Nr. 6 ♦ 39. Jahrgang Ausgabe tt Nr.Z Abend Ansgalie c «U-a».»«i-ttn 40 Pf auswXrts 90 Pfennig D Bezugspreis: «»tttliaht;.80,--JJt., mono!!. 30,— 91 fr«l in» Haus, voran» zai>!dar.?vst- »ezug: Monatlich 20,— M. kinlchi. Zu> strllunqsgrdUkir, Unter Kreuttand mr Deulschiand, Danzig, da» Saar- und Memeiflrdiel, iowie die ednnai« beut» schen Gebiete Polen», Oekierreich Ungarn und Luxem dura 5«,— SGL frft da» übrige Ausland 72.— M, Po'> bektellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn. Tschecho-EIowaiei. Däne» »arl. Holland. Luremdurg. Schweden und die Schweiz, Der.Porwän»' mit der Sonntag«. deilage.Volt und Seit*, der Unter» daltungsbeilage �eimwelt� und der Bella".Siedlung und Rliingocien* «rlcheint wochentäglich zweimal. Sonntag» und Montag» einmal. ?r>aramm-Adreste: .kv-.'aldamotral Berlin- k�erlincr OolKsblatt Anzeigenpreis: Die z»h»gei»alleae ItonnureiNezeil« tostet 0,— SL.Nl«l»,»«zeigen- da, ieNgedrustt« M«»i d,— R. lzn- istssig n»« lettgedruSt» K»rt«>, jede» weitere Sor! l,!>0 M. Stellengesuche and Schlafstellenanzeigen da» erste Morl lchZ M. iede» weitere Wort l.— SÄ. Wort» über 15 Buchstaden zählen für zw,i Won». Famil!en-Aa» i»ig«n tür Adonnenitn geil« t.— M. vi, Pieif« verstehen sich einschließlich Veuerungszuschlag. Anzeige» für di,»itchst««unemer mtisse» di» 4'/, Ahr»achmittag» im Hauptgeschäft, Berlin SW 6«, Linden» kraß» S, abgegeben werden. Geöffnet v»» 9 Uhr sriih di» 5 Uhr adend«. �entralorgan äer fozialdcmokratlfcbcii parte» DeutfehJanda Neöaktion und Expedition: SM HS, Linüenstr. Z S-wns-v-rK-w» Sirdattl-U Vloritipla», iiälnk— S? ßycrnlprrairr. Mvrihpla« 117öS— k>> Mittwoch, den 4. Januar 1SZÄ vorwärts-verlag H.m.b.h., SW HL, linüenstr. Z Krrnk3,r,�,e>r» Verlag,«rneditia»«nd Inserate«. Marihhlai, 117»»—»4 Mißstimmung gegen Frankreich. Pari». 4. Ianueir.(MTB.) Nach eiwr im.Petit Parislen" wredergegebenen Meldung aus Washington ist im amerika» nischen Neprösentantenhaus«ine Nesolution«ingebracht wo, den, die beantragt, daß Frankreich verpflichtet werden soll, mit der Zahlung der von ihm während des Kriege» in Amerika aufgenommenen Schulden z u b e g i n n e n. In der Pegründung dieses Anirage» wird gesagt, daß Frankreich aus dies« Weise für sein« Haltung in der Frage der Rüstungen b e st r a s t werden soll«. Washington, 4. Januar.(EP.) Der Abgeordnet« R« a v i s hat gestern im Repräsentantenhause erklärt, daß die vereinigten Staaten völliges Verständnis für die Notlag« Europas hätten, und daß sie bereit wären, die Schulden Europas zu vermindern, wenn sich die Notwendigkeit dafür tatsächlich einstellen würde. Aber einem Frankreich gegenüber, da» trotz allen Vittens der W«lt unerschütterlich bei seiner Absicht bleibt, dl« Zahl seiner Unter- seeboote, dieser verbrecherischen Kriexswafse, zu vermehren, ist es an der Zeit, die Tränen de» Mitleid, auszuwischen, die unser« Augen verdunkeln, und der Lage gerade in» Gesicht zu schauen. Der Abgeordnete erklärte weiter, daß Frankreich eine große Arm« besitze, wie sie Deulschiand nicht vor dem Sriege hatte, und daß es dies« nicht nur reduzieren will, sondern völlig« Handlung». freiheit verlangt, um sie noch zu vermehren. Da, französische Flottenprogramm sieht Ausgaben von vielen hundert Millio» n»n Dollar vor. Mein« Nation, di« mit sinanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, könne nicht an ein solches NLswngsprogrr.mm denken. Das«nerilanisch« Volt ist der Meinung, daß solche Rüstungen nur dazu dienen, den Krieg herauszufordern, und daß man mit Recht fordere, daß Frankreich feine Rüstungen mit franzö- stschem und nicht amerikanischem Geld« bezahle. Amerika und die Wirtschaftslage Europa?. London, 4. Januar. lWTB.) Reuter meldet ml» Washington, Präsident H a r d t n g und das amerikanische Kabinett ver- brachten zwei Stunden mit der Erörterung der europäischen Wirtschaftslage. Amtlich wird mitgeteilt, daß keinerlei Be» schluß bezüglich der amerikanischen Politik in der Frage der Teil- nähme an einer europäischen Konferenz gefaßt wurde. Bisher fei von feiten der europäischen Mächte kein offizieller oder halboffizieller Vorschlag für eine Beteiligung an Präsident Harding gelangt. �Unbehagen unö Nieüergelchlagenhelt.* London. 4. Januar. Der„Times" wird aus Poris berichtet. es herrsche dort am Borabend der Abreise Brwnd» nach Cannes ausgesprochenes Unbehagen und Niedergeschlagen- h e i t. Niemand scheine zu wissen,«a» eigentlich in Cannes geschehen solle. Jedermann srage sich ernstlich, womit Lloyd George auf der Konferenz Briand überraschen werde. In einem Leitartikel der„Times" heißt es. di« Aussichten für Cannes feien nicht fehr hoffnungsvoll. Ein Programm fei nicht festgesetzt und der Gedanke des Aufbau» ganz Osteuropa» einschließlich Rußlands durch«in internationale» Konsortium scheine noch nicht so weit geführt zu fein, daß er der Kritik der Geschäfts- weit standhalten könne. Der versuch. Deutschland in den Plan hineinzubringen, unter der Bedingung, daß es die Hälfte seines Gewinnes als Reparationen bezahl«, fei ein w i r t u n g s- loser Ausgleich zwischen zwei einander entgegengesetzten An- sichten. Vielleicht steckten hinter dem Plane Zweck«, von denen man nichts wisse. Der Oberst« Rat könne während der kurzen Dauer der Sitzung in Cannes nicht die Grundlage für eine neu« Aera schaffen. Er könne nur dringend« Problem« de» Lugenblick» behandeln und nützliche Borschläge in der Reparation-frag« machen, denen die Alliierten zustimmen Konnten, und wenn die Konferenz gefunden habe, da» Reparationsverlangen werde kaum ohne Schaden für den britischen Handel fein, so mühte es bestimmt möglich sein, die französischen und die britischen Ansprüche mit größerem Erfolge als bisher miteinander zu vereinen. Eine englische Stimme. London, 4. Januar. 0®TB.) Im„Daily Ehroniele" erörtert der sehr gut unterrichtete Politicu»(„Politicus" ist der frühere Privatsetretär von Lloyd George, Sir Phi- lipp Kerr. der zwar diese amtliche Stellung nicht mehr be- kleidet, jedoch wie die gutinformiert« Pariser Zeitschrift.Europe nouvelle" In ihrer jüngsten Nummer versichert, weiterhin engste Beziehungen zum englischen Ministerpräsidenten unterhält. Red. d.„vorwärts".) di« Frag« der Aufrecht- erhaltung der englisch-fcanzösischen Entent« und schreibt: Di« Tat- jach«, daß di« alte französisch-engllsche Entent« heut« keine fest« Grundloge hob«, bedeute keineswegs, baß nicht morgen ein« feste Grundlage gesunden werden könne. Die äugen- blicklichen Meinungsverschiedenheiten zwischen England und Frank- reich beträfen zwei fundamentale Fragen. die Reparation», und die Rüstung» frag«. Di« russischen und die türki'chen Fragen seien im vergleich dazu»an untergeordneter Art. Der Standpunkt Frankreich» sei, Deutsch« land müsse bezahlen, und wenn e» dabei zugrunde gehe, der englische Standpunkt dagegen sei. eine endgültige Regelung der Reparatisn». fragt aus praktischer Grundlage führe zum Wiederaufbau des«uro- päijchcn Handel», was für den vcftand Englands wesentlich sei. Dafür werd« England felbst bereit sein, sein« Forderungen an Deutschland zu st r e i ch c n. In der Rüstungsfrag« feien die Franzosen der Ansicht, Europa werde stets'0er Schauplatz bleiben, wo unter dem System von Bündnissen, Rüstungen und de» Gleich- gewicht? der Mäch!