Ar. 386. 8. tt-elegramm. Adresse! «Kojinidlsiotirat Kerlini' Volksblait 4» Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: 8V. l9. Aeutö-Straße 2. � Sonnabend, den 8. Dezemlter 1894. � KFpedltion: LV. lg. Peuth-Straße s. Arbeiter! Varteigenossen! Trinkt kein bsykottirtes Dier! Dets Vuebelgesetz. Die Umsturzvorlage bietet in ihrem Texte und in ihrer Begrimdung so zahlreiche Punkte, bei denen die Kritik einsetzen kann, daß es so mancher Betrachtung bedürfen wird, bis dieses Thema erschöpft ist. Ter Jurist wie der Politiker, aber ancb der Siltenschilderer und der Historiker werden zu dieseni Monstrum Stellung zu nehmen haben. Der Jurist, der es nicht fassen kann, daß der subjektiven Willkür abhängiger Richter bei der Urlhcilsfindnng noch mehr als bisher Thür und Thor geöffnet wird, der Politiker, der in dem Entwürfe die vollständige Unterbindung der öffentlichen Meinung sehen muß, der Sittcnschilderer. dem das Knebclgcsetz den Beweis vom Bankrott der herrschenden Klaffen liefert, der Historiker, der erschrecken wird, daß er nun auch in der Beurtheilnng längst vergangener Zeiten auf Staatsanwalt und Polizei Rücksicht nehmen niliß. Von allen diesen Gesichtspunkten und noch einigen anderen wird der Entwurf zu kritisircn sein, heute wollen wir blas zwei Punkte hervorheben: Ter neue Paragraph III— der würdig voransteht in der Reihe der Umsturz- Paragraphen— wird am besten dadurch charaklerisirt— und mit ihm das ganze Umstnrzgesctz—, daß er nach dem Muster jenes unheilvollen a ni e r i k a n i s ch e n Gesetzes jent- worfen ist, auf grnnd dessen vor acht Jahren der schma chvolleJustizniord von Chicago ver- ü b t wurde. Er lautet: „Wer—— zu einer strafbaren Handlung auffordert, ist gleich dem Anstifter zu bestrafen, w e u n' die Aufforderung die strafbare Handlung oder einen strafbaren Versuch derselben z ii r F o l g e hat." Dieser, dem bezüglichen Gesetz des Staats Illinois genau nachgebildete Wortlaut ermöglichte jenes, von dem obersten Beamten des Staates Illinois nachträglich als Verbrechen des Klassenhasses gcbrandmarkte Blnturthcil, das fünf unschuldige Menschen des Lebens beraubte. Und wie wurde daffclbe begründet? Spieß und Genossen hatten leidenschaftliche Zeitungsartikel geschrieben und leiden- schaftliche Reden gehalten, und unter anderem auch die Mahnung an die Arbeiter gerichtet, von ihrem ver- f a s s u n g s m ä ß i g e n Recht: gcwaltthätigcn Ucbcrgrifsen der Polizei erforderlichen Falls die Gewalt entgegenzusetzen. Ja'inlleton. Jfm Exil. lNachdruck verboien.I 22 Roman von Georges R e n a r d. Antorisirte Uebcrsetzuwg von Marie Kunert. Die schneidende Stimme Jules de Marnand's riß ihn eins seiner schweigenden Verzückung: Herr Mcffant, sagte er, was haben Sie denn cigcnt- lich begangen, wofür sie zu einem so laugen Exil ver- urlhcilt sind? Ter Nadelstich traf Rene tief. Er konnte ein nervöses Zusammenzucken nicht unterdrücken. Wie unzart, eine solche Frage auszuwerfen! rief die gute Rosa Krany entrüstet: Lassen Sie, lassen Sie, Fräulein. Es ist mir lieb, daß ich darauf antworten kann, begann Nenö. Sein verletzter Stolz bäumte sich auf. Er sagte langsam: Ich habe ein großes Verbrechen begangen, Herr de Marnand, ein Verbrechen, das Sie nicht begreifen werden. Ich habe die Partei der Armen und Enterbten der der Reichen und Mächtigen vorgezogen. � Er sah Annette an. Sie war bleich geworden, aber nickte ihm ermuthigend zu. Um das Gespräch auf etwas anderes zu lenken, rief Henri: Und das Frühstück vergeffen wir ganz! Ich habe einen wahren Wolfshunger! Flink ans Ufer! In wenigen Minuten landete nian an der Stelle, von der das Boot abgefahren war. Ein Träger mit einem wohlversehenen Speisekorb erwartete die jungen� Leute. Rene warf seine Vorräthe in die Masse. Ani Fuße eines hohen Felsens wählten sie in einer Ausbuchtung, die sie vor Wind und Sonne schützte, einen großen viereckigen Steinblock als Tisch. Ringsum standen vom Schnee gebleichte, welke Kräuter. Während Henri den Tisch Im Mai 1836 kam es zu einem gewaltthätigen Konflikt zwischen Polizei und Volk; und durch den bekannten Bombenwurf wurden einige Polizcibcamte getödtet. Daß einer der Angeklaglen die Bombe geworfen habe, wurde nicht nachgewiesen nnd konnte nicht nachgewiesen werden. Aber da kam das famose Urbild des neuen§ III zu Hilfe: eine„Auffordernng" zur Gcwaltthäligkeitwarvorhanden dic Gewaltthätigkeit wurde als„Folge� der„Aufforderung" an genommen, nnd die Urheber der„Arifforderung� wurden ebenso bestraft, wie der„Anstifter" und Ausführer des Bonibenwurfs(hätte bestraft werden müssen, wenn er entdeckt worden wäre)— das heißt sie wurden h i n gerichtet. Ganz von Rechts wegen! Und dieses Gesetz, das den verbrecherischsten Justizmord der Neu- zeit ans dem Eewissen hat, das zum Justizmord geradezu anreizt, oder, ivie der Kunstausdrnck lautet:„auf fordert", soll deutsches Reichsgesetz werden „zur Bekämpsung des Umsturzes"! O arme„nnigcstiirzte" Jnstitia, auf deutsch G e- r e ch t i g k e i t! Als charakteristisch nach einer anderen Richtung hin haben wir§ 131 hervorzuheben, der in der neuen Fassung also lautet: „Wer erdichtete oder ciitstellte Thatsachen, von denen er weiß oder den Um ständen nach annehmen muß. daß sie erdichtet oder entstellt sind, öffentlich bcbauptet oder ver- breitet, um dadurch Staatscinrichtungen oder Anordnungen der Obrigkeit verächtlich zu machen, wird mit Geldstrafe bis zu 600 M. oder mit Gesängniß bis zu zwei Jahren bcstrast." Reu sind hier die gesperrten Worte(„oder den Um ständen nach annehmen muß"). Ter Zweck der Einschaltung liegt ans der Hand. Einem jeden Menschen kann Jeder, dessen Echlnßvermögeu etwas Routine besitzt, mit Leichtig- keit nachweisen, daß er„den Umständen nach annehmen mußte", eine von ihm behauptete Thatsache sei„erdichtet oder entstellt". Jede Thatsache hat, je nach dem Stand pnnkt des Sehenden, ein anderes Gesicht; nnd namentlich im politischen Partcilcben gicbt es keine Thatsache, die von den verschiedenen Parteien gleich aufgefaßt und beurthcilt wird. Ter Bcnrtheilcndc braucht also blos seinen Standpunkt als den ausschließ- lich richtigen„anzunehmen"— und wer thäte das nicht?— und er kann guten Gewissens„annehmen", daß der An geklagte„den Ümständen nach annehmen mußte", was er deckte, packten Annette nnd Rosa die Vorräthe auf der mit Blumen übersäten Wiese aus. Jules be- mühte sich nm seine Konsine. Er spielte den Licbcns- würdigen, brachte ihr Sträuße von blauen Geutianen, Goldknöpfchcn, rothcn Nelken, rosa blühenden Steinbrech. Am Bache pflückte er sogar, auf die Gefahr hin, sich die Füße naß zu machen, einen schönen Strauß Vergiß- meinnicht. Tic Blume der Erinnerung, sagte er in spöttischem Tone so, daß Andre, der ihn hätte ohrfeigen mögen, fcs hören mußte. Aber Annette strafte ihn sogleich: Hier, Rosa, sagte sie, sehen Sie, was mein Vetter mir ür Sie gegeben hat. Und sie reichte dem Mädchen ihren ganzen Strauß, ür welche Galanterie Rosa Herrn Jules herzlich dankte. Annette behielt für sich nur einen blühenden Zweig Rhododendron unter dem Vorwand, daß er einzig in seiner Art wäre. Doch fand sie dies nur, weil Rens ihn ent- deckt hatte. Das Frühstück war, wie es gewöhnlich bei Gebirgs- ansflügen ist: geräuschvoll nnd reich an allerlei kleinen Unfällen und Ucberraschnngen. Das Salz war vergessen worden, man ersetzte es durch den Frohsinn, der alle Ge- richte würzte. Eine Flasche war zerbrochen worden nnd hatte das kalte Fleisch unerwartet niit Sauce versehen. Das Roggenbrot, das man im Vorbeigehen in einem Torfe in der Nahe gekauft hatte, schien von aus- gezeichnetem Wohlgeschmack. Es war nicht mehr als ein Glas Wein für die Person vorhanden. Das that nichts. Dies eine Glas stieg schon zu Kopfe. Uebermüthige Einfälle machten sich Luft und platzten aufeinander. Man konnte glauben, daß die reine Luft und das frische Wasser hier von berauschender Wirkung waren. Henri gab tausend Toll- heiten an. Annette's Augen strahlten und funkelten vor Freude. Rosa Krantz kreischte mitunter auf und Jules sogar verzichtete auf seine Sticheleien. Er wollte jetzt nur glänzen, bestechen, blenden, und so feuerte er denn die übrigen noch mehr an. Ren« war nicht fröhlich. Er war behauptet, sei„erdichtet oder entstellt", nnd ebenso guten Gewissens kann er v e r u r t h e i l e n. In der Praxis wird die neue Fassung übrigens keinen sehr großen Unter- schied machen, denn die meisten politischen Richter haben dieselbe schon antizipirt, indem sie das„Wissen" des An- geklagten k o n st r n i r t e n. Das Konstruireii war indeß immerhin, auch bei größter Uebung, einigermaßen mühsame Arbeit. Jetzt ist das Verurtheilen leichter ge- m acht. Das ist der Fortschritt und Vortheil der neuen Fassung. Für heute nur noch Eins— ein Wort über einen Passus der Motive des Knebelgesetzes. Es heißt da im sechsten Absatz: Was insbesondere die Verbreitung von Schriften betrifft, so kommen außer einem in Berlin in bedeutender Auflage er- scheinenden Tageblatte, dessen Inhalt selbst unter dem jetzigen Rechte zu zahlreichen, strafrechtlichen Verfolgungen Anlaß gegeben hat, und außer den in unregelmäßigen Zivischenräumen er. scheinenden Heften eines als„anarchistische Bibliothek" sich be- zeichnenden Unternehmens, namentlich die aus dem Ausland ein- geführten Preßerzeugnisse des Londoner Klubs„Autonomie" in belracht. Das„in bedeutender Auflage erscheinende Tageblatt" ist der„Vorwärts". Und niit dem„Vorwärts" werden zusanimen genannt die„anarchistische Bibliothek" und die Preßerzcugnisse des Londoner Klubs„A u t o n o m i e". Das Zcntralorgan der deutschen Sozialdemo- k r a t i e in einen Topf geworfen mit einer uns unbekannten „a u a r ch i st i s ch e n Bibliothek" und den Preßerzeugnissen des uns sehr wohlbekannten internationalen Polizei- und A n a r ch i st e u k I u b s A u t o n o m i e — da haben wir den G e i st und die Methode des neuesten Umsturz- Gesetzes für„Religion, Sitte nnd Ordnung"! Da haben wir in jedem Sinne des Wortes die Moral der in Deutschland jetzt herrschenden Umsturz-Mode, oder sollen wir sagen des Mode- Umsturzes? Da sehen wir die geniale Hand des gesellschafts- rettenden Lockspitzels R e n ß, der seit Caprivi's Sturz wieder aufgetaucht ist und mit in erster Reihe für„Religion, Sitte und Ordnung" kämpft. C n v i c r brauchte nur einen einzigen Thierknochcn, und er stellte den ganzen Thierkörper darnach her. Man braucht nur diesen einen Passus genau zu betrachten nnd man hat die ganze neueste A e r a mit ihrem U m st u r z» Kurs!— glücklich, unruhig und zerstreut zugleich; er vergaß zu essen, so sehr war er nur damit beschäftigt, Annette zu be» trachten nnd in seinem Innersten Träumen nachzuhängen« die ebenso leicht nnd rosig waren wie sie selbst. Plötzlich fuhr ein Windstoß heulend durch die Tannen. Seht doch, wie der See sich mit einem Male kräuselt, rief Henri. In der That warf der See viele kleine Wellen, die den Schuppen einer grünen Riesenschlange glichen. Das Blau des Himmels schien vor den anrückenden schwarzen Wolken zu fliehen. Die Bäume neigten sich wie vom Schrecken ersaßt. Ein Gewitter, das wie aus dem Hinter- halt hervorbrach. Ein dumpfes Grollen ertönte jetzt hinter den Bergen, welche das Thal einschlössen. Schnell, vor- wärts! Jetzt hieß es eilen. Im Unikreis von einer Meile war hier kein Unterschlupf zu finden. Wie eine Schaar von Vögeln, die beim Schall eines Schußes zwitschernd auseinanderfchwirren und auffliegen, so brach jetzt die kleine Gesellschaft lachend, rufend, gestikulirend ans, um den Paß, der in die Ebene führt, hinabzusteigen. Die jungen Leute niochten aber noch so schnell laufen; das Gewitter war schneller als sie. Da fiel auch schon der Regen, ein schwerer Regen, der den Erdboden peitschte und aufweichte, das Gras schlüpfrig machte und den Pfad schließlich in einen Bach verwandelte. Da waren die Sonnenschirme kein Schutz niehr. Der Wind kehrte sie um und zerfetzte sie. Der Donner grollte und der Blitz zuckte; und nun sollten sie von dem hohen Felsen aus einem Wege hinabsteigen, auf dem die Steine dem Wandrer beständig nachrollen. Weiße Nebel, die Vorhut der Wasser- massen in den Wolken verhüllten schon das Thal mit ihren lockigen Wellen. Nur Ren« hatte einen Mantel um sein Ränzcl gerollt; er entfaltete ihn nnd legte ihn um die Schultern Annette's, die sich zum Schein dagegen wehrte, wiewohl sie entzückt war, von ihm beschützt und gleichsam umhüllt zu sein. Sie nahm ihren Strohhut ab, der unter den Falten des dicken Stoffes wohlgeborgen war, eine große schwarze Kapuze um- PreMmmen über die Umstnezvorlage. Ueber die dem Reichsiaj; zugegangene Umsturzvorlage, die wir gestern bereits vollständig veröffenlliäzt haben. äußern sich alle bedeutenderen politischen Zeitungen, je nach dem Partei- ftandpunkt i» zustimmendem oder ablehnendeni Sinne. Wir heben aus der Reihe dieser Aeuperungen im folgenden die charakteristi- schen Stellen hervor: Die d e n t s ck,- k o n s e r v a t i v e„Krenz- Zeitung', das Junkerorgan, schreibt: Die Umsturzvorlage sehen die Konser- vativen heute nicht anders an, als sie es bisher gelhan,»venu auch keineswegs zn verkennen ist, daß die Neigung z n scharfem Eingreifen menschlich betrachtet, wächst, wenn man sieht, iv i e weit die„U n g e n i r t h e i t" d e r U in st u r z m ä n n e r heute geht. Das christlich-soziale„Volk" schreibt: Wenn z. B. die Beschlagnahme von Drnckschristen ohne richterliche Anordnung auf den Fall ausgedehnt wird, daß die Druckschrift einen un- züchtigen Inhalt hat, so wird Niemand dagegen etwas einzu- wende» haben. Freilich hat das mit der Bekämpfung der Sozialdenrokratie wenig zu thun. Denn die hat mit unzüchtigen Schriften viel weniger zu thun als der Liberalismus. Man denke nur an das freisinnige„Hamb. Fremdenblntt" mit seiner ständigen Rubrik von 5kuppela»zeigen! Wer in einem öffentlichen Vortrage über Echiller's Tel! sich allzusehr für den Helden dieses Dramas begeistert, kann leicht mit Gefängniß bis zn drei Jahren bestraft werde», denn— er stellt ein Verbreche»(einen Mord) als erlaubt hin oder preist es gar an! Wenn in irgend cineni auswärtigen Staate— man braucht zu dem Zweck vielleicht noch nicht ein- >nal bis zu den snd- und mittelamerikanischen Räuberrepubliken zu gehen— die Bevölkerung durch die blutsmigerische Regierung üur Verzweiflung getrieben, sich zum„Widerstand gegen Beamte" hinreißen läßt, und ein dentschesBIatr das a l s erlaubt hinstellt, so riskirt der Redaileur, dasnr ins Ee- sängniß zu spazieren. Wenn, um einen noch näher liegenden Fall anzuführen, jemand den„Diebstahl" eines armen Weibes vertheidigt, das, durch die furchtbarste Roth getrieben, ein paar fremde Kohlen genomine» hat, so entgeht er in Zukunft seiner Strafe nicht mehr. Und doch braucht das kein Sozialdemokrat, sondern kann ein sehr guter Christ ge- wescn sein. Die Bestimmung des Z 130 ist das Muster eines sogenannten Kautschukparagraphen. Was ist unter Religion zn verstehen? Es wird nicht zwei Menschen, nicht einnial zwei Staatsanwälte geben, die sich darunter genau dasselbe vorzustellen vermögen. Der staatsanwaltlichen und richterlichen Willkür ist mit einer solchen Ausdrucksweise Thür und Thor geöffnet. Auf keinen Fall darf ein« öffentliche Kritik des C h r i st e n t h u m s oder der Monarchie v e r b o tje jn werden. Gerade die Anhänger des Christenthums und der Monarchie könne» am wenigsten wünschen, daß das, woran sie mit ganzer Seele hängen, der Kritik entzogen werde. Was a» sich gut ist, hat keine Kritik zu scheuen. Wenn C h r i st e n- ihn in und Monarchie sich nicht selbst einen festen Bode» im Volke schaffen oder erhallen— Slrafgesetz-Para- g r a h e n werden'? sicher nicht thun. Auch§ 131 hat durch die Zusätze eine Kautsch uknatnr erhalten. So, wie ihn die Regierung haben will, giebt er ihr die Handhabe, jede unbequeme Kritik an staat- lichen Einrichtungen oder Anordnungen zur Bestrafung zu bringen. Herr v. Stephan wird nach einem solchen Paragraphen ordentlich lechzen. Tann wird kein Mensch mehr wagen können, Mißstände in der V er- waltung, Sonntags-Eutheiligung, übermäßige D i e u st d a u e r und ähnliches öffentlich zur Sprache zu bringen. Denn wenn dabei auch nur die geringste Unrichtigkeit in Neben- dingen mit unterläusl, so kann auf Gefängniß bis zu 2 Jahren erkannt werden. Ob die Umsturzvorlage der Sozialdemokratie auch nur einen ihrer bisherigen Anhänger rauben wird, ist uns zweifelhaft. Daß sie keinem mit der Noth des Lebens känipfenden Bauern, Handwerker oder B e a ni t e n Hilfe bringen oder ihn gar vor dem Anschluß an die Sozialdemokratie bewahren wird, ist sicher. Die antisemitische„Staatsbiirger- Zeitung" be- merkt: Die einschneidende Bestimmung„zu Gewaltlhätig- leiten gegen einander" ist nicht, wie die Juden- s ch u tz- L i t e r a t u r es wollte, fallen gelassen. Absatz 2 ist im i 130 neu hinzugekommen, und es leuchtet auf den ersten Blick ein, daß der Paragraph damit eine bedenkliche kautschuk- a rti g e Fa s s u n g erhalten vabe, besonders wenn nian die dazu gegebene Begründung ins Auge faßt. rahmte ihr Gesicht, das in seiner Frische einer wilden Rosen- knospe glich. Der Regen warf große Tropfe» in ihr vom Wind zerzanstes Haar. Welch reizender kleiner Mönch Sie sind! konnte Renö sich nicht enthalten zu sagen. Und unter diesem Kompliment erglühte die wilde Rose noch tiefer. Aber der Weg war schlüpfrig. Fräulein Rosa klam- merte sich im Ausgleiten an Jules de Marnand, der sich zufällig neben ihr befand. Wir wollen zwei Trupps bilden! rief Henri. Fräulein Rosa, JuleS und der Träger werden Sie führen. Ich über- nehme Annette mit Herrn Messant. Und der Abstieg begann. Annette, die ihrem Bruder die linke Hand, Rene die andere reichte, kletterte tapfer den Abhang hinab. Sie war wirklich ein tapferes Mädchen. Sie lachte hellauf bei dem Gußregen, der sie durchnäßte, bei dem Sturm, der ihr Gesicht peitschte, bei dem Schlamm, der ihr Kleid beschmutzte. Sie fürchtete sich durchaus nicht. Zuweilen zuckte ein Blitz so plötzlich und so nahe auf der Seite ihres Bruders hernieder, daß sie unwillkürlich nach der entgegengesetzten Seite fuhr, und für einige Augenblicke fühlte Rene sie dann an sich geschmiegt, fast in seinen Armen, zitternd, mit geschlossenen Augen. Schnell aber richtete sie sich wieder auf und dann war es Rene, dessen Herz noch lange heftig klopfte,— aber gewiß nicht vor Furcht. Sollte nian sagen„endlich" oder„schon" Sie waren am Fuße des schrecklichen Felsens angelangt. Auf dem breiten, ebenen Wege eilten sie nun weiter, weiter. Eine Hütte tauchte auf. Ungestüm stürzte die kleine Gesell- schast hinein. Ach, sie war nicht gerade schön, diese Hütte. Ein verräucherter Raum, der ganz mit unregelmäßigen Steinen gepflastert war, in der Ecke ein aus großen Steinen errichteter Herd, oben im Dach ein Loch, das als Schornstein diente. An Sitzen waren nur einige Schemel mit je drei wackelnden Beinen vorhanden. Aber die gute Frau, die hier wohnte, warf ei» Tannenscheit in das Feuer, das hell aufloderte, und während fröhliche Lichter auf den düstern Mauern tanzten, brach auch der gute Humor der drei jungen Leute wieder durch. Der schnelle Lauf hatte sie tüchtig angeregt, und jetzt war es so gut i» der Wärme nach der Sintfluth! (Fortsetzung folgt.) Die Annahme des Gesetzentwurfes in seiner jetzigen Fassung ist durchaus unmöglich für jede», der das Recht der f r e i e n M e i n u n g s ä u ß e r u n g nicht einfach aufgeben niag. Das ist kein U in st u r z ge'setz, son- der» die Knebelung von Wort und Schrift in un- begrenzter Weise. Die freikonservative„Post", das Organ der Stumm, Krupp und K a r d o r s f schreibt: Ohne Zweifel ist es angesichts der gewaltsamen Ausbrüche des Ana rchismus von praktischem Werth, daß auch im Straf- gesetzbuche wirksame Riegel gegen anarchistische Ver- brechen oder Verbrechen ähnlicher Tendenz vor- geschoben werden. Diese Vorschriften gewinnen auch unter dem Gesichtspunkte, das B o l k s g e w i s s e n gegenüber den Nmsturzdestrebungen wieder aufzurütteln, be- sonderen Werth durch die vorstehend hervorgehobene.ausdrück- liche Kennzeichnung der Unisturzbestrebuugcn. Wenn es im Interesse der Erhaltung eines gesunden G e i st e s in Heer und Marine gerechtfertigt ist, die Verleitung zurTheilnahme an sozialdemokratisch e n Bestrebungen mit längerer Freiheitsstrafe und unter Um- ständen sogar mit Zuchthaus zu bestrasen, so wird dadurch die Todfei ndschast der Sozialdemokratie gegen Kaiser und Reich dem Vollsbeivußtsein wieder nahe- gerückt und die Unvereinbarkeit sozialdeniokratischer Gesinnung mit Palriotisnms, Königstrene, gut nationaler und bürgerlicher Gesinnung auch den niinder selbständig nrtheilenden breiteren Schickten der Bevölkerung wieder in Erinnerung gerufen. Die beklagenewerthe Verwirrung derVolks- s e c l e, welche der Sozialdemokratie gestattet hat, mit solchem Erfolge ihre Retze auszun erscn, rührt mit in erster Linie davon her, daß, von besonderen Fällen abgesehen, Religion, Monarchie, Ehe und Eigenthum selbst öffentlich und in einer den öffentlichen Frieden störenden Weise»ngestrast beschimpft werden durften. Giebt der Staat die Fundamente seiner Existenz straflos öffentlicher Beschimpfung preis, so muß in weilen Kreisen der Bebölkernng der Wahn erweckt werden, daß der Staat die ans den Umsturz dieser Grundlagen gerichteten Bestrebungen s e l b st als berechtigt anerkenne und demzufolge die Be- theiligung an den daraus abzielende» Bestrebungen der Sozial- demokratie gewissermaßen sankiionire. Die Umsturzvorlage bezweckt selbstverständlich n ich t, die Sozialdemokratie zn beseitigen; sie soll nur die dazu in der Hauptsache bestimmte Politik positiver Reform nach der Seite der Repression ergänzen. S i e e r s ch ö p s t a n ch k e i n e s w c g s n o ch al l e M i l t e l der Abwehr, welche auf diesem Gebiete gegeben sind. Aber sie ist ein erster und bedeulungsvoller Schrill in der Diichtuiig. die sozialdemokratischen U m st u r z b e st r e b u n g e n als eine i m m i n e n t e Gefahr für die E x i st e n z unserer Staats- und Rechtsordnung mit der auch für das Gewissen der weitesten Kreise laut vernehmbaren Stimme des Gesetzes deutlich zu charakierisire», und deshalb voller Zustimmung und kräftigster Unterstützung werth. Tie na ti onalliberale„Natioual-Zeituug" sagt: Wohl kein Leser des Gesetzentwurfes gegen die Umsturzbestrebungeii dürfte davon den Eindruck haben, den man im Boraus hervorzurufen versuchte: daß durch ein derartiges Gesetz die bisherige Freiheil der öffentlichen Meinungsäußerung in Deutschland, das gesetz- lich bestehende Recht politischer Belhäiigung eingeschränkt iv ü r d e. --— Wichtiger und nach der Art der Erörterung anarchistischer Verbrechen seitens der sozial- demokratischen Presse und Redner ist, daß ernstlich bestrast werden soll, wer Verbrechen oder gemeingesährliche Bergehen anpreist oder als erlaubt darstellt; der Wortlaut i st hier unseres E r a ch t e n s unzulänglich, aber daß es sich um die n o t h w e n b i g e Ausfüllung einer Lücke dcs Strafgesetzbuchs handelt, ist unbestreitbar. Es handelt sich um die Bekämpfung der schlimmste» Feinde des National st aates, der politischen Freiheit, einer gesetzlichen Staatsordnung. Mancher wird der Meinung sein, daß zu diesei» Zwecke nach der Vorlage eher zu wenig geschehen solle. Die ultramontane„Germania" äußert sich zu unserer Kritik des Umsturzgesetzes:„Wir glauben, der„Vorwärts" hat den sür seine Partei praktisch bedeutendsten Paragraphen gar nicht berührt. Nach unserer Ueberzeugung ist das der B e s cb l a g n a h m e- P a r a g r a p h. Die Beschlag- nah m e läßt sich so oft wiederholen, daß ein Blatt da- durch sür seine Leser, die es dann nur selten er- hallen, werth los, und deshalb von ihnen verlassen wird. wenn es nicht selbst aufhört zu erscheinen. Das wird sür die sozialdemotratische Partei am empfindlichsten werden, ob- fleich sie ja dann auf geheimen Wegen jetzt eben o Ersatz schaffen wird, als sie es unter der Herrschast des Sozialistengesetzes gethan. Die Strasandrohungen gegen Redner in Versammlungen und Vereinen und gegen Redakteure und Verfasser von Zeitungen, Zeitschriften und größeren Drnckschristen werden von der sozialdemokratischen Partei besser überstanden werden als von allen anderen Parteien, weil die Sozialdemokraten die strafjste Partei- Organisation und die reichste P a r t e i k a s s e habe». Dann über das Schicksal der Vorlage: Es wird zu K o m- missions-Berathungen kommen, die darüber entscheiden. was von der Vorlage ganz verworfen, und was g e- ändert, was gelassen und— was zugesetzt wird. Denn wird einmal überhaupt auf diesem Gebiete etwas gethan, dann können doch z. B. noch einige Bestimmungen zum Schutze der Sittlichkeit hinzukommen. Die„Possische Zeitung" schreibt: Unzweifelhaft ist, daß der Entwurf, wenn er Gesetz werden sollte, die sozial« demokratische Bewegung kaum irgend wie be- rühren, geschweige