kk.HK �Z».�ahrgoög Ausgabe Ä ttr. 49 BeztuiSprdS: S!ierteIi51)rL60,— M.. monati. 20,— SS. frei ins S.ous, voraus zahlbar. Poil- hezux: Monatlich 20,- SS., einschl. Au- stellungegedühr. l'.nter Kreuzband fbr Lieulschland, Danzig. dag Eaac» und Menielftediet, sowie die ehemals beut» schcn Gebiete Polens. Oesterreich- llnizarn und Sujemfcurg 5t,— Sit., iür das übrige Ausland 72,— SR. Post- Mlenungeu nehmen an Oesterreich, Angarn, Tlchecho- Slvmakei. Däne- rnari, Holland, Luxenibura, Schweden und die Schweiz. Der„Porwärls* mit der Sonntag» beilage.Poll und Aelt*. der Unter- hauuugsdeilage �e unweit" und der Beilage.Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal. Samt- tags und Montags einmal. Teleqramm-Adresse: aSozlaldemoIraf Berlin" Abend-Ausgave c QroB> Berlin 40 P? auswärts 50 Pfenni«) D Devllnev VolkSvl�kk NuzetgenpretS, Die zehngefpaltene NonpareMezeil» tostet 9,— Dl.«Sleino Stozoigcn- da» fettgedruckte Wort 3,— SR.(zu- läfstg Zwei fettgednicfte Worte), fedee wettere Wort lAl SR. Stellengesuche und Echlafstellenanzetgen da« erste Won UW Sil., jede« weltrre Wor> I.— Sit. Worte Uber 15 Buchstaben zählen für zwei Warle. Familien-An- zeigen für Abonnenten Zeile 4.— M Die Preise verstehen stch einschließlich Teuerungozuschlag. Anzetgen für di� nächste Nummer müssen dt, 4'/, Ahr nachmittag» lw Hauptgeschäst. Berlin EW KS, Linden- struße», abgegeben werden. Geöffnet von S Uhr früh bis 5 Uhr nachmittag» �entrslorgsn der Sozialdemottratifcbcti Partei Deutfdjlands Neöaktisn unS Expedition; SV) 08. Linöenstr. Z MiMMtitn-ri-ltre" Redaktio» Morivplat» IBlaö— 97 �p�itioti Morinvla» II7SS-B« Montag, den Ä?. Februar 19ÄÄ /lllsoAialistisihe Konferenz in Serlin. F ro n k f u r k a. 27. Februar.(Inlsl.) Sonntag abend trafen die'JScrfvcfer der Sjcfutlocn von London und Wien zu einer weiteren Besprechung zusammen. Vandervelde brachfe folgende offizielle Ankwort des Exekutivkomitees der Zweiten Znternaionale ous das Einladungsschreiben des Bureaus der Internationalen Ar- beitsgeweinschast vom 15. Zanuar zur Verlesung: Zm Besih Ihres Vorschlags, eine a l l g e ,n e i n- Sonfercnz Zer prolelarischcn Varleieu einzuberufen, beehren wir uns, Ihnen uusere Z u st i m m u n g zu einer Vorbesprechung der Exekutiven von Lon- d�n. Moskau und Wien zu übermitieln, die die Möglickikelt der Einberufung einer gemeinsamen Konferenz prüfen soll. Wir be- halten uns sedochvor. in dieser etwaigen vefprechung der drei Exekutiven folgende Fragen auszuwerfen: 1. die Frage Georgiens und die des Selbftbestimmungsrechles der Völker, 2. die Frage der Befreiung der proletarlfchen Gefangeisen.— Es wird uns jeden- falls n u r d a n n möglich fein, uns aus einer gemeinsamen Konserenz mit den Vertretern der Drillen Internaliona'e zu iressen. wenn wir nach der Zusammenkunst der Exekukiven die Ueberzeugung gewinnen, dasz alle dort hinkommen würden mil dem Willen, die A k t i o n s- kraft des Vrolciariats zu ft e i g e r n und nicht neue Versuche von Zellenbiidunq, Zwietracht und Spaltung zu fördern. Es ist selbst- verständlich, dasz wir, abgesehen von diesen vorbehalten, in berug aus die Dritte Internationale um so lieber den in Eurem Manisest ent Kaltenen vorschlügen zustimmen können, als diese mit den Jieso lntlouen übereinstimmen, die wir selber im vergangenen November in Brüssel bcsct'lossen haben. Welck>es auch das Ergebnis der Ver- handlunaen mit dem Moskauer Exekutivkomitee sein möge, so sind wir bereit, uns mit Euch auf einer Konserenz zn treffen, die an alle proletarischen varteien appellieren würde und die als Tagesordnung diefenigen Gegenfköude Hölle, die in Eurem Moniseft vorgeschlagen sind. Friedrich Adler erklärte namens der Internationalen Arbeitsgemeinschaft, doh man sich nunmehr über die praklischen Fragen der Sihung der drei Exekutiven aussprechen könne. Als Ergebnis dieser Beratung wurde festgestellt, daß die Sitzung der drei Exekukiven möglichst bald nach Berlin in Aussicht genommen werden möge und doh von jeder der drei Exekutiven höchstens 1l> Delegierte enl- sandt werden mögen. Frankfurt a. 2IT., 27. Februar.(Eigener vrahtbericht.) Zu der Aufnahme des Antwortschreibens der Zweiten Inlernatlonale auf die Einladung zu einer allgemeinen soziclistischeu inte:nationaleu Konferenz erfahren wir noch, dah das Schreiben in der gestrigen Sihung der beiden Exekutiven nicht Gegenstand der Diskussion bildete. Aus den Aeuherungen mahgebender Mitgtieder der Znter- noiionote 2>- ist zu schliehen. dah manche Kreise nicht wünschen, dah der Drillen Internationale Bedingungen für die Teilnahme an der Konferenz gestellt werden._ Die ßu'nfianöerkonferenz. Die Konferenzleitung gibt bekannt: Im weiteren Verlauf der Eonnabenbsitzung überreichte, nachdem Leon Blum das Expose der sranzosi'chen sozialdemokratischen Partei über die Reparations» und die Entwa'fnüngsfrage vorgelegt hatte, Shaw im Namen der eng- tischen Labonr Party gleichfalls eine Denkschrift über die Wiederaufbaufrage, die den Kammissionen zur Prüfung überwiesen wird. Bandervelde(Belgien) hob hervor, dah neben der vor» ousfichtlichen Anwesenheit von Vertretern der Sowjetrepu- b l i k in Genau bestimmt auch mit der Teilnahme von Vertretern der deutschen Mehrheitssozialisten an der Genuejcr Konferenz zu rechnen sei. Es sei außerdem möglich, daß in allen denjenigen Ländern, in denen die Arbeiterorganisationen stark seien, die Regierungen ihren Bevollmächtigten einen Vertreter der Ge» werkschaften beigeben würden. Die Nächste Plenarsitzung wurde auf Montag vormittag 10 Uhr festgesetzt. Frankfurt a. M.. 27. Februar.(Eigener Drahtbericht.) Aus der Berfchiebung der Plenarsitzung auf Montag vormittag ist nicht etwa zu schließen, dah Meinungsverschiedenheiten zu der Vertagung beige- tragen haben. Die Schwierigkeiten während der Beratungen lagen darin, daß die Verhandlungen in mehreren Sprachen geführt wurden. Man darf damit rechnen, daß die Konserenz heute zu Ende geht und daß je eine Resolution über die Reparations- und Entwaffnungsfrage einmütig angenommen wird. In den Reiakutionen wird u. a. gefordert, dah die M i l i t ä r p e n f i o n e n nicht zu Lasten Deutsch- tands in die Reparationen aufgenommen werden dürfen, weil das den 14 Punkten Wilsons widerspricht. Außerdem wird die Zurü Ziehung Ver Besatzungstruppen verlangt. Das Kapita! macht in Devisen. An der heutigen Berliner Börse standen die Er» gebnisie der Zusammenkunft zwischen Lloyd George und Poincars im Vordergrund des Interesses. Man ist der Mei- nung, dah hinsichtlich des Reparationsproblems auf die nächste Zukunft keinerlei Hoffnungen gesetzt werden können. Infolgedessen war hie„Tendenz des Devisen- marttes" sehr fest. Dollarnoten wurden um die Mittagsstunde mit 224— 22S gehandelt. Auch am Effekten- markt überwogen die Kurssteigerungen. Besonders gesucht sind Kaliwerte, oberschlestsche Papiere und Bankaktien. Genua 70. flprii. Ueber die Boulogner Konferenz ist folgendes französische Eommuniguö ausgegeben worden: Lloyd George und Poincare hatten heute in Voulogne-sur-Mer eine Unterredung von mehr als drei Stunden Dauer, in deren Ber- lauf sie im Geiste größter Herzlichkeit eine gewisse Anzahl äugen- blicklich unter den Alliierten aufgerollter Probleme besprochen haben. Die beiden Premierminister haben sich besonders mit der Konferenz von Genua beschäftigt und haben volle Ucbereinstimmung erzielt, daß politische Garantien geschaffen werden müßten, damit weder den Vorrechten des Völkerbundes, noch den in Frankreich nach dem Frieden unterzeichneten Verträgen, noch den Rechten der Alliierten auf Reparation Abbruch getan werde. Die Sach- verständigen werden sich in kürzester Zeit in London zusammen- finden, um die wirtschaftlichen und technischen Fragen zu prüfen. Die italienische Regierung wird ersucht, die Konferenz von Genua auf den 10. April zusammenzuberusen. Lloyd George und Poincare haben sich in sehr freundschaft- licher Weise über die Fragen verständigt, die verhandelt wurden, und die Gewißheit erhalten, daß das Einverständnis zwischen England und Frankreich in ollen internationalen Fragen auch die fruchtbarsten Ergebnisse zeitigen werde. Sie haben besonders die Ueberzeugung gewonnen, daß keine Schwierigkeit politischer Art die beiden alliierten Nationen daran hindern werde, in vollem gegenseitigen Vertrauen an der Wiederherstellung Europas und an der Konsolidierung des Friedens zu arbeiten. In der gleichen Weise bat sich Lloyd E e o r g e zn den Journalisten über die Konferenz geäußert: er soll sogar gesagt haben, daß der englisch-französische Earantienertrag fertig sei und demnächst in London von Poinrar6 und Lloyd George unterzeichnet werden würde. Eine ausführlichere Hävas- Meldung, die aber nicht wesentlich über das französische Com- muniquH hinausgeht, sagt, daß man mit der Besprechung des Garantievertrags nicht fertig geworden sei, anscheinend werde jedoch eine kleine Angleichung genügen, um die beiderseitigen Standpunkte zu vereinheitlichen. Diese Frage ist darum so wichtig, weil Lloyd George durch den Garantievertrag Frankreich von seinen Rüstungen und der sonstigen Angstpolitik abbringen will. Kommt der Garantievertrag zustande, so ist