Nr. 218 39.Jahrgang Ausgabe A nr. 109 Bezugspreis: Bierteljährl.105.- M., monatl.35, frei ins Haus, voraus zahlbar. Boftbezug: Monatlich 35.-M., einschl. Zuftellungsgebühr. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Saar- u. Memel gebiet, sowie Defterreich u. Lugemburg 69.-M., für das übrige Ausland 87, M. Voftbestellungen nehmen an Belgien, Dänemart, England, Esth land, Finnland, Frankreich Holland, Lettland. Luxemburg, Desterreich. Schweden, Schweiz, Tichecho- Slowakei und Ungarn. Der Vorwärts" mit der Sonntags. beilage Bolt und Zeit" der Unter haltungsbeilage Heimwelt" und der Beilage Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal, Sonn tags und Montags einmal Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin" Morgen- Ausgabe Vorwärts Berliner Volksblatt 1 Mark Anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillegeile toftet 16,- M.- Reklamezeile 80.-M. „ Kleine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 4, M.( zulässig zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 3, M. 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Die Ausarbeitung der russischen Antwortnote auf das Memorandum hat den ganzen Tag in Anspruch genommen, ohne daß fie fertiggestellt werden konnte. Tschitscherin hatte Havas schreibt halbamtlich, die tiefbedauerlichen Angriffe zwischendurch Beratungen mit den verschiedensten Delegationen, und die unannehmbaren Forderungen englischer Blätter entseine Mitarbeiter über verschiedene Punkte Spezialberatungen, sprächen gewiß nicht der Meinung und den Absichten der eng was alles die endgültige Fassung behinderte. Die Antwort lischen Regierung; der Besuch König Georgs an den belgischen wird deshalb erst am Mittwoch überreicht werden. Trotzdem und französischen Kriegergräbern werde ganz England wieder werden bereits jetzt Einzelheiten über den Inhalt veröffent- an die gemeinsamen Opfer erinnern. licht, die jedoch von russischer Seite ausdrücklich auf freie Erfindungen zurüdgeführt werden. Die Fehler von Genua. Die allgemeine Situation wird auch von französischen Delegierten zurzeit nicht mehr so pessimistisch be= Prag, 9. Mai.( WTB.) Pravo Lidu"( fozialdem.) veröffent. trachtet wie am Montag. Man verspricht sich von der ständigen licht eine Unterredung seines Genueser Korrespondenten mit dem Bermittlungstätigkeit Schanzers bei den Belgiern viel Erfolg, Ministerpräsidenten Dr. Benesch, der erklärte, der Hauptfehler und es scheint, daß die französische Delegation, die trotz ihrer der Konferenz bestehe darin, daß die russische Frage als der Freundschaft mit den Belgiern nicht immer der belgischen wichtigste Punkt der Konferenz bezeichnet werde, während das wirt. Auffassung war, das Nachgeben Jaspars als Deckung für schaftliche Hauptproblem Europas die Frage sei, wie die einen neuen Rudzug benutzen will. Andererseits erklärt Reparationsnotwendigkeiten Deutschlands mit den Erfordernissen man auf französischer Seite, daß der Verzicht Rußlands auf des wirtschaftlichen Wiederaufbaues Europas in Einklang zu bringen Staatskredite und die Borliebnahme mit Privatkrediten, die feien. Auch sei es ein methodischer Fehler gewesen, zur Konferenz die einzelnen Regierungen in Aussicht gestellt haben, die Lage nicht mit einem genau ausgearbeiteten Brogramm zu kommen. Oft wesentlich verbessere und so auch für Frankreich neue Berhandlungen bei einer verständigen Antwort der Russen nicht ausschließe. Neuerdings hat der Bap st ein Schreiben an die zu dem Heiligen Stuhl in Beziehung stehenden Staaten gesandt, in bem er u. a. einen glücklichen Ausgang der Konferenz wünscht. Bemerkenswert in dem Brief sind folgende drei Forderungen: 1. Bolle Gewissensfreiheit für alle russischen Bürger und Aus. fänder. 2. Garantie der privaten und öffentlichen Ausübung der Religion und des Kultus. 3. Grundstücke und Gebäude, die einer Konfession gehört haben, werden zurückgegeben und genießen jeden Schuh. Eine Erschwerung der Lage, von der wieder einmal gesprochen wird, kann in diesen Forderungen nicht gesehen werden; sie dürften aber wohl nur im Rahmen allgemeiner Abmachungen erfüllt werden. Briefwechsel Lloyd George- Barthou. Die englische Delegation in Genua gibt folgenden Brief Lloyd Georges an Barthou bekannt: hätten inner politische Interessen den Standpunkt dort bestimmt, wo nur fachliche Rücksichten hätten entscheiden sollen. Die Kleine Entente habe in Benua ihre innere Festigkeit vollkommen erwiesen. Die Interessen der Tschechoslowakei ständen übrigens nirgends im Widerspruch zu dem wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas, und ihre Beziehungen zum Auslande richteten sich nach den als not wendige Boraussetzungen besserer Berhältniffe in Europa anerkannten Grundfäßen. Was Dr. Benesch als Hauptfehler rügt, ist die Schuld und Abum den bloc national nicht zu erzürnen, die Reparationsfrage ausficht des Poincaré Rurses, der aus innerpolitischen Gründen, geschlossen hat. Die Hilfe für Rußland. Genua, 9. Mai.( WTB.) Im Auftrage des Präsidenten der Konferenz ist der ruffischen Delegation ein Promemoria überreicht worden, das nähere Ausführungen über die finanziellen Vorteile gibt, die aus dem Abschluß eines Vertrages auf Grund des Memorandums der politischen Unterfommission für Rußland sich ergeben würden. Dieser Schritt ist veranlaßt worden durch die Unterredung Schanzers mit Tchitscherin. Letzterer hatte den Wunsch ausgesprochen, die ihm von Schanzer vorgeschlagenen Argumente in zusammengefaßter Darstellung zu erhalten. In dem Promemoria wird die Hilfeleistung, die die Mächte Rußland zukommen lassen wollen, näher umschrieben. Vorwärts- Verlag 6.