Nr. 30»aQ.fofogang Ausgabe& Nr. 15 Bezugspreis« Bi»te!!Ührt.6U,— M.. mona'I.W�-M tni in« hau« voraus zahidar Post» bojug: Monatlich M.-- M. einschl. gu» stillungsgebukir. UalerAreuzdand>Iir �culschland. Dan�ig, das Saar- und Nlcnrelaeluel. sowie die ehemals beut- lchen(Seliitte Polens, Oesrcrrelch jluqarn und Lu�emdura dt,— M., fllc da« üdriqe Ausland 12— M. Polldestellungen nehmen an Oesterreich. Ungarn, Tsäiemo» Eloroakeh Däne- wart, Holland, Luxemburg, Schweden und die Schweig. Der.Pormarl»- mit der Sonntag»- beilage.Poll und Zeit-, der Unter- daltungsbeilag».Heimwe't- und der Beilage„Siedlung und Ztleingarren- «tjcheint wochentäglich zweimal, Sonntag» und Montag» einmal. Te!effram»-Adreff»! «Sozialoiwatrat varv»" Abend-Ansgabe c OredK»»«Hk» 40 •Mswarts 80 Pfennig D Oerlinev VolKsblatt Auzeigruprei«, Die zehngespaltene Nonpareillezeile lostet 9,— M.«»»ein»«»zeigen- da» lettgedruckte Wort 3.— M. Buchstaben zählen fstr zwei Wort«. ssamilien-An- zeigen Mr Abonnenten Zeil« SR, Dt« Preise verstehen sich einschließlich Teuerungstuschlag. Anzeigen fstr die nächste Zlurnmer mstssen bi, 4f/, Uhr nachmittag« im Hauptgeschäft. Berlin EW SS. Linden- ftraß« S, abgegeben werden. Geiiffnet »an 9 Uhr früh bi» 5 Uhr abend». Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Expedition: SW öS, Lindenstr. Z Rebnrtio» Morinpiatz lSlitS-S? zisebNfpreair»- �.xPxdtei»« Morihvia« ll7äZ— 51 Mittwoch, de« 18» Januar IvAÄ vorwärts-verlag G.m.b.H., GW öS, Linden str. Z &*rnfttr*ih*r• Brriag. Exvediti«« und Inseraten. 2l£EEIr££2£L:«bteilung Morihplah 11753-51 Vereinbarung über die Reparationen! London, IS. Zminar.(MTV.)»vaNy Mail" berichtet, der Plan zur herabschung der deutschen Wiederherstcllungszahlungen, der auf der Sonserenz von Genua einen hervorragenden Piah einnehmen wcxde. werde in der Art einer Vereinbarung zwifchen Großbritannien und Frankreich gehalten sein, in der England etwa ein Drittel der französischen Schuld von 570 Millionen Pfund Sterling unier der vedingung streichen würde, daß Frank- reich Denifchland eine gleiche wiedcrherstellungssomme erläßt. Telegrammwechse! poincarö-Llopü George. Paris, 13. Januar,(chavas.) P o i n c a r ö hat an die Minister» Präsidenten der alliierten Regierungen Begrüßungstelegramm« über» fondt. Das Telegramm an Lloyd George hat folgenden Wortlaut: Ich lege Wert darauf, Ihnen im Namen der französischen Re» gierung die Versicherungen, die ich Ihnen bei unserer freundfchaft- lichen B�prechung am Sonnabend aus eigenem Antrieb und per- fönlich gemacht habe, zu erneuern. Frankreich wird sich beeilen, die Prüfung der verschiedenen Fragen, die gegen- würtig zwifchen England und ihm schweben, in freundschaftlichem Geiste wieder aufzunehmen. Ich hege die feste Hoffnung, daß es uns gelingen wird, ste durch g-genfeitiges Vertrauen zum Besten der Interessen unserer beiden Länder zu lösen. Die französische Regierung ist als treuer Dolmetscher der Wünsche des Parlaments und der Nation überzeugt, daß es den beiden Völkern, die auf den Schlachtfeldern für ein und dieselbe Sache so eng vereint gekämpft haben, gelingen wird, in gemeinsamem Einvernehmen unter Auf- recht« rhallung des europäischen Friedens die Durchführung der Verträge, die sie unterzeichnet haben, und die Repa- r a t i o n e n für die durch die Invasion verursachten Schäden sicher» zustellen. Lloyd George sandte folgende» Antworttelegramm. Mit großer Befriedigung haben meine Kollegen und Ich Ihre namens der französischen Regierung gegebene freundschaftliche Bestätigung der Versicherungen entgegengenommen, die bei unserer persönlichen Aussprache am letzten Sonnabend ausgetauscht wurden. Die brt- tische Regierung hat in vor kurzem veröffentlichten Dokumenten die Politik enger Zusammenarbeit, die sie mit Frankreich aufrechtzuerhalten wünscht, in großen Linien dargelegt, so daß jede Wiederholung ihrer Ansicht an dieser Stelle sich erübrigt. E, möge genügen, zu sagen, daß sie die Sicherheit des französischen Gebiets gegen einen deutschen Angriff, die Be» Zahlung der Frankreich für die zerstörten Gebiete geschuldeten Re» parationen und die ständige Aufrechterhaltung der Bestimmungen des Verfailler Vertrages als gemeinsame Interessen der französischen und der britischen Politik betrachtet, die beide Völker gemeinsam verteidigen müssen. Wir wünschen lebhaft und wir sind glücklich. festzustellen, daß Sie denselben Wunsch hegen, die unerledigten Probleme tri der Weise zu behandeln, daß das enge Einvernehmen zwischen Ihrem Volk und dem unsrigen durch nichts gestört werden kann und daß der Geist der Kameradschaft, der zwischen uns in Kriegszeit geherrscht hat, uns weiterhin beseelt bei den hohen Auf. gaben, die darin bestehen, die Völker Europas durch einen gerechten und dauerhasten Friedenspakt zur Einigung zu bringen. Sngkand gegen Garantie für Pole«. Frankfurt, 18. Januar.(MTB.) Wie der»Franks. Zeitung" Cus London gemeldet wird, ist es wenig wahrscheinlich, daß loyd George dem französischen Drängen nachgibt, den Schutz Polens in den Garantieoertrag einzubeziehen, was nach hiesiger Auffasiung das wichtigst« Ziel der Pariser Kampagne gegen den von Lloyd George vorgelegten Cntwurs des Abkommens ist. England betrachtet Polen Äs keineswegs endgültig stabilisiert und besonderer Unterstützung würdig, besonder» solang« Polen nicht »inen Ausgleich mit Deutschland gesunden Hab«. « Diese Meldung stndet eine gewisie Bestätigung in dem Wort» laut des Antworttelegramms Lloyd Georges an Poincarö, tn dem nur von der Sicherheit des französischen Gebietes die Rede ist. Die alliierten Schulüen. Washingion, 13. Zanuor.(yavas.) halbamtlich wird mit- geteilt, daß der Gesetzentwurf de, Senats über die«onsoli. dierung der alliierten Schulden bereit» die I n st i m« m u n g des Präsidenten h a r d I n g gesunden hat. Nach einer Meldung der»Chicago Tribüne" wird hatbamMch bekannt, daß bereits eine europäische Nation die vereinigten Staaten davon in Kenntnis gefetzt habe, daß ste n i ch t i m. stände fein werde, die Im April fälligen Zinszahlungen für ihre Schuldverpsiichlungen aus dem Kriege zu bezahlen. Die Arbeitsloflgkrii in der Schweiz. Das eidgenöstische Arbeits. omt verzeichnet am ZI. Dezember 112 S37 Arbeitslos« gegm» über 137 Sgl am 30. November. Davon sind gänzlich arbeitslos 88 967 gegen 80 092 Personen im Vormonat. Die Sitzung des Auswärtigen Ausschusses. (PPN.) Wie angekündigt, ist heute vonnittay um 11 Uhr der Auswärtige Ausschuß des Reichstages unter seinem Vorsitzenden, dem Abgeordneten Stresemann. zu- lammengetreten. Zunächst erstattete Dr. Walter R a t h e n a u ein ausfuhrliches Referat über die Konferenz von Cannes und die Reparationsfrag«. Im weiteren Verlauf der Sitzung hat dann der Reichskanzler Dr. Wi r t h selbst das Wort er- griffen, um ein Bild der außen- und innenpolitischen Lage zu geben,_ Das weltproüuktionsproblem. Eine Vereinbarung des Internationalen Arbeitsamts. Genf, 18. Januar.(WTB.) Unter dem Vorsitz des belgischen Arbeitgebervertreters Carlier eröffnete gestern der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes seine Beratungen. Von deutscher Seite wohnten der ersten Sitzung bei der Regierungs- Vertreter L e y m a n n und der Arbeitnehmervertretcr L e i p a r t. Der erste Dcrhandlungstag führte anläßlich des zweiten Bandes der Untersuchung über die Produktionsverhältnisse zu einer lebhaften Auseinandersetzung über die Weltproduktionsprobleme. Trotz des Widerspruchs der Arbeitgebervertreter, denen die Unter- suchung viel zu weit gsht, bestanden die Arbeitnehmervertreter aus der schnellen Derösfentlichung. vor allem in Hinsicht auf die Ergebnisse der Konferenz von Cannes und auf die Ausgaben der Kcnscrenz von Genua. Der Perwaltungsrat beschloß, die Derössent» lichung nachdemlS. Februar vorzunehmen, einschließlich einer Vorgeschichte der Untersuchung und aller Einwände, zu denen ste Anlaß geben könnte. Dieser Debatte ging ein Meinungsaustausch über einen kürzlich vom Dölkerbundrat oertagten französischen Antrag vorauf, der ein Urteil des Ständigen Internationalen Gerichtshofes über die Zu- ständigkeit der Internationalen Arbeitsorganisation tn Land» arbeiterfragen bezweckte. Da dieses Vorgehen Frankreichs von verschiedenen Seiten kritisiert wurde, erklärte der französische Re- glerungsvertreter Piquenard, daß Frankcich nur ein dokumen- tarisches Gutachten anstrebe. Die Verhandlungen des Verwaltung». rate» fanden wt« üblich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Reparationen onü Kohlenansfuhr. Pari», 18. Januar.(EE.) Im Verlauf« der Besprechungen der Reparationskommisston in Cannes hat diese yuch das Programm für die deutschen Kohlenlieferungen tn den Monaten Februar, März und April festgelegt. Gleichzeitig beschäftigte sich die Kommission mit dem Antrag der deutschen Regierung, Ihr die Möglichkeit zu geben, Kohlen nach allen Ländern auszuführen. Bisher war Deutschland nur die Erlaubnis erteilt worden, nach Holland und der Schweiz Kohle auszuführen. Die Reparattons- kommission entschied nunmehr, daß der deutschen Regierung für die Monate Februar, März und April volle Ausfuhrsreiheit für Kohle nach allen Ländern erteilt werde unter der Bedingung, daß das Repa» rattonskohlenprogramm vollständig durchgeführt werde. Ungarns Proletariat erwacht. Men, 18. Januar.