Nr.$4 Jahrgang Musgabe S Nr. 42 Bezugspreis: Vierteljahr!. 6.).— M.. monatl. 20.— M. frei ins Haus, voraus zahlbar. Post« bezug: Monatlich 20.— M. einschl. Au» steUungsgebiibr. Unter Kreuzband für Deutschland, Danz.g. das Saar- und Memelyediet. sowie die ehemals beut- schcn Gebiete Polens. Oesterreich- Ungarn und Luxemburg 51.— M., für das übrige Ausland 72,— M. Post» bestellnngen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Tschecho- Slowakei. Däne- mark. Holland. Luxemburg. Schweden und die Schweiz. Der„Vorwärts* mit der Sonntagsbeilage„Volk und Zeit*, der Unter» hattnngsbeilage„Heimwelt" und der Beilage„Siedlung und Kleingarten* erscheint wochentäglich zweimal. Sonn» tags und Montags einmal. Telearamm-Adrefse: »Sozialdemokrat Berlin- Abend-Ansgabe c Qroa.BerHn 40 Pf. auswSrls 50 Pfennig D vrrlinrr Volksblskk Anze M Elellengeluch« und Echlafstellcnanilcigen da« ersi« Won M.. ied?« weiter» Won I,— M Wort» Ubei 15 Buchstaben zählen sin zwei Worte Famtlien-An- zeigen fsir Abonnenten Zetir M Di« Preise verltehen sich einschließlich Teuerungszuschiag Anzeigen tsir die nächste Bummn müssen bl««>,2 Ahr nachmittag» tm Hauptgeschäft. Berlin SW«i!t. Linden- straße 3. abgegeben werden Deoffnet von 3 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittag» Zentralorgan der Sozlaldemokrati leben Partei Deutfcblands Neüaktion und Expedition: 603 68, Lindenstr. 3 Sk-prtiiMrVrltfr-- Rrdnktion Morinpla« I5l!)5—»7 ,>xri,,�rrt,srr. Expedition»Joriltplou 117 53-54 Sonnabend, den 18. Febrnar 19ÄÄ vorwärts-verlag G.m.b.H., SW 68, Lindenstr. Z Norriin�ort,»'?- Verlag, Expedition»nd Inseraten. 2lLlillril2Z£L: 9lt-lellunfl Morinplnn 117 53 54 2E£Z; Kußlanös Doppelspiel. London, lS. Februar.(WTV) Ein V-richlerstakkcr des «Daily Telegraph" erfahrt von gut untcrrichleker französischer Seile, es könne nicht geleugnet werden, daß llnkerredungen zwischen Franzosen und Sowjetverkretern siailgesundcn haben. Die Oessenllichkcit würde erstaunt sein, zu erfahren, wie weitreichend die Zuge- siändnisse gewesen seien, die Srassin und seine Freunde Frankreich angeboten hätten. Diese Zugesländnijse gingen viel weiter als irgend ekwas, was cnglischerscils erhalten wurde. Die Einzel- hellen des angeblichen Ucbcreinkommens zwischen Rußland und Frankreich stclllen nur den Worklaui der bolschewistischen D o r s ch l ä g e dar und seien zu Propagandazwccken veröfsentlichl ivorden. Gewisse sranzösischeRegierungspersonen, darunter einige in hoher Stellung, hätten auf die bolschewistischen Konzcssionen sehr großen Einfluß gehabt, und das Interesse, das von diesen Personen an den Tag gclegt worden sei, habe einen falschen Eindruck erweckt. Die französische Regierung habe keinerlei lieber- einkow.men unterzeichnet oder auch nur erörtert. Es müsse jedoch klar verstanden werden, daß die Haltung der französischen Regierung nicht unbedingt ablehnend sei. Die Möglichkeit von Verhandlungen werde zugegeben, sie könnten jedoch nur unter den größten Sich er heilen stallsindcn. Die Sowjel- regierung habe bisher nichts davon merken lassen, daß sie bereit sei, solche Sicherheiten zu geben, und Millcrand sorge dafür, daß von der beschlossenen Aciionsiinie auch nicht um Haaresbreite abgewichen werde. • Die Veröffentlichungen des„Daily Telegraph" lasten das absonderliche Liebeswerben einiger radikaler russischer Kam- munisten um Frankreich in einem neuen Licht erscheinen. Das Dementi, das sowohl von russischer wie von französischer Seite der Nachricht von dem Abschluß eines festen Abkommens ent- gegengesetzt wurde, ist danach berechtigt. Die Vorgänge haben sich vielmehr so abgespielt, daß die genannten Vertreter Ruß- lands an Frankreich mit einem Vorschlag herangetreten sind, an dessen Ausführbarkeit sie wohl selbst nicht geglaubt haben, und daß sich die Sache zerschlug, als Frankreich ernsthaft verhandeln wollte. Es handelt sich also hier um eines jener unaufrichtigen Manöver, wie sie zum' Schaden der Sowjetrcgierung immer wieder von gewisser Seite versucht werden. Erstaunlich ist allerdings die Untalentiertheit, mit der man diesmal vorging. Daß Krastin, wie der Gewährs- mann des„Daily Telegraph" behauptet, in die wenig rühm- liche Angelegenheit verwickelt ist, glauben wir nicht. In der„Jswestija" vom 27. Januar machte Steklow den Menstbewisten den Vorwurf, durch ihre Veröffentlichungen über die Verhältnisse in den nstsistten Ceföngnisten den„oll«"- zurückgebliebensten und reaktionärsten Gruppen der Welt- bourgeoisie" Messer auf die Mühlen zu treten. Wir müssen gestehen, daß der berechtigte Protest der Menschewisten der Reaktion nicht ein Zehntel des Propagandastosfes gegeben hat, den der mißglücke Versuch dieser russischen Clique liefert. Es scheint, daß die reaktionäre Presse Deutschlands nur auf das Stichwort vom französisch-russischen Sonderabkommen gewartet hat, um alle Türen nach Rußland wieder zuzuschlagen. Es sollte doch zu denken geben, wenn z. B.> der„T a g" in seiner Donnerstag-Abendausgabe neben nicht uninteressanten Einzelheiten über Radeks Reise nach Düsseldorf das Märchen aufzutischen wagt, R y k o w, einer der bekanntesten Leiter der Tsche-Ka, weile in Berlin, um die Führung eines im März geplanten Kommuni st enputsches zu über- nehmen. Es war keine leichte Aufgabe, die bürgerliche Mehrheit in Deutschland davon zu überzeugen, daß eine Anerkennung der Sowjetregierung, ein auch politisch geregelter Verkehr mit Sowjetrußland Deutschland nicht nur Nachteile bringe, und es war ein über Erwarten günstiger Erfolg, wenn sich auch ein Teil der rechtsstehenden Presse in letzter Zeit mehr und mehr mit diesem Gedanken vertraut machte. Diese Entwicklung ist durch die grobe Arbeit der sowjetrussischen Außenseiter emp- findlich gestört worden, wenn sie nicht zum Teil bereits zer- stört worden ist. Um so verwunderlicher ist es, wenn a m t- liche Sowjetkreise in Verlin an die Versicherung, daß die Gerüchte über den Abschluß eines französisch-russischen Vertrages im gegenwärtigen Augenblick einer Grundlage entbehren, die Bemerkung knüpfen, Deutschland zeige Sowjetrußland nicht das erwünschte Entgegenkommen. Glaubt man in Sowjetrußland, man werde Vertrauen ernten, wenn man Mißtrauen sät? Die Unklarheiten, von denen in der halbamtlichen Auslassung gesprochen wird, sind weit mehr auf rusü'cher als auf deutscher Seite zu suchen. Das Schaukelspiel„Für Genua gegen Frankreich— für Frankreich gegen Genua" ist eine Komödie, der man ge- langweilt zusehen,' von der man aber keine positiven Resultate erwarten kann, und Deutschland hat wichtigere Aufgaben, als sich an diesem Gesellschaftsspiel zu beteiligen. « deutsch-russische öesprechungen. Die„D. A. Z." verbreitek folgende Meldung der„Associated Preß": Während der letzten Tag« fanden Berhand'ungen zwischen Vertretern der d e ut s ch e n Regierung und den drei Vertretern der Sowjetrcgierung, Krassin, Rädel und Stomanjakoff, stath Gemäß Aussprache zwischen den Rcgierungzvertretern ver- handelten daraus auch Vertreter der deutschen Industrie mit den drei Russen. Die Verhandlungen galten nicht einem gemeinsamen Vorgehen während der Konserenz von Genua, fondern der künfiiMN Erschließung Rußlands. Die Verhandlungen verliefen zu beiderseitiger Zufriedenheit Ein abgeschlossenes Ergebnis ist natur- gemäß von diesen kurzen ersten Vorbesprechungen nicht zu erwarten. Doch haben beide Parteien die Aussicht aus eine D-rständigung sest- gestellt. Die deutschen Unterhändler sind der Ueberzeugung. daß ein gutes Stück Weg zum Erfolg zurückge'egt ist. Die Lage in Litauen. Aus'Kowno wird uns geschrieben: Die etwa zweiwöchige Ministerkrise hatte ganz gewichtige Gründe der äußeren und inneren Politik zum Anlaß. Nachdem die Ententeslaaten alles, was aus Litauen und anderen Randstaaten herauszubekommen war, heraus- geholt hatten, ließen sie diese mit kaltem Gewissen im Stich. Nun stand Litauen in dem Streit um seine chauptsiadt W i l n a mit Polen ganz unentschlossen da, seine Blicke einmal nach England, ein- mal nach Frankreich werfen�, ohne führende Männer und ohne klare Politik, während der polnische Imperialismus, von Frankreich untersiützi, unbeschrätikt in W lna wütet, stiren Segm einberuft und den Anschluß Wilnas an Polen erklärt, die Führer der weißrussischen und litauischen Intelligenz verhaftet, um sie nach Kowno abzuschieben usw. Der Völkerbund aber erklärt, daß ihn der Streit zwischen Polen und Litauen nicht mehr interessiere— auf gut deutsch: Pilsudski, mach' was du willst!