« von Zeit zu Zeit Krieg« geführt würden. Rur � diejenigen Länder würden nach der Ansicht der Franzosen bestehen bleiben und ihr« Macht erhalten, die auf ein w o h l g« r ü st e t«» � Heer vertrauen. England dagegen sei der Ansicht, e, dreh« sich nicht allein um keinerlei kriegerische Gewalt von selten Deutsch- land» im gegenwärtigen Augenblick, sondern«» besteh« sogar die wirkliche Hoffnung, daß der Friede und die Sicherheit Europa» aus eine andere Grundlage gesteM werden könnten als auf di« militärisch« Vorherrschaft einer einzigen Macht oder auf ein allgemeines Wettrüsten. Politikus ist der An- sicht, es würde sich für England lohnen, Frankreich und Belgien ein Lorrecht an den Reparationen zu geben und die Neutralität der Rheinlande zu garanÄeren, wenn es im Auslausch möglich sein würde, eine dauernde Regelung sowohl der Reparationssrag« als auch der Abrüsiunosfrag« in Europa zustande zu bringen. Die Schwierigkeit von Cannes liege nicht bei den politischen Führern, sondern bei der öffentlichen Meinung. JltKt Kombinationen. Parts. 4. Januar.(WTD.) Nach dem„Matin" haben dl« ursprünglichen Pläne Lloyd Georges eine starke Einschränkung er- fahren durch die Tatsache, daß Amerika von Anfang an keine Neigung gezeigt hat, an den Projekten zur Wiederousrich- tung Europa» teilzunehmen. Das fei einer der Hauptgründe gewesen, weshalb Lloyd George bei seiner Zusammenkunft mit Briand seinen Plan zur Neuregelung der Reparationsfrag« zurückgehalten habe, denn die darin enthaltenen Konzessionen Englands feien un- durchführbar, solange nicht auch Amerika auf fein Guthaben gegen- über den Alliierten.verzichte. Au» diesem Grunde habe man an Stelle eines Moratorium» für mehrere Jahre, dag durch eine inter- nationale Anleih« ermöglicht werden sollte, nur ein T e i l m o r a- t o r i u m für die Dauer eines Jahres in» Auge gefaßt. Frank- reich solle dafür al» Kowpenfation JWO Millionen Goldmort erhalten, und zwar in der Weise, daß der ihm für die S a a r g r u b e n zur Last geschriebene Betrag annulliert werden solle. Belgien würde an Stelle der beträchtlichen' Beträge, auf die es im Jahre 192? Anspruch gehabt hätte, nur 2Sg Millionen erhalten, zu den ihm be- reit« von der ersten Milliarde'züHeteilten Söll Millionen. Da Bei- gien aber bereits 2S Milliarden� seinerseits feinen Geschädigten vor- geschosien habe, sei seine finonzielle Lage nicht minder prekär al» die Frankreich». Unter diesen-Umständen würde e» ebenso sehr den Grundsätzen einer verünftigtn Politik wie den Empfindungen der öffentlichen Meinung in Frankreich widersprechen, Belgien irgendwelche Opfer aufzwingen zu wollen, zu denen es nicht au» freien Stücken bereit fei. Die Durchführung üer Entwaffnung. Den PPN. geht von zuständiger Stell« folgend« Zusammen- stellunq der aus Grund de» Ultimatums und der Entwaffnungsnolen vom Mai 1921 von der Reichstreuhandgesellschaft zur Zerstörung übernommenen Bestände an Waffen, Munition und Kriegsgerät nach dem Stand« vom lö. November 1921 zu: MV Geschütz«, 646 Geschützrohre, 978 Lafetten, 2 465145 Stück Artilleriemunition und Minen, 2 922 197 Stück Zünder-Artillerie- munition, 5 969 661 Kilogramm Pulver und Sprengstoff, 1677 Minen- und Granatwerfer, darunter 554 Signalwerfer, 9992 Maschinenge« wehre, 415 612 Gewehre. Karabiner und Tankgewehre, 27 242 Re- volver und Pistolen, 246 482 blank« Waffen. 2 419 366 Gewehr-, Wurf« und Handgranaten, 2 849 269 Zünder für Handgranaten, 62 755 477 Stück Handwaffenmunition, 429 842 Kartuschen aller Art, 859 V65 Sprengladungen und Sprengpatronen, 18 285 Wagen aller Art. 1567 Feldküchen. Außerdem große Mengen cm sonstigem Kriegsgerät, wie Gs- fchütz-Erfotz- und-Zubehörteilen, optischen Geräten, Nachrichten- gerät, Brückengerät und Ponton», Gasschutzgerät, Werkzeugen aller Art, Feld- und Förderbahngerät, Geschirr- und Etallsachen, Wagen- Zubehörteilen, Textilien, Feldküchengeräten, Echiffszubehörteilen, ferner 129 Feldbacköfen, 214 Kraftwagen, 56 Kraftwagenonhänger, 18 Motorräder, 289 Fahrräder, 12 252 vrmeesättel, 2667 Rockfättel, 25Z1 Sielengeschirre, 599 999 Platzpatronen. Der Dollar fteiat weiter. Heute fand an der Berliner Börse ein offizieller Bertehr nur in Devisen und Noten statt. Die ausländischen Zah- lungsmittel zeigen weiter feste Tendenz. Der Dollar wurde um 1 Uhr mit 190— 191 gehandelt. An der Börse wurden die Meldungen der„Frankfurter Zeitung" über eine angeblich in London züstandegekommene Einigung viel erörtert, wonach Deutschland im Jahre 1922 nur 699 Millionen Goldmark in vier Raten zu zahlen habe. Man hält eine derartige Ab- machung für eine verhältnismäßig erträgliche Lösung. Ver ftanzöflfche.kommunismus" Ein charaktervoller Führer. Bor dem Beginn des Marfeillcr Parteitage» der fran- zösifchen Kommunisten hatten wir im„Vorwärts vom 27. De- amber die ganze französisch« KP. als eine einzige große Farce bezeichnet, da es in Frankreich wirkliche Kommu- nisten überhaupt nicht geh«, und erklärt, daß die Führer dieser Partei sich zumeist in materieller Abhängigkeit von Moskau befänden. Die„Rote Fahne", die sich sonst nicht genug über die„Pogromhetze" der nichtkoftimunistischen Ar- beiterpresse gegen die Anhänger der Dritten Internationale entrüsten kann, hat bis heute zu diesen immerhin nicht leichten Borwürfen nicht Stellung genommen, obwohl wir sie recht eindeutig dazu aufforderten und sie aus internationaler Soli» darität eigentlich verpflichtet wäre, ihre französischen Genossen vor solchen Angriffen in Schutz zu nehmen. Zur Entschuldi- gung der Redakteure des Zentralorgan» der deutsHen KP. sei allerding» zugegeben, daß sie in letzter Zeit die Hände voll zu tun hatten mit dem Lersuch, ihre eigenen Führer rein- zuwaschen. Indessen wollen wir, trotz diesem Stillschweigen, der deutschen Arbeiterklasse den Genuß einer besonderen Vorstellung einzelner prominenter Köpfe der französischen Kommunisten- Partei nicht vorenthalten und werden uns einstweilen mit der Schilderung des Werdeganges und de» Charakter» ihres be- kanntesten Führers, Marcel Cachin, begnügen: Der jetzige politische Leiter der„Humanitü" hat sein De- but in der Politik in seiner Heimatstadt Bordeaux als— überzeugter R o y a l i st gemacht. Bon dieser extremen Geg- nerschast zur Republik kam er jedoch bald ab. um sich als überzeugter Sozialist zu betätigen. Doch war ihm di« Iaurds- sche Richtung viel zu zahm und er schloß sich der radikaleren von Guesde geführten Gruppe an, die jedes Paktieren mit der bürgerlichen Linken, und sei es nur um die Republik vor den schlimmsten reaktionären Gefahren zu schützen, schroff ab- lehnte und sogar den Ausschluß von Iaur�« und feiner Freunde aus der Internationale auf dem Pariser internatio- nalen Kongreß im Jahre 1999 verlangt«. Nach der Eini- gung zwischn den beiden Gruppen, schwankt« er einige Jahre lang zwischen den verschiedenen Tendenzen, vor allem darauf bedacht, sobald wie möglich ein Deputiertenmandat zu er- haschen. Dies gelang ihm aber erst im April 1914. Bald danach bricht der Krieg aus, Iaurd» ist ermordet, eine glänzende Gelegenheit, endlich die ersehnte Führerrolle zu spielen. Da die Massen kriegsbegeistert sind, macht man in Kriegsbegeisterung mit. Und nun kennt Cachin keine Hem- mung mehr. Die sozialvatriotifch« Haltung der„Humanit6" wird oft auf das Konto Renaudel» gesetzt. In Wirklichkeit ist es Renaudel, der vom Leginn de» Kriege» an die patriotische Begeisterung Cachin» zu dämpfen bemüht ist. Im Frühjahr 1915 wird die Frage de» Eintritt» Italien» in den Krieg akut. Die italienischen Sozialisten widersetzen sich mit allen Kräften dem Lestreben, auch dos italienische Proletariat im- perialistischer Ziele wegen in da» Gemetzel zu treiben. In einer Froktionssitzung der französischen sozialistischen Deputier- ten wird darüber beraten, wie man sich zu dieser ablehnenden Haltung der italienischen Genossen verhalten solle. � Cachin ist Feuer und Flamme für den Eintritt Italiens in den Krieg. Er beantragt die Entsendung einer Delegation der Fraktion nach Rom. um auf die Italiener in diesem Sinne einzuwirken. Dieser Antrag wird u. a. auch von Renaudel be- kämpft, der zwar aus nationalen Gründen den Eintritt Italiens zugunsten des schwerbedrängten Frankreichs wünscht, es aber für unsozialistisch erklärt, daß von außen her ein der- artiger Druck auf eine ausländische Partei ausgeübt werde. Schließlich siegt der Standpunkt Renaudel», aber Cachin setzt es dennoch durch, daß ihm gestattet werde, inoffiziell nach Italien zu fahren, um dort für den Kriegseintritt Stimmung zu machen. Etwa zwei Jahr« später bricht die ruffiich« Revolution au». Groß« Bestürzung in Frankreich od der Möglichkeit eines russischen Separatfrieden». Den gilt es um jeden Prei» zu verhindern. Französisch« sozialistische Agitatoren werden nach Rußland schleunigst entsandt, um die neu« Regierung und das kriegsmüde, und nur deshalb woolutwnä?