Nr. 50 Jahrgang Ausgabe Nr. 4S Bezugspreis: Lkertellährl.S�.- M., monatl. 20,— M. frei ins Saus, voraus zatildar, Pos». bezug: Monatlich SO.— M, einschl. Zu- stellunqsgebükr. Unier Kreuzband fiir Deutschland, Dan,ng, das Saar- und Mcmelqcbiet, sowie die ehemals deut- scheu Debiete Polens. Oesterreich- Ungarn und?uxemburg dt,— M.. tiir das Übrige Aueland 72.— M. Post- besiellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Tschccho- Slowaiei. Däne- mark. Holland, Luxnnburg, Schweden und die Schweiz, Der„Vorwärts� mit der Sonntags- bcilage„Volt und Zeit", der Unier- Hallungsbeilage„Heimwelt" und der Vellage„Siedlung und Kleingarten" «rschemi wochcnläzlich zweimal, Sonw- tags und Montags einmal. Telegramm-Adrelse: «Sozioldemokrot verlia- Abend-Ansgabe Devlinev Volksblatt c «a ßt. auswart* 50 Pfennig ) NnzrlgenvretS, Die zehngelvatten, illonvaretllezeti, kostet 9,- M„Kleine Anzeigen" das fettgedruckte WoN i»,- M,(zu- lässig zwei sellgedruckle Wortes, icdee weiter? Wort l-V) M Stellengesuch, und Schlasftellcnanzetgen das erst, Won IL» M„ ledes weiter, Won >.- M Worte stder Ib Buchstaben zählen flli zwei Wone Familien-An- zeigen für Abonnenten Zeile*,- M Die Preise verstehen sich einschließlich Teuerungszuschlag Anzeigen wr die n ä ch st« Kummer müssen bis«>/z Ilhr nachmittag» tm Hauptgeschäft, Berlin EW bb, Linden- strahe S, abgegeben werden Geöffnet von 9 Uhr früh bi, b Uhr nachmittag» Zcntratorgan der Sozialdemokrat» fchcn Partei Deutfchlands Neöaktion und Expedition: SU? öS» Sindcnftt. 3 St-i-rin'nr�rfiri-- Rrdaktioa Moristpla»»51»5— 97 zztrinytcnkrr. Morivvlatt»1753—54 Donnerstag, den 10. Februar 1922 Vonvarts-Veriag G.m.b.H., SW b8, Lindenstr. 3 !Lrrn«t,r>-ef,-r- Vorlag. Os-xurdition und Inseraten- »yrrnipririier. Abteilung Morinpla*»175» 54 vor öem horch Budapest. IL. Februar.(Intel.) heule um 3 Uhr vormittags trat die Rationalperjammlung zum letzten Male vor ihrer Auflösung zusammen. Aus der Tagesordnung steht die Wahlreform, die auch gestern bis spät in die Abendstunden hinein die Neiionalver- sammlung beschäftigte, ohne datz es zu einer Verabschiedung der Regierungsvorlage kam. Spät abends machte der Abg. Karl huszar noch einen letzten Versuch: er beantragte ein Kompromiß, wonach das Wahlrecht an die Kenntnis des Lesens und Schreibens geknüpft und die Geheimabstimmung im ganzen Land eingeführt werden sollte. Ministerpräsident Graf Vethlen erklärte, daß er nicht selbständig eine Entscheidung über diesen Vorschlag fällen könnte. Er begab sich hierauf zu horthy und teilte nach seiner Rückkehr dem Parlament mit. daß die Regierung n i ch t in der Lage sei, dem Kompromiß zuzustimmen. Abg. Huszar erklärte dazu im Ramen der Ehristlichnotionalen Partei, die Annahme der Regierungsvorlage mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Es steht danach ziem- lich fest, daß auch die heutige Sitzung ergebnistos bleiben und die Genua unü Cannes. Der italienische Botschafter in London hat der britischen Regierung die Erklärung der italiomschen Regierung über- bracht, daß sie die Eröffnung der Genueser Konferenz am 8. März wünsche. Bon der Anwesenheit des tfchechoslowa- tischen Ministerpräsidenten Dr. B e n e s ch in London aber kann man vermuten, daß sie Frankreichs Wunsch nach Ber- schiebung der Konferenz unterstützen soll, zumal dies ja auch der Wunsch der Kleinen Entente ist. Die italienische Presse zeigt immer deutlicher ihre Verstimmung über die französischen Manöver, die eine Verschiebung der Konserenz in Genau er- reichen wollen. Der Grund der auffallenden Verstimmung i n R o m ist, daß man eine Sabotage der ganzen Konferenz von französischer Seite befürchtet. In wohlunterrichteten römischen diplomatischen Kreisen will man wissen. daßPoincar6 am liebsten sehen würde, wenn die Konferenz überhaupt nicht zustande käme und daß er die Verschiebung der Konfe- renz nur deshalb betreiben, well er hoffe, in den drei Monaten die Konferenz dann überhaupt zum Scheitern bringen zu können. „Daily Telegraph" berichtet, daß die im Obersten Rat ver- tretenen Regierungen ein vorläufiges Uebereinkommen über die Methode der Behandlung der deutschen Repo««ionen im laufenden Jahr erzielt zu haben scheinen. Die Fest- setzung des Umfanges und des Zeitpunktes der Barzahlungen und der Lieferungen in Waren soll der Reparations- k o m m i s s i o n überlassen werden. Die Annahme dieses Vor- schlages PoincarSs durch die Alliierten Frankreichs lei jedoch Bedingungen unterworfen, deren Ergebnis die Aufrecht- erhaltung der Grundzüge des in Cannes ausgearbeiteten versuchsweisen Abkommens sein werde. Wenn daher die Reparationskommission zugunsten eines T e i l m o r a- t o r i u m s für Deutschland Beschluß fassen sollte, so würde die Verteilung der dabei für die verschiedenen Alliierten entstehen- den Opfer auf in Cannes festgesetzter Grundlage erfolgen (wonach Frankreich nichts zu opfern braucht); außerdem sei man der Ansicht, daß es Sache der alliierten Regierungen und nicht der Reparationskommission sei, die Einzelheiten der Zu- Weisung der Reparationsbetröge an die Alliierten zu regeln. In der französischen Kammer hat der Rechtssozialist A u b r i o t folgende, wohl kaum sehr aussichtsreiche, Resolution eingebracht: Die Kammer fordert die Regierung auf, sowohl den alliierten Regierungen wie den Regierungen der anderen Länder einen Finanzplan vorzulegen, der vorschlägt, 1. die Schuldsorde- r u n g der Alliierten an Deutschland sc, wie sie in ihren Ver- pflichtungen, ihren Garantien und ihrer Gesamtsumme durch den Vertrag von Versailles und durch die Entschließungen der Re- parationskommission bestimmt und festgelegt ist, an den Völker- b u n d zu übertragen, 2. durch den Völkerbund ein i n t e r n a t i o- nales Bankinstitut zu schaffen, das beauftragt wird, ein durch die deutsche Schuld garantiertes internationales Geld in Umlauf zu fetzen und die Verteilung dieses Geldes an die inter- essierten Staaten nach Maßgabe ihrer Rechte zu sichern sowie seine Tilgung durch eine Abgabe auf die jährliche deutsche Ausfuhr zu betreiben. Die belgische Kammerkommission für auswärtige An- gelegenheiten setzte die Bedingungen fest, unter denen Belgien an der Konferenz von Genua teilzunehmen gedenkt. U. a. werden Garantien verlangt, daß in wesentlichen Problemen, die in Genua zur Behandlung und Entscheidung kommen, ein vorheriges Einvernehmen zwischen allen Alliierten erzielt werde. Der belgische Außenminister I a s p a r hat bei der eng- tischen Regierung wichtige Abänderungen des belgisch-eng- lilchen Earontievertrages erreicht. Die Dauer des Vertrages wird auf 50 Iobre festgesetzt. Der Vertrag wird nur dann wirksam, wenn Belgien sich einem von Deutschland provo- �-Staatsstreich. Regierung nach erfolgter Austösung des Parlaments ihre Dahl- reform dem Lande aufoktroyieren wird. Budapest, 16. Februar.(Intel.) Der Gerichtshof vou Kapos- var hat den zu der Oppositionspartei der Kleinen Landwirte ge- hörenden Abg. P a k o z g y wegen Aufreizung zum Klassenhaß. derer .er sich in einer Versammlung schuldig gemacht haben soll, zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Die Eczberger-Mö'röer abbeförSert. Budapest, 16. Februar.