flt.579»?S. Jahrgang Busgabe£> Nr. 287 Bezugspreis: PicrikljährUtS,- ZW., monatl. 15,— 9t irei ins»aus, voraus zahtdar. Post» kezug: Monatlich 12.— M.«inschl. Zu- tiellungssebllhr. Unter Kreuzband lür Deutschland, Donjig. das Saar- und Memelgebtet, sowie die ehemal« beut- schen Gebiete Polens, Oesterreich- Ungarn und Luxemburg 25,— 9Jt, für das übrige Ausland 32,— M, Post- bestelluugen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Tschecho- Slowakei, Däne- mar!. Holland, Luremburg, Schweden und die Schweiz, Der„Vorwärts" mit der Sonntags- beilage„Volt und Zeit", der Unter- haltungsbeilage„Heimweit" und der Beilage„Siedlung und Kleingarten" ericheint wochentäglich zweimal.Eonn- tags und Montags einmal. Telegramm-Adresse: �Sozloldematrat verlln" Abend-Ansgabe c vrov» Berlin 30 Pf, auswSrts 40 Pfennig D Berliner Volks» lilcM AnzeigcuvreiS: Die zehngeipalten, Nonvareillezetie lostet 7.— M,„kleine Anzeigen" da, ettgedruckte fflor 3,— iii. t zulässig zwei i ettgedruckte Worrel, iedes weitere Wori 1.50 M, Elellengcluche und Schlalstcllenanzeigen das erste Wort l 50 M„«des weitere Wort L— M. Wone iibci 15 Buchsladen zählen siir zwei Worte, ssamillen-An- zeigen rüt Abonnenten Zeile 4.— M Die Preise verliehen sich einschließlich Teuerungsmschlag, Anzeigen tiir dir nächite Nummer müssen bis 4� 2 Ahr nachmittags im Hauptgeschält, Berlin SW 63, Linden- ltraße 3. abgegeben werden Geöffnet von 9 Uhr irüh bis 5 Uhr abends. 2entralorgan cler fosialclemokratiscken Partei Veutfcklanäs Neüaktion unü Expedition: SW bS, Linöenstr. 3 Redaktion Morittplah lüliiS— ii? �erniprenirr. Morihplav il?«»—»k Tonnerstag, den Dezember 1921 Vonvärts-Verlag G.m.b.H., SW öS, Linüenstr. 3 D«»r»,knr>«ri,<»r- Verlag.<5'rvrdition und Inseraten- . Abteilung Morinplai» Il-Klt S4 �oucheurs Reife nach England. London, 8. Dezember. MTB.) Das Reulcrsche Bureau erfährt, daß bisher keine Entfcheidung vom Finanzausschuß des Kabinetts über die deutschen Reparationen erreicht worden ist. Eine weitere Zusammenkunft, deren Zeitpunkt noch nicht festgesetzt ist. wird stallfinden. L o u ch e u r wird mit hörne über die Frage der deutschen Reparationen im allgemeinen und im besonderen über die letzten Erörterungen zwischen den britischen Behörden und den deutschen Vertretern in London sprechen. Paris, 8. Dezember.(EE.) In einer Unterredung mit Marcel hutin vcm„Echo de Paris" erklärte Loucheur gestern, daß er in Lcndon hauptsächlich über das Wiesbadener Abkommen sprechen werde. Mit Robert Herne und Rathenau werde er Zu- sammenkünfte haben. Loucheur erklärte, daß er noch nicht wisse, ob er auch über das Moratorium und die bevorstehenden fälligen Zah- lungsn Deutschlands sprechen werde. Marcel Hutin glaubt, daß Loucheur wenigstens bis Sonnabend in London bleiben werde, doch könnte dieser Aufenthalt auch länger dauern. Von einer Ve- gcgnung zwischen Loucheur und Lloyd George sei einstweilen keine Rede. Paris. 7. Dezember.(WTV.) Dem„Jntransigcant" zufolge hat Ministerpräsident V r i a n d heute vormittag außer dem Minister Loucheur den Berliner Botschafter Laurent und den Vor- sitzenden der Reparationskcmmission Dubais empfangen und mit ihnen des längeren über die Finanzlage Deutschlands gesprochen. 5ran?re!ch für ein Moratorium! Paris. 8. Dezember.(EE.) Es hat den Anschein, als wollte Frankreich Oer Gewährung eines Mcratoriums an Deutschland kaum mehr ernstlichen Widerstand entgegensetzen. I les Saurrwein, dessen Bczichungen zu Briand bekannt sind, erklärt heute im„Matin", daß man Deutschland jedenfalls einen Zahl/ngsauf- schlib von drei, vier oder gar fünf Jahren gewähren würde unter der Bedingung, daß Frankreich durch eine Anleihe Dcuischlands die Summen erhalte, die ihm gemäß dem Londoner Abkommen zu- fließen würden. Soll'? Deutschland für die genannte Frist ein Mora- torium gewährt werden, so wäre es imstande, sein Aktivvermögen zu vermehren, und zwar dadurch, daß es innerhalb fünf Jahren seine .Handelsflotte wieder aufbauen könnte. Da inzwischen die Frachtraten in der ganzen Welt eindrcivicrtelmal erhöht wurden, würde Deutschland an Frachtspcscn eindrcivicrtclmal mehr auf- bringen als vor dem Kriege. Außerdem würden durch fremde R'isende viele auswärtigen Devisen nach Deutschland gebracht werden, die Deutschen könnten im Ausland Häuser, Fabriken erwerben, und Deutschlands Banken würden durch die Komm.isstonsgcbühren bei Dalutagcschäftcn grol e Einnahmen haben. Alle diese Einnahmen könnten sich innerhalb fünf Jahren so vermehren, daß viel für die Reparationszahlungen übrig bliebe. Doch müsse Deutschland auch eine Anleihe in ausländischen Devisen aufnehmen, die Erst Putschist, jetzt feige. E. K. Leipzig, 8. D-zember. Der Hochverrat wird von allen drei Angeklagten mit der Motivierung bestritten, daß der Putsch nicht die tLersassung habe ändern, sondern die von der Nationalversammlung ver- letzte Aer'assung babe wieder herstellen wollen. Merk- würdigerweise stellen weder der Vorsißcnde noch�der Oder- relchoanwallt die verlegene Behauptung ri''tig, daß vor Aus- bruch des Kapp-Vutsches ein verfassnngsvidriger Zustand ge- herrscht habe. Mit Nachdruck weist der Vorsitzende allerdings darauf hin, daß die Diktatur Kopps- ein ganz versassungs- widriges Mittel gewesen sei und an sich eine Versassungs- änderung bedeutet habe. Jagow gesteht das zu, sucht aber durch dan Zweck das Mittel zu heiligen. Schiele entwickelt krause juristische Theorien, um ein„R e ch t" des Generals v. Lüttwitz auf Einsetzung der Diktatur Kapp zu beweisen. v. Wangenheim interessiert das alles nicht, weil es nicht zur Lanl-wirtschast gehört. Er hält überhaupt aus Versehen statt einer Verteidigungsrede die eingelernte Agitationsrede für den Bund der Landwirte. Uebereinstimmend er- klären aber alle drei, daß sie die Sache eigentlich gar nichts angebt, denn sie seien an der Gewaltanwendung nicht bctei'iqt gewesen. Aber halt! Gewalt ist ia gar nicht norgekommen. Nach Herrn Schiele war der Zug der Brigade Ehrhardt nach Berlin nur ein„D e m o n st r a t i o n s z u g", wie ihn die Arbeiter auch veranstalten. Es bat also nicht nur keine Führer, es hat nicht mal einen Putsch gegeben. Alles ein großes Miß- nerständnis! Was wollten die barmlosen Kapp und Lüttwitz? Doch nur die Koalition auf breiter Grundlage! Mit Sozial- d mokraten im Kabinett! Wirklich zu freundlich. Der einzig Konsequente war der Oberfinanzrat Lang, der sich in die Büsche schlug, weil Kapp ihm die Sozialisten- und Iudenrcinheit der neuen Regierung garantieren wollte. In einem haben die Angeklagten freilich recht. Sie ge- von den Neutralen, den Amerikanern und den Alliierten im großen Maße gezeichnet werden dürfte. Damit aber diese Anleihe einen vollen Erfolg habe, müsse Deutschland ein Moratorium gewährt werden. Doch müsse man fordern, daß Deutschlands Geldeinnahmen für die Verzinsung und Tilgung dieser Anleihe verwendet werden. Endlich müßten die' ausländischen Zeichner dieser Anleihe fordern, daß das d e u t s ch e B u d g e t in Orhnunz gebracht und der B a n k- Notenumlauf vermindert werde. Gegen ein derartiges Mora- torium würde Frankreich nichts einzuwenden haben. Auf den Raturallieferungen würde Frankreich weiter bestehen, doch müsse es fordern, daß Deutschland eine innere Anleihe in Mark auflege, da- mit die deutschen I n d u st r i e l l e n, die Frankreich beliefern, vom Reich bezahlt werden. Die Zinanzreform in Oesterreich. Einstellung der Lebensmittelzuschüsse? Wien, 7. Dezember.(WTB.) Wie die„Reue Freie Presse" meldet, wird die Regierung am Freitag dem Nationalrat eine Dar- läge über die E i n st e l l u n g der st a a t l i ch e n Lebensmittel- Zuschüsse zugehen lasten. In parlamentarischen Kreisen verhehlt man sich die großen Schwierigkeiten nicht, die Mit der Lösung des großen Problems zusammenhängen, wenn auch grundsätzlich die Ansicht der Regierung geteilt wird, dcß der Abbau der staatlichen Subvcntionswirtschast unerläßlich ist. Große Gruppen innerhalb der Parteien vertreten jedoch den Standpunkt, daß eine Ueber- gangszcit und anderweitige Hilfsaktionen für die Minderbemittelten dabei notwendig sein werden. Garels' Möröer verhastet! München. 