« Kanonenfutter aufzumuntern. Am eifrigsten betätigt sich natürlich— MarcelCachin. In Petersburg, in Reval und anderwärts hält er flammende Reden vor den Matrosen und Soldaten und fordert sie zum Durchhalten auf. Roch nach seiner Rück- kehr nach Frankreich über Stockholm, wo er eine Begegnung mit deutschen Sozialdemokraten natürlich ängstlich vermeidet, betätigt er Pch unentwegt für den Krieg bi, an, Ende. Aus dieser Zeit stammt folgende Anekdote, die in französischen politischen Kreisen kursiert und deren Richtigkeit uns verbürgt wurde: In einer Ministerratssitzung unter P o i n c a r 6 s Borsitz äußerten sich einzelne Kabinettsmitglieder, darunter der Munitionsminister Albert Thomas, in nicht allzu opti- mistisckem Sinne über die Fortsetzung des Krieges. Da wandte sich Poincarö vorwurfsvoll an Thomas mit den Worten: ,�Zch verstehe Öhre Bedenken nicht. Monsieur Tachin ist viel opti- mistischer als Sie. Ich lese stets mit größter Freude seine zuversichtlichen Aufsätze in der„HumanitöV Doch mit den Fortschritten der.Friedensströmung in Ruß- land änderte sich die Stimmung in der französischen Partei sehr schnell. Die für einen baldigen Frieden eintretende Min- derheit drohte zur Mehrheit zu werden und verlangte die Ad- setzung Renaudels al? Chefredakteur der„Humanitö".(Tachin, der schon lange die leitende Stellung im Zentralorgan er- strebte, benutzte die Gelegenheit, um rasch und rechtzeitig um- zulernen. Er verstand es auch, so geschickt bis zum darauf- folgenden Parteitag zu manövrieren, daß er dort an der Spitze der„Minderheit" seinen früheren„Bremser" stürzt« und an dessen Stelle gewählt wurde. Die„HumanitS" schlug daraufhin unter seiner Leitung etwas vorsichtigere Töne an. Innerlich blieb aber Cachin dem einzigen Gefühl treu, da» bei ihm ehrlich ist, nämlich seinem fanatischen Deut- s ch« n h a ß. So befand er sich nach dem siegreichen Waffen- stillstand mit an der Spitze der von Poincarö und Clemen- ceau geführten parlamentarischen Delegation, die am 20. No- vember 1918 dem Einzug der französischen Truppen in Ctraßburg beiwohnte. Cachin vergoß Tränen der Rüh- rung und erzählte jedem, der es hören wollte, dieser Tag sei der schön st e seines Lebens! Cachins Deutschenhaß bewährte sich auch in der Zeit der Pariser Friedenskonferenz und der Versailler Verhandlun- gen. Das Eintreten für Sowjet-Nußland war ihm ein will- kommener Porwand, den Blick d�r sozialistischen Massen von dem abzulenken, was sich gegen das deutsche Lolk vorbereitete. Außerdem war ihm die bolschewistische Propaganda ein vor- zügliches Mittel, um gegen die„sociaHstea da Kaiser", gegen die„Mörder des revolutionären deutschen Proletariats", gegen die„verkappte deutsche Revriblik" die schamloseste Lügen- agitation zu betreiben. Nach£. ekanntwerden der Oersailler Bedingungen begnügte sich Cachin mit lendenlahmen Pro- testen, begründete im übrigen seine Passivität mit der elenden Ausrede, die„Republik der Scheidemann und Noske" ver- diene gar nicht, daß man sich zu ihren Gunsten einsetze. Er konnte die Unterzeichnung durch Deutschland gar nicht erwar- ten. Die spätere„Protestaktion" gegen Versailles unter Cachins Leitung bestand vor allem in Vorwürfen gegen die„ungenü- gende Abrüstung" Deutschland» durch die Alliierten. Im übrigen galt die ganze Agitation der„chumanitck" Sowjet- Rußland und der maßlosen Beschimpfung des deutschen Volkes mit Ausnähme der äußersten Linken. Diese früher mit nationalistischen, setzt mit bolschewisti- schen Redensarten getriebene Hetze Cachins gegen die deutsche Sozialdemokratie beginnt ihre wohlverdienten Früchte zu tragen. Die reaktionäree Bourgeoisie schließt sich unter einer antibolschewistischen Wahlparole zusammen, die Partei er- leidet bei den Wahlen eine furchtbare Niederlage. Um so mehr sind die Parteimitglieder radikalisiert worden. Auf dem Straßburger Parteitag im Januar 1921 wird unter Cachins Führung(!) der Austritt aus der„sozialpatriotischen Zweiten Internationale" vollzogen. Doch wächst die Geschichte Cachin bald über den Kopf. Er wird mit Frossard nach Moskau zum zweiten Kongreß der Dritten Internationale gesandt, um über den Anschluß zu verhandeln. Dort behandeln ihn die Bolschewiki, seiner Rußland-Mifsion in der Kerensty-Zeit ein- gedenk, von oben herab. Er läßt sichwieeinSchulbube herunterputzen und winselt um Gnade, beteuert, daß er seine früheren Irrtümer erkannt und sich gebessert habe. Er schwört bereit» auf die 21 Punkte,«he sie bekanntgegeben Iind. Moskau aber ist mißtrauisch und verkündet, daß nur üejenigen zu Aemtern in der künftigen französischen Kam- muniltenpartei zugelassen werden, die sich noch vor dem Ende des Moskauer Kongresses auf den. Boden des Kommunismus gestellt haben. Da bekommen es die beiden Gesellen, Cachin und Frossard, mit der Angst um ihre Stellung zu wn und schicken an die„L)umanit4" aus Moskau ein Telegramm, wo- nach sie sich davon überzeugt hätten, daß der Anschluß an die Dritte n o t we n d i g sei. Es war die allerhöchst« Zeit, aber die Pfründen waren gerettet. Hriefkunst. von Alfred Hei». Wenn ich meinen Schreibtisch durchstöbere nnd die mit Jahres. zahlen versehenen Vriefdündel betrachte, so mache ich gleich die Ae» vbachtung, daß meine winzigen Päckchen t-ineswcgs zu vergleichen sind mit jenen dicken(nur mit starkem Frieoensbindfaden zusammen- haltbaren) Bündeln, wie sie im.Sekretair" meiner Großmutter etwa »och stapelweise zu finden waren. Wo» war aber auch in jenen Zeiten ein Brief! Welche An- «elegenheit seine Avfendung. welche. Fest seine Aatunftl Fast wie etwas Lebendiges, das ein« Seele besitzt, kommt es uns heute vor. Bei mildgoldenem Kerzenschein oder auch an einem sonnigen Fenster- platz, von dem man doch auf Gärten und gemütlich still» Strotzen binausschauen konnte, entstanden, bewirkt» schon die gemächliche Umwelt den weit ausholenden, in, kleinst« eingehenden Stil, der solch alten Briefen eigen ist. Und dann die Wochen, die so»in Brief von Köln oder Königsberg bis nach Verlin brauchte: wievielmal noch überschatteten die Gedanken de, Briefschreiber» den in der wackligen Postkutsche hin- und hergerumpelten Brief— und wenn er dann «ndiich in den Händen de» Einplänger» war, so trug da» sorgsam Jusammengefaltet« und gestegelt« Schreiben immer den ganzen jauch Lonauscher Postillonpoesi» in sich. Der Brief ober wurde stets das Ereignis de» Tages, denn wc.» kann e», da man sich selbst unter entfernten Freunden und Verwandten wohl oft nun einmal km Leben sah, wichtigere» geben al» diesen geistigen oder auch traumhaften Besuch einer geliehten Person in weiter Fernes Was für em arme, Geschlecht sind wir Jungen in dieser Hin- pcht geworden! Das Zeitalter des Drciminutengespräch», de» Tele. tramms und Schreibmaschinenbrief« zerstört alle, an dieser einstigen iriefpoesie. Man verlobt sich sogar schon per Telephon und schickt »ur Glückwunschtelegramme. Und dann die Schreibmaschine! Man