(DA.) Wie verlautet, sind die deutschen Kriminalbeamten, die hier weilten, um nach den Mördern Erz- bergers zu fahnden, ohne positives Ergebnis wieder abgereist. Fest- gestellt soll allerdings sein, daß Schulz und Tillcssen sich in Budapest aufgehalten haben. Ihre Spur führt nach Temesvar. Die Nach- forschungen werden fortgesetzt, doch nimmt man an, daß die Mörder Ungarn bereits mit ungarischen Pässen unter falschen Namen verlassen haben. zierten Angriff ausgesetzt sieht, nicht aber bei jedem Angriff schlechtweg. Das Recht EnglaPds, die auswärtige Politik Belgiens zu beeinflussen, ist ausgeschlossen. Bisher sah der Artikel 3 des Vertragsentwurfs vor, daß Belgien keinerlei Abmachungen treffen konnte, die im Widerspruch zu den Be- stimmungen des englisch-belgischen Vertrages standen. Frankreich unü Rußlanü. Dem Vertreter des„Rußpreß" wurde in der hiesigen franzö- stschen Gesandtschaft erklärt, daß die Gesandtschaft bisher keinerlei Bestätigung über den Abschluß eines Abkommens erhalten habe und daß sie an die Möglichkeit eines solchen Abkommens vorerst überhaupt nicht glaube. Da jedoch das Dementi nicht in kategorischer Form abgegeben wurde, so ist anzunehmen, daß jedenfalls zurzeit Verhandlungen stattfinden, die sich auf der Grundlage des in der Presse ver- öffentlichen Entwurfs eines Abkommens bewegen. Keine deutsche Schuld in petersüorf. In dem Bericht an die Rcichsregierung über seine Feststellungen in Schlesien führt Staatssekretär a. D. P e t e r s aus, es sei in mehr- tägigen eingehenden Besprechungen mit dem Oberpräsidenten, dem Sielloertmer des Regierungspräsidenten in Breslau, dem Re- gierungsprüsidenten des unter deutscher Verwaltung stehenden Teiles des Regierungsbezirks Oppeln, dem Polizeipräsidenten von Breslau sowie mit dem Kommandeur der 2. Kavalleriedivision und Offizieren seines Stabes r�urde zweifelsfrei festgestellt, daß keine leitende zivile oder militärische Stelle irgendwie direkt oder indirekt an den Vorgängen in Petersdorf beteiligt war oder auch nur von irgendeiner geplanten Unternehmung im be- setzten Gebiet Kenntnis gehabt hatte. In einer mehrtägigen Reise durch die Landkreise haben sich durch Befragung der Landräte und Bürgermeister und auch der Gemeindeorgane. Landjäger und Grenzpolizistcn keinerlei Anzeichen dafür ergeben, daß irgend welche Waffentransporte nach dem besetzten Gebiet stattfinden. Besonders eingehend ist Staatssekretär Dr. Peters der Frage nach- gegangen, ob die seinerzeit in Oberschlesicn abtransportierten und im unbesetzten Gebiet untergebrachten Selbstschutzfornia- t i o n e n noch in irgendeiner Form existieren und mit den frag- lichen Vorfällen in Verbindung gebracht werden könnten. Das Er- gcbnis war durchaus negativ, alle diese Formationen, Arbeits- gemeinschaften usw. sind verschwunden. Das Ergebnis der fünftägigen Untersuchung ist daher dahin zusammenzufassen, daß die Vorfälle in Oberschlcsien in keiner Weise mit irgendeiner Be- Hörde oder Organisation oder privaten Unternehmung außerhalb des besetzten Gebietes in Verbindung gebracht werden können. Die Er- mittlungen wurde dadurch erschwert, daß die Interalliierte Kommission in Oppeln der Bitte der deutschen Regierung um Mitteilung der Untersuchungsergebnisse der interalliierten Behörden bisher ni>cht entsprochen hat. Cffektendausse an der Sörse. Heute fanden am Berliner Devisenmarkt nur unbedeutende Umsätze statt. Der Dollar hielt sich auf 199 bis 200. Um so lebhafter ging es an der Effektenbörse zu. Die Nachricht, daß ein Londoner Konsortium an deutsche und tschechische Besitzer von Laura-Zlklien ein Angebot von 5l> Pfund Sterling für die 120()-Mart Aktie gemacht habe, was einer Bewertung von mehr als 40 000' Mark entspricht, rief eine explosive Steigerung der oberschleiischen Werte hervor. Laurabütte gewannen 500 Proz. Die übrigen oberschlesischen Werte stiegen durchweg um I0j) bis 200 Proz Diese Hausse wirkte naturgemäß auf den gesamten Effektenmarkt zurück. Während man im vorigen Sommer den sogenannten Sach- oder Goldwert der Industriepapiere als Maßstab annahm, be- trachtet man sie heute unter dem Gesichtspunkt, ob das Aus» l a n d für sie Interesse haben könnte. Die Geschlagenen. Die große Koalition zur Errichtung eines Rechtskabi- n e t t s, die sich gestern von den Deutschnarionalen bis zu den Kommunisten zusammengefunden hatte, hat ihre Niederlage erlitten, und ihre Presse gibt sich keine sonder- liche Mühe, weder die Tatsache noch ihre namenlose Ent- täuschung darüber zu verbergen. Besonderes Objekt des Zorns fft der Teil der Unabhängigen, der durch Stimmenthaltung zum Siege des Kabinetts Wirth beigetragen hat. Die Deutsch- nationalen, die so sicher auf die blindwütige Unterstützung der USP. bis zum herben Ende gerechnet hatten, schreien jetzt „Verrät"— als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, daß doch die radikale Linke nur zur Unterstützung der Rechten da ist— und es ist ein urkomisches Schauspiel, wie sich die „Deutsche Tageszeitung" und die„Rote F a h n e" wechselseitig in der Beschimpfung des vernünftigeren Teiles der USP. überbieten. Was, so fragt die„Deutsche Tages- zeitung", hat den Flügel der Unabhängigen um Breitsckzeid dazu bewogen,„mit einer infamen'Lüge" das Kabinett Wirth zu retten, und sie antwortet darauf: Diese Leute rechneten wohl damit, daß eine bürgerlich orien- tierie Regierung, die gezwungen war, sich auf die Rechte zu stützen, an Stelle der bisherigen treten würde. Von einer solchen Regierung aber versprachen sie sich für ihre Parteiziele in doppelter Hinsicht nichts Gutes. Einmal wäre ihnen auf solche Weise wohl ein wenig die jetzt unbeschränkte Möglichkeit zur revolutionären Agitation und zum Terror gelegt worden, zum anderen hätte es ja dann auch dahin kommen können, daß wirklich etwas staatsmänni» scher als bisher regiert und damit jenem Zustande«in Ende be- reitet würde, der durch seine Unordnung der radikalen Linken Gelegenheit verschafft, ungestört im Trüben zu fischen. Weil eine solche Rechtsregierung im Reich nach dem bayerischen Muster Kahr-Pöhner durch die gestrige Ab- stimmung verhindert worden ist, nennt die„Rote Fahne" das Ergebnis eine„Niederlage des Proletariats" und verflucht feierlichst die 24 Unabhängigen, die durch ihre Stimmenthaltung„auf den Willen des gesamten Proletariats gepfiffen" hätten. Das deutsche Proletariat hat aber gar nicht so perverse Neigungen wie die Hanswürste in der„Roten Fahne", daß es durchaus eine Terror-Regierung der Rechten über sich' sehen möchte. Während also der Schmerz der Kommunisten nur darüber laut wird, daß es ihnen nicht gelungen ist, der Reaktion in den Sattel zu helfen, sind natürlich die Sorgen oerer anders, die sich s e l b st in den Sattel schwingen wollten. Kommunisten und Deutschnationale sind geschlagsne Hilfsvölker, die eigsnt- liche Besiegte ist die Deutsche V o l k s p a r t e i. Mit rück- haltloser Offenheit wird ihr das in der demokratischen Presse bescheinigt. „Die Politik der Deutschen Volkspartei hat kläglich Schiffbruch erlitten", konstatiert Erich Dombrowski im „B. T.". Und dieses Blatt, in dem mitunter recht heftig Stimmung für die große Koalition gemacht worden ist, freut sich jetzt, daß die„oft allzu zarte und gefällige Rücksicht aus die Deutsche Volksvartei" durch die gestrige Entscheidung einen Dämpfer bekommen hat. Auch in der„Boss. Ztg." muh sich die Volkspartei von Georg Bernhard sehr bittere Worte über ihre Taktik sagen lassen. Ja. es ist charakteristisch, daß sogar ein Blatt der Deutschen Volkspartei selber, die„D. A. Z.", deren Katzenjammerstimmung wir schon gestern konstatierten, eine Betrachtung der Abstimmung anstellt, die eine scharfe Verurteilung der eigenen Fraktions Politik enthält. Sie schreibt nämlich: Eins muß zunächst zugestanden werden: Eine Kabinettskrise in der jetzigen Zeit hätte für Deutschland eine äußerst schwierige Lage geschaffen. Fiel das Kabinett Wirth, so hätten selbstverständlich die drei jetzigen Koalitionsparteien ein neues Kabinett nicht bilden können. Und weder die Rechte noch die Linke— ganz abgesehen davon, daß weder ein