Nr. 602 ♦ 3$. Jahrgang Ausgabe A Nr. 304 Bezugspreis: SUtteltähcL 45,— M.. mono». 15,— St frei in« paus, voraus zahlbar. Post- bezug Monatlich 12.— M.»,nschl.stu- ftollunqsgkbUhr. Unter Kreuzband Hir Deutschland, Danziq, das Saar- und Memelqediet, sowie die ehemals deut» fchen Gebiete Polens, Oesterreich- Ungarn und Luremdurq 25,— M., für das übrige Ausland 32.— M. Postbestellungen nehmen an Oesterreich. Ungarn, Tkchecho- Slowalei, Däne- wart, bollond. Luremburg. Schweden und die Schweiz, Der„Porwätts" mit der Sonntags- deUage»Pol! und Zeit", der Unter- hallungsbeiiage �eimweit" und der Beilage»Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal. Sonn- tag« und Montag» einmal. Telegramm-Adresse, .Sazialdemolral Berlin" Morgen Ausgabe Verl in er Polhölilatt ( 50 Pfennig) DnzeigenvreiS: Die zchngespaltene Nonpareivezeile tostet 7,— M,„ftletne Anzeigen" da, retigedruckte Wort 3,— Al.(zn- lässig zwei tettgedruckte Wortes, seds« weitere Won 1.50 M. 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Der Angeklagte v. 3 a g o w wurde wegen Beihilfe zum Verbrechen de» Hochverrats zu fünf 3 a h r e n Festungshaft verurteilt. Gegen die Angeklagten v. wangenhelm und Dr. Schiele wurde das Verfahren auf Grund des Amnesiiegefehes eingestellt. Die kosten des ver- fahrens fallen dem Angeklagten v. 3agow zur Last, so- weit sie durch da» Verfahren gegen die Angeklagten v. Waagenheim und Schiele entstanden sind, werden sie der Staatskaste auferlegt. Die Haftbefehle gegen v. wan- genhcim und Schiele wurden aufgehoben. ver Angeklagte v. 3 a g o w wurde» durch den Ober- reichsanwalt sofort in Haft genommen. Am 13. März 1920 ging das hochverräterische Unter- nehmen der Kapp und Genosien in Szene. Am 21. Dezember 1921 ist das erste gerichtliche Urteil gegen Teilnehmer des Putfches ergangen. Genau ein Jahr, neun Monate und acht Tage hat der Berg des höchsten deutschen Gerichtshofes ge» kreißt, um ein Mäuslein zu gebären. Denn das fei mit aller Klarheit vorangestellt:' dem berechtigten Verlangen nach rechtlicher Sühne dieses frivolen Streichs, der in seinen Auswirkungen Hunderten von Menschen das Leben gekostet und Deutschland an den Rand des Abgrunds gebracht hat, entspricht dieses Urteil nicht. Die matte Befriedigung darüber, daß wenigstens( i n Täter zu einer nicht übermäßig hohen Strafe verurteilt wor- den ist, wird mehr als aufgewogen durch die Tatsache der Amnestierung der beiden anderen kaum weniger schuldigen Mitangeklagten. Die Einbeziehung Wangenheims und Schielcs in das Amnestiegesetz erscheigt erst im richtigen Licht, wenn i.ian folgendes beachtet: Nach dem Amnestiegesetz sollten die Urheber und Führer des Putsche» von der Straf- losigkeit ausgenommen sein. Der Begriff der Führerschaft ist schon im Vorverfahren durch das Reichsgericht so einengend ausgelegt worden, daß gegen ganze zehn Teilnehmer des Putfches ein Eröffnungsbeschluß zustande kam. Von diesen zehn Teilnehmern sind sieben(Kapp, Lüttwitz, Bauer. Pabst, Schnitzler, Trebitsch-Lincoln und Ehrhardt) der Justiz zurzeit unerreichbar. Drei Angeklagte konnte man vor Ge- richt zitieren und von diesen wurden durch das Urteil wieder- um zwei als„Richtführer" ausgeschieden. Damit reduziert sich die Zahl der reichsgerichtlich anerkannten Führer des Putsche» nunmehr auf acht. Sollten aber die sieben übrigen, falls man ihrer je'mals habhaft wird, in ähnlichem Verhältnis der Amnestie für teilhaftig erklärt werden, so würden schließ- lich nur noch drei oder vier Führer übrig bleiben! Aerger konnte der Sinn des Amnestiegesetzes, konnte der Wille des Gesetzgebers, wie er aus den das Gesetz begründenden Reichstogsreden klar hervorgeht, nicht i n s Gegenteil verkehrt werden. Die sachliche Begründung, die der Anwendung des Amnestiegesetzes vom Reichsgericht gegeben wurde, bestätigt dieses Urteil. Sie läuft nämlich letzten Endes hinaus auf die Wiederholung der Knifflichkeit, mit der v. I a g o w— dieser freilich vergeblich— sich aus der Schlinge zu ziehen trachtete: Schiele und Wangenheim hätten vielleicht versucht, eine führende Rolle im Kapp-Putsch zu spielen, sie seien aber nicht dazu gekommen.— Juristisch erscheint diese Be- gründung reichlich windschief, politisch und moralisch bietet sie den schwachen Trost, daß sie die Kläglichkeit der politischen Hanswürste auf der Anklagebank einigermaßen unterstreicht. Mit solcher Begründung amnestiert zu werden, ist politisch blamabler, als auf Grund eines ehrlichen Bekennt nisses ins Gefängnis oder auf die Festung zu gehen. In seinem Gesamtinball aber bestätigt dies Urteil das oft beobachtete Versagen der Justiz gegen rechts, die Zaghaftigkeit des obrigkeitsstaatlich geschulten Iuristentums gegenüber reaktionären Staatsoerbrechern. So bildet dieses Urteil eine neue Mahnung, die Reform der Justiz und namentlich die Auslese des juristischen Nachwuchses aus den breiten Volksmassen mit allem Ei'er zu fördern. Die weitere Tatsache, daß von der Ver- teidigung die Gültigkeit de? Hochverratsparographen~ wenn auch ohne Erfolg— bezweifelt werden konnte, ist eine weitere Mahnung, die veralteten Paragraphen des Strafgesetzbuches mit höchster Beschleunigung der republikanischen Verfasiunq anzupassen. Doch nicht nur im allgemeinen, auch im speziellen Fall muß Remedur eintreten, soweit das irgend möglich ist. .Wir erwarten, daß der Oberreichsanwalt, der die Sache der Anklage in diesem Prozeß zweifellos mit Aufrichtigkeit und Energie durchgeführt hat. die Ergebnisse der Beweisaufnahme Närzopfer- Amnestie. Wie wir erfahren, wird auf Wunsch des Reichspräsidenten Eberl der Reichssusiizminlstcr R a d b r u ch noch vor den Fest- tagen einer großen Anzahl von verurteilten, die auf Grund sondergerichtlichen Urteils Strafen bis zu einem 3ahre zu verbüßen haben, Strafunterbrechung zuteil werden lassen mit der A u s- ficht auf bedingten Straferlaß nach Prüfung der ein- zelnen Urteile. Diese Maßnahme des Reichspräsidenten wird einem großen Teil der Familien, die ihre Ernährer feit vielen Monaten vermissen, zur größten Weihnachtsfreude gereichen. benutzt, um unverzüglich die Einleitung neuer Ver- fahren gegen die Personen anzustrengen, die zweifellos als Führer des Kapp-Unternehmens zutage getreten sind. Dies gilt z. B. von Herrn v. F a l k e n h a u f e n, gegen den der erste Senat des Reichsgerichts seinerzeit Einstellung des Verfahrens beschlossen hat. Die Beweisaufnahme hat Herrn v. Falkenhausen derart belastet, daß schließlich der Angeklagte o. Iagow ausrief:„Wenn man mich verurteilen will, warum dann nicht erst Herrn v. Falkenhausen, der zehnmal mehr getan hat als ich!" Nachdem Iagow verurteist worden ist, muß ihm selber die Verurteilung Falkenhausens als drin- gendes Gebot der Gerechtigkeit erscheinen. Gestützt auf das neue Beweismaterial dieses Prozesses hat der Oberreichs- anwalt die Pflicht, von neuem die Eröffnung des Verfahrens gegen Falkenhausen zu beantragen. Weit notwendiger aber ist die Erhebung der Anklage gegen den Mann, der sich selber durch seine Aussage in deut- lichfter Weise als der geistige H a u p t f ü h r e r des Kapp- streiches entlarvt hat: gegen Ludendorff. Nach den Er- gebnissen der Beweisaufnahme darf eine Justiz, die ohne Ansehen der Person verfahren will, nicht vor der Person Ludendorffs halt machen. Jedem Sehenden ist in diesem Prozeß klar geworden, daß die Kapp und Lüttwitz mit ihren mehr oder weniger obskuren Hintermännern nie- mals ihr Unternehmen gewagt haben würden, wenn sie sich nicht der Unterstützung eines Mannes mit so überragen- dem Namen wie Ludcndorff völlig sicher gefühlt hätten. Niemand ist mehr Führer, niemand mehr Urheber des Kapp-Unternehmens gewesen als Ludendorff! Schließlich ist daiür Sorge zu tragen, daß der einzige Verurteilte des Prozesses, Herr v. Iagow, seine Strafe auch wirklich verbüßt. Die sofortige Inhaftnahme o. Iagows durch den Oberreichsanwalt wird im Volke mit Genugtuung anerkannt werden. Da Herr v. Iagow in seiner öffentlichen Kontroverse mit dem ehemaligen Reichssustiz- minister Schiffer selber erklärt hat, daß er seit dem Kapp- Putsch nicht einen einzigen Tag krank gewesen ist, so wird ihm selber wie seinen Hintennännern jeder Vorwand abgeschnitten sein, etwa jetzt eine Eulenburgiade mit ihm auf- zufübren. Aber alles, was dafür geschehen kann, daß das Rechts- gefühl durch positive Bestrafung der Täter Befriedi- gung finde, ist selbst im günstigsten Falle äußerst wenig. Selbst bei striktester Befolgung der hier gemachten Vorschläge kann nie und nimmer der meilenweite Unterschied zwischen der Bestrafung der Teilnehmer des k a p p i st i- s ch e n Märzunternehmens von 1920 einerseits und des k o m- m u n i st i f ch e n Märzunternehmens von 1921 andererseits ausgeglichen werden. Hier gibt es nur noch eine Möglich- keit, das verletzte Rechtsempfinden zu hellen, nämlich indem man hintritt und offen erklärt: Nachdem die Justiz es nicht ermöglicht hat, die Teilnehmer eines von rechts her in- fzenierten hochverräterischen Unternehmens zu bestrafen, bleibt nur die eine Möglichkeit, die Teilnehmer eines von links her inszenierten hochverräterischen Unternehmens auf genau dem gleichen Fuß zu behandeln. Gegen eine ollgemeine Amnestie der Opfer des März- putsche? haben anfangs schwerwiegende Bedenken bestanden. Aber schon die Veröffentlichung des Zetkin-Materials hat dieser Frage ein ganz neues Gesicht gegeben, wie selbst ertrem rechts st ehende Blätter, z. B. der„Tag" und die„Tägliche Rundschau" unumwunden anerkannt haben. Durch das Urteil des Reichsgerichts ist wiederum ein neues Moment Zugunsten der Verurteilten in die Erscheinung ge- treten. Dte auf Wunsch des Reichspräsidenten E b e r t vom Reichsjultizminifter R a d b r u ch angeordneten Straf- Unterbrechungen zu Weihnachten, über die wir an anderer Stelle berichten, stellen einen erfreulichen An- fang des Weges dar. der die Konsequenzdes Leip- ziger Reichsgerichtsurteils bildet. " Doch dieser Weg muß weiterbegangen werden. � Das Leipziger Urteil macht eine allgemeine Amnestie-' rung der politischen Strafgefangenen aus den mittel- deutschen Unruhen von 1921 zur Notwendigkeit. Mögen die Urheber gemeiner Verbrechen ausgeschlossen bleiben. Aber wenn ein W a n g e n h e i m, ein Schiele sich der Freiheit erfreuen, dann können nicht länger Hunderte von Arbeitern im Gefängnis gehalten werden, die nichts anderes und nichtsSchlimmeres getan haben als jene. Das Reichs- gericht hat sich durch sein Urteil zum Fürsprecher der mitteldeutschen Gefangenen— wenn auch wider Willen— gemacht, möge also das Urteil von Leipzig wenigstens eine gute Folge haben! Die Strafzumeffung im Jall Iagow. Ueber die juristischen Grundlogen des Reichsgerichtsurtells sei hier kurz folgendes bemerkt: Iagow ist oerurteilt worden auf Grund des§ 81 Ziffer 2 des Reichsstrafgssetzbuches. Dieser besagt: Wer außer den Fällen des§ 80(Mord am Kaiser oder Landeshern. Red.) es unternimmt. 1...... 2. die Verfassung des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates oder die in demselben bestehende Thronfolge (ein Musterbeispiel für den veralteten Zustand des StGB.! Red.) gewaltsam zu ändern, wird wegen Hochverrats mit lebenslänglichem Zuchthaus oder lebenslänglicher Festungshaft bestraft. Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Festungshaft nicht unter fünf Jahren ein. Das Gericht hat v. Iagow mildernde Umstände zugebilligt, da- nach wären fünf Jahr« Festung die M i n d e st st r a f e für ihn ge- wesen, wenn das Gericht bei ihm H a u p t t ä t e r f ch a f t ange- nommen hätte. Das Gericht hat aber nur Gehilfenschaft an- genommen. Gehilfe ist nach§ 49 StGB., wer dem Täter zur Begehung des Derbrechens oder Ber- gehens durch Rat und Tat wiffentlich 5)ilfe ge- leistet hat. Nach Z 49 StGB, ist die Strafe des Gehilfen nach den Grund- säßen über die Bestrafung des Versuches festzusetzen. Dies« Grund- säße sind im 8 44 SlGB. niedergelegt. Danach kann bei zeitiger Freiheitsstrafe die Strafe bis auf ein viertteil des Mindeslbetrages der auf das Verbrechen oder Vergehen angedrohten Freiheitsstrafe ermäßigt werden. Für Iagow wäre also die Mindeststraf« der vierte Tell von fünf Jahren Festung, d. h. IV* Jahr Festung gewesen. Das Gericht ist jedoch über diese Min- destgrenze hinausgegangen und hat fünf Jahre Festung festgescjst. So erklärt sich der scheinbare Widerspruch, daß im 8 81 fünf Jahre Festung als Mindeststrafe(für Täter!) verzeichnet find, das Gericht aber in seinen Urteilsgründen ausdrücklich hervorhebt, daß auf eine verhältnismäßig schwer« Strafe habe erkannt werden müssen. Die weiter« Frage wird wahrscheinlich von der Rechtspresse auf- geworfen werden, wieso Iagow nicht unter die Amnestie einbe- zogen worden'ist, wenn er doch nur wegen Gehilfenschaft bc° straft worden ist. hierzu ist zu bemerken, daß das Amnestiegeseß die„Urheber und Führer" des hochverräterischen Unter- nehmens von der Amnestie ausnimmt. Dieser Begriff deckt sich nicht ohne weiteres mit dem der juristischen Täterschaft im Gegensaß zur Gehilfenschaft. Wer„durch Rat und Tat wissent- lich Beistand leistet", kann gerade hierdurch ein« führend« Rolle in einem hochverräterischen Unternehmen spielen, wenn dies« Worte auch die juristische Definition der Gehilfenschaft dar- stellen. Unseres Erachtens hätte freilich Iagow verdient, nicht nur als Gehilfe, sondern als unmittelbarer Täter bestraft zu werden. Doch ist das Urteil des Reichsgerichts endgültig, weder vom Ana-klagten, noch vom Ankläger durch Rechtsmittel anfechtbar. S-ine Rechtskraft beginnt sofort mit der Derkündung. die Neuregelung üer Seamtengehälter. Heute neue Verhandlunizen. Die Verhandlungen zwischen dem Reichsfinanzministe- rium und den gewerkschafllichen Spitzenorganisationen hoben am Mittwochnachmittag nicht stattfinden können, da eine wichtige Ka- binettsitzung den Minister zur Vertagung der Besprechungen auf Donnerstag veranlaßte. Die Gewerkschaften werden grund- säßlich auch gegenüber dem Rcichsfinanzministerium auf ihren Forderungen bestehen und vor allen Dingen eine Erhöhung der Grund- gehältcr verlangen. Soweit die Art der Erhöhung in Frage kommt, haben die Gewerkschaften ihre bisherigen Anschauungen revidiert und sind bereit, diesbezüglich an der Festlegung anderer Sätze mitzuwirken, hierzu Hot man sich entschlossen, weil inzwischen der Ausoerkauf eine starke Eindämmung erfahren hat, sich somit auch die allgemeinen Verhältnisse änderten, und weil letzten Endes die außenpolitische Situation eine gewisse Zurückhaltung erfordert. Die Spitzenorganisationen erwarten, daß die Regierung, die bisher alle Bsrhanblungen über die aufgestellten Forderungen ab- getehnt hat, nunmehr gleichfalls einlenkt und dazu beiträgt, daß die augenblickliche Erregung innerhalb der Beamtenschaft bald beige- legt wird. Kein �Ultimatum'' öer Postbeamten. Insbesondere den Lohnfragen gegenüber hat sich?. d5. im „Berliner Tageblatt' immer weiter nach rechts entwickelt. Das ist schließlich seine Sache. Nur dorf der Uebreifer nicht so weit gehen, daß er zu falscher Berichterstattung verleitet. Während der„Borwärts' in seiner gestrigen Morgenausgabe die E n t< schließung der Post- und Telegraphenbeamten in ihrer Lersammlung am Dienstagabend wortwörtlich zum Abdruck bringt, brachte P. M. in der Ausgabe des„B. T.' von gestern abend eine Entschließung als angenommen,� wonach der Regierung „ein Ultimatum von 2 4 Stunden gestellt' sei, mit Ablauf heute mittag 12 Uhr. An diesen angeblichen Beschluß knüpft P. M. eine entsprechende Polemik, der die Grundlage fehlt. Das eben zeichnet die Bcomtenverfammlung aus, daß sie trotz der stark erregten Stimmung kein Ultimatum stellte, sondern sich bei ihrem Befchlusie von der Ueberlegung leiten ließ. Um so we- niger erscheint es angebracht, durch falsche Berichterstattung die Si- tuation zu verwirren. « Die„Rote F a h n e', die samt ihrem ganzen Anhang nicht in der Lage ist, für die Beamten auch nur eine Papiermark an Ge» Haltserhöhung durchzusetzen, ist mit den Spitzenorganisationen kei- neswegs zufrieden. Die Art und Weise, in der von den Spitzen» organisationcn Gehalts- und Lohnbewegungen geführt werden, mute jeden vernünftig denkenden Menschen geradezu kindisch an. Die„famcfen" Beamtenführer oerhandelten immer wieder, anstatt die Parole zum Streik auszugeben. Es ist überflllsiig, mit dem Blatt darüber zu rechten. Jedem vernünftig denkenden Menschen aber leuchtet ein, daß, um bei jedweder möglichen und unmöglichen Gelegenheit zum„Streik' zu rufen, nichts weiter gehört, als das Mundwerk. Die„famosen' Führer aber haben zu beurteilen, ob die Forderungen durchführbar sind und nur böser Wille auf der anderen Seite ihrer Durchführung im Weg« steht, oder aber, ob fach- liche Schwierigkeiten z» berücksickstigen sind; ob und wie weit Der- Handlungen erfolgversprechend sind, ein Streik notwendig und durchführbar ist und was so dergleichen Kleinigkeiten mehr sind. die die großen KPD.