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Berlag, Grvedition und Inferaten. Abteilung Morigplak 11753-54 Ein glückliches Land. Preußen braucht keine Steuern! Durch die neue Reichsverfassung und Erzbergers große Finanzreform ist die Steuerhoheit der deutschen Länder sehr erheblich zugunsten des Reiches eingeschränkt worden. Diese Tatsache ist von den zahlreichen Anhängern der alten bundesstaatlichen Selbständigkeit in den Rechtsparteien und namentlich in den Kreisen der konservativen höheren Beamtenschaft der Landesregierungen oft und scharf kritisiert worden. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß die Steuerhoheit eines der wichtigsten Bestandteile der Staatshoheit überhaupt ist. Ein Land, dem das Recht der Steuerhebung genommen ist, hat nicht mehr die Möglichkeit, seine Finanzen frei zu regeln und wird kaum noch als selbständiges Staatswesen, ja vielleicht überhaupt nicht mehr als Staat angesprochen werden können. Parteien und Kreise, die in Verbindung mit der monarchischen Es verdient daher um so mehr Beachtung, daß dieselben Parteien und Kreise, die in Verbindung mit der monarchischen Idee den Kampf für möglichst weitgehende Selbständigkeit der Einzelstaaten auf ihre Fahnen geschrieben haben, bisher für den Ausbau der den Ländern verbliebenen Steuern so gut wie nichts getan, sondern im Gegenteil alle darauf gerichteten Bemühungen geschickt zu durchkreuzen gewußt haben. Die Erklärung hierfür ist allerdings für denjenigen nicht schwer zu finden, der weiß, daß für die Länder in der Hauptsache nur noch zwei Steuerarten in Frage kommen: Grundbesigund Gewerbesteuern. Namentlich der Egoismus der Land- wie Hausagrarier ist zu bekannt, als daß man noch besonders hervorzuheben brauchte, wie bereitwillig fie ihre Staatsideale in den Schrank stellen, wenn zu ihrer Verwirtlichung Steuern erforderlich sind, die sie bezahlen müssen. Dem Preußischen Landtag liegt seit bald einem Jahre der Entwurf eines Gefeßes über die Erhebung einer Steuer vom Grundvermögen vor. Seine Beratung hat einen sehr mertniffen geführt. Während der erste, im Herbst 1920 der Lanwürdigen Verlauf genommen und zu recht seltsamen Ergeb desversammlung vorgelegte Entwurf mit einem Ertrag von zwei Milliarden Mark rechnete, verlangt der jetzige trotz der zunehmenden Schwächung der Staatsfinanzen nur die Hälfte. Die gewollte Rücksichtnahme auf die Steuerscheu der landbefizenden Bevölkerung war unverkennbar. Trotzdem und obwohl an der Zahlungsfähigkeit der Landwirte doch wirklich nicht gezweifelt werden kann, haben die Vertreter der bürgerlichen Parteien in den Ausschußberatungen alles daran gesetzt, um den Steuerzugriff des Staates möglichst noch milder für die Grundbesizer zu gestalten. Von sozialdemokratischer Seite ist im Gegensatz hierzu Ich bin benachrichtigt worden, daß heute in englischen Zeitun versucht worden, durch gerechte Wertermittlung und durch gen ein Bericht über unsere Unterredung vom Sonnabend erscheint, Genua, 9. Mai.( EP.) Nach Darlegung der Folgen eines stärkere Heranziehung des Großgrundbesitzes den Ertrag der wonach ich erklärt haben soll, daß die Entente zwischen Frankreich Scheiterns der Verhandlungen erklärt das Memorandum die Zu- Steuer zu steigern. Zu diesem Zweck ist in erster Linie angeund Großbritannien zu Ende sei, und daß meine Ratgeber in fammensetzung und Tätigkeit des internationalen Konsortiums strebt worden, der Steuerermittlung den gemeinen Wert mich dringen, ein Abkommen mit Deutschland zu schließen. Ich und seine Kredite. Wenn das Anfangstapital dieses Konsortiums zugrunde zu legen. Leider vergeblich. Aber auch die übrigen habe bereits Herrn Chamberlain, der mich während meiner Ab- auch nur 20 Millionen Pfund Sterling betrage, so fönnten doch sehr auf Entlastung des Klein besiges und Schonung wesenheit als Premierminister vertritt, ersucht, diese böswillige umfangreiche Geschäftsbeziehungen damit in Rußland angebahnt der Kleinwohnungen gerichteten Anträge der SozialErfindung heute nachmittag im Parlament zu dementieren, und werden. Rußland könne sich durch seine eigenen Hilfsquellen wirt- demokratie sind am Ende der ersten Lesung abgelehnt worden. ich würde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie Ihrerseits diesen schaftlich und finanziell wieder erholen. Diese Hilfsquellen müßten Statt dessen hat man den gewerblid, genutzten Haus- und beiden Behauptungen widersprechen würden. Ich ersuche darum, aber vermehrt und die Produktion wieder aufgenommen werden. Grundbesig völlig herausgenommen und e.... Sonderbestim weil ich, wie Ihnen bekannt ist, die französisch- englische 3usam- Das Konsortium richte feine Tätigkeit gerade auf dieses Wiederauf- mung für öffentliche Gebäude eingefügt, durch die die Börse menarbeit zu hoch schätze, um zuzulassen, daß in der Deffent- bauwert, indem es Rußland die notwendigen Maschinen und Aus- von der Steuer befreit wird, während Cewerkschaftslichkeit ügnerische Behauptungen über diesen Gegenstand ver- rüstungsgegenstände bieten wolle. Das Memorandum erläutert und Volkshäuser steuerpflichtig bleiben! Doch breitet