Nr. 159 39. Jahrgang Ausgabe A nr. 80 Bezugspreis: Bierteljährl. 90,-., monati. 30,- 902 frei ms Saus, voraus zahlbar. Postbezug: Monatlich 30.-. einschl. Zu ftellungsgebithr. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Saaru. Memel gebiet, iowie Westpolen, Defterreich u. Luxemburg 64,-., ür das übrige Ausland 82,- M. Toftbeſtellungen nehmen an Belgien, Dänemart, England. Efthland, Finnland, Frankreich, Holland. Lettland. Luremburg. Defter reich. Schweden. Schweiz, TschechoGlowalei und Ungarn. Der Vorwärts" mit der Sonntags beilage Bolt und Zeit" der Unterhaltungsbeilage Seimwelt" und der Beilage Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal, Sonn tags und Montags einmal Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Morgen- Ausgabe Vorwärts Berliner Volksblatt 1 Mark Anzeigenpreis: Die einipaltige Nonpareillezetle foftet 12,- Aleine Anzeigen" bas fettgedruckte Wort 3.- M.( zu läffig zwei fettgedruckte Worte),' tedes weitere Wort 2,- M. 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Auch sind diese Spannung erwartete große Rede über die Politik der britischen Re- Fragen nicht dazu angetan, in Genua entschieden zu gierung auf der Genueser Konferenz gehalten. Beim Betreten des werden. Frankreich kann auf das Recht einer Entschädigung ent Saales wurde dem Premierminister von seiten seiner Anhänger sprechend dem Versailler Bertrage nicht verzichten. Diese Fragen eine begeisterte Rundgebung dargebracht. Die Rede Lloyd Georges, fönnen dem Urteil einer Konferenz, auf der Deutschland, Desterreich, der die Opposition mit scharfem Sarfasmus behandelte und seine Ungarn, Rußland und die Neutralen vertreten sind, nicht unterPolitik mit größtem Ernst und Nachdruck vertrat, wurde vom Hause breitet werden. mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt und nur ab und zu bei ironischen Bemerkungen des Ministers an die Adresse seiner Gegner durch startes Gelächter unterbrochen. Sie trug Lloyd George leb haften Beifall ein. Vorwärts- Verlag 6.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Berlag. Erpedition und Inferaten. Abteilung Morigplatz 11753-54 Die Konferenz in Schwebe. Die Zweite Internationale und mit ihr die deutsche Sozialdemokratie hatte der Anregung der Wiener Arbeitsgemeinschaft, eine gemeinsame Tagung der drei Erekutiven zu veraktionen haben nur dort Aussicht auf Erfolg, wo sich nach voranstalten, nicht ohne Bedenken stattgegeben. Einigungsübergehender Trennung schon wieder eine gewisse Annähe= rung der Auffassungen vollzogen hat, wo das aber nicht der Fall ist, da kann die Einigungsaktion fein anderes Ergebnis haben als ein noch schärferes Heraustreten der vorhandenen Gegensätze. Die meisten Sozialisten Europas, ob sie nun zur Zweiten Internationale oder zur Wiener Arbeitsgemeinschaft stehen, Die neue Ordnung der Grenzen sehen in den Bolschewiti Leute, die durch ihre fehlgeschlagenen bestehe hauptsächlich in der Rückerstattung Elsaß- Lothrin- Erperimente in Rußland die Sache des Sozialismus aufs gens an Frankreich, die in wirtschaftlicher Beziehung eine große Schwerste kompromittiert und die in Europa durch ihre Beränderung bedeute. Dann sei Polen wiederhergestellt worden, Spaltungsarbeit nur der Reaktion und dem Kapita Lloyd George erklärte in seiner Rede, der Bertrauens- und endlich seien die Slamen bevölkerungen des vor lismus Dienste geleistet haben. Die Sozialisten Europas antrag sei faft derselbe, wie der vor der Washingtoner Konferenz ein- maligen Desterreich- Ungarn als unabhängig anerkannt worden. hören den Schrei der verhungernden Millionen in Rußland, gebrachte. Im Gegensatz zu Zeitungsnachrichten habe das Kabinett Lloyd George fagte, er nehme nicht an, daß irgendein Mitglied fie vernehmen die Klagen der flüchtigen Sozialdemokraten und den Antrag in der Gestalt, wie er ihn eingebracht habe, genehmigt. des Hauses wünsche, daß Elfaß- Lothringen an Deutschland zurück- Sozialrevolutionäre über die vollkommene Unterdrückung und Wenn der Antrag abgelehnt werden sollte. so müßte eine andere Ab- gegeben oder daß Polen