Nr. H2 ♦ 39. Jahrgang Ausgabe Ä Nc.4b Bezugspreis: Merteljährl.ko.- M.. moi'.atl.?>>,— M. kei ins Saus> voraus zaiildar. Post» »ezug! Monatlich 20.— M. einschl. Zu» ftellungsgedUkr. Unter Kreuzband tili Deutschland, Dan. r sr das Saar» und Memelaelnet, sowie die ehemals deut» fche» Ged-ete Polens. Oesterreich» Ungarn und Luxemburg 51,— SB!., für das übrig» Ausland 72,—-31. Postbestellungen nehmen an Oesterreich, Ungarn, Tschecho- Elowatei, Dane- Mark. Holland, Luxemburg. Schweden und die Schweiz. Der»Vorwärts" mit der Sonntag«. deilage„Volt und Zeit", der Unier» baltungsbcilage„Heimwclt" und der lveilage„Siedlung und Kleingarten" erscheint wochcniäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm-Adresse: »Sozialvamotrat Berlin- Abend-Ausgabe c GroB. Berlin 40 Pf auswärts 50 Pfennig D rv w Devlinev Volksblslt LlnzetgenpretS, Dl« zehngesvallen, NonvarMezetl« kostet 9,— M„Klein» Anzeigen- das fettgedruckte Won 3,— M.(zu» llissig zwei lettgedruckte Wortes, sede» «eitere Wort 1,50 M Stellengesuch» »nd Echlafstellenanzelgen das erst» WoN U5U M., sedes weitere Wo« I,— M. Wort» Uber l5 Buchstaben zählen für zwei Worte. gamtlien-An» zeigen für Abonnenten Zeile 4.— M. Die Preise verstehen sich einschliestlich Teuerungszuschlag. Anzetgen Mr dle n S ch st- tltummer Müssen dt» 4>/z Uhr nachmittag» tm Hauptgeschäft. Berlin EW 68, Linden» straße 3, abgegeben werden. Geöffnet »on 9 Uhr früh dl» 5 Uhr nachmittag». Zcntralorgan der Boziatdemokratircben partei Deutfchlands Reöaktion und Expedition:€3)68, Lindenstr. Z itorniisri-rtiar• Redaktion Morinplan 1B1S»5— 97 ffcnHynufgr. Morihplan lleS»— 54 Donnerstag, den Ä3. Februar 1922 Vonvärts-Verlag G.m.b.H.,€W 68, Lindenstr. Z Ne-rreiterarl,-»?- Berlag. Expedition und Inieratrn. !I5I!LI£il21£L:«bteilung Morinplas 1175:5-51 Protest gegen öle /luslieferung. Erklärung des ADGB. und des Afabundes. Die Unkerzeichneken erheben gegen die wider alles Cr- «arten erfolgte Auslieferung der eines politischen Mordes beschuldigten Spanier Fort und Concepcion den allerschärssten Protest. Sie stellen fest. t. daß im eigenen Lande zahllose polltische 3er- brechen gegen die junge deutsche Republik fortdauernd an- gesühnt bleiben: 2. daß im Gegensah zu der Verhaftung und monatelangeu sicheren Gesangenhalkung der beiden Spanier zahlreiche deut- s ch e politische Verbrecher, auch politische Mörder, so- fern ihre Handlungen sich gegen die deutsche Republik richteten, und es sich bei ihnen nickst um irregeleitete Arbeiter handelte, im eigenen Lande sich der Verhaftung fortdauernd entziehen oder aus den Gefängnissen und Strafanstalten entweichen konnten; Z. daß im Auslande diese deutschen politischen Verbrecher und Mörder überall unbehelligt bleibeu können und mitunter sogar be- hördliche llnterslühung finden. Angesichts dieser Tatsachen erblicken die Unterzeichneten in dem «uslleserungsbeschluß der Regierung eine Handlung, die ihrer Auf- fassung von Recht nnd Gerechtigkeit und von internationaler Gegen- seiligkeit ins Gesicht schlägt und die berechtigte Cnt- . r ü st u n g aller freiheiklich gesinnten deutschen Republikaner her- vorrufen muß. Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund. T h. L e i p a r t. Allgemeiner Freier Angestellkenbund. Aufhäuser. Süß. vie Gründe der Regierung. Soweit wir unterrichtet sind, führt die Regierung für den Beschluß, die Mörder auszuliefern, folgende Begründung an: Der deutsch-spamsche Auslieferungsvertrag von 1878 sieht von der Auslieferung bei politischen Vergehen und Ver- brechen ab. Als„politische Verbrechen" sind Delikte anzusehen, die aus politischen Gründen gegen den Staat gerichtet sind, wie z. B. Hochverrat, Landesverrat usw. Mord ist nach Auf» fassung der Reichsregierung kern politisches Verbrechen in diesem Sinne. Die Tat-der angeblichen Mörder Datos steht auch nicht mit einem wirtlichen oder beabsichtigten politischen Verbrechen im Zusammenhang. Es handelt sich nicht um ein Verbrechen, das etwa im Rahmen eines Hochoerratsplanes begangen wäre, um ein Verbrechen zu politischen Zwecken, sondern nur um ein Verbrechen aus dem Motiv politischerRache. Noch Zweifels» freier Auslegung kann ein solches aus politischen Motiven, aber nicht zu politischen Zwecken begangenes Verbrechen als sogenanntes „Zusammenhangsverbrechen" nicht angesehen werden. Diese juristische Auffassung widerspricht Zweifel- los dem Empfinden des Volkes. Ueber die Ziele und Ab- sichten der. wirklichen oder vermeintlichen Täter kann doch erst ein öffentliches Gerichtsverfahren entscheiden. Ein solches hat in Deutschland bisher nicht stattgefunden, und deshalb ist die Annahme, daß nur politische Rache motive vorlägen, eine Kombination, der man nicht unbedingt Glauben zu schenken braucht. Der politische Gesamteindruck ist der, daß die junge Republik politisch Verfolgte ihren Verfolgern ausliefert und damit ihr eigenes Ansehen in der Welt herabsetzt. Dazu hätte die Regierung dieser Republik nicht die Hand bieten dürfen Eine rechtzeitige A u s w e i f u n g der vermeintlichen Mörder hätte die Reichsintereffen, wenn man sie gefährdet glaubte, hinreichend geschützt. Inzwischen ist die Reichsregierung bei dem spanischen Botschafter in Berlin vorstellig geworden, um dem Wunsch Ausdruck zu geben, daß eine etwaige Todes st rafe nicht vollstreckt wird. Es wird angenommen, daß man in Spanien diesem Wunsche der Regierung, der von weiten Kreisen des deutschen Volkes geteilt wird, Rechnung trägt. Eine Gewähr dafür kann allerdings nicht übernommen werden. Der Reichsjustizminister wird übrigens zu der Ausliefe- rung der Mörder Datos in der heutigen Reichstagssitzung eine Erklärung der Reichsregierung abgeben. * Zu Beginn der beutigen Sitzung des Preußischen Land- tages beantragte Abg. Sah lKomm.) zur Geschäftsordnung, einen Antrag seiner Fraktion an erster Stelle auf die Tagesordnung zu setzen, worin die Auslieferung der angeblichen Mörder des spanischen Ministerpräsidenten Dato als„schimpliche � Verletzung des internationalen Gastrechts" bezeichnet und von der Regierunq verlangt wird, auf ihre sofortige Freilassung hinzuwirken K a tz führte aus: Der Regierungsvertreter hat, als er vor einigen Tagen unsere kleine Anfrage hierüber beantwortet«, seine Ausführungen zumindest wider besseres Wilsen gemacht.(Der Präsident rügt die Ausdrucksweise.— Abg. Schalem(Komm.) ruft: Der Minister hat wohl das Recht zu lügen.— Der Präsident rügt auch diesen Aus- druck.) Als der Redner politische Ausführungen zu machen versucht, oerhindert der Präsident das unter Hinweis darauf, daß der Antrag gar nicht gedruckt vorliege. Da die Rechte Widerspruch gegen seine sofortige Behandlung'erhebt, kann über den nur Hand- schriftlich vorliegenden Antrag nicht verhandelt werden. Hierauf wurde die Besprechung über den Kultus etat beim Abschnitt Kunst fortgesetzt. verbanölungskrise in Genf. Senf. 2Z. Februar.(TU.) Die bisherigen deutsch-powischen vesprechungen lassen erkennen, daß sich eine zusriedenstellende Eini- gung kaum erzielen lassen wird. 3n einigen Fragen wird man die Entscheidung des Präsidenten Calonder anrufen müssen. Dieser Punkt ist in einer gestrigen velprechung der beiden Dcvollmächtigten Dr. Schifser und Olzowski mit dem Präsidenten Calonder gestreift worden. Es ist allerdings möglich, daß der Präsident in privaten Vorbesprechungen den Delegierten zu einer Einigung verhilft. Heule kann jedenfalls ein abschließendes Urteil über die bisherigen ver- Handlungen noch nicht gefällt werden. Präsident Calonder hat als äußersten Schlußtermin für die vesprechungen den 10. März ange- nommen, über den hinaus die Verhandlungen keinesfalls danern tollen. Ueber dies«, Konferenz Ealonder-Schiffer-Glszowski berichtet die„Frankfurter Zeitung", daß dabei das bisherige Ergeb» nis der Verhandlungen über die Regelung der Uebergangszeil in Oberschlesien zusammengefaßt worden ist. Obwohl der Redak- tionsausschuß und die technischen Unterausschüsse seit Anfang von- ger Woche täglich mehrere Sitzungen abhalten, dürften sich diese Vor- arbeiten noch bis Ansang März hinziehen, denn es handelt sich einerseits um die unzweideutige Feststellung von mehr als 600 zum Teil sehr ausführlichen Artikeln von einschneidender Tragweite für die künftige wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung, � an» dererseits waren im Laufe der Verhandlungen die am meisten um- strittenen Fragen zurückgestellt worden, so daß also der schwierigste Teil der Diskussion er st jetzt beginnen, dürfte. Herr Ealonder hat den Wunsch, daß beide Parteien sich auch noch über diese Streit- punkte einigen, so daß er überhaupt nicht in die Lage kommen würde, sein schiedsrichterliches Machtwort zu sprechen. Es ist aber keineswegs sicher, daß ihm diese Notwendigkeit erspart werden wird, denn es werden in letzter Stunde noch drei Punkte übrig blei- ben, in denen Polen bisher aus politischen Rücksichten eine Ver- ständigung unmöglich gemacht hat, in erster Linie die beiden Parteien aufzuerlegenden Bestimmungen über den Schutz der Minder- h«iten. Aus deutscher Seite wird entsprechend der Entscheidung des Völkerbundes eine Anpassung dieser Schutzmaßnahmen an die besonderen Verhältnisie Oberschlesiens gewünscht, während Polen nicht über die allgemeine, in der Konvention von 1319 enthal- tene Regelung hinausgehen will, die sich in den bereits von Polen absorbierten deutschen Gebieten als vollständig ungenügend er- wiesen hat. Der zweite Streitpunkt betrifft d«n Schutz des deutschen Privateigentums, da Polen auf der Geltendmachung eines L i q u i- dationsrechtes besteht, das im Widerspruch steht zu der ganzen konservativen Tendenz der Välkerbundsentscheidung. Schließ- lich ist die Frage noch offen, ob die Zentralstelle der im polnisch wer- denden Industriegebiet verbleibenden deutsche» A r b e i t e r o r g a- nisationeu