— Die Kownoer Regierung ist sich selber überlassen. Die Bcoöl- kcrung des früheren Kownoer Gouvernements ist gezwungen, eine große Armee und ein s ckbkcs Bcamtenheer zu unt-rbalten. alle Staats- und Repräsentaticnskosten zu tragen, und sie stöhnt unter den kolossalen Steuern, hunderttausende von Flüchi- lingen aus Sowjetrußland hoben sich auf dem kleinen Terri- torium zusammengedrängt, die Saatsbehörden und diplomatischen Vertretungen verlangen Räumlichkeiten, die requiriert werden müssen. Daß kein« von den Parteien im Scym gewillt. sein würde, in diesem schweren Augenblick die Last einer Regierung auf sich M nehmen, log auf der Hand. Die Spannung zwischen den Christlich- demokraten und Sozialisten erreiibte ihren höhcpi'nkt, als die Agrar- und Schulfrage zur Entscheidung kam. Die Christlich- demokraten, unter dem alleinigen Einfluß der katholischen Pfarrer, wollten sich von den kirchlichen und klösterlichen Gütern nicht trennen, die Schule und die Universität katholisirren, wöbrend die Sozialisten das Gegenteil anstrebten. Di« ChrisUichdemokraten. die über absolute Mehrheit verfügen, gaben den Sozialisten fast in keinem Punkte nach— der Konflikt war da und konnte nicht gelöst werden, da keine Partei nachgab oder Lust gehabt hätte, kurz vor den Neuwahlen die Verantwortung auf sich zu nehmen. Man ent- schloß sich, ein G e s ch ä s t s m i n i st e r i u m zu bilden und ver- traute die Bildung desselben dem früheren Handelsminister G a l- v a n o w s k i an. Cr gilt als Anhänger der Annäherung Litauens an Polen und Frankreich, und die ostpreußische Presse äußert Befürchtungen, daß Litauen, welches sich als gutes Absatz- land für den deutschen Export erwiesen hat, für Deutschland ver- loren geht, hier in Kowno wird die Sache n i ch.t als so e r n st angesehen. Galvanowski war und ist ein Anhänger dieser Annäherung, da er dadurch Memel für Litauen gewinnen will, aber er muß damit rechnen, daß in Litauen eine große nationallitauische Bewegung im Rollen ist, die sich diesen Versuchen mit allen Mitteln widersetzen wird; das vor kurzem gegen ihn gerichtete Bomben- attentat wird wohl diese seine Bestrebungen etwas abkühlen. Litauen hat auch bis heute noch die deutsche Reichsmark als einziges und alleiniges Zahlungsmittel es ist dadurch an Deutsch- land vollkommen gebunden. Diese Gelegenheiten auszunützen wird Sache einer zielbewußten deutschen Politik sein. Die Lage in Litauen ist infolge dieser Zustände sehr gespannt, und Deutsstland muß die Ereignisse mit Aufmerksamkeit verfolgen — Litauen ist und bleibt für Dentso'-land diejenige Brücke nach Rußland, die zu überschreiten für die deutschen Wirtschaftskräfte bei einer richtigen Politik am leichtesten sein wird. Italiens„krieasverbrecher". Der Chefredakteur und der her- ausgeber der sozialistilchen italienischen Zeitung„L a L o t t a" wurden van dem Gerirbt in Immola wegen eines im Jahre 1918 er- schjpnenei Artikels, in dem das Gericht eine Aufreizung zur Fahnen- flucht erblickte, zu drei Monaten Geiängnis verurteilt. Sie wurden sofort in das Gefängnis von Bologna übergeführt. Ministerium Sonomi gestürzt. Rom, 18. Februar.(Intel.) Rlik 295 gegen 107 Skim- wen hak gestern abend die Kammer dem Kabinett Po- noml das Vertrauen verweigert. Dagegen nahm die Kammer fast e I n st i m m i g, ausschließlich der Kommn» nisten, eine Resolution an, die das allgemeine polt- tischeProgrammVonomisbilligt.Die Ablehnung des Verirauensvokums richtet sich danach mehr gegen die Alii- aibeiker Bonomis, als gegen diesen selber. Bonomi hat infolgedessen dern König seine Demission mit einem Vorbehalt überreicht. Es ist möglich, daß er versuchen wird, ein neues Kabinett zu bilden und nochmals vor die Kammer zu treten. Andernfalls dürfte wieder De Nicola mit der Kabinettsbildung beauftragt werden. Damit sst d«r Versuch wohl endgültig gescheitert, die vor bald drei Wochen eingetretene Regierungskrise durch eine Be- stärigung Bonomis als Ministerpräsidenten zu lösen. Ueber die Ursachen der ersten Krise gibt folgende Darstellung unseres römischen Berichterstatters, die infolge des Eisenbahner- stveiks mit großer Verspätung eingetroffen ist, Ausschluß. Diese Darlegungen treffen in ihrem gesamten Inhalt auch auf die heutige Krise zu. Die Ministerkrise zeigt, daß die Hoffnung, die Propor- tionalvertretung und die Listenwahl würden zu einer Ge- sundung des parlamentarischen Lebens in Italien führen, nicht einmal in bezug auf die parlamentarische Form be- rechtigt war. Trotz der schärfere» Prägung und Umgrenzung der Parteien, die das neue Wahlsystem bringen sollte, hat es geschehen können, daß am Abend vor der Wiederaufnahme der Kammerarbeiten die„demokratische Partei", die das Gros der ministeriellen Mehrheit darstellt, beschließt, gegen das Ministerium zu stimmen, dessen Politik sie für„unzulänglich" erklärt, und daß das Kabinett auf Grund dieses außer- parlamentarischen Votums zurücktritt, ohne daß die Kammer vorher von ihm hätte Rechenschaft fordern und erlangen können. Die einen sagen, die Haltung in der B a n k k r i se sei unklar und schwächlich gewesen: das gute„Giornale d'Jtalia" findet Schuld an Bonomi, weil er die Konferenz von Genua zulassen wollte, zu der die Regierung von Sowjetrußland ein- geladen wurde. Die Landestrauer bei dem Tod des Papstes war auch manchen ein Dorn im Auge. Aber der eigentliche Grund der Krise, den ein Teil der Presse auch offen ausspricht, ist wohl in dem Umstand zu suchen, daß die Klerikalen ihre Stellung innerhalb des Kabinetts mit allzugroßer Dreistigkeit ausnutzten und befestigten und daran waren, die eigentlichen Herren des Kabinetts zu werden. Den Klerikalen kann man das von ihrem Standpunkt nicht ver- denken: sie sind, nach der sozialistischen, die stärkste organi- sierte Partei im Lande, und hatten außerdem das Kabinett Bonomi ganz in ihren Händen. Man kann also heute sagen, daß das Kabinett Bonomi von den Klerikalen gelebt hat und an ihnen gestorben ist. Nun aber Bonomi gegangen ist, ohne eines der Probleme zu lösen, die ihn beim Regierungsantritt erwarteten, stellt sich die Frage der Nachfolgeschaft mindestens ebenso unsicher und stachelig dar, wie nach dem Rücktritt Giolittis. Der F a s c i s m u s ist unter Bonomi noch stärker geworden als vorher, die Wirtschaftskrise hat eine Zuspitzung erfahren durch den Bankkrach der Diskontbank, die Klerikalen haben sich, wie schon gesagt, mächtig ausgewachsen, so daß jedes künftige Kabinett wenigstens das vom Ministerium Bonomi lernen sollte, daß man mit den Fingern haushalten muß, die man den Klerikalen gibt. Dazu kommt die i n t e r na t i o n a l e L a g e, die mindestens so unklar und dunkel ist, wie bei Bonomis Uebernahme der Regierung und die droht, Italien vor die Wahl zwischen England und Frankreich zu stellen. Alles in allem gilt es also eine Erbschaft anzutreten, die nicht viel Verlocken- des hat. Natürlich spricht man wieder von G i o l i t t i, an dessen „ewige Wiederkehr" man nachgerade gewöhnt ist und die man. bei der Lebensenergie des Greises und seinem parlamen- tarischen Einfluß, nie ausschließen kann. Die Sozialisten sind gegen Giolitti, dem sie es nie verzeihen, die Wahlen unter dem fasdstischen Terror angesagt zu haben: sie würden ein Kabinett De Nicola gern sehen, des heutigen Kammerpräsidenten, dem sie unparteiischen Sinn nachsagen und von dem sie ehrliche Bekämpfung des Fafcismus erwarten. Es ist auch vnn einem Kabinett N i t t i die Rede, aber vorwiegend von der im Solde dieser Richtung stehenden Presse, unter der das römische „Paese" die erste Stelle einnimmt. Nitti selbst soll gesagt haben, daß seine Zeit noch nicht gekommen sei und daß, vor seiner Rückkehr, noch ein Interregnum von drei Monaten ein- treten müsse. Wir glauben, bei den notorischen Beziehungen Nittis zur verkrachten Diskontbank, daß von seiner Berufung zum Ministerpräsidenten wenigstens in der heutigen Periode des Moratoriums nicht die Rede sein drüfte. Die sozialistische Fraktion steht der heutigen Lage mit gebundenen Händen gegenüber. Der Nationalrot der Partei hat im vorigen Januar, trotz des ent» gegenstehenden Votums des Allgemeinen Gewerkschastsbundes, \ v die antikollakorationistische und intransigente Haltung des Parteitages von Mailand bestätigt: da die Fraktion dem Parteivorstand unterstellt ist, hat also ihre gegenteilige Mei- nung keinen praktischen Wert. In der gestrigen Nachtsitzung der Fraktion hat sich T u r a t i vergebens für die etwaige Teil- nähme an der Regierung zur Verwirklichung eines konkreten Reformprogramms ausgesprocben. Der Vertreter des Partei- Vorstandes machte darauf aufmerksam, daß ein Abgehen von den Beschlüssen von Mailand eine Disziplinverletzung wäre und daß der Fraktion in Sachen der parlamentarischen Taktik nur beratende Stimme zukäme. Die Resolution M a f f i für absolute Intransigenz erhielt nur 3 Stimmen, die B a r a t o n o für Enthaltung von jeder Beschlußfassung 24 und schließlich gelangte eine Tagesordmmg M a z z o n i zur Annahme, mit 49 Stimmen, die die Fraktion ausfordert, auf die Krise Einfluß zu gewinnen, um sie im Interesse des Proletariats zu lösen. Wir sind also genau so weit wie bei der vorigen Krise: wiekann eineParteiEinfluß auf dieLösung derKrise haben, wenn sie doch unter keinen Umständen für das aus ihr hervorgehende Kabinett stimmen darf? Unter diesen Umständen bleibt die klerikale Partei Herrin der Situation. Es ist ausgeschlossen, eine Regierung ohne sie zu bilden, wenn man nicht auf die Sozialisten rechnen kann. Daß sich die sog. Demokraten mit der Rechten, also der Frak» tion Salandra, den Agrariern, den Nationalisten und den Fascisten verbünden, welche reaktionäre Koalition von ver» schiedenen Blättern angestrebt wird, ist undenkbar. Unter den sog. Demokraten befinden sich auch die früheren bürgerlichen Radikalen, die sich absolut nicht so weit nach rechts entwickeln können, um mit den Nationalisten und Fascisten gemeinsam vorzugehen. Die Kammer ist noch nicht neun Monate alt, aber sie hat schon hinlänglich den Beweis geliefert, daß mit ihr nur ein kümmerliches Regieren möglich ist. Koalitionspolitik unö 1ISP. Der Vorsitzende der USP., Arthur Crispien, veröffentlicht in der„Freiheit" einen Artikel, in dem er die Sozialdemokratische Partei auffordert,„ihre verhängnisvolle Koalitionspolitik aufzugeben und mit dem ge- samten Proletariat den Klassenkampf aufzunehmen". Eine schöne Gelegenheit, die Crispiensche Politik durchzusetzen, ist am Mittwoch verpaßt worden, weil ungefähr die Hälfte der USP.