(Eigener Drahtbericht.) In Budapest haben drei große Industriewerke, die- Waggonfabrik Danubius, die Elektrizitätsfirma Ganz und die Maschinenfabrik Hofcr u. Schrantz, ihr« Arbeiter, zusammen gegen 8000, ausgesperrt. Die Bewegung nahm ihren Ausgang von der Waggonfabrik. Dort war ein Arbeiter, der seit langen Iahren dem Werk angehörte, nach der Aufrichtung de» Horthy-Systems als ein der gesellschaftlichen Orb» nung gefährlicher Mensch in ein berüchtigtes Internierungslager ab» geschoben worden. Infolg« der Amnestieverordnung kam er frei und seine Kollegen forderten seine Wiedercinstellung. Die Firma lehnte dies ab, stellte aber gleichzeitig vier Ehristlichsoziale ein, die In den ungarischen Fabriken als Spione dienen. Die Arbeiter traten in passive Resistenz, und nun haben die drei Fabriken alle Ar- beiter aufs Pflaster geworfen. Das Aufmucken dieser Arbeiter zeigt, daß das ungarische Proletariat erwacht. Die„Arbeiter- z e i t u n g" nennt diese Lorgänge ein Vorpostengefecht im Kamps«._ Geringes Steigen ües Dollars. Infolge des Rückganges der deutschen Mark an der gestrigen New Forker Börse wurden heute in Berlin im Vor- mittagsverkehr zwischen den Banken Dollarnoten bereits mit 190 gehandelt. An der Börse trat ein Rückschlag ein, der den Dollar bis auf 186y?, brachte. Späterhin steigerte sich der Kurs von neuem. Ungefähr um 1 Uhr wurden für den Dollar 18 7�, Mark gezahlt. Die Effektenbörse blieb heute ge» schloffen. Es zeigt sich im freien Verkehr eine starke Nachfrag« nach Kali- und Kohlenwertu». /- Klassenjustiz in Amerika. Don H. L. Mencken, Baltimore. Bei allen Erörterungen de« vor einiger Zeit versuchten Attentats aus den amerikanischen Botschafter in Poris, H e r r i ck, wird eine wichtige Tatsache übersehen, nämlich diese: Die Kommunisten Amerikas haben ganz recht, wenn sie behaupten, daß S a c c o und V a n z e t t i der elektrische Stuhl droht, nicht weil sie des Raubes und Mordes überführt sind. sondern einfach, weil sie sich zum Kommunismus bekennen. Eine Situation, die in der amerikanischen Rechtsprechung schon ganz alltäglich geworden ist. Sobald ein Mensch Lehren anhängt, die der Masse der Amerikaner genügend fürchterlich erscheinen, oder auf irgendeine andere Weise sich hinreichend unbeliebt gemacht hat, so bemüht man sich alsbald, ihn unter irgendeiner sensationellen Anklage vor den Richter zu schleppen, und alle Macht der Gesetze arbeitet aus das ein? Ziel hin, den Mann zu Recht oder zu Unrecht als schuldig zu erweisen. Der Krieg hat diesem«dlen und patriotffchsn Treiben einen tüchtigen Aufschwung gegeben. Die meisten Ameri- kaner dürften wohl den Fall O' L e a r y vergessen haben—> aber es gibt amerikanische Iren, die sich seiner sehr wohl er» innern. O'Learys einziges Vergehen war, daß er den ver- floffenen Woodrow Wilson der Anglomanie beschuldigte, und dafür wurde er wegen— Hochverrats an den Vereinigten Staaten vor Gericht gestellt und unter den Zeugen, die von der Regierung gegen ihn aufgerufen wurden, befanden sich so viele unverkennbar Meineidige, daß die Verbandlung zur Posse wurde und sogar eine sorgfältig gesiebte Geschworenen- bank ihn freisprach. Das war ein Fall aus der Kriegszeit. Im Frieden gab es viele Seitenstücke dazu, besonders feit die hysterische Furcht vor den sogenannten Radikalen aufgekommen war. Mancher wird sich noch des Falles M o o n e y entsinnen. Seine Hauptzüge haben eine merkwürdige Aehnlichkeit mit denen des Falles Sacco und Vanzetti. Mooney war ein radikaler Arbeiterführer in Kalifornien, und verschiedene kapi» talistische Organisationen hatten Detektive besoldet, die ihn beobachten mußten. 1916 wurde bei einer Parade in San Franzisco eine Bombe geworfen, und sofort gaben dies« Mooney die Schuld. Dei der Verhandlung war das Beweis» Material gegen ihn erdrückend. Der Staat brachte Zeugen, die jede Einzelheit in seinen Bewegungen vor und nach der Explosion angeben konnten. Er wurde überführt und zum Tode verurteilt. Das geschah vor 6 Iahren. Run betrachte man die heutige Lage. Da man sie nicht mehr wegen Meineids ver» folgen kann, haben die Hauptzeugen zum größten Teil einge- standen, daß ihr Zeugnis falsch und daß nach ihrem besten Wisien Mooney vollkommen unschuldig war. Und das Zeugnis jener, die dies Eingeständnis unterlassen haben, das Zeugnis, auf dem der ganze Fall begründet war. Ist ohne die Möglichkeit eines Zweifels als ebenso falsch er- wiesen worden. Kein rechtlich denkender Mensch hält Mooney beute für schuldig. Die von der Dundesregierung mit der Untersuchung Betrauten haben ihn schon mindestens vor 4 Jahren als unschuldig bezeichnet; auf das energische Drängen des Präsidenten hin wurde sein Urteil tn lebenslängliches Ge- fängnis umgewandelt. Aber ist Mooney frei? Ist er aus dem Gefängnis ent- lassen? Rein. Jeder glaubt an die Unschuld dieses Mannes. dessen Hauptankläger öffentlich gestanden haben, daß alle Zeugnisse gegen ihn ein Haufen von Lüge gewesen sind— und er sitzt noch im Strafhaus in Kalifornien und scheint dort bleiben zu sollen, bis er stirbt. Sein Verbrechen ist: er ist ein Radikaler. In Kalifornien hat man Angst vor den Radikalen. Der Fall Sacco-Vanzettk weicht vom Falle Mooneys in einem wichtigen Punkte ab. Es ist nicht der geringste Grund zu der Annabme vorhanden, daß die Zeugen- aussagen gegen die beiden Männer auf Meineid beruhten. Wäre das Beweismaterial, wie in den Fällen O'Leary und Mooney, von beeideten Beamten zusammengestellt, so wäre es weit vollständiger und überzeugender ausgefallen. Die amerikanische Polizei ist in solchen Dingen sehr tüchtig und macht ganze Arbeit. So ist es eben die Dürftigkeitder Zeugenaussagen, die unter den heimischen und aus- wärtigen Radikalen solch flammende Entrüstung hervorruft. Sacco und Vanzetti führten Scharen von Zeugen vor, die ihr Fernsein von der Stätte des Verbrechens zur Zeit der Tat beweisen sollten, und die Staatszeugen, die sie identifizierten. waren unsicher und widersprachen einander; dennoch be- lehrte der Richter die Geschworenen zum Nachteil der Ange- klagten, und diese wurden verurteilt. Der Kern der Anklage war, daß der Radikalismus unterdrückt werden müsse— dag es die heilige Pflicht aller echten Amerikaner, insbesondere der Geschworenen sei.„hinter dem jungen amerikanischen Krieger zu stehen, während er auf den französischen Schlachtfeldern kämpfte und fein Leben hingab./ 1 i 4W y Mit anderen Workekn Der gelehrte Richte? leistete stch Sin Demagogentum vom Richterstuhle aus. Was hatten die französischen Schlachtfelder mit einem gewöhnlichen Ueberfall und Mord in South Vraintree, Mass., zu tun— wenn man nicht annahm, daß Radikale, waren sie eines Verbrechens an- geklagt, irgend wie anders behandelt werden sollten als andere in einem solchen Fall? Diese Theorie ist jetzt in den Vereinigten Staaten sehr verbreitet. In ihr steckt viel Böses, und das beginnt nun durchzusickern. Die Behauptung der extremeren Radikalen, daß sie oder andere unbeliebte oder einflußlose Leute vor Gericht ihr durch die Verfassung gewähr- leistetes Recht nicht suchen dürfen, kann nicht überzeugender und beredsamer erhärtet werden. Nichts kann sie mehr in ihrer finsteren Lehre bestärken, daß die einzige Möglichkeit für sie, in Amerika Recht zu bekommen, darin besteht, zur Bombe zu greifen und ihre Unterdrücker in die Luft zu sprengen. Die Mechode, nach der man den Radikalismus behandelt, ist nicht die russische, sondern die frühere englische. Wie allgemein bekannt, waren die englischen Strafgesetze bis in die jüngste Zeit die härteste der ganzen Christenheit. Die Strafen waren erschreckend und wurden ohne Milderung erteilt. Aber — und das ist das Wichtige— sie wurden nach Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zugesprochen. Ein Mensch, der aller Freunde ermangelte, wurde von einem englischen Gericht ebenso be- handelt wie der reichste Kapitalist im Lande. Die Polizei be- mühte sich nicht, Beweismaterial gegen ihn zu sammeln. Die Organe der Strafverfolgung trachteten nicht danach, durch Denunziationen in der.Presse höhere Aemte? zu erlangen. Kein Richter hielt von seinem Sitze aus eine Wahlrede gegen den Angeklagten. Und was das wichtigste ist. der Angeklagte konnte nicht nach allgemeinen Prinzipien in Gefahr seines Lebens oder seiner Freiheit gebracht werden— er mußte eines bestimmten Verbrechens und keines anderen angeklagt sein, und das Gesetz mußte seine Handlungsweise verboten haben, und es mußte auf jeden anwendbar fein. Keiner durfte des Mordes schuldig erklärt werden, weil er ein Atheist, oder des Raubes, weil er ein Anarchist war. Damals durfte in England ein jeder frei feine M e i n u n g ä u ß e r n. Man konnte eine jede Idee vertreten, mochte sie der Mehrzahl der Menschen noch so unangenehm sein, wenn man dies auf anständige Weife tat. Einer konnte dies öffentlich tun, und die Polizei gewährte ihm Schutz. Auch dort hat der Krieg in die Lage der Dings eingegriffen. Die Spionenjagd artete in eine Hetze gegen alle Arten von Heren und Ketzern aus. Aber man konnte doch noch in hohem Maße die Vorzüge der alten britischen Methode erkennen. England hat nicht weniger Radikale als irgendein Land in Europa, aber sie werden, ffieistens anständig behandelt, und so sind sie verhältnismäßig harmlos. Man hört ihnen zu und geht seines Weges. Die Polizei hetzt sie nicht, überfällt sie nicht, sperrt sie nicht ohne Haftbefehl ein, bringt keine Meineidigen heran, um sie niederzulügen. Vor Gericht werden sie noch Gerechtigkeit finden. In England wirft man selten mit Bomben. Es gibt keine Entschuldigung dafür. Niemand kann sagen, daß ihm das Recht vorenthalten wird, daß er falsch beschuldigt und wegen feiner Ansichten verfolgt wird. Aber dies könnte wohl mit Recht von vielen in den Vereinigten Staaten behauptet werden, und zwar mit jedem Jahre häufiger— von den Mooneys und O'Learys, den I. W. W.'s in Los Angeles und Chicago, den Bergleuten in Bisbee, den Negern in. Arkansas, vielen anderen nah und fern. Versucht man immer mehr und mehr, den Radikalismus zu unterdrücken— was stets ver- gebsns war— so wird auch die Dynamitgefahr stets näher und näher kommen. hak Christus gelebt? Nach Ansicht unserer Alldeutschen sicher nicht. Denn der nationalistische„Tag* behauptet zu Ehren des 18. Januar:„Ein geschichtlicher Held, der nicht natio. nal gewesen wäre, hat nie gelebt.