auf polnischem oder deutschem Boden anzusiedeln ist. Diese Angelegenheit konnte noch nicht zum Abschluß gebracht werden. weil die polnischen Mitglieder der Unterkommission bis heute in Genf nicht anwesend sind. Nach dem gegenwärtigen Stand der Verband- lungen kann man voraussehen, daß die Vorarbeiten am 10. März erledigt sein dürften, und daß die Konvention selbst in ihrer end- gültigen Form dann eine Woche später unterzeichnet werden kann. Grmattung am Devisenmarkt. Die Ermattung am Devisenmarkt macht wei- tere Fortschritte. Das Aufhören der Hamsterkäufe in auslän- difchen Zahlungsmitteln hat einen stärkeren Rückgang der Nachfrage zur Folge. Außerdem ist die Spekulation durch den bevorstehenden Deklarationszwang in Devisen und durch die augenblickliche Zurückhaltung der Großbanken in bezug auf die Kredite sehr beengt. Heute wurden Dollarnoten um die Mittagsstunde mit210 gehandelt. Auch der Effek- tenmarkt zeigte eine leichte Abschwächung. Immerhin setzte sich die Hauste in oberschlestschen Werten fort. Auch Bankaktien waren sehr gesucht._ Gegen Kapitalflucht. Der zuständige Ausschuß des ReichswirtschaftSratS hat der Verlängerung des Gesetzes gegen Kapitalflucht bis zum 31. März 1923 zugestimmt. Mit der Tschechoslowakei besteht schon ein entsprechender Vertrag, mit Deutschösterreich. Holland und der Schweiz schweben Vertragsverbandlungen. Bei Auslandsreisen soll jeder ohne be- sondere Bewilligung bis zu 20 000 M. mitnehmen können. Die italienische Konfusion. 0. L. Rom, den 20. Februar 1922. Die neue Krise steht der alten zum Verwechseln ähnlich, aber gerade durch diese ihre Aehnlichkeit beweist sie mehr als die alte bewiesen hatte: beweist sie die Unmöglichkeit, mit der heutigen Kammer zu regieren. Bonomi war am 2. Februar zurückgetreten, weil sich ein Teil seiner Mehrheit, die Demokraten, gegen ihn gewendet hatte: er war ohne Votum zurückgetreten und aus dieser ver- fassung s widrigen Ministerkrise hat man in 14 Tagen vergebens einen Ausweg gesucht. Ein Ministerium der Linken mit antiklerikalem Einschlag, das Ministerium D e N i c o l a, war im Keim mißglückt, und ein gleiches Schick- fal hatte der Versuch Orlandos gehabt, der eine Orientie- rung nach rechts bedeutete. Daraufhin schickte der König Bo» nomi wieder vor die Kammer, damit an Stelle der außerparla» mentarischen Krise eine solche mit parlamentarischer Indikation des Nachfolgers trete. Und das Resultat dieses Umwegs» zu dem man zwei volle Wochen gebraucht hat, ist eine Konfu- s i o n o h n e G l e i ch e n, in der sich die gesamte Kammer für eine demokratische Entschließung ausgesprochen hat— mit 368 gegen 11 Stimmen, und alle Parteien, gegen die Stimmen der Klerikalen und der Reformisten, dem Kabinett Bonomi ihr Vertrauen versagten. Von einem Chaos zu sprechen, wäre noch eine Beschö- nigung: bei dem Worte Chaos denkt man an ein Wogen und Drängen unklarer aber doch gestaltender Kräfte. Von diesen ist aber in der italienischen Kammer nichts zu spüren: das alles sieht einem Brei ähnlich, einer formlosen Masse ohne innere Struktur und ohne gesetzmäßige Bewegung der Teile. In ihr ist kein Wille zur Klarheit, weil keine Möglichkeit zur Klarheit ist. MitihrkannkeineRegicrung regie- r e n» weil die Interessen und Bedürfnisse des Landes sich in ihr in Einzelinteressen von Gruppen und Individuen zerfasern und auflösen. Man verweile einen Augenblick bei der glorreichen Sitzung vom 17. Februar. Die Demokraten, die die Krise heraufbe- schworen hatten, hauptsächlich weil sie des wachsenden Ueber- gewichts der Klerikalen im Kabinett müde waren, legten ein Mißtrauensvotum ohne jede Begründung vor. Ihm gegen- über stand eine Tagesordnung des Reformisten C e l l i, die die Notwendigkeit der Rückkehr zum inneren Frieden und zur Ge- setzmäßigkeit betonte, dieMitwirkungderArbeiter- k lasse an der Verwaltung der Betriebe und ihre Vertretung bei der Ausarbeitung der sozialen Gesetzgebung forderte und die Wiederherstellung, der wirtschaftlichen Einheit Europas als Vorbedingung der Rückkehr zu gesunden Ver- Hältnissen bezeichnete. Diese Tagesordnung Celli sprach zum Schluß dem Kabinett Bonomi ihr Vertrauen aus. Damit sich nun aus dem Votum irgendein Hinweis für die Nachfolge ergäbe, forderte Bonomi die getrennte Abstim- mung der einleitenden Forderungen auf der einen, der Ver- trauenserklärung auf der andern Seite. Die Sozialisten be- schloffen, in der Absicht, eine demokratische Zielwcisung für die Lösung der Krise zu geben, f ü r die erwähnten drei Forderungen zu stimmen, so daß die Abstimmung eine starke Mehrheit der Linken ergeben hätte. Aber der bloße Gedanke an eine Klarheit, vor der die Aussichten auf Ministerposten ibrer Leute verschwunden wäre, brachte die Rechts ganz um alle Besinnung. Als ihr Wortführer erklärte der Fa seift Mussolini, die ganze Rechte wäre völlig mit den Forde- rungen der Tagesordnung Celli einverstanden und würde also für sie stimmen. So stimmten also alle zusammen für die de- mokratische Entschließung, wobei sich die reaktionären Elemente ins Fäustchen lachten, daß sie auf diese Weise der entscheidenden Abstimmung der Kammer jeden Sinn und jeden Wert genommen hatten. Und eine solche stivole Komödie, bei der die sogenannte Volksvertretung es darauf anlegt, die Parteien sich gegenseitig übertölpeln und schikanieren zu sehen, muß sich ein Land von 40 Millionen Menschen gefallen lassen, muß es dulden, daß ein Mussolini den.chummen August" spielt, während eine furchtbare Wirtschaftskrise umgeht, während die drittgrößte Bank des Landes vor dem Zusammen- bruch steht, während die Autorität des-Staates durch die fascistische Gewaft zum Kinderspott, geworden ift! Heute ist jede Minute kostbar: in wenigen Wochen soll die K o n f e- renz von Genua zusammentreten: und in solchem Augenblick wagt es die Rechte, deren Reden von Vaterlands- liebe triefen, ihrem Fraktionsinteresse zuliebe einen Versuch zur Kläxung zu vereiteln. Daß sie dabei auf ihre eigenen Grundsätze spuckt, ist noch das wenigste an der Sache: das ist den Grundsätzen schon öfter passiert. Eine Partei, die nur ein bißchen Selbstachtung besitzt, kann nicht die„Rückkehr zum inneren Frieden und zur Gesetzmäßigkeit" als notwendig hin- stellen, wenn sie, wie die Fascisten, diegesetzwidrigeGe- walttäglich praktisch übt und theoretisch verherrlicht. wenn sie von dieser Gewalt lebt, im wahren und materiellen Sinne de» Wortes. Und wie können die Nationalisten sich den Ideen Cellis über die Friedigurtg Europas anschließen, wo sie noch in diesen Tagen eine Verstärkung des stehenden Heeres gefordert haben, eine Vermehrung der Marine, wo sie— und wieder im wahren und materiellen Sinne des Wortes— von der Schwerindustrie leben, wie die Fascisten von der Gewalt? Schließlich spottet die Fraktion Salandra ihrer selbst,' wenn sie sich mit der Teilnahme der Arbeiterschaft an der Verwal- tung der Betriebe einverstanden erklärt. Und zu dieser Nicht- achtung ihrer eigenen Programme, zu dieser Preisgabe ihrer politischen Wesenheit hat sich die Rechte bloß deshalb ent- schlössen, weil sie im Trüben der Krise hofft, ein Ministerporte- feuille mit allem, was drum und dran hängt, fischen zu können. Wohl selten hat eine herrschende Klasse ein wider- wärtigeres Bild politischer Charakterlosigkeit geboten, vis dies heute die italienische Bourgeoisie tut. Es fehlt ihr wirklich jede Hingabe an das nationale Ganze: sie zeigt den chpifchen Egoismus und die Kurzsichtigkeit einer in Auflösung befindlichen Klasse. Außer dem Springen und Schnappen nach einem Ministerportefeuille ist unter der Mehrheit ihrer parlamentarischen Vertreter kein Kraftaufwand zu bemerken. Bonomi war wahrhaftig kein großer Mann und gibt die von ihm beim Regierungsantritt übernommene Arbeit fast unbe- wältigt dem Nachfolger weiter: aber moralisch steht er dock meterhoch über der Sippe, die ihn niedergestimmt hat, um sicy in sein Erbe zu teilen. Wer die Bemerkungen der Presse über das Votum liest, dem wird geradezu schwindelig zu Mut, mit einem Anflug von Seekrankheit. Die„Tribuna schreibt:„Wahrlich muß man Mussolini für die logische Lauterkeit loben, mit der er die Kammer zum Bewußtsein der Wirklichkeit der Situation brachte!" Für das Giornale d'Italia hat Mussolini einen An- schlag der Sozialisten und Rittis vereitelt! Wenn man das Zeug liest, fragt man sich wirklich, ob ein Teil der Krankheit des Landes nicht an dem Fehlen einer von Finanzcliquen un- abhängigen Presse liegt. Aus dem Dunkel der Situation liest nun jeder heraus, was ihm paßt. Die einen sehen einen Hinweis auf ein„konstitutionelles Ministerium", worunter sie eine Koa- lition von Demokraten und der Rechten verstehen, bei der den reaktionären Elementen das Uebergewicht zufiele; die anderen. und unter ihnen der„Avanti", deuten das Votum der Kammer als eine Indikation einer Konzentration der Linken, von den Reformisten bis zu den Klerikalen, unter Ausschluß der Rechten, welcher Konzentration unser Zentralorgan die sozia- .listische Stimmenthaltung in Aussicht stellt, was natürlich ihre Lebenschancen vermehren würde. Uns will es scheinen, daß die Charakter» und Würdelostg- feit der Kammer nach dem Diktator schreit,' also nach G i o» litti. Dieser allein versteht es, diese Schar zu Paaren zu treiben. Er ist konstitutionell und Demokrat, reaktionär und liberal, für den Aufstieg der Arbeiterklasse und für den Faszismus. Für ihn sind all diese Worte Schall und Rauch: er hat die Routine der Regierung. Er wird auch mit dieser Kammer regieren können, weil er die Kammer regieren wird. Die Klerikalen wollen ihn nicht, die Sozialisten wollen ihn nicht, aber wir glauben nicht, daß es heute, mit dieser Kammer, ein lebensfähiges Ministerium geben kann, ohne Giolitti. Italien braucht eine Regierung, nicht eine Kette von Mi» nisterien, die wie Tote auf Urlaub, ein paar Monate schüchtern berumspuken, bis irgendeine unnatürliche Koalition von Par- teien wie eine Mausefalle über ihnen zusammenklappt. Was die heutige Kammer taugt, hat man beim gestrigen Votum gesehen: sie muß entweder weg oder unter Giolittische Fuchtel. Heute haben auch die Sozialisten nicht mehr die Möglichkeit, die Kammer und das Land vor dieser Allernative zu retten. Oberst v. lylander verurteilt. Das Münchener Amtsgericht hat gestern den Oberst v. Tylander, einen bekannten rechtsradikalen Agi- tator, wegen eines Verstoßes gegen die Verordnung des Reichsprä- sidenten vom ZV. August 1921, laut der ehemalige Angehörige der bewaffneten Macht, denen die Berechtigung zum Tragen von Uni- formen verliehen worden ist, hiervon nur bei besonder» jetzt vom Reichskanzler bestimmten Anlässen Gebrauch machen dürfen, zu einer Geldstrafe von SlXI M. verurteilt. Aphorismen von Zrieörich Kapßler. Menfchenantlitz.