-Fraktion nicht dazu zu bewegen war, sie richtig aus- zunutzen. Die Koalitionspolitik im Reiche, die nach den Wahlen vom Juni 1929 aufgegeben worden war, ist im Mai 1921 von der Sozialdemokratischen Partei mit Zustimmung der USP. oder doch ohne jeden Widerspruch von ihrer Seite wieder aufgenommen worden, um denEinmarsch der Entente in das Ruhrrevier mit allen seinen verhängnisvollen Folgen für die internationale Politik und das arbeitende Volk Deutsch- lands zu verhindern. Sie ist seitdem von der USP. gestützt worden. Am 15. Februar versuchte die USP.-Linke einen entscheidenden Stoß gegen sie, indem sie sich mit den Rechtsparteien zum Sturz der Koalitionsregierung vereinigte. �Das Unternehmen mißlang, weil ein erheblicher Teil der USP.-Fraktion den Sturm nicht mitmachte, sondern dem vereinigten Generalstab der Stinnes, Crispien, H e l f f e r i ch und H ö l l e i n die Gefolgschaft versagte. Unter diesen Umständen betrachten wir die Wiederauf» rollung des Koalitionsproblems durch Crispien nicht mehr als eine Auseinandersetzung zwischen unserer Partei und den Unabhängigen, sondern als eine innere Ausein- andersetzung der USP. und begnügen uns damit, den Artikel Crispiens als einen Anfang von ihr zu registrieren. Die Angestellienverstcherling. Der Derbandsvorstand des Zentral- verbandzs der Angestellten hat an den Rcichswirlschaftsrot und an den Reichstag eine Eingabe gerichtet, in der er die Erhöhung der bis. herigen Grenzen für die Versicherungspflicht auf 100 000 M. oerlangt. Der letzte Aufrechte. Von den sechs Männlein und Weiblein des linken volks- parteilichen Flügels wollten sich ursprünglich vier bei der Abstimmung über das Vertrauensvotum der Stimme ent- halten, schließlich ist ober nur einer von ihnen festgeblieben, der ehemalige Minister Dr. H e i n z e. In der deutschnationalen Presse wird Herr Heinze deswegen sehr ungnädig behandelt. Jetzt gibt er im„Dresdener Anzeiger" die Gründe seiner Stellungnahme bekannt. Er führte einem Redakteur dieses Blattes gegenüber aus: Der Eisenbahnerstreik hätte bei längerer Dauer zweifellos große politische Gefahren mit sich gebracht. Vielleicht wären weitgehende kommunistische Unruhen die Folge davon gewesen. Man hätte dann möglicherweise mit einer tellweisen Stillegung der Industrie und mit schweren Stockungen in der Lebensmittel- Versorgung der Großstädte rechnen müssen. Es fei deshalb unbedingt notwendig gewesen, daß der Streik so schnell wie möglich beigelegt wurde. Der Reichskanzler habe eine solche schnelle Bei- legung erreicht, und in einer so gefährlichen Lage des Staates dürfe man mit ihm wegen einzelner Unstimmigkeiten nicht zu scharf ins Gericht gehen. Den Erklärungen, die der Reichs- lanzler im Reichstag in der Streikangelegenheit gab, hätte man bei- treten können, und da der Mißtrauensvotumsantrag der Deutschen Volkspartci sich auch gegen diese Entschließung richtete, habe er sich diesem Antrag nicht anschließen können. In seinen weiteren Ausführungen wird Herr.Feinze offen- herziger und läßt seine letzten Gründe erkennen: er wollte und will die„g r o ß e K o a l i t i o n", die nach seiner Ansicht durch das Mißtrauensvotum der Deutschen Volkspartei erschwert worden ist.— Mit seiner Sehnsucht, in die Regiening zu gelangen, gleicht cherr Heinze also seinen übrigen Partei- freunden. Er verfügt aber insofern über ein größeres Maß politischer Einsicht, als er— im Gegensatz etwa zu der volks- parteilichen„Zeit"— richtig erkennt, daß man nicht am Morgen nach einem Mißtrauensvotum gegen die Regierung um Aufnahme in dieselbe Regierung betteln kann. Die f)5tze üer tvirtstbastsbeihilfen. Halbamtlich meldet MTB.: Nach Anfragen, die an das Reichs- finanzministerium' gerichtet worden sind, wird die kürzlich verösfent- lichte Pressenotiz über die bevorstehende Gewährung von Wirt- schaftsbeihilfen an Beamte und Angestellte in Orten mit besonders schwierigen Wirtschaftsverhältnissen zum Teil irrtüm- lich ausgelegt. Zur Klarstellung wird von zuständiger Stelle darauf hingewiesen, daß die Bemessung der Wirtschaftsbeihilfen in An- lehnung an die den A r b e i t e r n gewährten Ueberteuerungs- zuschösse derart gedacht ist, daß für je 10 Pfennige Ueberteue- runqszuschuß eine jährliche Wirtschastsbeihilfe von 230 M. gegeben werden soll. Beispielsweise würde somit die Wirtschaftsbeihilfe In einem Orte, an dem die Zlrbeiter einen Ueberteuerungszufchuß von einer Mark pro Stunde erhalten, auf zehnmal 230 AI., also 2500 M., bemessen werden. Deutscher Reichstaa. 173. Sitzung. Sonnabend, den 18. Februar 1922, 12 Uhr. Vizepräsident Dr. Rießer schlägt angesichts des fast leeren Hauses vor, die an erster Stelle auf der Tagesordnung stehende Fortsetzung der Beratung des Gesetzes über die Abgab« zur Förde- rung des Wohnungsbaues auf eine spätere Stell« der Tagesordnung zu verschieben.— Das Haus ist damit einverstanden. Der Gesetzentwurf über vorübergehende Rechtspfl« gemäß- nahmen im Hinblick auf das S a a r g e b i e t wird in allen drei Lesungen angenommen. Ebenfalls angenommen wird das Gesetz über die weitere Zulassung von Hilfsmitgliedern im Rcichspatentamt. Der Gesetzentwurf über die Ablieferung von Ausfuhr- d e v i f e n wird dem Ausschuß zur Durchführung des Friedensver- träges überwiesen. Auf der Tagesordnung steht dann die demokratische I n t e r- p e l l a t i o n über Paherleichterungen im Verkehr mit � D e u t s ch ö st e r r e i ch. Da der Interpellant aber noch nicht an-' wcsend ist, wird jetzt die Vorlage über,die Erhöhung einer Abgabe zur Förderung des Wohnungsbaues zur Verhandlung gestellt. Bei Schluß des Blattes spricht Abg. Obermeyer(Soz.). i poZitik auf öem Sirius. Don HenniLehmann. Der Sirius ist ein Stern, der In kalten Wintertagen besonders hell leuchtet. So gelang es dem berühmten Professor Ecetumius bei der letzten ungewöhnlich lang andauernden Kälte vermittelst ganz neuer aufs Höchste verfeinerter Seh- und Hörapparate die politischen Vorgänge auf dem Sirius zu beobachten und zu registrieren. Ich bin in der erfreulichen Lage, als erste den Lesern des Vorwärts über die Ergebnisse Mitteilung machen zu können. Auf dem Sirius hatte sich eine neue politisch« Partei gebildet. Sie war der durchaus richtigen Meinung, daß man nicht früh genug mit 0er politischen Erziehung beginnen könne. Deshalb wandte sie sich vorwiegend an Kinder, die noch nicht laufen tonnten. Sie be- vorzugte solche, die einen festen Willen hatten und allen Vorstellungen Erwachsener unzugänglich waren. Gelegentlich ernannte man d>:s- halb Säuglinge, die hartnäckig schrien, zu Ehrenmitgliedern. Die Parteimitglieder meinten, alles, was auf dem Sirius besteh«, müsse umgewandt werden, so daß'dos Oberste nach unten, das Hinterste .nach vorne komm«. Aus diesem Grunde marschierten sie gern so, daß ihre Rückseite vorausging und die Augen hinten waren. Dies beeinträchtigte freilich ihre Fähigkeit' des Sehms und Erkennens ein wenig, doch das machte nichts. Es war ein Prinzip. Sie nannten sich die Chrananumokisten. Als sie nun ein« Reihe von Mitgliedern gewonnen hatten, fanden sich bedauerlicherweise einzÄne darunter, die in schwachen Augen- blicken sich einmal umwandten, um zu sehen, was in der Vorwärts- richtung geschähe. Da die Chrananumokisten. wie gesagt. Leute von Grundsatz warm, so tonnten sie dies natürlicherweise nicht dulden. Sie beschlossen deshalb, die Verräter auszuschließen. Dies« jedoch wollten sich nicht aussch'ießen lassen. Co spaltete sich die Partei— hie Chranaisten, hie Numokisten. Die Rumokisten als zahlreicher gaben sich den Namen der allgemeinen Numokistmpartei. Sie gc- horchtm dem Obernumokistm, der auf dem Polarswrn wohnt«. Leider fanden sich unfolg'ame Elemente, die den Weisungen des Obernumokisten nicht nochkamen, deshalb spottet« sich die Partei in «ine allgemeine und ein« besondere Numotistenpartei. Erster« stellt als Grundsatz auf, daß man all« hundert Jahre einmal sich um sich selbst drehm und alle wirklichen Dinge betrachten dürfe. Letzter« gestattete es all« zehn Jahre. Aber nun kamen Neuerer, die ver« langten, daß man sich in jedem Schaliiahr, ja einig« sogar, daß man sich In jedem Jahr einmal umschaum dürfe. Das kannte nicht geduldet werden. So spaltete sich die allgemein« und die besondere Numo- tistenpartei. Auch damit hatte es nicht sein Ende. Immer wieder, besonders wenn die zu Ehrenmitgliedern ernannten Säugling« älter wurden, wollten sie den Weisungen des Obernumokisten vom Polar- stem nicht folgen. Infolgedessen spaltet« sich die Partei stets aufs neu«, bis am Ende nur«in einziger letzter Rumokist übrig blieb. Der hatte so lange nicht um sich geblickt und war ständig mit der Rückseite nach vom gegongm, daß er ganz die Richtung verloren hotte und nicht mehr wußte, ob er nach rechts oder nach links ging oder gehen sollte. Er war mit sich selb st uneinig. „Es bleibt mir nichts übrig, als mich zu spalten," sagte er, und da spaltete er sich. Die eine Hälfte,'das„Nu", fiel auf die Erde hinunter. Sie begann sofort«in« neu« Partei zu gründen, deren Mitglieder sich „Nuisten" nannten. Man sagt, daß sie bei Kindem, die noch nicht laufen können und bei Flaschenkindern besondere Sympathie genießt. Da indes diese beiden Gruppen häufig verichiedener Meinung sind, so wird die Partei sich vermullich nächstens spalten in Uisten und Nisten.