Nr. ISS ♦ AH. Jahrgang Musgabe B Nr.$0 Bezugspreis: «iertrllährl. 90,- M. monatl. 30,- M. fcet in» Hau», voran» zahlbar. Post- dezug: Monatlich SO.— M.. einschl. Zu- stellungsgebsthr. Unter Kreuzband mr Deutschland, Danzig, Saar- u, Meniel- aeblet. sowie Welwolen, Oesterreich u. Luxemburg St.— M., sür da» übrige Ausland 82.— M. Postbestellungen nehmen an Belgien, Dänemarl, Eng- land, Esthland. Finnland. Frankreich, Holland, Lettian». Luxemburg. Oester- reich, Schweden. Schweiz, Tschecho- Slowakei und Ungarn. Der„Dorwäris" mit der Sonntagsbeilage»Volt und Zeit", der Unler- Haltungsbeilage �eimwelt' und der Beilage»Siedlung und Kleingaricn* erscheint wochentäglich zweimal. Sonn- tag» und Montags einmal. Telegramm-Adresse: «Sozialdemokrat Berlin- Abend Ausgabe c Groß■ Beriln SO Pf. auswärts 60 Pfennig D Devlinev Volksblskt Anzeigenpreis: Die einsvaltige Nonnareillezell« tostet 12,— M.»Kleine Anzeigen- da» fettgedrrickte Wort S.— M.(zu- lässig zwei settgedruikte Wortes, jede» weitere Wort 2,— M Stellengesuch» und Schlasstellenanzeigen da» erste Wort 2,— M., sede» weitere Wort 1,50 M. Worte über IS Buchsiaden zählen für zwei Worte. Familien-Anzeigen für Abonnenten geile 0.— M. Die Preise verstehen stch einschlleblich Teuerungszuschlag. Anzeigen für die n ä ch st e Nummer müsse» bis«>/, Uhr nachmittag» im Hauptgeschäft. Berlin SW 03, Linde». straße S. abgegeben werden. Deöffnet von 9 Uhr früh bis S Uhr nachmittag». Zentralorgan der Sozialdemokratifchen partei Deutfchlands Ueüaktion und Expedition: SW b8, Lindenstr. Z S-erninr-eft-B- Siedattion Morihpla« lälvs—»7 �ernsprenier. Spedition M-rihplah li7SS— Kk' Dienstag, den 4. April 1SÄÄ vorwärts-verlag G.m.b.H., Ew b8, Lindenstr. Z - Berlag,(Lxpediiiou und Inseraten- Aiorihplah 11753-5* Vertrauensvotum für Llopö George. Während der Kampf, den Ministerpräsident Wirth aus' fechten mußte, voll dramatischer Spannung war, während man noch wenige Stunden vor der Abstimmung über das Vertrauensvotum nicht wußte, aus welchen Stimmen sich die Mehrheit zusamipensetzen und wie stark sie sein loürde, konnte man in England und Frankreich den Verlauf der Genuadebatte und der Abstimmung voraussehen. Zwar gab�es in England einige Wochen vor der„großen Aussprache eine jener Revolten im Koalitionslager, auf die man nackgerade vorbereitet ist und die durchaus keine Geheimnisse enthüllen. aber Lloyd George verstand die Mine im rechten Augenblick zur Entladung zu bringen und so war bereits alles geregelt, als der Theotervorhang hochging. Lloyd George hatte seine Rede über Genua geraume Zeit vorher angekündigt. Die englischen Blätter hatten des langen und breiten über ihren Inhalt berichtet, sie wußten zu melden, mit welcher Sorgfalt Lloyd George sie bearbeite, und sie prophezeiten, diese Rede werde eine der ganz großen, viel- leicht die größte werden, die der Ministerpräsident je gehalten habe. Das, was von der Rede bisher vorliegt, und die Aus- zöge scheinen ziemlich ausführlich zu sein, muß enttäuschen. Reue Gesichtspunkte treten überhaupt nicht in die Debatte. Manchenorts bewegt sich die Rede in Gemeinplätzen, von denen man nicht weiß, weswegen sie ausgesprochen wurden und wie sie für die Konferenz von Genua fruchtbar gew icht werden sollen. Man hat das Empfinden, daß Lloyd George unsichtbar die Ketten des französischen Militarismus mit sich berumträgt und daß die Last dieser Ketten seine Aktivitä: auf das emofindlichste stört. Unter diesen Umständen ist es oer- ständlich, wenn jeneParteien. die es, wie die englischeArbeiter- partei und die Unabhängigen Liberalen mit der W'ederauf- richtung Europas, mit der wirtschaftlichen Gesundung der Welt ernst meinen, dem Ministerpräsidenten ihr Vertrauen sür Genua nicht zu geben vermögen. Gewiß ist es klug und not- wendig, in der Politik Unmögliches zu vermeiden, gewiß ist Frankreich ein Faktor, den man nicht außer Rechnung stellen darf: aber diesem einen Faktor stebt die brutale Tatsache gegenüber, daß ohne eine Revision der Repara- t i o n s p o l i t ik, daß ohne eine Abrechnung mit dem Militarismus, wo immer er auch zu finden fein mag, jede Wiederaufbauarbeit ein ebenso nutzloses Experiment stt. wie es der Versuch einer kommunistischen Wirtschaftsbil- dung in Rußland war. Das alles hat Lloyd George in frühe- ren Reden sehr klar und scharf zum Ausdruck gebracht. Er gleicht einem Seher, der sich selbst die Binde vor die Augen legt, wenn er in dem Augenblick den Mut verliert, die Schluß- solgerungen aus seiner Einsicht zu ziehen, in dem es notwendig ist, zu handeln. Lloyd George mag sich in Genua auf das Vertrauen einer Koalition stützen, die bereits in sich zusam- mcngebrochen ist. Er selbst weiß am besten, wie die wirkliche Mehrheit seines Landes denkt. Konzentriert sich in England das Jnteresie auf die Rede Lloyd Georges, so steht be' der Genna-Debatte in Frankreich Poincar�s Zweikampf mit dem Nationalisten T a r d i c u im Vordergrund. Briand wurde von dem Ratio- ,'.alillen Poincar6 gestürzt, an Voincar�s Türe klopft nunmehr der Uebernationalist Tardieu. Es zeigt sich auch in Frankreich, daß es in der Politik meist leichter ist, radikale Forderungen auszustellen, als den Radikalismus in seine Schranken zu oer- weisen. Lloyd George und Poincar� gehen als Verbündete nach Genua, den Zwiespalt, der zwi- scheu den Interessen Englands und den Interessen Frank- reichz klafft, werden aber auch sie nicht zu überbrücken oer- mögen und zwischen beiden lauert der Abgrund des deutschen Reparationsproblems, der olles zu verschlingen droht. » London, 4. April. swTV.) Das Unterhaus hat das Vertrauensvotum mit Z72 gegen St Stimmen angenommen. Kie Unabhängigen Liberaten. die Mitglieder der Arbeiterpartei und einige Unionislen stimmten gegen das Vertrauensvotum. Nach Schluß der Rede Lloyd Georges brachte der Arbeiter- führer C l y n e s den Antrag der Arbeiterpartei ein. in dem der Re- gierung das vertrauen verweigert wird. Asquith war infolge einer Erkältung verhindert, sich an der Debatte im Unterhaus zu beteiligen. Llopö George über öie Mnerkennung Nußlanös. Lloyd George sagte in seiner Rede im Unterhanle weiter: Eines der wesentlichsten Probleme, das man behandeln müsse, sei die Wie- derherstellung der Maschinerie des internationalen fjan- d e l s. Die Welt sei eine Handelseinheit.! Der Handel Europas lei von der größten Bedeutung für England. Wenn der. Handel Eu- ropas als Ganzes nicht wiederhergestellt werde, so würden die Kunden Englands nicht in der Lag�,sein, die von England gelieferten Waren zu bezahlen. Die Tatsache, daß der internationale Handel medersebrochen sei, berühre daher Großbritannien ganz be- sonders. Eine der ersten Aufgaben, die in Genua in Angriff ge- nommen werden müßten, fei die Wiederherstellung der Wechselkurs«. Bor allem aber sei es wesentlich, daß ein wirk- licher Friede unter den Nationen wiederhergestellt werde. Wenn wir die Zahlen unseres internationalen Handels prüfen, so sehen wir, daß er im vergangenen Jahre nur SV Prozent des Vorkriegswertes ausmacht. Der internationale Hau- del Deutschlands ist auf 2S Prozent gesunken; der i r a n z S- . s i s ch e beträgt 60— 70 Prozent, was aber nur auf die Tatsache zu- rückzuführen ist, daß die Aussuhr aus dem Elsaß, aus Lothringen und aus dem Saargebiet Frankreich zugute kommt. England ist um ungefähr 30 Prozent mehr am internationalen Handel inieresf'.c.'t als alle anderen Länder. Das Problem der Wiederherstellung d.'Z internationalen Handels ist also eine lebenswichtige Frage für das britisch« Volt. Die Frage des Friedens in Rußland und mit Rußland behan- deind. erklärt« Lloyd George, Europa brauche, was Rußland liefern könne. Rußland Hab« Arbeiter und brauche Moterialien. Es werde se- doch kein Kapital erhalten, ohne sicheres Vertrauen und ohne in- neren sowie äußeren Frieden. Eine weitere Erwägung sei, daß Deutschland nicht die vollen Reparadionsforderungen zahlen könne, bevor Rußland wiederhergestellt sei. Rußland müsse sein« Verpflichtungen anerkennen. Ein Land, das seine Verpflichtungen nicht anerkenn«, weil es feine Regierung gewechselt habe, sei ein Land, mit dem man nicht verhandeln könne. Rußland könne nicht sofort bezahlen, und niemand erwarle dies. Di« Angriste au' die Einrichtungen anderer Länder müßten sofort aufhören. Rußland müsse sich oerpflichten, keinerlei aggressive Handlung gegen die Grenzen seiner Nachbarn zu unternehmen. Zu der Frag«, ob Ruß- land diese Bedingungen angenommen habe, erklärte Lloyd George, es seien Anzeichen vorhanden daß in Rußland eine vollkommene Aenderung der Haltung stattgefunden habe. Die Hungersnot habe den Russen die Augen geöffnet und ihnen gezeigt, daß Rußland von seinen Nach- barn abhänge. Rußland brauche Transportmittel, Maschinen und 1 Kleidungsstück«. Wenn unter gewissen Bedingungen«in Friede mit Rußland zustande kommen könne, werde er natürlich dem Unter- ha us zur Genehmigung und Ratifizierung unterbreitet werden. Dies würde keine weitere Anerkennung der russi- scheu R egierung bedeuten, bis das Unterhaus feine Geneh- migung dazu erteilt habe. Nach der Genehmigung würden die Stadien der Anerkennung die fein, wie sie nach den meisten Frie- densverträgen angebahnt worden seien. Ziemlich allgemein sei der Ansicht Ausdruck gegeben worden, bevor ein« offizielle diploma- tische Vertretung zugestanden werde, soll« Rußland elne Probezeit auferlegt werden. Eine gewisse diplomatische Vertretung auf bei- den Seiten sei jedoch wesentlich, da