* Daraus ist nur zu folgern, daß die Alldeutschen Christus entweder nicht als geschicht- Iichen Helden ansprechen oder daß sie der Theorie huldigen, die aus Christus einen jüdischen Nationali st en machen will, oder aber jene Theorie gutheißen, nach der Christus n i e g e l e b t hat. �Kameraölchast�. Wir sprachen vom Kriege— natürlich nicht aus Begeisterung und in stolzer Erinnerung an Erlebtes; im Gegenteil: das Thema „Kameradschaft zwischen Offizier und Mann* war Gegenstand unseres Gespräches; wir waren uns so ziemlich einig, daß auch diese söge- nannte„Kameradschaft" nur ein schönes Wort war, eine Phrase im Kranze all der anderen und ähnlichen. Ein« Episode, die jemand aus unserem Kreis« erzählte, bekräftigte unsere Meinung noch ganz besonders. Es war im Winter 1916 gewesen, an der Ostfront. Karl W., Landsturmmann in irgendeinem Jnfanterie-Regiment, hatte zehn Tage Urlaub hinter sich und sollte Sonnabend nachmittag um 6 Uhr wieder in Stellung vorn im Graben fein. Infolge Zugverspätung hatte er den Anschluß an die Feldbahn, die in den Etappenort führte, versäumt und hatte sich zu Fuß auf den vierzig Kilometer langen Weg gemacht. Unterwegs war es grauenhaftes Wetter geworden: Schnee und Regen wechselten miteinander ab. dann hatten grimmig kalte Winde und wütende Böen eingesetzt. In der Dunkelheit war er vom Wege abgekommen. Endlich, völlig erstarrt, durchnäßt und halbtot vor Ermattung, hatte er Licht gesehen, war darauf zuge- ganzen und zu einem kleinen Gehöft gekommen. Er stand in der Tür des Hauses, aus dem er zuerst den Licht- schein bemerkt hatte. Bon drinnen hörte er Stimmen, lautes Lachen. Wie ihm da das Herz aufging! Leise schlich er im Flur näher, öffnete die nächst« Tür und trat ein. Licht! Eine niedrige Stube, drüben ein Tisch, darauf eine Bowle, Gläser, rings darum Soldaten — nein: Offiziere, alles in Tabaksqualm gehüllt. „Guten Abend", sagte W. und sank auf den nächsten Stuhl. Drüben tickte eine Uhr. ZweU Was? Ja! 2 Uhr! Zehn Stunden unterwegs gewesen! „Was wollen Sie denn hier?" schnarrte es ihn nun von drüben, vom Tisch her, an.—„Hä?"— Kein« Antwort. Er war zu matt, zu froh, sitzen zu können.„Stehn Sie mal gefälligst auf! Wissen Sie nicht, daß Sie Haltung anzunebinen haben?"— W. rührte sich nicht; dann sagte er:„Verzeihen Sie, 5)err Leutnant, ich bin seit vier Uhr unterwegs, bei diesem Wetter, ohne was zu effen...."— „Ach was! Machen Sie doch keene Menkcnkens! Wo wollen Sie denn hin? Was, nach D.? Mensch, das liegt ja 2 Stunden von hier..."—„Ja ja, ich bleibe hier. Geben Sie mir bitte etwas Warmes zu trinken; ich bin ganz____"—.Lerl, Sie sind wohl voll? Denken Sie, hier ist ein« Kutscherkneipe? Was? Jetzt machen Sie bloß keine Spcrenzkens, sonst...." und damit stand der Bor- gesetzte auf und ging auf W. zu; der erhob sich ebenfalls, merk- würdig schnell und sprunghaft:„Was, Sie wollen mich rauswerien? Bei diesem Wetter? Dienen wir nicht alle einer Sache? Sind wir nicht olle Soldaten, sollen wir nicht alle einander bei- stehen?"—.Hallen Sie hier keene Bolksrede!- Raus, sage ich Ihnen!", schrie der andere, offenbar animiert, laut. „Ich gebe Ihnen nochmal den dienstlichen Defehl----.* Zweiter kam er aber nicht.— W. hatte leine durchnäßte Packtasche. die er bisher an der Seite trug, inzwischen abgeschnallt; mit einem der Zentrumsparteitag. Die soeben beendete Tagung der Zentrumspartei hat als Hauptergebnis einen einstimmiges Vertrauens- votum für die Politik der Reichstagsfraktion und namentlich des Reichskanzlers Dr. W i r t h gezeitigt. Einstimmigkeit macht immer etwas mißtrauisch, und mancher wird vielleicht fragen, ob es sich hier nicht um eine bloße Demonstration nach Art der Katholikentage gehandelt habe. Dennoch ist diese Frage zu verneinen. Gewiß dürfte die Stimmung im Zentrum für Dr. Wirth nicht ganz so einheitlich sein, wie es durch die Abstimmung nach außen hin den Anschein hatte. Wenn aber die Opposition des industriellen und agrarischen Zentrums- flügels sich schließlich dazu bequemte, der Vcrtrauensresolution für Wirth zuzustimmen, so ist dies wahrscheinlich nicht nur auf kleine redaktionelle Konzessionen zurückzuführen, sondern auf ein Gefühl der Schwäch e. Es kommt� oft vor, daß eine Opposition es vorzieht, gar nicht erst in die Erscheinung zu treten, als durch eine Kraftprobe ihre geringe Stärke zu ent- hüllen. Denn der brcmsende Beifall, mit dem der Parteitag zu wiederholten Malen dem Reichskanzler, namentlich am Schlüsse seiner Rede huldigte, war bei der großen Mehrheit der Per- sammelten sicher echt. Sie ist nicht nur aus kühlen Verstandes- gründen, sondern aus wirklicher Wärme des Herzens mit Dr. Wirth gegangen. Viel dürfte auch dazu beigetragen haben, daß der Altführer des Zentrums, Herr Fehrenbach, sich mit Energie gegen die Treibereien der Rechten und besonders heftig gegen die außenpolitische Unzuverlässigkeit der V o l k s- parteiler und Demokraten wandte, was um so be- achtenswerter ist, als Fehrenbach dem einzigen rein bürger- lichen Kabinett der Republik den Namen gegeben hat, in dem neben dem Zentrum nur Volksparteiler und Demokraten saßen. Selbst der Führer des rechten Zentrumsflügels, Herr Dr. Marx— er verwahrte sich allerdings gegen diese Be- Zeichnung—, wurde durch die Ungeschicklichkeit der Gegner zu einem starken Vertrauensvotum für Wirth geradezu provoziert. So ist denn als wichtigstes Resultat des Parteitages eine Festigung der Stellung des Reichskanzlers in seiner eigenen Partei zu verzeichnen und damit eine starke Garant� für die Fortführung der Außenpolitik der Er- s ü l l u n g, die auch von der Sozialdemokratie gutge- heißen und unterstützt wird. In seiner Rede hat es Dr. Wirth verstanden, diese Außenpolitik noch einmal sehr eindrucksvoll zu begründen. Es ist freilich in dieser Rede auch scharf zum Ausdruck gekommen, was die Weltanschauung des Reichs- kanzlers von der unsrigen unterscheidet. An einer Stelle malte Dr. Wirth sogar deutlich die Möglichkeit eines künftigen Kulturkampfes zwischen dem Zentrum und der Linken an die Wand. Einen Kulturkampf nach der Art Bismarcks mit Unterdrücknngszielen wird die Sozialdemokratie allerdings niemals führen, unser Kampf gilt der unbeschränkten geistigen Freiheit für jedermann. Wie das Zentrum diese besonders für die Katholiken in Anspruch nimmt, so verlangen wir restlose Gleichberechtigung für die Bevölkcrungs- teile, die sich nicht unter kirchliche Bevormun- d u n g stellen lassen wollen. In der S t e u e r f r a g e hat der Reichskanzler die Hoff- nung ausgesprochen, daß ein„anständiges Kompromiß" zu- stände kommen werde. Die Sozialdemokratie wird unter einem anständigen Kompromiß nur ein Resultat verstehen, das die Besitzenden und namentlich die Besitzer der S a ch w e r t e in ausreichendem Maße zu den Lasten des Reiches heranzieht. Am Schluß seiner Rede hat Herr Dr. Wirth ein Bekennt- nis abgelegt, das hier gern noch einmal hervorgehoben werden soll. Er bekannte sein Christentum als die große Lieb«, die nichtnurdaseigeneBolkinsich begreift, sondern auch im Dienste der Menschheit allen, die Menschcnantlitz tragen, etwas Gutes tun will. Diese Formulierung erinnert an ein bekanntes Wort F i ch t e s. Sie deckt sich zwar nicht mit der Grundanschauung der Sozialdemokratie, aber die Betonung des Menschheitszieles läßt auch in uns eine ver- Schwung schleuderte er sie plötzlich auf den Tisch, zwischen die Bowle und die Gläser, alles mit Getöse, Geklirr und Gefpritze der- untersetzend. Fluchend sprang er nun auf; mit höchstem Unwillen natürlich datte die Tafelrunde bis jetzt die Szene zwischen„Kam«. rad" und diesem„Kerl da mitangehört, aber jetzt—„Ist der Mensch oerrückt?"—„Berrückt? Ich verrückt? Spitzbuben seid ihr! Hallunken! Ganz große Hallunken!" Da erschienen zwei Feldgraue im Türrahmen, die nahmen ihn bei den Armen und führten, nein: rissen ihn hinaus.„Einsperren den Kerl! Einsperren!" hörte er bloß noch. Und er wurde eingesperrt, so wie er stand. In einem dunklen Mistloch von Stall hatte er Gelegenheit, über seine„Insubordination" nachzudenken, natürlich ohne das„Warme", um das er gebeten hatte. Und all das nach diesem furchtbaren, zehnstündigen Marsch. und all das, weil er pünktlich an Ort und Stelle sein wollte. Was dann geschah? W. blieb zunächst einige Tag« in seinem „Gewahrsam". Dann wurde gegen ihn„verhandelt. Leutnant o. B., alter Adel, der den Auftritt mit ihm gehabt hatte, sah mit im Gericht. Er plädierte allen Ernstes für Todesstrafe, wegen„offener Widersätzlichkeit vor dem Feinde".