8. Dezember(Eigener Drahibcrichl.) Der Täler des pclilischen Mordes im Forstenricdcr Park und wahrscheinliche Mörder von Garcis, Schweig Hardt, wurde soeben im Ausland vei hastet und noch München übergesühet. Die Meldung, die vor kurzem aus Oesterreich kam, daß Schwclzhardt dar! ermorde! aus- gefunden worden sei. war ein ähnliches Manöver zur Pcrwiichnnz von Mörderspurcn, wie wir sie bei der Perlclguug der Mörder Ewbcrzers des öflercn wahrgenommen haben. Die Berhaslung Schwcizhardls bring! sicherlich Licht in die Mocdasiärc Garcis. Dollar 2SS. Während an der gestrigen New Porker Börse die Mark stark abgeschwächt war, setzte beute in Berlin im Verkehr zwischen den Banken der Dollar westn'lich höher ein als gestern. Es w-rden Kurse zwischen 215 und 217 genannt. Den offiziellen Verkehr eröflnete der Kurs mit 210 und ging im Verlauf der ersten Stunde auf etwa 200 zurück. hörten alle drei zu den von d�n Militärs von vornherein schief angesehenen und für ganz überflüssig erachteten „Z i v i l b e r r e n". Kapp w- rde bekanntlich am 17. März von den Mililars abgesetzt, weil diese in einem Gemisch von Angst und Größenwahn d'.e Sache nun ganz allein mach-en wollten. Die Kapp-Iagow-Schiele-Waugcnheim usw. haben erfahren müssen, daß auch die alldeutschen Zivilisten für den Leutnantsverstand doch eben nur Zivilisten, d. h. Menschen zweiter Klasse sind. Diese ihre Blamage ist der Humor der Sache. > � Wird die Verteidigung der Angeklagten d-rchschlogen? Bei aller Gewandtheit haben sich Iagow und Schiele starke i Vloößen gegeben. Wangenheim am wenigsten, weil er sich � in Bauernschlauheit dumm stellte. Manche ihrer Bebauptun- gen werden auch die Zeugenaussagen widerlegen. Sie stehen bevor. « Heute beginnen die Zeugenvernehmungen. Der erste Zeuge Fritz Grabowski. Angehöriger der Kavallerie- Schützendivision und stellvertretender Geschäftsführer der Nationalen Vereinigung, ist im Felde schwer belastet. Er I wird vorläufig unvereidigt vernommen. Zunächst wäscht er � die Nationale Vereinigung von der Anklage des Putschismus rein. Die Nationale Vereinigung hatte nur ideale Ziele. sie bestand eigentlich noch gar nicht. Grabowski gehört zu den reaktionären Typen, die krank im Bette lagen, aber plötzlich gesund wurden, als Kapp in der Reichs- kanstei saß. Am 1t). März sollte Grabowitzki verhaftet werden, natürlich weiß er nicht warum. Nach seiner Ansicht wollte Ehrhardt nur demonstrieren. Wenn die Negiening da- geblieben wäre, wäre gar nickits passiert. Nur weil gar keine Negierunq mehr bestand, hätte Ehrdardt mit Lüttwitz eine neue einsetzen müssen. Frage des Obersten Reichsanwalts: Und wie erklären Sie das Stelldichein der Kapp, Iagow usw. um S Ubr früh am Brandgnhurger Tor? Zeuge findet es nicht auffällig, er klammert sich an die Absicht, eine neue Re- gierung einzusetzen. i Heraus mit öen Steuerzetteln! Erfassung der Kriegs- und Ncvolutionsgcwinne in s Industrie und Handel! Vor kurzem las man in den Zeitungen, daß der Minister Hermes im Reichstag ankündigte, man werde nun energisch mit der Steuerveranlagung der Kriegs- und Revo- l u t i o u s g e w i n n e, die Industrie und Handel gemacht haben, beginnen. Man richte gegenwärtig Buch- und Be- triebsprüfungsstellen ein und habe für 1921 bereits 22 Mit- lionen und für 1922 59 Millionen für diese Zwecke ausge- worfen. Aus diesen Worten durfte man schließen, daß nun endlich Ernst gemacht werde; daß denjenigen Kreisen Deutschlands, die Geld schefselweise verdienten und verdienen, nun auch der Steuerzettel ins Haus.gebracht würde. Das hofften und begrüßten alle die Armen und Aermsten, die seit Jahr und Tag ehrlicher Arbeit obliegen und aus ihrem geringen Ver- dienst längst Steuer bezahlen, während die Kriegs- und Re- volutionsgewinnler bis zur Stunde noch nichts dem Staat geleistet haben. Was gar manche dieser Herrschaften in Bilanzverschleierung und Gewinnverstecken fertig bringen, das geht ins Äschgraue. Es wäre also nach Ansicht aller redlichen Menschen höchste Zeit, daß man nun endlich einmal die Bücher und Betriebe dieser selbstlosen Herrschaften gründlich prüfen würde. 22 Mil- lionen hat die Regierung für diesen Zweck bereits ausge- worfen, aber wo bleiben die Leistungen aus diesem Aufwand? Wo sind heute Buch- und Betriebsprüsungs- stellen eingerichtet? Wieviel Revisionen sind durch diese in 1921 vorgenommen worden? 1921 ist beinahe zu Ende! Es i nd fachkundige, durch jahrzehntelange praktische Arbeit erfabrene tüchtige Leute bereit, auf den Wink der Regierung die Prüfungen und Revisionen als Reichsbeamte vorzunehmen. Man stellt sie aber nicht ein. Wanim nicht? Mit ihnen könnten die Revisionen sofort beginnen. Warum läßt man sie nicht arbeiten, wo das Reih das Geld so nötig bat? Man will doch nicht etwa gar die Eeldbarone schonen! Und wofür sind denn nun eigentlich die 22 Millionen in 1921 verwendet worden? Vielleicht bringt ein Artikel in Nr. 19 vom 22. November 1921 der„Zeitschrift süddeutscher Finanzbe- a m t e n" Aufklärung dieser Frage. Er bringt einen Erlaß des Reichsministers der Finanzen vom 17. Oktober 1921 unter Nr. IVa 539/1 Ii 69 897 Hstr. betreffend Ausbildung von Beamten der Neichsfinanzverwal- tung für den Buch- und Betriebsprüfungsdienft. Dieser Erlaß fordert akademisch gebildete Beam'e der Reichsfinanzverwaltung auf, an einem sünfmonatlichen A u s- b i l d u n g s k u r s u s zu obigem Zweck teilzunehmen. Der Ausbildungslehrgang soll umfassen: 1. Die wissenschaftlichen und rechtlichen Grundlagen der Buä'' führung und Buchführungspraxis. 2. Bilanzkunde und Bilonzkritik. 3. Die Buch- und Betriebsprüfung in der Landwirtschast. 4. Die Beziehungen zwischen Buchführung und Steucrveran- lagung. 5. Seminaristische Uebungen unter besonderer Berücksichtigung der Revisionstcchnik> Dann wird weiter verfügt, daß auch L e h r k u r s e für die mittleren Beamten der Reichsfinanzverwaltung einge- richtet werden, und daß d'efe Kurse zirka 3 Wochen dauern sollten. Es soll ungefähr ein Zehntel aller mittleren Beamten daran teilnehmen. Unterzeichnet ist diese Terfllgung mit dem Namen Nauch. Der Artikelschreiber empfindet es schwer, keine Satire zu dieser Verfügung schreiben zu dürfen, und man muß ihm recht geben, denn 1. ist es sonderbar, daß Akademiker 5 Monate und mittlere Bamte nur 3 Wochen lernen sollen; 2. sind alle Finanzbeamten zurzeit so außerordentlich durch ihren Dienst in Anspruch ge.n.mmen, daß man sich fragen muß, wie man eine so große Anzahl auf Wochen und Monate hinaus ent- behren zu können glauben mag. Doch wir wollen davon absehen, uns mit diesen Fragen zu befassen. Um was es sich für uns handelt, dos ist die Tat- fache, daß man gegen Ende 1921 verfügt, Beamte sollen Buch- fübrung lernen, um nachher die Buchrevisionen vormnebmen. So weit ist man also bis heute glucklich ge- k o m men. daß man nun Leute ausbilden lassen will, anstatt nun endlich, endlich einmal mit d»?» Revisionen zu beginnen! Sind für diesen Zweck also die 22 Millionen ausge- worfen worden, wo doch Fachmänner da find, die nicht mehr zu lernen brauchen, die im Gegenteil alle Kniffe und Pfiffe einer bochwobllöblichen Finanz- und Gefchästswelt kennen und sich kein T für ein U vormachen lasien werden? Warum stellt man de"n diese Leute nicht an; warum läßt man diese erprobten Männer nicht schon heute arbeiten? Man schicke aber setzt doch nicht Beamte in eine Schnell- bleiche und warte doch nicht noch einmal Monate, bis man dann diese noch halben Lehrlinge im Buchholtungswesen den gerissenen Jndustriebaronen und Pfeffcrsäckcn gegenüber- stellt. Sie werden gegen Windmühlen kämpfen! Denn was man gegen die schlauen, erfahrenen und raffinierlen Geldherren auftreten lassen will, das dürfen keine, wenn auch noch so achtenswerten und fleißigen Finanzbeamten sein, well sie eben naturgemäß doch nur Anfänger, Neulinge ohne Er- fahrung n der Buchführung sein können. Hier muß man Hau- d e g e n senden, die sich in jahrzehntelanger Arbeit als Chef- buchhälter, Organisatoren, Direktoren in großen kaufmänni- schen Betrieben Erfahrung und Wissen gesammelt haben, die durch keinen Lehrgang, und wenn er selbst ein paar Wochen oder Monate dauert, ersetzt werden können. Mit einem Wort gesagt: man muß Männer senden, die auf diesem Gebiete gleichwertige geistige Waffen besitzen, wie diejenigen sind, gegen die sie aufkommen und siegen sollen. Und noch ein-: man bezahle sie gut, denn das Groß- kapital scheut kein Mittel, solche Kräfte zu sich herüberzuziehen und so aus dem geistigen Gegner sich die tüchtigsten Mir- arbeiter zu gewinnen. Man setze aber auch diesen Männern, die in verantwor- tungsvollen Stellungen mit Weitblick und Energie Millionen- interessen vertreten haben und die durchweg reiferen Lebens- altern angehören werden, keinen Negierungsrat als Borge- setzten hin, glaubend, daß nach altem Muster alles Heil nur vom Akademiker kommen könne. Man überlasse ihnen viel- mehr die volle Verantwortung und gebe ihnen volle Bewegungsfreiheit für den Buchprüfungstell. Es ist selbst- verständlich, daß ihnen ein höherer Finanzbeamter beigegeben wird, aber nicht als Vorgesetzter, sondern als Gleichberechtigter, der aber nur den steuertechnischen Teil zu erledigen hat. Man gehe einmal von der alten Gepflogenheit ab, daß der Aka- dcmiker immer über dem„Janzen" schweben muß, und nehme sich die Großindustrie zum Beispiel, die den Juristen als Be- rater beizieht. Herr Neichsminister der Finanzen! Greifen Sie einmal mit eiserner Faust ins Getriebe und sorgen Sie, daß dieses Mal der Gaul nicht von hinten aufgezäumt wird. Es wäre schade um die vielen Milliarden, die durch unrichtige Maßnahmen hier gerade dem Reich verloren gehen könnten und würden. Stellen Sie sofort die Tüchtigsten und im Charakter ab- solut Tadellosen, die Buchführung seit Iahren voll und ganz treiben und beherrschen, an und sorgen Sie dafür, daß mit dem 1. Januar 1922 die Buchprüfungen auch tatsächlich beginnen. Tun Sie das und placken Sie Ihre Beamten neben all den neuen Erlassen, die