sie einschränken oder unter- drücken kann. Die Sozialdeniokratie ist nicht l h ö r i ch t genug, um die Armee zum U ni st u r z der Staatsordnung oder zum Ungehorsam aufzusordern; inwiefern gerade in dieser Richtung eine Verschärsung dcs bestehenden Rechts nöthig sei, ist nicht abzusehen. Durch Thalsachen ist ein Bedürsuiß zur Aeuderuug der Gesetzgebung nicht erwiesen. Einige andere Strafandrohungen können der Sozial- demokratie ebenfalls gleichgiltig sein, weil ie den in ihnen vorausgesetzten Thatdestand schon jetzt aus einfacher Klugheit meidet. Die Vorlage aber geht von dem Grundsatze aus, daß nicht das Streben nach einer Aenderung der Staatsordnung überhaupt strafbar ei, sondern nur das Streben nach„gewaltsamem" Umsturz, nach der Aenderung der Staatsordnung„mit ver- brecheriichen oder sonstigen gewalithätigen Mitlelii". Längst aber hat sich die Sozialdemokratie dagegen verwahrt, eine Re- volution„im He u gabelsinne der Gewalt" zn wünschen oder zu betreiben. Sie denkt nicht daran, die beutige Ordnung mit verbrecherischen oder gar gewnltthätigen Mitteln umwandeln zu wollen; und wenn sie daran dächte, würde sie ee icher nicht sagen. Für die Sozialdemokratie ist es daher ein Leichtes, sich der Fassung der neuen Straf- Paragraphen anzupassen. Insbesondere erscheinen durch diese Bestimmungen die Anti- e m i t e n, die A a r a r i e r, alle Demagogen bedroht, die ganz im Stil der Sozialdemokratie und oft noch heftiger gegen die heutigen Einrichtungen zu Felde ziehen. Im ganzen zeigt die Umsturzvorlage ein Aussehen, daß man ihre unveränderte Annahme als ausgeschlossen, ihren Werth im Kampfe gegen die Sozialdemokrati» als verschwindend ansehen kann. Die„Freisinnige Zeitung", das Organ des Abg- Richter, sagt: Würde die Novelle Gesetz werden, im ganzen oder im einzelnen, so wird sich die Zahl der Straf- urtheile in etwas vermehren; aber niemand wird behaupten, daß der Erlaß eines solchen Gesetzes irgend einen Einfluß haben kann in bezug auf die Verbreitung der Sozialdemokratie oder den Charakter dieser Partei. Tie Hauptbestimmungen der Novelle in den§tz 130 und 131 werden mindestens so oft Preß- erzeugnisse und öffentliche Reden von Angehörigen anderer Partei treffen als Sozialdemokraten. Sollte es im Verlaufe der Verhandlnngen über diese Novelle zu einer Auflösung komnien, so wäre für jeden Unbefangenen von vornherein klar, daß sür die Auflösung„ d e r K a m p f gegen den U u> st n r z' nur A n s h ä ii g e s ch i 1 d ist und daß es in Wahrheit darauf an- kommen würde, durch eine Mehrheit der allen Karlcllparteien die M i q n e l' schen Sleuerpläne zu vcnvirttichen und die von den ehemaligen Kartellparteien sehnsüchtig gewünschte Einschränkung des R e i ch s w a h l g e s e tz e s zu ermöglichen. Die links freisinnige„Berliner Zeitung" äußert sich folgendermaßen: Vorerst haben wir's mit einem Versuche zu thun. Ei» Versuch, von dem wir hoffen, daß er nie zum fertigen Werke einporgedeihen werde. Denn dieses Werk wäre ein schwerer Schaden für das öffentliche Leben in Deutschland, ohne den geringsten Nutzen gegenüber jener Bewegung, die man damit treffen und schwächen will. Nirgends, von Rußland, Cbina und Korea allenfalls ab- gesehen, ist es schwieriger, als bei uns, selbst die berechtigtste Kritik an der Krone zu üben ohne erhebliche Gefahr. Und nun soll auch noch durch flüssige Bestimmungen die Monarchie als solche besonders gegen„beschimpfende Aeußerungen" gefeit werden. Das würde dazu führen, daß auch über ausländische Dinge nur mit größter Vorsicht gesprochen und geschrieben werden könnte; und es würde insbesondere auch sehr wohl dazu beilragen können, daß die historische Kritik in bezug auf die Monarchie in vergangenen Zeiten nur mit Gefahr ihrer Auf- gäbe walten kömite. Die Religion aber könnte vielleicht schon gefährdet erscheinen, wenn ein loses Wort über den Kircheiibqu- Sport geredet wird. Gegen den Satz der Begründung, daß eine gedeihliche Eni- Wickelung unserer politischen Zustände nicht gedacht werden könne ohne die monarchische Idee, dürfte man in den hanseatische» Republiken doch wohl Einiges einzuwenden haben. Wenn, nach der Begründung der Vorlage, in Zukunft jede Kritik an all' diesen„Ideen" gestraft werden soll, welche„agitatorische Zwecke verfolgt", dann ade. du ärmliches Gut an deutscher Meinung--, Rede- und Schreibsreiheit! Der Gesetzentwuif, so wie er hier vorliegt, rechtfertigt die Erwartungen, die man an seine Ankündigung geknüpft hatte. Seine Wirkung würde sein eine festere Zusannnenschweißung und so gut wie gar keine Schädigung der Sozialdemokratie, eine schivere Bedrängniß sür die bürgerliche Freiheit, die Freiheit der Meiiiungsäußerung. Das Gesetz ist in der Mehr- zahl seiner Bestimmungen sür gewissenhafte, irgendwie freiheitlich empfindende Männer unannehmbar. Der demokratischen„Volks-Zeitung" e»t»eh»>en wir: Der neue Zusatz zum Z 130 ist das Grab jeder freien M i n u n g s ä» ß e r u n g, das Grab jeder Kritik in religiöser, politischer, sozialer nnd wissenschaftlicher Beziehung. Wird dieser ungeheuerliche Satz Gesetz, wird er selbst in abgeblaßter Gestalt Gesetz, dann darf Deutschland getrost aus- scheiden ,aus der Reihe der sogen. Kulturländer, in die man es. bisher wenigstens, immer»och ver« wiese» hat. Daun ist die Ruhe des Kirchhofes aus- gebreitet über das große Volk, das sich so gern das„Volk dxr Denker" nennt. Richter sind Menschen; Mensche» suis fehlbar, sind der.Subjektivität unterworfen, können sici, den Einflüssen von Tagesilröimingen»ie ganz entziehen. Daher ist jeder Richter in der Gefahr, da eine „Beschimpfung" zu erblicken und die verineiiitliche „Beschiiiipfling" mit harter Strafe z u ahnden, wo andere nur eine berechtigte, ja sogar noth wendig« und verdienstliche Kritik erblicken. Wer. wenn der fragliche Zusatz in das Strafgesetzbuch übergeht, ist dann u och in Deutschland vor dem G e s ä n g n i ß sicher? Ein Wörtlein kann ihn fällen! Und Beschimpfung der„Monarchie" schlechtweg in dem Zu- sah zum tz 130! Soll lins von nun ab auch die Monarchie der Romanow's, des Schah's von Persien, des„Sohnes des Himmels" und des„Mikado" heilig und unverletzlich sein? Zur Diskusston über den Frankfurter Parteitag. An die Parteigenossen! In einer am Dienstag. 27. November, in München und einer anderen, mehrere Tage spater in Nürnberg abgehaltenen Partei- Versammlung wurden Resolutionen angenommen, in denen Protest dagegen erhoben wurde, daß „den bayerischen Genossen die ihnen zu gemeinsamen Parleizwecken aus der Parteikaffe zur Berfügung gestellten Geldmittel öffentlich vorgeworfen worden seien". Da dieser Vorwurf, nach der Annahme der Protesterheber, von dem Genossen Bebel gemachl worden sei, Bebel aber Mit- glied des Parleivorstandcs ist, so wird in den erwähnten Reso- lutionen der Wunsch ausgesprochen, der Parteivorstand möge sich darüber aussprechen, ob: „der Parteivorstand mit den Ausführungen des Genoffen Bebel in irgend welchem Zusammenhange stehe." Dieser direkt an uns gerichteten Aufforderung der Münchener und Nürnberger Genossen gegenüber können die unterzeichneten Mitglieder des Pamivorstandes nur bestätigen, was Bebel sowohl in seiner Berliner Rede am 14. November, wie in der sich daran anknüpfenden Preßfehde wiederholt erklärt hat, daß er seine Aussührungen ohne vorherige Verabredung mit den übrigen Vorstandsmitgliedern und folglich nicht in seiner Eigenschaft als Vor« st a n d s m i t g l i e d gemacht hat. Nachdem wir dies festgestellt, wollen wir nicht unterlaffen zu erklären, daß nach unserer festen Ueberzeugung, bei klarer und ruhiger Prüfung des Thatbestandes kein Anlaß vorlag, aus den Äußerungen Bebcl's Schlußfolgerungen zu ziehen, wie sie ge- zogen wurden und wie sie in den bayerischen Resolutionen zu einem so erregte» Ausdruck gelangt sind. Kein Mitglied des Parteivorstandes, Bebel so wenig, wie sonst einer von uns, hat sich bis jetzt beikommen lassen, jenen Parleigenoffen, welche ge- nöthigt waren, Parteigelder zu Parteizwecken in Anspruch zu nehme», bieraus irgend einen Vorivurf machen. Nach unserer Partei- Organisation können solche Gelder aus der Parteikasse nur durch den Parteivorstand bewilligt werden und ein Vorivurf, wie er Bebet unterstellt wird, hätte sich also in erster Linie gegen den Parteivorsland selbst, Bebel mit eingeschloffen, gerichtet. Diese Thatsache allein wird genügen um darzuihun, daß Bebel's Aeußerung mißverstanden worden ist. Wie Bebel sich ursprünglich geäußert und aus welchen Gründen er später auf seine erste Aeußerung zurückgekomiiic» ifl. darüber giebt die unten folgende Erklärung Bebel's selbst Auskunft. Die unterzeichneten Vorstandsmitglieder aber, gleich ihrem Kollegen Bebel, wissen sich, nachdem der Vorstand"vier Partei- tagen Rechenschaft abgelegt bat, über den Verdacht erhaben, als könnten sie bei ihre» Beschlüssen und Entscheidungen von anderen Rücksichten geleitet werden, als denen der Ehre und des Wohles der Pcirtei. Berlin, den 7. November 1894. J.Auer. Albi» Gerisch. W. Pfannkuch. Paul Singer. »« Vom Genossen Bebel erbalien wir weiter solgcnde Zuschrift: Bei dem eigenthümlichen Mißverständniß, das dieAnseinander- schlingen über das nach Bayern geflossene Parteigeld hervor- gerufen haben, möchte noch einmal ganz objektiv den Sachverhalt darlegen. In meiner Berliner Rede vom 14. November lautet die be- zügliwe Slelle also: Wenn dieser Standpunkt(daß die Partei sich in bayerische Angelegenheilen nicht mischen dürfe) als berechtigt anerkannt wird, dann hört die deutsche Sozialdemokratie aus eine geschlossene Partei zu sein und wir haben dann eine würtlembergische, bayerische, hessische u. s. w. Partei!(Lebhafte Zustimmung.) Dann ist unser alter Schlachtruf:„Hoch die internationale Sozialdemo- kratiel* zum Spott und zuni Hob» geworden. Wenn ich je mit einem Artikel des hiesigen„Sozialist" einverstanden gewesen bin, so mit jenem, der kürzlich überschrieben ist:„Die„internationale bayerische Sozialdemokratie". Dieses Wort stigmatisirl ganz richtig die Situation, in der wir uns befinden. Diese Taktik beißt nicht anders als:„Weil wir viel rückständige Elemente im Volke haben, sollen diese sür unser Vorgehen maßgebend sein; anstatt fie aufzuklären, sie emporzuheben, steigt man aus ihr Niveau herab, kommt man ihren pnrtikularistischen Neigungen und Vornrthcilen entgegen und erinnert sich nur der großen deutschen Partei, wenn man Geld braucht. Für Jeden der objektiv liest, besogt der Schlußsatz im Zu- sammenhong mit den vorausgehenden Sätzen: wird die volle lantsmaunschastliche Selbständigkeit proklamirl, dann haben wir eine irürttemberylsche, bayerische, hessische u. s. w. Partei und diese erinnern sich der Gesannntpartei nur noch wenn sie Geld brauche». Ans diese aus meinem Vordersatz bervorgehcnde Schluß- solgerung. die leine beslinimte Spitze enthielt, antwortet darauf die„Frank. Tagespost" in ihrer Erklärung gegen mich, nachdem fie ausgezählt was alles die bayerischen Genossen getha», also: „Man hätte es sich daher wahrhastig ersparen können, niit de» paar Tausend Mark, die sür Preßzwecke nach einigen bayerischen Städten gekommen sind, wiederholt dick zu tbun, während in geradezu verschwenderischer Fülle seit Jahren norddeutsche Lokalblätter s u b v e n t i o n i r t wurde n." Aus diesen Vorwurf parteiischer Verwendung der Parteigelder mußte ich antworten, und ich konnte nicht anders antworten, als indem ich die Thatsachen anführte und damit den Vorwurf zu enllräften suchte. Der Sinn, den die „Fräuk. Tagespost" meinen Worte» unterstellte, lag nicht darin. *** Schlttsierklaruiig. Tie„Münchener Post" hat eine mit Vellmar vereinbarte Erklärung veröffentlicht, welche der„Vorwärts" vorgestern brachte. Der Inhalt der Erklärung läuft darauf hinaus, daß man in dem entbrannten Meinungstampf von jener Seite die Tis- iussion im wesentlichen als geschlossen ansehe und nur zur Ab- wehr von Unrichtigkeiten antworten werde. Wörtlich sagt die„Münchener Post": „Jedes Ding hat sein Maß und wenn der Bebel'sche Streit für»ns schon von Anfang an nichts weniger als kurzweilig war, so ist seine weitere Entwicklung wahrlich nur geeignet, im Leser den Wunsch nach schnellstmöglicher Beseitigung dieser ebenso unerquicklichen als uninteressante» Geschichte aus den Spalten unseres Blattes unwiderstehlich zu machen. Und wir unsererseits können diesem Wunsche um so leichter folgen, als Form, Ton und Inhalt der Bebel'sche» Artikel uns jeder eingehenden Antwort überheben und uns auf wenige krzxze Bemerkungen beschränken lassen." Wie weil„Form, Ton und Inhalt" meiner Artikel Vollmar und die„Müuchener Post" jeder eingehenden Antwort auf die- selben überheben, dürste das Geheimniß dieser Beiden sein und bleiben. In weiten Kreisen der Parteigenossen hat man eine sachliche Antwort erwartet und besaß durchaus nicht das Verlangen„nach schnellmöglichster Beseitigung dieser ebenso unerquicklichen und uninteressanten Geschickte". Dieses Verfahren Vollmar's und der„Münchener Post" macht . vielmehr auf mich den Eindruck, daß, nachdem sie mich mit persön- lichcn Angriffe» überreichlich bedacht haben, fie jetzt einer fach- licheu A u s e i n and e rs e tz u n g aus dem Wege gehen wollen. Ich werde mich nicht auf die neuen persönlichen Anzapfungen einlassen, welche die Erklärung Vollmar's und der„Münchener Post" abermals fast Zeile vor Zeile enthält, wohingegen ihr sachlicher Inhalt, genau wie jener der bekannten vier Artikel, die in der Anklage gipfelten: „Die Beweggründe für Bebel's Austreten sind in v e r- letzter Eigenliebe und unzugänglicher Recht- haberei und Selbstherrlichkeit zu suchen, Bebel bat seine Person über das offensichtlichste Interesse der Partei gestellt", gleich Null ist. Vollmar und die„Münchener Post" werden noch Gelegen- heit erhallen, auf die Besprechung„des geringen sachlichen In- Halts meiner Artikel" eingehen zu müssen. Ich bin nicht gewillt, die sachlichen Diffe- renzen schwerwiegendster Art, wie sie ins- besonderein bezug auf die Taktik der Partei inderAgitation.dieparlamentarischeThätig- keit in den Landtagen und die Behandlung der Agrarfrage zu Tage getreten sind, zu vertuschen und zu verkleistern, und damit die bisherige Erörterung im Sande verlaufen zu �DteParteiistes sich selbst schuldig, in den reitigen Fragen volle Klarheit und Un zwei- eutigkeitzuschaffen. Diese Klarheit und Unzweidellligkeit vorzubereiten. dazu reichen zwei bis drei Tage erregter Parieitagdedatlen nicht aus, dazu ist gründliche sachliche Vorarbeit, gründliche sacklicke Er- örlerung nöthig, und sür diese werde ich»ach Schluß des Reichstags, so weit an niir ist. sorgen. Mögen andere, die sich dazu berufen fühlen, das Gleiche thun. Berlin, den 6. Dezember 1SS4. � A. Bebel. Gegen die Einsendung eiueS Genossen in Nr 281 des „Vorwärts"(Wozu das Verfieckenspiel?) schreibt die Redaktion unseres Kölner Brudcrorgans unter der Ueberschrift:„Optinns- Nius und Pessimismus": Die„Rheinische Zeitung" hatte am vorigen Sonnabend gegenüber der Nervosität, mit der ein Theil der Partciprcsse die sogenannte„Bayernfrage" behandelt, bei der zustimmenden Wiedergabe der Liebknecht'schen Erklärungen die tleberzeuguug ausgesprochen,„daß nach der Fuchsmüblcr Affäre kein bayerischer Abgeordneter unserer Partei mehr seine Prinzipien Jo weit vergessen werde, einen Landeshaushalt, der so schneidige Zezirks- Amtmänner, wie den Weiduer, besoldet, ,n ge- nehmigen". Ter„Vorwärts" giebt in seiner letzien Nummer einem Ge- nossen das Wort, welcher unter der Ueberschrift„Wozu das Verncckenspiel" bemerkt, die bisherige Hallung der Budget- beivilliger gebe sür diese Ueberzeugung keinen Anhalt. Joest's Erklärung, er müsse in Tarmstadt für das Budget stimmen, weil die Regierung auf seine Anregung hin einen Fabrikinspektor mehr angestellt habe, scheine von sammtlichcn süddeutschen Land- und Reichslags-Adgeordneten der Partei gethetll zu werden, die» selben würden also für alle Zeit und für alle Budgets stimmen, denn einen Posten, für den auch ein Sozialdemokral ein- treten müsse, werde jedes Budget aufweisen. Auch hätten unsere bayerischen Landtaxs-Abgeordneten bis jetzt nicht die leiseste Andeutung gemacht, daß" sie künstig die optimistische Hoffnung der„Rheinischen Zeitung" zu erfüllen gesonnen seien. Ja,«ine Aeußerung der„Mnnchener Post" beweist dem Genossen im „Vorwärts" sogar das Gegenthcil, weil sie„ersichtlich nicht auf der Redaktion geschrieben worden ist". Was wobl so viel heißen soll, als daß sie„ersichtlich" von Wollmar herrühre. Wir gestehen offen, daß wir keine Zeit dafür haben, darüber nachzutüfteln, wer einen nicht unlerzeicknele» Artikel dcp„M. P." geschrieben hat. Es ist uns auch völlig gleichgiltig, genauffo gleich- giltig, als wer der Urheber des Artikels im„Vorwärts" ist, der uns anläßlich unserer fünf Zeilen eine Spalte lang vorwirft,„unser Opti- mismus innche sich breit", wir spielten„Blindekuh", und trieben „Versteckenspiel".. Unsere Meinung zur Sache haben wir wieder- Holl klar und bündig dargelegt. Wir verweisen aus unseren Leitartikel. Für uns ist, nachdem Vollmar die„M. Post" desavouirt bat und wir so höflich sind, ibm das zu glauben, „ersichtlich" Vollmar und die„M. Post" zweierlei. Alles Weilere wollen wir der Zukunft Überlassen. Genosse Bebel war bis vor vierzehn Tagen in bezug auf die bayerischen Parieigenossen und ihre Abgeordneten auch noch Optimist, und mit oder ohne Er- laubniß des Genossen, der uns im„Vorwärts" darüber so schroff zur Rede stellt, daß wir nicht im Nu mit ihm aufgehört haben, es zu sein, werden wir uns das Reckt wahren, es so lange zu bleiben, bis er triftigere Gründe als bisher zur Rechtfertigung seiner Schivarzseherei beibringt. Unsere ganze Parteibewegung hätte weder Existenzberechtigung noch die mindeste Aussicht auf Erfolg, wollte man, wie der pessimistische Genosse im„Vorwärts" zu thun scheint, die Genossen eines ganzen Landes für fähig hallen, sich der Logik ruhiger sachlicher Auseiuandersetziiugen und den Regeln der Disziplin, ohne die keine Partei bestehen kann, auf die Daner zu verschließen.— (Da vorstehende Erklärung i» keiner Weise aggressiv ist, so betrachten wir diese Polemik als geschlossen. Red. d. V.) ** Genosse Sckmud in München antwortet in der letzten Nummer der„Münchener Post" auf Bebel's Gegenerklärung i» Nummer 283 des„Vorwärts". Er hält an dem in seiner Er- klärung(Nr. 282 des V.) Gesagten fest und bemerkt ausdrücklich, daß er„gleichfalls nichts zurückzunehmen habe". Wir glauben der Zusnmmung des Genossen Schnüd sicher zu sein, wenn wir von der Widergabe des vollen Wortlautes seiner Antwort ab- sehen. Es muß doch einmal ein Ende gemacht werden. VolitiMZe Berlin, den 7. Dezember. Ei» Maulkorbgrse� für den Reichstag. Infolge des gestrigen Vorganges t» der Plenarsitzung des Reichs- tages ist, wie die„Volks-Zeitnng" erfahren haben will, in der konservativen Fraktion„angeregt" ivorden, durch Ab- ändernng der Geschäftsordnung eine Verstärkung der Disziplinargewalt des Präsidenten herbeizuführen. Ob es zur Stellung eines bezüglichen Antrages kommt, steht noch dahin. Auch die„Köln. Ztg." plaidirt für ein Maulkorb- gesetz. Selbst in den Zeiten der ärgsten Verfolgungen unserer Partei unter dem Sozialistengesetze gelang es auch eiiiem Bismarck nicht, ein Marilkorbcjesctz dem Reichstage aufznnöthigen. Sollte der Deutsche Reichstag jetzt schon so tief herab- gekommen sein, sich selbst den Maulkorb anlegen zu wollen?— Bundesrath. Unter den Depeschen veröffentlichten wir gestern einen Auszug aus dem Berichte über die gestrige Sitzung des Bundesraths. Wir geben denselben heute voll- ständig wieder: In der gestrigen Sitzung deS Vundcsraths wurde die Vor- läge, betreffend den letzten Theil der Entwürfe von Bestim- mungen über Ansnahmen von dem Verbot der Sonntagsarbeit in gewerblichen Anlagen dem IV. Ausschüsse überwiesen; die Ausschußanlräge, betreffend die Aenderung der Bestimmungen über die BrauiiNveinsteuer-Statistik beziehungsweise zu dem Etil- wurf eines Gesetzes. betreffend die privatrcchilicheu Ver- hälluisse der Binnenschifffahrt und der Flößerei wurden angenommen und die Anträge von Wnldeck- Pyrmont und von Schwarzbttrg- Sonderehausen, betreffend das Ausscheiden staatlicher Tiesbnu-Belriebe aus der Tiefban-Berussgenosseitschast genehmigt. Für die Beraihung des Gesetzentwurfs, betreffend Aenderungen und Ergänzungen des Strafgesetzbuchs u. s. w.(sog. Gesetz gegen den Umsturz) int Reichstag, sind als Kommissare des Bundesraths die vorttagenden Rälhe Geheimräthe Dr. Freiherr von Seckendorff und Dr. Kelch und Regierungsrath Bumm be- stellt ivorden. Der Ausschußantrag zu der Vorlage, betr. die Abänderung der Bestimmungen über die Einziehung der für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung der Seeleule zu entrichtenden Beiträge wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Ein Gesetzentwurf über die Abänderung des Branntweinstener« Gesetzes wird nach der„National- Zeitung" dem Reichstag vorgelegt werden. Nach demselben Blatte sollen darin grundsätzliche Aenderungen nicht ent- halten sein.— Ter Bund der Landwirthe bat einen würdigen Bundesgenossen in den Berliner Hausbesitzer-Vereinen ge- unden. Die ländlichen Agrarier kämpfen im Reichstage ür Branntwein- und Zuckerprämieu, die Hausagrarier in Lerlin machten mobil, um die Erhöhung der Kanalisations- abgaben zu verhindern. Das letztere ist den Berliner Grnndherren gelungen. Die in der Stadtverordneten- Versammlung befindlichen Vertreter der Interessen des Grimdbesttzes haben in der letzten Sitzutig ihre kommunale Machtstellung dazu benutzt, um die Erhöhung der Kanalisationsabgabc abzulehnen, und sich mit diesem Be- fchluß 23/4 Millionen Mark in ihre cigeitc Tasche hinein votirt. Wenn der Geldbeutel in Frage kommt, giebt es keinen Unterschied zwischen ostelbischen Junkern und Berliner Freisinnigen. Die Manteuffel'schen bewilligen sich im Reichstage Branntwein- und Zuckerprämieu aus den Taschen der Steuerzahler im Reich— die Richter'schen votiren sich aus dem Berliner Steuersäckel eine Liebesgabe' von 23/4 Mil- lionen Mark. Hier wie dort die Politik des persönlichen Bortheils— hier wie dort die Ausbeutung der Gesauimt- heil zu gunstcn Einzelner und hier wie dort der Mißbrauch der politischen Macht zum Zwecke der Bereicherung der Machthaber.— Eine Bankrotterklärung. In Leipzig haben, trotz der ausdrücklich gegen die Sozialdemokratie gerichteten „Reform", d. h. Berstünintelung des Gcmeindewahlgesetzes, unsere Genossen bei den gestrigen Stadtverordneten-Wahlcn, von vier Sitzen, um die es sich handelte, zwei erobert. (S- unter Parteinachrichten.) Dazu bemerkt nun, nach einer eremiade über die„zu schwache Bethciliguug aus den üttelstandkretsen" das Leipziger Tageblatt", bekanntlich eins der protzigsten Organe des Kapitalismus: Von besonderem Interesse ist nun eine Berechnung auf das muthmäßliche Ergebniß hin, wie sich der Ausfall der Wahl gestaltet hätte, wenn wir das frühere Wahl- system behalten hätten. Gestern wurden 3110 ordnnngs- parteiliche Stimmen, 513 Stimmen sür den„Städtischen Verein" und 8330 sozialdemokratische Stimmen abgegeben. Nehmen wir an, daß von den 5323 Wählern in der ersten und zweiten Ab- theilung 30 pCt. an der Wahl Theil genommen hätten und rechnen die sich ergebende Ziffer, also 3200 Stimmen, den Orb- mtngsparteien zu, so hätten 8310 ordnungsparteiliche Stimmen gegen 8330 sozialdemokratische Stimmen gestanden. Wenige Stimmen wären also sür die Wahl eines ganzen Drittels der Stadt- verordneten ausschlaggebend gewesen!! Wäre es wirklich noch einmal, durch eine regere Betheiltgung, gelungen, den Ansturm der Sozialdemokraten abzuwehren— in Zukunft hätte es bei dem Anwachsen derselben keine Möglichkeit mehr dafür gegeben! Zur besseren Würdigung dieser Thatsache sei noch angeführt, daß die Sozialdemokraten, bei 2617 neu hinzngekomntenen Bürgern, eine Zunahme von 240S Stimmen zu verzeichnen hatten, daß also fast die gesammte Bürger- Vermehrung den Sozialdemokraten zu gute gekonimen ist! Und so wäre es inderZukunst weiter gegangen. Der„Städtische Verein" ist mit seiner Liste an dem gesunden Sinn der Bürgerschaft gescheitert. Er hat Fiasko gemacht. Bedauerlich bleibt aber die Zersplitterung trotz alledem. Das gestrige Ergebniß dürfte denjenigen, die für die Liste des„Städtischen Vereins" stimmten, klar vor Augen geführt haben, daß sie tha tsächlich nnr die Arbeit der Sozialdemokraten verrichteten. Bei künftigen Wahlen wird das hoffentlich eine beherzigte Warnung und zugleich, das ist die Hauptsache, Lehre sein. Es sind also, und dieses Ergebniß ist von Anfang an vorausgesehen worden, zwei Wahlkreise der dritten Abtheilung den Sozialdemokraten zugefallen und vier Anhänger dieser Partei tverden am 1. Januar in das Stadtverordnetenkolleginm eintreten. Daß fernerhin keitt weiterer Wahlkreis den Sozialdemokraten zufällt, muß die unbedingt zu erfüllende Aufgabe aller An- gehörigen des Mittelstandes in unserer Bürgerschaft sein. Dieses Ziel tvird aber nur durch Einmüthigkeit und rege Wahl» betheiliguna für immer zu erreichen sein! Wir danken dem„Leipziger Tageblatt" für seine naive Offenheit. Also ohne Verstümmelung des— alten— keines- wcgs ganz demokratischen städtischen Wahlgesetzes hatte es keine Möglichkeit gegeben,„den Ansturm der Sozialdemo- kratie abzuwehren"! Nun— auch mit der Verstümnielung ist es nur theil« iveise gelungen. Und trotz der Verstümmelung wird die Sozialdeniokratie noch ganz siegen.