sonst die Geschäfte nicht wirksam durchgeführt werden könnten. Der Charakter und das Maß der gewährten diplomatischen Vertretung hänge nicht nur ab von den Bedingungen, die Rußland anzunehmen bereit sei, sondern von dem tatsächlichen Deweis, den Rußland von seiner bona lides gebe. Es sei nicht Sache der britischen Regierung, der Genueser Konferenz zu diktieren. Es fei jedoch notwendig, daß sie vorher ihr« Ansicht in einer so wichtigen Frage darlege. Bevor das Unterhaus die Ratt- fizierung vollzogen babe, könne keinerlei Aenderung in der Vertretung oder in dem Maß« der diplomatischen Anerkennung der russi- schen Regierung stattfinden. Nachdem das U Übereinkommen rati- fiziert fei, würde das Verfahren dasselbe sein wie es im Falle Deutschlands nach der Unterzeichnung des Frie- densvertrages befolgt worden fei. Man werde dabei in Stadien vorgehen. Es werde keine volle diplomatische Vertretung im Falle Rußlands festgelegt, wie dies bei Deutschland der Fall gewesen sei, bis die Mäckfte davon überzeugt seien, daß Rußland wirk- lich versuche, die Bedingungen, zu denen es sich verpflichtet habe, durchzuführen. Rußland würde in England durch einen G e- fchäftsträger vertreten sein und England in Rußland durch einen entsprechenden Beamten bis zu der Zeit, wo voll«, zeremo- nielle diplomatische Vertretung möglich sei. Im Falle Deutschlands sei das zwölf Monate nach Unterzeichnung des Friedensvertrages und sechs Monate nach der Ratistkation gewährt worden. Dies würden die Bedingungen sein, die die britische Delegation m Genua unterbreiten solle. Lloyd George sagte weiter: Man spricht beständig von großen Armeen in Rußland, die sich darauf vorbereiten sollen, Europa zu überfallen, um dort russische Zustände herbeizuführen. Rußland ist heute ein unerforschbares Gebiet, man kann nicht sagen, was dort vorgeht. Wenn aber den Kauf- leuten Gelegenheit gegeben wird, nach Rußland zu geben, so werden sie sich darüber klar werden, wie es dort aussieht. Wenn die Ge- rüchte begründet sind, so werden sie nicht dort bleiben. Diese Ge- rüchte stellen eine Enlschuldlaung bzw. eine ReÄlserliaung sür die Eristenz von großen Heeren in anderen Ländern dar. Die Efsekliv- stärke dieser Heere wird niemals Herabgeseßl werden, solange in Europa kein Friede herrscht. Wie lange die„Probezeit" Rußlands dauern wird, weiß ich nicht: das hängt von Rußland ab. Die Sowjet- regierung muß nicht nur ihren guten Willen beweisen, sondern auch zeigen, daß sie die Extremisten, die aegen die neue Wirtschafts- potitik sind, f e st in her Hand hat. Was den Vorschlag betrifft, man solle warten, bis die Sowjetregierung verschwunden sei, so konn sich die Welt dies nicht leisten, denn niemand kann ein Datum an- geben, und auf der anderen Seite weiß man nicht, ob man auch bei einer neuen Regierung in Rußland nicht auf größere Schwierigkeiten stoßen würde als bei der vergangenen. Vielleicht würde die neue Regierung sogar schlimmer sein als die frühere. Sie würde vielleichr ganz Europa in Brand stecken. Lloyd George schloß mit erhobener Stimme: Ich bin der An- ficht, daß wir ein gemeinsames Verfahren vorschlagen, ein behutsames, ein sehr behutsames Verfahren. Wir tun unser Bestes, um in Gemeinschaft mil Frankreich zu wirken, mit dem wir vier oder fünf furchtbare Kriegsjahre zu- jammengewirkt haben. Wir haben bis jetzt unser Bestes getan, uin mit Frankreich in gleichem Schritt zu gehen. In der Behandlung Rußlands haben wir alle vernünftigen Bedenken gegen die Leule, die alle Gefühle verletzt haben, in Betracht gezogen. Wir wollen jedoch rechtzeitig weise sein. Wir schlagen diese Maßnahmen vor, da wir fühlen, daß das englische Volk sie fordert, daß Europa sie braucht und daß die Welt danach schreit.(Lebhafter Beifall.) Im Verlauf der Debatte erNärte der Arbeiterführer Elynes: Die bisherigen Konferenzen seien nicht so sehr wegen des Frie» dens, sondern wegen der Friedensbedingungen abgehalten worden. Wenn die Genueser Konserenz nicht zahlreiche wichtig« Stellen des Versailler Vertrages abändere, so werde sie ebenfalls s e h l s ch l a g e n wie die vorhergegangenen Konserenzen. Die bisher befolg!« aus- wältig« Politik habe das Land an den Rand des Abgrundes gebiacht. Die Arbeiterschaft habe unmittelbar nach dem Kriege eine internationale Konferenz gefordert. Die Genueser Konserenz komme um drei Jahre zu spät. Sie sei umgeben von schädiichen Verwicklungen und Verpflichtungen. Es sei unverständlich, wie Lloyd Georg« erwarten könne, daß viel Gutes aus der Konserenz hervorgehen werde, mit einem Programm, das so beschnitten worden sei. Lloyd George wisse sehr wohl, daß allen Schwierigkeiten der Friedensvertrag von Versailles zugrunde liege. Bevor Teile dieses Vertrages nicht wesentlich abgeändert seien, könne alles Gerede aus den Konserenzen Europa nicht wieder aufrichten, bevor nickt Frieden herrsche, aus Billigkeit gegründet, könne es kein wirtschaftliches Wiederausleben, keine Wiederherstellung des Handels geben. Die Reparationen würden jetzt zu einem großen Teil aus den Taschen der Arbeiter bezahlt. Vertrauensvotum auch für poincare. Paris, 4. April,(havas.) Die Kammer nahm nach Be- endigung der Ausjprache über die auswärtige Politik der Regierung mil 4S4 gegen 7S Stimmen eine Tagesordnung an. mit der der Re- gierung das vertrauen ausgesprochen wird. Die Tagesordnung lautet: „Die Sammer billigt die Erklärungen der Negierung. Sie ver- traut daraus, daß die Regierung aus»er C cnueser Konferenz die Rechte und Interessen Frankreichs wahrt unter den. Bedingungen und mit Hilfe der Garantien, die im RI e m or a n- dum der französischen Regieruno vorgesehen sind. Die Kammer lehnt jeden Zusah ab und gehl zur Tagesordnung über." Wie Havas meldet, setzt stch die Minderheit von 72 Stim- men, die gestern in der Kammer gegen das Vertrauensvotum stimmte, aus 15 Kommunisten, 52 Vereinigten Sozialisten und 5 Abgeordneten aus verschiedenen Gruppen zusammen. 37 Ab- geordnete, die 7 verschiedenen Gruppen angehören, enthielten sich der Abstimmung. pokncare im Kreuzfeuer. Der Abstimmung in der französischen Kammer ging eine aus- gedehnte Debatte voraus, in deren Verlauf sich der sozialistische Abg. Rloutet mit den Erklärungen Poinrares ein. ver standen erklärt, weil er seine Absicht kundgegeben habe, Frankreich auf ter Genueser Konferenz vertreten zu lassen. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europas seien groß. Es sei deshalb Zeit zu handeln. Die U n v e r s ö h n l i ch k e i t sei oft ein Zeichen der Schwäche. Die Haltung des nationalen Blocks habe Briand in Washington behindert. Sie sei vielleicht auch die Ursache, daß Frankreich als eine Macht habe erscheinen können, die sich gegen jede Entwaffnung gewendet habe. Nach Genua müsse Frankreich mit der Absicht gehen, der Welt und Frankreich den Frieden zu geben. Der Abgeordnet« wirft tem Ministerpräsidenten vor, die Vorschläge der Sow- jets nicht angehört zu haben. Mit Rußland müsse man die Be- Ziehungen wieder aufnehmen und der Regierung, die dort herrsche, die Mittel geben, nützlich« Arbeit zu verrichten. Der Abgeordnete verlangt von der Regierung, sie solle ihre Politik gegenüber Deutschland aufgeben, eine Politik, die darin bestehe, mit der einen Hand Rechnungen zu überreichen, während die andere den Degen halte. Sie rufe die Befürchtung wach, daß Frankreich bereit sei, rntts neue den Frieden der Welt zu stören. Geben Sie, so sagt der Redner, die Politik des Zwonges auf, die niemals etwas eingebracht hat und die uns teuer zu stehen kommt. Die richtige Politik sei die Politik eines wirtschaftlichen Einvernehmens aller Völker, und Amerika habe gewisse Berechtigung, seinen Bei- stand für den wirtschaftlichen Wiederausbau zu verweigern, solange Frankreich nicht seinen Willen kundgegeben habe, zu entwaffnen. Auf bi* Frage, warum Frankreich so sehr die militärische Organisation Deutschlands fürchte, antwortete Ministerpräsident Poincare: Ich darf Ihnen nicht gestatten zu sagen, daß Deutschland nur IM 000 Mann Soldaten habe, nachdem in den letzten Togen klar bewiesen wurde, daß es e»« regolcires Heer von 250 000 Mann unterhält und eine Ueberorganisation besitzt. Nach einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Tardieu und Poincare, in der der letztere erklärt, er habe seine Worte stets mit seinen Handlungen und seine Abstimmungen stets nüt seinen Worten in Einklang gehalten, verlangt der sozialistische Abgeordnete Va- renne mit Unterstützung des Abgeordneten Moutet, daß die Zwei- deutigkeit a«sgekiärt«verde, die durch die Behauptung entstanden sei, Deutschlands Streitkräfte beliefen sich auf 250 000 Mann. B r i a n d erklärt, im Jahre 1821 habe man mitgeteilt, daß neben dem regulären Heer unter verschiedenen Formationen eine andere militärische Organisation bestehe. Man habe sie nicht autorisiert, sondern die Auslösung dieser unregelmäßigen Forma- tionen verlangt. Ministerpräsident Poincare ruft dazwischen: Man hat es zugelassen, daß es so blieb. Es gibt keine Diskussion hieniber. Wenn das aber abgestritten wird, werde ich die Beweise erbringen. General de Castelnau: Man hat die Schutzpolizei genehmigt. B r i a n d widerspricht dem. Die Alliierten hätten selbst ein Ultimatum gestellt, um die Auflösung der militärischen Verbände zu fordern. Der Bertrag sehe nur lokale Formationen vor. Poincare sagt:'In diesem Punkte sind wir einig. Aber Zu- geständnisse find gemacht worden, zuerst hinsichtlich der Auslösungs- fristen, dann