-Geister nicht genieren, da nicht sie, sondern „die anderen' die Mittel aufzubringen und die Berontworwng zu tragen haben. Tie Eisenbahner. Die Versammlung der Funktionäre des Deutschen Eisenbahnerverbandes in den Andreas-Festsälen, über die wir morgen näher berichten, forderte in einer Entschließung, daß noch vor Weihnachten sämtlichen Beamten, Angestellten und Ar- beitern 1000 Mark als Vorschuß auf em« spätere Lohnaufbesierung auszuzahlen seien. Ferner wurde folgende Resolution angenommen: „Die am 21. Dezember 1921 tagende Versammlung der Funk- tionäre der Ortsgruppe Berlin des D. E. V. steht gemäß der wirt- schaftlichen und politischen Lage auf dem Standpunkt, daß die äugen- blickliche Lohnbewegung nicht zum Ziele führen kann. Ausgehend von der Erwägung, daß die unhaltbare wirtschaftliche Misere, in der alle Arbeitnehmer sich befinden, durch getrennte Lohnbewegungen nicht behoben wird, fordern die Versammelten den Hauptoorstand auf. umgehend mit allen fteien Gewerkschaften in Fühlung zu treten, um eine gemeinsame Bewegung aller freigewerkschastlich organisierten Arbeitnehmer in die Wege zu leiten. Di« Versammelten sind der Ansicht, daß dem geeinten Kopital die geschlossen« Front der Arbeit- nehmerschaft entgegengestellt werden muß, um die Bewilligung de« Existenzminimums zu erreichen. Weiter sind die Funktionäre über- zeugt, daß die bisherige Taktik nicht zum Ziel« führt, weil die Nicht- organisierten oder in anderen Organisationen vereinten Arbeitneh- mer schwer für die fteie Gewerkschaft gewonnen werden können, wenn die Maßnahmen sich nicht von der Taktik der übrigen Orgoni- sationen unterscheiden. Gleichzeitig fordern die Versammelten, den schon längst fälligen vom A. D. G. B. avsgestellten Forderungen durch dies« gemeinsame Front zum Durchbruch zu verhelfen, um so den un» durch die Verhältnisse aufgezwungenen Kampf erfolgreich für die Arbeitnehmerschaft zu Ende zu führen.' Scham. Ich schäme mich, ein Mensch zu sein. Meine Verzweiflung ist berechtigt. Ich weiß: in Paris, in London, in Rom, in Berlin und in New York überfressen sich aufgedunsene Menschen den faulen Bauch— und an der Wolga verhungern die Kinder zu Tausenden. Was soll ich tun? Meine Seele schreit ihren Schmerz in die kalte Dezembernacht--- Hohnlachend antwortet mir vom finster» Walde her meine eigene Hilflosigkeit. Und Kinder sterben. Und Kinder verhungern. Wenn ich auf die hellen Plätze und auf die sauberen Promenaden der Großstädte trete und mit bittenden und drohenden Worten zur Hilfe für die Wolgakinder aufrufe: Dann wird man mich verlachen— oder man wird mich gar als Narr ins Jrenhaus sperren. Und berufe ich Versammlungen ein— dann werden die kommen, die selber hungern— es werden die kommen, die wohl geben möchten, aber nicht geben können-- Die wirklich Helsen könnten: die werden nicht kommen: denn sie wollen nicht helfen. Ich schäme mich, ein Mensch zu sein. Max Dort u. Weihnachtsklänge. Konzertschau von Kurt Singer. „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage'— mit solchem Trompeten- und Paukenschall ruft uns B a ch in seinem„Weih- nachtsoratorium' zur Feier; und es dehnt und steigert und ballt Stimmungen der Etnzelkantaten aus allen Regionen der Ekstase, der lyrischen Betrachtung, der dramatischen Belebung in eine einzige große Musiksprache. Zwölf Tage und Nächte, bis zum Sonn- tag nach Neujahr, reicht das Epos und läßt uns nicht los, gerade well der Mangel einer stilistischen Einheit un» jedes Teilchen lieben läßt. Dieses Oratorium, still und sanft in den Chorälen, sinnig und frisch in den Solosätzen und dankerfüllt im Wurf der Chöre, volks- tümlich und überreich an menschlicher Empfindung, weckt den Gegen- wartsmenschen aus seiner Befangenheit In die Hoffnungshelle. Was wäre weihnachtlicher? Der schwache Menschengeist ermuntert sich, das schöne Morgenlicht bricht an. Ein hoher Glanz, aller Menschheit sichtbar, wirbt für Verbrüderung. Was wäre göttlicher? Noch ist die Erfüllung weltenfern, und„Teufel, Sünd' und Hölle' scheinen ungeschwächt. Aber das Neugeboree, weihnachtlich begrüßt, lacht die Zweifel fort. Ein Symbol: aus der Hütte der Armut ersteht sieghast der Palast, w dem sich vor Güte, Wahrheit und Herrlichkeit, Reichtum der Seele die Welt beugt. Dieses Weihnachtsoratorium die öefolüungsfrage. Nach einer Meldung des Sozialdemokratischen Parlaments- dienstes bestehen die Gewerkschaften auf einer Erhöhung der Grund- gehälter, wobei sie nicht abgeneigt seien, die tatsächliche Eindämmung des Ausverkaufs mit zu berücksichtigen. Die für Mittwoch nachmittag geplanten Verhandlungen mußten wegen Verhinderung des Reichs- finanzministers durch eine Kabinettssttzung vertagt werden. Der Beamtenausschuh des Reichstags sprach sich, wegen ihrer Unvollständigkeit, gegen die geplante Gehaltsvorschuß- Zahlung an Beamte und Angestellte der Ortsklassen A und B, soweit sie nicht durch dos neue Ortsklassenverzeichnis höher eingestuft wer- den, aus. z 1 des Beamtenrätegesetzes lautet nach den Befchlüsien erster Lesung: „Für alle Beamten des Reiches, der Länder, der Gemeinden, Gemeindeverbände sowie der Körperschaften des öffentlichen Rechts sind zur Wahrung ihrer Interessen und zur Unterstützung der Ver- waltungen in der Erfüllung ihrer wirtschaftlichen Aufgaben bei den Behörden und Dienststellen, je nach dem Ausbau der Verwaltungen, Orts-, Bezirks- und Hauptbeamtenräte zu errichten. Bestehen zwischen der untersten und höchsten Instanz mehrere Zwischen- instanzen, so ist nur bei einer von diesen ein Bezirksbeamtenrot ein- zurichten. Die Reichsregierung und die Landesregierungen können nach Verhandlung mit dem zuständigen Hauptbeamtenrat von der Errichtung von Bezirksbeamtenräten absehen. Die Reichsregierung und die Landesregierungen können Beamte der Körperschaften des öffentlichen Rechts nur mit Zustimmung des zuständigen Haupt- beamtenrats von der Unterstellung unter dieses Gesetz befreien. Mit Zustimmung des zuständigen Hauptbeamtenrats kann bestimmt wer- den, daß gewisie Beamte von der Anwendung dieses Gesetzes oder einzelner Bestimmungen ausgenommen wexden.' 8 2 wurde, nachdem Abg. S t e i n k o p f(Soz.) die Bestim- münzen, die sich über das außerdienstliche Verhalten der Beamten Kontrollrechte anmaßen, für empörend erklärt hatte, mit einer geringen redakttonellen Aenderung angenommen, ebenso 8 S. die neuen Steuern. Im Reichstagsausschuß für Steuerfragen wur» den am Mittwoch zur Kapilaloerkehrssteuer die Bestim- mungen über die Gewährung von Vergütungen durch Kapitalgesell- schaften an die zur Ueberwqchung ihrer Geschäftsführung ver- fasiungsmäßig bestellten Personen angenommen. Gemäß einem Antrage Bernstein(Soz.) wurde hinzugefügt, daß bei bergrechtlichen Gewerkschaften der Aufsichtsratssteuer auch die Mit- glieoer des Grubenvorstandes unterliegen, mit Ausnahme der Mit- glieder, die die laufende Verwaltung der Gewerkschaften tatsächlich führen. Unter Ablehnung eines demokratischen Antrags auf Strei. chung, wurde di« Anschafsungsfleuer gemäß einem Zentrumsantroge auf 2 proz. de» wertes des Gegenstandes zur Zeit der Entstehung der Steuerschuld festgesetzt.— Ferner soll bei der Gewerbeanschaf- fungssteuer auf die nach den Derdrängungssckäden-, Auslondsschäden- und Kolonialschädengesetzen Entschädigungsberechtigten, sofern der Erwerb vor dem Sil Dezember 1921 stattfindet und di« Voraus- setzungen des 8 S des VerdrängungsfrySdengesetzes zutreffen, 8? des Auslandsschädengesetzcs angewandt werden. Die Länder sollen S0 Proz. der in ihrem Gebiet aufkommenden Gewerbeanschaffungs- fteuer erholten, und dieser Anteil soll an die Gemeinden abgeführt werden.§ 97, der dem Gesetz« rückwirkende Kraft vom 1. Sep- tember 1921 geben will, wird noch lebhafter. Debatte angenommen. — Nächste Sitzung Mitte Januar. die Kosten üer Republik. Die vehauprungen der Rechiipresse über leichtfertig« Gehälter- bewilligunge»»ach der Revolution, namentlich an führende Männer in der Republik haben, wie die P P.N. erfahren, da« ReichSministerium de» Innern veranlaßt, eine Zusammenstellung der in den leitenden Stellen entstandenen Kotten zu machen. Dabei hat sich ergeben. daß für GebSlter Voilebeauftragter, ReiwSminister und Reich?» kanzler vom Tage der Revolution bis zum 31. Dezember 1921 die Republik insgesamt die Summe von bllvlXXl Papiermark aufgewendet hat. Diese.Summe' beweist daß an leitenden Stellen mit einer geradezu vorbildlichen Enthaltsamkeir und Selbstbeschränkung ge- arbeilet worden ist. Die Renaler Konferenz Finnlands. Estlands, Lettlands und Litauen» ist abgeschlosien. Das wichtigste Ergebnis ist der Beschluß. einen gemeinsamen Handelsvertrag der vier baltischen Staaten mit Sowjetrußland anzustreben. macht un» Och« und Schumann zu gleicher Zeit wieder lieben»- wert. Welche Feier locki uns wohl noch vor dem Abschluß des Jahres? Jetzt und immerdar da» göttliche Welttind Mozart, da» unserem Leben den letzten Stachel nimmt, dessen Musik nicht von dieser Welt ist, äthergleich schwebend und Flügel leihend zum Himmelsflug. B u s o n i, durch dessen Seele der ganze Bach gegangen ist, bis er sein Bekenntnis zu diesem Giganten in einer ewig unvollendeten, großartigen kontrapunktistischen Sonate beglaubigt hatte, derselbe Busonl hebt stch an Mozarts Klavierkonzert empor. Der persönlichste und geistreichste aller Pianisten entdeckt im Melos, im Figurenwerk vordeutende» Neuwerk. Aus Gesang heraus klingt ihm Kraft und Angriff und Leidenschaft. Er überpointtert, wirft Kadenzen virtuos und allzu gelehrt hin, hämmerr einen Schluß, einen reizenden, poetischen Anhang wie ein kreszendierende» Erlebnis hin, galoppiert, harft, schleudert mit den Noten, macht unselbständige, stützende Bässe lebendig, dröhnend. Fast überschreitet er in jeder Note die Grenze der interessanten Geschwindigkeit, der gesungenen Lebens- lust. Dennoch: eine Leistung riesigen Formats. Wer folgt ihm? Brecher nicht, der aus Wut über den verlorenen Respekt den Taktstock hinwirft. Mit Verlaub: der Dirigent steigert seinen Ruf, wenn er dem Unmöglichen bis zum Letzten Gefolgschaft leistet. Marienhagen rettet die Situation würdig, ehrwürdig, plump und doch sehr routiniert. Packen nun die anderen Musikanten ein? Auch der sunge Fritz P e i s e r ist ein Denker im Spiel, und die selten gespielte G-Moll- Phantasie Beethovens bekommt unter seinen lebendigen Händen ein temperamentvolleres, bunteres Gesicht als sie hat. Da ist ein guter Most, da ist Leidenschaft und Klugheit und Gefühl für erlaubte Wirkung. Kapriziöser gibt sich Richard Singer, dem ich, da Vetternschaft nicht vorliegt, jagen darf, daß sein picnistifche. Können auf einem Gipfel angekommen ist, daß er Zartes und Wuchtiges mit gleich gesunder und natürlicher Handfertigkeit meistert. Als Komponist wirkt er wie ein Improvisator, der furchtbar viel gelesen und gehört hat: aus kleinen Einfällen von charakteristischem Profil macht er ganze Stücke, blaß, zwischen Oper und Impressionismus die Mitte haltend, wirkungsvoll, ohne große Linie. Robert P o l l a ck erweist sich als feuriger, mit ungemein reizvollem Ton spielender Geiger; Hedwig F a ß b e n d e r ist am Anfang einer zu früh be- gonnenen Laufbahn: mit behenden und treffsicheren Fingern scheitert sie an dem blutleeren Konzert ihre» Vaters, das sie mit rührender Liebe anfaßt. Der Ton ist nichtssagend, klein, da« Instrument un- edel. Edward Moritz leitet gewandt das leblose Orchester. Her- mann Wunsch macht aus der Egmont-Ouvertüre«inen Militär- marsch, rast in die frühlinghafte G-Moll-Sinfoni« mit eckiger Gewalt hinein und findet seine Qualität erst wieder bei Bruckner, ohne daß dessen Dritte Sinfonie etwa ihren gläubigen, großstrahlenden Glanz behalten hätte. Mehr hübsch findet sich da, neugegründete Orchester der „Schupo' in seine unmilitärisch« Aufgabe. Wie diese viel be- Zwei Verhaftungen. Wir meldeten gestern die Verhaftung eines Mitarbeiters der „Roten Fahne', Leo B o r o cki o w i c z, der polniicher Slaatsbürger ist, aber einen falschen deutschen Paß auf den Namen Goimied Bayer führte. Die Verhaftung erfolgte wegen Urkundenfälschung. Nun ist auch die bekannte Kommunistin Ruth Fischer verbailet worden, die in Wirklichkeit Elsriede Friedländer heißt, ai« Oester- reicherin ausgewiesen, aber unter dem Nomen W a g e n e r nach Preußen zurückgekebrt war. Si« hatte an dem Jenaer Parteitag rednerisch teilgenommen, nahm dann als Beauftragte MoSlau» ihren Platz in der ZiPD.-Zentrale wieder ein und wurde Lefterin de« BezirtSverbande« Berlin-Branoenburg. Nach einem Kor- reipondenzbericht sollen gemäßigte Elemente der KPD. der Frau Fischer den Rat erteilt haben, sie möge ihre Tärigkeil nach dem Ausland verlegen.— Frau Fiicher wird sich wegen Bonnbruchs zu veraniworten haben und dann über die Grenze gebrachl werden. Die„Rote Fahne' benütz» diese Vorfälle zu«mer Hetzc gcgen „die SP k.-Führer'. Dazu ist zu bemerken, daß„die SPD.-Fükrcr' nicht die Macht haben, für Kommunisten ein Soiiderrcchi zu er- wirken. In beiden Fällen liegen Uebertretungen des Gesetzes vor, denen nachzugehen die Behörden verpflichtet find. Erst wenn Un- billigkeiten und ungerechte Härien festzustellen sind, kann mit Aus- ficht auf Erfolg eingeschritten werden. Die abscheuliche Unwahrhafugkeit der„Roten Fahne' zwingt uns aber noch zu einer weiieren Bemerkung. Wie ihrer Rcda!»on bekannt fein muß, ist es zur Uebung geworden, daß KPD.-Führer, wenn sie in irgendeine Bedrängnis kommen, sich an Mriglieter der Sozialdemokratischen Parle» mit der Birte um Hilft wenden, die bereitwillig gewährt wird, soweit die Lage de« Falles dies auch nur irgendwie zuläßt. Solche Hilfeleistung erfolgt dann naturgemäß unter Zusicherung der Diskretion. Schließlich wird man aber auf grenzenlos« Anständigkeit auf unserer Seile nicht mehr rechnen dürfen, wenn auf der anderen Seite mit so gienzen- loser Unanständigkeit wie neuerdings wieder verfahren wird. Saargebiet und Völkerbund. Saarbrücken. 21. Dezember.(MTB.) In der Stadtverord- netenversammlung wurde mitgeteilt, daß drei Mitgliedern de» D ö l k e r b u n d r a t», die sich in Saarbrücken aufhalten, von den polltischen Parteien der Stadwerordnetenversammlung, der Demokratischen Partei, Liberalen Polkspartei, Deutschnationalen Volkspartei, Sozialdemokratischen Partei und der Zentrumspartei eine D en k f ch r I f t überreicht wurde, in der die wirtschaftlichen und die polittschen Verhältnisse des Soargebiete» sowie das Der- hältnis der Bevölkerung zu der Regierungskommission, wie es sich infolg» de» autotratsschen Vorgehen» der Regierungstommission gestaltet hat, dargelegt werden. In der Denkschrift wird ausge- führt, daß die Kluft zwischen der Regierungskommission und der Bevölkerung unüberbrückbar geworden ist. Die Forderungen der politischen Parteien werden am Schluß der Denkschrift wie folgt zusammengefaßt: Der Hohe Rat des Völkerbundes möge die Revision aller Gesetze und G es etz- s ä n d e ru n g e n veranlassen, die ohne Mitwirkung der gewählten Vertretung der Bevölkerung erlassen sind. Er möge die baldige Entfernung de» französischen Mllltär» und der französischen Gen- darmerie veranlassen und dem dringenden Wunsch der Bevölkerung entsprechend da« saarländische Mitglied der Regierung-kommission aus Vorschlag der Bevölkerung ernennen. Der Völkerbund möge zum Präsidenten der Regierungstommission nur ein solches Mi!- glied ernennen, das di« Landessprache in Wort und Schrift beherrscht._ Max Hilz bat auS dem Zuchthaus an die KPD.