— Tie Berufs- und Gewerbezählung vom Jahre 181).?. Die„Verl. Polit. Nachr." schreiben: Verschiedene wirthschastliche Vereinigungen haben beim Bundesrathe Eingaben betreffs der Gestaltung der für das Jahr 1895 geplanten Berufs- und Gewerbezählttng eingereicht. So hat der Zentralverein der deutschen Lederindustrie beantragt, daß die Lederindustrie nicht wie bei der Berusezählnng vom Jahre 1882 zusammen mit der Papierindustrie in eine Gruppe, sondern ihrer volkewirthschastlichen Bedeutung enlspechend in einer besonderen Gruppe gezählt werde. Im übrigen wird die Arbeit, welche die neue Berufs- und Gewerbezählung verursachen wird, eine recht um« fangreiche sein. Sie wird in drei Theile, in die eigentliche Erhebung, die Bearbeitung des Urmaterials, die Erstattung von Bezirks- und Staateübersichten und in die Zusammenstellung und Ver- Lsfentljchung der Ergebnisse für das Reich zerfallen. Der Um- sang der Arbeiten wird ersichtlich aus der Zahl der für dieselben in Aussicht genommenen Zählkarten. Für die Erhebung sind in Aussicht genommen 13 Millionen Hausbaltungslisten, ö1/» Millionen Fragebogen für die landwirthschastlichen Be- triebe, 2�/- Millionen Gewerbekarten für Gewerbebetriebe mit Gehilsen, Mitinhabern und Motoren, 90 000 An- Weisungen für Zähler und Gemeinden, 1 Million Kontroll- listen für die Zähler, 120 000 Gemeindebogen und 4000 Be- stimmungen betreffend die Herstellung einer Bernfsstatistik für die Verivaltnngs-Behörden der größeren und kleineren Be- zirke. Für die Bearbeitung des Urmaterials sind drei Unter- abtheilungen in Aussicht genommen und zwar berufsstalistische Uebersichten, Uebersichten der landwirthschastlichen und solche der gewerblichen Betriebe. Diese drei Arbeiten werden einen Kosten- auswand von voraussichtlich 1,7 Millionen ergeben. Diese Kosten sowie die für die Erhebung werden übrigens den Einzelstaaten vom Reiche zurückerstattet. Die eigentlich im Reich auszuführutde Arbeit betrifft die Zusammenstellung und Veröffentlichung der Ergebnisse, die nach denselben drei Unterabtheilungen geordnet sein wird. Die Eisenbahu-Berstaatlichung in Oesterreich wird fortgesetzt. In der heutigen Sitzung des Abgeordneten- Hauses wurde die VerstaatUchung dieser Bahnen zum Be- schlnß erhoben.— Einen deutsch« französischen Zwischenfall haben unsere Geschäfts- Chauvinisten glücklich entdeckt. Nach Caprivi's Sturz glaubt diese Sippe den„Beunruhigungs- Bazillus" wieder ungenirt züchten zu kömten. Diesmal besteht der„Zivischenfall" in einigen Pariser Zeitungsartikeln, die von der offiziellen Militärspionage in den ausländischen Gesandtschaften, darunter auch der deutschen, handelten. Natürlich waren das Privatergüsse, mit denen die französische Regierung nichts zu thun hatte. Den Radau haben blos die beiderseitigen Chauvinisten gemacht, die ein- ander bekanntlich schlau in die Hände arbeiten, und der „Zwischenfall" ist„freie Erfindung" des reklamebedürftigen „Patriotismus".— Im Pariser Prestskandalprozeß(S. den nach- stehenden Vöries) danern die Verhaftungen fort. Jeder Spitzbube, der erwischt wird, klainmert sich an die Rock- schöße eines anderen, den er sich nachzieht. Wie das beim französischen Panama und beim italienischen Panamino geschah, und vor 20 Jahren in Deutschland bei der be- rühmten Gründer-Enquete.— Zum Prestskaudal in Frankreich wird uns aus Paris unterm 6. Dezember geschrieben: Man thut in der großen Presse, und zwar nicht nur hier, sondern auch im Auslande geradeso. als wenn der aus- und durchgeknifsene politische Leiter des „XIX. Siöcle", Edouard Portalis, und sein„Mitarbeiter" Declercq fast die einzigen Prcßgauner, alle übrigen aber die reinste» Engel wären. So meint der„Temps", daß es eine tadelnswerthe Leichtfertigkeit sei, von„Preß skandalen" zu sprechen und über den„Joutnalisinus" herzufallen, da es in Wirklichkeit keine Presse und keinen Journalismus gebe, sondern nur Blätter, die sich keineswegs einander gleichen und Journalisten, die sich noch weniger gleichen. Und damit glaubt man hohen Hauptes über das Panamino der Presse hinweggehen zu können. Ja wäre Declercq, der schon einmal als Mitarbeiter des„XIX. Siecke" wegen Erpressung verurtheilt worden ist. diesmal nicht so vorsichtig gewesen, sich die„Oottres d'un vieux ponte" — Briefe eines alten Pointeurs— unter welchem Titel Portalis seinen Revolverfeldzug gegen die verschiedenen Spielklubs eröffnet hatte, beizeiten anzueigenen, um sie eventuellen Falles als Beweise dafür vorlegen zu können, daß er nur Porlalis' Handlanger gewesen, dann hätte man, wie sein« 3eit, wahrscheinlich auch jetzt überhmqit nur von einem„gewissen Declmci" gesprochen, der sich den Titel eines Journalisten bei- gelegt habe. Wie damals, so hätte man auch jetzt— wie das ja auch anfangs faktisch versucht worden war— den„Revolver- journnlisten'' einfach über Bord geworfen und wäre ruhig— weitergefahren. Sind nun auch nicht alle Blätter allen käuflich, so hat doch ihre„Tugend" einen— Preis, und sind auch nicht alle Zeitungsdireklore» publizistische Strauchritter, die ihre Feder als Revolver benutzen, so gehe» sie doch alle auf—„Neben» geschäfle" aus. Welcher Art oft diese sind, das zeigt ja die „Affäre Allez". Dieser, ein Armeelieferant, hat sich nämlich bei einer seiner jüngsten Lieferungen eine Handlung zu schulden kommen lasse», die das Straf- Gesetzbuch mit Gefängniß von sechs Monaten bis zu 5 Jahren belegt. Um nun sowohl die ganze Affäre zu vertuschen, was ja in diesem Falle für Ällez keinen besonderen Werth gehabt hätte, als auck den Prozeß niederzuschlagen, soll ein zu diesem Zwecke sich gebildetes Zettiiiigskousortium von Allez eine bedeulende Summe— man spricht von Ivo Ovo Fr.— erlaugt, später allerdings, nachdem die Sache ruchbar geworden und die Herren für die Folgen zitterten, wieder zurückerstattet haben. Solche und ähnliche Ge- schäfte werden besonders von den der Regierung nahestehenden Blättern betrieben. Denn was sie aus den Geheimfonds be- ziehe», ist das wenigste, aber die„Gefälligkeilen", die ihnen oben bei jeder Gelegenheit erwiesen werden und die sie dann in baare Münze umsetzen, das zählt in ihren Budgets. Wer nie einen Blick hinter die Koulissen geworsen, nie einen Cdoristen zischeln gehört, der hat leine Ahnung von dem ganzen Treiben; denn hinter so manchem, der aus der Bühne als Ritter der Ehren- legion erscheint, würde man sonst einen ganz anderen Rilter er- blicken. Wo es nicht die politischen Leiter der verschiedenen Zeitungsuntcrnehmungen sind, die aus„Nebengeschäfte" aus- gehen, die bei vielen das Hauptgeschäft sind, so sind es die administrativen Leiter, und wo sie in ihren Bureaus keine Declercq's sitzen haben, haben sie sie außerhalb. Und selbst die vornehme» Blätter oder vielmehr die, die so vornehm thun, unterscheiden sie sich von den anderen Blättern im großen und ganze» nicht mehr, als die hohe Halbweltlerin von der Straßen- dirne? Klagte nicht zur Zeit des Panama- Skandals ein Administrator dieser Gesellschaft, daß sie oit über die Forderungen der Presse seufzten, aber ihnen nickt ausweichen konnten? Waren es da nicht gerade die„vornehmen" Blätter, die zu diesen Seufzern Anlap gaben? Und welckes sind die Blätter, niit denen sich dieKreditinsiilute.Assekurenzen, Transport-, Easgesellschaften rc. in erster Linie abzufinden sucken? Etwa nickt die so vornehm thuenden? Sie olle haben sich darum gegenseitig durchaus nickt? vorzuiverfen. So verworfen aber anck die Presse sein mag, sie ist doch nicht verworfener als das„Milieu", das sie nmgiebl und um sie lebt und webt. Wie die Bourgeoisgesellschafl so die Bourgeoispresse. Der Pariser Gemeiuderath hat in seiner jüngsten Sitzung einen Antrag votirt, welcher verlangt, daß die Regierung Ge- Nossen G e r a u l t Richard, der wegen seines Artikels: „Nieder mit Casimir!" gegenwärtig im Gesäugniß sitzt, während der Wahlkampagne im 13. Arrondissement, wo er als 5kandidal aufgestellt wurde, in Freiheit lasse. Daß die Regierung diesem Wunsche nicht nachkommen wird, ist bei ihr selbstverständlich und damit ja kein Zweifel darüber aufkomme, hat Herr Tupuy einem Nebenkandidaten Richard's, der diese Freilassung direkt erbeten hatte, ausdrücklich erklärt, daß daran nicht zu denken sei, was aber nur zur Folge hatte, daß dieser Nebenkandidal seine Kan- didatur aufgegeben hat, da er es nickt mit seiner Ehre in Ein- klang bringen könne, gegen einen Gefangenen zu kandidiren. So schlägt denn alles, was die Regierung gegen Richard's Kan- didatur unternimmt, nur zu dessen Gunsten aus. In derselben Sitzung hat der Gemeiuderath für die Pariser Arbeitslosen 100 000 Franks votirt. Dieselben sind von den einzelnen Bürgeimeister-Aemtern ausschließlich unter die be- schästigungslosen Arbeiter, Arbeiterinnen und Angestellten zu ver- theilen.— Spione uud Spitzel. In Frankreich ist bekanntlich ein französischer Offizier, der im Kriegsministeriuni arbeitete, in Haft genommen worden, weil er v e r d ä ch t i g ist, m i l i t ä- rische Geheimnisse an Deutschland oder Italien verkauft zu haben. Das Hauptbeweisstück gegen ihn soll in einem kompromittirenden Brief bestehen, den ein von der s r a n- zösiscken Regierung bezahlter Geheimagent aus dem Papierkorb eines Militärattaches einer der Dreibundmächte aufgelesen habe. Die Lage der Anklage- behörde sei deshalb eine verzwickte, weil man die Herkunft des Hauptbeweisstückes nicht werde erklären können. Erst ver�äth der Spion die Staatsgeheimnisse und dann durchwühlt der staatliche Spitzel die Papierkörbe, um die Ge- heimnisse des Spions zu ermitteln.— Eine saubere Gesell- schaft!- Ausdehnung der englische» Machtsphäre in Nordwest-Afrika. Eine Depesche ans Liverpool meldet: Die neueste hier eingegangene Post bringt Nachrichten aus Accra den 8. November, nach welchen das britische Protektorat über das Aschanti-Land(Goldküste) im Dezember proklamirt werden sollte; der englische Ministerresident würbe seinen Wohn- sitz im Coomassie nehmen.— Der Panamino-Skandal läßt sich nicht begraben. Die Diskussion über denselben geht weiter und das Ministerium selbst muß wohl sehr gegen den eigenen Willen Material zur Fortspinnung der erregten Diskussion bei- tragen. Hierüber wird aus Rom berichtet: Das soeben erschienene Amtsblatt des Justizministeriums veröffentlicht den Bericht der Kommission, welche durch Ver- fügung de? Justizministers vom 4. August 1894 mit dem Auftrage eingefetzt wurde, die Verautwortlickkeit der Beanilcn, welche an der Untersuchung über die Vorgänge bei der Banca Romana betheiligt waren, festzustellen. Ter Bericht radelt das Verharren dieser Beamten und ersucht den Jusiizmiuister, Maßnahmen in der Verwaltung zu treffen, um dass Ansehen der Rechtspflege wiederherzustellen. Das Amtsblatt veröffentlicht ferner einen Ministerialerlaß vom 5. Dezember, durch welchen der Generalstaarsanwalt beim Appellhof in Rom aufgefordert wird, gegen den Rath Dilorenzo wegen der in dem Berichte der besonderen Uulersuchungs- kommission gegen letzteren erhobenen Beschuldigungen die Dis- zipliuarklage auzusirengen.— Bezüglich des ersten Untersuchungs- richters am römischen Gerichishofe und des Untersuchungsrichters im Prozesse Tanlongo ist ein Gutachten der obengenannten Kom- Mission eingefordert worden.— Die italienischen Lockspitzel an der Arbeit. Aus Mailand schreibt man uns: „Achtung, aZonts provocateurs!" diesen Warnuugsruf läßt Viktor Chenal in der letzten Nummer des„Grido del Popolo" ertönen, und mit vollem Recht; denn Crispi, der den Sozialisten an den Kragen will, hat jetzt Lockspitzel ausgesandt, welche das Volk zu Gewaltthätigkeiten aufreizen sollen. I» Turin wird seit einigen Tagen ein Flugblatt verbreitet, welches„die revo- lutionäre sozialistische Allianz" betitelt und an „die Revolutionäre und das Volk von Italien" gerichtet ist; in dem Flugblatte wird gesagt, daß das Volk nur durch eine große Insurrektion aus den Sklavensesseln befreit werden könne.„Da dieses Flugblatt", so schreibt Viktor Chenal,„ganz so aussieht. als ob es eine Falle wäre, und da es Herrn Crispi wahr- scheinlich einen Grund zur Rechtfertigung der Auslösung der sozialistischen Partei bieten soll, wenn man ihn in der Kammer ob dieses Gewaltstrrichs zur Rede stellen wird, so ist es gut, diese Machenschazlen ans Licht zu ziehen und sie als das zu kennzeichnen, was sie sind. Das Flugblatt riecht stark nach Polizei, welche mehr als je mit der Sozialisteuhatz beschäftigt ist und Spitzbuben und Messerhelden ruhig lausen läßt." Doch das Spitzelthuni allein thui es nicht— man muß auch noch andere Mittel ergreifen, um das„theuere Vaterland" vor den Sozialisten zu bewahren. Eins der radikalsten Mittel ist die Verletzung des Briefgeheimnisses. Auch das haben wir schon erreicht. Auch wir haben jetzt das famose schwarze Kabiner. An unsere Postverwaltung ist der „geheime" Befehl gelangt— geheime Befehle verbreiten sich be- kanntlich wie ein Lauffeuer—, alle an die ausgelösten 54 sozia- listischen Bereine gerichtete Briese zurückzuhalten und zu öffnen bez. einer eigens zu diesem Zwecke zu schaffenden„Behörde" zun» Oeffnen zu übergeben. Durch die Verletzung des Briefgeheiin- nisies hofft unsere weise Regierung wahrscheinlich, Schriftstücke in die Hand zu bekommen, die die Einfädelung eines Niesen- Prozesses nach Art der sizilianischen Kricgsgerichlsprozeffe traurigsten Angedenkens rechtfcrligen würden. Ein solcher Prozeß steht uns bereits in Aussicht. Die Staatsanwaltschaft in Bari hat der Ruhm der anderen er- leuchteten Staatsanwälte im Lande nicht schlafen lassen, und sie fühlte sich gedrungen, gegen die 300 Mitglieder der neugegründeten Freiheilsliga in Bari ein hochnolhpemliches Verfahre» zu er- offnen.— Die sozialdemokratische Fraktion der belgische» Kammer ließ bei der Berathung des Etats nach der„Voss. Ztg." folgende Erklärung verlesen: „Die Mitglieder der sozialistischen Linken erklären, gegen das Budget der Dotationen ans folgenden Gründen zu stimmen: Der Artikel 77 der Verfassung verhindert uns, die Herabsetzung der Zivilliste zu beschlieben und wir glaube» wichtigere Dinge zu thun zu habe», als die Durchsicht dieses Artikels zu verfolgen. Aber wir verweigern es, das Ganze des Budgets der T olalionen zu genebmigcu: zunächst weil es im Widerspruche mit unseren republikanischen Ucberzeuguugcn stände, dann aber, weil die hauptsächlichsten Posten dieses Bndgels schwer, und zum größeren Theile unnütz, den öffentlichen Staatsschatz belasten. In einem Lande, in welchem die ungeheure Mehrheit der Arbeiter nicht 1000 Fr. jährlich verdient, bedanern»vir tief, daß man den Bezügen des Königs und der königlichen Fnmlie Millionen zu- n> erst, die dazu dienen könnten, 450 Fr. Jnhrcspeusion mehr als siebentausend alte» Arbeitern zu geben." Ter Verlesung dieser Erklärung schließt sich der sozialistische Antrag an, die dem Grase» von Flandern bewilligte Jahreszuwendung- in Höhe von 200 000 Franks ganz zu streichen.— Tie„armenischen Grcnel" haben sich ganz in her- gebrachter Weise zu einer„armenischen Frage" entwickelt. Die Pforte ist gezwungen worden, in eine gemischte (europäisch-türkische) Untersuchungskommission zu willigen, die an Ort und Stelle den Thatbestand feststellen— und den diplomatischen„Umsturz" in türkisch Asien weiter vor- bereiten soll. Es sragr sich jetzt blos, wo sich den Russen die bessere Gelegenheit bietet, die„orientalische Frage" auf die Tagesordnung und in Fluß zu bringen: in Armenien oder China? Sie haben die Auswahl. Und Lord Rose- bery, der wacklige Premierminister Englands, scheint ihnen Apportirdienste leisten zu wollen.— Franeu-Stimmrccht in den Vereinigten Staaten. In dem Staate Colorado der Vereinigten Staaten von Nordamerika haben bei den letzten Staarenwahlen 70 000 Frauen von ihrem Stimmrechte Gebrauch gemacht. Im allgemeinen sind die Frauen konservativ und schutzzöllncrisch. Sie waren schuld, daß die Volkspartei unterlag und die Rcpublikaucr unerwartet einen großen Sieg davontrugen. In Kansas wollte man auch das Fraucn-Slimmrccht für die Staatswahlcn einführen. Ter Antrag wurde aber mit großer Mehrheit abgelehnt.— Krieg zwischen China und Japan. Heute liegen folgende beachlenswerthe Meldungen vor: Nach Meldungen Londoner Blätter aus Hiroschima vom 6. d. M. ist der Plan, Mukden zu erober», für diesen Winter ausgegeben. Namagata werde sich mit Otzama vereinigen. Auf Port Arthur wird vom 3. d. M. gemeldet, die einzige» chinesischen Sckiffe, welche dort genommen wurden, seien ein Torpedoboot, zwei Kaufsahrlei-Scgelschiffe und ein Kreuzer, der sich auf der Werst im Bau befand. Wie der„Times" aus Shanghai vom 6. d. M. berichtet wird, erklären die chinesischen Behörden, Zollkommiffar Tetring sei durch ein kaiserliches Dekret zum Gesandten für den Abschluß des Friedens ernannt gewesen, aber die japanischen Minister hätten sich geweigert, seine Beglaubigungsschreiben zu prüfen. Ei» Telegramm aus T s ch i f u»leider: Nackdein der ameri- kanische Gcsandle in Peking dem Tiungliyawen davon Kenntuiß gegeben, daß er und der amerikanische Gesandte in Tokio Vorbereitungen getroffen habe für direkte Verhandlungen. beschloß das Tsuugliyamen einen besonderen Abgesandten nach Tokio zu senden mit Vollmachten zu Unterhandlungen über den Frieden. Ans Tokio wird vom 6. M. gemeldet: Infolge der Ent- deckung einer Korrespondenz zwischen koreanischen Mniistern uud d�u Jusurgentensühr ern bat der japanische Resident die japanischen Truppe», welche zur Unterdrückung des gegen die Regierung ge- richteten Ausslands entsandt waren, zurückberufen. Der König von Korea, der üb.r die Angelegenheil sehr aufgebracht ist, hat den Minister des Innern entlassen.— Chinas Aussichten scheinen noch nicht verziveifelte zu sein, erhält es doch noch von England Geld geliehen. Ans London wird nämlich gemeldet: Die 4Vsprozentige chinesische Anleihe ist bereits von Geld- Instituten stark überzeichnet, so daß dieselbe dem Privatpublikum nicht aufgelegt zu werden braucht.— -pgrtamenkÄviPckzes. Reichstags-Vorlagcn. Ten Mitgliedern des Reichstages sind ferner noch folgende Borlagen zugegangen: Die bereits gestern im„Vorwärts" abgedruckte Umsturzvorlage; der Antrag v. M a n t e ii ff e l und Genossen, dahingehend, den Antrag Auer(Aussetzung des Verfahrens gegen Genossen Herbert in Stellin) der Geschäftsordnungs-Kommission zu überweisen; Mit- theilung, betr. den spanischen Handelsvertrag; Antrag Zimmer- mann auf Aussetzung des Verfahrens gegen den Abg. Werner in Kassel. * Das Ergebnis? der Schristführertvahlcu im Reichstage ist nunmehr settgesiellt worden. Der von sozialdemokratischer Seite fiir den Schrislsührerposten vorgeschlagene Abg. Fischer ist zurückgewiesen worden. Zu Schriftführern sind gewählt worden die Konservativen Dr. 5trovatsckeck und v. Hoffeufer, von der deutschen Reichspartei Mirbach, vom Zentrum Krevs und Braun, von den Nationalliberalen Pieschel, von der Freisinnigen Volksparlei Schmidt(Bingen) und der Pole Cegielski. Von anderer Seite wird berichtet, daß nicht Schmidt(Bingen), fondern Hermes gewählt wurde. Die Abgeordneten Grillenberger und Vollmar können nächste Woche nicht in Berlin sein. Deshalb mußte von ihnen als Fraktionsredner bei den Umslnrz-Beralhungen abgesehen werden. »« » Justizgesetze. Die in der Thronrede angekündigten Justiz- gesetze, Abänderung der Strafprozeßordnung durch Wieder- einfnhrung der Berusung, Entschädigung un- schuldig Verurtheilter, sind heute im Reichstage ein- gegangen. � � ♦ Die Wirthschaftliche Vereinigung deS Reichstages war am Donnerstag Nachmittag zusammengetreten, um zu dem abgeänderten Antrag Kanitz auf Ver st aar» lichung des Getreidehandels Stellung zu nehmen. Derselbe lautet: „§ I. Der Einkauf und Verkauf des zum Verbranch im deutschen Zollgebiet befiiimnten ausländischen Getreides, Mit Einschluß der Mühlenfabrikate, erfolgt ausschließlich für Rech- nung des Reiches, ß 2. Die Verkaufspreise des Getreides werden den Durchschnittspreisen der letzten 40 Jahre gemäß festgesetzt unter entsprechenden Zu- schlügen für die einzelnen thenrer produzirenden Gebiets- theile des Tcutschen Reiches. Die Preise der Mühlen- fabrikate richten sich nach den wirklichen Ausbeute- Verhältnissen. H 3. Das Deutsche Reich lagert mindestens den dritten Theil des im Durchschnitt der letzten 10 Jahre per Jahr eingeführten Getreides In Lagerhäusern. Außerdem wird die Regierung ermächligt, für besondere Bedürfnisse— Mißernten, Kriegsfälle n. s. w.— außerordentliche Vorräthe anzusammeln. tz 4. Eine Lagerung von Mühlenfabrikaten findet in den Lager- Häusern des Reiches nicht statt, tz 5. Aus den jährlich erzielten Ueberschüssen der Reichs-Getreide-Einfiihr wird 1. ein den jetzigen Zollsätzen und der thatsächlichen Einsuhr entsprechender Betrag an die Reichskasse abgeführt, 2. ein Reserveionds in gesetzlich festzustellender Höhe gebildet, um für Jahre mit hohen Auslandspreisen es dem Reiche zu ermöglichen, das aus« ländische Getreide zu dem nach 8 2 zu ermittelnden Durch- schnitlspreise an die Konsumenten abzugeben. Die Zinsen dieses Fonds fließen in die Reichskasse; 3. die Verfügung über den danach verbleibenden Ueberschuß wird besonderer Gesetzgebung vorbehalten.§ 6 sagt: Für den Fall des Eintritts von Aus- landspreisen, die zu den nach§ 2 festzustellenden Durchschnitts- preisen im Mißverhältniß stehen, wird der Bundesrath ermächtigt, ein Ausfuhrverbot für Getreide- und Mühlenfabrikate zu er- lassen." Der Vorsitzende v. Plötz begründete die historische Entwick- lung des vorliegenden Antrages. Dr. Clemm- Ludwigshafen ist für die Avsetzung von der heuiigen Tagesordnung und für die Wahl einer Kommission. Auch Prof. Dr. Enneccerus meint, daß die Sache heute noch nicht spruchreis sei. Graf Kanitz er- läuterte seinen Antrag. Schließlich wurde die Berathung auf den II. d. M., Vormittags 10 Uhr. vertagt. Die konservative Partei' hat einen Initiativantrag ein- gebracht aus Berechtigung der Vormünder, von den dazu Ver- pflichteten den fälligen Alimentenbetrag für uneheliche Kinder durch Lohnabzüge einzukassiren. Die deutsche Reformpart'ei hat folgende Initiativanträge eingebracht: 1. Die Bniidesregierungen zu ersuchen, einen Gesetz- entwurs vorzulegen, wonach Lieseraiiten, Handwerkern und Ar- beilern für ihre, aus Lieferungen und Arbeiten an Neubauten erwachsene», rcchtniäßigen Forderungen ein Vorrecht vor sämmt- lichen, aus diese Bauten eingetragenen Hypotheken oder Kautionen gewährt wird.— 2. Antrag auf Erlaß eines Verbots der Konsuwoereine in staatlichen Betrieben.— 3. Erlaß eines Schächtverbots gemäß den im Königreich Sachsen geltenden Ge- setzen.— 4. Verbot der Einwanderung ausländischer Juden.— 5, Antrag aus Erlaß eines Gesetzentwurss, wonach bei allen gerichtlichen Vereidigungen von Parteien, Zeugen und Each- verständigen die konjessionelle Eidessormel wieder eingeführt wird. Die deutsch- soziale Reformpartei beschloß in ihrer gestrigen Sitzung, einen Antrag auf Einstellung deS Strafversahrens gegen den Abg. Leuß oder aus Hastentlassung nicht zu st eilen. Soztals ZUelievlithk. Eine städtische ArbeitS-Nachweisstelle soll nach dem Be- schluß des Nürnberger Magistrats mit dem 1. Januar 1835 dort errichtet werden. Die Errichtung eines Sanatoriums im Harz für kranke und in der Genesung begriffene Arbeiter ist von der Alters- und Jnvaliditätsanstalt in Braun schweig beschlossen worden. Ausweisungen vou„Neichöfeinden". Aus Nordschleswig wird gemeldet: Etwa 20 M e i e r, die dänische Unter- thane» sind, und erst vor kurzem nachträglich um Nieder- laffungeerlaubniß nachgesucht haben, ist in diesen Tagen von den zuständigen Landrathsämleni der Befehl zugegangen, binnen zwei Monaten das preußische Siaalsgedier zu verlassen.