den Kopf brummen machen, nicht auch noch mit einer Weisheit, die doch nur Firniß wer- den wird, muß, die in dieser. Ausbildungszeit nie aber in Fleisch und Blut übergehen kann. Die Beamten werden bei größter Intelligenz und größtem Fleiß der vieljährigen Er- fahrung entbehren, die durch nichts anderes zu ersetzen ist. Sie werden Anfänger sein und Handels- und Industrie- kreise werden sich gegenseitig im Stillen beglückwünschen, daß man ihnen nur Anfänger auf den Hals schickt. Lassen Sie den frischen Gegenwartswind einmal in diese � neuen Stellen hineinblasen, selbst auf die Gefahr hin, daß reaktionäre Geheimräte und Schlotbarone einen Sck>mivfen davon bekommen._ Kampf um Strefemann. Stresemann hat auch in Stuttgart aus dem Parteitag der Deutschen Volkspartej die Rechtsopposition, nicht ganz niederringen können. Sie scheint jetzt aus Rück- sicht auf chre deutschnationalen Freunde gegen ihn � eine Mine gelegt zu haben. Stresemann, so wird berichtet, soll„aus Prestigegründen" den Lorsitz in der Reichstags- fraktion niederlegen und sich mit dem Vorsitz in der Partei begnügen. Diese Meldung wird von Ripplers neuer „Zeit" entrüstet als völlig aus der Luft gegriffen zurück- gewiesen. Dann wird aber noch mitgeteilt, daß die Fraktion der Deutschen Volkspartei heute über acht Tage zu einer Sitzung zusammentreten wird, in der die politische Lage im Anschluß an den Stuttgarter Parteitag erörtert werden soll! Es scheint also doch eine„Aussprache" notwendig zu sein. Unabhängige„Stinnes-Leute.� Die Unabhängigen zur Umsatzsteuer. Die„Rote Fahne" platzt, wie das bei ihr so üblich ist, auch heute wieder aus Wut darüber, daß sich einzelne USP.-iltührer erlauben, eine andere Meinung zu haben, als sie für richtig hält. Im 11. Ausschuß des Reichstages ist, wie wir gestern berichteten, die Umsatzsteuer durchberaten worden. Dabei haben sich die Unabhängigen ebenso wie unsere Genossen auf den durchaus richtigen Standpunkt gestellt, daß sie sich ihre endgültige Stellungnahme vorbehalten müßten, sie würde im besonderen davon abhängig sein, welche Opfer die Besitzenden durch entsprechende Steuern zu bringen gedächten. Diese Selbstverständlichkeit verwandelt die„Rote Fahne" durch ge- waltigen Aufwand von Druckerschwärze in einen Bericht, aus dem hervorgeht, daß die Kommunisten wieder einmal den Gral des reinen Sozialismus allein beschützen mußten. Nach dem Bericht der„Roten Fahne" erklärte der Unabhängige Dr. Breitscheid, die grundsätzliche Auffassung seiner Partei j habe sich nicht geändert, aber sie verzichteten auf Agitations-\ reden im Ausschuß. Die Unabhängigen bekennen sich nicht zu dem Prinzip alles oder nichts. Wenn es nicht gelinge, den bis- herigen Steuersatz beizubehalten, würden sie für den Antrag seiner Beschränkung auf 2 Proz. stimmen. Der Unabhängige Dr. Hertz meinte, die Annahme des Antrages der Kommunisten würde nur das Budgetdefizit ver- größern und dadurch die Kaufkraft der Mark weiter schwächen. Die Preise würden dieselben bleiben wie bisher. Der kom- muniftische Antrag laufe deshalb auf ein IV-Milliardengeschenk! an die Kapitalisten hinaus. Die Unabhängigen könnten daher nicht für den kommunistischen Antrag stimmen. Wegen deser vernünftigen Beurteilung sind die Unabhän- gigen jetzt— Erhalter des Stinnes-Staates. Ein Wirtschaftsabkommen mit portußal. Zwischen Deutschland und Portugal ist ein W i r t s ch a f t s- abkommen zustandegckommen. Die Anknüpfung diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Portugal liegt nun ungefähr ein Jahr zurück. Der Abschluß eines Wirtschaftsabkommens war mehrfach stark behindert durch den ständigen Wechsel der portu- giesischen Regierungen: auch der letzte innerpolitische Umschwung vor einigen Wochen machte sich nochmals störend bemerkbar. Andererseits drängte die öffentliche Meinung Portugals immer mehr auf Wiederaufnahme der wirtschaftlichen und politischen Be» Ziehungen mit Deutschland.- Leider war es bisher noch nicht mög- lich, den gesamten liquidierten deutschen Besitz zurückzuerhalten: doch hofft man deutscherseits, auch dieses wirtschaftliche Ziel noch zu erreichen. Portugal ist das erste Land, das Deutschland die volle uneingeschränkte Meistbegünstigung gv- währt. Auch von besonderen Balutazuschlägen, die zu b»- fürchten waren, ist der deutsche Export dadurch verschont. Als Gegengabe für das für Deutschland günstige Abkommen mußten wir uns verpflichten, eine gewisse Menge portugiesischer Spezialweine nach Deutschland hereinzulassen: doch ist dkft Menge beträchtlich geringer als vor dem Kriege. LNünchens USP. für Koalition. München, 8. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Die gestrige Mitgliederversammlung der UTP. Münchens, die sich mit dem Parteitag beschäftigte, hat einen ganz anderen Verlauf genommen als die Versammlung der USP. Berlins. Der mit lebhaftem Beifall aufgenommene Grundgedanke war: Einigung der demokratischen � Arbeiterschaft, Teilnahme an der Regierungsgewalt mit bürge r-� lichen re ublikanischen Parteien. Der Referent des i Abends führte aus: Zentralkomitee und Reichstagsfraktion müßten I die Möglichkeit erhalten, auch mit bürgerlichen Parteien, die dem Monarchismus ablehnend gegenüberstehen, eine Regierung zu bil-! den, in der die sozialstsichen Parteien entscheidenden Einfluß haben. Er wies auf das Verhalten der österreichischen Genossen hin. Das Leipziger Programm sei eine Eintagsfliege, nur zu erklären aus der Situation, in der«s entstanden ist. Die Partei müsse aus dem Theoretisiercn herauskommen. Der Parteitag müsse als seine wich- tigste Aufgabe die Schaffung einer einheitlichen Internationale ansehen. Die Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall auf- genommen. Das Münchener Organ der USP., die„Morgenpost", trägt dieser neuen Parole der bayerischen USP. bereits Rechnung und schreibt: „Der Parteitag muß ein Schritt vorwärts auf dem Wege sein, der deutschen Arbeiterschaft den Einfluß aus die kommenden politi- schen Entscheidungen zu oerschasfen, welche der Stärke ihrer Klassen- organisationen und ihrer Bedeutung in der Produktion entspricht. Es muß Aufgabe des Parteitags sein, der Gesamtheit der Parteige- nossen klarzumachen, daß wir unterscheiden zwischen Agitation und praktischer Politik. Es kommt jedoch darauf an, nicht enge Partei- Politik, sondern Klassenpolitik zu treiben. Die USP. wird ihrer wichtigen Misston nur gerecht werden, wenn ste den ersten Schritt tut zu dem Ziele, das olle deutschen Proletarier ersehnen: d i e Einigung der deutschen Arbeiterklasse. Selbst wenn! politische und sonstige Schwierigkeiten einer organisatorischen Eini- gung im Wege stehen, so vermögen wir nicht einzusehen, warum nicht in allen praktischen politischen Fragen ein Zusammenarbeiten der einzelnen Fraktionen Platz greisen soll. Frankreichs Schützling. Paris, 7. Dezember.(WTB.) Die Agence Haoas meldet aus Koblenz: Die Rheinlandkommission, die sofort nach der Verhaftung Smeets benachrichtigt wurde, hat unverzüglich beschlossen, die Fortführung des Beschuldigten aus dem Rheinland zu u n t e r s a g c n. Sie hat außerdem die zuständigen beut- schen Behörden aufgefordert, ihr in kürzester Frist genaue Nachrichten über die Gründe und die näheren Umstände der Verhaftung zugehen zu lassen. Die Ergebnisse der Untersuchung werden demnächst be- kanntgegeben werden. Paris, 7. Dezember.(Haoas.) B r i a n d hat heute an Maurice Barrcs als Antwort auf dessen gestriges Schreiben einen Brief ge- richtet, in dem er sagt, daß ihm der Zwischenfall mit Smeets sogleich vom französischen Oberkommissar Tirard mitgeteil. worden sei und daß er eine Entscheidung der Rheinlandkommissioa veranlaßt habe, um zu verhindern, daß Smeets durch die deutschen Behörden in das nichtbesetzte Gebiet gebracht werde. Der Minister- Präsident erklärt in seinem Brief weiter, daß er sich über diese An gelegenheit mit Tirard unterhalten und ihn beauftragt habe, die Rheinlandkommission auf den politischen Charakter dieser Ver Haftung hinzuweisen und die Freilassung Smeets zu veranlassen. Im Falle, daß der französische Standpunkt Schwierigkeiten begegnen würde, wäre die Frage vor die interalliierten Regie- rungen zu bringen. Rußlanös Hungersnot. Genf, 7. Dezember.