wieder in Stücke gerissen werde, oder grausame Mißhandlung, der in Rußland jede von der kommuordnung Großbritannien in Benua vertreten. Die Konferenz sei daß der Tschechoslowakei oder Jugoslawien ihre Unabhängigkeit ge- nistischen abweichende politische Meinung ausgesetzt ist. einberufen morden, um die Frage des wirtschaftlichen nommen werde. Unbestreitbar hätten die Grenzveränderungen Wenn Radet die Lage jener Unglücklichen mit der BeWiederaufbaues Europas zu erwägen, das bis zu einem neue wirtschaftliche Komplitationen geschaffen. Die handlung vergleicht, der die Kommunisten hierzu= nie dagewesenen Umfang verarmt fei. Große Rüstungen neu entstandenen Bevölkerungen hätten naturgemäß das Recht, lande ausgesetzt sind, so ist das ein Fechterkunststück gewöhnseien im Anzuge. Die schon mit Steuern überbürdeten Bölker hätten Freiheit in fiskalischer und wirtschaftlicher Beziehung zu genießen. lichster Art. Gewiß find bei uns im Bürgerkrieg, den die noch weitere Lasten zu tragen, um Gefahren, die man fürchtet, ab- Lloyd George fuhr fort: Unter den Auspizien des Völker Kommunisten provozierten, Scheußlichkeiten vorgekommen und zuwehren. Genua sei bestimmt gewesen, die beste Art der Wieder- bundes feien zahlreiche Konferenzen abgehalten worden und die haben auch in Zeiten des inneren Friedens Mißgriffe unterherstellung der Ordnung und der Hebung des Wohlstandes zu Frage der Wieders stellung des Friedens, des Bertrauens, des geordneter Behörden stattgefunden. Aber erstens hat die prüfen. Seit der Canner Konferenz hätten feinerlei neue Be. Kredits, des internationalen Handels usw. feien erörtert worden. Deutsche Sozialdemokratie solche Ausschreitungen stets getadelt schränkungen hinsichtlich der Aufgaben der Genueser Verhandlungen Die Konferenzen hätten beträchtliche Ergebnisse gezeitigt, wenn sie und bekämpft, zweitens genießen die Kommunisten hierzulande Platz gegriffen. Eine Bersammlung, wie die in Genua, wäre nicht auch nicht alles erreicht hätten, was sie erreichen sollten. Es wäre ein Maß von Freiheit, das den russischen Flüchtlingen geradezu geeignet, bestehende Verträge einer Revision zu unterziehen. Auch aber verkehrt, aus diesem Grunde von einem Mißerfolge zu sprechen. märchenhaft erscheint. Sie haben Preffefreiheit, Verfammbann nicht, wenn eine solche wünschenswert wäre. Unzweifelhaft mit erhobener Stimme fagte lond George tann: Wir dürfen uns lungsfreiheit, Redefreiheit, sie sind in allen repräsentativen hätten die nach dem Versailler Vertrage vorgenommenen Grenz nicht zu leicht niederdrücken oder enttäuschen laffen. Wir müssen Körperschaften nach ihrer Stärke vertreten und führen dort neue wirtschaftliche Schwierigkeiten hervorgerufen. Geduld, Beharrlichkeit und Festigkeit zeigen. Wenn weit über ihre Bedeutung hinaus das große Wort. Die SozialLloyd George behauptet, die Reparationen hätten eine wirtschaftliche durch eine Konferenz ein Fortschritt auf dem Wege zur Lösung der demokraten und Sozialrevolutionäre. Rußlands würden ihre Desorganisation nicht verursacht.(!) Die Schwierigkeit der Lage bestehenden Schwierigkeiten gemacht wird, so hat diese Konferenz fühnsten Wünsche überflügelt sehen, wenn man ihnen in ihrem sei der Tatsache zuzuschreiben, daß Frankreich und Belgien zerstört ihren Berechtigungsnachweis erbracht. Ich verstehe nicht, weshalb Baterlande dasselbe Maß von Freiheit gewähren würde, das worden seien. die Arbeiterpartei gegen die Konferenz ist, da sie doch selbst in Deutschland jedermann, auch ein überzeugter Kommunist, durch Konferenzen groß geworden ist. Die Welt ist so zerschlagen, genießt. Wenn der Bersailler Bertrag geändert würde, ihre lebenswichtigen Organe find so schwer verwundet, daß der HeilDie Zerstörungsarbeit der Bolschewili an der europäischen so würde die Laft von Deutschland auf Frankreich und prozeß langsam vonstatten gehen wird und daß die Aerzte zahlreiche Arbeiterbewegung, der Notschrei Georgiens, die Hilferufe der Belgien verschoben. Ronfultationen abhalten müssen. In Genua werden die Vertreter barbarischer Mißhandlung