-Frakiion des Reichstags ein Schreiben gerichtet. ,n dem er ieinen Austritt aii« der KAPD. mitteilt und dieser untersagt„weiterhin mit seinem Leichnam Reklame zu machen'. Die„Rote Fahne' nenn, ihn jetzt „den Genossen Max Hölz', sie scheint also die Erbscha't der KAPD. antreten zu wollen. Da der Mißbrauch des Worte«.Genosse' schon längst keiner Steigertttig mehr sähig ist, muß man auch da» zum übrigen legen! mühten Herren den Sänger Schützendors humorvoll und still be- gleiten, wie sie den.Preludes' Zartheit und Klangzauber schenkten, da» spricht für ihre Disziplin und des Dirigenten Schmalstich pädagogische» Talent. Auch die Kunst wird, wie das Gesetz und die Ordnung, von ihm gehütet, daß man sich ruhig bei ihnen niederlassen kann. Umarmung aber und letzte Liebe und höchstes Heil der Kunst ist bei den R o s e s. Sie sind die oollendessten Lobpreiser des mittleren Beethoven, und st« sind es, weil sie allein von allen Kammermi-ükern Partitur zu spielen belieben. Und wie sie op. 59 spielen! Mit diesen Klängen im Ohr wollen wir einen Tag des Segens, eine Nacht der Weihe, ein Jahr des Glückes vorahnen und glauben. Heil dem Kommenden, Hell dem Neugeborenenl Sturmfluten. Die jüngsten schweren Sturmschäden, die besonder» untere Nord« und Ostieeküste betroffen babcn. rufen die Eiinncrung an frühere Sturmflulen wach, die an der Wasserkante und noch weit in? Binnenland hinein schlimme Verheerungen angerichtet haben. Mit dem 12. Jahrhundert beginnend, zählt man»m wesentlichen acht folgenschwere Sturmkaiostrophen. von denen die NordseekfUte heimgesucht wurde und die merkwürdigerweise ziemlich regelmäßig in je 1saberhs-Fl»t verschlungen und darüber hinaus'm Nintrei« der Znideizee und an der enali'che» Oitküste schwere Verheerungen angerichiet. ANein im Gebier der Nbein- Mündungen sollen annähernd lOOOOO Menschen bei der Koiastrot'be um» Leben gekommen sein. In der Geschichte der Siiirnistule» bildet damit die St.-Elt'abethS-Fiut«ine» der surchtbarste» Natur- ereignisse. Die St-ElisabethS-Flut brachte kür das holländische Verkehi S» wesen und nameiiilich inr die Rbeinschiffahrt schwere Nachteile mit sich. Versandung der alie» Wasserläuie und Bildung neuer Jnieln lind Untiefen waren die Folgen, die sich»och 4'/, Jahrbunde-:« lang empfindlich bemerkbar machten. Ein« neue Erfindung für das lelegraphenwefen. Zu dem V?. richt in Nr. S8S, der einem bekannten Telegrophenbureau seine Grundlag» verdankte, wird uns von der Gesellschaft für Funken- telegraphie Dr. E. F. Huth mitgeteilt: Zum Festhalten eines Gewichtes von S Kiloaromm werden nicht 10 Watt, fondern weniger als ein Zehntel Watt benötigt. Der nach dem neuen Prinzip entwickelte Schnellschrelber zeichnet nicht 200 sondern 2 00 0 Buchstaben in der Minute auf. Die Erfindung, die elektrische Anziehung ohne Magnetismus und Eisen ermöglicht, ist danach noch viel bedeutungsvoller als aus un- lerem Bericht hervorging. Marzopfer- Sammlung: Schluß Ireitag abenö Uhr. Ragows Verurteilung. Leipzig, 21. Dezember 1921. Nach Troffmmg der Sitzung nahm der Vorsitzende Acheimrat v. P e l a r g u s das Wort zur Urteilsbegründung. Er gab zunächst eine breite Schilderung der Gesamtoorgänge vom März 1929 und ging im Anschluß daran auf die Tätigkeit der drei Angeklagten ein. V o n I a g o w sei der e i n z i g e von ihnen, der das von Kapp ihm übertragene Amt eines Ministers angenommen, eine Reihe von wichtigen Amtshandlungen vorgenommen, insbesondere in zehn Telegrammen eine Reihe von Oberpräsidenten abgesetzt habe. Dagegen hat Freiherr v. Wangenheim zwar das ihm ange- botene Londwirtschaftsministerium angenommen, aber bereits zwei Tage später, ohne irgendwelche Amtshandlungen vorgenommen zu haben, seinen Rücktritt erklärt. Der Angeklagte Dr. Schiele habe ebenfalls seine Tätigkeit als Reichswirtschaftsminister nicht an- getreten und sei auch sonst nur wenig hervorgetreten. In der Begründung heißt es weiter: Das Unternehmen Kopps und Lüttwitz' stellt den vollendeten Tatbestand eines hochverräterischen Unternehmen» gemäß§ 81, Abs. 2 dar. Beide haben im bewußten Zusammenwir- ken die Verfassung des Deutschen Reiches gewalt- sam ändern wollen. Wenn die Verteidigung behauptet, daß durch den Umsturz vom 9. November der K 81 gegen st andslos geworden sei, so muß darauf hingewiesen werden, daß das Straf- gefetzbuch zum Schutz der Rechtsgüter und Einrichtungen in ihrem jetzigen Bestände berufen fei, und daß die jehige Dersasiung vom 11. August 1919 strafrechtlichen Schuh genieße. Der Vorhalt, daß Kapp und Lüttwitz aus vaterländischer Begeisterung und aus anderen Motiven gehandelt hätten, sei für di� Schuldfrage belanglos, er komme nur für die S t r a fz u m e s f u n g in Betracht. Wenn die Verteidigung ferner darauf hinweise, daß eine Diktatur Kapp nur als vorübergehend gedacht war, so sei dem entgegenzuhalten, daß das Strafgesetzbuch nicht von einer längeren oder kürzeren Verfassungsänderung spreche, fondern daß es den Hochverrat bestrafe. Auch von einer Notwehr gegenüber verfassungswidrigen An- ständen könne nicht die Red« sein. Unmöglich könne jeder Staatsbürger bei irgendwelchen Ver- stößen von Regierungsstellen zu ihrer Abstellung zu einem hoch- verräterischen Unternehmen befugt sein. Keinem der Angeklagten sei nachgewiesen, daß sie vor der Aufforderung Kapp» mit seinen Zielen vertraut waren. M i t dem Betreten er Reichskanzlei aber benahmen sich die Angeklagten so, als ob nichts vorgefallen war, obgleich sie aus den getroffe- nen Anordnungen hätten entnehmen müssen, worauf Kapp und Lüttwitz hinsteuerten. Alle drei Angeklagten haben dl» Entwicklung des Unternehmen» vorjählich gefördert. Was die Frage, ob sie als Mittäter oder Gehilfen zu betrachten seien, beträfe, so seien unter Mittätern und Gehilfen zu verstehen, die an hervor- ragender Stelle gestanden hätten. Das aber treffe bei dein Angeklagten v. Zagow zu. Seine Persönlichkeit, seine eigenen lang- jähriqen Erfahrungen auf dem Gebiet der Verwaltung habe er in die Dienste Kapp» gestellt und so den Boden für dessen Un- ternehmen geebnet. Deshalb mußte unter Ablehnung de, Amnestiegesetze» auf eine Verurteilung v. Jagow« wegen Hoch- verrat« erkannt werden. Auf der einen Seite habe man ihm m i l- dernde Umstände zugebilligt, auf der anderen Seite aber fei aus eine verhältnismäßig hohe Straf« zu erkennen gewesen, und zwar im Hinblick auf die schweren und welttragenden Folgen und Nachwirkungen de» unheilvollen Unternehmens. Die beiden anderen Angeklagten, Freiherr v. Wanaenheim und Dr. Schiele, hallen nur neben- sächliche Handlungen begangen. Sie wollten vielleicht eine bedeutend« Rolle spielen, wurden aber durch den vorzeitigen Rück- tritt Kapps daran gehindert. Daher war das gegen sie ein- geleitete Verfahren auf Grund des Amnestiegesetzes einzustellen. Dann verkündete der Vorsitzende das an anderer Stelle wieder- gegebene Urteil. Die Angeklagten nahmen das Urteil ohne sichtbare Erregung entgegen. Volksmärchen im Film. Man kommt immer mehr zur Tinstlbt, wie sehr sich seinem ganzen Wesen nach gerade da« Märchen für den Film eignet, und wie es so zur Veredelung und Reinigung des Stmoi beitragen kann. Die Handlung des Märchens baut sich ein- fach und schemalisch, in der Regel in dreifacher Steigerung, aus; sie ist klar und durchsichtig und fast völlig unabhängig von, ge- sprochenen Wort, das meist nur in ein paar formelhaften Wen« düngen eine entscheidende Rolle spielt. Di« Charaktere sind ebenso einfach, ohne psychologisibe Komplikation, die irgendwelche Konversation oder neben der Handlung hergebende Erklärungen notwendig machte. Ihr Wesen ist durch wenige äußere, in die Augen fallende Züge charakterisiert. Dazu kommt, daß der Inhalt unserer verbreiteten Volksmärchen jung und alt ge« läufig ist, daß �ie dennoch jedem immer wieder neue Reize zu offenbaren vermögen. Reize, von denen wenigstens einen Teil das Kino sehr gut hcrariSzuarbeiten vermag. So bietet zum Beispiel der jetzt von der Kulturabteilung der Ufa gebrachte Märchenfilm .Tiichlein deck' dich'«in Beispiel, wie das Märchen im Frlm feine volle Wirksamkeit zu entfalten vermag und dabei mit einem Text von denkbar geringstem Umfang auskommt. Die im Märchen ruhenden Slimmnngsmomente, die am ersten das gesprochene Wort vermissen lasten, können, durch pasiend gewählte LandstbastS-»nd Umweltbilder vermittelt, der Humor, der gerade auch den Er« wachsenen beim Märchen beionderS lieb ist. ein wenig an die Grenze des Grotesken gerückt werden, ohne daß deshalb daS Ganze von feiner Euiheitlichkeit verliert. Bilder vom irischen Befrelongskriege. Bei der historischen Sitzung im englischen Oberhaus, in der Lord Morley die Annahme de» Friedensvertrages mit Irland verkündete, war dem bekannten Maler John Lavery ein besonderer Platz eingeräumt worden, um diesen denkwürdigen Augenblick aus der iri'chen Geschichte im Bilde iestzuhalten. Der Künstler bat in den letzten fünf Jahren die wichtigsten Ereignisse deS irischen Befreiun rSkriege» gemalt, so die Berureiiiing von Roger Casement, den Hunaei streik de» Bürger« meisterS von Coik u.. a. Außerdem hat er Porträt» der wichtigsten irischen Fce»b�it>kämv'er. von Oe Balera. Griffirh, MtchaelCoüinS uiw geschaffen. Er wird dieien ganzen ZhkluS dem irischen Boll zum Geichenk machen, und sie sollen in einem Ehrensaal ausgestellt werden. Kindermund. In einem deutschen Aufsatz schreibt ein Schüler, Sohn eines Kriegsgewinnlers: .Wenn er auch über ein außerordentliches Der- mögen verfügte, so stand er doch in den vorder st enReihen der kämpfenden Soldaten 1' Man wird leider nicht bestreiten können, daß das Staunen des naiven Knaben seine Berechtigung hat. Wrihnnch»?» im Deutschen Opernbanfe. Die Tdarlottendurger Over bat am ersten Feiertag.Oberon», am zweiten.Tannbäuser» und am dritten.Die Meist eriinger von Nüruberg' angeseht. tUroste volksopee. Da» Ilk. A b o n n e m e n t»- K o n z c r t in der P b i l b o r m o n i e mit dem Pbilharmonischen Orchester»nter Kustav Brecher findet am Freitag, den 30.. abend» 3 Uhr statt und bringt Beethovens Neunte und Schubert» unvollendete Ii-Noll. 1 8ürs tveihnachtsfeft öer Märzopfer. Auf unsere Bitte, für die Familien der Märzgefangenen eine kleine Weihnachtsspende zu bereiten, gingen bisher weiter ein: Etegemann, Berlin, l().—, Familie Reim, Berlin, 25.—, Frl. Rrieg, Berlin, 10.—, Hubert Willler, Charlottenburg, 10.—, Lozes, Tegel, 10.—, Solo so.—, W. O. und Frau 100.—, 1 Genossen vom Etahlwerl Hennigsdorf Z0.—, Lischka SO.—, Butz 5.—, Revier 30.—, Hcnschel für Abt. 101, Treptow, 263.—, Fick 20.—, Taut 25,—,©. L. 44 71.—, Herbing 15.—, Ungenannt lHamburg) 500.—, Rreis Schwerin i. M. 2923.70, Ralusche 20.—, D. C. B. Wanne 200.—, M. Sieb, Charloltenburg 4, 100.—, Dr. B Landau, Wandlitz, 20.—, Dr. L. Beuditz 50.—, SPD. Eladbeck i. Wests. 500.—, SPD. Goldbcck i. Atzmarl 50.—, Maschinisten und Handwerler„Rheingold»«0.—, Tommom. HomaNrg, 25.—, Beamten und Arbeiter des Wasserwerls Müggelsee 432.50, Rollegensasast des Zentralmaga- zin» der Etüdtiscfcn Gaswerke 663.50, Rollegen des Vlld-West-Wcrks Unter- grundbahn SS.—, Hoter 50.—, Schneider, Angestellte der Firma Rnobloch, Rose- mann 175.—, 53. Abt., Bezirk 1—3, 317.65, Bulddruelcrei der Wissenschasllichcn Bereinigung. Trebbin, 91.50, Angestellte und Arbeiter der Firma Albatros, au« menschlichem Empfinden, 532.—, L. v. G. 100.—, Ueberschutz vom Herbst- vergnügen de» Federorbeiter-Berbandcs, Neumünster, 500.—, Technisches Per- lonal des Rreiskrankenhauies, Rdpeniek, 135.—, Genossen der Feuerwache g. 24 »4.—, Tapezierer Antike Wohnräume 15.—, Gesammelt durch Mentzel beim Weibnachtsvergnügen de» Sparvireins.„Zufriedenheit» 71.90, Angestellt« der Ortskrankenkave für da, Gewerbe der Tischler und Pianofortearbeiter 64.50, Rosentbal, Rollegen der Rarosserie Moer Comp. 200.—, Rollegen dcr Firma Adam 81.95, 8. Schulz 10.—, Rlitz und Frau, Charlottenburg, 20.—, M. Schulz 10.—, Zentralverbiindler der Firma 8. Hermann, G. m. b. H.. 91.—, Perso- nal der Reichsdruckerei, 2. Rate, 1133.—, Patentanwalt Neumann 10.—, Angestellte der Firma Braunsdera u. Co. 77.—, Arbeiter der Zigarettensabrik„Bos- nia» 522.—, Möbelfabrik Erdr. Rastner 134.—, H. Berthold, Sibriftgietzerei und Messinglinienfabrik, 463.—, Bodenarbeiter der Firma Carl Lassen 125.—, E. C. 100.—, Rummroso, Berlin, Nordbahnhof, 100.—, Edith Werth, Berlin, 5.—, Deutscher VeNeidungsarbeUcr-Bcrband 580.—, Maybaucr 25.—, Arbeiter und Angestellte von Schalfer u. Walcker, Zentrallager, 55.—, Arbeiter der Firma LUderitz u. Bauer 757.—, Bronsart Held 25.—, T ismer, Berlin, 10.—, Zentral- bureau de» Deutschen Eisenbahner-Berbandes 636.—, Haus Joachim Singer 50.—, Lemke 20.—, Biedermann 20.—, Wittel 20.—, Inngsoz. Pereinigung SPD. 255.—, Lefre» Rreuziger 10.—, Malz». Raierz 34.—, Personal der Druckerei A. W. schade 196.50, 47. Abt. 50.—, 79. Abt.{erweiterte Vorftands- sstzung) 81.60, 58. Abt. 100.—, Schlachtkampf 10.—, Rollegen aller drei Par- teien der Betriebswerkstätte sür Postkraftwagen, Berlin. 364.—, Matz Dittrich, Steglitz, 10.—, Wilh. Helmig, MUhlhausen, 20.—, Deutscher Landorbeiter-Ber- band, Berlin, 075.—, Betriebshandmerker der Firma H. S. Hermann, Beuth- straße. 63.50 M. Summa 15 567.70 M Bisher emittiert UO 279.90 M. I»»g«. samt 125 847.5« M. Zahlungen werden auf Postscheckkonto 37 536. Dorwärtsverlag G. m. b. H., unter dem Kennwort„Marzopscr", in dcr Erpedition des„Vorwärts", Laden, Lindenstr 3. im Sekretariat des„Vorwärts", Sekretariat der SPD., Neukölln, Iägerstr. 66, von 4— 6 Uhr, Vor- wärtsspsdit'ionen Neckarstr. 2 und Siegsriedstr 28/29, angenommen. Die Quittungen werden täglich veröffentlicht. Genossinnen, Genossen! Gebt, was Ihr könnt, vor allem aber gebt rasch I» Redaktion des„Vorwärts". « Berichtigung. 8» soll nicht heißen Angestellte der Firma Fürst u. Höft 183.50, sondern 35 Rollegen und Rolleginnen der Lederwarensabrik Fürst u. Höst 183.50 R._ Keine Einmung in 5onöon) London. 21. Dezember.(WTB.)„Evening Standard" zufolge haben die Sachverständigen heute nachmittag versucht die einander gegenüberstehenden Ansichten in der Reparationssrage zu versöhnen. Eine Uebereinstimmung sei nicht erzielt worden. Wie weiter berichtet wird, können die augenblicklichen Vera- tungen zu keinem endgültigen Beschluß führen. Es wird eine Zusammenkunft des O b e r st e n Rate» für den Januar ein- berufen werden. Auch dieser Zusammenkunft werde ein Vorschlag bezüglich der Frage der Reparationen und der allgemeinen wirt- schaftlichen Wiederherstellung Europas unterbreitet werden. Es sei möglich, daß diese Zusammenkunft in Paris oder in St. Remo statt- finden werde. London. LI. Dezember. Der Schatzkanzler Sir Robert Hörne hatte eine Unterredung mit R a t h e n a u. Sir Evans er- örterte heute mit Driand und Lloyd George einen Bericht über die rusilfche Lage. danzigs �echtsbeziehungen zu Deutstblanö. In einem Rechtsstreit zwischen der freien Stadt Danzig und Po- len hat der Oberkommifsar Haking entschieden, daß die polnische Re- gierung Danzig dieselben Erleichterungen für das Zustandekommen eines Rechtsvertrages mit Deutschland über die recht- lichen Angelegenheiten gewähren muß. w!