(WTB.) Das Oberkommissariat des Jnier- nationalen Hilfsausschusses für das hungernde Rußland teilt mit: Dr. Nansen hat bei seiner Abreise von Saratow nach Samara dem Obcrkommissariat folgende Mitteilung zukommen lassen: Ich bin soeben durch die Gegend von Saratow gereist. Die Lage ist sehr ernst und wird von Tag zu Tag schlimmer infolge dc: zunehmenden Verbrauches aller vorhandenen Vorräte. Trotzdem hat die Internationale Vereinigung für Kinderhilfe unter vorzüg licher Leitung von Mr. Webster hervorragende Arbeit geleistet und große Erfolge erzielt wie auch die American Relief Administration Noch vor wenigen Wochen zählte man in Saratow dreißig bis vierzig Todesfälle am Tag. In den Kinder- und Flüch! lingsheimen ist aber dank unserer Küchen die Sterblichkeit gegenwärtig auf 2 bis 3 Todesfälle gesunken. In Iekaterinoslaw ist die Lage schlimmer. Ich rechne auf sofortige Hilfe in großem Maßstabe, anderenfalls wird die Lage ver- hängnisvoll werden. Ueberall sind die Bahnhöfe voll von Unglück- lichen. Der Transport von Lebensmitteln von den Eisenbahn stationen ist bis jetzt mit Hilfe von Lastwagen und Pferden möglich, aber die Hilfe muß möglichst rasch erfolgen, da der kommende Schnee den Transport durch Pferde bald unmöglich machen wird. Wöhrend eines Reisetages habe ich an der Straße vier- zehn tote Pferde gesehen. GZückliche Crben. Von John Schikowski. Für einen Maler gibt es keine angenehmere Situation, als wenn seine Bilder„von der Staffelei weg" verkauft werden. Für die Mehrzahl der Kunstfreund« aber hat diese Situation den Nach» teil, daß man von der gegenwärtig fortschreitenden Entwicklung gerade der bedeutendsten heute schaffenden Künstler nur schwer einen Begriff bekommt. Einiges gelangt in öjsentliche Galerien, das weit- aus meiste aber geht direkt aus dem Atelier in Prioatsammiungen oder in die Magazine der Kunsthändler über. Das große Publikum bekommt fast nichts davon zu sehen. Diesem Uebelstandz ein wenig abzuhelfen, ist jetzt die rührige Direktion der Nationalgalerie bestrebt, indem sie in den Räumen des K r o n p r i n z e n p a l a i s von Zeit zu Zeit die jeweils „neuesten Ernten" berühmter zeitgenössischer Künstler der Oeffent- lichkeit zugänglich machen will. Sie beginnt die Serie mit Max Pech ste in, von dem sie 26 Gemälde, die alle im Laufe des letzten Jahres entstanden und alle bereits in festen Händen sind, zur Aus- ftsllung bringt. Zum Vergleich dienen 7 Arbeiten, die aus den Jahren 1919 und 1829 stammen und von einem Berliner Privatsammler hergeliehen sind, sowie die 3 älteren Werke, die zum Besitz der Galerie gehören. Wenn man bedenkt, daß diese 26 Gemälde nur eine Auswahl der jüngsten Iahresernte bedeuten, so wird man über die Fruchtbarkeit des Künstlers erstaunen, und das Erstaunen wandelt sich in Bewunderung, wenn ein tieferes Eingehen auf die einzelnen Werke uns zeigt, daß diese quantitativ enorme Leistung frei von jeder Schablone und frei von allen Mitteln einer wohlfeilen Effektmache ist. Ein Streben nach großzügiger Gesamtwirkung, nach monumentaler Schlichtheit, nach Vereinfachung und Vertiefung des linearen und koloristischen Ausdrucks tritt von Jahr zu Jahr deut- licher hervor. Wer Pechsteins jüngste Entwicklungsphasen nur von den großen Ausstellungen der letzten Jahre her kennt, wo scheinbar eine gewisse Flüchtigkeit und Verslachung zutage trat, der streckt die kriti'chcn Waffen angesichts des Wunders dieser Elite-Kollektion. Em Wunder? Die Produktivität Pcchfteins erscheint fast übernatürlich, wenn man sie mit der Leistungsfähigkeit anderer großer Künstler unserer Zeit vergleicht. Aber sie findet ihre Erklärung schließlich doch in dem Umstände, daß Pechstain nie zu den Suchern und Pfadbereitern der zeitgenössischen Malerei gehörte, sondern seine immense natürliche Kraft von vornherein zielsicher in den Dienst einer Richtung stellte, die von anderen bereits vorgezeichnet war. Er ist der vollendete Typus des Glücklichen, der das, was er von seinen Vätern ererbt hatte, selbsttätig zu erwerben wuß's, um es zu besitzen, zu vervollkommnen und in seiner Art zum Gipfel der Vollen- dung zu führen. In dieser Hinsicht steht er auf derselben Linie mit dem Pari'er Henri Matisse, von dem die Galerie Fl« ch t- heim(Lützowufer 13) gegenwärtig«ine qualitativ nicht gerade hervorragende, aber wegen ihrer Reichhaltigkeit sehr instruktive Aus- stellung zeigt. Auch Matisse gehört zu den glücklichen Erben, die den Bau, zu dem Gauguin und andere in heißem Mühen die Funda- mente legten, mit leichter Hand unter Dach bringen. Aber während Pechsteins Schaffen durch urwüchsige persönliche Kraft und elemen- tare Empfindungstiefe ihre Eigenort erhält, besteht der Reiz des Franzosen wesentlich in feinster Geschmackskultur und vollendetem I)andw«rklich«n Können. Man könnte Matisse einen genialen An- streicher nennen. Jedes seiner Gemälde fesselt das Auge, bezaubert die Sinn«, ist ein Schmuckstück von auserlesener Kostbarkeit— weiter aber nichts. Pechstein ist ein kraftvoller Taucher, der aus dunklen seelischen Tiefen wunderbare fremdartige Perlen ans Tageslicht hebt, Matisse ein eleganter Schwimmer, dessen Künste Bewunderung er- regen, der aber stets an der Oberfläche sich hält. Der Zufall fügt es, daß zu den beiden glücklichen Erben sich auch ein Stammhalter der neuen Kunst gesellt: Paul Cezanne, von dem bei C a s s I r« r, Vittoriastr. 3Z, eine ganz vortresfliche, leide? nur kurze Zeit wöhrende Ausstellung zu sehen ist. Das war der Mann, in dem das seit Jahrhunderten verloren gegangen« Gefühl wieder zu dämmern begann: nicht nur die organische Schönheit der im Naturbilde sichtbaren Linien und Farben, sondern auch die ab- strakte Gesetzmäßigkeit des Unorganischen, des Würfels, des Zylinders, der Pyramide, und Farbenklänge, die in der Natur nicht zu finden sind, haben als Elemente der künstlerischen Wirkung ihr Recht. Und er bemühte sich nun, abgesch'assen vom Kunsttreiben seiner Tage, den einheitlichen Zusammenschluß der beiden Faktoren„Naturbild" und„Komposition"(d. b. reiner rhythmischer Aufbau der Linien und Farben) in seinen Gemälden lebendig werden zu lassen. Jedes seiner Werke ist ein schweres Ringen, jedes seiner Meisterwerke eine ge- wonnene Schlacht. Cezanne wurde als Mensch zum Einsiedler und querköpfigen Sonderling. Solange er lebte, fand er keinen Massen- absatz seiner Arbeiten wie Pechstein, und er hatte keine begeisterten Schüler und Nachahmer wie Matisse. Aber in der Geschichte der Kunst strahlt sein Name höher und Heller, und was die Zeitgenossen ihm schuldig blieben, wird die Nachwelt ihm tausendfältig ersetzen. Gemeinsame Erziehung der Geschlechter. In dem von dem Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hcrauszs- aebenen„Zsntralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltunz in Preußen" schlägt der Berliner Schulreformer Dr. Erich Witte für olle Schulen die gemeinschaftliche Erziehung der Geschlechter vor, die in den meisten Staaten von Nordamerika und in verschiedenen anderen Ländern, an den Volksschulen der kleineren Orte auch in Preußen längst eingeführt sei. Nur so fei es möglich, die Kinder besser nach ihrer Begabung, ihrer Neigung'und ihren Leistungen zu gruppieren, mehrere kleine Schulen zu einer großen zu vereinigen und dadurch oft die Schulunterhaliungskosten zu verringern. Wegen der seelischen Verschiedenheit der Knaben und der Mädchen sei die gegenseitige Einwirkung aufeinander sehr günstig: die Mädchen, die früher ein größeres Taktgefühl erwerben, könnten auf die wilden Knaben einen erzieherischen Emfluß ausüben. Sittliche Bedenken könnten nicht gegen die gemeinsame Erziehung geltend gemacht werden, denn durch das tägliche Zusammensein der Knaben und der Mädchen würde der körperliche R-iz abgestumpft. Die Einführung der gemeinschaftlichen Erziehung an allen Schulen habe auch zur notwendigen Folge, daß an denselben sowohl Lehrer als auch Lehre- rinnen zu unterrichten hätten. Mit dem Artikel 128 der Reichsver- fassung, wonach alle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Be- amte zu beseitigen wären, sei es nicht vereinbar, daß jetzt an den höheren preußischen Mädchenschulen mindestens der dritte Teil der Stunden durch Lehrer gegeben werden müßte, aber an den höheren preußischen Knabenschulen Lehrerinnen überhaupt nicht angestellt würden, daß, von wenigen Ausnahmen abgeseben, die Öffentlichen Schulen, auch die Mädchenschulen, unter männlicher Leitung ständen. Ausgrabung des Hauses des Kadmus. Im griechischen Theben hat Dr. Keramopoullos die Ausgrabung des sogenannten Hauses des Kadmus beendet. Es hat sich ergeben, daß es aus zwei Perioden stammt. Die ältere Periode, etwa 1699 bis 1499 v. Chr., schuf die schönen Wandgemälde, die sich vor einigen Jahren fanden, ein Fries modisch gekleideter Mädchen, die einen mit Blumen, andere mit Vasen und mit kleinen Elfenbeinkästen. Die jüngere Periode, unge- fähr 1199 bis 1199 v. Chr., schuf die sehr zerstörten Schatzkammern, welche jetzt ergraben worden sind. In ihnen fand Keramopoullos Vasen, darunter etwa 39 mit Inschriften in derselben Schriftfcrm, die Arthur Evans auf Kreta in Knossos gesunden hat. Einig- dieser Inschriften bestehen nur aus 4 Buchstaben, andere aus 19 oder 12. Sie sind symmetrisch angeordnet und nehmen aus den Schmuck der Vasen Nucksicht. Nun gibt es eine alte Legende, daß Kadmus das Alphabet in Griechenland eingeführt hat, und es ist von besonderem Interesse, hier nun diejenige Schrift kennen zu lernen, die in Theben vielleicht in der Zeit des Kadmus in Gebrauch war. Die neuen thebanischen Inschriften ähneln denjenigen, die sich früher in den anderen alten Burgen des griechischen Festlandes gefunden Hab-'', und nicht der kretischen Schrift, von der diese abgeleitet sind. Der Fund ist jedenfalls der bedeutsamste, der sich für die Ursprungszeir..! der griechischen Kultur seit langem ergeben hat, und seine Enträtsc- lung wird gewiß die