— Das Menschenantlitz als solches hat in seiner Unergründlichkeit für den wahrhaft ernsten Beschauer etwas Grauenerregendes, das ihn zurückweichen' läßt. Nur wenn eine der beiden Hüterinnen des Inneren, Güte oder Liebe, an den Pforten des Auges erscheint, wagt er, sich zu nähern. Worte lesen.— Worte haben Duft, der über ihnen schwebt; viele, die Worte lesen, nehmen sich nur diesen Dust hinweg. Oder Worte haben etwas Festes, Körpervolles, das man fühlen kann wie die volle Blüte einer Blume; viele, wenn sie ein Buch in die Hand nehmen, gehen gerade auf den Leib der Worte los, zerpflücken chn und wollen sehen, was darin steckt. Und Worte haben einen Duft, der aus der Ferne hinter ihnen kommt, einen Lichtduft, der von der fernen Lichtquelle herrührt, welche die Worte zu Formen aufblühen lieh, sowie es einen Sonnen- duft gibt, von einer Sonne her, die Blumenformen hervorlockt; manche, die Worte lesen, achten nicht auf den Duft über den Worten, sehen den Körper der Worte kaum— aber sie atmen den Lichtduft. nur um seinetwillen lesen sie. Die Kunst vergessen.— Laßt uns die Kunst nicht über- schätzen oder besser gesagt: falsch schätzen; vergessen wir niemals, daß das Leben das Nächste und Beste und Wunderreichst« ist, mit dem wir uns zu beschäftigen haben, und daß unsere Tage der Kunst nur Tage in diesem Leben sein sollen, wohl hohe Festtage, aber immer- hin Tage— im Leben. Wenn wir Fachleute der Kunst gezwungen sind, im Beruf alltäglich Kunst zu üben, so tut uns diese Erkenntnis bitter not. Verwechseln wir diese tägliche Kunstübung nicht mit der Kunst selbst. Die Kunst selber hat nichts mtt Beruf und dergleichen Dinge zu tun. Sie ist nichts mehr und nichts weniger als eine außer- ordentlich wohlgebildete, duftende und wunderkräftige Frucht, die zu ungewissen Zeiten unter ungewissen Bedingungen irgendwann hie und da einmal am Baum« menschlicher Persönlichkeit zur Reife kommt. Tausend andere Frücht« wachsen und fallen ab, sie sind gut und brauchbar, aber diese eine ist das Kunstwerk unter ihnen. Sie kommt immer überraschend, keine noch so fein ersonnen« Kultur und Pflege könnte sie mit Absicht hervorlocken, sie ist da. Dies ist ein Grund, sie über alles zu verehren und zu ersehnen, aber auch ein Grund, sie nicht mit alltäglichen Wünschen und Fleißübungen herbei- zerren zu sollen. Wenn man sie am wenigsten erwartet, so ist sie da. Wenn sie vergessen wird, kommt sie am liebsten. Bewahrte Tränen.— Jede Träne, die du Kraft genug hast, in dein Inneres zurückzubannen, rinnt einwärts in deines Wesens Kern und hilft dort an einem Kristall bilden, dessen Rein- heit und Klarheit da» Dunkel deines Inneren allmählich erhellt und eine» Tages dich ganz durchleuchten wird. Unabhängige Reickskonferenz. USP. und Vertrauensvotum— Aufnahme der KAG. Die Reichskonferenz der USP. hat am Mittwoch im Reichstagsgebäude stattgefunden. Der Hauptpunkt der Tages- ordnung war die Situation, die für die USP. durch das Ver- halten der Reichstagsfraktion geschaffen worden ist, deren Mehrheit bei der jüngsten Krise gegen das Ka- binett Wirth stimmte, während die Minderheit sich der Stimme enthielt. Daneben wurde die Frage der Auf- nähme der„Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft" behandelt. Was den ersten Punkt anbetrifft, so ist die Differenz zwischen Fraktioncmehrheit und Fraktionsminderheit— soweit wenigstens der kurze Bericht der„Freiheit" erkennen läßt— auf diplomatischem Wege beigelegt worden. Die Konferenz nahm gegen wenige Stimmen folgende Resolution an: Die Konferenz billigt die Gründe, die die Mehrheit der Reichstagsfraktton zu ihrer Abstimmung am IS. Februar bewogen haben. Das Charakteristische dieser Resolution besteht darin, daß sie zwar die Billigung für die Mehrheit, aber keine Miß- billigung für das Verhalten der Minderheit ausspricht. Diese Form ist offensichtlich gewählt worden, um keine der beiden Richtungen vor den Kopf zu stoßen. Nach der vorliegenden Formulierung können die Anhänger der Mehrheit sich damit trösten, daß die Billigung ihres Verhol- tens eine„stillschweigende" Mißbilligung des Verhaltens der Minderheit bedeutet, während die Minderheit mit ebensoviel Recht sagen kann, daß noch ollgemeinem Brauch ausdrück- liche Mißbilligung nicht stillschweigend, sondern mit beut- lichen Worten ausgesprochen wird. Offenbar um der Situation den Stachel zu nehmen, hatte die Minderheit vor- her durch D r e i t s ch e i d erklären lassen, daß sie keine Gruppenbildung beabsichtigt oder vorgenommen habe, sondern daß die dreizehn dissentierenden Reichstagsabgeordneten sich lediglich individuell eines alten parlamentarischen Rechts bedient hätten. So wurde der Zwiespalt diplomatisch über- brückt, wobei man natürlich nicht verkennen darf, daß die sachlichen Differenzen zwischen den beiden Richtun- gen nicht überwunden sind, wie die Debatte deutlich er- kennen ließ. Zur Frage der KAG., die sich bereit erklärt hat, der USPD. unter Anerkennung ihres Programms und Statuts beitreten zu wollen, wurde beschlossen, daß der Aufnahme ihrer Mitglieder danach keine grundsätzlichen Hindernisse entgegen- ständen, daß diese aber nach Z 2 des Organisationsstatuts zu erfolgen hätte, der lautete: „Heber die Aufnahme als Mitglied entscheidet zunächst der Bor- stand de» Ortsvereins. Das Recht des Einspruchs hat jede Organi- fationsleitung im Reiche. Ueber die Einsprüche gegen die Auf- nähme entscheiden nacheinander Bezirksleitung und Zentralleitung. Wird innerhalb Jahresfrist kein Einspruch erhoben, so gilt die Aufnahme als endgültig." Praktisch bedeutet dieser Beschluß, daß die USP. nicht gewillt ist, die KAG korporativ aufzunehmen, sondern daß sie sich injedemEinzelfalldieEntscheidung vorbehalten will. Man kann verstehen, daß die USP. die Wiederkehr manches„alten Freundes", der in Halle die USP. hat sprengen helfen, mit sehr gemischten Gefühlen an- ieht, und keineswegs einem jeden die Tür öffnen will. Ob reilich die KAG. sich einer solchen Aussiebung ihrer Anhänger- chaft unterwerfen wird, muß abgewartet werden. Die Konferenz nahm schließlich noch eine Protesterklärung gegen die Auslieferung des Ehepaares F o r t an die spanische Regierung au._ veusschenpogromhehe treibt jetzt die„nationakvmobrattsche" tchechisch« Presse, wobei ihr der Sttntbombenwurf de» deutschnatio- nalen Abgeordneten Baeran als ein Agitationsmittel dient. Das sozialdemokratische„Pravo lidu" bekämpft diese Hetze und appelliert auch an die Deutschen, mit der Zurücknahme des alten Lcmdestheaters in Prag so lange zu warten, bis die neue tchechische Schauspielbühne fertig ist. Künstler.— Künstler sein heißt den Mut haben, sich selbst zu bekennen— und Demut genug, um zu wissen, daß«in Haar vom Leben gebleicht oder ein« Träne, ein Kinderlachen, eine Blume oder ein Baum Dinge sind, vor denen die tiefste Kunst in den Schatten geht und schweigt. Neue Kunst.— Neue Kunst soll neue Kunst sein und nicht eine Fratze, die da» neue Zeitalter dem alten schneidet. (Aus„Besinnungen aus der äußeren und inneren Welt".— Verlag: Erich Reiß, Berlin.) „Natur und Kultur der Mark Brandenburg" ist der Titel des Vortrags von Franz G o e r k e, der in das Programm der Urania aufgenommen wurde. Die' Einleitung ist ganz in Moll gehalten, es wird von der verlorenen Macht, der verlorenen Ehre und dem verlorenen Volkswohlstand geredet, um so die Grundlage zu schassen, später oft auf den früheren Glanz hinzuweisen. Dabei wird sogar, natürlich sein verbrämt, ein Angriff auf die neuen Geschichtsbücher unternommen. Der all« Fritz wird sehr gefeiert und desgleichen sein Ausbau des Staates durch den Krieg. Di« bildlich erscheinenden Ruinen, oft entstanden im Dreißigjährigen Krieg, wurden aber doch wohl zum gewaltigen Prediger gegen den Krieg. Die Bilder und deren Erklärungen wurden zur reinen Freude. Die märkische Landschaft will oerstanden sein, sie hat ihre Größe in sich und ist ganz auf Stimmung eingestellt. Pralle Sonne steht ihr nicht gut, aber der Sonnenuntergang, das ist die Zeit für sie. Diese eigenartige Verbindung Wald und Wasser ist stets von stärkster Wir- kung. Der Kiefernwald hat eine Schlichtheit, die entzückt, die mär- tischen Seen treten untereinander in eine ungewollte Schönheits- konturrenz, und die Kanäle und Fließe bringen durch ihr« Trägheit einen eigenen Ton in die Landschaft. Man erlebt die Poesie des deutschen Waldes, hört von dunklen Sagen und siebert, die Geschichte der Gegend kennen zu lernen. Man sieht alte Bauernhäuser, wieder- holt niederlächsische, die so streng die Harmonie zwischen Hof und Landschaft wahren. Dann wieder trisft man während dieser Wander- tage auf der Leinwand Städte und fteut sich ihrer kräftigen Silhouette. Von malerischer Wertung aber ssnd die Gärten. In nord- deutschen Ländern haben sie immer etwas Rührendes an sich, wie so fleißig und freudig knospen und blühen doch all die bescheidenen