hat man Deutschland eine Vermehrung seiner Polizeikruppen gestaltet. Er habe dem Abgeordneten Moutet gesagt, man müsse mit einer Stärke von 250 000 Mann in Deutschland rechnen. Poincare verliest Schriftstücks aus dem Jahre 1821, aus denen hervorgeht, daß die Schutzpolizei nicht zentralisierte und nicht mobilisierbare 150 000 Man» umfassen dürfe. Aber unglücklicherweise sei diese Mobilisie- rung außerordentlich leicht. Schließlich behauptet auch der Abgeordnete Oberst F a b r y, der Geukrolberichterstatler für das neue Militärreformgesetz, in längeren Ausführungen, es beständen in Deutschland immer noch 150000 Mann Schutzpolizei, die als eine E r g ä n- zung der Reichswehr angesehen werden könnten. Der Abg. Moutet sagt, diesSr Zwischenfall sei der eklatante Beweis dafür, daß man das Programm für Genua nicht zu eng fassen dürfe und man insbesondere dort die Frage der Entwaffnung Deutschlands behandeln müsse. Die Gcnueser Konferenz müsse eine Aero der allgemeinen Entspannung eröffnen. Frankreich dürfe die Berantwortung für einen möglichen Mißerfolg nicht treffen. Tardieu sogt, die Erklärung Poincar-s hätte nicht an Klar- beit gewonnen. Man habe nicht erklärt, warum Frankreich in Washington sechs Wochen vor der Erörterung der Abrüstung zu Lande ausgeschaltet worden sei. Frankreich habe in Washington eine beispiellose Behandlung«rlttten. Poincart setze die Politik Briands fort und man wisse nicht, weswegen der Ministerwechsel stattgefunden habe. Briand widerspricht hestig. Cr könne eine derartige Aeuße- rung nicht zulassen._ Das Reparatkonsproblem. Heute vormittag fand in der Reichskanzlei eine Chefbesprechung statt, die sich mit der Antwort der deut- s ch e n Regierung auf die Note der Reparations- k o m m i s s i o n beschäftigte. Die Abreise nack Genua. Der Reichskanzler Dr. Wirth wird sich am Sonnabend nach kurzem Aufenthalt in Frankfurt und Freiburg nach Genua begeben. Die deutsche Delegation besteht einschließlich des technischen Personals aus 40 Personen. Die lettländische Genua-Dclegation, bestehend aus dem Ministerpräsidenten Meyrowitsch und dem Finanzminister K a l n i n g, ist heute in Berlin eingetroffen und wird am 6. April Weiterreisen.— Am Donnerstag trifft die e st l ä n d i s ch e D e l e g a- t i o n auf der Durchreise in Berlin«in. Bedingungen der 2. Internationale. , Rede Mae Donalds. Die heutige Vostsitzung der Konferenz der drei Exekutiven begann erst um%11 lihr, da vorher noch Besprechungen statt- gefunden hatten.' Den Vorsitz führt Klara Zetkin. Sie teilt mit, daß zunächst für die Zweite Internationale Mac Donald, dann ein Redner der Wiener Arbeits- gemeinfchaft und nachher S e r r a t i(Italien) sprechen wer- den: der Verlauf der Debatte werde zeigen,„ob wir es für notwendig halten, mit der Debatte fortzufahren". Mac Donald hält eine längere Rede in englischer Sprache, die dann zunächst von De Man ins Französische und schließlich von Victor Schiff ins Deutsche übersetzt wird. Die Uebersetzungcn nehmen lange Zeit in Anspruch. ZUac Donald führte aus: Wir sind mit geringen Hoffnungen auf die Konserenz gekommen. Die Rede Friedrickx Adlers hat diese Hofs- nungen gestärkt, aber Radeks Ausführungen haben die Hoffnung stark sinken lassen. Die Haltung der Zweiten Internationale zu einer allgemeinen Konferenz ist klar; wir haben sie in Frankfurt am Main festgelegt und der Wiener Arbeitsgemeinschaft schriftlich mitgeteilt. Vandervelde hat diesen Standpunkt hier nochmals dar- gelegt. Wir sagten: Wir sind bereit, an einer allgemeinen Konferenz mit beschränktem Programm und für eine gemein- same Aktion teilzunehmen. Bevor wir jedoch eine solche Aktion für möglich halten, müssen gewisse Punkte klargestellt und gewisse Bedingungen erfüllt fein. Wir müssen das Vertrauen gewinnen, daß«ine solche Aktion möglich ist und wir müssen es gewinnen aus der Antwort auf unsere Fragen. Die Delegierten der Dritten Internationale haben im vor- aus gewußt, daß diese Bedingungen gestellt werden würden. Sie konnten ihre Antwort vorbereiten. Wer könnte behaupten, daß die Radeksche Erwiderung eine begründete Antwort auf diese Fra- gen darstellt. Die Erklärung Klara Zetkins schim eine Tür offen zu lassen. Sie redete ungefähr dieselbe Sprache, die wir schon früher auf unseren Kongressen vor dem Kriege gewöhnt waren. Nichts mehr von dieser Sprache ober blieb in der Radekschen Rede übrig. Habt Ihr uns eine Erklärung Eures Manifestes vom Dezember vorigen Jahres gegeben, habt Ihr unsere Zweifel be- seiligt? Wir hatten dieses Manifest so aussasien müssen, daß die Dritte Internationale in der Parole der Einheitsfront lediglich ein taktisches Mittel sehe, um unsere Kraft zu schwächen und die ihrige zu steigern. Ein Mittel vielleicht auch, um die russische Sowjetregierung z u stärken, jedenfalls aber nicht um die internationale Kraft des Pro- letariats zu vergrößern. W i r wollen wissen, daß die Dritte Jnter- nationale die Einheitsfront lediglich zur Stärkung derKraftdesProletariats verlangt. Euer Manifest aber ersucht die Euch angeschlossenen Parteien ausdrücklich, sich der Parole der Einheitsfront anzuschließen, um einen günstigen Boden für Eure Zwecke zu gewinnen. Und deshalb mußten wir Euch fragen, wes- halb seid Ihr hier? Wollt Ihr wirklich die Einheitsfront für gemeinsame Aktionen oder wollt Ihr die Einheitsfront bilden, ohne der Zellenbildung ein Ende zu machen, lediglich um die Zweite oder die Wiener Internationale zu schwächen? Wenn Ihr dieses Mißtrauen beseitigen könnt, warum tut Ihr es nicht? Wenn Ihr darüber eine Erklärung nicht abgeben wollt, hat es gar keinen Zweck, diese Besprechungen fortzusetzen, die lediglich eine Farce wären. Wir haben Natur und Notwendigkeit Eures großen strategischen Rückzuges in Rußland durchaus begriffen und haben lediglich bedauert, daß Ihr Euch in die Zwangslage verletzt habt, einen solchen Rückzug antreten zu müssen. Seid Ihr wirklich für die Einheitsfront oder nur für eine Einheitsfront, die den Zweck hätte. Eure taktische Situation zu verbessern? Deshalb haben wir die Frage des Vertrauens gestellt. Nehmen wir an,- die allgemeine Konferenz fände statt. Es wür- den Beschlüsse gefaßt die zu gemeinsamer Aktion verpflichten— sollen wir nach dieser Konferenz gemeinsam arbeiten oder uns gegenseitig schädigen? Wollt Ihr Euch uns lediglich nahem mit einem versteckten Dolch, um uns dann besser treffen zu können? Seid Ihr hergekommen in friedlichem Geist oder im Geist des Krieges? Darüber hat Radek kein Wort gesagt, und wir müßten sein Schweigen eigentlich so deuten, daß er darüber michts zu sagen hat. Wollt Ihr endlich klar und kategorisch auf diese Frage antworten? Rodet hat auch nicht geantwortet aus die Frage wegen der Randoölker. Das größte Gewicht legen wir auf die georgische Frage. Wenn eine gemeinsame Aktion in Zukunft möglich sein soll, müßte erst der Zankapfel beseitigt werden, der in dem Rcmdstaatenproblcm liegt. Selbst wenn die georgischen Sozialdemokraten die schlimmsten Sünden begangen hätten, müßte«ine unparteiisch« Kommission es nicht allzu schwer haben, festzustellen, was daran Wahres pt. Wesentlich für die Zweite Internationale und unbestreitbar ist«s, daß in Georgien ein« sozialistische Regierung bestand, die i>er Ausdruck einer Partei war, die unserer International« angehört und deren Vertreter in unserer Mitte sitzen. Ihr(zu den Boljche- misten) habt durch militärische Gewalt diese Regierung beseitigt und das jetzige Regime in Georgien wird lediglich durch militärische Gewalt aufrechterhalten. Wie können wir, ehe unsere Genossen von der georgischen Regierung nicht wieder eingesetzt und die militä- rische Okkupation beseitigt ist, den: georgischen Boll des Recht ge- geben wird, zu sagen, was für eine Regierung und was für em Schicksal es haben will, mit Euch eine Gemeinsamkeit haben? Diese Stellungnahme ist die einzige fsir uns mögliche, wenn wir nicht die Selbstachtung verleugnen wollen und uns als Sozialisten achten sollen. Ich fälle kein Urteil. Aber dieses Hindernis zwischen uns und Euch müßt Ihr beseitigen. Und deshalb greifen wir die Anregung Radeks auf, eine U n te r su ch u n g s k o m m i s s i o n der drei Internationalen'zu bilden, die die Wahrheit feststellen soll. Wir verlangen lediglich, daß die Untersuchung unparteiisch und ehrlich sei. Der Charakter der Red« Rädels erschwert ein Zusammenwir- ken. Wir verurteilen den russischen Imperialismus genau so wie den englischen Imperialismus aegenüber Irland, Aegypten und gegenüber Sowjetrutzland selbst. Wir wollen ober nicht nur Worte von Euch, sondern auch Taten. Ihr könnt nicht oerlangen, daß Ihr jetzt die Methoden des kapitalistischen Imperialismus anwendet und im nächsten Moment Euch als� Vertreter des echten Sozialismus hinstellen könnt.