werden, und dies in einem Augenblick, der von der größten auch die praktische Bedeutung der englischen Ausfuhrtrebite, das ist noch nicht einmal das Aergste, wenn man nämlich beWichtigkeit für die Beziehungen der beiden Länder ist. Lange die die englische Regierung dem Ausfuhrhandel gewähren will. Un rücksichtigt, daß noch eine zweite und eventuell dritte Lesung vor dem Kriege bin ich ein aufrichtiger Anhänger der bestimmt wird auch auf die Möglichkeit einer Anleihe angespielt. des Gefeßentwurfes stattfinden sollte, in deren Berlauf sicher Entente zwischen Frankreich und England gewesen, und für mich Tschitscherin hat die Frage an Schanzer gerichtet, ob der größte Teil der zuerst gefaßten Beschlüsse wieder umgewie für jeden Engländer hat diese Freundschaft um so größeren Frankreich dem Memorandum zustimme oder von welchen stoßen oder abgeändert worden wären. Das politisch bedeutWert, als sie durch gemeinsame Opfer geheiligt worden ist. Da Mächten es ausgehe. her mein lebhafter Wunsch, daß nichts gefchehen möchte, mas die Auch Japan protestiert jetzt, weil Tschitscherin die Einwohner Auffassungen unserer beiden großen Demokratien trennen fönnte, von Korea als unterdrücktes Bolf bezeichnet hat. Japan erklärt, deren Zusammenhalten von so großer Wichtigkeit für den Frieden daß Rußland fein Recht habe, sich in die inneren Angelegenheiten Europas ist. Darauf hat Barthou geantwortet: anderer Länder einzumischen. Deutsch- italienischer Arbeitsvertrag. samste Ereignis ist vielmehr darin zu erblicken, daß der Ausfchuß nach einer wie üblich ziemlich langen, aber deshalb keiEintritt in die zweite Lesung beschlossen hat, vorläufig seine neswegs inhaltvollen Rede des Herrn Finanzministers vor Beratungen überhaupt einzustellen. Und die Begründung hierfür? Herr von Richter war ,, Mein lieber Herr Lloyd George! Sie appellieren an meine natürlich nicht so ungeschickt, geradeheraus zu sagen, daß der Beugenschaft betreffend die Unterhaltung, die wir am Sonnabend Genua, 9. Mai, 4% Uhr nachmittags.( Soz. Parlamentsdienst.) Finanzminister nie. Aber die von ihm selbst angeregte Verpreußische Staat kein Geld brauche. nachmittag hatten und die so viele Kommentare hervorgerufen hat. So etwas sagt ein Folgendes ist meine Antwort: Sie haben mir nicht gejagt, daß die Die seit einer Woche zwischen den beiden Regierungen geführten tagung der Beratungen hat doch nur einen Sinn, wenn minEntente zwischen Großbritannien und Frankreich zu Ende ist, und Berhandlungen über einen italienisch- deutschen Arbeitsvertrag find destens eine sehr starke Aussicht dafür besteht, daß Preußen Sie haben ferner nicht gesagt, daß Ihre Ratgeber Sie drängten, fich heute zu einem vorläufigen Abschluß gelangt. Hiernach verpflichten einstweilen auf die Erhebung einer statlichen Grundsteuer vermit Deutschland zu verständigen. Sie haben nur von den Schwie fich Italien und Deutschland, ihren Staatsangehörigen, die fich aus zichten kann. Und dieser Optimismus findet in der Tat eine rigkeiten gesprochen, die augenblicklich in den Beziehungen Gründen der Arbeit in den anderen Staat begeben wollen, weit gewisse Stüße in den bisher bekanntgewordenen Ergebnissen zwischen unseren beiden Ländern bestehen. Aber Sie haben nicht gehende verwaltungstechnische Erleichterungen zu gewähren. Der Würzburger Finanzministertonferenz, ein Wort ausgesprochen, das als Abficht ausgelegt werden könnte, Borgesehen ist Gleichstellung der Arbeiter beider Länder hinsichtlich auf der Herr Hermes in überraschender Weise den Ländern die Freundschaft, die uns vereint, zu vermindern, und ich hege alle der Gesetze, welche die Arbeitsbedingungen regeln und die Gesund- und Gemeinden Zusicherungen gemacht hat, die nur erklärlich Hoffnung, daß diese Union weiter bestehen wird. Ich bitte Sie, an heit und Sicherheit der Arbeiter sicherstellen. Die Koalitions wären bei einem sehr günstigen Stand der Reichsfinanzen, die meine Gefühle höchster Hochachtung, der Freundschaft und Ergeben freiheit wird in dem Maße, wie sie die Einheimischen genießen, aber völlig unverständlich sind, solange das Reich außerstande heit zu glauben. Barthou." garantiert, wie auch sonstige Rechte in sozialer Beziehung auf ist, den eigenen Haushalt ins Gleichgewicht zu bringen und In dem Brief Poincarés an den englischen Botschafter in Gegenseitigkeit gewährt werden. Die vorläufigen Abmachungen nur mit stärkster Inanspruchnahme der Notenpresse seine be= Paris heißt es: follen zunächst mit den Gewerkschaften in Berlin besprochen fannten großen Zahlungspflichten zu erfüllen vermag. Niemand in Frankreich hat die Dienste vergessen, die England werden. Nach Abschluß dieser Verhandlungen werden neue Be- Reichsfinanzminister Hermes hat anscheinend in Würzim Laufe des Krieges geleistet hat. Es hat sich für Frankreich sprechungen der beiden Regierungen erfolgen, denen sich dann die burg dreierlei versprochen: den Gemeinden soll der Ertrag nicht darum gehandelt, die Wahl zwischen England und Belgien zu Unterzeichnung des Bertrages anschließen wird. Imehrerer Steuern ganz überwiesen werden; von der Ein fommcnfieuer sollen Sauber und Gemeinden künftig drei Viertel statt zwei Drittel des Aufkommens erhalten und außer- dem sollen die den Ländern für Besoldungserhöhungsn ge- währten Vorschüsse umgewandelt werden. Die Mittel hierfür sollen, und das verdient größte Aufmerksamkeit, durch