--- Soweit die Aufzeichnungen von Professor Eoelumius. Man darf auf die nächsten Nachrichten vom Sirius gespant sein, denn dort ist ja die andere Hälfte des gespaltenen letzten Numokisten. das „Mok" zurückgeblieben. Es ist anzunehmen, daß sich daraus m- zwischen die Partei der Mokisten gebildet hat, die sich in Kürze spalten dürfte. Die Vuse über die Kunst des Dramas. Cleonora Düse, die letzte der großen Tragödinnen aus jenem Zeitalter der Bühnen- kunst, das heut« für uns schon klassisch geworden ist, hat nach langem Entferntsein von der Bühne ihre reife Kunst wieder dem Publikum gezeigt. Ihr Wiedererscheinen auf den weltbedeutenden Brettern, das mit ungeheurem Enthusiasmus begrüßt wurde, hat einige Be- richterstatter veranlaßt, sie um ihre Ansichten über die dramatische Kunst und das Theater zu befragen. Sie begann ihre Ausführungen mit einer kleinen Geschichte, durch die sie die Stellung des großen Publikums zur Bühne in unserer Zeit beleuchten wollte.„Wenn ich mich abends fertig mache, um ins Theater zu gehen." sagte sie. „dann wünscht mir meine Auswärterin, eine Frau aus dem Volke, jedesmal„viel Vergnügen!". Vergnügen ist es, was man heute vor allem im Theater sucht, nicht Erhebung und Erschütterung. man sucht leichte Unterhaltung, nicht echte Kunst." Die Duse hält sehr viel von der Ueberlieserung in der Schauspielkunst und meint«, daß derjenige, der nicht von seinen Vorgängern lerne, auch in der Geschichte nicht fortleben werde. Sie hofft in Mailand, der Stadt, die nach ihrer Ansicht die beste Theatcrüberlieferung in ganz Italien Hot. ein Künstlertlieater zu schassen, in dem sie ihr Ideal der Bühnenkunst verkörpern will. Der bedeutendste Dramatiker der modernen italienischen Schule, Pirandello, soll für sie ein Stück schreiben. Die große Dragödin denkt auch an Gastspielreisen-, so will sie wieder in London und anderen Großstädten Europas auf- treten, und zwar erklärte sie:„Wir Künstler müssen auch etwas zu tun versuchen, um wieder die alten künsterischen Beziehungen zwi- schen den Ländern Europas festzuknüpfen, die durch den Krieg zerrissen sind." Der Freischütz vom Schwielow-See. Ein Skandal der Justiz. Der Arbeiter Karl Nietert, das jüngste Opfer des Schießjunkers v. Kaehne, befindet sich in sehr bedenklichem Zu- stand. Er ringt mit dem Tode. Man sollte meinen, wenn eine junkerliche Familie in ihrer tollwütigen Schießwut Menschenleben auf Menschenleben ge- fährdet und vernichtet, daß dies eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse sei. Ein Blick in die Ber- liner bürgerliche Presse belehrt uns vom Gegenteil. Außer ein paar demokratischen Zeitungen nimmt kein ein- ziges bürgerliches Berliner Blatt von der Angelegenheit Notiz. Als neulich ein Irrsinniger am Kurfürstendamm Amok lief, da waren der bürgerlichen Presse spaltenlange Berichte nicht ausführlich genug. Dabei handelte es sich hier um die unvor- hersehbare Tat eines plötzlich geisteskrank Gewordenen, die niemand vorhersehen und durch vorbeugende Maßnahmen verhüten konnte. Der Kaehne-Skandal geht aber nun schon geraume Zeit. Ruder und Segler wissen ihr Lied davon zu singen. die ahnungslos oder auch durch Unwetter genötigt, im Be- reich der Kaehneschen Herrschast sich dem Ufer näherten. Ohne jede vorherige Warnung wurden sie mit Schüssen empfangen. Der Hauptskandal aber ist das Verhalten der Justiz. Es bewahrheitet sich einmal hier wieder die Er- fahrung, daß ein Angehöriger der A d e l s k a st« in Deutsch- lond tun kann, was er will, ohne daß ihm die in untertänigster Servilität ersterbenden Gerichte ein Haar zu krümmen wagen. Der Kaehne-Skandal ist ein potenziertes Seitenstück zu dem Skandal des Schlieffen-Prozesses. Die gräflichen Giftmischer— Mutter und Sohn— wurden zu kleinen Gefängnisstrafen verurteilt, die gleich hoch bzw. noch geringer waren als die Gefängnisstrafen, die das Land- gericht in Bonn gegen Arbeiter wegen Verunreinigung eines Kaiserdenkmals verbängte. Immerhin aber noch Gefängnisstrafen, vielleicht weil das ausersehene Todes- opfer auck ein Angehöriger der Adelskaste war. Da die Fa- milie v. Kaebne aber ihre Schießlust bisher nur an simplen bürgerlichen Individuen gesättigt bat, so sind gegen sie nur Geld st rasen— das Wort„Strafe" ist hier allerdings nicht am Platze— zur Anwendung gebracht worden! Der bürgerliche Richter steht eben ganz unter dem geistigen Ein- fluß seiner Presse, die der Ansicht ist, daß derartige Erzesse einer Adelsfamilie totgeschwiegen und mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe bedeckt werden. Bor genau secbs Wochen hatte die Justiz Gelegenheit, ihre berübmte Objektivität zu zeigen. Da stand der Sobn des Scbießiunkers— bekanntlich schießt die ganze Familie o. Kaebne— vor Gericht, der d r e i Gewehrschüsse auf die Insassen eines Automobils abgegeben hatte, die ganz un- absichtlich in den Bereich der Kaehneschen Herrschaft gekom- men waren. Wille und Verdienst des Angeklagten war es nicht, daß niemand getroffen wurde. Im Kegenteil, der frivole Bursche hat noch seinen Sk e r g e r darüber ausgesprochen! Und dos Fazit? 10 000 ZU. Geldstrafe. Dabei war dieser adlige Avache schon dreimal wegen ShnNcher Handlungen norbestrast. Das Schwurgericht Votsdam, das Snstem der heutigen Justiz, trägt die morastsche Mitverantwortung für die Erschießung des Arbesters Nietert. Wie die Kvrresvondenz 13.8. frört, sind die Behörden angewiesen worden, den Fall Kaehne mit größter Beschleunigung zu bearbeiten, um dem Justizministerium da? Ergebnis der Darunter- ftichung bc-ldmögl!ckist mitteilen zu können. Die Oberstaatsanwalt- schast in Potsdam hat. unmittelbar nachdem ihr von der Verletzung des Arbeiters Nietert Kenntnis gegeben war, das Amtsgericht in Pots- dam mit der Voruntersuchung des Falles beauftragt. Eine Ver- nehmrmg des verletzten Arbeiters konnte deshalb noch nicht voroe» nommen werden, weil der Zustand des Patienten eine längere Be- fraqung noch unmöglich macht. Die Staatsonrvaltscbast hat bei der Direktion des Krankenhauses sich deshalb nach dem Zustand Nieterts Ein falscher Doppelstern. Wenn uns der Himmel in den nach- sten Tagen eine sternklare Nacht beschert, werden wir eine inter- essante Erscheinung beobachten können. Der Planet Mars, allgemein leicht kenntlich durch sein rötliches Licht und gerade jetzt ziemlich bell, nähert sich nämlich einem Fixstern, Beta in Skorpion, so sehr, daß er für das bloß« Auge mit ihm einen Stern zu bilden scheint. Wir hoben also einen künstlichen oder salschen Doppelstern vor uns, denn in Wirklichkeit hat unser Nochbarplanet natürlich mit dieser fernen Sonne nrchts gemein. Aber es gibt dabei auch etwas Be» sonderes. Für das Licht ist es nämlich ganz gleichgültig, ob solch «in Doppelstern echt oder salsch ist. Je näher die beiden Sterne aneinander rücken, desto mehr nimmt der Fixstern, sonst ein Stern dritter Größe mit klarem weißen Licht, eine blaugrüne Färbung an. die am Tage der größten Annäherung, am 22. Februar, ganz intensiv wird. Dann sind beide Sterne nur noch um eine einzige Bogcnsekunde auseinander. Der Laie wird, um sich diese Erschei- nung zu erklären, zunächst an eine Kontrast, oder Komplementär- Wirkung denken. Der wahre Grund liegt aber tiefer und ist uns aus der Spektralanalyse bekannt. Der rotgelb« Mars umgibt sich mit einem©eftirre, sozusagen einer Atmosphäre von rotgelben Licht- strahlen, die um so dichter ist, je näher man sie dem Planetenkörper betrachtet. Wenn nun die weißen Strahlen des Fixsterns, die natürlich aus allen sieben Rcgenbogenfarben nebst Ultrarot und Ultraviolett bestehen, durch diese rotgelbe Marsstrahlentrone hin- durchgehen, werden die roten und gelben Strahlen von ihr ver- schluckt, ausgelöscht, und es bleiben nur noch die grünen und blauen Strahlen übrig. Daher sehen wir dann den Planeten eben als blaugrünen Stern. Die Annäherung, die am 22. Februar ihren Höhepunkt erreicht, geht übrigens ziemlrch langsam vor sich. Man wird sie acht Tage vorher und acht Tage nachher mit allen ihren Reizen beobachten können, am öestcn natürlich mit einem nicht zu schwachen Fernrohr. Die Grünfärbung solcher Fixsterne, die ge- legentlich mit dem roten Mars zusammengeraten, ist schon früher bemerkt worden, aber selten wird die Gelegenheit, heller Himmel vorausgesetzt, so günstig sein wie gerade diesmal. Srstauffakirunge« der Woche. Mont. Deutlche« Tbeater:.Di» D ö l l e".— Mitttv. fllrinf« Srtiouftiielljoiiä:.Der l e u i ch e Lebemann.-— Tonueröt. Leising-Tbcaier a u st».