(Unruhe bel den Bolschewisten. Zustimmung bei den andern.) Ich weiß, tag ich zu Genossen spreche, die vielfach vor dem Kriege Angehörige unter- drückter Völker waren, etwa wie Oesterreich, Ungarn, Rußland usw. Die Rede Mac Donalds schloß mit folgender Erklärung der Zweiten Internationale: Wir erklären uns einverstanden mit dem Grundsatz einer allgemeinen Konferenz mit beschränkter Ziel- setzung, unter den von der Wiener Arbeitsgemeinschaft vorgeschlagenen Bedingungen und Tagesordnung. Aber wir erklären, daß die Dritte Internationale sich vor dieser Konserenz mit den folgenden Bedingungen einverstanden erklären muß: 1. Verzicht auf die Taktik der Zellcnbildung. , 2. Einsetzung einer Kommission aus Vertretern der drei Exe- kukiven zur Untersuchung der Lage in Georgien und in den Ländern mit ähnlichen Verhältnissen, mit dcm Ziel einer Verständigung zwischen den sozialistischen Parteien. Wir machen diesen Vorschlag, weil wir die Konferenz zu be- schleunigen wünschen, betonen aber, daß wir unsere Beschlüsse weiter aufrechterhalten, in denen wir die Anerkennung des Rechts des georgischen Volkes, ohne militärischen Druck über seine Regie- rungsform zu bestimmen, gefordert haben. Z. Befreiung der politischen Gesungenen und Führung der Pro- zeffe gegen Personen, denen verbrechen zur Last gelegt werden, vor einem Gerichtshof unker Wahrung des Verteidigungsrechls unter Kontrolle des internationalen Sozialismus. Als nächster Redner nahm S e r r a t i das Wort. „Der Schatzgräber" von Zranz Schreker. Erstaufführung in der Staatsoper. Franz Schreker nennt seine Bühnenwerke mit Recht wieder Oper, ein Begriff und Wert, der durch Wagners musikdramatische Sendung in Mißkredit gekommen war. Die Oper verlangt Reize fürs Auge, Spannung der Handlung, innere und äußere Erregung, Buntheit, Ekstasen, Antriebe des Herzens und der Sinne. Der„S ch a tz- g r ä be r" gibt in diesem Sinne dem Theater, was des Theaters ist. Ein Mörchenteppich, orientalisch-bunt, ist vor uns ausgebreitet, und in seinem Gewirk treffen sich die Motive uralter und neuer Phan- tasisschöpfuugcn, mit erstaunlicher Sicherheit von einem Theatermann durch eigene Vision verbunden. In der Handlung, die wirkungssicher auch in Abbiegungen von der aufsteigenden dramatischen Linie durch den Ton des musikalischen Märchens verständlich bleibt, tauchen blitz- artig Erinnerungen an mittelalterliche Aoentiuren, an Troubadoure, an Elsa, Kundry, Agnes Bernauer, Lulu, an die Umkehrung der Blaubartlsgende auf. Der Techniker Schreker gibt den Plötzlich- ketten, Aufwallungen und Seltsamkeiten der Charaktere den Schein der Notwendigkeit, oft allerdings in nur leis andeutenden Versen von dämmriger Vieldeutigkeit. Nehmt das Stück als ein farbfrohes Märchenspiel, und ihr staunt nicht mehr über Verwegenheiten der Aktion. Oder besser: symbolisiert Gestalten und Handeln. Dann springen die äußeren Hüllen, und menschliche Schicksale. Notwendig- leiten, Triebe werden transparent, die Fassade des Märchenbaues springt ab, und der Blick ist frei in tiefes, unbewußt zwingendes Leben. Eine Fabel von Glück und Leiden der Sehnsüchtigen, ein Klang aus der Tiefe des Weltherzeus. Ueber allem aber schwebt leis streichelnd die Weisheit eines unter Tränen lachenden Narren. Das Geäder des Märchens treibt Blut in dies« Handlung: der Königin ward edler Schmuck gestohlen. Els, die unter einem Dach mit dem kupplerischen Wirt wohnt, als seine Tochter ausgegeben, treibt dämonische Sucht, diesen gleißenden Schmuck zu besitzen, der Symbol ist für Jugend, Schönheit, Reinheit. Sie läßt ihre Freier durch den hündisch ihr ergebenen Aldi töten, die Teile des Krön- fchatzes ihnen aus den erkaltenden Händen nehmen. Die Königin aber siecht dahin. Elis, der fahrende Sänger, hat durch sein Lauten- spiel, das Jugend, Kraft, Sehnsucht und Weltoersöhnung versinn- bildlicht, die Fähigkeit, verborgen« Schätze zu heben. Er findet auf träumerischer Wanderung ein Stückchen des Schmuckes, gerät in den Verdacht des Mordens und wird zum Tode verurteilt. Unter dem Galgen singt er ein frohes Lied zur Laute. Der König, der von seiner mystischen Kraft erfuhr, rettet ihn vom Strang, zieht ihn an seinen Hof. Nun wird er den Schatz suchen und finden, wird ent- decken, daß Els, die ihn liebt, die Diebin ist. Sie läßt seine Laute durch Albi�stehlen und bietet ihm in freier Hingabe den ganzen herrlichen Schmuck ihres Leibes. Er aber, der groß war im Ver- stehen des Alls, im Beglücken der Welt, wird klein vor dem eigenen Schicksal. Er versteht die Seelensprache seines Weibes, ihren Drang, ihr Handeln nicht und stößt sie erbarmungslos von sich. Verlor er mit der Laute die Kraft seiner Mission? Der Vogt des Landes ent- deckt die Fäden des Berbrechens. Els soll dem Tode versallen. Der Narr führt sie heim) in seiner Klause stirbt fie, als Elis ihr noch ein- mal mit leisem Sang die Vision eines geträumten Lebens schafft. Leben ist Traum. Traum ist Vergessen der Gegenwart, Ahnen der Zukunft. Wo die Psychologie, wo selbst die Märchenlogik schwach und brüchig wird, da fängt die Musik an zu verdecken, zu ver- schleiern, wie sie imstande war, mit Tönen erdhafter und überir- bischer Farben Welt und Traum zu deuten, zu verschwistern. Die Melodie dieser Oper ist faßbarer, materieller im alten Sinn, als die des„Gezeichneten": ja, sie liebt sogar den Prunk, die große Ge- bärde. Dicht daneben stehen, wie von anderer Hand geschaffen, zar- teste lyrische Einfälle, duftige Klangwunder, in Farben zitternde Har- monien. Im langen Erzählerton verliert die Schrekersche Sprache oft ihre Eigenart und steigt wieder zu Wognerideen hinauf, hinab. Die Ton-Wortoerbindung ist selbstverständlicher, selbstherrlicher geworden, und das Orchester malt mit minutiöser Deutlichkeit Empfindungen. die selbst die dankbarsten und sinnfrohesten Einzelsänge nicht ganz er- schließen können. Spannungen werden in dieser Musik auf gefährliche Höhen getrieben, die schwüle, stürmische Einförmigkeit des dritten Akt-Zwischenspiels, die theatralisch glänzende Steigerung im Galgenakt gehören nicht zu den besten Eingebungen Schrekers, weil sie musikalisch zu stark der Materie des Bühnenvorgangs Untertan sind. Der innere Trieb des musikalischen Ausdrucks ist aber so stark, daß auch äußerliche Wirkungen, denen kein Theatermann ganz ent- geht, ohne Gram ertragen werden. Denn die Seelenmusik, die Weihe. Schönheit und Fülle klanglicher Regungen ist dem„Schatzgräber" so deutlich eingeboren, daß dieser edle Klang haften bleibt. In dem Werk sind, besonders in der zweiten Hälfte, Hochleistungen eines genialischen Mannes eingefangen, der plötzlich stehen blieb, um zu- gleich vor- und rückwärts schauen �u können. Ein Haltepunkt, kein Fortschritt Schrekers über die„Gezeichneten" hinaus. Gewiß ist das noch nicht Schrekers ldtzte Erfüllung, aber man ahnt tief ergriffen die große Synthese zwischen Theater und Leben, altem Spiel und moderner Feinnervigkeit, Wirklichkeit und Viston, Tatsachen und Märchen. In diesem Sinne wird der„Schatzgräber" die Willigen und Hingebungsvollen zur Schrekerscben Melodie hinleiten, die Stimme und der Beifall der großen Menge wird seinem theatra- lischen Wurf immer sicher sein. Kurt Singer. Deutschlands literarische Leistung von 1820.. Die alljährlichen Zusammenstellungen des Berner„Droi: d'Auteur"(Urheberrecht) über die internationale Geistesarbeit zeichnen sich durch besondere Genauigkeit und Objektivität aus. Die Statistik für 1320 wird im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel wiedergegeben, und wir teilen daraus einige Zahlen über die literarische Leistung Deutsch- lands mit. Die Zahl der Betösfenttichungen erreichte im Jahre 1820 die Ziffer 22 346, steht also wieder auf der Höhe der Vorkriegszeit. Die größte Anzahl Veröffentlichungen, nämlich 0047, fällt in das Gebiet der schönen Literatur: dann kommen Rechts- und Staats- Wissenschaft mit 4411, danach Erziehung und Unterricht mit 3143, Theologie mit 2302, Handel, Gewerbe und Verkehrswesen mit 2075, Sprach- und Literaturwissenschaft mit 1726, Heilwisseuschaft und Tierheilkunde mit 1488, Iugendschristen und Bilderbücher mit 1451 usw. Diese Veröffentlichungen zerfallen in 19 078 Neuwerke, 8715 Neuauflagen und 4552 Zeitschriften. Die Zahl der Zeitschriften ist aber viel zu klein angegeben. Wie die Feststellungen der Deutschen Bücherei ergeben, befanden sich unter den eingelieferten Zeitschrifien 860, die zum ersten Male erschienen. Fügt man noch 300 Zeitschristen hinzu, die die Bücherei nicht erhielt, so kommt man für das Jahr 1320 auf 1200 neugegründete Zeitschriften. Die Zahl der lausenden, heute noch erscheinenden Zeitschriften muß auf ungefähr 15 000 festgesetzt' werden. Deutschland ist noch immer das an Fach- Zeitschriften reichste Land. Nach dem Urteil des„Droit d'Auteur" soll die deutsche Bücherproduktton an Qualität vc-loren haben, was sie an Quantität gewann. Die unzüchtig« Literatur, die Schund- romaue, die Flugschriften nehmen darin eine zu hervorragende Siel- tung ein. Am die Ehre des Kuckucks. Der Kuckuck ist wohl gegenwärtig derjenige Bogel, dem die Ornithologen die größte Aufmerksamkeit zuwenden. Nackidem man die seltsame Art, auf die das Kuckucks- weibchen seine Eier in das fremde Nest praktiziert, genau beobachtet und kinematographisch aufgenommen hat, ist damit das Rätsel im Charakter des Kuckucks noch nicht gelöst. Auf dem letzten eng- lischen Ornitholoaen-Konareß bildete der Kuckuck den Hauptgegenstand der Diskussion. Kuckuckseier und solche ihrer Opfer waren aus Inifin, China, Japan, Südamerika, Finnland usw. ausaestelli. Ein Kenner behauptete sogar, daß Frau Kuckuck ihr Ei verschlingt und es dann, wenn sie es braucht, wieder hervorbringt. Ein anderer Ornitheloge verteidigte die Ehr« der Frau Kuckuck geaen die Anschuldigung, daß sie sich mit vielen Männern einlasse. Fest- gestellt wurde auch, daß nur der männliche Kuckuck den Kuckucksrus ertönen läßt: der weibliche Bogel drückt seine Gefühle durch eine Art von stoßweisem Lachen aus. Sehr viel besprochen wurde die Fruchtbarkeit des Kuckucks. Der enqlische Ornitheloge Chance, der- selbe, der den berühmten Kuckuckfilm herstellte, Hot während der Brutzeit von 1320 einen Kuckuck bevbachtet, der 21 Eier legte. Ein anderer Beobachter sicherte sich 13 Eier von einem Boael, während die Literatur bisher ananb, daß der Kuckuck höchstens 0 bis 8 Eier in der Saison legt. Der iüdamerikanische Kuckuck legt seine ersten 5 bis 6 Eier in fremde Nester, die aber für seine Zwecke nicht geeignet sind. Wenn sie dann von den anderen Böaeln herausgeworfen wer- den, versucht der Bogel in seiner Verzweiflung, selbst ein Nest zu bauen._ Ein Ebrennvend für Slrthur Bollmer, im frilherm Ebaratter- fotnifer des CchliiilvielkauseS. der in leinen alten Tagen in Not geinten iit, findet in der„Alhatnbra" Sonnabend itnlt. Beginn ll Ubr. lXn dieser Voislellung wird eine Schar non Künstlern der Over, des Schauspiels, de? Kabarcils und des Films versammelt sein, wie noch niemals vorher. May Ten hält Donnerstag 8 Uhr im Langenbeck-HauS, Lulsenstt. 