ausgesetzten russischen Sozialisten Wenn wir auf Zahlungen beständen, die die Tragfähigkeit eines von 30 Nationen versammelt sein. Warum ist diese große Versamm hatten die zweite Internationale dazu veranlaßt, ihre Beteili burch den Krieg erschöpften Landes überschreiten, würden wir die lung nötig? Weil Europa durch den Krieg vom Atlantischen gung an einem allgemeinen Kongreß von der Bes Krisis beschleunigen, die in Deutschland ohne Grenzen Ozean bis zum Ural verwüstet wurde. Einige Länder Dingung abhängig zu machen, daß mit diesen unhaltbaren wäre. Aber zweitens ist zu erwägen, daß Deutschlands äußerste leiden unter den Folgen des Krieges mehr, die anderen weniger, Buständen aufgeräumt wird. Das war der Wiener Arbeitsgemeinschaft seit Frankfurt a. M. wohlbekannt. Eine vorbeZahlungsfähigkeit nicht nach seiner Fähigkeit in der Gegenwart zu aber in Mitleidenschaft gezogen sind sie alle. reitende Arbeit zur Annäherung der Extreme hätte entweder von der Zweiten Internationale den Verzicht auf ihre Beänderungen Die Sachverständigenkommission für Genua. und Sowjetrußland eine ähnliche Verabredung zustande zu bringen. Die Sowjetregierung unternimmt also den Versuch, Im Auswärtigen Amt fand heute unter dem Vorsitz des den Gruppen der Ententemächte, der Kleinen Entente und der Ministers des Aeußeren, Dr. Rathenau, und unter Be- neutralen Staaten eine Gruppe der valutaschwachen Länteiligung der zuständigen Ressorts die erste Besprechung mit der anzureihen. Ob es der Sowjetregierung, wie verschiedentden für die Konferenz in Genua von der Reichsregierung be- lich gemeldet wird, gelungen ist, von Polen und den baltischen rufenen Sachverständigen statt. Der Minister dankte Staaten eine de- jure- Anerkennung zu erlangen, mag dahin ihnen für ihre Mitwirkung, gab eine Uebersicht über die Bor- gestellt bleiben. Sie würde damit in sehr geschickter Weise geschichte der Genueser Konferenz und skizzierte die Gegen einen Teil dessen, was sie in Genua durchzusetzen hätte, vor stände, die voraussichtlich dort zur Erörterung kommen würden. Auf Vorschlag des Ministers werden drei Unterfommissionen der Sachverständigen gebildet werden, die sich mit den wirtschaftlichen, finanziellen und Verkehrsfragen befaffen und alsbald ihre Beratungen im Auswärtigen Amt und im Berkehrsministerium beginnen werden. Sowjetrußlands Pläne. auszunehmen. Bon Intereffe für die innere Entwicklung Ruklands ist die Meldung, daß Prof. Kliutschnitow, früherer Minister der Koltschat- Regierung, der jekt in der neuen Berliner ruffifchen Tageszeitung„ Nakanune" für eine taftische Rufam menarbeit mit der Sowjetregierung eintritt, zum juristischen Beirat bei der russischen Genua- Delegation ernannt wurde. Das wäre, die Richtigkeit dieser Meldung vorausgesetzt, ein DE. meldet: Nach der Ankunft Krassins werden bis zur weiterer beachtenswerter Schritt auf dem Wege der EntpoliAbreise der russischen Delegation Verhandlungen mit tifierung Rußlands, wie fie Lenin erst wieder in seiner lekten der deutschen Regierung gepflogen werden, wobei Rede sehr scharf zum Ausdruck gebracht hat. Ist die Herandie Möglichkeit eines toordinierten Vorgehens in ziehung der Parteilosen" zur verantwortlichen Arbeit in gewissen Fragen auf der Genueser Konferenz erwogen wer- Sowietrußland seit längerer Zeit üblich, so ist die verantwort den soll; an diesen Verhandlungen sollen sich Vertreter der liche Mitarbeit parteilofer Emigranten eine Neuerung, die man deutschen Großindustrie beteiligen. Die von der russischen anerkennen sollte. Delegation mitgebrachten Materialien zerfallen in zwei Gruppen: 1. Material bezüglich der Reform verschiedener " Die Sachlieferungen. Gebiete der russischen Wirtschaft und des russi. Die Reparationstommission hat gestern unter geschen Finanzwesens fowie 2. tonkrete Ron3ef- wiffen Borbehalten ihre Zustimmung zu den bekannten drei Abfionsentwürfe für verschiedene Länder unter verschie- tommen über die deutschen Sachlieferungen, somie zu ben formulierten Bedingungen. der Wiesbadener Regelung der Substitutionierungsfrage