— Ob die Meier im Verdacht stehen, staatsgefährliche Butter, ordnungs- feindlichen Käse oder nmstürzlerischen Quark zu sabriziren, wird nicht dabei bemerkt. Arbciterinneuschut)- Gesetz im Konton Luzeru. Einen positiven Fortschritt hat die Arbeiterschuy- Gesetzgebung im Konton Luzern gemacht. indem der Kantonsrath den ihm von der Regierung vor einigen Monate» vorgelegten Entwurf des Arbeiterinnenschutz- Gesetzes angenommen hat. Dasselbe erstreckt sich, wie das Züricher, aus alle dem Fabrikgesetz nicht unler- stellten Geschäfte, in denen Arbeiterinnen oder Lehrmädchen beschäftigt sind. Die Arbeit an Sonn- und Festtagen ist untersagt, die Tauer der täglichen Arbeitszeit aus II Stunden die Mittagspause auf eine Stunde festgesetzt. Ueberzeilarbeit gestaltet das Gesetz n»r dann, wenn sie nicht durch Mädchen unier 18 Jahren oder durch Schwangere verrichtet wird, auch ist das Einverständniß der Arbeiterinnen erforderlich; die Be- willlgung erlheilt das Sladlhalteramt(Landrathsamt). Die Mehrarbeit darf 2 Stunden nicht übersteigen und sich nicht über 10 Uhr Abends ausdehnen. Der Lohn für Ueberzeilarbeit muß wenigsiens ein Viertel höher sein als der gewöhnliche. Den Ar- beilerinnen über die gesetzliche Arbeitszeil hinaus Arbeit nach Hause mitzugeben, ist untersagt. Das Miiinnalalter für Ar« beilerinnen und Lehrtöchler setzt das Gesetz aus 14 Jahre fest. Wöchnerii neu dürfen während 4—6 Wochen nicht beschäftigt werden. Der Lohn ist alle 14 Tage baar auszubezahlen. Bußen dürfen den vierten Theil des Tagelohnes nicht überschreite» und nur dann ausgesproche» werden, wenn sie in einer regierungs- räthlich genehniiglen Arbeitsordnung angedroht sind. Das Gesetz enthält auch Bestimmungen hygienischer Natur. Der Anstellung einer Lehrtochter hat ein schriftlicher Lehrvertrag mit ihrem Vater oder Vormund vorauszugehen. Kellnerinnen muh«ine ununterbrochene Nachtruhe von 8 Stunde» und jede Woche mindestens ein halber Freilag gewährt werden. Depefcktcn. sTeveschen-Rureau Herold.) � München, 7. Dezember. Wie das„Bayer. Vaterland" meldet, soll gegen sechs Redakteure wegen der Fuchs mühler Affäre An klag« erhoben werden. Prag, 7. Dezember. Ein sehr bekanntes Mitglied der jung- czechischen Partei, der ehemalige Landtags- Abgeordnete Franz Hulicius wurde in seinem eigenen, zu Mscheno bei Melnik belegenen Hanse sanimt seiner Frau in gräßlicher Weise ermordet. Seine Schwiegermutter wurde schwer verletzt. Die Mörder, von denen bis jetzt jede Spur fehlt, raubten eine Briestasch« mit einer größeren Geldsumme sowie eine Taschenuhr. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortlicher Redakteur: I. Ticrl(Emil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max. Babing in Berlin SW., Beuthstraße 2. t Beilage zum„Vorwärts" Berliner Volksblatt. Loltsles. Tie Sprechstunde des Rechtöantvalts wird heute in der Mittagsstunde von 12 bis 1 Nhr abgehalten. Wovon man sprach. Ein Händedrücken, ein leuchtendes ?>nfblitzen der Augen, und dann ein fleißiges Kommentiren der Vorgänge in der ersten Sitzung des deutschen Parlaments— das >var die Signatur des gestrigen Tages in den weiten, weiten Reihen unserer Parteigenossen. Höher schlug das Herz jeden, klassen- bewußten Proletarier, denn es war, als ob aus dumpfer gewilter- grollender Schwüle heraus ein furchtbar greller Blitz die Lage der Tinge plötzlich haarscharf beleuchtet und den klastertiesen Riß, der das arbeitende Volk von jener Gesellschaft trennt, so klar wie kaum vorher vor aller Augen offenbart hatte. Was die Gemüther bis dahin erhitzt, was als Für und Wider im internen Meinungsstreit ins Feld geführt war, es war vergessen, es war verdrängt von der hellen Begeisterung, die sich über Alt und Jung in unseren stürm- erprobten Reihen wie Flammenseuer ergoß und in tausend und abertausend Gelöbnisse ausklang, wacker, kühn und einigen Sinnes die Phalanx in dichten Reihen zu schließen. Nicht zählen wir den Feind, nicht die Gefahren all... diese Worte des proletarischen Freiheitsgesauges drangen schnicUernd in die Lüste hinaus als Schlußakkorde der Weihe, welche das deutsche Parlament erhalten. Und was auch kommen möge und welche Fesseln man dem arbeitenden Volke auch auss neue schmiede in dem deutschen Neichstagshause— hohnlächelud betrachtet der Riese das angst- und furchtbeflissene Gebahren der reaktionären Gewalten im Bewußtsein seiner mächtig reifenden Kraft. Und möge man die Kelten auch enger ziehen, und möge man aufs neue wieder das freie Wort mit der Fuchtel in der Hand verbieten— die Begeisterung läßt sich nicht ans den Herzen der Millionen Proletarier rauben und das Bewußtsein des endgilligcn Sieges um so weniger; und wenn für Augenblicke wirklich wieder Kirchhofsruhe ein- gekehrt ist in unserem armen Vaterlaude, so wird das eine Wort: „Der er st e Tag im neuen Reichslags-Bau war unser, der Sozialdemokratie" unsere Feinde darüber belehren, daß der Kampf, den sie führen, ein Kampf ist pom- le roi de Prusse und daß er endigen wird mit dem Siege des ruhmvoll vorschrcitenden Proletariats, der deutschen Sozialdemokratie! Von bangen Ahnungen gequält sind die Kleinen im Reiche des Gambrinus, die Brauer in der Provinz, ivelche sich seiner- zeit hoffnungsfroh dem im Herbst gegründeten A n t i- B o y k o t t- verein der Rösicke und Kompagnie angeschlossen haben. Unsere Leser werden sich erinner», daß in dem großen Bunde der Brauereien Deutschlands, den— ein böses Omen— Herr Rösicke in Friedrichsroda aus der Taufe hob, nur die als würdig befunden werden sollten, die pro Jahr mehr als Sl)00 Zentner Malz verbrauchen. Schließlich gestaltete die Gruppe der Riesen auch den Zwergen, Steine gegen die boykottircude Sozialdemo. kratie herbeizuschleppen. Mit dem Mantel„Solidarität der Interessen" deckte man einen Augenblick den klaffenden Riß, de» das Machwerk großkapitalistischen Gepräges noth- wendig an sich trägt. Das Sprachrohr der mittleren und kleinen Brauer, die „Brau-Jndustrie", hat nun hcrausgejundeu, daß im Etats- jähr 1893/94 allein im Norddeutschen Brausten er- Gebiet nicht weniger als 250 kleinere Brauereien dem Wüthen des Großkapitals zum Opfer gefallen sind; eine Zahl, die aller- dings zu denken giebt. Das schärfte das Empsiuden und gab jedenfalls die Veranlassung, die Bestimmungen über das gegen- fettige Verhalten in einem Kampfe seitens der dem Verbände der Brauereien angehörigen Betriebe einer genauen Prüfung zu unterziehen. Man kann den. Blatte nicht unrecht geben, wen» es die„Kleinen" auch hierbei wieder inS Hintertreffen und ins Verderben gerathen sieht. Der Sj 5, der wichtigste der für den „Verband" gilligen Statuten lautet: „Jede dem Verband angehörigs Brauerei, welche von einer politischen Partei(!) in Verruf oder Boykott erklärt wird, erhält auf die Dauer des Verrufs oder Boykotts für dasjenige Oumcknm Bier, welches sie nachweislich infolge des Verrufs an ihre Kunden weniger absetzt, eine Entschädigung... in der Höhe von vier Mark pro Hektoliter für Lagerbier und S M a r k für einfaches Bier(Braunbier). Die Hälfte der stipulirten Entschädigungen zahlt die Verbandskasse, die andere Hälfte diejenige Verbandsbrauerei, welche an Kunden einer boykottirlen Brauerei das Bier liefert." Ein folgender Paragraph regell die Unterstützungen auch für die Fälle, in denen verschiedene Brauereien des Verbandes nacheinander boykottirt werde»; man kann das wenigstens aus dem wunderbaren Deutsch mit einigem guten Willen eut- nehmen. Unter Z 14 heißt es dann zum Schluß, daß die Unter- ftützungen ohne"weiteres ausfallen, wenn die Brauereien eines Verbandes(man will das nach Provinzen regeln) sämintlich in Verruf erklärt werden. Die genannte Fachschrist fürchtet nun, daß die kleinen Brauereien in der That nur soweit gleich- berechtigt sind, als es sich um das Bezahlen der nicht geringen Beiträge handelt. Der Fall, daß sie aus dem Fonds unterstützt werden, dürite erfahrungsgemäß auch nach unserer Ansicht fast niemals eintreten, da bei einem Einzel kämpfe die 5Aeine» nicht in Frage kommen, und wenn sie mitgetroffeu werden, ist bei einem großen Boykott— der famose Z 14 ganz und gar dazu angetban, ihr Ende zu beschleunigen. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß die Sozialdemokratie diese Erdrosselnngsversuche mit kühlem Lächeln verfolgt. Daß die kleinen Brauer so frühzeitig die Krallen ihrer„Kollegen" voin Großkapital erkennen, läßt sich un- schwer daranS herleiten, daß die charakteristische Brutalität der Braucreiprotzen auch ihnen gegenüber sich nicht verleugnet. Ter Geist vom Schultheiß schwebt über den Wassern! Zum Besten der ausgesperrten Brauerei- Arbeiter sinder am Sonntag, den 9. Dezember, in Schmiedel's F e st s ä l e n, Alte Jakobslraße. eine Matinee statt, arrangirt von dem Gesaugverein„Kreuzberger Harmonie". In anbctracht des guten Zweckes dürste der Besuch ein guter werden.(Näheres siehe Inserat.) Achtung, Schöneberg! Am Sonntag findet eine Flugblatt- Vertheilung statt. Die Genossen werden ersucht, sich recht zahlreich Morgens 8 Uhr an folgenden Stelle» einzufinden: E. P i n, e r. Siollendorfstr. IL; C. K l a u ck e. Goltzstr. 43; E. K e ß n e r. Gninewaldstr. 110, und H. H o f f m a n n. Sedan- straße 10. Au die Parteigeuoffe» der Nuigegend Berlins ergeht das Ersuchen, die Namen und Adressen der neugewählteu -Mitglieder unverzüglich dem Wraugelstraße 32, Berlin, zusenden Lokalkommissiens Obmann Karl Scholz, zu wollen. Von der Liste der boykottfreien Wirthe sind zu streichen: T r e b e s i ii s, Stralsunderstraße 41; L ü ck, Chauffeestraße 33; S t e i n b r ü ck, Ackerstr. 34: T r e u t l e r, Sellerstr. 5; Roll, Kolbergerstr. 6; Peters, Köslinerstr. 3. K a u l, Hussitenstraße, verweigert die Kontrolle. In Wilhelinsberg-Hohen- Schön Hausen schänkt auch der Reftauratenr F. Krause ringsreies Bier. Im übrigen werden die Parteigenossen dieser Oric darauf aufmerksam gemacht, daß nur diejenigen Wirthe aus» schließlich boykottsreies Bier schänken, welche das Plakat der Boykottkominission führen. Von der Gcmcindestcuer-Neform. Die zweite Berathuug der Gemeindestsner-Neform hat am Donnerstag begonnen und unsere aus Anlaß der ersten Beralhung geäußerlen Befürchtungen bereits bestätigt. Unsere Leser haben den Gang der VerHand- lungen aus dem ausführlichen Bericht ersehen. Es lohnt sich aber, noch einmal darauf zurückzukommen. Die Miethssteuer wurde zwar ohne Debatte zu Grabe getragen. Nicht einmal die, welche in der ersten Berathung»och für ihre Beibehaltung eingetreten waren, wagten ein weiteres Wort der Empfehlung. Die durch das Kommunalsteucr-Gesetz geschaffene Unmöglichkeit, diese verhaßlefte aller Steuern durch eine „Reform" noch für einige Jahre zu retten, scheint allmälig auch den Verbohrtesten der Hausagrarier und ihrer Freunde klar geworden zu sein. Dagegen wußte sich das Haus- agrarierthum in der Frage des zur Unterhaltung der Kanalisation aufzubringenden Beitrages erfolgreich in seiner Position zu be- haupten. Ter Antrag, die von den Hausbesitzern zu zahlende Kanalisationsabgabe auf 2 pCt. vom Nutzungswerthe des Grund- stücks zu bemessen, wurde abgelehnt; ebenso der andere, wenigstens N/z pCt. zu erheben. Es bleibt somit bei 1 pCt., wie bisher. In der sehr lebhaften Debatte hatten die Hausbesitzer noch einmal ihr übervolles Herz vor der Versammlung rückhaltlos ausgeschüttet. Ein heiterer Mitkämpfer erstand ihnen diesmal in Herrn Friede- mann. Nicht alle Hansbesitzer, meinte der, seien' Kapitalisten und Spekulanten. Viele hätten ein Hans erworben, weil sie anders von ihrem bescheidenen Kapital nicht genug Rente haben würden, um davon leben zu können. Herr Friedemann war also der Ansicht, sein Geld in ein Haus hineinstecken sei noch das Rentabel st e, und damit es das Rentabelste bleibe, müsse man die Hausbesitzer schonen. Die Hausbesitzer- lich gesinnte Majorität war derselben Ansicht und setzte die Älb- gäbe von den beantragten 2 pCt. auf 1 pCt. herab, was gleich- bedeutend ist mit einer„Liebesgabe" von 2�/4 Millionen Mark für die Haüsagrarier. Der Sieg wurde von diesen mit einem von Abstimmung zu Abstimmung steigenden Jubel begrüßt. Dieses war der erste Streich. doch der zweite folgt sogleich. Die Erhöhung des Schulgelocs für die städtischen höheren Lehranstalten wurde gleichfalls abgelehnt. Sie sollte„reaktionär" sein, meinte Herr Hermes, und Herr Cassel nannte sie gar„kullurseindlich". Ein amüsantes Schauspiel, diese beiden Freisinnshelden sich als Stützen der Bildung aufspielen zu sehen! Daß es ebenso kulturfeindlich ist, daß Millionen von Proletarierkindern überhaupt von der Möglichkeit ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln ausgeschlossen sind, und zwar ausgeschloffen sind infolge einer GesellschajtSordnnng, die gerade der„Freisinn" am eisrngsten vertheidigt— das fiel den Herren nicht ein. Genosse Singer mußte wiederum, wie bei der ersten Berathung, darauf hingewiesen, daß damit nicht den Armen, die ihre Kinder ja doch nur bis zum 14. Jahre erhalten, also selbst bei Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel nicht auf höhere Schulen schicken könnten, sondern nur den Reichen ein Geschenk gemacht werde. Die Zusammenstellung dieses Geschenkes mit der eben erst de» Hausbesitzern in den Schooß geworfenen„Liebesgabe" und der daran geknüpfte Vor- wurf, daß die bürgerliche Majorität der Versammlung damit die Interessen der besitzenden Klasse über die der gesammten Steuer- zahler stelle, rief natürlich den üblichen Entrüstungssturm hervor. Auf den weileren Verlauf dieser seltsamen Steuerreform darf man gespannt sein. Herr Cassel hat bekanntlich beantragt, die Steuer auf Einkommen von 660—900 M. künftig wieder zu er- heben. Die Annahme dieses Antrages würde das ganze Work als würdiges Ende krönen. Eine gleichmäßige und gerechte Ver- ibeilung der Laste» harte man als leitende» Gesichtspunkt für die Neuordnung der Gemeindesteuern ausgestellt. Und was kommt heraus? Den Bemittelten werden großmüthiß Geschenke gemacht, und ans den Taschen der Unbemittelten wird das Geld dazu pfennigweise herausgeholt. lieber Tonntagsarbeit am ReichötagSban wird dem „Voll" geschrieben: Ein Seitenslück zu der„Bußtagsfeier" im töuißlichen Schlöffe konnte man am ersten Adventssonnlage am Köingsplatz erleben. Die Vorhalle des Reichstagsgebändcs und ein Theil der nach der Sommcrstraße zu belegenen Räume waren in den Abendstunden feenhaft erleuchtet: innen wie außen wurde geklopft und gesägt, so daß man wirklich vergessen konnte, daß wir gesetzliche Bestiinmungen über die Sonntagsruhe haben. Diesem Gedanken gaben auch zahlreiche Vorübergehende Ausdruck. Nachdem die Eröffnung des Reichstages ivegcn des Kanzlerwechsels um volle drei Wochen verschoben worden ist, hälte die Behörde durch Verstärkung der Arbeiterzahl doch wirklich die Arbeiten so weit beschleunigen können, daß eine Zuhilfenahme kirchlicher Feiertage nicht nöthig geworden wäre. Oder war ihr vielleicht unbekannt, daß gegen- wärtig gerade die Bauhandwerker besonders unter der Be- schästignugslosigkeit zu leiden haben? Dann dürften allerdings noch Jahre vergehen, bis sie zu dieser Erkenntniß gelangt— aus grund der neuerdings angestellten„Enquete" über das Handwerk. Daö«eue NcichStagögrbäude am Köuigöplatz ist, einer Meldung zufolge, für das Publikum an den Wochentagen von 8�/2 bis 9'/2 Uhr Vormittags und Sonntags von 2 bis 4 Uhr Nachmittags zu besichtigen. Die Besucher müssen sich zur an- gegebenen Zeit an der an der Nordsront, Portal 4, belegenen Wartehalle versammeln, von wo aus sie in Abtheilungen von Hausinspeklions-Beamlen durch die Räume geführt werden. Unsere Parteigenossen, die das Reichstagsgebäude besichtigen wollen, feien darauf aufmerksam gemacht, daß in der für die Journalisten bestimmten giestauration boykottirtes Bier aus der Brauerei Moabit verschänkt wird. In der Urania wurde am Donnerstag ein eigenartiges Thema erörtert. Herr Jul. H. West, ein junger englischer Gelehrter, suchte vor einer geladenen Gesellschaft in einem Experimentir» Vortrag die Frage zu lösen, warum die Katze, mag sie aus irgend' ei»er Lage und aus beliebiger Höhe herabfallen, stets auf ihre Füße fällt. Herr West stützte sich auf eine Reihe photographischer Momentaufnahmen einer fallenden Katze und stellte dann selber mit einem dieser nützlichen Hausthiere„Fall- versuche" an, deren Ergebniß ihn zu der Schlußfolgerung führte, daß die Katze während des Falles eine rotirenoe Bewegung und gleichfalls eine„Knickung" ihres Körpers ausführt. Die Drehuiigsaxe bildet die Wirbelsäule, welche von den Gliedmaße» der Katze beeinflußt wird. Der Katzen„sall" ist physikalisch insoweit von Interesse, als er darlegt, daß ein frei in der Lust schwebendes System, das keinen Stützpunkt hat, durch Einwirkung innerer Kräfte im stände ist, sich durch eine um seinen Schwerpunkt gehende Axe im Räume zu drehen. Die Zuhörer folgten mit vielem Interesse den Darlegungen des jungen Forschers. Diesem Vortrage folgte die bekannte Reise durch den Jellowstonepark, die durch die anregenden Erläuterungen des Herrn Direktors Meyer nie versehlr, die Besucher der Urania zu fesseln. Eine Fortsetzung des Vortrages fand am Frei- tag statt. Die neueröffnete Fernsprechlinie Berlin-Wieu regt die Frage an, wie weit man von der deutschen Reichshauptstadt aus. durch den Draht unmittelbar„sprechen" kann. Hierzu wird uns. die folgende Zusammenstellung geliefert: Eine direkte Ver, bindung besteht nach Petersburg, Moskau, Warschau, Riga, Odessa, Wien, llloin, Mailand, Basel, Paris, Antwerpen, Brüssel. Amsterdam, London, Malmö und Kopenhagen. Nach Spanien und Portugal übernimmt Paris die Vermiltelung; nach Amerika Hamburg, Emden und Paris; Drahtnachrichten nach Australien. vermittelt Wien über Suez; die Uebcrgangsstationen für Afrika sind Frankfurt a. M. und München; Depeschen nach Asien (China und Japan) gehen über Petersburg. Dagegen kann Berlin mit Teheran unmittelbar sprechen, wenn Odessa euischaltet, nnd zwar beträgt dieser Weg 360 deutsche Meilen. Betriebsstörung auf der Stadt- nnd Ringbahn. AlK. gestern Morgen kurz nach S Uhr ein Vorortzug den Stadtbahn- körpcr zwischen den Stationen Lehrter Bahnhof und Friedrich- straße passirte, wurde plötzlich die Kuppelung einiger Wagen defekt, so daß der Zug mitten aus der Strecke halten und sa lange liegen bleiben mußte, bis der Schaden durch schnell herbei� gerufene Arbeiter beseitigt war. Durch diese Reparatur-Arbeitea. wurde aus dem einen Geleise eine kurze Betriebsstörung herbei- geführt, die bei einzelnen Zügen Verspätungen von ca. 10 Min. im Gefolge hatte». Ucbcr einen eigenartigen Gistmordversuch wir aus dem Hotel Bauer aus der Kleinen Mauerstraße berichtet: Am Donnerstag Nachmittag um 1 Uhr betrat eine Dame den Gast- hos in Begleitung eines Knaben und bezeichnete sich als die Wittive Elisabeth Technau geborene Pranschke ans der Luther- straße 18 zu Spandau. Ihr wurde das im zweiten Stockwerk belegene Zimmer Nr. 23 angewiesen. Bald nachher klingelte sie nach dem Kellner und verlangte zwei Tassen Fleischbrühe, dann rief sie daö Hausmädchen, dem sie unter Hinweis auf ihren an» I. Februar 1892 geborenen und ans einen» Bette liegenden Sohn Arthur erklärte:„Lasset» Sie die Polizei benachrichtigen, ich bin die Mörderin meines Soh»ies und»nuß verhaftet werden." Ein Kellner theilte nun sofort den» 3. Polizeirevier in der Neuen Wilhelmstraße den Vorfall mit, das den Knaben mit einem chloroformgetränklen Taschentuch in» Munde bewußtlos vorfand und ihn nach der Charitee bringen ließ, nachdem»hm vorher Milch eingeflößt ivorden war. Das Kind befand sich ain Frei- tag Morgen noch an» Leben. Gleichzeitig wurde die Mutter der Kriminalpolizei zugeführt. Ueber die Gründe zur That ist noch nichts Genaues bekannt. Frau Technau ist am 1. August 1870 in Danzig geboren und wohnte seit dem 7. Oktober ds. Js. bei ihrer Schwägerin, der Wittwe Ida Prenschke in Spandau, ivohin sie von Hamburg gezogen»var. Früher ist die Verhaftete in der Ziegelstraße zu Berlin Krankenwärterin gewesen. Sie ist an- scheinend in Hainburg vcrheirathet gewesen; denn ihr Sohn Arthur ist dort geboren. Weshalb der Schutzmann sich zu tödten versucht?. Eine seltsame Geschichte wird von einer Lokalkorrespondenz berichtet: Der Schutzmann Ernst Gotzlaff Nr. 4153, der in der Königsbergerstr. 33»vohnl,»var im Oktober d. I. bei der hiesigen Polizei eingestellt worden, nachdem er siinf Jahre bei dem Leib- Grenadier- Regiment Nr. 3 in Frankfurt a./O. gedient hatte. Am 23. Oktober verheirathete er sich hier und gerielh durch die Beschaffung der häuslichen Einrichtung in Schuldverbindlichkeiten. Dies kam zur Kenntniß der vorgesetzten Behörde, und Gotzlaff wurde in der dritten Polizeihauptmann- schast, der er angehört, protokollarisch vernommen. Hieraus be- fürchtete er ernste Nachtheile, kaufte sich eine Flasche voll Salz- fällre und begab sich an» Donnerstag Mitlag nach Stralau. Dort trank er das Gift auf eiuer Kegelbahn an» Markgrafen- damin. Man fand ihn alsbald auf und brachte ihn nach einem Berliner Kraukeithause. Hier befindet er sich noch am Lebe», liegt aber schiver darnieder. Darf den» ein Schutzmann nicht einmal Schulden»nachen? Zum Fall v. Kotze geht dem„Berliner Fremden- blatt" von„bestlmterrichteter Seite" die Mittheilung zu. daß jetzt infolge der von der Familie v. Kotze aus- gesetzten hohen Belohnung der Schreiber der anonymen Briese entdeckt sei. Schriftliche Beweise sollen bei einem hiesigen bekannten Rechtsanwalt deponirt und dem Ermittler soll die Be- lohnung bereits ausgezahlt sein. Wer der kuriose Briefsteller ist, wird von delw Organ für Hofklatsch nicht berichtet. Einen» surchtbarei, Unglücksfalle ist am Donnerstag Abend der Fuhrherr Nitschke, Thaerstr. 35, erlegen. N. war am gestrigen Tage mit seinem Kremser in Hohen- Schönhausen ge- »vesen und hatte gegen 8 Uhr Abends die Rückfahrt nach Berlin angetreten. Als sich das Gefährt auf dem jBerliner Wege in der Nähe der Landsberger Chaussee befand, stürzte N. plötzlich von» Bock und»vurde von seinen» eigenen Fuhrwerk ziemlich schwer am Kopfe überfahren. Die Pferde, ohne zu merken. daß ihr Führer fehlle, eilten aus dem ihnen wohl- bekannten Wege den» Stalle zu,»vährend N. sin Schmerzen sich»vindend auf den» schmalen Fahrdannn liegen blieb. Aus der»vohlthätigen Ohnmacht, die ihn bald befiel,»vurde N.»vieder ins Leben zurückgerufen, als die Räder eines Arbeitslvagens über seinen Körper hinweggingen, nnd schon nahte ein zweites derartiges Lastsuhrwerk. Der Aermste schrie laut vor Angst, der Kutscher aber hörte nicht und auch dieser Wagen räderte den hilflos am Boden Liegende». Wenige Minuten später kam ein Omnibus der Linie Hohen-Schönhausen— Petersburgerstraße heran; zu schreien vermochte der unglückliche bei vollem Bewußtsein befindliche Mann nickt mehr und so kam e§, daß zum vierten Male ein schweres Gefährt über den Körper des Dulders hiuwegrollte. Erst, nachdem daS Unglück geschehen, bemerkte der Omnibuskutscher, daß der Wagen über ein Hindernis hinweggegangen sei; er stieg ab nnd leuchtete den Weg entlang. So wurde N. endlich nun auf- geftiudeu; der Unglückliche war entsetzlich zugerichtet. Beide SIvme und Beine waren vielfach gebrochen, die rechte Hand tolal zermalmt, der Kopf zeigte furchtbare Wunden und außerdem wurden schwere innere Verletzungen konstatirt. Trotzdem lebte der Aermste noch; uiiltels Omnibus wurde er nach dem Kranken- hause Friedrichshain geschafft und hier konnte er noch eine Be- schreibung seiner Unglücksfälle geben. Bald darauf aber verschied de: bedauernswerlhe Mann, vom schnellen Tode erlöst. Eine Haussuchung, die bei dem wegen Erpressung ver- hafteien„Oberamtmann" Friedrich Krause slatlfand, hatte, wie gemeldet wird, recht bemerkenswerthe Ergebnisse. Es wurden Dutzende zum Versand bereit liegende Briefe vorgefunden, deren Adressaten in der bereits geschilderten Weise aufgefordert tvnrden, eine„Abfiild»ngss»muie" zu zahlen, wenn sie nicht von Krause an den Pranger gestellt werden wollten. Man fand ferner Verträge, in welchen Personen, die an Krause Schweigegelder bezahlt hatten, sich bei einer Konventionalstrafe von 10 000 M. verpflichteten, nicht darüber zu sprechen, daß sie an Krause Geld gezahlt hätten. Aus der vorgefundenen Korre- spondenz ging weiter hervor, daß Krause die Erpressungen in Gemeinschaft mit einer Frau W. verübt hat, die seiner Zeit auch einen der unter der Anklage des Muckers Verhasleten denunzirt hat. In vorgefundenen Briefen der Frau W. war wiederholt der Genugthuung über den außerordentlichen, kaum erwarteten Erfolg der gemeinschaftlichen Thätigkeit Ausdruck gegeben. Ei» Hiiidcrnisirenuen war am Mittwoch Abend um 8 Uhr vor dem Halleschen Thore zu schauen. Ein anständig gekleideter Mann halte sich eine Gans angeeignet, die als Lockmittel für Käufer au dem Laden des Kaufmanns Borty in der Gneisenau- straße 70 hing. Der Kaufmann hatte es bemerkt und setzte mit dem Rufe:„Haltet ihn", dem Flüchtling nach. Als dieser sah, daß er mit der Beute nicht entkommen würde, warf er an der Bärivaldstraße die Gans dem Verfolger entgegen, der darüber stolperte, sich eine Kniescheibe verletzte und eine leichte Verstauchung beider Hände davontrug. Trotzdem wollte er die weitere Verfolgung aufnehmen, als sich ihm etwa zehn Männer in den Weg stellten und ihm drohten, falls er den Mann, der nur aus bitterer Roth die That vollführt hätte, nicht laufen ließe. Borty mußte zufrieden sein, die Gans gerettet zu haben, und trat den Heimweg an. DaS Grundstück der Allgemeinen Elektrizitäts- Gesellschaft in der Ackerstr. 