müßte glauben, da sie viel schneller den Brief herstellt, so sei da» Zeitalter höchster Briefkullur herangebrochen. Doch der klappernd mechanisch entstehend« Duchstobe, uniform dreinschauend, ohne durch das Individuelle der Schrift da» Befühl einer ganz eigenen Herzen». angelegenheit hervorzuzaubern, kann nie«inen anderen al»«inen ge» fühlsarmen oder zum mindesten gefühlserzwungenen Brief zu Papier bringen. Vielleicht wird«In Anstel«« de» echten Briestchreiben» wieder bemerken sein, wenn die schon erfundene Verbindung von elephon und Schreibmaschine mehr Allgemeingut ge> worden ist. Wenn nämlich der Seelenkontatt durch den eigenen Ton der Straße wiederhergestellt sein wird, kann e, leicht s�in, dah noch schönere Driefstimm, ingen lebendig werden, als wenn die innerliche Verbindung durch die immerhin nur stumme Schrift entsteht. Für all die wenigen, die sich bisher noch eines wirklichen Briefe» befleißigten, tritt jetzt ein letzte Keime vernichtendes Hemmnis auf: die P o r t o e r h ö h u n g. Zu den ganz lebenswichtigen Dingen gehört ein Brief nicht: und wer weiß, wie weit die Zeit noch fern ist wo sich die Menschheit nur noch diesem»ganz Lebenswichtigen' wird widme» können. Und nun beginnt«in« Zeit der fieberhasten Kampagne für den Anschluß. Plötzlich sind auch die Unabhängigen, so» weit sie mit Crispien und Dittmann die 21 Bedingungen ab- gelehnt haben zu„Verrätern" geworden... In T o u r s wird die Spaltung vollzogen. Von diesem selben Tage an läßt Cachin in der„Humanit6" seine langjährigen Genossen, Longuet, Renaudel, Blum, Mistral usw., als ,Lerr" titu- lieren und als„Schieber",„Verräter" und dergleichen be- schimpfen. Er selbst dinierte noch im vergangenen Winter in Gesellschaft eine» weißgardistischen russischen Obersten und des Abg. General de Mand'huy, der kurz zuvor empfohlen hatte, bei dem geringsten Widerstand Deutschlands gegen das Versailler Diktat Frankfurt a. M. mit Bombenwürfen dem Erdboden gleichzumachen. ... So sieht der anerkannte Führer der französischen „Kommunisten" aus. Man glaube aber nicht, daß es sich dabei um eine üble Ausnahme handelt. Die m e i st e n Lei- tenden dieser Partei stehen auf der gleichen moralischen Stufe. Dies zu beweisen, sind wir jederzeit bereit. Wir wollen in- dessen abwarten, ob die„Rote Fahne" auch nur eine einzige der hier erwähnten Tatsachen zu bestreiten versuchen wird. Kautskp für Einigung. In der Wiener„Arbeiter-Zeitung" vom Z. Dezember veröffentlicht Karl K a u t s k y einen Artikel zum Leipziger Parteitag der Unabhängigen, der in gekürzter Faffung auch in der Neujahrsnummer der„Freiheit" abgedruckt war. Kautsky meint, niemand erwarte, daß in Leipzig ein külmer, entschlossener Schritt zur Anbalmung der organisatorischen Einigung mit der Ptehrbeitssozialdemokratie beschlossen werde. Für sich selber läßt er keinen Zweifel daran, daß er eine solche Einigung wünscht. Marx, so führt er aus, habe feine Anhänger stet» nur als „Teil der Arbeiterparteien aller Länder sehen wollen". Inner- halb großer zusammenfassender Organisationen sollten sie für ihre Auffassung kämpfen. Er sei ein Feind jeder Sektiererei gewesen, wie sie heute im Kommunismus ihre Auferstehung feiere. Der natürliche Zustand sei das Besichen einer ge- schlossenen sozialdemokratischen Massenpartei, die Anhänger und Gegner der Kvalitionspolitik in sich vereine. Kautsky fährt dann fori: „Ja sogar in der deutschen Unabhöngigen Sozial- demokratischen Partei(USP.) selbst finden wir Verfechter und Gegner der Koalitionspolitit inner- halb der gleichen Organisation. Sie unterscheidet sich in diesem Punkte von den Mchrheitssozialdemokraten, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands(SPD.) nur dadurch, daß die Gegner der Ksalitionspolitik hier die Mehrheit, dort die Minderheit bilden. Das Verlangen, über die Mehrheit zu verfügen, kann aber unmöglich eine Suche des Prinzips sein. Es geht doch nicht an, zu sagen: Ich habe nicht» dagegen, mit Verfechtern der Koalitionspolitik zusammenzu- arbeiten, wenn sie in der Minderheit sind. Aber ich lehne grundsätz- lich jede Mitarbeit mit ihnen dort ab, wo sie die Mehrheit bilden." Kautsky fordert also eine Zusammenfassung der Kräfte mit der Maßgabe, daß der jeweiligen Minderheit volle Frei- heit in der Propaganda ihrer Auffassung gewährt werde: »Der Kampf der beiden Richtungen soll und kann nicht aushören. Er soll nur aufhören, ein Kampf zweier ge- trennter Organisationen zu sein. Er soll ein Kampf zweier Aich- tungen Innerhalb der gleichen großen Organisation um die Ge- winnung der proletarischen Masse, um die Eroberung der Mehrheit In der Organisation sein." Wer die Masse des kämpfenden Proletariats für stch ge- Winnen wolle, der müsse vor allem ihre Zufammenfasiung in «ine große Kampfpartei anstreben. Das fei der Geist einer wahren Klassenpartei, der, wenn er in Leipzig dominiere, den Weg zur Einigung öffnen werde. Kautsky fügt warnend hinzu: „Vermag sich dieser Geist dort nicht Geltung zu verschaffen, dann droht der Unabhängigen Sozialdemokratie da» versinken in unfruchtbarcmSektierertuin. Dann liefe sie Gefahr, von Wenn e» nicht so eine Intime.� und schwer zu prüfende Sache wäre, könnt« eine Statistik über defn, Verfall des echten, de, seelen» vollen Triefe», der Lriefkunp7 wohl auch ein Schlaglicht auf die Mechanisierung unserer Zest-'ö tverfen. Teschäftsbries« und Schlebcrtelcgromme sind um, Tausindsache gestiegen. Vielleicht zeigt man aber bald in einem historischeynM�eum den„Letzten Brief, den irgendein völlig mit der Zcitlttu«inandergeratcne» Großmütter. chen on seinen Enkel, dem nur noch der schwankende Dollarkur» da» Herz schneller schlagen läßt, geschrieben hat; der Brief wird von der geschäftstüchtigen Mitwelt mit einem überlegenen, mitleidigen Lächeln betrachtet werden. Kepvbsikcmifcher Lehrerdund.„In klarer KrtenntM» der Ge- fahren, die der Republik von innen und außen drohen, und ang«< sicht» der Notwendigkeit, durch die Schulen ein neues, mit republi- tonischem Geist erfüllte» Geschlecht heranzubilden" haben sich in Freiburg I. Br. republitonilche Lehrer on Volk»», Mittel- und Hoch» schulen zu einem Bund zusammengeschzosien und fordern zur Grün« dunq von Ortsgruppen in ganz Deutschtand auf. Wir heben folgend» Sätze Ihre» Aufruf» hervor: Wir sehen in der demokratischen und sozial gerichteten Nepu- blik die einzige Staatssorm, die eines gebildeten und selbstbe- wußten Volke« würdig Ist. Sie ist zugleich die einzige, die nach dem Zusammenbruch de» asten System» unserem schwerbedrückten Vaterland den inneren Frieden zu wahren vermag und da, national« Sehnen nach Vereinigung aller deutscher Stämme im großdcutschen Nalionoistaat erfüllen kann. Wir wollen die heranwachiende Jugend zu sozialem Fühlen und Handeln, zu republikanischem verantwortlichkeitsgesühl und zu demokratischem Bürgerstolz erziehen, durch unser Beispiel nicht minder als durch unbedingte Wahrhaftigkeit der Darstellung auf allen Wisiensgebieten. Wir sind«ntschlosseg. jeder an der Sckule sich zeigenden, gegen die demokratische Republik gerichteten Propaganda entgegenzu- treten, komme sie von recht, oder von links. Luch werden wir Anfeinvunoen und Schädigungen, dl« Lehrern und Schülern au» ihrem Dekenntnisi» zur Republik«r- wachsen, gemeinsam abwehren. Parteioolitik liegt un» fern. In unseren Reihen ist jeder ohne Rücksicht auf die Partei willkommen, der sich rückhaltlos zur demokratischen Republik bekennt. Für da, private Leben seiner Mitglieder verlangt der Bund „ivahrlmst demokratische», für die Schüler beispielgebend» Handeln unter Nichtachtung oller Klassen- und Standesunterschiede".