— „Lachen Sie nicht", meine Herren, unterbrach stch hier der Er- zähler,„es ist wirklich wahr! Es ist kein Ulk. Ich war bei der Aer- Handlung selbst zugegen, daher weiß ich von der ganzen Sache. Und das Gericht schloß sich den Ausführungen des Leutnants v. B. und seinem vorgeschlagenen Urteil an; W. sei gefährlicher Auswieq- ler, solche Leute müßten unschädlich gemacht werden: deswegen sei rücksichtsloseste Bestrafung am Platze usw. Ausgeführt wurde das Urteil nicht. Gegen W. Ist noch einmal an anderer Stelle verhandelt worden: hier hatte man merkwürdiger- weile doch wohl mehr Verständnis für das„Kameradfchaftlichkeits- gcfühl zwischen Offizier und Mann", wie der Leutnant v. B. es geäußert hatte.— W. erhielt eine kurze Freiheitsstrafe. Ich traf ihn bald darauf Zufällig bei einem anderen Regiment.. Dies die Erzählung. Einer der Zuhörer bemerkte dazu:.Haben Sie auf etwas geachtet? Die Ostizkre sahen 2 Stunden weit hinter der Front, als W. sie antraf." F. R. Zum l8. llanuar. In der Erinnerung an den 18. Januar 1871 stimmt die nationalistische Presse Iubelhymnen an. Demgegenüber lohnt vielleicht eine Erinnerung an das, was damals— im Jahre 1871— ein kübldcnkender und klarsehender Mann, beileibe kein Sozialdemokrat, sondern der bayerische Leqationsrat Alexander o. Billers geschrieben hat(veröffentlicht in dem„Briese eines Un- bekannten"). Billers notierte in jener Zeit:„Wohin uns alle preußi- scher Ehrgeiz führen müsse, brauchen wir nicht mehr zu erwarten, wir stehen schon mitten darin. Welcher Fehler, bei S-dan nicht zu enden! Der Hochmut, dem Geancr den Fuß auf den Nacken setzen zu wollen, schlägt den Hochmütigen zuletzt immer in den eigenen Nacken. An ähnlichen Bettachtungen im eigenen Lande wird es nicht fehlen, und was Ludwig XIV. für Frankreich wurde, kann Wilhelm l. für Deutschland werden: der unfrei- willige Vater der Republik."' wandteSaHe cmkkwgen. Mt einer solchen Weltanschm»» ung, die ein Abgrund von dem Kanonenchristentum der All- deutschen trennt, können wir außenpolitisch ein Stück Weges zusammengehen._ pöhner! München, 18. Januar.(Eigener Drahtbericht.) Im bayerischen Landtag machte gestern der Vorsitzende der kommunistischen Frak- tion die aufsehenerregende Mitteilung, daß der verabschiedete Pott- zeipräsident Pöhner im Juli v. I. dem Direktor der Donau- Dampfschiffahrtsgesellschaft Regensburg einen ge- Helmen Munitionslransport nach Ungarn zugemutet habe, Pöhner habe in München mit dem Direktor verhandelt. Als dieser aber anttliche Vollmachten von Pöhner verlangte, suchte sich der Polizei- Präsident mit leeren Ausflüchten zu retten. Nach ergebnislosen Per- Handlungen habe ein Obcramtmann der Münchener Polizeidttettivn neuerdings den Direchtor zu bewegen versucht, sich aber unter falschem Namen vorgestellt. Das Ansinnen wurde a b g e- lehnt. Trotzdem wurde die Munition nach Rezensburg geschafft. Gelegentlich«ine Brandes wurde die Munition von den Angestellten der Donau-Dampfschifsahrtsgesellschaft in einem Hause an der Donau fcslgestelll,' und nur ein glücklicher Zufall verhütete eine schwere Explosion. Kurz darauf verschwand die Munittou sporlos. « München. 18. Januar.(Erg. Drohtbericht.) Die Münchener Staatsanwaltschaft hat gegen einen Oberleutnant Wilhelm 5) e i n z und gegen den Studenten Max U e b e l e r s e n einen Steckbrief erlassen. Diese waren nach dem pottkischeu Mord an Schweickhardt nach München geflohen, was der Münchener Staatsanwaltschaft anscheinend erst jetzt bekannt geworden ist, obwohl sie über deren Anwesenheft durch die sozialistische Presse orientiert war. Schweickhardt war nach den Mitteilungen der sozio- listischen Presse nicht nur an dem Mord im Forstenrieder Part, sondern auch an dem Mord an Garet» und der« Dobner-Bracher-Affäre beteiligt. Die„Münchener Morgenpost" macht heute eingehend» Angaben über ein versteck politisch gesuchter Persönlichkeiten am Starnberger See. Die„Münchener Post" wirft die Frage auf:»Wer b e g'ü n- st igt die flüchtigen Begünstiger?" Die gekränkten Nationalsozialiste». München, 18. Januar.(Eigener Drahtbericht.) Nachdem ihr» Haupthähne und Versammlungsterroristen, wie wir berichteten, jüngst zu Gefängnisstrafen wegen Landfriedensbruch ver- urteilt worden sind, protestieren die Nationalsozialisten in einem Masscnslugblatt gegen den„Iustizbolschewismus in Bayern". Die Herren sind eben überzeugt, daß nach bestehendem Gewohnheitsrecht rechtsstehende Mörder, Terroristen, Schimpjapostcl usw. nicht besttaft werden dürfen. Der»unreife� Toller. München, 18. Januar.(Eig. Drohtbericht.) Gestern kam im baye- rischen Landtag ein Antrag Nikisch, betreffend Strafvollzug an den politischen Gefangenen in Niederschönenfeld zur Berhand» lung. Die Behandlungsmethode der Affäre Niederschönenfeld durch die bayerische Beamtenschaft wird durch folgende Sätze am besten klar: Ein Beamter erklärte, daß Niederschönenfeld eher das f i d e l e Gefängnis aus der„Fledermaus" zu sein scheine; denn es habe ein dreitägiges Karnevalsoergnügeo stattgefunden. Den Bor- wurf, daß die Gefangenenaufseher grundsätzlich die Unwahrheit sprächen, beantwortete ein Regierungsvertreter mit der Feststellung. daß der größte Teil dieser Beamten mit dem Eisernen Kreuz 1. Kl. ausgezeichnet und dadurch über derartige Anwürfe erhaben feil Ein weiterer Beamter ttat den Telegrammen und Briefen, in denen die Freilassung Tollers gefordert werde, mit folgen- den Feststellungen entgegen: Toller sei ein unreifer, ver» worrener unwahrhafter und anmaßender Mensch. Nach ärztlichen Gutachten müsse er als Hysteriker und Neurastheniker bezeichnet werden.— Auch ein bayerischer Ministerialrat blamiert sich nur so gut wie er kann! Der Medizin-Komiker. Der frühere Barietö-Komiker OttoSchlesinger sühlle sich befähigt, die leidenden Mitmenschen psychctherapeuthisch zu beeinflussen. Seiner Gewandtheit war es möglich, den Stadtrat von Blankenburg a. H. für seine Bestrebvn- gen zu gewinnen, eine Hochschule für Psychotherapie sollte gegründet werden, und vom Braunschweiger Ministerium für Volksbildung wurde dem 5>errn Schlesinger der Titel„Professor fürPsycho- t h e r a p i e" zugebilligt. Das Geschäft kam in Schwung. Aber das Bestteben, Geld zu verdienen, ttat wohl gar zu sehr hervor. So wurden dem geisteskranken Sahn eines Packers für viertägige erfolg- lose Behandlung 2209 M. Unkosten verursacht. Das Braunschwciger Gesamtministerium scheint nun doch seine Ansicht über die Eignung des Herrn Schlesinger zum Bolksbildner und Psychotherapeuthen etwas geändert zu haben, es entzog ihm den Professorentitel wiederum. Theakersorgen überall. Der Boranschlag de» Mannheimer National-Theaters für 1922/23 schließt mit einem Zuschuß- bedürfnis von sieben Millionen Mark ab. Der Stadttat be- schäftigt sich ernsthaft mit der Frage, ob das Rational-Theater über- Haupt oder in der bisherigen Weise weitergesührt werden soll, will aber mit der Entscheidung warten, bis sich die Lage de» Gemeinde- Haushalts übersehen läßt.— Organisation des Pubttkums nach depi Beispiel der Volksbühnen ist der einzige Weg, der aus den heutigen Theatermiseren Herausführt. Alkoholsreies Abendmahl. Folgende Geschichte wird au» Süd» afrika in einem englischen Blatte erzählt. Ein Mann besuchte einen Freund, der Geistlicher in einer Kafferngemeinde im Innern des Landes war. Er nahm am Gottesdienst teil und erfreute stch an der eifrigen Art, mit der die Kaffern die Kirchenlieder sangen. Zum Schluß aber sagte er:„Das einzige, was mir aufgefallen ist, ist der merkwürdige Geschmack des Weins beim Abendmahl. Ihr müßt ihn wohl in Ziegenfcllen aufbewahren, wie die alten Griechen, denn er schmeckte so ähnlich."„Es war überhaupt kein Wein," erklärte ihm daraufhin der Geistlitfie,„sondern Ziegenmilch." Und auf den ver- wunderten Blick des Freundes fuhr er fort:„Als lch ihnen zuerst das Abendmahl mit Wein gab, da nahm mir ein Nigaer den Kelch aus der Hand und trank ihn ganz aus. Das nächste Mal hielt Ich ihn fest, aber da biß einer mich in den Daumen, so daß ich den Kelch loslassen mußte. Seitdem verwende ich Ziegenmilch, und da trinken sie nur wenig."