5?, einen Lichtbildervortrag über Rcmbrandt. Iefincr filmt. Der srntcndant imsereS Siaallichm Schausbielhan'cS, Jchner. bat nach Zcituiigsmeldimacn mit Richard Oswald eine Film- geicllichaft gegründet, in der er als Regisseur sich bctäilgcn wird. Zwei'eiloZ bat Jeimer bervorragendes Talcut auch alS Filmregisseur bereits bewiesen. Aber cS würde uns ivichligcr scheinen, wenn er seine Talente vorder in dcm ibm unterstellten Theater entfalten würde. Oder ist dort für ihn nichts zu in»? Die würüe ües Neichstags. Der Reichstagspräsident, Genosse L ö b e, sieht sich ver- anlaßt, den Reichsboten ins Gewissen zu reden, die teils durch dauernde Abwesenheit, teils durch schlechte Sitten im Reichstage das Ansehen des Parlamentes herabsetzen. In einem Aufsatz in der Zeitschrift„Der getreue Eckart" spricht er über dieWürdedesNeichstags, über seine schlechte Besetzung, mangelnde Konzentration und Originalität der Reden sowie über schlimme Verstöße gegen die Umgangs- formen. Diese drei hervorstechendsten Uebel nagen nach seiner Meinung am Ansehen des deutschen Parlaments und werden es in der öffentlichen Meinung immer mehr herabsetzen, wenn sich der Reichstag nicht zu einer gründlichen Reform seiner Arbeitsweise entschließt. Allerdings wäre es falsch, die Tätigkeit des Reichstags nur nach der Zahl der Abgeordneten im Saale zu beurteilen. 150 bis 200 Abgeordnete sind oft genug von 10 Uhr vor- mittags bis 1 Uhr mittags und länger in den Kommissionen tätig, von denen der Reichstag schon 39 zählt. Dazu kommen dann noch die wichtigen Fraktionssitzungen, so daß wenigstens die Hälfte der Volksvertreter gar oft 10— llstündige Arbeitszeit hat. Um so schwerer aber trifft, der Vorwurf die andere Hälfte, die durch ihr Fernbleiben besonders während der wich- tigen Steuerberatungen jetzt schon wiederholt die Be- schlußunfähigkeit des Reichstags verschuldete. Aber diese Flucht vor dem Plenum führt Löbe nicht zu Unrecht auf den Mißbrauch der Redefreiheit zu- rück, wie er bei vielen Mitgliedern des Hauses üblich geworden ist. Wörtlich sagt der Präsident des Reichstags: Das frisch-fröhliche Redeturnier, in dem ein Politiker dem anderen mit scharfer Klinge im Wortgefecht begegnet und ihn auf der Stelle zu widerlegen sucht, ist zur Seltenheit geworden. Dafür beherrscht die sorgsam vorbereitete, tagelang be- reitgehaltene, oft Wort für Wort aufgeschriebene Rete, der nur«in Dutzend Parteifreunde pflichtschuldigst zuhört, dos Feld, und sie artet oft zu stundenlangen eintönigen Monologen aus. Am ursprünglichen Rededuell würden Freund und Gegner Interesse finden, den Inhalt der vorbereiteten Ansprache kennt man — von Ausnahmen abgesehen— bereits im voraus und spart sich die Mühe, sie noch einmal anzuhören. Typisch, ober nicht selten, ist der Fall, daß der Redner selbst, der seine Ansprache eben an den Mann gebracht hat, wenige Minuten später den Saal verläßt und gar nicht daran denkt, eine etwaige Erwiderung des Gegners an- zuhören.... Eine Beschränkung der Redezeit auf dreivier- tel Stunden für die einzelne Rede ist jetzt in der neuen Ge- schäftsordnung vorgeschrieben, die in einigen Wochen in Kraft treten soll. Aber die Konzentration auf den zur De- batte stehenden Punkt kann nur von der S e l b st z u ch t der Redner herbeigeführt werden. Genosse Löbe kommt dabei auf gewisse Exzesse zu sprechen, die Vergröbcrung der Umgangsformen im Reichstag, die bei fast allen Flügeln des Parlaments festzustellen seien. Auch diesen Er- scheinungen kann nur die Selbstzucht entgegentreten. Die neue Geschäftsordnung, die besonders renitenten Reichstagsmit- gliedern neben anderen Disziplinarstrafen die Entziehung derTagegelderbiszu20 Tagen androht, und die Fern- Haltung des gemaßregelten Abgeordneten aus dem Reichs- tagsgebäude in Aussicht stellt, kann vielleicht schon durch das bloße Bestehen dieser Bestimmungen heilsam wirken. Aber jeder Kenner der Dinge wird dem Genossen Löbe zustimmen, wenn er sagt, die Stellung des deutschen Parlaments in der neuen Verfassung erfordere es, daß es feine Würde besser als gegenwärtig wahre. Soweit geschäfts- ordnungsmäßige Bestimmungen das nicht erreichen, muß an die Selbstzucht, Ernst und Würde der Abgeordneten appelliert werden, diese Besserung zu schaffen. Ohne sie wird sich der Reichstag um Ansehen und Einfluß im deutschen Staatsleben bringen. Die Krise öer ilSp. Ausschluftverfahren gegen einen>,Freiheit"-Redakte«r. Die„Freiheit" schreibt: Wie der„Unabhängige Zeitungsdienst" meldet, ist gegen den bisherigen Redakteur der„Freiheit", Genossen Leo L i e b s ch ü tz, von der Zentralleitung der Partei beim Bezirksverband Berlin- Brandenburg die Einleitung eines Ausschlußverfahrens beantragt. Genosse Liebschütz soll sich, während er noch Redakteur der„Freiheit" war, bemüht hoben, in die Redaktion der rechtssozialistischen Frank- furter„Voltsslimme" einzutreten. Wie Genosse Liebschütz hierzu erklärte, lag weder eine formelle oder tatsächliche, schriftliche oder mündliche Bewerbung um eine Stellung in der Frankfurter„Volks- stimme" vor. Liebschütz hatte lediglich in einem Gespräch mit einem ihm seit längerer Zeit befreundeten rechtsozialistischen Abgeordneten die Möglichkeit offen gelassen, nach einem eventuellen Austritt aus der Partei eine Stellung in einem rechtssozialistischen Blatte anzunehmen. Als die Redaktion der„Freiheit" von diesem Vor- gang Kenntnis erhielt, erklärte sie sofort, daß eine weitere Tätigkeit des Genossen Liebschütz in der„Freiheit" sich von selbst verbiete. Genosse Liebschütz trat deshalb unmittelbar danach aus der Re- daktion aus. Der bisherige„Freiheit"-Redakteur Liebschütz scheint da- nach eines von den zahlreichen Mitgliedern der USP. zu sein, die die Unmöglichkeit der Crispien-Rosenfeld-Politik er- kannt haben und nur noch in der Wiederherstellung einer großeneinigenSozialdemokratischenPartei eine Zukunftshoffnung für die deutsche Arbeiterklasse erblicken. Wenn ein Mann mit solchen Auffassungen die Möglichkeit seines Wiedereintritts in die alte Partei erwägt, so liegt darin nichts, was ihn in den Augen vorurteilsloser Beurteiler herabsetzen könnte. Man wird daher in Arbeiterkreisen für die Feierlich- keit des gegen Liebschütz angestrengten Ausschlußverfahrens wenig Verständnis besitzen. Selgische Spionage in Deutschlanü. Leipzig, 4. April. tTU.) Der 2. Strafsenat des Reichsgerichts verhandelte gegen den Robert B erw e in aus Itzehoe wegen ver- suchten Derrats militärischer Geheimnisse. Berwein hatte den Auf- trag übernommen, für Belgien Nachrichten über das deutsche Heer zu besorgen und an zwei Neichswehrsoldaten für solche Geld- betrüge gezahlt. Das Gericht verurteilte ihn wegen versuchten Verrats militärischer Geheimnisse und wegen Bestechung zu 3 Jahren K Monaten Zuchthaus und S Iahren Ehcroer- lust und einen der Reichswehrsoldaten wegen passiver Bestechung zu 3 Monaten Gefängnis, während der andere freigesprochen wurde. Dollar um Sie Mittagssiunöe 32$. Selle-Miance-piatz. Seit Jahren bietet der Bslle-Alliancs-Platz den Anbsick einer einzigen großen Werkstellc. Hinter seinen Zäunen vollziehen sich, in nicht ganz erklärlicher Langsamkeit, geheimnisvolle Dinge. Und wenn man auch noch so zu dem Sprichwort neigt: Gut Ding will Weile haben, so scheint die Weile hier doch ein bißchen in die Ewig- keit zu wachsen. Immerhin verspricht man uns doch jetzt schon, daß der Zaun batd fallen wird, da sich die Arbeiten an der Untergrund- bahn ihrem Ende nähern. Schon jetzt ist ein Teil der Untergrundbahnbauten mit der Decke versehen, so daß wohl noch im Laufe des Sommers mit der Freigabe des Platzes für den Fußgängerverkehr(?) gerechnet werden kann, wenn auch die gärtnerischen Anlagen nicht vor Beginn des nächsten Frühjahrs wiederhergestellt werden können. Für die Wiederaufstellung der F r i e d e n s s ä u l e auf dem Belle-Alliance- Platz sind die Vorbereitungen schon während des Tunnelbaues vor- genommen worden. Die Fundaments für die Säule sind bereits fertig, so daß die Wiederherstellung des Denkmals in seiner früheren Form ebenfalls noch im Laufe des Sommers erfolgen kann. Auch die Westseite der Velle-Alliance-Brücke wird schon in nächster Zeit wiederhergestellt werden. Diese Arbeiten werden gleichzeitig vorgenommen mit der Wiederherstellung der Kaimauern des Land- wehrkanals. An diese Arbeiten schließen sich dann die Arbeiten für die Schalterhalle der Nord-Süd-Bahn zwischen den beiden Tor- gebäuden, die neben zwei Ausgängen auf die Straße noch eine Uebcr- gangsmöglichkeit nach der Hochbahn ohne Sperren erhalten wird. Als letzte der Arbeiten an dieser Stelle wird dann noch eine Schalterhalle zur Hochbahn mit dem Niedergang von der Hoch- bahn nach der Velle-Alliance-Brücke ausgeführt, mit der die Ar- beiten am Halleschen Tor beendet sind. Die Fertigstellung aller dieser Arbeiten soll im Lause des Sommers erfolgen, so daß das Hallesche Tor und der Belle-Alliance-Platz noch in diesem Jahre sein früheres Aussehen wieder erhalten wird.