Philologen der ganzen Welt fesseln. Ein Reklam-Hest 1ZZ kroneni Die„Wiener Arbeiterzeitung" schreibt: Vor dem Kriege konnte man ein Reklcm-Büchlein bc- kgnntlich für 29 Heller kaufen. Aber noch vor kurzer Zeit erhielt man es für 48 Kronen. Der Verleger hat es mit 1 M. gerechnet. Nun haben die Verleger am 1. Dezember den Preis auf 2,59 M. erhöht. Der Luchhändlsr rechnet die Mark mit 49 Kronen, was schon einen Preis von 199 Kronen ergibt. Dazu kommt noch ein Ortszuschlag von 33 Proz., den die Buchhändler neben dem Rabatt, den ihnen der Verleger gibt, erheben. In Wirklichkeit machen aber die Buchhändler noch viel bessere Geschäfte. Haben doch viele von ihnen tausende Heftchen schon Jahre, ja aus der Friedenszeit her auf dem Lager. Diese Preiserhöhun- gen. die es nachg-rad« unmöglich machen, ein Buch zu kaufen, sind eine Quelle der Bereicherung für die Buchhändler, die aber ihren Angestellten noch immer die schlechtesten Löhne zahlen. Teutscbes LpernhauS. Morgen, Frei'ag»irb»B o S 3 m c � zum zweiten Male wieverholt. Bei dieler Kelegenbeit fingt Elle d'Heurcule zum eilten Male die Mimi, Bernhard Bötet den Rudolf, FaqueS Bitl den Rare: il. ZIdoll Schöpllin den Collln. Dirigent: Ignatz Waghalter. Anfaiig der Vorstellung 7'/« Uhr. Die Juryfreie Kunstschau im Moabiter LandeSauSNellungsgebäurc wird um lammenden Sonnlag g e j ch l o l s e n. Ihr wirtfchastlichci Ettolg war sehr ersreutich; es wurden bisher Kunstwerke für über 209(XX) Mark verlauft. Das �rbeitsnachweisgesetz. In der heutigen Sitzung des Vorläufigen Reichswirtfchastsrats wurde die Beratung des Entwurfs eines Arbeitsnachweis- g e s e tz e s fortgesetzt. Beckmann(Gewcrkschaftsbund der Angestellten): Die Angestellten- fchaft kann dem Gesetz nur unter wesentlichen, die Interessen der Angestellten berücksichtigenden Aenderungen zustimmen. Unsere Anträge bezwecken die Schaffung einer Zentrale für Angestelltenvermittlung beim Reichsarbeitsamt, der alle Fachabteilungen bei den Landesämtern und in den einzelnen Orten unterstellt werden. Lei Ablehnung dieses Antrages müssen wir uns eine neue Stellungnahme vorbehalten. Ucko(Zentralverband der Angestellten): Wir sind unbedingt für dieBeibehaltungderLandesarbeitsämter. Sie sind zwar schlecht verteilt, aber wir müssen sie�eben nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten verteilen, nicht nach den früheren Generalkommando» rücksichten. Die große Masse der Angestellten wünscht gar nicht, aus dem Gesetz herauszubleiben. Die privaten Arbeitsver» mittlungen können ja dann eben ruhig bestehen bleiben. Selbst. verständlich wollen wir den Arbeitgebern die Auswahl unter den angebotenen Arbeitskräften überlassen. Wir wünschen, daß das Ge» fetz nicht wieder künstlich Differenzen schafft. Nachdem sich für den Deutschnationalen �andlungsgehilfenver» band chavermann dafür ausgesprochen hatte, daß die Anqestell- ten nicht in das Arbcitsnachwcisgesetz einbezogen werden sollten, wies ein Vertreter des Reicksarbeitsmini st eriums dar» auf bin, daß in allen anderen Ländern, außer der Tschechoslowakei und Ltalien, die Angestellten unter die öfientliche Arbeitsvermittlung fallen. Die Kosten der Durckführung des Arbeitsnach- weisgeietzes würden insgesamt ISl) Millionen Mark jährlich betragen, die Kosten der Landcsorbcitsämter würden davon nur 16 Millionen in Anspruch nehmen. Die Landesarbeitsämter sind unent» bchrlich, denn wir müssen in der nächsten Zeit mit großen Umschichlungen der Arbeiterschaft rechnen und dazu ist der zwischenörtliche Ausgleich notwendig. Der Entwurf der Arbeitslosenversicherung bat in der letzten Zeit gute Fortschritte geweckt und den Beifall der Interessenten ge- funden. Er wird Anfang nächsten Jahres dem Reichswirtschaftsrat vorgelegt werden können. Die Arbeitslosenversicherung ist nur mög- lich bei einem guten Funktionieren der Arbeitsnachweise. Riedel vom Transportarbeitervcrband: Wenn die Arbeits- losenversickcrung im großen Umfange vereinheitlicht werden soll, dann dür'en so große Gruppen wie die Angestellten nicht außer acht gelassen werden. Die bestehenden Arbeitsnackweise werden ja an die amtlichen Organisationen angeschlossen und können wie bisber weiter arbeiten. Desbalb möchte ich den Wunsch aussvrecken, daß sich die Angestellten auf den Boden des Gesetzent- wvrfes stellen. Sie erhalten Freiheit genug, um sich weiter zu be> tätigen. Kommerzienrat Ephraim geht noch einmal auf die Kosten- frag? ein und bezweifelt, daß die voraesebenen Beiträge die Kosten der Aemter decken. Er spricht ebenfalls für die Ausschaltung der Angestellten aus dem Gesetzentwurf. Demgegenüber weist der Vertreter des Arbeitsministe- r i u m s darauf hin, daß schon jetzt der arößte Teil der Arbeitsver- mittlung der Angestellten durch die öffentlichen Arbeitsnachweise ver- sehen wird. Damit schließt die allgemeine Aussprache. Englanös Verftänüigung mit?rlanü. London. 8. Dezember.(EE.) Der Vertrag von Irland wird in der Form von Entschließungen dem Parlament am nächsten Witt- woch vorgelegt wcrden, und zwar im Unterhaus von Lloyd George. im Oberhaus von Lord Birkcnhead. Eine Opposition wird im Unterhause wohl mir von den 50 inlransigenten Unioniste» ausgehen, die noch immer überzeugt sind, baß man Irland hätte mit Gewalt Niederwerrn können. Alan betrachtet es in London als Möglich, daß die Sinnfein-Abgeordneten, di« bisher nie im Unterhause erschienen waren, zum ersten und einzigen Male der Sitzung am nächsten Mittwoch beiwohnen könnten. Das eigentlich« Gesetz, das den Frieden mit Irland zum Abschluß bringt, dürste wohl erst im Monat März vom Unterhauj« beraten werden. Die gegen- wärligs Session wird nur einig« Tage dauern. Heute mittag findet eine Sitzung des Dail Eireann statt. Devclera drang darauf, daß alle Minister und Abgeordneten an« wesend sein, um endgültige Beschlüsse fassen zu können. Die An- nahm« der Friedeneoorschläge durch den Dail Eireann ist gewiß. Natürlich vxrden die Extremisten dagegen ankämpfen, di« groß« Mehrheit wird jedoch di« in London gefaßten Beschlüsse ratifizieren. Vom militärischen und konstitutionellen Stand- punkt aus wirft die Bildung des Freistaates Irland eine Reihe von Problemen auf. Die englische Bcsatzungsarmee wird Irland sehr bald verlassen. Die irische Arme« wird dann, da ihr« Stärke der der englischen proportionell sein soll, 20 060 Mann betragen. Was di« zahlreichen englischen Beamlen anbelangt, d!« sich in Irland befinden, so werden ste aus Kosten Irlands pensioniert, alle mittel- alterlichen Hofämter wie Königliche Waffenträger, Scneschalls, Erb- Mundschenken, Hosärzte und Barbiers u. a. werden künftig in Fort- fall kommen. James Craig teilt« dem Parlament von Ulster seine Ab- ficht mit, sich heute noch London u begeben. Ulster hat wegen der neuen Vorschläge noch keine Beschlüsse gesaßt. Bezüglich der Rede Lord Birkenheads in Birmingham verständigte James Craig die englischen iMnister, man möge das loyale Ulster nicht aufregen und keine solchen Worte aussprechen, wie sie Lord Birkenhead in Birmingham äußerte. Der Vizepräsident der Sinnfeiner, Arthur Grifsith, teilte gestern abend mit, daß im Laufe von Besprechungen, die er mit Bcrtretern der Unionisten von Südirland halte, die Abfassung eines Projektes versprochen wurde, wonach den U n i o n t st c n ihr voller Anteil an der Bertretung ihrer Partei im irischen Parlament zugesichert werden soll. Lloyd George teilte endgültig mit, daß er Washington im Aerlauf der Sitzungsdauer der Konferenz nicht mehr besuchen werde. London, 8. Dezember.(MTB.)„Times",„Daily News" und „Daily Expreß" rechnen mit der Möglichkeit baldiger Neu- wählen, möglicherweise im Februar nächsten Jahres. Der Näöchenmorö in Kleppelsüorf. Hirschberg, 7. Dezember. In der heutigen unter Ausschluß der Oeffenilichkeit geführten Verhandlung bestritt Grupen entschieden, das ihm zur Last gelegte Sittlichkeitsverbrcchcn an feiner Tochter Ursula Schade begangen zu haben. Es wurden dann Grupens Ber- Mögensverhältnisse behandelt. In der Beweisausnahm« wird als erste Zeugin die Erzieherin'»er ermordeten Dorothea Rohrbeck Berta Zahn vernommen, die stch im besonderen über d« knauserig« Verhalten des Bormundes Vielhack äußert. Die Millionen- erbin von Kleppelsdorf erhielt wöchentlich 100 Mark für den Haushalt, und es wurde von ihr verlangt, davon noch die Wirtschafterin und zwei Mädchen zu bezahlen! Ein Lokaltermin auf Schloß Kleppelsdorf i■"v's" Anschluß an die Verhandlung statt. Die Verhandlung be- g„.i>i dar: im Billardzimmer im oberen Stockwert. Der Ge- richtshos begab stch aber dann bald nach den Zimmern im Parterre, zunächst nach dem sogenanten Wintereßzimmer, von dem«!n« Tür nach der Veranda geht. Di« Tür soll nach Angabe der Zeugin Zahn stets verschlossen gewesen sein. Die Fenster des Zimmers sind ver- gittert. Anschließend an dieses Zimmer liegt das Mordzimmer, das in dem Zustand belassen worden war, in dem es sich am Mord- tage befand. Der Angeklagte ersucht bei Emtritt den Vorsitzenden, chn vor Beleidigungen zu schützen, da eine Dame von den Zubörern ihn eben einen Mörder genannt habe. Der