Brianb, der darauf eingehen wollte, umsonst gestürzt worden. Allerdings wissen einige Pariser Blätter zu berichtendes fei bestimmt worden, dah die Rheinlandbesetzung' verlängert werde« soll. Wenn das wahr ist, so würde der Bersailler Frieden wieder einmal einseitig abgeändert. In Genua soll über die Friedensdiktate ja nicht geredet werden. Man will also Europa und die Weltwirtschaft wieder aufbauen, ohne den Ursachen ihrer vollkommenen Zerrüttung zu Leibe zu gehen. Wie dem auch sei— die Millionen Arbeitsloser in England, Ndrdamerika und Skandinavien und der Verlust des Absatzes ihrer Industrie, wie der allameri-� konischen Landwirtschaft in Mittel- und Osteuropa werden die Regierungen der hochvalutigen Länder zwingen, für eine Aenderung zu sargen, die die Unterbietung durch die be- siegten Völker einschränkt, ohne aber ihre Konsumfähigkeit noch weiter zu vermindern. Die Macht dieser wirtschaftlichen Kräfte werden alle Verträge und Konferenzen, Rüstungen und Sanktionen nickt aufheben können. Tritt diese Einsicht nicht bald ein, so wir!» eben ganz Europa nach und nach auf das russische Niveau gelangen— mit oder auch ohne Sowjet- system! Poincare hat sich dahin geäußert, er�werde Lloyd George wohl erst am 40. April in Genua wiedersehen: da- nach scheint es mit dem Garantievertrag noch guke Wege zu haben. Sollte der sozialistische„Daily Herald" Recht be- halten, der über Roulogne unter dem Titel„Poivcar«; triumphiert, Llotzd George gibt auf der ganzen Linie nach" schreibt? Inzwischen erleidet die englische Regierung im eigenen Lande ein« Wahlniederlage nach der anderen. Bei der Er- satzwahl in Vofmin wurde der Kandidat der unabhängigen Liberalen(Asquiths Antiverlaillespartsi) gewählt lind" die Koolitionsmchrbeit(1918: 3583 Stimmen) in eine Minder- heit von 3111 Stimmen umgewandelt. Die Koalition ist innerhalb einer Woche bei nicht weniger als drei Nach- wählen unterlegen. » Hat Poincarä umgelernt? Das Pariser Gewerkschaftsblatt„Le Peuplc" schreibt, Poincare habe seit der Veröffenilichnng seiner Artikel in der„Revue des deux mondrs" viele Fertschritte gemocht. Er fei so weit gelangt zu be- greifen, daß die Interessen Frankreichs nicht allein von der Sanktionspolitik abhängen, und gebe auch zu, daß die Er- füllung der berechtigten Forderungen Frankreichs von dem Ge- deihen anderer Länder abhängig ist. Es frage sich, was die Leute vom national«, Block davon hielten, vorwärts-verlag G.m.b.H., SM H8, Linöenstr.Z F-eenftM-rrlrrt-• Verlag.(Pxfitdttto« und Inseraten- nermpreujer. et(,t!.,llinB Moriypl-U U753-M Mgrarbewegung in Noröamerika. Von Virgil Jordan. Der Faktor in der wirtschaftlichen und politischen Lage der Vereinigten Staaten, der derzeit die stärkste Beachtung verdient, ist zweifelsohne die Entwicklung einer aitsgcsprnchen agrarischen Klassenbewcgung und deren Aus- Wirkung in den innerpolitischen Ereignissen. Die Bewegung ist an sich nicht neu: Kongreßvertreter und Senatoren aus den Agrarstaaten sind unabhängig von der Parteizugehörig- keit seit über einem Jahre bereite als aktive Gruppierung her- vorgetreten: aber ihre Stärke unddhr Einfluß auf die Legis- latur sind neuerlich so markant geworden, daß die Bewegung für die republikanische Regierung ein fast schon heikles Problem darstellt. Dieser Einfluß hat sich besonders bemerkbar gemacht bei Gelegenheit der Zoll- und Steuergesetzgebung ist aber auch bei anderen wichtigen Fragen, wie der der Eisenbahnen, die jetzt zur Beratung steht, fühlbar gewordeil und er hat nicht in der Richtung der Pläne der Regierung gewirkt, harding hat in Reden verschiedentlich sich mahnend gegen eine«inseitige Politik der Farmergruppe ausgesprochen und hat schließlich, teilweise wohl auch um diese zu oersöhnen, eine Landwirtschaftskonferenz einberufen, die sich mit der derzeitigen Notlage der Farmer befassen sollte und die sich soeben wieder vertagt hat. sich soeben wieder vertagt hat. Als neueste Phase erscheint eine von der Regierung her- beigeführte Schwächung und vielleicht Veruneinigung der Agrargruppe im Senat. Angesichts der Frage der Fundie- rung der Schuld der Alliierten bei den Vereinigten Staaten drohte' nämlich eine völlige Durchbrechung des Parteischemas: dies wurde von Harding abgewendet durch die Berufung des intränsigentesten Führers des Farmerblocks, des Senators Kenyon, auf einen hohen Richterposten, womit der Verzicht auf den Platz im Senat und automatisch das Ausscheiden aus der Politik überhaupt und der Stellung als Führer des Farmerblocks verbunden ist. Die bereits erwähnte Landwirtschaftskonferenz, die den Weg eröffnet zu haben scheint für eine gewisse Zügelung der Macht der Farmergruppe, hat verschiedene Maßnahmen für eine Besserung der wirtschaftlichen Position des. Farmers in Vorschlag gebracht, die in der Hauptsache auf der Anwendung finanzieller Prinzipien beruhen, die den Besonderheiten der Landwirtschaft als„inckustrv" gerecht werden, und auf der Schaffung besserer Einrichtungen für die Vermarktung der Farmerzeugnisse, einschließlich billiger Transportmöglichkeiten Aber die hauptsächlichste Bedeutung dieser Konferenz bestand darin, daß sie die verschiedenen Beschwerden und Nöte des Farmerstandes wieder zur Kenntnis des breiten Publikums brachte und dah die Bewegung in manchem Belang als eine Rebellion des(mittleren) agrarischen Westens gegen den in- dustriellen Osten sich darstellte.. Agrarbewegungen sind in den Vereinigten Staaten nichts durchaus Neues: sie traten besonders hervor während der Wirtschaftsdepressianen nach dem Bürgerkrieg und der des Jahres 1892 und führten schon damals zur Erhebung von Forderungen ähnlich der heute vorgebrachten Gewährung von Krediterleichterungen und Revision der Zolltarife: sie waren damals wie heute die Folge einer Wirtschaft- lichen Notlage der Farmer durch den viel stärkeren Preisrückgang der Farmerzeugnisse gegenüber dem der andc- ren Waren.> Eine deutliche Sprach« führt die folgende, auf amtlichem Material beruhende Gegenüberstellung der Löhne der Eisen- bahner, der Löhne der Gewerkschaften in 72 Industrien, der landwirtschaftlichen Löhne und der Preise für landwirtschast- liche Erzeugnisse: Eisenbabner-»-»erkschofts- Landwirtschast«- Preise für Ernte- tbhne liihn« lijh»» erzeug»isfeu.Pieh 1913 190 190 199 199 1914 195 102 99 193 1915 109 103 100 93 1916 113 107. 109 119 1917 129 114 137 185 1918 189 183 171 207 1919 227 155 202 213 1020 272 199 235 185 1621 288 175 193 122 Die schlimme Lage des Farmers geht ferner hervor aus Tatsachen wie der, daß im Jahre 1921 gegen 340 000 Ballen Baumwolle mehr exportiert worden sind als 1920 für eine Bezahlung, die noch nicht die Hälfte der für die Ernte von 1920 erzielten beträgt. Die Zahlen für Reis sind ähnlich: Mehrausfuhr um rund 40 Proz., Minderbezahlung um rund 40 Proz. Die Agrorbewegung von heute gebt jedoch nicht auf rein wirtschaftliche Motive zurück. Sie gehört zu den Symptomen des Uebergangs der Vereinigten Staaten aus einem vorwie- gend agrikulturalen in ein Industrieland, bei welchem Ueber- gang bisher die landwirtschaftlichen Interessen den indu- striellen stark untergeordnet jvorden sind, wie stch das im einzelnen dann zeigt, daß die Kredit-, Transport- und Ler- marktungsmöglichkeiten günstiger für die Invustrie find als für die Landwirtschaft, daß die Rückbildung ver Preise die landwirtschaftlichen Erzeugnisse am stärksten getroffen hat, daß die Industrie den Ton angibt bei der Gestaltung der Löhne wie der Preise, daß für das ländlich Leben nichts getan wird, daß die Bevölkerung nach den Atädten abwan- dert usw. Von 1910 auf 1920 ging der in der Landwirtschaft beschäftigte Teil der Bevölkerung um 7 Proz. zurück. Wenn auch die Landwirtschaft immer noch den größten Erwerbs- zweig des Landes, am Wert ihrer Erzeugnisse gemessen, dar- stellt, so hat sich zwischen 1910 und 1920 das Verhältnis der Zahl der von ihr Beschäftigten zu der von der Industrie Be- schäftigten gerade umgekehrt. Hand an Hand damit geht eine Umstellung in politi- scher oder psychologischer Beziehung. Der alte agrikulturale Konservativismus wird liberal,'gemessen an der Haltung der Industrie. Er gewinnt ein zusehends radikales Gesicht hei den sich mehrenden Konflikten mit der Industrie. Die land- wirtschaftlichen Kreise wenden sich gegen eine Steuergesetz- gebung, die der Industrie günstig ist, befürworten niedrige Zölle auf Im ö u st r i e e r z e u g n i s s e und. hohe auf landwirtschaftliche und Rohstoffe; sie treten ein für eine Berstaatlichung oder regierungsseitige Kontrolle der Eisenbahnen und schließen sich immer fester zusam- men in Richtung gegen einen hemmungslosen Indu st r i a l i s m u s und dessen schlimme Begleiterscheinungen. _;■(?. P. s.) Holöt unö dithmar in SchWeüsn? In der Sonntagsausgabe unseres pommerfchen Bruderblattes, der Swinemünder„Volksmacht", lesen wir folgende Erklärung des verantwortlichen Redakteurs Alex Möller: Während des Eisenbahnerstreiks erfuhr ich, daß die steckbrief lief) verfolgten Offiziere Dithmar und B o l d t sich in Swine- münde aufhielten, um mit einem hier im Hafen liegenden au* ländischen Dumpfer noch Schweden zu gelangen. D a s i st i h n e n geglückt! Das Schiff