« sie sie für ihr eigenes Abkommen mit Deutschland vorsieht. Danzig hatte verlangt, in un- mittelbare gerichtlich« Beziehungen zu der deutschen Regierung lretcn zu dürfen; Polen wollt« dies« Beziehungen nur mit Ostpreu- ßen gestatten. Hakings Entscheidung ist ein Kompromiß, aus dem hervorgeht, daß die Freiheitsrechte der„freien" Stadt auch bei einem guten Willen des Völkerbundbeamten nur sehr beschräntt sind. WirtfiHafi Touöon und Deutschlands Finanzen. Die Auseinandersetzungen in London, über deren Verlauf nur Bruchstücke bekannt werden, zeigen bisher doch mit aller Deutlich- keit, daß es der Entente in erster Linie auf die Frage ankommt, wie Deutschland zahlungsfähig erhalten werden kann. Darüber scheint Uebereinstimmung zu herrschen, daß man einen Schuldner al« betrügerisch ansehen muß, der es nicht zuwege de- kommt, eine klare Bilanz aufzustellen. Für das Deutsche Reick gilt heute noch eine Entschuldigung. Die bisherige R e p a r a t! o n s p o l i t i k hat zur Folge gehabt, daß Deutschland Devisen um jeden Preis kaufen mußte. Dadurch wurde nicht nur eine durchgreifende Besserung der Mark verhin- dert, sondern auch ihre Stabilisierung von vornherein unmöglich gemacht. Wenn die Entente sagt, daß eine Bilanz, die unter solchen Umständen aufgestellt wird, falsch oder gar betrügerisch sei, so sollte sie sich doch fragen, wer die Schuld an dieser Bilanz ohne feste Zahlengrundlage trügt. Und sie würde zu demselben Endergebnis kommen, zu dem Keynes und andere hervorragende Wirtschafter schon längst gekommen sind, daß nämlich das Bersailler Diktat und das Londoner Ultimatum schuld sind, wenn Deutschland heute über- Haupt außerstande ist, eine Bilanz aufziistelleni Man setzt in den Reichshaushalt Steuerbcträge«in, die anstatt im ganzen Rechnungs- jähre bereits in wenig mehr als einem halben eingehen. Die Aus- gaben aber wachsen verhältnismäßig bedeutend schneller. Und des- halb zeigt jede Zehntagebilanz des deutschen Reiches, daß noch neue schwebend« Schulden aufgenommen werden müssen. Die Aus- weise der Reichsbank jedoch bieten immer wieder dasselbe erschüt- ternd« Bild, daß zur Bezahlung dieser Schulden die vom Reiche zur Verfügung gestellten Betröge nicht ausreichen, und daß ein neuer Betrag von P a p i e r g e l d s ch e i n e n in die deutsche Volks- Wirtschaft hineingepumpt werden mußte, um wenigstens rechnungs- mäßig das Gleichgewicht herzustellen. So vergrößert sich die Fehl- bilanz im Reichshaushalt. Man ist entschieden willens, sie cnd- güllig wegzubrinqen, indem man die sozialen Zugeständnisie des Reichshaushalte» vc'eitigt Di« Tanse der Verkehrsbetrieb« sollen entsprechend der Geldentwertung hinaufgesetzt, die Lebensmittel- Zuschüsse abgebaut werden. Bisher gab die immer noch Im Verhält- nis zum Ausland große Kaufkraft der Mark den Exporteuren eine Ausfuhrprämie, die die deutsche Konkurrenz am Welt- markt als Schleuderkonturrenz erscheinen ließ. Das soll jetzt fort- fallen. Ob damit dem Valutaelend endlich abgeholfen ist, das ist «in« andere Frage. Und um diese Frage zerbrechen sich die Geister der internationalen Finanz heut« in London den Kopf. Es ist schon immerhin von Vorteil, daß man heute die Ministerpräsidenten, Außen- und Wiederaufbauministcr als Sachwalter dcr inter- nationalen Finanz ansprechen kann. Roch vor eineinhalb Jahren waren sie fast willenlose Werkzeuge imperialistischer Hetzer. Aber ihre Forderung, die Reparationszahlungen auf eine klare deutsche Schuldcnbilanz zu gründen, erfolgt zu gutem Reäzt. Nicht nur sozialistische, auch bürgerliche Blätter haben seit langer Zeit die Stillegung der deutschen Notenpresse als Voraus- setzung einer Gesundung des Rcichshausholts gefordert. Sie ist eine Utopie bei großen Veränderungen der Preise im Inland. Die Valuta hing bis heute in entscheidendem Maße davon ab, ob die Entente ihrem Siegcsrecht Geltung zu verschaffen suchte oder nicht. Wenn also die Londoner Verhandlungen irgendeinen Erfolg haben sollen, so wird er dort zu suchen sein, wo es sich um die Zahlungen Deutschlands handelt. Werden diese den Doraussetzun- gen dcr inländischen Finanz- und Wirtschaftspolitik angepaßt, wird nicht weiter unmögliches von uns verlangt, so besteht die be- rechtigte Aussicht, daß Gläubiger und Schuldner zu ihrem Rechte kommen. Eine Zwangsliquidatton— und auch die Besetzung des Ruhrgebietes wäre eine solche— wäre für beide Teile schon deshalb vom Uebel, weil dadurch der künftigen Entwicklung der deutschen Zahlungskraft vorgegrisfen wird, eine Entwicklung, die vorläufig wenigstens trotz aller Fehlziffern der Außenhandelsbilanz immer noch eine aufsteigende Linie zeigt. Die Stillegung der Notenpresse im Inland ober bleibt dos Problem der deutschen Finanzpolitik. Neuerdings scheint man ge« neigt zu sein, sich mit A n l e i h e p r o j e k t e n zufrieden zu geben. Die Annahme des Hachenburgschen Vorschlages im Reichswirtschaftsrat, an sich ein beträchttichcr Erfolg der beteiligten Interessen» gruppen, scheint dazu zu führen, daß man sich mit der Ausnahm« einer Geldanleihe einverstanden erklären, sich damit zufriedengeben will. Ein Auelandskredit der deutschen Erwerbsstände aber würde für die deutschen Reichsfinonzen erst dann von Erfolg sein, wenn die daraus entstehende Schuld auch dem Reiche für eine Uebergangs- zeit g e st u n d e t wird. Verlangen Industrie und Handel, daß die Rückzahlungen und die Zinsen ver Anleihe ohne weiteres auf die Steuern angerechnet werden, so ist die ganze Kreditgemeinschast nichts anderes als ein Verein zur Umrechnung von Auslands- auf Jnlandsschulden. Anders aber ist es, wenn die Industrie wirtlich das Opfer bringt, zu dem sie sich anfangs unter gewissen, freilich unannehmbaren Bedingungen erboten hat, nämlich ihren Kredtt als Reichskredit gelten zu lassen. Dazu wäre erforderlich, daß die Zinsen für die Anleihe entweder durch eine Zwanqsanieihe aufgebracht, oder aber für eine Reihe von Iahren dem Reiche zur Ver- fügung gestellt werden, ohne daß eine Verrechnung auf die Steuern stattfindet. Hier wäre in der Tat ein Weg gewiesen, wie die Inter- cffen der Industrie mit denen des Reiches auf dasselbe Maß ge- bracht würden. Es ist hohe Zeit, daß die amtlichen Stellen sich über diese Frage bald klar und eindeutig vor der Ocffentlichkeit äußern, wenn nicht der Anschein erweckt werden soll, als wollte Deutschland weiter sich gegenüber den Forderungen des neutralen und des interessierten Auslands passiv verhalten. Die amtlichen Devisenkurse der gestrigen Berliner Börse ließen von der erheblichen Besserung der Mark, die anfangs erzielt worden � war, nicht mehr viel verspüren. Der Dollar sank nach ihnen von 174,32 auf 172.82, 199 holländische Gulden ermäßigten sich von � 6343 auf 6293 M.. 1 Pfund Sterling hielt sich 731,75 M.. 199 fron- zösische Franken sanken von 1411 auf 1393,69 M. und 199 Schweizer Franken von 1411 aus 1393,69 M. Die Kursbesserung war also gering. T keine karlosselverschiebunzea in» Ausland. Trotz wiederholter Erklärungen im Landtag und in der Press« wollen die Gerücht« über erhebliche Verschiebungen von Kartoffeln in das Ausland, inebeson» -der« nach Frankreich, Belgien und Holland, und über dies« Länder nach der Schweiz und England nicht verstummen. In einem Erlaß des preußischen Staatskommissars für Volksernöhrung an die Ober- und Regierungspräsidenten wird erneut auf Grund der bisher an- gestellten amtlichen Ermittelunsen wiederholt, daß Auslands»«»- ichiebungen in nennenswertem Umfange nicht nachgewiesen sind. Das Bedauerliche bei den immer wieder auftauchenden Gerüchten ist, ' daß diese«ine Abneigimg gegen Lieferung von Kartasfeln in das ! besetzte Gebiet zur Folge gehobt haben. Seitens der Regierung sind alle Maßnahmen gciroifen, um Verschiebungen ins Ausland nach : Möglichkeit zu verhindern. Di« zuständigen Polizeibehörden | haben ein« umfangreich« und streng« Grenzkoniroll« eingerichtet und werden hierbei von den Reichsbehörden, insbesondere von den Eisenbabnbehörden, wirksam unterstützt. Der oben angegeben« Grund für eine Nichtlieferung van Kartoffeln indasbe- W setzt« Gebiet ist also nicht mehr stichhaltig." Die Besteuerung de» Devisenhandel» in Dculschösterrelch. Finaiizminister Gürtler brockte im Nationalrat eine Vorlage ein, die die erzielten Gewinne bei Veräußerung von Valuten und Devisen mit zebn und von Effekten mit s ü n f Prozent versteuert. Die Steuersätze erhöhen sich um je 199 Proz., toenn der zwischen Erioerb und Veräußerung liegend« Zeil, aum nicht mcbr als einen Monat beträgt. Ist dieser Zeilraum länger als ein Jabr,' io unterliegt der durch die Veräußerung erzielte Gewinn nicht der Steuer. Die Valuten« und Efsekten« b ä n d l e r zahle» eine jährlickc Pauichalsteuer von 19 Proz. der Summe der von�ihnen innerhalb desselben GesckäitSjahreS erzielten steuerpflicktigen Gewinne, von welcker die'innerhalb deS Geschäfts- jähre» des gleicken Geschäftszweiges erlittenen Verluste in Abzug gebrockt werden können. Veräußerer, die ihren auösckließlicken Wohnsitz oder ständigen Aufenthalt im Ausland haben, werden unter bestimmten VorauSietznngen von der Steuer befreit. Da» Gesetz soll am 1. Januar 1922 in Kraft treten. Schrollbeschlagnahme. Bisher schon bestand eine Verordnung, die den Reichswirffchaftsminister ermächtigte, Hoch st preise sür Schrott festzusetzen. Dies« bestehende Ermächtigungsverordnung, die allerdings bis dahin kaum Anwendung gefunden hat, soll nunmehr ergänzt werden durch ein Beschlagnahmerecht auf Schrott. Der 1 Reichswirtschastsminister hat den gesetzgebenden Körperschaften den j Entwurf einer Verordnung unterbreitet, wonach er ermächtigt i werden soll, Schrott auch zu beschlagnahmen. In der Praxis kann ' eine Festsetzung von Höchstpreisen für Schrott ohne das gleichzeitige Recht, nötigenfalls eine Beschlagnahme auszusprechen, nicht wirk- sam gemacht werden. SieGeaeralrersammlung derACG. genebmigtedie vorgei'cklagcn« Erhöhiing de» Altienlapital», die bl» zu 259 Millionen Marl be- tragen toll. Wird das volle Kapital aufgenommen, io betrögt da» Grundkapital der AEG. l.l Milliarden Mark. Es ist damit da» erste Einzelunternehmen Dentlckland», da» sein Grnndkopiial im Nennwert auf mehr als 1 Milliarde steigert. Einzelne Aktionäre . ivaren mit der anSgeickütlelen Dividende von 16 Proz. nicht zu- � frieden und Ivieien darauf bin, daß die AEG. stilic Reserven l in geivaliiiei» Umfange habe. Sie wurde gleickwoht beschlossen. Die neue Kapitalerböhunq soll in der Haupliacke dem Zwecke de» AtlienaiietauickeS mit anderen Unternehmungen, also dem Ausbau de» AEG.»Konzern? dienen. Verlängerung des Roheisenverbandes. In der Versammlung des Roheiscnverbandcs wurde unter Aufhebung des noch bis Ends 1923 laufenden VerbandsvertraKs beschlossen, den Verband auf einer vollständig neuen Veteiligungsgrundlage und auf eine fünf- jährig« Dauer, das ist bis Ende 1926, zu verlängern. OewerGhastsbeVegung portier'öhne und Mietssteigerungen. Die Rolle des Demobilmachungskommifsars. Die Eigenart des Berufes der Portiers, Heizer und Fahrstuhl- führe? bringt es mit sich, daß Lohnbewegungen ganz besonders schwer zu führen sind. Schon die Verteilung der Arbeitsplätze über ganz Groh-Bcrlin macht einen einheitlichen Lohnkampf fast unmög» lich. Dennoch sieht sich die Organisation durch die bittere Not ihrer Mitglieder gezwungen, Lohnbewegungen zu führen. Seil drei Viertel üahren verhandelt die Organisation mit den Arbeitgeberorganisationen, dem Bund Berliner Grund- besitzervereine und dem Verband der Geschäfts- und Industriehaus- bcsitzer zwecks Abschluß eines Tarifoertrages bzw. Lohnabkommens. Löhne, wie sie hier heute noch gezahlt werden, reichen kaum aus, um Brot und Kartoffeln für die Woche zu kaufen, geschweige denn etwas anderes anzuschaffen. Die Hausbesitzer, die nach ihren Angaben die„nclleidenste* Volksschicht Berlins bilden, behaupten, keine Lohnerhöhungen bewilligen zu können. weil ihre Häuser überlastet seien. Die Organisation versuchte immer wieder, zu einem Ergebnis der langwierigen Verhandlungen zu kommen. Alle friedlich-fchiedlichen Mittel wurden erschöpft, um den Kollegen das Existenzminimum sicherzustellen-, ein ziemlich schwieri- ges Beginnen, bei der rapide steigenden Geldentwertung. Die Verhandlungen führten schließlich zu Schiedssprüchen des Schlichtungsausschusies. Entsprachen diese Schiedssprüche auch nicht entfernt den tatsächlichen Verhältnissen, so wurden sie doch in Anbetracht der allgemeinen Lage von den Kollegen angenommen. während sie von den Hausbesitzern immer wieder abgelehnt wurden. Nach erfolgter Anmeldung zur Verbindlichkeitsertlärung beim Demobilmachungskommissar mußt« die Organisation erst durch Streikdrohung«ine Verhandlung bei dieser Behörde erzwingen. In den Verhandlungen hat der„Demo" anerkannt, daß der Hausbesitzer nicht in der Lage sei, ohne Zuschläge aus die Höchst mieten Zugeständnisie zu machen. Von der unqc- heuren Notlage der Arbeitnehmer aber war er anscheinend nicht zu überzeugen. Es kam nun zu einer erneuten Verhandlung unter Hinzuziehung des Vorsitzenden der Berliner Mietseinigungsämter, Assessors Wild. Durch das Eingreifen des Stellvertreters des OberprSsidenten kam es unter Zustimmung des Maaistratsvertreters dazu, daß den Hausbesitzern namhafte Mietserhöhungen seitens der Stadt zugebilligt wurden. In allen Verhandlungen wurde klar zum Ausdruck gebracht, daß mit diesen Mietserhöhungen die Löhne der Arbeitnehmer aufgebessert und die ergangenen Schiedssprüche erfüllt werden sollten. Die Mietserhöhungen sind bewilligt, die Löhne ober werden noch nicht erhöht. Die Berliner Hausbesitzer weigern sich weiterhin unter allerlei leeren Ausreden die geradezu erbärmlichen Löhne aufzubessern und die Schiedssprüche anzuerkennen, weil ihnen die Erhöhung der Mieten nicht weit genug geht. Wer nun hoffte, der„Demo" würde in Anbetrocht der erhöhten Mietszuschläge die Derbindlichkeitserklärung der Schiedssprüche nun- mehr verfügen, sah sich bitier enttäuscht. Er lehnte dieselbe aus äußerst fadenscheinigen Gründen ab, trotzdern die Kollegenschast i n den Streit trat und eine größere Anzahl Geschäftshäuser lahm- legte. Jetzt kommt da» Ungeheuerliche der ganzen Situation. Der Streik zwang den„Demo", die beteiligten Organisationen nochmals an den Verhandlungstisch zu bringen. Auch bei dieser Verhand- lung gelang es den Hausbesitzern, den„Demo" zu überzeugen, daß sie auch jetzt, nach der bewilligten Mietserhöhunq, noch nicht in der Lage seien, den Hausangestellten auch nur einen Pfennig mehr Lohn zu zahlen. Die VerbindllchkeilserklSrnng wurde wiederum abgelehnt und die Portiers dürfen weiter hungern und verlumpen. Man muß wohl Jurist sein, um zu begreifen, daß, nachdem unter dem Droh- mittel des Streiks, mit Hilfe des Oberpräsidenten Mietserhöhungen von Sl>— 120 Proz. bewilligt sind, damit die Hausangestellten ent- sprechend dem Schiedsspruch entlohnt werden können, dann von demselben Oberpräsidenten anerkannt wird, daß trotz der Erhöhung der Mieten die Löhn« nickst gezahlt werden können. Man hat also die Notlage einer Arbeitergruppe dazu benutzt, auf beschleunigtem Wege der„Notlage" des Hausagrariertums ab- zuhelfen! Hätte die Mieterschaft es noch verstanden und gebilligt, daß die Mieten erhöht werden, um zirka 25 000 schwerarbeitenden Portiers, Heizern, Fahrstuhlführern und Hausreinigern eine gering« Auf- besserung ihrer geradezu jammervollen Entlohnung zu gewähr- leisten, so wird die gesamt« Mieterschaft und mit ihr die organi- Ssrte Arbeiterschaft es ablehnen, daß eine im tiefsten Elend steckende rbeitergruppe dazu benutzt wird, um den Haospascha» als Vorspann zu dienen. ihre Forderungen durchzusetzen. Unser Kampf gilt der neuen Höchstmfetenverordnnng des Magistrats, der es versäumt hat, einen gewisien Prozentsatz der bewilligten Erhöhungen für die Abgeltung der Portierlöhne festzusetzen. Diesen Kampf werden wird mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln führen. Dem Hausbesitz darf kein Pfennig bewilligt und auch die letzte Bewilligung muß unbedingt rückgängig gemacht werden, so lange nicht der notwendige Lebensunterhalt einer schwer arbeitenden Arbeitergruppe sichergestellt wird. Gegen die Gcwerkschaftszerstörer. Unter diesem Titel wird in Nr. 185 der„Noten Fahne" über eine am Sonntag stattgefundene Versammlung der graphischen Hilfsarbeiter und-arbsiterinnen, einberufen durch eine sogenannte „Sechserkommission" Bericht erstattet. Es ist sonst nicht unsere Art, auf derartige Versammlungsberichte einzugehen: wir würden es auch diesmal unterlassen, wenn der Bericht nicht von V e r d r«- Hungen und Unwahrheiten strotzte. Zu der„überfüllten Versammlung" wollen wir nur bemerken, daß es uns sonderbar er- scheint, daß der Referent trotz der„Fülle" sein Bedauern über den schlechten Versammlungsbesuch aussprach. Wenn der Referent Moritz einleitend bekannt gab, daß der Ortsvorstand in der Aus- spräche mit der betreffenden Kommission sich sehr unzugänglich ge- zeigt und es abgelehnt habe, gemeinsam mit der Kommission in dieser Versammlung Bericht zu erstalten, so stellen wir fest, daß ein derartiger Wunsch oder Antrag dem Ortsvorstand schriftlich sowohl wie mündlich nicht vorgelegen hat. Wenn die„Rote Fahne" besonders hervorhebt, daß der Referent Moritz nicht der Kommuni st ischen Partei angehört, so sind wir in der Lage, ihm zu verraten, daß er auch keiner anderen poli- tischen Partei angehört. Zu der vom Referenten hervor- gehobenen Beitragserhöhung ist zu bemerken, daß der Verbands- tag 1920(an dem Moritz als Delegierter teilgenommen hat), dem Hauptvorstand mit Verbandsbeirat das Recht zugestanden hat, Bei- ttagserhöhungen zu beschließen. Trotzdem hat der Berliner Orts- vorstand aus sich heraus dem Beirat einen Antrag unterbreitet, der eine, Urabstimmung bei ferneren Beitragserhöhungen fordert. Unseren kommunistischen„Freunden" zu ihrem Hospitanten, dem„unpolitischen Moritz" viel Glück. Wir erinnern uns noch der Zeit, wo Kollege Moritz seiner diktatorischen Gelüste wegen In Mit- gliederkreisen nicht besonders beliebt war. Derselbe Moritz als Retter und Hüter der Demokratie-- daß du die Nase im Gesicht behältst! Der Ortsvorstand wird über sein Verhalten in der nächsten Ver- sammlung Rechenschaft ablegen. Branchenversammlung der Werkzeugmacher. Eine Vranckenversammlung der Werkzengmadber am 15. Dezember nabm Stellung zu dem Sondertarifabkommen für die Branche. Die seit über zwei Jahren in der Branche schwebende Frage, ob Akkordarbeit im Beruf infolge der Schwierigkeiten, toelche durch die Eigenart der Arbeiten bestehen, möglich ist. be- ichäfiigte auch diesmal wieder die Kollegen. Durch die Zeitver- bältnifie bestimmt, wurde am Anfang des Jabre« der alte Branchen- beschluß antgehoben