— Freit. Kammer- ivlele:„Die Erziehung durch Kolibri'. Toiiuab. Neues BoUslbeatcr:.D i e ss ä l s ch e r'. Neues Tbeater am Zoo:.Scampolo-. llrauia- Borträge. Sonnlag, Dienstag, Sonnabend:.Die Wunder des Schneelchubs". Montag: Norbert IaegueS:.Die deutlche Südse«'. Mittwoch, Freitag:.Natur undKuItur der Mark Brandenburg'. Donnerstag:.Kamps mitdem Berge'. In der BoltSdähne findet die SO. Aullfibrung von Erntt Toller» . Masse Mensch' am Sonntag mit der Premierbeietzung: Mary Dietrich— Sonja und Ferdinand Ärver— Namcnioier. statt. Alfred Beiert« wird Sonntag abend>/,8 Nhr im Meiltersaal, Küthener Strasje. Leonid ilndrejerp».lAeschichte von den sieben Aebenlten' srei crzähien. Museumsfübrungen durch Direktorialbeamte finden am Sonntag statt im Kaiier-Friedrich.Muscum lBorder-Äflatische Slbtcilnng). im Älten Museum lAirtiquartum, AntrleS®ia4J und im Museum jür BittcrUmde �Ozeanische Abteilung). erkundigt, weil von dem Ausgang der Verletzung es ab»' hängt, ob das Verfahren gegen Herrn v. Kaehne auf Mord, Tot- schlag oder Körperverletzung lauten wird. Der Förster des Herrn v. Kaehne, der in Frage kommende Landjäger und ebenso der beschuldigte Rittergutsbesitzer sind am Tage nach der Tat durch den Untersuchungsrichter verantwortlich vernommen worden. Auf Grund des bisherigen Ermittlungsergebnisses ist gegen Herrn v. Kaehne jetzt dos Verfahren wegen(versuchten? Red. d. V.) Totschlags eingeleitet und der Untersuchungsrichter beauftragt worden, alle Vernehmungen mit größtmöglichster Beschleunigung durchzuführen. Außerdem ist von der Staatsanwaltschaft gegen Herrn v. Kaehne der Haftbefehl beantragt worden. Wir verstehen nicht, warum hier so umständliche Zeremonien erforderlich sind, um den Täter in Host zu bringen. Wenn ein gewöhnlicher Sterblicher einen Menschen niederschießt, dann erscheint alsbald die Polizei und nimmt ihn in Haft. Der Haftbefehl wird nicht erst bei Gericht beantragt, sondern dieses entscheidet höchstens, ob die Verhaftung aufrechterhalten bleibt. Wir fragen an, warum im Falle Kaehne die Polizei nicht sofort die Verhaftung vorgenommen hat? Lst sie auch der Ansicht, daß Angehörige der Lldelskaste nicht unter den allgemeinen Gesetzen stehen? Die ßrauen zu üen Feitfragen. In'der Schulaula in der Inselstraße sprach am Freitag aus der Bezirtsfrauenkonferenz vor den Berliner Funktio- närinnen die Genossin Todenhagen über„Agitation und Zeit- fragen." In ihrem Referat führte die Rednerin u. a. folgendes aus: Die Frau hat jetzt in ganz erheblichem Maße die Mitoerant- «ortung zu tragen. Das Gefühlsleben ist wohl dos stärkste bei der Frau, aber in der Geaenwart gilt es, nüchterne, ruhige Verstandes- arbeit zu leisten. Oft fällt es den Frauen schwer, z. B. die Steuerpolitik fachlich zu beurteilen. Die Vortragende sprach dann aus- führlich von den wirklicken Verhältnissen und den Steuer- kämpfen, dabei den Frauen vor Auaen führend, daß bei der augenblicklichen weltpolitschen Lage nicht Gefühlsmomente ausschlag- gebend sein dürften. Dann redete sie von den Kämpfen um Rathenau, von seiner Haltung in der Wirtschafts- und Erfüllungs- Politik und legte dar, daß in Wirklichkeit der Streit„S t i n n e s gegen Rathenau" heißen müsse. Streng sachlich würdigte sodann die Sprecherin die letzten Streikbewegungen. 1307 hat schon August Bebel vor einem Streik warnen müssen. Heute muß man doppelt scharf die allgemeine Lage betrachten, d n m i t das Streikziel sich nicht selbst entwertet. Wollen große Gewerbe streiken, müssen sie erst bei ihren Rnchbargcwerben Nochfrage halten. Die Eisenbahner z. B. dürfen nicht außer acht lassen, daß fie Arbeitswert« und Arbeitskraft vermitteln. Die Deutsche Bolkspartci nahm die Streiks zum Anlaß, den Versuch zu machen, die Regierung zu stürzen. Da konnte man es wiederum erleben, daß die USP. alle Augenblicks aus Anitationsgründen eine Schoukelvolitik trieb. Eine konsequente Politik ist ober bittere Rot. mendigkeit. Ott wird den Frauen ob der Mißerfolge durch das Frai�enwahlreckt ein Vorwurf gemocht. Doch ist die Indifferenz der Fraiien«m Rückschlag der Indifferenz der Männer. Die Red- nerin würdigte hierauf ausführlich die gewerkschaftliche und politische Organisation der Frauen und die so über- aus wichtig- Betriebsorgomlaston. Bei der Agitation sviclt über- hg"vt das Moment von Mensch zu Mensch eine wichtige Roste. Die Beschäftigung mit sehr nüchternen kleinen Dingen ist zum Aufstieg nötig. Die Frauen sollten auf jedem Zohlab-nd für die Frauen- beweoimq Stimmung m-chen und vor allen Dingen dürfen sie in der Kleinarbeit nickt müde werden. Dem Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Die R-dnerinnen sprachen von iVen Erfahrungen in der Kleinarbeit und von den �vielen kleinen Kämpfen, denen die einzelnen bei der palftschen Betätigung ausgefeßt sind. Dabei kam"es zl> einem regen Gedank-naustausch über die Agitationsmethoden, die sehr verschieden sein müsien, im Betribe ganz andere wie in der Hauswirtschaft. Reparatlonsöebatte in Frankreich. Paris, 18. Februar.(WTB.) Die Kammer setzte nach De- endigung der Interpellationsdebatte über die Zwischenfälle in Ober- schlesien die Aussprache über das Sonderbudget der Ausgaben sür den Wiederaufbau fort, deren Rücker st attung Deutsch- la n d zufalle. Abgeordneter DesZardlns besprach die wirtschaftliche Loge Deutschlands, die er mit der Lage der befreiten Gebiete verglich. Di« deutschen Fabriken arbeiteten, die deutsche Handelsmarine sei fast so bedeutend wie vor dem Krieg«(I), der Verkehr in den Häfen, nament- lich in Hamburg, wachse täglich. Der Abgeordnete besprach alsdann die Frage der Sachlieserungen und verlangte Auskunst über das Wiesbadener Abkommen. Finanzminister de Lasteyrie erklärte, das Abkommen sei noch nicht von allen alliierten Regierungen ratifiziert worden, es könne der Kammer nur zugel)en, wenn ein endgültiges Einoernehmen erzielt fei. Abgeordneter Dessardins sagte, das Wiesbadener Ab- k o m m e n sei e i n e T ä u s ch u n g. werde es angewendet, so würden die befreiten Gebiete von der denlschen Industrie abhängig. Der Abgeordnet« besprach dann die mangelhafte Rückerstattung der aus dem befreiten Gebiet weggeführten Gegenstände. Ministerpräsident poincare sagte«ine energische Betreibung der Rückerstattung zu. Abgeordneter Londry sprach über die wirtschaftliche Lage Deutsch- lands, insbesondere über das deutsche Budget, dessen Defizit sich täglich erhöhe, ohne daß etwas Wirkungsvolles zu seiner Be- seitigung xestm werde. Die Zwangsanleihe, die geplant sei, werde ein ungenügendes Ergebnis haben. Die Steuer- refo-rm fei mwmügend, die Inflation nehme zu. Wenn Deutschland die gleichen Anstrengungen gemacht hätte wie Frankreich, so wäre die Reporationssrage längst gelöst(I) Er glaube, man könne schon ous dem jetzigen deutschen Budget fünfzehn Milliarden Franken verfüg- bar machen, wenn man nur wolle. Der Wiederaufbau der ver- wüsteten Gebiete stehe nicht tm Gegensatz zu dem wirtschaftlichen Wiederausbau der Welt. Die Weiterberatung des Finanzgesetzes wurde hierauf auf Dicns- tag vertagt._ Die franzostscke Gewerkstbastsspaltuna. Der Nationalrat der französischen Gewerkschaften hat in einer Reiclution festgeftelll, daß die S p a l t u n g durch die ganze Arbeiterorganisation hindurch vollendete Tat« s a ch« sei. Sie sei von der Minderheit gewollt und organi» siert worden. Der Raticnalrat fordert die Arbeiter auf, sich in der EGT. zur Verteidigung ihrer bedrohten Rechte zusammenzuschließen. Der Nationalrat hat beschlossen, auf der in drei Monaten statt- findenden nächsten Tagung den Zusammentritt eines Gewerkschafts- konarciics zu vereinbaren, der die Statuten nachzuprüfen haben wird. An diesem Kongreß sollen nur Gewerkschaften teil- nehmen, die die Grundsätze der EGT., also der alten Gewerk- schaftsorganisationen anerkennen. A» gewisse abge- spllttcrte Gewerkschaften richtet die Resolution einen besonderen Appell, der als letzter Versuch bezeichnet werden kann, alle gewerk» � schaftlichen Elemente, die sich nicht ausdrücklich auf die Moskauer Internationale festgelegt haben, im Allgemeinen Arbeiterverband■ zu verewigen. 1 Wo sinö ö!e Kartoffs!» � Seit Tagen herrscht jetzt ein mildes Wetter, das immer wärmer wird und sich vermutlich bei der täglich stärker werdenden Wirkung der Sonne warm halten wird. Kältcrückschläge, die nicht ausbleiben werden, liegen wohl noch in der Ferne.„Wenn der Frost schwindet", so hat man den Hausfrauen gesagt,„dann können endlich die Kar- toffelmieten geöffnet werden, dann gibt es auch wieder Kartoffeln!" Der Frost i st vorbei und Groß-Berlin ist und bleibt ohne Kartoffel n. Wie ist das möglich? Man denkt an frühere Zeiten. Mochte der Frost noch so scharf und noch so lange anhalten, Kartoffeln gab es immer. Natürlich gibt es auch heute Kartoffeln. Man gehe nur nach dem. besten Berliner Westen, dort kann man Kartoffeln f ü r 5 M. das Pfund erhallen. Man fahre nur 100 Kilometer über Berlin hinaus und die Leute sehen einen verständnislos an:„Kartofseln? W i r bekommen immer welche." Und sie bekommen draußen die für den Haushalt unentbehrliche Frucht für SO M. den Zentner, oft noch billiger. Nur die Berliner bekommen immer noch keine Kartoffeln. Schon seit vielen Wochen nicht. Aber auch das Mehl wird knapp und knapper. An Gemüse ist kaum noch zu denken. Und was soll das erst in den gefährlichen Monaten Mai und Juni werden, wenn die alte Ernte sich aufzehrt und eine neue noch nicht da ist? Es geht einfach nicht mehr so weiter. Man hat gehört, daß in der Markthalle das Pfund Kartoffeln zu 3 M. angeboten worden ist. Man hat aber hierüber bisher nichts von den zur Bekämpfung des Wuchers vorhandenen Be- Hörden vernommen. Den Versuch einer Erklärung macht der Verband Deutscher Kartoffelinteresienten. Er schreibt u. a.: „Ein Berliner Großhändler hat, um die aus der Bahn stehen- den Kartoffeln vor dem Frost zu retten, einen oroßen Teil Kar- toffeln durch Lastautos abzuholen versucht. Die