hal den Hafen verlassen dürfen entgegen ausdrücklicher Anordnung des Schiffahrlsdirekkors. Die Presse in Swincmllnde war in den Tagen, an denen man versuchte, der Offiziere habhaft zu«Verden, vom Landrat aus erklärlichen Gründen gebeten worden, ver Oeffcntlichkeik diese Mitteilung noch nicht zu machen, die Behörde würde ihr einen Bericht zustellen. Die„Bolkswachl" wartet heute noch daraus. Ausreden oder Ver- tufchungsversuche helfen jetzt nicht. Es muß Farbe bekannt werden! Wer hal die Flucht von Dithmar und Boldt ermöglicht? Nach einer bei Redaktionsschluß einlaufenden Meldung der PPN. handelt es sich nur um ein Gerücht, das sich nicht bestätigt haben soll. Er enthüllt sich. In den Kapp-Tagen hat sich der in Kottbus stationierte Reichswehrmajor v. Buchrucker dadurch hervorgetan, daß er der verfassungstreuen Arbeiterschaft, die sich zur Abwehr des hochverräterischen Unternehmens zusammengeschlossen hatte, blutige Schlachten lieferte. Obwohl dieser Herr in einer später von ihm ver- öffentlichtcn Broschüre zynisch zugab, baß er„keinen Anlaß" gehabt habe, den Vertreterrttder Arbeiterschaft die verlangte Erklärung übe? seine Stellung zur Verfassung abzugeben, hat er doch stets in Abrede gestellt, auf der Seite der Kappistsn gestanden zu haben, und ist hierin vom Reichswehrmiuisterium gedeckt worden. Jetzt veröffentlicht dieser 5?err in der„Kreuzzeitung" einen Artikel„v. Buch- rucker, k � l. preußischer Major a. D." Herr Buchrucker will uns damit offenbar bescheinigen, daß wir ihn durchaus richtig beurteilt haben. Die Verhandlungen über Groß-Hamburg. Heute nehmen w Berlin die Verhandlungen zwischen Preußen und Hamburg über die Lösung der Groß-Ham burger Frag« ihren Anfang. Bei diesen Verhandlungen werden als Kommissare Hamburgs fun- giern der 1. und 2. Bürgermeister Dr. Diestel und Stalten, Senator Dr. Petersen, sowie Staatsrat Dr. Struoe. Preußischerseits sind an den Verhandlungen beteiligt Staatsminister a. D. Dr. S ü d e k u m, die Staatssekretärs Söhre und Dr. Freund, Ministerialdirektor Krahne vom Preußischen Handelsministerium und Ministerialrat v. Loebell vom Finanzministerium. Bei der Wichtigkeit und Dring- lichkeit der zur Beratung stehenden Frage dürften sich die Berhand- langen zweifelsohne über eine längere Zeit erstrecken. Goethe-Woche in Frankfurt a. M. Rede des Reichspräfidente«. Anläßlich der in Frankfurt a. M. beginnenden Goethe- Woche traf Reichspräsident E b e r t mit Reichsminister Dr. K o e st e r und Kultusminister Dr. B o e l i tz in Frankfurt a. M. ein. Sonntag abend fand in den Räumen der Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft ein Begrüßungsabend statt, auf dem der Vorsitzende der Gesellschaft Dr. Kotzenberg den Reichs- Präsidenten willkonimcn hieß und ihm dafür dankte, daß der Ver- treter des deutschen Volkes die Gelegenheit wahrgenommen habe, der Welt zu beweisen, daß die wahren Kulturwerte dem deut- sehen Volke in Erinnerung an seine größten Söhne warm am Herzen liegen. Der Reichspräsident dankte für die freundliche Begrüßung und fuhr dann fort: „Ihr Herr Vorsitzender hat die Bedeutung der Frankfurter Goethe-Tage dahin gekennzeichnet, daß das deutsche Volk in Erinne- rung an Goethe als einen seiner größten Söhne den Begriff echter, wahrer Kulturwerte vor aller Welt klarstellen wolle, damit Goethe, seine dichterische Gestalt sowohl wie sein ganz bedeutendes Erdenleben als Mensch, gewissermaßen als Symbol aufgestellt werde für das, was wir selbst unter deutschem Wesen verstehen und was die Welt darunter verstehen sollte. Reu ist aber, daß wir jetzt Lebenden das Bewußtsein haben, das diese Zeit erfüllt, daß wir entschlossen sind, Goethe aus dem kleinen Kreis der Fachgelehrten und Be- wunderer herauszuführen und ihn der ganzen Nation zu geben, für die er gelebt hat— darin sehe ich auch die besondere Bedeutung Ihrer Veranstaltung. Deshalb bin ich und mit mir die offiziellen Vertreter der Reichsregierung und der Preußischen Regie- rung der freundlichen Einlädung gern gefolgt. Wo der Versuch unter- nommen werden soll, Goethe als grossen Menschen zu feiern, in dessen Licht und Wärme sich die ganz? lebende Generation, das ganze Volk und auch feine politische Organisation, das Reich, die Länder stellen sollen, darf auch die amtliche Leitung des Reiches und des Landes nicht fehlen. Nach dem, was wir im' letzten Jahrzehnt erlebt haben, ist es bitter nötig, nach solchen Wegweisern für die Gegenwart und Zukunft zu suchen. Goethe ist ein solcher Wegweiser, nicht allein, weil er ein großer Dichter war und die bedeutendsten. Geschenke an die Menschheit hinterlassen hat, sondern weil er in diesen Werken und in seinem Leben alles aufs glücklichste entwickelt und offenbart hat, was das deutsche Volk nach seiner ganzen Veranlagung und Stellung im Kreis? der Kulturvölker zu leisten vermag. Lassen wir uns in dieser Auffassung durch nichts beirren! Wohl ist es rich- tig, daß Goethe das Nationale in das Menschliche hin- aus entwickelt und aus fremden Kulturquellen gern und freudig geschöpft hat, aber das fall nicht hindern, auch hierin den großen objektiven Weltqeist zu achten und zu bewundern. So wollen wir Goethe für unsere Zeit gewinnen, weil wir glauben, daß in ihm das deutsckie Volk das Fundament findet, auf dem es feine Gegenwart und Zukunft sicher errichten kann. In diesem Sinne möge von den Frankfurter Tagen ein neuer Impuls für das geistige und politische Deutschland ausgehen, Goethe zum zweiten Male von Frankfurt aus den Weg in das deutsche Volk gehen, von der Stadt aus, die wie keine andere in Deutschland geeignet und berufen ist, die Tradition des aroßen Sohnes zu pflegen und in ihrer glücklichen Lage an dem Flusse, der den Süden und Norden Deutschlands trennt, ein festes Bindeglied zu fein zwischen Ländern, Stämmen und Menschen verschiedener Eigenart. Wie Goethe nicht Frankfurter Bürgersohn geblieben ist, sondern sich zu einem Geist entwickelte, in dem ganz Deutschland und die ganze Welt sich spiegelten, so ist auch das heutige Frankfurt nicht mehr das Frankfurt der Gaethe-Zeit, sondern eine Stadt, deren Horizont weit über Deutschland in die Welt hinaus- gewachsen ist. Möaen beide, die Stadt und'ihr großer Sohn, unserem Volke dergestalt Führer sein, daß wir Herkunft, Vergangenheit und das Heimatliche treu bewahren, diesen festen Besitz aber so entwickeln, daß er mehr und mehr auch fremder Achtung und Bewunderung zugänglich wird." SckfWarz-Rot-Golö verboten! Tie verfassungstreue Reichswehr. Folgender skandalöser Vorfall wird in unserem Münchener Parteiorgan, der„Münchener Post", veröffentlicht: Bei einer Faschingsveranstaltung der dritten Kompagnie des Reichswehr-Jnfanterie-Regiments 19, bei der alle Kostüme erlaubt sein sollten, erschien ein Gefreiter dieser Truppe in einem Iockeikostüm mit schwarzrotgoldener Schärpe. Sogleich beim Betreten des Saales wurde«r von einem Leut- nant und einem Oberfeldwebel aufgefordert, mit hinauszukommen, und ihm draußen befohlen, sogleich die Schärpe abzulegen, da daran der Mafvr und gewisse andere Leute Anstoß nähmen. Auf die Entgegnung d«s Gefreiten, daß die Schärpe ja doch nur die Reichsfarben trage, erwiderte der Leutnant:»Für uns komn-i nur die Flagge Schwarz-Neiß-Rot in Veiracht." Eine Erklärung des' Gefreiten gegenüber dem Oberfeldwebel, er werde die Sache nicht auf sich beruhen lassen, wurde von diesem beantwortet:„Jetzt machen Sie keine Sachen, Sie sind doch kein R e p u b l i- k a n e r!" Der Gefreite erwiderte:„Doch, ich bin Republikaner, ich habe den Eid geschworen, der Regierung zu dienen und werde diesen Eid auch bellten!" Darauf ließ der Oberfeldwebel den Ge- freiten von drei Mann zum Saale hinauswerfen und so verhauen, daß ihm das Blut aus Mund und 7!afe kam Die Schlägerei wurde erst eingestellt, als noch mehr Soldaten hinzukamen. Der Gefreite erstattete sofort auf der nüchften Wache Anzeige._ Wir haben die Meldung einige Tage zurückgehalten, neil wir glaubten, daß das zuständige Wehrkreiskommando 7 bzw. das R e i ch s w e h r m: n i st er i u m sich zu diesem ungeheuerlichen Vorkommnis äußern würde. Da sich aber alle militärischen Stellen in-vielsagendes Schweigen hüllen, fo stellen wir hiermit öffentlich die Frag«: Was gedenkt der 5)crr Reichswehrminister zu tun, um die Verhöhnung der Reichsfar.ben und die Mißhandlung verfassungstreuer Soldaten in der Reichswehr zu verhindern? Kaehne nicht„tatvsrdä&tiß" l Wie Korrespondenz B. S. von zuständiger Seite erfährt, ist es nicht zutreffend, daß der Potsdamer Unterfuchunr. echter Land- gerichtsrat Haledt die Vollstreckung eines Haftbefehls gegen Haupt- mann v. Kaehne wegen mangelnden Fluchtverdachts abge- lehnt hat. Der Grund, weshalb Herr v. Kaehne bisher nicht in Hast genommen worden ist, liegt vielmehr in dem Mangel eines hin- reichenden Tatverdachts, und zwar unter Berücksichtigung der bisherigen Ergebnisse der Varuntersuchung. Ein Flucht- verdacht würde überhaupt erst dann in Frage kommen, wenn gegen v. Kaehne ein Tatverdacht bestände. Wie die gleiche Korrespondenz weiter erfährt, wird der junge Herr v. Kaehne, dessen Verhalten ebenfalls zu der Erregung gegen die Schloßbesitzer von Petzow Anlaß gegeben