und ein Abkommen mit den Unternehmern ge- troffen, wonach kalkulierbare Arbeiten im Werkzeugbau in Akkord ausgeführt werden sollen. Der Branchenleiter, Kollege Knopf, be- richtet in ausführlicher Weise über die bisherig« Durchführung und Anwendung der Vereinbarung. Die Branchenkommifsion empfiehlt den Kollegen, am 1. Januar 1022 das Abkommen kurzstistig weitergehen zu lassen, um noch mehr Erfahrungen zu sammeln, als es in der kurzen Zeit bisher möglich war. Nack ausgiebiger Dis« kuffion wird in geheimer Abstimmung mit Zweidrirtelmajorität be- ichlosien, daß keine Verlängerung des Sonderabkommen» erfolgen soll, sondern daß auf Grund der Ersahrungen die Werkzeugmacher vom 1. Januar 1022 ab wieder in Lohn arbeiten. Klchtang, Betriebsräte! Zu heute abend hat die Kommunistische Partei nach Kliem» Festfalen in der Hasenheide eine sogenannte Vollversammlung der Betriebsräte arrangiert. Die Berliner steigewerkschaftliche B e- triebsrätezentrale, wie die Gewerkschaften über- Haupt, stehen dieser Veranstaltung vollkommen fern. Da es sich mithin um eine reine kommunistische Kundgebung handelt, kann den Betriebsräten nur empfohlen werden, derselben sernzu- bleiben._ Achtung. Zimmerer t Di« Auszahlung der Streikunterstützung für diese Woche erfolgt am Donnerstag und Freitag, und zwar in der Reihenfolge wie am vergangenen Freitag und Sonnabend. Wir bitten die Kameraden, genau danach zu verfahren. Die Schulreinigunq»srauen Alt- Berlin» kämpfen um die Ein» reibung in den Tarifvertrag, den ihre Kolleginnen aus den Vororten, an den Fachschulen und einem Teil der höheren Mädchenschulen schon lange besitzen. In All-Berlin war die Einreibung bisher deshalb nicht möglich, weil die überwiegende Mehr- zahl der SchulreinigungSfrauen unorganisiert war und daher nicht als TarifkontraSenten in Frage kam. Dieses Hindernis ist aber in den letzten Monaten beseitigt worden. Der Verband der Gemeinde- und StaatSarbeiter unternahm>S, beim Magistrat die Einreihung der Alt-Berliner Rcinigungssrauen in den Tarifvertrag zu fordern. Der Magistrat lehnte die» ab und bewilligte nach längeren Verhandlungen einen Stundenlohn von SM. Dieses Angebot lehnte die Organisation ab und hielt an ihrer Forderung fest. Eine Versammlung der SchulreinigungSfrauen' die sich mit dieser Angelegenheit beschäftigte, bekundete, daß die Frauen alle gewerkschaftlichen Mittel anzuwenden bereit find, um ihre Forderungen durchzusetzen. Im Slegener Bergwerksrevier wurde die Streikbewegung durch einen Schiedsspruch beigelegt._ flus üer Setriebsrate-praxis. § 78 BRG. Zur Verkürzung der Arbelkszeil ist die Mitwirkung des Arbeilerrals erforderlich. Im§ 78 Ziffer 2 Absatz 4 des Betriebsrätegesetzes ist ausdrücklich vorgesehen, daß der Arbeiter- oder Angestelltenrat die Aufgabe hat, bei der Festsetzung der Ar- b e i t s z e i t, insbesondere bei Verlängerungen oder Verkürzungen der regelmäßigen Arbeitszeit, mitzuwirken. Kommt es bei diesen Verhandlungen zu keiner Einigung, so kann der Schlichtungeaus- schuß angerufen werden. Von Arbeitgeberseite wird bei der Aus- legung des§ 78 Ziffer 2 Absatz 4 angeführt, dieser Passus besage lediglich, daß der Arbeiter- oder Anqcstelltenrat nur bei der Ver» t e i l u n g der vom Arbeitgeber selbständig festgesetzten verkürzten Arbeitsstunden mitwirken könne. Ferner, daß vom Schlichtungs- ausschuß über die Arbeitszeit gar kein Schiedsspruch oder eine Enr- scheidung gefällt werden könne, da es in den 75. 80 heiße, daß die Verbindlichkeit von Entscheidungen über Dienstvorschriften sich nicht auf die Dauer der Arbeitszeit erstreckt. Ilm den letzten Einwand vorweg zu nehmen, sei auf eine diesbezügliche Ausführung des bekannten Arbeitsrechtlers Prof. Dr. E r d e l verwiesen, die sinn- gemäß lautet: „Auch wenn man in§ 78 Ziffer 2 Absatz 4 des BRG. die Worte „Festsetzung der Arbeitszeit" so auslegt, daß darunter nicht die Ar- bcitsdauer, sondern nur die Festlegung ihres Beginns und ihres Endes, der Pausen usw. zu verstehen ist, so bleiben doch noch immer die Worte:„Bei Verlängerungen und Verkürzungen der reget- mäßigen Arbeitszeit". Wie soll nun ober eine Verkürzung der Arbeitszeit vor sich gehen, ohne daß die Arbeitsdauer da» durch g e ä n d e rt wird? Die Berufung auf die fjZ 75, 80 greift nicht durch. Denn?>ort handelt es sich um die Erlosfung von Ar- beitsordnungen, während die Arbeitsstreckung im Sinne der De- Mobilmachungsverordnung nur eine Einzelmaßnohme von vorüber- gehender Bedeutung ist. Die§§ 75, 80 treffen also auf den Fall der Arbeitsstreckung gar nicht zu. Uebrigens schließt Satz 3 des§ 75 Abs. 1 nur die Erlasiung und soforttge Berbindlichkeit von Schlich- tungsausschußentscheidungen über die Dauer der Arbeitszeit aus; nicht ausgeschlosien wird die Erlasiung von Schiedssprüchen über die Dauer der Arbeitszeit und die Verbindlicherklärung dieser Schieds- fprüche im regulären Schlichtungsverfahren." Zur Frage des Mitwirkungsrechtes der Betriebs. Vertretung bei Arbeits st reckungen selbst hat der Schlichtungsausschuß Berlin unter dem unparteiischen Borsitz des Amtsrichters Dr. L S w e n t h a l Stellung genommen und folgenden Schiedsspruch gefällt: „Der Schlichtungsausschuß erklärt sich für zuständig. Die An- ordnung der Anttaasgegnerin, betreffend die Verkürzung der Arbeits- zeit vom 10. August 1021 ab, ist unwirksam. Es wird festgestellt, daß zu einer Verkürzung der Arbeitszeit die Mit- Wirkung des Arbeiterrate? erforderlich ist, jedoch kann der Arbeitgeber in nachweislich dringenden Fällen, insbe- sondere wenn der Arbeiterrat die Zustimmung»nbilligerweise hinauszögert, die Arbeitszeit vorläufig einseitig oerkürzen, vorbehaltlich späterer Entscheidung des Schlichtungsausschusies. Die Antrags- gegnerin ist auch, soweit eine Einigung mit dem Arbciterrat über die Verkürzung der Arbeitszeit erfolgt, berechtigt, den Beschluß über die Verkürzung mit ihrer alleinigen Unterschrift und ohne Gegen« Prüfung des Arbeiterrates bekanntzumachen." Aus dem Schiedsspruch und seiner Begründung geht eindeutig hervor, daß ein Arbeitgeber, der wegen der Verkürzung der Arbeits» zeit Verhandlungen mit der gesetzlichen Betriebsvertrettmg unter» läßt, nicht berechtigt ist, Lohnkürzungen bei Her» abfetzung der Arbeltszeit vorzunehmen, bis er Der- Handlungen mit der Bettiebsverttetung aufgenommen und sich mit dieser geeinigt bzw. bei Richteinigung den Schlichtungsausschuß an» gerufen und nach dessen Schiedsspruch verfahren hat. Deutscher Tra«,»ort»rbeIt«r»Verban>», Dezlrksverwalking Groß-BerN». Ku» Anlaß tcr Weitinackitefeiertage werden unsere Bureauräume an, Belbnackt»- adend, den 2A. d. M., um t Uhr mittng» bis 28. Dezember geschlossen. Am 8. geiertag sind die Bureaus von 8 bis l Uhr geilffnet.— Brettertrhger, Plaß- arbeiter und Kutscher au« den Fournier- und Nuhholzhandlungen Kroh.Berlln«. Freitag abend 7 Uhr im Lokal„Englischer Hof», Alexanderstr. 27c, Bolloersamm- lung. Tagesordnung: l. Stellungnahme zum neuen Lohnabkommen. 2. Ber- bandsangelcgenh-iten. 8. Verschiedenes. Nollegen! In Anbetracht der wichtigen laaesordnung ist es Ehrensache aller Kollegen, dort zu erscheinen. Mitglieds- buch oder-karte legitimiert. Ohne diese kein gutritt.— Sektion 2(Glas- unkt Tevvichrelnigunqsbranche). Freitag abend 8 Uhr findet im Lokal von Zlllmich, Insclstr. Id. Ecke Walsergaste,»ine sehr wichtige Versammlung sämtlicher Funk- tionäre obiger Branche statt. Tagesordnung: l. Bericht der Lohntommistion. 2. Berschiedene«. Da diese gusammenkunst fllr jeden Funktionär von großer Wichtigkeit ist, wird»m vollzähliges und pünktliches Erscheinen ersucht. S» darf keiner fehlen! Mitgliedsbuch legitimiert. Die Branchenleitung. Dentschrr Kutarbeiter-verband. Am Weihnochtsheiligabend fallen die kastenstunden im Bureau und auch in den gahlsteven aus. Dafür ist da, Bureau am Freitag abend bis 7 Uhr geöffnet: desgleichen von 8 bis 7 Uhr bel vhnoemnch, kommondantenstr. 88. Sophienftroßc fällt aus. Infolge der Bei- tragserbähuna ab 1. Januar müssen alle Restdeiträg« bis zum Schlüsse de» Jahre» bezahlt fein. Berantw. fllr de» redakt. Teil: Franz Kliih». Berlln-Lichterfelde; fllr An. zeigen: Th. Slocke. Berlin. Verlag Borwärts-Berlag D. m. d. K., Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerei u.Berlagsgnstalt Baul Singer u. Eo.. Berlin. Lindenstr. 8. Hierzu zwei Beilage»»nd Unterhaltungsbeilage„Heimwelt-. m Walnüsse px-IS00 Haselnüsse...... 19° Mandarinen...pw 1400 Apfelsinen...... ,«>« 1� Zitronen......... aodt 95pi. Kaffee 0'b.rÄ 39°° Kaffee-Ersatz -Mischung, 25% Bohnen.. P|usd 1 1 XGG chlnesbcher...... Pfund 39'� Rinderfett...... pi�d 2600 Margarine...... Piund2250 Billig Lehensnillel w M_«»________ m. Brat-u.Fett- Pfund Leipziger Stresse Alesanderplatz Frisches Fleisch Kalbskamm............. �14� Kalbsrückenu-erustPiundlS00 Kalbskeulen........... Pt�lü00 Hammelkeulen...Piundie00 Schmorfleisch m.0°�. Pd 1400 Frisches Schweinefleisch zu Tagespreisen Mettwurst nach Braumchweiger Art..Pfund 24° Gänse t90022002400 Bauernmetlwurst Pia 2250 Puten.............. Pt»id1750 Teewurst.......... Piimd3200 GansekeuIenstfl(kePt2100 Sdilnkenwurstpii»o3300 Hasen««.»i........ pßmd II00 Zervelatwurst pw SS 0 Kaninchen 5*1«««, piondö00 Leb. Karpfen Pfund Präsentkörbe in geschmackvoller Ausführung in allen Preislagen m. 602 ♦ ZS. Jahrgang 1. Seilage öes Vorwärts vsnnerstag. 22. Dtjtmfcctmi Groß�erlw Werktätige Menschenliebe. Tie Weihnachtsbescherung des Z. d. A. Eine Weihnachtsbescherung hatte der Zentralocrband der An- gestellten für die Kinder seiner Erwerbslosen geplant. Freiwillige Spenden— es wurden von den Berliner Kollegen und Kolleginnen 300 000 M. gesammelt— flössen aber in so reichem Maße, daß auch den Erwachsenen eine Weihnachtsfreude bereitet werden tonnte. Die Solidarität der Mitglieder aber wurde durch den stimmungsvollen und ergreifenden Verlauf der ganzen Veranstaltung, in der man so viele frohe Gesichter sah, belohnt. Im großen Saale der ,. Kammersäle', in der Teltower Straße, hatten stch gestern nachmittag annähernd 400 Personen eingefunden. Festlich waren die Tische gedeckt. Weihnachtsweisen erklangen, und ein im Glänze vieler Lichter strahlender Weihnachtebaum erhöhte die festliche Stimmung. Grete Weinberg begrüßte die Erschienenen im Namen des Verbandes und aller derer, die so eifrig an dem edlen Werk mitgewirkt hatten. Ins- besondere betonte ste, daß der Erfolg dieser Sammlung um so an- erkennenswerter sei, als hier die Armen den Aermsten geholfen hätten. Was hier getan wurde, geschah daher auch mit ganzem ijerzen. Und deshalb unterscheide sich diese Veranstaltung auch wesentlich von den Bescherungen der bürgerlichen Kreise, die oft- mals in einer Weihnachtsbescherung„armer Leute' in erster Linie eine gesellschaftliche Abwechslung erblicken. Die Sammlung in ihrer Art und Höhe ist ein sprechender Beweis, daß„Solidarität' kein Schlagwort mehr unter den Angestellten, sondern lebendiger Begriff geworden ist. In diesem Zusammenhange wurden die Kinder aus die einzig wirkliche Religion, die Menschenliebe, hingewiesen und die Erwachsenen ermahnt, in ernsten Stunden nicht zu verzweifeln, sondern aus der Tatsache des Zusammenstehens aller Klassengenossen die Hoffnung a»f eine bessere Zukunft zu schöpfen. Trotz aller Zweifel, trotz aller Kämpfe: Eins steht unwandelbar fest, die Zukunft gehört dem Proletariat. Bei Schokolade und Kuchen konnten sich dann die Anwesenden an einem reichhaltigen Programm erfreuen. Ein Akt aus„H S n s e l und Bretel' von Humperdinck rief lebhaften Beifall hervor. Re- zitationen lösten Gesangsvorträge ab. und damit die Großstadt- kinder in keiner Beziehung zu kurz kamen, fehlte auch zum Schluß das Kino nicht. Helle Freude strahlte aus den jungen Augen, Dank- barkeit und Rührung aus den Mienen der Erwachsenen, zumal, als die Pakete in Empfang genommen und geöffnet wurden. Was da an da« Tageslicht gefördert wurde von Kleidchen und A n- zögen, Strümpfen und Handschuhen, Hemdchen und Höschen, Spielsachen und Büchern, übertraf die Er- Wartung oller Erschienenen. Schade, daß nicht alle, die geholfen haben und in jener Stunde nicht bei der Bescherung weilten, sich durch Augenschein von dem Gelingen des guten Werkes überzeugen konnten. Immer wieder fragten die Kinder, bei wem sie sich denn nur für all das Schöne bedanken könnten, immer wieder tauchte bei den Erwachsenen die Frage auf, ob sie denn auch ein Recht hätten, so viele gute und schöne Dinge wirklich mit nach Hause zu nehmen. Das Fest hat sicherlich bei allen Teilnehmern ein Gefühl tiefster Be- friedigung ausgelöst, und gern werden sie in späteren Tagen der frohen Stunden gedenken. »» Eine Weihnachtsfeier hatte der Betriebsrat der Eisenbahn- Hauptwerkstätte Berlin 2 am Sonntag, den 18. Dezember, für 146 Pensionäre und Witwen der Werkstatt veranstaltet. Angespornt durch die große Not dieser Veteranen der Arbeit, brachte die Beleg» schaft die Mittel auf. und nahezu 20 000 Mark wurden an die not» leidenden Klassengenosien verausgabt. In würdiger Weise wurden die für diese Summe entstandenen Gaben zur Verteilung gebracht. Die Hutnadel als Waffe. Gestern abend wurde die Köchin Anna Schleicher in der Nähe de? Bahnhofes Wannsee plötzlich von einem Mann angefallen. Er versuchte,»hr die Handtasche zu rauben. Die Ueberfallcne aber setzte sich kräftig zur Wehr und griff in Ermange- lung einer anderen Waffe zur Hutnadel. Mit ihr brachte sie dem Räuber einen so empfindlichen Stich in die Hand bei. daß er es vorzog, von seinem Plane abzulaffen und� die Flucht zu ergreifen. fim und reich in Groß-Herlm. Die Möglichkeiten eines Ätnsgleichs zwischen Wohlstand und sozialer Not. Die Stadtgemeinde Groß-Berlin. ist geschaffen worden, um aus � dem einheitlichen Wirtschafts- und Lebensgebiet auch eine Derwal- � tungseinheit zu machen. Daneben aber sollte zugleich ein Aus- ! g l e i ch zwischen den sozialen Schwierigkeiten der ärmeren Vorortgemeinden und der größeren Bewegungsfreiheit finanziell kräftiger Bezirke angestrebt werden. Diese eigentlich soziale Aufgabe, die der neuen Einheitsgememde gestellt ist, konnte bisher leider noch nicht mit der wünschenswerten Tatkraft in Angriff ge- nommen werden. Bei der Ausstellung des letzten Etats und ins- besondere bei der Verteilung der Vorbehaltsmittel auf die Bezirke wurde die Notwendigkeit des sozialen Ausgleichs zwischen armen und reichen Bezirken von unserer Seite aufs kräf- tigste betont. Die Finanzverwalwng und das Statistische Amt haben daraufhin Tabellen zusammengestellt, aus denen die soziale Schichtung In Groß-Berlin mit großer Deutlichkeit er- kennbar wird und die der Kämmerer in der �letzten Sitzung des ständigen Etatsausschuffes erläuterte. Die soziale Struktur Groß-Serllns. Wir greifen aus'per großen Zahl dieser Tabellen die unseres Erachtens beweiskräftigsten heraus und wollen versuchen, an ihrer Hand die sozial« Siruktur Groß-Beilins zu beleuchten: die 5)öhe der Ei n t o m m« n st e u c r in den einzelnen Bezirben, die Aus- gaben für Armenpflege, die Kinderzahl, die Zahl der Schüler an höheren Schulen und die Zahl der Klein- Wohnungen. Schon der erste Blick lehrt, daß alle dies« Kri- terien des WoWandes oder der Armut tu den einzelnen Bezirken durchweg dasselbe Bild ergeben. Der ärmste Grojz-Berliner Bezirk. Danach dürfte der ärmst« Bezirk Proß-Berlins W e i ß e n s e e sein, das jedesmal unter den sechs letzten erscheint, viermal an zweitletzter Stell«. Weißensee bringt an Einkommensteuer aus den Kopf der Bevölkerung noch nicht den S. Teil der reichsten Gemeinde (Zehlendors) aus. noch nicht zwei Drittel' des Grvß-Berliner Durch- schnitts. Weißcnsee trägt an Armenlasten L�mal so viel wie Schöneberg, es bat 20 Proz. mehr Kinder als der Groß- Berliner Durchschnitt, SO Proz. mehr als Wilmersdorf. Armut und Kinderreichtum wohnen also auch hier beieinander, während die sozial kräftigen Schichten des Berliner Westens den Kindersegen systematisch beschränken. Weißens«« hat noch nicht ein Drittel soviel„höhere' Schüler wie Zehlendors, aber dafür um 100 Proz. mehr Kleinwohnungen (von 1 bis 2 Räumen) als dieses. Mit Weißense« nahezu gleich steht der Bezirk Neukölln, auch er rangiert jedesmal im letzten halben Dutzend, zweimal sogar an absolut letzter Stelle: in der Einkommensteuer und in der Zahl der Kleinwohnungen. Dann folgen Alt- Verl in und Rei- nickendors, von denen Alt-Berlin an höheren Schülern am ärmsten, dafür aber an Armen am reichsten ist, R e i n i ck« n- d o r f die größte Kinderzahl in Groß-Berlin aufzuweisen hat, während Alt-Berlin wieder in der 51inderzahl, Reinickendorf