erteilt. In Die Sowjetdelegation für Genua hatte bekanntlich wäh- der von dem„ Temps" entnommenen Nachricht wird nochmals berend ihres Aufenthalts in Riga eine Zusammenfunft mit Ber- merkt, daß der belgische Delegierte Bemelmans wegen der Ab. rend ihres Aufenthalts in Riga eine Zusammenkunft mit Ber- änderungen, die an dem von ihm abgeschlossenen Abkommen tretern Estlands, Lettlands und Polens. Auf dieser Konfe= renz wurde, wie jetzt bekannt wird, ein Protokoll unterzeichnet, porgenommen werden sollen, noch einmal mit der deutschen Regiedas zwischen den Verhandlungsteilnehmern in gewissen rung in Berlin verhandeln soll. Fragen wirtschaftlicher Natur ein Zusammengehen in Genua Neues Zeifungsverbot in Memel. Das französische Oberfomporsieht. Wie aus der Meldung des DE. hervorgeht, scheint miffariat hat für das Memelgebiet die Verbreitung der in Königsdie Sowjetdelegation bemüht zu sein, zwischen Deutschland berg erscheinenden Ostpreußischen Zeitung" verboten. dingung, oder von der Dritten deren Anerkennung erwirken müssen. Die Wiener Arbeitsgemeinschaft konnte von der Zweiten Internationale einen solchen Berzicht nicht verlangen, da sie den von dieser vertretenen Forderungen felber von innerstem Herzen zustimmt. Ob sie Bersuche gemacht hat, von der Dritten Internationale eine Anerkennung der Bedingungen zu erreichen, ist uns nicht bekannt, daß aber in Moskau nicht die geringste Neigung besteht, den berechtigten Forderungen der Zweiten Internationale irgendwelches_Entgegenkommen zu erweisen, hat die Rede Radets am Sonntag gezeigt. " Die russische tommunistische Partei hat mit der Wahl dieses Unterhändlers keine glückliche Hand bewiesen, es sei denn, daß sie von Anfang an von dem Wunsch geleitet war, die Konferenz zu sprengen. Radef ist in der Arbeiterbewegung Europas, ganz besonders Deutschlands, zu gut bekannt, als daß man gerade ihn als Apostel einer höheren politischen moral ertragen fönnte. Und wenn die Note Fahne" von gestern abend ihr Spiel fortfeßt, wenn sie die gesamte Zweite Internationale, einschließlich der deutschen Sozialdemokratie, als Dienerin des Weltkapitalismus hinzustellen versucht, so bleiben solche Agitationsfunststücke unter dem Niveau des ernstlich Dskutierbaren. Radek spricht, trok seines geläufigen Deutsch, eine Sprache, die den Arbeitern Europas unverständlich bleibt, denn die Arbeiter Europas feher mit Genugtuung und Befriedigung den Wiederzusammenschluß gerade jener sozialistischen Parteien, die von der Elementargemalt des Weltkriegs auseinandergeriffen und gegeneinandergeschleudert wurden; auf diesen Wiederzufammenschluß feßen sie ihre Hoffnung. Radek hat mit seiner Herausforderung auch gegen die Intereffen Sowjetrußlands gehandelt. Während Tichitscherin bei Rathenau mit den Vertretern aller deutschen Parteien, einschließlich der Deutschnationalen, bei Tisch saß und liebenswürdige Reden wechselte, warf er den Arbeiterparteien Europas den Handschuh zu. Der Kontrast ist im höchsten Maße auffällig. Der Bolschewismus ist heute gegenüber dem europäischen Rapitalismus unendlich viel höf licher als gegenüber dem europäischen Sozialismus. Ein Abgefandter von Stinnes wird in Moskau von den Sowjet Behörden durch ein Galadmer gefeiert, einer Persönlichkeit des internationalen Sozialismus aber vom Range V a n d e r- vsldes darf ein Rädel feine Impertinenzen ins Gesicht schleudern. Das Ganze ist eine Geschichte aus der verkehrten Welt. Denn der Bolschewismus kann den europäischen Arbeitern nichts bieten als eine fortgesetzt mit allen Kräften betriebene Schädigung ihrer Bewegung, Sowjetrußland hingegen kann auch jetzt, wo es sich so eng mit dem internationalen Kapital verbindet, die Hilfe der europäischen Arbeiter- s ch a f t nicht missen. Es kämpft um seine Anerkennung als gleichberechtigte Macht, es geht bei seiner neuesten kapita- listischen Durchdringung schweren Gefahren entgegen, die nur durch den internationalen Zusammenschluß der Arbeiter zu gemeinsamem Schutz beschworen werden können. Rädels herausforderndes Auftreten liefert den Gegnern