Kabinett der� Rechten noch ein Kabinett der Linken zurzeit überhaupt möglich erscheint— verfügt über eine Mehrheit im Reichstag. Man hätte also eine neue Koalition suchen müssen. Aber wie und wo? Auf diese Fragen die Antwort zu geben, ist so gut wie u n m ö g l i ch.... Wir hätten also vor einem absoluten Vakuum gestanden. Vor einem Vakuum, das um so weniger ertragbar war, weil Genua bevorstand. Und die Deutsche Volkspartei war es. die eine solche unerträgliche Lage zu schaffen in jeder Weise sich be- mühte. Diese Schlußfolgerung wird von der„D. A. Z." zwar nicht ausgesprochen, jedoch sie ergibt sich für jeden intelligenten Leser von selbst. Aber der Artikel der„D. A. Z." hat noch eine andere Tendenz. Man nimmt den einst so vervönten„Rechenstift" zur Hand und rechnet dem Reichskanzler Wirth nach, daß seine Mehrheit doch eigentlich zu schwach, seine Koalition nicht trag» fähig sei. Mit noch größerer Hartnäckigkeit betreibt dies Ee- schäft das andere volksparteiliche Blatt„Die Zeit". In der Art des zur Vordertür hinausgeworfenen Weinreisenden, der durch die Hintertür hineinfpaziert, als ob gar nichts geschehen sei, fängt.Di« Zeit' wieder an. sich zur„großen Ko a> (i ti o n" anzubiedern. St« schreibt: Di« Regierung Wirth kann weiterregieren: aber sie wird aus den Vorgängen der letzten Tage hoffentlich allerhand Nützliches ge- lernt haben. Zunächst dürfte auch cherr Dr. Wirth sich in die klare Erkenntnis eingearbeitet haben, daß Sicherheit und Stetigkeit der Negierung sich nur auf breiterer Basis errichten läßt, als er sie ihr bisher gegeben, und daß er eine Partei, die fach- lich mitzuarbeiten gewillt ist, auch wenn sie nicht in der Regierung sitzt, nicht wie eine verpflichtete ijüfstrupye zu behandeln hat, die mitzutaten, aber„nix tau seggen' hat. Die Art, wie hier genau zwölf Stunden nach mißglücktem Ministsrsturz Herrn Wirth die �reundschaftepfote hingestreckt wird, ist so widerlich und unmanierlich, daß die öfsentliche Zurschaustellung derartiger Perversitäten eigentlich polizeilich verboten werden sollte. Und was soll die Beteuerung, man wolle sachlich mitarbeiten, in einem Augenblick, wo das andere ParteibloU der D. V. ihr bescheinigt, daß ihre Politik darauf ausging, das Deutsche Reich in eine unmögliche und u n- erträgliche Situation zu bringen. Es wäre schon ein Gebot rein taktischer Klugheit, wenn nach solchen Helden?- leistunz�n die Deutsche Volkspartei zunächst einmal sich das Wort gäbe, drei Monat« lang von Verbreiterung der Re» gierungsbasts, großer Koalition und ähnlichen Dingen nicht mehr zu reden. Schließlich muß man doch, um in die Re- gierung zu kommen, andere Taten aufzuweisen haben» als den mißglückten Versuch, das Deutsche Reich in eine Katastrophe zu stürzen. Die Bemühung der volksparteilichen Presse, den Sieg des Kabinetts Wirth in eins Niederlage umzukonstruieren, findet übrigens kaum irgendwo Unterstützung, mit Ausnahme natürlich der„Roten Fahne", die auch hier hinter Herrn Stinnes herlaufen muß. indem sie der Volkepanei versichert, daß„nur in der Ebert-Republik eine Regiening mit einer so geringen Mehrheit" weiterbestehen könnte. Aber sonst macht selbst ein Blatt wie der„Lotal-Anzdger", das sicher doch der Volkspartein nicht unfreundlich gesinnt ist, dieses Spiel nicht mit und bescheinigt dem Reichskanzler Wirth einen'g l a t t e n Sieg, der um so beachtenswerter sei, als die Regierunge» Parteien diesen Sieg obne Hilfsgruppen aus der Rechtsoppo- sition und ohne weseillliche Hilfsgruppen aus der Linksoppo» fttion erfochten habe._______ Wenn Stegeewalö Kanzler wäre... Preußens ehemaliger Ministerpräsident, AdamSteger« w a l d, hat gestern in Halle in einer Versammlung des Deutschen Gewerkschaftsbundes gesprochen. Ein Berichterstatter der„Halleschen Nachrichten hat sich bei dieser Ge« legenheit von ihm eine Reihe Fragen beantworten lassen, von denen eine wegen der dazu gehörenden Antwort uns beson» der« lebhaft interessiert: F r a ge: Wann wird die große Koalition kommen? Antwort: Vielleicht in ganz kurzer Zeit, heute und morgen wird in Berlin wieder darüber verhandelt: wenn ich die Kanzlerschaft hotte, würde ich die große Koalition längst zustande gebracht haben. Vielleicht engagiert jetzt die Deutsch« Bolkspartei Herrn Steg erwald mit Aussicht auf Beteiligung. USp.+ kstS.---? Wie wir hären, steht der Eintritt der KomnnmWfchen Arbeltsgemeinschaft in die Partei der Unabhängigen Sozial- demokratie, der eigentlich schon während des Leipziger Partei- tages der USP. erfolgen sollte, jetzt unmittelbar bevor. Be- kanntkich waren im Juni 1S2l) nur zwei Kommunisten, L e v i und Klara Zetkin, in den Reichstag gewählt worden. Ein linker Flügel der USP. unter Führung von D ä u m i g und Genossen stand aber mit seinen Auffassungen ganz auf Seite der Kommunisten und führte auf dem Parteitag von Halle die Spaltung herbei, die der USP. das Rückgrat brach. Bon da ab gab es im Reichstag 26 Kommunisten als Vertreter der „Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands". Dies« �nt!-Kap!tattsmus vor 4HH fahren. Gerade vierhundert Jahr« sind es in diesen Tagen, daß die ganz gleiche Aufregung wie heute sich unseres Volke» bemächtigt hatte. daß sich sozialistisch-kommumstisch« Gemeinden bildeten, die den KapüaNsmus mit dem Geiste und durch die Tat niederringen wollten. Rur sprach man damals nicht vpn Kapitalisten, sondern von Mono» p y l i st e n. Nur meinte man damals nicht die Stinnes und Thysien, sondern die Iugger. Welser und Hochstetter. Heute tritt ein Reichs- wirtschaftsrat zusammen, der dl« Beschlüsse der Sozlalisierungs- kommifsion entgegennimmt; damals beriet ein Ausschuß» der sein Gutachten dem Reichstag vorlegte. Heut« ist die Tatsache, daß«in« Aktiengesellschaft einen doppelt so großen Gewinn hat. wie ihr Aktien- kapital beträgt, Ausgangspunkt einer großen Auseinandersetzung: da- mals entstand«ine Diskussion darüber, daß einer mit einer Einlag« von 500 Gulden innerhalb weniger Jahr« einen Gewinn von 33 oGO Gulden gemacht hatte. Und Martin Luther predigt«, er könne e» nicht versteheu, wie so«in Fugger aus einem Gulden so viel« machen dürfe. Wir erlebten da» Preistreibereistrafrecht mit seinen ver- schieden«» Vorschrift en über industriell« und kaufmännische Zwangs» Wirtschaft. Im Anfang de» 16. Jahrhunderts erließ der Reichstag von Köln ein Verbot gegen die„schädlichen Hantierungen und Für- käufe". Wer den Versuch machte, die Waren irgendeiner Gattung in eine Hand zu bringen oder mit dem Verkäufer auszumachen, daß dieser seine Ware keinem anderem oder nur zu einem höheren Preis geben dürfe, riskiert» die Konfiszierung seiner Ware. . So beschloß der Reichstag. Aber dabei hatte es auch sein Be- wenden, weil der Kaiser an dem günstigen Stand der Handelsgesell- schalten interessiert war wie dl» Städte: parallel die Erscheinung in neuerer Zeit: die kaiserliche Regierung brauchte die Industrie, und die Blüte der Städte beruhte aus der günstigen finanziellen Entwick- lung der privaten Unternehmungen. Man kann sich darum leicht vor- stellen, wie ein Gutachten ausgefallen sein- mag, da« der Rat der Reichsstadt Augsburg über die Handelsgesellschaften an den Reichstag zu geben hatte. Was nur zur Verteidigung und Emp- sehlung der Unternehmungen der Fugger. Welser usw. zusammen- getragen werden konnte, hat der gelehrte Stadtschreiber Dp. Conrad Peutinger, einer der kundigsten und bekanntesten Männer semer Zelt, angeführt. Peutinger ging in seiner Verteidigung der Monopolisten sogar so weit, zu sagen: Wenn es möglich wäre, alle Metalle In eine Hand zu bringen, so war« da« noch kein gcmeinschädllches Monopol. Vielmehr, je teurer sie