Vorsitzende rügt das In dem Morvzimmer selbst wurde zunächst die Laae der Patronenhülsen erörtert, und zwar lag eine Hülse vor dem Wasch- tische, eine zweite unter dem unteren Rande einer auf dem Boden stehenden Waschschüssel und di« dritte rechts davon unter'dem Toilettentisch. Di« Zeuginnen Wende und Hirsch müssen dann di« Lage demonstrieren, wie die beiden Getöteten damals gelegen haben. Der Sachverständige Dr. Peters gibt Aufschluß über di« Schüsse. Dorothea R o h r b e ck hatte«inen Schuß In die Brust erhalten, der in den Hals gedrungen war. Ein zweiter Schuß ging vom Genick aus. Der auf Ursula Schade abgefeuerte Schuß war ein Steckschuß. Der Schußkanol befindet sich über den rechten Augenbrauen. Die Dienstmädchen Wende und Hirsch geben an. in welcher Lage sie die Leichen gefunden haben. Dorothea Rohrbeck habe, den Kopf in einer Blutlache, auer über'den durch das Zimmer gehenden Läufer gelegen, Ursula Schade am Kleiderschrank. Links von ihr am Knie lag der Revolver. Die Wende hat als erst« das Mordzimmer betreten. Sie hat die am Boden liegende Rohrbeck an den Arm aesaßt und beim Namen gerufen. In die im Mord- zimmer geführten Lerbandlunoen griff Grupen lebhaft ein, sah sich die eingetrockneten Blutlacken genau an und bean- tragte u. a. die Entsernuna.zwischen der Lage der Leichen und den aufgefundenen Patronenhüllen zu messen. Das Gericht begab sich alsdann nach der Küche und stellte fest, daß es unmöalich sei, dort Schüsse, die im Mordzimmer gefallen seien, zu hören. Dann wurden die Räume im Oberaeschoß besichtigt und festgestellt, wo und an welchen Stellen sich zur Zeit der B'uttat Grupen, Frl. Zahn, Frau Eckert, Frl. Mohr und die kleine Irma Schade aufgehalten haben. Nach der Besichtigung wurden die Verhandlungen im Saale des Schlosses fortgesetzt. Dorher fanden noch Schießversuche im Mordzimmer statt, die von einem Schießsachocrständigen im Beisein des Anzeklag- ten und zweier Zeugen vorgenommen wurden. Grupen hatte ssch energisch dagegen ausgesprochen, daß die Schießversuche, wie«s anfangs beabsichtigt war, in seiner Abwesenheit vorgenommen wurden. GroßGerlln Straßenbahn-Gberzensor G!ese. Ihm kam die Aahrpreiserhöhung zu spät. Dr.-Ing. G i e s e, der im selig entschlafenen Zweckverband Groß-Berlin zuletzt als Stellvertreter de» Verbandsdirektors dient« und jetzt an der Tecknischen Hochschule Charlottenburg als Professor für großstädtisches Verkehrswesen lehrt, hat im„B e r l i n e r T a g e- b l a t t" seine Meinung über die neueste Erhöhung des Straßenbahn- fahrpreifes bekanntgegeben. Er will glauben machen, daß die im Sommer beobachteten Anfänge einer Wirtschaft- lichen Gesundung des Straßcnbahnunternehmens ohne erhebliche Bedeutung gewesen seien und daß schon im September bei der damaligen Lohnerhöhung auch die Fahrpreise hätten erhöht werden müssen. In An- schluß daran sagt er: „Wenn man bedenkt, welch« Rolle die Ueberschüsse der Ber- liner Straßenbahn bei der letzten Stadwerordnetenwahl gespielt haben, so findet man so auch unschwer den Schlüssel für diese mehr als eigenartige Tarifpolitik." Jetzt«mwortet im„BerL Tagekck." der Stadtbaurat Dr.-Ing. A d l« r. der Leiter des Berliner städtischen Derkehrewesens. Gegen- über den Behauptungen Gieses erklärt er: 1. Die Notwendigkeit einer Tariferhöhung lag damals nicht vor. Die Straßenbahnverwaltung war damals in der Lage, die Mehrbeträge für die Löhne aufzubringen und darüber hinaus noch umfangreiche Erncuenmgsarbeiten durchzuführen im Betrage von 7,1 Millionen Mark im August und 6,1 Millionen Mark im September. Der Halbjahrsabschluß April-September ergibt auch die Möglichkeit, außerdem 9 Millio- nen Mark für die Kämmereiverwaltung zurückzustellen, Beträge. die Im vorigen Jahr nicht zur Verfügung stopden, die aber unbe- dingt noch höher anzustreben sind. Auch der Abschluß des folgenden Monats Oktober, in dem bereits eine teilweise Teuerung einge- treten war, sieht ähnliche Rücklagen und Abgaben vor, wobei auch noch für außerordenlliche Erneuerungsarbciten wieder 6,7 Millio- nen Mark ausgegeben werden konnten. 2. Die außerordentliche Teuerung, die zu der Tariferhöhung am 1. Dezember geführt hat, war im September noch nicht vorauszusehen. �Im September beginnend, ist bekanntlich der Dollar von 80 zunächst langsam und stetig, dann im November sprunghaft auf über 3 00 gestiegen, um ssch jetzt wieder auf über 200 zu erholen. Ihm sind die Boustoffprcise, die Stromkosten und die Ausgaben für Löhne und Gehälter gefolgt, und zwar die Preise der vom Aus- land zu beziehenden Daustofse, darunter auch das für die Straßen- bahn besonder» wichtige Kupfer, sofort. Die aus dem Inland« kommenden Baustosse sowie die Gehälter und Löhne sind noch in stetigem Steigen begriffen. Dieser unerwarteten, sprunghaften Entwer- tung des Geldes mit ihren Folgeerscheinungen müssen sich nunmehr die Straßenbahntarife anpassen. Aller- ding» ist die weitere Entwicklung unseres Wirtschaftslebens heute unbestimmter denn se. Infolgedessen ist auch die Auswirkung der neuen Tariferhöhungen— die gleichzeitig von den übrigen Der- kehrsunternehmunaen vorgenommen werden— auf die Wirt- schaftslage der Berliner Straßenbahn nur für die allernächste Zeit mit Sicherheit vorauszusehen. Mit seiner verdächtigenden Anspielung auf die S t a d t v e r» ordnetenwahlen macht Giese sich die Kampfesweise zu eigen, die wir vor den Wahlen aus den Zeitungsartikeln, Flugblättern und Versammlungsreden der Bürgerlichen und besonders der Deutsch- volksparteiler und der Deutschnationalen zur Genüg« kennengelernt haben. Im Jahre 1920, als der Posten eines Leiters des Berliner städtischen Derkebrswesens besetzt werden sollte, mußte Herr Giese es erleben, daß Adler ihm vorgezogen wurde. Wäre damals Giese gewählt worden, so hätte die Berliner Bevölkerung, wie setzt aus seinem„Tageblatt'-Artikcl zu-rsehen ist, schon vom Septem- ber 1921 ab einen über 1 M hinausgehenden Straßenbahnfahrpreis zahlen müssen. Herr Giese läßt übrigens auch durchblicken, daß er bereit wäre, dem Prioatkapital wieder den gewünschten Einfluß aus di« Straßenbahn der Stadt zu verschaffen. Zur— Derbilligung? Die Notlage der Stadt öerlin. Oberbürgermeister Böß hat die Berliner Reichstags- abgeordneten sämtlicher Parteien am Montag zu einer Be- sprechung im Stadtvcrcrdnetensttzungssaale eingeladen, um ihnen Aufllörung über die finanzielle Lage der Stadt Berlin zu geben. Wie wir gemeldet haben, ist nicht nur die Stadt Berlin, sondern auch der gesamte Deutsche Städtetag bei der Reichsregierung wegen der Gewährung einer Beihilfe dringend vorstellig geworden, da die den Gemeinden überwiesenen Steuereinnahmen zur Bestrei- tung der infolge der Teuerung wachsenden U n k o st e n bei weitem nicht ausreichen. Berlin insbesondere hat die letzten Gehalts- und Lohnerhöhungen nur bewilligt in der Hoffnung, daß ihm vom Reich« in der einen oder anderen Weise eine b e> sondere Beihilfe zuleil wird. Im Kellerschacht erstickt. Zwei Rohrleger als Opfer ihrer Arbeit. Ein furchtbares Ende bei ihrer gefährlichen Berufsarbeit fanden gestern der 62 Jahre alte Rohrleger Wilhelm I ä n s ch aus der Tempelhofer Str. 21 zu Schöneberg und der 87 Jahr« alte Helfer Robert Wecke aus der Lehrter Str. 84. Die beiden Männer hatten an der Gasleitung im Kellerschacht einer Latrinen- anlöge auf dem Schulgrundstück Derfslingerstr. 18 zu tun. Hierbei muß, ahn« daß sie es merkten, Gas in einer so großen Menge ausgeströmt sein, daß sie in dem engen Schacht das Bewußtsein verloren und hilflos erstickten. Als auf Veranlassung des Schulwarts die Feuerwehr sie herausholte, waren beide Männer schon tot. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Die Leichen wurden beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. » Bei dem Großfeuer in der Waßmannstraße, über das wir im heutigen Morgcnblatt berichteten, sind mehrere Angehörige der Feuerwehr zu Schaden gekommen. Oberfeuerwehrmann Bie� und der Feuerwehrmann Kohlertertrantten auf der Brani�, stell« so schwer an Rauchvergiftung, daß sie nach dem Krankenhaus Am Friedrichshain geschasst werden mußten: andere Feuerwehrmänner erkrankten später auf der Wache. Ein erster Schritt zur Schulgeldstasselnng. Die längst versprochene Abstufung des Schulgeldes der höheren Schulen Groß-Berlins nach Einkommen und Wirt- schaftslage der Eltern ist bisher nicht durchgeführt worden. Jetzt kommt endlich aus dem Rothaus die Meldung, daß der Magi- strat beschlossen hat, an den höheren städtischen Schulen in Groß- Berlin das Schulgeld von 800 M. nur von den Steuerpflich- tiqen einzuziehen, die ein größeres Einkommen versteuern. Eltern mit geringerem Einkommen sollen in Zukunft für ihre Schul- kinder ein ermäßigtes Schulaeld, d. h. ein Schulgeld nach sinkenden Sätzen, am Einkommen bemessen, zahlen.