Rußlands auf der Konferenz von Genua Wasser auf die Mühle, der Schluß liegt ja so unendlich nahe: Wenn die Bolschewik! selbst mit den sozialistischen Arbeiterparteien keine gemeinsame Basis finden können, wie wollen die Regierungen Europas zu den Sowjets Vertrauen lMben? Aus diesem Grunde bedauern wir den offenbaren Fehl- schlag der Berliner Sozialistenkonferenz. Wir stehen gegen die Sowjets nicht ini Angriff, was wir wollen ist nur, daß man nicht von Moskau aus die europäische Arbeiterbewegung zer- setzt und korrumpiert und daß Rußland schrittweise zu einem etwas menschlicheren Regime übergeht, so daß man es als einen zivilisierten Staat betrachten kann. Was wir nicht wollen, das ist die Intervention, ist der gewaltsame Umsturz der rufst- scheu Machtverhältnisse, ist die Unterbindung des Wirtschaft- lichen Verkehrs zwischen Ost und West. Unter Führung von Rädel opfert die Dritte Internatio- nale die realen Interessen Sowjetrußlands dem völlig aus- sichtslosen Versuch, die Grundlagen der europäischen Arbeiter- bewegung mit ihrem kommunistischen Sprengpulver zu zer- trümmern. Die Zweite Internationale wird diesen Versuch abwehren, ohne sich dadurch von der geraden Linie ihrer Politik Rußland gegenüber abbringen zu lassen. Sie glaubt, in diesen Beziehungen zu den Parteien der Wiener Arbeits- gemeinschaft in keinem Gegensatz zu stehen. Weil man Unmögliches nicht erreichen kann, darf man auf Mögliches nicht verzichten. London, Wien und Amsterdam, das heißt die beiden niehtbolschewistischen politischen Internationalen und die Gewerkschaftsintcrnatio- nale können durch rechtes Zusammenwirken eine europäische Macht werden, dazu brauchen sie Moskau nicht! Moskau muß erst begreifen, daß wir es weder zum Ankläger noch zum Führer der europäischen Arbeiterbewegung für berufen halten. Dann wird sich auch die Möglichkeit eines Zusammenarbeitens mit ihm ergeben. Einstweilen aber sollte es die Parole aller Ar- beiter Europas sein, das„Maximum von Einigkeit" zu erzielen, das ohne Moskau möglich ist. Die für Montag vormittag 10 Uhr anberaumte Weiterberatung der Internationalen sozialistischen Konferenz wurde nach einem Vertagungsantrag Macdonalds auf nachmittag» 3 Uhr festgesetzt. Aber auch diese Konserenz Mußte verschoben werden, da während der Beratungen zwischen der Zweiten Internationale und der Wiener Arbeitsgemeinschaft ein Brief der Vertretung des Exeku- livkomitees der Moskauer Internationale abgegeben wurde, dessen Inhalt auf gemeinsamen Beschluß der beiden Inter- nationalen zunächst beraten werden sollte. Der Brief besagte, daß sich di« Vertreter Moskaus eingehend mit der am Sonntag geführten Aussprache beschäftigt haben und sich�von einer Weiterführung der Diskussion keine Förderung versprechen können. Die beiden Exe- ■Putiven werden deshalb gefragt, ob sie bereit sind, auf einem Kon- preß, wie er von kommunistischer Seite vorgeschlagen wird, zu erscheinen oder welche weiteren Maßnahmen sie sonst beabsichtigen. Der Brief stand in einer gemeinsamen Nachmittagssitzung zwischen der Zweiten Internationale und der Wiener Arbeitsgemein- schaft zur Beratung. Gegen S Uhr nachmittags wurde di« gemein- same Sitzung ohne ein endgültiges Ergebnis aufgehoben, damit die Exekutiven Gelegenheit zur Einzelberatung erhielten. Nlensthentiere. Von Erna Büsing. Graues Altertum. Die Zeit eines Menschen, der sein ganzes Leben hindurch in die Anbetung seines eigenen Namens versinkt und sich ein Jahrtausende überdauerndes Grabmol baue» läßt, das als mächtiges Wahrzeichen in die Geschichte der Mensch- heit ragt. In dieser Zeit ein einfacher Mensch. Der Typ so vieler. Er hat den Willen zur Arbeit, ist auf Seele gestimmt, möchte Ausdruck in das eigene Leben bringen. Aber er ist ein Nichts, so wenig wie das einzelne Sandkorn in Aegyptens Oedland. Er ist ein beliebiges Etwas in des Herrschers Hand, nur ein Baustein zu dem in das All geschrienen Namen des Pharao, den die Welt im Echo nennt. Der einfache Mensch möchte auch sein Recht aus das Leben, auf Schön- heit und Gefühl, doch davor baut die