w e i» tcre Erhöhung der Umsatz st euer ausgebracht wer- den! Denn wenn es sich bewahrheiten sollte, daß durch diese Eir.nahmeverschicbung zwischen Reich und Ländern die Schaf- suna einzelstaatlicher Grundoerinögenssteuern ganz oder zeit- weise unnötig würde, so bedeutete das praktisch nicht mehr und nicht weniger, als daß an die Stelle der in er st er Linie den Besitz treffenden Grund st euer eine erhöhte Besteuerung des Massenkonsums treten würde. Was das aber heißt, braucht an dieser Stelle nicht näher dargelegt zu werden. Der ganze Plan erscheint so raffiniert, daß man versucht wäre, ihn für ein loses Phantasicgebilde zu halten, wenn nicht allzu bekannt wäre, über welchen großen Einfluß die Haus- und Grundbesitzer in allen bürgerlichen Parteien verfügen. Dazu tritt in diesem Falle noch etwsa Besonderes. Im Grund- steuer-Zlusschuß des Landtages ist es nämlich aufgefallen, wie zurückhaltend und zwiespältig das Verhalten des Zentrums war. Sein unbestreitbarer Führer in Steuerfragen ist bekannt- lich Herr Herold, der zugleich der erbitterte Gegner jeder gereckten Besteuerung des landwirtschaftlichen Grundbesitzes ist. Und gerode er, der sich sonst keine Gelegenheit entgehen läßt, die Schaffung einer staatlichen Bodenbesteuerung zu ver- hindern, hat es diesmal nicht für nötig gehalten, den Bera- tungen des Landtagsausschusscs beizuwohnen, sondern hatte angeblich wichtigeres im Reichstag zu tun. Erst jetzt, nachdem sein Schiitzling Hermes in Würzburg die erstaunt aushorchenden Landesminister von dem Druck quälender Steuersorgen be- freit hat, ist er plötzlich erschienen, um— mit dem strahlenden Blick des Siegers dem Begräbnis des Grundsteuergesetzes bei- zuwohncn. Ja, Preußen ist ein glückliches Land. Weil ein Land- tagsäbgcordncter über gute Beziehungen zum Reichsfinanz- mmifter verfügt, brauchen Regierung und Parlament keine Steuergesetze zu machen! Bleibt nur noch zu prüfen, ob das Reich wirklich so reich ist, wie sein ograrfreundlicher Finanz- minister vorgibt. Und dafilr, daß diese Prüfung vom Reichs- tag mit der erforderlichen Gründlichkeit vorgenommen wird, wird gesorgt werden! Der Ursprung üer Dolchstoßlegenüe. „Streikbrecher" und„Kriegsverlängerer". In allen kriegshistorischen Klitterungen, die den„Dolch- stoß in den Rücken des siegreichen Heeres" beweisen sollen, sjnelt die Geschichte eine große Rolle, wie in der verlorenen «chlacht vom 8. August 1918 den vorgehenden Divisionen von zurückgehenden Truppen die Worte„Streikbrecher" und „Ariegsverlängerer" zugerufen werden. Die Erinnerungen des Oberleutnants R i e m a n n, die der„Tag" jetzt veröffeirt- licht, führen zur Quelle dieser Geschichte zurück. Nach der Schilderung Niemanns verlief eine Besprechung zwischen Ludendorff und Wilhelm II. nach der Schlacht in folgender Weise: Der erste Gencralquartiermeister begann seine Aus- führungen mit dem Zugeständnisse:»Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir eine schwere Niederlage erlitten haben." Besonders besorgniserregend sei, so fuhr er fort, daß der kriegerische Geist bei einem Teil der Divisionen zu wünschen übrig lasse, da der angreifenden Division von Truppen, die aus vorderer Linie zurückkamen, die Worte. Skreikbrecher" und»Srlegsverlän. gerer" zugerufen wären. Der Kaiser entgegnete, er könne sich dem Eindrucke nicht ver- schließen, daß der Truppe zu viel zugemutet würde. Der Kronprinz teile diese Ansicht und wäre deshalb schon bei seinem kaiserlichen Dater vorstellig geworden. General Ludendorff wider- sprach. Es sei nachweisbar, daß die Divisionen unserer Gegner min- bestens ebenso lange in den Kampsstellungen waren wie die unsri- Die Tanz-Seuche. Eine Warnung von Max Eck-Troll. Wie Sand am Meere so zahlreich kullern die Tänzerinnen über die Bühnenbretter. Immer und immer wieder flimmern und flirien neue Beine. Neue Namen tauchen auf, daß selbst ein glän- zendcr Gcdächtniskünstler sie sich unmöglich alle merken kann. Kommen und verschwinden wie Meteore und tauchen— wenn es noch glimpflich abgeht— unter in(leinen und kleinsten Kaborettsn und Dielen. Die Tanzschulen sind überfüllt von Eleven und Elevinnen. Haben die schon semols daran gedacht, daß es eines schönen Tages aus sein wird mit dem Tanzfimmels Aus sein wird mit dem faulen Dielenzauber, der heute noch tausende Tänzerinnen ernährt? Die Tanzahende der Solisten sind mangelhaft besucht. Dazu st-cht der Kenner des Publikummiliens, daß über die �Hälfte der besetzten Plätze Freibilletts sind Selbst die Tanzabende der bekannten Tänzerinnen sind trotz Riesenretlame oft sehr schwach besucht. Ich wühle das Beiwort.bekannt", weil das noch nicht besagt, daß die Tänzerinnen mit den großen Namen auch die besten Tänzerinnen sind. Bei unseren sogenannten Tanzsternen hat man schon soviel Mittelmäßiges gesehen, daß man sich doch sehr häufig fragen muß: Wer ist das größere Genie: die Tänzerin oder ihr Manager, ihr Impresario oder der Maler, der ihr die Plakate malt und die Kostüme entwirft? Jede Jungfrau, der einmal ein Jüngling In einer Schieberdiele alkohollsch-erotisch zugeflüstert:„Lotte, tanzst du schön!" fühlt sich zur Saharet oder Pawlowa berufen,„studiert" Tanz, gibt ihr monote- lang, jahrelang zusammengespartes oder znsammengepumptes Geld für ihren ersten öffentlichen Tanzabend, für Plakate. Inserate und Thcatcrmiete aus, um noch ein- oder zweimal