verkauft und je höher der Preis gehalten würde, um so besier könnten die Bergwerk« als ein« einzige große Sottesgabe instandgehalten werden. Peutinger läßt es auch nicht gellen, daß die Riesengewinne der Handelsgesellschaften zu Tumult und Aufruhr Anlaß gäben. Der gemein» Mann zieht fast überall von vermögllchen Leuten sein« Nahrung und habe darum eher Ur« Vereinigung ging aber alsbald wieder in die Brüche, und die' VKPD. spaltete sich in die Kommunistische Arbeitegemeinschaft, und die KPD., welche letztere nur 11 Mann behielt und damit die Fraktionsstärk« wieder verlor. Und jetzt will die KAG. mit ihren 15 Mann wieder zur USP. stoßen. Dieses ganze Spiel von Vereinigung und Spaltung, Spaltung und Vereinigung, in dem sich nur noch ein Spezialist zurechtfindet, ist im Lause von etwa fünf Vierteljahren aufgeführt worden. Die Leute von der KAG. kehren zur USP. zurück, nach- dem sie diese gespalten und ruiniert haben. Sie werden durch ihre Rückkehr da», was sie an dieser Partei gesündigt haben, nicht wieder gutmachen können, denn inzwischen hat sich der innere Verfall der USP. weiter vollzogen, und sie selbst kom- men bei ihrem Rückzug aus Rußland nur als Offiziers ohne Mannschaften zurück. �kur äußerste Verlegenheit kann die USP. veranlasien, den Zertrümmcpern ihrer Partei die Tore wieder auszumachen. Die große sozialrevolutionäre Partei links von der Sozialdemo- kratie wird ebenso«ine bloße Luftspiegelung bleiben, wie die große kommunistische Parte! eine gewesen ist. Denn in den Ärdeltermassen setzt sich, nach soviel Enttäuschungen, die ihnen von der überradikalen Linken bereitet worden sind. unw,der- stehlich die Erkenntnis durch, daß sie eine vernunftige Denre- lung ihrer Interessen nur von der Soztaldemokra- tischen Partei zu erwarten haben. Die Rückkehr der Leute, die ein Jahr lang Kommunisten gewesen sind, jetzt aber die Ras« davon voll haben, zur USP.. braucht nicht unbedingt eine Stärkung ihres linken Flügels zu bedeuten. Denn diese Heimkehrer haben zuviel erlebt und ge- schaut, als daß sie die Illusionen, mit denen sie auszogen, heil hätten zurückbringen können. Hätten sie den Mut zu voller Aufrichtigkeit, so würden sie heute schon offen aussprechen, wie kühl und nüchtern sie über das Erispiensthe Phrasengeklingel denken. Darum sind sie der USP.-Linken orrdächtig, aber auch die Rechte sieht ihr Kommen ohne Freude, well sie in ihnen die Zerstörer ihrer Partei erblickt. Trotzdem soll nun die trübe Wiederverhelratung vollzogen werden. Man hat in häuslichem Streit Teller und Töpfe zer- schlagen, hat sich voll Wut ubnd Haß voneinander getrennt und kommt nun im unwohnlich gewordenen Haus« wieder zusam- men ohne Liebe und ohne Hoffnung. pariser Stimmen zum Reichstagsvotum. Paris, lö. Februar. lCP)„Oeuvre"(pazifistisch) schreibt: Der Kanzler verfügt nur Über eine schwache Autorität. Er ver- dankt diese der großen Wurde seines Charakter« und der Loyalität, die er sich im A u s l a n d e zu erringen verstanden hat. Man.kann sich fragen, ob er nach dem gestrigen Dertraucnsootum seine Autorität als genügend stark erachtet. Aber es unterliegt keinem Zwelsel, daß große Anstrengungen gemacht werden müssen, wenn Wirth noch wenigstens bis zum Ausgang der Konferenz von Genua die Regierung behalten will.„Echo National"(Cle- menceau-Tardleu) schreibt: Mit der gestrigen Mehrheit wird das Kabinett Wirth bis zum nächste» Zwischensall leben können, der nicht lange auf sich warten lassen wird. Einer der Gründe für den Sieg de» Kanzlers ist der» baß man ihn für sähig hall, in der gegenwärtigen Lag« gemeinsam mit Dr. Rathenau nennenswert« Vorteil« au» d«r Konferenz von Genua zu ziehen. Da» Kabinett Wirth hat in Cannes Dorteile errungen, es erwartet noch größer« in Genua. Mit einem Kabinett der Rechten würde diese angs- nehm« Hoffnung zerstört. Aue diesem Grund« ist Wirth noch nicht gefallen.„G a u l o t«'(nationalistisch- reaktionär) sagt: 33 Stimmen Mehrheit ist gewiß kein glänzender Sieg für da» Kabinett Wirth. Aber«» ist gleichwohl«in genügender Erkolg, um ihm zu gestatten, noch während einiger Monat« zu leben. Wirth verdankt dies, Mehrheit seiner geschickten parlamentarischen Diplomati«. Die äußere Lage hat den Interessen des Kabinett» gedient. Wenn Wirth und vor allem Rarhcnau gestürzt worden wären, so wären damit die Ergebnisse von Cannes und die Hofs- nungen von Genua unrettbar kompromittiert worden. Wirth ist eine unvergleichliche S ch u tz w a n d, hinter der sich Deutschland erhol en und kräftigen kann.„Echo de Paris"(Rc- fach«, die reichen Gesellschaften zu preisen, als sich über sie zu be- schweren. Die Tatsache de» Aufruhrs konnte aber nun doch nicht geleugnet werden, und so Ist in dem Gutachten der Stadt Augsburg zu lesen:„Aus welchen anderen Beweggründen aber sonst Aufruhr entfacht worden ist, ist nicht unbekannt." Soziale und soziakreoo- lutionäre Bewegungen waren an der Tagesordnung: sie entstehen nicht bei wirtschaftlicher Zufriedenheit de» gemeinen Mannes. Der Ausschuß der Reichsständ« wußte das auch sehr wohl und faßte be- sondere Maßnahmen gegen die Handelsgesellschaften ins Auge. Fürs erste sollte das Geschäftskapital einer Handelsgesellschaft oder eines einzelnen Kaufmanns nicht über 50 000 Gulden betragen und nie- mand sollte mehr als drei Handelslager haben dürfen. Zum anderen sollt« eidlich versichert werden, daß dos Kapital nicht mehr als 50000 Gulden betrage, und zum dritten: damit nicht durch eigenen Gewinn, Ausborgen der Ware oder sonst das Kapital über SO 000 Gulden vermehrt werde, so sollte alle zwei Jahre Abrechnung gehalten, der G«- winn ausgeteilt und von geschehener Abrechnung(Bilanzzwang!) und Austeilung der Obrigkeit unter Eideexsiicht Anzeige gemacht werden. Auch alle Kapitalbeteiligungen sollten verboten sein: etlichen Waren war ein fester Preis zu setzen. Aber wenn das auch alles durchgeführt werden wäre, die lln- ruhen wären Tatsach« geblieben. Die Verteuerung der Waren würde durch fremd« Kaufleute erfolgt sein, wenn überhaupt fremde Waren nach Deutschland eingeführt worden wären. Und schließlich hätten die deutschen Handelsgesellschaften und Großtaufleut« schon Mittel und Wege gesehen, auch trotz den Verboten Eeschäst« zu machen. Doch da» Ende diese« ftühtapitalistischen Zeitalters kam. Mit dem Zusammenbruch der kaiserlichen Macht fiel auch die Mit ihr eng ver- bunden« finanziell« Macht der schwäbischen und fränkischen Mono- polisten des 15. und 16. Jahrhunderts. Spätere Entwicklung schuf dem Kapitalismus neue Lebensbedingungen.% F. H. Sonzerk des verllner Aerzle-Chor» und-Orchesters. Mit zwei anspruchsvollen Werten traten der Chor und da« Orchester der Berliner Aerzt« in der Hochschule auf den Plan. Die geholt- volle Kantate„Ein feste Purg ist unser Gott" des Vach-Zeitgenosien P h. Ärteger und die Cdur-Messe(öp. 80) von Beethoven pflegen keine Aufgaben für Liebhaber zu sein, namentlich was den orchestralen Teil angeht. Die Kantate, die verdientermaßen vor kurzer Zeit wieder ausgegraben wurde, in ihrem strengen, kontra- punktischen Stil wollte denn auch etwas zu sehr nach pädagogischer Dressur schmecken. Um so bewundernswerter aber bewältigten Chor und Orchester unter ihrem temperamentvollen, stilsicheren Dirigenten Dr. Kurt Singer(für dao Orchester zeichnete Karl Zimmer) die herrliche Messe Beethovens, die selbst durch das Riesenwerk der mise» eoigrnnis nicht merkbar verdunkelt wird. Das Ringen italienischer Tonpracht(die schönsten Blüten liegen im Soloquartett) und deutscher Ausdruckskrast in geistigem Sinn tritt kaum irgendwo, selbst bei Beethoven, so tteferregend und fortdauernd interessierend gierungsblatt) führt aus: Die deutsche Regierung wird ohne Zweifel versuchen, den schlechten Eindruck, der durch das gestrige Datum im Auslande hervorgerufen werden wird, auszulöschen. Sie wird � versuchen, eine große Mehrheit in irgendeiner anderen Frage der Außenpolitik Zu erlangen. Aber das Kabinett Wirth in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung ist gleichwohl schwer ge» troffen. Die gleitende Lohnskala. Im Reichst agsausschuß für Beamten angelegen- Helten fand am Donnerstag im Beisein verschiedener Spitzen- organisatlonen der interessierten Kreis« eine Besprechung Über die Frage der gleitend« nLohn- und Gehaltsskala statt.