75 ist in der vorletzten Nacht von einem Brand heimgesucht worden, der im Lagerräume des Jsolatorenraumes kurz nach Vsll Uhr ausgekommen ist. Drei Rohre mußten Wasser geben. erst gegen 1 Uhr konnte„Feuer aus" gemeldet werden, um 3 Uhr rückte die Feuerwehr wieder ab. Ein dreistes TittlichkeitS-Ntteutat wurde an einem fünf- zehnjähriges Mädchen E. von 2 böhmischen Kauflenlen verübt, die hier ein Psesserkuchen-Geschäft in der Köpcnickerstraße während der Weihnachtszeit eingerichtet haben. Das Mädchen suchte Stellung als Verkäuferin und ging in das Geschäft. Hier wurde sie in ein Zimmer neben dem Lade» geführt, wo die beiden In- haber sie zu vergewaltigen versuchten. Ein 8 jähriger 5inabe, der die E. begleitete, war Zeuge des Vorganges. Die beiden Unholde wurden verhaftet. Polizeibericht. Am 6. d. M. Nachmittags versuchte eine Frau aus Spandau in einem hiesigen Hotel ihren zweijährigen Sohn Arthur, angeblich infolge von Nahrungssorgen, mittels Chloroform zu tödlen. Das Kind wurde jedoch durch einen Arzt wieder ins Leben zurückgerufen und nach der Charitee gebracht. Die Frau wurde verhaftet.— In der Nacht zum 7. d. M. ent- stand auf dem Grundstück der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesell- schaft, Ackerstr. 78, ein größeres Feuer, indem dort lagernde Materialen in Brand geriethen.— Außerdem fanden im Lause des Tages neun kleine Brände statt. Witternugöiibrrsicht vom 7. Dezember 18S4. Wetter-Proguose für Sonnabend, dcu 8. Dezember Ziemlich'trübes, ein wenig wärmeres Weller mit geringen Niederschläge» und schwachen südwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Theokev. Verliuer Theater. Die Toppelfirma L a u f s undJacoby, die feinere süddeutsche Spielart dcr BerlinerDoppelsiirmaBl umenthal- Kadelburg warf am Tonnerstag im Berliner Theater ihre diesjährige Posse auf den Markt. Kürze ist des Witzes Sccle, sagt der alte Polonius; diesmal haben aber die Mainzer Autoren den grotesken Fastnachlseinfall, von dem sie alljährlich zehren, in qualvoll fürchterlicher Redseligkeit gezerrr und gezerrt, bis dann Geinüthlickkeit und scherzhafte Laune zum Teufel gingen. In Neustadt an der Doffe leben zwei junge Ehemänner, die sich bei ihren beschränlien Galtinnen tüchtig langweilen. Sie fliehen unter dem Vorwaude, weite Geschäftsreisen unternehmen zu müssen, nach Berlin. Dort wollen sie sich amüsiren und lassen zunächst ihr Aeußeres zurecht- stutzen und verändern. Die beiden Gattinnen kommen aber auch nach Berlin und treffe» mit den Ehemännern zusammen. Sie thun, als ob sie die beiden Lüdriane in idrcr neuen Gestalt nicht kennten, strafen sie durch Erregung von Eifersucht und kokettes Gebahren, bis schließlich die Männer entzückt sind, daß sie keine Provinzgänschen zu Frauen haben. Das ist der höchste Trumpf, meint eine der Damen, den Gatten in Liebe an sich zu fesseln. Die humorlose Arbeit ließ auch.bei den Schauspielern nirgends rechten Humor aufkommen. Wegen Aufreizung zum Klassenhasi hatte sich gestern der verantwortliche Redakteur der„Märkischen Volksstimme". Genosse Zappay, vor der Strafkammer zu Frankfurt a. O zu verantworten. Das Vergehen soll begangen sein in zwei Lokal- Korrespondenzen aus Forst, die der Angeklagte in seinem Blatt veröffentlicht hatte und die für strafwürdig erachtet wurden. Zappay wurde zu sechs Wochen Gesängniß verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte sechs Monate beantragt. Der Herr Major. Als eine äußerst betrübeude Erscheinung bezeichnete der Staatsanwalt die Verhandlung, welche gestern vor der ersten Slraskammer des Landgerichts I statifaud. Des Betruges in zehn Fällen beschuldigt, befand sich der Major a. D- August Genial auf der Anklagebank. Er soll im Jahre 13S0 eine Reihe von Geschästsleuten in recht häßlicher Weise um einen Gesainmlbetrag von etwa 9000 M. geschadigt haben. In äugen- 'cheinlich tiefster Zerknirschung gestand der Beschuldigte die Slrasthalen ein. Er sei bis zum I. Mai l890 Major bei den Ziethen- Husaren in Rathenow gewesen, habe aber dann an Miliiärlazarethe und Tasselbe Verfahren solle führen. Der Augeklagte bei verschiedenen Firmen zwecken" gemacht und Schulden halber seinen Abschied nehmen müssen. Er sei nebst Frau und drei erwachsenen Töchtern auf die Pension angewiesen gewesen. Seine Frau habe zwar ein Vermögen von 80 000 M. in die Ehe gebracht, durch ihre ver- schwenderische Wirthschastsführung und durch den Umstand, daß er während seiner Dienstzeit nicht weniger als 14 Mal versetzt worden sei, sei nicht nur das ganze Vermögen darauf gegangen. sondern er habe noch eine Schuldenlast von etwa 25 000 Mark gehabt. Seine Angehörigen hätten sich auch nach seinem Dienst austritte nicht einschränken wollen und besonders seine Ehefrau habe ihn fortwährend gedrängt, Geld zu schaffen. Zu da- maliger Zeit sei eine seiner Töchter mit einem Hauptmann verlobt gewesen, er habe nicht gewußt, wo er die Aussteuer her- nehmen solle. Voller Verzweiflung sei er in Berlin von einem Geldgeber zum anderen gefahren, er habe aber kein Darlehn aus- treiben können. Seine trüben eheliche» und wirthschaftlichen Ver- hältniffe hätten ihn schon früher zum Morphium greifen lassen und dies gefährliche Mittel möge wohl einen Theil der Schuld daran haben, daß er nach und nach den moralischen Halt ver- lor. In einem Zigarrenladen habe er eines Tages die Bekanntschaft des Agenten Steinhaufen gemacht. Er habe sich demselben offenbart und dieser ihm einen verhängnißvollen Rath gegeben. Steinhaufen habe ihm erzählt, daß er einen Ober-Stabsarzt a. D. einmal aus einer gleich ver- zwickten Lage gerissen. Er habe demselben Quellen genannt, wo er Wein beziehen könne, den er vermöge seiner Stellung leicht in Bekanntenkreisen absetzen könne. der Angeklagte mit Zigarren aus- sei darauf eingegangen. Er habe große Bestellungen„zu Kantinen- da er sich in der Unterschrift einfach als„Major" bezeichnete, so hätte» die Lieferanten ge- glaubt, daß das Regiment der eigentliche Besteller sei und ohne weiteres Kredit gegeben. Seine Hoffnung, bei den Kantinen Ab- sah zu finden, sei" fehlgeschlagen und so habe er die Zigarren anderweitig verschleudern müssen, um zu leben. Im August habe er sich von seiner Familie getrennt und sei nach Berlin gezogen. Seine Frau hatte damals bereits die Ehescheidungsklage ein- geleitet. Ter Angeklagte lernte eine Sängerin kennen, welche im Konzert de Noblcsse auftrat. Er knüpfte ein Berhältniß mit ihr an und als ihm im Herbste 1890 der Boden in Berlin zu heiß wurde, ging er mit ihr noch London. Er hat sie dort geheirathet, nachdem seine erste Ehe gerichtlich getrennt ivorden war. Tie Mittel zu der Reise nach England halte er sich in reckt bedenklicher Weise ver- schafft. Als die Beziehungen zu seiner Familie noch nickt gelöst waren, begab er sich zu einem Tiichlermeistcr in Rixdorf und kaufte dort eine Wohnungseinrichtung für seine Tochter zum Betrage von mehreren tausend Mark. Da die Erkundigungen, die der Lieferant in Rathenow einzog, dahin beantwortet wurden, daß der An- geklagte thalsächlich eine Tochter habe, die mit cinem Hauplman» verlobt sei, so wurde demselben Kredit gegen Wechsel gewährt. Als die Verlobung aufgehoben wurde, verkaufte der Angeklagte sämwlliche Möbel und ging mit dem Erlös und der Sängerin nach England. Er wurde steckbrieflich verfolgt. Im Jahre 1893 fiel dcm Angeklagten eine reiche Erbschaft zu. Ein verstorbener Onkel hinterließ ihm 340 000 M. Was aus dieser kolossalen Summe geworden ist, wurde aus der Verhandlung nicht recht klar. Thatsache ist, daß der Angeklagte jetzt wieder nichts besitzt. Er bat es gegen Hinterlegung von >0 000 M. erwirkt, daß der Steckbrief zurückgenommen ivurde. Er will dann einen Ziechtsanwalt beauftragt haben, seine sänimt- lichen Gläubiger zu beiricdigen, dies sei aber nicht geschehen. Ein Theil der von ihm geschädigten Lieferanten ist bezahlt worden, es bleiben aber immer noch gegen 5000 M. übrig, welche der Angeklagte zu begleichen außer stände ist. Nach mehrjährigem'Aufenthalt"in London ist der Angeklagte zurückgekehrt, worauf er zur Verantwortung gezogen worden ist. Staatsanwalt Oppermann schonte de» Angeklagten in kerner Weise Tief betrübend sei es, einen Mann von der Stellung des Augeklagten, der cinem bevorzugten Truppeutheil angehörte und desien erstes Bestreben es sein mußte, sein Schild fleckenlos zu l alten, zum gemeinen Betrüger herabsinken zu sehen. Seine Ent- schuldigungen könnten nicht ins Gewicht fallen, traurig der Rom- mandeur, der nicht in seiner eigenen Familie einem unwirlhschafr- lichen verschwenderischen Treiben Einhalt zu bieten vermöge! Er beantrage gegen ihn anderthalb Jahre Gesängniß und fünfjährigen Ehrverlust. Der Vcrlheidiger, Rechtsanwalt Dr. Hertwig-Eharlottenburg, erzielte, daß der Gerichtshof einige Fälle als nicht hinreichend erwiesest ausschied, dem Angeklagten auch die Ehrenrechte beließ. Das llrtheil lautete aus ein Jahr Gesängniß bei sofortiger Verhaftung. Herr Jul. Backhaus, Töpfermeister, tbeilt uns mit, daß er im Prozeß Treuherz nur als Zeuge fungirl habe und kein Agent sei. Pavfeiuadmiftfim. Die lang ersehnte„Tpaltnug" der sozialdemokratischen Partei glauben die bürgerlichen Blätter angesichts der jetzigen Streitsrage wieder einmal als ganz sicher vorhanden ihren Lesern mittbeilen zu können. Tie„Kölnische Voliszeitung", eins der wenigen Blätter, die im allgemeinen über unsere Partei objektiv zu schreiben pflegen, fühlt sich ebenfalls berufen, unter die Propheten zu gehen; sie schrieb in einer ihrer letzten Nummern: „Herr Bebel macht im„Vorwärts" bei der Fortsetzung seiner Entgegnung auf die Vollmar'schen Artikel in der„Münch. Post" sehr beacktenswerlhe Gcstäntnisse. Dieselben bestätigen unsere seit Jahr und Tag vertretene Auffassung, daß die Sozialdemokratie in einer schweren zur Zeit noch nicht abgeschlossenen Lirisis sich be- findet, die möglicher Weise mit dem Zerfall der zu rasch ge- wachsen»» Partei in eine Partei Vollmar und eine Partei Bebel endet, vorausgesetzt, daß nickt wieder wie 1878, wo die Partei ebenfalls vor großen inneren Schwierigleiten stand, durch Aus- nahmemaßregetn eine vorläufige Einigung herbeigeführt wird." Unser Kölnisches Parteiorgan. die„Rheinische Zeitung" führt die„Kölnische Volksztg." folgendermaßen ab: Nachdem sie also noch vor wenigen Tagen das direkte Gegentheil von Spaltung behauptet hatte, spricht sie jetzt schon von einer„seit Jahr und Tag vertretenen Auffassung." Wenn die„Kölnische Volksztg." sich in der Rolle eines Propheten gefallen will, so muß sie sich noch gewaltig übe». Als Beweis für die„seil Jahr und Tag vertretene Auf- fassuug" diene noch Folgendes aus einem Artikel,„Tos Jahr 1893", welchen die„Köln. Volksztg." am Anfang dieses Jahrcs brachte und in dcm es in bezug auf die Sozialdemokratie hieß: „Eitel wäre es, auf die Streitigkeiten innerhalb der Partei Hoffnungen zu setzen. Auf dem am 22. Oktober in Köln eröffneten Parteitage hat man sich heftig wegen der Gewerk- schaflen gestritten, und in der Presse ist fast bis zu diesem Augen- blicke mit großer Erbitterung weiter gestritten worden; aber gegen die bürgerlichen Parteien stehen die Streitenden doch zu- lammen." Als nach dem Kölner Parteitage 1893 die Gewerkschafts- frage in der Parteipresje erörtert wurde, schrieb dieselbe„Köln. Volksztg.": „Wir unsererseits sind natürlich weit entfernt, in dcm jetzigen GewerkschaflSstreit innerhalb der Sozialdemokratie etwa Vorzeiche» von„Spaltungen" zu erblicken, wie der„Vorwärts" uns heute fälschlich imputirt. Dazu haben wir die Entwickelung und „Mauserung" der sozialdeniolratischen Partei seit mehr als zwanzig Jahre» zu genau verfolgt." Vor einem Jahre also entrüstete sich die„Köln. Volkszeitung" noch darüber, als ihr der„Vorwärts" bewies, ihre Artikel suchten Vorzeichen von Spaltungen innerhalb der sozialdeinokra- tischen Partei zu konstatiren. und heute— spricht sie von einer „seit Jahr und Tag vertretenen Aufsaffung". Wie reimt sich das zusammen? Wenn die„Köln. Voltszeitung" Stoff zur Er- heiterung unserer Leser liefern will, mag sie nur ruhig weiter prophezeien.,.., Im übrigen wiederholen wir, was Bebel im vorigen Jabre auf die Ausführungen der„Köln. Volksztg." und der„Franks. Ztg.", welche dieselben abgedruckt hatte, in betreff der Geiverk- schaftsfrage antwortete, weil es auch in bezug auf die jetzigen Artikel der„Köln. Volksztg." über die Auseinandersetzung zwischen Bebel und Vollmar ganz am Platze ist: „Ich glaube nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes, geschweige an meine eigene. Darum ertrage ich es auch ungeheuer kalt- blütig, wenn man wirklich sollte hier und da über meine Aeußerungcn in Köln bedenklich den Kopf geschüttelt haben. Die Sozialdemokrat. e wird in Deutschland immer stärker und größer... also ists auch natürlich, daß mit der ivachsenden Zahl der Köpfe Meinungs- Verschiedenheiten über Spezialfragen sich einstellen. Das schadet der Partei nicht, das kann sie vertragen. Und insbesondere wird die Frage nach der praktischen Thätigkeit immer eine solche sein. in der Meinungsverschiedenheiten entstehen. Nicht darüber, ob praktisch gearbeitet werden soll, besteht ein Streit in der sozial- demokratischen Partei, sondern über die Frage: Wo ist die Grenze, an der die praktische Thätigkeit für die prinzipielle Entwicklung der Partei gefährlich werden kann. Als eine solche Gefahr habe ich de» Besuch des sogen. Franksurter sozialen Kongresses— den ich als Canossagang bezeichnete— aufgesaßt, und in dieser Frage steht die ungeheure Mehrheil der sozialdemokratischen Partei auf meiner Seite." »» « Ten Parteigenossen des Landkreises Köln erstattete der Genosse Michels Bericht über den Parteitag. Redner giebt in großen Zügen ein Bild der Verhandlungen und präzisirt sodann seine Stellungnahme gegenüber der Gehaltsfrage, �der badischen und bayerischen Angelegenheit. In der Diskussion wird ganz besonders der letztere Punkt von den Genossen in betrachi gezogen und die Zustimmung der bayerischen sozial- demokratischen Landtags-Abgeorbneien zum Finanzgesetz entschieden verurtheilt. Einzelne Genossen sind auch mit der Abstimnmng über die Gehaltsfrage nicht einverstanden. Zum Schluß wird folgende Nesolution gegen vier Stimmen angenommen: Die heutige Parteiversammlung des Landkreises Köln erklärt sich nach der Berichterstattung des Genossen Michels mit den Beschlüssen des Parteitages im allgemeine» einverstanden, sie bedauert jedoch, daß der'Parteitag sich bei Stellungnabme zur bayerischen An- gelegenheit nicht entschließen konnte, für das Verhalten unserer Genossen i» den Landlagen, betreffend die Budgetabstimmung. eine bestimmte Direktive im Sinne der Bebel'schen Resolution zu geben. Die Versammlung erwartet, daß längstens der nächste Parteitag zu dieser Frage Stellung nimmt. Als Bertrauensmann für Oranienburg wurde Genosse Meier einstimmig wiedergewählt. Das Lokalkommissions» Mitglied R o s e n f e l d machte der Versammlung zur Pflicht, nur in Lokalen zu verkehren, wo ringfreies Bier geschänkl wird. Die Leipziger Stadtverordneten- Wahle» haben ein bei weitem günstigeres Resultat ergebe», als wir gestern mit- getheilt. Gewählt sind die Genoffen Pinkan, Schönherr, Ado, Fell und der Genosse Riedel als Ersatzmann. Die Gesc rimtslimmenzahl betrug bei den Sozialdemokraten: 3447, Kartell: 5109, Städtischer Verein: 514. Der Zuwachs der Sozialdemokraten seit der vorigen Wahl beträgt 2532 Stimmen. »* Bei der Stadtverordnelenwahl in Dresden sind die Sozialdemokraten unterlegen. Gewählt wurde» Personen der verschiedensten Parteien, vom konservativen Ackermann bis zu dem freisinnigen Privatier Grünberg, die bereits in dem Kollegium saßen, lieber den Ausfall schreibt die„Sächsische Arbeiterzeitung": Ter Ausfall der Stadtverordneten-Ergäuzungs- wähl entsprach den Erwartungen, die wir daran knüplten. Die Slimmcnzahl, die unsere Kandidaten auf sich vereinigten, bewegt sich ungefähr auf der gleichen Höhe wie im Vorjahre. Tie Schuld an dein langsamen Vorwärtsschreiten tragen die Schwierigkeiten bei der Bürgcrrechtserwerbnng. aber auch eine gewisse Lässigkeit unserer Parteigenossen in dieser Richtung. Viel zu wenig Werth wird auf diese Wahlen gelegt, und deshalb nnterlaffeu auch viele, die die Berechtigung zum Bürgerwerden haben, dies Recht zu beanspruche». Stimmberechtigte Bürger gab es 13 378. Ungefähr 85 pCl. machten von dem Wahlrecht Ge- brauch. Ein ergötzliches Schauspiel hatte man an den Wahl- lokalen. Tie Wühler wurden förmlich mit Stimmzetteln über- schüttet. Mit unserer Liste waren nicht weniger als 24 ver- schiedene Wahlvorschläge gemacht. Bei den Gemeiudcrathö-Wahle» in Altwalden- bürg bei Glauchau siegten die Kandivaten der Sozialdemokratie, sowohl die der Ansässigen als auch die der Unansässigen. In M i t l w e i d a" ging die Liste der Mischmaschparteien glatt durch. Die Mindestzahl von Stimmen, die auf chre Kan« oidaten enlficlen, war 357, während unsere Parteigenossen ans ihre Kandidaten als Höchstzahl 319 Stimmen vereinigten. Tie Wahlbetheiligung war eine rege und betrug 75 pCl. D a g e g e n siegten in G r ü n a sowohl in der Klaffe der Ansässigen als auch der Unansässigen die Kandidaten des Wahl- Vereins mit großer Majorität.— Auch in Rottluff wurden zwei Sozialdemokraten in den Gemeiuderath gewühlt. ** 10 000 Flugblätter vercheillen am Sonntag unsere Ge- Nossen des Landkreises Düsseldorf mit demselben Eifer, wie am vergangenen Sonntage in der Stadl! »» Kriegervereine nud Sozialdemokratie. Aus Rottluff wird dcm Chemnitzer„Beobachter" geschrieben: Vor einigen Monaten sah sich der hiesige Militärverein veranlaßt, sei» seit« hcriges Vereinslokal aufzugeben, weil er es nicht mit seinen patriotischen Gefühlen in Einklang bringen konnte, in demsclbcn Lokal zu tagen, in welchem der Wahlverein iür Niederrabcnstcin und Umgegend seine Versammlungen abhält. Seit jcner Zeil machte sich auch unter den Mitgliedern ein Gefühl des Unbehagens und der Mißstimmung bemerkbar. Verschiedene Mitglieder haben sich infolge dessen vom Militärverein abgewendet und sind dem Wahlvereiu beigetreten. Um einer weilereu Ab- schwächnng vorzubeugen, machte dieser Verein kürzlich den Ver- such, die jüngeren aus dcm Militärdienst entlassenen Arbeiter in ihren Verein zu locken. Obgleich ein Mitglied sich selbst zu den fernstehenden Kameraden bemühte und ihnen bekannt gab, daß das Eintrittsgeld nicht mehr wie früher 8 M. betrage, sondern um ein Drittel herabgesetzt und dieses auch nicht gleich zu ent- richten sei, konnte sick trotz dieses Entgegenkommens doch keiner der Fernstehenden entschließen, seineu Beitritt zum Mililärvcrein zu erklären. *• ♦ Genosse v. Wächter ist wegen Hansfriedens- bruchs angeklagt und dos ging so zu: Wächter war vor längerer Zeit in ein Bergwerk im Bochumer Revier eingefahren, ohne die Zeckendircklion»m Erlaubniß zu fragen. Getrieben von dem Begehren, die Arbeit des Bergmannes kennen zu lernen. hat er jene Erlaubniß nicht eingeholt, weil er sie voraussichtlich niemals bekomme» hätte. Dieser Frevelthat halber ist er nun vom Staatsanwalt des Hanssriedensbrvchs angeklagt und muß sich daher am 17. Januar nächsten Jahres zu Bochum verant- worten. * Eine öffentliche Parteiversammlung, welche am 5. De- zember in Münch e n stattfand, beschloß defiuiliv den Boykott über das„Kindl-Bräu", über den Brauerei-Ausschank sowohl. als auch über alle Lokale, in denen Ki»dl-Bier geschänkt wird. PoliiteiliclieS, Gerichtliches:c. — Aufgelöst wurde der neugegründete Gesangverein „Sängerlust" in Kappel bei Chemnitz mit der Begründung. dah die angestellten Erörterungen ergeben hätten, daß die Mit- glieder sich zusammensetzten aus früher aufgelösten Gesang- vereinen, daß der neue Verein somit eine Fortsetzung des alten sei. — Freigesprochen wurde Genosse Walther von der Düsseldorfer Strafkammer, vor welcher er sich wegen der Anklage, in der Stöcker-Versammlung in der Tonhalle s. Z. „Staatseinrichtungen verächtlich gemacht zu haben", zu veranr- worten hatte. Der Slaatsamvalt hatte eine Eeldstrase von Ivo M. beantragt._ Soziale Ueveelichk. Ei» Hüter deS Gesetzes. Die Strafkammer in Hamburg vcrurtheilte den Polizcibeamtcn Schladetsch wegen 704 Unter- schlagungen zu acht Jahren Gesängniß, 3000 M. Geldstrafe und Ehrverlust. Welch häßlich duftende Bliithen der konfessionelle Krieg oftmals treibt, geht aus nachstehender Notiz der„Essener Volks- zeitung" hervor:„Die Essener„Evangelische Gemeinschaft" (Lazarethstraße) hat in Altendorf(auch in katholischen Häusern) eine Flugschrift vertheilen lassen, in welcher sich u. a. folgender Satz befindet:„Die Macht des Papstes ist groß; wenn Du das Marienbild, das er Dir vorhält, nicht anbetest, so wirst Du ver- bräunt und gekocht, gesotten und gebraten. Du findest dieses Bild überall, überall wird dieselbe Abgötterei damit betrieben. Der Papst sagt, Maria sei die Mutter Gottes und soll angebetet werden." Sozialdemokraten, welche die Religion geschichtlich begreifen gelernt haben, bringen eine solche Geschmacklosigkeit und Rohheit nicht fertig. Ten deutschen Bergarbeitern soll demnächst großes Heil widerfahren, eine neue Zeitung soll für sie ins Leben gerufen werden, und zwar eine„unparteiische". Sie soll von» Verlage der„Deutschen Kohlen-Zeitung", Berlin, jedenfalls im Auftrage der Unternehmer herausgegeben werden. Weß Geistes Kind dres neueste literarische Machwerk, mit dem man die Berg- arbeiter beglücken will, ist. geht am besten aus dem Ankündigungsschreiben hervor, das von dem Verlage versandt wurde. Dort heißt es unter anderem: So sind gerade in den Arbeiterkreisen, die doch vor allem auf die Belehrung und Aufklärung durch Andere angewiesen sind, die falschesten Begriffe über alle sozialen Verbesserungen, die der Staat und die Regierung zu ihren Gunsten durchgefübrt hat und immer noch weiter anstrebt, verbreitet worden.— Während der Staat und die Arbeitgeber nach Kräften bemüht sind, das Loos der Arbeiter zu verbessern, jener durch eine Reihe von Gesetzen, welche bezwecken, den Arbeiter und seine Familie bei Unglücks- fällen und Krankheit vor Roth und Elend zu schützen. diese, indem sie die Lasten dieser Gesetze willig auf sich genommen haben, giebt es gewissenlose Agitatoren, welche durch Wort und Schrift den erstrebten sozialen Frieden zu stören und durch unerfüllbare Versprechungen Unzufriedenheit rm Volke zu erregen suchen. Da erscheint es denn geradezu als eine Pflicht, dem durch eine schlechte Presse irregeleiteten Arbeiter eine Zeitung i» die Hand zu geben, die nicht einseiligen und eigen- nützigen Partei-Jnteressen dient, sondern die den Zweck hat, den Arbeiter in seinen Mußestunde» zu belehren und zu unterhalten — Diese„unparteiischen Wahrheiten" werden für 3.50 M. pro Jahr verzapft, Gegenliebe bei den deutschen Bergarbeitern werden sie wenig finden. Die Bescheinigung, daß sie, vorbehaltlich der Höhe des Krankengelves, den Anforderungen des Z 75 des Krankenversiche- rungs- Gesetzes genügt. ist der Kranken- und Sterbekasse für Schiffer„Neptun" in Breslau ertheilt. Das„beste Material" für den Moloch liefert in Preußen die polnische Bevölkerung. Nach den amtlichen Listen vom Jahre IV92 lieferte Berlin am wenigsten Taugliche, denn nur 34,91 pCt. von de» Stellungspflichligen waren brauchbar. In der Provinz Posen waren es 56.66 pCt., dann folgen Elsaß-Lolhringen, West- und Ostpreußen. Im Posenschcn bilden die Polen zwei Drittel der Bevölkerung, in Westpreußen die Hälfte, in Ostpreußen einen bedeutenden Theil(Masuren). Nun wird aber niemand bestreiten können, bemerkt hierzu die„Germania" sehr richtig, daß die Militärpflicht nicht nur den davon direkt betroffenen Soldaten, sondern auch den Eltern und Angehörigen derselben große Opfer auferlegt. Die größten Opfer hat sonach die polnische Bevölkerung zn tragen, und dafür soll sie— ani schlich- l e st e» behandelt werden! Das ist eine eigenthümliche Art „Gerechtigkeit", mit der die Polenhetzer sich einmal abfinden mögen. GetvrkräjKNlWiees. An die Schneider und Schneiderinne» der gesamm- ten Konfektionsbranche! Kollegen und Kolleginnen! Angesichts der traurigen Zustände in unserer Branche sieht sich die unterzeichnete Kommission veranlaßt, ein ernstes Wort an Euch zu richte». In den Zusammenkünften, welche in letzter Zeit alle Woche in verschiedenen Stadttheilcn stattfanden, sind Mißstände zu Tage gefördert, zu welcher ein längeres Still- schweigen unsererseits nicht mehr angängig ist, wenn wir nicht wollen, daß unsere Lebensbedingungen immer noch gedrücktere werden. Hört nian das Unternehmerorgon unserer Branche, „Der Koiiiektionär". über den flotten Geschäftsgang der ver- floffenen Wintersaison jubeln, so drängt sich uns die Frage auf, was haben die Arbeiter davon für einen Nutzen gehabt? Aus der einen Seite die Kapitalsanhäusung. auf der andern dagegen ist Roth und Elend gestiegen. Aus all diesen Gründen ist die Meinung vorherrschend, daß entschieden zur Aufbesserung unserer Lage etwas geschehen muß. Unsere Forde- rungcn sind im allgemeinen bekannt, und wird es nun Zeit, hierzu Stellung zu nehmen. Zu diesem Zweck finden zwei große öffentliche Versammlungen der gefammlen Konscklionsbranche statt»nd zwar die erste bei Reichert, Müllerffr. 