— Wir wollen's wenigstens hoffen. Sie machten alles! Iusantmenbruch einer Wo-De-Co. Eine verlockende Reklame machte eine Berliner Gesellschaft, die sich Wo-Be-Eo.(Wohnungs-Beschaffungs-Compagnie) nannte. Sie hatte ihren Sitz in der Friedrichstraße 124. Die Gesell- schaft beschäftigte sich zunächst auch mit der Vermittlung von Tausch- Wohnungen. Ihr Generaldirektor ist ein 32 Jahre alter Kaufmann Hermann M a t t e r n, der in Berlin trotz seines großen Unternehmens nicht einmal eine feste Wohnung hatte. Zuletzt wohnte er in der Augusta-Viktoria-Straße in Reinickendorf und ist jetzt verschwunden. In der Friedrichstr. 124 hatte eine Frau mehrere Zimmer an Leute vermietet, die kleine Gesellschaften verschiedener Art bildeten., Diese faßte Mattern zu einem großen Konzern zusammen und machte sich zum Generaldirektor. Nach den Prospekten betrieb die Wo-Be-Co. den Ankauf und Verkauf von Geschäften und kauf- männischen Unternehmungen jeder Art, von Bergwerken, Gruben, Steinbrüchen, Waldungen, Torflagern, Parzellen, Villen, Wohnungen, Bureaus und auch Sanatorien. Sie beteiligte sich und„finanzierte" gewerbliche Unternehmungen auf allen Gebieten,„sanierte" kapital- schwache und unrentable Betriebe, übernahm die Durchführung von Finanzgeschäften im In- und Auslande, vermittelte Hypotheken und Betriebskapital und befaßte sich auch mit der Erledigung von Waren- transporten und Versicherungen. Filialen sollten in Berlin in allen Stadtvierteln, im ganzen Reich und auch im Ausland bestehen. Dann ging aus der Wo-Be-Eo. eine A.-G. für Be.rgbau und In- duftrie hervor. Ihre Grundlage bildete ein Bergwerk in Sevenich bei Eaub a. Rh., von dem man nichts Näheres weiß. Die Gesellschaft und ihre Werber verfügten jedenfalls über einen Lageplan des Werkes aus dem Jahre 1907, der allen Leuten vor- gelegt wurde, die sich für die Gesellschaft interessierten. Die Aktien- gesellschaft sollte kein kapitalistisches, sondern ein„sozialistisches" Unternehmen sein. Jeder, vom Generaldirektor herab bis zum letzten Arbeiter, sollte am Gewinn beteiligt werden. Die Gesellschaft ver- sprach bei einer Beteiligung 5 0 P r o z. mehr als irgendein anderes Unternehmen, ungefähr so wie Klonte und K ö h n. Das eigene K a p i t a l der Gründer betrug jedoch nur Svov Mark. Aber eiche Generaloersammlung beschloß, dieses G r u n d k a p i t a l um 49 995 090 M. a u f 5 0 Rt i l l i o n e n M a r k zu erhöhen, und zwar durch Ausgabe von 49 955 neuen Aktien zu je 1000 M. Die Aktien sollten auf Inhaber lauten und zu pari mit 25 Proz. Agio zur Deckung der Unkosten ausgegeben werden. Zur Gewinnung des Kapitals und um das Werk in Betrieb zu setzen, wurden nun Aktionäre aller Art gesucht, nicht weniger als 50 000 Arbeiter und Angestellte, unter anderen sogar auch Heb- a m m e n. Mit der Inbetriebnahme des Werkes sollte sogleich auch der Bau von Wohnungskolonien für Angestellte und Arbeiter be- ginnen. Pomphaste Inserate lockten überall die Leute an. Aber mit dem Kapital haperte es immer noch so sehr, daß nicht einmal diese Inserate bezahlt werden konnten. Auf mehrere An- zeigen hin griff die Inspektion C der Kriminalpolizei ein, und sie setzte auf Grund ihrer Ermittlungen die Subdirektoren Walter Frank aus der Elsasser Straße, Bruno B w a r w i g, ein Oester- reicher, der in der Pofener Straße 1 wohnte, Wilhelm O e r t e l aus der Friedrichstraße 124 und Kurt Bockel aus der Pofener Straße 1 hinter Schloß und Riegel. Generaldirektor Mattern, der Gründer, wird dagegen noch gesucht. Vor dem Verwaltungsgebäude der Ge- sellfchaft in der Friedrichstraße spielten sich nach dem Zusammenbruch ungefähr die gleichen Szenen ab, wie damals bei Klante und Köhit und den anderen Wettkonzernen. Drei Opfer eines Revolverhelden. Am Freidaq abend wurde an der Ecke der Stralauer Allee und der Bödickcrstraße der 23 Jahre alte Glasmacher Karl War- f ch e ck vom Markgrafendamm 30 von dem 46 Jahre alten Uhrmacher Heinrich H o r n u n g aus der Bödickerftr. 4 durch einen Hcrzschuß getötet. Der 24-Jahre alte Arbeiter Albert Dietel aus der Bosfeftr. 10 erhielt zwei Bauchschüsse und wurde so schwer ver- letzt, daß er nach dem Krankenhause am Friedrichshain gebracht werden mußte. Hornung war mir den Männern in Streit geraten, weil sie seinem Hunde Fußtritte versetzt hatten, und hatte in der Wut auf sie geschossen. Er wurde zunächst ver- haftet, nach Feststellung des Tatbestandes wieder entlasten. Gestern in der siebenten Abendstunde erschienen nun vor seiner Wohnungstür der 36 Jahre alte Kutscher Ernst H e n n i g aus der Liebigstr. 42 mit zwei anderen Männern und verlangten Einlaß. Als Hönning das verweigerte, stieß Hennig die untere Türfüllung ein, um mit Gewalt einzudringen. Jetzt griff Hornung zur Abwehr wieder z u r W a f f e und gab einen Schuß ab. Kriminal- und Schutzpolizei- beamte des 43. Reviers, die gerufen wurden, fanden den Kutscher Ernst H e n n i g t o t im Hausflur liegen. Ein Arzt stellte einen Herzschuß fest. Der Vorfall erregte in der Nachbarschaft ungeheure Aufregung und veranlaßte eine Ansammlung von mehr als 1000 Personen, die Miene machten, Hornung aus der Wohnung heraus- zuholen. Ein starkes Aufgebot von Sichcrheitsbeamten war not- wendig, um das zu verhindern Jnvoliden«wd Teuervttg. In 5 großen öffentlichen Versammlungen waren am Sonntag durch den Zcntralveiband der Invaliden und Witwen Deutschlands die Groß-Berliner Invaliden und Alten zusammengerufen, um Protest gegen die ungeheure Brot-, Kartoffel- usw. Verteuerung und die unzulänglichen Hilfs- maßnahmen zu erheben. Es referierten Stadtverordneter Su b k e, der Vorsitzende der Berliner Gewerkfchafiskommission. S a b b a t h, Reichstagsabgeordneter Karsten, Verbands- Vorsitzender Lüneburg, Bezirksverordneter R o h d e, und die Invaliden Heer mann und Schneider, die anführten, daß die Invaliden, Alten und Schwachen wehrlos sind und keine Mög- lichkeit besitzen, aus eigner Kraft die allernotwendigsten Mittel für den Lebensunterhalt zu beschaffen. Aus dem Arbeitsmarkt zum allergrößten Teil ausgeschaltet, stehen ihnen nur die niedrigen Renten und A r m e n u n t er st ü tz u n g e n zur Verfügung. Die Rente eines Jnvalidenrentners beträgt jetzt 8 M pro Tag, sie kann unter„besonderen Umstände n" auf 13 M. nach dem letzten Beschluß des Reichstags erhöht werden. In allen Dersamm» lungen wurde einstimmig eine Entschließung angenommen, in der gefordert wird: 1. Schaffung einer allgemeinen Volksfürsorge. Bis zu ihrer endgültigen Durchführung Erhöhung aller Renten, sätze für Invaliden, Witwen und Waisen in Höhe der jeweils geltenden Sätze der Erwerbslosenfürsorge. 2. Anwendung des Schwerbeschä» digtcngesctzes auch auf die Jnvalidcnrentner und sonstigen Erwerbs- beschränkten von 50 Proz. Beschädigung an. 3. Erhöhung der Renten der Unfallverletzten unter 50 Proz. entsprechend dem ge- sunkenen Geldwert und Fortfall der Drittelungsgrenzen bei Be- rechnung der Renten. 4. Weiterleistung der Vcrbilligunaszuscbüsts für das Brotgetreide seitens des Reiches für die Erwerbsbefchränk- ten und Erwerbsunfähigen. 5 Aufhebung des Reichsgesetzes über den Untcrftützungswohnsitz. kinöer in Not. Die Akiion der„Deutschen Kinderhilfe". Ueber die Arbeit der„Deutschen Kinderhilfe" in Groß-Derlin ist jetzt durch ihren Groß-Berliner Ausschuß ein Bericht veröffentlicht worden. Die Sammlung von Spenden für die not- leidenden K i n d e r, die im Winter 1920/21 veranstaltet wurde, brachte aus Gr o ß-B erlin 7604452 M. Dank der Mitarbeit der öffentlichen und der privaten Jugendwohlfahrtsorgane hielten die Werbe- und Verwaltungskosten sich auf der mäßigen Höhe von noch nicht 3¥j Proz., d. h. von jeder gespendeten Mark gingen noch nicht 3� Pfennig für Unkosten ab. Dagegen war es bisher in Berlin bei den Häuskollekten der meisten Wohltätigkeitsvereine üblich, den Einsammlern 20 Proz., 25 Proz., ja 33� Proz. der zusammengebrachten Beträge als Vergütung zu zahlen. In den einzelnen Verwaltungsbezirken der neuen Stadtgemeinde Berlin arbeiteten Bezirksausschüsse, die sich zusammensetzten aus Vertretern der öffentlichen Jugendwohlfahrtsorgane, der privaten jugendfürsorgerischen Organisationen, der Gewerkschaften, auch der meisten politischen Parteien. Der Bericht hebt mit Bedauern hervor, daß die auch in Fabriken, in Han- d e l s b e tri e b e n und bei Behörden geplanten Sammlungen nicht allgemein durchgeführt wer- den konnten. Das war, sagt er,„nicht möglich, weil die um ihre Mitarbeit im Arbeitsausschuß gebetenen Vertreter der Unab- hängigen Sozialdemokratischen Partei die Beteiligung an der„Deut- schen Kinderhilfe" grundsätzlich ablehnten und dadurch die Gefahr nahe lag, daß die Sammlung zu einem Streitobjekt unter den Arbei- lern und Angestellten wurde." Die Sammlungen in Fabriken lie- fcrten daher nur 294 120 M., etwa 4 Proz. des Gesamtertrages. Bei der V e r t e i l u n g der aus den Spenden zusammen- gebrachten Mittel wurden viele Familien durch die Bezirksausschüsse direkt unterstützt. Daneben erhielten zahlreiche Organisationen und Anstalten mehr oder minder große Beihilfen