— Der Vorsitzende Abg. D e g l e r k(Dnatl.) berichtete über den Stand dar sachlichen Vorbereitung der Frage und die Stellungnahme der Sachverständigen.— Der Vertreter des Reichs st ädtebundes befürwortete den Gedanken, das Softem der glatt enden Skala mit dem setzt bestehenden Besoiaungssystem in Verbindung zu bringen. Schwierig sei die Bestiinmung der Indexziffer. Die gleitende Lohn- und Gehaltsskala sei aber geeignet,«in» gewisse Ruh» unh Stabilität wenigstens für geraume Zeit zu schaff«».— Der Vertreter des Reichsarbeitgebskverbandes der deutschen Kom- munalverbonde und des Deutschen Stödtetäges betonte, daß die Frage des Existenzminimums einer eingehenden Nach- Prüfung bedürfe. Man sei schon auf dem Weg« zur gleitenden Lohn- jlalo durch die K u r zs r i st i g k« i t der Lohnlarisoerträge. Man brauch« sich nicht durch die fehlgeschlagenen Versume abschrecken zu lasten. E» ließe sich die Lösung denken, daß man den ganzen Apparat in Bewegung setzt« und den Bezirken die besondere Rege- lung überlaste.— Der Vertreter de« Allgemeinen Deut- schen Gewerkschaftsbund«« legte zunächst di, Schwierig- keit dar, den Begriff des Existenzminimums sestzulegen. Die gewerkschaftlichen Organisationen würden seiner Meinung nach n i ch t gegen die Einführung einer gleitenden Lohnskala sein. Aber neben den Dorteilen seien mit einem solchen Verfahren auch Nachteile verknüpft. Eine große Schwierigkeit erblickt« der Redner in der Berücksichtigung der verschiedenen örtlichen und wirtschafllichen Berhältnist«/ di««ine.zentral« Regelung beeinträchtige. Wie ein solcher Apparat funktionieren werde, sei fraglich. Den unteren und mittleren Besoldungsgruppen müsse in«rner Linie durch ein« Rege» lung de» Grundgehaltes geholfen werden. Die übliche Vertuschung. Der Marineschule Mürwik wurde in einem Teil der Presse vorgeworfen, daß sie eine KaisergeburtStagefeler nach altem Brauch am 27. Januar abgehalten habe. Es sei eine Rede auf den Kaiser gehalten und anschließend„Hell' dir im Sieger- kränz' gespielt worden. 5)ierzu erführt Korrespondenz B. S. von zuständiger Seite: Der Vizeadmiral a. D. v. Mantey hielt am 27. Januar, wie allmonatlich, einen seekriegsgeschichilichen Bortrag in der Aula der Marineschule. Da« Thema lautete:..Da« Kreuzer- oeschwader". Es nahmen neben der Garnison Mürwik mit ihren ÄngehSrlqcn eine Anzahl Offiziere und Mannschaften de» Flens- burger Reichswehrbataillon» teil. Besonder» starte Beteiligung ist an diesem Tag« nicht zu verzeichnen gewesen. Am Schlüsse seines Vortrages kam der Admiral aus die moralischen Werte der Besatzungen de» Kreuzerqeschwuder» zu sprechen und betonte die Art ibres heldenhaften Sterbens. Anschließend gab«r seiner persönlichen Ansicht über di- Frag« der«schuld am Kriegsausbruch dahin Ausdruck, daß er es für«in Unrecht hielt«, hen ehemaligen Kaiser allein verantwortlich zu machen. Der Vortrag klang aus in die Aufforderung, treu wie die De- satzungen de« Kreuzergeschwader« für den deutschen Seegedanken zu arbeiten. Nach dem Dortrag waren wle üblich zahlreiche Osfiziere der Garnison mit ihren Gästen in der Offiziers» messe der Marineschule zusammen. Dortselbst spielten vier Mann der Bataillonsmusik Märsche, Aoltelleder und Tänze. Die ehemalige Nationalhymne wurde nicht gespielt, wohl aber der Preußenmarsch, In dem, wie bekannt sein dürste, einige Takte an di« ehemalig« Nationalhymne«rinnern. Wir»ermisten in dieser Erzählung noch den Hinweis, daß Plötz» lich ein unbekannter Mann erschienen sei und«in Kaiserhoch aus- gebracht hätte. Di« Anwesenden seien zwar ausgestanden, aber nicht wegen de» Kaiserhochs, sondern weil sie gerade nach der Toi- lette gehen wollten usw. usw. In dieser Manier läßt sich vortteff, lich alle» in Harinlosigkeit auflösen. in Erscheinung. Und Dirigent und Mirwirtende konnten auf ihren Erfolg stolz sein, der au« dem Innersten de» gewählten Publikums kam. Auch da« Soloquartett war auf» sorgfältigste ausgesucht. Namentlich der seine, weiche Sopran der Frau Susann« Landsberg-Holländer und der schön timbriert« Tenor de» Herrn Robert Hell waren im Quartett die denkbar harmonisch- sten Gegenpunkte, unterstützt durch den firmen, wenn auch etwas starren Baß Hans Hermann N i ss e n s und Frau Hedwig R a a b e- ©riefet, die aber mit ihrer flachen, nicht sehr freien Tongebung etwas kühl läßt. M. Troyon und Delacroix in der Railonolgalerie. Die Berliner Nationalgaleri« hat eine kostbare Schenkung erhalten, zwei Bilder von Hausmeistern des 10. Jahrhundert» aus Frankreich, Delacroix von Hauptmeistern des 10. Jahrhunderts au» Frankreich, Delacroix die in der Geschichte der Galerie ein« traurige Berühmtheit hat. Hugo von Tschudi erwarb mehrere französische Werke von Meistern, die in der Galerie bisher nicht vertreten waren, und Berliner Kunst- freunde erklärten sich bereit, die Mittel für die Erwerbungen zur Verfügung zu stellen. Die Ankäufe fanden pber nicht die Zustiin» mung des Kaiser», und da« war der letzte Anlaß, um dem verdienst- vollen Leiter der Galerie die Weiterarbeit hier unmöglich zu machen. Die Bilder aber blieben im Besitze der Berliner Kunstfreunde, die dl« Mittel dafür ausgebracht hatten, und nun konnten wenigstens zwei davon als Schenkungen der Sammlung gesichert werden. Troyon, der große Tiermaler der Generation von 1830, der in der Sammlung bisher nicht vertreten war, zieht nun hier mit einem großen Werte ein: einem Zuge von Tieren in abendlicher Landschaft. Noch bedeutsamer für die Nationalgalerie ist der Gewinn eines grogen Delacroix. Es ist eine seiner Fasinn�en der„Medea", jenes Hauptblldes, um dessen Gestaltung sich der Meister Jahrzehnte hindurch bemüht hat. Das Berliner Bild ist 18SS entstanden. E» ist durch eine besonder« glänzende malerische Behandlung ausgezeich- net. Die Mörderin ihrer Kinder erscheint in pathetischer Bewegung, ihr strahlendes Kleid und da» blasse Blau und Grün ihrer Gewan- dung in dem flackernden Licht geben der Szene die imponierende Gewalt. Die beiden Werke werden voraussichllich demnächst bei der Neuordnung des zweiten Stockes der Galerie zur Ausstellung kommen._______ (Vitt Inder über deutsche Literatur. Komm? Sarkar, ein fSSrenber Gchrtsl'ieller Iung-Jndlen«. 6älf Freiing. 6!