7, Abends 8'/- Uhr; die zweite am Mittwoch, den 12. Dezember bei Henke (Renz' Ballsalon), Naunynstr. 27. Abends 8'/z Uhr. Tagesordnung in den beiden Versammlungen: Gedenken die Arbeiter und Arbeiterinnen der Konfektion in der bevorstehende» Saison niit Forderungen vorzugchen und wie sollen diese lauten? Referenten: Kollegen Täterow und Pfeiffer. Es ist nun Pflicht aller in der Konfektion beschäftigten Ar- beiter und Arbeilerinnen dafür zu sorgen, daß die Versamm- lungen recht gut besucht werden. DieAgitationskom Mission der Schneider und Schneiderinnen Berlins. Achtung, Schuhmacher! In der Schuhfabrik Eichbaum u. Kam p. in Mainz sind Differenzen ausgebrochen zwischen den Arbeitern und der Firma. Vor Zuzug nach Mainz wird deshalb dringend gewarnt. Alle arbeitersreundlichen Blätter werden um Nachdruck gebeten. Achtung, Lampenbrauche? Bis vor kurzer Zeit standen die in der Lampcnbranche beschäftigten Hausdiener und Packer der Gewerkschaftsbewegung gleichgilttg gegenüber, und große An- strengunaen mußten gemacht werden, um in diese Hochburg des Jndrfferentismus Bresche zu legen. Jedoch der Anfang ist gemacht,»nd Ihr Arbeiter der Lampenbranche habt die Pflicht, das im Schwinden begriffene Vorurtheil gänzlich zn beseitigen. Parleigenoffen thut Eure Pflicht, sorgt dafür, daß alle Haus- diener und Packer in der am Dienstag, den II. Dezember 1894, Abends 8Vz Uhr, bei Zubeil, Lindenstr. 106, stattfindenden Ver- sämmlung erscheinen und sich der Organisation anschließen. Der Vertrauensmann aller im Handels- und Transportgewerbe beschäft. Hilfsarbeiter. O. Schumann, Adalbertstr. 47. Der Streik der Arbeiter der Güstrower Waggonfabrik ist beendet. Die Arbeiter sind unterlegen. Zu unterstützen sind noch 47 Mann, darunter 35 Verheirathete mit zusammen 70 Kindern. Die Holzarbeiter werden ersucht, den Zuzug nach Güstrow noch fernzuhalten. Eine Versammlung der streikenden Bremer Hafenarbeiter beschloß, den Streik aufzugeben und über den Unternehmer Schlön- dorf solange die Sperre zn verhängen, bis Schlöndorf erkläre, wieder sämmtliche alte Arbeiter in Arbeit zu nehmen und mit dem Verein Frieden zu schließen. Der Streik der Korbmacher in Gröpelingen bei Bremen ist von der letzten öffentlichen Versammlung als aussichtslos für beendet erklärt. Durch das unsolidarische Handeln einiger indifferenter Kollegen ist es Herrn Lührsen gelungen, seine Kund- schafl zu befriedigen. Nun, ausgeschoben ist nicht ausgehoben. Auf der„Strecke" bleiben drei Mann, darunter zwei Verheirathete mit fünf Kindern. Ter Streik der Tischler in der Möbelfabrik von Westphal in Itzehoe dauert fort. Die in einer Versammlung mit Hinzu- ziehung des Fabrikaitten angestellten Einigungsversuche scheiterten. Zuzug ist daher noch immer fernzuhalten. 400 Arbeiter einer Weberei in St. Die feiern, weil man ihre Forderung, den Direktor zu entlassen, nicht bewilligte. VerlmmnUmgen. Der Gastwirth Bethge, Schönhauser Allee 156, ist irrthümlich von dem Vorstand des Wahlvereins für den sechsten Berliner Wahlkreis auf die Liste der ausgeschlossenen Mitglieder gesetzt. Diesen Jrrlhum stellen wir hiermit richtig. Die Erhebungen der Reichskommissio» für Arbeiter statistik im Gastivirths-Gewerbe. Der Reichstags-Abgeordnctc Molkenbuhr besprach dieses Thema in einer am Mittwoch Nachmittag abgehaltenen Versammlung der Kellner und Köche. Aus dem vorliegenden Marerial ergab sich, so äußerte der Redner, daß in den Kreisen der Prinzipalität die ausgegebenen Fragebogen mit nicht freundlichen Blicken angeschen seien. Weil man Scherereien mir der Behörde bezüglich der Polizeistunde befürchtete, sind auch vielfach die Angaben über Dauer der Ar- beitszeit. Pausen jc. falsch angegeben. Größer als bei den früher befragten Gewerben: Bäckerei, Handelsgewerbe, Mühlen- industrie, trete hier die Differenz in den Bekundungen der Arbeit- geber und Arbeitnehmer hervor. Der Referent bespricht im weiteren die durch die Fragebogen bekannt gewordenen zahlenmäßigen Ergebnisse über Arbeitsdauer, Ruhepausen, Gehaltshöhe, das Verhältniß der Geschlechter im Berufe, Ledrlings- Ausbildung und die Stellen- Vermittelung ein- gehend. Erstaunlich waren die Angaben über die Arbeitszeit, über 20 Stunden täglich ist eine ganze Anzahl von Personen be- schäftigt(von den Kellnerinnen 8,1 pCt.!), sogar die Lehrlinge werden zu einer solchen unmenschlichen Arbeitszeit herangezogen. Gleich schlechte Verhältniffe herrschten bezüglich der Nuhepausen. Neber die Gehaltshöhe sagen die Berichte, daß nur 9 pCt. der Kellner einen Monatsgehalt von mehr als 30 M. beziehen, viel- lach wird gar nichts gezahlt. Von den befragten Kellnerinnen ist auf 1000 eine Person, die mehr als 30 M. erhält; der überwiegend größere Theil bekommt kein Salair. Die Lehrlings- züchterei steht in größter Blüihe. Gezählt wurden 2800 Lehr- linge, die neben 4300 Kellner beschäftigt sind. In Süd- und in einem Theile von Ost-Deutschland überwiegt das weibliche Element in der Bedienung. Für Stellen- Vermittelung wurden bis 75 Mark an die Kommissionäre gewährt; sehr oft tritt dann sehr zum Vortheil des Agenten ein Wechsel des Personals ein. Die Kommission hat beschlossen, bemerkt der Relerenl weiter, die Vereine und Krankenkassen im Gewerbe zu befragen, später sollen, wie das üblich ist, auch noch Auckunfts- Personen geladen werden.— Die Mißstände, welch« durch die Erhebungen aufgedeckt seien, verlangten gebieterisch das Ein- schreiten der Gesetzgebung. Tie Organisationen sollten ihre Kraft darin setzen, den betreffenden Faktoren mit Material an die Hand zu gehen und sich im weiteren darauf vorbereiten, durch eine wirksame Kontrolle der Bestimmungen, welche voraussichtlich er- lassen würden, ihrerseits dafür zu sorgen, daß die Schutz- bestimmungen zum Wohle der ArbeilerGuch wirklich durchgeführt werden. An den mit Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine rege Debatte an. Der Gastwirth Herzberg skizzirte die Entwickelung der Agitation in den Kreisen der Gastwirths- gehilsen, die, wenn auch langsam, dahin die Regierungskreise gedrängt habe, der miserablen Lage der Kellner zunächst ihr Augenmerk zuzuwenden. Z e i s k e krilisirte das Verhalten der indifferenten Kollegen die auch wider besseres Wissen wie ihre Arbeilgeber die Verhältnisse noch zu rosig dargestellt hätten; Beyer appellirte an die Angehörigen der Branche, doch zu er- kennen, daß dieser Erfolg ausschließlich auf das Konto der Organisation, der sozialdemokratisch organisirten Kellner zu setze, t und deshalb dem Verein sich anzuschließen.— Man nahm danach folgende Resolution ant In Anbetracht, daß die. durch die Kommission für Arbeiter- statistik sesigesielllen Verhältnisse der Angestellten im Gastwirths- geivcrbe als eines zivilisirten Landes entschieden unwürdige zu bezeichnen sind, und einer gesetzlichen Regelung dringend bedürfen, ersucht die heutige Versammlung die Reichskommission der A g i l a t i o n s k o'm m i s s i o n der G a st iv i r t h s g e h i l fen Deutschlands gleichfalls einen Fragebogen zur Beantwortung zu überweisen. Gegen das Privilegium der Berliner Schneider- in Illing, das sie nach§ 1001 der Geiverbe-Ordnung erhallen hat. wendete sich eine gut bestickte Versammlung der Schneider und Schneiderinnen, die am 3. Dezember tagte. Zu dieser Versamm- lting war der Obermeister Th. Flick brieflich eingeladen, aber nicht erschienen. Tie sonst anwesenden Jnnungsbrüder nahmen an der Debatte keineswegs theil. DerResereni, Kollege Pfeif fer, äußerte sich in der Angelegenheit in folgender Weise: Seit Jahrzehnten hat die Schneider- Innung nichts geihan, woraus sich irgend eine Berechtigung zu der von ihr beliebten Redensart„Hebung des Handwerks" herleiten ließe. Um so sonderbarer erscheine es, wenn jetzt dieser Innung die Begünstigungen des§ 100 f verliehen würde. Grund dieses ihres Privilegs können zu den Beiträgen der so- genannten Wohlfahrts-Einrichtungen der Innung auch Nicht- Jnnungsmitglieder herangezogen werden, die aber nicht an diesen Einrichtungen theilnebmen können; außerdem wird ungesetzlich von denselben ein Beilrag von 50 Pf. erhoben, während Jnittingsmitglieder nur 45 Pf. zahlen. Gesetzlich darf aber von Nicht-Jnnungsmitgliedern kein höherer Betrag erhoben werden, wie die Mitglieder bezahlen. Die Beanfsichtignng des Lehrlings- wesens soll ebenfalls der Innung obliegen. Beweis für das „Wie" liefert einer von vielen Fallen: Die drei Lehrlinge eines Jnnungsmeisters in der Cbristinenstraße mußten polizeilich aus ihrem Schlasraum herausgeholt werden. Ter Schlafraum bestand in einem elenden Bretterverschlag unter der Kellertreppe, wo Kloset-, Wasserleitungs-Abflnß- und Gasrohre hindurchfübrten. Ebensowenig kommt die Innung ihre Pflicht nach, die Lehrlinge den Fachschnlunterricht besuchen zu lassen, der Sonntags Vor- mittags stattfindet. Die meisten Jnnungsmeister lassen ihre Lehrlinge, hauptsächlich in der Saison, während der Fachschulzeil tücktig arbeiten. Der Einnahme-Etat der Schueider-Jnnung bestebt nach letzter Abrechnung aus 2634 Mark. Hiervon bezieht der Obermeister Flick sür seine Bemühungen, die jeder Arbeiter nach Feierabend unentgeltlich leisten würde 1050 Mark, Bureau» und sonstige Unkosten nicht miteingerechnet. Außerdem besteht noch eine Prüiungskommission, für was ist ebenso unverständlich, wie die hohe Entschädigungssumme. die sie erhielt, nämlich 159 Mark. Außerdem weist diese Abrechnung noch einen Beitrag zum Schneiderbund von 415 M. auf. Im Gegensatz zu der hohen Entschädigungssumme des terrn Flick für Beaussichtigung der Fachschule erhalten alle sechs achschullehrer zusammen nicht so viel Lohn sür den zu er- I heilenden Unterricht. Als Kuriosum über die Einkassirung der Beiträge wurde erwähnt, daß alles, was mit„schneider" zu- sammenhängl, mit einer Aufforderung bedackt wird. Neben Samtnetschneider, Korkschneider wurden sogar Tischler nicht ver- schont, nur hatte man Kouponabsckneider noch nicht hineingezogen. Die empörte Versammlung verwahrte sich mit aller Entschieden- heit dagegen, durch Beisteuer solcken korrupten Zuständen Vor- schub zu leisten. Einmüthig stimmte man einem Antrage zu, den Bericht über die stattgehabten Verhandlungen dem Polizei- Präsidium zuzusenden. «tliikch« G-Olttchuft. Sonntag, den s. Dezember, Abend» es; Uhr: Ber- sämmlung lin Kotberger Salon,«olbergersirahe SZ. Bortrag bei Herrn Dr. ivölkel über:„Einflub von Klima und Nahrung auf Thier und Mensch." Nachdem: Weselliges Beisammensein. s» d«r Strumpfwirker. Sonnabend, den s. Dezbr., findet tn Feind'» Salon. Wetnsir. u. Abend» sx Uhr, eine Bersammlung der Ardeilnebmer-Berireler statt. Tagesordnung: Vorslandswahl u. s. w. Allgemein» Kranken-«nd Kterbekass« der MrtaUarbeiter(8. H. Nr. 29 Hamburg). Filiale Berlin«. Sonnabend, den s. Dezember, Abends Uhr, bei fflovn. Kleine Marlusstr. lo: Bersammlung. Tagesordnung: Kassenberscht. Nerein der Schäfiedranche. Sonnabend, den s. Dezember, Abends 9 Uhr, Neue Frsedrichssir.»4, bei Köllig: Bersammlung.(Siehe beide Inserats der heutige» Nummer.) Arbeiter-Siidungofchule. 2. und 4. Sonnabend im Monat, Abends «X—>oX Nbr: Nord- Stb ule, Müllersir. I79a, und S üb-O st-S ch u 1 e Waldemarftr. u: Naturerkenntntß. I. und 9. Tonnabend im Monat. Abends ox— tvX Uhr: Dtskulir-Uebungen. Bei allen Unterrichtsfächern werden neue TbeUnehiner, Damen und Herren, jeder Zeit aufgenommen. Arbeitcr-Siingerbnud tZrrti»-- n»d ZImgrgcn». Vorsitzender Ad. Neumann, Palewalkerür.». Alle Aenderungen im Bereinstalender sind zu richten an Friedrich Kortum, Manlcufsclslr. 49, v. 2 Tr. Sonxab«»». Abends 9— II Uhr: sUebunpsüunde und Ausnahme neuer Mitglieder. Gesangverein Esmeralda, Tilsiierstrabe 82 bei Hänicke.— Grüne Eich«, Rixdors, Lermannslr. 48. Eile Herrfurlhs, ratze, bei Heiclaus.— Lyranta, Lands- berger Allee tes bei Goedel.— Eangei-Echo, Naunnnftr.«6, bei Zubeil. — Klüchzu, Basewalkerslr. 3 bei Neumann.— Gesundbrunner Manne rchor, Prinzen- Allee lo bei Bergmann— Männer-Eesang- verein Ltederlranz In Brandenburg a. d. Havel, Mengert's Volts- garten, Bergstr.».(Sesangverein Sängerhain, Retchendergerftr.>e, bei Hofsmann.— D eu ts ch e Ei che U, Brandenburg a. d. Havel, Hauptsirabe, Wintel's Salon.—Frisch a us I, Friedrichsberg, Rummelsdurgerslr. 2g bei Emil Neumann— Sängerlust, Luckenwalde, Beelttzerstr. 94 bei Otto Schutze.— Männer-Gesangverein F ort sch r t tt, Kontgsbergerftraße 2» bei Leichnitz— Hand tn Hand II, Friedrichsberg, Friedrich Karlsir. u bei Einll Heinecke. Kund der gefrUigen Arbeitervereine Kerliu» und Zlmgegen!» Alle Zuschriften, den Bund der geselligen Arbeitervereine betreffend sind zu richten an: B. Gent, Adalbertstr. 96. Konnabend: Geselliger Verein Deutsche Eiche, Rilterftr.«7 bei Bauer.— Theater- verein Lessing, Blumenstr. 46 bei Tarmuschat(jeden 2. und 4. Sonn- abend). Kefang-, Turn» n»d gesellige vereine. Konnavend. Turnverein Fichte(Mitgl. d. Deutschen Arb.-Turnerb.) turnt heute:, t. Männer-Abth. Friedenstr. 97.— 9. Männer-Ablh. Boeckhstr. 2l.— 2. Lehrlings-Abth. Slalitzerslr. 66—56.— Gemischter Chor Gleichheit, Abends 9 Uhr. wtnglislratze 6« im Restaurant. Mitglieder werden daselbst ausgenommen.— übnenverband Normo nia, jeden letzten Sonnabend im Monat Sitzung bei G. Leichnitz,«önigsdergerslr. 28.— Privat-Thealer-Gescllschast Sch iller. Sitzung Abds. 9 Uhr bei Linie, Puttbuserstr. 24. Nach der Sitzung: FidelitaS. — Privaltheaicv Gesellschaft Toni, Sonnabend sX Uhr bei Zulcger, Swine- münderstratzc ,44.— Thealerverein Lustige Brüder U, Sitzung jeden Sonnabend. Abends 9 Uhr, bei Neichelt, Hasenhaide Nr. 46/47.— Theaierg-'sellschasl Immer Lustig, Abend»« Uhr, Sitzung bei Nuhl, Chorinerstr. 63.— Bergnügungsllub Ostend, Sitzung Abends 9 Uhr in, Restaurant Rudolf, Krautstratze 6.— Geselliger Arbeiter- Verein Prolelarta, Sonnabend nach dem l. und 16. jeden Monat«, Abends 9 Uhr bei Sommer, Grünstratze»i.— Rauchllud Blaue Wollen, Sitzung jeden Sonnabend 9 Uhr im Restaurant F. Steuer, Weiuslratze 22.— Rauchllub Dornröschen, jeden Sonnabend, Abends 9 Uhr, bei F. Krüger, Fennstrabs 6.— slattlub Blaue Btaufe, jeden Sonnabend bei Wuttle, Grandenzerstr. 2.— Slattlub Rivolutton, Sitzung jeden Sonnabend 9 Uhr bei Gerhardt, Grünanerstrabe 27.— Zitherltuo „Ertla", jeden Sonnabend Abend«X Uhr Uebung bei Kotzmann, Zimmer- siratze 22. Aufnahme ueuer Mitglieder. Dans Ii Forening Freja, Oranionsirasse 51, Mödeaflen livar Lätdag Kl. 9. Eesögende cre velkomne. Danske Aviser lindes i Lokalet. Deutscher sozioldemoiirntischer Kesrkiub in pari». Rue St. Honore 914 Cafe du Lion de Belfort. Jeden Sonnabend Öffentliche Ber- fammlung? reiche Bibliothet, Zeitungen, franzästscher Unterricht. xondon. Der einzige hiesige fozialdemolrattsche Berein London», der alte, von Karl Marx und Friedrich Engel» 1846 mttdegründete kommunistische Arbetler-Btldungtoerein befindet sich nach wie vor 49 Tvllcnham Street, Tottenham Court Rd., W. London. Devttlisrkikes; Hamburg, 6. Dezember. Nach einer Lloyd- Depesche aus Jeremie(Hayti) ist der Hamburger Dampfer„Rhenania" vor dem Haseu gestrandet. Dampfer und Leichterschiffe sind zu Hilfe gesandt. VviekksKen vov Dedsktion. Wir bttten bei jeder Anfrage eine Chiffre(Zwei Buchstaben oder eine Zahl) anzugeben, unier der die Antwort erlheilt werden soll. Mertens. Beantragen Sie Bewilligung des Armenrechts, Ihnen wird dann von Amiswegen ein Rechtsanwalt beigeordnet, dem Sie Ihre Fragen vorlegen wollen. H. T. 05. Wenn nichts anderes vereinhart ist, kann das Arbeitsverbällniß zwischen den Gesellen oder Gehilfen und ihrem Arbeilgeber nur nach I4tägiger Kündigung gelöst werden. R. 25. Beschaffen Sie sich zunächst ein ärztliches Gutachten und macken Sie sodann die erforderliche Eingabe. F. L., Volksbühne. Textbücher von„Hildegard Scholl" sind nicht zu haben, da dies Stück noch nicht im Druck er- schienen ist. 1000 B. E. Er muß geborener Sachse sein oder sich später haben naluralisiren lassen. P. P., Wraugelstr. ISO. Wir bitten um Ihren Besuch. Veranlassen Sie auch W. mitzukommen. Besuchszeit verschiedener Museen und sonstiger SeheuSwürdiakeite». Alte» und Neues Museum am Lustgarten. Besuchszeit täglich, mit Ausnahme de? Montags tn den e Wtnlermonaten von 10—9 Uhr, in de» 6 Sommermonaten von 9—9 Uhr, Sonntags im April— September 12 bis 6 Uhr. Ottober und März 12—6 Uhr, November und Februar 12—4 Uhr, Dezember und Januar 12—9 Uhr(Unentgeltlich).— Die National- (1 a 1 1 e r i e in der Muscumsstrabe. Besuchszeit Wochentag» von lo— 9 Uhr (MontagS ansaenommen). Sonntags tm April— September von 12 bis 6 Uhr, tm AMrz und Otiober 12—5 Uhr, Februar und November 12 bis 4 Uhr, Januar und Dezember 12—9 Uhr iUuentgeltttch).— K u n st gewerde- Museum, Prinz Albrechtstr. 7. Geöffnet an den Wochentagen(Montags auSgenomnien) tm Sommer von 9—3 Uhr, im Winter von lo— ll Uhr, Sonntags, April— September von 12—6 Uhr.Oltober und März t2— 6 Uhr, November und Februar>2—4 Uhr, Dezember und Januar 12—9 Uhr(Unenl- gelllich).— Museum für Völlerlunde, Königgrätzerstr. 120. Besuchs- zeit wie im Kunstgewerbe-Museum(Unentaelllich).-. Hyaiene-Museum. Kloslerslr. 96. Besuchszeit Sonntag» wie im Kunstgewerbe-Museum. Autzer- dem Ttonstag» und Freitag« von lv— 2 Uhr(Unentgeltltd,).— Museum für Naturtunbe, Jnvalidenstr. 42 Besuchszeit Sonntags wie tm Kunst- pewerbe-Muscum. Außerdem Montags und Sonnabends von il-g Uhr.— Museum sür deutsche Bollsirachte n UN» Erzeugnisse des Hausgewerbes, Klosterstr. ae. Jeden Tag mtl Ausnahme des Mittwochs von II— 2 Uhr geöffnet. Eintritlsgeld: Erwachsene 60 Pf., Kinder 26 Pf., Bereine Sonntags 10 Pf.— Reichspost- Muse um, Leipztgerstr. 16. Ae- öffnet Sonntags Ii— 2 Uhr, Montags, Dienstags, Donnerstags, Freitags von II— 2 Uhr(Unentgeltlich).— Rathhaus, Königstratze. Geöffnet täglich außer Donnerstag und Freilag von ll— 9 Uhr(Unentgeltlich). AuSstchlsihurm so Ps.— Kunstausstellung des Bereins Beritner Künstler, WUhelmstr. 22. Sonntag« Ii— 2 Uhr, Wochentag« 10—4 Uhr. 60 Pf. Entree. — Sternwarte, Enckevlatz»a. Mittwoch« und Sonnabend» von 9 dt» ll Uhr Vormittags.— Urania, Wiffenschaftltches Theater. Slernwtrrie. Jnvalidenstr. 67—62. Geöffnet van 5 Uhr Nachniiltags bis iox Uhr Abend«. Entree 60 Pf. Zuschlag für Thealer van 6» Pf. bts 2 M.— Aquarium. Schadawstr.>4. Geöffnet va» 9—6 Uhr. Entree Sonntags 60 Pf., an jedem letzten Sonnlag im Monat 26 Pf.— Castan's Panoptikum, Friedrich- stratze. Geöffnet 10— w Uhr. Sinlrtllspreis 60 Pf.— Passage, Panapltlum 10-10 Uhr. vintriltsprets 60 Pf.— Marina. Panorama, Am Lehrler Bahnhof. Sonntags von 9—9 Uhr. Entree 60 Pf.— N e a p e l- P a n 0 r a n> a am Bahnhof Thiergarte», zwei neue Dioramen: Katatomben des KapuzinerkiosterS zu Palermo und Vefuvausbrud, Sonntags 26 Pf. Eintrittspreis. DaS Panorama ist bis Uhr Abends z» besichliaen.—Zoologischer Garten, Lützowufer. Sonntag« 6oPf.— Borfta's Garten mttPalmenhauS, Alt-Moablt»«—«» EtnlrittSpret« 60 Pf. Für de» Inhalt der Inserate über« nimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung Theater. Sonnabend, 8. Dezember. Gpernhan«. La Traviata. Kchauspielliau». Wie dieAltensungen. Deutsches Theater. Blau. Cypriemie. Drrliuer Theater. Der höchste Trumpf. Lesstng- Theater. Zwei Wappen. Kchiller- Theater. Krieg im Frieden. Friedrich» Milhelmstädt. Theater. Pariser Leben. ZZestdenz- Theater. Der Unter« präfekt. Vorher: Villa Vielliebchen. Ueueo Theater. Andrea. Theater zlnter den Linden. Der lustige Krieg. Tanz>Divertissement. Kelleallianre» Theater. König Krause. Tentral-Theater. O,! diese Berliner. Adolph Ernst-Theater. Charley's Taute. Vorher: Die ewige Braut. Aleranderplah» Theater. Gustav Adolf und die Fürstin Emmeritz. National» Theater. Der Tod als Pathe. Zteichshallentheater. Spezialitäten- Vorstellung. Ameriran- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Apollo» Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Aaufmanu's Uarists. Spezialitäten« Vorstellung. Zebiller-Itieslei'. (ivallnsi'.l'keatvr.) VaNu sr-Vkoato ret rasse. Konnabend, den 8. Dezember, Abends 8 Uhr: Zum 1. Male: Krieg im Frieden. Lustspiel in 5 Akten von G. v. Moser und F. v. Schönthan. Konntag, den S. Dezember. Nachm. 3 Uhr: Gin Fallissement. Abends 8 Uhr: Krieg im Frieden. viodtsr-libouSo: Im Bttrgerfaale des Raihhauses, Ab.?>/, Uhr: Lobillsr» ltdsock. Montag, den 10. Dezember, Abends 3 Uhr: De» Meeres nnd der Liebe Melle». Adolph Ernst-Theater Charley's Tante. Schwank in 3 Akten v. Sritackoo'khowss. Vorher: vis ewige Braut. Liederspiel mit Tanz in 1 Akt von W. Mannstädt und J. Kren. In Scene gesetzt von Ad. Ernst. Anfang V/2 Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Gentral-Theater Alte Jakobstrah»|lv. 80. Mi IlomiS«. Ii Am Mm. Zchjm I«t«. Am S. Dezember ckudiläums-Vodl» tbätigksttsrorstsliung zum Besten des Unterstützungsfonds des Vereins Ber- liner Presse StF" zum 100. Male: O. diese lerliner! Große Posse mit Gesang und Tanz in L Bildern von Julius Freund. Musik von Julius Einödsboser. SW Jeder Besucher dieser Dor- ftellnng erhalt als Souvenir»in fnnftblatt au» der Gckstein'schen erlagoaustalt vo» „Ualic« ia Berlin" gratis. Mational-Theater. Große Frankfurternraße 132. Doppelvorstellung zu einfachen Preisen. Gastspiel des Frl. Eeriba Rother. Ein Modell» Posse in l Akl von Eugen Prudens. Vorher: 0er Tod als Pathe. Ausstattungs-Komödie in 5 Akten von Ernst Blnhiue. Musik von A. Wiedocke. Dekorationen von Müller und Schäfer. BeleuchtungseffektevoinOber-Beleuchier Gollander. Maschinerien vom Thealer- meister Otto Weisse. Regie: Max Samst. Kassenöfsnnng 6 Uhr. Ans. 7'/- Uhr. Morgen: Doppelvorstellung. Gast- spiel des Fräul. Bertha Rother: Ein Modell. Vorher: Der Tod als Pathe. Passage-Panopticum. fjjniilüt Mtt IichtitiWM, neueste Illusion. „Ssnssouci� Kottbuserarahe 4a. Sonntag, den 9. Dezember: Soiree der Sänger (Meysel, Pietro, Britton, Eber us, Steidi, Röhl und Blank). Ans. 7 Uhr. Entree 50 Pfg. Großes WM-Programl Sonntag, den 10. Dezember, lehn Soiree der Stri tiner Sänger (vor Weihnachten). Casian's Panoptikum. Englische Marionetten. Illusions-Caroussel. Circus Renz Carlsfrasse. Sonnabend, de» 8. Dezember er., Abende 7-/- Dhr: l' Wettstreit d. hervorragendsten Künstler u. Künstlerinnen; jede Nummer doppelt besetzt, u. a. d. Apportir- pserd Mohr u. Rippol. Potpourri von 40 Pferden, vorge;. vom Dir. Pr. Rons. Bolero, ger. v. 6 Damen u. 6 Herren. Toppelvoltige der Herren Gustav und Passio. Doppel-Jonglerin von Min Agnes u. Mr. Arthur. Die Reilkünst- lerinnen Frl. Amalie u. Mathilde Rens. Die Clowns Gebr. Viiland:c. Zum Schluß: Tjo Mi En. Neue Musikeinlagen, sensation. Tänze. Sonntag: Nachm. 4 Uhr(ermäßigte Preise): Neu einstudirt und in neuer Ausstattung: vis lustigen Eeidel- berger. Abends T'/e Uhr: Tjo Hi Fn. Fr. Renz, Kommissionsratb. Circus C. Schumann. Friedrich Karl• Itter. Täglich Abend» T/i Uhr: Texas Jack's American Prairie Life-Show. Illnstrationen aus dem Amerikan. Plantagen- und Prairieleben. Armin-Hallen Kommclndcmteustrclste Nr. 20. Tale miD SmiiiSpiner mg von ao- Karl August Dahse wird heute, Sonnabend, Nachm. 3 Uhr, auf dem Kirchhof der Gethfemane-Ge- meinde in Weissensee beerdigt. Um zahlreiche Betheiligung bitten Di'' Kollegen. Nachens. 1462b Am 6. d. Mts., früh 2'/- Uhr, verschied nach schwerem Leiden unser treuer Freund und Sanges- bruder, der Maschinenbauer Krih Pfeiffer? in seinem 33. Lebensjahre. Tics beklagen mir seinen Verlust und rufen mit bewegtem Herzen: Si u h e sanft! Die Mitglieder des Gesang- Vereins Notenmappe. Achtung 1 Achtung! Kürschner! Sonntag, den 9. Dezember, Nachmittags 5 Uhr: Oeffentl. Versammlung bei Buske, Grenadierstraße 33. Tagesordnung: 1. Vortrag. Ref.: Frl. Ottilie Baader. 2. Diskussion. 3. Ver- schiedenes.— Nachdem: GemüthlicheS Beisammeidein mit Tanz. 1468b Um zahlreichen Besuch bitten Die Vertrauensleute. GriZ-Meitae der Slelimaeher. Montag, den 17. Dezember 1894, Abends SVe Uhr, findet im Kasseniokal, Gartenstr.74, die ordentliche Generalversammlung der Delegirlen statt. 1466b Tagesordnung: 1. Ergänzungswahl des Vorstandes. 2. Wahl des Nechnungs-Ausschusses sür das laufende Jahr. 3. Krankenkasieii-Nngelegenheiten. Der Vorstand. Paul Howe. Avkiung, Stockarbeiter! Souutag, den S. ds. Mts., Vorm. 10 Uhr, in den„Ariniuhalleu"(oberer Saal) Kominandantcusttade 20, Wer» Sammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Gen. A. Hosfmann: „Individuelle Freiheit und Kadaver-Ge- horsam." 2. Diskussion. 3. Vereins- angelegenheilen. 4. Verschiedenes. Um zahlreichen Bestich bittet [229/5] Der Dorstand. 179/1] deutscher Metallarbeiter-Verband Filiale Zentrum. Sonntag, den 9. Dezember: Besiehtignng des Postmuseums. Zusammenkunft bei Schöning, Stallschreiberstr. 29, Vorm. 11 Uhr. Am Sonnlag, den 2. Dezember, ist in den Kiirsürstenhallen beim Kränzchen des Zitherklubs„Freiheitsklänge" ein rehfarbener Winteriiberzieher mit grün- seidenem Futter vertauscht worden. Näheres zu erfragen Kursürstenstr. 