in der Zusammenpstrchung seiner Bewohner ein klein wenig besser gestellt sind als die beiden ärmsten Bezirke. Und als letzte der armen Ge- meinden schließt sich dann Lichtenberg an, das zwar im allge- meinen sich ein wenig über die anderen vier erhebt, aber doch durch «ine verhältnismäßig große Kluft von den Gemeinden mit einem Durchschnittswohlstand in Groß-Berlin getrennt ist. Diesen fünf Bezirken müßten also in erster Linie die Segnungen der Einheitsgemeinde auf sozialem Gebiet zugute kommen. Der reichste Groß-Derliner Bezirk. An der Spitze der reichen Bezirke marschiert, wie zu erwarten war, das kleine Zehlendorf, dessen Bevölkerung am wenigsten eng zusammengedrängt ist in Groß-Berlin, das die meisten Steuern bezahlt und die meisten höheren Schulen besitzt(8 Proz. der Gesamt- einwohnerschaft besuchen höhere Lehranstalten gegenüber einem Per- liner Durchschnitt von 2,75 Proz.) Auf Zehlendorf folgen Wil- meredorf und Schöneberg und als vierte reiche Gemeinde in geringem Abstände Steglitz. Zwischen Reich und Arm gruppieren sich dann die übrigen Be- zirke als ein« Art durchschnittliche Mittelschicht, sie werden auf sozialem Gebiete in absehbarer Zeit weder zu geben noch zu nehmen haben. Wie groß die Spannungen innerhalb der Einlieits« gemeinde sind, wie ungleich oerteilt des Lebens Güter inner- halb Groß-Berlins noch sind, ist schon gestreift worden. Es fei noch einmal am grellen Schlaglicht der Extrem« be- leuchtet. Zehiendorf bringt fast 600 Proz. der Einkommensteuer von Neukölln auf, Reinickendorf hat fast 50 Proz. mehr Kinder als Wilmersdorf, Alt-Berlin zahlt 360 Proz. mehr Armengelder als Schöneberg, Weißenlee hat 300 Prozent mehr Kleinwohnungen als Wilmersdorf. Die Zukunstsaufgabe. Das Ziel der künstigen Politik in Groß-Berlin ist als» klar vorgezeichnet: Es gilt, diese Spannungen durch eine den Tatsachen gerecht werdend« Sozial- und Finanzpolitik aus zu- gleichen. Auch die ärmeren und ärmsten Bezirke in Groß-Berlin müssen endlich an dem Wohlstand reicherer Gemeinden Anteil er- holten, und diese wohlhabenden Bezirke müsien so lange auf ihre bisherigen Privilegien verzichten lernen, bis der Ausgleich zwischen den' sozialen Nöten auf der«inen und dem W o h l st a n d auf der anderen Seit« herbeigeführt ist/ Für diesen Ausgleich zu sorgen, muh die Aufgabe der Stadtverordnetenversammlung bei der Aus- stelluug des neuen Haushaltplans fein. Richard Lohmann. Der Selbstmord im Pfarrhause. Der unfähige Waisenrat. Wie wir vor einiger Zeit mitteilten, hat sich die bei' dem Pfarrer Lützow in Eich walde(Kreis Teltow) beschäftigte Hausangestellte, eine arme Halbwaise Hermine Dreiyer in- folge der ihr in diesem Hause zuteil gewor- denen Behandlung dos Leben genommen. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung wurde dieser Borfdll durch die sozialistischen Fraktionen einer scharfen Kritik unterzogen. An Stelle des von den Bürgerlichen unter fadenscheinigen Gründen abgesägten Gemeindevorstehers— Genosse P u ch e r t— leitete der 1. Schösse, Genosse Ewers, die Berhond'unoen. Er bezeichnete das bedauerliche Vorkommnis als den Schlußakt einer Tragödie. Fest stehe, daß das Mädchen bei ungenügender Beköstigung sehr schlecht behandelt worden sei. Dom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht habe das Mädchen, das fast noch«in Kind war, angestrengt arbeiten müsien. angetrieben mit Scheltworten von der Frau Pfarrer, dem Illjährigen Sohn und der sogenannten „Stütze'. Pfarrer Lützow. als Seelsorger und Waisen- r a t hätte sich der Halbwaise unbedingt onnehmen müssen. Wenn er nicht einmal im eigenen Hause dem armen Mädchen zu seinem Recht verhelfen konnte, so habe er sein« Pslicht als Waiscnrat gröblich st verletzt und eigne sich also nicht zu diesem Amt. Den sechs bürgerlichen Gemeindevertretcrn war bei dieser Feststellung höchst unbehagtich. Der Lehrer Lanze meinte, die Sache gehöre höchstens nur so weit vor die Gemeinde- Vertretung, als die Gemeindebeamten beim Trans- »ort der Leiche ihre Pflicht verletzt hätten. Der bürgerliche Gemeindevertrater Voigt war teilnehmend genug, den Vorfall als außerordentlich bedauerlich und die Hand- lungsweise des Amtsdieners P r i c b e als wenig pietätvoll anzusehen. Während der weiteren Aussprache verließen vier bürgerliche Vertreter den Sitzungssaal, da aber die zurückgebliebenen sieben Vertreter beschlußfähig waren, erfolgte d 1 e Annahme eines Antrages: beim Landrat die Entfernung des Pfarrers Lützow von seinem Posten als Waisenrat zu verlangen. 7'Ahr-Schluß der Kaffeehäuser am Heiligabend. Der Berein der KaffeehauSbesitzcr von Groß-Berlin und Provinz Brandenburg hat beschlossen, am Heiligabend die Kaffeehäuser um 7 Uhr zu fchließen. Der Trambchnwagen der Areiheit. «] Novelle von Otto Rung. Er hielt die Harmonika zwischen den Zähnen und tanzte Solo, er streckte die Arme nach Solborg aus, aber sie schlug nach ihm und lachte— schämte er sich nicht— solch ein alter Bock! Und sie segelte weiter mit Manghild, stumm, bezaubert, die starren großen Augen voll von Mondschein. Die Sterne blinkten durch die Daumkronen, und Nachtigallen gurgelten in der Tiefe des Buschwerks. Und Ankersen jubelte:„Ist es nicht schön in Paris?" Tränen liefen ihm über die Wangen, während er auf seinem Trittbrett saß und blies, wunderbar betrübt und be- rauscht von der Musik. Es war ja so weit, o so weit bis zu dem kleinen Trianon und Versailles' funkelndem Spring- brunnen, aber bis hierher meinte er das Wasser über die Stein- decken rauschen zu hören, und oben im Museum träumten Meisterwerke und Marmorgötter, die er nie mehr sehen sollte. Was er jetzt besaß, waren nur die Landstraßen und die zer- zausten Hecken auf regennassen Feldern,— ewig sollte er wandern und meterweise malen für fette Gutsbesitzer und hochmütige Bauern. Heute abend aber— ja, heute nacht jubelte sein Herz mit dem Sang all der rieselnden Springbrunnen in Bersaille s! Nein, heute nacht war er kein Vagabund, kein billiger kleiner Landstraßenmaler. Er war der Meister, die Farben kochten auf seiner Palette, die Linien erhoben sich, allmächtig, schwellend von Inhalt, all das, was er erträumt hatte, wurde wahr, und rings um den ersterbenden Feuerstoß tanzten seine Musen!--- Nach drei Tagen voll Fest und Musik und üppiger Mahl- Zeiten erwachte Ankersen und streckte die Beine auf der Vorder- Plattform aus. Er hatte Krämpfe in den Waden und über die ganze Haut kribbelte es ihm wie Ameisen. Ich muß fort! dachte er. Den, Sack auf den Nacken und aus und davon. Rasch?— Drinnen im Wagen hustete Solborg. Er duckte den Nacken und horchte. Was hatte er soeben beschlossen?— Ja, also fort von hier! Auf der Stelle. Viele Meilen weit, ehe der Mittag kam! Er langte mit der Hand unter den Tramwagen n�ch seinen Schuhen, die zwischen denen Manghild? und Toi- dorgs zum Bürsten standen. Sollte er wohl zuerst Lebewohl sagen? In diesem Augenblick klingelte Solborg nach>hr«m Morgentee und er lies elligst mit dem neuen Kessel zum Bach hinab, äußerst beschämt, und suchte Solborgs Schuhputzcreme aus dem Magazin des Koirdulteurs hervor. Sie wurde sehr böse, wenn ihre Schuhe nicht glänzend blank waren. Manghild kam herausgekrochen, halb angezogen und ver- schlafen. Solborg hatte gesagt, sie öde sie an, und hatte sie hinausgejagt. Und eine Stunde später zeigte Solborg sich auf der Plattform, reizend schön in ihrem roten Seidenleib, das gelbe Stirnhaar wie einen Messinghut herabgestrichen bis zu den Brauen, die wie ein Kohlenstrich über den blitzenden Augen standen. Manghild mußte hineingehen und die Stube in Ord- nung bringen, die Gardinen zurückziehen und die Bettücher zusammenrollen. Ankersen hatte den Raum behaglich gemacht, indem er seine Gemälde an den Wänden aufhing: die Mühle und den Schifsbruch zwischen den Dünen und die Fjordaussicht mit den beiden schwarzfleckigen Kühen. Solborg hatte sie kritisch und kalt betrachtet. Sie war einmal in ihrem Leben in einem Viehmarkt-Wirtshaus gewesen und hatte da«in paar Kühe gesehen, aber die waren alle feuerrot gewesen.„Mir scheint. Sie malen nicht gut," sagte sie. sich auf dem Plaid räkelnd, den sie vor dem Wagen aus das Gras gebreitet hatten. „Ich glaube," fuhr sie fort,„'s wär an der Zeit, daß Sie was Gescheites anfangen. Wir können nicht von der Luft leben!" Sie betrachtete ihn höhnisch unter den niederen Lidern, während er demütig seine Pinsel sammelte und mit grüner Seife und Gras rein trocknete. „Das Landleben hier," fuhr sie fort,„mag ja im Sommer recht gut sein.— Halt die Beine still, Manghild, ich krieg Schmerzen im Genick! Im Winter aber, wenn wir nach der Stadt ziehen, müssen wir mindestens drei Zimmer auf Nörre- bro haben, nach vorne! Eines, wo Sie drin malen können — ich kann den Terpentingeruch nicht vertrage»—, und Manghild will ich nicht mehr in meinem Schlafzimmer haben, sie ist mondsüchtig." „Ich pflege in einem Häuschen drüben auf Iütland zu wohnen." sagte Ankersen schwach,„unten an der Nordsee. Im Winter." „Ich kann recht gut in der Zirkushalle tanzen, wenn ich will," bemerkte Solborg,„dann kann ich mir selbst Seiden- strümpfe und Psefferminzkuchen leisten. Manghild kann auch was ansangen, sie sieht gar nicht so dumm aus, wenn sie erst ein bißchen fix srisiert ist und'n wenig Reispuder auf die Nase kriegt. S'ist immer besser als im Bäckerladen stehen. Mang» hlld! Oder für Heimatlose Herrennachthemden nähen, drüben im Reumrgsheim bei Fräulein Skjödt, dem Ekelt Sie hatte wohl die Absicht, mich bei einem frommen Konsumvereins- Vorsteher als Kinderfrüulein unterzubringen! Aber mich kriegen sie nie dazu, ums Brot zu dienen! Nein! Mich nicht!" Sie stand auf und stemmte die Hände in die Mitte, so daß die Hüftenbogen gespannt standen wie ein Korb, und die Lenden bewegten sich üppig unter dem strammen Rock. Schüttelte das Nackenhaar und ließ Luft zwischen ihre weißen Porzellanzähnchen sickern. Der Rücken stand lang und hohl wie ein Bambusbogen.„Ich bin gewachsen, was?" Und sie blickte höhnisch herab auf die kurze und dicke kleine Manghild, die schwer auf ihren Fingern im Grase saß. Ankersen schaute zu ihr auf, bedrückt und entzückt; da stand sie, gelb und rot wie ein von der eben ausgegangenen Morgen- sonne fallengelassener Strahl. Er saß da, die Leinwand im Blendrahmen auf den Knien. Der Pinsel bebte in seinen Fingern. Und er begann atemlos Farben auf seine Palette zu schmieren, reine Kulören— heftig gegeneinander gesetzt: die grünen, grünen Sträucher, die gelben Seitenflächen' des Tram- wagens, das Knallblau des Himmels mit Wolken wie Herden von Watteschafen und mitten darin gleich einem blutroten Rauch Solborg! Ach, hätte er Gold oder Gluten, um sie damit zu malen! Es waren Farben, die förmlich betäuben konnten, er fühlte sich ganz schwindlig— wie jenesmal vor vielen Iahren, als er der Lehre des Malermeisters im Heidedorf ent- laufen war und zum ersten Male in seinem Leben das Meer sah; grellblau wie eine ganz neue Farbe in der Welt, wie die Schwelle zu einem Vagabunden- und Wander- und Künstler- leben, einem Sichdurchfechten durch Tausende Unterschiedlicher Himmel und unvergeßlicher Landschaften. „Malen Sie mich ab!" sagte Solborg und zog das Stirn- netz in einem festen Strich zu den Augen hinab. Der Blick wurde meerblau, mit Wogenschaumgeglitzer in den Augen- winkeln. Ankersen preßte seine Tuben ohne Rücksicht auf Oskonomie, selbst das teure Rosa, und der Daumen wurde der Spatel. Oh. wie alle Linien rund um ihre Brust flirrten und der Seidenstoff an ihren Hüften hinabzitterte,— das alles mußte er mithaben, so, mit festen und leicht wogenden Strichen. Ja!— nun wurde es lebendig, so!— und hier im Haare: dünne Schattenlinien wie klein« grüne Schlänglein, die krochen; und nun alles viereckig draußen um sie her: der Tram- wagen und die Baumkronen, die Wolken am Himmel; hier war sie die einzige, die Bewegung hatte und rund und lebendig war. Und um noch deutlicher ihre Belebtheit zu zeigen, malte er ihre Hände nüt einer Masse flimmernder Striche. (Schluß folgttj Kiwbüberfall in Neukölln. Opfer eines ZNesserhelden. CSin ncBetfall im Laden, der auf einen derfuchten Raubmord »binausläuft, wurde in der Hermannftr. SS zu Neukölln verübt. Dort kam in da-Z Kleiderqeiäiäfr von Bluhm ein junger Man», während der betagte GcflbäftZführer Hermann Lackmann allein anwesend war. Der Kunde fragte nach einein Mantel und veranlagte den Geichäfrsführcr. mit ihm nach einem Hinterraum zu gehen. Hier halte ihm Lackmann kaum den zweiten Mantel vorgelegt, als der Bursche ein Messer zückte und blindlings aus ihn c i n st a ch. Der alte Mann hatte trotzdem noch die Geistesgegen» wart, nach der Tür zu laufen und um Hilfe zu rufen. Das ver- anlagte den Räuber mit seinem Helfershelfer, der auf der Straße aufgepaßt hotte, von seinem Opfer abzulassen und die glicht zu ergreifen. Beide entkamen. Lackmann war so schwer verletzt, daß er nach dem Krankenhaus in Buckow gebracht werden mußte, wo die Aerzte nicht weniger als 1 4 M e s s e r st i ch e feststellten. Auf die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von SOOllM. ausgesetzt. Zweckdienliche Mitteilungen sind an das Raub- dezernat der Berliner Kriminalpolizei, Zimmer 80, HauSanruf 433 und SOI zu richten._ keine arbeitslosen kriegsbesthaöigtenl Die Antwort der Hauptfürsorgestelle. In Rr. Z8g des„Vorwärts" vom Mittwoch, den 14. Dezember, brachten wir eine Notiz unter der obigen Ueberschrift, die sich mit der Hauptfürsorgestelle Berlin beschäftigt. Die Hauptfürsorgestelle teilt uns dazu folgendes mit: Die Firma Aktiengesellschaft Beton- und Monierbau, die allerdings in dem Artikel nicht genannt wurde, wurde von uns auf die Durchsührung der Zwangseinstellung Schwerbeschädigter Mitte Juli 1921 geprüft. Es ergab sich, daß die Firma noch 5 Schwerbeschädigte einzustellen hatte, um ihrer gesetz- lichen Berpflichtung zu genügen. Sie verlangte, daß die Schwer- beschädigten als Bauhilfsarbeiter nach der Arbeitsstelle „Bauplatz Siemensstadt� gesandt werden sollen. Am 2. August stellte die Firma einen Schwerbeschädigten ein. Ein Vertreter der Firma erschien danach Ende August und erklärte, er brauche „Schwerbeschädigte, die mit der Schippe arbeiten und Schutt aus dem Bau Herousbringen" können. Er wurde darauf aufinertsam gemacht, daß das keine Arbeit für Schwerbeschädigte sei. Trotzdem wurde versucht, Schwerbeschädigte zu gewinnen. Es ließ sich jedoch keiner dazu bewegen. Obwohl die Firma wußte, daß ihrem Verlangen nicht nachgekommen werden konnte und sie der gesetzlichen Einstellungs- Pflicht nicht genügt hatte, verlangte sie am 27. September Schwer- kriegsbeschädigte zur probeweisen Beschäftigung als Bauhilfsarbei- ter. Laut Abgangsmeldung der Firma legten in der Zeit von Ok- tober bis November nicht weniger als 4 Schwerbeschädigte die Ar- deit nacheinander nieder. Die Firma teilte als Eiillassungsgrund mit, daß die Schwerbeschädigten den an sie ge st eilten An- forderungen nicht gewachsen seien oder auf eigenen Wunsch aufhörten. Am 21. November wurde durch die Vermitt- lungsstelle ein neuer Schwerbeschädigter überwiesen, der bereits aus denselben Gründen am 10. Dezember wieder entlassen wurde. Inzwischen wurde die Firma erneut aufgefordert, endlich bestimmte Arbeitnehmerzahl und die geeigneten Arbeitsplätze anzugeben. Eine Antwort ist nicht eingegangen. Wenn der Betriebsrat sich über die hauptfiirforgestelle beschwert, so ist zu bemerken, daß nach 8 78 des Betriebsrätegesctzes er verpflichtet ist, in erster Linie den Schwerbeschädigten bei der A r b e i t s u n t e r- bringung behilflich zu sein und daß er nach§ 11 des Gesetzes über die Beschäftigung Schwerbeschädigter verpflichtet ist, die Hauptfürsorge st elle bei der Beschaffung ge- e ig neter Arbeitsplätze im Betriebe zu unter- stützen. Wenn der Betriebsrat sich im Si n n e die- ser beiden Gesetze betätigt hätte, so wäre es nicht möglich gewesen, daß die Firma schon vor der Auf- forder ung der Hauptfürsorge st elle ihrer Ein- stellungspflicht nicht genügt hat. Weiter hätte er Sorge tragen können, daß geeignete Plätze im Betriebe freigestellt würden und daß die Schwerbeschädigten, die dort bschäftigt waren, nicht gezwungen wurden, infolge der hohen Anforderungen der Firma aufzuhören, hätte der Betriebsrat außerdem die gesetzliche Verpflichtung, eine» Vertrauensmann der Schwer- beschädigten für den Betrieb zu bestellen, erfüllt, dann wäre auch das Verlangen der Firma, schwerbeschädigte Bauarbeiter probeweise einzustellen und mit schweren Bauarbeiten zu beschäf- tigen, vielleicht früher erfüllt oder überhaupt illusorisch geworden. wichtig für Gasverbraucher in Alt-Verlln. Die bisherigen Ausweiskarten für die von den städüschen Gaswerken mit Revidieren von Gasmessern und Gasanlagen in den Wohnungen der Verbraucher in All-Verlin beauftragten Personen werden mit dem 31. Dezember d. F- zurückgezogen. Am 1. Januar 1022 werden grüne AuSweiSkarten statt der bisherigen grauen ausgegeben. ES wird im Jnteresie der Verbraucher liegen, nur solchen Personen Zutritt zu den in ihren Wohnun'gen befindlichen Gasanlagen zu ge» währen, die diese neuen AuSweiSkarten vor- zeigen. Welzenmehl. Auf Abschnitt ,19' der Groß-Berliner Lebensmittelkarle entfallen 800 Gramm amerikanisches Weizenmehl zum Preise von 5,80 Mark(7,26 Mark je K i l o g r a m ms. Die Ausgabe erfolgt ohne Voran« Meldung in der Zeit vom 22. Dezember 1921 bis 7. Januar 1922 in den durch blaue Ausbängcsckilder kennt« lich genmchlen Verkaufsstellen, ferner in den Verkaufsstellen der Meierei E. Volle und in den VerkousSsiellen der Konsumgenosien- schafr und deS DeamtenwirtschasiSvereins für deren Mitglieder. Kleinhändler, die Mebl auf Marken berabsolgen, das nicht vom Magistrat Berlin geliefert worden ist, haben strafrecht- liche Verfolgung zu gewärtigen. Die Errichtung eines volkssporkplahes im Tiergarken wird be« absicktigt. und zwar soll der.Hippodrom" genannte Reitplatz in der Nähe des Bahnhofs Tiergarten dem Volkssport dienstbar gemacht werden. Zwischen dem Finanzminister, dem Oberbürgermeister Böß und den zuständigen Vereinen haben bereits Besprechungen stattge- funden. Die in Frage kommenden Instanzen sind bereit, die An- läge großer Spiel- nnd Sportplätze auf diesem Gelände zu fördern. Die Kosten der Anlage werden auf etwa zwei Millionen berechnet. »vrihilachtsabend-Plavkonzert. Wie alljährlich, wird auch an diesem .Heiligabend das Deattckc T o n k ü n fl I e r- O r ch e il e r auf dem W i t t e» b e r g p l a tz zwischen lll" und'Iß Uhr Weihnachlslieder spielen Die WcihnachtSansftellung der Gewerkschaftskommission Berlins und Umgegend im GcwerkschastShaus, Engeluser, iit nur noch heute und am morgigen Freitag geöffnet. Der Bedars an Büchern, Spielen mid Wandschmuck kann deshalb nur noch während dieser geit gedeckt werden. BezirkSbildliiigsausschuh Gros?