/, Uhr, im Sn,, lisch-» S-irtinur bei Universität einen Vortrag über:„Die deutschen Stlaffitir, betrachtet vom Indischen gtanbpuntf. Durand N»«l, der bekannte Kunllbönbler. ist in Pari» im Alter von SOJabien g-''lorben. Pr hat für die Äellung der irnnzSslichen Malerei de» IS. Jnbrbundert« soviel wie wenig ander« getan. Mit sicherem Blicke seilte er sich für zwei Künstlern eis» insbciondere«in: für di« Meister van sienlätNebleau. mit Mille», Corot, Nonflkaii. Daubiany, und dann fiir die grohen(»mprelssonisien der n d u n g e n im Ortsverkehr, letzters zunächst für die Mo- nate Oktober und November 1921. erhoben. Wie vorausgesagt wurde, kommen von zahlreichen Seiten Klagen über Zuvtelforde-' rungen noch dem Zählsystem. Dort, wo van Fernsprechteil- nehmern mit geringem«prechverkehr jede» Gespräch Notiert wurde. hat die Postveiwaltung, wie man überall hört, ein Viertel bis ein Drittel mehr Gespräche berechnet als gefüchrr worden sind. Es müssen also entgegen der offiziellen Ankündi- gung viele Falsch- und Doppelmeldimaen sowie vor allem solche, bei denen der angerüfkäe Teilnehmer sich Nicht'Meldete und daher ein. Gespräch nicht zustande kaM, mitgezählt worden sein. Proteste im einzelnen Fall haben keinen Zweck. G«ad? darin liegt das Be- denkliche eine» vom Teilnehmer nicht nachzukontrollierenden Zähl- lystems. Die ForhsprechveriMtung rrklittt natürlich, sie habe richtiq, die Teilnehmer jebach falsch gezählt, und es wird dann für die Zurück- Weisung des Erstattungsanträges sogar noch«ine besondere Schreib. gebühr erhoben. Sich eigene Zählapparate, die von d« Postver- waltung anerkannt werden, einbauen zu lassen, geht auch nicht. weil es zu viel Geld kostet. Man ist also den amtlichen Zählern hilflos auegeiissert.___ Gefälschte Ein- und 3lusfichrbewÜlikiin:ßcn. In Kürze wird sich vor der 13. Strafkammer de» Landgerichts T ein interessanter Prozeß abspielen, der geradezu ein M u st c r b« i- spiel für die Art und Wetze ist, wie sich unter der Zwang-wirt» Schaft selbst angesehene Firmen und Kommunen über oi« Best! mm ungen des Kommissars für die Ein- und Ausfuhr hinwegzusetzen suchten. Der An klag» liegt folgender Taibestanö Zugrunde. Der Angeklagte v. Gutzeit. der gewerbsmäßig die Dermiitlung von Geschäften und Beschafkunz der hierfür crsordertzchen Papiere betreibt, war mit dem SleiN- druck« iitt Reichsarbeitsministerium, Arthur Dunk« aus Charlotten- bürg, befreundet. Eines Tage» auherie Bunke, er habe einen. Iround an der Hand, der Ein- uNd Aussuhrbewilligunzen schnell und sicher beschaffen könne. Guizeit beschafft« sich daraufhin eine Reihe von Ein- und Ausfuhrbewilligungen, die jedoch weder Unterschrist noch Stempel besaßen. Bunke, der leiner» seitZ mit dem Werk-zeugschlofser Wilhelm Brau so eng liksreundet war, übergab diesem nun die Formular« und Brausa sälschic zusammen mit Bunke die notwendigen Unterschristen. Bei dem Versuch, einen ganz großen C.oup zu machen, wurden die drei Angetlaqien dann von ihrem Schicksal ereilt. Ein Kauf- mann Mendt wünscht« eine Einfuhrgenehmigung für 6000 Tontzen holländ'.slben Zuckers zu erhalten. Gütz Sit machte sich anheischig, diese Papiere zu besorgen und�veriangte eine Provision von 25 Pfg. pro Kilogramm. Insgesamt sollte GuiZiett enisprechenv dem Wert der Einsnbrware iH Millionen- Mark«halten. Taffächtich lieh Gutzeit sich eine Abschlagszahlung von 306 000 M. zahlen, die er mit seinen beiden Heifrrn teilte. Im November 1921 übergab v. Gntzelt dem Kaufmann Aendt die Einfubrschei»?, Di« Firinv Lay stellte jedrch fest, daß die Stempewnierschristen aefälschi waren und wandte sich an die Berliner Kriminalpolizei, oie im Kaffee Korso die dret Fälscher verhaftet». llmsteigefahrkarken d«r 7l«!iver Straßenbahn gellen auch für die Rückfahrt. Der letzle Berlin« Stteik hat der Straßenbahn einen Einnahmeausfall von 30 Missionen Mark gebrach: und auch der neu« Tarif wirkt hemmend aus die Einnahmen. Deshalb macht die Straßenbahn jetzt darauf aufmerksam, daß die Z-M.-Tarife gar nicht so belastend sind, denn sie lasse U m st e i g e s o h t s ch e I n e zu 3, 5 0 M. j e tz j a u ch für die Rückfahrt gelten: die Fahrt koste also eigenltich nur l,?v M., wenn die Rückfahrt binnen'zwet Stunden— genau nimmt man es damit nicht-- angetreten wird. San» und SlqneS kruhrmaun Sfing-ii an llnfm ffiefftsn stföÜUn ert Abend om Konntaq, de» 19 sikbrum. im tkmlrtaiiUuninöf, Slealih« sttaxe 55, Derse' und Brösa von E i ä« u d e r! l. ffhland, Hein-, BiliftiCiOfl Ujlv. und sröhliche V« l k S Ib e i s t U zu GchSr. Der tt'checiioslowakiiche Hilfr-verrin hält ssrcitag. 7 Uhr nbrndZ im Nhelngold(Ebenbolzsanl) seine Ottneraloers.nnmiung ab. Da>- Juaendamt des VozirkSamteS Wedding veranstaltet am Sonnlag. Ib. s?cbrliee d. I.. riittnrs 7 Mr. l» tcr Aula der feeitter» sitmenS.Nealschlll«, Sadstr. 22, fclucrt erst«» KunstabeNd. Hrsfi-Serline? parteknackrichtea. Morgen, ArsUflg. den 17. Februar: 45. Abt.(dicht 4.1.1 ff- U.jt MUqlirdcrvnkeiniilUind in Inn s0lUtf]tt'(Süt«l, All! Sie» strüKt 61. Thema: HttiU und Svzialdemotrütit. N»f. Genösse HÜUslOit» Eltt- ladunge« ersscderttch. OewerGhQjwbewsgung Ueberstunüen und Achtstundentag. Urteil einer holländischen Regierungstommission. Der Tiefstand der Mark hat insbesondere in den letzten Mo- raten eine Hochkonjunktur der deutschen Industrie hervorqerufen. Die deutsche Industrie hat geringere Produktionskosten, sie kann infolgedessen zu billigeren Preisen liefern als ihre Rivalen Die Unternehmer in den anderen Industriestaaten, z. 23. in Frankreich, Belgien und der Schweiz, haben nun als Ursache der erfolgreichen Konkurrenz mit zielbewustter Einseitigkeit die Nichteinhaltung des Achtstundentages in Deutschland hingestellt und die Gelegenheit benutzt, in ihren Ländern Siurm zu laufen gegen den Sl'ch t st u n d e n t a g. Die von den deutschen Arbeitern geleisteten Ueberstunden wurden für die schlechten Gcschäfte der Industrien in den anderen Staaten sowie für die 2lr- beitslosigkeit verantwortlich gemacht. Wenn aber in Deutsch- land, das«hnehin in bezug auf die Produktionskosten am günstigsten gestellt sei, der Achtstundentag in weitgehendem Maße durch- brachen werde, so müsse man erst recht für die Länder mit höherer Valuta Ausnahmen von der Regel zugestehen. Dieses Argument wird durch den Bericht einer Kam- Mission entkräftet, die die holländische Regierung im Dezember ll>21 nach Deutschland gesandt hat, um eine Untersuchung über die Arbeitszeit in der deutschen Industrie anzustellen. Mitglieder dieser Kommission waren ein Arbeits- inspektor, drei Vertreter der Arbeitgeber, ein Vertreter der freien und ein Vertreter der christlichen Gewerkschaften. Die Kommission hat sich in 21 Städten an 127 veschiedenen Stellen persönlich in- formiert. In zehn Fällen hat sie sich an amtliche Organe, Arbeits- inspektionen usw. gewandt; in 26 Fällen an Arbeitgebcrverbände, in 49 Fällen an Gewerkschaften: außerdem besuchte sie 42 Fabriken. Bei den Ermittlungen in den Fabriken fanden im allgemeinen nicht nur Besprechungen mit der Direktion statt, sondern auch mit dem Vorsitzenden des Betriebsrates. Die Untersuchung galt besonders folgenden Industriezweigen: Der Metall-, Holz- und Textilindustrie sowie dem Buchdruck- und Buchbindereigewerbe. Zlußerdcm wurden Informationen über die Arbeitsdauer in Ziegeleien, Glasfabriken, in der Chemischen Industrie, im BskWidungsgewerbe, in Zuckerfabriken und Brot böckereien eingeholt. Naturgemäß handelt es sich bei dieser Untersuchung, nur um Stichproben. Aber nach Ansicht der Kommission„waren dieselben zahlreich und zuverlässig genug, um ein allgemeines Urteil über die Praxis der Beschränkung der Arbeitszeit in Deutschland formen zu können". In ihrem Bericht geht die Kommission aus von der Derord- nung des Rates der Volkskommissare„über die Regelung der Ar- bcitszeit gewerblicher Arbeiter" vom 23. November 1918, durch die der achtstündige Arbeitstag in Deutschland eingeführt worden ist und untersucht ihre Durchführung. Die Kommission erklärt, daß diese Verordnung nicht nur von dem Wunsche beherrscht wird, den Arbeitstag zu kürzen, sondern, daß sie auch als Mittel zur Bekamp- fung der Arbeitslosigkeit dienen soll. Bei Anfrage wegen Ueberarbeit komme der Stand des Slr- b e i t s m e r k t s in Frage. Es bedürfe einer Erklärung des Slr- . beitsnachweifss, daß genügend brauchbare Arbeitskräfte nicht zur Verfügung stehen, weiter aber sei das Urteil des Betriebsrates