hat, auf Grund von Vereinbarungen, die innerhalb der Familie getroffen war- den sind, nicht mehr nach Petzow zurückkehren. Die Justiz steht offenbar auf dem Standpunkt, daß v. Kaehne senior in„Notwehr", wie er behauptet, gehandelt habe. Die Kaehnes befinden sich bekanntlich im Dauerzustand der Notwehr, sie sind allesamt Unschuldslämmer, die nur unter den ständigen Rechts- Verletzungen der anderen zu leiden haben. Nach diesen Vorspielen nehmen wir an, daß das Gerichtsverfahren gegen v. Kaehne mit der Verleihung der goldenen Rettungsmedaille an den An- geklagten für Niederfchießung des Arbeiters Nietert enden wird. Ein«-altprenßischer� polizeimojor. Die reaktionäre Press« beschimpft den Genossin S e v e r i n g, weil er den Major der Schutzpolizei in Halle, Gärtner, vom Dienst suspendiert hat und ergänzt ihre Be- schimpfungen mit gänzlich unwahren Behauptungen. Es erscheint deshalb angebracht,' festzustellen, warum dieser Major vom Dienst suspendiert wurde: In der Nacht vom 18. zum 19. Februar um Uhr traf ein Polizeibeamter in einem Wirtshaus jo Offiziere der Schutzpolizei, darunter den Major Gärtner bei einem Trink- gelage an. Der Beamte ließ den Major durch einen Kellner rufen. Er legitimierte sich, worauf ihm der Zssajor die Dienstmarke entriß, ihn beschimpfte, von der Dummheit der blauen Polizei sprach usw. Schließlich wurde dem Beamten gedroht, man werde ihn d i c Treppe hinunterwerfen. Nach langen Auseinander- fetzungen forderte der Major Gärtner die anderen Zecher auf, das „R i l p f er d" stehen zu lassen und ittit ihm in die Kaserne zu gehen. Beim Abzug bekam der Beamte noch mancherlei Liebenswürdigkeiten zu hören. Wegen dieses unqualifizierten Benehmens ist der Major einstweilen beurlaubt worden und nicht wegen des Zusammenstoßes mit dem Stadtrat Döltz, worüber eine Unter- suchung erst eingeleitet ist. Maslow verurteilt. Das Schöffengericht Berlin-Mitte verurteilte den Kommunisten Maslow wegen Grenzüberfchreitung und Tragen eines falschen Passes, durch den er sich einer Verhaftung entziehen wollte, zu acht Monaten Gefängnis ohne Einrechnung der Untersuchungshost. Zwei Welten. Im Straßenbahnwagen. Mit grotesken Eisblumer mustern sind die Fenster überzogen. Bei jedem Stoß ächzt und stöhnt der Wagen. Bor Kälte. Die sticht draußen wie mit Millionen feiner Nadeln. Unbarmherzig. Alles flieht den Stichen. Mit glühenden Nasen und Eiszapfen im Schnurr- bart. Flieht ins Wageninnere. Man fitzt eng zusammen. Nähe wärmt. Alles ärmlich gekleidete Gestalten. Arbeiter und Arbeiterinnen. Beamte und Kleinbürger. Aus ihren Antlitzen geistert die Not. Eine leise Müdigkeit schwingt. Einer sieht den anderen an. Erkennt sich selbst in ihm. Erkennt seinesgleichen. Schal, müde, leergebrannt und ausgepowert wie er. Eine junge Arbeiterin ist mghlich eingenickt. Ihr Kopf schaukelt bei jeder heftigen Bewegung des Wagens hin und her. Eine wer- dendo Mutter stöhnt lelle auf. Schweigen herrscht. Aber dieses Schweigen ist innerlich belebt. Es ist nicht das kalte, große Schweigen, das einen oft mitton in der Großstadt, im dichtesten Gewühl, überfällt. Die milde, milchige Dämmerung nimmt den Dingen die Schärfe der Kontur. Das Gefühl der Gleichheit reißt die Dämme des Fremd- scins nieder. Gleiches Leid ist die tiefste Gemeinschaft. Ganz fchüch- tern glüht in den armen verirrten Augen für Minuten ein schönes Leuchten. Es ist ein Abglanz des inneren Friedens, der sich ungewollt von Herz zu Herz mitteilt. Es ist plötzlich warm im Wagen. Alles ist leicht, nahe und schön. Und ein ganz leises Lächeln flattert über die zerfurchten Antlitze. Ich allein stehe im Wagen. Ich fühle, wie es mir warm im Halse aufkommt. Glaube den Pulsschlag des ungeheuerlichen Seins in dieser Enge des Straßenbahnwagens zu spüren, gehe unter in den Blumen des Menschlichen, die hier inmitten der bunt und willkürlich zusammengekommenen Menschen aufstrahlen. Da zerreißt plötzlich der Zauber. Die Schiebetür wird rasch und hart aufgerissen. Eine Dame in großem Pelzmantel, Muff und Reiherhut, Florstrümpfen und Lackschuhen zwängt sich durch die Tür. Hinter ihr ein wohlbeleibter, bepelzter Herr. Dessen Blicke laufen suchend die Gesichterreihe rechts und links ab: etwas Kaltes, Finsteres, Feindliches blitzt ihm ent- gegen. Es ist alles zerstört, was vordem im Wagen schwebte. Und, wie auf Berabredung, keiner rührt sich, keiner steht auf, der Dame seinen Platz anzubieten. Es ist, als fühlten alle, wie sich in in diese linausgesprochene.Gemeinschaft etwas Feindliches drängte. Der Schaffner muß vorbei. Die Dame wird gestoßen. Sie ist empört. Flüstert:„Entsetzlich!" Schließlich biete ich ihr meinen Stehplatz an der Türe an. Sie lehnt ab. Kurz, kalt, beleidigt. Da fällt die Situation ins Komische. Ich weiß selbst nicht wie. Aber ich muß lachen. Die angehende Mutter steigt aus. Die Dame fetzt sich.„Endlich!" seufzt sie dabei. Worauf der wohlbeleibte, bepelzte Herr sagt:„Ungebildete Menschen! Ungebildete Menschenl" Paul W. Eisold. Ein falsch adresflerler Schmuhkübel. Unter der Spitzmnrke „P o t s d a m e l e i" hatten wir am 19. d. M. die Geschmacklosigkeit einer militärischen Notgeldserie an den Pranger gestellt, die vom Potsdcyner Magistrat herausgegeben worden ist. Darüber regt sich die„Deutsche Tageszeitung" maßlos auf. Sie schreibt in ihrer Nummer vom 25. d. M.:„Auf. dem Schein befindet sich nämlich einer jener Gardisten, die früher in Potsdam in Garnison lagen, und das veranlaßt? das sozialdemokratische Blatt, diese rühm- reichen Garderegimcnter mit den früher dem P ö b e l m u n d e geläufigen Schimpfwörtern„P a d d e n st e ch e r", „Mehlsäcke",„Strippenjungen s" zu bedenken." Es folgt dann ein längeres blödes und schmutziges Geschimpf auf die „Vorwärts"-Redaktion.— Wenn die Kavaliere der„Deutschen Tageszeitung" fast vier Wochen gebraucht haben, um ihren Geist zu diesem Ergüsse zu sammeln, so hätten sie sich inzwischen auch die betreffende'Notgeldserie ansehen können. Sie würden dann näm- lich entdeckt haben, daß die„früher dem Pöbelmunde geläufigen Schimpfwörter" Paddenstecher, Mehlsäcke usw. auf den vom erznationalistischen Potsdamer Mag! st rat her- ausgebenen Geldscheinen selber stehen, und zwar nicht als Beschimpfung, sondern als populäre Spitznamen, die, wie jedes Berliner Kind weiß, sich die betreffenden Gardersgimenter früher selbst beigelegt hatten. Die„Deutsche Tageszeitung" hat also ihren Schmutzkübel diesmal vor der falschen Tür ausgegossen. Die reaktionäre Stadtverwaltung von Potsdam mag sich bei ihr iür die duftige Huldigung bedanken. Verkrachter Radau-Ralionalismus. Wi« das„Potsdamer Volksblatt" meldet, ist das Unternehmen„Vaterländische F e st s p i e l e" von Ulrich Haupt zusammengebrochen. Bekanntlich wurden diese„Festspiele" auf dem Brauhausbwg in Potsdam veranstaltet. Bei den Vorstellungen, in der die ,H«r- mannsschlacht" Ausgeführt wurde, kam es oft zu sehr häßlichen, von nationalistischer Seite gemachten' Kundgebungen und Radauszenen. Das Konkursverfahren wurde vom Gericht, abgelehnt, weil selbst die Deckung der dadurch entstehenden Gerichtskosten nicht vor- handen ist. Keine Heller mehr. Das österreichische Teuerungselend hat zur Aufgabe des Hellers geführt. Die Gemeinde Wien hat verfügt, daß im Geldverkehr der Gemeinde die Verrechnung der Hellerbeträge künftig zu entfallen habe. Auch das Finanzministerium hat an alle ihm unterstehenden Behörden und Aemter einen Erlaß gerichtet, der die Aufnmdung von Hellerbeträgen auf ganze Kronen im staatlichen Geldverkehr verfügt und unter anderem besagt, daß zur Verein. fachung der Zahlungs- und Verrechnungsgeschäfte für die Dauer'ttr gegenwärtigen Geldverhältniss? Zahlungen und Empfänge tunlichst nur in ganzen Kronen(ohne Hellcrbeträge) vollzogen werd»n. So schwindet der alte Heller, um nur noch im Volksüede und in der Kulturgeschichte fortzuleben. Die neuen Reichssicgel. Das neue Reichssiegel liegt jetzt zur Peröffentlichung vor und wird demnächst an öffentlicher Stelle aus- gehängt werden, so wie das bei den Flaggentafeln bereits geschehen ist. Allmählich werden dann alle behördlichen Stempel und Siegel durch die neue Ausführung erfetzt werden, die in mehreren Größen hergestellt wird. Der Entwurf dazu stammt von S i e g m u n d v. W e e ch in München. Die ersten Proben des neuen Siegels sind von der Münchener Firma Josef Paintner ausgeführt worden. Sieg- mund v. Weech bat eine streng konstruktive sachlich? Lösung geschaffen, die sich in der Grundform eines Sechseckes dem Rund der Umschrift schön einfügt. Er hat hier die ganze Arbeit verwerten können, die in den letzten Jahren bei der Schaffung eines neuen Reichsadlers unter Leitung des Reichskunstwarts geleistet worden ist. Sein Adler er- scheint auf dem Titelblatt des Protokolls der Reichsschulkonferenz und ist auch in mehrfarbiger Ausführung für den Einband des neuen Reichshandbuches vorgesehen Der Reichshaushaltsplan für 1922 dagegen, auf dessen Titelseite mehrere Schristzeilen stehen, zeigt den für Schrift besonders geeigneten Adler, den R u d o l f K o ch- O f f e n b a ch geschaffen hat. Eine europäische Stadt in der Mongolei. Reisende, die aus der großen Provinz Kaniu nach