_ kSalbemar von Seidlit». der lanaiäbria« Leiter der Dresdener Hunt- lichen Kunstsammlungen und belanntc Kunsthistoriker, ist gestern im Alt« von 72 Iabren gestorben. -Das Blüthner. Orchester veranstaltet unter Mitwirkung der yurikbardt. ichen Chorvereinigung unicr Leitung von Dr. M. Bnrkhardt am Montag. den 23., 7'/, Uhr, Brauerei FriedrichSdaw. die„Schöpfung- von I. Havdn! Ztrtur Nikisch ist an Mrivve erkrankt und kann das nächste Philhar« moniiche Konzert nirfst dirigieren. An feiner Stelle wird am 23. Januar das 5. Ddilbannonische Konzert Max Fiedler leiten. Oeffentliche Brede am 22. Januar. Tie mündliche Prüfung fällt. DaSs ä ch fi ich« KultuSminffterlu» bat angeordnet, daß von Ottern ISSS ab mündlich- Prütunaen«, hm höhere» Schulen nicht mehr-bgeh-lte»««dew Deutscker?nöuftrie- unö ffanSelstag. Heute trat die Vertretung der deutschen Handelskammern zu der 42. Vollversammlung des Deutschen Industrie- und Handels- toges zusammen. Ter ReichskanzlerDr. Wirth sprach namens der Reichs- regierung. Er führte unter anderem aus: Es war ein weiter Weg von London bis Cannes. Mit Geduld und immer wieder mit Geduld find wir bis Cannes gekommen und auch hier ist noch einmal ein unliebsamer Ausenthalt eingetreten. Die Konferenz von Genua bedeutet den ersten Versuch, nach der großen Weltkatastrophe mit der deutschen Nation als gleichberechtigtem Faktor am Konfe- renztisch zu verhandeln. Wenn man uns wieder nur hingerufen hätte, damit wir, um einen Ausdruck meiner Heimat zu gebrauchen, am Katzentisch sitzen und auf gelegentliche Fragen Auskunft geben, dann würde die Konferenz hinfällig sein. Nein, zum ersten Male wird Deutschland als gleichberechtigter Faktor eingeladen und das ist ein Fortschritt. Nach Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten ergriff das Wort der preußische H a n d e l s m i n i st c r Genosse S i e r i n g, der in längeren Ausführungen zunächst darlegte, daß nach Festsetzung der Ziele der Handelskammern über die paritätische Zusammensetzung derselben wohl eine Verständigung sich erzielen ließe. Er besprach dann die wirtschaftliche Lage Deutschlands und betonte, daß die Revision des Verfailler Friedensvertrages immer dringlicher werde. Besonders warm begrüßte er die Anknüpfung von Handelsbeziehungen mit Rußland. Deutschöfterreich unö TschechosioWakei. Wien, 18. Januar.(Eigener Drahtbericht.) Der S t a a t s v c r- trag von L a n a wird morgeß im Nationalrat eingebracht und rasch erledigt werden. Die Einzelverhandlungen über den bei der Prager Konferenz zugesagten tschechoslowakischen Kredit für Dcutschösterrcich werden demnächst aufgenommen; die Präger Regierung hat ihre Unterhändler bereits bezeichnet und der Regierung Deutschösterreichs die Bestimmung des Zeitpunktes über- lasten. Schutzfarbe! Der Prozeß gegen den ehemaligen Landrat des Kreises Rosen- berg, Herrn v. Versen, über den hier berichtet wurde, hat ein erschütterndes Bild davon gegeben, mit welch schamlosen und gesetz- widrigen Mitteln die reaktionäre Iunkerclique des Kreises Rosen- berg unter Führung Oldenburgs-Ianuschau oersucht hat, den von der Regierung eingesetzten Nachfolger Versens, Landrat Dr. Friedensburg, aus dem Kreis.Hinauszugraulen. Durch die Beweisaufnahme wurde auch der Regierungspräsident in Marlen- werder, Graf B a u d i f f i n, empfindlich bloßgestellt, der die Hetze der Junkerclique begünstigt, jedenfalls den Landrat Dr. Fricdensburg in keiner Weife geschützt hat. Die A b b e r u f u n g des Grafen Bau- difsin schien nach dem Ergebnis dieses Prozestes unvermeidlich. Nun erfahren wir, daß der bisher ganz ollgemein als stramm deutschnational bekannte Graf wenige Tage nach dem Prozeß— der Deutschen Volkspartei beigetreten ist. Es sieht fast aus, als glaub« Graf Baudisfin, durch seine Zugehörigkeit zu einer preu- ßischen Koalitionspartei den Folgen feiner Handlungsweise im Falle Versen und Friedensburg entrückt zu sein. Doch er dürfte sich täuschen. Die Deutsche'Voltspartei hat ja oft verkündet, daß die Aemterbesetzung nicht nach Parteizugehörigkeit, sondern nach der persönlichm Tüchtigkeit erfolgen müsse. Sie wird daher gewiß den Regierungspräsidenten, der die f ch a m l o s e M i ß w i r t- fch oft des reaktionären Kreisausschusses im Kreise Rosenberg mit zu verantworten hat, nicht deswegen halten, weil er in ihrer Parte! Unterschlupf gesucht hat. Oder ist's jetzt was anderes? Reichsorbciksmlnister Dr. Vrauus, der erst kürzlich von einer akuten Nierenentzündung genesen war, hat einen Rückfall er- litten, der ihn vorläufig die Wahrnehmung der Dienstgeschäste außer- halb des Krankenzimmers nicht gestattet. Irlands Beispiel zieht. Ein Ausschuß hat sich in Schottland ge« bildet, um für Schottland ein Homerulegesctz zu verlangen, hat eine an die Regierung gerichtete Kundgebung veröffentlicht, in der diese aufgefordert wird, nachdem die irische Frage geordnet sei, nun auch die Rechte Schottlands auf Selbständigkeit zu erwägen. Der Aus- schuß hat Anhänger in allen Parteien und genießt in letzter Zeit be- sondere? Ansehen.__ Wivtfdyafi Deutschlands Gelreideernte 1921. Wie die ,PPN/ von unterricbtetcr Seite erfahren, beläuft sich Deutschlands Getreideernte im Jahre 1321 an Roggen und Weizen auf 3 383 617 Tonnen „ Gerste„ 1 388 695 zusammen 11878 612 Tonnen Davon sind durch das Umlagevcrfabren 2K3 Tonnen ersaßt, was ein Fünftel ausmacht; eingegangen sind allerdinaS bisher aus dem Umlageverfahren nur 1 800 000 Tonnen, was 72 Proz. ausmacht. Die deutsche Erzeugung an Hafer betrug im Jahr« 1321 5001388 Tonnen, an Kartoffeln 2S1S1S80 Tonnen. Die anzureichende Sstckstofsbeförderung. Die kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. o. Krause, Schisftan und Genossen über die u n- zulängliche Gestellung von Wagen zur Stickstoff- beförderung wird vom preußischen Handelsministcr wie folgt beantwortet:»Der Preußischen Staatsregierung ist bekannt, daß die Eisenbahnverwaltung sich der Wichtigkeit einer rechtzeitigen Zufuhr der künsllichen Düngemittel zu den Verbrauchsgebieten zwecks Er- zielung einer guten Ernte im nächsten Jahre voll bewußt ist und des- halb auch die Wagengestellung für diese Güter soweit als irgend niög- lich bevorzugt hat. Allerdings mußten in den H e r b st m o n a t e n in erster Linie die Ernteerzeugnifffe abgefahren wer- den, insbesondere die Kartoffeln, um die Versorgung der Bevölkerung vor dem Eintritt des Frostes zu sichern. Außerdem stellte die überaus starke Einfuhr von Ueberseegetreide und Futter- Mitteln für den deutschen Bedarf außerordentliche Anforderungen an den Wagenpark. Es war beabsichtigt, nach dem Abtransport der Kortoffeln die Düngemittel ganz besonders zu bevorzugen. Indes hatte die ungünstige Witterung— st a r k e r Frost und Nebel— im November so außerordentliche Schwierigkeiten und damit Ver- zögerüngen des Wagenumlaufs zur Folge, daß es nicht gelang, den Düngcmittelverfand wesentlich zu steigern. Diese Schwierigkeiten fid auch jetzt noch nicht behoben, haben vielmehr durch den Eisen- ahner st reik neuerdings wieder eine Verschärfung erfahren. Die Preußische Staatsregierung hat aus der vorliegenden Anfrage aber Anlaß genommen, den Herrn Reichsverkehrsminister zu ersuchen, mit allen Mitteln auf eine möglichst ausreichende Wagengestellung für die stickstoffhaltigen Düngemittel Bedacht zu nehmen." Große Landwirtschaftliche Woche 1322. Die von der Deutschen Londwirtschaftsgesellschast veranstaltete Große Landwirtschaftliche > Woche findet in diesem Jahre vom 13. bis 18. Februar statt. Es werden neben einer großen Reihe von Ausschußsitzungen 15 öffent- liche Versammlungen abgehalten, die sich mit den wichtigsten Pro- i blemen der landwirtschaftlichen Betriebsführung, der Bodenbearbei- tung, des Obstbaues und der Tierzucht befassen werde». Schneshöhs bis zu Ztvei Meter. Nicht nur bei uns im norddeutschen Flachland hat's geschneit, auch im Gebirge— und da erst recht— hat Frau Holle ihren Segen ausgeschüttet. Die Rhön meldet eine Schneehöhe von 20 Zentimeter, Ober- schreiberhau hat eine Schneedecke von 40 Zentimeter, Braun- läge im Harz eine solche von 45 Zentimeter. Einen Meter hoch liegt er in O b e r h o f in Thüringen, 150 Zentimeter bei der Neuen Schlesischen Baude, und gar bis zu zwei Meter Höhe bei der Schneegrubenbaude, die im Riesengebirge 1430 Meter über Msereshöhe liegt. Man stelle sich für Berlin einen Schneefall vor, der eine Schneedecke von zwei Meter Mächtigkeit brächte. Das wäre für die Riesenstadt der weiße Tod, das Ende in Kälte und Finsternis. Bor diesem grausigen Geschick schützt uns nur unsere geringe Höhenlage, 30 Meter über dem Meeresspiegel. Je höher der Schnee im Gebirge, desto lustiger dos Sport- treiben. Wer es nicht kennt, der kann sich die frische freie Lustigkeit dieses Sportes gar nicht vorstellen. Wer es aber jemals mitge- macht hat, der wird, durch Pflicht, Amt und Arbeit in Berlin fest- gehalten, einen schmerzlich-fehnsüchtigcn Seufzer nicht unterdrücken können. Die ganz Schlauen sind aber jene, die sich ihren Urlaub getellt haben— die eine Hälfte Im Sommer, die andre im Winter— oder die sich gar den ganzen Urlaub für den Winter auf- gespart haben. Diese klugen Leute sind jetzt längst in Wahr- heit über alle Berge und wenn sie sehr gnädig und leutselig sind, dann schicken sie uns eine Ansichtskarte und schreiben harmlos drauf: „Ihr könnt Euch gar keinen Begriff machen, wie herrlich es hier ist." So bleibt uns denn, Neid im Herzen, nichts übrig als der Berliner Gebirgsersatz: Krsuzbcrg, Flchteberg, Müggelberge. Dort hat der Schnee immerhin eine Stärke von 50 Millimeter.' der detdeb öer Norö-Süöbahn. Die Einheikswagenklasse. Die Verhandlungen über die Fortführung des Baues der Nord- Südbahn durch eine Aktiengesellschaft und die Durchführung des Be- triebes auf der Stammstrccke sind nunmehr soweit fortgeschritten, daß nach langwierigen Berhandlungen nunmehr ein Vertrags« e n t w u r f fertiggestellt worden ist, der demnächst der Stadtverord» netenversammlung zur Beschlußfassung zugehen wird. Noch diesem Beriragsentwurs werden der Stadt Berlin zwei Sitze im A u f s i ch t s r a t der Hochbahngesellschast, die den Betrieb der 3lord- Südbohn führen wird, gewährt, durch die ein enges Zusani- mcngehcn zwischen der Hochbahn und der Stadt Berlin in