für die Erlaubnis zu Ueberstunden von großer Bedeutung. Lehne dieser die Erlaubnis ab, werde sie von der Gewerbeaufsicht selten oder nie gegeben, um Konflikte zu vermeiden. Selbst aber wenn der Betriebsrat die Ueberarbeit bewilligt hat, komme es vor, daß die Gewerbeaufsicht Gesuche um Ueberstundenbewilligungen ablehnt, da die Arbeiter� sich mitunter, um' mehr zu verdienen, zu Ueber- stimden bereit fänden, während die Lage der Industrie insgesamt hinsichtlich der Arbeitslosigkeit solche nicht wünschenswert erscheinen lasse. Weiter wird auf den Einfluß der Gewerkschaften durch ihre Tarifverträge auf die Bewilligung von Ueberstunden verwiesen, die in einigen Tarifverträgen prinzipiell oerboten ist oder der Zustim- mung der Gewerkschaft bedarf. „Im Prinzip lehnen die Gewerkschaften alle Ueberstunden ab, weil sie fürchten, daß zeitliche Zugestand- nisse zu dauernden werden und die Aufhebung des Achtstundentages bedeuten". Gesuche um Bewilligung von Ueberstunden sind auf folgende Beweggründe zurückzuführen: 1. Unregelmäßigkeiten im Betrieb von vorübergehender Art. Diese Ueberstunden können zum großen Teil auf Grund der Bestimmung über Notstandsarbeiten geleistet werden. Die Unternehmer befinden darüber, wann sie erforderlich sind. In diesem Fall sind weder Betriebsrat noch Gewerbeaufsicht zur Einmischung berechtigt. Trotzdem verhandeln viele Unternehmer auch in diesen Fällen erst mit dem Betriebsrat. Soweit die in den Ueberstunden geleistete Arbeit nicht als Notstands- arbeit bezeichnet werden kann, wird sie häufig vom Unternehmer nach Besprechung mit dem Betriebsrat angesetzt, aber ohne die Er- laubnis der Gewerbeir.spektion einzuholen. Es handelt sich hier um eine beschränkte Anzahl Ueber st unden. Sie ermöglichen eine flotte Bc-triebsführung, ahne das Prinzip des Achtstundentages zu gefährden. Ueberdies bieten die Betriebsräte eine Bürgschaft gegen den Mißbrauch. Auch der starke Einfluß der Gewerkschaften in Deutschland wirkt in derselben Richtung. 2. Bei lebhaftem Geschäftsgang in der Saison wird begründe- ten Gesuchen um Bewilligung von Ueberstunden von der Gewerbe- inspektion im allgemeinen stattgegeben. 3. Wenn dringende ausländische Aufträge vorliegen, werden gern Ueberstunden bewilligt. Im legten Quartal 1921 war das der Fall. Im Zusammenhang mit dem plötzlichen Marksturz kam es zu einer günstigen Konjunktur. Die Arbeitslosigkeit nahm ab. In einer Reihe bedeutender Industriezweige kam es zu mehr oder weniger regelmäßigen Ueberstunden. Im allgemeinen werden nicht mehr als 5— 10 Ueberstunden wöchentlich zugestanden und für höchstens vier Wochen nacheinander(allerdings kann der Termin verlängert wer- den). Im allgemeinen erhielt die Kommission den Eindruck, daß in Mittel- und Großbetrieben nicht viel un- erlaubte Ueber st unden gemacht werden. Diese Ueberstunden werden bei Verschlechterung der Konjunktur automatisch verschwinden. Don besonderer Bedeutung ist, daß gerade der Beweggrund, der in Holland(und anderen Ländern mit guier Valuta)„besonders aktuell geworden ist", in Deulschland bei Gesuchen um Ueberstunden keine Rolle spielt:„Die Verlängerung der Arbeitszeit, uni zu einer Herabsetzung der Vroduklionskoslen Zu kommen, ist in Deutschland bei der jetzigen Konjunklur naturgemäß noch ganz unbekannt. Man ist in Deulschland noch ganz im Stadium der önflalion des Kurssturzes und andauernder Preissteigerung: diese Verhöltnisie bieten vollauf Gelegenheit zu Konjunkturgewinnen. Es kommt sogar vor, daß die Unternehmer für Ueberstunden mehr bieten als die durch Tarifverlrag fcskgesehken Zuschläge, um damit den Widerstand der Gewerkschaslen gegen Ueberstunden zn brech""." Die holländische Kommission untersucht dann noch im einzelnen die Arbeitszeit in verschiedenen Industrien und saßt ihre Eindrücke folgendermaßen zusammen: Die normale wöchentliche Arbeitszeit, die bestimmend ist für das Lohnelenient, in den Produktionskosten, beträgt in Deutschland mit einigen Ausnehmen, die jedoch im gleichen Umfang auch in Hollaad vorkommen, nichl mehr als 4S Stunden, also höchstens wöchentlich drei Stunden länger als in Holland. Zn einigen be- deulcnden Industriezweigen ist diese Arbeitszeit jedoch um 1/4 bis 3 Stunden verkürzt. Zn-olgsdessen ist die normale Arbeltszelt in der Holzindustrie in den großen Städten nur 46 Stunden pro Woche; in der Metallindustrie in Berlin 46)4 und in Sachsen und Süddeulschland 46 Stunden pro Woche; und in der gesamten Tertillndustrle. mit Slusnahme von der im besetzten Gebiet, 46 Stunden wöchenllich. Ein großer Teil der deutschen Metallindustrie und so gut wie die ganze Textilindustrie arbeitet also normal VA Bis 2 Stunden pro Woche kürzer als jetzt in Holland geschieht. Diese Ansichten werden auch von anderer Seite bestätigt. In einem Brief an den„Nieuwe Rotterdamsche Eourant"(21. Januar 1922) erklärte ein Einsender, daß er bei seinen letzten Besuchen in Deutschland mit den Direktionen verschiedener Fabriken auf seine Frage nach dem Geist unier den Arbeitern stets die-Antwort er- halten habe: sie arbeiten 8 Stunden, aber es wird auch gearbeitet. Die Behauptung, daß in Deutschland der Achtstundentag nur zum Schein durchgeführt werde, hat den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund veranlaßt, eine Untersuchung darüber anzustellen. Für 22 Berufe und 29 Orte in allen Bezirken Deutschlands stellte er fest, daß bei einer Gesamtzahl von 1389 413 Beschäftigten 601 S94„das Höchstmaß" an Arbeitszeit(43 Stunden) arbeiten; da- gegen 737 819 unter 48 Stunden. Die deutschen Gewerkschaften sind nicht nur grundsätzliche Gegner von Ueberstunden, sie sind auch besonders in der jetzigen wirtschaftlichen Lage gegen sie, denn sie sind davon überzeugt,„daß der gegenwärtige flotte Geschäftsgang nicht lange mehr anhalten wird, und sie sind natürlich bestrebt, die unvermeidlich folgende Krise so lange wie möglich hinauszuschieben". Dienstzeit oder Arbeitszeit. Ans Kreisen der Reichse-senbahnbcamten wurde-der BS.-Korre- svondenz mitgeteilt:„Der Grundgedanke des Achtstundentages war nicht etwa der, daß der Mensch acht Stunden am Tage arbeiten müsse, sondern vor allem der, daß er 16 Stunden am Tage zu eigener Verwendung für Schlaf und Erholung übrigbehalte» müsse. Neuerdings beginnt man unter dem Druck der naiionalen Rot einer Verlängerung der Arbeitszeit dos Wort zu reden. Es sind Arbeitszeitgesetzentwürfe in Borbereitung, welche neben den Begriff Arbeitszeit den zweiten Begriff Dienstzeit setzen. Par- lamentarier sowoh-l wie eine Reihe von Zeitungen haben wiederholt in jüngster Zeit die Ansicht verteidigt, der Achtstundentag könne nur so verstanden werden, daß unter diesen Begriff die Zeit der reinen A r b« i t s le i st n n g zu rechnen sei. Dadurch gelangte man zur izerausschälamg von Dienstbereitschaftszeiten, wie sie bei gewissen Berusskategorien unvermeidlich sind und bisher „schematisch" in den Achtstundentag mit eingerechnet wurden. Man verlangt nun von den betroffenen Beruksklasien, z. B. Bahn- Wärtern, Lokomotivführern, Zugpersonalen und ähnlichen Arbeitnehmern, daß sie mit der Anrechnung der wirklichen Arbeitsstunden und der Nichtanrechnung der Vereitschastsstunden einverstanden fein sollen. Diese Deduktion klingt im ersten Augen- blick sehr bestechend. Leder Richtfachmann wird stch sagen, daß in den Stunden, während ein Bahnwärter beispielsweise zwischen zwei Zügen in feiner Bude die Zeitung lesen kann, tatsächlich keine Arbeit geleistet wird. Versetzt man sich dagegen in die Lage dieses Bahn- Wärters, und stellt man sich vor. daß einem solchen Beamten auf wenig befahrenen Strecken im Lause des ganzen Tages nach diesem Rezept