Kosten für die Beförderung stellten sich je Zentner auf 60 M Die Kartoffeln, die während des Streiks schon tagelang dem Frost ausgesetzt waren, waren trotzdem völlig verdorben, und der Großhändler hatte ewen wesentlichen Verlust. In einem anderen Falle ver- suchte ein Großhändler von den Gütern um Berlin Kartoffeln durch Lastaulos herein zu befördern. Die Kosten je Zentner stellten sich hiervon auf 140 M. Ein großes Hotel in Berlin hat ebenfalls versucht im Kraftwagen Kartoffeln für den Eigenbedarf nach Verlin zu bringen. Diese Kartoffeln stellten sich auf etwa 350 M. je Zentner. Die gewaltige Preissteigerung ist deshalb auf den Frost und die Streikfolgen zurückzuführen. Wo aber einzelne Händler oder Erzeuger die gegenwärtige Notlage wucherisch aus- gebeutet haben sollten, werden die Sachverständigen des Ver- bandes rücksichtslos die Bestrafung der Preistreiberei befürworten. Nach den Erfahrungen ist nur ein verschwindend geringer Pro- zentsatz des sogenannten legitimen Handels, also des ehrbaren Groß- und Kleinhandels, wegen des Verdachtes der Preistreiberei und des Wuchers mit Strafverfolgungsbehörden in Berührung gekommen." Soweit der Verband Deutscher Kartosfelinteressenten. Mögen die von ihm angezogenen Einzelfälle zutreffen, so darf doch nun daraus nicht der Schluß gezogen werden, daß diese hohen Preise allgemein berechtigt sind, um so weniger, als der amtliche Er- zeugerpreis noch immer 85 M. für den Zentner ist. Aller- dings laufen die Landwirte gegen diesen Preis Sturm und hoffen ryr Ziel zu erreichen, indem sie jetzt— und es ist der wahr« Grund, weshalb Berlin ohne Kartoffeln ist— die Ware zurückhalten. In den Spiritusbrennercien erhalten sie bereits höhers Preise. Da wir aber den viel gerühmten freien Handel haben, so ist und bleibt die Berliner Bevölkerung auf die Gnade der Agrarier angewiesen� wenn nicht die Staats- und Konununalbehörden eingreifen. vier Monate km Lustschacht. Eine merkwürdige Entdeckung wurde von einem Beamten der Schutzvolizei in der Kaserne in der Blücher st raße gemocht. Der Beamte überraschte auf einer Mannsckaftsstube einen vollkommen verwildert aussehenden Menschen in einem ganz herabgckommenen Zustand, der sich bei seiner Vernehmung als der bereits im Oktober v. I. spurlos verschwundene ilnter- wachtmeister S ck w e b e von der Schußvoluei erwies. Schwebe war seinerzeit beschuldigt worden, einen«Geldbetrag von 15 0 0 M. unterschlagen zu haben. Wie er nun mitt-ilte, habe er sich aus Furcht vor Strafe auf dem Bode» der Kaserne in einem 1,20 Meter langen und 1 Meter breiten Verschlag(Luftschacht) verkrochen und sich hier die aan�e Zeit verborgen gehalten. Von Zeit zu Zeit ist er dann in die Mannschaftsstuben hinuntergcstiegen und hat sick dort etwos zu essen geholt. Er sab, o's man ihn ab- faßte, vollkommen abgemagert und unkenntlich aus. Die .ftaare waren ihm lang gewachsen und er war vollkommen mit Schmutz bedeckt. Schwebe war durch die lange Fastenzeit so her- untergekommen, daß er zunächst dem Lazarett zugeführt werden mußte. Der Sklberschatz auf Neksen. Gestohlen, verkauft und wieder gestohlen. Die abenteuerliche Geschichte eines Silberschatzes, der kürzlich in einer Grunewaldoilla gestohlen worden war, hat jetzt die Kriminalpolizei aufgedeckt. Bei einem Industriellen wurde das ganz« T a f e l s! l b e r für 24 Personen gestohlen. Man erkannte bald, daß bei dem Ein- bruch jemand, der zu der Familie in Beziehung steht, seine Hand im Spiel gehabt haben müßte. Der Verdacht gegen einen Ver- wandten, der für kurze Zeit in der Villa geweilt hatte, wurde durch die Feststellung verstärkt, daß der junge Mann leichtsinnig lebte, ein Verhältnis unterhielt und kostspielige Reisen machte. Ob- wohl er bestritt, wurde er verhaftet lind auch bald überführt. In der Wohnung war ein Schlüssel abbanden gekommen. Es ergab sich, daß der junge Verwandte den Schatz an sich genommen und einem Friseur in Westend übergeben hatte. Dieser hatte davon einen Nachschlüssel machen lassen. Während nun die Woh- nung ohne Austicht war, drangen die beiden mit dem Nachschlüssel ein und stahlen dos Silberzeug, das einen Wert von über 400 000 M. reprälentierts. Sie verkauften es durch einen Vermittler, der 5000 M. erhielt, am Wedding für 41 000 M. Der Käufer veräußerte es weiter an eine Schmelze in der Linienstrnße. Den Jnbabern dieser Schmelze war dos Silberzeug zum Einschmelzen zu kostbar. Sie verkauften die Hälfte weiter und behielten nur die andere Hälft«. Am nächsten morgen war diese wieder ver- s ch w u n d e n, anscheinend von Einbrechern gestohlen. Die Kriminalpolizei setzte mit Hille von Photographien der gestohlenen Sachen ihre Nachsorschunaen fort und fand eine neue Spur, die nach der Hi r t e n st r a ß e führte. Hier entdeckte man den verkauften Teil des Silberschatzes bei einem neuen Reichen wieder, obgleich i jedes Stück bereits ein neues Monogramm erhalten hat««. , Es wurde belchlagnahmt und dem Bestohlenen zurückgeaeben. Wo die andere Hälfte geblieben ist, weiß man noch nicht. Die Inhaber der Schmelze beschuldigen sich ietzt geaenieitiq, einen Einbruch erdichtet und das Silber auf die Seite geschafft zu haben. Das Tckinpo-Krankenhaus. Gestern fand unter Führung des bekannten Hiigienikers i Professor Dr. B o e h n ck e eine Besichtigung des Staats- «trankenbaufes der Sckutzpolizei im früheren Garnison- lazarett, Scharnhorst-Str. 13, sta't. Es ist das einzige eigene «Krankenhaus der Schutzpolizei Preußens mit ihren 15 465 IBeamten und 3200 Familienangehörigen. Am 1.Ok- tober 1321 wurde der Betrieb aufgenommen.'4 30 Bekten stehe» zur Verfügung. Die ärztliche Behandlung ist völlig frei, ebenso die Arznei- und Vcrbandmittcl. Die Dauer der Behandlung ist un- begrenzt. Dabei werden keinerlei Abzüge bzw. Beiträg« zu Kassen usw. erhoben. In der Verpflegung und Behandlung der Liranken werden keinerlei Unterschiede zwischen Ober- und Unterbeamtcn gemacht: lediglich ärztliche Gesichtspunkte sind maßgebend. Für den Gcsundheits- und Krankendienst sind ins- gesamt 23 Aerzte, 2 Zahnärzte. 2 Apotheker und 150 Sanitätsbeamte tütig. Der Aktendiebstahl in Sachen Frau; hat jetzt eine überrajchende Wendung genommen. Der Kaufmann S e n g e r, der seinerzeit die gestohlenen Strafakten in der Angelegenheit dem Ingenieur zum Kauf anbot, ist jetzt gegen eine Kaution von 10 000 M. aus der Haft entlassen worden. Senger hat angegeben, daß er die Akten nicht selbst gestohlen habe und daß ihm auch die Diebe nicht bekannt seien. Dagegen kenne sein Verteidiger, der Rechtsanwalt Müller-Stro» meyer, die beidep Diebe, sie hätten aber die Schweige- Pflicht des Anwalts in Anspruch genommen.«Senger erklärte schließlich, daß er in der Lage sei, auch ohne Hilfe des Anwalts die beiden Diebe sestzustellen, woraus ihm die Hast- enllassung gegen Kaution gewährt wurde. Ein Sind im Zeuerqualm erstickt. In der Rocht zum Sonn» abend wurde die Feuerwehr nach der Blumenstraße 86 gerufen, wo Betten ti. a. in einer Wohnung brannten und Menschenleben in Gefahr schwebten. Als die Wehr an der Brandstelle ankam, war ein kleines Kind bereits erstickt. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Iugendamk Wedding. Der für Sonntag geplante Kunstabend in der Werner-Siemens-Realschule fällt Kohlenniangcts wegen ous und wird später nachgeholt. Karten behalten ihre Gültigkeit. Im Berliner Aquarium sind zurzeit auf der Jnnenieire der Süßwasserobieilung frisch den Eiern«nltcklüpste Vacktorellen. amerikanische Bach- und europäische Seesaiblinge ausgestellt, letzter« als große Seltenheiten in ui�eren Aquarien und Fiichzuchlanstalten und hier zum erstenmal vertreten. Der große Dotteriack am Bauch der kleinen Geichöpfe ist ihr Nahrungsvorrar, bis sie selbst auf kleine Wasierticre Jagd machen. lieber die Leamtensrage referierte Gen. Steinlovf, M. d. R., in einer K r e i s v c r s a m m l n n g des 3. Kreises(Wilmersdorf). Nach einer Diskussion, an der sich auch die zu dieser Beriammlung ziigezogene» Beamten deS Kreises beteiligten, wurde ein auZ der Mille der Veriammlung eingebrachier Aniraa, der die Notlage der unteren und mittleren B e a in t e n»nnerkeniit und sich dafür einsetzt, daß dielen Gruppen ein menichenwnrdiqes Dasein ermöglicht wird, sowie da? Vorgeben der Reichsgewerlschast als allen gewcrlschaftiichcn Grundsätzen ividerspreckeiidveriirteill. angenommen. Die prolestversommlung gegen die Fahrpreinverleuernng, die von dem Zenlralverband der Klciiigarlenvereine Teillschlands vor« anstaltct wiid. findet morgen(Sonntag) vormittag 10 Uhr in der Brauerei Friedrichshain statt. Ueber„geeignete Obsisorlen für de» kletngiirrrn« wtrd in der BortragSrctde des Kleingartenamts Tempclboi am Mittwoch, den 22. Fe- bruar.'/.8 Ubr abends, in der Aula des RealgyinnasiumS zu Tcmpelbof, KaiIcrin?Al!'ilis>a-Striiß« 18/20, Kaitcnin'pcktor Scheine wieder einen be« lehrenden itichtbilder-Vortrag akchalten. Der Boitrag bringt dem Klein- gärtner viele praktische Wnikc, die er in der kommenden Vegetationsperiode in seinem Garten nutzbringend verwelten kann. Der Eintritt ist frei. Feuer an Bord. Im Lastraum des im Hafen von Heising«. f or s liegenden Dampfers A rn'm brack Feuer aus. Der dubt« Rauch erschwerte die Löscharbeiten der Feuerwehr. Vermutlich ist der größte Teil der für Stockholm bestimmten Ladung verbrannt. Wetter für morgen. Verlin nvd Ilmgegend. Ein wenig kälter, zeitweise aufklarend, jedoch überwiegend trübe mit wiederholten Niederschlägen und srischeu weltlichen bis nordwestlichen Winden._ �ugenüveranstaltungen. Beteln BtSt!hi'3n«cnd Stoß-Detli», SS. 08, Siibcngt. 