— Dem Bunde gehören bereits zahlreiche Lehrer an Volks-, Mittel- und Hochschulen cm. Zu seinen Gründern zählen u. a. die Freiburqer Universitätsprofesioren Dr. Kantorowicz, v. Schulze-Gaevernitz, Rost, Koenigsberger und Heiß.— Für Preußen ist außer den Orts- gruppen ein Landesverband im Werden, u.a. die Einrichtung einer Rechtsschutz stell« geplant gegen Uebergrlff«, denen Mitglieder von behördlichen oder anderen Faktoren ausgesetzt sind. Beitritt»- erklärungen sind zu richten an Studieurat Dr. Michaeli», Berlin NO. öS. Raabestr. 17. den proletarischen Masten al» Htndernl» der Einigung und Kräftizung des deutschen Proletariats zu erscheinen." Wir können Kautsky in vielem zustimmen, nicht in allem. insbesondere nicht in dem Gedanken, daß sich die USP. nach vollzogener Einigung als eine besondere Richtung in der Partei konstituieren soll. Die Richtungskömpfe waren der An- fang der unheilvollen Parteispaltung, ihr Wiederaufleben nach vollzogener Einigung würde diese selbst als problematisch er» scheinen lassen. Selbswerständlich soll jeder Parteigenosse seine Meinung auch im Gegensatz zur Mehrheit vertreten dürfen. Meinungs- Verschiedenheiten wird es immer geben, sie brauchen aber nicht in Form organisierter Richtungskämpse aus- getragen werden. Das ist nicht nur für die Einheit der Partei gefährlich, sondern auch unpraktisch und irreführend, da ja die Meinungen der einzelnen Parteigenossen in einzelnen Fragen viel häusiger wechseln, als sich Rcugruppierungen der„Rich- tungen" vollziehen können. Beispielsweise gibt es in der Sozialdemokratie keine Anhänger der Koalition unter allen Umständen(Beweis Aera Fehrenbach— Stegerwald). bei den Unabhängigen aber sehr wenig Gegner der Koalition unter allen Umständen(Beweis die Wiener Koalition und die Stellung der USP. zur Regierung Wirth). Käme es heute zur Einigung, so würden einige wenig« unserer Genossen in die Stellung einrücken, die heute die USP. einnimmt,«in großer Teil der Unabhängigen würde aber, von fraktioneller Bindung befreit, sich ohne weitere, mit der Politik der Sozilademokratie einverstanden erklären. Rur wenn seder Genosse in jede? Situation sich selber frei sein Urteil bildet, ohne auf eine Führergruppe zu blicken, die seine„Richtung" vertritt, ist die wirkliche Einigung voll- zogen._ Stufenweife abgesägt. Wie die„Rote Fahne' meldet, ist F r i e» l a n d(Reuter) jetzt auch aus dem Berliner Stadtparlament abberufen worden, da die Befürchtung bestehe,„daß er gegen seine eigen« Partei sprechen könnte". Offenbar hat Frieeland seiner Abberufung Widerstand entgegengesetzt, denn es wird weiter mitgeteilt, daß dir Rücktritt, erklärung. die bekanntlich jeder Kommunist noch vor seiner Wahl bei der Zentrale deponieren muß, von dem Berlin- Brandenburger Zentralvorst and an den Siadtver- ordnetenvorstehcr eingereicht und gleichzeitig Friesland hiervon be- nachrichtigt worden ist.— Wie schon in mehreren anderen Fällen entschieden worden ist. sind Rücktrittserklärungen. die ohne Zu- stimmung de« Rückttetcnden von dritter Seit« eingereicht werden, wirkungslos._ Roßbach berichtigt. Folgendes Schreiben wurde am heutigen Vormittag aus unserer Redaktion abgegeben: „Es ist unrichtig, daß die am 24. November 1921 aufgelöst« „Arbeitsgemeinschaft Roßbach' unter der Bezeichnung»Soldaten- treubnnd" weiterbesteht. Richtig ist, daß ein Toldatentreubund in der„Sturm. a b t e i l u n g Roßbach" bestanden hat, dessen letzte Reste im April 1921 ausgelöst wurden(was den Behörden bekannt ist). Eine Nachprüfung der weiteren Angaben Ihres Artikels ist da die Arbeitsgemeinschaft nicht mehr besteht— von hier aus un- möglich. Roßbach, Oberleutnant a. D. N.«chr. Abschrift(Durchschlag) diese, Briefe» ist dem Reich» Ministerium de, Innern zugegangen." Dieser Berichtigung gegenüber halten wir unsere De- hauptung voll ausrecht, daß die Auflösung der„Arbeits- gemeinschaft Roßbach" nur eine Scheinauflösung ge- wesen ist und dah diese nach wie vor in Schlesien ihr Un» mesen, namentlich die Terrorisierung linksstehender politi- scher Gegner, weiterbetreibt. Dieser Tatbestand ist von meh» reren Mitgliedern der jetzt noch bestehenden Vereinigung in Anwesenheit zuverlässiger Zeugen, die wir dem Reichsmini- sterium des Innern jederzeit namhaft machen können, zu Protokoll gegeben worden. Zola und der keusche hohenzollernpclnz. Eine sehr bezeichnend« Episode für die am Berliner Hos herrschende Sittlichkeitsatmosphär» entnehmen wir den Erinnerungen an Kaiser Friedrich, die die „Deutsche Revue" au, dem Nachlaß de- Kunsthistorikers Roberl Dohm« mitteilt. Im Frühjahr ISSö bat der damalige Kronprinz feinen Bibliothekar Dohm«, ihm die wichtigsten Werke der modernen französischen Literatur zusammenzustellen, um die Hauptlücken seiner Kenntnisse auszufüllen. Dabei bemerkte er:„A b« r d e n S ch m u tz lassen Sie von vornherein fort."„Ein noch so sum- marischer Ueberblick über diese Literatur ist aber heute ohne die Bezugnahme auf Zola nicht möglich," schreibt Dahme.„Ich sagt« ihm. ein Wert von ihm müsse er lesen: freilich tat ich es mit Herz» klopfen, denn ich mußte mir sagen, daß die Zolasche Welt ihm in vieler Hinsicht ein Entsetzen erregen würde. Ich betonte deshalb alle diese Bedenken, wie« daraus hin, daß keine Dame de« Hause» da. Buch sehen dürfe, und empfahl schließlich unter allen diesen Koutelen„L'oeuvre" von Zola. Der Prinz meinte, er werde da» Buch einschließen. Schließlich be- kam ich doch Sorge, ob ich dem ideal angelegten Mann diese Zerr- bilder. die sich als Raturalirmus gerieren, in die Hand geben dürfe, ohne daß er eine innere Einbuße erleide. Ich fragte deshalb Decken- dorff um Rat, der abmahnte. So sagte ich dem Prinzen am an. deren Tage, aus welchen Gründen ich wünschte, er läse Zola nicht. Er war groß genug, mir einfach zuzustimmen und hat das Buch nicht gelesen." Der Prinz, der durch die Lektüre Zola, eine Einbuße an seiner Keuschheit befürchtete, stand damals in dem zarten Alter von SS Iahren. Der deuische Luftverkehr 1921. Zwar mußten End« Oktober 1921 die regelmäßigen Postslüge bei uns wegen res Bauoerbots der Entente eingestellt werden: aber trotzdem ist Deutschland im Lauf» de» vergangenen Jahres nicht ganz ohne Leistungen in der Luft oewesen. Wie in„Werft und Reederei" mitgeteilt wird, unterhielt die Deutsche Luftreederei regelmäßige Lustpostvcrbindungen Berlin— Dresden, Berlin— Dortmund, Hamburg— Westerland, Berlin— Swinemünd«. in Betriebsaemein�chast mit der holländi'chen Luftfahrtgesellschaft Homburg— Rotterdam und mit der Danziger Luftreederei Danzig— Memel— Riga. Ferner wurden zur Zeit der Messen die Strecken Berlin— Leipzig, Berlin— Drc-iau und Ham- bürg— Lübeck geflogen. Insgesamt wurden von der Deutschen Luft» reederei im Luftpostdienst etwa JOCO Flüae euscefübri und 600 0C0 Kilometer zurückgeiegt, 2000 Passagiere und 19 000 Kilogramm Post befördert. Da» gesamt« Material wird sitzt in der Winterzelt sorg- fältig überprüft und Instandaesetzt, um bei der Wiederaufnahme de» Luftverkehr» im März 1922 die Sicherheit de» Betriebe» zu ge- wöhrleisten. VolksbüVne V. V. Sannavenb, den 7., abends TV, Uhr. llell im RatbauSlaal Marzarete Melbach Dichtungen von Ada Negrt und Madelaine Marx. Stnlah t.SO R. Volksbühne(Theater am Vülowvlatz). yn«bänderuna de» Tplelblane» wird am S. nicht.Kopttin Bratzboundt Bekehrung-, sondern .König Lear- gegeben. Der Januskopf. Unter der Ueberfchrift„Ianus mit dem doppelten Gesicht"' (Janus met het dubbele voorhoofd) schreibt die Brüsseler „V o l k s g a z e t": Der militärische Sieg brachte die illliierten in die Lage. ledem der feindlichen Länder den Frieden zu diktieren. Bei diesen Friedensschlüssen sind die Alliierte� von dem Standpunkt ausgegangen, daß jeder derselben genau nach