- Berlin. 2. WeibnachtSseiertag, nachmittags'A'j, Uhr, in der Alten Garnisonkirche, Neue Fricdrichftraße 3, Festkonzert. Mitwirkende: Frau Wols sSopran), Projessor Thiel, Leiter des ttaatlichcn Jnstiluts sür Zkirchenmusik, Professor F l e m in i n g sOboe), Mitglied des Orchesters der Staatsoper, Herr Fritz Kleiner sOrgel». Die M a d r i g a I- L e r e i n i g u n g. Die noch nicht eingelösten Marken sind sofort abzuholen. Einzeltarlen a 6,50 M. im Bureau des Bezirks- bilduiigsausschuffcS. Lindenftr. S, 2. Hos 4 Tr, Zimmer 12, und bei den BildungSausschußmitgiiedein aller Adteilungen, außerdem am Tage des Konzerts in der Satrtnei der Kirche.— Ferner nachmittags 3 Uhr im Neuen Bollstbeater, Eöpenlcker Straße 68,»Die Wildente", von Henrik Ibsen. Eintrittskarten einschließlich Gebühr für Kleiderablage und Tb'cater. zellet 5,50 M. Vorzügliche Weihnachtsgeschenkc find unser Wandschinuck. Drei sarbige Ztevroduliionen„Das Balkonzimmer" von Menzel..Ter Kohleularren" von Schulz, und»Ideale Landichast" von HanS Siemien. Ungerahml 45 M. daS Stück, mit Rahmen 110 M. Schwarzweiß-Litho- gravbic.Heimkehrende Arbeiter" von Selle Hasse und»Die Bahnwärter- janulie" von. Hans Laluschel. Preis pro Stück 10 R. f Sezkrksversammlimgen. 3m 13. Verwaltungsbezirk(Tempelhof) fand die Einführung der neugewähltcn Bezirtsverordneten durch den Genossen Bürger- meister Groß statt, der in seiner Einführnngsrede darauf aufmerk- sam machte, daß es dem einzelnen Verordneten nicht immer mög- lich sein werde, alle Wünsche der Einwohnerschaft zu ersüllen. In- folge der ollgemeinen Finonznot der Städte müssen vielfache not- wendige Angelegenheiten unerledigt bleiben. Trotzdem soll ein jeder bemüht sein, im Interesse der Allgemeinheit zu wirken. Die Bezirksversammlutig des 14. Bezirks� Neukölln, wurde am 16. Dezember vom Genossen Bürgermeister Scholz eröffnet. Er verpflichtete die Bezirksoerordnetcn nach einer kurzen Begrüßung?- rede durch Handschlag. Unter der Leitung des ältesten Mitgliedes, des Bezirksverordneten Werner, fand hierauf die Wahl des Prä- sidiums statt. Als 1. Borsteher wurde unser Genosse Heitmann mit 45 Stimmen gewählt. Zum Borsteherstellvertreter wurde Jin unsere Abonnenten! Wir bitten unsere Freunde und Anhänger, uns zu helfen! Die Popierfabrikanten haben neue Preiserhöhungen für Papier gefordert, und zwar in einer Höhe, wie sie selbst durch die in den letzten Monaten zugenommene Entwertung unserer Mark nicht be- rechtigt ist. Sie verlangen jetzt rund 1400 Prozent des Borkriegs- Preises, das ist eine 70prozentige Erhöhung des im Dezember fest. gelegten Satzes. Es wäre wirklich an der Zeit, das Monopol der Papierfabriken dem Reiche durch Sozialisierung dienstbar zu machen. Bei der zunehmenden Teuerung konnten und wollten wir uns berechtigten Forderungen auf Erhöhung der Löhne und Gehälter nicht entziehen. Auch die Druckkosten und alle sonstigen Ausgaben sind erheblich gestiegen. Damit ergibt sich für uns die Notwendigkeit, unseren Abonne- mentspreis lim o Mark zu erhöhen. Wir möchten dabei betonen, daß der Bezugspreis von 2 0 Mark keineswegs die Her- und Zustellungskosten des„Vor- wärts" deckt. Es ist deshalb wünschenswert, daß der Inseratenteil des„Vorwärts" sich noch weiter entwickelt. Das kann nur mit Hilfe unserer Abonnenten geschehen, die bei ihren Einkäufen sich auf die Inserate des„Vorwärts" beziehen. Wir bitten unsere Anhänger und Leser, bei der Abonnements- erhöhung auch zu berücksichtigen, daß wir bestrebt sind, den.Vor- wärts" dauernd weiter auszubauen. Der literarischen Beilage wird im neuen Jahre eine Iugendbeilage folgen, der Mitarbeiter- und Korrcspondentendienst wird von uns fortgesetzt vergrößött usw. Wir wollen das Statt öss arbeitenden Volkes sein: wir sind mit allen Mitteln bestrebt, die Interessen unserer Leser zu vertreten. Deswegen dürfen wir wohl erwarten, daß uns unsere Abonnenten und Kampfgenossen die Treue wahren. Verlag„vorwärts". der Unabhängige F e ch n e r gewählt, als Beisitzer: Paul Fischer Unternehmer fristlose Entlassungen von Arbeitnehmern vornehmen kann, „wenn sie sich Tätlichkeiten oder grobe Beleidigungen gegen den Arbeitgeber oder seinen Vertreter oder gegen die Familienangc- hörigen des Arbeitgebers oder seiner Vertreter zuschulden kommen lassen". Die Betriebsvertretungen vereinigen in ihrer Person zwei Eigenschaften; einmal sind sie Belegschaftsmitglieder und unter- stehen der Arbeitsordnung, den Dienstvorschriften des Betriebes so- wie der Gewerbeordnuna bzw. dem Handelsgesetzbuch. Anderer- seit? unterliegen sie als Betriebsoertretungsmitglieder den Bestim» mungen des Betriebsrätegesetzes. Wenn sich nun ein Betriebsoertretungsmitglled in Aus» Übung seiner gesetzlichen Funktionen� wirklich Aeußc- rungen zuschulden kommen läßt, welche als Beleidigung aufgefaßt werden können, so kann der Arbeitgeber zu seinen Mahnahmen wiederum nur die Bestimmungen des BRG. heranziehen. Hier ist nach Z 39 BRG. nur die Möglichkeit gegeben, vor dem Schlichtungs- ausschuß das Erlöschen der Mitgliedschaft eines Betriebsvertretungs- Mitgliedes wegen gröblicher Verletzung seiner gesetzlichen Pflichten zu beantragen. Daneben können eoent. die Beleidigten gegen das Be- triebsvertretungsmitglied Prioatklage erheben. Aber eine Möglich- keit zur fristlosen Entlastung besteht nicht und der Unternehmer kann, wenn ein Betriebsoertretungsmitglied wirklich gegen seine gesetz- lichen Befugnisse verstößt, nicht Mahnahmen ergreisen, die sich nur aus dem einzelnen Arbeitsverhältnis ergeben können, gegen welches aber das Betriebsvertretungsmitglied nicht oerstoßen hat, da seine Handlungen in Ausübung seiner gewisser- maßen amtlichen Tätigkeit als Betriebsvertretungsmitglied erfolgt sind.— Deshalb können die Unternehmer in solchen Fällen frist- lose Entlassungen.keinesfalls vornehmen und die ordentlichen Gerichte bzw. die Schlichtungsausschüsse müssen nach unserer Ansicht, wenn dies trotzdem geschieht, die fristlose Entlassung für unbegründet erklären Der Unternehmer muß dann das betr. Betriebsvertretungsmitglied wieder einstellen und weiter beschäftigen. Die im 8 96 Ziffer 3 enthaltene Möglichkeit sür den Unternehmer, ohne Zustimmung der Betriebsvertretung ein Mitglied derselben „aus einem Grunde, der nach dem Gesetz zur Kündigung des Dienstverhältnisses ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist be- rechtigt", ftistlos zu entlasten, kann sich nur auf Ver st äße aus dem Einzelarbeitsverbältnis, nicht aber auf Verstöße in Ausübung der Funktionen auf Grund des BRG. selbst beziehen.— Die Betriebsvertretungsmitglieder tun in solchen Fällen gut, ge» mäß§§ 84 und 86 Absatz 2 die Angelegenheit sofort dem G r u p p e n- r a t zu unterbreiten, der in einer nach 8 32 BRG. ordnungsmäßig einberufenen Sitzung zu der Angeleaenheit Stellung nehmen und in einer weiteren ebenso einberufenen Sitzung unter Ladung des Unter- nehmers gemäß 8 29 Verständigungsverhandlungen mit der Firma führen muß. Wenn diese scheitern, muß dann der Schlichtungs- ausschuß angerufen werden. Vor dem Schlichtungsaueschuß kann von beiden Parteien Aussetzung des Verfahrens zur Klärung der Angelegenheit durch das ordentliche Gericht beantragt werden. Es ist in solchen Fällen einem Betriebsvertretungsmitglied jedoch auch möglich, gemäß 8 96 letzter Absatz unmittelbar das ordentliche Ge- richt in Anspruch zu nehmen. Dann bedarf es einer Anrufung des Gruppenrates Lberhauvt nicht.— In sehr vielen Unternehmen sind Betriebsvertretungen vor- Händen, die mit großer Energie und Sachlichkeit und nicht ohne Eriolg für die Belegschaft die Intercsten derselben vertreten. Alle Absichten der Unternehmer, diese Betriebsvertretungen zu beseitigen, scheitern, solanae die Mitglieder der BetriebsvGtreixng ihre Befugniste aus dem BRG. sachlich ausüben. In dem Augenblick jedoch, wo sich ein Betriebsvertretungsmitglied zu einer unbedachten bzw. beleidi- genden Aeußerung hinreißen läßt, haben die Unternehmer die lang- ersehnte Handhabe, die Beseitigung des Betriebsvertretungskollegcn vorzunehmen.— Es kann dsholb nicht oft genug darauf verwiesen werden, daß die Betriebsoertretungsmitglieder sich durch nichts aus der Ruh« bringen lasten dürfen. Sie brauchen von ihren Rechten nicht das geringste nachzugeben, solanae sie sachlich und mit Energie dieselben vertreten, ober unter allen Umständen muß vermieden werden, sich zu unsachlichen oder gor beleidigenden Ausdrücken hinreißen zu lassen. So sehr es ouck manchmal verständlich sein maa, daß dem Bctriebsvertcetungsmitgliede der Geduldefaden reißt. Wir können dem Unternehmertum nur durch geistige Ueberleaenheit imponieren. Außerdem entstehen, wenn beleidigende Ausdrücke gefallen sind und der Unternehmer seine Maßnahmen ergriffen hat, Differenzen, bei deren Austragung die Arbeitnehmer sich rechtlich in einer ungünstigen Lage befinden und wodurch die Kampfkraft der Arbeitnehmer zer- splittert wird. Gerade jetzt ist aber der Zusammenhalt aller Kräfte mehr als je vonnöten und deshalb sollten die Betriebsvertretungs- Mitglieder das vorstehend Ausgeführte genau beachten. Hroß-Serliner parteinachrfchten. heute, Donnerstag, den 22. Dezember: 23. Abt. Pünktlich 7 Ufit Weihnachtsfcier in den Pharnsliilen, Müllersnag», im Ileinen Saal. Bescherung der Kinder und der»rbeitsloscn Genossen. 7«. Abt. Wilmersdorf. 8 Uhr bei Schramm. Hohenzollerndamm 2, Sitzun« sämtlicher Funktionäre. Erscheinen Pflicht. IX. Abt. Riederschöneweide. Wcihnachtsbescherung fllr alle Kinder der Ab- teiluna abends 636 Uhr im Kleinen Saal des Kuffhäufer-Restaurants. Zunqsozialisten. Srnppe Friedeichshain. Die Veranstaltung fällt dies« Woch« aus.— Spandau. 7-6 Uhr im Jugendheim, Neuendorfer Str. 3Z, Weihnachtsfeier.— Gruppe Britz. 736 Uhr Jugendheim, Chausscestr. 18, Heimabend.— Grirppe Reukölln. 734 Uhr Jugendheim. Nozalstr. 53, Heimabend. — Gruppe Süden und Arbeitsgemeialchaft Landgemeindchau». 7-4 Uhr Juristische Sprechstunde, Lindenstr. Z, Vortrag des Genossen Ludolf Dreq: „Der Entwicklungsdegrifs im Marcismus".— Gruppe Treptow. Der Vor» tragsadcnd fällt ous. Dafür Beteiligung an der Woihnachisfeier der Ar» beiterjugcnd am Freitgg.— Gruppe Friedrichshagen. 7-4 Uhr im Jugend» heim, Scharnwcbcrstr. 105, Bunter Abend.— Srnppe Schöneberg-Frie. denau. 7-/4 Uhr bei Groß, Sedanstr. 17, Weihnachtsfeier. Alle Iimgea Parteimitglieder herzlich willkommen. Morgen, Freitag, den 2Z. Dezember: 78. Abt. Schineberg. Weibnochtsseier in der Schulaula, Feurigstr. 57. unt 5 Uhr. Ansprache des Genosse» Dr. Bendiner. Aufführungen. Kinder. befcherung. Auf pollzähligcs Erfchrinen der Mitglieder der Abteilung wirtz gerechnet. Zungsozialistrn. Gruppe Rorde». 7-4 Uhr i» der GemeindesSule, Putbuser Etrabe 5-6. Heimabend.— Gruppe Lichterfelde. 734 Uhr Zugendheim. Albrcchtstr. 14-, Heimabend. �ugenüveranftaltungen. «erei»«rbelier-Iugeud. Sekretariat: 8®. 68, Lindenstr. J, 2.$gi»„j. 2 Treppen rechts. Telephon: Mpl. 121 68—10. Rorde» der freie». hocher Str. -----«i-CilygUU. Vi.» heute. Donnerskoa fc>ti 22. Deiember: Mus allst Welt. Neue Explosion in PniowiN. Nachdem vor einigen Tagen, wie bereits gemeldet, in der Lignosefabrik Pniowitz(Oderschlesien) sich eine folgen- schwere Explosionskatastrophe ereignet hatte, ist das Werk Sonnabend früh erneut von einem ähnlichen Unglück heim- gesucht worden. In der Abfallauslauge erfolgte eine Explosion, wobei fünf Mann getötet und mehrere schwer verletzt wurden. Einzelheiten fehlen noch. Verurkeilung eines Ehriskbaumwucherers. Der Oberstaat-?- anwalt beim Landgericht Köln Vervffemlicbt folgende gerichiliche Entscheidung: Der Händler Wilhelm Schöngen zu Köln, Mühlen» gasse 19. geboren zu Ameln l5treis Jülich) am 19. Dezember 1879. ist durch Urteil des Wuchergerichts Köln am 17. Dezember 1921 wegen Preistreiberei mit Weib nachtsbäumen zu einem Monat Gefängnis und 100 M. Geldstrafe verurteilt worden. Schöngen hat erwa 699 Stück Weihnachtsbäume, die er ob Ver» ladestelle zum Durchschnittspreise von etwa o,o9 M. eingekauft hatte, auf dem Alten Markt zu Köln zu Wucherpreisen feilgeboten und zwar kleine Bäume zu 15 Dt., die anderen, je nach Grötze, bis zu 79 M. Das Wuchergericht hat die Veröffentlichung in vorstehender Faffung durch Urteil angeordnet. Explosion einer Gasanlage. In den Glockenstahlwerken A.-G. Remschoid-Hasten explodierte wahrscheinlich infolge Undichtigkeit eines Rohres eine Gasanlage. Leider find drei Menschenleben dem Unglück zum Opfer gefallen. Wajhinglaucr Scherz und Tragik. Den Führer der japanischen Delegation. Prinz Tokugawa, fragte ein Zeiiungskorreipondent, ob ihm das Gebaren der amerikanischen Reporter nicht ein wenig seltsam vorkomme..In der Tat. ja", antivoriete Tokugawa..Zum Beispiel, da wurde bei der Eröffnung der Konferenz ein Gebet ge- sprachen. Dieses Gebet wurde schon im voraus sein säuberlich ge- druckt an die Reporter ausgegeben. ES erreichte ihre Zeitungen schneller als es den lieben Gott erreichte!"'— Der nordame-ila- niiche Abg. Artur E l ff o n bat sich im Polomacflusse ertränkt. Er hinterlich einen Brief, wonach Elston seit acht Jahren dafür kämvsle, in Alameda sKalisornicu) eine Flotten b asis zu schaffen. Durch die Washingtoner Konferenz, namentlich durch die Schaffung der pazifischen Entente war sein Ziel auf absehbare Zeit hinaus nicht mehr zu erreichen. In Erkenntnis dessen legte Elston Hand an sich, da er sein politisches Wirken als verfehlt habe erkennen müssen. Die Verdeutschung des.Reparismus" soll natürlich lauten: Wiedergutmache._ Geschäftliche Mitteilungen. Wcihnechtssiclchcnke»on dauerndem Wert cmpsichlt das altbekannte Teppich- hau» Smil Lcsturc in der Oranicnstr. iss, zurzeit ununterbrochen geöffnet pon 9 bis 7 Uhr._ Wetter bis Freitag mittag. Mild, überwiegend trübe, mit wieder- holten Niederschlägen und starken Westwinden. öriefkaften üer Neüaktion. Brie fli che Auskunft wird nicht erteilt.- Jeder für den Brief. tasten bestimmten Anfrage sitge man einen Buchstaben»»d eine Nwinmer bei. Eilige Anfragen trage man in der Juristischen Sprechstunde, Lindenstr. b. 1. Hof pari, links, vor. Echrsttstiiete und Verlrage sind mitzubringen. W. B. 2. Ja, sofern Sie die Sorge für die Person des Kindes mit Zuitiin» mung der Mutter übernommen haben.