3, 2. Kol, 2 Ttp. Telegboa M-riliPl-g 121 OS-121 10. Morgen. Sonn lag, den lg. Februar: Jugendheim, Lindentlr. 3. 2 Hot, 3 Treppen 7 Uhr Lichtbitderw'rtraa über:„Eine Nelke nach dem Orient". Nach eigenen Aufnahmen von Genopen Si. Tum». Eintritt l,ö0 M.___ Theater öer Woche. Vom l!>. bis£0. Februar.> V-Noillh»«! IS. u. 24. Masse Mensch. 20. u. 23. König Star. 21., 23. n. 38, Ueber die grast, 1. Teil. 22. Der fahrende«Schüler tiannt den Teufel. Der gestiefelte Kater.— Lpcrnhaus: 20. Rigoletto. 21. Die Vögel. 22. vll. Ein. fonir-Aonzert. 23. Carmen. 24. Eavalleria ruftieana. Bajazzo. 26. Di« fiauberslöre. 20. Margarelr.— Schanspielhau»: 20. u. 24. Peer Gynt. 21. Flesro. 22. u. 20. Don Carlos. 23. u. 25. Lmapaeivagobundus.— Deutsches Theater: 19. Lajazzo. Das Abenteuer. 20., 22., 23., 25. u. 26. Die Wölf». 21. Tartüsf. Ein Heiratsantrag. 24. Cäsar und Nlcopatra.— Kammeespiele: 49. u. 22. Kanztlst«rehler. 20., 21., 23. u. 23. Anatol. 24. u. 2». Die Erziehung durch Kolibri.— Lesäng-Theater: 19. bis 22. Flamme. 23. bis 2«. Zauit.— Theote« tu der NSuiggröhrr Strohe: Die wnnderllchen Geschichten des Napellmeikters Kreisler.— Deutsches Opernhaus: 19. Holfmanns Erzählungen. 2V. Di» Boheme. 21. Das Hofkanzert. 22. Die Meistersinger von Nürnberg. 23. Nobert und Bertram. 24. Tannhäufer. 23. Margarete. 20. Der Freischllh.— Schiller- Theater: 19. Alt-Seideldera. 20. u. 22. Der Snob. 21., 23., 24. u. 26. Im meisten Röhl. 26. Die Schmetterlingsschlacht.— Grast e« Schanspielhons: Orpheus in der Unterwelt.— Neues Bolk»>Theater: 19., 22. bis 24. Heuchler. 20. u. 21. Die Gezierten, Der zerbrochene strug. 25. u. 26. Die(fälscher.... Neue» Operetten- Theater Schöneberg: Schäm' Dich, Lotte.— Die Trrbünc: Di« fremd« ssoan. Am 21. Der Wcttlauf mit dem Schgrtten.— Dellisches ilünstler- Theater:>9. Drei Schwestern. 20. bis 23. Die rote Robe. 24. bis 20. Der geizige Verschwender.—»omödienhan»! Karussell.— Berliner Theater! Einer von unsere Leut.— Kleine» Schauspielhaus! 49. bis 2l. Neigen. Ab 22. Der keusche Lebemann.— Triinioa-Thealert Clga.— Ztesideuz- Tbeätcr: Eine Frau ohne Bedeutung.— stentral-Theaier! Das Detektivmädel.— Theater in de: kommandantenstrvhc: Grüne Felder. 20. Iankel, der Schmied. — Friedrich-Wilhelmstäbiischcs Theater! t!V. 22, bis 24. n. 26. Das Drsimiideil- Haus. 20. Der Troubadour. 21. Rigoletto. 26. Der Iurbaron.— Komisch?« Oper: Der Herr der Welt.— Lustspielhaus! Der Werwolf.— Mrtropot-Theatrr: Die Bajadere.— Neues Operetten-Theater: Die Königin der Nacht.— Thalia, Theater: Die Herren von und zu... l Theater am Rollrndorfplast: Die Ehe im Kreise.— Theater de» Westrno! Der Tanzins Glück.— kleine» Theater: Haben Sie nichts zu verzollen?— Wallue'-Thrater: Die Spidenkönigin.—> Walhalla-Theatee: Die Mondscheindome.— Theater de« Osten, tNose-Theater): Die«bräfin von Kcmpinski.— Kastno-Theater: Familie Gänseklein.— Reue« Theater am tzov! 20. bis 23. Schattensinsonie. 24. bis 20. Scampolo.— Schlostp-rt'Theatcr Eteqlist: Kleines Haus: 10.— 24., 23. u. 20. Der Hahn, Der Geizige. 22. Jugend. 24. Des Meeres und der Liebe Wellen. 25. Eztem- porale. Großes Haus: Abonnementskonzert Leo Blech. 23. Große Volks» over: Rigoletto. 20. Uraniavorlrag.— Fotiea Eaprile: Das Llebestgnapee. Das Käuzchen. Die falsche Nummer.— Admiralapalast: 20. u. 23. Die roten Schuhe, sankt Futurist. Karneval. 23. Nedoute.— Intime, Theater: Die badend» Ngmphe. Ein grausiges Erperiment. Gustave, es btistt.— Theater am»ur- lüestendamm: Der große Bariton. Rachmittagsvarstellunaen. BolksbLhne! 10. Der fahrend» Schüler bannt den Teufel. Der aestiekettc Kater. 22. Das Katchen von Heil» bronn. 20. Nasse Mensch.— Deutsches Theatsr! 19. Louis Ferdinand.— Kommerspiele! 19. Die deutschen Kleinstädter. 20. Die Büchse der Dandora.— Lessing-Theater- 19. Die Morguise von Arcia.— Theater in der königgrihrr Straße: 19. Erdgeist.— Deutsche, Oprruhauat 19. Der Postillon von Loniumeau. 23. Die Schwätzerin von Saragossa. 20. gar und Zimmermann.— Schiller- Theater! 19. n. 20. Don Carlos. 22. Wilhelm Trll.— Großes Tchauspielh-vs: 49. u. 20. Dontons Tod.— Nene» Volks-Theater: 19. u. 20. 14 th Uhr: Das letzte Gericht: 3 Uhr: Die Gezierten. Der zerbrochene Krug. 20. Heuchlsr.— Reue« Operetten-Thratcr Schänederq: 26. Schnecwc'ßchen und Rosenrot.— Die Tri- biine: 26. Totentanz.— Deutsche» Kunlilcr. Theater- 19. Ein idealer Gatte.— Komödiendans: 19. Heinrich Heine. 26. Die Fahrt ins Blaue.— Berliner Theater: Der letzte Dal, er.— kleines Schauspielbous- 19. KIndertragodie.— Trianou-Theater': 19. Mein Freund Teddi>.— Residenz-Theater- 19. Euchen Sumbrecht.— Irntrol-Theater! 19. Nathan der Weise.— Friedrich. Wilhelm- städtisches Th-aice: 49. Der Troubadour. 20. La Traviata.— Lnstsplelha««- 49. Nachtashl.— Thalia-Theatcr: 19. u. 20. O schöne Zeit, o selige Zeit. Theater nrn Nellendorsplah: 19. u. 26. Der Vetter aus Dingsda. 22., 23. u. 25. Der Kaufmann von Venedig.— Theater des Westens: 19. Lohrngrin. 20. Dev ersten Liebe gvlben« Zeit.— Kl-ines Theater: 19, Der Dieb.- Walluer-Tb-mter: 49. Nircken.— Walhalla-Theater! 49.«. 26. Die Scheidungsreise.— Theater des Ostens(Rofe-Theater): 49., 26. u. 26. 4004 Nacht.— Äastno-Theater! 49. Die letzte Swnde.— Neue» Tl'eater am Zoo: 25. Iphigenie. 26. Falsch verbunden.— Schloßpark-Theater Steglitz: KIcinesHaus: 49. Des Meeres und der Liebe Wellen. 26. Mcdea. Großes Haus: 20. UVi Uhr: Iugend- konzert.— Intime« Theater: 19. Dir Speiunk« usw.— Theater nu Kuesdrste»- dai»«: 26. Der Schwan. OewerMastsbewegung »Nur ein vorpostengefecht". In der Frauenbeilage der„Roten Fahne" stellt Betty(Butt- mann Betrachtungen an über das Thema„Die Frauen während des Streiks der städtischen Slrbciter". Die Kommunistin stellt fest. „daß Wasser für den Notfall in Berlin genügend vorhanden ist". Sie hat auch herausgefunden, daß innerhalb der Stadt Berlin genug Meiereien vorhanden sind,„um die Säuglinge zu versorgen". Aber, so schimpft sie,„darauf ist ja der ganze ungeregelte Betrieb der Profit- Wirtschaft nicht eingestellt." Im übrigen aber ist die kommunistische Frau mit ihrem guten Herzen für die Säuglinge zu der Uebcrzcugung gekommen, daß es den Berliner Arbeiterfrauen eine Freude war. in der Kälte des Streiksonntags stundenlang nach Wasser anzu- stehen, weil sie wußten:'Es muhte ja einmal so kommen— es ist ja schon lange nicht mehr zum Aushalten!" Wahrhaftig, es war auch nicht mehr zum Aushalten d i e s e B e- q u e m l i ch k e i t. Den Wasserhahn aufdrehen und Wasser haben, ein Streichholz über die Gaslampe halten und die Dunkelheit bannen, das war wirklich nicht zum Aushalten! So etwas gibt es ja kaum im Paradies Sowjetrußland. Das alles hat Betty Guttmann geschrieben, um zum Schluß den Arbeiterfrauen zu sagen, daß sie die„Rote Fahne" lesen müssen, denn:„Der Kamps der städtischen Arbeiter Berlins, Ihr Arbeiter- frauen, war nur ein Borpostengefecht. Größeres und Schwereres sieht uns allen noch bevor." „Größeres und'Schwereres!" Gibt es das. gemessen am Streik der Berliner Arbeiter, der unbarmherzig Gesunde und Kranke, Greise und Säuglinge, Männer und Frauen, soweit sie A r b e i t e r waren, den schlimnisten gesundheitlichen Gefahren aussetzte, überhaupt noch? Wir müßten diese Frage verneinen, wenn wir nicht den Krieg erlebt hätten und wenn wir nicht wüßten, daß im heiligen Sowjet- rußland nach den Berichten der„Roten Fahne" Hundert- tausende langsam verhungern und Frauen ihre Kinder schlachten. Die deutschen Arbeiterfrauen begnügen sich gern mit diesem „Borpostengcfecht" und verzichten auf das kommunistische „Größere und Schwerere"._ Neue Lohnsätze in der Holzindustrie. Die außerordentliche Generalversammlung des Deutschen Holz- acoeiterverbandes(Ortsverwaltung Berlin), welche am Freitagabend in Kliems Lokal tagte, nahm zunächst einen Bericht über das E r- gebnis der Lohnoerhandlungen entgegen, der von Böse gegeben wurde. Nach mehrmaligen Verhandlungen haben die Arbeitgeber sich bereit erklärt, sämtliche Tariflöhne der Fach- arbeiter ab 20. Februar um 13% Prozent zu erhöhen. Ferner die Wertragslöhne der über 22 Jahre alten Hilfsarbeiter, Facharbeiterinnen und Hilssarbeiterinnen um 10 Proz. und der jüngeren um S Proz. Das Angebot der Arbeitgeber für März ist � ein Zuschlag von 10 Proz. auf alle Tariflöhne. Auch die Akkordsätze sollen entsprechend erhöht werden. In der Aussprache machte sich eine lebhafte Opposition gegen die Annahme dieser Lohnerhöhung geltend, die als viel zu gering bezeichnet wurde. Es wurde gefordert, eventuell den Kampf auf der ganzen Linie aufzunehmen. Bei der Abstimmung war die überwiegende Mehrheit der Versammlung für die Annahm e. Hierauf referierte Freygang über den Borschlag, die V e r- bandsbeiträge zu erhöhen. Sie sollen ab 10. Beitrags- wache in den bestehenden 6 Klassen einschl. Lokalzuschlag 14, 11, 8, K, 5 und 0,50 M. und ab 14. Beitragswoche 16, 12, 9, 7, 5 und 0,50 M. betragen. Der Erhöhung entsprechend sollen alle Unter- stützungen auch höher bemessen werden. Die Versammlung erklärte sich für die vorgeschlagene Erhöhung. Ferner wurde ein Antrag angenommen, von der 2 Woche an den männlichen