in der Provinz auf- zutauchen und dann schließlich mit einem Partner in Dielen zu soxtrotten, bei ständig sich abwärts bewegenden Gagen. Die hohen, felbstberaufchenden Träum« sind zerflattertDas alles hätte sie be- deutend billiger haben können. Sie säen nicht Kunst, aber sie er- nähren sich doch noch. Die hunderte, tausende anderen, die sang- und klanglas verschwinden, ihre Spargroschen nutzlos geopfert haben— bleiben unerwähnt. Kürzlich sah ich eine Tänzerin. Alles guter Durchschnitt nach scharfem Drill. Also: alles in allem eine überflüssige Erscheinung. Auf dem Theaterzettel stand zu lesen: Kostümentwürfe von der K ü n st l e r i n s e l b st. Die Kostüme waren gut und gcschmock- voll. Ich frage mich:„Warum wurde die Tänzerin nicht Ko st ü in entwerferin oder Schneiderin? Ich bin fest überzeugt, daß sie es im Schneiderberus viel weiter bringen wird als im Tänzerinnenbernf. Aber wer kann gegen den Tanz- fimnw1. ankämpfen? Vielleicht hoben gutgemeinte Rasschläge Erfolg. Wenn sich das kleine Mädelchen mit noch dazu unproportionierten gen. Der letzte feindliche Angriff fei nachweisbar von Truppen ge. führt worden, die man keineswegs als frisch und ausgeruht be- zeichnen könne. Da» Versagen der 2. Armee am 8. August könne nicht mit einer Uebermüdung unserer Divisionen e n t s ch u l- d i g t werden. Der Berichterstatter selbst spricht ausdrücklich von dem Opfermut, den die Truppen in jenen Tagen betätigt hätten, und meint, Ludendorff habe die Tatsache verkannt, daß die feindlichen Truppen besser versorgt und weniger in Anspruch genommen waren als die deutschen. Der Tatdestand ist somit klar. Roch unmittelbar vor dem 3. August hatte Ludendorff die Kriegslage, die die anderen als aussichtslos ansahen, glänzend geschildert. Der 8. August gab den anderen recht, ihm unrecht. Um sich herauszureden, schob der geschlagene Feldherr, seiner seitdem längst bekannt- gewordenen Charakterart entsprechend, die Schuld auf die gemeinen Soldaten und machte sich dabei Ausrufe des Un- willens zunutze, die da und dort tatsächlich gefallen sein moch» ten und die doch nichts anderes waren als unwillige Aeuße- rungen über alle Maßen gequälter Menschen. Seine Ausrede wurde ihm damals, wie aus Niemanns Bericht hervorgeht, einfach nicht geglaubt, weute aber glänzt sie in allen deutsch- nationalen Geschichtsfälschungen als Paradestück. Der geisteskranke� tzelüenjüngling. Haftentlassung Olttvig v. Hirschfelds? Der frühere Fähnrich Oltwig v. Hirschfeld, der bekanntlich wegen seines Attentats auf Erzberger zu einer längeren Qesängnis- strafe verurteilt worden war und sich seit dem Herbst vorigen Jahres zur Beobachtung seines Geisteszustandes in einer Freiburger Irren- anstatt befindet, ist jetzt auf Grund eingehender Gutachten der dortt- gen Aerzte für geisteskrank erklärt worden. Wie die Korrespondenz BS. erfährt, wird nunmehr bei den Berliner Straf- vollzugsbehördcn der Antrag gestellt werden, Hirschfeld mit Rück. ficht auf seinen Zustand aus der Strafhaft zu entlassen. Die deutschnationalen Helden haben«in seltenes Pech. Sobald sie einmal mit dem Gefängnis Bekanntschaft machen, werden sie regelmäßig entweder krank oder irrsinnig. Die rechtsstehende Presse wird natürlich die These ron der Geisteskrankheit ihres Schützlings mit aller Kraft unierstützcn und dabei nicht im ge- ringsten vor der Blamage zurückscheueii, daß sie setzt denselben Menschen für irrsinnig erklärt, den sie nach seiner Tot als«inen Heldenjüngling gepriesen hat. Eins jedenfalls ist sicher: Sollte Oltwig v. Hirschfeld wirklich für geisteskrank erklärt werden, so gehört er in die Kategorie der ge- mein gefährlichen Geisteskranken, deren dauernde Unterbringung in einer Irrenanstalt notwendig ist, wobei alle Vorsichtsmaßnahmen zu treffen sind, die eine Wieder- holung seiner Tat ausschließen. Aber vorläufig erscheint uns diese programmäßige Ge\fteskrankheit zu wunderbar, als daß wir daran glauben könnten. Der Fall Kähne vor dem Kammergericht. In der Angelegenheit des Herrn v. Kähne auf Schloß Petzow ist noch Immer keine Entscheidung darüber getroffen worden, ob gegen ihn die Anklage auf versuchten Totschlag wegen seine» Zusammenstoßes mit dem Arbeiter Rietert aus Glindow erhoben wird oder nicht. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft hatte bekanntlich nach Abschluß der Voruntersuchung die Erhebung weiterer Beweise beantragt, was sowohl vom Unter- stichungsrichter wie von der Strafkammer abgelehnt wurde. Nunmehr wird sich das Kammergericht mit dieser Angelegenheit be- schäftigen und darüber zu entscheiden haben, ob dem Antrag der Potsdamer Staatsanwaltschoft stattzugeben ist. Die auf Schloß Petzow beschlagnahmten Iagdwaffen sind nach wie vor im Gewahr- sam der Behörden. Bis zur Erledigung des eventuellen Verfahrens gegen v. Kähne resp. bis zu dem Zettpunkt, wo Kähne auf Grund eines rechtskräftigen Gerichtsbeschlusses außer Verfolgung geseht wird, ruhen die zahlreichen von ihm angestrengten Beketdi- gungsklagen wegen der über ihn erschienenen Artikel. Waden die..Hörner abgestoßen hat", wird sie doch noch Kostüme entwerfen oder schneidern gehen. Wenn es klug ist. Wo sind die objektiven Kritiker, Lehrer, die vechtzettig warnen: „Sie haben kein Talent. Sie können höchstens nach langer Schulung nach dem Schema anständig tanzen. Aber eine Größe werden Sie nie." Stattdessen gibt es