— Leider erfährt man noch nichts darüber, wie w e i t das Schulgeld gesenkt werden soll. 70 Prozent Höchstmietenzuschlag. In unserer heute früh mitgeteilten Nachricht über den neuen Höchstmietenzuschlag, die uns vom Magistrat zugegangen war, ist eine Zeile ausgefallen. Der Maaistrat hebt hervor:„Unberührt bleiben die laufenden Verträge." Auffordernng an alle Oberschlesier. An die deutschen Landsleute, die au» den an Polen abgetretenen Gebieten von Posen und Wcstpreußen stammen und noch immer nicht in den Besitz der für sie notwendigen Urkunden ihres Heimat- ortes gelangen konnten, ergeht nunmehr die Aufforderung, di« für sie und ihre Kinder benötigten Urkunden s ch l e u n i g st bei der Geschäftsstelle der Bezirksgruppe Groß-Berlin der Bereinigten Verbände heimattreuer Ober- schlesier, Französische Straß« 89, aber nur schriftlich, zu beantragen. Allen Anträgen sind ganz genau« An- gaben über Ort, Jahr und Tag der Geburt, sowie der Beurkundung?- stellen(Standesamt, Pfarramt, Amtsgericht) beizufügen. Kosten».r- wachsen hierdurch nicht._ Kein Breunholztausch in Eharlottenburg. Der Städtische Pressedienst der Stadt Charlottenburg nimmt Anlaß, darauf hinzuweisen, daß die Einwohner des ehemaligen Stadtgebietes Charlottenburg auch heute noch verpflichtet sind, Küchenabfäll« vom Hausmüll zu trennen und in die in den Höfen stehenden Gefäße zu tun, die regelmäßig von den Beauftragten des Bezirksamtes Charlottenburg, und zwar hauptsächlich von Molkereien und Kleinviehhaltern entleert werden. Auch werden Strafen— Geldstrafe und Haft— angedroht.— Es ist doch ein etwas merk- würdiger Zustand, daß die Hausfrauen gezwungen werden, für die Molkereien und Kleinviehhalter zu sorgen, ohne daß die Frauen das Recht haben, eine Gegenleistung dafür zu beanspruchen. Da auch Küchenabfälle heule einen Wert haben, sollten die alten Be- stimmungen fallen gelassen und auch den Charlottenburgern für ihre Küchenabfälle Brennholz eingetauscht werden. Mordversuch im Humboldihoin. Bewußtlos, au» einer Kopf- wunde blutend, wurde gestern abend um 7 Uhr im Humboldthain ein« 36 Jahre alte Frau Dorothea Urban aus der Soldiner Straß« 102 aufgefunden. Man brachte sie nach dem Birchow- Krankenhaus, wo die Aerzte eine schwere Schubverletzung feststellten. Di« Kugel steckt noch im Kopf«. Die Revierpolizei nahm sofort die Nachforschungen aus, ermittelte als den Täter den Ehe- mann, der von seiner Frau getrennt lebte, und nahm ihn wegen versuchten Mordes fest. Kohlenhändler ohne Gemeinsinn. Die vereinigten Kohlenhändler im 15. Verwaltungsbezirk hatten öffentlich die Gemeinde- Verwaltung beschuldigt, daß sie den bei den städtischen Verkaufsstellen eingetragenen Kunden die Briketts bis zum 3. Dezember noch zu dem alten, bekanntlich ab 24. November erhöhten Preise abgegeben und dadurch die Gesamtheit der Steuerzahler geschädigt habe. Das Bezirksamt erklärt jetzt öffentlich diese Beschuldigung der Kohlen- Händler als f a l s ch u n d u n g e h ö r> g. Die Gemeindeverwaltung habe nur das übliche Dcrfahren der Händler, di« Preiserhöhung sofort für all« auf Lager befindlich« Ware eintreten zu lassen, nicht mitgemacht, sondern sie habe die zum alten Preise erworbenen Kohlen an Kunden, die den ihnen zustehenden Bedarf noch nicht ge- deckt hatten, zum alten Preise verkauft. Eine Schädigung der Steuer- zahler könne dadurch nicht eintreten. Fahrkarlenreklame aus der Eisenbahn. Luch die Eisenbahnoer- walwng will setzt die Rückseiten der Fahrkarten zu Reklamezwecken ausnutzen. Die ersten dieser„Reklamefahrkarten" werden demnächst von den einzelnen Fahrkartenausgaben im Berliner Stadt-, Ring- und Vorortverkehr ausgegeben werden. Die Karten sollen sofort nach Lieferung zur Ausgabe gelangen. Zunächst handelt es sich um versuchsweise in beschränkter Anzahl auszugebende Karten. noch deren Ausgabe der Verkauf von Fahrkarten ohne Reklame- aufdruck wieder fortgesetzt werden soll. Rückkehr eines für iot erklärken Srieqsieilnehmer». Aus Partei- krei'en wird uns mitgeteilt, daß der Dater eines Mitgliedes des Zentralverbandes der Angestellten, der seit zirka 8 Jahren aus der Kriegsoerlustlist« steht und bereits gerichtlich für tot erklärt ist, Anfang nächsten Jahres aus der Kriegsgesangenschast au» Algier zurückkehren wird, und zwar nach seiner eigenen jetzt eingegangenen Mitteilung an die Angehörigen. Dieser befremdend und seltsame Fall beansprucht die Aufmerksamkeit der Behörden, da di« Frag« nahe liegt, ob nicht doch etwa noch mehr Kriegsgefangene zurückgehalten werden, ohne daß die Oeffentlichkeit in Deutschland etwas davon weiß. Eine große«eflSgel» und Saninchenichau der vrandenburger Provinzialverbände fiir Geflilgel» und Kaninchenzucht findet tn der Zeit vom 9. diS einlS'l. tl. Dezember 1'. 21 in den Räumen der Wokllialle auf dem Maperviehbos Berlin-FriedrichSselde(Haltestelle Zricdrichiieide-Osil statt. Die Ausstellung ist täglich von früh 8 Uhr bis abends 8 Uhr geöffnet. Wetter für morgen. Berlin nnd Umgegend. Mild, jedoch überwiegend bewölkt mit wiederhdlt« Regensälleu und lebhajten westlichen Winden. GewerMastsbewegung Sie Tarifbewegung in öer Metallindustrie. Der Gehaltstarif zwischen den A n g e st e l l t e n der Berliner MetaUindustrie und dem Berbond Berliner Metallindustrieller läuft am 31. Dezember ab. Den Auftakt zu der neuen Tarifbewequng flaben zwei Angestelltenoersammlungen. die von der A f a zum Mitt- wach nach dem„Schultheiß" in der Hasenheide und nach dem„Deut- schen Hof" in der Luckauer Straße einberufen worden waren. Während im„Schultheiß" Rothe das Referat hielt, sprach im „Deutschen Hos" Techniker Scholz vom Butab vor außerordentlich zahlreicher Hörerschaft über die Situation in der Metallindustrie. Nach allgemeinen wirtschaftspolitischen Ausführungen sagte Scholz u. a.: Nicht nur an jeder Valutasenkung, die für uns steigende Teue- rung bedeutet, profitiert das Unternehmertum, sondern es geht auch darauf aus, in der Produktion selbst immer mehr zu verdienen, in- dem es seine Preise dem Welt Handelspreis anzupassen sucht. Das letztere wäre nicht so schlimm, wenn man andererseits den Arbeitnehmern auch Weltmarktlöhne zahlen würde. Das tun sie aber nicht, sondern versuchen die notwendigen Gehalts- crhöhungen soweit als möglich hinauszuschieben. Unsere Parole für unsere kommende Tarifaktion kann nur sein, alles zu beseitigen, was die Geschlossenheit der Kollegenschaft gefährden kann. Dazu gehört z. SB., daß wir die sozialen Zulagen auf keinen Fall in dem Ilmfange und aus Kosten allgemeiner Erhöhungen anwachsen lasten, wie das bisher geschehen ist. Jetzt gilt es, durch Agitation von Mund zu Mund dahin zu wirken, daß für die Parolen der Afa die G e° schloffenheit und Disziplin in den Betrieben mehr wie bisher gefestigt wird.(Lebhafter Beifall) Die Diskussion bewegte sich in der Hauptsache im Sinne des Referats. Der Versammlungsleiter Walter machte Mitteilungen über die letzten Verhandlungen mit dem VBMJ., über welche wir bereits aus Anlaß der Metallfunktionärverlammlung des ZdA. be- richtet haben. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: „Die Aufgaben der Gewerkschaften dürfen sich nicht in Ab- schlüssen von Tarifverträgen erschöpfen. Tarifverträge sind aber in der heutigen Wirtsiftaft als ein Mittel anzusehen, welches gcgeignet ist, zur Hebung der sozialen Lage der Arbeitnehmerschast mit beizutragen. Deshalb müssen bei der Vorbereitung und beim Abschluß von Tarifverträgen die gewerkschaftlichen Grund- lagen und Grundsätze gewahrt werden. Dies geschieht vor allem durch die Forderung eines monatlichen Gcsomtlobnes, der unabhängig ist von dem Familienstand des Arbeit- n c h in e r s. Versuche, durch Forderungen von Zahlungen ein- maliger größerer Summen den Wirkungen plötzlicher Preissteige- rungen zu begegnen, sind als völlig unzweckmäßig abzu- lehnen. Solche Summen täuschen vorübergehend über die tatsächliche Notlage hinweg und sind geeignet, die klare Zielrichtung zu verdunkeln. Sie kommen ober andererseits auch den leicht er- klärlichen Wünschen der Arbeitaebcr entgegen, wodurch die Gefahr solcher Forderungen gezeigt wird. Die am 7. Dezember 1921 versammelten Angebellten der Groß- Berliner Metallindustrie haben nur unter dem Druck der Verhältnisse die einseitig erfolgten Zuweisungen erhöhter Lobnsummen ange- nommen. Sie werden aber, den in dieser Entschließung in kurzen Ilmrissen niedergelegten Richtlinien folgend, mit oller Kraft bemüht sein, den Kampfbaden vorzubereiten, auf dem allein eine gewerk- Ichastlichen Grundsätzen und den Interessen der Gesamt- arbeitnehmerschast entsprechende Tarifpolitik durchgeführt werden kann." Zehn Prozent für das Koalitionsrecht. Die Angestellten der Weißwarenkonfektion stehen seit nahezu zwei Monaten in einer Lohnbewegung. Die bisherigen Gehälter spotten jeder Beschreibung Der Schlichtungsausschuß der Bcklei- dungslndustrie fällte einen Schiedsspruchs welcher zum Teil wenigstens dem Bedürfnis der Angestellten Rechnung trug. Dieser Schiedsspruch wurde von den Arbeitgebern abgelehnt und dafür ein Gegenangebot gemacht, dos von den Angestellten als nicht ausreichend bezeichnet wurde. Diese beantragten deshalb die Verbindlichkeitserklärung durch den Dcmobilmachungs- kommistar. Inzwischen versuchte der Inhaber der Firma Stadion, Brecht ». Co., Krausenstr. 