Mitgliedern 50 und den weiblichen 40 M. Streik- unter st ützung aus der Lokalkaffe zu zahlen, wenn sie über 52 Wochenbeiträge entrichtet haben. Sind weniger Beitrüge bezahlt worden, so soll die Unterstützung 30 bzw. 25 M betragen und für die Mitglieder, die weniger als 26 Wochenbeiträge entrichtet haben, soll die Unterstützung auf 20 M. bemessen werden. Der Beschluß gilt vorläufig nur bis zum 31. März d. I. Der Allgemeine Verband der deukschen Vankangestellken hat für die neuen Verhandlungen die Forderung aufgestellt, am 22. d. M. vor dem Schlichtungsausschuß im Reichsarbeitsministerium festzu- stellen, daß die allgemeine Teuerung so weit fortgeschritten ist, daß für den Monat Februar mindestens, ohne Unterschied für alle Gruppen, der Dezemberschiedsspruch(950 M. Zulage) in Anwendung kommt und eine daraus erfolgende Nachverhandlung al» nctwendig erachtet wird. Für den Monat März soll nicht verhandelt werden. Ueber diese Forderungen referierten in langen Ausführungen E m o n t s und Marx in der Bötzow-Brauerei am gestrigen Abend vor überfüllter Versammlung. Nach einer lebhaften Diskusiion ge- langte eine Resolution zur Annahme, di» in ihren wesentlichen Punkten nachträglich den Eisenbahnern ihre Sympathie ausspricht. Von dem Arbeitsminister verlangt sie, daß er den gegebenen und kommenden Verhältnissen, insbesondere der beschlossenen Vrotprcis- erhöhung und den Steigerungen der Vcrkehrstarife und Kohlen- preise sowie aller übrigen Gegenstände des täglichen Bedarfs in seinem zu erwartenden Schiedsspruch vom Februar Rechnung trägt. Zu dem neuen Abkommen in der Vletallinduslrie, über das wir mehrfach referierten, nahm eine Funktionärversammlung des Bundes der technischen Angestellten und Beamten Stellung. Einzelne Redner verurteilten scharf die Bedingungen, die von den Unternehmern an dieses Eehaltsabkommen geknüpft wurden. Folgende Resolution wurde gegen 4 Stimmen angenommen:„Die Funktionärversamm- long stimmt der Vereinbarung vom 13. Februar 1922 zu. Die Metabeko erhält den Auftrag, bei den Verhandlungen über den Manteltarif die Einbehaltung von 15 Proz. der Mo- n a t s b e z ü g e für 3 Monate und deren einmalige Auszahlung unter allen Umständen abzulehnen. Die 10 Entlohnungsdienst- jähre müssen bei den Verhandlungen unbedingt erreicht werden, ohne durch deren Vereinbarung die Basis für die niederen Iahresgruppen herabzusetzen." Der Ausschuß der Charlottenburger Gewerkschafkskommission verwahrt sich mit aller Entschiedenheit gegen die Unterstellung des „Berliner Westen", daß die Charlottenburger Gewerkschafts- kommifsion die Arbeiterschaft in einen neuen Streik hin- einhetzen will. Wenn die Charlottenburger Gewerkschafts- kommifsion nur angenommen die Staats- und Gemeindearbeiter oder auch andere Arbeiterkotegorien in dieser bewegten Zeit zu einem Streik anspornen würde, so wäre das ein Wahnsinn und ein Verbrechen an der Arbeiterklasse selbst. Zu einer solchen Politik wird sie nie ihre Zustimmung geben. Der Ausschuß! der Eewerkschaftskommission fordert die Arbeiter und Angestellten Eharlottenburgs und der westlichen Vorortsbezirke auf, in den Betrieben wie in ihren Versammlungen dahin zu streben, daß die bürgerliche Scharfmacherpresse, insbesondere der„Berliner Westen", aus ihren Wohnungen verschwindet und dafür der Arbeiter- presse Eingang zu verschaffen. Eine neue Spielart der Gewinnbeteiligung. Zu den vorhande- nen Systemen der Gewinnbeteiligung der Arbeiter soll ein anderes hinzutreten, das von einer großen englischen Backwarcnfabrik ein-. geführt wird! Außer den Dividenden auf Kleinaktien erhalten die Arbeiter noch gratis das Recht auf Lebensversicherung,! auf Mutterschaftsversicherung und auf unent- geltliches Bewohnen der Fabrikkasernen. Einfacher � wäre es allerdings, alle diese Gaben schlicht in erhöhte Löhne ein- i zubeziehen und das übrige dem Arbeiter und der Verficherungstütig-' feit des Staates und der Gewerkschaften zu überlassen. Dann ginge � aber die sentimentale Bedeutung der Gewinnbeteiligungssalbe oer- loren. Verwertung der arbeitsfreien Zeit zu Vildungszwecken. Damit die Arbeiter ihre infolge der Einführung des Achtstundentages frei- gewordene Zeit gut ausnützen, hat Emil Vandervelde einen Eni- warf zur Organisierung der kulturellen Arbeit des Proletariats der belgischen Kammer vorgelegt. Ein„Oberster Rat für die Ausnutzung der Mußestunden des Arbeiters" soll mit Beteiligung des Staates, der Kommunen und der Arbeitervereine ein großzügig angelegtes Programm verwirklichen. Außer der Mitwirkung an allen Volksbildungseinrichtungen der Regierung soll dieses Organ noch folgende Aufgaben erfüllen: Wandernd« Kunst- ausstcllungen, Ausstellungen zur Verbesserung des Arbeiterheims, physische Kultur der Arbeiter, Musik und Gesang, Volksbühne, Vor- träge, Exkursionen usw. Alljährlich soll der„Oberste Rat" einen Volksbildungskongreß einberufen. i Wirtschaft «Die sind schuld an unserm Elend." .�Zandbundtagung in und vor dem Zirkus Busch. Ein vorüber- fahrender Straßenbahnführer droht zu den versammelten Massen hin mit der Faust"„Die sind schuld an unserem Elend!" Die Leute reden wie sie es verstehen. Sie sehen, daß in Berlin die Kar- tcffeln 330 M., die Butter 56 M., das Ei 5,50 M. kostet. Sie haben eine dunkle Vorstellung davon, daß irgendwo draußen aus dem Lande diese Dinge mit Gottes Hilfe wachsen; sie sehen nur Anfang und Ende der Kette und registrieren als Tatsache: der Bauer ist der Wucherer." So beginnt der Leitartikel der„Deutschen Tageszeitung" vom Freitagabend zum Landbundtag. Vor dem grollenden Zorn der hungernden großstädtischen Massen scheint selbst schamlosen Wuche- rern das Gewissen zu erwachen. Denn an diese sehr treffende Zu- standsschilderung schließt das agrarische Blatt einen vier Spalten langen Verteidigungsartikel, in dem es nachzuweisen sucht, daß die Landwirte ganz unschuldig seien. Von den teuren Brotpreisen be- kämen sie nicht einen Pfennig, ihre Kartoffeln hätten sie zu 70 bis 90 Mark längst verkauft— das übrige sei Händlergewinn. Die Eisen- bahn wuchere mit den Frachttarifen. Die falsche Besoldungspolitik und Lohnpolitik trei'be die Geldentwertung immer weiter. Auch der Landwirt fei Opfer der Valuta, Opfer der Erfüllungspolitik. Als Gegenstück zu dieser rührenden Verteidigungsrede liest man in dem gleichzeitig erscheinenden anderen deutschnationalen Blatt Berlins, dem„Berliner Lokal-Anzeigcr", eine Beschwerdeschrift der Bäcker, die nachweisen, daß wir vom Auslande zum Dollarkurse das ZNehl für das Brot der Bevölkerung heule billiger bekommen können, als es die inländischen warenbcsiher abgeben. Wütend fragt das Blatt, ob die Verbraucher sich eine solche Mißhandlung wirklich auf die Dauer gefallen lassen wollen? In der Tat treiben Bauer und Händler, so schreibt hierzu die S. K., heute in weitem Umfange den denkbar schamlosesten Wucher. Sie können sich auch gar nicht entschuldigen und einer die Schuld auf den anderen schieben; denn sie haben gemeinsam die öffentliche Bewirtschaftung der Lebensmittel zer stört und bei fortdauerndem Mangel die freie Wirtschaft wiederhergestellt. Die von uns ganz genau vorhergesagte Folge grenzenloser Aus, Wucherung der Konsumenten ist pünktlich und im Uebermaß ein- getreten. Und diese Landbündler, die angeblich darüber trostlos sind, stellen an die Spitze aller ihrer Forderungen die Beseitigung der letzten Reste der Zwangswirtschaft. Diel ist ja nicht mehr vorhanden, im allgemeinen ist die konsumierende Bevölkerung be- reits schutzlos. Aber selbst die wenigen Reste stören die völlige Aus- Plünderung und Auspowerung des deutschen Volkes durch Produzen- ten und Zwischenkapitalisten. Schuld an dem Preiselend der Lebens- mittel tragen die, die die öffentliche Wirtschaft zu Fall gebracht haben. Aber ganz davon abgesehen wuchern zahllose Bauern auch direkt und unmittelbar. Sie haben noch genug Kartoffeln in ihren Mieten, Vorräte, die noch kein Händler hat. Aber auch sie fordern für den Zentner 200 oder 250 M. und streichen vergnügt Riesengewinne ein. Und der Arbeiter hat tausendmal Recht, wenu er gegen die Landbunddemaqogen die Faust ballt: Die sind an unserem Elend schuld!" kapikalserhöhung der Preußischen Zenkralgenossenschafkskasie. Die Preußiicke Staalsregierung bat einen Ge'etzenlwuif auZ- gearbeitet, auf Grund dessen da? Kapital der Preußislben ZenIralgenoiiensckiaftSkasje von 125 Millionen auf 500 Millionen Mark erböht wird. Bei der P r e u ß i i cb e n Staatsbank(Seebandlnng) wird demnäckist das Grundkapital, das zurzeit 160 Millionen Mark beträgt, ebenfalls entsprechend er- höht werden. Zinoherabsehung in England. Die Bank von England hat den amtlichen Zinssatz von 5 Proz. auf i'A Proz. herabgesetzt. Verantw. für den redakt. Teil: Franjz Klühs. Berlin-Lichterfeldel für An» ittiqen: Th. Glocke, Verlin. Verlag VorwärtS'Verlag G. in. b. H.. Berlin. Druck: PorwärtS'Duchdruckerei u. Verlagsänstalt Paul Singer u. Co.. Berlin. LindenÜr. 3. killeß Litauen|Kowno| sucht große Kartonnagenfabrik tüchtigen Lithographen als Leiter für eine einzur chtende bteindruckerei. Derselbe muß in Feder und Gravur perfekt sein und möglichst selbständig kleine Packungen entwerfen Können. Die Stellung wird gut honoriert. Auskunft erteilt Rudolf Stenz & Co., G. m b. H, Berlin SW. 48. Friedrichstr. 16. 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