31, H. Saß. c Ii t u n g! Mitglieder der Allgem. Orts-Krankenkasse gewerbl. Arbeiter u. Arbeiterinnen. Soimiajj, den 9. Dezember 1894, Vormittags 9»- Uhr: Fünf große öffentliche Protest-Uersammlungen. SO.: Renz' Ball-Salon(Juh.:§err Henke), Naunynstr.27. O.; Albrecht's Ball-Salon, Memelerstr. 67. N.: Schneider's Gesellschaftshaus, Belforterstr. 15. IIW.: Wedding-Kasino, Schulstr. 29. Rixdorf: Kummer's Saal, Berlinerstr. 136. TWMnling ik tilltn Verslimmlilllge»: 1. zu-e stellen stch die Mitglieder der Allgemrine» Grt«- Krankenkasse gewerblicher Arbeiter und Arbeiterinneu gegen das brutale Vorgehen de» Vorstandes in betreff Abschaffung der freien .�rrztewohl. 2. Diskussion. 1463b Die Referenten werden in den Versammlungen bekannt gemacht. Das Erscheinen säinmtlicher Mitglieder wird dringend gewünscht. Im Auftrage der Kommifston: Raasch, Freie Vereinigung siimmtl. in der Schnljindustrie beschaft. Arbeiter n. Arbeiterinnen Kerlins. Sonnabend, d-m 8. Dezember 1894, in Bnss' Salon, Gr. Frankfnrterstr. 85: WM" Tanzkränzchen. Anfang 8 Uhr. Eulrce inkl. Tanz Herren 50 Pf., Damen 25 Pf. Zu zahlreichem Besuch ladet ein Der Vorstand. Nlontacj, den 10. Dezember i ISF* Mitglieder- Versammlung. Tages-�Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Jahn: Die wirthschaftliche Lage und die Ursache der Arbeitslosigkeit. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 223/15 Verein der Schättehrauche. Sonnabend, den 8. Dezbr., Abds. 9 Uhr, Neue Friedrichstr. 44, bei Röllig: DM" Versammlung. Tages-Ordnung: Schließen wir uns der Zentralisation an? Zahlreiches Erscheinen nothweiidig. 1446b Verband der Sattler, Tapezirer. »i'iL Nersammlnng Sonnabend, den 8. Dezember, Abends 8V2 Uhr, im Lokals des Herrn Wienecke, Alte Jakobstr. 83. Tages- Ordnung: 1. Vortrag des Genossen P..Jahn. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Der Vorstand. HMn's mmm. l Künstltche Zähne zu Klinik-Preisen. Sumatra, deckt mit VU Pfund, hell, brennt schneeweiß. per Psiind 3,30 Mark, verkauft* Carl Roland, Mariannenstraße 83. Orauieu-Bab. Oranienstr. 44, jn, Moritz- u. Oranienplatz. Bäder-Lieferant für sämmtl. Krankenkassen Berlins u. Umgegend. l)«»ik«st»al)U». Ä&ÄÄ- pro Bad mit Packung und Massage. Waitlietlbiliier. Z Btiiter Ä« 1 Mark. Außerdem: Sool-, Schvetel-, Sitsbiider. Neu eingerichtete AblHeilung: Güsse, Vlchel eto. System Kneipp. �W>V AechtSbureau, 1461b Stallschreiberstr. 43, I. Alles billigst. 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Sie will mehrere Linien nach dem Ausstellungs- Terrain bei Treptow führen und zum Theil für elektrischen Be- trieb nach dem OberleiUings- System einrichten, verlangt aber dafür allerlei Gegenleistungen, als da sind: die Kommunal- Verwaltung soll die polizeiliche Genehmigung des elektrischen Be- trirbes nach diesem System erwirken helfe», die Treptower Chanssee soll ILS6 auch nicht theilweise aufgehoben werden, innerhalb des Aussiellungsterrains soll eine etwa geplante elektrische Bahn mir dieser Gesellschaft gestattet werden, zu Landerwerb, Brücken- bau und Siraßenregulirung außerhalb des Weichbildes will die Gesellschaft nichts beitragen, von de» Einnahmen aus dem elelirischen Betriebe will sie nur 4 pCr. Brutto-Abgaben an die Stadt zahlen rn s. w. Namentlich aber will sie„das ihr ver- lragsmaßig zustehende Recht" auf Erbauung einer Linie Behren-, Markgrasen-, Junkerstraße, um die sich vor kurzem eine ganze Anzahl Unternehmer beworben haben, nicht aufgeben. Das Letztere läßt sich verstehen; den» diese Linie ist" durch ihre Forlsetzung Ritter-, Neichenbergerstraße u. f. w. von außer. vrdentlicher Wichtigkeil für den Verkehr von der Aus- slelllmg nach der„Linden"- Gegend. Schließlich soll die Gesellschaft sich gleichzeitig dem Magistrat gegenüber bereit erklärt haben, über einen neuen Vertrag betreffs Ein- sührnng des elektrischen Betriebes auf ihrem gesammten Pferde- bahnnetz Verhandlungen anzuknüpfen. Wenn man diese Vor- schlage und namentlich den letzten betrachtet, dann kann man sich der Venuulhung nicht erwehren, daß die Gesellschaft wieder «innial das Bedürfniß fühlt, eines jener Geschäfte zu machen, die wir in den letzten beiden Jahrzehnten wiederholt erlebt haben, »»d durch die, dank der Nachgiebigkeil der Kommunalveriraltung, die Berliner Bevölkerung der Gesellschaft noch für lange Zeit aus Gnade oder Ungnade überliefert ist. Es scheint, als ob die Gesellschaft nicht nur ihre Konkurrenten um die Linie durch die Markgrafenstraße mir Hilfe der städtischen Be- Hörden aus dem Felde schlagen und, die„Konjunktur" benutzend, den gesammten Pserdebahnverkehr nach der Ausstellung unter den günstigste» Bedingungen an sich bringen, sondern auch eine Verlängerung des noch bis 1911 giltigen Ver- träges für ihr gesammtes Netz durchsetzen will. Es ivird daher die Aufgabe der Kommunalverwaltung sei», diesmal ganz be- sonders vor- und umsichtig zu sein und sich bei de» VerHand- hingen weniger nachgiebig als sonst zu zeigen. Gerade die Vor- geschichie der Linie Behren-, Markgrafen-, Junker-, Ritter-, Rcichenbergerstraße giebt Grund genug dazu. Diese Linie ist jetzi gerade 10 Jahre alt,— auf dem Papier natürlich. Anfang der 80er Jabre arbeiteten die städtischen Behörden einen Plan zur Vervollständigung der bisher bestehenden, ziemlich planlos gebauten Linien zu einem zusammeuhängenden, möglichst die ganze Stadt überspannenden Netze aus. Sie gingen dabei von der sehr richtigen Erwägung aus, daß die Unier- nehmer sich immer nur durch ihren eigenen Vortheil leiten lassen würden, daß die städtischen Behörden dagegen einen anderen Standpunkt einnehmen müßten.„Ihnen(sagt darüber der„Be- richt über die Gemeindeverwaltung der Stadt Berlin in den Jahren 18S2— SS") lag die Pflicht ob, durch Herstellung auch solcher Linien, deren Ertragfähigkeit mehr oder weniger zweifel- hast blieb, denjenigen Gegenden den Anschluß an das Pferdebahn- netz zu sichern, denen ohne eine äußere Nöthigung der Vortheil eines so bequemen und wohlfeilen Verkehrsmittels noch aui längere Zeit hinaus durch die Pferdebahn- Gesellschaften selbst voraussichtlich nicht zu theil geworden sein würde." Es wurde eine Konkurrenz ausgeschrieben, aber von den sich meldenden Bewerbern wurden schließlich nur drei als allein der Berücksichtigung werth ausgewählt, nämlich die drei bereits be- stehenden Gesellschaften. Die„Große Berliner Pferdebahn- Gesellschaft" wurde dann durch Vertrag vom 17. November 1884 zum Bau von 12 Linien verpflichtet, unter denen sich auch die von der Behrenstraße durch die Markgrasenstraße n. s. w. befand. Sämmtliche Linien sollten unter gewissen Voraussetzungen, namentlich der der polizeilichen Genehmigung, spätestens bis 31. Dezember 1888 ausgeführt werden. Der oben er- wähnte, nach Ablauf dieses Zeitraumes erschienene„Be- richt über die Gemeindeverwaltung u. f. w." bringt auch Mitlheilungen über das Schicksal der einzelnen Linien. Die einen hatten die polizeiliche Genehmigung nicht erhalten, die anderen waren bereits gebaut und dem Verlehr übergeben worden— mit Ausnahme der Linie Behrenstraße— Neichenbergerstraße. Warum diese immer noch nicht gebaut war, ist in dem Bericht nicht angegeben; ob sie noch gebaut werden solle, ebenso wenig. Ihr ferneres Schicksal wird überhaupt mit keinem Worte erwähnt, wenigstens haben wir nichts darüber in dem Bericht gesunden. Warum sie nicht gebaut worden ist, ist sehr leicht einzusehen. Die Markgraienstraße liegt ganz nahe und parallel der Charlotten- und Jerusalemerstraße, die schon Pferdebahn hatten, die Ritter- und Reichenbcrger- straße liegen nahe und parallel der Oranienstraße, die ebenfalls Pferdebahn hatte. Die Rcichenbergerstraße führt überdies durch einen der ärmsten THcile der Stadt hindurch auf den Landwehrkanal zu, der hier keine Brücke hat. Die Gesellschaft wußte, daß die Linie unrentabel sein würde, deshalb didaukte sie sich für den Bau. Unrentable Linien bat sie noch nie gebaut, und um den Standpunkt, den die städtischen Be- Hörden einnehmen, schccrt sie sich den Teufel was. Es ist ihr auch nichts weiter passirt, nachdem sie sich der ihr auserlegten Verpflichtung, die Linie zu bauen, einfach entzogen hatte. Sie ist sogar so unverfroren, � sich nun. wo die Linie mit einem Male rentabel wird, nachträglich zum Bau anzubieten und noch ein Vorrecht für sich zu beanspruchen. Inwiefern ihr ein solches Vorrecht heute noch„vertragsmüßig" zustehen soll, ist uns nicht recht klar. Es ist uns nicht bekannt, daß ihr bas Anrecht auf diese Linie, für die nicht, wie für die durch denselben Vertrag genehmigte Linie über die Kurfürsten- brücke ein erst später zu beseitigendes Bauhinderniß vorlag, hinterher verlängert worden wäre. Die Angelegenheit zeigt wieder einmal, was dabei herauskommt, wenn man Unternehmungen, die dem Gcmeinwohle dienen sollten, unter den denkbar günstigsten Be- diugungen privaten Unternehmern überläßt und diese, wenn sie ihren Pflichten nicht nachkommen, noch mit weitestgehender Nach- ficht behandelt. Jetzt fehlt blos noch, daß man der Gesellschaft gegen Einführung des elektrischen Betriebes den Verlrag bis Mitte des nächsten Jahrhunderts verlängert. Gevirhks-BeUnufll. Mordprozcß Thiede. Vor dem Schwurgericht am Landgericht II findet heute die Hauptverhandlung wider den Maurergesellen Julius Thiede statt, welcher beschuldigt ist, am 13. April d. I. vorsätzlich und mit Ueberlegung die Krankenpflegerin Helene Schweichel getödtet zu haben. Die Gerichlschronik der Wellstadt Berlin hat in den letzten Jahren viele Mordprozesse zu verzeichnen gehabt, doch wohl aber keinen. der in gleicher oder ähnlicher Weise die Ge- müther erregte. Dicht vor den Thoren Berlins, auf dem Terrain einer schnell emporblühcnden, den oberen Zehntausend als Wohn- ort dienenden Villenkolonie, unmittelbar an jenem Theile des Grunewalds, nach welchem täglich die Schmarotzer der Gesell- schaft mit feurigen Rennern oder in glänzenden Equipage» hinausziehen, wenige Schritte von einer stark belebten Straße entfernt, wurde ein Weib ermordet, welches aus guter Familie stammte, durch widrige Vermögensverhältuisse gezwungen war, den Kampf um die Existenz für sich allein zu führen, das aber ihrer Erziehung, ihrem Lebenswandel und dem gewählten Berufe entsprechend über jeden Zweifel erHabe» war. Der Mord war augenscheinlich und ist— wie später festgestellt wurde— kein Raubmord, sondern ein Lustmord. Die durchaus berechtigte Aufregung wird noch vergrößert durch die noch zweifelhaste Frage, ob das Verbrechen seine Sühne finden wird. Die Staatsanwallschaft glaubt, in dem Maurer Thiede den Mörder ergriffen zu haben, sicher ist dies noch keineswegs, wenn man das beigebrachte Beweismaterial sichtet und wäre das letztere viel umfassender, als es in Wirk- lichkeit ist, so hängt doch noch alles von dem Verdikt der Ge- schworenen ab. Es ist daher sehr erklärlich, daß in vielen Kreisen die Frage aufgeworfen wird: Wie wird der Prozeß endigen? Ist Thiede der Mörder? Wird er zum Tode verurtheilt, oder wird er von der Anklage des Mordes frei- gesprochen werden? Die Einzelheiten der grausigen That noch einmal vorzu- führen, dürfte zwecklos sein, da dieselben noch in aller Gedächt- niß schweben, obwohl zwischen That und Verhandlung nahezu sieben Monate Zeit liegen. Wichtiger erscheint die Erwägung der Frage, welche Chancen der Angeklagte für und gegen sich bat, weil dies zum Versländniß des Ganges und der Ergebnisse der Verhandlung dienlich erscheint. Dabei läßt sich allerdings nicht venneiden, aus bekannte Details zurückzugreifen. Die am 8. Juni 1857 geborene Krankenschwester Helene Schiveichel fungirle im Frühjahr d. I. bei der erkrankten Galtin des Prokuristen Herrmaun in der Villenkolonie Grunewald als Pflegerin. Am Vormittag in der Zeit von 10—11 Uhr machte Fräulein Schweichel in der Regel einen Spaziergang, um frische Luft zu schöpfen. Dabei wäblte sie mit Vorliebe die aus Schmargendorfer Gebiet liegende Reinerzstrabe, die von der Hubertus Allee bezw. der Franzensbader Eartenstraße nach der Schmargendorser Gasanstalt zu führt. Die Reinerzstraße war zur Zeil der That noch fast unbebaut, an der einen Seite ein- gezäunt, an der anderen von einer Kiefernschonung eingefaßt. Im übrigen war die Reinerzstraße ziemlich unbelebt, was wohl der Grund gewesen sein mag, daß Fräulein Schweichel gerade hier mit Vorliebe spazieren ging. Am Tage der That. gegen 11 Uhr Vormittags, passirte die tandclssrach Pauline Büchtemann aus Berlin gelegentlich eines eschäftsganges die Reinerzstraße. Sie war noch nicht weit von der Franzcnsbader Gartcnstraße entfernt, als sie schrille Hilferuse hörte. In der Mitte ist die Reinerzstraße höher als wie am Anfang und am Ende und Frau Büchtemann mußte erst die Höhe der Straße erreichen, bevor sie die Stelle übersehen konnte, von welcher die Hilieruse gekommen waren. Da sah sie denn einen Mann anscheinend aus kniender Stellung ausstehen, die Beinkleider ordnend und sich dabei scheu umsehend, dann in Schmargendorser Richtung davonlaufend, erst langsam und dann schneller. Noch konnte sie den Gegenstand nicht erkennen, auf welchem der Mann gekniet zu haben schien, erst in unmittelbarer Nähe sah sie. daß eine Frauensperson in ihrem Blute lag und augenscheinlich ermordet worden war. Frau Büchtemann lief nun nicht dem Thäter nach, sondern nach der Kolonie Grüne- wald zurück, wo sie zuerst dem Briefträger Große begegnete, dem sie in fliegender Hast die Beobachtung erzählte. Währenddem kamen die"Putzer Reinicke und Prenzlow hinzu. Die Männer berathschlagten kurz, was zu thun sei; eine Verfolgung des Mörders erschien aussichlslos. weil dieser einen zu großen Vor- sprnng haben mußte. Sie gingen daher zunächst zu der Leiche, die mit dem Kopfe in der Richtung nach der Bordschwelle in dem aufgespannten Sonnenschirm lag. Die Leiche lag aus der Seite. fast auf der Brust, die Oberklcider waren über den Rücken emporgeworfen, tie Unterkleider aber noch in Ordnung. Der Thäter war augenscheinlich bei Ausführung seiner'Absicht gestört worden. Sofort wurde nun der Amtsvorsteher der Kolonie Grüne- wald benachrichtigt, welcher zunächst das zuständige Amtsburean in Schmargendorf telephonisch anrief und sich dann mit dem praktischen Arzte Dr. Cron zu der Leiche begab. Letzterer er« kannte in derselben die Schweichel, die er an dem Krankenlager der Frau Herrmann, die er behandelte, gesehen hatte. Der später hinzugerufene Prokurist Herrinann rekoguoszirte die Leiche ebenfalls. Die Schmargendorfer und die Berliner Polizei, welch' letztere sofort mit allen momentan verfügbaren Kriminal-Schutzmännern antrat, boten alles auf, des Thäters habhaft zu werden, was aber schwierig war, da derselbe keine Spuren zurückgelassen hatte. Man war lediglich auf die Beschreibung der Frau Büchtemann angewiesen, welche den Mörder allerdings nur flüchtig und aus der Entfernung gesehen halte. Danach war der Thäter ein Mann in den zwanziger Jahren, der dunkele Beinkleider, einen braunen Gehrock oder Ueberzieher und einen schwarzen weichen Filzhut trug. Das Gesicht des Mannes sei stark gcrölhet gewesen, auch habe derselbe einen rölhlichen Bart gehabt, ob das aber nur ein Schnurrbart, oder auch ein Anflug von Backenbart gewesen sei. hatte Frau Büchtemann aus der Entfernung nicht genau sehen können. Der Mord war am Freitag geschehen. Am Montag fand im Spritzenhause zu Schmargendorf, wohin die Leiche gebracht worden war, die Obduktion statt, welche der damals neuberufene Physikns für den Kreis Teltow, Sanitätsrath Dr. Elten leitete. Bei derselben wurde inmitten des Halses eine 22 Zentimeter breite, bis auf den Halswirbel reichende Zusammenhangs trennung koustalirt, welche zweifellos den Tod herbeigeführt hatte. Nach der Beschaffenheit der Wunde mußte der Mörder während des Schnittes viermal abgesetzt haben. In den Kreisen der anwesenden Kriminalisten wurde während der Obduktion schon die Befürchtung laut, daß der dritte Tag nach der That vorüber gehen könne, ohne daß der Thäter er- griffen werde, da nach alter kriminalistischer Erfahrung der Mörder selten entdeckt zu werden pflegt, wenn mehr als drei Tage seit der That verstrichen sind. Doch wurde bald bekannt. daß man einem schwer verdächtigen Menschen aus der Spur sei — einem Maurer T.— und in der That wurde noch an dem- selben Abend die Verhaftung des Thiede vollzogen, der jetzt unter der Anklage des Mordes vor den Geschworenen steht. Lehrmädchen-Ansbeutung. Frau Pauline Thomas, welche eine Arbeitsstube hat, inscrirte Ende Juni im„Lokal-Anzeiger" nach„Damen, die sich in der Schneiderei unentgeltlich ver- vollkommnen wollten". Zum Schluß kam in dem Inserat die bei solchen Anzeigen„nicht mehr ganz ungewöhnliche" Be- inerkung:„Später Beschäftigung." Ein Fräulein F. Richter ließ sich durch die Annonce verführen, bei Frau Thomas in die Lehre zu gehen. Nach Beendigung der dreimonatlichen Lehrzeit wurde ihr wider Erwarten für ihre unentgeltliche Thätig- keit dadurch Anerkennung, daß man sie sofort entließ. Fräulein N. klagte nun auf Zahlung einer Lohnentschädigung, indem sie zur Begründung des Anspruchs ausführte, sie habe sich nur zu der unentgeltlichen Arbeit bestimmen lassen, weil sie, dazu angeregt durch die Annonce, auf Weiterbeschäftigung nach der Lehrzeit bestimmt rechnete. Tie Kammer I, unter Assessor Techow, wies die Klägerin, im Gegensatz zu anderen Entscheidungen des Gerichts, ab. Nach den Urlheilsgründen ist das Inserat durch- aus nicht rechtsverbindlich, wenn nicht beim schließlichen Engagement ein darauf bezugnehmender bestimmter Vertrag geschlossen wird. Ällso: Vorsicht!— Ihr Proletarierinnen, die Ihr lernen wollt. Grober Unfug ist es, aber n u r nach Ansicht der P o l i z e i, wenn ein Arbeiter einen Schutzmann nach seiner Nummer fragt. Diese Erfahrung machte der Arbeiter Neye, der eines Sonntags Vormittags abgefaßt wurde, als er während der Kirchzeit bei einem Ilmzug in der Baruimstraße half. Aus irgend einen» Grunde hatte derselbe den Schutzmann, welcher seine Personalien wegen Ilcberlretnng der Sonntagsruhe feststellte, nach dessen Nummer gefragt, wodurch sich dieser so belästigt fühlte, daß er Neye in seiner Anzeige neben des Vergehens gegen die Sonntags» ruhe auch des groben Unfugs beschuldigte. Ein bezügliches Strasmaudat blieb natürlich nicht anS; gegen dieses beantragte Neye richterliche Entscheidung. Die 141. Abtheiluug des Schöffen- gerichts erkannte den Einspruch als begründet an, indem sie fest- stellte, daß zur Anwendung des Z 360 Abs. 11 des Strafgesetzbuches(Unfugparagraph) eine Störung der öffentlichen Ordnung ersorderlich sei. Die Uebertretung der Sonntagsruhe wurde mit einer Geldstrafe von 1 M. geahndet. Ein christlicher Konfektionär. Herr Berward Leineweber, der Inhaber eines„ch r i st l i ch e n" Herren- Garderobe-Geschästs, wie cS antisemitische Zeitungen nennen, engagirte am 4. April 1893 den Hausdiener N. Mitte Mai desselben Jahres wurde dieser von seinem Chef in eine Livree gesteckt, was an sich ja nichts Besonderes ans sich hatte. Die Uniform sollte jedoch kein Geschenk sein, gemacht im Interesse des Geschäfts, sondern N. sollte ihren„Werth" mit 94 Märkerl realisircn, und zwar so, daß ihm bei jeder Lohnzahlung 2 M. von dem 20 M. betragenden Wochenlohn abgezogen würden. Dies geschah denn auch. Die Abzüge hörten aber zum Er- staunen des unisormirten Hausdieners nicht auf, als das „Kostüm" mit 54 M. bezahlt war, sie wurden ruhig bis zum Tage seiner Entlassung, den 7. Juli 1894, sortgesetzt. N. erhielt nickt nur die S0M. n i ch t heransgezahlt, welchefSuinme die Abzüge nach der Bezahlung der erhaltenen Uniform bereits wieder ergaben, es wurde ihm auch die Aushändigung einer zweiten Livree verweigert, die er zum mindesten für das Geld verlangte. Eine Klage beim Gewerbcgericht hatte Erfolg, dein Kläger wurden gemäß seinem Antrage 50 M. zugesprochen. Grund: Die Einbehaltung des Lohnes zu dem fraglichen Zwecke sei un- gesetzlich, da der ß 115 der Gewerbe-Ordnung ausdrücklich bestimme, daß Lohnzahlungen nur in baar erfolgen dürsten.— Zu erwähnen ist noch die Behauptung des Klägers, daß ihm bei der Auslieferung der Uniform versprochen worden sei, die späteren Livree» werde er umso» st erhallen. Für die Gewissenlosigkeit des Ba»löwe»th>»nS spricht auch der Umstand, daß täglich mehrere Anklagen wegen Ver- gehens gegen das Krankenverstcherungs- Gesetz zur Verhandlung gelangen. Bekanntlich hat der Arbeitgeber>/s, der Arbeitnehmer -/3 des Krankengeldes beizutragen. Der dem Arbeiter zufallende Theil wird ihm von seinem Lohn in Abzug gebracht. Bleibt nun der Arbeitgeber mit der Abführung des Krankengeldes im Rückstände, so erstaltet der Borstand der 5krankenkasse dem Magistrat davon Anzeige. Dieser läßt die Beiträge, so iveil sie dem'Arbeiter bereits in Abzug gebracht sind, durch Gerichts- Vollzieher einziehen und im Nichtzahlungsfalle ohne weiteres pfänden. Fällt die Pfändung fruchtlos aus, so wird ange- nommen, daß der Arbeitgeber die von seinen Arbeitern ein- gezogenen Beiträge für sich verbraucht, also unterschlagen hat. Je nach der Höhe der Beträge und der Vergangenheit der An- geklagten crlciint der Gerichtshof auf Geld- und Gefängniß- strafe. Eine Entscheidung von prinzipieller Bedeutung fällte das Schöffengericht H e i l b r o n n(Württemberg). Der sozial- demokratische Verein Sontheim erhielt vom dortigen Schultheißen- aiut eine Strasvezsügiiug wegen Uebertretung der Polizeistunde, da der Verein seine Mitgliederversammlung über die Mitternachts- stunde ausdehnte. Ter Verein erhob Beschwerde gegen diese Ver- süguug und verlaugte gerichtliche Entscheidung, indem er sich auf eine Verfügung des württembergischen Ministeriums des Innern vom 2. Dezember 1871 berief, nach welcher die Lokale geschlossener Gesellschaften der Polizeistunde nicht unterliegen. Das Schössen- gerächt war der Ansicht, daß obwohl diese Versammlung nicht im Vcreinslokal, sondern in der Wirthsstubk abgehalten wurde, es doch eine„geschlossene Gesellschaft" sei und sprach daher sämmt- liche Angeklagte frei. VevIÄttiiitlttttge»». Eine Brauche, ivcrsanimlnug der Bürste»- uud Pinsel- niacher des deutschen Holzarbeiterverbandes tagte am Sonntag, den 2. Dezember, im Lokale von Wernau, Rosenthalerstr. 57. Kollege Schöpflin referirte über die ivirthfchaftliche Lage im vor« benannten Gewerbe. Den trefflichen Ausführungen des Redners folgte eine längere Debatte, an der sich mehrere Kollegen be- theiligten, und zur Annahme folgender Resolution führte:„Die Versammlung ist der Meinung, daß gegenwärtig, hervorgerufen durch die Profitwuth der Unternehmer, sich Erscheinungen in unserem Gewerbe breit machen, die wir nicht stillschweigend übergehen können. In Erwägung, daß nur durch eine straffe Organisation dem entgegen getreten werden kann, verpflichtet sich ein jeder Kollege unserer Organisation anzuschließen." Zum Schlich wurde roch teTninit gemocht, daß die Kollegen, welche in den Werlftätten Mißstände vorfinden, die? der Werlstatt- Kontrollkommission ihres Bezirks mitzutheilen haben. Bor der Filiale Schöiieberg des Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins sprach am 2. b. M. Frau M e s ch bei Keßner, Grunewaldstr. llv. über„die Frauen und der Kapitalismus". Der scharfen Verurtheilung, welcher die Nednerin jene Heuchelei unterzog, die den auf die Slraße Ge> worfcnen als Äluswurf der Menschheit brandmarkt, schlössen sim in lebhafter Diskussion Frau Klaucle. sowie Köster, Hackelbusch und Schlegel an. Unter dem Eindruck der Worte, mit denen Frau Mesch aus das Elend der Proletarierlinder hingewiesen hatte, hob Fran Klaucke hervor, daß in den Volksschulen auf Erklärung der Phrake.