Blumen, um ein paar karge Sonnentage auszunutzen. e. d. Und wieder:„Drelmäderlhaus". Der Jimmy und die Elowne- rien der neuzeitlichen Operette scheinen in der Chausseestraße kein Publikum mehr zu finden. Das Friedrich. Wilhelm st Sdti- s ch e Theater hat sich reumütig zu seinem altbewährten Drei- mäderlhaus zurückgefunden, und eine Neueinstudierung der Berte- schen Zusammenstellung von'Schubertliedern und Stimmungsszenen herausgebracht. Der freundliche Zauber dieser gemütvollen Weisen bewähtt sich von neuem, das von den Trotts aller exotischen Rassen übersättigte Publikum findet sich wieder gern in dem seinem Wesen noch nicht entftemdeten Milieu zurecht und läßt sich bei Mondschein und Liebe von neuem herzlich wohl sein. In die Rolle Schuberts schmiegt sich Hans Göll« taktvoll hinein; er vermeidet das nahe- liegende Täppische oder allzu Sentimentale und genügt, wenn man Die üeutschen Juöen km Weltkrieg. Eine interessante Statistik. Unter der Ueberschrift„Die deutschen Juden als Sol- baten im Kriege 1914/18" ist soeben eine sehr sorgfälttg durch- geführte statistische Arbeit von Dr. oec. publ. Jacob Segall im Philo-Verlag(Berlin SW. 68) erschienen. Aus Grund eines ausgedehnten tabellarischen Materials gelangt der Verfasser zu folgenden Ergebnissen: 1. Zirka 100 000 deutsche Juden haben am Feldzuge teil» genommen, d. h., die jüdische Bevölkerung in Deutschland hat restlos den auf sie entfallenden Anteil an Kriegsteilnehmern gestellt (etwa Ib. Prozent). 2. Zirka 80 000 jüdische Kriegsteilnehmer sind an der Front gewesen, d. h. vier Fünftel aller jüdischen Feldzugsteilnehmer, und zwar nahezu gleichmäßig in allen Provinzen und Staaten, haben vor dem Feind gestanden. 3. Zirka 12 000 jüdische Kriegsteilnehmer haben die Heimat nicht wiedergesehen, d. h. die deutschen Juden haben Blut- opfer gebracht, die nach Lage der Dinge durchaus entsprechend sind. 4. Zirka 35 000 sind k r i e g s d e k o r i er t. 23 000 b e f ö r de rt worden, darunter mehr als 2000 zu Offizieren. D. h. die jüdischen Kriegsteilnehmer haben an den Erfolgen kriegerischer Leistungen in einer dem Durchschnitt mindestens entsprechenden Weise teilgenommen. Durch diese Statistik werden die von antisemitischer Seite ausgestreuten Hetzlügen, daß die Juden sich vom Kriegsdienst gedrückt hätten, restlos widerlegt, ebenso die kind- lichen Fabeleien des Herrn L u d e n d o r f f, daß eine„jüdische Weltoberleitung" sich mit England und Frankreich gegen Deutschland verschworen habe. Taten üerer von Kaehne. Obwohl an dieser Stelle schon mindestens ein halbes Dutzend Fälle mitgeteilt wurden, in denen Mitglieder der Familie v. Kaehne rechtswidrig von der Schußwaffe Gebrauch gemacht haben, ist die Liste bei weitem noch nicht vollständig. Namentlich in der Zeit de» alten Systems scheint die Bevölkerung der umliegenden Dörfer di« Schießwut derer v. Kaehne für etwas so Selbstverständliches und — bei dem Versagen jeder staatlichen Hilfe— so Unabänderliches betrachtet zu haben, daß die Einzelfälle kaum noch registriert wurden. Außerdem hatten die Kaehnes ihr eigenes Bertuschungs- system, in leichteren Fällen ließen sie ihre wirtschaftliche Macht über die eingeschüchterte Bevölkerung spielen, in schwereren Fällen deckten sie den Schaden mit einer Abfindungssumme zu. So Ist es erklärlich, daß sich noch fortwährend bei uns Personen melden, di« in der Nähe von Petzow ansässig waren und über Schieß- taten zu berichten wissen, die niemals an die Oeffentlichkeit gedrungen wären. Z. B. wird uns mitgeteilt, daß schon vor einer Reihe von Jahren der Schneidermeister Ellert aus Neue Scheune durch Herrn o. Kaehne angeschossen worden ist; er erhielt damals eine Ab- standsfumme und schwieg. Eine Frau aus Mittelbusch und deren Töchter hat o. Kaehne jr. beim Eichelsuchen betroffen und mit Erstechen bzw. Erschießen bedroht. Die Frau hat geschwiegen, weil ihr Mann von Kaehne wirtschaftlich abhängig ist. Besonders charakteristisch ist auch, daß die v. Kaehne ihr Gewalt- regiment auf Grundstücken, Wegen usw. ausüben, an denen ihnen das Eigentumsrei�t gar nicht zusteht, sondern wo sie nur einen Rechtsanspruch für sich behaupten. In dem Fall des Autos, da» durch v. Kachne jr. beschossen wurde, wird uns z. B. mitgeteilt, daß das Auto nicht auf dem Grund und Boden der Familie v. Kaehne, sondern auf öffentlichem Wege gefahren ist, den die Kaehnes fälschlich als ihren Privotweg in Anspruch nehmen. Indem sie andere von dem Wege vertreiben, wollen sie offenbar ein Gewohn» heitsrecht oder eine Ersitzung konstruieren. Ein Zeuge, der sich bei uns gemeldet hat, ist an einer Stelle, wo sich zwei öffentliche Wege mit einem Privatweg der Kaehnes kreuzen, durch v. Kaehne sen. angehalten und grob beschimpft worden. Sein„Verbrechen" bestand darin, daß er das Dreieck zwischen den drei Wegen, einen wenige Meter breiten Platz, der als Müllplatz benutzt wird, überschritten hat. Dieses Eckchen gehört angeblich zum geheiligten Eigentum der Schießhelden von Petzow. nicht allzu anspruchsvoll ist, den musikalischen Anforderungen. Da» Hannerl spielte das noch etwas unfertige Fräulein Kitty Marion mit einer nicht ganz zeitgemäßen Drolerie. was ihr aber nicht sonder- lich übel genommen wurde, da sie tapfer drauflos sang. Die Herr- schaften aus dem Kreis von Schubert sind oorttefflich. Der Dirigent Ewald H u t h hielt das Ganze musikalisch nach Möglichkeit zu- stimmen, was ihm meist, wenn auch nicht immer, gelang. Die Inszenierung zeigte nichts Nene«. Das Publikum war. wie nicht anders zu erwarten, mit aller Freundlichkeit ganz bei der Sache. k. „Orpheus" im Großen Schauspielhaus. Di« vor«inigen Wochen erfolgt« Ankündigung, der„Orpheus könne demnächst nicht weiter gespielt werden, hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Halb Berlin wäre sonst darüber unglücklich geworden. Run übt dieser Rottenfänger von Paris wieder feine lockenden Künste aus, und die große Opernausmochung Reinhardts, mit ihren Farbenorgien, verführerischen Bühnenbildern und den vielen alten und neuen Kalauern entwickelt ihre Reize aufs neue. Der Stimmungscharakter des zweiten Kaiserreiches ist im wesentlichen beibehalten. Wie wör», wenn der„Orpheus" einmal expressionistisch(vor allem ohne die Ballettröckchen) probiert würde? Di« Neubesetzungen fügen sich dem alten Gesamteindruck gut ein: Waßmann spielt seinen angestammelten Trottel als Jupiter, Dorothea M a n s k i ist Curydice, vorzüalich in der Stimm«, aber nicht gerade ein« Götlerverführerin. Joh. Müller singt und spielt den Pluto mit Kraft und Perve. Wer nennt die andern Namen all«, neu oder alt; sie setzten ihr bestes ein und halten alle mit zum Erfolge. 6. David und Goliath Im Film. Zwanzig Star» einer englischen Kinogejellschost sind in Jerusalem eingetroffen, um dort für einen großen Film zu proben, der Szenen aus der Bibel darstellen soll. Die Hauptattraktion wird der Zweikampf zwischen David und Goliath bilden; dafür werden di« Ausnahmen in der Nähe der großen Straße, die von Jerusalem nach Ramallah führt, gemacht werden. Die groteske Albernheit des heutigen Films konnte wirklich nicht weiter getreten werten. In seiner Sucht, alles„echt" zu in- s.zenieren, wird ein« Sage„nach der Natur" photographiert. Räch» stens werden diese phantasielosen Dummköpfe wohl auch den bren- nenten Busch Moses oder den Durchgang durchs Rote Meer an Ort und Stelle suchen._ TaS«rite Volkössnfsnickonzert im Große« Schavssiielba«» findet Sonntag vo> mittag» l1>/, Uhr statt. Piogramm: Bcetboven, Egmont-Ouvertnre und Violinkonzert, Schubert, O-äar-Siilsoiiie. Dirigent: Klau» Pring»heim. Tviolvlanänderung. Die aus Frei ta g angesetzte Erfiaufflibrung von Nehsilch»„Erztebung durch Kolibri" in den Kammer« spielen findet Sonnabend statt. Freitag:.Anatol". Gstrnng etneö deutschen Gelehrten. Die Akademie der Wissenschaften in Stockholm bat den Plosefior der Pbhfik an der Berliner Universität, Dr. Planck, zum auswärtigen Mitglied ernannt. Das Petersburger WinterpalaiS lolk zu einem kunsthifiorische» Museum umgestaltet werden Mit der Aufstellung der Kunstgegenfiänd« ist bereit» bechmnen worden. DI« Zbunft der Ukraine und Sibirien» wird in besonderen Ableilungen untergebracht, die noch in diesem Frühjahr er» össnet werde». Durcheinanüer vor Genua. Zwar wird Ort und Tag der Besprechung zwischen Lloyd George und Poincar6 geheimgehalten, es sickert aber durch, daß sie am Sonnabend in Calais oder Boulogne stattfinden werde. Nach den„Times" ist Lloyd George nun auch für die Verschiebung der Genueser Konferenz, aber nicht über Ende Plärz hinaus. Es soll sich darum handeln, ob die Verschiebung zehn Tage oder drei Wochen zu betragen hat und um Poincar6s Bedingungen für die Teilnahme Frankreichs— Nichtantasten der Reparationsdiktate usw.— und für die Zu- lassung Rußlands: Anerkennung der Rückzahlungspflicht für Altrußlands Schulden. In der gestrigen Geheimsitzung des Londoner Finanz- konsortiums für den wirtschaftlichen Wiederausbau Europas sollen sich die Beratungen um die Aufbringung des Grund- kapitals von 20 Millionen Pfund gedreht haben, wobei die Meinungen darüber auseinandergingen, ob dieses Kapital durch private Zeichnungen oder durch die Regierungen ausgebracht werden soll oder ob die Zeichnungen lediglich von den Regierungen garantiert werden sollen. In diesem Falle würde allerdings das eintreten, was man gerne vermeiden wollte, daß nämlich die Regierungen sich in die Tätigkeit des Finanzkonsortiums einmischen würden. Eine Entscheidung Ist noch nicht getroffen. Der englische Advokat Brown hielt einen Bortrag über die von ihm ausgearbeiteten Statuten der Muttergesellschaft, die auf die verschiedenen Tochtergesell- chaften Anwendung finden sollen. Hierauf wurde die An- lörung der verschiedenen deutschen Sachver- händigen beschlossen, die in London anwesend sind. Der französische Minister der öffentlichen Arbeiten Le Trocquer dementiert formell die Nachricht, wonach er beabsichtige, in Deutschland bedeutende Bestellungen an Schienen und Eisenbahnmaterial als Reparationsleistungen zu machen. Aber das Wiesbadener Abkommen sieht doch solche Lieferungen vor! Nach einer Washingtoner Meldung sprach Präsident Har- ding die Hoffnung aus, daß die englische Regierung an Amerika 1 Milliarde Dollar in Schatzscheinen zahlen werde. Der Berkaus dieser Schatzscheine würde es ermöglichen, den Kriegsteilnehmern eine besondere Prämie zu gewähren. Der amerikanische Senat hat nach einer Reutermeldung Harding ermächtigt, denPatentoertragmitDeuts�- l a n d zu erneuern._._ Meunier-debatte in der Kammer. Paris, 23. Februar.