zur Verwendung für die von ihnen betriebene Kinderpflege und Kinderfürsorge. Gezahlt wurden auch an die Berliner Arbeiterwohlfahrtstommis- s i o n der SPD. für chre Kinderfürsorge 155 760 M. und an die Berliner Kinderschutzkommission der USPD. 148 750 M. Sie suchten ein Aergernis! Das polizeilich vorgeschriebene„öffentliche Aergernis" spielte in einer Verhandlung, die dos Schöffengericht Berlin Mitte beschäftigte, eine Rolle. Wegen Erregung öffentlichen Aerger- n i s s e s war ein älterer Beamter F. angetlagt, der beschuldigt wurde, mit einer unbekannt gebliebenen weiblichen Person in einem durch Ketten abgesperrten nichtöffentlichen Teil des Tiergartens das Aer» gernis zweier Sipobeamten erregt zu haben. Die Beweisaufnahme ergab, daß es völlig dunkle Nacht gewesen war, in der man erst aus 1 bis 2 Meter Entfernung hätte sehen können, um was es sich handele. Im übrigen wäre dies auch nur mit Hilfe einer Taschenlampe möglich gewesen. Zu der Verhandlung war von Rechtsanwalt Dr. Walter N i e m a n n der Kriminalkommissar Dr. Kopp geladen, der ieit 18 Iahren das hier in Frage kommende Dezernat im Polizeipräsidium leitet. Dr. Kopp bekundete u. a., daß er es für ein psychologisches Unding halte, wenn ein Beamter, der daraus ausgehe, sich sogar bemühe, mit einer Taschenlampe etwas zu sehen oder zu erkennen, ein öffentliches Aergernis nehmen könne. Der Beamte befände sich in einem psychologischen Irrtum, wenn er trotzdem Aerger- nis nähme. Er könne sich unmöglich ärgern, wenn er finde, was er suche. Unter Hinweis auf dieses Gutachten führte R.-A. Dr. Nie- mann weiter aus, daß sich die„Tat" in einem nicht ösfentlichen Teil des Tiergartens abgespielt habe, wohin die Beamten nachgeschlichen seien. Dies sei ebenso, als wenn jemand heimlich in ein Schlafzimmer mit nicht zugezogenen Gardinen hineinschaue, nachdem er eine Stunde darauf gewartet habe.— Das Gericht schloß sich dem Gutachten des Sachverständigen und den Ausführungen des Verteidigers voll an und erkannte auf Freisprechung. Schon wieder Streichholzwuchcr. Sobald die Preise steigen, sind es in erster Linie auch immer die Streichhölzer, die zurückgehalten oder nur zu Wucherpreisen ver. kauft werden. An den behördlich festgesetzten Höchstpreis kehrt sich auch hierbei längst kein Verkäufer mehr. Gegenwärtig werden Pakete mit zehn Schachteln, wenn man sie überhaupt erhalten kann, mit7bis 8M. abgegeben. Für die einzeln« Schachtel läßt man sich eine Mark bezählen. Herr Albert Arndt. WilmerZdorf, u bland st r. 13 0, bittet mitzuleilen. daß er mit dem zu tb Monaten Zuchthaus verurteilten An- geklagten Albert Arndt nicht identisch und auch nicht verwandt ist. Wetter für morgen. Berlin nnd Ningegend. Ziemlich mild, veränderlich, iiberwlegend vewölkl mit wiederholten Negensällen und sehr lebhaften südwestlichen Windem Oberschlesische Räuberbanden. Eine Bande von 60 Mann kam am Sonntag nach Nie« borowitz, Kreis R y b n i t. Auf einem Bretterwagen führten sie Maschinengewehre mit. Die mit Revolvern und Gummiknüppeln bewaffnete Bande umstellte das Gasthaus Bornatzky, drang in das Lokal ein, mißhandelte den Besitzer, seine Frau, zwei Söhne und einen Gast. Sie raubte alles, was sie an«Geld, Waren und sonstigen Gegenständen vorfand. Die Ge- meindewache war machtlos.______ Hroß-Serliner parteinachrichten. 14. Kreis, NeokSlln. In der SchiilenverNIStte der St. und ZZ Eemeindekchur« Rttttltstrage werden PappardeUen»»sgetleM, d!c In Lehrer-»nd EchUterlurien in der Zeit von Anfang Dezember bis Ende Mär» hergestellt wurden. Besuchs- »cit vom 4.— k. Apr» vormittags 11—1 und nachmittags von 5—7 Uhr. Allrn Denossen ist der Besuch empsohten. 51. Adt. Eharloticnburg. gahlabcnd der S. D nippe diesmal am Mittwoch, den 5. Apr», abends 7>/z Uhr bei Holtmann, Sophie-Charlotte-Etrahe 78— Donners. tag. den 0. April, abends 71/, Uhr bei Rchflu», Friedrich-Kari-Piaz«, Sitzung der Funktionäre der 2. Gruppe. C9. Abt. Wilmersdorf Mittwoch, den 5. April, abend« 7>/, Uhr bei Umlang, Gis-llastratze, Ecke Wegcnersttaße, MilgitedcrverslmmUung. Thema: Wirtschast»- kragen. Referent JIgnea Oewerkfchojwbewegung Neichstarif für die Schuhindustrie. In der Schuhindustrie ist ein neuer Reichstarif vereinbart war- cn, der am 1. April d 3. in Kraft trat. 3n fünftägigen schwierigen ücrhandlungcn gelang es, den Versuch der Unternehmer, die Arbeits- z-it zu verlängern, abzuschlagen. Ausfallen der Arbeits- zeit, die durch das Verschulden des Arbeitgebers entsieht, soll mit dem Durchschnitlsstundsnvcrdienst der letzten vier Wochen vergütet werden. Liegt die Schuld auf feiten des Arbeiters, so findet eine Vergütung nicht statt, doch ist die Arbeitszeit auf Verlangen des Slrbeitgsbers gegen tarifmäßig« Entlohnung nachzuholen. 3n Krank Heilsfällen erhält ein länger als drei Monate im Be- triebe tätiger Arbeiter 50 Proz. des Mindestlohnes ohne Anrech- nung des Krankengeldes, und zwar im ersten Jahre auf drei, im zweiten auf vier, im dritten auf fünf Tage usw. bis zur Höchstdauer von 15 Tagen, die nach 13 Dienstjahren eintritt. Die Einführung einer neuen Arbeitergruppe„Lehrlinge" wurde für die Zuschneidern und Stepperei vereinbart. Es ist ein zweijähriger Lehrvertrag vorgesehen, dessen unveränderlicher Eni- wurf genehmigt wurde. 13,44 M. festgesetzt, der sich für die folgenden Ortsklassen jedesmal Für Arbeiter in Ortsklasse V ein Stundenlohn von um zirka 1 M. erhöht, um in Ortsklasse I die Höhe von 16 M. zu erreichen. Für weibliche Arbeiter im selben Alter ist der Lohn durchschnittlich um 4 M. niedriger. Diese Mindest Zeitlöhne erhöhen sich bei Akkord- arbeit für männliche und weibliche Arbeiter gleichmäßig um 12% Proz.. Die Umrechnung der neuen Akkordlöhne soll bis zum 1. Mai 1922 durchgeführt werden. Bis dahin ist ein Vorschuß bis zur ungefähren Höhe der künftigen Tariflöhne zu ocwähren. Sämtliche Furnituren sind durch den Arbeitgeber zu liefern, ebenso die notwendigen Werkzeuge. 3m Ortsklassen- Verzeichnis wurden 273 Orte höher gestuft. Das Ortsklassenver- zeichnis hat für ein 3ahr Gültigkeit, während der Reichstarif bis zum 31. März 1S24 in Kraft bleiben soll. Streik i« der Margarineindustrie? 3n der Margarineindustrie nehmen die Lohnverhandlungen einen unbefriedigenden Verlauf. Während die Unternehmer mit ihren Preisen sprunghaft in die Höhe gehen und dabei gar nicht zimperlich mit Pfennigen rechnen, sondern diese jedesmal um 3— 4 Mark pro Pfund erhöhen, versuchen sie 'die Arbeiter mit Bettelpfennigen abzuspeisen. Die Margarineindustrie ist durch das Verhalten der Unternehmer zur Saisonarbeit geworden. Heute werden Hunderte von Ar- beitern angestellt, acht Tage später wieder entlassen, um nach ein paar Tagen wieder eingestellt zu werden. Der Profit könnte sonst, wenn die Arbeiter durchgehalten werden, geschmälert werden. 3n der stark besuchten Branchenversammlung am 1. April wurde das Berbalten der Unternehmer gegeißelt und von der Versammlung der Beschluß derHa in burger Kollegen, solange jede U e b e r- st un de und Sonntagsarbeit zu verweigern, bis die Unternehmer eine vernünftige Arbeitsmethode einführen, gutge- heißen und auch für Berlin einstimmig angenommen. Eine Entschließung wurde ebenfalls einstimmig angenommen, worin es heißt: „Die vom Verband der Fabrikarbeiter einberufene Branchen- Versammlung der Margarinearbeitcr Groß-Berlins weist die von den Arbeitgebern als letztes Angebot gemachten Zulagen zurück; ferner besteht sie darauf, daß die Lohnkommissian unter allen Um- ständen an ihrem Standpunkt— 18 M. als Stundenlohn ab 15. März— festhält Die Versammlung beauftragt den Hauptoor- stand: Sollten die Arbeitgeber auf ihrem Standpunkt verharren, mit allen gewerkschaftlichen Mitteln die Forderung durchzusetzen." Der Treuhänder der Heilsarmee. Zu der„Berichtigung" in Nr. 148 des„Vorwärts", die uns Herr R o ch o c z auf unsere Notizen in den Nummern 137 und 140 sandte, erhalten wir folgende Zuschriften: „Der Mieterausschuß des Grundstückes Dresdener Straße 34/35 sieht sich gezwungen festzustellen, daß die An- gaben des Herrn Rochocz größtenteils unwahr und auf 3rreführung der öffentlichen Meinung berechnet sind. Viel- mehr sind die in einer früheren Stummer des„Vorwärts" gebrachten Angaben bis auf einige unwesentliche Punkte richtig, und wir empfehlen den Vertretern des Portierverbandes, sich bei uns die authentischen Unterlagen zu verschaffen, die wir gern zur Verfügung stellen. Verschiedentlich haben wir versucht, die in jeder Beziehung unhaltbaren Zustände, an denen Herr Rochocz nicht schuldlos ist, zu ordnen, sind aber stets von dem Herrn in brüsker Form zurück- gewiesen worden. Es würde hier zu weit führen, jede einzelne Bc- hauptung von Herrn Rochocz zu widerlegen, aber ein Vorkommnis möchten wir 3hnen nicht vorenthalten, weil es besonders kenn- zeichnend ist. Vor kurzem empfahl Herr Rochocz den Portiers, auf dem Grundstück liegende, ihnen nicht gehörende Eisen- und Maschinen- teile zu veräußern, um ihre Einkünfte zu erhöhen. Dieses Ansinnen wurde von den Portiers zurückgewiesen. Der Mieterausschuß des Luisenhofes." Von den Portiers wird uns mitgeteilt: Der Portier P a e tz ist Rentenempfänger und hat 93,45 M. , Rente, bekommt 300 M. Lohn; er muß einen Hochdruckkessel und ! einen Fahrstuhl bedienen und zwei Höse rein halten. Der Portier Hab ermann ist kein Rentenempfänger, bekommt ebenfalls 300 M. Lohn, hat zwei Fahrstühle zu bedienen und drei Höfe rein zu halten, ohne die andere Arbeit. Der Nachtportier iPatermann bekommt 300 M. Lohn. Der Portier Blank, Vater von neun Kindern, bekommt 500 M. Lohn. Er muß zwei Heizungen bedienen, die eine Sonntags und die andere abends, wenn die Heilsarmee Versammlungen abhält. Für Sonntagsdienst werden 50 M. gezahlt. Hat Herr Rochocz den Tatsachen gegenüber, auf die es hier lediglich ankommt, der schlechten Bezahlung der Portiers, noch etwas zu berichtigen? Er wird schon für bessere Bezahl ung sorgen müssen._ DaS Recht gegen Streikbrecher. Die Gewerkschaft der Spitzenarbeiter in Frankreich hat im ver- gangenen 3ahr in einem Lohnkampf den Streik beschlossen. Viele Mitglieder wollten jedoch die Arbeit nicht einstellen. Gegen diese hat nun die Gewerkschaft beim Gerichtshof zu Lyon eine Klage zur Leistung eines Schadenersatzes von je 5000 Frank ange- strengt, mit der Motivierung, sie hätten durch die Nichtbesolgung des , Beschlusses der Bewegung einen erheblichen Schaden zugefügt. Der Gerichtshof hielt den Anspruch für gerecht und die Streikbrecher wurden zur Zahlung von je 100 Frank Schadenersatz an die Gewerkschaft ver- urteilt. 