„es müsse Arme und Reiche geben" eine ganz unangemessene Zeit verwendet werde. In der Debatte über „Verschiedenes" warnten mehrere Redner vor zu großer Ver- trauensseligkeit gegenüber den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen. die neuerdings eine Zeitschrist vermittelnder Tendenz unter dem Titel„Frauenbewegung" gegründet haben und die Arbeiterinnen zum Abonnement heranzuziehen suchen. I» Renz' Salon, Nannyustraße. fand am 2. Dezember eine sehr stark besuchte Versammlung der Arbeiter-Bildungsschule (Südost) statt, in der Echriftslellcr Heinrich Schulz (Steglitz) seinen vierten und letzten Zyklus-Vortrag über die deutsche Dichtkunst der letzten hundert Jahre hielt. Der Redner behandelte„die Dichtkunst im heutigen Kampfe mit dem Kapitalis- mus und Sozialismus". Er versuchte darzulegen, daß die ge- waltige Kluft, die das heutige kapitalistische Wirthschaftssystem auf allen Gebieten gesellschastlichen Lebens geschassen habe zwischen Besitzenden und Besitzlosen, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, zwischen Bourgeoisie und Proletariat, auch auf dem Gebiete der heutigen Dichtkunst in der ausgeprägtesten Forin vorhanden sei. Der zukunslserobernden sozialistischen Weltanschauung gegenüber gelte es auch für die zeitgenössischen Künstler und Dichter. Stellung zu nehmen, und, ohne pedantisch schablonisiren zu wolle», könne man sie hiernach in drei selbst- verständlich nicht streng geschiedene Gruppen theilen. Aus der «inen Seite ständen die Schleppenträger und Liebediener der hmsckienden Klasse, die skrupellos mit dem jedesmaligen „Winde von oben" segelten und dadurch die Kunst zur feilen Biidldirire herabwürdigten. Ihnen gegenüber stände eine vorerst »och kleine Schaar von Dichtern, die sich voll und ganz in den Dienst des um feine Befreiung ringenden Proletariats gestellt hätten und durch ihre Kunst für das Volk und für die Freiheil kämpften. Zwischen beiden Gruppen gäbe es eine große Anzahl von Dichtern, die zwar der herrschenden Klasse entstammend, dennoch hellsichtig und offenherzig genug seien, um die Schäden und Gebrechen ihrer Klasse und deren nahenden Untergang zu erkennen, die aber nicht den nöthigen Muth besäßen, um den letzten Schritt zu thun, ihre bürgerliche Haut von sich zu streifen und in die Reihen des kühn aufstrebenden Sozialismus einzu- treten. So schwankten sie planlos umher, theils von dem Moder- duft ihrer eigenen absterbende» Klasse betäubt und in krankhaltcr Steigerung„liberaler" Prinzipien m den Dekadence-Anarchismus verfallend, theils in falscher Künstlereitelkeit das„Joch einer Partei" verschmähend und„über den Parteien" stehend. Zu ihnen gehören Männer rvie der Norweger Ibsen, wie Gerhart Hauptmann, wie Iitger, Mackay und viele andere. Die hohe künstlerischeBegabung vieler dieser Dichter wies der Vortragende durch Zitate aus ihren Dichtungen nach. Der Redner ging dann zu einer Charnklerisirung der dem Proletariat angehörenden und für dasselbe kämpfenden Dichter über, wie Andorf, Leopold Jaeoby und besonders Karl Henckell. Der Vortragende schloß mit der Hoffnung, daß durch seine Vorträge das erreicht sein möge, was er sich davon versprochen habe, nämlich einerseits weiteren Kreisen der Arbeiterschaft die Bekanntschaft mit den Perlen wahrer Kunst zu vermitteln und andererseits zur Stärkung und Förderung des proletarischen Klassenbewußseins beizutragen. Tie HauSdieiter, Packer:e. stellten in ihrer öffentlichen Versammlnug vom 2. Dezember die Fälle zusammen, wo die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe überschritten ist. Man hatte für diese Zwecke eine besondere Kommission gewählt, welche die Mittheilung machte, daß es ihr gelungen sei, eine ganze Reihe Firmen, 43 Fälle wurden genannt, der Bestrafung zu überliefern. Es wurde gerügt, daß die Beamten der Krankenkasse ihren Ver- pflichtungen in dieser Beziehung nicht nachgekommen seien. Daß die Geschäitszeit für die Weihuachtssounlage bis 7 Uhr Abends, gegen 6 Uhr im vorigen Jahre, ausgedehnt ist, erfuhr die schärfste Mißbilligung. Eine Resolution wurde angenommen, in der die Versammlung bedauert, daß die behördlichen Organe der „Kommission zur Ueberwachung der Sonntagsruhe" nicht ge- nügende Unterstützung zu theil werden lassen. Danach fand eine Ergänzungswahl der Kommission statt, die nunmehr aus zwölf Personen besteht. Der I. Punkt, der Bericht über die Berhand- lungen der Reichskommission, wurde von der Tagesordnung ab- gesetzt. Welche Schritte haben wir zu unternehmen, um den un- motivirten Lohnabzügen entgegenzutreten? Diese Frage be- schäsligte eine im Viktoriasalon in der Badstraße lagende öffentliche Versammlung von Arbeitern der Signal- Bauanstalt von Zimmermann u. Buchloh. Wie der Referent, der Vertrauensinann N ä t h e r, mittheilte, sind einer Gruppe von Arbeitern— nachdem im allgemeinen schon fort- gesetzt Abzüge stattgefunden hatten— die Entschädigungen für ca. I3stünoige Arbeitszeit pro Mann vorenthalten, weil angeb- lich durch Schuld der Arbeiter diese Mehrarbeit erforderlich ge- worden sei: thatsächlich treffe jedoch das auf ein Versehen der technischen Leitung zu. Die Diskussion bestätigte diese Angabe» vollinhaltlich. Abzüge von lS— llOpEt. gehören nicht zu de» Seltenheiten; den Hebelmachern sind die Preise sogar von 16 aus II M. herabgesetzt. Die Kritik der Versammelte»— die Arbeiter der genannten Firma waren fast vollzählig vertreten— richtete sich vornehmlich gegen das in der Fabrik bis zur höchsten Blüthe gelaugte Koloniiensystem; seit dem Antritt des neuen Betriebs- Ingenieurs solle» die Lohnreduktionen in einem unerträglichen Maße eingerissen sein. Die Versammlung beschloß einmüthia, diesem Bestreben Widerstand entgegenzusetzen und gab ihrein Willen in einer Resolution Ausdruck die besagt, daß nian die Lohnreduktionen mißbilligt und daß sämmtliche Arbeiter sich ver- pflichten, gegen weitere Abzüge geschlossen Front zu machen.— Die Resolution soll der Firma Zimmermann u. Buchloh über- mittelt werden. Für die Filiale Moabit des'ZFrauen- und Mädchen-Bildungsveins hielt am 3. d. M. Genossin Schädlich bei Renter, Beusselstraße IS, einen Vortrag.„Ge- täuschte Hoffnungen" lautete das Thema, welches sich die Vor- tragende gewählt hatte. In ihrem Heimathsdorf, im sächsischen Aogtlande, hat die Referentin die Verarmung des Proletariats miterlebt und miterlilten. Anschaulich schilderte sie das jedes- maligb Fortschreiten des Elends, das der Uebergang von der Sense zur Mähmaschine, vom Dreschflegel zur Hand-Drefchmaschine, vom gewöhnlichen Pfluge zun» Dampfluge niit sich gebracht habe. Von de» Mitrheilungen der Referentin bewegt, äußerten sich, ans das aus denselben Ursachen steigende Elend des städtischen Proletariats hinweisend, die Genossen Pufffer, Helden« berge r. Wurzel und die GeiiossinnenM es ch undMilautzky. Polizeilich anfgrlöst wurde die gutbesuchte öffentliche S ch u h m a ch e r- V e r s a m m l u n g, die am 4. Dezember bei Niest, Webcrstr. 17, tagte. Eingeladen waren alle Schuh-, Filzschuh- und Schäste-Arbeiter um Stellung zu nehmen zu den Streikbrechern, die bei den letzten Kämpfen den organisirten Arbeitern in den Rücken gefallen waren. Einleitend gab der Referent Fleischer seine Meinung dahin kund, daß diejenigen Kollegen, die sich zur Zeit des Kampfes auf Seiten bit Unteruehmcr stellten, jetzt ohne Rücksicht auf ihre Diensie ebensogut entiaffen würden, wie die Kollegen, die den Unter- nehmern gegenüber ihre Rechte zu wahren wußten. Momentan günstig erscheine es, daß einige größere Schuhwaaren-Fabriken stcv etablirt haben. Allerdings werden die neuerstandencn kaptialkrästigen Großbetriebe, die mit den bis jetzt vortheil- haflesten Maschinen arbeiten, in kurzer Zeit eine An- zahl kleiner Fabrikbetriebe vernichten, wodurch wiederum eine große Anzahl Arbeiter existenslos werden muß. Ferner kommen die hier und da vvrläuflg noch vereinzelt auf- rauchenden Besohlungsanstallen in Betracht. Eine solche Anstalt leistet zetzt schon mit 16 Arbeitern die Arbeit, die bisher 46 Familienvätern einen Broterwerb verschaffte. Angesichts solcher trostlosen Zukünft giebl es nur eine Antwort auf die Frage, was ist da zu thun? Die lautet dahin, durch straffe Organisation gewappnet den kommende» Dingen begegnen zu können. Hauptsächlich gilt dieser Mahnruf denjenigen Kollegen, die oft von Hungersuoth getrieben, die von Kympsenden gesperrten Fabriken aufsuchten, und jetzt einsehen, wie sie gesündigt haben. In der Diskussion nahm W i l l m e r das Wort, dessen Aus- sührungen im Sinne des Referats gehalten waren. Bei der Befürwortung der nachfolgenden Resolution erklärte der Ueber- wachende die Versammlung aus grnnd Z 5 des Vereinsgesctzes für aufgelöst. „Die Versammlung beschließt, denjenigen Kollegen, welche auf grund ihrer Handlungsweise als Slreikbrecher im Jahre 1893/94 von der Organisation ausgeschloffen waren, bis zum I. Februar 1895 Frist zu gebe», sich zu orgnnisire»; verspricht dagegen, über alle diejenigen, welche sich nicht organisiren, die Sperre zu ver- hängen. Die Versammlung macht es jedem Kollegen zur Pflicht, vom 1. Februar 1395 ab mit keinem»norganisirten Kollegen zu- sammenzuarbeiten. Ausgeschlossen sind von dieser Vergünstigung alle diejenigen, die ans grund eines Organisations-Statules aus- geschlossen wurden." Ein ersichtlicher Grund für die Auflösung konnte von den Anwesenden niemand erblicken, inan war allseitig höchst erstaunt über die Maßnahmen des Beamten. Jedoch mußte man sich nothgedrnngen den Anordnungen fügen. was auch von den Anwesenden geschah. Tie Volksversammlung, welche die Frauen-Agitations- koinmissiou am 4. Dezember nach dem Lokal von Henke, Naunynstr. 27, einberufen hatte, war nur mäßig besucht. Namens der in der Versammlung vorn 20. November gewählten Revisoren berichtete Frl. Baader, daß Bücher und Beläge in bester Ordnung besunden wurden und der angezeigte Ueberschnß in Baar vorhanden war. Die Agitalionskommission wurde entlastet. An stelle der Fran G a I l i n, welche ihr Amt nieder- legte, da sie bereits im Franen-Bildnngsverein thätig ist. wählte die Versammlung Frau Klatsch zuni Mitglied der Agitations- kommission.— Hierauf hielt Georg Wagner einen Vortrag über:„Die Ausgaben der Frau im Kampf gegen den Umsturz". In der Diskussion des mit lebhastem Beifall entgegengenommenen Vortrages nahm nur Frl. Baader das Wort. Tas lebhafte Interesse, welches der A r b e i t e r-- B i l- dnngsschule entgegengebracht wird, bekundete wiederum der außerordentlich rege Besuch der am 5. d. M. einberufenen öffent- lichen Versammlung, in der Rechtsanwalt Dr. Herzberg über die geplante Gesetzgebung gegen de» Umsturz referirte. Redner warf einleitend eine» Blick aus den löjährigen Kamps der be- sitzenden Klassen gegen die Sozialdemokratie vom Jahre 1875 bis zum Jahre 1890, welcher begann mit der Auflösung des Allge- meinen deutschen Arbeitervereins und endete mit dem sang- und klanglosen Begräbniß des Sozialistengesetzes. Daß man nun nach vier Jahren bereits wieder nach Ausnahmegesetzen rufe gegen die Sozialdemokratie, habe wohl weniger seine» Grund in den große» Erfolge» der Sozialdemokratie im Laufe dieser vier Jahre, über welche das Protokoll des Frankfurter Parteitages Auskunft gebe, als in dem Bestreben, einen Vorwand zur Auslosung des Reichs- tages zu bekommen, um durch eine Neilwahl einen gefügigen Reichs- tag zu erhalten für neue Sleuerprojekre und die Arbeiter mundtodt zu machen und ungefährlich durcb Beschränkung des allgemeinen Wahlrechts. Die projeklirte» Gesetze zum Schutze gegen den Umsturz seien zwar noch nicht bekannt, doch lasse die veröffent- lichte Nooelle zum Etras-Gesetzbuche bereits tief blicken. In höchst interessanter Weise zeigte der Referent durch Vorführung ver- schiedener Beispiele die idyllischen Zustünde, welche Platz greifen würden, sofern die neue Sirafgesetz-Rovelle Gesetz werde, wie auch die lieblichen Verhältnisse, welche bereits unter dem be- stehenden„Rechte" möglich sind. Die in Aussicht genommenen Verschärfungen einzelner Strafparagraphen hielt Redner für un- nöthig, indem die bestehenden Gesetze der Polizei und den Ge- richlen schon übergenug Handhaben zum Einschreiten bieten. Die aeplanlen Gesetzesabänderungen würden thatsächlich einem neuen Sozialistengesetze gleich kommen. Was auch kommen möge, nichts werde nach Ansicht des Redners den Siegeslauf des Proletariats anihalten.(Lebhafter Beifall.) Da zur Diskussion niemand das Wort»ahm, berührle der Referent zum Schlüsse die lex Heinde. um daraus hinzuweisen, daß die Sozialdemokralie nicht nur bestrebt sei, die materielle Lage, sondern auch die Sittlichkeit des Volkes zu heben, daß sie gleich- sam eine große Arbeiter-Bildungsschule sei. Hiera» anschließend erging seiiens des Vorsitzenden an alle Genossen und Genossinnen die Aufforderung, sich der Arbeiter-Bildungsschule anzuschließen unter'Vorführung der Vortheile und des Lehrplanes derselben. Die vorher zurückgehaltene Diskussion kam nunmehr in Fluß und nahmen verschiedene Redner das Wort, um nachzuweisen, daß die bestehenden Gesetze— wie besonders in Sachsen— be- reits in einer Weise zur Anwendung gelangen, daß eine neue Gesetzgebung„gegen den Umsturz" völlig unnöthig erscheine. Alle Redner waren darin einig, daß trotz aller Bekämpfung die Sozialdemokralie doch unenlwegt weiter kämpfen werde. Mit einer Mahnung zur ftrengsten Durchführung des Bier- boykotts wurde die stattliche Versammlung geschlossen. Ter Kampf gegen de« Umsturz und die politischen Nnfgabeu der Demokratie. Der Name des Referenten wohl mehr als das jetzt eminent aktuell geworden« Thema selber hatte eine zienilich große Zuhörerzahl am Mittwoch Abend nach den Konkordiasälen gelockt. Es sprach Herr Dr. Q u i d d e aus München, der durch seinen„Ealigula" zu großer Popularität gelangte Volkspartciler. Der Redner knüpfte an die Einweihung des neuen Reichstags- Gebäudes an und hoffte von den angedrohten Umsturzgesetzen das Gegenthcil dessen, was sie bezwecken sollen, nämlich ein Wiedererwachen des politischen Freiheitsgedankens: eine Aufrüttelung des politisch versumpften deutschen Bürgerthums. Im Einzelnen skizzirt der Vortragende dann die in die„Frankfnrler Zeitung" gelangten Vorschläge der Regierung. Schon die in Arlikel l(§ 111) angekündigte Slraiverschärfung und besonders der Zusatz, daß die„VerHerr- lichung' von Verbrechen und Vergehen in einer ganz besonderen Weise geahndet werden solle, müsse den lautesten Protest heraus- fordern Unsere ganze llasflsche Literatur(der Redner erinnert an Schiller's„Räuber" und„Tell") sei erfüllt mit der Entschuldigung und Verherrlichung solcher Thnten, die ein jeder Slaalsanwalt als unter diesen Begriff fallend bezeichnen könne. Die Tbat eines Jork, des preußischen Generals, die Korrektur der Emser Depesche durch Bismarck, die von unseren Patrioten himmelhoch gepriesen werde, darf event. dann von Niemanden mehr berührt werden.(Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Alle Parteien können gegebenen Falls eine solche Ruthe zu kosten bekommen.— Kurz bespricht der Redner den§ 112, der die Verleitung von Soldaten zum Ungehorsam betrifft und behandelt dann den neuen Komplottparagraph, der ohne weiteres jede gesetzliche Agitation lahm lege. Noch schlimmer komme es bei dem§ 130. Wer die Stellung des Militarismus, der Junker, der Juden w. angreife, könne damit getroffen werden. sowie die kapitalfemdlichen Sozialdemokralen. Monarchie, Religion, Ehe, Eigenthum u. s. w. soll gegen die„FriedeuSstöier" geschützt werden. Wäre es nicht hohe Zeit, daß man d i c nu» schädlich machte, die den Frieden auf solche gewaltsame provoka« torische Weise vertheidigen 9(Lebhafter Beifall.) Unsere ganze Strafrechtspflege ist jetzt schon nervös. Was soll das ewige Schreien nach Ruhe, nach Ordnung? Kirchhofsruhe«st nnver- einbar mit einem Fortschritt, der nur gesunden werden kann im Kampfe der Geister.(Sehr richtig.) Und nun erst die in Artikel Jll vorgesehene„Knebelung der Presse." Tie„vorläufige Beschlagnahme" ist das probateste Mittel, die ganze Oppositions- presse zu ruiuiren. Was ist denn passirt, ruft der Redner, vatz in der Thronrede gesprochen wird von„Friedensstörern". Biel- leicht meint man damit Herrn von Stumm.(Große Heiterkeit). Ein Glück, daß man jetzt noch nicht die Paragraphen hat, sonst würde meine heutige Rede schwer zn büßen sein. Im weiteren Verlauf semer Rede führt der Vortragende aus, wie durch solche Maßnahmen die Erbitterung geschürt werde, und große Theile des Volkes dahin erzogen werden, sich mit der gewaltsamen Lösung einer Frage, einer Revolution, mehr und mehr als einer Z w e ck m ä ß i g k ei ts s a ch e zu beschäftigen. Tie Sozialdemokratie, eine Bewegung, deren Ursachen in � den Verhältnissen wurzeln, spotte einer Taktik, die mit mechanischen Mitteln arbeite. Das Bürgerthum habe aber auch die Pflicht, den Gewalthabern die Slirue zu bieten in dem Kampfe für wirkliche Sitte, Ordnung und Gerechtigkeit. Etwas Beun- ruhigung müsse man schon mit in den Kauf nehmen; jedenfalls sei niemals das Volk mehr beunruhigt werden, als zur Zeit, als das Wort von dem Schießen aus die Eltern fiel.(Stürmischer Beifall.)— Man trat hierauf in die Diskussion ein. A. Hoffmann bezeichnet den in der Qnidde'schen Rede wiederholt hervorgetretenen Optimismus, daß von einer bürgerliche» Opposition ein ernst- hafter Widerstand gegen die Reakiionsgelüste zu erwarten sei, als irrig. Er zeigt in treffender Weise und in packender Form a» einer Reihe von Beispielen, daß der Liberalismus unsere bürgerlichen Kreise abgesetzt und todlmüde ist Vielleicht die Angst, daß der Gummischlanch obligatorisch ein- geführt werde, bringe ihn wohlnoch zum Schreien, aberzu keiner euer- gischen Aktion mehr. Fest in dem allgemeinen Stürzen bleibe nur die Sozialdemokratie: sie pfeife mit Bracke auch auf das kommende„neue" Ausnahmegesetz!(Lebhafter Beifall und Widerspruch.) Die„scharfen Augriffe" gegen die freisinnige Partei zwangen den Redakteur P e r l s aus das Podium, wo er sich bemühte, den Nachweis zu führen, daß nur die Nickert'schen die„Unzuverlässigen" seien; niemals aber die Wasserstiefler. Der Demokrat Dr. G r ü tz e r erinnerte den Vorredner an die lraurige Haltung der Freisinnigen in Sache« des allgenieinen Wahlrechts. Nach einem Schlußwort Quidde's der zur Einig- keit aller demokratischen Elemente ermahnte, endete die Ver- sammlung. Für Treptow uud Nmgegend tagte am 2. Dezember eine öffentliche Versammlung� Das Referat hielt der Genosse S ch ö p f l i n, der in recht interessanter Weise über unsere politische Lage sprach. Die Diskussion bewegte sich im zustimmen- den Sinne zu dem Referat. Bei Besprechung verschiedener An- gelegenheiten tadelte Hulschke das Verhalten Zubeil's, der erst in letzter Stunde wieder das bereits übernommene Referat ab- gesagt hatte. Wie weiter mitgetheilt wurde, schänkt der Gast- wirth Hohlwei» an der Verbindungsbahn boykottirtes Bier aus. Für die Parteigenosse» in Britz erfolgte die Bericht- erstat nng vom Frauksnrter Parteitag durch Genossen Kasper in einer Volksversammlung, die am 2. Dezember in Wirsing's Lokal in der Knesebecksiraße tagte. In der Diskussion erklärten sich die Genossen mit der Berichterstattung Kasper's einverstanden. Sie bedauerten, daß der Parteitag den Genoffen im Landtage keine bestimmte Direktive gab bezüglich der Elalsabstimmungen. Allgemein spricht man sich abfällig über die Regelung der Ge- halisfrage und die Ablehnung der dazu gestellten Anlräge ans. Bedauerlich ist die Polemik Bebel-Vollmar in der Presse, ins- besondere daß sie sich so persönlich zngespitzt hat. Solche An« gelegenheiten sind möglichst ini engeren Kreise zum Anstrag zn bringen. Nicht einverstanden war man mit der Liebknechl'schen Erklärung im„Vorwärts", in welcher er ebenso wenig seine Stellung zu dem Streit Bebel- Vollmar präzisirt. wie die Meinung der Berliner Genossen klar zum Ausdruck bringt. Zum Schluß stimmte die Versammlung folgender Re- solniion zn:„Die Volksversammlung von Britz erklärt sich mit der Stellungnahme der Delegirten für Teltow-Beeskow-Storkow ans dem Parteitag einverstanden, und verpflichtet sich für Hoch- Haltung»nd Durchsührung der dort gefaßten Beschlüsse zu sorgen; sie erklärt in dem Slreit Bebel-Vollmar auf dem Standpunkt des Genossen Bebel zn stehen, trotz der von ihm gebrauchten scharfen Worte, diese waren zur Aufrüttelung der Genossen immerhin am Platze." Hierauf folgte die Wahl der Revisoren, ans welcher die Genossen Weniger, Jentsch und S ch u l z k y bervor- gingen. Zum Schluß wurden in längerer Debatte persönliche und örtliche Fragen behandelt. Charlottcnbnrg. Eine Versammlung der Zahlstelle de? Zentralverbandes der Maurer lagt« hier am 2. Dezember im Lokale„Bismarckshöde". Der Referent G. Beyer sprach in einem beifällig aufgenommenen Vortrag über den Bauschwindel. Redner empfahl, um dieses Uebel zu beseiligen, die politische wie auch die gewerkschaflUche Organisation. Die Kollegen Hähnel, Hellwig, Bleck und Keilmann, welche sich an der hieraus folgen- den Diskussion belheiligten, wußten ein Lied von dem Schwindel des Baugewerbes zu singen, und daher ermahnten alle zum Ein- tritt in die bestehende Organisation. Nachdem man sich über die Regelung der Neise-Unterstützung schlüssig geworden war, stimmte man dein'Antrag, dem Kassirer jür jeden Kassenabeud 39 Pf. zu bewilligen, zu. Vharkotteuburg. Der Wahlverein hielt am 5. Dezember in„Vismarckshöhe" eine öffentliche Versammlung ab. Genosse Paul Jahn- Berlin referirte über das Thema:„Der Kampf wider de» Umsturz." Redner schloß seinen beisällig aufgenommenen Vorlrag mit der Mahnung: treu zusammenzuhalten, dann werde die Partei, welche bereits ein 12jähriges Ausnahmegesetz über- wunden habe uud dabei erstarkte, auch mit den ihr jetzt zugedachten Bedrückungen fertig werden und ihre Anhänger als Sieger aus dem für ihre Gegner sehr unrühmlichen Kampfe hervorgehen, — die welterobernde Idee des Sozialismus läßt sich nicht er- tödten.— Von einer Diskussion des Vortrages wurde Abstand genommen. Unter Verschiedenem gab Brauer Simon folgenden „Humanitätsakt" der Spandauer Bergbrauerei bekannt: Aus Anlaß des durch den Boykott hervorgerufenen schlechten Geschäfts- ganges sah sich die Brauerei gezwungen, dieser Tage weitere Arbeitskräste zu entlassen. Darunter befindet sich auch der Brauer Scharf, Vater von 4 Kindern, der bereits 6 Jahre in ge» nanntem Etablissement beschäftigt war. Auf seine Vorstellungen, daß man doch zunächst die neueingestell len unverheirathcten Kollegen ablohnen möge, erwiderte ihm der Braumeister Wan- n i n g e r, daß er das nicht dürfe. Er gab ihm aber den Rath, da er doch einigermaßen redegewandt sei, in Versammlungen gegen den Boykott zu Felde zu ziehen oder nach irgend einer Zeitungsrcdaklion zu gehen, dort sein Leid zu klagen und zu bitten. daß diese für baldige Aufhebung des Boykotte Stimmung mache, dann könne er auch auf baldige Wiedereinstellung rechnen.(Pfuirufe.) Genosse R« i m a n n ersuchte die Bierkontroleure, auf dem Posten z» sein, da die Agenten der Ringbranereien unter allerlei falschen Vorspiegelungen den Budikern, welche leider keine Zeitung lesen und sich demzufolge bezüglich des Boykotts nicht aus dem Lau- senden erhalten, ihr Bier auszuschwätzen suchen. Von F l e m» m i n g wurde gerügt, daß ausweislich der Wählerlisten viele Genossen von ihrem Recht als Kommunalwähler keinen Gebrauch gemacht haben.— Das Stiftungsfest des Vereins findet am Sonnabend, den 8. Dezember, in„Bismarckshöhe" statt. J / Achtnngl Zahiiersa«?, auch Theilzahl., wochentl. 1 M., Vuvkel, Lausitzer Pl. 2> Elsasser- straße 12. Bestes 255M Weihnachts-Geschenk. Absatz in 5 Jahren über 200000 Expl. Fast jede Krankheit heilt: Bilz, das neue Naturheilverfahren, Prämiirl. Univers.-Lex der Nawr- Heilkunde einschl. Kneippkur, Heilmagnetismus-c. ic. 2vte Aufl. 1800 Seit. 350 Abbild. Preis gebd. 8,— M. Tausende von Aerzten aufgegebene Kranke wur- den dadurch noch gerettet. Zu bez. durch bilz, Verlag Dresden- Hadebeul u. jede Buchhandlung. BiBz, Wie schafft man bessere Zeiten? \Jaii T Gross. Aufsehen V..,, t IVCU. erreg. Schrift, i'""» 170S. Preis SOPf.Auchi. Briefin. Bilz, Verlag Dresden-Badebeul. Weihnachts-Geschenke. 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Kountag. de» 9. Dezember, Uorm. IVVe Zshr, bei Zielchrrt, Müllerstr.7: VevsammlunQm Tages-Ordnung: Die Arbeitsverhältnisse in der Feilenfabrik von Richard Peißler. — Verschiedenes. 179/2 Es ist Pflicht eines jeden Feilenhaners, pünktlich zu erscheinen. Der Vorstand _ der Filiale Word de« Deutschen ZNetallarbeiter-Uerbandeg. Verbllll!» aller in t>cr Mttallinliüstrie besGsiigttll Arbtiler Kerlinv nnd Zlmgrgend. Heute, Kounnbend, den 8. Dezember, Abend» 8�2 Uhr: Xoi»ierell2 üer VertrAuevLleuis des Nordens im Restaurant Wilke, Höchste. 32a. Zahlreiches nnd pünktliches Erscheinen erwartet 133/2 Oer Vorstand. Leder- und Dalauteriewaaren-Arbeiter und Arbeiterinnen. Montag, den 10. d. Mts., Abends 9 Uhr, im lioniseu- LtäütiLedell Xlubdsus, Amienstr. 16: V evs ammlung» Tages-Ordnung: 2. 75/10 1. Vortrag des Genossen Sassen dach über„das Freimaur«rthum".> Die Arbeitsverhältnisse bei der Firma L e w y j u n. 3. Verschiedenes.-- Allgemeiner Verein der Töpfer und Berufs- gettosseN Deutschlands(Filiale Berli,.). Mitalieder-Uersamminng am Sonntag, de» 9. Dezember 1894. Vormittags 10 Uhr, in Uölltg'» Saat, Neue Friedrichstr. 44. Tages-Ordnung: 1. Wie richten wir unsere Agitation ein. 2. Wie hat sich in diesem Jahr die Fensterfrage geregelt. 3. Vereinsangelegenheiten. Die Versammlung wird präzise eröffnet. 246/11_ Der Dorstand. Pankow» Kam- rnii) MaW-MnMttill des glbeiteMa Volkes (Filiale Nord). 120/11 Sonntag, den 9. d. Hits., Stachmittags 3 Uhr, im Nordstern (Lehmann), Wollaukstr. 113; ÜBT Mander-Versammimtg. Tagesordnung: 1. Vortrag der Genossin Frau Scholz über: „Die Kinder des Volkes". 2. Diskussion. 3. Ausnahme neuer Mitglieder nnd Verschiedenes. Zur Deckung der Unkosten Tellersammlung Zutritt.— Um regen Besuch bittet_ — Herren als Gäste haben Die Kevollmächtigte. Loüdantiit!== Arbeiter! 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