bezug auf wichtige Berkchrssragcn gesichert wird. Zur Führung des Betriebes hat die Hochbahngesellschaft zunächst sechzig Wagen für den Betrieb der Nord- Südbahn bereitzustellen, und zwar, da mit der Fertigstellung der Stamm. strecke Seestraße— Hallcschcs Tor zum Spätsommer gerechnet wird, müssen diese Wagen zur Betriebserofsnung im Spätherbst(Oktober/November) bereilstehen. Bon Ansang an werden die Wagen der Nord-Südbahn eine E i» h e i t s! l a s s e aufweisen, die bisherigen Wagen der Hochdahn werden entsprechend hergerichtet. Wie wir hören, ist es noch erforderlich, diese leihweise herzugebenden Wagen für den Betrieb der Nord-Südbahn einem kleinen Umbau zu unterziehen: Zum Unterschied von der Hochbabn, bei der die Strom- abnchmcr von oben aus der dritten Schiene(Stromschiene) entlanggleiten, werden bei der Nord-Südbahn zur Vermeidung von Gefahren für die Reisenden, zur Verhütung von Betriebsunfällen und zur Erhöhung der Betriebssicherheit die Stromabnehmer an die Unter- feite der ausxchängtcn Stromschiene gepreßt, so daß es möglich ist, die stromfübrendcn Teile von oben und an den Seiten mit Holz zu verkleide,'. Dieser Umbau muß an den Wagen der Hochbahn, die für den Betrieb der Nord-Südbahn bestimmt sind, noch vorgenommen werden. Im übrigen ist die Arbeit an den Pläner für den neuen S ch n e l l b a h n w a g e n t p p, der in Zukunft bei der Nord-Südbahn Verwendung linden soll, so weit vorgeschritten, daß voraussichtlich schon zum Frühjahr ein Beiwagen für die Nord-Südbahn probeweise fertiggestellt sein wird. Zum Nktenrauü in Aachen ft-ranz. Die Ermittelungen in der Angelegenheit der auf geheimnisvolle Weise gestohlenen Strafakten des Ingenieurs Ew«d Franz, über die wir bereits berichteten, hat Staateanwalt Dr. Steinbrecher in die Hand genommen. Es konnte festgestellt werden, daß om 9. Januar d. I. ein«twa 30 Jahre alter Herr in den Dureauränmen der Staatsanwaltschaft I erschienen war. sich als Dr. juc. Karl Friedrich und als Vertreter des Franz vorstellte und um Einblick in die Alten Franz bat. Das wurde ihm auch gewährt. Er gob dann die Akten zurück, aber am andern Tag waren sie verschwunden. Dieser angeb- liche Dr. Friedrich war ober jener Kaufmann Gerhard Senger, der. als er dem Franz die Origianaiakten anbot, festgenommen wurde. Senger gestand zwar seine Derkaufsabsichten, bchouptcte aber, nur als Vermittler tätig gewesen zu sein. Mit dem Einbruch im Gerichtsgabäude habe er nichts zu tun. Im Laufe des heutigen Tages wurden vom Staatsanwalt Dr. Steinbrechcr mehrere Beamte der Stoatsanwaltschait und andere Zeugen über die geheimnisvolle Angelegenheit vernommen, wobei sich ergab, daß die im Gerichts- gebäude der Staatsanwaltschaft beschäftigten Beamten mit dem Aktenraub nicht in Verbindung stehen. Käuferruhe. Der gelegentliche Besucher der Zentralmarkthalle sieht heut? verwundert den Stillstand des Treibens, das dem Bilde, das er sich von diesem Zentralpunkt des Berliner Lebensmittelhandels gemacht hat. so wenig entspricht. Es wird nicht gekauft. Die Fleischer stände lassen das om besten erkennen. Einigen An- drang kann man nur bei den Wurstständen verzeichnen. Hier haben die Verkäufer genügend zu tun. Bei den Fischen ist das Geschäft sehr ruhig, da die Preise zu hoch sind. Die Zufuhr ist knapp und die Händler führen das auf den an der Waterkante herrschenden Kohlenmangel zurück. Auch bei den G e m ü s e st ä n d e n ist das Geschäft schleppend. Die Haus- frau kann heute für einen Blumenkohlkopf nicht, wie es gefordert wird, 8 bis 12 M. ausgeben, und sie zuckt höchstens die Achseln, wenn sie die Händler beteuern hört, daß der hohe Preis auf die Frachtspesen zurückzvführen sei. Das Klagelied der Händler spricht auch von dem täglichen Verlust(Abfall der Blätter), da die Ware nicht immer gleich verkauft wird. Mit diesen Gründen wird die Verteuerung der Landcsprodukte motiviert, ob sie genügen, soll hier nicht untersucht werden. Das rechte Leben kann unter diesen Umständen nicht mehr auf- kommen. Mit Maxgarine sind die Vcrkaufstische überladen, aber auch hier ist, sowett es sich übersehen läßt, die Nachfrage nur schwach. Naturbutter scheidet erst recht aus, da der Preis (44— 47 M. das Pfund) nicht sür jeden angebracht ist. Liebestod durch Gift. Em« Liebestrazödie wird aus der Kurfürsten st raße ge- meldet. Dort stieg in einem Pensionat ein 34 Jahre alter Ernesto Tisch auer, der in der Großen Fronk-surter Straße 44 bei seiner Mutter wohnte, mit einer 21jährigen Maria Schmidt aus der Niebuhrstraße 57 ab. Als die Gäste bis gestern abend den ganzen Tag über nichts von sich hören licßen. klopft« der Pensionsinhaber an, und oernahm nur ein schwaches Röcheln. Er ließ einen Arzt rufen und die Tür durch einen Schlosser öffnen. Man fand das Paar regungslos am Boden liegen. Der Arzt konnte bei dem Manne nur noch den Tod feststellen. Das Mädchen, das noch schwache Lebenszeichen von sich gab, wurde nach dem Krankenhause gebracht. Beide hoben anscheinend Gift genommen, aus welchem Grunde, ist noch nicht bekannt. Die Leiche Tischauers wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht.— Vergiftet hat sich anichein.nd auch ein 26 Jahre alter Schauspieler Ernst Dohlek aus der Augsburger Straße 33, der bei einem Bekannten in der Philipp. straße 13 übernachtete. Heute früh wurde der Gast tot aufgefunden. Bermutlich hat er sich vergiftet. Dohlek hatte bereits am Mittwoch voriger Woche einen Selbstmordversuch gemacht. Fegt Schnee! Streut Asche! Für die Schwerkriegsbeschädigten, besonders für die Deinampu» tierten und Blinden, ist das Laufen bei Schnee und Glätte außer- ordentlich anstrengend und lebensgefährlich. Der Stock, auf den sich diese Opfer des Weltkrieges sonst stützen, bietet ihnen trotz des Gummipuffers keinen Halt. Rur mit größter Dorsicht und Auf- bictung ihrer letzten Kräfte können sie sich vorwats bewegen, befürch- tend, in jedem Augenblick hinzustürzen und zu verunglücken. Aus diesem Grunde wird an olle Hausbesitzer. Berwalter und Pförtner die Bitte gerichtet, die Bürgersteige sorgsältig von Schnee zu reinigen und Asche zu st reuen. Erhöhung der Zeuge«» und Sachverständigeugeböhrea. Auf einen vom Borstand des Allgemeinen Deutschen Gewerk- schaftsbundes an das Reichsjustizministerium gerichteten Antrag teilt der Herr Reichsjustizminister mit, daß zurzeit im Reichsrat ein Gesetzentwurf vorliegt, der eine wesentliche Erhöhung der geltenden Gebührensätze vorsieht und voraussichtlich binnem kurzen dem Reichstag zugehen wird. »Soziale Forderungen zur Sexualrcform" hieß das Thema, über das Dr. Krisch« im Auftrage der»Gesell» schoft für Sexualreform" und des„Bundes für Mut- t e r s ch u tz" in der Aula des Friedrich-Wilhelm-Gymnastums sprach. Der Redner mußte im letzten Augenblick für die vorgesehene Rcfe- rentln(die an der Grippe erkrankte) Dr. Elisabeth Lüders den Lückenbüßer spielen. Der Vortragende ging in seinen inhaltreichen Betrachtungen vom grundsätzlichen Standpunkt aus und betonte, daß gerade auf dem Gebiet der Sexuolreform die Mitwirkung der Frau unbedingt erforderlich ist. In der Entwicklung der Wirtschaftssysteme sehen wir jetzt überall die Idee der Gcmeinwirt- schaft aufkeimen, die Sexuolreform aber wird erst kommen aus Grund der Einsickt neuerer Gesellschasts- und Raturwissenschoft. I» dar Dcnkform der Menschheit wurde die Mythologie von der Rcli- gion und diese von der Wissenschast abgelöst. Wir stehen on einer ungeheuren Wende des Zeitgeschehens. Die Sexualresorm ist nicht eine Angelegenheit absoluter Ideale, ist nicht Tcilprobiem, sondern soziales G-sellschaftsproblein. Zuerst müssen die wirtschaftliche Rot und die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau grundlegend beseitigt werden. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist noch nicht durch- gesetzt. Die Monogamie, von Staat und Kirche ausgebaut, hat die Be» freiung der Frau nicht gebracht. Heute bleiben 60 Proz. der Frauen ehelos. Da müssen Forderungen einer Mutter- rente für Frau und Kind erhoben werden'und ein staat- liches Existenzminimum müßte jedem Menschen, jedem Arbeitenden, jedem Kranken und Alten zuerkannt werden. Die Rückständigkeit der Frau ist sehr zu beklagen, denn die Sexualrcform ist ein Unding ohne die politische Reife der Frau. Meistens ist heute die Frau lieber versorgte Dienerin als freie Kämpferin. Der Redner führte sodann die Verbesserungen im Gesundheitswesen an, die teilweise Reform des Hebammcnwessns, die Unterstützung von stillenden Müttern, die Wochenhilfc, die Ansänge der Wohnungsreform und des Schutzes der Unch;lichen. Die Diskussionsredner unterstrichen die Ausführungen des Hauptredners und brachten erschüt- ternde Wirklichkcitsbildcr, die lebhaft für eine Menschenökonomie und die Sexualrcform sprachen. Geringe ZNilchvcrbilllgung. Bis zur ersten Januarwoche wie» der Butterpreis eine fallende Tendenz auf. Hierdurch hatte sich die Milcheinsuhr nach Berlin in einem Maße gesteigert, daß die bisherig« Einulsionsmllchhcrstellung auf einen geringen Teil ihrer Menge herabgesetzt werden konnte. Der M i l ch p r x i s für freie Vollmilch und Emulfionsmilch kann daher bis auf weiteres von 6,20 M. auf 6 M. gesenkt werden. Vcrciitlgiing proletarischer Kinderfreunde. Ter Kursus der M cnossiu Frieda W i n t e l in a n u in Neulölln, Gcmemdclchulc lltütlistrahe. zur.