Peking zurückkehrten, berichteten, daß sie in der Wüstenregion der Mongolei durch den Anblick einer weit ausgedehnten, fruchtbaren Ebene verblüfft worden seien. Sie hätten nämlich in der Gegend der Quelle des Gelben Flusses das mongolische Gebiet betreten und seien hier plötzlich auf eine Stadt gestoßen, die mitten in einer Ebene log und viele im westlichen Stil erbaute Häuser zeigte. Als sie die Stadt beiraten, machten sie die Entdeckung, daß sie ein christliches Gemeinwesen vor sich hatten, das von einem Belgier begründet worden ist, der unter dem chinesischen Namen Min-Du-Ehing bekannt ist, dessen wahren Namen aber niemand weiß. Wie verlautet, hat dieser Min-�u-Ching das Land vor mehre- ren Iabren angekauft und sofort damit begonnen, die Hilfsquellen seines Gebietes zu erschließen. Er richtete an die Chinesen die Aus- forderung, zu ibm zu kommen, und lehrte diejenigen, die dieser Ein- ladung folgten, die Landwirtschaft nach wissenschaftlicher Methode zu treiben und das Land zu bewässern. Allmählich wuchs die Zahl der Einwanderer, und heute zählt die Stadt etwa 2500 Familien, darunter vier belgische, vier französische, acht holländisch- und zwei englische. Das ganze Gelände, das inmitten einer Wüste liegt, ist in Distrikte und Sektionen g, teilt. In jeder Sektion befindet sich eine Kapolle. Der gesamte Distrikt wird von einer gewählten- Vorsteherschaft ver- waltet. Das Eingreifen chinesischer oder mongolischer Beamten wird nicht zugelassen: diese Unabhängigkeit hat die Siedler freilich nicht nur Geld, sondern auch Blut gekostet. Nach der Aussage de? Reisen- den ist das Land vorzüglich verwaltet und besitzt eine Polizei, die Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten weiß. Männer und Frauen sind fleißige Arbeiter, und jede Familie besitzt zwei oder drei Ochsen, ein paar Ponys und Maulesel und Schafherden von fünf bis zwei- hundert Stück. Die Schnelligkeit, mit der die Wasser des Gelben Flusses an dieser Stelle fließen, bereitete der Bewässerung zunächst große chemmnisfe. Durch Anlage von Staugräben gelang es aber, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden und ein Netzwerk zu schaffen! das imstande ist, alle landwirtschaftlichen Betriebe der Ebene mit Wasser zu versorgen. Die Chinesen haben der europäischen Oasen- stadt in der Mongolei den Namen„Blüte der Wüste" beigelegt. Die Kuvstausftellnug Alfred Heller hat ihre Räume nach Kursürstendamm 44 verlegt und eröffnet hier am 2. Mär, mitlaas 12 Uhr. eine Schau von Werken E m i l N o l d e§. � »Luxusfteuerfrei�. Wie die Agrarier ihr Geld anelge«. Die Notleidenden, die kürzlich wieder in Verlin ihre alljährliche Landwirtschaftswoche abhielten, klagen nicht nur über den gegenwärtigen Staat und ihre eigene Not, sie wissen auch gewissenhast die Wege zu finden, wie man das über alles geliebte Vaterland um die nötigen Steuern be- schummelt. Ein Parteigenosse, der zufällig darauf stieß, schreibt uns über seine Beobachtungen: Am Dienstag, den 14. Februar 1922, war ich zufällig im siotel Russischer Hof" und sah dort Teppiche ausgestellt. Aus einem ge- wissen Interesse heraus erkundigte ich mich nach dem Preise der- 'selben und hörte, daß ich schon von 35 000 211. an einen Teppich erhalten könnte. Später fand ich in einem nebenan liegenden Saale, in.dem ich zu einer Sitzung geladen war, den beiliegenden Zettel. Ich ging nunmehr erneut zu der Teppichausstellung und als ich da wieder nach meich!M Begehr gefragt wurde und ich erklärte, daß mir die Preise zu teuer seien, wurde mir zur Antwort:„Ja, es sind ja auch ganz ausgesuchte Stücke. G e b r a u ch s t e p p i ch e haben wir nicht. Die Landwirte, die gerade in Perlin sind, wollen ihr Kapital anlegen und da kommen natürlich nur teure Sachen in Betracht." Der erwähnte Zettel hat dieses Aussehen: Die von Mitgliedern des Deutschen Offizier-Bundes(i)0S.) und den chm nahestehenden Kreisen gekauften Perserteppiche stellen wir während der Landwirtschaftlichen Woche zwecks Weiter- verkauf aus und zwar im Hotel Russischer Hof(Roter Saal) gegenüber Bahnhof Friedrichstrahe). Beste Qualität. Billigster Gelegenheitskauf. Luxussteuerfrei. Sicherste kapilals- antare. Dauernd steigender Wert, da Einfuhr unmöglich. Bersäu- men Sic nicht, unsere Ausstellung zu besichtigen. (Name der Firma). Teppich— Altkunst— Gemälde. Unter Mitarbeit und Kontrolle des Deutschen Osfizierbundes. Es ist schon ein Genuß, die Deutschmonarchistcn über die Schieber und Wucherer und die„neuen Reichen" zetern zu hören. Noch schöner aber ist es, wenn man sie selbst am Werke sieht, ihre»durch unverschämte Lebensmittelpreise er- gatte�en Blutmillionen in„luxussteuerfreien" Perserteppichen als„sicherste Kapitalsanlage" unterzubringen. Daß da der DOV. auch„kontrollierend" mitmacht, ist nur ein besonderes Zeichen der Zeit. Wieöer§luyzeugbau! Mit dem 5. Mai soll bekanntlich das Flugzeugbauverbot der Entente für Deutschland aufgehoben werden. In unterrichteten Kreisen rechnet man damit, daß Mitte nächsten Monats der Bot- schaftcrrot die Bestimmungen bekanntgeben wird, unter denen die deutsche Flugzeugindustrie ihre Arbeit wieder aufnehmen kann. Für das Wiedererwachen der deutschen Luftfahrt wird es vor allem darauf ankommen, welche Motorentypen Deutschland ge- stattet werden, da von der Stärke der Maschine auch die Art des Flugzeuges abhängig ist. Während es der Industrie in Verhältnis- waßjg kürzerer Zeit möglich sein würde, kleinere Flugzeugmotore von SO— 100 PS. herzustellen, würde die Aufnahme der Fabri- kation für große Maschinen, so wie sie z. B. im Post, und Ueber- landverkehr heute benötigt werden, mindestens sechs Monat« in Anspruch nehmen, so daß also ein Luftverkehr mit den im Ausland üblichen großen Maschinen kaum vor dem Ende des Jahres möglich wäre. Das Saarparlament— ein tzohn. Wie das saarländische Mitglied der Regierungskommission, Dr. Hector, den Führern der politischen Parteien auseinandersetzte, geht der Plan der Saarregierung dahin, an Stelle dtr jetzigen acht „Ersatz"-Parlamente(die Kreis- bzw. Bezirkstage und die Saar- brücker Stadtverordnetenversammlung) eine einheitliche Volksvertretung zu setzen, jedoch behält sich die Regierung vor, die eine Hälfte zu ernennen, die andere soll aus allgemeinen Wahlen hervor- gehen. Dieses Parlament soll aber nach wie vor nur eine b e g u t- achtende Tätigkeit ausüben dürfen. Die Partcivorsitzenden lehn- ten es ab, eine derartige Karikatur als Erfüllung des einmütigen Wunsches der Bevölkerung nach einem Saarparlament anzuerkennen. Italiens neue Regierung. Das Kabinett Facta, der als ein Freund des einstigen Kriegs- gegners und dauernden Nichl-Bersaillers G i o l i t t i bezeichnet avird, ist mm gebildet und hat folgende Zusammensetzung: Ministerpräsident, Inneres und Wiederaufbau der befreiten Gebiet« Luigi de Facta (Demokrat): Auswärtiges Senator Schanzer; Kolonien Amen» dola(Demokrat): Justiz und Kultus Luigi Rossi(Demokrat): Fmanzen Vertone(Freisinnige Volkspartei): Schatzamt Peno (Demokrat): Krieg Lanza die Scalen(Bauerngruppe): Marine de V i t o(Demokrat): Unterricht Anile(Kathol. Bolkspartei): öffsnt- liche Arbeiten Ricci o(Rechtsliberaler): Ackerbau Berti ni (Kacholrche Bolkspartei): Handsl und Industrie Teophile Rossi: Arbeit und soziale Fürsorge Sbarba(Resormsozialist): Post und Telegraphen Herzog Colonnna di Cesaro. Rom. 27. Februar.(Intel.) Bor der Bildung des Kabinetts hatte Facta eine Unterredung mit Vertretern der sozialistischen Parlamentsfrakion, denen er sein Regierungsprogamm vorlegte. Die sozialistischen Bertreter erklärten, daß angesichts der Zusammen» setzung des Kabinetts für die sozialistische Fraktion kein zwingender Grund besteh«, ihre oppositionelle Haltung aufzugeben. Luigi de Facta ist 1861 in Pinerolo Im Piemont geboren, wo er sich als Rechtsanwalt niederließ. Cr gehört der Kammer seit 1892 ununterbrochen an. Auf politischem Gebiet ist er als g e- treuer Anhänger Giolittis zu bezeichnen. Im Kabinett Orlando war de Facta Iustizminister und hatte als solcher nach dem Kriege den ersten Amnestieerlaß vorbereitet. Im letzten Kabinett Giolitti war de Facta wieder Finanzminister. 4° Mailand, 27. Februar.(Intel.) Nach langwierigen Verhand- lnngen ist es gestern zu einer Verständigung zwischen den städtischen Behörden und den Kommunalangestellten gekommen. Die Arbeit wird' Montag wieder aufgenommen. Deukschöskerreich soll weiteres Cisenbahnmakerial an Italien ab- liefern— so sieht die HilMktion in Wahrheit aus. Der oberfchlesijche Beiagcrnngszusland infolge der Pctersdorfer Ereignisse ist aufgehoben. Dogromplakate der„Erwachenden Madjaren", mit denen sie den Wahlkampf begannen, sind von der Budapester Polizei entfernt worden. Elsktrlfthe Stadtbahn. 