(EC.) Die Abgg. Lacotte und Gheufl wer- den in der heutigen Sitzung der Kammer eine Interpellation über den Fall Mcunier einbringen. Die Regierung dürfte zustimmen, daß die Debatte sofort eröffnet wird. Der„Matin* fordert ein« rücksichtslose Untersuchung des Falls: entweder sei Meunier schuldig, dann müsse er bestraft werden, oder er sei unschuldig, und dann müsse sich das Verfahren gegen diejenigen wenden, die ihn ins Gefängnis geworfen und dort so lange zurückgehalten HSttem Im allgemeinen wird dafür Stimmung gemacht, den Fall Meunier jetzt nicht mehr auf das politische Gebiet hinüberspielen zu lassen: die lange Haft sei nur dadurch verursacht worden, daß die Untersuchung des Falles sich durch besondere Schwierigkeiten so überaus kompliziert gestaltet hätte. Der Iustizausschuß wird heute den A m n e st! e v o r s ch l a g der Regierung beraten. Von soziali- stischer Seile soll beantragt werden, einen besonderen Paragraphen einzufügen, der die Amneftierung von Caillaux und Malvy und der Meuterer der Schwarzmeerflotte ausspricht. Das ruPfche Grauen. Moskau, 23. Februar, slinlel.) 2m Gouvernement Saratow flndek man überall halbverfallene Bauernhäuser, dereu Fensler our mühsam mit Brettern oerschlagen sind. Die Bewohner dieser Hütten sind entweder ausgewandert oder bereits des Hungertode, gestorben. Die Sterblichkeit erreicht im Durchschnitt 2S Proz. Die Kinder sterben völlig aus. Die als Rahrungsmittel dienenden Surrogate sind auf- gezehrt. Feldmäuse gibt es keine mehr, die der Bevölkerung eine Zeitlang zur Nahrung gedient haben. Zn der letzten Zeit nährt sich die Bevölkerung von Pelzen und Schaffellen. Da» Pelzwerk wird abgeschabt und das Leder gekocht und gegesien. Die Bauern graben sich in Erwartung des Todes selbst ihr Grab. Los von Moskau! Paris. 23. Februar.(EE.) Wie der»Petit Paristen' meldet, sind in Westgeorgten Unruhen ausgebrochen. In Datum kam es zu Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung und der ruf- sischen Besatzung. Die Cholera droht. Am 18. März findet in Warschau eine internationale Cholerakonferenz statt, an der auch u. a. Profestor Mühlen», der Vertreter des deutschen Roten Kreuzes in Rußland, teilnehmen soll.— Die fürchterliche Verwahrlosung der Städte Sowjetrußland« bedeutet für das Frühjahr eine ernste Seuchengesahr, der es beizeiten zu begegnen gilt._ Deutschöfterreich wird unterftützt. Nach dem englischen und italienischen Kredit soll nun auch ein skandinavischer von 2 Millionen Pfund gewährt werden; außerdem sollen amerikanische Prtoatbankiers bereit sein, 100 Millionen Dollar vorzustrecken. In Wien nimmt die A r b e i t s l o s i g k e i t so zu— ob das schon eine Folge des Fallens der Devisen ist. kann nicht gesagt werden—> daß die Gewerkschaften ein Programm zur Beschästtgung der Ar- beitslosen bei höchst notwendigen öffentlichen Bauten aufgestellt haben. Im Anschluß an die Reise des Bundeskanzlers Schober durch das Burgenland wird von einer neuen schiedsgerichtlichen Grenzziehung gegen Ungarn gesprochen, was einige Feudal- aristokraten durch ihre Ententefreunde durchgesetzt haben fallen. Der öukarefter Kommuniftenprozeft. Bukarest, 22. Februar.(Intel.) Die 270 Kommunisten, die vor dem Milltärgericht unter der Anklage des Hochoerrats oder der Be- tetltgung an Attentaten stehen, befinden sich bereits seit mehreren Tagen im Hunger st reik. Während der Verhandlungen brechen zahlreiche Angeklagte ohnmächtig zusammen. Ministerpräsident B r a t i a n u, bei dem die Verteidiger intervenierten, weigerte sich, irgend etwas gegen die grausame Behandlung der Angeklagten zu unternehmen. Trotzdem scheint dieser Protest und die Erregung der Arbeiterschaft bewirkt zu haben, daß da» Gericht noch während der Verhandlungen 50 Angeklagte, die sich zum Teil schon viele Monate in Untersuchungshaft befinden, freiließ. Das kommunistische Pariser Blatt»L'H u m a n i t a t" und dn» Londoner Arbeiterorgan„Daily Herald" sind in Rumänien verboten worden, weil sie Artikel über die rumänische Militär- Herrschast veröffentlicht haben. ?m Kampf gegen den Kmosthunö. Die Bemühungen, das Kino zu veredeln, haben bisher nicht viel Erfolg gehabt. Beachtung verdient der im„Vorwärts" bereits mehrfach erörterte Versuch, in Berlin unter Mitwirkung der Schule eine Kinoreform anzubahnen. Schulkinos sollen nicht nur die Schulkinder, sondern auch Schulentlassene und weiter die mit den Kindern und Jugendlichen kommenden erwachsenen Familienangehörigen an Besseres gewöhnen, als die nach Profit verlangenden Kinounternehmer zu bieten pflegen. Da wegen der Kosten nicht jede Schule ihr eigenes Kino haben kann, so werden Gruppen von Schulen zu„Schultinogemeinden" zusammengefaßt, die ein gemeinsames Kino abwechselnd benutzen. Dieser Gedanke der Schulkinogemeinden mit gemeinsamem Kino ist zuerst von einzelnen Lehrern verwirklicht worden, die unter persän. lichen Opfern ihr Ziel verfolgten, aber an volle Durchführung ist ohne Hergabe reichlicher Mittel kaum zu denken. Einstweilen hat- man noch zu dem Notbehelf gegriffen, auch private Kinos in den Dienst der Sache zu stellen, wobei aber die Entscheidung über die Auswahl der FUme den Kinounternehmern entzogen wird. Im„Berliner Ausschuß zur Bekämpfung der Schmutz- und Schundliteratur und des Unwesens im Kino" berichtete der Vorsitzende, Direktor Dr. Häußler, daß in Berlin jetzt bereits 41 solcher Schulkino stellen bestehen, die als Ausgangspunkte der Kino- reform wirken sollen. Könnten, führte Häußler aus, 200 Stellen eingerichtet werden, so würde auch die Industrie geneigter sein, ent- sprechende Filme zu schaffen, weil es dann mehr für sie lohnte. Im Mittelpunkt der Darbietungen dieser Kinos, die von der Schule aus die besseren Filme in die breiten Masten der Bevölkerung hinein- tragen wollen, steht der belehrende Film, aber auch das Verlangen nach Unterhaltendem wird ausgiebig berücksichtigt. An der Arbeit, die Filme zu prüfen und auszuwählen, beteiligt sich das Zentral- insistut für Erziehung und Unterricht. Schulinsel Scharfenberg. Im vergangenen Jahre waren Schüler des Humboldt-Gym- nasiums auf der städtischen Insel Scharfenberg im Tegeler See während des Sommers mit chren Lehrern in dem fett einem Jahrzehnt leerstehenden Herrenhaus untergebracht und wurden dort unterrichtet. Es ist jetzt infolge der günstigen Erfahrungen der Plan aufgetaucht, die Segnungen dieser Erziehungsweise in der Natur und im Zusammenleben mtt den Lehrern auch Schülern anderer BerlinerSchulen zuteil werden zu lassen. Dem Magistrat und seinen Deputationen für höhere Schulen und für B e r- su ch s s ch u l e n ist jetzt ein Antrag zur Genehmigung vorgelegt worden, mit Beginn des Sommerfemesters d. I. das Eiland dauernd zu einer„E ch u lt n s« l" zu machen. Eine neue ständige Schule soll hier entstehen, die die vom Unterrichtsminister jüngst freigegeben« „Differenzierung der Oberstufe" mit der Form der neuen„deutschen Oberschule" zu verbinden versucht. Zur Vorbereitung darauf will sie Untersekundanern Berliner Gymnasien, die ihre letzten vier Schul- jähre m enger Gemeinschaft mit ihren Lehrern und Kameraden aus der Insel verleben möchten, und zurAufbauschule st rebende Gemeindeschüler in einer Art„Zwischenschlile" iammeln. Da die ersten Kosten im Verhältnis dem hohen ideellen Ziel nur gering sind, ist zu hoffen, daß der Magistrat dieser neuen aufbauenden Arbeit sewe Zusttmmung nicht versagen wird. Grohfeuer in Grüna«. Großfeuer kam heute vormittag gegen 8 Uhr w der C h e m i- scheu Fabrik von Landshosf u. Meyer in Grünau zum Ausbruch und verursachte erheblichen Schaden. Entstanden war es angeblich in einem Raum, wo Naphthalin, Kampher und Schwefelsäure zur Herstellung von Chemikalien benutzt werden und Naphthalin fertig- gestellt wird. Di« Flammen hatten schnell retthe Nahrung gefunden und eine große Ausdehnung erlangt. Als die Grünauer frei- willige Feuerwehr an der Brandstell« nahe der Dahme ein- traf, stand sie ziemlich machtlos dem entfesselten Element gegenüber. Die Meldung von der Gefahr wurde weitergegeben, woraus die Wehren von Nieder- und Oberschöneweide, Köpenick, Adlershof, Britz und anderen Orten erschienen. Brandmeister Meyer benachrichtigte die Berliner Feuerwehr, die ein« Benzin-Motorspritze mit Geräten und Schläuchen entsandte. Von allen Seiten wurde gegen den Brandherd vorgegangen. Die von der Brandstelle aueströmenden Dämpf« erschwerten nicht nur die Löschung, sondern auch die An- Näherung an die brennenden Gebäude. Trotz kräftigen Löschens mit einem Dutzend Schlauchleitungen gingen die Flammin nur langsam zurück und schlugen bald hier, bald dort wreder aufs neu« mächtig empor._ MorS und Selbstmord im stafteehan?. Aus lleberspannuug des Ehrgefühls. lieber ein Revolverattentat in Rathenow wird uns folgen- des gemeldet: Der Fähnrich Graf K a l ck r e u t h war mit mehreren Offizieren de» Reiterregiments 3 in das Cafö Rheingold in Rothe- now eingekehrt. Im Eaft Rheingold herrschte eine sehr animierte Stimmung, und bald entstand eine Gegenstimmuna gegen die Offi- ziere, einen Grafen