gewissenlose Lehrer genug, die des Stunden- Honorar» wegen den Schülerinnen die höchsten Triumphe garan- tieren. Man sollte nach dem Muster der Schauspielschulen der Deut- schon Bühnenzenossenschaft choreographische Prüfungsinstitute schassen, die viele vor einem„verfehlten Beruf" bewahren könnten. Ich sehe eine Zeit kommen, da die Kabaretts und Dielen von heute verschwinden werden, da das Leben noch ernster werden wird, als es heute ohnehin schon ist. Auch hier greift die Valutafrage mit ein. Dann werden viele Durchschnittstänzerinnen bereuen, daß sie nicht rechtzeitig abgeschwenkt sind. Die Entführung öec Madonna. In Moskau sind Diebe zur Nachtzeit In eine Kapelle«ing«- brachen und haben daraus das alte, als wundertätig berühmte Bild der Iberischen Madonna gestohlen. Ich kenne die Iberische Mutter Gottes nicht, aber ich denke mir. sie wird, schon wegen der nahen Verwandtschaft, den vielen Ma- donnen ähnlich sehen, die ich als Soldat in Polen wid Kurland im schimmernden Dämmer zwiebeltürmiger Kirchen und In den Woh. nungen der geflüchteten russischen Beamten traf: ein blutleeres Ge- sicht, mit großen, dunkeln Mandelaugen und einem scharfgezeichneten Mädchenmund, und dicht um Schläfe und Scheitel sich schmiegend ein breiter goldiger Heiligenschein. Nach der Einnahme Mitaus grub ich in einem Winkel des Schlosses aus verlaustem Lagerstroh und zerfetzten russischen Akten solch ein Bild aus und nahm es an mich. Mich fesselte eine süße Schwermut, die bei aller Starrheit aus dem Antlitz der Gottesmutter sprach. Die Moskauer Diebe aber lockte bloß das Gold des breiten Hei- ligenscheins und der Reichtum an kostbaren Edelsteinen, mit dem frommer Glaube jahrhundertelang das Wundcrbild ausgestattet hatte. Ucber S Millionen Goldrubel, das sind in Papiermark etwa IM Milliarde, betrögt angeblich der Wert der Beute, die den Ein- brecherN in einer Nacht in die Hände fiel. Jetzt ist der Schmuck der Mutter Gottes vielleicht schon an irgendeinen ungläubigen Juwelen- Händler verschärft, und nach und nach taucht ein Stein um den an- deren in neuer Fasiung wieder auf, im Theater, im Ballsaal und an ähnlichen unheiligen Orten. Und die Iberische Madonna, die zwar ein« Heilize, aber immer- hin doch eine Frau ist. hat nichts getan, um sich ihre W«rssach«n zu retten. Das gibt ensschieden zu denken. Ein Erfolg üer Justiz. Lebius fordert wieder zum Mord auf. Der„Nationaldemokrat" Lebius hatte im vorigen Jahr zwei- mal hintereinander zur Ermordung pazifistischer Persönlich- keiten aufgefordert. Eine Berliner Strafkammer hatte 1l)00 M. Geldstrafe als„angemessene Sühne" hierfür erachtet. Herr Lebius aber hat aus dieser fürchterlichen Buße den Schluß gezogen, daß die Mordhetze gegen linkestehende Persönlichkeiten bei den heutigen Iustizzuständen ein so billiges Vergnügen ist, daß man es sich ge- trost des öfteren leisten kann. In Rr. 13 seines„Nationaldemo- traten vom 7. Mai fckzreibt er: ... Hierbei darf man nicht vergessen, daß es in Deutschland eine Franzosenpartei gibt; die USPD. mit ihrem pazi- fistischen Schwänzchen, dem Bund„Neues Vaterland"... Die Führer der USP. sind zum größten Teil Agenten Frankreichs. Sobald sich die Loge zuspitzt, müssen deshalb alle diese Verräter ohne Zögern und falsches Viilleid unschädlich ge macht werden. Wenn bei dieser Gelegenheit Blut fliehen soll!?, so spielt das gar keine Rolle. Die Strafkammer, die seinerzeit 1i)lX> M. Geldstrafe gegen Herrn Lebius verhängte, hat also einen vollen Erfolg erzielt: Der „abschreckende" und„bessernde" Zweck der Strafe ist in vollem Umfange erreicht worden. Und sollte diesmal wiederum nach lan- gem Drängen ein Staatsanwalt sich bereit finden, gegen Herrn Lebius einzuschreiten, so nehmen wir an, daß dieser als fürsorg- licher Mann noch einen Papiertausender(gleich IS Goldmark) zur Reserve bereitgelegt hat. Strafantrag gegen Traub. Die Zeitung„Der Reichsbote" und die Wochenschrift„Der Reichswart" haben unlängst neben verschiedenen anderen falschen Behauptungen die Nachricht verbreitet, der Reichspräsident hätte bei einem Empsangsobend im Februar 1921 die„Marseillaise" und „Go6 SSV« t'ie king" spielen lassen. Auf Grund des Preßgesetzes wurden beide Blätter sofort veranlaßt, eine Berichtigung des Reichs- Präsidenten aufzunehmen, welche neben den anderen Behauptungen auch diese Erzählung als freie Erfindung bezeichnete. Trotzdem behauptet v. Traub in der„München-Augsburger Abendzeitung" vom 6. Mai in einem„Der Zwang zur Lüge" überschriebenen Ar- tikel aufs neue, der Reichspräsident hätte im Februar 1921 seinen Gästen die„Marseillaise" und„Goä save the king" vorspielen lassen. Der Reichspräsident hat wegen dieser verleumderischen Behauptimg gegen den 0. Traub Strafantrag gestellt. Solürini ausgeliefert? Roch einer Mitteilung, die uns am Dienstag abend von syn. ditalistischer Seite zuging, soll der Italiener Guiseppe Bol- d r I n i. der sich im Gefängnis.zu Hagen befand, in der Nacht zum 4. Mai ausgeliefert und der italienischen Regierung übergeben wor. den sein und zwar ohne Wissen seiner nächsten Freund« und Bc- kannten. Ein« amtliche Bestätigung der Meldung konnten wir nicht mehr erlangen. Im Hauptausschuß des Preußischen Landtage» hat die sozialdemokratische Fraktion bei Beratung des Iustizetats den An- trag gestellt, dos gesamte Auslieferungsrecht auf eine gesetzlich neu zu rtgelnde Grundlag« zu