Macht die Schrank«. Da nützt kein Jammern und kein Hoffen, selbst die Götter helfen nicht, denn der König, der ist Gott. Dem Menschlein aus der Menge wird nicht einmal dos Recht auf eine Seele zuerkannt. Dräuend erhebt sich über allem feinen Aufwärtstasten die Einzelperson und zerreibt in ihrem Ich-Kult die Masse. Und die baut an der Pyramide. Schleppt Stein um Stein herbei in Sand und Sonne. Für sie gibt? Tag aus, Tag ein nichts als Sand und Sonne unn die dro- hende Peitsche des Aufpassers. Hochauf türmt sich, den Himmel stürmt die Pyramide— und 'irgendwo am Wege stirbt ein Menschentier. Gestern. Die Zeit, von der leichtfertige Geschichtsschreiber zu berichten wissen, daß die dumpfe Masse triumphiert habe und nur der Hondarbeiter etwas gelte. In dieser Zeit ein einfacher Mensch. Der Typ so vieler. Er hat zwei gesunde Arme und einen gesunden Magen, für ihn aus- reichende Begründung zum Recht auf Arbeit. Aber er ist schon so lange arbeitslos. Er sucht und wartet und sucht und hofft und sucht. Alles ist vergeblich, alles narrt und äfft ihn. Mit Verbissen- heit und in heimlicher Wut giert er nach Arbeit. Das Verlangen nach der seiner Befähigung entsprechenden Beschäftigung ist ein Recht, das mit jedem Menschen leben will. Doch für den jungen arbeiten wollenden Mann reiht sich Enttäuschung an Enttäuschung. und diese erzeugen die Geringschätzung seiner selbst. Zum Erfolg gehört der Glaube an sich. Der ist ihm verloren gegangen.' Klein- mut drückt ihn nieder. Der ehrliche Arbeitswille pocht bescheiden an verschlossene Türen. Der Schieber aber nützt sein« Zeit, verdient durch einen Feder- strich Millionen— und irgendwo am Wege stirbt ein Menschentier. Heut«. Die Zeit, von der die satten Anhänger der Tradition mit Seufzen sagen, daß die Frau die Familie zerstöre, weil sie in das Berufsleben geht. In dieser Zeit ein alterndes Mädchen. Der Typ so vieler. Es wurde stets wohlbehütet im Eltsrnhause gehauen und für die Heirat erzogen. Nach dem Tode der Mutter führte es dem Vater den Haushalt und es heiratete nicht. Viel natürliches Empfinden wurde ihm aberzogen, es war eingesponnen in hundert oft und bitter ver- wünschte Kleinigkeiten, Das Leb«n lernte es nie kennen. Eine Deutstknationale Mohrenwäsche. Der Landtag beschäftigte sich gestern auf Anfragen von unabhängiger und deutschnationaler Seite hin mit dem Skandal in der Lichterfelder Kadettenanstalt. Nachdem der Unabhängige K l e i n s p e h n bei der Begrün- dung der unabhängigen Anfrage gefordert hatte, Lehrkörper und Verwaltung der Anstalt so zusammenzusetzen, daß sie eine Erziehung zu freudiger, republikanischer Staatsgesin- nung garantieren, unterzog sich der Deutschnationale O e l z e der schwierigen Aufgabe, an den Lichterfelder Zöglingen die Mohrenwäsche vorzunehmen. Man kennt ja die deutschnatio- nale Methode, die gekränkte Leberwurst zu spielen. Bald ist es so ein sozialistischer Tölpel, der das Wort Korruption falsch versteht, bald ist es ein volksparteilicher Kultusminister, der aus dem lateinischen cara eine deutsche Hure macht. Kurz und gut, die Lichterfelder Heldensprößlinge mit dem Haken- kreuz sind Unschuldslämmer, während der Kultusminister auf der Anklagebank sitzt. Aber Herr Oelz« hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Aus dem Angeklagten wurde der Ankläger und die Szene wurde zum Tribunal, als Kultusminister B o e l i tz das Wort ergriff. Er begnügte sich nickst damit, noch einmal den Fall auf das eingehendste klarzustellen, er riß der deutsch- nationalen Heldensippe den Schleier vom Gesicht und ent- hüllte sie als das, was sie sind: skrupellose Dema- g o g e n. Der Vorgang vom 16. Februar sei nur ein Glied in der Kette ähnlicher Vorgänge gewesen. Er habe als Kultus- minister nur seine Pflicht getan, wenn er hier eine Säube- rung vorgenommen habe. In Zukunft solle die Anstalt für die Kinder der im Kriege Gefallenen und der Auslandsdeut- fchen, sowie für intelligente Knaben aus der Arbeiter- schaft bestimmt werden. In der Besprechung unterstrich als Vertreterin der So- zialdemokratie