P i l a t i und den Fähnrich K a i ck r e u t h. Ein Kaufmann H o r m a n n oeranlaßt t«n Wirt, darauf die Ossi- ziere aus dem Lokal zu weisen. Diese Vorfälle hatten den jungen Kalckreuth tief erregt. Er holte aus seinem Privatbesitz eine Pistole und ging heimlich wieder in das Cafe zurück. Als der Wirt ihm da« Lokal verwies, rief der Fähnrich:„Ich verlast« das Lokal nur als Letzter". Als man mit einem Stuhl aus ihn losging, zog er seine Pistole und gab vier Schüsse ab, von denen drei H o r m a n n tödlich trafen, ein Schuß ging vorbei, mit dem fünften Schutz schoß sich Kalckreuth selbst eine Kugel durch den Kopf. Von anderer Seite wird tazu gemeldet: Nach der Untersuchung, deren Ergebnisse vom Regimentsrommando veröffentlicht werden, sollen die Offiziere von den anderen Gästen provoziert worden sein. Die Gäste bestreiten das auf das entschiedenste und behaupten, daß die beiden jungen Leute angetrunken in das Lokal ge- kommen seien unt daß durch ihr Verhalten die Ursache zum Wortwechsel gegeben wurde. Der Wirt wollt« alle Weiterungen vermeiden und gebot Feierabend. Die Offiziere mußten m i t sanfter Gewalt aus dem Lokal gebracht werden, weil namentlich der Jüngere, Graf Kalckreuth, sich weigerte, das Cafe zu verlassen._ Neuer Ratteufeldzng im März. Um den durch Ratten fortgesetzt verursachten Schäden vorzu- beugen, hat der Polizeipräsident für Sonnabend, den 25. und Sonntag, den 26. Mörz eine erneute allgemeine Rottenvertilgung in Berlin angordnet. Die Eigentümer oder Pächter aller im Stadtkreise gelegenen Hausgrundstücke� Laqer- und Schuttplätze, Baustellen. Parkanlagen und Friedhöfe, die Vor- stände von Laubenkolomen und die Inhaber von einzelnen Lauben» und Gartengrundstücken oder die gesetzlichen Vertreter dieser Per- sonen haben zur Vermeidung einer Geldstraf« bis zu 1500 M. oder entsprechender Haftstrofe an einem der beiden Tage wirksame Ratten- vertilgungsmittel, nämlich dreiprozenttge Phosphorlatwerge oder Meerzwicbelpräparate(die aber weniger wirksam sind) anzulegen. Dl« Mieter haben behufs Auslegung des Giftes den hierzu Ver- 5flichteten dos Betreten der Kellerräume zu ermöglichen. Von der ierpflichtung zur Auslegung der vorbezeichneten Vertilgungsmittel sind nur diejenigen befreit, die einen Kammerjäger oder einen anderen Fachmann mit dem Auslegen des Giftes beauftragen und die» durch eine Bescheinigung des Beauftragten ihrem zuständigen Polizeirevier nachweisen. Die S4-St«nden-Uhr. Dem Vernehmen nach sollen bei der Reichsbahn»ingehende Er« wägungen darüber im Gange sein, die 2 4- S t u n d e n. Z e i t im Eisenbahnverkehr allgemein einzuführen. Hierzu wird uns von gut unterrichteter Seite folgendes geschrieben: Di« Einführung der für Deutschland neuen Zeitrechnung nach 24 Tagesstunden und nicht mehr 12 Vor- und 12 Nachmittagsstunden, die vor Iahren bereits Gegenstand eingehender Erörterungen ge° wesen ist, läßt mit einem Schlage eine ganze Reihe von Fragen aus- tauchen. Abgesehen von der weittragenden Bedeutung dieser Frage für die gesamte Uhrenindustrie, würde die 24-Stunden.Uhr auch aus anderen Gebieten außerordentliche Nachteile und persönliche Opfer verlangen, die um so mehr auf den Widerstand der Bevölkerung stoßen, je größer die verlangten Opfer sind. Das erste Land, welches die 24-Stunden.Uhr einführte, war Italien. Trotz einer bis jetzt Jahrzehnte dauernden Uebergangszett sind auch heute noch nicht sämtliche öffentlichen Uhren mit dem passenden Uhrwerk ausgerüstet, so daß zahlreiche Mißverständnisse sich aus dieser doppelten Zeitrcch- nung ergeben. Um Mißstände zu vermeiden, müßte zunächst einmal auch die Ansicht des Reichsministeriums des Innern gehört werden und dann auch die Ansicht möglichst weiter Kreis« des Volke», bevor zur Einführung der 24-Stundei'. Zeit auf der Eisenbahn geschritten wird. 1 Million 189 600 Mark Geldstrafe. Ein Opier des Bolschewismus will der ISiährige Kaufmann Kasimir Raitorgujess aus Moskau geworden iein, der stch unter der Anllage des Zollvergeben« und der Einfuhr von Brillanien ohne Erlaubnis vor dem Wuchergericht des Landgerichts II zu ver- antworten hätte. Der Angeklagte war hier von einem Kriminal« beamten dabei abgefaßt worden, als er veriucbte. einen auffallend großen Brillanten im Gewicht von 24,88 Karat, der beute einen Wert von ca. IV# Mill. M. bat, unter der Hand zu verkaufen. Da die Einfuhr von Brillanten ohne besondere Erlaubnis vcrboien ist, Rastorgujeff den Stein außerdem obne Verzollung über die Grenze geschmuggelt halte, wurde R. als Ausländer in Haft be- hallen und der �tetn beschlagnahmt. Vor Gericht erklärte der An- geklagte, daß lein« Elte»n einstmal» schwerreiibe Fabrikanten in Mostou gewesen und von den Bolschewistcn völlig ausgeplündert worden feien. Er babe den Rest der elterlichen Habe verlauft und für den Erlös Brillanten gekaust, in der«bsiwt, sie an deutsche Kriegsgewinnler zu verlausen und stch mit dem Geld« eine neue Existenz in Warschau zu gründen. Staatsanwalt Dr. Gerechter beantragte gegen den Angellaglen ein« Woche GeiängniS und— der Zollhinterziehung entsprechend— eine Geldstrafe von l 180 S00 M. und Einziehung des Brillanten zugunsten de« Reich«. Da« Urteil lautete diesem Antrag entsprechend. lieber 2 Kilogramm Feingold auf der Slraßenbohn gcstohleu. Ein Edelmetallgroßhändler au» der Oranienburger Straße hatte einer Frau, die für>hii öfter Bestellungen besorgte, gestern vor« mittag ein Packetchen übergeben, das in drei Barre» 2.0508 Kilo« gramm Feingold im Werte von 8b0 400.50 M. enthielt, um es zu einem Kunden Nach der Dorotbeenstraße zu bringen. Erst al« sie dort ankam, entdeckte sie, daß ihr da» Päckchen geiiodlen war. Sie hatte es während der Straßenbahnfahrt in einem Wagen der Linie 52 zwischen t l und 11V, Uhr vormittags auf den Schoß ge» legt, als sie vom Schaffner einen Fabrsrbein löste. Während dieser Zeit muß ti ihr wahrscheinlich von einem jungen Mann gestohlen worden sein, der neben ihr saß, als sie dem Schaffner da« Fahr- geld reichte, und bann gleich darauf den Wagen verließ. Die„Zweite Groß-Verttner Tobakmcste" findet in der Zeit vom 11. bis 14. April in den Gesamträumen des Meßhauses„Neue Welt", Hasenheide 108— 114, statt. ktte Ittitt Nach» de« TrchStag, rennen«. Da» Hauprinorncnt der sehr lebhaiten letzten Nacht lag unzweilllhaft in den vewei'cllrn Anstrengungen der Mannichalten Loren»-Aberger, Van Ret-R Huichte, Habn-Tletz und Cchroge-Kohl die an S a I d o w. B a» e r veilorene Runde wieder well zu machen. Dt, größte Hetze bierßci gab eS nach einem Iv-Rundenipurt um eine 10 000 Mart-P'ümi». die stch SIellbrink. der über« yaupl wiederholt ichöne Spliri« zeiglc, mit großer Bravour holte. Lorenz- Aberger vermochte dem Feld« zlrka>/. Runde davon zu zicben. Doch dann gelang es dem zähen und schnellen kleinen Bauer, da» Feld wieder bernnzuiühren. Außer den MetiimgSsabrlcn ließen die sehr zahlreichen Prämtcn den Fahrern wenig Ruhe, so daß sie zwelselSohne stob waren, als um 7 Uhr die gewohnte Ruhe anbrach. Im Hauptendlaul de» 10-Kilomelerrenncn« ging Lewanow, der stch kaum von seinem ledlen schweren Sturz eibolt bat, lnsolge PlukenS des Vorher- reisen» abermals kopsilber und zog sich einen Schlüsselbcinbruch zu. Nach- stehend die Ergebnrste: Zweikampf: t. Laus über 5 Runden! t. Kaufmann(Schwei, Z 1 Min 9 Sek., 2. Lorenz. 2. Laus über 8 Runden? 1. Lorenz 1 Mtn. 8 Sek., 2. Kaufmann. 3. Laus über 10 Runde»: 1. Kaufmann 2 Min. 31 Set., 2. Lorenz. G e I a m t- er g e b n t«: 1. Kausmann, 2. Lorenz.— Internationales lv«Kllometerrennen: 1. La»l- 1. Vay(Ilalicn) 15 Min. 6'/. Sei. 12 Punkte, 2. Schwab(Schweiz) 10, 3 Ilelaer iHolland) 8, 4. VIemmiux(Holland) 6 Puntle. 2. Lauf: 1. Lewanow 15 Min. li'l, Sek. 16 Punkte; 2. Bauer 11, 8. Krabner 4, 4. Bchiend 8 Punkte. Haupt- e n b I a u j; 1. Vay 15 Min, 52 Sek. 10 Puntle: 2. Schwab 9, 3. Beluend 6, 4. Jkelaer 6, 5. Vlcmmiux 4, 6. Bauer 3, 7. Krabncr 2 Puntte. Zweiter En blouf: 1 Hahn 16 Min. 1 Eel 16 Puntte; 2. Oskar Dich 13, 3. Pawke 7, 4. de Vr eng(Holland) 2, 5. Minorctti(Italien) 2, 6 Magnussen (Dänemark) 1, Müller und Degmann(Schweiz) 0 Punkte. Au»« scheid u naSsahren: 1. Hensch, 2. NetnaS. Da» Rennen wird heute abend 10 Uhr sein End« erreichen Wetter für morgen. Berlin und Umgegend. Mild, jedoch Überwiegend bewölkt, mit leichten Regensüllen und lebbasten jüdwestlichen Winden. Die Revision im Grvpen-Prozesi verworfen. Das Reichsgericht verwarf die Revision de« Architekten Peter Gruven, der am 20. Dezember des vergangenen Jahre» vom Schwurgericht Hirschberg in Schlesien wegen zweifachen Morde» an seiner 16 Jahre alten Stieftochter Dorothea Robrbeck und deren 12 Jahre alten Base Ursula Schade ans Schloß KleppelSdors zweimal zum Tod« und wegen SiitlichkeitSver« brechen« zu fünf Jahren Zuchthau« verurteilt worden war. Fall» der Reichspräsident von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch macht, wird da« Urteil vollzogen werden. Grost-Serüner Porteinoeftrtoren. s. Kxti», Ztreuzderg. Freitag, den 24. Februar, abends 7 Uhr,>u der Schulauta Dtenendachstr.»1 62 gemeinsame Bersammlung der SPD.-, USPD� und«PD.-Etterndeiriite. Thema: SlterndetratSmahI. Morgen, Areitag. den 24. Februar: 2. ftrtis, Tiergarten.». bis IS. Sldt. Die Mitglieder treffen sich abends 6 Uhr in ihren Vertehrslokalen Abmarsch»>/, Uhr zur»ffentllchen Persammlung in den Arminlussillen. Bremer Str. 78 Stein Mitglied darf fehlen. 27. Abt. Abends 6 Uhr, späteste»» W Uhr. Treffpunkt aller Genoffen und Gt- nosswnen in den Verkeheslotalen.«einer darf sehten. Alles Weitere dort. 120. Abt., Frlcdrlchsseld«. Abend» 6»/, Uhr Bersammlung in der Aul- des Zahn- Gymnasiums, Marttstr. 8.________ ?ugendveranftaltungen. Berel»«rt-lter-Zugen» Grsß.B-rllu,«SB.(8. Lindenstr. 