stellen und die bestehen- den Staotsverträge entsprechend dieser Neuregelung zu ändern. Dieser Antrag ist im Hauptausschuß angenommen worden. Es wäre sehr zu wünschen, wenn er baldigst seine Verwirklichung fände und zwar in einer Weise, die die Auslieferung politischer Flüchtlinge rechtlich und tatsächlich ausschließt. Dabei darf die Eni. scheidung der Frage, wer als politischer Verbrecher anzusehen ist, keinesfalls von dem die Auslieferung begehrenden Staat allein entschieden werden._ Aussperrung in den Kkodawerken. Die Verwaltung der öfter» reichischen Skodawerke hat 9 0 00 Arbeiter ausgesperrt. In einigen Abteilungen war ein Streit ausgebrochen, der bisher noch nicht beigelegt werden tonnte. Der Riesenbetrieb der Skoda- werte ist vollständig stillgelegt. Die deutschen Heiligen de, Mittelalters handelten in ähnlicher Lag« jedenfalls anders. Im Würzburger Neumünster zeigt man noch heute dem Besucher in der Krypta einen großen hölzernen Kruzi- fixus, dessen dürre Arme sich nächtens vom Kreuze lösten und einen Juden packten, der mit geraubtem Kirchengut an ihm vorüber. schleichen wollte. Und die furchtbare Klammer blieb geschlossen, bis am Morgen die Besucher der Frühmesse kamen und den Missetäter dem Henker überliefern konnten. Christlicher erscheint mir das Ver- halten der gemalten bayerischen Madonna, die einem armen Schlucker in dem Augenblick, als er noch einem Silberleuchter auf ihrem Al- tare griff, aus dem Bilde heraus gewaltig«ins hinter die Ohren schlug. Dies« himmlische Maulschelle erschütterte den Ertappten so, daß er heulend in die Knie brach und gelobte, sein ganzes künftiges Leben dem Dienste Unserer Lieben Frau'zu weihen. Don der Iberischen Madonna aber hören wir nichts dergleichen. Sie hat sich nicht gerührt, um das Sakrileg zu verhindern. Sie hm sich widerstandslos verschleppen und berauben lassen, ganz wie eine irdische Bankiersgattin, die mazedonische Verufsbanditen sich aus dem Orientexpreß herausgelangr haben. Kann sie da dem russischen Volke verargen, wenn es an der Macht der Heiligen zu zweifeln anfängt? Wenn es sich keine Hilfe mehr erhofft von solchen, die sich anscheinend selber nicht einmal zu Helsen wissen?--- Nur ein paar Leute werden immer an die Wunderkraft des Moskauer Madonnenbildes glauben. Das sind die Einbrecher, die es über Nacht zu Multimillionären machte. Und wenn ihre Herzen nicht ganz verhärtet sind, so richten sie in ihrem künftigen Heim ein nettes Eckchen für ihre Wohltäterin ein und sorgen durch fromme Stiftungen dafür, daß bi» in alle Ewigkeit bei Tag und bei Nacht ein rotes Lämpchen als Zeichen ihrer Dankbarkeit vor dem Bilde brennt. Die geraubten Juwelen aber ersetzen sie durch geschickte Nachahmungen der Originale. Die russische Mutter Gottes mag sich von ihrem anderen Ich in Ezenstochau sogen lassen, daß auch sie ganz hübsch kleiden._ Peter Michel. Plann ist der Gesang der Vögel am stärksten? Auf diese Frage gibt Hans v. Berlepsch aus dem reichen Born seiner Er, fahrungen Antwort im letzten Jahresbericht seiner staatlich yner- kannten Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz auf Burg Tee» dach. Der Gesang der Vögel erreicht mit dem Beginn der dritten Maiwoche seinen Höhepunkt, und zwar ist er am stärksten gleich nach Tagesanbruch von 3kl bis 4 Uhr, Sing» und Schwarzdrossel und Nachtigallen beginnen das Konzert, es folgen Kuckuck und Loub» oögel. Gleich danach ist es aber nur noch als ein geradezu wüstes ohrenoerwirrendes Geräusch zu bezeichnen, in dem, außer mitunter Strophen der Nachtigallen, einzelne Stimmen nicht mehr zu unter» scheiden sind. Aber schon nach Verlauf einer halben Stund« schwillt dieser Gesanaslärm wieder ob, sich ollmählich in einzelne erkennbare Schläge, Rufe und Gesänge auflösend. Von 4M bis 6 Uhr ist es verhältnismäßig ruhig. Di« Vögel gehen ihrer Nah. rung nach, bekümmern sich um ihre Brüten und nehmen Bäder. Erst gegen 7 Uhr setzt wieder ruhiger, normaler Gesang«in. Die Heamtenbesolöungsorünung. Der Reichsrat nahm in einer öffentlichen Sitzung am Dienstag abend den Ergänzungsetat mit der Neuordnung der Leamtenbcsoldungen unverändert an. Das Beamtenrätegesetz in Gefahr. In der Fortsetzung der Beratung des Beamtenrätegesetzes im Beamtenausschutz des Reichstages wurde der sozialdemokratische Antrag abgelehnt, welcher den Beamten das Mitbestimmungsrecht in allen Fragen des persönlichen Dienstverhältnisses sichern und ihnen ferner dieselben Rechte übertragen wollte, welche den Ar. beitern im Betriebsrätcgesetz gegeben sind. Sämtliche Berbesserungs- antrüge der Linksparteien wurden abgelehnt. Bei der Abstimmung über Z 33 standen sich 14 Mitglieder der Linksparteien und Demo- kraten und 14 Mitglieder des Ausschusses von Deutschnationalen bi» Zentrum gegenüber, so daß nicht nur sämtliche Berbesserungsan- träge der Linksparteien und Demokraten, sondern auch die Anträge der Rechtsparteien und die Regierungsvorlage selbst abgelehnt wurden. Dies geschah auch bei(j 34, so daß in der gegen- wärtigen Fassung des Gesetzentwurfes ein Mitbestimmungsrecht der Beamten weder generell noch w einzelnen Fragen vorgesehen wird. Auch die Punkte, über die der Beamtenausschuß nach der Vorlage gutachtlich zu hören ist, wurden gestrichen. Es soll versucht werden, durch interne Besprechungen eine Eini- gung über diese überaus strittigen Punkte herbeizuführen. Der 8 3S, welcher von j)inzuziehung von Beamtenvertretern bei den Prüfungen der Beamten handelt, wurde in der Fassung der Re- gierungsvorlage angenommen. Ein Verbesserungsantrag unserer Genossen wurde abgelehnt. Don den beiden zurückgestellten Para- graphen 28 und 2S wurde der§ 29 wiederum mit 14 gegen 14 Stimmen gestrichen, weil eine Einigung nicht zu erzielen war. Da- gegen wurde der§ 28 mit 14 gegen 13 Stimmen angenommen, der besagt, daß alle zur Erledigung der Aufgaben des Beamtenrat» notwendigen Schriftstücke und Verfügungen ihm vorzulegen sind und ihm auch Einblick tn Gesetze, Verordnungen und Akten zu ge- währen ist.