allenfalls zwei bis drei Stunden Arbeitszeit angerechnet wer- den könnten, so ersieht man, daß hier ein ungesundes und ge- fährliches Spiel mit den Begriffen Dien st zeit und Arbeitszeit getrieben wird. Der Achtstundentag soll, wie gesagt, in erster Linie dem Arbeitnehmer nicht ein« marimale Dienst- Pflicht, sondern vielmehr eine Winde st freizeit garan- tieren... Unzereckst wäre es. nur einige wenige 2krufe zur Hergabe eines beträchtlichen Teiles ihrer perfön- lichen Erholungszeit zwingen zu wollen. In einem süd- deutschen Staate werden beispielsweise die iLahnwärter während des Dienstbereitschaftsteiles ihres Achtftundendienstes mit Besenbinden für die Eisenbvhnvcrwaltung beschäftigt. Dies ist ein gesundes Prinzip, gegen welches niemand etwas einwenden kann. Es muß unbedingt Sache des Arbeitgebers, sei es nun der Staat oder eine Privatfirma, sein, diejenigen Kräfte, deren Bereitschaft un- erläßlich ist, entweder während der Bereitschaft ange- messen zu beschäftigen oder, wenn dies nicht geht, ihm die Bereitschaft, die ja ein Opfer der persönlichen Zeit darstellt, ebenso als volle Arbeitszeit zu bezahlen. In der Rede eines Abgeordneten wurde unlängst die Behauptung aufgestellt, daß in extremen Fällen manche Lokomotivführer von den vorschrifts- mäßigen 208 Stunden monatlich nur 70 bis 80 Stunden ihr Amt wirklich ausüben und die übrige Zeit nur in Bereitschaft sind, also nichts zu tun haben. Abgesehen davon, daß solche extremen Fälle niemals vorkommen, vergißt der Verbreiter dieser Nachricht, daß der Dienst des Lokomotivführers nicht nur während der Fahrt eines Zuges ausgeübt wird, sondern jedesmal iA Stunden vor dem Fahrtbeginn anfängt und nachher mindestens noch eine Stunde für Restaurieren der Lokomotive gebraucht wird. Der Begriff D i e n st- b e r e i t s ch a f t würde auch alle Aerzte, welche in Sanitätswachen Nachtdienst tun und in manchen Nächten überhaupt keine„Arbeit� erhalten, schwer treffen ebenso zahlreiche Leute, die als Wächter in Geschäftsräumen, als Hotelportiers oder in Apotheken als Nachlprooisoren Lereitschaftsdienst tun. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die Spaltung des Normal« arbeitstages in zwei Begriffe Arbeitszeit und Dienstzeit ein ver- fehlter gesetzgeberischer Gedanke ist..." Die hier vertretenen Auffassungen über die Unzulässtgkeit der „Dienstbereitschaft" teilen wir durchaus und haben wir von vorn« herein vertreten. Wenn jedoch in dieser Zuschrift der Achtstunden» tag für die„Dienstbereitschaft" hergegeben wird, indem man einer allgemeinen Verlängerung der achtstündigen Arbeitszeit um„eine halbe Stunde pro Arbeitstag", oder„auch" nur um 10 Minuten" zu» stimmen würde, um den Fortfall der„Dienstbereitschaft" zu er» zielen, so zeugt dies lediglich für die Sonderstellung der Reichs» gewerkschaftskreis«._ Der Tarifabschluß der Luchbinder war Gegenstand einer Brauchenveriammlung die am Minwoll« im GewerkschafrshauS tagt« und in der C z e r n y reicrierte. Er siibrle aus, daß die Unter- »ebmer die alle Verschleppungstaktik immer wieder anwenden. Verschiedene Großdruckereien geben sich alle Mühe, die Lohnlarife zu unterbinden. Den Forderungen der Arbe>tetschaft nach einer Lohnerhöhung von 60 und 50 Mari für Arbeiter und Ärbeiteniliien stellte, die Umernebmer ein Angebot von 60 und 50 Mark für Männer und 40 Mark für Frauen gegenüber. Der Redner erklärte, dieses Angebot nicht zur Annahme emp'ehlen zu können. Nach langer Diskuifion lehnte die Veriammlung das Angebot der Unternehmer ab. Deutscher Werrmeisterveriand. Allgemeine Dersammlung aller in Buch- bindereien besckiifiigien Wcrkmeiller im.i technischen Angestellten Eonnadend, Vz3 Uhr, tm Restaurant Handewstatte, Friedrichstr. 16. Wirtschaft Keine Herabsehung des Zinsfußes der Sproz. Reichsanleihe. Mit großer Hartnäckigkeit wird das falsche Gerücht von einer Herab- setzung des Zinsfußes der 5proz. Reichsanleihe(Kriegsanleihe) ver- breitet. Diese unwahren Ausstreuungen trogen namenllich ein« Beunruhigung in die Sparerkreise hinein. Wir geben daher einen Bescheid der Reichs-Anleihe-Aktien-Gesellschaft bekannt, der wörtlich lautet:„Wir können Ihnen mitteilen, daß die zur Fortsetzung unserer Aufnahmetätigkeit erforderlichen Mittel in genügendem Maße bereit- gestellt sind und daß eine Herabsetzung des Kurses— von der vielerorts gerüchtweise verlautet— nicht beabsichtigt ist. Zu den Gerüchten über eine Herabsetzung des Zinsfußes hat der Herr Reichsminister der Finanzen in neuester Zeit wieder erklärt, daß eine solche Herabsetzung nach den Anleihebedingungen bis zum 1. Oktober 1924 ausgeschlossen ist und auch von diesem Zeit- punkte ab nur im Wege eines besonderen Gesetzes und allein auf der Grundlage erfolgen könnte, daß denjenigen Besitzern, die mit der Zinsermäßigung nicht einverstanden sind, die Einlösung der Stücke zum Nennwert angeboten wird. Wir sind ermächtigt, von dieser Er- tlärung im Interesse der Beruhigung des Publikums jeden geeig- neten Gebrauch zu machen. Freigabe von Perbrauchszvcker. Durch die ZuckerwirtfchastS- stelle sind jetzt annähernd acht Millionen Zentner Ver» brauchözucker zur Lieferung März-April-Mai-Juni freigegeben worden. Der Preis wurde auf 650 M. je Zentner ohne Sack frei Magdeburg festgesetzt. Darin ist die Erhöhung der Verbraucher- abgäbe noch nicht eingeschlossen. Durch diese Freigabe erhöht sich die ge'amte freigegebene Verbrauchszuckermenge auf annähernd 18 Millionen Zentner, so. daß für später noch annähernd sechs Millionen Zentner zum Verteilen bleiben. Eine Bau-Aktiengesellschaf» in Petersburg. Die Petersburger Kouvernemenis-Wirtichastsveiwaltuiig bat die Statuten einer Peiersburo« Bau-Attiengeiells-baft bestätigt, die fich mit dem Wiederaufbau Petersburgs befassen soll. Die Höhe der Attie be- trägt 1000 Goldrubel. Zur aktiven Teilnahme an der Gesellschaft sollen auSländischr Großtapitaliflen yerangfzogen werden. Die Lieserungen von tokomokiven an Sowjet-Rußland. Wie P r o f. L o m o n o i s o w, der sowjerruisi'che Bevollmäckitigte zum Ankauf von Eisenbahnmaterialien im Auslande, Prcsievertretern erklärte, sind bisher aus Deutschland und Schweden 200 Lokomotiven in Rußland eingetroffen und in Betrieb genommen: bis zum Juni d. I. sollen weitere 825 geliefert werden. Derantw. fllr den ertott. Dell:, gen», RI8H». B-rlin-Licht-rfeld-! für An- jciflcn: Zh. SI»«e, Berlin. Beriag Vorwi>rt».Beelag D. m. b. H.. Berlin,»ruck: Borwäets.Duchdeuckereiu. Beelagsanltalt Paul Singer u. Co.. Berlin. Lmdenstr. 8. Gewinn-Auszug der 19. Preufs-l-Südd. f245. Preufz.) Sttaksrn-Soktertg Z.«lasse.? Lichung««-,. IS. SJednun 1821, aiuf)»6» QrgDarn« Nummer sind zwei eieieh hohe ce-Winne gefniieu, und»Wae>» ei nee put dl» Löf» gleicher Numwee tu de» deid», NbteUunge«> und U «ackidruck Verbote». •entau flbti" 595 Mart Ctme Sewädr. ffn der vormiliageziehun« 2»a 60000 dl 144767 4 en 60«0 M 164455 16484» 6 in 6000 M 119494 178683 Z4»»TS 8 z« 1000 M 14 31331-66144 28675» 24 zu 610 U 4396 70-30 84694 152668 146877 314H2 257758 243686 148603 266371 253415 282868 In der AachmUtaglziehung wurde««ewdme«bei«5»an»e�ae». 2 ZU 176000 A 289807 2 ZU 40000 U 37748 2 ZU 20000 ii 23666» 2 ZU 10000»t 260391 4 ZU 6000 ii 53778 8S7»«> 4 ZU 3000 dl 121464 16187» 18 ZU 1000 u 3016 76908 79716 122396 147076 166151 181678 261515 284626 22 ZU 600 dl 90824 158218 142886 161281 167768 228585 260366 260785 568970 269074 289461 »le in dem vorftehenden»en>lnn.«u»,ng nicht en,dnl«enz» niedrigeren Gewinn« find an» den Liften in ersehen, die bei den ftaatllchen Loteerie-Ninuehmern inr nncniacleltchcn Ein- «cht ausliegen. 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