Frau Abg. Dr. Wegscheidel in eindnicks- voller Rede die Ausführungen des Kultusministers. Die Kadettenanstalten, so führte sie aus, müßten zu Aufbau- und Versuchsschulen ausgebaut werden. In diese Schulen ge- hören in erster Linie Arbeiterkinder. Erst wenn mit der Errichtung der Gemeinschafts- und Versuchsschulen be- gönnen werde, erst wenn den Schulforderungen der Sozial- demokratie Gehör geschenkt werde, könne die Sozialdemo- kratie die Schulpolitik des Kultusministeriums ganz billigen. Während der Z e n t r u m s r e d n e r sich der Kritik der So- zialdemokraten und des Kultusministers anschloß, blieb als Vertreter der Volksparteiler der Abg. Buchhorn auf halbem Wege steho-n. Er rupfte zwar seinem nach rccksts schielenden Parteiorgan, der„Tägl. Rundschau", gehörig die Federn, fand aber auch in der Suppe, die ihm sein Partei- freund Boelitz vorgesetzt hatte, ein Haar und setzte sich im übrigen in den Schaukelstuhl, der der Lieblingsaufenthalt der Deutschen Volkspartei geworden zu fein scheint. An dem Endresultat, einer gewaltigen Blamage jener Kreise, die die Worte deutsch und national in Erbpacht genommen zu haben glauben, konnte der Deutschnationale van L i n d e i n e r nichts mehr ändern, der die auf die deutsch- nationale Theaterrüstung niedergehenden Hiebe mit stumpfem Schwert aufzufangen bemüht war. Dienstag, 12 Uhr, Fortsetzung der Besprechung der Großen Anfragen, Gestlltsetat, Domänenetat. Schluß 5 Uhr. Das Großkraftwerk Hannover. Die Vorlag« der Preußischen Regierung über den Bau eines Großkraftwerks in Hannover ist vom Staatsrat an die Regierung zurückverwiesen worden, und es ist anzunehmen, daß der Landtag demnächst wieder sich damit zu beschäftigen haben wird. Es han- delt sich um das Projekt, mit einem Großkraftwerk den Schluß- stein zu dem großzügigen Stromversorgungsplan zu legen, der von der Mündung der Weser bis zum Main reichte und dieses ganze Gebiet durch ein geschlossenes System von zurechtgebogene Moral wurde ihm portionsweise serviert und die Anstandslehre der heiligen Ueberlieferungen vom guten Ton gabs als Nachtisch. Dann starb der Vater und es stand allein in der Welt. Es hatte Fingerfertigkeit und Farbensinn. Da schuf es tausend bunte Herrlichkeiten, lustige Lesezeichen und gehäkelte Iäck- chen. Als Abnehmer kamen nur erste Geschäfte in Betracht, und deren Einkäufer waren ganz auf konventionelle Höflichkeit und gute Garderobe eingestellt. Der Trägerin eines schäbigen Kleides wurde sogleich preisdrückend erzählt, daß heutzutage so viele Damen aus Liebhaberei oder für ein kleines Taschengeld sich mit kunstge-- werblichen Arbeiten beschäftigen. Das alternde Mädchen arbeitete und arbeitete, doch zum Lebensunterhalt langte es nicht. Die vergängliche Schöne hat glänzende Zeiten, sie läßt sich ein zuckersüßes Lächeln teuer bezahlen, denn es gibt ja soviel reiche Protzen und valutakrästige Ausländer— und irgendwo am Wege stirbt ein Menschentier. »Der Schahgräber' von Franz Schreker. Leidenschaftlich er- regt nach zwei Akten, stumpf ergriffen nach dem Schlußbild, so dankte gestern das Pvemierenpublikum der S t a a t s o p e r Schreker für sein jüngstes Bühnenwerk. Diese musikalische Dichtung ist ein neuer Beweis für die Mittlerroll«, di« Schreker Zwilchen alter großer Oper und Zuk-unftsmusik spielt. Cr ist schon so sehr Könner und Herrscher, daß Orchester- und Klangschönheiten wie selbstverständlich dem Ohr eingehen. Doch welche Riesenbegabung gehörte dazu, welches poetische Erfülltsein von Idee, Form, Vision, von Menschenleid und Schicksal, nm diesen„Schatzgräber" zu konzipieren. Das sollten sich olle die sagen, die das Problematische an Dichtung und Musik zu stark unterstreichen. Der starke Ein- druck einer durchlebten, eigenartig schillernden, sehr geballten und exklusiven Musikdichtung bleibt.