8 2. Fes. 3 Trp. Telephon Moritzplat,>21»8—121 Id. Henke. Donnerstag, den 23. Februar 1922: Achtung! Zm Rundschreiben an die Abteslungsvorsißenben ist der s. Abend de« Boltstanzkursu» irrtümlich für Donnerstag, den 2. März, angegeben worden. Der Kursus findet nicht erst am 2. März, ssnvrru heut« Douurrstag, de, U. Februar,«dato 7 Uhr. ftett- OewerGhoftsbeVegung Einheitsfront in Italien. Rom. 22 Februar.(Intel.) Auf Anregung der Eisenbahner» j-ewerkschaft. die sich in einer vorhergehenden Besprechung der Unter- stützung der politischen Arbeiterparteien versichert hatte, tagte vom IS. bis 21. Februar in Rom eine Konferenz der auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden gewerkschaftlichen Organisationen. Anwesend waren Vertreter des italienischen Gewerkschastsbundes, der Union« Syndikale Jtaliana und des italienischen Arbeitsoerban- des sowie der Eisenbahnergewerkschast und der Gewerkschaft der Hafenarbeiter. Der Zweck der Besprechung war die Schaffung einer„Alliance»er Arbeiter als gemeinsames Abwehrmittel gegen alle Angriffe auf die poli- tischen und gewerkschaftlichen Freiheiten". In einer Resolution, der die Konferenz zustimmte, wird erklärt, daß im gegenwärtigen Augenblick die Einigkeit aller Kräfte der Arbeter- Nasse besonders notwendig sei um den vereinigten Kräften der Reaktion entgegenzutreten und die Wiederherstellung der öffenllichen Freiheiten und die Erhaltung der erworbenen ökonomischen und politischen Rechte zu erkämpfen. Zur Erreichung dieses Zieles er- achte die Konferenz die Bildung eines Landeskomitees notwendig, dem alle Organisationen angehören sollen. Kein gewerk- schaftlichcs Mittel, inbegriffen der General st reit, dürfe außer acht gelassen werden. Das von der Konferenz gewählte Landestomitee besteht avs 5 Vertretern des italienischen Gewerkschaftsbundes und je 2 Ver- tretern der übrigen Organisationen. $ät treue vienste. Der große Ausschuß der Vereinigung der deutschen Arbeit- aeberverbände hol am 22. Februar in Berlln getagt. In dieser Sitzung wurde folgende Entschließung angenommen: Der große Ausschuß der Vereinigung der deutschen Arbeit- geberverbände hat von dem Bestreben verschiedener Gcwerkschafts» gruppen Kenntnis erhalten, die Vorteile der tariflichen Bestimmun- gen nur denjenigen Arbeitnehmern zukommen zu lassen, die in einem der drei hauptsächlich st en Gewerkschafts- verbände organisiert sind. Der Ausschuh tritt diesem Bestreben mit aller Entschiedenheit entgegen. Er lehnt es ab, sich beim Abschluß von Tarifverträgen von anderen als wirtschaftlichen Besichtspunkten leiten zu lassen und das Mittel der tariflichen Der- einbarung zu einem Mittel des Organisationszwang es ausarten zu lassen. Er ist des ferneren der Meinung, daß eine solche Forderung der verfassungsmäßig gewährleisteten Koalition s. freihsit widerspricht und ein aus solchem Anlaß und zu solchem Ziele angefangener Esteik der Gewerkschaften ein unverantwort« l ich es Berge h en an der deutschen Volkswirtschaft sein würde. Die Gelben haben die ihnen zugedachte Belohnung vollauf v«r- dient. Wir können gar nicht einsehen, warum.Arbeiter", die ihren für bester? Löhne kämpfenden Kameraden in den Rücken fallen, vom Unternehmer nicht dieselben Vergünstigungen erhalten sollen, die die anderen erkämpft haben. Die Frage ist nur, ob die freien Gewerkschaften gewillt sind, für die Söldlinge des Kapitals zu arbeiten. Der Schiedsspruch im Gastwirtsgcwerbe. Entsprechend den in den öffentlichen Versaniinlungen der ver- gangenen Woche erteilten Vollmachten über die Annahme oder Ab« lehnung des Schiedsspruchs des Reichsarbeitsministeriums vom 1ö. Februar endgültig zu entscheide», hat der Kartellvorstand des Kartells der im GaitwirtSgewerbe vertretenen Arbeit- nehmerorganisationen beschlosten, den SchtedS- fpruch trotz seiner großen Mängel anzunehmen, um den von ihm vertretenen Arbeitnehmern die Möglichkeit zu geben, baldigst in den Besitz der Teuerungszulagen zu kommen. Damit bar die Lohnbewegung ini Gastwirtsgelverbe zunächst einen friedlichen Abschluß gefunden. Bei dieser Gelegenheit muß Protest gegen die leichtfertige Bcrichterstattur.g der.Roten Fahne" eingelegt werden, die in ihrer Nummer vom Freilag abend be- hauptele, der Schiedsspruch sei in den öffentlichen Versammlungen der Arbeitnehmer abgelehnt worden. Tie Musikcrlehre. In gewiffen Berufen sind die Schwierigkeiten der Berufswahl so groß, daß nur bei ausgesprochener Begabung und unüberwind- lichcr Neigung zum Eintritt in die betreffende Laufbahn geraten werden kann. Zu diesen Berufen gehört in erster Linie derjenige d e s M u s i k e r s. Die Aussichten für Musiker sind selbst für Bc- gabte überaus dürftig. Unser Beruf, der nicht als„produktiv" in volkswirtschaftlichem Sinne, noch weniger als„lebenswichtig" cm- gesehen wird, wird in den Zeiten wirtschaftlicher Not in der Er- ringung befriedigender Lebensbedingungen stets hinter der Entwick- lung zurückbleiben, ganz abgesehen davon, daß die gewerbliche Mufik- betätigung als eine besonders beliebte Nebenerwerbsquelle für alle möglichen Berufsarbeiter angesehen wird, die dem Musiker das Brot wegnehmen. Dazu kommen noch die traurigen Berhältniste im Musiker- ausbildungswesen, mit deren Umgestaltung zwar der Deutsche Musikerverband beschäftigt ist, ohne aber von heute auf morgen grund- sätziiche Besserung erreichen zu können. Noch fehlt es an Anstalten, die eine gewissenhafte Ausbildung gegen erschwingliches Lehr- bzw. Schulgeld gewährleisten. Am schlimmsten sind diejenigen daran, die keine Mittel zum Studium zur Verfügung haben und daher ge- wungen sind, ihre Ausbildung in einer„Musiklehre"(Lehrlings- apelle, Stadtpfeiferei) zu suchen. Die Zustände sind hier in der Regel(die durch Ausnahmefälle nur bestätigt wird) durchaus menschenunwürdig und die Ausbildung derart mangelhaft, daß die iungen Leute nach Beendigung ihrer Lehrzeit den Anforderungen >es Berufes nicht genügen und sich keine Existenz schaffen können. Es ist daher vor dem Eintritt in den Musikerberuf bringend zu warnen. Sollte aber unüberwindliche Neigung doch zur Wahl dieses Berufes führen, so schließe man keinen Lehrvertrag ab, ohne sich vor- her mit dem Deutschen Musikerverband, Berlin SW. 11, Bernburger Straße 31, in Verbindung zu setzen und sich die hier gesammelten Erfahrungen zunutze zu machen. Auf Grund derselben ist hier ein Musterlehroertrag aufgestellt worden, von welchem Abzüge kostenlos abgegeben werden. Moffe»19 GutSVefitzee. Auf dem der Rudolf Masiefchen Gutsverwaltnng gehörigen Gut Schenkendörf bei Königswusterhausen herrscht eine sonderbare Rechtsausfassung. Ein dort beschäftigter Wirtschaftsinspektor wurde vor einigen Wochen ohne Angabe von Gründen entlassen. Auf Einspruch beim Schlichtungsausschuß wurde die Firma Moste ver- urteilt, ein« Entschädigung in Höhe des Gehalts für Jahr zu zahlen. Die Gutsoerwaltung denkt aber nicht daran, die Entschädigung zu zahlen: vielmehr läßt sie durch ihre Rechts- anwälte vor dem Amtsgericht, dem die Angelegenheit übergeben ist, allerlei Winkelzüge machen, die darauf hinauslaufen, die Angelegen- heit zu verschleppen bzw. den brotlos gemachten Wirtschaftsinspektor um feine. ihm zuerkannten Rechte zu bringen. Ferner wurde vor dem Schlichtungsausschuß festgestellt, daß die Mossefche Gutsverwaltung nicht einmal den tarifmäßi- gen Lohn zahlt, sondern einen weit niedrigeren. Um Gelder u sparen, ist auch fast niemand von den dort Beschäftigten in er Krankenkasse angemeldet gewesen.Dieses kleine Bei- spiel zeigt, wie das soziale Empfinden dieser Firma der Arbeit- nehmerschaft gegenüber in Wirklichkeit aussieht. Traurig ist es nur, daß immer noch ein Teil der Angestellten und ArbeUer auf die zu nichts verpflichtenden„vollsfreundlichen" Redewendungen der Moste- Blätter hereinfällt._ Berichtigung. Der LandgerichtSprästdent zu Landsberg a. d. W. ersucht uns auf Grund des§ 11 des PretzgesetzeS um Aufnahme folgender Be- richtkgung: .Di« unter der Ueberfchrist„einstweilige Verfügung gegen Streikposten" in Nr. 76 vom 14. Februar 1922 enihaliene' Mit- teilung über eine durch den«misgerichtsrat Krause in Lippelme angeblich im„Lippehner Anzeiger" veröffentlichte einstweilige Ver- fügung eutsprichl in folgenden Punkten nicht den Tatsachen: 1. Die einstweilige Verfügung ist weder durch den Amts- gerichtSrat Kraute, noch durch einen anderen Beamlen des Ge- richts in der Zeitung veröffentlicht, sondern vielmehr durch die Arbeitgeberin. die Firma Schütz u. Bethke, welche iaS Inserat auch unterzeichnet bat. 2. Das Inserat gibt den Text der einstweiligen Verfügung nicht richtig wieder. Sie entbleit kein allgemeines Ver- bot für die Streikenden, den Betrieb zu be- treten, entschied auch noch nicht über die Kosten des Ver- fahren», sondern setzt« der Arbeitgeberin eine zweiwöchcntliche Frist zur Ladung, zur Verhandlung über die Rechtmäßigkeit der einstweiligen Verfügung. 8. Auch der Kopf des JifferatS:.Den ehemaligen Arbeitern der Firma Schütz und Bethke wird folgender Gerichtsbeschluß zur Kenntnis gegeben", steht nicht in der einstweiligen Ver- fügung, i andern nur in dem Inserat der Firma." Au« dieser Berichtigung geht hervor, daß die Firma, die die einstweilige Verfügung gegen ibre streikenden Arbeiter erwirkt bat, diese Verfügung in grober Weise mißbraucht bat. um die Arbeiter einzuschüchtern. Wir nebmen daher an, daß auch die Firma bezw. der„Lippehner Anzeiger" rechtzeitig benachrichtigt wurde. Strahenbahnerstreik in Bremen. Bremen, 23. Februar.