«liudergärtnerinmidkuldung ist von dieser Woche ab von Milllvoch auf Freitag, abends ü Uhr. verlegt worden. Z-olkebildttngsar'beit im SN. Bezirk. DerVezirk bat in Nciiricken- dorf, Tegel, Teqelort. HermSdorf. Roicutbal, WaidmannZIust. Wittenau, Helligenfre. Boriigwalde insgeiaint ttl BolkSbüchereren, deren Be- nuhung der Bevölkerung angelegentlichst cnrpsoblen wird.— An lünstlerischeir Veranftaltun-ren finden statt; 4 Tbcatervoritelliingen(von llkilglicdcr» des StaatStbealerSi. 7 Kammer mulikabcnde. N PolkSIiedcrabcride. 4 Unter- haNungsabcndc, t Mnsikabcnd.— Erwerbslose babcn zu allen Peranstaltnngcn gegen Borzcigmrg ihrer Ttempellarte freien Zutritt. Näheres gehl auS» den Anschlägen hervor. Auskünfte crtcitt das LolkSbildungSamt. wieder ein Ablief erungsdampfer scrligqestellt. Der be! Blohm ». Doh in Hamburg auf Grund des Ablieferungsvertrages für die White Star Line fertiggestellte Dampfer Homeric(Exkolumbus) hat seine Probefahrt glänzend bestanden. Der 35 000 Tonnen große Doppelschraubendampfer hat über 21 Meilen Fahrt gemocht und damit mehr geleistet als in der Bauoorschrift vorgesehen war. Wetter für morgen- vcrlk« und Umgegend. Zeitweise ousflarend, jedoch überwiegend trübe mit geringen Niederschlägen und ziemlich frischen, südlichen Winden. Sroß-öerliner partelnachrichtea. sc. Übt. DI« FunviouIIrkonstreni findet aw Donner,»«« nicht bei(Srünsn, Stahtheimer Str. 90, statt, sondern bei A. Carl, Wichertstr.«9.' der dürgermeiftermorü lm Güenwalö. Heidelberg, den 17. Januar. Der Schwurgerichtssaal bietet heute ein etwa» anderes Bild als gestern. Auf dem Gerichtstisch sieht man eine Anzahl von Beweis- und Fundstücken aus dem Besitze Sieferts und auch den Ringsinger des ermordeten Bürgermeisters Busse in Spiritus und die Schädel- deck« des ermordeten Bürgermeisters Werner. Bei Fortsetzung der Beweisaufnahme gibt Siefert zu, daß die auf dem Gerichtstische sie- gende Waffe die von ihm geänderte Waffe ist, die man om Tatort aufgesunden hat. Er habe früher geleugnet, daß dies seine Waffe fei. und zwar nur deshalb, weil er sich nicht in Mordverdacht bringen wollte. Mehrere Zeugen, die mit Siefert zusammen gedient hatten, stellten ihm ein im allgemeinen gutes Zeugnis au». Bemerkenswert ist die Aussage des Bruders des Angeklagten, des Bildhauers Johann Siefert aus Olfen, der aussagt, daß sein Bruder am 27. oder 28. April die Waffe aus Olfen mit sich genommen habe.— In der Verhandlung wegen versuchten Raubmordes on den Ingenieur Link au» Weinheim erklärt der Angeklagt«:»Ich kann nicht viel darüber sagen. weil ich die Sache nur in den Zeitungen gelesen Hobe, und daher nur das weiß, was diese hierüber mitteilten. Der Täter bin ich nicht." Es folgt die Aussag« des 32 Jahr« alten Ingenieurs Link aus Weinhettu. Neue StreikgefahT im Eisenbahnbetrieb die öerlkner Eisenbahner foröern Generalstreik. Der Deutsche Eiscnbahnerverband, Ortsgruppe Groß-Berlin, hielt Dienstag in der Böhowbrauerei eine ungewöhnlich stark besuchte Mitgliederversammlung ob. Bezirtsleiter Knebel vom Direktions- bezirt Berlin gab ein Bild von der Lohnbewegung, wobei er auch kritische Streiflichter warf auf die Stellung, die der Allgemeine Eisen- bahnerverbnnd und die Reichsgewerkschaft einnahmen. Als er das bisher vorliegende vorläufige Resultat der Bewegung und der Ver- Handlungen vortrug, brach ein Sturm der Entrüstung in der tausendköpfigen Menge los. Auch die Mitteilung, dost erst am 23. Januar die Verhandlungen wegen der Ueberteucrungszuschläge beginnen sollen, rief große Erregung hervor. Zum Schluß bemerkte Redner: Wir haben vom ADGB. eine Unterstützung in unserem Kampfe verlangt: der ADGB. hat sie uns nicht gewährt, od- wohl unser Haupworstand sich dafür mit aller Kraft eingesetzt hat. Es folgte eine sehr eingehende und lebhafte Diskussion. Allge» mein wurde erklärt, daß die mageren Zugeständnisse rundweg unannehmbar seien. Ein Redner regte die sofortige Einbe- rufung ewcr Funttionärversammlung an, die eventuell beschließen soll, die Forderungen durch Streik durchzudrücken. Bernhard vom Hauptvorstand wies verschiedene Angriffe gegen den Hauptvorstand zurück und führte unter anderem aus: Weil der Streik, dieses Vorpostengefecht, geklappt hat, glaubt ein Teil der Eisenbahner, daß das Experiment bei jeder Gelegen- heit wiederholt werden könne. Bor dieser Auffasiung muß gewarnt werden. Jetzt in einen Streik hineinzurennen, wäre eine Dummheit und ein Unglück. Jetzt, wo wir noch mitten in den Verhandlungen stehen, würde der Beginn eines Streits der Eisenbahner bewirken, daß gegen sie die ganze Bevölke» rung aufsteht. Mit einem Eisenbahnerstreit darf nicht gespielt werden. Jetzt haben Sie keine Parole. Es werden die Ueberteue- rungszuschlöge festgesetzt werden. Wenn festgestellt wird, daß die Privatarbeiterschast mehr an Lohnbezügen hat wie Sie, dann be- kommen Sie bis zu dieser Höhe einen Ueberteuerungszuschlag. und zwar ab 1. Januar. Nach 4M! stündiger Debatte nahm die Versammlung gegen wenige Stimmen folgende Resolution an: .Die Versammlung erkennt, daß durch da» Verhandeln mit der Regierung nicht das herauskommt, was wir als Arbeiter und De- amke zu fordern haben. Dorum kommt sie zu dem Entschluß, daß nur der Generalstreik die einzige Antwort auf da» Verhandlungsergebni» fein kann. Mr fordern die Orts- verwalkung und den Hauptvorstand auf, sofort alle diesbezüglichen Schritte zu unternehmen. Mr verpflichten uns, für die Forderungen der sozialen und wirtschastlichen Besserstellung sofort tu den Kampf zu treten." Strekkstkmmung In Sachsen. Aus Dresden meldet der Bezirk Sachsen de» Deutschen Eisenbahnerverbandes: Aus. allen Ortsgruppen unsere» Bezirk» erhalten wir die Nach- richt, daß die Mitglieder— Beamte wie Arbeiter— die von der Re- gierung bewilligten Zulagen als völlig ungenügend ab» lehnen. Sie fordern den Berbandsvorstand aus, der Regierung gegenüber das unzureichende Ergebnis der Verhandlungen obzu- lehnen und, falls eine Einigung nicht möglich ist, die Arbeit»- niederlegung anzuordneil. Aus dem uns von den Ortsgruppen übermittelten Material für die Verhandlungen über die Ueberteuerungszuschläg« geht hervor, daß die Eisenbahnarbeiter unter Zugrundelegung ihrer neuen Löhne in der übergroßen Zahl der Orte immer noch 4 bi» S M. an Stundenlohn weniger als dle Privatarbeiter er- hrlten. Vielfach ist der Unterschied noch größer. Ebenso erreichen die Beamten der mittleren Besoldungsgruppen nur in sehr wenigen Fällen«in gleiches Gehalt wie die mit ihnen zu vergleichenden Privatbeamten. Die von der Regierung zugesagten Kebertenerungs- zuschlüge können bei der Sachlage im hiesigen Bezirke nicht ausreichende Hilfe bringen. Die Stimmung der Mitglieder im Land« ist äußerst erregt und, fall» die Regierung nicht sofort die Löhne und Gehälter im allgemeinen genügend ausbessert, so ist mit der Arbeitsniederlegung zu rechnen. lllkimatum ia Dresden? Nach der.Roten Fahne" haben die Funktionär« de« Deutschen Cisenbahnerverbande,— Dresden— beschlossen, ein« Mindest- zulage von 3 M. pro Stund« rückwirkend vom 1. De« zember 1S21 zu fordern. Sollte die Regierung bis zum 21. Ja- nuar mittag» 12 Uhr keinen zusagenden Bescheid erteilt haben,.so wird da» letzte gewerkschaftliche Kampfmittel zur Anwendung kommen". Dix Gehälter der Beamten bis Gruppe IX sollen analog den Forderungen der ReichslohntarifempfSnger erhöht werden. Ver Sonöerschritt öes SeamtenbunSes. Dor.Deutsch« Beamtenbund" hat— wie wir bereits meldeten— vor einigen Tagen eine Denkschrift mit neuen Forde- rungen an den Reichstag gerichtet. Er hat damit den Weg be- schritten, den vor ihm schon der.Deutsche Gewerkschaft». b u n d"(Christen) gegangen ist. Die Aktion dieser beiden Organi- sationen. die nicht in Einklang zu bringen Ist mit dem bisherigen gemeinsamen Vorgehen aller an der Neuregelung der Bezüge der Bediensteten des Reichs und der Länder interessierten Organi- sationen. hat die beteiligten freien Gewerkschaften zu folgender Erklärung veranlaßt: .Durch die von dem Deutschen Leamtenbund und dem christ- lichen Deutschen Gewerkschaftsbund dem Reichstag übermittelten Eingaben ist die Einheitsfront der an den bisherigen ver Handlungen über die Neuregelung der Bezüge der Arbeiter, An gestellten und Beamten des Reichs und der Länder beteiligten Spitzen- verbände gesprengt worden. Die dem Allgemeinen Deut- schen Gewerkschaftsbunde und dem Afa-Dunde an- geschlossenen, für die Bewegung in Betracht kommenden Der- bände müssen es ablehnen, sich diesem allen gewerkschaftlichen Ge- pflogenheiten widersprechenden Vorgehen anzuschließen. Das nur von agitatorischen Gesichtspunkten getragene Verhalten des Deutschen Beomtenbundes und des christlichen Deutschen Gewert- schaftsbundes gefährdet aufs äußerste den Fortgang der mit der Reichsregierung noch schwebenden Verhandlungen über die Feft setzung der Ueberteuerungszuschüsie und ihre Uebertragung aus all« Arbeiter» Angestellten und Beamten, sowie der anderen noch zu regelnden Fragen. Von dem Ergebnis dieser Verhandlungen wird die endgültige Stellungnahme der ftelen Gewerkschaften abhängen." Heute noch treten nach unseren Informationen die Vertreter der beteiligten Organisationen zu Verhandlungen über diesen Streitfall zusammen. Bielleicht hat der Beamtenbund noch nicht alle Töpfe zerschlagen und findet