dem (Seist und nach dem Buchstaben befolgt und durchgeführt wer- den solle. Betrachten wir nun zunächst den mit der Türkei abgeschlossenen Friedensvertrag, den sogenannten Vertrag von Stores. Was hat Frankreich mit diesem Vertrage getan? Die französische Regierung hat ihn ganz einfach beiseite geschoben und auf eigene Hand, ohne jemandes Hilfe oder Mitwisscn einen Sonderfrieden mit der Türkei unterzeichnet. Das Friedensdokument von Stores aber ruht irgendwo in den Archiven des französischen Aus- wärtigen Amtes und hat jede Bedeutung verloren. Die französische Geheimdiplomatie hat also ein rein imverialisti» sches Friedensdokument der Gel?eimdiplomatie der Alliierte durch einen ebenso rein imperialistischen anderen Friedensakt erseht und so den Standpunkt der unbedingten und genauen Ausführung und Befolgung der Friedensoerträg« preisge- geben. Betrachtet man nun andererseits den Deutschland auferlegten Friedensvertrag, den Vertrag von Ver- f a i l l e s, so ersieht man aus feinen politischen, finanziellen und militärischen Folgen, vor allem ober aus dem Wirtschaft- licben Zustande der Welt(Weltkrisen und Arbeitslosigkeit«, dasi dieser Bertrag von Versailles den Bedürfnissen und Interessen aller Böller widerspricht. Um nur eines der Probleme zu berühren, die diese? Friedensvertrag geschahen hat, die Frage der Kriegsschüden, so hat die Politik der Alliierten in dieser Hinsicht die Folge gehabt, daß die deutsche Markwährung zusammen- brach, und daß dadurch die Kaufkraft des Volkes vermindert und sein Leben verteuert worden ist. Das deutsche Volt, be» sonders die Arbeiterklasie wird in einen unhaltbaren, uner- träglichen und hoffnungslosen Zustand gebracht, aus dem Verzweiflung, Unruhe. Plünderungen, Zusammenstöße und Aufruhr kommen müssen. Andererseits aber hat diese Wert- Verminderung der deutschen Mark noch eine andere Folge gehabt. Der Kurs des belgischen und französischen Frank. des englischen Pfund und des amerikanischen Dollar steht höher als der der deutschen Mark: die in Deutschland he'- gestellten Güter sind billiger als die in anderen Ländern fabri'ierten. Die kapitalistischen Chauvinisten in den alliier- ten Ländern kaufen, statt im eigenen Lande fabrizieren zu lassen, deutsche Fabrikate an, um sie mit hohem Gewinn im eigenen Lande zu verkaufen. Die Folge ist, daß die alliierten Länder durch die Krisis mitgetroffen werden und daß ihv Arbeitermaffen der Arbeitslosigkeit anheimfallen, während in Deutschland keine Arbeitslosigkeit existiert, ja sogar zu wenig Arbeitskräfte aufzutreiben sind. Dieser Zustand ist dem Friedensvertag von Versailles und damit der Politik der Alliierten gegenüber Deutschland zu verdanken. Dieser Friedensvertrag und diese Politik lastet bei Schluß der Rechnung auf allen Völkern, den Alliier- ten, wie den Deutschen. Es ist leicht gesagt: Deutschland muß alles bezahlen. Wenn aber durch diese Politik des„alles Bezahlen" alle Völker wirtschaftlich zugrunde gehen, wie sich das jetzt schon klar voraussehen läßt, dann sollte doch untersucht werden, ob dieser katastrophalen Politik weiter gefolgt werden kann und darf. Beweist nicht alles, daß der Vertrag von Versgilles im Interesse aller Völker revidiert werden»muß? Niemand wagt es, das zu bestreiten mit Ausnabme der regierenden Klasse in Frankreich. Paris bleibt unerschütterlich stehen auf dem Standpunkt der inte- gralen Ausführung des Friedensvertages. Was kümmert's die französischen Kapitalisten, daß die Arbeiter in den alliierten Ländern Hunger leiden infolge der Weltkrisis, wenn sie nur reichen Gewinn aus Deutschland holen können. Das Werk des mitteleuropäischen Militarismus war der Weltkrieg und durch ihn der Tod. Das Werk des französischen Militarismus ist die Weltkrisis und durch die Krise der Hunger.* Die französischen Machtbaber gleichen dem alten Janus mit seinem doppelten Angesicht: der Friedensvertrag von Sdvres mußte beiseite geschafft werden, weil die Macht- Interessen dieser Machtbaber es so wollen: der Friedens- vertrag von Versailles muß in feinem Wortlaut und in seiner Auslegung durchgeführt werden, weil die gleichen Machtinter- essen derselben Machthaber es wiederum so verlangen. Republltanisres ständig gebessert hatte, so daß e» möglich war, unter Beibehaltung des I-Mark-Torifcs ab 1. Sep'ember erhöhte Löhn« zu zahlen und doch bis End« Oktober einen Reingewinn von über 18 Millionen Mark zu erzielen. Dann ttat die unerwartete Entwertung des Geldes«in, wodurch ein« Materialpreissteigerung von durchschnittlich 160 Proz. und ein« Strompreis st elgerung von 100 Proz. eintrat. Bezüglich der Löhne führt« Dr. Adler au», daß der Schlichtungsausschutz wesentlich höhere Zugeständnisse gemacht hatte wie der Magistrat und daß dann die StMoerordneten- Versammlung noch darüber hinaus«in« Wirlschaitsbeihilfe gewährt«, die die Straßenbahn mit 4Va Millionen Mark mehr belastete. Dieser Vorgang führte dann unmittelbar zum Hochbabnerstreik, da die Hoch- bohnverwaltung nicht mitmachen wollt«. Di« Mehreinnahmen durch den 2- M a r k- T a r i f bei der Straßenbahn reichen noch nicht aus, um die Mehrausaab«n von etwa 70 Millionen Mark an Löhnen zu decken. Der Derkehrsdezcrnent schilderte weiter die Lage der übrigen verkehrsunternchmung««. die auch gemein- sam mit der Straßenbahn ihr« Fahrpreil« erh ölten werden. Er aing auf die Auseinandersetzung mit der A E G.» S ch n« l l b o h n- A.-G.«in bezüglich Fortsetzung des Baues der Bahn, ferner auf die Verhandlungen mit der Hochbabngesclllchast bezüglich Heber- nehme de» Betriebe» der Rord-Süd-Bahn. « von selten ehtet bürgerlichen Korrespondenz wird über die Sitzung der Verkehrsdevutation ergänzend mitgeteilt: Vi« vom Der- kehrsamt vorgelegte Uebersicht über die Bettiebsergebnisse der Straßenbahn wurde von verschiedenen Seiten bemängelt. Da von dem.Reingewinn" 10,5 Millionen auf Erneuerungsrücklage und 7,S Millionen als Abschlag auf die End« des Rechnungsjahres zu zahlend« Kämngtreiabgabe noch zu zahlen sind, wurde heroorgc- hoben, daß es sich blerbel um keinen eigentlichen Rein- aewinn im kaufmännischen Sinn«, sondern um einen Betriebsrohüberschuß handle. Es sei andererseits auf die Dauer ganz unmöglich, die Erneuerung»- und Usb erhol ungskosten aus den laufenden Einnahmen zu decken. Es stell« sich immer mehr die Notwendigkeit heraus, dem Straßenbahnunternehmen eine an» der« Betriebsform, etwa die einer städtischen Aktienge» s« l l s ch a f t zu geben, i'mjhm neues Kapital zuzuführen. Hierfür lag ein vor'chlag der DirckÄn vor: auch der Mogistrat hat stch schon, wie Etadtbaurot Dr. Adler mitteilte, mit dieser Frage beschäftigt, ebne zu einem B-:'chluß gekommen zu sein, von sozial! st ischer Seite wurde gegen diese Vorschläge Stellung ge- n o m m e n und weiter erklärt, daß man nicht gewillt sei, bei den schw-benden Verhandlungen über den städtischen M a n t e l t a r i f die bisherigen Sondervorteik« der Straßenbahner irgendwie aufzu- «eben.___ Zur Messerstecherei am Ktrrfiirstendamm. Di« weiteren polizeilichen Ermittelungen erwecken den Anschein, als babe man es in der Person des Beetz mit einem zeit- wellig an Verfolgungswahn leidenden Menschen zu tun. Beetz gab bei seiner Vernehmung unter anderem an, daß er an dem bcttcffendcn Tage gegen Uhr nachmittag» mit einer Straßenbahn der Linie U oder? von Spandau abge- fahren und am Dohnhof Zoo ausgestiegen sei. Während der Fahrt habe er das Gefühl gehabt, daß er verfolat werde und darauf lose in der Tasche zusammengeknittertes Papiergeld im Betrage von 5000 M. im Straßenbahnwagen weggeworfen. Der betreffende Schaffner, der den Dorfall— falls er überhaupt auf Wahrheit beruht— bemerkt haben müßte, wird aebeten, sich per- sönlich oder telcphonisch beim Kriminalkommissar Dr. G o e t s ch im Polizeiamt Tiergarten zu melden, ebenso Bewohner des Eden- Hotels, Besucher des Marmorsaales und Vassanten in der Nähe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. die den Mann gesehen oder an ihm ein auffälliges Benehmen bemerkt haben. Diesbezügliche telcphonisch« Meldungen werden vormittag» unter Amt Moabit 1414, nachmittag» unter Amt Oberschönewcide 1009 entgegengenommen. Die KVG. macht Fortschritte. Die KkeidervertriebSgesellschoft m. b. H.