— A. S. St. Eine Steigerung ist zu» lässig, ebenso eine Verlllrzung der Vcrirogsdauer. Die Kosten für die Heizung habe» Sic zu tragen. Der Vermieter kann ober mit einem Zehntel daran de» teiligt werden, sosern die persönlichen Berhälmisse des Mieters dies gerecht- fertigt erscheinen lassen.— W. 9. 1. u. 2. Nein. 9. Nach unserer Ansicht müssen Sie den erhöhten Zuschlag zahlen.— St. B. 10. Ihre Mutter hat kernen An- fpruch auf Witwenrente.— P. R. 81. 1. und 2. Ja, sofern der Mietvertrag keine entgegenstehenden Bestimmungen enthält.— B. tri». 1. Amerikanische Kommission, Wilhelmplatz 7. 2. Die Anschrift lautet: Deutsches GcneraUoiisulat in New Port. 3. 2,80 M.— Viersen 3. Auskunftsslellc des Reichswanderungs. amts, Berlin, Luifenstr. 31a. Sie können sichauch an die Zweigstelle in Düssel- darf, Fricdrichsplatz 2— 1, wenden.— A. H. M. 1. Gesetz betr. Wochenhilfe und Wochcnsllrsorgc vom 29. Juli 1921. 2. In jeder Buchhandlung. Gegen rauhe aufgesprungene Haul CREME MOUSON vollkommenstes Haulpflegemittel Q ulsotier MelallarbBlier-VtrIiand Verwaltungsst. Bert. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unicr Kollege, derRevolver- drehcr Ms Ikilüös am 15. Dezember gestorben ist. Die Einäscherung findet am Donners- tag. den 22. Dkzbr., nachm. 2'/, Uhr, im KrcmatoriumGcrichl- straße statt. Ferner starb unser Kollege, der Schlosser IM. Marsctiinski Transvaalstr. 15 am 20. Derember. Die Einäscherung findet am.sreitag, den 23. Dezbr., nachmittags 5 Uhr, im KrcmatoriumGericht- stratzc statt. blua Ihrem AndiBleo! Rege BeleilWung erwartet Die Ortsverwaltung zur Suche Selbfiverwertung GkÄ u. SbcttrelaUe zu höchst. Preisen a.Schllephacke Juwelier• Friedrichslraße 210 WkNNkNMW betr. Wahl zumBorstand. Sowohl seitens der Ar- dettgeber atz auch der Arbeitnehmer Ist nur se ein Wahlvoi schlag in der zulälsigsn Frist ringe- reicht worden. Es gelstn somit gemäst§9 derDahl- ordnung die in diesen Wahloorschlägcn bezeich- neten Personen als ge- wählt. In dem Wahlvorschlag der Ardeitgeber....... Mtr. 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Wie steht's mit öer Reichseifenbahn l Der Vorstand des Deutschen Eisenbahner-Derban- d e s hat soeben eine 158 Seiten starke Schrift herausgegeben, um die „Urtachen des Milliardendesiziks der Reichseisenbahn im Lichte geschichtlicher Tatsachen" aufzuzeigen.„Das Eisenbahnpersonal hat alle Ursache, endlich der großen Oeffentlichteit den Beweis dafür zu erbringen, daß nicht die Arbeiter und Beamten des ausführenden Dienstes, sondern ganz andere Faktoren die Schuld an dem mate- riellen und finanziellen Zusammenbruch des Eisenbahnwesens tragen. Diese Selbsthilfe— heißt es im Borworl— ist uns aufgezwungen worden durch das mehr oder weniger passive Verhalten der Verwal- tnng gegenüber den zahllosen, oft beleidigenden Beschuldigungen, die von der bürgerlichen Presse und sonstigen interessierten Stellen immer wie- der gegen die Eisenbahner erhoben werden." Eigentlich war es Sache der Verwaltung, schon längst den unausgesetzten Angriffen gegen die heutige Verfassung der Eisen- bahnen einmal energisch entgegenzutreten und an chand des amt- lichen Tatsachenmaterials zu zeigen, daß nicht der Achtstundentag, sondern der Rlililarismus und der Kapitalismus die Eisenbahnen herunter brachte. Doch da- mit würde die Verwaltung die Brücken des Breitcnbachschen Systems hinter sich abbrechen und zugleich den Brückenbau behindern, den Stinnes und seine Getreuen aufführen, um die Neichseisenbahnen in ihre chände zu bekommen. Die Träger des alten Systems wollen weder das eine noch das andere. .Fein staatliches und kein privates Unternehmen ist während des ganzen Weltkrieges und auch nach dem Zusammenbruch so grau- sam'und unverantwortlich ausgesaugt und heruntergewirtschaftet morden, wie gerade die deutschen Eisenbahnen samt ihren Werk- stätten. Die Schrift erinnert daran, daß während des Krieges Transport- und Aushilfsleiftungen jahrelang unter den sachlichen und persön- lichen Selbstkosten geleistet wurden: daß das Bau-, Unterhaltungs- und Erneuerungsprogramm der Eisenbahnen immer mehr einge- schränkt und sckiließlich völlig eingestellt wurde: daß die Vorräte an vollwertigem Material völlig verbraucht wurden; an die Umstellung auf Kriegsersatz hinsichtlich des Personals und des Materials; an die ungeheure Verminderung des Fuhrparks infolge des militärischen Zusammenbruchs und des Friedensvertrages: an die völlige Derwahrlofung der Bauten, Bctriebseinrichtungen, Werkstätten und des Fuhrparks infolge des Rüstungsprograinniz; die Abfindungen für das abgegebene und ver- lorene Material zum damaligen Sachwert anstatt zu den inzwischen ungeheuer gestiegenen wirklichen Wert; an die dadurch notwendigen enormen Mehrausgaben für die Wiederbeschaffung, Instandsetzung und Erneuerung des Materials zu den hohen Nachkriegspreisen; an die Heranziehung der Eisenbahnwerkstätten und der früher mit der Verstellung von Eisenbahnmaterial beschäftigten Privatindustrie zur Kriegsindustrie: an die zahlreichen, heute brachliegenden Erwcite- rungs- und Neubauten zu Kriegszwecken, und an die Einstellung und Verwendung von zahlreichen Schwerkrieqsbelchädigten u. a. m. Be- vor die infolge des Krieges und der Kricgsmaßnahmen auf den Hund gebrachten Staalseisenbahnen endgültig auf das Reich übernommen wurden, hätte unbedingt eine großzügige Abschätzung und Abrechnung der Kriegsleistungen und -opfer erfolgen müssen. Die sich dabei ergebenden Milliardensum- men mußten auf den allgemeinen Reichshaushalt übernommen wer- den. Ferner mußten die infolge der laut Friedensvertrag an die gegnerischen Mächte abzuliefernden Lokomotiven und Wagen ent- ltandcnen Mehrausgaben für Beschaffungskosten, der Reichseisen- oahn gutgeschrieben werden. Statt dessen erscheinen in den hau»- Haltplänen der Reichsbahn Millionenausgaben, die vor dem Kriege grundsätzlich und hauptsächlich durch Anleihegesetze bestritten wurden. Der erste Abschnitt der Schrift enthält wertvolle Beiträge zur Vorgeschichte der Reichsbahn, der zweite Abschnitt schildert die vernichtenden Wirkungen des Weltkrieges auf die deutschen Staatscisenbahnen— Personalschwierigkeiten in der Heimat, die Ursachen der Materialnot, Blockade, Hindenburg-Pro- gramm und Kriegscrsatz, die Schwierigkeiten bei der Materialbe- schasfung, die Beschlagnahnie der hochwertigen Metalle, die Kohlen- not und ihre Folgen, die Oclversorgung, den Mangel an Dichtung?- stofsen, Asbest und Gummi, die Vernachlässigung des Eisenbahnober. baues, die organisatorischen Nvtmaßnahmen und die letzte Bewegung für die Reichsbahnen vor dem Zusammenbruch—, im vierten Abschnitt den militärischen Zusammenbruch und seine Folgen: im letzten Abschnitt erbringt sie Beweisslücke für die Wißwirlschaft der Eisenbahn aus der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart. Das Sünden- register der Verwaltungen ist recht lehrreich dafür, wie hier noch vielfach mit Material und Geldern gewirtschaftet wird. Ein Kapitel für sich bildet die„Unwirtschaftliche und unerlaubte Verwendung von Personal und Material zu Privatzwecken einzelner Vorgesetzter". Die Arbeiter werden in der Regel während der Dienstzeit wochen- ] und monatelang für Garten- und Ackerbau, zum Bau von Hühner-, ! Hasen-, Schweine- und Ziegenställen, Gartenhäuschen usw. heran- i gezogen, und die Verrechnung der Löhne erfolgt selbstverständlich auf Bahnbau, Fahrzeugunterhaltung u. dgl. m. hinzu kommen„die Lei- stungen für Dritte, Bahnhossbuchhandlungen und Bahnhofswirt- schaften, Schlaf- und Speisewagen und„Wohlfahrtseinrichtungen". Die Schrift läßt es jedoch nicht bei der Kritik der Dinge be- wenden. Sle will zur Besserung beitragen. Insbesondere wird auf die Entschließung vom 16. März 1921 hin- gewiesen, die das Vorstandsmitglied des Eisenbahnervcrbandes Lorenz Brcunig bei der Beratung des Haushaltsplanes 1921 für die Reichseisenbahn eingebracht hat. Die Eisenbahner wollen sich nicht nur der unberechtigten Vor- würfe erwehren, als ob ihre Lohn- und Arbeitsbedingungen an der Unterbilanz der Neichseisenbahnen schuld seien, sondern sie haben außerdem das größte Interesse mit daran, daß ihr Werk lohnend und nicht durch laxe oder unfähige Verwaltungen und durch Begün- stigungen der Privatunternehmungen sabotiert wird, um so dem In- dustriekapitalismus die Absicht zu erleichtern, den ganzen Betrieb an sich zu reißen. Das Gegenteil muß geschehen: die Reichseisenbahn muh aus der Abhängigkeil der Privalindusirie heraus. „Die Eisenbahnverwaltung müßte also Kohlenzechen, Eisen- und Stahlwerke, Waggon- und Lokomotivfabriken erwerben, um daraus entweder den ganzen Bedarf oder wenigstens einen erheblichen Teil des Bedarfes zu Selbstkostenpreisen decken zu können."„Es ist a l l e r h ö ch st e Zeit, heißt es zum Schlüsse, daß die Reichseisen- bohnverwaltung, wie überhaupt die Reichsregierung, mit der Demo- kratisierung der Verwaltung ernst macht." Gesterrdchifihe parteigeschichte. Die Geschichte der österreichischen Sozialdemo. k r a t i e zu schreiben, ist Viktor Adler vom Innsbrucker Partei- tag 1911 in einer feierlichen Abendstunde einstimmig ersucht worden: aber der Einiger der österreichischen Sozialdemokratie fand in der Tagesarbeit die Muße nicht, bis er am Morgen der Proklamierung der Republik als ihr erster Außenminister starb. Vor ihm, noch im Kriege, mar Pernerstorfcr dahingegangen, der viel Geschicht- liches ausgezeichnet hat. aber noch ist es nicht veröffentlicht. Nun Hai sich Ludwig B r ü g e l ans Werk gemacht und soeben hat die Wiener Volksbuchhandlung den ersten Band seiner Arbeit herausgebracht, den Ertrag eifrigster Durchforschung der Archive. Dos Buch reicht vom Vormärz bis zu jenem chochverratsprozeß, der im Juli 1870 den Führern der gewaltigen Wahlrechtsdemonstration vom 13. De- zember 1869 gemacht wurde, mit der die Arbeiterbewegung in Oester- reich die Bühne der Politik betrat. In jenen alten Zeiten, die durch die„freiheitliche" Verfassung von 1867 in Hinsicht auf die Arbeiter- lewegung nichts von ihrem Polizeigeist verloren, äußerte sich die Fürsorge des t. k. Staates für die Arbeiter meist in Bespitzelung und Verbot jeder Dcreinsgründung. Schon an den alten Weitling hefteten sich österreichische„Konfidenten", und mehr als die Arbeiter verfolgten die Behörden das Aufkeimen der Arbeiterbewegung im „außerösterreichischen Deutschland", um des Ministerpräsidenten Schmerling interesianten staatsrechtlichen Ausdruck zu gebrauchen. Schon 1844 wurden zwei Brüder Schestag, die Weitling in Wien ! dem„Bund der Gerechten" gewonnen hatte, zum Tode verurteilt, ■ aber zu acht- bis zwölfmonatigem Kerker begnadigt. Erst Lasialles Agitation fand in Oesterreich ein stärkeres Echo, wenn auch nur in 1 dem eqerländifchen Grenzort Asch eine Ortsgruppe des Allgemeinen ! Deutschen Arbeitervereins entstanden ist. Die Gründung des heute noch bestehenden Wiener Arbcitcrbildungsvereins wurde, nach vor- herigem Verbot, endlich am 18. November 1867 gestattet; drei Ar- bester, Mühlhausen, Feblinger und Feuerstein, waren die Pro- poncnten, und bald spielte der Lasinlleaner Härtung, ein Nord- deutscher, eine Führerrolle. Der Berliner„Sozialdemokrat" begrüßte warm die erste große Versammlung in Wien. Als der Wiener Gemeinderat einen Beschluß gegen das Kon- kordat aefaßt hatte, erhielt er unterm 16. November 1867 einen herz- lichen Glückwunsch von dem„Demokratischen Volksverein" in Leipzig, gezeichnet Bebel, Wuttke und Liebknecht. In der konsti- tuierenden Versanimlung des Arbeiterbildungsvereins bekannten sich unter stürmischem Jubel auch die— farbentragenden Studenten zur Sozialdemokratie! Schon 1868 komponierte Josef Schau nach einem anonymen Text, den man im Briefkasten des Vereins fand, das„Lied der Arbeit", das bis heute gesungen wird. Am 1. Januar 1868 richtete I. B. v. Schweitzer ein Manifest an die Wiener Arbeiter, und am 11. April 1868 folgte ein Aufruf des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, gezeichnet Vizepräsident Fritz M e n d e, itt dem auch folgende Verse zu lesen sind: Wir wollen all' für einen stehen lind einer steh'n für alle, Und siegen oder untergeh'n Mit Ferdinand Lassalle. Im Herbst entstanden Arbeitervereine in der Provinz. Schon damals mußte auch zur Nationalitätenfrage Stellung genommen werden— es geschah im Sinne der Demokratie, Gleichberechtigung und Verbrüderung. Dos Verbot des geplanten Arbeiteroer- brüderungsfestes durch das„demokratische Bürgerministe- rium" mußte als Siegel auf die Erklärung, daß der Nationalitäten- Hader reaktionäre Mache sei, wirken. Das Verbot war auf Franz Joseph allerhöchstpersönlich zurückzuführen. Indesien spielte bei der Totenfeier für Lassallc am 29. August 1868 noch eine k, u k. Militärkapelle mit. Nach der Ausstellung des ersten sozial- demokratischen Programms in Wien durch Härtung und in Nürnberg auf dem bekannten Arbeitervereinstag, wurden jedoch alle sozial- demokratischen Versammlungen verboten, das sozialdemokratische Komitee aufgelöst und seine Mitglieder verurteilt. Im April 1869 erschien die„Volksstimme", geleitet von Härtung und Oberminder, es entstanden die ersten Fach- und Gewerkvereine. Most sprach in Wien und bald daraus, vor Tmisenden, Wilhelm Liebknecht. Es folgte die schon erwähnte Demonstration, die Flucht Hartungs in die Schweiz und die Aerfolgungsära. » Den Arbeiterbüchereien fei die Anschaffung des interessanten Brügelschen Werkes, das viele Aufschlüsse über Politik und Wirtschaft jener Zeit bringt, empfohlen. r. b. Soziales. Arbeitsmaikt und Erwerbslosenfürsorge. Der Reichsarbeitsminister hat sich in einem Rundschreiben an die Sozialministerien der Länder mit den Rückwirkungen beschäftigt, welche die gegenwärtige günstige Lage des Arbeitsmarkts aus die Erwerbslosenfürsorge ausüben muß. Im Bereich der unterstützen- den Erwerbslosenfürsarge wünscht der Reichsarbeitsminister insbe- sondere eine sorgfältige Sichtung der Erwerbslosen. Für eine große Zahl von Berufen liegt der Arbeitsmarkt zurzeit so günstig, daß eine Beschränkung der Untcrstützungsdauer auf dreizehn Wochen bercchligt erscheint, da in diesem Zeitraum der Ar- beitswillige mit Sicherheit Arbeit zu finden vermag, und auch bei den übrigen Berufen werden die Voraussetzungen für eine Unter- stützung über 26 Wochen hinaus bis auf weiteres nur mehr sellen gegeben sein. Der Berufsberatung soll vermehrte Aufmerksamkeit zugewandt werden, die Umstellung und Umschulung von Erwerbslosen aus Berufsgruppcn mit ungünstiger in solche mit aussichtsreicher Be- fchäftigungslag« soll vermehrt betrieben werden. Hierzu wird ins- besondere die produktive Erwerb sll ose nfürsorge dienstbar zu machen sein, während andererseits die sogenannten „Notstandsarbeiten" im Hinblick auf die vermehrte Arbeitsgelegcn- heit in der allgemeinen Wirtschaft eingeschränkt werden können. Diese Noistandsarbeiten lollen in erster Linie den langfristig Er» wcrbslosen zugute kommen. Noistandsarbeiten dürfen nur in solchen Bezirken be- gönnen werden, in denen die Zahl der unterstützten Erwerbslosen drei vom Tausend der Einwohner und mehr beträgt. Nachdrücklich wird darauf hingewiesen, daß Arbeiten, die ordnungsmäßig in den Gemeindehaushalt gehören, nicht zu Lasten der produktiven Er- werbslosenfürsorge ausgeführt werden dürfen, da sie eine Bermeh» bung an Arbeitsgelegenheit bedeuten Die Mittel der produktiven Erwerbslosenfürsorge können bestimmungsgemäß nicht dazu dienen, die finanzielle Belastung öffentlicher Verbände zu vermindern. Die Anwendung all dieser Richtlinien wird dazu führen, daß die produktive Erwerbslosenfürsorge mehr noch als bisher Maß- nahmen fördern wird, die— sonst aus Mangel an Mitteln nicht ausführbar— unzweifelhaft hohen wirtschaftlichen Wert auf- weisen. Das sind die Verbesserungen des landwirtschaftlichen Bodens fMclioratione»), die Errichtung von Kulturgürteln um die Städte, Vcrkchrsbauten usw. Die Bereitstellung und Vorbereitung solcher Arbeilen im weitesten Umfang zur Abwehr der kam- wenden Erwerbslosigkeit ist dringend zu wünschen. Bund zur Förderung von Werkgemeinschafien e. B. Führende Kreise der Jugendbewegung gründeten vor kurzem in Hamburg den Bund zur Förderung von Werkgemeinschafien. Die ersten Werbe» schriften, die die Bundesgeschästsstclle in Berlin-Wilmersdorf, Sigma- ringer Str. 16 IV, versendet, fassen nicht allein den sittlichen Glauben an die Gemeinschaft erkennen, zeigen darüber hinaus, daß es sich nicht um utopistische Pläne handelt, sondern um Erhaltung und Förderung schon bestehender Werke und Siedlungen. Billige Preise für vornehme Winterkleidung Größte Auswahl— Enorme Vorräte. Erstkl. 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