(Eigener Drahibericht.) Das Personal der Bremer Straßenbahnen, das schon seit längerer Zeit mit der Direktion in Verbandlunge» wegen Lobnerböbungen steht, bot sich gestern morgen mit erwa 700 gegen 100 Stimmen für Ablehnung des vom SeblichtungSausschuß gefällten Schiedsspruches und iür sofortigen Eintritt in den Streik-nistbieden. Heute morgen ruht der Betrieb der Straßenbabnen auf allen Linien. Die Straßen« bahner verlangen eine Lohnerhöbung von 3 M. für die Stunde, bzw. ab 15. März 4 M. Der Schiedsspruch sieht dagegen eine Lohnerhöhung von 1.80 M. pro Stunde vor. Buchdrucker streit lo vromberg. Wegen Lohnforderungen find die Buchdruckergehilfen in Bromberg in einen Streik geirete». der sowohl die deutichen ol« auch polnischen Zeitungen und Druckereien betrifft. Die Buchdrucker verlangen eine 2Sprozen- tige Lohnerhöhung. Die Buchdruckereibesitzer sind zwar zu einer Lohnerhöhung bereit, lehnen aber die geforderten 25 Proz. qb. Die Lohudiffereuzen in der Bergischen Textilindustrie haben sich erheblich zuoe'pitzt. Die Vereinbarung, die zwischen den Arbeit- gebein und Ardeitnebmern getroffen worden war, wurde von einer Konferenz des deutschen TextUarbe'terverbandes für den rechts- rheinischen Tarifbezi, k als nicht den Verhältnissen entsprechend a b g e l e h n t. Die anfänglichen Forderungen wurden den Arbeit- gebern erneut mit dem Verlangen unterbreitet, sich spälestenS bis zum' 28. Februar über die Annahme oder Ablehnung zu entscheiden. Eine Kon'eren, des christlichen TexiiarbeiterlverbandeS lehnte das Ab- kommen ebenfalls ab. Die Mailänder Verwaltungsbeamlen sind infolge der Nicht- bewilligung einer Teuerungszulage in den Streit getreten. Au» dem Slreikgebiel von Springsfield(Südafrika) wird über Jobannes burg gemeldet, daß am Dienstag mebrere Tynamit- explosionen erfolgten, durch die mehrere Pfeiler der Hochspannung»- leitung zerstört wurden. Infolgedessen ist das Bergwerk.Geduld" ohne elektrischen Strom._ «erbaad der Sattler. Tapezierer und Partefeuiller. Tapezierer l ffreitag nachmittaz 5 Uhr Bertrauenemännerversammlung in der Neuen Phttharm-»>!», Köpenicker Svafce 96/97. Abend» 7 Uhr Versammlung aller Tavezicrei und Nähe- rmnen in den gentral-FeNsilen, Alte Iakodstrahe S2. Bericht über die Verhand- lnngen mit den Unternehmeru. Erscheinen aller unbedingte Pflicht. Deutscher Elsenbahuernerdaud. Die Fortsetzung der Deneralversammlung der Ortsgruppe Berlin findet Freitag, abd». 6 Uhr, in Allems Festsälen, Gartensaal. statt. �US der öetriebsräte-praxis. Fristberechnung nach§ 86 des Betriebsrötcgesetzes. Bei Angestellten und Arbeitern herrschen vielfach Unklarheiten über die Art der Fristberechnung nach 8 86 des BRG. Häufig wird durchaus mit Unrecht angenommen, daß sich an die fünftägige Ein- �pruchsfrist des Arbeitnehmers nach§ 84 zeitlich die Wochenfrist nach§ 86(Verständigung zwischen Betri-bsvcrtretung und Arbeit- geber) anschließt. Eine Frist, innerhalb der die Bctriebsvertretung stch zum Einspruch de» gekvndkgkrn Arbeklnehmers zu entscheiden hat, ist jedoch nicht vorgeschrieben. Es wird selbstverständlich Auf- abe des Arbeiter- bzw. Augestelltenrates fein, im ntereffe des gekündigten Arbeitnehmers sich schnellstens zu entscheiden. Erkennt er den Anspruch als berechtigt an. so hat er den Versuch einer Berst ändigung mit dem Arbeitgeber zu unternehmen. Dieser Berstündigungsoersuch der Gruppenvertretung(Arbeiter- oder Angestelltenrat) mit dem Arbeit- geber ist an eine e i n w ö ch t g e Frist gebunden, sie rechnet von dem Tage ab, der auf den zur ersten Verständigungsverhandlung mit dem Arbeitgeber angesetzten Tag folgt. Für die Art der Fristberechnungen nach§ 84 und 86 gellen folgende Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches. Der§ 187 Absatz 1 lautet „Ist für den Anfang einer Frist ein Ereignis oder ein in den Lauf des Tages fallender Zeitpunkt maßgebend, so wird für die Be- rechnung der Frist der Tag mit angerechnet, auf welchen das Er- eignis oder der Zeitpunkt fällt" Nach dieser Bestimmung zählt sowohl der Tag des Einspruchs tes gekündigten ZlrbeiMehmers beim Gruppenrat(Z 84 Absatz 1) wie auch die Weitergabe des vom Gruppenrat als berechtigt� aner- kannten Einspruchs beim Arbeitgeber nicht mit. Eine irrtümliche Fastung ist es auch, Sonn- und Festtage bei der Berechnung der Fristen nicht mitzuzählen. Nur für den Fall, daß der letzte Tag der Frist auf einen Sonntag oder staatlich anerkannten Feiertag fällt, trill an Stelle des Sonn- bzw. Feiertages der nächstfolgende Werktag(§ 93 BGB.). Zur Erläuterung diene fol- gendes Beispiel: Einem Angestellten wurde das Arbeitsverhältnis am 29. No- vember 1921 zum 31. Dezember 1921 gekündigt. Binnen fünf Tagen muß er gegen die Kündigung Einspruch erheben. Der fünfte Tag (4. Dezember) fällt auf einen Sonntag. In diesem Falle verlängert sich die Frist bis Montag, den 5. Dezember. Am 5. Dezember hat er ordnungsgemäß Einspruch erhoben. Der Angestelltenrat erachtet die Anrufung für begründet und ersucht den Arbeitgeber ordnungs- qemäß(§ 23 Absatz 3) zur Teilnahme a« einer Berständigungsver- Handlung am Donnerstag, den 15. Dezember. Die nunmehr nach Z 86 vorgeschriebene Wochenfrist besinnt am Freitag, den 16. De- zember, und endet mit Freitag, dm 23. Dezember. Innerhalb dieser Woche muß der Arbeitgeber sich enffcheiden, ob er den berechtigten Einspruch des gekündigten Angestellten anerkennt oder auf Aufreckt- erhaltung der uriprüngllchen Kündigung besteht. Nach Ablauf dieser einwöchigen Frist steht dem Angestelltenrat bzw. dem gekündigten Arbeitnehmer eine weitere Frist von fünf Tagen zur Verfügung, während der er den Schlichtungsausschuß anzurufen hat. Auf Grund des obigen Beispiels muß der Schlichtung?- ousschuß spätestens am 28. Dezember 1921 angerufen sein. Lehnt der Arbeitgeber eine. Teilnahme an der vom Angestelltenrat anbe- räumten Derständigungsoerhandlung ab oder äußert er sich in keiner Weise zu dem Einspruch gegen die Kündigung, so muß selbstverständ- lieh der V e r st S n d i g u n g s o e r s u ch spätestens beim Ablauf der Wochenftist als gescheitert anzusehen fem. §ilmschau. „Tie im Schatten gehen", eine Filmbearbellung de« Romans von Hedwig Harb, rollte erstmalig in dm Richard-OSwald- Licht- spielen. In ieinem Genre ist dieser Film beachtenswert, denn er ist ein Sittcnsilm obne Kutz-, EMNeidungS- oder VersührungSizenen, bat solg. lich insoscrn dm Reiz der Neuheit. Text buicht nur wenig über die Lein- wand, alles ist durch die Handlungen verständlich, auch ein Dorteit. der zu schätzen ist. Die Besetzung ist vorzüglich. Maria Z et enka ist gleich gut als kleines Mädchen und als große Tänzerin, während man Rosa Valetti alS KuvPclmMier tatsächlich für eine Sehenswürdigkeit an- sprechen kann. Alfred A b e I als StaaiSanwalt und Lina Lossen als Swwester Katharina weiden in vornehmer Weise ihren Ausgaben ge- recht. Regisseur Heinz Schall und auch der Pbotograpb sind stets aus dem Polten, um alle sich ergebenden Möglichkeitm auszunutzen. Der Dcuüg- Film bringt in der M e ß t e r- W o ch- schöne S-bncelandschastm, prächtige Ausnahmen vom Wintersport und hat all' dm Wmterzauber von nah und fern geschickt in einer Bilderstrie ausgcsangen. „Schuld und Sühne", gleichfalls eine Art Sittendrama, wurde im Tauentzienpalast urauigesührt. In diesem Film kommt die Sübne zuerst und die Schuld hinterher; denn ein Mensch, der unschuldig zwölf Aabre im Zuchtbaus zugebracht hat, wird nach seiner Freilassung zum Mörder. TheodorLooS, der Träger der Hauptrolle, ersiillt sie mit starkem Erleben. Bei immer matzvollem«viel dringt er die ZuchtbauS» szenen zu ciudrucksvollster Wirkung. Wahrhast köstlich aber hat der Regisseur Rudolf Biebrach dm Wanderzirkus ersaßt. Da sieht man nicht nur das waschechte Wohnwagm-Miiieu der armen fahrenden Leute, sondern man wird auch der stillen Freude teilhaftig, die ein paar bunte Flitter und leuchlkrästige Farben im Schmutz der verregneten Landstraße machen. Zudem spick Rudolf Liebrach dm treuherzigen Schmiermdircklor. wie man ihn sich besser nicht denken kann. Mabel May Nong ist eine lehr schöne Schlangcntänzcrin.— Als Ralmbild rollte Aachen, u. a. berühmt durch seine Heilquellen, und man konnte sehen, wieviel Zerstreuung reiche Leute brauchen, um sich auszuruhen. e. b. Brigontenrachc. Dieser Sechsakter, zu dessen Besprechung der Landlichtlonzern einlud, verspricht viel durch gute Vesetzunq. A st a Nielsen, durch ihr Alter vor den baldigen Abschied von der Welt, die sie als reijste Könnerin schätzt, gestellt, gesellt sich zu Bruno Decarli. einem der schönsten Ftlmdarstcllcr. Sicher ist er der männlichste(o Pitz- landerl) und bestimmt nicht der dümmste; dem, er erscheint so seile», daß er immer mit hohen Erwartungen begrüßt wird, die er bisher nicht ml- täuschte. Bor etwa einem Jahr sahen wir ihn als Klaus Slörtcbcckcr. ES ist kein Tadel, daß er das AuSmatz seiner vorlctzlm Leistung diesmal nicht erreichic. Die Rolle des d a l m a t i n t s ch e n B r i g a n t e n verpflichtet ihn zu Düsterkeit und Starrheit, die ihm da» Spielen aller Register ver- bot. Die töandluug ist abwechslungsreich, spannend, logisch und gewandt durchgcsübrt. Das Schönste ist die von weißer Sonne überstrahlte Kar fl'- l a n d s ch a s t. Von den Nebenlpielern seien Margit B a r n a y und der ans dem Programm leider nicht seststcllbare zweite Partner der Nielsen dankbar erwähnt. Die Photographie war im allgemeinen gut, ließ nur an wenigen Stellen an Klarheit zu wünschen übrig. A. Z. vortrage, vereine und verfammlunoen. Bund religiöser Sozialiften Deutschlands. Abteilung Neukölln. DonnerSlag. den 23. b M, abends 71/, Uhr, spricht in der Aula deS ZicolgymrasiumS, Nculölln, Kaiser-Friedrich-Slr. 208/10, das Milglicd der Bersastunggcbmdm Kirchenversammlung, Genosse Henneberg- Magdeburg, über das Thema:„Was haben wir von der kommenden Kirche zu erwarten?' Bcrantw. für den redakt. Teil! ttzranz AIÜh». Berlin-Kichterfeldc; für An. zeige»! Th. Glocke, Berlin. Vertag Porwärie-Verlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckerci u. Berlagsanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin. Lindenfir. 3. Inventur" Ausverkauf f. fertige Haararbeiten. 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