(KVG), Kommandanten» ktraße 80 81, deren Anteile sich i n st S d t i s ch e m v e s i tz be- finden, hat unter der neuen Leiliing»inen sichtbaren Auf- schwung gencmmen und die Unuätze sind namentlich in letzter Zeit oanz bedeutend gestiegen. Geldgeber der KVA. ist der Magistrat. AlS G m.b.H. wird sie von zwei Geschäsl»- fübrrrn geleitet. Der AussichtSrat besteht aus 5 Mitgliedern lSiadt- verordneten und MogistrotZmitgliedern) rinier Vorsitz eine« Stadtrats. Vor wenigen Tagen wurde die neue Filiale Wilmer«- d o r f eröffnet, die in der Turn balle der Schule Gieselersiraße untergebracht ist. Im ganzen besitzt die KVG. innerhalb verlin» sechs Berkaussstellen. Es bietet sich somit der minder bemittellen Bevölkerung eine günstige Gelegeuheii zu wohlfeilem Eiukaus. Der lebbaste sich stetig steigernde Zuspruch beweist die veliebtheit dieser Einrichtung. Erwerbslose mit möblierten Wohnungen. Bei der Bewilligung der Erwerbslosenunierstützung spielt der Umstand eine große Rolle, ob der Erwerbslose einen eigenen Haus» stand hat. Wie der Reichsarbcitsminister hierzu erklärt, ist der Be- sitz einer eigenen Wohnungseinrichtung nicht un- bedingte» Erfordernis für die Führung eines eigenen Hausstandes. Bei der gegenwärtigen Wohnungsknapphcit und den hohen Anschafsungsbosien für Möbel sind heutzutage viele Familien gezwungen, möblierte Wohnungen zu mieten. Wenn die Familie in der möblierten Wohnung selbständig wirtschaftet, so besteht kein Anlaß, sie hinsichtlich der Unterstützungsbcrcchtigung anders zu behandeln als Personen, die eigene Möbel besitzen oder solche, die Möbel aus Abzahlung genommen haben. Kartoffelrichtprekse. Dt« vom Ernährungsmin-sterium für die Provinz Brandenburg eingesetzte Kommission, bestehend aus Landwirten, Händlern und Verbrauchern, hat als Erzeugerpreis für Kartoffeln SS Mark für den Zentner festgesetzt. Die gleichartig zu- sammengesetzten Kommissionrn für die anderen Provinzen haben zum Teil schon, etwas früher derartige Richtpreise festgesetzt. Leider kommt diese Prcisfes.setzung fast schon zu spär und es war nicht mehr möglich, den Preis niedriger zu halten, nachdem die Börsen- Notierungen immer mehr in die Höhe gegangen gid. Für Berlin betrug der letzte Preis schon etwa 95 Mk. Diese örsennotierungen müssen nua natürlich in Zu- fünft unterbleiben, denn die von den Kommissionen festge- setzten Preise sind Richtpreise im Sinn« der Preistreibercioerord- nung. Auch mutz der Ansicht, daß e, sich hier nur um sogenannte Angemessenheitsprelse handelt, die beliebig überschritten werden könnten, durchaus entgegengetreten werden. Ein Unterschied zwischen sognenannten Angemessenheit?, und Richtpreisen ist nicht haltbar. lvriefkontrolle im besetzten Gebiet. Die Interalliierte Rheinland-Kommission in Eoblenz hat sich Im Artikel 11 ihrer auf Grund des Abkommen» über die militärische Be» setzung der Rheinlande erlassenen Verordnung Nr. 3 vom 10. Januar 1920 da» Recht zugesprochen, icderzeit die Slushändigung von Briefen und Postsendungen von den deutschen Behörden fordern zu können. Die Interalliierte Kommission kann sonach die Uebcrwachung de» Postverkehrs jederzeit und an jedem beliebigen Orte des besetzten rheinischen Gebiets ohne weiteres ausüben lassen. Sie verfährt auch dementsprechend und richtet auf bestimmte oder auf unbe- stimmte Zeit bald in diesem, bald in jenem Orte de» besetzten Gebiet» Po st Überwachung» st ellen ein. Da die Anordnun- gen über Ort und Zeit derartiger Postüberwachungen gänzlich von dem jeweiligen Belieben der obersten Besatzungsbehörde abhängen, lassen sich nähere Angaben darüber nicht machen. Es ist aber drin- gend erwünscht, daß die Absender von Briefen usw. nach Orten in den besetzten rheinischen Gebieten sich dieser Sachlage immer bewußt bleiben und in ihren Mitteilungen alles vermeiden, was im Falle einer Durchsicht ihrer Sendungen ihnen selbst und insbesondere auch den Empfängern zum Nachteil gereichen könnte._ Die Drahlstörungen noch nicht beHobe«. Der Stand der Störun- gen in den von Berlin ausgehenden Fernsprech- und Telegraphen- leitungen ist auch heute noch nahezu unverändert. Ohne Fahrschein— 8 IN. Strafe. Die Berliner Straßen- bahn hat den Strasbetrag, den ein Fahrgast verwirkt hat, der trotz der Umfrage des Schaffne» nach abgefertigten Personen ohne Fahr- schein betroffen wird, vom 1. Januar 1922 ab von 3 M. auf 5 M. erhöht. 100 Mark Porto befanden sich auf einem ein�schriebenen Ell- brief, den einer unserer Leser aus Pokcn erhielt. Er bemerkt zu dieser Mitteilung, daß er sie nicht etwa mache, um Herrn Eiesberts Gesundheitszustand zu verschlechtern und Ihn vor Neid bloß werden zu lassen. Ausverkauf der Berliner hourgrundstücke. Wie der Direktor des Schönebcrger Statistischen Amtes, Dr. K u c z y n s k i, im Visrteljahrsheft„Deutscke Städte" berichtet, sind In der Zeit vom 1. Oktober 1918 bis 31. März 1921 in Berlin-Schöneberg 535 Haus- grundstücke verkauft worden, von denen nicht weniger als 172 an Ausländer, und zwar 134 an natürliche Personen und 38 an Gesellschaften m. b. H. übergegangen sind. In München liegen die Verhältnisse noch schlimmer. Nach einer Mit- teilung des banrrischen Hausbesitzerführers Humar in der Sozia- lisierungskommission sind von den sämtlichen ca. 15 000 Mün- chener Häusern in den letzten Jahren«nnähernd 2000 an Aus- länder verkauft worden. Skeuerpflichl von selbst hergestelltem Wein und Schaumwein. In einer Mitteilung des Hauptzollamt» für Derbrauchssteuern Berlin- Süd wird darauf hingewiesen, daß der zum verbrauch im eigenen Haushalte selbst hergestellte Mein der Weinsteuer unterliegt, wenn er in verschlossenen Flaschen dem Berbrauche zugeführt wird, und daß Schaumwein stets zu versteuern ist, sobald er auf die Flaschen abgefüllt und diese verkorkt sind. Die städtische Slerbekasse hat in der diesjährigen Generalver- sammlung neben anderen Satzungsänderungen auch eine E r- höhung des jährlichen Beitroges auf 30 M. beschlossen; der Magistrat hat hierzu in der Sitzung am 10. August 1921 seine Gcneymigung erteilt. Da der Betrog im voraus fällig ist, müssen 80 M. bereit» im Januar 1922 gezahlt werden. Unstimmigkeiten bei der Polsdamer Volksbühne. Schwere öffentliche Anklagen werden gegen den Vorstand der Potsdamer Volksbühne erhoben. Hauptsächlich richten sich die Angriffe gegen die Verschwendung von Mitgliedsgeldern. Maskenbälle sind von den Geldern veranstaltet und kostspielige Geschäftsräume für den Borstand gemietet worden. Der Kassenwart hat es für seine Pflicht gehalten, mit der Begründung sein Amt niederzulegen, daß er zu einer derartigen Mißwirtschaft nicht mehr seinen Namen her» geben könne. Zugzusammenstoß bei Siegen. Gestern gegen 3 Uhr 20 Minuten nachmittags fuhr auf Bahnhof Altenhundem der van Meschede kommende Personenzug 1360 bei der Einfahrt in Gleis I mit eincr im gleichen Gleis« in entgegengesetzter Richtung fahrenden Nanglerlokomotiv« zusammen. 9 Reisende wiKden leichtverletzt, die sämtlich ihre Reise fortsetzen konnten. Der Sachschaden ist ziemlich erheblich. Der Betrieb wurde nicht gestört._ Wetter für morgen. Berlin und Nmgegetid. Ein«venia kälter,»eitwelle austlarcnd, ad« «och überwieacnd bewölkt, mit«eriiigen Niederschlägen und jrijchen, nord- westlichen Winden. Hrosi-öerlkne? partesnackrichtea. Alorgcn, Donnerstag, den 5. Januar: es. eldteibnrg. 