3n kurzem Beginn der Bauarbeiten. Die Vorarbeiten für die Elektrisierung der Berliner Stadt- Ring- und Vororrbahnen sind nunmehr beendet. Ein« Reihe wichtiger Versuche über die Art der Fahrzeuge und über die Strom- ort sind zum Abschluß gekommen und haben zur Bestellung von Probe wagen in verschiedenen Ausführungen geführt. Die Kosten für die Ausführung der Elektrisierung werden bei dem heutigen Stande der Geldentwertung Milliarden betragen. Für die Durchführung der Elektrisierung der beiden Nordbahnstrecken Stettiner Bahnhof— Hermsdorf und S t e t t i n e r Bahnhof— Bernau ist in den außerordentlichen Haushalt ein Teilbetrag von 0,12 Milliarden eingestellt worden. So dürfte bei Zugrundelegung der heutigen Preise die Durchführung elektrischer Zugbefördcrung auf dem Nord- und Südring schon jetzt über eine Milliarde betragen. Der Betrieb elektrischer Bahnstrecken stellt sich besonders bei einem Massenverkehr, wie ihn die Berliner Bahnen auszuweisen haben, billiger als der Dampfbetrieb, allerdings nur so lange, als die Anlagekosten ein bestimmtes Maß nicht überschreiten. Steigt der Preis für elektrisch« Fahrzeug« weiter, so ist es fraglich, ob die bisherige Betriebsform nicht wirt- schaftlicher ist. Allerdings kann die Leistungsfähigkeit der stark über- lasteten Stadt- und Vorortstrecken auf keinem anderen Wege als dem der Elektrisierung gesteigert werden, wenn man sich nicht zu einer vollständigen Umgestaltung der Berliner Eisenbahnanlagen entschließt. Die Bauabteilung, die den Umbau der Nordbahnstrecken aus- führen soll, wird in den ersten Märztagen in einen Barackenbau auf den Vorplatz des Bahnhofes Gefundbrunnnen übersiedeln, dessen Fertigstellung schon zum 1. Januar beabsichtigt war und durch Bau- arbeiterstreik, Kälte usw. sich bis jetzt verzögert hat. Der Beginn der eigentlichen Bauarbeiten auf den Strecken selbst steht unmittelbar bevor. DieUnterschlaqung beiöerVoü'zeihauptkajse Verhaftung des haupllälers. Bekanntlich erregten vor zwei Monaten die Beruntreuungen bei der Berliner Polizciheuptkasse großes Aufsehen. Der Unterwacht- meister der Schutzpolizei Willy Z i b l e r, ein Mann von 25 Jahren, der in der Stendaler Straße l9 wohnte, hatte es als Hilfsarbeiter bei der Polizeihauptkasse verstanden, sich durch schwere Urkunden- fälschunxcn 850 000 M. Amtsaclder anzueignen und war eines Tages damit verschwunden. Auf seine Ergreifung wurde eine Belohnung von 20 000 Mark ausgesetzt.' Die Ermittlungen ergaben, daß Zibler in dem Unterwachtmeister Willy F e ch n e r einen Helfers- belfer gehabt hat. Fechner wurde bekanntlich von Beamten der Schutzpolizei in Köpenick ergriffen, als er in Begleitung seiner Schwester von Hirschberg in Schlesien nach der Wohnung seiner Mutter zurückkehrte. Zibler war, als er seinen Freund in Hirsch- berq verließ, ohne Angabe eines Zieles weggegangen und seitdem verschwunden. Die Kriminalpolizei fand Spuren von ihm u. a. in Magdeburg, Küthe n und Leipzig und ermittelte auch, daß er mit mehreren Personen in Berlin nocb in Verbindung stand. Diese Personen wurden beobachtet und ein Mann, von dem festgestellt wurde, daß er von Zibler Geld in Verwahrung hotte, fest- genommen. Als Zibler in Leipzig in Geldverlegenheit geriet, schrieb er an diesen Mann nach Berlin. Cr verabredete mit seinem Berliner Vertrauensmann eine Zusammenkunft auf dem Hauptbahn- hos in Leipzig. Jetzt fuhr Kriminalkommissar Dr. Grünberg, der die Ermittlungen leitete, mit Beamten dorthin und nahm ihn, o�s er im Automatenrestaurant erschien,, um den Berliner mit dem Gelde zu erwarten, fest. Der Berhoftete wird heute nach Berlin zurückgebracht werden. Cr besaß kein Geld mehr. Im Laufe der Untersuchung gelang es. von der veruntreuten Summe ungefähr 60 0 00 0 M. wieder herbeizuschaffen. Ter Poftflugplatz auf dem Tcmpclhofer ft-eld. Die Tempelhofer Bezirksversammlung stimmte in ihrer vor- aestrigen außerordentlichen Sitzung auf Antrag des Bezirksamts dem Plan des Reichsver'kchrsministeriums grund- s ä tz l i ch zu, auf dem östlichen Teil des Tempelhofer Feldes einen Zwischenlandungs platz für den Post- und Reise- flugverkehr anzulegen. Der Platz soll in einer Größe von 2600 Quadratmetern der unmittelbaren'Verbindung der jetzt auf den eigentlichen Fluaplätzen Staaken und Johannisthal endigenden und beginnenden Fluglinien dienen. Unabhängige und Kommunisten lehnten den Antrag ab; die Bürgerliche und SPD.- Fraktion traten ihm bei mit dem bereits vom Bezirksamt ausge- jprochenen B o r b e h a l t, daß die eigentlichen Zwecke des östlichen Tempelhofer Feldes, der Erholung und dem Sport der Bevölkerung zu dienen, dadurch nicht beeinträchtigt werden. Insbesondere wurde dys Bezirksamt ersucht, den"Gerüchken wegen der Anlage eines Berschiebebahnhofs auf dem östlichen Tempelhofer Felde nachzugehen und mit aller Enllchicdenbcit dafür einzutreten, daß der Zwischenlandungsplatz möglichst günstig, ohne Beeinträchtigung der Erholungszwecke des Feldes, angelegt werde. - Dis in TsEel. Geheimnisvolle Beraubung eines Engländers. Den AuMndern in Berlin begegnen neuerdings die seltsamsten Abenteuer. Nach der bisher noch unaufgeklärten„Ausplünderung" eines Bulgaren in einem Hause am Blücherplatz, über die wir be- richteten, ist jetzt der Engländer John Henry Wepner das Opfer eines geheimnisvollen Schwindels geworden. Wepner hatte erst die Absicht, seine Einkaufsgeschäfte in Köln zu erledigen. Dort traf er aber einen Mann, der sich für einen Kaufmann Heinrich P r ü h l aus der Feurigstr. 32 zu Schöneberg ausgab und ein Intersie daran zu haben schien, daß der Engländer seine Einkäufe in Berlin erledigte. In Berlin angekommen, er- klärte„Prühl", seine Stadtwohnung in der Feurigstraße sei noch nicht ganz in Ordnung, und er möchte deshalb zunächst lieber nach seiner Villa in Tegel fahren, wohin er den Engländer als seinen Gast einlud. Prühl erzählte, daß seine Frau sich auqenblick- lich aus Reisen bestnde und deshalb die Köchin die ganze Wirsschaft führe. In dieser Villa wohnte der Engländer mehrere Tage als Gast des angeblichen Prühl, der sich von vornherein bereit erklärt hatte, ihm bei seinen Einkäufen zur Seite zu stehen. Nach den An- Weisungen seines Gastes besorgte„Prühl" auch die Geschäfte, zum Teil allein, zum Teil gemeinsam mit dem Engländer. Jeden Abend fuhren beide mit einem Auto, wie der Gast meint, einem Privat- wagen, nach Verlin, um sich die Stadt bei Nacht anzusehen. Nach- dem nun für über 300000 M. Waren aller Art: 7 Pelz- garnituren, 1000 Thermometer, 12 Barometer, Schreibpapier, Rauch- Utensilien, Seidenstrümpse, photographische Apparate, Objektive, 8 Dutzend Taschenmesser usw. zusammengekauft und in Reijekofser gesiackt worden waren, fuhr man nach einem Abschiedsmahl. bei dem u. a. auch Sherry-Brandy getrunken wurde, mit dem schwer- beladenen Kraftwagen nach Berlin, von wd gestern abend um 10,50 Uhr der Engländer vom Anhalter Bahnhof aus heimfahren wölkte. Zur Abfahrt vom Bahnhof kam jedoch der Engländer nicht. Er fand sich vielmehr erst am nächsten Morgen um 7 Uhr in einem Schuppen am Kupfergraben allein wieder.„Prühl", das Auto, die eingekauften Waren und selbst das Handgepäck des Eng- länders und fein« Brieftasche mit dem Gelde waren verschwunden. Die Brieftasche enthielt noch 1700 französische Franken und 35 bis 40000 M. deutsches Geld. Wie er m den Schuppen gekommen #. und was sonst mit ihm nach der Abfahrt aus der BMa noch ge- schehen ist, weiß Wepner nicht zu sagen. Die Nachforschungen der Kriminalpolizei ergaben, daß Feurig-. straße 32 in Schöneberg«in unbebautes Grundstück ist. Alle Angaben„Prühls" über seinen Telephonanschluß usw. erwiesen sich als falsch. Ob Wepner wirklich in Tegel in einer Villa ge- wesen ist, ließ sich noch nicht feststellen. Der Engländer selbst weiß darüber nichts, weil er mit den Berliner Verhältnissen nicht vertraut ist und immer im gsschlosseneu Auto mit seinem Gastgeber ge- fahren ist._ HaNensportfest der Arbeitcrsportler. Vom Kartellverband für Arbeitersport werden wir um nach- stehenden Hinweis gebeten: Der Kartellverband für Sport und Körperpflege, bestehend aus sämtlichen Arbeiter-Sportorganisationen Groß-Berlins, veranstaltet am Sonntag, den 19. März, im Sport- p a l a st, Potsdamer Straße 72, fein erstes großes Hallcnsportfest. Die Arbeiterjpcrtbewegung hat mit dem patriotischen Brimborium und mit dem Preisspartfcrentum der bürgerlichen Sportbewegung nichts zu tun. Di« Arbeiisr-Sportorganisationen stehen auf dem Boden der klassenbewußten Arbeiterschaft. Darum' ist es notwendig, doß die Arbeiterschaft den Bestrebungen dieser Organisationen vollste Unterstützung zuteil werden läßt. Am 19. März wird sich die Groß-Berliner Arbeiterschaft von den Leistungen ihrer sporttreibenden Arbeitsbrüder und-schwestern überzeugen können. Eintrittspreis für alle Plätze einheitlich 6 M. Karten bei allen Arbeitsrsporllsrn in den Betrieben und im Sporthaus„Fichte", Köpenicker Straße 108. Beginn der Vorkämpfe 2 Uhr, der End- kämpfe und Sondervorführungen 5 Uhr. Neue Verkaufsstellen für �ernsprechwertmarken. Vom Publikum ist vielfach darüber Klage geführt worden, daß besonders in den Abendstunden nach Dienstschluß auf den Post- ämtern keine Gelegenheit mehr zum Bezug von Münzen für die Reichsfernsprecher der öffentlichen Fernsprechstellen zu haben sind. Diesem auch von der Rcichspostverwaltung anerkannten Uebelstande soll jetzt wenigstens insoweit abgeholfen werden, daß die Wert- marken für den Fernsprecher besonders auf den Bahnhöfen in der Nähe der Fernsprecher zum Verkaufe feilgehalten werden sollen. Für Bahnhöfe kämen als solche Verkaufsstellen wohl die Büfetts der