sich noch ein« Möglich keit, wenigstens bis zur Beendigung der noch schwebenden Derhand lungen mit der Regierung, eine Einheitsfront herzustellen. Im Jnteresie aller Arbeiter, Angestellten und Beamten liegt ein solches Verhandlungsergebni»._ Jm Kampf um öen Manteltarif. Ein« vom Lahnkartell für die Gemeindebetriebe Groß--Berlin» einberufene Funktionärversammlung tagt« am Dienstag im Lehrervereinshaus, um den Bericht über die mit dem Magistrat gepflogenen Verhandlungen über den neuen Manteltaris entgegenzunehmen. Der Bericht wur�e von Lagadzinsti er- Stattet. Es ist bisher noch nicht möglich gewesen, den larif fertigzustellen. Beide Parteien haben Aenderungen und Wünsche vorgebracht, über die eine volle Einigung noch nicht erzielt werden konnte. Der Magistrat möchte den Tarif nur auf die Angestellten ausdehnen, die Vertretungen der Organisationen wollen aber auch die Arbeiter einbezogen haben. Auch der Urlaub soll nach dem Magistratsentwurs geändert werden. Die Arbeitszelt beträgt bisher täglich S Stunden einschließlich einer Pause von 15 Minuten. Der Magistrat will die Zeit aus 8 Stunden au»- schließlich der Pause festsetzen. Für die Betrieb«- arbeiter in den Gaswerken gilt eine verkürzt« Arbeitszeit von 6 Stunden: diese verkürzte Arbeitszeit will der Entwurf des Magistrat» nur den unmittelbar vor der Feuerung stehenden Arbeitern zuerkennen. Das bisherige Mitbestimmungerecht erstreckt fich auf die Arbeitsverhältnisse. So hatte z. B. der Einspruch de» Betriebs- rats bei Kündigungen eine aufschiebende Wirkung. Hier möchte der Entwurf wesentlich« Aenderungen einführen. Abkehrgeld will der Magisttat nur den Angestellten gewähren. Ueber die Forderung, daß bestehende bessere Dedingun- gen bleiben sollen, sei eine Einigung noch nicht erziekt. Di« Verhandlungen werden heute(Mittwoch) fortgeführt. Redner stellt in Aussicht, daß der neue Tarif bis zum 1. Februar in befriedigender Fassung fertiggestellt sein werde. Ueber die noch strittigen Punkte dürste eine Verständigung erziell werden. Mitgeteilt wurde in der Bersammlung noch, daß der Tarif- oertrag für die städtischen Wert«, um den zweimal gestreikt wurde, vom Magisttat den Parteien noch nicht zur Unterschrist vor- gelegt worden sei, was bereits groß« Beunruhigung unter der be»' teiligten Arbeiterschaft hervorgerufen habe. Die folgend« Diskusston nahm zeitweise einen sehr erregten Charakter an. Es wurde allgemein oerlangt, daß dl« Bestimmuo- gen des neuen Mantcttariss kein« Verschlechterung Arbeitsbedingungen bringen dürfen. Au» den Aeuherungen ging deullich hervor, daß man andernfalls unv«rzügli ch da» letzte gewerkschaftliche Mittel zur Abwehr anwenden werde. Endlich wurde folgende von den Gasarbeitern eingebrachte Ent- schließung o'h n« Gegenstimme angenommen: Das Lohnkarten hat den Abschluß des Manteltarif» mit aller Energie zu beschleunigen, so daß er spätestens bis zum Schluß dieses Monats erfolgt ist. Die Gasarbeiterschaft steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die ideellen und materiellen Bestimmungen und insbesondere das Mitbestimmungsrecht de» alten Mantettarif» unter allen Umständen erhalten bleiben müsieu. Der Tarif ist für Ardeiter und Angestellte abzuschließen. iverfaulteS Getreide und Mühlesarbeiterstreir. Noch am 13. Januar verbreitete die LS.�orrefpondenz folgende Nachricht: „Für die in den Mühlen lagernden Kornvorräte hat der Stteik glücklicherweise bisher keine schlimmen Folgen gehabt. Die G e- fahr des Verderbens besteht deshalb nicht, well Im letzten Jahr« das eingelagerte Getreide außerordentlich ttocken war. Wäre das Gegenteil der Fall gewesen, so würde da» Fehlen sach» gemäßer Behandlung die Bildung von Schimmelpilzen zur Folge haben und große Getteidemengen wären dem verderben preisge- geben worden." Diese ovtimistisch« Darstellung aus den Kreisen der Mühlen- b e s i tz e r ist jetzt durch eine entgegenstehende Mitteilung abgelöst worden, wonach auf Ersuchen der Humboldtmühl« in Tegel die Technische Nothilfe eingesetzt worden sei, um 300 Ton- nen amerikanischen Weizen vor dem verderben zu bewahren. Der Weizen sei infolge des seit drei Wochen währenden Stteiks der Mllhlenarbeiter, dem Mangel sachgemäßer Bearbeitung warm ge- worden. Die Nothilse habe unter polizeilichem Schutz da» Um- schaufeln des Kornvorrats vorgenommen. Die von der Mühle auf die Gefahr aufmerksam gemachte Stteitleitung habe diese Arbeit abgelehnt. Eine Versammlung der Stteikenden der Humboldtmühle am Dienstag befaßte sich mit diesem Lencht und klärte die Sache aus. Das„warm" geworden« Getteide liegt seit Monaten schon an der gleichen Stelle. E» macht den Derfaulungsprozeß f dvrch und auch der hindurchgehende Elevatorgurt ist mü in Fäulnis ! übergegangen. Niemandem von der Direktion war es bis ' dahin eingefallen, dafür zu sorgen, haß das Getteide gewendet wurde. Bor einem Vierteljahr waren einige Arbeiter damit be- aufttagt worden, es zu wenden. Da jedoch zu wettig Leute im Be- ttiebe waren, wurden diese mit anderen Arbeiten befchästigt. Sechs Wochen vor dem Stteik hat man noch Arbeiter wegen Arbeitsmangel entlassen, trotzdem man wußte, daß da» Getteide unten aus dem Boden am Verfaulen und oben schon handhoch grün war. Daß die Stteikenden e» ablehnten, jetzt diese Arbeit zu ver- richten, ist erklärlich. Sie überlassen dies bereitwilligst der Tech- nischen Nothilf« und werden ihr bei der etwa sechs Wochen lang währenden ungesunden Arbeit keine Schwierigkeiten bereiten. Vielleicht sieht die Technisch« Rothilfe auch einmal nach den auf dem Rieselboden liegenden 300 Tonnen Roggen! Die Stteikenden weisen es ab, sich die Schuld für Schäden in die Schuhe schieben zu lasten, die nach dem sachkundigen Urteil der Mühlenarbeiter überhaupt nicht existieren, noch für solche, die längst vor dem Streik infolg« ihrer„Umsicht" entstanden sind. Will die R e i ch s g e t r e i d e st e l l e das Reich vor noch größer« Schäden bewahren, die entstehen müsten, wenn die Müh- lenbesitzer sich mit den streitenden Mühlcnarbeitern nicht einigen und nicht mahlen wollen dann muß sie das Getteide alsbald auf ihre Rechnung mahlen lasten. Auch wenn der geforderte Lohn da- für gezahlt wird, bliebe noch ein erheblicher Ueberfchuß für das Reich und der Nutzen für die Allgemeinheit. Eonntagsrnhe und Landwirtschaft. Der Reich«au«schuß der deutschen Landwirtichatt hat ein« Ent- schließung gegen die SonntagSrube im HandelSge- werbe auf dem Lande bzw. an kleinen Orten gefaßt. Durch die volle Sonntagsruhe würden besonders dem Klein- und Mittel« grundbesitz erhebliche Arbeiiskräft« an Wochenlagen entzogen. Bei großen Enliernungen müste oft das einzige Gespann zu HUfe ge- nommen werden, woS zu groben wirtschafllichen Echädigungeu führe. Es fei ein dringendes Bedürfnis der kleinen Grundbesitzer und der Arbeitnehmer des größeren Besitzes, an Sonnlagen in Verbindung mit dem Kirckgang Einkäufe zu erledigen. Do jedoch das Wetter oft für die Möglichkeit des Emkaufs an einem be- stimmten Tage ausschlaggebend sei, müßten unter Umständen dennoch Wochentage zu Hilfe genommen werden. Die Freigabe eines einzigen Sonntags im Monat genüge nickt. Es müsie daher der unteren Verwaltungsbehörde vorbehalten bleiben, im Falle de» BedÜrfnisieS auck an anderen Sonn» und Festlagen die Be- schäftlgung von Gehilfen, Lehrlwgen und Arbeitern im Handels- gewerbe zuzulasten. Dazu fei bemerkt, daß auch die Neinen Grundbefitzer und deren Angehörige an Wochentagen f» oft zur Stadt kommen, daß sie sehr wohl in der Lage sind, ihre Einkäufe dann mit zu be- sorgen. In der Regel besteht auch«in Bolenverkehr. Fraglich ist nur. ob die Landarbeiter die Möglichkeit haben, bei voll- ständiger Sonntagsruhe ihre Einkäufe zu macken. Sollte hierzu e i n Sonntag im Monat tatsächlich nicht genügen, dann müßte den Geschäftsinhabern in Landorten gestattet werden, so- fern e« tatsächlich als notwendig erscheint und sie es wünfchen, Sonntag» kurze Zeit»kfenzuhalten, ohne Beschäftigung von Angestellten._ Forderungen der Schauspieler. Der BezirkSverdand Berlin der Genossenschaft deutfcher Bühnenangehörigen hat dem Verbände Berliner Bühnenleiter neue GehaltSforderungen und Forderungen allgemeiner Natur überreicht. Die Schauspieler fordern als Mindestgage vom 1. Januar d. I. ab 8000 M.,«ine TeuerungS« zutage von 70 Proz. auf alle Gagen von 2001 bis V000 M. und auf alle Höberen Gagen eine Teuerungszulage von 8500 M. Außerdem fordern sie eine Kinderzulage von 2S0 M. und für alle Bühnenmitglieder, die ein« Monatsgage von 4800 M. beziehen, eine einmalige WirtfchaftSbeihilf« von 2000 M. Zur Beratung dieser Forderungen fand eine Verhandlung statt. Da nach fast dreistündiger Beratung keine Einigung erzielt werden konnte, wurde beschlosten, die paritätische Schlichtungsstelle anzu- rufen, dt» bereit« au einem der nächsten Tage zusammentreten wird. Oeitfliht»«eelourp« raetHaS.«ersammlm»»«Orr tabustrie»oiraeretog 5 Uhr tm Schultheiß, BrUckenftr.«d. FM» verantw. k&r de» rehakt. Teil zeigen! Th. Slick«. Berlin. Verlag BarwSrta-Buchhruckerei u. Berlagsanltait : Franz MUH,. BerNn-Ltchterfew»! str«rn- g Varwarts-Verlag®. m. b. Berlin. Druck: anstatt Paul Singer u. Ca.. Berti». Lindenstr. lt. Gewtnn-AuSzng de« t». Drnl�.eGSdd.(245. PrrnS) l SUff«. 1. LlrhrmgSta«. tf. 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