38/39, Herr V e n z t y, mit seinem Betriebsrat hinter dem Rücken der Organisation eine Sondcroereinbarung zu treffen, was ihm aber nicht gelang. Er bot seinen Angestellten weitere 19 Proz. aus die von den Arbeitgebern angebotenen 39 Proz., wenn sie aus dem Zentralverband der Angestellten austreten. Er fügte, um alle weiteren Einwände zu zerstreuen, hinzu, daß schließlich doch noch einige Angestellte im Verband bleiben würden, und dadurch würden die anderen Ange' eilten ja doch immer erfahren, wenn ein neuer Tarifvertrag abgeschlossen ist. Bis jetzt hat sich noch kein Angestellter gefunden, der töricht genug ist, um die 19 Proz., die der auf die Notlage der Angestellten spekulierende Chef ohnehin wird zahlen müssen, sein Koalitionsrecht zu verkaufen. Im Gegenteil, wenn die Angestellten sehen, welch großen Wert die Unternehmer auf den Verzicht der Angestellten aus ihr Organisationsrecht legen, dann muß auch dem Einfältigsten ein- > leuchten, daß dieses Recht für die Angestellten selber ungleich höheren Wert haben muß, was in Wirklichkeit auch der Fall ist. Arbeiterkammerwahlen in Bremen. Bremen, 8. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Das Ge- jamtergebnis der Arbeiterkammerwahlen, die am Sonntag und Montag in Bremen stattgefunden haben, liegt endlich vor. D i e freien Gewerkschaften erhielten 22 289 Stim- m e n, die christlichen Gewerkschaften 793 und die gelben Verbände 389 Stimmen. Die steien Gewerkschaften werden danach 29, die christlichen 1 Mandat erhalten. Die Bremer Arbeiterkammer, die von unseren Genossen mit in die bremische Verfassung hineingebracht wurde, ist eine reine Interessenvertretung für die Arbeiter Bremens. Die Unternehmer haben keine Vertreter in dieser Kammer, und diese dürfte daher die einzige Arbeiterkammer ihrer Art in Deutsch- land darstellen. Das Abstimmungsergebnis bedeutet einen glänzenden Sieg der freien Gewerkschaften. Ungarischer Gerverkschastskongreß. Nach fast dreijähriger Unterbrechung ihrer Tätigkeit hielten die Gewerkschaften Ungarns Montag ihren Kongreß in Budapest ob. Der Referent V a n c z a k unterbreitete eine Resolution, worin die Regierung aufgefordert wird, angesichts des ungeheuren Elends der Arbciterklasie für die Herabsetzung der Preise der allge- meinen Bedarfsartikel Sorge zu tragen. Der Export von Lebens- Mitteln müsse verboten und die zollfreie Einfuhr der wichtigsten Be- varfsartikel gestattet werden. Zur Begründung der Resolution führte der Redner aus, daß Ungarn infolge seiner überwiegend agrarischen Produktion wohl in der Lage sein könnte, die Ernährung seiner ge- samten Bevölkerung sicherzustellen. Wenn trotzdem die städtische Arbeiterschaft hungere und in größtem Elend lebe, so sei dos eine Folge der verfehlten Wirtschnfts- und Arbeiter- politik der Regierung. Die Löhne und Gehälter werden einseitig von den Arbeitgebern diktiert und bewegen sich weit unter dem Existenzminimum. Im Gegensatz zu den meisten Staaten bestehe in Ungarn auch keine Arbeitslosenunterstützung. Wenn diese traurigen Zustände zu schweren Konsequenzen führen, so müsse die Arbeiterschaft die Verantwortung dafür ablehnen. Die Resolution wurde einstimmig angenommen, ebenso ein Antrag, der von der Re- gierung die Wiederherstellung ter Koalition s-, Ver- fammlungs- und Streikfreiheit sowie die Veen- digung der politischen Verfolgungen und Inter- nierungen und die Aufhebung der Zensur fordert. Die„Erwachenden Ungarn" versuchten, den Kongreß zu spren- gen. Sie hatten ihre Anhänger in großer Zahl aus den Tribünen untergebracht, von wo aus sie durch lärmende Zwischenrufe die Redner zu unterbrechen versuchten. Trotzdem wurde die Sitzung zu Ende geführt, und der Kongreß ging am späten Abend unter Absingen der Arbeitermarseillaise auseinander. Die Angestellten der Margarinewerke„Lerolina" hatten Mitte November durch ihre Organisation neue Forderungen unterbreiten lassen, doch hat die Direktion abgelehnt, zu verhandeln. Sie wollte ein« Weihnachtsgratifikation gewähren, deren Höhe von ihr fest- gesetzt werden sollte. Dieses Angebot wurde von den Angestellten einstimmig abgelehnt Der Firma wurde nunmehr ein kurz befristetes Ultimatum gestellt. Wird bis zu diesem Termin nicht verhandelt, so wird am Sonnabcno ein« Versammlung weitere Maz, nahmen beschließen. Auskünfte erteilt der Zentralvcrband der An- gestellten, Ortsgruppe Groh-Berlin, SW. 81, Belle-Alliance- Str. 7'19, Telephon Nollendorf 4-169/63. Der Tarisverlrag in der Speditionsbranche ist rückwirkend ab 1. September und der für das G r o ß- B c r l i n e r Z e i t u n g s- gewerbe ab 1. August für allgemein verbindlich erklärt worden. Die Lergarbeilerverbände des Ruhrgebiets kündigten die gültige Lohnordnung zum 31. Dezember. Zirntlch« Serlmeisteroerb-nd, Scjlrfsucrein Berlin 22. Schsr-leden. und .guckerwarenindustrie: Mcneralversammlung Freitag im Dereinslakal, Reue Jakobgr. 25(Echuliheiß). Tagesordnung.- Neuwahl des Borstandcs. z«»tr«l»eib»nd der Slngc'tellten. Freitag. Einzelhandel(Serrenhut. Wivtfäaft Aufgaben und Abgrenzung der Bezirkswirtschajtsräte. Dem Verfassunosaiisschuß des Reichswirtfchaftsrates liegen zur Beratung folgende Leitsätze über die Zuständigkeit und Be- zirksabgrenzung der Bezirkswirtschaftsräte vor: I. Zuständigkeit. I. Im allgemeinen: Die Bezirkswirtschastsräte find berufen, in Ergänzung der Tätigkeit der Kammern der ein- zelnen Wirtschaftszweige die gesamten wirtschaftlichen und sozialen Interessen ihres Bezirks im Rahmen der Gc- samtwirtschaft zu fördern. Die Bezirkswirtschastsräte stehen mir allen Behörden in unmittelbarem Schriftverkehr. In Anqelegen- hciten, die mehrere Bezirke betreffen, sollen die beteiligten Bezirks- wirtschaftsräte miteinander Fühlung nehmen. 2. Gutachten: Die Bezirkswirtschastsräte haben auf Ver- langen dem Reichswirtschaftsrat sowie den Zentral- und Bezirks- behörden des Reichs, der Länder und Kommunaloerwaltunqen Gut- achten zu erstatten. Vor wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen, die für den ganzen Bezirk oder für größere Bczirksteile von allge- meiner Bedeutung sind, sind sie von den Bezirksbehörden zu hören. Welche Behörden als Bezirksbehörden zu gelten haben, wird be- sonders bestimmt. 3. Anregungen und Anträge: Die Bezirkswirtschafts- räte sind befugt, zur Lösung wirtschaftlicher und sozialer Aufgaben Anregungen jeder Art zu geben und Anträge an die Behörden zu stellen. 4. Zustimmung: Durch Reichs- oder Landesgesetz kann für bestimmte Fälle die Z u st i m m u n g der Bezirkswirtschastsräte vor- geschrieben werden. S. Vermalt ungstätigkeit: Den Bezirkswirtschastsräte« können durch Reichs- oder Landesgesetz bestimmte Perwal- tungsaufgaben zur eigenen Verwaltung übertragen werden. 6. Mitwirkung an der Verwaltung anderer Stellen: Durch Gefetz kann den Bezirkswirtfchastsräten eine Mitwirkung an der Verwaltunq anderer Stellen eingeräumt werden. Ins- besondere bestimmt das Gesetz, in welcher Weise die Bezirkswirt- schaftsräte bei der Lösung aemeinwirtschaftlicher Ausgaben (Sozialisierung, Kommunalifierung, Planwirtschaft und dergl.) mit- zuwirken haben. Für die b"! anderen Behörden und Körperschaften für wirtschaftliche und sozialpolitische Fragen eingerichteten Aus- fchüsie, B-'räte und deral. sollen sie regelmäßig mindestens einen Teil der Mitglieder wählen 7. Vertretung der Behörden bei den Bezirkswirtschastsräien: Der Reichswirtlcbaftsrat und die Zentral- und Bezirks- behörden des Reichs, der Länder und der Kommunalverwaltungen können ru den Sitzungen der Bezirkswirtschastsräte und ihrer Aus- fchüsie Beauftragte entsenden, die jederzeit gehört werden müsien. Die Bezirksbehörden sind auf Verlangen verpflichtet, sich durch Beauftragte vertreten zu lassen. 8. K o st e n: Ueber die Deckung der Kosten besonderer Ver- waltungse'nricbtungcn ist durch die Sonderaesctze, welche die Tntig- keit der B-'zirkswirtsck'astsrnte auf einem G-biete reneln, B-sitim- rnung zu treffen. Im übrigen sind die Kosten auf die beteiligten Körperschaften umzulegen. Der Umlagebeschluß bedarf der Genehmiaung der zustäudiaen Bcbörde. 9. Wahlen zum Reichswirtschaftsrat: Die Bezirkrwirtfchafts- röte wählen einen Teil der Mitalieder des Reichswirtschaftsrat-n. II. Bezirksabgrenzung. Die Bezirke der B-zirkswirEchaftsräte fallen größere, wirt- f ch a f t l i ch zusammenhängen�« Gebiet« umkosien. Die Grenzen sind so zu bilden, dasi die Gebiete der ksen-ren Länder und der volitisifien V'-rm'-ll'mnsf'ceirfc"icht zerschnitten werden. Länder, die meniner als 1 Million Einwalln-r nmsasien. sollen mit be�ackbarten Gebieten, mit de-m sie wirtschaftt'ch zusammenhänge-, z- sammenaelegt werden Die Festsetzunq der Grenr-n erfol-t durch die R e i ch s r e a>' e r n n g rrst Zi st'inmung des Reichsrates nach Anhörung des Reichsmirtschastsratcs. eeschäf�Ic Mitaliedervirsammlung VA Uhr Im Blilcherhai-z, Blllchernr. Kl.— 1 Finanzämter: Mitglicdcrvrrtammlung V/i Uhr in den Musilcr-Sälen. Kaiser- Wilhelm-Slr. KI.— vrmeinde(Verwaltungsangrflelllc): Funtiianärnersamm- lnng 1 Uhr in der Neuen Philharmonie, göpenuker Str. re/!>7.— Privatoer- sicherung(Einnehmer): Mitalirderversammlungin