Bahnhofswirtschaften, in deren Räume meist auch die Fernsprecher in besonderen Zellen untergebracht sind, in Frage. Andererseits könnte der Verkauf dieser Wertmarken, die jetzt zur Be- Nutzung der öffentlichen Fernsprecher unerläßlich sind, auch bei den Schallern der Fabrkartenausgabcn erfolgen. In jedem Falle aber müßte, die Verkaufsstelle für die Fsrnsprechmarken durch Aushang in der Nähe des Automaten bckanntgemacht werden. Eine der- artige Regelung kommt jedoch nur für die Fernsprecher auf den Bahnhöfen in Frage. Die zahlreichen in den Straßen aufgestellten Fernsprecher, die meist in Zeitungskiosken untergebracht sind, oder aber in besonderen Kiosken, können aus Mangel an Berkaufs- stellen in den Abend- und Nachtstunden nicht benutzt werden. Es wäre sicherlich zweckmäßig, auch hier eine besondere Regelung des Berkaufs der Fernsprechmarken durchzuführen. Aukounglück auf der Chaussee Wauusee— Polsdam. Sonntag nachmittag stießen auf der Chaussee Wunnsee— Potsdam in der Nähe des Restaurants Waldfricden zwei Automobile mit voller Ge- wall zusammen. Der Führer und Besitzer des einen Wagens, der Russe Skobeleff erlitt schwere Verletzungen und wurde noch dem Krankenhaus Potsdam gebracht, wo er bald darauf starb. Seine Nichte Anastasia Skobeleff, die mit in dem Wagen saß, trug einen schweren Ncrvcnchak davon und war bis in die späten Abend- stunden nicht vernehmungsfähig.' Der Besiber und Führer des anderen Kraftwagens, der Kaufmann Rosenba um, Kurfürsten- dämm 170, ist unversehrt davongekommen. Die Schuldsrage ist noch nicht geklärt. .Gott schütze Kaiser und Reich." Als Wanderer hat man so seine kleinen Erlebnisse, besonders wenn man ein Freund von Allerlümern ist. In der offenbar aus grauer verstaubter Vor» lkriegSszeit stammenden Konditorei von Grafs in Eicbwalde fand einer unierer Freunde einen ganz neuen Bieruutcriatz mit der obigen Jnichrifr. Wir werden tbn der einzig in Berlin noch vorhandenen SchreckcnSlammer dynastischer Geschmacklosigkeiten, dem Hohcnzollcrn-Muieum überweisen. Zur SarokÜ-Entschädigungs-Angelegenheii teilt uns der für diesen Beiricb zuständige Verband der Bäcker und Kon« d itoren, gegenüber der am Freitag im lokalen Teil des„Bor- wärts" veröffentlichten Zuschrift des Transportarbeiter- Berbandes folgendes mit: Wenn getagt wird, es hätte der Firma Sarotli nicht wehe getan, statt einer Million Mark zwei oder etwas mehr auszuwerfen für die Geschädigten, so müssen wir feststellen, daß die gezahlten Eiitschödiguugen die Summe von 2V« Million Mark überschritteu haben. In vereinzelten Fällen, in denen die Entickiädigung sich beträchtlich als zu gering erwiesen hat, ist durch Vermittlung deS Verbandes Abhilfe geschaffen worden. Die Lebensreilung mit Hindertussen. Gestern abend sah ein Polizeuvachimcister der Schutzpolizei, wie sich ein junger Mann von der Jnselbrücke ins Wasser stürzen wollte. Er riß ihn zurück und brachte ihn trotz seines Widerstandes auf den gegenüber- liegenden Bürgersteig. Ein Passant, der sofort,, ohne wissen, um was es sich handelte" Partei gegen den Beamten nahm, schlug auf diesen ein, und auch der Selbstmordkandidat siel über den Beamten her. Erst mit Hilfe eines zweiten Beamten gelang es, die beiden zur Wache zu führen. Hier stellte sich heraus, daß der Lebensmüde betrunken war und, nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, den ganzen Dorfall aufs tiefste bedauerte. „Lotksbtlduiigsnuit Nciiuckendorf." Der letzte Abend deS KnrluS Messe: ,23 irtschasts- d n d slaatsvolitische Probleme'' findet beule(Montag), den 27. d. M!s.. abends 71/, Uhr im Zeichensaal der I. Gemeindeschule, Liridauer Straße, stall. Mord an einem Observakoriumswächlcr. Der Hüter des Berg- wirtobauses und des bekennten meteorologischen Observatoriums auf dem 2500 Meter hohen Säntis in den Appenzeller Alpen ist mit seiner Frau ermordet worden. Telephon und Telegraph funktionierten schon mehrere Tage nicht mehr, man hatte dies aber auf fallende Echneemassen zurückgeführt. Einzelheiten fehlen noch. Das erste Molorkankschiff, das nach Kriegsends auf einer Ham- burgcr Werft(„Deutsche Werft, Finkenwärder") erbaut wurde, hat am Sonnabend, den 18. Februar seine Ausreise nach Nord- amerika angetreten. Das auf den Namen„Julius Schindler" getaufte Schiff hat. eine Wasserverdrängung von 4000 Tonnen bei einer Länge von 98,5 m, einer größten Breite von 13,8 m und einem Tiefgange im beladenen Zu- stände von 6,03 m: es ist nur mit einem einzigen Diesel- motor ausgerüstet, der ihm eine Geschwindigkeit von etwa 10 Seemeilen in der Stunde verleiht. Wetter für morgen. Berlin und Ilmgegend. Mild und zeitweise etwas aufllaeend, jedoch überwiegend bewölkt, mit leichten Regensällen und lebhaften jüdwefllichen Winden. Groß-Serlmer partemachrichtea. Morgen, Dienstag, den 28. Februar: 8. Krei». Freie Schulaemelnde Wcdding. 7 Uhr in der Aula des Echiller-Lyzeuw«, Pank- Ecke Böttgerstrabs. Mitgliedervertaminlung. Gäste können durch Mitglieder eingefiidrt werden. Wichtige Mitieilunaen. 108. Abteilua-'. OberschSnewciar. Uhr im Mustksaal des Realgymnafiums, Zeppeiinstraße. Musikalischer Frauenabend Thema: Heitere Musik. » 7t. Abteilung. Dilmereborf. Sämtliche Funktionäre werden dringend ersucht, a» Mittwoch, de» l. März dei Ionatz, Durlacher Straße 8, zu erschein«. GelverMafisbowegung Streikbeschluß See Tapezierer. Die im Tapezjerergewerbe Groft-Berlin? tötig« Arbeiterschaft uzh»l am Sonntag in einer überfüllten Aersarnrnümg den Bericht öfter den Verlauf der letzten Verhandlung mit den Arbeiwebern ntgegen, der namens der Lohnkowmiffion von Müller gegeben wurde. Noll) den Zlusführungen des Redners war es trotz aller Bemühungen nicht möglich, eine Verständigung zu erreichen. Die Verhandlungen konnten nur bis zum S. Punkt des Tarifs geführi werden, weil die Arbeitgeber Bedingungen stell- ten, die von der Lohntommission abgelehnt werden mußten. Dos letzte Angebot war für die Gehilfen ein« Lohnzulage von 2 Mark. Diese geringe Erhöhung sollte aber nicht auf einmal, sondern zu je«incm Drittel in drei Monaten gewährt werden, so daß das erste Drittel davon ob t. März, zwei Drittel ab 1. April und der voll« Betrag von 2 M. erst vom Mai ab zur Auszahlung kommen würde. Geübte Näherinnen soll- ten in gleicher Weise 1,50 M., ungeübte 1 M. und Junggehilfen ebenfalls l M. zu je einem Drittel ob 1. Mürzt, 1. April und 1. Mai erhalten. Die Lohnkommiision Hot sich nach diesem Ange- bot entschlossen, auf weitere Verhandlungen zu verzichten und den Kollegen die A b l e h n u n g zu empfehlen.(Lebhafter Beifall.) Samtliche Kollegen billigten das Verhalten der Lohnkommission und forderten, unverzüglich in den Streik einzutreten. Ein derartiges Angebot müsse von der Äollegenschaft als ein Schlag in? Gesicht empfunden werden. Bei der folgenden Abstimmung wurden 817 Stimmen ffr und nur 59 gegen den Streik abgegeben. Kielmet?« hob vor Schluß der Versammlung noch hervor, daß pie Kolle�cnschaft nicht leichtfertig in den Streik gehe, es sei jede Möglichkeit einer Verständigung, leider v c r g c b l i ch, erschöpft worden. Die Kollegen anderer Organisationen, besonders der Transport- orbeiter, werden ersucht, keine Streikarbeit zu bzfürden. Rufßsche Verhältnisse. Der Sekretär der Berliner Gewerkschastskommistion, Genosse Bollmerhau?, Hot den ersten Transport der Amsterdamer Ee- werkschaftsinternalionale an Lebensmitteln, Medikamenten und Klei- dungsstücken für das russische äjungergebiet begleitet, worüber er in Nr. 16 des„Vorwärts" bereits berichtete. In der letzten Nersamm- lung der Berliner Ge Werkschaftskommission gab Vallmerhaus einen ousfülwlichcn Bericht über die Zustände im yungergebiet, speziell im Tschuwaschengnebiet, worüber inzwischen in lichen Nachnchtensienst" verbreitet. Einleitend stellt hier Vollmer Jaus fest, daß er von oll den großen Taten, die das internationale � Komitee„Arbsiterhilse" für die Hungernden vollbracht haben will, im Tschuwaschcngebiet nichts bemerkt. Die Sowieiregi«rung, die die Oeffentlichkeit von der Hilfsaktion der Nansen-Mission sowie der rein kapitalistischen amerikanischen Relies-Administreition un Errichtet«, hat trotz ausdrücklichem Ersuchen die Hilfsaktion der„Amsterdamer" nur in einer Form bekanmgegeben, die das Wort Amsterdam umgeht, damit nicht bekannt wird, daß die wirkliche, die Amsterdamer Gewerkschafksiniernationale es ist, die helfend mit eingreift. Bollmerhaus führt u. a. aus: Es ist selbstverständlich, daß ich bestrebt war, in die Wirtschaft- stchen Verhältnisse Rußlands einzudringen, nachdem ich di« Aeußer- lichkeiten überschaut hatte. Ich begab mich deshalb eines Tages zu der Tewer,kschoft der Metallarbeiter in Moskau, um die Ge- «srkschaftseinrichtungen kennen zu lernen, und eine Fabrikbestchti- gunp vorzunehmen. Di« Bureaus der Organisation befinden sich in einem schloßähn- lichen Gebäude, das seinen alten.Glachz vollständig verloren hat. Ich glaubte«inen neuen Glanz dort vorzufinden, der dem bisherigen großen Geschrei der Roten Gewerkschaften Rußlands Rechnung trüg«. Aber weit gefehlt! Ich habe trotz Suchens nicht entdecken können, welche praktische Gewerkschaftsarbeit in organisatorischer wi« in sozialer Hinsicht