3n der Begründung des Urteils heißt es u. a.:„Der Gowerk- . schaftler, indem er sich den Statuten der Gewerkschaft unterwirft, verpflichtet sich, die regelrecht gefaßten Beschlüsse zu befolgen, und deswegen hat die Nichtbeachtung derselben die Pflicht zur Schaden- ! crsotzleistung zur Folge. Eine Einschränkung der persönlichen Frei- ! heit liegt hier nicht vor, da der Beitritt in die Gewerkschaft den l Arbeitern freisteht, ein Zwang hierzu ist nicht vorhanden. Das Verhalten der Beklagten hat die Gewerkschaft sowohl moralisch wie ! auch wirtschaftlich benachteiligt, ihr Ansehen gemindert und die Interessen, deren Vertreterin sie ist, geschädigt. Der Mangel an Disziplin innerhalb einer Gewerkschaft stärkt den Widerstand der Gegnerpartei und verlängert nur den Arbeiterkonflikt." Dieses i interessante Urteil des Gerichtshofs(so bemerkt die Zeitschrift„Le Producteür", die es veröffentlichtes ist geeignet, einer neuen Recht- ! sprechung die Bahn zu brechen.(Auch in Deutschland?) heule abend keine Holzarbeiterversammlung! Die zu heute 7 Uhr nach der Bötzow-Brauerei einberufene Versammlung der Vertrauensmänner und Betriebsräte der dem Reichsmanteltarif unterstehenden Betrieb« mußte zu Freitag oertagt werden, da die ! Verhandlungen beim Schlichtungsausschuß noch nicht beendet sind. Siehe Inserat! Achtung, Bauarbeiter! Das letzte Lohnabkommen im Hoch- und Betvnbauzewerbe ist von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite angenommen worden. Somit tritt ocr erhöhte Stundenlohn für das Lohngebiet Groh-Bmin ab 31. März in Kraft. Der Vereinsvorstand. Deutsche Fllmgewerkschaft. Die über da».Welt- Theater' Schönhauier Allee 144 verhängte Sperre ist wieder aufgehoben. Im kalkwerk Haueda bei Kassel wurde— wie uns telegraphisch mitgeteilt wird— die Entlassung sämtlicher Arbeiter wegen Nicht- belieferung von Kohlen ausgesprochen. Für die Zwangsorganisation der Arbeiter in Spanien machen die Unternehmeroerbände Spaniens lebhafte Propaganda. Samt- liche Arbeiter mühten nach Berufen in Zwangsorganisationen zu- sammengefaßt werden. Auf diese Weise hoffen die Unternehme? die Gründung und das Bestehen der auf der Grundlage des Klafseu- kampfes stehenden freien Gewerkschaften zu oerhindern. Sonst pflegen die Unternehmer im Namen„der Freiheit" gegen die Arbeiterorganisationen aufzutreten, in diesem Fall möchten sie die ihnen gefällige Organisation zwangsweise errichten. Bon den kanadischen Gewerkschaften, In Kanada bestehen drei Gewerkschastsrichtungen. Die bedeutendste ist die der fteien oder „internationalen" Gewerkschaften, welche den Grundsatz vertreten, daß angesichts der engen Verquickung der kanadischen mit der Wirt- schaft der Bereinigten Staaten die gemeinsame über beide Länder sich erstreckende gewrkschaftliche Form die geeignetere ist. Daher ge- hören diese Gewerkschaften sämtlich als kanadische Bezirksvereine den amerikanischen Verbänden an, die sich aus diesem Grunde auch allgemein„internationale" Verbände nennen. Die kanadische Spitze ist der„Kanadische Gewerkschaftskongreß", der auch noch der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale angehört. Er zählt rund 260 000 Mitglieder. Ein besonderer„Kanadischer Arbeiterbund" vertritt den natio- nalen Standpunkt auch dahin, daß jede feste Verbindung mit den amerikanischen Gewerkschaften abgelehnt wird. Er hielt kürzlich In Montreal seine 13. Jahresversammlung ab. 20 Delegierte ver- i traten zehn angeschlossene Gewerkschaften: Angaben über die Mit- gliederzahlen wurden nicht gemacht. Die dritte Richtung ist der„Bund der katholischen Arbeiter Kanadas". Er zählt 224 Vereine mit annähernd 45 000 Mitgliedern. i Es wurde eine endgültig« Satzung beschlossen, doch bestimmt, daß die Festsetzung der Grundsätze des Bundes den religiösen bzw. kirch- lichen Instanzen überlassen bleiben soll. Bundessitz ist Quebec. Band der technischen Angestellten and Beamte«. Mitglieder-Versammlungen. Bonnerstag T/, Uhr: Norden IV, Rest. Hubertus, Bon, holmer Elr. SS; Nordwest I, Rest. Mattte, Turinstr. 78; llharlottendurg I, Aug,».gasino, Kais-Aug,» Allee 36; llharlottendurg II. Akadem. Bierhallen. Schillerstr,'Ji: Charlottendnrg III, Deutsches Haus, Windscheidstr. SS; Spandau, Neuer Ratskeller, Rathaus; Sieglitz, Althoff. Althoff», Ecke Kornerstraße: Friedenau, Hohenzollern, Handjerystraße.— Freitag 7', Uhr: Kentrum»S!ld, Alexandriner, Alexandrinenstr. 87: NeuISlln. Biirgersllle, Dergstr. 147; Oberschiincroeide. Hubertus. Edison-, Ecke Waldstraße; Osten lt, Logentasino, Knorrpromenade 2; Potsdam, Milhlenpark, Reubabelsberger Straße; Schöneberg. Ebershof, Ebersstr S8; Tempelbof, Kafino-Reft., Berliner Straße ISä; Weißensee, Spatenbräu, Berliner Allee 232; Norden III, Rest, gum Hagenbeck, Müller», Ecke Seestraße.— Sonnabend 7>/, Uhr: Oranienburg, Reichshof, Bernauer Str. 38. Deutscher Holzarbeiter- Berbaad. Musikinstrumenten• Arbeiter! Außerordentliche Milgliederversaininlung aller Branchen Mittwoch S Uhr, in der Brauerei Känigstad», Schönhauser Allee 10/11, Bericht von den Lohnoerhandlungcn. Die Branchcnleitung. Berantw. für den tedaki. Teil: Fron, Klüh» Berlin-Lichterfelde; sllr An» «igen: Th.«locke, Berlin. Berlag Borwärts-Birlilg tlll'm. b. H.. Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerei u. Berlagsanftalt Paul Singer u. To.. Berlin. Lindenstr- 3. veutichei' Ihotearbeitmei'baiKl VcpwaltuwgsItcUe Berlin. Uertrauensmänster und Betriebsräte! Die zu heut abend(Dienstag, den 4. April 1922) anberaumte Versammlung kann wegen Forlsetzung der Verhandlungen im Schlichtungsausscbuß erst am Mag, den DetBöBoio-Btauetei Prenzlauer Allee 242. stattfinden. Eintritt nur mit Verbandsbuch und Funktionär-Karlen. 40 6 Die Ortsverwaltung. Achtung! p"r»wertr Achtung I Oberhemden, Leinenwäsche, Sport» wasche, Einsetz« u. Normalhemden, Strumpf- und Wollwaren, moderne Krawatten j Spez.; Dauerwäsche| JA Ifh�rO' Neukölln, Bergstr.lSS . ril IUCI � Fi,.: Berlin. Oranienstr. 199 � Garderobe fflr Damen, Herren und Burschen sehr preiswert infolge groller, alter Lagerbestdnde bei bepemen Ratenzahlungen B. Ip i Co. Berlin, EoBSselstr. 20 lankaufsslElle Osten GrOnerWeg 80 rann Tagesoreise für Kupfer, Messing Blei, Zink etc. KUPFER nnd säratl. Altmetalle Gold-, Silber- Brach kauf: zuEngrospreisen Metallankaof PDdilerstr. 5 an der Köpenicker Str. Fahreeldvergütung* Sonderangebote Ii. Gelegenheitsküule in Rasten Stores, Bettdecken Madras- und Künstlergardinen Spsz.-Gardlneiiverkslan Neukölln, Bergstr.67 am Rlngbahnhof. ZeilWWMl! 'gebündelt, kg 5,—" £}ati6' Wein. lumpen! flaschen! HobePreise Neukölln. ÄV78. latzgeschah! Kein Laden: �prufpr.- Neukölln 2S1 Bettwäsche ZU Fabritpreisen I Damenhemden, band» Illch, Ttfcht., Schürzen! Aasschneiden!* Ecketirechtj�a Zahngebisse erbrochene Teile, einzelne Zäh | Gold<> Silber 1 Bruch, Ketten, Bestecke, Barreo | kau?t zu unüberbietbaren Preisen[ Heinrich Trapp Handelsgerichtlsch eingetragene Firma | Beuthstr.10(laden)"SÄ'1' 1 | Telephon: Zentrum 1876] Stofff- Resle- Haus A. M. Steinhardt 18 Kottbuscrdamm 18 Neuheiten für Kostüme, Kleider u. Ulster— Covercoats In 10 Farben Reste für Herren- Anzüge u. Schlüpfer Friedens-Qualitäten — Billige Preise— {Gold Silber Platin* Zahngebisse I Erich Fuhrmann Haarpuder ßflltzstr.Z�Ä Herren- n. üamen- stolfe, Seiden, Samt, sämtl.Futterartikel bedent. unter Preis MMS�� I 8s spricht sich mm daß unsere werte Kundschaft bisher überaus preiswert bei uns gekauft hat. Ein ständig wachsender Kundenkreis beweist uns, daß wir den rechten Weg eingeschlagen haben, um uns auch fernerhin das Vertrauen des kaufenden Publikums zu sichern. Trotz der großen Teuerung immer noch sehr billig!!! IfowaSdiidi Prinzenstraße 49 am Moritzplatz yd DtUVW. Uli Tlom 3.-8. April: Aussteuer-Woche. NV Soadee-Ttadattt Z!ur la Ouaiitiiten in den richtigen Längen u. Breiten Ct. Bezug 265,00 Bissen 69,00 Laken 159,00 Schöne Leibwäsche sehr billig. Ferner: Wäschestoffe, Inletts, Handtücher, lleberschlaglaten, 'Silber-l MOB Platin, Brillanten etc allerliScWä Tajesprsls:! VWeWMion am MMMM C. Merikt.«!!.. FrankfarterAllee276 Nähe Ringbahnhol Fahrgeld wird vergütet! Ooltzflr. 26 a. Winterfeldtpl __ Colonnenftr. 62 SchSnedeeg iMin.o.Bhf.Tcht>g. saufen Sie sehr oorteilhaft im Spezial- Möbelhaus feCArtNlTZER Schönhanscr Allee 82 Ecke Wichertstraße, am Ringbahnh. Schönhauser Allee und Hochbadnst. Aordring ,lli!ÄWedbGeMMäbliiiig,