— Die Ausführung stand unter einem hellen Stern. Blech begeisterte sich an jeder Not« der schweren Partitur und leuchtete meisterlich in ihre Klanggeheim- nisse. P i r ch a n s Bilde? wurden bewundert und zum Teil bei ausgehendem Borgang bejubelt. Vera Schwarz soll dieser Abend nicht vergessen sein. Eine große darstellerische Begabung wurde ossenibor und di« Stimme hatte schönste Sinnlichkeit, dämo- nische Härte, mädchenhafte Weichheit, sie war, reich an Liebe, bettelnd um Liebe, stolz und demütig, ein Sinnbild weiblicher Schwäche und weiblicher Größe. Neben ihr Henke, als weltweifer, gütiger Narr. Hütt erst in den letzten Akten frei in Spiel und Gelang. Braun und Scheide! vorzüglich in ihren baritonalen Partien. Es war alles auf den Brettern begeistert bei einer musikalischen An- gelegenheit, deren Würdigkeit und Wahrheit, deren Klang und Schönheit, deren Fehler und Lück«n noch beleuchtet werden müssen. K. S. Peler Behrens zur hochhausfrage. Die wirtschaftliche und konstruktive Aufgabe des Hochhauses ist oft erörtert worden, nicht minder aber verdient der Bau von Hochhäusern als stadtbaukünst- lcrifche Frage Beachtung. Hier greift Professor Peter Behrens in einem Aufsatz in der„Stadtbaukunst" ein. Er fordert neben den bestehenden Gesetzen, dem Fluchtliniengesetz und der Staffelbau- ordnung, die in die Bebauungspläne einer Stadt eingetragen sind, ein G e s etz, das zwingt, Bebauungspläne für die ver» staatlichen Wasser- und Dampfkraftwerken mit elektrischer Energie versorgen wollte. Der Bau des längst geplanten Werkes muht« wegen des Krieges und seinen Folgen hinausgeschoben werden. Um ihn jedoch gleichwohl zu fördern, trat man bereits mit den braunschwcigischen Kohlenbergwerken in Verhandlungen, um einen Strom lieserungsvertrag zu erzielen, und man wollte eine Aktiengesellschaft unter Beteiligung des Staates Braunschweig und des Elektrizitätswerkes Sachsen-Anhalt gründen. Dieser Plan wurde durchkreuzt durch den Stinneskonzern Rhein- Elbe- Union, der.die.Aktienmehrheit der braun- schweigischen Kohlenbergwerke an sich brachte und den Kohlenliefe- rungsvertrag ablehnte. Jetzt sollte das Werk bei Hannover errichtet werden. Inzwischen aber hat die Jlfeder Hütte mit der Straßen- bahn Hannover eine Interessengemeinschaft gebildet. Dadurch sollte die Straßenbahn Hannover elektrischen Strom erhalten, der mit Hilfe der Abgase des Hüttenwerkes, also ohne besonderen Kohlen- verbrauch, erzeugt wird. Die Straßenbahn Hannover hat sich da- mit in der Hauptsache vom Prioatkapital abhängig gemacht, denn das Reich ist an der Jlfeder Hütte nur zu einem kleinen Teil be- tciligt. Das große Projekt aber des staatlichen Stromverforgungs- systcms würde durch die Quertreibereien des Prioatkapitals ernst- lich gefährdet, wenn es nicht gelingt, eine neue Grund- läge für dieses Unternehmen zu finden. Um die Dringlichkeit dieser Forderung zu betonen, braucht es nicht vieler Worte. Es sei nur darauf hingewiesen, daß alle Sozialisierungsbestre- b u n g e n in der Elektrizitätswirtschaft eine Halbheit bleiben müssen, wenn immer weitere Gebiete der zentralen Stromversor- gung privat kapital! st ischen'Interessen preisgegeben werben. Die Entpolitifterung öer Kreksblätter« Der Redakteur eines Kreisblattes schreibt uns: Seit etwa drei Iahren werden Verhandlungen geführt. Nach neueren Mitteilungen sollen die Verhandlungen im Ministerium des Innern in Berlin über die E n t p ckl i t i s i e r u n g der K r e i s b l ä t t e r mit den betreffenden Intercssentengruppen aus den toten Punkt gelangt sein. Ob dies an den unerfüllbaren Wün- fchen der Kreisblattverlsger gelegen hat, läßt sich nicht feststellen. Nun ist es aber eine unbestreitbare Tatlache, daß weit über 90 Proz. der Kreisblätter nichts weniger als eine republikanische Politik trei- den, vielmehr unter dem Deckmantel der Neutralität ausschließlich d«n rechtsgerichteten Interessen dienen. Ein derartiger Zustand kann auf die Dauer nicht aufrechterhalten bleiben, hier i't gründlicher Wandel dringend erforderlich. Kein Kreisblatt existiert wohl in Preußen, das nicht die„Deutschnationale Korrespondenz" gratis und franko zugestellt erhält und hieraus seine geistige Nahrung zieht. Selbst Berliner Matern-Institute mit Text aus den Bureaus der Rechtsparteien lassen ihre fertigen Matrizen d