dort geleistet wird, trotzdem es meines Dafürhaltens genug Angestellte gibt. Würde in Deutichland in den Gewerkschaften so verfahren, o weh! Ich wurde durch die gesamten Räume geführt, von denen sader seine Bestimmung hatte. In dem Raum für Statistik habe ich allerdings vergebens nach irgendwelchem Material gesucht. So wie in diesem, war es in allen Räumen, sei es in der Produktions- obteilung oder sonstwo. Man macht olles aus dem Gedächtnis! Irgendwelche Registratur ist nicht vorhanden. Als ich am folgenden Tage die Organisation aussuchte, wurde mir mitgeteilt, daß der Präsident gerade einen Bortrog halte über die von Lenin am Tage vorher herausgegebenen Thesen über die llnab- hängigmachuna der Gewerkschaften von den Sowjeibehörden. Unge- fähr 25 Personen nahmen an dieser Sitzung teil. Nach einstllndigem Dortrage des Präsidenten, in dem er sich auf den Boden dieser Thesen stellte und betonte, daß dann auch für die Gewerkschaften das bisher verbotene Streikrecht in Geltung käme, durften die Anwesenden nur Fragen stellen, die der Präsident beantwortete, worauf er die Sitzung schloß. Aus der Fragestellung ging hervor, daß ein großer Teil der Anwesenden sich diesen These» nicht anschließen konnte. Eine ange- stellt« Kommunistin erklärte mir, es sei doch v«möglich, daß die Arbelier eines Slaaisbelricbes streiken dürften und'dann noch gar mst Zustimmung der Gewerkschaften. Nach diesem Bild der Desorganisation fuhr das Perbandsauto vor— in das man unseren Dolmetscher zuerst nicht mit hinetnlcsien wollte, der starken Belastung wegen— und wir begaben uns noch der Fabrik von B r u m l e. Dies ist ein« Metallfabrik, m der jetzt 600 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt werden Sie gilt als Fabrik erster Ordnung, d. h. sie erhält vom Staat die Materialien und liefert dt« ferfigen Produkte an ihn aß. Außerdem erhallen Vis dort Be» schäftigte» einen größeren Bajok(LebensmittelenteiI als in andere» Betrieben und sind weiter im Akkordlohn etwas bester gestellt. Ge- messen an den deutschen.Verhältnissen, ist der Reallohn um Bedeuten- des geringer. Di« Fabrikation dieser Fabrik besteht hauptsächlich in Merkzeugen. Drehbänken, Kartofielrrockenmaichinen, Aezlen und Sensen. Ein Teil der Fabrik mußte früher stillgelegt werden. Ein während des Kriege? angefanfzsner Neubau ruhte ebenfalls. Der leitende Ingenieur erklärte uns die Fabrikationsmethoden. Er konnte . dabei keine genauen Angaben Über die Fabrikationsdauer der oben- genn Maschinen machen. Die Organisation sowie die moichi- r.ellcn Einrichtungen der Aexte- und Senstniabrikation ging einiger- maßen, während bei den anderen Produktionszweigen alles sehr primitiv war. Soziale und hygienische Einrichtungen in der Fabrik, wie Umkleideräume,?Soschgelegenheit«n, Schutzvorrichtungen usw. sind kaum oorl)andett. Die Ärbsi'er stehen zum Teil in ihren Pelzen bei der Arbeit. Die„windigen" Räume bedingen das� Alle Arbeiter und Angestellten sind zwangsläufig Mitglied der Gewerkschaften. Man findet unter ihnen sehr wenig Kommtntisten, dafür mehr Parteilose. Der kommunistische Direktor der Fabrik, ein ehemaliger Ar- beiter, Hot die Leitung und Ist der allein bestimmende Teil. Auf eine Frage des Direktors, wie es mir gefiele, erklärte ich ihm unvechvhlen, daß ich von Sozialismus oder gor Kommunismus in dieser Fabrik nichts gesehen habe. Darauf erklärte er mir prompt, daß wir daran schuld seien, «eil wir die Deltrevolukion nicht gemacht hätten. Eine kaufmännisch« Abteilung hat bis jetzt diese Fabrik nicht. Eine solch« macht sich aber jetzt nach Aussage des Ingenieurs notwendig, weil sie in letzter Zeit vom Staat nicht in genügender Weise mit Materialien sowie Lebensmitteln versorgt werden. Sie seien deshalb gezwungen, jetzt privatwirtjchastlich zu arbeiten. « In Rußland drängt jetzt«lies wieder zur Prioetsirtschaft. wie ja schon aus den Auslassungen russtscher Reaierungsmänner hervorgeht. In Wirklichkeit vollzieht sich der Wiedereinzug der kapita- listischen Wirtschaftsweise, nachdem der Handel freigegeben ist, außer- ordentlich schnell. Um den Berkall der Häuser aufzuhalten, hat man jetzt die kleinen Häul«r wieder privatisiert. Ebenio stnd die Fabriken unter 100 Arbeiter wieder in Privatbesitz übergegangen. Ob sie schon ihr« Tätigkeit aufgenommen haben, ist sehr zweifelhaft, denn 90 vom Hundert sämtsicher Fabriken lieacn still.— Moskau wird sehr viel von bürgerlichen Journalisten, Handelsvertretern usw., hauptsächlich aus EnÄand und Amerika, aufgesucht. Di« Sowsetbehörden bis in die höchsten Kreis« konferieren mit dielen sehr gern. Man glaubt, daß nur das international? Kapital Rußland wieder aufbauen kann. Bei diesem Aukbau erbostt man von Deutschland den größten Erfolg. Die Theorie de? bostckewistischen Kommunismus ist zu» iammengebrochen. Wie mir versickert wurde, soll Lenin darunter seelisch stark leiden und seit«inigen Monaten auf dem Land« wohnen. IlusleuMschej Geld soll nur bei der Moskauer Kommunalbank gewechselt werden; st« zabit für 1 Mk. 706 bis 800 Rubel, während die ickwarze Börse über 8000 zahlt und daher— trotz Verbot— das Geschäft macht. Di« Entdureaukratisierung sowie die Abschaffung der straffen Zensur müssen zum schnelleren Aufbau vorgenommen werden. Der Wiederaufbau Rußlands kann nur durch die ganz« Welt geschehen(das beißt, durch den Kapitalismus, den man„abgekchalst" hatte, um ihn jetzt an den Haaren wieder heranzuziehen. D. R.). Deshalb liegt es an den westeuropäischen Regierungen, wenn Ruß- land länaer leidet. Da man allgemein in Rußland aus die deutsch« Technik und deutlche, Kapital große Host'nungen setzt, ist es notwendig, alles zu beseitigen, was dem Wiederaufbau Ruß- lcmds im W«ae steht. Auck die westeuroväiicke Arbeiterklasse kann jetzt, nackdem der Spuk der Rchen Internationale m
wl.gdelßvgs8il!lmiisig o,G. Ocnpfeertcetnufl Wrofi-Beriin Ztoetin w SV. Eistobe,-er Strohe S|* ßeacht Sig 0 Pneise Küchen -=■ Hau srükknel------------- QFür t oldaSilber] LrMsmtsK etc. zahlt die hSchsteu Tagespreise Juwelen-Einkaufs-Gesellschaft Berlin Antwerpen Am spiiielnurttt, BenuutraBe 12 Bekanntmachung für Juwelenbesitzer! Das Piibhitum„at uns heim Verkaul seiner Brillanten, Gold-, SiHjer-, P'atiü-Brucii, Dören, Ketten nsw. die Versicherung tefieben. diß wir olle Eiaieaoisquelleo überboten haben, Insbesondere bei groBen Objekten Unterschiede. Wir bitten Sie, sich beim Verkaul Ihrer Juwelen selbst davon Oi-erzeuten zu wollen bei Htlherf Hnrnmolcfioitn n m h H KSulggrAtxer Str. IM, 2, Haut t.„POrstenhoC nuoen nommeisncim, U,m,D.n.Am pvlTilUmer Platt s Telephon: Zentrum 1«U. Die Ablreismi� «s«rLeU>2Sfnidtl von Univ.-Professoren 1. Erotjehii u. 6. SilUiwet W3»« FEEMilESPKffl Einzelunterricht Zirkel monetLM Mark 7Shna___ v Teilzahlung. SJ.Gar. Kroner. ctaillluTII# O an 18 M., Zahm m. Einspr. h schmerzld. Eniarb. schlechtsitz.(leb. Rep. sei. Zilmirzt Dr. Wolf, Poisd.St.SS, Hochb-5t Srr 7.9-7 Nord-v.kodrAvdkl Eig. Fabrik, stets hervorrag. Neuh. Gr. Ausw. Bill. Preis«. EdmandVoC.SIn-Ncuk&tla Berliner St. H.NäheHermann- platz- Tel.: Neukölln 2264 Reparatur, sämtl. Korbwaren Botenfrauen u. Männea1 worden>u des neuen sehr star! erhlhleu rehuea eingeiiellv Ackerstr I74lK»poenpIai!) Bürwalpstreße 42 Bastianltraie 7 Bsrhagener Strafe 82 GreifenhagenrrStrabeZZ Immanueikirchstrajje 24 Lausiger PIdh lUIZ Lübecker Stratze Ii vorggwuldo, Räu! Marlusitraze 3« Müllerstraße Z4 a Petersburger Platz 4 Prinzenstraße Sl «leglitzer Straße 87 Wailltraße 9 BZithelmshaoener Str. 48 chftroße 10 Cl&.ltaberq, Parienbergltraße 1 }leut0Cu. i>!»ckariir. 2 und Siegiritbih. 28/«? TDeBccfihdnemeibe, vrückeystr. 10 TiieSersehSuhanse», Treeioisüraßr 27 Mcinideabcvll-Ott, Prsomzstreße ä* «thSneberu,*»Hiigfr Siretz» 77 XempeihoL Ra>s-r.«ilheln,.»traße IS Treptow,»iethcitzftr. 402. fertänfe Sibirilchet Nrenzlnchs, selten schön, 478, prachi» »oller Eitbcrsuchs 57ö. außerdem Silberwzti und Blaufuchs billig vcrkiiuslich. Golbmann, Atexandriiienstraße 4411, Ecke ktommandanten- itraße.' Leihhau« Friedrich- Ilroßc 2 iSallesdic« Tor) verkauft spottbillig Serrengarderobe und Pclzwarcn. Rein« Lom» Hardware. �' ! Södel 1 Huf Teilzahlung Herrenanzüge. Cula. man, UUtet, SchlUpscr. äJiobernt Maßarbeit. Bequeme, biskrere Z!a» ienzahlung. Leiser Sattlieb, Rollendorf- strotze 22», lllkoe Nolle»» bsrfalatz. Deäffnet»—7. Ehe Sie laufe«, bellchiigen Sie bitte unsere Riesen» Lager. ahne Sauizwong. in erstklassigen Herren- Mobe». Anzüge, Pale» tsis, Schlüpfer, Tuta» mags, Covercoats, Streifhosen usw. in un» llbertrefflicher Auswahl und Schönheit zu ion� kurrenzlas billigen Preisen. Sömilirstr Ware» sind Crsatz sür Maßverarbcilung. Fahr- getp-Berglltnng. Keine Lombarbwar«. Leihhaus Prunn-nstraß« ä, hctlt Rosenthalartor.* Shaiseiangnes, Umbaufoias, Auflage- Matratzen. Paienuna- tratzen 240.—. Walter, Slorgarder Straße achtzehn.___- Chaiietrngues 100,—, Mctrllbettin 155,—, Patentmatratzen, Potsterauflazen, Kinder. brahtbett. Meicka, Au- guststraße 82». Querge. bäude. Pertraucnsvollc An«- kunft, gewllsenhaift Frau Chm, Hebamme a. 3.. Storaarderstr. 75. Berirauensvolle Auskunft. Arzt zur Stelle. Hebamme Opitz, Neu« Känigstraße o? (Al-iand-rplatz).»