnnkerkommistlon Wilmersdorf wählte in de« Beirat der Kricgshinterbliebenenfürsorae den Genossen P.l a ar. In dm Fürsorgeausschuß der Erwerbslosen wurden Schiementz, Becker, Dittschlag, als Ersatzmänner Petsch. Leukeit und Wolfs gewählt._ Holzbildhauer I Sonntag vormittag 10 Uhr im Sewerkschaltshau«, Sngkl- ufer 24,23, Saal 3, Bcrtrauensmänn erversammlung. Durchiührmrg unser« Forderungen. Derdand dar Gemeiudearbelt«. SPD»Delegierte zur Generalversauunluug am Sonnlag vormittag 9'/, Uhr im Steslaurant Wildgrube, Karlstr. S. Berantrv. kllr den redakt. Teil: Dr. Werner Peifer, Charlottendnrg: fllr Au- zeigen: Th. Glocke, Berlin. Verlag Dorwärts-Berlag G. in. b. H., Berlin. Druck» BorrvärtS'Buchdrnckerei u. Derlagsansialt Paul Einger u. Co.. Berlin. Lindenstr. S. StenZ Oranien gewährt vermittels HChensonneo. Diarhermie. Liebt-, VlerzelienbSder usw. gr5Ble Heilerfolg« geren Brkfilinngekrankbeiten, Grippe, Rbeama, Iscblaa, LSbraungen, Scbrelbkrantpf, Scfaladoslgkell, Blutarmut, Nervenleiden u a. 15 Behandlungen von M. 80,- an.— Prospe te und Auskünfte kostenlos,----m EL�KTRO�EDSZSHISCHE und Höhensonne bad ersten Ranges unter Leitung von Aerzten, auch einer Aerziin ANSTALT ORANIENSTR. 37. IKfS Trolle Caschemir* slop mit undohriß �eidongriff > i&0 24f039.- UQ.- yrama �eide ..................... 4.3.so i1' Kunst- �Seide- jQaammolle Bf0 12.7*10 29.- furm&iJP. 3 O«—<5 che 7Villn.elrYX&2nci-peneip&tv>. ckJtV*« 'i'i:''.'" MMkT'Aiiacboi NICHT AN HÄNbLER NUR SOWEIT VORRAT TextlKDflren ße!nw. Cheviots doppeibr�»...... 5950 ßeinw. 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