— in Personalakten allerdings nur mit Zu st im- mung des betreffenden Beamten. Besprechung ües Auckerwuchers. Im chauptausschuß des Reichstags werden jetzt eingehend unsere Nahrungsmittelnot und der Lebensmittelwucher erörtert. Bei der Beiprcchung der Zuckerbewirtschaftung wie, Genosie choch auf die Riesengewinn« der Zuckersabritanten hin und sagte, daß es sich hier um«in streng monopolisierte, Gewerbe handle, das auch eine Zwangswirtschaft darstelle, die allerdings den Zweck habe, die Preise Hochzuhalten und das Volk auszubeuten, um beispielslose Gewinne zu erzielen. Eine deutschnotionale Anfrage beantwortete Staatssekretär cheinrlci dahin, daß ein« Zuckerliefe. rung an die Entente nicht erfolgt sei. Ob eine Einfuhr von Zucker zugelasien werden könne, bilde den Gegenstand augenblick- licher Erwägungen. Abg. Zapf(D. Dp.) wandte sich gegen den sozialdemokratischen Antrag auf Wiedereinführung der Zwangs- Wirtschaft, die nur die heutigen unzulänglichen Zustände ins End- lose verlängern würde. In der Abstimmung wurde u. a. ein An- trag angenommen, der besagt, daß eine Setreideumlage in der bis- berigen Form nicht möglich fei, da sie die'notwendige Vermehrunng der landwirtschaftlichen Erzeugunng gefährde. Zur Sicherung der Versorgung des Volkes mit Brotgetreide müsie die rechtzeitige Sichersiellung einer genügenden Drolreferve unter Der- billigung des Brotpreifes für Minderbemittelte verlangt werden. Eine andere Resolution, die den Abschluß von Prioatiirferungsverträgen in Kartoffeln zwischen Erzeuger und Verbraucher durch Vermittlung der Reichsregierung fordert, wurde angenommen. Genosse Braun über die politischen TageSfragen. Im chauptausschuß des Landtages wurde gestern der Etat des Staatsministerium» beraten. Der Ministerpräsident Genosse Braun führte dazu aus, daß er den Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl niancher Produzenten- und chändlerkretfe verurteile, der ein gut Teil Schuld an der Teuerung trage. Er stellte weiter die von kommu» Die hohenzollern und Fichte. Die Veröffentlichungen des ehe- maligen Kronprinzen sollte man nicht hingehen lassen, ohne wieder einmal Fichtes Werke zu lesen. Leider haben wir seit Lassalles Zeiten, der selber ein glühender Verehrer dieses großen Philo- fophen war. uns diesen wahrhaft deutschen Mann durch reaktionäre cheldenjüngling« verekeln lassen. Die Knaben hatten wohl Fichte in Auszügen gelesen, aber den Geist des wirklichen Fichte niemals verspürt. Nur zwei Aussprüche wollen wir zitieren, die beide ausnehmend gut zu dem Werk des Wieringer Schriftstellers passen: „Wo es einen eigentlichen Landesherren gibt, da gibt es kein Volk. Wenn aber die Fürsten selbst Sklaven werden, lernen sie die Freiheit ehren." Die zweite Stelle gibt die Begründung, worum Fichte seine Reden an die deutsche Nation gehalten hat: „Wenn wir daher nicht im Auge behielten, was Deutschland zu werden hat, so löge an sich nicht viel daran, ob ein französischer Marschall, wie Bernadotte, an dem wenigstens früher begeisternde Bilder vorübergegangen sind, oder ein deutscher aufgeblasener Edel- mann ohne Sitten und mit Rohheit und frechem Ucbcrmut. über einen Teil von Deutschland geböte." Beide Stellen sind aus Fichtes Fragmenten und werden auch von Lassalle tn seinem bekannten Briefe an Ludwig Waldesrode, der von dem politischen Vermächtnis Fichtes spricht, behandelt. Deutsche Republikaner, laßt euch Fichte als den Vorkämpfer einer einheitlichen deutschen Republik nicht durch reaktionäre Schlagworte entfremden. W. I. Ford» künstliche» Leder. Da» Kunstleder für Polster, Be- spannung und Verdecke der Ford-Wagen wird von den Ford-Werten selbst in einem Verfahren hergestellt, dessen nachstehende Schilderung wohl«inen Begriff geben kann von dem riesenhaften Umfang dieser größten Automobilwerke der Welt. Nach mehrjährigen Cxperi- menten ir/ den Fordschen Laboratorien ist man seit Januar 1919 zur Herstellung künstlichen Leders im großen übergegangen. Es werden dazu täglich 2000 Pfund Schießbaumwolle benötigt, aus denen wird«ine Masse hergestellt, die beiderseitig auf einen Stoff, in der Regel Satin, aufgetragen wird. Die Produktion der Ford- Werke an künstlichem Leder wird sich im laufenden Jahre auf 7,3 Millionen Meter belaufen. Die maschinellen Einrichtungen sind derart vereinfacht, daß zur Herstellung dieser Riesenmenge täglich nur im ganzen(33 Mann benötigt werden. Wie rationell hier ge- arbeitet wird, beweist auch die Tatsache, daß alle Filme und Nega- tive von Photogravhien, die von den Bureaus abgelegt worden find, bei der Herstellung der Kunstledermasse mit verwendet werden. deutsche Theater bereitet die Aulfflhnmg von Eugen Scribe» »Ein» l a» Wasser' slle die Spielieit dieses SommevS vor. Tie Arbeiter,