7 Übe Funkt ioniirlixuna mit Lelricde» und Bramtenvertran»«. leulm in der Schule Schönhauser Wee 1S&L • 58.«St.«b«rIottcnSBt(j- Sie EinSscherung unserer„erstorbenen Genosse» «ei Inf! und Arewke findet im Jttcuiotorimn Serichtitrage statt, und aumt von Beiwg Donnerataa, den 5. Jan,l2 Uhr, von Bremke Freitag, den 6. Jan,'/,2 Uhr. Treffpunkt der Denollinn« und Eeiuffe» fttemalortum. Un»ahlreich, StitUlaiwfl wird gedete». OeweMhastsbewegung Di? Sewegung in öer MetaUinöustrie. In der gestrigen Versammlung der Funktionäre der Berliner .Metallindustrie, über die wir im Morgcnblatt bereits kurz be- richteten, gab U r i ch den Bericht von den Verhandlungen über die für Januar beantragten Lohnerhöhungen. In der Sitzung am 29. Dezember teilte Oppenheimer mit, daß die fjauplveriamm- lung des Unternehmerverbande» es abgelehnt habe, für den Januar eine Lohnerhöhung zuzugestehen. Herr Kühnemann er- klärte, die Arbeitgeber hätten sich mit der Frage beschäftigt, ob sie nicht einen Lohnabbau vornehmen sollten. Nach Oppenheimer ist diese Frage.nur nebenbei behandelt" worden. Man denke noch nicht daran. Die Unternehmer seien bereit, die Lohnsätze für den Dezember auch für den Janum gelten zu lassen, mit der Maßgabe, daß das Lohnabkommen als zum 1. Februar gekündigt gelten solle. Ein anderes Resultat kam bei der weiteren Aussprache nicht heraus. U r i ch schlägt vor, dies negative Unternehmerangebot abzulehnen und da- Neichsarbeitsministerium anzurufen. In der lebhaften Aussprache legt« F r o m t e die schlecht« Lage der Transportarbeiter in der Metallindustrie dar. um nachzuweisen, wie notwendig eine Lohnerhöhung sei. Verschiedene Redner sprachen dafür, daß die M i n d e r bezahlung der ungelernten Arbeiter auf- hören müsse. Gegen zwei Stimmen wurde beschlossen, den Vorschlag der Unternehmer abzulehnen und das Reichsarbeitsministerium zweck» Bildung eines Schiedsgerichts anzurufen, da» die strittigen Fragen erledigen soll. Ferner wurde ein« Verhandlungsrom- Mission gewählt, die aus sich heraus Beisitzer zum Schiedsgericht zu wählen hat. Bevollmächtigter Z i s k a vom Metallarbeiterverbond teilte dann mit: Das Metallkartell hat nur die Eingruppierung de» Tarif» mit dem DBMJ. gekündigt. Der Beschluß der Generalversammlung de» Metallarbeiterverbonde»(Ortsverwaltung Berlin), da» ganze Rahmenabkommen zu kündigen, war nicht durchführbar, weil darüber— wie auch Einsprüche au» d»n Betrieben betonten— nur die Funktionäre au» den dem BBMJ. angeschlossenen Betrieben ent- scheiden können. Diese können zum nächsten Kündigungstermin darüber entscheiden. Nach lebhafter Aussprache darüber beschloß die Versammlung gegen einzelne Stimmen:„Ueber Kündigung des Tarif» mit dem BBMJ. können nur die Funktionäre beschließen, Zur Mngeftelltenverficherungswahl. Funktionäre und Vekriebsvertrauensleuke des Zentral- Verbandes der Angestellten! Sofort Propagandamakerial zur Angestelltenverficherungswahl abholen! Ausgabe erfolgt täglich im Drlsfeureau: Belle-Aviance-Str. 7/10 und Zweig- bureau: Kommandantenstr. SZ/ö4. Ferner ist in den Sophien-Sälen Sophienstr. 17/18(weiter Saal) ab ö Uhr abend» eine Ausgabestelle für wahlmoterial eingerichtet. Zentralverband der Ange'kellken, Ortsgruppe Grofz-Berliit. die in den Betrieben beschäftigt sind, die dem VVMJ. angeschlossen sind und Organisationen angehören, die zum Metallkartell gehören." Dann erteilte die Versammlung noch ihre Zustimmung dazu, daß das Metallkartell nur die Eingruppierung de, Tarifoertrages und nicht da» ganze Rahmenabkommen gekündigt hat. Polonifiermig der Gewerkschaften OberschlestenS. Warschau, Z. Januar.(Intel.) Die Zentralkommissson der pol» nischen Gewerkschaften hat sich mit einem Schreiben an da» Sekreta» riat de» Internationalen Gewerkschaftsbunde» in Amsterdam ge- wandt, in dem die Angliederung der Deutschen Gewerkschaften Pol- nisch-Oberschlesien» an die polnische Gewerkschostezentrale gefordert wird. Die Angliederung der 50 000 gewerkschaftlich organisierten deutschen Arbeiter sei notwendige damit in Polnlsch-Vbtrschleslen eine starke und einheitliche sozialistische Gewerkschaftsorganisotion dem Polnisch-nationalen Gewerkschaftsverband ein entsprechende» Gegengewicht entgegensetzen könne.— Die polnische Gewerkschaftsorganisation beschwert sich ferner darüber, daß in Teschen-Schlesien und in Posen seitens der deutschen Gewerkschaften eine Austritts- Propaganda unter den an die polnische Gewerkschaftszentrale an- geschlossenen deutschen Gewerkschaften betrieben würde, um diese unter den Einfluß des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes zu bringen. Uns scheint der Weg nach Berlin näher al« der nach Amsterdam._ SPV.-Vuckchinder-Ber�ammlung sämtlicher vertrauen spersonen, Betriebsröte und Delegierten zur Generalversammlung am Donnerstag abend S Uhr im Graphischen Vereinshau» bei Henning. Alerandrinenströß«. Tagesordnung: Stellungnahme zur General- Versammlung. Die Neuwahlen der B-anchenleitungen, der Ortsverwaltung und der Angestellten. Mit Rücksicht auf die äußerst wichtig« Tagesordnung bitten wir um vollzähliges Erscheinen. _ Der Aktionsausschuß. Die»lNi»n«-usschuiIitzung finde« nicht heule, sonder» morgen in demieidm LvlaI fiolt. Diiod der technischen Angestellten und Beennten, Orieg nippe Tharlottenimrg l Mltgliederversammiung Donnerotag 8 Uhr. itugusta-itasino, staiserin-Auguila-Allee 36, Deutscher»errmetster-Derbaud, Berlin XI. Freitag 7 Uhr Seneralversamt»- lung im Bereinslolal, Frankfurter Allee 318. Mus aller Welt. Die?Neldi>»gen über eine wiederoerheiratung Wilhelms werde« durch seinen Generalbevollmächtigten Geheimrat v. Berg d e m e n» tiert. Berantw. slir den redakt. keil: Franz Zllih». BerIin»LichIerfeldcz für Anzeigen: Th. Stocke, Berlin. Berlag Borwärts-Berlag G. rn. b. 6., Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckerei u. Berlagoanltalt Paul Singer u. S.o., Berlin, tinbrnflc. 8, Zreigewerksthastliches Zigarettenkartell. Sckmiliche Fnnktionfire und Beirteborit«»er- sammeln sich vonnerzlsg.ilen 5.lZtiiiZM?z?.zbei>ck5 7lll)i' Musiker Bereinshau», ttaiser-Wilhelm-Strafie 81, Kachieitosaal. Tagesordnung: Die Aniwort der Unternehmer auf unsere Forderungen. Zahlreiche« Sricheinen undedingt noiwendig. Der jtartellporstaud und Beirat trifft sich dereil» um t'/, Uhr tm leiben Lolal zu einer Borbes?rechiir.g. __ Orr Aariellvorstanv. Deutscher öauarbeiter- verbanS Bezirkoverein Berlin. 2**™! Sauöelegierte.�™ Arn Donnerstag, den 5. Januar 11)22.»achmittaa» 4 Vi Uhr. findet Im Dewertschaftsaan», En d- user 24 25, Saal I, eine Dauüelegierten-Versammlung aller l» Arbeit stehenden Gruppen und Branche» siata Die Anwesenheil aller Bmidelegicrtcn ist im stn'eresse der Lohndcwegung notwendig. 140/1 Vir Vezlrksvaralnoletwng. loileife- u. Wasdiselien Koppftjoseptt, Berlin W 59, Potsdamer Sir. 122 rnfetotc— � !>m Vorwärts sichern Erfolg! Erslkl.\usIOhr,5J.Oara«iie. M. Umarbeite a t Gebisse Renn parat. sof Goldkronen, Brück Teil'ahl-,.9— 7 Sonntags 9-1. nahe Schönhauser Tor. _______ i pi i'oni*. y/. flöffipMÄ Unienstr. 220 Metallbetten Siahlmalrah. Kinderbett. olr.anPrio.Kala! 30Mt. Gtienmöbels.SuI'lcTd.)? Alte Hüte Umpressen undModerni» sieren von Damen» und Herrn Hilten. Vorzllgl. und dillige AusiUhrung. pÄ Herrn. Fuelis Berlin O 112. Arnntsnrter Allee 297 Möbel . niedrigtten Pretlen direti a n P r i p a> e Ttiesenanswahi. Schtai?.t»8S-t«?i!S» Speisez. 1710-18670. Serrenz.! 75,3-1784/. Wohn,. h7S 68SU. Buchen 448-288.7.. 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